Viktor Kortschnoi - Mein Leben für das Schach, Buchvorstellung

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Dr. Georg Mondwurf am 08.01.2005
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Viktor Kortschnoi gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten in der internationalen Schachszene. Wie kaum ein anderer kann der heute im schweizerischen Wohlen lebende Kortschnoi auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken - eine Karriere, die vor mehr als einem halben Jahrhundert mit dem ersten Platz in der Jugendmeisterschaft der UdSSR ihren Anfang nahm und die erfreulicherweise bis zur Stunde anhält. So sah man Viktor Kortschnoi im vergangenen Jahr 2004 nicht nur als hervorragenden Teamleader der Schweizer Nationalmannschaft während der mallorkinischen Schach-Olympiade, sondern mit bemerkenswerten Erfolgen auch auf vielen internationalen Turnieren. Fast unnötig zu sagen, dass Kortschnoi nicht nur als Turnierspieler Furore macht, sondern ebenso als Schachpädagoge und Buchautor.

Kortschnoi, der am 23. März seinen 74. Geburtstag feiern wird, hat nun im Schweizer Verlag Edition Olms seine Autobiografie vorgelegt und dafür den passenden Titel "Mein Leben für das Schach" gewählt. Auf über 200 Seiten berichtet er in einer offenen, direkten und sehr gut lesbaren Sprache von den Höhen und Tiefen seines Lebens, von großen Erfolgen, persönlichen und beruflichen Schicksalsschlägen sowie von schlimmen Intrigen gegen seine Person. Schwerpunkte des Textes bilden sicherlich die Mitte der 70er Jahre getroffene Entscheidung die Sowjetunion zu verlassen sowie die anschließenden Auseinandersetzungen mit dem Rivalen Anatoly Karpov in Baguio und Meran um den Weltmeistertitel.

Kortschnoi gelingt es, den Leser seiner Biografie schnell in den Bann zu schlagen. Auch wenn ihm Schlimmes im Kampf gegen den Karpovschen Schachmoloch widerfahren ist: Er tut gut daran, sich nicht permanent in der Opferrolle darzustellen. Vielmehr präsentiert sich Kortschnoi als Mensch mit Ecken und Kanten; er gibt berede Auskunft über seine verbale Schlagfertigkeit, mit der er sich sicher nicht nur Freunde geschaffen hat: "'Trinken wir einen Cognac', sagte er [Botwinnik] zu mir. 'Das ist ein guter armenischer, wie Ihre Frau!' Weil Botwinniks Gattin auch Armenierin war, parierte ich: 'Gestatten Sie, das ist alter armenischer Cognac, wie Ihre Frau!'" Auf der anderen Seite zögert Kortschnoi nicht, Fehler einzuräumen, entschuldigt sich 2003 in Astana/Kasachstan aus eigenem Antrieb für unsportliches Verhalten, und berichtet von seinen kleinen Schwächen, der Raucherei oder dem Zuspätkommen bei Schachturnieren - ein Phänomen, das - ob bewusst oder unbewusst - immer mal wieder in dem Buch gestreift wird. Kortschnoi erzählt mit großem Engagement und bleibt dabei stets abwechlungsreich. Amüsant ist beispielsweise die Episode im Hause Walter Mooij, wo Kortschnoi unmittelbar nach seiner Flucht Unterschlupf fand. Sie beginnt mit dem Satz: "Nach sowjetischer Gewohnheit kümmerte ich mich nicht sehr um Hygiene." Kortschnoi macht auch aus diesen Dingen keinen Hehl. Was ihm wichtig ist, spürt der Leser ohnehin: Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, Zivilcourage und die gute Kleidung im Profischach. Das ist eben nicht das "Ich hab's allen gezeigt" à la Effenberg, was die typischen Sportler-Autobiografien heutzutage ihren Lesern zumuten. Kortschnoi tut gut daran, kein abschließendes Urteil über sein Leben und Werk zu fällen. Nichts wäre unnötiger, da sich sein Sportlerleben in der Bilanz ohnehin weit von den üblichen Erfolgsbiografien von Sportlern und Prominenten abhebt.

Mit einigem Bedauern resümiert Kortschnoi am Ende des Buches, dass er sich erst spät in seinem Leben über so wichtige Dinge wie ein Zuhause, eine Frau, Arbeit, Freunde und Verehrer freuen kann: "Ich spiele für den Schachklub in Zürich, es erkennen mich die Leute auf der Straße, die Beamten auf den Flughäfen, die Schaffner im Zug." Viel Schuld daran mögen die zeitlichen Rahmenbedingungen haben: der Kalte Krieg, die Instrumentalisierung des Schachspiels für politische und propagandistische Zwecke durch die Sowjetunion. Kortschnoi, anfangs mit einem Stipendium gefördert, wurde - einmal in die Opposition gedrängt - mehr und mehr zum erklärten Staatsfeind. Insofern ist Kortschnois Autobiografie auch ein spannendes zeitgeschichtliches Dokument über die Konkurrenz zweier weltanschaulicher Systeme. Das Wertvolle daran ist, dass nicht nur die großen politischen Zeitläufte einmal mehr aus der Sicht eines Zeitzeugen erhellt werden, sondern dass es dem Leser einen sehr authentischen Eindruck davon vermittelt, in welchem tragischen Konflikt und in welchen Zwängen sich die Sportler und Künstler befanden, die im Auftrag der Sowjetunion an internationalen Wettkämpfen teilnahmen.
Dass Kortschnoi die Vorzüge der Sesshaftigkeit erst spät in seinem Leben erfahren durfte, mag aber auch in der Sache selbst begründet liegen. Immerhin war und ist er ein Weltreisender in Sachen Schach und erreichte nicht zufällig in mehr als 156 Wettbewerben einen der ersten Plätze.

Ein wichtiger Punkt, der die Autobiografie auch aus sportgeschichtlicher Sicht zu einer wertvollen Quelle macht, sind Kortschnois Anmerkungen und Kommentare zur Entwicklung des Schachsports. Kritisch sieht der Großmeister nicht nur die permanente Verkürzung der Zeitkontrolle im Profischach, manche Entscheidungen der FIDE - beispielsweise eine Weltmeisterschaft nach Las Vegas zu vergeben - werden von ihm ebenso scharf kritisiert wie die Organisation der Wettkämpfe. Ambivalent sicher auch sein Verhältnis zum Computerschach.

Kortschnois Buch ist jeden Euro wert und m.E. eine Pflichtlektüre für jeden Schachfreund. Es ist liebevoll ausgestattet, die zahlreichen Schwarz-Weiß Fotos sind sorgfältig ausgewählt und ausführlich kommentiert. Die CD-ROM mit sämtlichen Partien eine optimale Ergänzung.

Dr. Georg Mondwurf

Preis: 29,95 €
Verlag: Olms
ISBN: 3-487-00409-9

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Edition Olms
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