„Anti-Moscow Gambit“ – Rustam Kasimdzhanov

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 06.05.2008
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztraineropening (englischsprachig)
Chess Base GmbH, Hamburg

ISBN 978-3-86681-078-5, Preis 29,99 Euro

Rustam Kasimdzhanov (geb. 05.12.1979 in Taschkent) ist usbekischer Schachgroßmeister und lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Das Schachspiel erlernte er mit 5 Jahren. 1998 wurde er Meister von Asien, 1999 belegte er den zweiten Platz bei der Jugendweltmeisterschaft in Eriwan, Turniersiege errang er in Essen 2001 und Pamplona 2002. Im gleichen Jahr erzielte er einen zweiten Platz im Turnier von Hyderabad hinter Viswanathan Anand. Sehr überraschend kam sein Sieg bei der FIDE Schachweltmeisterschaft 2004, wo er im Finale Michael Adams besiegte. Zu diesem Zeitpunkt war er „nur“ 54. der Schachweltrangliste und gehörte keinesfalls zu den Titelfavoriten.
Ein von der FIDE geplanter WM-Wettkampf Kasimdzhanovs gegen Garri Kasparow – den damaligen Weltranglistenersten – für das Jahr 2005 kam nicht zustande. Der Sieger aus diesem Match hätte gegen Wladimir Kramnik einen Wiedervereinigungswettkampf spielen sollen.
Kasimdzhanovs (deutsch schreibt sich der Name wohl „Kasimjanov“) Ergebnisse zeigen sich sehr stark schwankend. 2001 betrug seine Elo-Zahl 2706 und er gehörte zu den 10 besten Spielern der Welt, doch fiel er im Anschluss wieder weit ab. Es ist ihm bislang noch nicht gelungen, seine Wertungszahl wieder auf dieses Niveau zu heben. Aktuell liegt er auf Platz 40 der Weltrangliste mit 2681 ELO-Punkten.
Bei der Firma ChessBase veröffentlichte er einige Schachvideos, so auch das hier rezensierte „Anti-Moscow Gambit“. Die DVD präsentiert sich wie schon die zahlreichen anderen Produkte aus der Sparte „fritztrainer opening“ – mit 17 kommentierten TOP-Partien der letzten 2 Jahre und einer Gesamtspielzeit von ca. 3,5 Stunden liegt sie auch im bisher erwarteten Rahmen. Anand, Svidler, Gelfand, Aronian, Radjabov, Grischuk, Topalov und Kramnik sind sicherlich die qualitativ besten Spieler, deren Partien man auf dieser Trainings-DVD begutachten kann.
Erfrischend ist für mich immer wieder die sprachliche Qualität des Präsentierten: in „flüssigem Usbekisch mit leichtem englischen Akzent“ oder anders ausgedrückt in „englisch angehauchtem Turkmenisch, dem noch eine Spur Abchasisch anhaften könnte“ referiert Kasimdzhanov seine Theorien – dabei könnte er fast noch einen weiteren Rekord aufstellen: er schafft mit Leichtigkeit, mehr als 6 komplette Züge in weniger als 2 Sekunden auf dem Videobrett nachzuspielen – Kompliment!!! Dem geneigten Leser erschließt sich vermutlich hier mein ironisch überzogenes Maß an Kritik. Ja, ich weiß, Englisch ist Weltsprache und ich erlernte es vor mittlerweile ca. 45 Jahren und benutze es regelmäßig bei Kontakten zu Menschen aus der englischsprachigen Welt. Aber das, was in diesen Video-Sequenzen geboten wird, ist nicht mehr zu toppen in seiner miserablen Sprachqualität. ChessBase sollte ernsthaft überlegen, ob sich die Kosten für eine(n) Dolmetscher(in) nicht rentieren würden, zumindest für den deutschsprachigen Markt.
Ich habe auch grundsätzlich nichts gegen schnelle Zugfolgen auf dem Brett, jedoch liefert der usbekische Großmeister hier Tempo und Fingerfertigkeit ab, denen sogar ein David Copperfield hilflos gegenüber stehen würde.
Zurück zum Thema: Was bedeutet „Anti-Moscow Gambit“? Nach den Zügen 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 h6 6.Lh4 dxc4 7.e4 g5 8.Lg3 b5 entsteht das „Anti-Moscow Gambit“ (ich kenne es auch unter dem vielleicht bekannteren Namen „Botwinnik-Variante“) auf dem Schachbrett, das eine der am häufigsten gespielten Varianten auf aktueller Großmeisterebene sein soll. Schwarz erhält häufig eine sehr aggressive Stellung. Aber Topalov spielte 2008 in Wijk aan Zee (als Partiebeispiel auf der DVD enthalten) mit den weißen Steinen überaus erfolgreich gegen Kramnik eine Variante mit Springeropfer in Zug 12 mit Sxf7.
Die vorgestellte Variante „Anti-Moscow Gambit“ oder auch „Botwinnik-Variante“ enthält eine riesige Menge an schachlichen Leckerbissen – sowohl für Weiß als auch für Schwarz. Eines scheint auf jeden Fall garantiert: Spannung pur und interessante Perspektiven.
Die Installation erfolgt bei aktiviertem Autostart nahezu von selbst, der ChessBase-Reader wird – falls noch nicht im System vorhanden – eingerichtet oder aber man nutzt einen installierten Fritz zum Nachspielen der Partien.
Fazit: Wer über die genannte Kritik an der Umsetzung des sprachlichen Konzeptes hinwegsehen kann, erhält ein Schachtraining erster Güte. Wie viele Feinheiten wir als durchschnittliche Schach-Enthusiasten davon nutzen können, muss die Spielpraxis mit dieser Variante zeigen.
Systemvoraussetzungen:
Pentium PC mit 300 MHz o. höher, Windows XP o. Vista, mind. 64 MB RAM (...da läuft Vista wahrscheinlich wie geschmiert...), DVD-Laufwerk, Maus und Soundkarte.

Danke an die Firma Chessbase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz–Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)