Garri Kasparow „Meine großen Vorkämpfer“ (Band 6 und 7)

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 31.07.2008
Garri Kasparow: „Meine großen Vorkämpfer. Die herausragenden Partien der Schachweltmeister. Band 6: Robert James Fischer“ Praxis Schach, Edition Olms, ca. 500(!) Seiten + CD, 39,95 € und ders. „Meine großen Vorkämpfer. Die herausragenden Partien der Schachweltmeister. Band 7: Anatoli Karpow“ Praxis Schach, Edition Olms, ca. 500(!) Seiten + CD, 39,95 € (http://www.edition-olms.com)

Lang, lang ist’s her, da schrieb ich über den 5. Band aus Kasparows Reihe „Meine großen Vorkämpfer“. Und im Nachhinein betrachtet, würde ich meine damalige Kritik gerne etwas abmildern: Sicherlich leistet Garri Kasparow einige Male eher Beitrag zur neuerlichen Legendenbildung als zur wünschenswerten Mythenzerstörung – letzten Endes entscheiden aber die Partienkommentare von ihm (und seinem etwas versteckt bleibenden Ko-Autor Plisetzki) und die sind exzellent. Inzwischen liegen alle sieben Bände vor und die Reihe ist damit komplett, aber – doch nicht so ganz. Doch darüber erst später.

Das bewährte Konzept bleibt auch in den letzten beiden Bänden selbstredend unverändert. Diese Mammutpublikation des 13. Weltmeisters dehnt sich ja über viele Druckseiten mehr aus, als es ursprünglich von ihm selbst vorgesehen war. Doch der perfektionistische Kasparow brachte es verständlicherweise nicht übers Herz, sich wirklich nur auf seine zwölf Vorgänger zu konzentrieren, sondern er schloss in jedem Band immer wieder Kapitel über die Spieler ein, die es nie zu Weltmeisterehren brachten, aber in einem historischen Rückblick dieses Ausmaßes wiederum nicht fehlen dürfen.

Der vorliegende Band 6 behandelt dementsprechend nicht nur das Schaffen des legendären und inzwischen leider verstorbenen 11. Weltmeisters Bobby Fischer, sondern er geht in einem 1. Teil zunächst auf das Schaffen dreier anderer Schachgrößen aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein: Samuel Reshevsky (113 Seiten), Miguel Najdorf (39 Seiten) sowie Bent Larsen (62 Seiten). Der Kundige wird sofort feststellen, dass Kasparow hier drei „westliche“ Spieler an die Seite von Bobby gestellt hat (auch wenn außer dem Dänen Larsen der Amerikaner Reshevsky und der Argentinier Najdorf ursprünglich polnische Wurzeln haben). Dies ist eine gute Wahl Kasparows, zieht sich doch durch das Schach Bobby Fischers stets sein Kampf gegen die sowjetische Hegemonie jener Tage. Die drei eben genannten bilden so gewissermaßen die Ouvertüre für den zweiten Teil, in dem wir Fischers persönlichen Kalten Krieg gegen die „Russen“ nacherleben können.

Der erste Teil ist schon äußerst lesenswert, zumal sich meines Wissens nach kaum aktuelle Kommentierungen von bspw. Larsens Partien so ohne weiteres finden lassen. Aber zentral ist natürlich der zweite Teil, der über Robert James Fischer, einst jüngster Großmeister aller Zeiten, Enfant terrible, Organisatorenschreck und Russenhasser, der zwei Weltmeisterschaftskandidaten mit 6-0 vernichtete und den solchermaßen apostrophierten „Wettkampf des Jahrhunderts“ im Jahre 1972 gegen Boris Spasski gewann. Und ein Schreiberling verstieg sich sogar zu der Behauptung, Bobbys Killerzug in seiner Partie gegen Pal Benkö (Rosenwald-Gedenkturnier 1963) wäre gleichzusetzen mit Einsteins Entdeckung der Formel E=mc²! (siehe Diagramm; Fischer als Weißer zog 19.Tf6!!, danach ist Schwarz hilflos gegen e5 und dem Matt auf h7)




Nebenbei: Für mich ist es immer noch beeindruckend, wie viele Menschen mit dem Namen Bobby Fischer etwas anfangen können. Wohl kaum jemand hat in den letzten 50 Jahren wohl so viel dazu beigetragen, dass Schach in aller Munde war...

Kasparow kann bei seinen Aussagen über Fischer nicht mehr in dem Maße auf sein Insiderwissen der sowjetischen Schachschule zurückgreifen, wie dies bei Bobbys Vorgängern und seinen Nachfolgern, von Botwinnik bis Karpow und Kramnik also, der Fall ist. Er kennt Fischer ja lediglich indirekt durch dessen Darstellung aus den Sowjetmedien und hatte praktisch keinen persönlichen Kontakt zu ihm – alle anderen Weltmeister hat Kasparow unmittelbar erleben und in vielen Fällen auch als schachliche Gegner kennen lernen können. Dem Buch tut das gut! Dominierte im Band über Petrosjan und Spasski noch das Plaudern aus dem russischen Nähkästchen (in Kölsch würde man sagen, der „Verzäll“), können wir nun wesentlich fundiertere Berichte und Bewertungen finden. Auch wenn man ein Quellenverzeichnis immer noch vergeblich sucht; im laufenden Text gibt Kasparow deutlich häufiger als zuvor an, auf welcher Veröffentlichung sein Wissen beruht. Und Kasparow hat zu Fischer etwas zu sagen! Hochinteressant natürlich seine Einschätzungen und Analysen des Partienmaterials – wer außer Kasparow könnte eine fundierte Einschätzung von Fischers Stärken, aber auch seinen Schwächen liefern? Aber auch zu Fischers Eskapaden nimmt Kasparow kein Blatt vor den Mund. Man muss Garris Wertungen nicht unbedingt teilen – wie er zum Beispiel die Remisabsprachen der sowjetischen Spieler bagatellisiert, ist schon fast rührend – er sieht Fischer deutlich durch die „Sowjet-Brille“, aber besser eine schlechte Meinung, als gar keine. Ich kenne jedenfalls versprechen, dass das Buch nie langweilig wird!

Einzige Schwäche des Bandes ist – wie bereits angedeutet – der Anhang: Ein Quellenverzeichnis fehlt und die vorhandenen Partien- und Eröffnungsregister sind so unglücklich gestaltet, dass die Suche mit ihnen wenig Freude macht. Nach wie vor sucht man Fotos vergeblich, wahrscheinlich hätten diese aber den Preis zu sehr in die Höhe schnellen lassen. Auf der Begleit-CD finden sich unkommentiert alle Partien der im Buch erwähnten Meister, man kann davon ausgehen, dass diese der ChessBase Mega-Datenbank entstammen. Angesichts des Umfangs von 500 Seiten und der Qualität von Druck, Papier und Bindung sind 40 Euro wahrlich kein zu hoher Preis!

Fazit: Ein Prachtband, dem zur absoluten Vollkommenheit lediglich ein besserer Anhang fehlt. Ein absolutes Muss!

Der siebte und letzte Band sollte eigentlich die Reihe abschließen. Eigentlich... Thema des Bandes sind der 12. Weltmeister, Anatoli Karpow, und sein großer Antipode während der Jahre 1974-1981, Viktor Kortschnoi, dem Kasparow den ersten Teil dieses Bandes widmet (200 Seiten). Gegenüber dem Fischer-Band wird die Darstellung hier wieder etwas schwächer, denn beide Spieler kennt Garri Kasparow aus dem Effeff und schon geht es wieder mit den Geschichtchen los. Besonders sein Erzfeind Anatoli Karpow ist davon betroffen, einige Male kann sich Garri Sticheleien und Seitenhiebe gegen diesen nicht verkneifen. Verständlich, je geringer der Abstand ist, umso schwerer fällt es, eine nüchterne Distanz zum Thema zu wahren. Größter Wermutstropfen ist allerdings, dass Kasparow selbst in diesem Band außen vor bleibt. Die Rede ist dabei natürlich von den Weltmeisterschaftskämpfen Karpow gegen Kasparow in den Jahren 1984, 1985, 1986, 1987 und 1990. In diesem gigantischen Ringen von über 100 Partien , die Karpow gegen Kasparow um die Weltmeisterschaftskrone spielte, entstand so manche Perle der Schachgeschichte und es bildet natürlich einen erheblichen Teil von Karpows Biographie. Garri Kasparow blendet diese Zweikämpfe in seiner Darstellung jedoch aus, er ist gerade dabei, in seiner Reihe „On modern chess“ alle seine Partien erneut unter die Lupe zu nehmen. Das ist einerseits eine erfreuliche Nachricht, andererseits fehlt damit dem Band über Anatoli Karpow etwas. Ok, niemand kann Interesse daran haben, Partien doppelt abgedruckt zu sehen – aber hätte Karpow nicht das „Recht“ gehabt, dass diese Wettkämpfe nicht nur in einem Buch über Kasparow auftauchen? Alles in allem überwiegt jedoch der positive Eindruck und ich werde auch hier unbedingt eine Kaufempfehlung aussprechen. Zumal der letzte Band dann doch ein Quellenverzeichnis des Gesamtwerks liefert (ohne dass man freilich die einzelnen Aussagen der Literaturliste zuordnen könnte, aber immerhin). Warten wir also bezüglich der Partien von Karpow-Kasparow halt noch ein wenig...

Fazit und Tipp: Wer bei Olms eine komplette „Vorkämpfer“-Reihe ordert, zahlt dafür knapp 200 Euro, man erhält also quasi einen Band geschenkt. Schachfans kommen an dieser Reihe eigentlich nicht vorbei. Neben den Analysen des besten Schachspielers aller Zeiten bekommt man „im Vorübergehen“ alles Wissenswerte über die ersten 12 Schachweltmeister sowie einen Überblick über den Stand der heutigen Eröffnungstheorie.

Ich danke dem Olms Verlag, der die Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer