Alexei Shirov „My best games in the Sveshnikov“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 01.08.2008
Alexei Shirov „My best games in the Sveshnikov“ ChessBase fritztrainer opening DVD, Englisch, ca. 4 h Spielzeit, 29,99 € unverb. Preisempf.

Die Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung ist uns schon einmal bei einer Rezension begegnet. Wer mehr über die Grundlagen dieser Eröffnung wissen möchte, sei auf meine dortigen Anmerkungen verwiesen.

In der vorliegenden DVD aus seiner Reihe „My best games in the...“ beschäftigt sich der Lette Alexei Shirov (in der deutschen Transkription eigentlich „Schirow“), einer der absoluten Top-Spieler der letzten 20 Jahre, also mit seinen Sweschnikowpartien. Alexei Schirow gilt nicht nur seiner lettischen Herkunft wegen als legitimer Nachfolger des legendären Weltmeisters von 1960, Michail Tal, auch seine Spielanlage wird gerne mit der des „Hexers aus Riga“ verglichen. In Schirows Partien ist oft eine Menge los, da er sich in unübersichtlichen taktischen Gemetzeln am wohlsten fühlt. Nicht von ungefähr heißt seine bekannte Partiensammlung „Fire on board“. Man kann also Spektakuläres erwarten, wenn Schirow seine Partien bespricht.

In der vorliegenden DVD geht es, wie gesagt, um herausragende Sweschnikowpartien aus dem Schaffen von Alexei Schirow, in denen er sich vor allem mit den relevanten Abspielen nach 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 befasst, also 9.Lxf6 bzw. 9.Sd5. Da Schirow Sweschnikow mit Weiß und Schwarz gespielt hat, kann sich der Käufer auf interessante Einblicke von beiden Seiten des Brettes freuen. Insgesamt elf eigene Auseinandersetzungen führt Schirow vor, mit einer Ausnahme allesamt – dem Titel entsprechend – Gewinnpartien des Großmeisters. Damit fehlen leider seine beiden sehenswerten Niederlagen gegen den großen Garri Kasparow, aber man kann es Schirow kaum übel nehmen, bei der Kommentierung so zu verfahren, wie das die meisten der Szene tun. Außerdem bleiben Schirow genügend sehenswerte Partien übrig und als Sahnehäubchen präsentiert er noch einen Glanzsieg von Teimur Radjabov, dem nach Schirows Worten aktuell größten Sweschnikow-Experten.

Die DVD hat die bei ChessBase übliche Länge von etwa 4 Stunden. Schirows Englisch hat einen relativ starken russischen Akzent, bleibt aber in der Regel trotzdem verständlich. Der Betrachter wird sich jedoch gelegentlich über die Art und Weise wundern, in der Schirow sein Material präsentiert: Freimütig gibt der GM zu, dass er seine älteren Analysen aus „Fire on board“ nicht noch einmal mit Computerunterstützung analysiert hat; dementsprechend kann man mit Hilfe von FRITZ, Rybka & Co einige Fehler in den gezeigten Varianten aufdecken. Oft kommt es sogar zu „Hängern“ während der Kommentierung, weil Schirow in einer Variante nach der korrekten Fortsetzung sucht oder sogar die Partie selbst mühsam rekonstruieren muss. Auch wenn es nett ist, einem Großmeister bei der Arbeit zusehen zu können; wie er für Augenblicke in tiefes Nachdenken versinkt, nach einem guten Zug sucht, die Variante vor- und zurückspielt, um schließlich die Lösung zu finden; oder wie er mit sich selbst schimpft, dass er schon wieder die Züge durcheinander gebracht hat und dass ihm das immer bei diesen DVDs passiert – man kann sich bisweilen doch nicht des Eindrucks erwehren, dass da jemand vielleicht schlicht seine Hausaufgaben nicht ganz gemacht hat, sondern mal kurz ins Studio vorbeigebummelt ist, um das nächste Video zu produzieren.

Das ist schade, denn von diesen Schwächen abgesehen hat Schirows DVD einiges zu bieten: Schirow rekapituliert die Geschichte der verschiedenen populären Sweschnikow-Varianten, erläutert viele typische Ideen und Motive und gewährt interessante Einblicke in das Labor eines Großmeisters. Unterhaltsam und lehrreich ist es sicherlich für den Betrachter, aus welchen Gründen einige Züge kurz in Mode kommen, um später schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden; spannend, wie Schirow als gereifter Schachspieler inzwischen über seine früheren „Schachsünden“ denkt. Auch über mögliche Änderungen seines Repertoires gibt Schirow bereitwillig Auskunft – alles in allem eine bunte und nie langweilige Mischung. Das Zielpublikum der DVD sind stärkere Schachspieler ab DWZ 1500-1600, die über die „Basics“ von Sweschnikow Bescheid wissen sollten, da Schirow hierauf nur selten eingeht. Außerdem verlangt der Großmeister dem Betrachter taktisch einiges ab, denn seinem und dem Naturell der Eröffnung entsprechend geht es oft hoch her und das Brett steht wirklich in Flammen – da muss man manchmal schon innehalten, um die taktischen Pointen nicht zu verpassen. Aber wozu hat man schließlich eine Pause-Taste?

Fazit: Ein interessanter und lehrreicher Einblick in die persönlichen Ansichten eines Großmeisters. Anhängern der Sweschnikow-Variante sei die DVD auf jeden Fall empfohlen. Unfreiwillige Live-Effekte sind im Preis enthalten...

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer