Karsten Müller, Rainer Knaak „222 Eröffnungsfallen nach 1.e4 und 222 Eröffnungsfallen nach 1.d4“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 02.08.2008
Karsten Müller, Rainer Knaak „222 Eröffnungsfallen nach 1.e4“, „222 Eröffnungsfallen nach 1.d4“, Praxis Schach, Edition Olms, 163 Seiten, 16,80 € (http://www.edition-olms.com)

Ja, es existieren auch noch Bücher über Schach, sogar Eröffnungsbücher! Nachdem es, bedingt durch Internet, CDs und Datenbanken lange Zeit recht mau auf diesem Sektor aussah, gibt es inzwischen ein regelrechtes Comeback dieser Literatursparte – freilich unter veränderten Vorzeichen. Die Monographien alten Stils, in denen sich die mühsam erarbeiteten Karteikärtchensammlungen der Großmeister abgedruckt sahen, oder auch die phantasie- und kommentarlosen Notationsausdrucke vom Beginn der ChessBase-Ära gehören freilich der Vergangenheit an. Meistens tritt bei heutigen Publikationen die kaum noch zu bewältigende und sich für das träge Printmedium viel zu schnell ändernde Variantenflut zurück und es geht darum, die grundlegenden Ideen einer Eröffnung zu zeigen. Typische Muster und Motive sichern so auch in schnelllebigen Zeiten einen Verkaufserfolg über den Tag hinaus.

Auf eine andere Möglichkeit gestoßen sind Karsten Müller und Rainer Knaak, zwei deutsche Großmeister, die auch als ChessBase-Autoren aktiv sind: Die große Zahl der Eröffnungsfallen, respektive –fehler, deren Menge logischerweise sogar immer größer wird, da unser Wissen über die Eröffnungen ja stetig wächst. Und, wenn sich auch die Schacheröffnungen im Laufe der Zeit radikal gewandelt haben mögen, eines hat sich nicht geändert: Immer wieder fallen Schachspieler auf eigentlich bekannte Fallen herein, begehen also einen geläufigen Fehler ein zweites oder x-tes Mal – für Großmeister gibt es kaum etwas Peinlicheres, als dergestalt vorgeführt zu werden, wird so doch für alle Welt sichtbar, dass man seinen Job nicht richtig gemacht hat. So geschehen unlängst WGM Elisabeth Pähtz, der deutschen Frauenhoffnung, bei der diesjährigen Europameisterschaft in Plovdiv gegen die bulgarische Großmeisterin Antoaneta Stefanova: Nach dem Einlenken in die Philidor-Verteidigung unterläuft Elisabeth ein bekannter Fehler. Sie zieht nach 1.d4 d6 2.e4 e5 3.Sf3 Sd7 4.Lc4 als Schwarze 4...Le7, womit sie in eine bekannte Falle hineintappt. Denn in dieser Stellung



spielt Weiß einfach 5.dxe5 und nach 5...Sxe5 (5...dxe5 6.Dd5!) 6.Sxe5 dxe5 7.Dh5 wandert wegen des Doppelangriffs der weißen Dame auf e5 und f7 der schwarze Bauer auf e5 ersatzlos ins Kästchen, was auf dieser Ebene dem schlussendlich auch eingetretenen Partieverlust gleichkommt. Besonders kurios: Elisabeth Pähtz‘ Vater, Thomas Pähtz, seines Zeichens selbst GM, fiel auf genau dieselbe Falle auch schon herein: Udo Käser-Thomas Pähtz, St. Augustin 1990.

Womit ließe sich trefflicher illustrieren, wie notwendig die Kenntnis von Eröffnungsfallen ist? Dies dachte sich auch die Firma ChessBase und veröffentlichte flugs einen kleinen Artikel über den Fall, um damit für den CD-Ableger des vorliegenden Buches zu werben (http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=7710). Oder sind die beiden Bücher der Ableger der CD? Hin wie her, es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass man eine (umfangreichere) Sammlung von Eröffnungsfallen aus den Händen derselben Autoren auch als Datenträger aus Hamburg erwerben kann – eine meines Erachtens etwas unglückliche Doppelverkaufsstrategie, aber nun gut, ich sollte mir diesbezüglich vielleicht keine Gedanken machen, ich bin ja nur der Rezensent. Nicht nur, weil es hier um die gedruckte Fassung geht, möchte ich an dieser Stelle aber ausdrücklich eine Lanze für das Buch brechen: Die 222 Eröffnungsfallen eignen sich hervorragend als Lektüre auf dem Nachtschränkchen – man blättert ein wenig hier und dort und findet immer wieder eine kleine, amüsante Dummheit, die man selber natürlich nieee begangen hätte... Mit einer Datenbank möchte ich so was nicht gerne nachspielen – Mausklick, nächste Partie, nächster Fehler, aha, Mausklick... – ich denke, bei einem Buch bleibt da mehr hängen. Hinzu kommt, dass in den meisten Fällen das Weiterdenken vom Diagramm ausreicht, um die Taktik nachvollziehen zu können.

Über das Buch selbst gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, es entspricht in allen Punkten dem vom Olms-Verlag gewohnten hohen Standard. Wer meine Rezensionen zu den Olms-Büchern gelesen hat, wird vielleicht einwenden, dass es dieses Hinweises schon nicht mehr bedürfe; ich gebe ihn dennoch, da dies auf dem Gesamtmarkt der Schachliteratur leider keine Selbstverständlichkeit ist. Karsten Müller und Rainer Knaak liefern also zum einen die erwartbare Zahl von 222 Partien, an denen typische und lehrreiche Fehler/Fallen nach 1.e4 bzw. im anderen Band nach 1.d4 erklärt werden. Das Material ist sinnvoll gegliedert und gut kommentiert. Jeder Schachspieler wird hier fündig werden, sei es, um selbst nicht in die Falle zu tappen oder sei es, um diese eventuell anderen stellen zu können. Schon alleine deshalb kann man das Werk rundweg empfehlen. Neben dem natürlich in erster Linie relevanten Inhalt ist für mich aber – und ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Ansicht nicht alleine stehe – ebenfalls die Form der Darstellung wichtig, ein Bereich, in dem gerade bei der Schachliteratur gerne gespart wird. Bei den „Eröffnungsfallen“ wird der Leser abgesehen vom guten Inhalt noch durch angenehmen Druck, saubere Diagramme und eine feste Bindung verwöhnt, hinzu kommen ein Vorwort, eine Einleitung, eine Erläuterung der verwendeten Symbole, ein Quellenverzeichnis, ein Eröffnungsverzeichnis, ein Personenverzeichnis und ein Partienverzeichnis (mit Seitenzahlen!). Schön, dass es solchen Dienst am Leser gibt! Noch gibt kann man leider nicht sagen, denn diesbezüglich war und ist der Stand der Schachliteratur leider beklagenswert. Bei wie vielen Werken, selbst von Hochkarätern, sucht man sogar nach einem eigentlich selbstverständlichen Quellenverzeichnis vergeblich? Und das Partienverzeichnis – wie häufig findet man dort lediglich die Nummer der Partie abgedruckt, mit dem ärgerlichen Ergebnis, dass man dann nochmal rumblättern darf, bis man endlich die richtige Seite gefunden hat?

Fazit: Eine unentbehrliche Eröffnungsfundgrube für jedermann, die bei Freunden des gedruckten Worts keine Wünsche offen lässt. Kaufen!

Ich danke dem Olms Verlag, der das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer