Nigel Davies „King’s Indian Attack“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 03.08.2008
Nigel Davies „King’s Indian Attack“ ChessBase fritztrainer opening DVD, Englisch, ca. 5 h Spielzeit, 26,99 € unverb. Preisempf.

Wenn man bei der Abkürzung „KIA“ nicht an einen koreanischen Automobilhersteller, sondern an den Königsindischen Angriff (oder eben auf Englisch King’s Indian Attack) denkt, muss man wohl Schachspieler sein... Mir geht es jedenfalls so – und Nigel Davies vielleicht auch. Denn Nigel Davies gehört zu den Großmeistern, die diese Eröffnung in ihrem Gepäck haben, weshalb er nun sein Wissen darüber auf der vorliegenden ChessBase DVD preisgibt.

Beim Königsindischen Angriff handelt es sich um eine dieser Eröffnungen, die man eher als Schema denn als konkrete Zugfolge verstehen sollte. Kurz etwas zum Hintergrund: Über die Entstehung der Königsindischen Verteidigung habe ich mich bereits einmal in einer Rezension ausgelassen. Hier baut sich Schwarz in den ersten Zügen mit Sf6, g6, Lg7, d6 und 0-0 auf. Wie so häufig im letzten Jahrhundert, wurde auch diese Eröffnung irgendwann einmal von der gegenüberliegenden Seite des Brettes ausprobiert, Weiß zog also Sf3, g3, Lg2 usw. und schon war der Königsindische Angriff geboren. Das ist für die Spieler, die Königsindisch mit Schwarz spielen, eigentlich ein logischer Schritt: Zum einen kann es nicht verkehrt sein, eine Eröffnung, mit der man als Schwarzspieler erfolgreich ist, mit Weiß zu versuchen, da man ja bestens darüber informiert ist, welche Pläne es gibt und wo die Figuren hingehören. Zum anderen hat man als Anziehender einen Zug mehr zur Verfügung, wodurch eine gute Verteidigung eigentlich noch erfolgversprechender werden müsste. Als Schachtrainer konnte ich jedenfalls häufig miterleben, wie Lernende diesen Schritt vollzogen: Auf der immerwährenden Suche nach einer guten Eröffnung, bei der man nicht viele Varianten „pauken“ muss, landete so mancher bei der Königsindischen Verteidigung und dachte sich dann bald, dass es noch viel bequemer wäre, diese Eröffnung auch mit Weiß zu spielen. Nun ahnt man schon das große ABER: Schach ist kein einfaches Spiel. Wer sich auf ein Eröffnungsschema verlegt, das „immer“ geht, hat zwangsläufig mit einer ungleich größeren Zahl von gegnerischen Antwortmöglichkeiten zu kämpfen, als dies bei forcierteren Varianten der Fall ist. Mit tückischen Zugumstellungen wird man von erfahrenen Spielern aufs falsche strategische Gleis gelockt und nach der Partieaufgabe weiß man noch nicht einmal, was man eigentlich falsch gemacht hat. Und das Mehrtempo? Paradoxerweise bringt dies weitaus weniger, als man gemeinhin denkt: Mit jedem gemachten Zug erhält der Gegner gleichzeitig auch wertvolle Information darüber, was wir planen bzw. welche Pläne wir aufgrund der mit dem Zug gemachten Festlegungen nicht mehr verwirklichen können. Manchmal kann es deshalb auch in der Eröffnung von Vorteil sein, nicht ziehen zu müssen, ein Schachmotiv, das wir als Zugzwang eigentlich eher aus dem Endspiel kennen. Und aufgrund des defensiven Charakters der indischen Aufstellung wird auch mit einem Mehrtempo daraus keine Killereröffnung – anders als in den forcierten Eröffnungen, wo dies meist sofort zum Aus führen würde, haben wir es ja beim Königsindischen Angriff prinzipiell mit einem passiven Aufbau zu tun: Das war eben der Preis, den man für das „immer“ spielbare Eröffnungsschema gezahlt hat.

Diese Vorbemerkungen sollen nicht dazu dienen, vom Königsindischen Angriff Abstand zu nehmen, im Gegenteil: Ich würde jedem Spieler dazu raten, sich mit dieser Eröffnung auseinander zu setzen und sei es nur aus einem ganz simplen Grund: Man hat ja auch mal Schwarz und wenn der Gegner Königsindischen Angriff spielen will, sollte man wissen, was man zu tun hat – verhindern kann man die Eröffnung als Nachziehender nämlich in der Tat nicht. Und wer weiß, je nach Gegner kann es ja irgendwann mal opportun sein, sich selbst so aufzubauen.

Wie sieht nun das Schema des Königsindischen Angriffs aus? Im Prinzip spielt man dieselben Züge wie bei der Königsindischen Verteidigung: Also den Königsspringer nach f3, den Springerbauern nach g3, um anschließend den Königsläufer auf g2 zu fianchettieren, außerdem wird kurz rochiert. Damit man auch ein Beinchen im Zentrum hat, wandert der Damenbauer zwischendurch mal nach d3 – dies verhindert schwarzes e5-e4. Für die Nomenklatur entscheidend ist allerdings der Doppelschritt des Königsbauern, e2-e4. Dieser muss früher oder später erfolgen, wenn die Eröffnung als Königsindischer Angriff gelten soll – natürlich kann Weiß auch anders spielen, aber das ist hier nun mal nicht Thema. Um den Königsbauern nach e4 vorzustoßen, gibt es zwei unterschiedliche Vorgehensweisen – häufig unterscheiden sich die Anwender des Königsindischen Angriffs genau in diesem Punkt voneinander:
- Die eine Gruppe von Spielern zieht e2-e4 sofort im ersten Zug. Das sind meist die Gelegenheitsanwender. Sie spielen eigentlich gerne aggressives, angriffslustiges Schach und sind z. B. bereit, gegen die Antwort 1...e5 eine der üblichen offenen Eröffnungen wie Spanisch zu spielen (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5). Sie wechseln aber in das Schema des Königsindischen Angriffs, wenn sie mit einer Variante konfrontiert werden, die sie nicht mögen oder bei der sie zu viel Theorie lernen müssten oder bei der sie einfach nur den Gegner überraschen wollen. Als Schwarzspieler sollte man sich darauf einstellen, dass der harmlos wirkende Aufbau bei diesen Gegnern lediglich den Auftakt für einen Königsangriff darstellt. Typischerweise wird der Königsindische Angriff oft gegen Französisch (1.e4 e6), Caro-Kann (1.e4 c6) und vor allem Sizilianisch (1.e4 c5) angewendet. Schachhistorische Vorbilder für diese Herangehensweise waren Leonid Stein und kein geringer als Bobby Fischer.
- Die andere Gruppe von Weißspielern hingegen legt ihre Partien eher strategisch-positionell an. Sie eröffnen mit 1.Sf3, seltener auch mit 1.g3. Den Zug e2-e4 heben sie sich für einen späteren Zeitpunkt auf. Und wenn sie flexibel sind, bleibt der Doppelschritt auch einmal ganz aus. Als schachhistorisches Vorbild darf hier Tigran Petrosjan nicht fehlen.

Hin wie her, nach den ersten sieben Zügen sieht die weiße Stellung meistens so aus:



Das ist gar nicht schwer zu ziehen und ich verspreche allen, dass sie zwischenzeitlich nicht durch ein Schäfermatt verlieren werden. Auch Bauernverluste oder gar Figureneinsteller sind bei dieser Eröffnung erst mal eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Verständlich also, dass sich auch Klubschachspieler gerne dieses Aufbaus bedienen. Immerhin kommt man so auf jeden Fall mal ins Spiel und läuft nicht Gefahr, bereits nach 20 Zügen ein 0-1 quittieren zu müssen (wie man an der eher passiven Aufstellung erkennen kann, wird es bis zum 1-0 aber auch noch eine Weile dauern...). Und was macht Schwarz derweil? Nun, der kann in der Zwischenzeit natürlich ebenfalls nahezu ungestört seine Figuren aufbauen, wie er will. Wie bereits gesagt: Die Einfachheit des weißen Eröffnungsschemas wird mit einer größeren Wahlfreiheit für den Gegner bezahlt.
Noch weiter auf Einzelheiten einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen – ich hoffe jedenfalls, dass die Leser sich ein Bild von der Materie machen konnten, um die Relevanz dieser Eröffnung für ihre Praxis einschätzen zu können.

Wie wird nun der Königsindische Angriff auf der vorliegenden DVD präsentiert?
Zunächst stellt man fest, dass die Spielzeit der DVD mit knapp über 5 Stunden erfreulich lang ist. Nigel Davies ist ein angenehmer Kommentator und Eröffnungs“guide“, sein Englisch ist gut verständlich, zudem präsentiert er das Material locker, humorvoll und mit kleinen unterhaltsamen Anekdoten und Randbemerkungen (Zitat Davies zu einem riskanten Zug in einer seiner Partien: „Ich weiß nicht mehr, was ich an jenem Tag zum Frühstück hatte, aber ich sollte es in Zukunft wohl besser vermeiden.“). Offenbar haben die englischen GMs so was einfach besser „drauf“ als ihre an dieser Stelle manchmal kritisierten deutschsprachigen Kollegen?! Verbessert hat ChessBase außerdem die Studiogestaltung, hier sieht nichts mehr amateurhaft aus; der Hintergrund ist angenehm gestaltet und ausgeleuchtet, auch klingelnde Telefone aus dem Off scheinen endlich der Vergangenheit anzugehören. Merkwürdig mutet allenfalls an, dass Davies seinen ansonsten flüssigen Vortrag gelegentlich unterbrechen muss, um die weiteren Züge von seinem Manuskript abzulesen. Da hätte man bei ChessBase doch sicherlich andere Möglichkeiten...
Nigel Davies teilt das Material ebenfalls in die beiden von mir zuvor beschriebenen e4-Schulen ein. Die typischen Pläne der Eröffnung werden dem Betrachter anhand von 22 kommentierten Partien vorgestellt. Davies beginnt mit dem Königsindischen Angriff gegen die Sizilianische Verteidigung und geht auf die verschiedenen Anti-Systeme ein, mit denen Schwarz dem stereotypen weißen Aufbau begegnen kann. Das sind eine ganze Menge! Aber keine Bange, Davies macht seine Sache wirklich gut, stellt stets die wichtigen Pläne heraus und geht dabei auch auf typische Fehler von Klubspielern ein; ein praxisnaher Ansatz also. Es ist immer sympathisch, wenn ein GM mit Bodenhaftung etwas über Schach erzählt, schließlich werden die meisten von uns kaum jemals zu Großmeisterweihen gelangen. Ebenso sympathisch ist Davies ehrliche Einstellung zum Thema: Im Gegensatz zu so manchem zweitklassigen Eröffnungsbuch, das auf den schnellen Euro aus ist, verspricht er dem Betrachter nicht zu viel. Davies hält den Königsindischen Angriff keinesfalls für ein Allheilmittel, sondern lediglich für einen möglichen Weg, damit Weißspieler eine interessante Partie aufs Brett bekommen, ohne eben viele Varianten pauken zu müssen.
Korrekterweise zeigt Davies auch, dass es in der Praxis kaum sinnvoll ist, die von mir kurz vorgestellten Eröffnungszüge per Autopilot zu spielen, ohne dabei auf die Antworten des Gegners zu achten. Je nach System, das Schwarz wählt, gilt es für Weiß, auf Feinheiten zu achten, damit er nicht in einer nachteiligen Stellung landet. Diesbezüglich kann man von Davies‘ DVD vielleicht am stärksten profitieren, denn gerade an solchen Erläuterungen aus Großmeisterwissen fehlt es in Eröffnungsbüchern häufig. An die Sizilianisch- und Französisch-Partien schließt sich Caro-Kann an; die zweite Hälfte der Partien handelt dann die 1.Sf3-Schule für die totalen Königsindischanhänger ab. Im zweiten Teil wird deutlich, wie viel diese Eröffnung vom Weißspieler verlangt, denn die Möglichkeiten für Schwarz werden hier noch vielfältiger. Wer sich mit Weiß auf diese Spielweise einlässt, sollte über ein breites Eröffnungswissen verfügen – oder er eignet es sich halt mit dem Königsindischen Angriff an.

Davies‘ Kommentare richten sich nach meiner Einschätzung an Spieler ab einer DWZ von 1500 bis 1600, etwas schachliche Grundlagen sollten also vorhanden sein, um die manchmal nur kurz angerissenen taktischen und positionellen Motive verstehen zu können. Kommentiert wird parteiisch-objektiv, soll heißen, dass das Repertoire stets aus Sicht des Weißspielers betrachtet wird, Davies aber in der Bewertung der Abspiele nüchtern bleibt, was ich angesichts der Themenstellung auch für die angemessene Darstellung halte. Das ausgewählte Partienmaterial ist stimmig und uneitel: Natürlich dürfen Fischers Partien nicht fehlen und natürlich ist auch der Autor selbst vertreten – aber nicht zu oft. Wie üblich, fehlt es leider jedoch an begleitendem Partienmaterial, um das der Lernende kaum herumkommen wird, wenn er sich für diese Eröffnung entscheiden sollte.

Fazit: Wer plant, den Königsindischen Angriff in sein Weißrepertoire aufzunehmen, ob als Gelegenheits- oder Haupteröffnung, ist mit diesem Überblick sehr gut bedient. Aber auch Schwarzspieler erhalten wertvolle Hinweise über unangenehme Gegenmaßnahmen. Zur weiteren Vertiefung sollte man jedoch zusätzliches Partienmaterial zu Rate ziehen.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer