Nigel Davies „The Pirc Defence“

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Marcus Wegener am 03.08.2008
Nigel Davies „The Pirc Defence“ ChessBase fritztrainer opening DVD, Englisch, ca. 7 h Spielzeit, 29,99 € unverb. Preisempf.

Nigel Davies ist offenbar der Mann für die Autopilot-Eröffnungen: Neben der kürzlich von mir besprochenen DVD über den Königsindischen-Angriff liegt mit „The Pirc Defence“ eine DVD über eine ebenfalls etwas schablonenhafte Eröffnung vor – und das wird nicht die letzte sein... Aber bleiben wir beim Thema, der Pirc oder manchmal auch Pirc-Ufimzew genannten Verteidigung (die Namen gehen zurück auf Wasja Pirc, einen der ersten GMs aus Jugoslawien, und den Kasachen Anatoli Ufimzew).

Die übliche Zugfolge, mit der Schwarz diesen Aufbau erreicht, sieht folgendermaßen aus (da ich auf PSM zu Pirc noch nichts geschrieben habe, werde ich auf die einzelnen Züge ausführlicher eingehen):

1.e4 Weiß spielt den nach wie vor beliebtesten Anfangszug. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass eher taktisch-aggressiv orientierte Spieler so beginnen als positionelle „Schieber“.
1...d6 Schwarz antwortet mit einem passiv aussehenden Zug. Doch 1...d6 macht durchaus Sinn: Der Bauer nimmt Einfluss auf das Zentrum – nicht durch dessen Besetzung, wie Weiß dies mit 1.e4 tat, sondern durch die Einwirkung auf das Feld e5. Einem weiteren Vorpreschen des weißen Königsbauern wird somit Einhalt geboten. 2.d4 Lässt Schwarz die Bildung eines Bauernvollzentrums e4, d4 zu, stellt dies bei nahezu allen entsprechenden Eröffnungen die Hauptfortsetzung dar – siehe Caro-Kann, Französisch usw.
2...Sf6 Schwarz macht deutlich, dass er dem weißen Treiben im Zentrum durchaus nicht tatenlos zusehen will und greift den Bauern auf e4 an. Würde dieser jetzt mit 3.e5 vorrücken, käme es nach 3...dxe5 4.dxe5 Dxd1+ 5.Kxd1 zum frühzeitigen Damentausch – schwerlich etwas, wonach angriffsfreudigen Weißspielern zumute ist. Deshalb erzwingt 3...Sf6 praktisch einen Deckungszug von Weiß und dieser besteht, gemäß der Faustregel „Springer vor Läufern entwickeln“, in
3.Sc3 Damit hat – ganz wichtig! – Schwarz erreicht, dass der weiße Damenspringer den c-Bauern blockiert. Übergänge in Standard-Königsinder sind damit praktisch unmöglich, denn dort kommt Weiß problemlos zu c4 (etwa nach 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6). Dies ist auch der entscheidende Unterschied zwischen der Pirc-Verteidigung und ihrem Vetter, der Modernen Verteidigung (1.e4 g6 2.d4 Lg7). Dort spielt Schwarz noch provokativer, er lädt den Weißen förmlich zu weiteren Bauernzügen ein und hat gegen einen Übergang in Königsindisch nichts einzuwenden. Zurück zur Pirc-Grundstellung, die nach den bisherigen Zügen mit 3...g6 erreicht wird. Natürlich lässt Schwarz bald das Fianchetto seines Königsläufers auf g7 folgen, aber wir gönnen uns schon an dieser Stelle ein Diagramm:



Wer meine Rezension zum Königsindischen Angriff gelesen hat, kennt die Regel: Wählt ein Spieler keine Eröffnung mit konkreten Zugfolgen, sondern einen schematischen Aufbau, muss er dem Gegner dafür eine größere Wahlfreiheit einräumen. So auch bei Pirc: An dieser Stelle gibt es mindestens acht(!) häufig gespielte weiße Züge, die dem weiteren Verlauf ein unterschiedliches Gepräge geben (f4, Sf3, Le3, Lg5, f3, Le2, g3 und Lc4). Kein Wunder also, dass Nigel Davies auf dieser DVD 36 Lektionen von insgesamt 7 Stunden Länge benötigt, um dem Interessierten ein komplettes Repertoire an die Hand zu geben.

Auf höchster GM-Ebene ist Pirc ein seltener Gast, warum auch immer. Jedenfalls gibt es für uns Amateurspieler an der Eröffnung nichts auszusetzen, auch wenn Pirc vom Nachziehenden einige gute taktische und strategische Fähigkeiten verlangt. Wer Pirc spielt, darf weder ein positionell-strategisches Ringen noch eine scharfe taktische Auseinandersetzung scheuen. Logisch, dass es ähnliche Motive und Übergänge in andere Eröffnungen gibt; allen voran Königsindisch, aber auch Moderne Verteidigung, Philidor-Verteidigung usw. Die Chance für Schwarz liegt grundsätzlich im „Überziehen“ des Gegners; viele Weißspieler lockt dieser Aufbau zu einem schnellen Königsangriff oder überhasteten Zentrumsvorstößen – kennt sich Schwarz gut aus, kann er dem Gegner schnell deutlich machen, welche Schattenseiten diese Vorgehensweisen haben.

Die Machart der DVD ist ähnlich wie beim Königsindischen Angriff, weshalb ich mich jetzt zwischendurch ein wenig selbst zitieren werde: Davies‘ Englisch ist gut verständlich, seine Präsentationen locker und humorvoll. Auch bei dieser DVD irritiert mich das „Vom-Blatt-Ablesen“ von ihm; warum um Himmels willen gibt er die Varianten nicht vorher in den PC ein?! Kommentiert wird parteiisch-objektiv, soll heißen, dass das Repertoire stets aus Sicht des Schwarzspielers betrachtet wird, Davies aber in der Bewertung der Abspiele objektiv bleibt. Auch auf dieser DVD ist Davies‘ Praxisnähe zu loben: Er will dem Durchschnittsspieler ein Pirc-Schwarzrepertoire an die Hand geben, es geht also nicht um theoretische Diskussionen auf GM-Niveau, sondern vor allem um Praxistauglichkeit auf Vereinsspielerebene. Dazu ein Beispiel: Seit geraumer Zeit ist folgende Variante der Pirc-Verteidigung bekannt (sie entsteht im sogenannten „Österreichischen Angriff“): 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.f4 Lg7 5.Sf3 c5 6.Lb5+ Ld7 7.e5 Sg4 8.e6 fxe6 9.Sg5 Lxb5 10.Sxe6 Lxd4 11.Sxd8 Lf2+ und remis!



Schwarz hat die Dame geopfert und gibt mit seinem Königsläufer auf den Feldern f2 und e3 Dauerschach! Auf GM-Ebene ist damit der Käse gegessen und die Variante tot – für Weiß wohlgemerkt, denn so ein bequemes Remis gönnt man dort einem Schwarzspieler nicht. Also wäre für einen Großmeister 5...c5 eine gute Antwort auf den Österreichischen Angriff, denn um das Remis zu vermeiden, müsste Weiß dieser Variante irgendwo ausweichen. Was aber, wenn Weiß dies nicht tut? Genau darum geht es Nigel Davies. Was, wenn man mit Schwarz gewinnen will oder muss? Spielt man 5...c5 und der Weiße steuert genau auf diese Variante zu, fährt man in einer Einbahnstraße dem Dauerschach entgegen, da man an anderen Stellen kaum schadenfrei abweichen kann. Davies berichtet von GM Alexander Tschernin, dem es einmal in einem Open so erging, als er ohne Nachzudenken seine Großmeistereröffnungszüge herunterspielte und zur Schadenfreude aller nach ein einer Viertelstunde ein Remis quittieren musste – gegen einen Spieler mit ca. 500 Elopunkten weniger... Und aus eben diesem Grunde empfiehlt Davies dem Anwender, im 5. Zug kurz zu rochieren, womit natürlich ganz andere Varianten zur Debatte stehen.

Kurz gesagt, die zahlreichen Lektionen von Davies auf dieser DVD sind gedacht zum Aufbau eines gewinnträchtigen Schwarzrepertoires; Weißspieler erfahren natürlich auch Wissenswertes, dürfen aber nicht erwarten, hier gute Ratschläge zum „Killen“ von Pirc zu erhalten. Die erwähnten Partien und Varianten sind auf DVD erhalten, was immerhin schon eine Mini-Datenbank ergibt – hier könnte ich mir immer noch mehr vorstellen, bspw. einen entsprechenden Auszug aus der CB-Megabase. Mit 7 Stunden Spielzeit erhält man aber wirklich schon einiges für sein Geld.

Fazit: Ein guter Start für alle, die Pirc in ihr Repertoire aufnehmen wollen. Nigel Davies liefert einen umfangreichen und kundigen Überblick, der sein Geld wert ist.

Ich danke der Firma ChessBase, die das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Marcus Wegener, Realschullehrer