Emanuel Lasker - Der internationale Schachkongress St. Petersburg 1909

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 06.04.2009
 Auf Amazon.de kaufenEdition Olms AG, Schweiz, 2009, Preis ca. 25,-- Euro oder 46,-- sFr.
ISBN-13: 978-3-283-01010-2
ISBN-10: 328-3-01010-2
Mit einem Vorwort von Isaak Linder – Nachdruck der Ausgabe Berlin 1909 – 236 Seiten

Anlässlich des 100. Jubiläums des herausragenden Schachturniers von St. Petersburg erscheint die Neuausgabe des Werks aus dem Jahr 1909. Bereits 1989 gab es eine erste Reprintausgabe durch die Edition Olms, die als schachhistorischer Leckerbissen noch einmal erneut im Jahr 2009 veröffentlicht wurde. Im Vergleich zum Original von 1909 wurde diese Ausgabe ergänzt durch eine Einführung des international geschätzten Schachhistorikers Isaak Lindner, sowie durch die Tabelle des Nationalturniers und Kurzbiografien aller 20 Teilnehmer dieses grandiosen Turniers. Dr. Emanuel Laskers Vorwort von 1909 und der Bericht des damaligen Turnierkommitees runden dieses Buch ergänzend ab.
Dem Schachkongress lag 1909 das Andenken an den kurz zuvor verstorbenen russischen Schachgroßmeister Michail Iwanowitsch Tschigorin, der als einer der größten Schachtheoretiker der damaligen Zeit galt, zugrunde. Mit diesem Kongress konnte das damalige Russland beweisen, dass es Europa und Amerika nicht nachstand, was die Ausrichtung eines solchen Großereignisses anbetraf. Nachdem fünf Jahre zuvor in Cambridge Springs (USA) ein Turnier gigantischen Ausmaßes stattgefunden hatte, wurden nach Russland ebenfalls eine Reihe nationaler und internationaler Großmeister eingeladen.
Mit Ausnahme von Siegbert Tarrasch, Frank Marshall, David Janowski und Geza Maroczy waren die stärksten Schachspieler des frühen 20. Jahrhunderts angetreten. Das waren im einzelnen:
Emanuel Lasker (der insgesamt mehr als 27 Jahre [1894 – 1921] den Schachweltmeistertitel innehatte), Akiba Kiwelowitsch Rubinstein, Oldrich Duras, Rudolf Spielmann, Ossip Samoilowitsch Bernstein, Richard Teichmann, Julius Perlis, Erich Cohn, Georg Henryk Salwe, Carl Schlechter (der der Gegner Laskers im WM-Kampf von 1910 war und jahrelang als einer der stärksten Schachspieler seiner Zeit galt), Jacques Mieses, Savielly Grigorjewitsch Tartakower, Fjodor Iwanowitsch Dus-Chotimirski, Leo Forgacs, Amos Burn, Milan Vidmar, Abraham Speyer, Sergej Nikolajewitsch von Freyman, Jewgeni Alexandrowitsch Snosko-Borowski und Wladimir Iwanowitsch Nenarokow (der ohne Angaben von Gründen nach vier Runden „fluchtartig“ das Turnier verließ).
Wer sich wundert, warum ein solch erstklassiger Wettkampf die Bezeichnung „Kongress“ trug, dem darf erläutert werden, dass zeitgleich ein ebenso großes Allrussisches Amateurturnier ausgetragen wurde, bei dem sich die erfolgreiche russische Nachwuchsgarde präsentieren sollte. Emanuel Lasker nutzte jedenfalls die Gunst der Stunde in St. Petersburg, um seinen ein wenig ramponierten Ruhm wieder aufzupolieren, indem er sich gemeinsam mit Rubinstein den 1.-2. Platz teilte. Somit bestätigte also dieser Schachkongress erneut die Spitzenposition Laskers, der anschließend eine Reihe weiterer großer Turniererfolge erzielte und vom großen Alexander Aljechin später als „unüberwindlicher Turnierkämpfer“ bezeichnet wurde.
Eine amüsante Anekdote am Rande: Lasker kam zur ersten Partie gegen Schlechter um mehr als 30 Minuten (!!!) zu spät, weil er an den Vorabenden im Beisammensein mit russischen Ingenieuren ein Kartenspiel kennengelernt hatte, das ihn aufgrund seiner Kompliziertheit sehr faszinierte. Nachdem ihm endlich tief in der Nacht der große Kartenspielerfolg gegen seine Bekannten geglückt war, verschlief er am folgenden Morgen. Die verspätet angetretene Partie gegen Schlechter endete nach 71 Zügen mit Remis und Lasker nahm für den Rest des Kongresses kein Kartenspiel mehr in die Hand.
Dies mag auch als kleiner Beleg für die Spielleidenschaft eines Emanuel Lasker dienen, die sich keineswegs nur auf das Schachspiel beschränkte. Rückwirkend betrachtet muss dieser Kongress Lasker als sehr gute Vorbereitung für seine WM-Kämpfe des Jahres 1910 gedient haben, was eine Erklärung dafür liefert, warum er sich bereit erklärte, alle 175 Partien dieses Turniers zu kommentieren. Die meisten seiner Kommentare waren analytisch überaus umfangreich, deckten zahlreiche seiner Meinung nach begangenen Fehler auf und zeigten eine Fülle an Möglichkeiten besserer Fortsetzungen. Interessant ist dabei die Tatsache gewesen, dass sich Lasker kaum über die Eröffnungen äußerte, sondern deutlich kreativer das Mittelspiel in den einzelnen Partien analysierte und durch seine Gedankengänge bereicherte.
Wer sich das Buch Emanuel Laskers heutzutage vornimmt, der wird zwangsläufig erkennen müssen, dass diese Analysen absolut nicht veraltet sind, sondern immer noch Klarheit und Kreativität der großen Meister aus vergangenen Zeiten verdeutlichen.
Ich darf dazu vielleicht auch Isaak Lindner aus seinem Vorwort zitieren, der sagte: „Wie angenehm ist es doch, in unserem Computerzeitalter mit seinen kalten Analysen von Schachzügen und Varianten ein Buch über ein fast einhundert Jahre zurückliegendes Turnier in die Hand zu nehmen, das von dem Geist eines großen Denkers durchdrungen und der Wärme des menschlichen Gefühls erfüllt ist!“ – Große Worte, die meine bescheidenen Empfindungen diesbezüglich untermauern können.
Der Hauch der Geschichte, der dieses Buch umgibt, wird unter anderem auch dadurch hervorgehoben, dass das Schriftbild und die Typographie dem Original aus dem Jahre 1909 absolut entsprechend wiedergegeben wurden – dem Leser wird also unmittelbar die Aura des frühen 20. Jahrhunderts präsent sein. Ich wünsche jedem Schachenthusiasten, der dieses Buch in die Hand nimmt, viel Freude und anregende Momente bei der Betrachtung, Analyse und beim eventuellen Nachspielen der 175 exzellenten Partien. Laskers Theorien, Analysen und Empfehlungen ließen mich jedenfalls gebannt und gespannt die Veröffentlichung verschlingen.

Danke an die Edition Olms AG für das kostenlose Rezensionsexemplar, an dem ich noch sehr lange Zeit meine Freude haben werde.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)