„Meine Partien gegen die Weltmeister“ – Vlastimil Hort

Aus der PSM Redaktion, geschrieben von Heinz-Willi Jansen am 07.07.2009
 Auf Amazon.de kaufenaus der Reihe: fritztrainer Weltklasseschach
Chess Base GmbH, Hamburg; ISBN 978-3-86681-103-4, Preis 29,99 Euro

Mit dieser DVD gehen die Hamburger Firma ChessBase und der deutsch-tschechische Großmeister Vlastimil Hort (geb. 1944 in Prag, 1986 Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft) einen völlig anderen Weg als den, den der/die schachwissbegierige Spieler/-in eigentlich vom Produzenten lehrreicher Schachsoftware erwartet hätte. Es handelt sich wider Erwarten nicht um ein Trainingsprogramm oder die messerscharfen Analysen zu diversen Eröffnungen oder typischen Schachbildern – nein, wir erleben hier Reminiszenzen pur, wir dürfen mit Hort in Erinnerungen schwelgen (zahlreiche davon auch außerhalb des Schachbretts), die er mit zehn Schachweltmeistern in seiner Schachlaufbahn erlebt hat.
Erlauben Sie mir bitte folgenden sicher despektierlichen Vergleich: wer leidenschaftlich gern Manns „Buddenbrooks“ oder Tolstois „Krieg und Frieden“ oder Pasternaks „Doktor Schiwago“ liest bzw. gelesen hat und diesen epischen Schwergewichten mit ganzer Seele verfallen ist, dem wird sicher auch diese Präsentation Horts gefallen. Aber was wird denn dem Interessenten nun in rund vier Stunden Videosequenzen geboten?
Zuerst einmal eine „kurze“ ca. 25-minütige Einleitung, in der uns Vlastimil Hort – ohne einen einzigen Zug auf irgendeinem Schachbrett zu unternehmen – erläutert, was ihn zu dieser Veröffentlichung veranlasst hat. Der Zuhörer spürt an dieser Stelle bereits ganz deutlich, dass die Zielrichtung der Software keinesfalls auf Lehre und Training liegt, sondern auf sehr emotionaler Schilderung liebenswerter Anekdoten, die Hort persönlich im Umgang mit zehn Schachweltmeistern am und um das Brett herum erleben durfte. Ich rede hier von Partien gegen Schachweltmeister, als da wären Tal (1963), Botvinnik (1968), Smyslov (1979), Petrosian (1972), Spassky (1981 u. 1985), Fischer (1970), Karpov (1971 u. 1981), sowie Kasparov (1988).
Leider gelingt es Vlastimil Hort meines Erachtens nur sehr unzureichend, auf die Besonderheiten und Feinheiten der jeweiligen Partien einzugehen. Er stagniert immer wieder, lässt Sätze unvollständig im Raum stehen, vermutlich weil ihm wieder ein emotionales Erlebnis im jeweiligen Spiel oder am Rande dieses Spiels blitzartig durch den Kopf gegangen sein mag. Das wirkt und klingt zum Teil recht atemlos und gehetzt und hat – zumindest mir – ein wenig den Spaß an der Betrachtung geraubt. Sehr schade und bedauerlich, da die präsentierten Partiebeispiele sicherlich mehr analytische Genauigkeit erfordert hätten, es handelte sich nämlich ganz bestimmt um schachliche Leckerbissen.
Wer allerdings weniger Wert auf Analysen und Lernfortschritte legt, dem kann andererseits mit dieser Software eine kleine Galerie von Schachweltmeistern geboten werden, die sich durch viele Details eines Augenzeugen (und das war Hort bei allen Beispielen) auszeichnet. Ich möchte das Werk daher als eine gewisse Form des Schachentertainments bezeichnen.
Systemanforderungen: Pentium-Prozessor mit 300 MHz, 64 MB RAM, Windows XP oder Vista, DVD-ROM-Laufwerk, Maus und Soundkarte.
Fazit: Wer epische Breite mit einer gewissen Atemlosigkeit liebt und dies mit klangvollen Namen der Schachwelt kombinieren will, dem kann ich diese DVD nahe legen – ich hingegen habe schon als Schüler Tolstoi, Pasternak, Dostojewski und Mann lieber im Regal stehen sehen als auf meinem Schreibtisch liegen und kann mich deshalb für die vorgestellte Veröffentlichung nicht sonderlich erwärmen. Aber das ist vermutlich mein ureigenstes Problem, Schachenthusiasten könnten von meiner Meinung sicherlich auch strikt abweichen.
Danke an ChessBase für das kostenlose Rezensionsexemplar.

Heinz-Willi Jansen
(stellvertr. Schulleiter an der Kath. Hauptschule Stadtmitte in Mönchengladbach)