| Sekundaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik | [P|S|M] |
Silke Brüser, Der Hitlerputsch im Spiegel der Unterweser-Presse - "Provinzialzeitung", "Nordwestdeutsche Zeitung" und "Norddeutsche Volksstimme"
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Die Hauptpersonen der folgenden
Episode "Der Hitlerputsch" stellen Ritter von Kahr, General Ludendorff, und
selbstverständlich der Anführer der Bewegung Adolf Hitler dar. In den
Nebenrollen finden sich General von Lossow, Ministerpräsident Boehner, der
Reichskanzler und Außenminister Dr. Stresemann, die Parlamente, die gesamte
restliche Bevölkerung und der französische Staatspräsident Poincaré, außerdem
diverse kämpfende Gruppierungen.
Die Handlung nimmt ihren Lauf
in München im Jahr 1923 unter den Begleitumständen einer miserablen
wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage der Weimarer
Republik.
Beginn der Vorgeschichte ist
der 27.01.1923, an dem der erste Parteitag der NSDAP (Nationalsozialistische
deutsche Arbeiterpartei) in München abgehalten wird. Wenige Tage später, am
08.02., verwandelt man den "Völkischen Beobachter" in eine
nationalsozialistische Tageszeitung, im März übernimmt dort Alfred Rosenberg die
Stelle des Schriftleiters. Dieses Blatt, Hitlers Reden und die in ganz
Deutschland verteilten Ortsgruppen brachten seine Ziele an die Öffentlichkeit
:
- Aufhebung der
Friedensverträge
- Zusammenschluß aller
Deutschen zu einem Großdeutschland
- Ausschaltung der
Juden
- Bodenreform
- Verstaatlichung der
Trusts
- Einziehung der
Kriegsgewinne
Seit Wochen schon sorgte die
rechtsradikale Partei für Unruhen und am 15.03. folgt darauf das erste Verbot
der NSDAP, Bayern allerdings lehnt dieses ab. Am 26.04. kommt es wieder zu
blutigen Zusammenstößen von SPD, KPD und NSDAP in der
Landeshauptstadt.
Am 02.09. gründet Erich
Ludendorff den "Deutschen Kampfbund", nachdem Hitler, der letztendlich die
politische Leitung übernimmt, zuvor am Deutschen Tag der Vaterländischen
Verbände in Nürnberg unter Beteiligung der SA vor 10 000 Menschen gesprochen
hat.
Die Antwort linker
Abwehrorganisationen folgt aus Dresden in einer 8000 Mitglieder starken
Versammlung gegen die "Hitlerbanden".
Leider verschlechtern sich die
wirtschaftlichen Bedingungen in diesem Spätsommer zunehmends, die Inflation
steigt an, separatistische Rufe werden laut und zu den Komplikationen im
Ruhrgebiet kommen welche in der Außen- und Reparationspolitik. Als Folge davon
gewinnt die NSDAP neue Anhänger.
Am 26.09. wird in Bayern der
Ausnahmezustand verhängt und hier kommt Dr. Gustav v. Kahr durch seine Ernennung
zum Generalstaatskommissar ins Spiel. Er fungiert seitdem quasi als Diktator.
Sofort erweitert Reichspräsident Friedrich Ebert den Ausnahmezustand auf die
ganze Republik. Am letzten Septembertag dieses Jahres finden in Bayreuth Märsche
von Hitlers Organisationen statt, dort trifft er Richard Wagners Schwiegersohn,
den Kulturphilosophen und Rassisten Houston St. Chamberlain.
Aus Empörung über den großen
Einfluß der SDP unter der Regierung Stresemann bricht Bayern am 18.10. seine
diplomatischen Beziehungen zu Sachsen ab,
weil dies wie Thüringen, ein
"linksgeleitetes" Land ist, in dem es oft kommunistische Unruhen gibt. Solche
treten allerdings ebenfalls im Rheinland und in Mitteldeutschland auf
("Deutscher Oktober"). Einen Tag später weigert sich v. Kahr, den "Völkischen
Beobachter" zu verbieten, der die Reichswehr angegriffen hat. So wird das Verbot
nun vom Reich erteilt, aber jetzt stellt sich der bayerische Wehrkreiskommandeur
General Otto v. Lossow quer, der führt das Verbot nicht aus. Aus diesem Grund
läßt die Reichswehr ihn seines Postens entheben, doch v. Kahr setzt ihn
kurzerhand wieder ein.
Als nächstes beansprucht die
bayerische Regierung das Kommando des bayerischen Teils der Reichswehr für sich.
Die Reichsregierung wird zwar von allen anderen Ländern unterstützt, doch der
Konflikt zwischen Bayern und Reich ist perfekt.
Die sowieso rechtsstehende
bayerische Regierung wird vom rechteren Kreis um Ludendorff unter Druck gesetzt.
Gefordert ist eine "nationale Erneuerung" und deswegen geht man, bzw. bayerische
Offiziere, zur Planung eines Marsches auf Berlin über, der am 24.10.
letztendlich doch nicht durchgeführt wird. Das Vorbild hierzu stellte Mussolini
in Italien und das Ziel war die Errichtung einer nationalen Diktatur. RP Ebert
reagiert gem. Art. 48 mit einer Anordnung für die Reichswehr zum
Eingriff.General Lossow befolgt diesen Befehl aber nicht und stellt sich lieber
unter das Kommando der Landesregierung. Interessant ist die Beobachtung, das
rechtsextremen Aktionen gegenüber wie dieser nachsichtig gehandelt wird, während
kommunistische Aufstände z.B. rigoros niedergeschlagen werden.
In diesem Moment sieht Hitler
seine Zeit für die Errichtung einer Ludendorff-Diktatur für gekommen. Er
versucht, v. Kahr, Lossow und Boehner für seine Pläne zu begeistern, im Hinblick
auf ihre eigenen Ziele halten sie sich aber zurück. Ungeachtet dessen will
Hitler den Putschversuch trotzdem durchziehen. Rosenberg berichtet
dazu:
"...Schließlich kam am 8.
November um 11.30 Adolf Hitler in mein Zimmer und sagte zu mir: Rosenberg, heute
abend geht´s los ! Kahr hält seine Regierungsrede, und da fallen wir alle im
Bürgerbräu ein. Wollen Sie mitkommen ? Ich antworte ihm: Selbstverständlich!
...Ungefähr um 7.45 Uhr erschien dann Adolf Hitler in meinem Zimmer. Er war
durchaus ernst und ruhig, wir setzten uns in seinen Wagen und fuhren zum
Bürgerbräukeller hinaus. Der ganze Saal war dicht gefüllt, der
Generalstaatskommissar sprach in monotoner Weise Von seinen Plänen und
Absichten. Hitler und ich standen am Eingang... Wir verharren weitere 10 Minuten
beim Anhören der Kahrschen Rede, als plötzlich die Tür mit einem großen Krach
aufgerissen und ein Maschinengewehr von Schwerbewaffneten in den Saal gerollt
wurde... Das war das Zeichen zum Losschlagen. Adolf Hitler und sein Begleiter
Graf, Dr. v. Scheubner, Richter und ich zogen unsere Pistolen aus der Tasche,
entsicherten sie und gingen zu viert, Adolf Hitler voran, unter lautloser Stille
zum Podium, auf dem der Generalstaatskommissar verstummt herumstand. Als Adolf
Hitler das Podium bestieg, brandeten erregte Worte zu ihm empor, auch Angstrufe
vom denen, die das Maschinengewehr in ihren Händen erblickt hatten, so daß der
Führer um sich Ruhe zu verschaffen, einen Schuß in die Saaldecke abgab. Dann
trat Ruhe ein. Adolf Hitler sprach in leidenschaftlicher Weise von der Mission
seiner Bewegung..."
So oder ähnlich muß es sich
zugetragen haben, wie die norddeutschen Zeitungen bestätigen. In der
Provinzialzeitung lautet die Überschrift am 09.11. "Die bayerische Regierung
durch Nationalsozialisten gestürzt". Dort wird berichtet, daß Hitler während v.
Kahrs Rede mit Männern in den Saal stürmt, Schüsse abgibt, um dann die Regierung
Knilling für abgesetzt zu erklären. Im weiteren stellt er die neue Regierung
vor, seine Vorschläge sind: Ludendorff wird Leiter der deutschen Nationalarmee,
Lossow Reichswehrminister, v. Kahr Landesvertreter, Boehner Ministerpräsident,
Seisser Reichspolizeiminister und er selbst würde die Leitung der provisorischen
Nationalregierung übernehmen.
Friedrich Ebert verliere auch
sein Amt. Knilling, Schweyer und weitere prominente Anwesende werden
eingesperrt. Im nächsten Augenblick fragt der Anführer nach dem Einverständnis
seiner Zuhörer, darunter viele Offiziere, die Antwort sei tobender Jubel. Die
Vorgeschlagenen erklärten sich in kurzen Ansprachen bereit, begleitet von "
[s]türmische[n] Heilsrufe[n]" ("Nordwestdeutsche Zeitung"), als Hitler v. Kahr
beglückwünscht. Des weiteren meldet die Zeitung, daß der Bürgerbräukeller von
600 Personen umstellt ist, außerdem seien sämtliche staatliche Gebäude in
München, z. B. Post und Bahn, in der Hand der provisorischen Regierung, (bzw.
den Kampftruppen "Reichsflagge" und "Oberland"), doch ansonsten sei Ruhe
eingekehrt und es gebe keine weiteren Zwischenfälle. Man ist sich nicht ganz
darüber im klaren, wie die Haltung von Reichswehr und Landespolizei
einzuschätzen ist, wobei man davon ausgeht, daß zumindest letztere zur
Hitler-Bewegung tendiert, sie besetzte das Telegraphenamt. In der "Norddeutschen
Volksstimme" ist zu lesen, daß die Landespolizei geschlossen auf Hitlers Seite
steht und die "Nordwestdeutsche Zeitung" schreibt in einem anderen Artikel, der
Umsturz sei mit Hilfe der Landespolizei gelungen.Es wird deutlich gesagt "Der
Umsturz in München [...] ist restlos geglückt" und nochmals darauf hingewiesen,
daß alles ruhig sei.("Provinzialzeitung")
Unter der Überschrift
"Reichspräsident und Kanzler an das deutsche Volk" wird in allen drei Zeitungen
Stellungnahme gegen den Putsch bezogen; Hitler und seine Gefolgsleute werden als
"bewaffnete Horde", "Hochverräter" und "Verblendete" dargestellt. Die Regierung
warnt vor ihm, wobei das magere Hauptargument lautet, er sei erst seit kürzerer
Zeit deutscher Staatsbürger ! Es wird auf die Gefahr einer Reichszerschlagung
hingewiesen, vor allem vor dem Hintergrund der außenpolitischen Bedrängnis. Der
"anmaßende" Putschversuch wird für "null und nichtig" erklärt. Sämtliche
Leistungen für Bayern würden vorerst eingestellt und der "Drahtverkehr" nach
München sei unterbrochen. Ebert überträgt Seedt (OHL Chef) den Oberbefehl über
die Wehrmacht (Grundlage: Art. 48) und der Reichsminister verordnet eine
"Presse-Zensur" ("Provinzialzeitung"), d.h. er verbietet die Verbreitung von
nichtamtlichen Nachrichten.
Im nächsten Artikel wird
beschrieben, daß die Regierung um 22.30 Uhr Meldung vom Putsch erhielt und
daraufhin um 00.00 Uhr eine Kabinettssitzung einberief.
Es gebe noch keinen genauen
Überblick und nach den Fraktionsverhandlungen sei mit Überraschungen zu rechnen.
Sie beteuert: "daß alle Maßnahmen für die Niederkämpfung des Putsches und die
Wiederherstellung der Ordnung getroffen sind und mit rücksichtsloser Energie
durchgeführt werden" (Provinzialzeitung). Auch hier drückt sich jede Zeitung
etwa gleich aus, nur die "Norddeutsche Volksstimme" stellt bestimmte Aussagen
ausdrücklich in Frage: "Für die Reichsregierung sind die Ereignisse in München
völlig überraschend (?????) gekommen." und: "Überraschungen in Berlin [...]
(???)".
Wiederum sind sich alle
Zeitungen einig in der Ansicht, daß man "einen stürmischen Verlauf der [ von der
Polizei gesperrten, überfüllten] Rahrversammlug" erwartet habe, doch sehr
verwundert sei, daß die Teilnehmer Adolf Hitler so schnell nachgegeben haben.
("Norddeutsche Volksstimme")
Ein weiteres Thema der
Zeitungen sind die Rollen von v. Kahr und Lossow. Unter der Überschrift "Die
erpreßte Zustimmung" berichtet die "Provinzialzeitung", daß v. Kahr selbst
Putsch-Gegner sei und nur mitgespielt habe, um Ludendorff und Hitler leichter
festnehmen zu können. Die Anordnung zu ihrer Verhaftung habe er gegeben. Genauer
geht das Blatt erst am nächsten Tag darauf ein. Die anderen Zeitungen geben an
diesem Tag nur v. Kahrs Erklärung wieder:
"Ich übernehme die Geschicke
Bayerns als Platzhalter der Monarchie, die vor fünf Jahren von Verbrechern
zerschlagen worden ist. Ich tue das schweren Herzens , und wie ich hoffe, zum
Segen unseres geliebten bayerischen Vaterlandes und des geliebten großen
deutschen Vaterlandes".
Vom Parlament meldet die
"Provinzialzeitung", daß es zu einer Einigung am Sonntag kommen werde und es
wahrscheinlich keine Änderung in der Innenpolitik geben wird. Frankreichs
Außenpolitik in bezug auf Deutschland werde sich ebenfalls nicht ändern, obwohl
eine Prüfung der Leistungsfähigkeit Deutschlands von einer Reparationskommission
durchgeführt wird (Art. 234). Aus allen ihren Artikeln vom 09.11. geht Abneigung
gegen Hitlers Tat hervor, denn eine "Zerreißung der Reichseinheit" bedeute
Unglück für ganz Deutschland. Dem Putsch wird insgesamt nur eine lokale
Bedeutung zugemessen.
Die Berichte der
"Nordwestdeutschen Volksstimme" sind energischer, ein wenig subjektiver verfaßt,
begleitet von Artikeln zum sozialistischen Umbau der Republik. Der Unterschied
im inhaltlichen Gehalt zu den anderen Zeitungen im Leitartikel ("Gegenrevolution
in München") ist unwesentlich, doch auf der zweiten Seite findet sich eine
auffallende Aufforderung an die "Partei- und Gewerkschaftsgenossen! Freunde der
Republik!", alle Mittel gegen die Hochverräter, die "Kahr-, Hitler- und
Ludendorff-Banditen" und ihre Helfershelfer einzusetzen. Man solle der
Gegenrevolution, welche die Zerstörung der Republik bedeute, mit "Einheit,
Geschlossenheit, Disziplin und Kampfbereitschaft" entgegen treten. (Dieser
Aufruf zum "Abwehrkampf" ist unterschrieben vom Unterbezirksvorstand der
Vereinigten SPD, der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände, dem
Ortsausschuß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes und dem Allgemeinen
Deutschen Beamtenbund.)
Zur Außenpolitik nimmt das
Blatt folgendermaßen Stellung: Es wird auf ein Eingreifen der Alliierten
gehofft, da sich der Putsch auf die demokratische Entwicklung in ganz Europa
auswirken könne. Eine Verständigung mit Poincaré hält man für "faktisch
unmöglich". Am Ende stehe ironischerweise in Aussicht, "daß Poincaré "der
Zerstörer aller aufeinanderfolgender demokratischen Regierungen in Deutschland,
in Kürze als der Retter der deutschen Demokratie auftreten werde"".
Am ausführlichsten äußert sich
die "Nordwestdeutsche Zeitung". In einem großen Artikel ("Der Umsturz in
Bayern") wird differenziert Stellung bezogen. Der Autor fragt sich, ob die
Führer der nationalsozialistischen Kreise "von allen guten Geistern verlassen"
seien, wenn sie "das e i n z i g e bißchen, was uns der 9. November 1918
gelassen, die Reichseinheit, [...] vernichten" müssen.
"Ohne das sind wir
verloren!"
Nach dieser Feststellung wird
analysiert, wie es dazu gekommen ist. Die Unruhen der Novembertage brodelten in
der Bevölkerung noch immer unter einer ruhigen Oberfläche, teilweise sei also
eine antidemokratische Haltung anzutreffen und die Rechte sei anhand dieser
Grundlage erfolgreich dabei, "das Elend der Zeit auszunutzen", wobei die
Mitgliederwerbung jedoch effektiver sei, als im Norden angenommen. Die größte
Schuld an der schlechten Situation Deutschlands tragen die "Sklavenketten von
Versailles".
Ein Zitat, das die Einstellung
des Autors und den einleuchtenden Schreibstil gut wiedergibt, ist dieses: "Man
rettet das deutsche Volk nicht durch Flintenschüsse im Versammlungsraum und
Proklamierung einer Regierung, die aus Leuten besteht, die politische Kinder
oder Eigenbrödler sind. Die Münchener nennen diesen Umsturz "nationale
Revolution". Ein ärgerer Mißbrauch ist mit dem Worte "national" noch nicht
getrieben worden, als es jetzt in Bayern der Fall ist. N a t i o n a l i s t , w
e r s i c h h e u t e i n d e n S t u n d e
n s c h w e r s t e r B e d r ä n g n i s
a l s t r e u e r S t a a t s b ü r g e r h i n
t e r d i e R e i c
h s r e g i e r u n g s t e l l t , der Verfassung und Gesetz die
Grundlage gegeben haben;"
National sei
außerdem,
- nicht Herrlichkeit zu
versprechen, sondern sich für die Existenz Dt. einzusetzen
- nicht die Armee zu verlassen
und später bei "klarer Luft" wieder zu erscheinen (, sondern " wie Hindenburg
bis zur letzten Minute [...] ausharr[en]")
Das einzige, was wirklich
wichtig fürs "Deutschtum" sei, ist Einigkeit. Die "Selbstzerfleischungssucht der
Deutschen" hätte nur eine Folge, nämlich die Unterstützung Frankreichs und der
"Wahnsinnspolitik" Poincarés. Die Deutschen –"von links bis rechts"- sollten
gemeinsam die "Brandung in Bayern" in "ruhigeres Fahrwasser"
geleiten.
Von der Außenpolitik wird
berichtet, daß Poincaré keine Diktatur, vor allem keine reaktionäre oder
militärische, in Deutschland dulde. Die französische Mitteilung "Frankreich
liegt es fern, sich in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einzumischen.",
wird mit einem Fragezeichen angezweifelt, da Frankreich eine Gefährdung des
Versailler Vertrages befürchten müsse und zwar nicht nur Frankreich, sondern
auch alle, die davon profitieren oder ihr Gebiet nach dem 1.Weltkrieg vergrößert
haben.
Es wird außerdem auf eine
"[n]ationalistische Verbrüderung" zwischen Bayern und Ungarn hingewiesen. In
Budapest sei ein rechtsextremer Abgeordneter festgenommen worden. Das Bündnis
"erwachende Ungarn", dem er angehöre, arbeite mit bayerischen Nazis zusammen,
mit dem Ziel einer Verbrüderung. Man plane einen Putsch in Ungarn.
Am Ende steht ein Schlußwort,
ein Zitat Hitlers, in dem er ein "Reich der Herrlichkeit" verspricht.
Einige Nebenartikel sind ganz
interessant, z.B. wird die furchtbare Hungersnot, gerade der Kinder, beklagt
("Folge der Politik Poincarés") und es gibt eine Forderung zu "[m]ehr Würde
gegenüber Ausländern!". Man beobachte "unflätige Bemerkungen", die grundlos
gemacht werden, "nur wegen fremder Sprache". Die Ursache dafür läge in der
Notlage Deutschlands, verstärkt durch außenpolitische
Schwierigkeiten.
Am nächsten Tag, dem 10.11.,
sieht die Welt folgendermaßen aus:
Zum Thema Ludendorff schreibt
die "PZ", seine Verwicklung müsse noch geklärt werden. Bis dahin wird gebeten,
sein "Urteil über die politische Betätigung dieser [...] hochverdienten
Persönlichkeit zurückzustellen". Nach seiner "ehrliche[n] Versicherung, nicht
mehr an der Bewegung teilzuhaben" sei er wieder aus der Haft entlassen worden.
Wohingegen die "NWZ" mitteilt, die ehrenwörtliche Versicherung gelte nicht in
dem Sinne, "daß er auf eine weitere Teilnahme an der völkischen Bewegung
verzichte. Er halte die völkische Bewegung allein für befähigt, eine wirkliche
Genesung Deutschlands und des deutschen Volkes herbeizuführen und werde sich ihr
weiter widmen". Das Blatt beteuert, "daß es uns weh tut, einen Ludendorff in der
Gesellschaft zu sehen, in der wir ihn jetzt in München fanden...".
Laut "PZ" haben sich v. Kahr
und Lossow "als Männer erwiesen", die ihre Ablehnung der Bewegung heute
öffentlich machen. Sie erklären ihre Stellungnahmen auf der Versammlung für
ungültig und weisen darauf hin, daß sie erpreßt worden sind. Sie hätten ihre
Zustimmung nur scheinbar gegeben, um Handlungsfreiheit zu erlangen und dann
Truppen und Polizei zu mobilisieren.
V. Kahr bezeichnet Hitlers
Aktion im nachhinein als "widerwärtigstes Verhalten",
" sinn- und ziellose[n]
Umsturzversuch" und "Verrat", der Deutschland in den Abgrund ziehe.("PZ") Er
läßt es sich allerdings nicht nehmen, die Wiedereinsetzung des nationalen
Gedankens und die Rückführung nationaler Wirtschaftsprinzipien zu
propagieren.(vgl. "PZ")
Die "NWZ" stellt sich ebenfalls
hinter ihn. Mit seiner Hilfe konnte man die Widersacher trotz ihrer "sehr
minderwertigen Revolverpolitik" im richtigen Moment festnehmen.
Selbstverständlich wird seine Distanzierung von der Bewegung abgedruckt,
wiederum unterlegt mit abwertendenden Bemerkungen und im nächsten Moment wettert
er über Frankreich und die Plünderungen auf deutschem Boden. Hitler und v. Kahr
hätten zwar die gleichen Ziele (!!), aber irgendwann mußten ihre Wege sich nach
Auffassung des Autors trennen. Das Blatt freut sich jedenfalls, daß v. Kahr
"wieder am Ruder" sei.
In einer "amtliche[n]
Darstellung des Putsches" wird in der "NWZ" dargelegt, daß die NSDAP, sowie ihre
Zeitschrift, aufgelöst und verboten ist. Die Staatsmacht liege vollständig bei
der Regierung, doch Knilling und einige andere werden vermißt.
Unter der Überschrift "Kurzer
Revoplutionsspuk in München" geht man in der "NWZ" auf Hitler ein, die
Bevölkerung wird vor seinen demagogischen Fähigkeiten gewarnt: "...deren Führer
sicherlich ein sehr gewandter und hinreißender Volksversammlungsredner, aber
kein Führer im wirklichen Sinne, noch weniger ein Politiker ist." ("NWZ"). Es
tauchen noch häufig der Begriff "Verrat" und die Bezeichnung "Streich
gewissenloser, kurzsichtiger Fanatiker" auf. Des weiteren wird darauf aufmerksam
gemacht, daß auch nur negative Kritik an der Regierung gefährlich sein kann (ich
würde sagen, wenn dadurch die demokratischen Repräsentanten das Vertrauen
verlieren und damit ihre Legitimität).
Außerdem soll Süddt. Keine
"Bismarck-Politik" betreiben und die Verkehrssperre ist aufgehoben worden, genau
wie der Presse-Erlaß. Die Reichswehr habe alle Gebäude befreit, der Putsch sei
"erledigt" und alles sei ruhig. Abgesehen von der Stelle bezüglich der
Bismarck-politik bestätigt das die "PZ": Gebäude und Bevölkerung seien auf
"rechtmäßiger Seite", die bayerischen Grenzen würden "aufs schärfste
kontrolliert". Ebenso sind sich beide Zeitungen darin einig, daß es auf beiden
Seiten acht bis zehn Tote gegeben hat. Hitler sei leicht verletzt worden und
entflohen.
Nun noch eine Zusammenfassung
der Position der "PZ"; unter der Überschrift "Das Notwendige" wird vermerkt:
Berlin solle "endlich der Lage Rechnung tragen!"; notwendig sei die "Bildung
einer entschieden bürgerlichen und entschieden nationalen Regierung", um ein
Ende des "Hin- und Hergegezerres der letzten Tage und Wochen" herbeizuführen.
Der Autor fordert den "Bau einer Brücke zwischen BVP und Stresemanns Partei",
wobei er von letzterer ein klares Statement erwartet. Er vertritt die Meinung,
daß die Politik im Allgemeinen erst einmal alles Trennende zurückstellen
soll.
Eine weitere Aussage ist, daß
andere Länder sich "heraushalten" sollen, wie auch die "ewige[n] Priester der
Formaldemokratie". ("PZ") Der ehemalige Polizeipräsident Boehner befindet sich
in Schutzhaft.
In einem amtlichen Bericht
dieser Zeitung werden Details aus der Vergangenheit bekannt gegeben:
Die ersten Besprechungen
zwischen Hitler, Ludendorff, Geißer und Lossow hätten damit geendet, daß Hitler
sich den anderen gegenüber loyal erklärt und verspricht, ohne Rücksprache nichts
zu unternehmen. Am 06.11. habe v. Kahr den Kampfbund und andere vaterländische
Verbände vor Putschen gewarnt, obwohl er sich jedoch ihren Zielen solidarisch
erklärte.
Was nun folgt, ist die
Ausleuchtung der Reaktion der Parteien.
Die "NWZ" berichtet, daß die
DNVP drei Dinge verlangt,
- den Rücktritt
Stresemanns,
- die Beilegung des
Bruderzwistes in Bayern und
- einen Abwehrkampf gegen
französische Erpressungsversuche.
In der "PZ" gibt es eine
Erklärung der Partei, in der es heißt, ihren Warnungen (hinsichtlich solcher
Unruhen wie z.B. einem Putsch) hätten sich bestätigt. Aus dem langen
"Hinschleppen der Regierungskrise" und dem langen Verbleiben Stresemanns, der in
nationalen Kreisen abgelehnt werde, seien "unheilvolle Explosionen" die logische
Folgerung. Um zu Glück und wirklichem Reichsfrieden zu gelangen, sei die Bildung
einer Regierung mit Vertretern der nationalen Kräfte erforderlich, das "Gebot
der Stunde". ("PZ")
Die DVP macht in der "NWZ"
"tiefste[r] Empörung über den verbrecherischen Staatsstreich" Luft und ruft die
Bevölkerung auf, "alles einzusetzen für die Einheit des Reiches und die
Aufrechterhaltung verfassungsmäßiger Zustände". Auch in der "PZ" spürt man
Entrüstung gegen den Putsch und hier gibt es ebenfalls den Aufruf.
Die SPD fordere keine
Änderungen. (vgl. "NWZ")
In der bremischen Bürgerschaft
findet eine Bekanntmachung des Senats, der DVP, SPD und Zentrum statt,
vorgetragen von Präsident Dunkel. Die "PZ" verweist vor allem auf die Treue,
Beschwörungen von Einheit und Verfassung und die Verurteilung der
Putschbeteiligten. Die "NWZ" beschreibt auch Aussagen, wie: vorher waren es die
Kommunisten, jetzt die Nazis; man hoffe, daß sie in Bremen keinen Boden für ihre
Aktivitäten finden.
Beide Zeitungen melden, daß
sich dieser Erklärung die DNVP die zwar gegen Versuche sei, das Reich
aufzusplitten, sich jedoch einen Kommentar zur Situation vorbehalten will,
solange keine gesicherten Nachrichten vorhanden seien und die KPD, die
anscheinend grundsätzlich alles angreift (vgl. "NWZ").
In den Fraktionsbesprechungen
des Reichstages ging es unter anderem um eine Ergänzung oder Erweiterung des
Kabinetts:
Die DVP gebe das Einverständnis
zur Bildung einer Regierung aller bürgerlichen Parteien, einschließlich DNVP.
Das Zentrum werde dies nur tun, wenn Stresemann im Amt bleibt, während die
Demokraten die DNVP nicht duldeten. Die DNVP selbst fordere – wie erwähnt – den
Rücktritt des RK. (vgl. "PZ")
Das Thema Frankreich kommt auch
nicht zu kurz. In der "PZ" kann man erfahren, daß Frk in der Demokratie die
Voraussetzung für Beziehungen zu Deutschland sieht. Man werde sich nicht
einmischen und momentan bestehe die einzige Verbindung zu Deutschland im
Friedensvertrag. Die "NWZ" gibt den Franzosen die Schuld daran, daß "der Ruf
nach Diktatur" erklinge; die Ursache sei die Unterdrückung. Natürlich stellt sie
sich weiterhin gegen französische Einmischung.
In dieser Zeitung befindet sich
ein Artikel darüber, wie die münchener Universitätsprofessoren zu dem Konflikt
stehen. Sie bedauerten das Zerwürfnis zwischen Bayern und dem Reich, treten für
die Verfassung ein und seien der Ansicht "jeder innere Streit [sei] ein Triumph
der Feinde". ("NWZ")
Im Gegensatz dazu reagiert die
Studentenschaft mit Demonstrationen und Versammlungen pro Hitler auf den Putsch,
wie am 11.11. zu lesen ist, auch kommt es zu einer Kundgebung gegen v. Kahr und
für Hitler und Ludendorff. Immerhin seien zumindest Reichswehr und Landespolizei
von einer Person in Schutz genommen worden. Man habe die Fenster der Redaktion
der "Münchener Neusten Nachrichten" zertrümmert. Insgesamt sei eine "erregte
Stimmung in den Volkskreisen" zu beobachten. (vgl. "NWZ")
Adolf Hitler befinde sich
derzeit mit 400 Anhängern in Rosenheim, alle von ihm eingesperrten Minister
hätten ihre Freiheit wieder.
Die englische Presse wundere
sich darüber, daß Ludendorff ein so guter Soldat, aber so ein schlechter
Politiker sei. Die "Times" berichte, daß dieses "Wirrwarr von Hunger, Krieg und
Revolution" keine Vorteile für die Alliierten darstelle und daß die Gefahr in
Deutschland noch nicht vorüber sei. Man bestehe auf die Einhaltung des
Versailler Vertrages. In Amerika verbreite sich die Ansicht, der abgewehrte
Putsch habe die Demokratie in Deutschland gefestigt. (vgl. "NWZ")
Das waren im Prinzip die
letzten Nachrichten über den Putsch. Es existiert nicht ein einziger Hinweis auf
den "Marsch auf die Feldherrenhalle", der am Morgen des 09.11. stattfand.
Hitlers Anhänger zogen zunächst durch die münchener Innenstadt, um dann vor der
Feldherrenhalle anzuhalten. Es war in dem Zusammenhang der letzte Versuch,
Entscheidungen zu erzwingen, doch vor der Halle mußte man unter Polizeifeuer den
Marsch abbrechen. Damit war der Putsch wirklich gescheitert; Adolf Hitler wurde
am 11.11. verhaftet. Trotz einer Verurteilung zu fünf Jahren Festungshaft in
Landsberg wird er 1924 schon nach acht Monaten entlassen. Diese Zeit nutzte er,
um den ersten Teil seines Buches "Mein Kampf" zu schreiben und die NSDAP wird
neugegründet.
Ich konnte leider aufgrund der
schlechten Kopien mit z.T. unlesbaren Artikeln nicht alles entziffern, aber wie
ich denke zeichnen sich aus der Darstellung des vorhandenen Materials doch
unterschiedliche Richtungen und Meinungen ab. Die "NVS" kann als sozialistisch
angesehen werden, die "PZ" als eher konservativ. Die "NWZ" ist als eine Spur
liberaler einzuschätzen, wobei anzumerken ist, daß sie gegen kommunistische
sowie rechtsradikale Republikfeinde schreibt, aber doch manchmal sehr
konservative Ansätze zeigt, z.B. wird ein v. Kahr mit hitler-ähnlichen Zielen
stark in Schutz genommen. Die geschickte Argumentation ist offenbar mit Vorsicht
zu genießen. Im Gesamtvergleich sind die Artikel dieser Zeitung am besten
geschrieben, auch die Gliederung ist sehr gut und im Informationsgehalt ist sie
ebenso nicht zu übertreffen. Zu heutigen Zeitungen unterscheiden sich alle drei
vor allem im Aufbau, ständig werden Informationen wiederholt: amtlich, privat,
Einzelberichte,...
Warum auf den "Marsch auf die
Feldherrenhalle" nicht eingegangen worden ist, kann man nur vermuten.
Möglicherweise wollte zu große Aufmerksamkeit darauf im Hinblick auf positiver
Werbung für rechte Ideologie verhindern - neun durch Schüsse der Polizei
getötete sind später als Märtyrer der nationalen Bewegung gefeiert worden - oder
der Marsch fiel in dem Rummel von Versammlungen u.ä. Unruhen einfach nicht
besonders auf.
Auffallend ist, daß durchgehend
die vorherrschende Ruhe in München betont wird, doch ein normalerweise
alarmierender Putschversuch ist in der Zeit anscheinend wirklich nichts
außergewöhnliches gewesen. Aber dennoch bleibt die Frage, ob die Geschehnisse in
der Stadt als ruhig gelten können (Demonstrationen, Schießerei, kleinere
Gewaltakte, REGIERUNGSUMSTURZ etc.). So beabsichtigten die Autoren
wahrscheinlich, die Bevölkerung zu beruhigen (und durch zu großen Pressewirbel,
Sympathie zu den Aufrührern entgegen zu wirken).
weitere Quellen:
H.Kinder,W.Hilgemann,
"dtv-Atlas zur Weltgeschichte"
Stark-Verlag, "Von der
Französischen Revolution bis Ende zweiter Weltkrieg"
Unterichtsmaterialien,
Referate
| | Schülerergebnis: Referat im Schuljahr 1997/98 Schulzentrum Carl von Ossietzky, Bremerhaven
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GM (digitale Edition) für psm-data 
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