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Das Thema bezieht sich auf die Plünderungen und
Streiks in den Unterweserorten Bremerhaven, Lehe und Geestemünde. Als
Sekundärliteratur wurden die Bücher "Die jüngere Geschichte
Bremerhavens" von Burchard Scheper und "Wirtschaft, Arbeit, Streik und
Aussperrungen in den Unterweserorten" von Rudolf Herbig eingesetzt. Für
Augenzeugenberichte und Namen habe ich die Norddeutsche Volksstimme (Ausgaben
28. Juni bis 3. Juli 1920) zur Rate gezogen.
Im Juni 1920 kam es auf Grund von
Lebensmittelteuerung zu schweren Unruhen in den Unterweserorten, wie es auch in
Hamburg, Stuttgart, Magdeburg und Worms der Fall war. Am 28.Juni 1920 stürmte
die Bevölkerung der Unterweserorte sämtliche Lebensmittel-, Schuhwaren- und
Bekleidungsgeschäfte. Es wurde sogar die Reichswehr hinzugezogen. Aber die
Auseinandersetzungen eskalierten so sehr, daß es auf der Seite von den Plünderern
eine Menge Verletzte und einen Toten gab.
Alles begann damit, daß nach dem 1. Weltkrieg
das Geld immer mehr an seinem Wert verlor. Ab 1914 herrschte ein richtiger
Wettlauf zwischen den Löhnen der Arbeiter und der Inflation, wobei die Tariflöhne
nicht mehr folgen konnten. Um ein Beispiel zu nennen, war die Inflation so groß,
daß Mitte 1922 private Druckereien Geld drucken mußten, da die stattlichen
Druckereien gegen den Anstieg der Inflation nicht mehr ankamen. Es wurden z.B.
auch vorhandene Geldscheine mit einem höheren Wert überdruckt. Im Juni 1914
hatte ein Dollar noch den Wert von 4,2 Mark. Aber am 14. November 1923 mußte für
einen Dollar 4.200.000.000.000 Mark ausgegeben werden (Das aber nur am Rande).
Da ja Geldentwertung mit einer Teuerung
gleichzustellen ist, war es für die Arbeitgeber nicht möglich, die Löhne von
den Arbeitnehmern so schnell an die Inflation anzupassen. So mußte die meisten
Personen der arbeitenden Klassen unter dem Existenzminimum leben.
Weil die Arbeitgeber nicht mehr ihren
Gewerkschaftsbeitrag zahlen konnten, hatten die Gewerkschaften kein Geld mehr
zur Verfügung. So war an Streiks gar nicht zu denken.
Sämtliche benötige Lebensmittel wurden
verteuert und die Preise der nicht benötigenden Dinge wurden reduziert, das
viel nicht weiter auf, aber die Kleineinkäufer mußten sehr darunter leiden.
Dies war nun einmal die gering verdienende Bevölkerung. Und so trieb der
Hunger, unter dem die Bevölkerung zu leiden hatte, die Menschen in
Verzweiflung. Durch die zu geringen Lebensmittelrationen und der zu geringen Sätze
der Arbeitslosenversicherung waren Demonstrationen, Unruhen und Ausschreitungen
die Folge.
Nach einer Besetzung des Leher Rathauses durch
Arbeitslose wurden Gefängnisstrafen von 4, 6 und 9 Monaten verhängt (Bis jetzt
benutzte Quelle : "Wirtschaft, Arbeit, Streik und Aussperrungen in den
Unterweserorten" von Rudolf Herbig ab Seite 277).
Nachdem es in den vorhergehenden Wochen in sämtlichen
Großstädten (Bremen, Hamburg, Duisburg, Magdeburg, Darmstadt, Oldenburg u.a.)
zu Plünderungen und Demonstration gegen die schlechten Arbeitsverhältnisse
gekommen war, brachen am Sonnabend, den 26. Juni 1920 in den Unterweserorten
auch Unruhen aus:
Ab 11 Uhr des 26. Juni 1920 kam es zu
Protestversammlungen gegen Teuerungen, die schlechte Versorgungslage und
Steuererhöhungen auf dem Wochenmarkt in Bremerhaven.
Einige Augenzeugen wollen auf dem Wochenmarkt
eine Herrn aus dem besseren Kreisen (Er trug einen hellen Sommeranzug, einen
Panamahut und einen Spazierstock mit einen "liberalen" Griff (Was
immer das auch sein soll)) gesehen haben, der zu den angesammelten Gruppen ging
und "zufällig" auf die Juden zu sprechen kam. Er war der Meinung, daß
die Juden Schuld an das Elend wären und das die Juden sowieso an alles Schuld hätten
(z.B. 1. Weltkrieg, an dem sie sich nebenbei auch noch bereichert hätten).
Der Mann hat damit argumentiert, das Deutschland
ohne den Juden besser dran wäre, daß in den jüdischen Kaufhäusern Waren in Hülle
und Fülle wären, und das diese Extra zurückgehalten werden, damit sie an den
Wucherein verdienen können.
Wenig später konnte die Polizei die Versammlung
friedlich auflösen (vgl. Norddeutsche Volksstimme).
Kurze Zeit später kam es dann zu Plünderungen
in Geestemünde, Bremerhaven und Lehe. Bevorzugt wurden Lebensmittelläden,
Schuhwarengeschäfte und Bekleidungsgeschäfte ausgeräumt.
Die Norddeutsche Volksstimme schrieb davon, daß
fast alle Geschäfte planmäßig ausgeräumt wurden. Es schien der Zeitung, daß
die Plünderungen organisiert wurden. Als erstes haben sich mehrere Menschen vor
dem betreffenden Geschäften, am Anfang jüdische Geschäfte, versammelt, dann
traten unbekannte Redner auf, die das Volk aufstachelte, die Läden auszuräumen
und darauf folgte der Sturm .
Zu dem Redner laß ich ein schönes Zitat in der
Norddeutschen Volksstimme, was ich dem Leser nicht vorenthalten möchte, obwohl
es in dem Zusammenhang nicht wichtig ist, aber daß das größte Problem des späteren
deutschen Reiches darstellt : "Leider wurde diesen unbekannten Aposteln nur
allzuwillig Gehör geschenkt, wie es ja heutzutage bedauerlicherweise eine alltägliche
Erscheinung ist, daß der größte Maulaufreißer immer willigere Ohren finden,
wie derjenige, der zur Ruhe und Besonnenheit mahnt".
Aber die Redner waren in der Sicht der
Norddeutschen Volksstimme die Juden und die Sozialdemokraten, die die ganzen
Unruhen anzettelten.
Leider weiß man bis heute nicht, wer die Hetzer
waren. Augenzeugen haben aber wieder den oben gesprochen Herren gesehen, als er
das Volk vor einigen später geplünderten Läden anstachelte (alles aus der
Norddeutschen Volksstimme).
Aber die meisten Ladenbesitzer wurden nicht im
klassischen Sinne bestohlen, sondern die Bevölkerung nötigte sie, die Waren
unter dem Preis zu verkaufen. Um ein Beispiel zu nennen, mußte der Verkäufer
eines Schuhwarengeschäftes Schuhe im Wert von 250 Mark für 50 verkaufen.
Die Polizei hat an diesem Tag Leute festgenommen,
die drei Anzüge übereinander trugen oder 10 paar Schuhe bei sich hatten, die
sie aber "Vergessen" hatten, zu bezahlen (aus "Wirtschaft,
Arbeit, Streik und Aussperrungen in den Unterweserorten" von Rudolf Herbig
ab Seite 277).
Einige Parteifunktionäre haben sich auf die Straße
gestellt und mit Reden versucht, die Bevölkerung zur Vernunft zu bringen. Sie
wurden aber nur ausgelacht und sie konnten froh sein, wenn sie den Tag ohne
Verletzungen überstanden (Norddeutsche Voksstimme).
Im Laufe des Nachmittags wurde die örtliche
Polizei machtlos, und so entschied der bremische Amtmann in Bremerhaven, Herr
von Seelen, die Reichswehr hinzuzuziehen. Angeblich hatte Kapitänleutnant Lüdjens,
der im 2. Weltkrieg Admiral und Flottenchef der deutschen Hochseeflotte wurde
und mit dem Kriegsschiff "Bismarck" untergegangen war, das Kommando über
die gegen 14 Uhr eingetroffene Reichswehreinheit.
Es kam zu Verhandlungen zwischen dem Amtmann von
Seelen und den Rädelsführern, der in der Norddeutschen Volksstimme
"Genosse Brandes" genannt wird, wobei der von Seelen anbot, daß Militär
abzuziehen, wenn die Plünderer nach Hause gehen. Aber die Plünderer weigerten
sich und die Reichswehreinheit wurde mit Maschinengewehren und scharfer Munition
bewaffnet. Gewehrschüsse fielen und am Ende des Tages lagen mehrere Menschen
mit Schußverletzungen im Krankenhaus, wobei eine Person seinen Verletzungen
unterlag. So konnte die Reichswehreinheit die "Bürgermeister Smidtstraße"
und die Straße "Am Hafen", zwischen "Hafenstraße" und
"Dorfstraße" "säubern". Unter dem Gewehrbeschuss wurde das
Angebot von Amtmann von Seelen angenommen. So zogen die Plünderer und die
Reichswehreinheit ab ( aus Norddeutsche Volksstimme).
Am nächsten Tag, Sonntag, den 27. Juni, rief der
Bürgerausschuß zu einer Versammlung im Bremerhavener "Tivoli" die
Bevölkerung auf. Bei der Protestversammlung nahmen ca. 2000 Menschen teil. Auf
der Versammlung wurde das Vorgehen der Plünderer, besonders sprach sich
Bankdirektor Brobst gegen das Vorgehen der Bevölkerung aus.
Das Kuriose an den Vorfällen des 26. Juni 1920
war, daß nicht nur die armen und Bedürftigen an den Plünderungen teilnahmen,
sondern auch die wohlbetuchte Arbeiterschaft. Augenzeugen wollen angeblich auch
eine bißchen besser gekleidete Dame zwischen den Plünderern gesehen haben. Die
bei den Unruhen anwesende Bevölkerung wurde damals als "leidender Pöbel"
bezeichnet. Die Arbeiter, die an den Unruhen teilgenommen haben, wurden
besonders kritisiert, da der Arbeiter ja sonst auch etwas von sich hält und das
er so etwas nicht nötig hatte. Außerdem war es anscheinend den Arbeitern
verboten, zu demonstrieren, denn nur die, die vom Profit leben, hatten
anscheinend ein Recht darauf.
Die Versammlung forderte ebenfalls, daß bei
einem erneutem Auftritt der Redner, die laut der Versammlung Juden und
Sozialdemokraten waren, diese festgenommen werden sollen (aus Norddeutsche
Volksstimme).
Außerdem haben die Behörden auch eine gewisse
Schuld, da sie es nicht zu den Unruhen hätte kommen lassen. Sie hätten den
Preisverfall nicht zulassen dürfen und an dem Beispiel der anderen Städte
waren die Folgen ja abzusehen (Beides Meinungen der Versammlung).
Letztendlich waren ja die gesamte Gesellschaft,
ob an den Unruhen beteiligt oder nicht, und besonders die Ladeninhaber die
Verlierer der Unruhen. Alle betroffene Läden meldeten einen hohen Verlust, der
auf ca. 10 Mio. Mark geschätzt wurden, und sämtliche konnten ihre finanziellen
Verluste nicht überstehen. Es wurde sogar später bekannt, daß das
Lebensmittelamt bestohlen wurde. So war die Nahrung, die für die besonders
Armen gedacht war, in den Häusern der Arbeiter verschwunden.
Aber die Geschäftsinhaber hatten ein Recht auf
finanzielle Entschädigung, die durch ein neues Reichsgesetz gewährleistet
wurde. So konnten sie Anträge auf einer Wiedergutmachung stellen, die geprüft
und dann angenommen wurde.
Die Armen waren betroffen, da durch die Verluste
der Geschäfte nichts mehr verkauft werden konnte und andere Geschäfte machten
aus Angst vor Plünderungen ebenfalls dicht. So war die Nahrungsmittelversorgung
nicht mehr gesichert.
Es wurde sogar eine Stelle in der Schillerstraße
eröffnet, in dem gestohlene Waren zurückgegeben werden konnte. Einige Händler
meldeten später, daß einige Personen die gestohlenen Waren zurückbrachten
oder den Betrag zahlten. Das ist zwar ziemlich fragwürdig, obwohl die Geschäftsinhaber
ihre "Peiniger" damals identifizieren hätten können, und die Behörden
mit Verhaftungen gedroht hatten, aber anscheinend mußten ja eine Menge Personen
ein schlechtes Gewissen gehabt haben (vgl. Norddeutsche Volksstimme).
Am 29 Juni 1920 wurde dann ein Prüfungsausschuß
von Kaufleuten und Arbeitnehmer gegründet, wo die Richtlinien für die zukünftigen
Richtpreise und Verkaufspreise für inländisches Obst und Gemüse in den
Unterweserstädte Bremerhaven, Geestemünde und Lehe festgelegt wurde (Aus :
"Wirtschaft, Arbeit, Streik und Aussperrungen in den Unterweserorten"
von Rudolf Herbig ab Seite 277).
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