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| Frankreich | 1789-1815 | [P|S|M] |
Unterrichtsentwurf: "Der Sturm auf die Bastille" - Gespaltene Erinnerung? (Autorin: Tanja König) |
1. Sachanalyse
Der besondere Stellenwert der Französischen Revolution gegenüber vorangegangenen Revolutionen zeigt sich deutlich in ihrem universalen, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassenden Neuerungsanspruch und in ihrem Bestreben einen kompletten Schlussstrich mit der Vergangenheit zu ziehen. Die Entstehung der modernen französischen Nation im freien Bekenntnis zu den Errungenschaften von 1789 (unveräußerliche Menschenrechte, bürgerliche Rechtsstaat, notwendige Kontrolle der Herrschaft) stand im Gegensatz zu dem vom fürstlichen Souveränitätsanspruch geprägten Europa und machte sie zu einer konkreten Bedrohung für die fürstliche Herrschaft.
(1) So kennzeichneten Unruhen, Aufstände und Revolutionen das ganze 19. Jahrhundert.
Doch auch innerhalb der freiheitlichen Bewegung kam es zu einem tiefen Gegensatz: In Frankreich war das Bürgertum politisch und materiell als der große Sieger aus der Revolution hervorgegangen. Im besitzenden Bürgertum der anderen Länder war die Furcht vor einer Fehlentwicklung revolutionärer Ereignisse groß. So grenzte sich diese Schicht des Bürgertums überall gegenüber Handwerkern und Arbeitern ab und versuchte, lange Zeit mit Erfolg, sie von jeglicher politischer Mitwirkung fern zu halten. Der kompromisslose Bruch mit der Vergangenheit scheiterte am Widerstand der (Land-)Bevölkerung
(2) und den rivalisierenden Revolutionären (radikale und bürgerliche Revolution). Das Ende der Revolution wurde durch die Ernennung Napoleons zum Konsul eingeläutet.
(3)
Die Revolution war die Geburtsstunde des französischen Nationalgefühls und weckte das Nationalgefühl anderer Völker, als aus den revolutionären Befreiern die napoleonischen Besatzer wurden. Im 19. und 20. Jahrhundert bestimmten Kriege gegen den äußeren und inneren Feind, in die der Einzelne immer tiefer hineingezogen wird, in denen letztlich der Unterschied zwischen Soldat und Zivilist aufgehoben scheint, die politisch-historische Bühne. Vor diesem Hintergrund wird die Bewertung und Einordnung der Französischen Revolution auch heute noch sehr kontrovers diskutiert, wie die Medienberichte zur 200-Jahr-Feier 1989 dokumentieren.
Die Revolution in Paris und in anderen Städten ist die zweite des Sommers 1789, ihr ging die Revolution der Abgeordneten in den Generalständen (Ballhausschwur) voraus, gefolgt von der Revolution auf dem Lande (Grand Peur). Die faktische Anerkennung der Nationalversammlung durch den König am 27. Juni konnte die Revolution nicht mehr aufhalten. Verantwortlich dafür waren:
- das Schwanken des Königs zwischen Anerkennung der geschaffenen Tatsachen, sowie der Unterstützung gegenrevolutionärer Maßnahmen
- die Teuerungskrise in Paris und ganz Frankreich
- die kollektiven Angstvorstellungen innerhalb der Bevölkerung vor einer Adelsverschwörung, die sich in Aktionen der "Gegengewalt" (politische Demonstrationen, Plünderungen, Suche nach Waffen und Munition) entluden.
In Frankreich ist der "Sturm auf die Bastille" eines der zentralen Kollektivsymbole, welches die Identität der Nation begründet und seit 1790 jährlich als Nationalfeiertag begangen wird. 1989 hielten Franzosen den "Sturm auf die Bastille" bei einer Umfrage für das wichtigste Ereignis der Revolution.
(4) Deutlich zeigt sich anhand von Augenzeugenberichten, Historien- und Ereignisbildern, dass der "Sturm auf die Bastille" von Beginn an im öffentlichen Bewusstsein der Menschen als ein herausragendes Ereignis empfunden wurde. Ihm liegt die implizite Vorstellung zu Grunde, ein Volk erstürmte die Gefängnisburg der Monarchie, und die Revolution des
einfachen Mannes von der Straße' beseitigte die Herrschaft des Königs. Dies jedoch entspricht keineswegs den heutigen historischen Erkenntnissen, sondern entspringt einer früh entstandenen historischen Legende
(5) , denn da die Mauern der Bastille die Höhe von 30 Metern besaßen und mit Kanonen bestückt waren
(6), hätte eine Erstürmung wenig Erfolg gehabt. So ging es bei der 'Erstürmung' nicht um die Befreiung von Gefangenen, sondern um die Beschaffung von Munition. Auch der Ablauf als ein blutreicher Sieg des Volkes stimmt nicht mit der historischen Wirklichkeit überein. Vielmehr war die Bastille zum Zeitpunkt der Ereignisse ein kaum belegtes Gefängnis, in dem die sieben Insassen den höheren Gesellschaftsschichten entstammten. Die ,Erstürmung' selbst vollzog sich lediglich in Form einer Übergabe durch den befehlshabenden Offizier der Bastille namens De Launay. Während der mehrstündigen Verhandlungen ließ er seine Soldaten sich zeitweise zurückziehen und dann wieder Schussgefechte mit den Belagerern führen. Schließlich schwankte De Launay zwischen der Möglichkeit einer Sprengung der Bastille und einer Kapitulation vor den Angreifern. Er entschied sich für letzteres und ließ die Tore öffnen. De Launay und einige seiner Soldaten wurden nach der Aufgabe der Bastille von der aufgebrachten Menschenmenge massakriert.
Diese Erkenntnis, dass es sich nicht um eine Erstürmung, sondern eher um eine "Inbesitznahme/ Übergabe" handelte, ist innerhalb der Geschichtswissenschaft schon lange bekannt, im öffentlichen Bewusstsein hingegen hat sie noch keinen "Einlass" gefunden. So wird in den Schulbüchern die Bezeichnung "Sturm auf die Bastille" nicht weiter
problematisiert.
(1) Die Regierungen schwankten zwischen gelegentlichen Zugeständnissen und brutaler Unterdrückung der freiheitlichen Bewegungen.
(2) Es kam zu Aufständen in der Vendée, als Männer für den Kriegsdienst zwangsrekrutiert werden sollten. Des Weiteren entfremdeten sich große Teile der streng katholischen Landbevölkerung von der Revolution, als diese sich von der katholischen Kirche löste (Zivilverfassung des Klerus).
(3) Durch seine Eroberungsfeldzüge verbreitete Napoleon die neuen Prinzipien wie Chancengleichheit, Abschaffung alter Privilegien, Säkularisation und ein fortschrittlich bürgerliches Gesetzbuch, den Code Civil. Gleichzeitig unterdrückte er jedoch Errungenschaften wie Volkssouveränität, Gewaltenteilung und Bürgerrechte.
(4) Reichardt, Rolf: Die Stiftung von Frankreichs nationaler Identität durch die Selbstmystifizierung der Französische Revolution am Beispiel der "Bastille". In: Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 3. F.a.M.: Fischer 1996, S. 138
(5) Legenden sind Erzählungen, die einen Sinnzusammenhang auf ungesicherter empirischer Grundlage vornehmen. Quellendefizite werden durch Fiktionen getilgt.
(6) Der Kommandant der Bastille setzte die Kanonen allerdings bis auf eine Ausnahme nicht ein.
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| Tanja König für psm-data |
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