| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik | [P|S|M] |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Drittes Reich | [P|S|M] |
Pressekommentar zum Hitlerputsch
|
"Es scheint, als
ob man in den Kreisen der Münchener Nationalistenführer von allen guten
Geistern verlassen sei, als ob man dort in einer unglaublichen Verkennung
unserer aufs ärgste gefährdeten innen- und außenpolitischen Lage eine Politik
einschlagen will, die das einzige bisschen, was uns der 9.November 1918
gelassen, die Reichseinheit, das von Bismarck so sorgsam gehütete Juwel,
vernichten muss. Ohne Reichseinheit aber sind wir verloren! In München, wo am
9.November 1918 die Monarchie gestürzt wurde und statt ihrer das Eisnerregime
eine Diktatur etablierte, die wahrlich nicht dem Empfinden des bayerischen
Volkes entsprach, gärt es schon lange. Zwar ist das Chaos der Novembertage von
1918 längst beseitigt, Recht und Ordnung sind wieder an ihre Stelle getreten;
aber der Funke ist doch die Jahre hindurch nicht zum Erlöschen gekommen, und
der gestrige Vorgang im "Bürgerbräu" hat den Beweis geliefert, dass
die Agitation der nationalistischen Kreise, die das Elend der Zeit ausnutzen
konnte, um Anhänger zu sammeln, stärker und intensiver gewirkt hat, wie wir
hier im Norden annahmen. Wir glaubten immer noch, dass die kühle Vernunft die
Oberhand behalten und die heute in München führenden Politiker von Schritten
zurückhalten würde, deren Wirkung heute noch unabsehbar ist, die aber verhängnisvoll
werden muss, sowohl für das Deutschtum, dem ja die rechtsgerichteten Kreise in
Bayern in erster Linie dienstbar sein wollen, als auch für die Einigkeit im
bayerischen und deutschen Volke.
Gewiss, die Bayern
haben seit dem unheilvollen Tage von Versailles, dessen Beseitigung sie ebenso
wie wir ersehen, schwer gelitten. Aber nicht nur Sie haben gelitten, das ganze
deutsche Volk, der Norden wie der Süden seufzt unter diesem Joch; und bei uns
ist der Gedanke, die Sklavenketten von Versailles abzuschütteln, die an dem
ganzen Elend, das über uns hereingebrochen ist, die Schuld tragen, nicht minder
stark als in Bayern. Aber wir sagen uns: Es hat heute keinen Zweck, den Mann im
Porzellanladen zu spielen - ehe das neue Fundament errichtet ist, auf dem wir
wieder aufbauen können. Die Erhebung Preußens war erst im gegebenen
weltgeschichtlichen Augenblick - 1813 - möglich; drei Jahre früher, ehe der
Korse nach Moskau zog, wäre sie nicht möglich gewesen. Jeder, der in Glanz und
Herrlichkeit lebt, auch Poincaré, steht einmal an der Beresina, wo die
Schicksalsbrücke versagt ... Dann ist der gegebene Augenblick. Man rettet das
deutsche Vaterland nicht durch Flintenschüsse im Versammlungssaal und
Proklamierung einer Regierung, die aus Leuten besteht, die politische Kinder
oder Eigenbrödler sind. Die Münchener nennen diesen Umsturz "nationale
Revolution". Ein ärgerer Missbrauch ist mit dem Worte "national"
noch nicht getrieben worden, als es jetzt in Bayern der Fall ist. National ist,
wer sich heute in den Stunden schwerster Bedrängnis als treuer Staatsbürger
hinter die Reichsregierung stellt, der Verfassung und Gesetz die Grundlage
gegeben haben; national ist, wer in den Tagen der Krise, die wir eben
durchmachen, der Verfassung die Treue wahrt; national ist nicht der, der in
Volksversammlungen der Masse Tage der Herrlichkeit verspricht, sondern der, der
in schweren, sorgenerfüllten Nächten dafür sorgt, dass das Deutsche Reich in
seiner Existenz ungefährdet bleibt. National ist nicht der, der in schweren
Stunden die Armeen verlassen hat und sich dann wieder hervorwagt, wenn die Luft
rein ist, sondern national ist der, der wie Hindenburg bis zur letzten Minute
bei denen, die draußen ihre Schuldigkeit taten, ausharrt.
Poincaré kann
lachen; der Teufel, der mit ihm im Bunde steht, hat ihm wieder einen Dienst
erwiesen. In demselben Augenblick, da Frankreich wegen seiner Wahnsinnspolitik
von der ganzen Welt die Isolierung droht, kommt ihm der Wahnsinn in Bayern, die
Uneinigkeit und die Selbstzerfleischungssucht der Deutschen zur Hilfe - zwei
Faktoren, die es Napoleon I. (nach dessen eigenem Geständnis) vor allem ermöglicht
haben, Deutschland in das Sklavenjoch zu zwingen.
Möge das deutsche
Volk - von links bis rechts - sich die Kraft bewahren, ungefährdet aus dieser
Brandung, die eben in Bayern tobt, in ruhiges Fahrwasser zu gelangen."
|
| Quelle:
Nordwestdeutsche Zeitung, 9. November 1923 |

|