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Primaerliteratur
20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik
[P|S|M]
Gustav Stresemann (Deutsche Volkspartei) - Ansprache des Reichsaußenministers vor der Reichskonferenz der Reichszentrale für den Heimatdienst am 28. Januar 1927
"Auch nach einer anderen Richtung hin bitte ich Sie die Dinge zu betrachten. Irgendeine Art kriegerischer Auseinandersetzung zwischen Polen und Deutschland wird von Deutschland nie begonnen werden. Was wir tun werden, ist, dass wir uns wehren, wenn Polen unsere Lebensinteressen verletzt. Aber wenn wir auf friedlichem Wege an den Verhältnissen, die heute dort bestehen, etwas ändern wollen, dann muss sich doch jeder darüber klar sein, dass das nur dann und erst dann möglich ist, wenn wir mit den westeuropäischen Mächten in einem Verhältnis stehen, dass wir ihrer Toleranz und Unterstützung sicher sind. (Zwischenruf: Sehr richtig!) Wenn heute jemand den Gedanken hätte, der ja so leicht einem in den Kopf schießt, um diese Dinge mit Polen kämpfen zu wollen, dann weiß ich einmal nicht, ob wir selbst diesen Kampf führen könnten, von allem abgesehen, was gegen den Krieg überhaupt spricht. Wir sollen nicht andere Nationen verachten. Es sind mit die besten preußischen Soldaten gewesen, die einst von den Freiheitskriegen an in diesen Provinzen gekämpft haben. Und wir leiden oft an einer Überschätzung. Aber davon abgesehen: Wenn Sie nicht eine Politik der Verständigung mit Frankreich führen, dann werden Sie in jedem Kampfe mit Polen Frankreich und Polen gegen sich haben und von links und rechts zermalmt werden. Deswegen ist es so töricht, zu sagen: Dieser Außenminister treibt nur Westpolitik, ist ganz einseitig, guckt nur nach dem Westen. Ich habe nie mehr an unsern Osten gedacht als in der Zeit, wo ich mit dem Westen eine Verständigung suchte. (Zwischenruf: Bravo!) Ich bin der Überzeugung, dass diese Landkarte von Europa mit der Abschnürung von Ostpreußen unmöglich ist, da0 man das einem Volke nicht zumuten kann, und an vielen Beispielen, auch von Franzosen und französischen Blättern, ist das zu belegen [...]. Man muss in der Beziehung auch lernen, dass die Dinge Zeit haben wollen. Ich glaube, Bismarck hat einmal gesagt, der Deutsche liebe es, wenn er Radieschen pflanzt, von Zeit zu Zeit die Erde aufzustechen, um zu sehen, ob sie bald herauskommen (Heiterkeit). Das fördert das Wachstum nicht. Wir müssen in unserer Politik ganz konsequent und methodisch vorgehen, mindestens in bezug auf das Zeitmaß, wenn nicht die Verhältnisse es anders gestatten. Was damals in jenen Oktobersonntagen in Locarno begonnen wurde, hat zum mindesten die Hemmnisse weit zurückgedrängt, die sich einer vernünftigen Auslegung des Friedensvertrages entgegenstellen. Der Mensch vergisst ja nichts so leicht wie überstandene Gefahren. Wenn erst die Revolution vorüber ist, ärgert sich der Berliner, dass der Verkehr am Potsdamer Platz nicht vollkommen geregelt ist. Das eine hat er vergessen, das andere ist zur Hauptsache geworden."



zit. nach: Krüger, P., Versailles, Deutsche Außenpolitik zwischen Revisionismus und Friedenssicherung. München 1986, S. 193f

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