| Primaerliteratur |
| 20. Jahrh. | Deutschland | Weimarer Republik | [P|S|M] |
Die Weltwirtschaftskrise im Spiegel der Presse, Das Finanz- und Handelsblatt der Vossischen Zeitung meldet am 26.Oktober 1929, Geldflucht aus New York
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| "Schon
bevor die drei Einschläge in Wallstreet am Montag, Mittwoch und
Donnerstag einsetzten, war eine verstärkte Abberufung der in New York
arbeitenden Gelder zu beobachten. Diese Bewegung stand noch in der vorigen
Woche einerseits unter dem Eindruck einer zunehmenden Geldverknappung an
den europäischen Geldmärkten besonders London und Paris, andererseits
einer immer stärkeren Verflüssigung für Tagesgeld in New York. Trotz
der Heraufsetzung der Rediskontrate in New York ist in Anbetracht der
bevorstehenden Erntefinanzierung in Amerika und der Entwicklung in Europa,
gewissermaßen systematisch, eine Verflüssigungspolitik in Amerika
betrieben worden, die sich erst vor wenigen Tagen noch in einer
Herabsetzung der Akzeptrate in New York äußerte, und die schließlich
ganz besonders in dem immer billigeren Tagesgeld zum Ausdruck kam. Inzwischen
aber dürfte die Flucht der europäischen Gelder aus New York noch größeren
Umfang angenommen haben. Sowohl die Entwicklung der Sterlingkurse gegenüber dem
Dollar, der bald den oberen Goldpunkt streift, als auch die anhaltende
Festigkeit des französischen Franken gegenüber New York und auch London zeigen
und verstärken den Abruf französischer und englischer Gelder aus New York,
aber auch die Abziehung französischer Gelder aus London. Die Stärkung der Bank
von England zeigt sich zunächst darin, dass sie jetzt schon fast das gesamte in
London zum Angebot kommende Gold aufnehmen kann, während man Golderschiffungen
[?] aus New York als bevorstehend rechnet. Der französische Franken liegt vorläufig
noch gegenüber London günstiger als gegenüber New York, so dass sich die
Goldbewegungen noch nicht zwischen New York und Paris, sondern erst zwischen
London und Paris auswirken können. |
Vergrößerung |
Obwohl sich noch
nicht übersehen lässt, inwieweit der Kurszusammenbruch an der New Yorker Börse
reinigend gewirkt hat und infolgedessen endgültig war, rechnet man doch
immerhin an den europäischen Börsen mit einer stärkeren Rückwirkung dieser
Vorgänge auf die hiesigen Geldmärkte. Es ist möglich, dass die
Bundesreservebanken, nachdem ihre Politik zunächst den gestrigen Erfolg hatte,
nunmehr eine Ermäßigung der Rediskontrate in New York erwägen, die in
Zusammenhang mit der Positionsreinigung in Wallstreet eine weitere Verflüssigung
zur Folge hätte, so dass nicht nur die europäischen Gelder aus New York nach
London und Paris zurückströmen werden, sondern auch wieder amerikanische
Gelder mehr zum Angebot kommen können. In der Tat sind inzwischen auch in
Berlin die außergewöhnlich hohen Sätze für Dollar-Leihdevisen etwas
heruntergegangen.
Die international
gedrückte Börsenlage prägt sich natürlich auch am hiesigen Geldmarkt aus.
Die gestrigen Zwischenbilanzen der Banken zeigen das wachsende Streben zur
[?]liquidität; die günstige Entwicklung des Reichsbankstatus, besonders das
neuerliche Ansteigen der Giroguthaben steht ebenfalls hiermit im Einklang. Es
ist typisch, dass sich der Zuwachs der Bankeinlagen im September ganz überwiegend
aus kurzfristigen Geldern zusammensetzt. Der Geldmarkt selbst hat seine vorübergehende
Anspannung [...] in der vergangenen Woche schnell überwunden: die Sätze für
Tagesgeld gingen in verhältnismäßig rascher Folge von 8 bis 10 pCt. auf 5%
bis 8pCt. herunter. Die Wirtschaft hat sich zeitig genug [...] vorbereitet, so
dass jetzt gerade der kurzfristige Geldmarkt ungewöhnlich flüssig erscheint, während
die länger befristeten Gelder keine bedeutenden Veränderungen zeigen. Das hängt
auch damit zusammen, dass der Geldbedarf der Börse infolge der bekannten
Stagnation immer weiter zurückgegangen ist und daher auch gestern der Satz
[...] mit 8 1/2 bis 9 pCt. um 1/2 pCt. niedriger festgesetzt werden konnte als
in der Septemberliquidation. Man schätzt, dass der Bedarf gegenüber September
um 30 bis 40 pCt. zurückgegangen ist, während sich andererseits das Angebot
vergrößert hat.
| | Quelle:
Vossische Zeitung Nr.256, 4. Beilage |
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GM
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