Thema: Theologische Anthropologie

Freiheit - Verantwortung - Schuld

Schuldbewußtsein und Schuldgefühl zählen zu den Grunderfahrungen des Menschen. Man kann sie nicht bloß als Ergebnis einer repres-siven1 Erziehung oder Triebunterdrückung erklären. Ebenso zählt die Sünde zu den Grunderfahrungen des Glaubenden. Man darf aus ihr nicht bloß einen Rest heidnischer Furcht vor dem Göttlichen machen wollen.

Unter Sünde verstehen wir also zunächst die Tat eines Menschen, der die ihm geschenkte Freiheit in vollem Wissen und mit voller Verantwortung mißbraucht. Sünde kann daher nur ein reifer und mündiger Mensch begehen. Sachlich meinen "Sünde" und "Schuld" deshalb dasselbe: die böse Tat. Nur weist das Wort "Sünde" darauf hin, daß sie sich gegen Gott richtet, während das Wort "Schuld" besagt, daß die Sünde aus einer persönlichen Entscheidung kommt. Deshalb ist auch nicht so sehr die einzelne äußere Tat als solche für den Grad der Bosheit auschlaggebend, vielmehr die in ihr vollzogene personale Entscheidung. Die eigentliche Sünde liegt im Herzen des Menschen.

(Aus: J. Feiner u. L. Vischer, Neues Glaubensbuch, Freiburg 1973, S. 322f)

------------------------------------------------------------------

Worterklärung:

1 repressiv: unterdrückend

------------------------------------------------------------------

Arbeitsaufträge:

1. Geben Sie den Kerngedanken des Textes wieder! Wie unterscheiden Die Autoren "Sünde" und "Schuld"?

2. Wie geht die moderne Gesellschaft mit Schuldbewußtsein und Schuldgefühl - den "Grunderfahrungen des Menschen" - um?

3. Worin sieht die biblische Erzählung von Gn 3, 1-24 die Ursache allen Unheils? Inwiefern haben "in Adam alle gesündigt"?

4. Beschreiben Sie die Anlage, Entfaltung und Bedeutung des Gewissens!