Thema: Freiheit - Verantwortung - Schuld
Theologische Anthropologie
Text A:
Wenn es wahr ist, daß der Mensch weltoffen ist, daß er durch Aus-senereignisse in seinem Verhalten bestimmbar ist, wenn es wahr ist, daß er in seinem Instinktbereich verarmt und verunsichert ist, dann wird die Verführbarkeit zu einem der Hauptmerkmale. Und nun ist bekanntlich diejenige Instanz, die Direktiven und Stabili-sationskerne im Menschen setzt, die Moral, deren Sinn darin be-steht, die Sicherheit und Unzerstörbarkeit des Verhaltens auf einer gegenseitigen Vertrauensbasis zu garantieren. Dabei hat sich nun aber gezeigt, daß die Institutionen einer Gesellschaft, ihre Einrichtungen, Gesetze und Verhaltensstile, daß die stehenden Formen ihres Zusammenwirkens, wie sie als wirtschaftliche, politische, soziale, religiöse Ordnungen vorliegen, als Außenstützen, als Halt gebende Verbindungsstücke zwischen den Menschen funktionieren, daß sie erst die Innenseite der Moral zuverlässig machen.
(Arnold Gehlen, Zur Geschichte der Anthropologie, in: Anthropologische Forschung, Hamburg 1961, S. 23 f; gekürzt und leicht redi-giert)
Text B:
Gehlen verallgemeinert ein historisch frühes Stadium menschlicher Entwicklung, in dem die überpersönliche Gewalt archaischer Institutionen die Instinktunsicherheit auf der höheren Ebene des willkürlichen, erlernbaren Verhaltens auszugleichen scheint. Unversehens wird das, was für primitive Kulturen sehr wohl gelten mag, der menschlichen Natur schlechthin zugerechnet; so entsteht der Anschein, als sei der Mensch auf Repression angewiesen, ein für alle mal; aus der Natur des Menschen entspringt die Notwendigkeit einer autoritär verfaßten Gesellschaft... Gewiß, der Mensch muß sein Verhalten lernen. Aber wie es Verhältnisse gegeben hat und gibt, unter denen Institutionen jener Art als Lehrmeister unabdingbar sind, können doch andere Verhältnisse geschichtlich ebenso möglich und vielleicht schon wirklich sein, unter denen der Mensch in dem Maße, in dem er Triebenergien sublimiert und sich selbst gleichsam in die Hand bekommt, gerade unabhängig wird von den großen "Zuchtsystemen", deren Gewalt und Würde Gehlen für unveräußerlich hält.
(Jürgen Habermas, Art. Anthropologie, in: Fischer Lexikon Philosophie, Frankfurt 1958, S. 33, leicht redigiert)
Arbeitsaufträge:
1. Formulieren Sie die zentrale Aussage Gehlens (Text A) mit eigenen Worten! Welches Konsequenzen stecken in Gehlens Aussage bezüglich jeder Erziehung?
2. J. Habermas (Text B) widerspricht der pessimistischen Sicht des Menschen durch Gehlen. Wie argumentiert Habermas?
3. Beide konträren Auffassungen schreiten von Teilaspekten zu Gesamtaussagen über den Menschen fort. Welche methodische Grenze wird am Beispiel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Deutung der Instinktunabhängigkeit des Menschen offenkundig?