Thema: Theologische Anthropologie
Freiheit - Verantwortung - Schuld
Ich brauche nur bei mir selbst anzufragen über das, was ich tun will: Alles, was ich als gut empfinde, ist auch gut, alles, was ich als schlecht empfinde, ist auch schlecht... Allzu oft trügt uns die Vernunft, ... aber das Gewissen trügt uns niemals; es ist der wahre Führer des Menschen, es ist für die Seele, was der Instinkt für den Körper ist. Wer ihm folgt, gehorcht der Natur und braucht nicht zu fürchten, daß er den rechten Weg verfehlt...
Es gibt im Grunde der Seelen ein eingeborenes Prinzip von Gerechtigkeit und Tugend, nach welchem wir unseren eigenen Vorurteilen zum Trotz, unsere wie die fremden Handlungen beurteilen, und diesem Prinzip gebe ich den Namen: Gewissen...
Gewissen! Gewissen! Göttlicher Instinkt, unsterbliche, himmlische Stimme; sicherer Führer eines unwissenden und beschränkten, aber vernünftigen und freien Wesens; unfehlbarer Richter über Gut und Böse: du machst den Menschen Gott ähnlich! Du gibst seiner Natur Erhabenheit und seinen Handlungen Sittlichkeit; ohne dich fühle ich nichts in mir, das mich über die Tiere erhöbe, als den traurigen Vorzug, mit Hilfe eines Verständnisses ohne Regel, einer Vernunft ohne Prinzip von Irrtum zu Irrtum zu taumeln.
(J. J. Rousseau, Emile, 4. Buch (Hg. E. Faguet), Collection Nelson II)
Arbeitsaufträge:
1. Fassen Sie die Aussage J.J. Rousseaus mit eigenen Worten zusammen und ordnen Sie diese in die philosophische Lehre Rousseaus ein!
2. Durch welche Menschen, Mächte und Ereignisse wird unser Gewissen geprägt? Erklären Sie, was unter Gewissensbildung verstanden wird!
3. Nehmen Sie Stellung zu Rousseau Aussagen, das Gewissen ist "unsterbliche, himmlische Stimme; sicherer Führer ...; unfehlbarer Richter"!