Thema: Theologische Anthropologie

Freiheit - Verantwortung - Schuld

Johann Gottfried Seume (1763-1810) reist 1801/02 zu Fuß von Leipzig nach Syrakus. Während Goethe auf seiner Italienreise (1786-1788) Selbstbildung und Selbstfindung suchte, hatte Seume ein offenes Auge und Ohr für die sozialen, ökonomischen und politischen Mißstände des Landes, unter denen die Menschen schwer litten. Unter dem Eindruck des sozialen Elends seiner Gegenwart schrieb er:

Ich kann mir nicht helfen..., ich muß es dir gestehen, daß ich den Artikel von der Vergebung der Sünden für einen der verderblichsten halte, den die Halbbildung der Vernunft zum angeblichen Troste der Schwachköpfe nur hat erfinden können. Es ist der schlimmste Anthropomorphismus, den man der Gottheit andichten kann. Es ist kein Gedanke, daß Sünde vergeben werde; jeder wird wohl mit allen seinen bösen und guten Werken hingehen müssen, wohin ihn seine Natur führt. Eine mißverstandene Humanität hat den Irrtum zum Unglück des Menschengeschlechtes aufgestellt und fortgepflanzt. Und nun wickeln die Theologen so fein als mögliche Distinktionen herum, welche die Sache durchaus nicht besser machen. Was ein Mensch gefehlt hat, bleibt in Ewigkeit gefehlt. Es läßt sich keine einzige Folge einer einzigen Tat aus der Kette der Dinge herausreißen. Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur selbst gegeben, und die Herrscherin Vernunft soll sie durch ihre Stärke zu leiten und zu vermindern suchen.

(Seume, Spaziergang nach Syrakus, 1803)

Arbeitsaufträge:

1. Geben Sie den zentralen Gedanken des Textes wieder und zeigen Sie Motive, die Seume bei seiner Aussage leiteten?

2. Was meint die christliche Lösung/ "Erlösung" von Schuld wirk-ich?

3. "Was ein Mensch gefehlt hat, bleibt in Ewigkeit gefehlt." Welcher Denker der Moderne lehrte dies auch? Stellen Sie seine Philosphie dar!

4. "Es läßt sich keine einzige Folge einer einzigen Tat aus der Kette der Dinge herausreißen." In welchen Weltreligionen finden Sie diesen Gedanken?