Thema: Theologische Anthropologie

Freiheit - Verantwortung - Schuld

Zum komplexen Verständnis der Erschaffung des Menschen gehört, daß Gott seinem Geschöpf den Auftrag zur Arbeit gibt; er gibt ihm den Auftrag, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Mit den beiden Verben "bebauen und bewahren" meint der Erzähler zunächst die Arbeit des palästinensischen Bauern, aber man kann auch alle mensch-liche Arbeit unter diesen beiden Aspekten sehen. Die Voraussetzung dieses Auftrages ist, daß dem Menschen der Garten und dann die Erde anvertraut ist, aus ihr Erträge zu gewinnen und zugleich die Erde, das Land, den Acker als den Spender dieser Erträge zu behüten und zu bewahren. Wo Erträge aus der Erde gewonnen werden, ohne daß zugleich die Erde als der Spender der Erträge behütet und bewahrt wird, liegt Raubbau vor, der sich auf den Auftrag Gottes keinesfalls berufen kann. Denn nichts anderes ist gemeint mit der Formulierung der Priesterschrift, in der der Mensch zum Herrschen über die übrigen Kreaturen und damit auch zum Herrscher über die Erde eingesetzt wird.: "... macht euch die Erde untertan!" Denn "herrschen" ist hier nicht im Sinn willkürlicher Machtausübung gemeint. Das wäre ein verhängnisvolles Mißverständnis dieses Herrschaftsauftrages. Es ist dabei vielmehr an die für die antike klassische Form der Herrschaft, die Königsherrschaft, gedacht. Sie bedeutet die volle Verantwortung des Herrschers für das Wohlergehen des ihm anvertrauten Volkes und Landes. Wenn der König nicht imstande ist, das Wohl der ihm Anvertrauten zu bewirken und zu garantieren, dann hat er seine Herrschaft verwirkt. Wenn man sich also in dem gegenwärtigen Gespräch über eine skrupellose Ausbeutung der Kräfte unserer Erde auf die Herrschaftsübertragung in der Schöpfungsgeschichte beruft, so ist das im Text nicht begründet; jede Form von Ausbeutung der Erde ist Verachtung des Auftrages Gottes.

(Claus Westermann, Theologie des AT in Grundzügen, Göttingen 1978)

Arbeitsaufträge:

1. Geben Sie die Hauptgedanken des Textes wieder!

2. Wie wird in Gn 1 die Sonderstellung des Menschen begründet? Vergleichen Sie die Ergebnisse mit den Aussage über den Menschen in Gn 2!

3. Worin liegt die Bedeutung der anthropologischen Aussagen von Gn 1 für die Diskussion über die Menschenrechte und über den Umgang des Menschen mit der Natur?