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Bolleter: Bilder und Studien von einer Reise nach den Kanarischen Inseln.

Dr. E. Bolleter:
Bilder und Studien
von einer Reise nach den Kanarischen Inseln (1910)

Kapitel 7: Arabische Kunstdenkmäler in Südspanien.

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Was Neapel für Italien, das sind Granada und Sevilla für Spanien. Von jenen heißt es: Vedi Napoli e poi mori! Die Andalusier sagen: Quien no ha visto Sevilla, ho ha visto maravilla (wer Sevilla nicht gesehen, hat noch kein Wunder gesehen), und Quien no ha visto Granada, no ha visto nada (wer Granada nicht gesehen, hat nichts gesehen). Wenn der Spanier diese Städte besuchen kann, ist sein höchster Wunsch erfüllt.

Wohl ist Andalusien die reichste Provinz der iberischen Halbinsel; endlose Grasfluren, auf denen die Rinderherden in steter Wildheit sich selbst überlassen bleiben, ausgedehnte Steppen, Ölbaumwälder, Baumwoll- und Zuckerrohrfelder, fruchtbare Rebgelände, wasserreiche Ströme, das Meer, die schneebedeckte Sierra mit ihren mineralischen Schätzen - alles, was die Natur zu schaffen vermag, findet sich hier vereinigt. Und doch ist es eher etwas anderes, was den heißblütigen Spanier nach Süden lockt. Es ist der geheimnisvolle Zauber einer vergangenen, glänzenden Kultur, die einst so hoch war, daß sich die Blicke des gesamten Abend- und Morgenlandes nach Südspanien richteten. Erst die Araber haben das Land in einen blühenden Garten verwandelt. Weithin war das Tal des Guadalquivir übersäet mit Schlössern, Villen und Lustsitzen der Kalifen und Großen; allerorts ragten die schlanken Minarets und schön geformten Kuppeln der Moscheen aus dem Häusermeer der volkreichen Ortschaften empor. Die Schriftsteller der damaligen Zeit sind des Lobes voll; sie preisen die arabischen Bauten als unvergängliche Meisterwerke und rühmen die Pracht der Auschmückung mit Gold und Silber, Marmor und andern edlen Gesteinen, Säulen und Bildwerken, Springbrunnen und Seen in überschwenglichen Worten. Leider sind die Stürme der Zeit über diese Zauberstätten hingegangen; wilde Berberhorden bezeichneten ihren Weg mit Brand und Zerstörung, und fanatische Christenscharen rissen nieder, was übrig war. Die Bibliotheken, die Hunderttausenden von Bänden zähltten, wurden zerstreut oder den Flammen preisgegeben; die Orte, die der Sammelpunkt der Wißbegieriguen aus allen Ländern, aus Europa, Asien und Afrika, waren und in denen Hunderten von hochgelehrten Männern aller Religionen arm und reich unentgeltlich unterrichteten, sindzu unbedeutenden Provinzialstädten herabgesunken. Noch aber stehen einige wenige Zeugen der untergegangenen Wunderwelt da und bilden alljährlich das Wallfahrtsziel Tausender von schönheitsdurstigen Reisenden, welche sich in die Linienmusik der arabischen Kunst versenken. Die berühmtesten dieser Bauten sind die Moschee von Cordoba, die Giralda in Sevilla und die Alhambra in Granada, zugleich Vertreter der drei Perioden, in welche man die arabische Baukunst in Europa einzuteilen pflegt.

Die Moschee von Cordoba steht unmittelbar am Ufer des Guadalquivir. An ihrer Stelle war zur Römerzeit ein Janustempel, welcher unter den Westgoten im 5. Jahrhundert einer christlichen Kirche Platz machte. 250 Jahr später wurde Cordoba von den Arabern erobert. Sie beließen das Gebäude den Christen, nahmen aber die Hälfte für ihren eigenen Gottesdienst in Anspruch. Abderrahman I., der erste Kalif von Cordoba, kaufte ihnen die Kirche für 10 Millionen Franken ab, ließ sie niederreißen und begann 785 den Bau der Moschee. Dieselbe sollte den Gläubigen in Spanien zum religiösen Mittelpunkte werden und den Pilgerstrom von Mekka nach Cordoba lenken. Als Vorbild für dieselbe diente die Moscheeform des Orientes: ein hallenumgebener Hof. In der Richtung gegen Mekka hin findet sich jeweils eine Nische, der Mihrab; da die Gläubigen beim Gebete vor demselben zusammenströmen, ist hier eine weitere Halle nötig. Der offene Hof enthält einen oder mehrere Brunnen für die Abwaschungen, welche der Koran vorschreibt. Ein wichtiger Bestandteil der Moschee ist das Minaret,

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In der Moschee von Cordoba.

ein Turm, von dessen Höhe der Gebetsrufer oder Muezzin zu bestimmten Stunden den Ruf zum Gebete erschallen läßt. Das Dach der gedeckten Hallen ruht stets auf Säulen; im Tempel von Medina, den Muhamma selbst anlegte, wurde es von Palmstämmen getragen, die demnach das Urbild der Säulen darstellen.

Die Moschee Abderrhamans bedeckte nur den 5. Teil der Fläche, den der jetzige Bau einnimmt, und wies auf der Mihrabseite 10 Säulenreihen auf mit 11 Längs- und 12 Querschiffen. Eine kurze Verlängerung des mittlern, breitern Langschiffes über die Umfassungsmauern hinaus diente als Gebetsnische. Die Säulen waren meist römischen Ursprungs; sie stammten teils aus den Ruinen von Cordoba und Umgebung, teils wurden sie aus weiter Ferne herbeigeschafft: aus Südfrankreich, Karthago und Konstantinopel, von wo der Kaiser Leo 140 als Geschenk sandte. So kommt es, daß die Säulen verschiedene Maße, Stile und Gesteinsarten aufweisen, Marmor, Granit, Porphyr, Jaspis, buntsprenklige Breccien, selbst Schwefel usw. Ebenso verschieden sind die Kapitäle, von denen nur ein Teil von arabischen Steinmetzen herstammt. Die Säulen sind 3-4 m lang; um eine übereinstimmende Höhe zu erhalten, hat man viele in den Boden eingelassen oder durch Unterbauten erhöht. Auf ihnen ruht ein ebensolanger, viereckiger Pfeiler; je zwei sind durch doppelte Hufeisenbogen verbunden. Der Fußboden war nicht mit Ziegelplatten wie jetzt, sondern mit reichem Mosaik belegt. Diese Säulen Pfeiler und Bogen trugen die mit Gold und Rot bemalte und mit Schnitzwerk verziete Decke, die aus dem äußerst dauerhaften Holze einer afrikanischen Fichte hergestellt war. Die Balken, die in der Moschee aufbewahrt werden, zeigen, daß es heute noch so gesund und heil ist wie vor mehr als 1000 Jahren. Die Wände waren mit Marmorplatten bekleidet, die eine vielfältige Skulptur aufwiesen; oben zogen sich zahlreiche Fenster hin, welche ein dämmeriges Licht verbreiteten.

Im Laufe des 9. Jahrhunderts wurde die Moschee von verschiedenen Herrschern vergrößert und verschönert; denn der anfängliche Bau genügte der durch Einwanderer aus Syrien, Arabien und Afrika stammenben Bevölkerung nicht mehr. Abderrahman II. fügte 7 Querschiffe, also weitere 77 Säulen, hinzu und errichtete einen neuen Mihrab. Ferner erstellte er eine Maksura, einen für den Kalifen und seinen Hof bestimmten, durch ein Holzgitter abgesperrten Raum. Eine Tür in der Südwand führte in einen unterirdischen Gang, welcher die Moschee mit dem Palaste, dem Alcázar, verband. Abdarrahman III., unter dessen Regierung das Kalifat seine höchste Blüte erreichte, erbaute an Stelle des 780 durch ein Erdbeben beschädigten Minarets ein neues. Die Schriftsteller der Zeit rühmen die Schönheit deises herrlichen Gebildes. Auf der Spitze über dem Pavillon des Gebetsrufers waren drei große metallene Granatäpfel angebracht, einer aus Silber, zwei von lauterem Golde; sie funkelten weithin im Glanze der andalusischen Sonne.

Die schönste Erweiterung der Moschee verdanken wir Alhakem II. Indem der abermals 14 Querschiffe hinzufügte, vergrößerte er das Gebäude auf das Doppelte des früheren Umfangs. Da dies in der Richtung gegen Mekka geschah, mußte er einen neuen Mihrab erbauen; es ist derjenige, den wir heute noch bewundern. Es ist ein kleines, kapellenartiges Siebeneck, dessen Heiligkeit durch eine Vorhalle mit zwei Seitenräumen besonders hervorgehoben wurde. Sie umfaßten 2 Quer- und 7 Längsschiffe, deren Säulen durch mannigfaltiger gestaltete Hufeisenbogen unter sich verbunden waren. Eine überaus reiche Ornamentik in Marmor und Terrakotta gestaltet die Außenwand des Mihrab zu einen herrlichen Gebilde. Der Eingang zum Allerheiligsten, der Gebetsnische, wird durch einen Bogen in der Mauer gebildet, welcher von marmornen Säulchen getragen wird. Goldene Inschriften leuchten uns aus rotem und blauem Grunde entgegen; unentwirrbare geometrische Muster wechseln mit herrlichen byzantinischen Pflanzenmotiven. Der Fußboden der Nische besteht aus weißestem Marmor, ebenso die Wand bis zur Gürtelhöhe; dann folgen Marmorsäulchen mit vergoldeten Kapitälchen, auf welchen anmutige, dreiteilige Zackenbogen ruhen; eine riesige Marmormuschel bildet nach weiteren Ornamentbändern den Abschluß. Dieser Mihrab gilt wegen seiner reichen Ornamentik und seiner Material- und Farbenpracht allgemein als eines der größten Wunder der Kunst. Zu seiner Ausschmückung hatte der griechische Kaiser aus Konstantinopel zahlreiche Arbeiter und 320 q. Mosaiksteinchen geschickt. - Im östlichen Seitenraum der Vorhalle stand ein auf Rädern ruhendes prächtiges Pult, der Mimbar, mit dem Koran des Kalifen Omar, des zweiten Nachfolgers des Propheten. Das Pult war aus kostbaren Holzarten, Eben- und Sandelholz, gearbeitet und mit eingelegtem Perlmutter und Elfenbein geschmückt. Das Buch soll so schwer gewesen sein, daß zwei Männer zur Hebung desselben erforderlich waren.

Es ist begreiflich, wenn die Moschee nunmehr für die größte und bewundernswerteste in allen Ländern des Islam galt. Indessen wollte Hischam II. nicht hinter seinen ruhmreichen Vorgängern zurückbleiben. Sein Oberkämmerer Almansur baute, da das abschüssige Flußufer eine Vergrößerung in der bisherigen Richtung verbot, 7 weitere Längsreihen nach Osten an, so daß die Zahl der Längsschiffe auf 19 erhöht wurde. Mihrab und Minaret verloren so ihre Lage in der Mittelachse des Tempels.

Damit hatte die Moschee ihre jetzige Größe erreicht. Sie bildet ein ungeheures, an Größe der Peterskirche in Rom gleichkommendes Rechteck von 175 m Länge und 130 m Seite; etwa ein Drittel entfällt auf den Vorhof. Das ganze Gebäude schließt nach außen ab mit einer zinnengekrönten Mauer, die durch 35 turmartige Strebepfeiler gestützt wird. Da gegen das Ufer zu Unterbauten erstellt werden mußten, erreicht so dort eine Höhe von 20 m; auf der Minaretseite ist sie 9 m hoch. Es ist im ganzen eine schmucklose Steinmasse, die sich keineswegs von dem Äßern anderer arabischer Bauten unterscheidet; nur der Glockenturm, der an Stelle des frühern Minarets steht, weist auf die Bestimmung hin. Die Tore, die ins Innere führen, sind überwölbt mit reich verzierten Hufeisenbogen. Früher waren deren 22; heute sind die meisten vermauert. Der Haupteingang ist die PUerta del Perdón, das Tor der Gnade, das sich im Glockenturm befindet. Die mit Kupferplatten beschlagene Türe, die mit prachtvollen Klopfern versehen ist, läßt uns die Schönheit der übrigen arabischen Pforten ahnen. Die reiche Ornamentik zeigt eine Menge von länglichen, vertikal und horizontal angeordneten Sechsecken; in den ersten finden wir auf einem Schild mit Kreuz in gotischer Schrift das Wort "deus", in den letzern den arabischen Spruch: "Die Herrschaft gehört Allah und seinem Schutz!" Von dem Turm aus, dessen Höhe 93 m beträgt, läßt sich das ganze große Gebäude prächtig überblicken.

Tritt man durch das Tor, so kommt man zunächst in den Orangenhof oder Hof der Reinigung, wo sich die Gläubigen zum Eintritt in das Heiligtum vorbereiten. Plätschernde Brunnen, zahlreiche Orangenbäume, asu deren dunklem Laub die Goldorangen glühen, schlanke, hochemporstrebenden Palmen, deren lange Wedel im Winde leise hin und her wiegen, die Säulengalerie mit dem Hufeisenbogen, stille Besucher des Hofes in dem farbigen Kostüme Andalusiens, graziös einherschreitende braune Mädchen mit weißer Rose im schwarzen Haar, über uns der tiefblaue Himmel mit seiner strahlenden Sonne - alles trägt dazu bei, uns im Geiste in den Orient zu entführen. Leider ist nicht nur die Turmseite der Galerie vermauert und zur Domkanzlei umgewandelt, sondern es bleibt uns auch der Blick in die Moschee hinein verwehrt, da von den frühern 19 Toren nur zwei belassen worden sind. Die Orangenbäume, je 7 in einer Reihe, bildeten die Fortsetzung der Säulenreihe des Tempels. Gewiß war es ergreifend, aus der blendenden Tageshelle in das feierliche, nur von unzähligen Lampen erhellte Dunkel der Arkaden zu blicken; schaute der Gläubige abe aus dem Hintergrund der Moschee zwischen den Säulen hindurch auf die sonnenbeschienenen Orangenbäume, so mochte er sich der Unendlichkeit Allahs noch näher fühlen.

Wir treten in das Innere ein. Ein vielstämmiger Wald von Säulen umgibt uns, deren Perspektive sich bei jedem Schritt verschiebt. Riesigen Palmblättern gleich schwingen sich die rot und weiß bemalten Hufeisenbogen von den Kapitälen und Pfeilern in den Raum hinein; die sich tausendfach schneidenden Linien würden sinnverwirrend wirken, wenn nicht das Halbdunkel die scharfen Konturen milderte. Erst allmählich finden wir uns in dem Formen- und Farbenreichtum zurecht und fangen an, die Schönheiten dieses seltsamen Raumes zu begreifen. Die Moschee beginnt in ihrer herrlichen Sprache auf uns einzuwirken. Unwillkürlich beleben wir die leeren Hallen mit frommen Moslems, den weißen Turban auf dem Haupte, gehüllt in die farbigen, faltigen Gewänder der Morgenlandes. Von der in bunter Pracht erstrahlenden Decke hängen Tausende von kunstvollen metallenen Ampeln herab; ihr zitterndes Licht läßt die Mosaik der Wände mit ihrer reichen Vergoldugn heller erglänzen und spiegelt sich im schimmernden Marmor der Säulen. Die Märchenwelt aus 1001 Nacht, die uns in unserer Kindheit entzückte, umfängt uns in berauschender Fülle und Herrlichkeit. Das Haupt der Knienden ist gegen den Mihrab, mekkawärts, gerichtet. Dort hängt ein Kronleuchter, dess 1454 Flammen das Allerheiligste in gleißender Pracht erscheinen lassen und den Raum mit ihrem Lichterglanz sinnberückend erfüllen. Demütig rutschen die Gläubigen 7 Male an der Wand des Mihrab herum, leise und feierlich ihre Gebeite murmelnd. Allah ist groß!

Im Jahre 1146 fiel Cordoba in die Hände der Christen. Plündernd drangen diese in die Moschee ein und banden ihre Pferde an den Säulen fest. Wehklagend verließen die Araber die heilige Stätte ihres Propheten, die nunmehr der Auferstehung des Erlösers geweiht ward. Längs der Mauern wurden zahlreiche Kapellen errichtet, die islamitische Arbeiter zwangsweise errichten und zieren halten. Glücklicherweise änderte sich der eigenartige Charakter des Gebäudes dadurch keineswegs; auch die Mauer, welches das Heiligtum gegen den Hof hin abschließen sollte, kann nicht eine eingreifende Änderung genannt werden. Da kam der Bischof Alonso Manrique 1523 auf den unglückseligen Gedanken, inmitten der Moschee eine christliche Kathedrale zu errichten! Wohl waren die Cordobaner heftige Gegner dieses Planes und suchten beim Kaiser die Absicht Manriques zu hintertreiben; umsonst. Die Erlaubnis wurde erteilt und der Bau ausgeführt. Zu spät erkannte Karl V. den Vandalismus, den er bewilligt; seine berühmten Worte: "Was ihr da gemacht habt, war überall zu machen; aber was ihr zerstört habt, hatte seinesgleichen nicht in der Welt", änderten an der traurigen Tatsache nichts mehr.

So steht jetzt mittenin der Moschee eine gotische Kathedrale mit kreuzförmigem Grundriß, deren Mauern das Dach des arabischen Gebäudes weit überragen. Ein Glück, daß der Baumeister, Hermann Ruiz, seinen unseligen Auftrag mit größtmöglicher Schonung durchzuführen gesucht. Die Hälfte der vorhandenen Säulen mußte allerdings weichen; die Pfeiler des Domes wurden aber genau an ihre Stelle gesetzt und jene selbst dazu benützt, die Mauern desselben zu tragen und zu stützen. Das Ganze ist, um mit K. E. Schmidt zu reden, so geschickt eingerichtet, daß man im Innern vom ganzen Strebesystem nichts bemerkt, sondern erst außen sieht, wie die hohen Mauern gehalten werden. Der Dom selbst weist auch seine Schönheiten auf; trotzdem bleibt die Tat Manriques eine unverzeihliche Verstümmelung des herrlichen arabischen Bauwerks.

Ungeachtet der Zerstörungskünste der Menschen und Zeiten übt die Moschee auch jetzt noch ihren Zauber auf die Besucher aus. Aber wieveil tiefer als der christliche Reisende muß der gläubige Moslem von der Heiligkeit der Stätte ergriffen werden! Denn noch immer pilgern Muhammedaner nach Cordoba, dem Mekka des Abendlandes. Schüchtern und verstohlen rutschen sie auf den Knien zum Mihrab und küssen inbrünstig den Boden. Mit heißer Sehnsucht hoffen sie, daß die herrlichen Zeiten der Omajaden zurückkehren und daß statt der Ave Maria der Christen der Ruhm Allahs und des Propheten durch die dämmernden Hallen erschalle. Mit feuchtem Auge trennen sie sich von dem geraubten, verstümmelten Besitztum ihrer Väter; ein Steinchen aus einem Bogen, einige Blätter von einem Orangenbaume im Hof sind Reliquien, die sie stets and die Wallfahrt nach der großen Moschee erinnern werden. -

Die Schriftsteller, die über Spanien in arabischer Zeit berichten, teilen mit, daß Cordoba eine Stadt mit 113000 Häusern, 3000 Moscheen, 900 Bädern, 600 Gasthäusern, 50 Spitälern, 28 Vorstädten gewesen; ihre Einwohnerzahl betrug über eine Million. Neben der hohen Schule, die der Sammelpunkt aller Gelehrsamkeit war, bestanden 800 öffentliche, unentgeltliche Schulen. Der Ruhm der Stadt erscholl durch alle Lande; die Dichterin Roswitha im fernen Gandersheim nennt sie "die helle Zierde der Welt, die junge herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch die Wonnen, die sie umschließt, strahlend und im Vollbesitz aller Dinge". - Heute ist Cordoba halb verfallen; die holperigen engen Gassen, die kleinen Plätze, die niedrigen Häuser, die Armut der Bewohner lassen keineswegs die Größe der kalifischen Zeit ahnen. Außer der Moschee sind es nur wenige Bauten, die noch von den Arabern herrühren. Vor allem die Calahorra, der mächtige Brückenkopf auf der Südseite des Guadalquivirs. Er ist der trotzige Hüter der 16bogigen Brücke, die von den Römern fundamentiert, von den Mauren fertig erstellt worden ist. Statt der Kalifen mit ihrem glänzenden Gefolge zieht heute ein zerlumpter Maultiertreiber mit seinem elenden Karren hinüber. Etwas unterhalb der Brücke stehen draußen im Flusse die Reste alter arabischer Mühlen. Von dem herrlichen, viel besungenen Alcázar oder Kalifenschlosse, das an der Stelle eines gotischen Königspalastes erbaut worden war, ist wenig übrig geblieben: einige Türme, ein Bad, eine Wasserleitugn. Auch in der Umgebung der Stadt stoßen wir kaum noch auf Reste, trotzdem sie in arabischer Zeit mit herrlichen Bauten in großer Zahl geschmückt war. Es scheint diese Landschaft die Araber ganz besonders gefesselt zu haben. Das entzückende Klima, die milden Sternennächte, rieselndes Wasser ließen den Wüstensöhnen das Land wie einen Vorhof des Paradieses erscheinen; hier wuchsen die im arabischen Lied so verherrlichsten Palmen, grünten Zypressen und Myrten, glühten Orangen und Granaten aus dem dunklen Laube hervor. Dem herrlichen Lande mutßen die Bauwerke, die sie errichteten, entsprechen; die reiche orientalische Phantasie war eine Kraft, die an schöpferischem Reichtum die Natur nachzuahmen schien.

Zu den größten Musterewerken gehörte die Stadt, welche Abderrahman III. zur Freude seiner Favoritin Az-Zahra im Norden von Cordoba erbaute. Dieser an äußeren und inneren Erfolgen so reich beglückte Herrscher hat uns in Versen - er war selbst ein begnadeter Dichter - den Grund seiner großen Bauunternehmungen geoffenbart:

"Ein Fürst, der Ruhm begehrt, muß Bauten gründen,
Die nach dem Tode noch sein Lob verkünden.
Du siehst, aufrecht stehn noch die Pyramiden.
Und wieviel Könige sind dahingeschieden!
Ein großer Bau, auf festem Grund vollbracht,
Gibt Kunde, daß sein Gründer groß gedacht."

Az-Zahra, die "Blühende", war das Bedeutendste seiner Werke. 10000 Arbeiter mit 1500 Maultieren arbeiteten daran 25 Jahre. Der Kalife überwachte selbst den Bau. Die Stadt erhob sich in drei Stufen am Abhang des Berges; auf der obersten stand das Schloß der Herrschers, von dem aus man eine entzückende Aussicht auf die reichen Gärten, den neuen Ort und die ganze Landschaft genoß. Die arabischen Schriftsteller nennen den Palast das glänzendste Bauwerk des Islams; aber auch die Reisenden aus dem Abendland wissen ihm nichts an die Seite zu stellen. Die Beschreibung desselben errinert uns öfters an die Alhambra. Az-Zahra besaß auch eine Moschee von höchster Schönheit. Der Mihrab erstrahlte in wunderbarer Farbenpracht.

Des Menschen Werke sind vergänglich! 74 Jahre nach der Erbauung fiel die Stadt, um deren Besitz willen Abderrahman als der Glücklichste aller Sterblichen gepriesen worden war, der Vernichtung anheim. Die aus Afrika herübergekommenen Berber verwandelten den Ort in einen rauchenden Trümmerhaufen. Bittere Wehklage erfüllt die Verse der arabischen Dichter, die auf dem zerfallenen Mauerwerk der kurzen entflohenen Herrlichkeit gedenken. Heute bezeichnen einige Schutthaufen in der Gegend, welche Cordoba la vieja heißt, die Stelle, wo Az-Zahra, die Blühende, gestanden.

Ein ähnliches Schicksal haben die Stadt Zahira, die Almansur östlich von Cordoba am Guadalquivir erbaute, und zahlreiche andere Ortschaften erlitten. Sie sind vollständig vom Erdboden verschwunden; ihre Namen und ihr Ruhm aber leben in den Gesängen der Dichter, in den Werken der Geschichtsschreiber und in den Legendes des Volkes fort. -

Auch in Sevilla entwickelten die Araber eine glänzende Kultur. Die dortige Hauptmoschee, die 1171 von Abu Jakub Jûsuf errichtet worden war; stand an Größe, an Glanz und an Pracht derjenigen von Cordoba nur wenig nach. Als die Stadt 1248 in die Hände der Christen fiel, begnügten sich diese anfänglich damit, wie dort ihre Kapellen längs den Wänden in das muhammedanische Gotteshaus einzubauen. 1401 indessen faßte das Domkapitel den Beschluß, an Stelle des arabischen Baues eine Kirche zu errichten von solcher Größe, daß ihresgleichen nicht gefunden würde. Die Moschee wurde niederrissen und auf dem Platze die heutige gotische Kathedrale erstellt. Glücklicherweise ist uns einiges erhalten geblieben, so der Vorhof der Moschee mit der hübschen Puerta del Perdón und Spuren von Bogen und Säulen an den noch zinnengekrönten Umfassungsmauern. Das Kostbarste aber ist das Minaret oder die Giralda, das weithin sichtbare Wahrzeichen Sevillas.

Dieses Minaret bildet das vornehmste Bauwerk aus der zweiten Periode der arabischen Kunst in Spanien. Es ist nicht nur der mächtigste Gebetsturm der Mauren überhaupt, sondern gehört zugleich zu den schönsten Türmen der Welt. Blitz und Sturm haben ihn umtobt, Erdbeben haben seine Grundfesten erschüttert; noch aber ragt er leicht und zierlich in die Lüfte empor. Von seiner Höhe aus bietet sich ein herrlicher Blick auf den schiffbelebten Guadalquivir, die andalusischen Gefilde und die sie umschließenden Berge.

Der Turm wurde 1184-96 errichtet, angeblich durch den Baumeister Al-Gebr, den berühmten Erfinder der Algebra. Das Fundament besteht aus großen Quadern, die zum Teil von römischen Bauten herstammen. Der Grundriß ist quadratisch, die Seitenlänge 13,5 m; die Dicke der Mauern beträgt 2,5 m. In 25 m Höhe beginnt die Ausschmückung der Mauerflächen mit einem Netzwerk aus arabeskenartigen, durch Ziegelsteine gebildeten Bändern, die als vertikale Reckteckfüllungen die Außenwand des Turmes bis hoch hinauf bedecken. Zwischen diesen Streifen sind die zierlichen Zwillingsfenster durchgebrochen; sie sind mit Säulchen, hufeisenförmigen oder ausgezacktem Bogen und hübschem Maßwerk versehen. Die Nischen, von denen aus das Netzwerk seinen Ursprung nimmt, sind ungleich hoch auf den vier Turmseiten; sie richten sich nach dem im Innern emporführenden Wendelgang. Diese Ungleichheit trägt sehr dazu bei, den Bau leicht und lebendig erscheinen zu lassen. Eine prächtige Spitzbogenarkade, die rings um den Turm herabläuft, schließt den maurischen Unterbau in 70 m Höhe ab.

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Die Giralda in Sevilla

Er trug ein schmales Türmchen wie die heutigen Minarets in Marokko. Dies war von vier kupfernen, aber vergoldeten Kugeln gekrönt. Wenn sie Sonne sich auf ihnen spiegelte, konnte der Lichtglanz schon aus der Entfernung einer Tagereise wahrgenommen werden. Jetzt steht auf dem maurischen Turm ein aus dem 16. Jahrhundert stammender Aufbau von fünf Stockwerken. Das unterste, die Glockenstube, krönt das frühere Minaret in seiner ganzen Breite; die übrigen sind schmäler. Das oberste trägt auf seiner Kuppen eine mächtige Kugel mit der Statue des Glaubens, einer weiblichen Figur mit Banner. Sie dreht sich mit dem Winde und hat dem Turm den Namen gegeben (girar-drehen). Einschließlich dieser Wetterfahne erreicht der Trum eine Höhe von 93 m.

Es sind uns in Sevilla noch andere Minarets aus der Zeit der muhammedanischen Herrschaft erhalten geblieben; sie stehen aber an Größe und ornamentalischer Ausschmückung weit hinter der Giralda zurück und haben durch christliche Zutaten mehr oder weniger ihren arabischen Charakter eingebüßt. Berühmter ist der herrliche Alcázar oder maurische Königspalast; indessen gehört dieser Bau schon der christlichen Zeit an, weshalb wir ihn hier übergehen. Wohl aber ist der mächte Torre del Oro am Guadalquivir altmaurisch, einer der festesten Punkte der Stadtmauer. Sein Grundriß ist ein reguläres Zwölfeck; auf dem hohen, mit Zinnen gekrönten Unterbau, der nur von der Mauer aus betreten werden konnte, erhebt sich ein schmäleres Stockwerk; das kleine runde Kuppeltürmchen, womit das Ganze abschließt, ist spätere Zutat. In arabischer Zeit war auf der andern Seite des Flusses ein ähnlicher Wachtturm; beide waren durch eine schwere eiserne Kette verbunden, die den Hafen abschloß. Von den maurichen Wohnhäusern Sevillas, die durch Eleganz der Einrichtung wie druch Solidität der Bauart berühmt waren, finden wir wenig mehr. Umsonst suchen wir Überreste der Paläste, welche die Flußufer auf- und abwärts schmückten und deren Pracht in glanzvollen Farben geschildert wird. Viele Meilen weit war der Guadalquivir mit Fischerbooten und Lustkähnen belebt, so daß er mit Euphrat, Tigris und Nil verglichen wurde. Das Schicksal Az-Zahras hat sich auch an den herrlichen Bauten von Sevillas Umgebung vollzogen. -

Granada! Eine paradiesische Landschaft taucht in unserer Erinnerung auf bei diesem Zauberwort. Ein weites Gelände breitet sich, umflossen von einem silbernen Strom, vor uns aus. In üppiger Kraft gedeihen Eiche, Ulme, Pappel; die weißgetrüncheten Mauern der Gehöfte, Villen und Dörfer werden beschattet von Palmen, Zypressen, Pinien, Lorbeer; die Weinrebe rankt von Baum zu Baum. Im Garten blühen Orangen und Granaten, reifen Oliven, Feigen, Mandeln und Zitronen. Ein vielfarbiger Blumenflor entzückt das Auge; bunte Schmetterlinge flattern darüber hin; Vogelsang erfüllt die Luft. Auf steiler Höhe thront eine mächtige Feste aus rotem Gestein; trotzig schauen ihre Mauern und Türme auf das Häusermeer der Stadt herab.

Das ist die Alhambra, die "rote Burg". Schon längst war uns dieser Name nicht mehr fremd. Als wir noch auf der Schulbank saßen, belebten wir das Königsschloß mit jenen Gestalten und Farben, die uns in "1001 Nacht" so entzückten. Später lasen wir die Schilderungen, die Washington Irving und der Freiherr von Schack von dem Wunderbau gemacht und beneideten alle die Glücklichen, welche ihn aus eigener Anschauung kennen lernen durften. Und nun weilen wir selbst in Granada und blicken zu dem Palaste empor, den in Wirklichkeit zu sehen wir nicht einmal zu träumen gewagt. Es duldet uns nicht in der Stadt, so zahlreich ihre Sehenswürdigkeiten auch sein mögen; wir suchen die Calle de Gomeres auf, welche uns zum Eingangstor der Alhambraanlagen bringen soll. Kaum haben wir dasselbe durchschritten, so umfängt uns entzückende Waldeinsamkeit. Wir glauben uns in ein stilles Tal unserer Heimat versetzt; es sind dieselben Bäume, die über uns ihr grünes Blätterdach ausbreiten. Aber wir drängen vorwärts und eilen auch an dem schönen Renaissancebrummen Karls V. vorbei, aus dessen drei Röhren sich das Wasser mit heimeligem Plätschern in das moosbewachsene Steinbecken ergießt. Nun stehen wir vor einem gewaltigen Turm. Über dessen Tor wölbt sich ein Hufeisenbogen; im Schlußstein desselben findet sich die Zeichnung einer Hand, deren fünf Finger die Hauptgebote des Islams bedeuten sollen: Gebet, Fasten, Almosengeben, Wallfahrt nach Mekka und Glaubenskrieg. Ein Schlüssel über dem Innern Bogen des Tors, wegen der früher hier stattfindenden Rechtssprechungen Tor der Gerechtigkeit genannt, besagt, daß der Turm den Eingang der Alhambra bewacht. Der Weg führt uns noch an einem zweiten Tor vorbei, dem Weintor, der Name stammt aus dem 16. Jahrhundert, da sich hier damals eine Weinniederlage befand. Wir sind jetzt auf dem Zisternenplatz angelangt; ein über 30 m langer, 8 m breiter Brunnen liefert den Granadinern das Trinkwasser, das durch zahlreiche Wasserträger vermittelst Fäßchen und Schläuchen in die Stadt befördert wird. Zu unserer Linken haben wir die altarabische Zitadelle mit zwei Türmen, rechts den Alhambrapalast und einen gewaltigen Renaissancebau, ein unglückliches Bauwerk Karls V. Dieser Herrscher beschloß 1526, auf der Alhambra seine Residenz aufzuschlagen. Er ließ einen Teil des arabischen Palastes niederreißen un d an dessen Stelle das heutige Gebäude erstellen, das alle Alhambrabauten überragen sollte. Der Bau blieb unvollendet. Die Zerstörung der Hauptfassade des arabischen Schlosses - wir haben sie uns vielleicht ähnlich derjenigen am Alcázar in Sevilla zu denken - war umsonst gewesen. Das heutige Äußere desselben ist außerordentlich unansehnlich und bescheiden, sehr im Gegensatz zu dem gewaltigen Kaiserbau. Es verrät keineswegs die Pracht, die wir innen finden.

Wir gehen an den zerlumpten Bettlergestalten, die vor dem Eingang Spalier stehen und uns durch ihr Gitarrenspiel und ihren lauten eintönigen Gesang einige Perros (Kupfermünzen) zu entlocken suchen, vorbei und treten durch eine einfache Türe ein. Einige Schritte noch, und wir befinden uns im Myrtenhof!

Ein seltsames Gefühl beschleicht und beklemmt uns. Ist es Enttäuschung, weil wir vielleicht nach all dem Ruhme mehr erwartet, ist es ein Zauberbann, in den wir geraten? - Tiefste Stille ringsumher, kaum gestört durch das Lispeln der Hecken und Bäume, deren Blätter im leisen Windhauch erzittern; duftige Säulenarkaden, die im Wasser des Teiches sich spiegeln; geheimnisvolle Seitengemächer, durch deren dunkles Innere der Blick auf eine herrlich grüne Landschaft gleitet; an den Wänden eine fremdartige, wie von Feenhand gewirkte Ornamentation, die in ungekannten Formen und Farben erstrahlt; über das glänzende Ziegeldach mit seinem zierlichen Kuppelchen blickt ein zinnenbekrönter Turm von gewaltigen Dimensionen herein; hoch über uns wölbt sich ein tiefblauer Himmel, und die südliche Sone erfüllt den Hof mit grellen Lichtern und Schatten. All das wirkt gleichzeitig auf uns ein und verwirrt. Erst nachdem wir uns eine Weile der Einwirkung des Ganzen hingegeben haben, finden wir uns zurecht und fangen an, die Schönheiten einzeln auf uns wirken zu lassen. Die ganze Länge des Hofes nimmt ein schmales alabasternes Wasserbecken ein, zu dessen Seiten sich grüne Myrtenhecken hinziehen. Die Langseiten des Hofes werden von weißgetünchten Mauern gebildet, deren einziger Schmuck die zahlreichen, mit Stuckornamenten ausgestatteten Bogentüren und die allerliebsten kleine Ajimezfensterchen im obern Stockwerk sind. Viel reicher sind die zwei Schmalseiten behandelt. Hier finden sich herrliche Bogengänge. Je acht schlanke Säulen aus kostbarem Material tragen sieben reichverzierte, erhöhte Rundbogen, deren mittlerer breiter und höher als die übrigen ist. Der Raum bis zum Dach ist mit durchbrochener Stuckarbeit ausgefüllt. Auf der nördlichen Seite ragt über dasselbe

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Alhambra: Myrtenhof

der mächtige Comaresturm hinaus, flankiert von zwei kleineren Türmchen. Die entgegengesetzte Seite weist drei Stockwerke auf, über welche die kahlen Mauern des Karlsbaues hinausragen. Sie weisen darauf hin, daß der eingerissene Teil der Alhambra ebenfalls dreistöckig war. Wahrscheinlich wohnten die Frauen darin, und die Galerie oben, von der aus man einen entzückenden Ausblick auf den Myrtenhof haben muß, diente ihnen zur Befriedigung der Neugierde bei festlichen Anlässen. In den Ecken des Hofes finden sich reichverzierte Nischen; sie enthielten Kissen und Polster. Die Arkadendecken bestehen aus Mosaik von Zedernholz; sie kleine Kuppel der Nordgalerie ist auf tiefblauem Grunde mit goldenen Sternen bemalt.

Der Comaresturm thront hoch über der Schlucht des Darro auf steiler Felsenkante und ist mit seinen mächtigen Mauern eine der wichtigsten Verteidigungsbauten der ganzen Burg. In diesem Turm befindet sich der Gesandtensaal. Er wird vom Myrtenhof aus betreten. Das reichverzierte Portal führt zwar zunächst in das längliche Vorzimmer des Saales, die Halle des Segens. Sie war der Aufenthaltsort der maurischen Ehrenwache. In verschwenderischer Fülle sind hier die Ornamente über die Wände ausgestreut. Wir verstehen, daß die Dichter diesen Raum als dem Vorhof des Himmels verglichen. Leider leuchten die Farben nicht mehr in ihrem ursprünglichen Glanz. Ein Feuer, das 1860 in diesem Gemach ausbrach, hat die Wände geschwärzt; die Decke wurde teilweise zerstört. Welch ein Glück, daß dem Feuer rasch Einhalt geboten werden konnte und dasselbe nicht vollends ein Bauwerk verzehrte, das seinesgleichen auf der ganzen Erde nicht findet und selbst nur der letzte Rest einer glänzenden Kunstepoche ist.

Der Boden, durch den wir zum Gesandtensaale gelangen, ist gleich dem Eingang vom Myrtenhofe her mit bemalten und vergoldeten Stuckornamenten, Stalaktiten und Azulejos geschmückt. Auf beiden Seiten finden sich kleine Nischen; die Inschriften, in denen vielfach von Vasen, vom Stillen des Durstes, von der Köstlichkeit des Wassers die Rede ist, zeigen, daß dieselben zur Aufstellung von Wasserkrügen dienten und nicht, wie der spanische Name Babuchero besagen könnte, zur Aufnahme des abgelegten Schuhzeugs bestimmt waren. Der Schmuck dieser Nischen ist ungemein zierlich. Es ist wahr, was sie von sich selber rühmen: "Künsterhände haben und gewebt und unser Diadem mit Edelsteinen geziert; wir gleichen dem Throne einer Braut; man kann uns dem funkelnden Regenbogen vergleichen."

Wir treten in die Halle der Gesandten, den Thron- und Audienzsaal der Könige von Granada. Er ist groß und quadratisch; die Seitenlänge beträgt 9 m. Die mächtige Höhe überrascht uns. Während die Moschee zu Cordoba durch ihre gewaltige horizontale Ausdehnung den Eindruck der Unendlichkeit erweckte, werden unsere Sinne und Gedanken hier durch die vertikale Entwicklung des Raumes nach oben gelenkt. Er wird nur spärlich erhellt, was dem Innern einen um so eigenartigeren, weihevollen Reiz verleiht. Neun Fenster, auf jeder nach außen schauenden Seite drei, gewähren dem Licht Eintritt. Die Mauern des Turmes sind aber so dick, daß die Fenster kleine Kammern bilden, deren Höhe 5 m erreicht. Die Wände dieser reizenden Gemächer sind wie das Innere des Saales reichlich verziert. Die Mittelfenster sind durch zierliche Säulchen und Bogen zweifach geteilt. Wenn wir an die Brüstung treten, gewahren wir, daß wir hoch über dem Tale des Darro schweben, aus dessen Tiefe das Rauschen des Wassers heraufdringt, und entzückt schweift das Auge über die herrliche Landschaft. Dort drüben an den Abhängen des Sacro Monte liegen die Höhlenwohnungen des Albaicin, des Zigeunerviertels von Granada; an der zum Peinador der Königin führenden Säulengalerie vorbei gleitet der Blick hinüber zum Generalife, dem herrliche gelegenen Sommerpalast der maurischen Könige, aus dessen Garten schlanke Zypressen aufragen; in der Ferne leuchten die schneebedeckten KUppen der Sierra; nach Westen dehnt sich die Stadt aus, über welche zahlreiche Kirchentürme emporragen. - Treten wir in den Saal zurück, um den Raum in seinen Details zu studieren, so staunen wir über den Reichtum der Ornamente, der an Wänden und Decke sich findet. Der Maler Contreras hat 152 verschiedene Motive gezählt. Vom Fußboden bis zur Gürtelhöhe sind die Wände ringsum mit metallisch glänzenden, glasierten Kacheln, Azulejos, besetzt, deren Linienverzierung prachtvolle geometrische Figuren bilden. Man kann nicht müde werden, den Bändern zu folgen; immer wieder verschlingen und verschränken sie sich, und bei jedem Zusammentreffen entstehen neue überraschende Bildungen. Die Farben sind so gewählt, daß unser Auge mit Wohlgefallen auf denselben ruht; ein gebrochenes Grün, Ockergelb, Blau, Indischrot, ein leise grünliches Weiß. Über der Azulejosbrüstung folgen bis zur Höhe der Fensterkammern teils wagrechte, teils vertikale Rechtecke und Bogenfüllungen mit Band und stilisierten Pflanzenornamenten. Diese sind derart in Stuck ausgeführt, daß sich das eigentliche Ornament in flachem Relief von einem tiefern, gewöhnlich rot oder blau bemalten Grunde abhebt; die Vergoldung der Höhen ist von der umgebenden Farbe durch die weiße Kante der Skulptur getrennt, so daß stets eine scharfe Sonderung besteht und kein verletzender Farbenwirrwarr entstehen kann. Weiter kommen nach oben fünf schmälere oder breitete Friese, welche sich um den ganzen Raum herumziehen. Der unterste und oberste sind Inschriftenbänder; Fries 2 wiederholt in seinen halbkreisförmig gebogenen Bändern in unendlicher Variation die Formen der Fenster; Fries 4, der breiteste von allen, zeigt in seiner Linienführung ähnliche Figuren wie die Azulejos in den untersten Teilen der Wände, allerdings wegen der bedeutenden Höhe über dem Boden ins Riesenhafte übertragen. Zackenförmig schießen die Linien hin und her und bilden die prachtvollsten Sternfiguren, ohne daß es uns möglich wäre, das Gewirr der Linien aufzulösen und eine einzelne längere Zeit zu verfolgen. Von den fünf Bogenfenstern, die alle vier Wände durchbrochen haben, sind je zwei wieder vermauert worden. Das Licht, das durch sie eintritt, bricht sich an den reicht in Gold und Farben strahlenden Wänden. Wo diese in die Decke übegehen, finden sich zwei Stalaktitengesimse. Mit dem Namen Stalaktiten bezeichnet man jenes seltsame Motiv, das nur die Araber kannten und mit dem sie so zauberhafte Wirkungen hervorzurufen imstande waren. Es sind tropfsteinartige Gebilde, die nicht nur als überhängende Friese unter dem Dache verlaufen, sondern auch die Ecken ausfüllen, oft selbst von der Decke herabhängen. Die Bemalung der hängenden Zapfen mit Gold, Rot und Grün macht sie zu einem äußerst wirksamen Bestandteil der arabischen Dekorationskunst. In der Alhambra findet derselbe recht ausgiebige Verwendung.

Über den zwei Stalaktitenfriesen der Gesandtenhalle steigt die kuppelförmige Decke an, welche aus kostbarem Zedernholz gearbeitet ist. Auch sie ist reich ornamentiert. Das Sternmotiv, das wir unterhalb der Fensterchen als Band kennen gelernt, ist hier als Flächendekoration entwickelt und so durch jenes gleichsam vorbereitet worden. Die gezackten Bänder, welche die Decke überziehen, teilen sie in zahllose Zellen von der verschiedensten geometrischen Form; aber immer und immer wieder wird der Blick auf die zwölfstrahligen Sterne geleitet, welche die Ruhe in dem sonst unentwirrbaren Chaos von Linien bedeuten. Einzelne Schriftsteller haben die herrliche Decke mit einem geschliffenen, reich facettierten Diamanten verglichen.

Es ist unmöglich, ein Stückchen Fläche zu entdecken, das nicht mit leuchtenden Ornamenten geschmückt wäre. Trotzdem macht sich nicht die geringste Überladung bemerkbar. Alles wirkt harmonisch zusammen. Unser Auge überläßt sich unwillkürlich dem Spiel der Linien, und wie uns eine weiche Melodie von Tönen in einem traumhaften Zustand zu versetzen vermag, so diese Arabeskenmusik.

In dieser Halle spielt neben den vielen erwähnten Ornamenten auch die Schrift eine große Rolle. Die arabischen Schriftzeichen stellen ein reiches dekoratives Material dar, und oft ist es für das ungeübte Auge nicht leicht, ihre Verschlingungen aus den Arabeskenbändern herauszulösen [ Man möchte vermuten, daß die Arabesken sich aus den Schriftzeichen herausgebildet haben. ]. Zahlreiche Rahmenfüllungen und Friese bestehen aus Inschriften: Sprüche aus dem Koran, geschichtliche Angaben, die sich auf die Erbauer beziehen, Lobsprüche auf die Herrscher der Zeit, Gedichte, in denen das Haus, der Garten, eine kostbare Vase u. dgl. besungen wird. Schon dem des Arabischen unkundigen Besucher fällt es bei aufmerksamer Betrachtung bald auf, daß gerade im Gesandtensaale dieselben Schriftzeichen häufig wiederkehren, bald als Füllung, bald im Fries sich wiederholend; dann aber auch im Schrägbalken der roten Schilder, welche manchenorts anmutig in die Arabeskenverschlingungen eingestreut sind.

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Inschrift in der Alhambra: Wa la ghálib iba Alá! Es ist kein Sieger außer Gott! (Motto der Nasriden)

Es ist das Wappen von Mohammed I., des Gründers der granadinischen Königsdynastie; die Schrift ist das berühmte Motto der Nasriden: Wa la ghálib iba Alá! Es ist kein Sieger außer Gott! Unter den Inschriften erwähnen wir diejenige, welche die mittlere Nische dem Eingange gegenüber ziert. Dort befand sich der Thron des Königs. Sie spricht also:

"Dich begrüßt abends wie morgens mein Mund mit Wünschen für dein Heil, dein Glück und deine Dauer.
"Dieser Saal mit seiner Kuppel ist unser Ahne, und wir sind seine Kinder. Ich jedoch bin die vornehmste, die erstgeborene seiner Töchter, und zum Vorrang auserkoren.
"Ich bin das Herz inmitten des Leibes; denn im Herzen allein weilt die Kraft des Geistes und der Seele.
"Meine Schwestern sind nur Sterne in dem großen Zodiakus, ich jedoch bin die Sonne, um die sie kreisen.
"In ein Gewand von Ruhm und Pracht hat mich mein Herr und Meister, der von Gott geliebte Jusuf gekleidet, wie keine meiner Schwestern.
"Meine Strahlen treffen den Thron seiner Herrschaft. Möge seine Hoheit durch Gottes Gnade erhalten werden, der das Licht ist und der Wohnsitz der Heiligen."

Wie glanzvoll mögen in frühern Zeiten die Aufzüge in diesem herrlichen Saale gewesen sein! In der Nische auf vergoldetem Thron der Herrscher, um ihn alle die Großen des Reiches in wallenden Gewändern; über kostbare Teppiche schritten die Gesandten ferner Länder, dem König huldigend und kostbare Geschenke darreichend. In der Mitte plätscherte ein Marmorbrunnen, dessen Wassserstrahlen Kühlung spendeten. Hier war es, wo der unglückliche Boabdil mit den arabischen Fürsten über die Übergabe Granadas an Ferdinand und Isabella beriet; hier war es aber auch, wo Kolumbus der Königin seine Entdeckungspläne entwickelte. Seltsame Fügung des Schicksals - im gleichen Jahr und im gleichen Saal, da sich das Geschick der Maurenherrschaft in Spanien vollzog, wird die Idee dargelegt, deren Ausführung eine neue Ärea in der Weltgeschichte heraufführen sollte.

Um in die übrigen Räume der Alhambra zu gelangen, müssen wir in den Myrtenhof zurückkehren. In der südwestlichen Wand führt eine Tür durch eine schmale Seitenkammer in die Sala de los Mocarabes, einen langgestreckten Raum. Bei dem spärlichen Lichte, das in denselben einfällt, nehmen wir wahr, daß die arabische Ausstattung fast völlig verschwunden ist. Die ursprüngliche Decke ist großenteils durch ein Renaissancegewölbe ersetzt, das nach einer Pulverexplosion im Jahre 1591 erstellt wurde[ Ein ähnliches Ereignis hat das herrlichste griechische Bauwerk, den Parthenon in Athen, betroffen! Die Explosion des Pulvers, das im Dachraum aufgespeichert lag, zerstörte 1687 nicht nur das Innere, sondern verwandelte den ganzen Tempel in eine Ruine. ]. Von dieser Halle aus gelangen wir in den sagengefeierten Löwenhof.

Tausende von Reisenden haben sein Lob gesungen und seinen Ruhm in alle Lande getragen. Längst haben wir ihn aus Liedern und Bildern kennen gelernt. Und nun stehen wir selbst bewundernd vor dem herrlichen Werke! - In der Mitte steht der Brunnen, welcher dem Hofe den Namen verliehen hat. Er besteht aus zwei marmornen Becken; das untere, größere ruht vermittelst zylindrischer Träger auf zwölf seltsamen Tieren. Sie sind plump, stark stilisiert, die Beine gelenklos; der Vorderleib ist mit einer Art Schuppen bedeckt. Wir würden diese Skulpturen als flügellose Greife bezeichnen, wenn nicht die Inschrift auf dem Rand der untern Schale sie Löwen nennen würde. Diese Tierstatuen genossen bei den Arabern das größte Ansehen; die Wüstenkönige, die hier ihrer Wildheit vergessend im Staube liegen, versinnbildlichten die Macht des Herrschers, vom dem die Völker sich demütig beugen. Es mag für die Sühne des heißen Arabiens ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn das Wasser aus der Mitte des Bassins hoch aufschoß, in zierlichem Boden die Tropfen diamantartig blitzend in die Schale zurückfielen und das erfrischend Naß über den Marmorrand hinausquoll, die Löwen benetzend, die aus ihrem Maule einen Wasserstrahl ausspien. Das Wasser sammelte sich in einer Rinne, von der aus vier Marmorkanäle nach den vier Seiten führen, wo sie in kleineren, im Boden vertieften Schalen enden. Es stammte aus der Wasserleitung, welche die Alhambra heute noch mit der Sierra Nevada verbindet und alle Gärten und Höfe des Palastes speist; beinahe überall befinden sich im Pflaster Rinnsale, welche das kühle Naß murmelnd und plätschernd durch die Säle führen. In arabischer Zeit fehlte die kleinere Schale des Brunnens mit ihrem Aufsatz; das große Becken lag, wie man aus dem Bau der Tiere sehen kann, tiefer und diente wahrscheinlich den Waschungen, die täglich viermal vorgeschrieben waren.

Der tiefe Eindruck, den der Brunnen auf uns macht, hängt mit der glänzenden Umgebung zusammen. Der Löwenhof stellt ein großes Rechteck dar, 28 m lang, 16 m breit; der Boden ist mit Marmorplatten belegt. Offene Arkaden umgeben dasselbe auf allen Seiten; auf den Schmalseiten ragen zwei zierliche Kiosks in den Hofraum hinein. Die Säulen sind aus milchweißem Marmor, rein wie Alabaster, von ungemeiner Schlankheit. Ihre Zahl beträgt 124. Bald sind sie einzeln, bald stehen sie paarweise, zu dreien oder zu vieren beisammen, anscheinend regellos. Die Kapitäle sind äußerst mannigfaltig und zeugen von der bewundernswerten Erfindungsgabe der arabischen Künstler. Über den Bogen findet sich herrliches Arabeskenwerk, das wie aus feinstem Elfenbein geschnitten ist. Die hohen Kuppeldecken der Pavillons bestehen aus reichem Stuck; über einen Stalaktitenfries ist ein geometrisches Linienornament über das Feld ausgestreut, so daß die Decke einige Ähnlichkeit mit derjenigen im Gesandtensaal hat. Die Wände der Kolonnaden sind

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Alhambra: Löwenhof

bis zur Brusthöhe mit blauen und gelben Azulejos bekleidet. Das Dach derselben war einst mit schimmernden Fliesen bedeckt.

Wohl kann man mit Worten die Einzelheiten des Hofes aufzählen und beschreiben; doch vermögen sie nur ein armseliges Bild von all der Pracht zu schaffen, die uns umgibt. Alles wirkt gleichzeitig auf uns ein: der Reichtum und die Schönheit der Säulen, die wechselnde Bildung der Bogen, das Häkelwerk der Stuckornamente, der Farbenglanz der Arabesken, der Marmorbrunnen mit seinen Fabeltieren, der südliche Himmel, der sich über uns wölbt. Unvergleichlich aber ist das Bild, wenn wir in eines der anstoßenden Gemächer treten und durch die Stalaktitenporten auf den Hof hinausblicken. Eine unnachahmliche Grazie ziert das Ganze, dessen Reiz noch erhöht wird durch das vielfältige Lichter- und Schattenspiel, das die Sonne auf Boden und Wände zaubert. Wir bewundern den Baumeister Aben Cencid, der ein Werk von solcher Schönheit zu schaffen vermochte; wir dürfen ihn an die Seite der ersten griechischen Künstler und der Erbauer der gotischen Dome stellen. - Besonders märchenhaft mochte es einst sein, wenn in milder andalusischer Nacht der Mond in stillem Glanze über dem Hofe schwebte und Dächer, Säulen, Wände, Brunnen und Boden mit sanfter Lichtflut übergoß. Der Marmor erstrahlte in magischem Schein; der Brunnen plätscherte, die Blätter der Orangenbäume, die hier wuchsen, rauschten, der Blüten erfüllten die Luft mit ihrem Duft. Aus einem anstoßenden Gemacht drangen die weichen Töne einer sehnsüchtigen Liebesklage. -

Auf allen vier Seiten des Löwenhofes liegen Säle, zu denen man über einige Marmorsäulen hinaufsteigt. Der nördliche und südliche, die Halle der beiden Schwestern und diejenige der Abencerragen, haben ein Wasserbassin in der Mitte, von welchem aus eine Rinne zu den Löwenbrunnen hinausführt. Die beiden Räume gehören zu den schönsten der Alhambra.

Die Abencerragenhalle ist ein ungefähr quadratisches Gemach, an welches sich auf zwei Seiten je eine um eine Stufe erhöhte Kammer anschließt. Jede ist vom Mittelraum durch drei Säulen mit zwei reich ausgestatteten Bogen getrennt. Die Wände sind unten mit Azulejos bekleidet; indessen stammt diese Ausschmückung erst aus dem 16. Jahrhundert, da der Saal durch die erwähnte Pulverexplosion stark beschädigt worden war. Dafür sind die beiden obern Stockwerke noch wohlerhalten und gehören zu den Meisterwerken arabischer Kunst. Die Stalaktiten sind hier zu ausgiebigerer Verwendung gekommen als anderswo. Über den Bogen der Alkoven zieht sich ein breiter Linienfries hin, der sich auf den übrigen Wänden fortsetzt. Über ihm leiten acht reichgezachte Stalaktitenzwickel zu der Galerie des zechzehneckigen dritten Stockwerkes über. Die Flächen desselben verlaufen zickzackartig, so daß dasselbe einen achtstrahligen Stern mit kurzen Armen darstellt. Das Ganze errinnert uns an das geometrische Sternornament mit seinen hin und he schießenden Linien; hier ist es in den Raum übertragen. Über jeder Seite ist ein hübsches Rundbogenfensterchen angebracht, das von zwei schlanken Säulchen flankiert wird. Spärliches Licht dringt durch sie herein und hüllt uns in ein geheimnisvolles Halbdunkel, das die herrliche, vielgegliederte Stalaktitenkuppel obon nur um so platischer erscheinen läßt. Von den zwei Säulchen aus steigen zierliche Zwickel auf, 32 an der Zahl; je vier vereinigen sich zu einem größeren, welcher sich inder halbkugeligen Decke schließlich verliert. Wir staunen über die Geschicklichkeit der Araber, harmonisch Übergänge aus dem Quadrat ins Vieleck herzustellen und wieder aufzulösen, sowohl in der Fläche wie im Raum. - Noch müssen wir den Brunnen erwähnen, der die Mitte des Saales einnimmt. Es ist ein zwölfeckiges Marmorbecken, in welchem das Wasser rostrote Eisenoxydflecken hinterlassen hat. Das Volk weiß dieselben allerdings anders zu deuten: es sind Blutstropfen. In dieser prächtigen Halle soll nämlich König Boabdil die bei ihm verleumdeten Abencerragen, 36 Männer, haben hinmorden lassen. Die Sage entbehrt der historischen Grundlage.

In Osten schließt an den Löwenhof eine langgestreckte Halle, der Saal des Gerichts. Durch mannigfaltig ornamentierte Mauerpfeiler und Säulen, die einen winkelbildenden Tropfsteinbogen tragen, wird sie in sieben Abteilungen zerlegt, deren jede eine halbdunkle Hinterkammer enthält. Das nördliche Ende schließt mit einem Fenster ab, dessen Vergitterung der bekannten geradlinigen Ornamente aufweist. Der Schmuck der Halle entspricht demjenigen der übrigen Säle; dieselbe Mannigfaltigekit der Motive, derselbe Reichtum und Glanz der Farbe. Was hier besonders die Aufmerksamkeit des Beschauers erregt, sind die Deckenbilder, welche die drei größten Seitenkammern enthalten. Auf dem mittlern Bilde sieht man zehn Muselmänner auf gestickten Kissen sitzen; jeder führt ein Schwert in der Hand. Es sind die Herrscher von Granada; das Wappen, roter Schild mit goldenem Schrägbalken, weist darauf hin. Die frühere Ansicht, das das Gemälde einen Gerichtshof darstelle, hat dem Saale zur Bezeichnung verholfen. Die andern Bilder stellen Jagd- und Liebesszenen aus granadinischen Märchen dar.

Wir verweilen nicht allzulange bei dieser Deckenmalerei. Die steifen, mit schwarzer Farbe umrissenen Figuren sind nur für den Kunsthistoriker von Interesse, da die Fälle, wo die Araber die menschliche Gestalt darzustellen versucht haben, sehr selten sind. Ähnliche primitive Gestalten zeigt ein marmorner Sarkophag, der in einem der Alkoven aufbewahrt wird und lange Zeit als Brunnentrog diente; er ist mit Hirschen und Löwen geschmückt. Eine eigenartige Tatsache: wo die Araber die lebendige Welt bildnerisch wiedergeben wollen, sind ihre Werke unvollkommen und roh und ragen kaum über die Anfänge der Kunst hinaus; wo sie aber ihre Phantasie allein walten lassen, höchstens die Geometrie als Wegweise benutzend, da erreichen sie eine Meisterschaft, die unnachahmlich ist. Aber gerade diese wunderbare Einbildungskraft erklärt die Unvollkommenheit ihrer figürlichen Darstellungen; die für uns rohen Werke wurden von ihnen nicht als solche angesehen, da die Phantasie dieselben zu einem vollkommenen Bilde ergänzte. So ist es erklärlich, daß viele arabische Schriftsteller des Lobes voll sind über solche einfachen Erzeugnisse der Kunst und ihre Naturwahrheit preisen.

Auf der Nordseite des Löwenhofes liegt der Saal der zwei Schwestern. Drei breite Marmorstufen führen zu ihm empor. Die Anlage entspricht der gegenüberliegnden Halle der Abencerragen: ein quadratischer Mittelraum mit Brunnen und zwei etwas erhöhte Seitenkammern, welche indessen durch Türen zugänglich sind. Über diesen wie über den zwei übrigen Pforten findet sich ein großes Fenster mit Rundbogen, das aber nichts ins Freie, sonden in die obern Räume führt. In einer Höhe von 7 m wird das Quadrat durch prächtige Stalaktitenzwickel in ein Achteck übergeleitet; hierauf folgt eine Galerie mit je zwei Fensterchen und darüber eine Decke von unbeschreiblichem Reiz. Tausende von Zapfen, in den glänzendsten Farben bemalt, hängen herunter, zwischen sich Tausende von Zellen und Hohlräumen bildend. Mehr als je werden wir an jene Gebilde erinnert, die in den Tropfsteingrotten die Decken schmücken und ihnen öfters ein feenhaftes Aussehen verleihen. Aber nicht nur die Kuppel, auch die Wände strahlen von Glanz und Pracht. Die Lambris bestehen aus musivischem Tafelwerk von Azulejos; darüber flimmern und glitzern zierliche Blattarabesken, verwirrende Linienmuster, kostbare Inschriftenfriese, alles Eleganz und Anmut atmend. Hierzu kommt die zierliche Gitterung der Fenster und Türen, die aus Zedernholz gearbeitet sind. Wir begreifen Schack, wenn er behauptet, "daß die Baukunst nie etwas hervorgebracht habe, was an Feinheit, blendender Pracht und Harmonie aller Teile den Saal der zwei Schwestern überträfe."

Die Inschriften des Raumes werden als die schönsten Muster arabischer Kalligraphie angesehen. Von allen Wänden ruft es uns entgegen: "Es ist kein Sieger aus Gott!" In zahlreichen Friesen und Medaillonfüllungen wird die Schönheit des Saales in überschwenglichen Worten gepriesen. So heißt es:

"Ich bin der am frühen Morgen mit Schönheit geschückte Garten. Betrachte mein Gewand und due wirst meine Pracht erfassen.

"Durch Muhammed, meinen Gebieter, ward mir Herrlichkeit verliehen, und nichts, was ist, noch sein wird, kommt mir gleich.

"Ich bin durch Gott an Glück so reich geworden, wie kein anders Bauwerk auf Erden.

"Welche Menge von anmutigen Blicken biete ich den Augen dar! Der Geist eines Frommen wird in mir seiner Wünsche Befriedigung finden.

"Hier in meiner Halle schlagen oft die fünf Plejaden ihr nächtliches Asyl auf. Die balsamische Luft verbreitet Süßigkeit und Genuß.

"Mich deckt eine Kuppel ohnegleichen, die verborgene und umhüllte Reize birgt.

"Mich begrüßt das Sternbild der Zwillinge,und diesem gesellt sich der Mond zu, um mit ihnen zu lispeln und zu kosen.

"In meinen zwei Höfen möchten sie gleich jungen Sklaven Dienste leisten

"Und von ihrer Höhe für immer scheiden, die ihren Weg beengt,

"Damit sie ewig meinem Herrn dienen könnten, der sie dieser Ehre würdig hielte.

"Ich besitze einen so zahlreichen Eingang, daß er sich mit dem Himmelsgewölbe messen kann.

"Mit welcher Zier hast du ihn, o König, umhüllt! In seiner Umfassung ist er so formenreich, wie die kostbaren Teppiche von Yemen.

"Wieviel Bogen stehen in seiner Wölbung auf Säulen, die gleichsam im Lichte sich baden!

"Du glaubst, es sind Planeten, die in irdischen Bahnen kreisen und die Strahlen der Morgenröte verdunkeln.

Stolzer kann kaum ein Meister sein Werk rühmen, als des Aben Cencid hier getan.

Der Name des Saales rührt von den zwei großen Marmorplatten her, die nebeneinander in den Boden eingefügt sind und von den bilderliebenden Arabern Schwestern genannte wurden. Er mag uns aber auch daran erinnern, daß dieser Raum mit den anstoßenden Gemächern, sowie den Zimmern im obern Stockwerk den Frauen zur Wohnung diente. Ein wahrhaft königliches Frauengemacht! Und zu all dem Glanze, den heute noch Wände und Decke aufweisen, kam die ganze kostbare Ausstattung eines vornehmen arabischen Wohnraumes. Der Boden war mit braunroten, weichen, reich dekorierten Yementeppichen belegt; unhörbar schritten schöne Sultaninen in goldgestickten Corduanpantoffeln darüber hin. Um das Marmorbecken herum waren blühende Pflanzen aufgestellt, deren Blüten die Luft mit ihrem Wohlgeruch erfüllten. Der Eingang der Seitenräume war durch schwere faltige Stoffe verschlossen; drinnen befanden sich seidenglänzende Diwans, auf denen gestickte Kissen und kostbare Dekcen lagen. Nachts war der Raum durch Ampeln erhellt, bei deren flackerndem Scheine die Ornamente der Wände in noch köstlicherem Glanze erstrahlten.

Bevor wir den Saal der zwei Schwestern verlassen, betrachten wir noch die berühmte Alhambravase, welche, angeblich mit Goldstücken gefüllt, einst in einem Garten des Palastes gefunden wurde. Sie ist eine der schönsten keramischen Erzeugnisse der Araber und stammt aus dem Jahre 1370. Die Ornamente, Pflanzenarabesken, Tierfiguren und Inschriften, sind in Emaillemalerei ausgeführt; die Farben sind Weiß, Blau und Gold. Der eine der früheren zwei Henkel ist noch vorhanden und ebenfalls reicht verziert. Wahrscheinlich stand das schöne Gefäß in einer der Nischen, die sich bei dem Eingang einiger Säle befinden und zur Aufnahme von Wassergefäßen dienten. Die Alhambravase und die Azulejos beweisen, daß die Keramik bei den Arabern in höchster Blüte stand.

Wir durchschreiten nunmehr die langgestreckte, ebenfalls reich geschückte Sala de los Ajimeces und gelangen zum Erker der Daraja oder Lindaraja, einer Favoritin eines der granadinischen Könige. Dies ist ein kleines, aber überaus reizendes Gemacht. Vor allem fesselt uns der Blick durch das mittelst einer Säule geteilte, mittlere Fenster oder Ajimez. Wir schauen in einen kleinen Garten, der rings von Hausmauern umschlossen ist. In der Mitte stand ein von Zypressen, Orangen- und Limonenbäumen umgebener Springbrunnen. Nachdem wir so lange im Banne der arabischen Bauweise und Dekorationskunst gestanden, dünkt uns der Blick ins Grüne doppel köstlich, und wir überlassen uns eine Weile der Einwirkung dieses abgeschiedenen, traulichen, Frieden atmenden Palastwinkels. - Wenden wir uns in den Raum zurück, so entrollt sich vor unserem Auge ein neues reizvolles Bild. Durch all die reichverzierten Türbogen der Ajimeceshalle und des Schwesternsaales hindurch sehen wir auf den sonnbeschienenen Löwenhof hinaus. Die schlanken Säulen der Arkaden scheinen den Brunnen einzurahmen, und hinter ihm zieht sich die stark verjüngte Säulenhalle der entgegengesetzten Seite hin. Noch weiter zurück sehen wir in das Dunkel des Abencerragensaales hinein. Diese Durchblicke, die wir in der Alhambra haben, gehören zum Entzückendsten, was man sich denken kann. Durch die in einer Flucht liegenden, reich mit Stalaktiten und andern farbenglänzenden Ornamenten geschmückten Türöffnungen der dunkel erscheinenden Räume schauen wir auf ein zierliches Fenster, durch welches das Grün eines Gartens oder der Landschaft hereinschimmert, oder auf einen Hof hinaus, und wir müssen die arabischen Archtekten bewundern, welche mit einer gegebenen Anlage - Hof mit ringsum anschließenden Räumen - so herrliche Wirkungen zu erzielen vermochten.

Noch haben wir nicht alle Räumlichkeiten des Alhambrapalastes gesehen; aber wir haben so viele neue Eindrücke gewonnen, daß wir uns sehnen, dieselben nunmehr still zu verarbeiten. Nur der Vollständigkeit halber machen wir noch rasch einenGang durch die übrigen Gemächer. Wir kehren zum Myrtenhof zurück und steigen durch einen Gang oder Zaguan zu dem 4 m tiefer liegenden Hofe des Mexuar hinauf, dem ältesten Teile der Alhambra. Das Mexuar selbst war der Ratssaal der Mauren; im 16. Jahrhundert wurde es in eine christliche Kapelle verwandelt. Eine moderne Türe führt von hier aus in die kleine maurische Schloßmoschee, deren Südostwand mit einem prächtigen Mihrab geschmückt ist. Ein unterirdischer Gang bringt uns zu den Bädern, welche die gewöhnliche muhammedanische Anlage zeigen. Der erste Raum, die Sala de la Camas, diente zum Auskleiden; der lichte Oberbau ruht auf schlanken Säulen. In den Nischen waren die Ruhebetten angebracht; auf der Galerie nahmen Sängerinnen Platz. In der Mitte ist eine marmorne Brunnenschale. Das Frigidarium, ein kleiner Vorraum, führt zum Hauptbad, in dem sich nur Reste der arabischen Ausschmückung befinden. In der Umgebung sind Überbleibsel der Öfen, die zum Erhitzen des Wassers und der Luft dienten. Von den Bädern aus betritt man den Garten der Daraja, der uns vom Erker aus entzückte. Der Peinador de la Reina, das Putzzimmer der Königin, ist ein prächtiger Pavillon in einem luftigen Turm, der eine reizende Aussicht gewährt. Im untern Teil desselben liegt ein Saal mit Überresten maurischer Dekoration; durch einen engen Gang steht er mit den unterirdischen Teilen des Comaresturmes in Verbindung. Unter den übrigen maurischen Bauten auf dem Alhambrahügel sind zwei Türme besonders bemerkenswert, der Torre de la Cautiva und der Torre de las Infantas. Beide wetteifern an Schönheit der Ausschmückung mit den Prachtsälen des eigentlichen Schlosses. Auch das Festungstor, durch das Boabdil die Alhambra für immer verließ, ist noch erhalten (die Puerta de los Siete Suelos).

Das war am 2. Januar 1492. Zweieinhalb Jahrhunderte lang hatte die Herrschaft der Araber in Granada gedauert; denn 1248 hatte Ibn Al-Ahmar nach dem Fall von Sevilla diese Stadt zum Mittelpunkt des Maurentums in Spanien gemacht. Die jetzige Alhambra wurde durch Jusuf I. und Mohammed V. erbaut (Myrtenhoft 1368, Löwenhof 1377). - Als sie in die Hände der Spanier gefallen, begann die unverantwortliche Vernachlässigung des herrlichen Baues. Den Vandalismus Karls V. haben wir oben schon erwähnt; aber auch lange nach ihm wurde nichts zur Erhaltung der Gebäulichkeiten getan. Nur die gelegentlichen Schäden, die durch Umwandlung einzelner Räume in ein Munitionsarsenal entstanden, wurden ersetzt. Schlimm hausten auch die Franzosen zu Anfang des 19. Jahrhunderts in den kostbaren Gemächern. Erst 1869 ward die Alhambra Staatseigentum; man säuberte sie und begann mit der Rekonstruktion nach alten Mustern, die heute noch fortdauert.

Ein weiteres Denkmal arabischer Kunst ist der Generalife, der "Garten des Baumeisters". Er liegt höher am Berge als der Königspalast; der Weg führt durch einen prächtigen Garten mit langer Zypressenallee. Der Generalife war der Sommeraufenthalt der granadinischen Könige. Hier konnten sie sich, fern von den Sorgen des Regierens, frei von den Fesseln des Königtums, ungestört dem Genusse der Natur und der Liebe hingeben. Duftende Orangenbäume, Myrten, Rosen und Granaten umgaben, Lorbeeren und Zypressen beschatteten sie; ihr Blick schweifte über die Alhambra, die rote Burg, mit all ihren Höfen, Türmen und Mauern, über die vieltausend Häuser zählende weiße Stadt und die weithin sich dehnende fruchtbare grüne Ebene; im Süden winkten dem Wüstensohne die schneeigen Gipfel der Sierra entgegen.

Der Hof des Generalife wird der ganzen Länge nach von einem schmalen Wasserbassin durchzogen. Die Bauten der Ostseite, die wir beim Eintreten hinter uns lassen, stammen aus dem 16. Jahrhundert; links findet sich eine prächtige maurische Säulenhalle mit 18 Spitzbogen, deren Mitteltüre in einen aussichtsreichen Raum, jetzt Kapelle, führt. Am besten erhalten ist die fünfbogige Galerie dem Eingang gegenüber; ein prächtiges Portal, über dem ein Inschriftenfries und fünf zierliche Gitterfensterchen sind, bringt uns in einen Saal, an den sich ein kleines Zimmer mit Aussicht auf das Tal des Darro schließt. Im Norden grenzt an den Acequiahof der Hof der Zypressen; unter den uralten Bäumen ist einer, unter dem der Sage nach Boabdils Gattin ein Stelldichein mit einem Abencerragen hatte; die Folge war die Niedermetzelung, nach welcher der betr. Saal in der Alhambra seinen Namen hat. Eine maurische Treppe führt von hier aus zu einem luftigen Mirador. Weit berühmt waren die Wasserkünste des Generalife; nach übereinstimmenden Aussagen muhammedanischer und christlicher Schriftsteller sollen sie ihresgleichen nicht gefunden haben. Heute noch erregen sie die lebhafte Bewunderung des Besuchers, sei es, wenn aus den zahlreichen seitlichen Öffnungen der Acequia das Wasser in hohem Silberstrahl aufspritzt und in zierlichem Bogen zurückfällt, sei es, wenn die springenden Fontänen im Hof der Sultanin in Bewegung gesetzt werden oder das kühle Naß in kleinen und größeren Kaskaden über die steinerne Treppe hinabstürzt, die zum Aussichtstürmchen emporleitet.

Nach dem Besuch der Alhambra und des Generalife möchten wir noch die übrigen arabischen Bauten Granadas kennenlernen. Meist sind es nur spärliche Reste; halbzerfallenes Gemäuer, ein Hufeisenbogen, ein Inschriftenfries, das Stück einer Stalaktitendecke, verblichene Arabesken, zerbrochene Azulejos, Überbleibsel eines Bades - das ist alles.

Soweit ist es gekommen mit einer Kunst, deren Preis im Morgen- und Abendland erscholl. Das Volk, das so herrliche Werke zu erschaffen vermochte, ist vernichtet oder vertrieben; was sich flüchten konnte, ist in die Barbarei zurückgesunken, aus der sich die Vorväter zu glänzender Kultur aufgerafft haben. Cordoba, das Mekka des Okzidents, der Mittelpunkt aller Bildung, ist eine unbedeutende Ortschaft geworden; Az-Zahra, von den arabischen Herrschern mit aller Pracht und allem Reichtum des Orients ausgestattet, ist völlig vom Erdboden verschwunden. Das Gefühl der Wehmut beschleicht uns, wenn wir des tragischen Schicksales der poesiereichen Araber gedenken, und die Fahne auf dem Turme zu Sevilla, der Giralda, ist uns ein trauriges Symbol vom Kommen und Gehen der Völker in der Weltgeschichte.


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Erstellt am 6. August 2001 von Kurt Stüber.

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