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Ernst Haeckel: Briefe an Anna Sethe (1858-1865)§§

Ernst Haeckel: Briefe an Anna Sethe (1858-1865)

OCR + Korrektur von Kurt Stüber 1998. Copyright Kurt Stüber.

Jena, 23.5. 1858

Himmelhoch jauchzend, mein süßes Liebchen, rufe ich Dir in der ersten Frühe des Pfingstsonntags meinen innigsten Gruß aus unserem allerliebsten Jena zu! O wärst Du hier, wie solltest Du mit mir jubeln und jauchzen und Dich freuen. Ich habe Dir schon oft gesagt, daß ich in meiner freien herrlichen Gottesnatur draußen ein ganz anderer und besserer Mensch bin, als in dem dumpfen Dunste der Städte, wo ich mich oft, selbst trotz der Nähe der nächsten Lieben, so beengt, gedrückt, befangen fühle, wo mir das Zusammenleben mit den verschrobenen Kulturmenschen die schönsten Stunden und freiesten Gedanken verdirbt. Kaum jemals habe ich aber diesen Gegensatz so lebhaft empfunden, wie diesmal, wo mich der Vollgenuß freiesten hingebendsten Naturlebens in kurzer Zeit ganz mir selbst wiedergegeben hat, wo ich aus verworrenem Zweifel und trostlosem Skeptizismus mich selbst wiedergefunden habe; aber nicht den alten isolierten Egoisten, der am liebsten mit seiner Wissenschaft ganz allein in irgendeinen entlegensten Erdenwinkel sich zurückgezogen hätte, sondern einen neuen besseren, vollkommeneren Menschen, der in Deiner reichen Liebe, mein herziger Schatz, eine Quelle neuen, frischen, liebevollen Lebens und Strebens gefunden hat, einen Weg zu neuer, edlerer Freiheit, ein vermittelndes Band zum Verkehr mit den anderen Menschen, die ihm ohne Dich so leer, tot und trostlos erschienen.

Wenn Du Dich in den letzten beiden Wochen gewiß oft über mein wunderliches Wesen und Denken, über das unsichere, zweifelvolle Schwanken und Zurückhalten gewundert hast, vielleicht gar betrübt über die scheinbare Kälte oder Unsicherheit, mit der ich die reiche Gabe Deiner reinen hingebenden Liebe nicht so ganz aufnahm und erwiderte, wie es mein ganzes übervolles Herz so gern getan hätte, so schiebe es auf die Verstimmung und Verbitterung, die dieser Gegensatz zwischen der idealen Welt meines Innern und der realen, die mich umgibt, immer hervorruft. Wie anders würde ich Dir jetzt erscheinen, wo unter dem belebenden erquickenden Einfluß des grünen Waldes, der blühenden Bäume, der warmen, hellen Maisonne, des lieben gemütlichen Thüringer Waldvolkes ein neuer, frischer Geist des Glaubens, der Liebe und Hoffnung mich beseelt, wo die trostlosen Zweifel alle überwunden sind und ich getrost und mutvoll in eine reiche, schöne Zukunft schaue.

Die Fahrt auf der Anhaltischen Eisenbahn bot natürlich nicht genug objektive Naturschönheiten, um meine Sinne und Gedanken zu fesseln. Um so freier und lieber weilten sie ganz bei Dir und suchten sich die Ereignisse der letzten Wochen, die mir immer noch wie ein Traum erscheinen, zu begreifen und dem vorher so entgegengesetzten Gedankengange anzupassen. Das unwillig widerstrebende Freiheitsgefühl des gefesselten Prometheus, dem der Geier des Egoismus an der Leber nagt, dieses disharmonische Ringen um die eingebildete Freiheit des abstrakten Verstandesmenschen, welches mich bisher noch keinen Morgen verschont hatte, wenn ich mir beim Aufwachen des so ganz neuen, fremden Verhältnisses bewußt wurde - es war diesen Morgen nur andeutungsweise, und hoffentlich zum letzten Male, vorhanden und machte bald den herrlichen Gefühlen Platz, sich im Besitze und als Eigentum eines geliebten Wesens zu wissen, das die nach dem Wahren, Guten und Schönen strebende Seele ganz versteht und trotz aller ihrer großen Mängel liebt und für immer festhalten will! Tauchten dann über dem klaren Spiegel des sicheren inneren Verständnisses, der bewußten Einheit, immer noch einzelne, düstere und trübe Gedanken des Zweifels oder gar der Verzweiflung auf, so dachte ich an die schäumenden Gasblasen, die sich beim Zusammentreffen mancher wahlverwandter Elemente entwickeln und die klare Lösung des Salzes trüben, aus der dann doch nachher die schönsten Kristalle rein und ebenmäßig anschießen. Lange dachte ich über dies chemische Gleichnis nach, über das Wogen und Wallen, Zischen und Brausen, das beim Zusammentreffen von Säure und Base entsteht, zweier so entgegengesetzter und doch so innig verwandter und sich gegenseitig anziehender Körper, zweier Gegensätze, die sich wie männliches und weibliches Prinzip verhalten, an sich unfähig, allein in Kristallform zu erscheinen, und erst durch ihre innige Vereinigung zu der bestimmten reinen Form des klaren Kristalls sich gestaltend.

Weiterhin dachte ich dann auch über den Dualismus der beiden Naturen im Menschen nach und verhalf dem "lieben Menschen", d. h. dem Gemütsmenschen mit seiner warmen Seele voll Liebe, Hingabe, Gefühl und Poesie, zu seinem Rechte gegenüber dem "Naturforscher", dem Verstandesmenschen voll Sinn für Wissenschaft und Erkenntnis, der bisher allein hatte herrschen wollen. Freilich kam's dabei zuletzt so auf eine Art ,,doppelte Buchführung" hinaus; indes weiß ich mir vorläufig doch nicht anders zu helfen, als daß ich beide entgegengesetzte Naturen nebeneinander bestehen lasse. Sie müssen sehen, wie sie sich vertragen und miteinander auskommen. Nur wünsche ich nicht, daß der "liebe Mensch" durch Deine mächtige Unterstützung zur absoluten Herrschaft gelangt. Je mehr ich aber auch dieser, von der Wissenschaft nicht anerkannten Seite menschlichen Geisteslebens ihr Recht ließ, je mehr mir Dein liebes Bild den nackten Mechanismus der Lebensmaschine mit der blühenden Farbenpracht des selbstbewußten Geistes überkleidete, desto wohler und herzlicher wurde mir zumute, und als nun gar, nachdem wir die Elbe bei Roßlau überschritten hatten, der dürre, heiße Sand und die düsteren Kiefernwälder der Mark dem paradiesischen Gartenlande des fruchtbaren Sachsens Platz machten, das mit seiner Fülle in vollster Blütenpracht stehender Obstbäume wirklich entzückend aussah, als knospende Wälder und schwellende Felder die weiten Fluren mit dem frischesten Frühlingsgrün schmückten, da ging mir das in Berlin so verschlossene und gedrückte Herz vollends auf und ich meinte Dich immer neben mir zu haben und Dir die Wonne des klaren, hellen Maientags mitteilen zu müssen. Noch nie war mir die Zeit auf dieser langweiligen anhaltischen Bahnstrecke so rasch vergangen. Freilich brauste auch der Schnellzug so rapid dahin, daß wir bis Halle noch nicht einmal vier Stunden brauchten. Meiner Reisegesellschaft wurde ich erst hinter Dessau gewahr, wo mich ein Berliner Tischler und seine Familie durch die naiven Ausbrüche ihres Naturgefühis wahrhaft erfreuten.

Die Fahrt durch die so wohlbekannten, lieben, treuen Thüringer Lande erfreute mich sehr und frischte eine ganze Reihe alter Jugenderinnerungen auf. Die schöne Gegend tat aber auch durch den herrlichsten Blütenschmuck ihr möglichstes, um mich recht reizend und hold an die vielen in süßestem Naturgenuß und reichen botanischen Freuden verlebten Stunden zu erinnern Eine verschwundene Zeit. Weißenfels, Naumburg, Kösen, Sulza usw. sind mir mit allen kleinen Winkeln und Ecken des Saaletales durch vielfache Besuche so liebe Heimatsorte geworden, daß mir fast jeder Fels eine kleine Geschichte erzählt und jeder Baum einen freundlichen Gruß zunickt. Und dann das herrliche Wasser dazu! Das Wasser!!

Von Apolda ging ich zu Fuß nach Jena, in drei Stunden. Da hättest Du mich sehen sollen, mein herziges Liebchen; schwerlich hättest Du den kürzlich vereidigten praktischen Arzt (?) erkannt, eher einen übermütigen Studentenfuchs vermutet, dem vor Jugendmut und Freiheitslust, Natursinn und Kraftgefühl die ganze weite Welt als Heimat erscheint und ihre weiten Grenzen noch zu eng sind. Wie hab' ich Dich da in Gedanken geherzt, wie bin ich mit Dir durch Wald und Feld gesprungen!

Die Landschaft ist an sich nicht besonders schön, wenigstens sehr einfach. Weites offenes Hügelland mit fruchtbarem Wellenboden. Aber die unaussprechliche Frühlingsluft in der ganzen Natur, die mir heute erst recht aufzugehen schien, der muntere Gesang der Vögel, das frische Grün der üppigen Saaten, die allerliebsten Thüringer Dörfer mit ihren reinlichen Häuschen mitten in den blühenden Obstgärten, dann der interessante Muschelkalk mit seinen regulären Schichten und vielen Versteinerungen, die knospenden und aufblühenden Wälder mit dem reizenden Gemisch frischgrüner Buchen und Birken und dunklen Fichten und Tannen, dazu der üppige Waldboden, mit der purpurnen Walderbse (Orobus vernus) und dem lieben blauen Jmmergrün ganz dicht bedeckt, dazu der herrliche blaue Himmel, der frische muntere Sinn - es war alles zu prächtig, und nur Du fehltest in dem Paradies. Das einliegende Immergrün wird Dir hoffentlich die Frühlingswonne des Waldes bei Isserstedt und die Gedanken, die ich dabei für Dich hatte, besser verständlich machen als eine lange Schilderung.

Die letzte Stunde vor Jena wird die Gegend sehr nett. Mit welchen hoffnungsvollen Gefühlen für uns beide ich in unser geliebtes, herziges Jena einzog, kannst Du denken. Mir wurde bei all dem Herzensjubel ordentlich weich. "E. H. ordentlicher öffentlicher Professor der Zoologie und vergl. Anatomie", summte mir die trügerische Hoffnung immerfort in die Ohren. Wenn sie nur Wort hält. Und was da immer für ein sonderbarer, feiner, kleiner Schatten an meiner rechten Seite schwebte!

Nachdem ich im ,,Löwen" zu Abend gegessen, ging ich gleich zu Professor Gegenbaur, der mich sehr herzlich empfing und mir eine außerordentliche Überraschung vorbereitet hatte. Er eröffnete mir nämlich, daß er im Oktober nach Messina gehe, den ganzen Winter dort bleibe und mich selbst als Gefährten sehr gern mitnehmen wolle. Was für ein unschätzbares Glück das für mich ist, von wie unberechenbarem Nutzen und Genuß, kann ich Dir erst mündlich klarmachen. Ich bin jetzt noch ganz wie benebelt davon und glaube zu träumen...

Tausend herzinnige Grüße von Deinem treuen,

glücklichen

Ernst.

Jena, 25.5. 1858

Himmelhoch jauchzend, liebes Herz, hatte ich meinen letzten Brief begonnen und abgesandt - leider sollte das "Zum Tode betrübt" nur zu bald darauf folgen. Höre nur, was mir passierte.

Bald, nachdem ich meinen Brief an Dich aufgegeben, erhielt ich Deinen lieben Herzensbrief, der meine Pfingstsonntagsfreude auf den höchsten Gipfel hob. Nachdem ich mich an ihm und Dir erquickt, ging ich zunächst zu dem Staatsrat Seebeck, dem Großherzoglich Herzoglich Sächsischen Kurator der Gesamtuniversität Jena, an dessen Bekanntschaft mir sehr viel lag, und an den mir Frau Professor Passow, seine Schwester, Grüße mitgegeben hatte. Er ist ein sehr liebenswürdiger und netter, sehr vielseitig gebildeter und geistreicher Mann, er empfing mich äußerst freundlich und besprach die verschiedensten Verhältnisse mit mir, namentlich den jetzigen Zustand der deutschen Universitäten und ihrer Professoren. Ich freute mich sehr, in so vielen, auch subtileren Punkten, eine volle Übereinstimmung meiner Ansichten mit denen eines so trefflichen und tüchtigen Mannes zu finden. Zuletzt kamen wir auch auf Lachmann zu sprechen, den er (als Onkel seiner Frau) sehr gut kannte, und er äußerte sich in kurzem etwa folgendermaßen über ihn: "Wie schade, daß ein so talentvoller, tüchtiger Naturforscher sich durch zu frühes Hingeben an ein weibliches Herz so ganz von seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die er so glänzend begann, hat ablenken lassen. Das kann nun einmal beides nicht zusammen bestehen. Der Flug des Genius erlahmt unter der Sorge für Weib und Kind. Das Interesse für die Wissenschaft erlischt unter dem Gedanken an Bett und Wiege. Ich liebe sowohl Lachmann als seine Frau sehr, allein um der Wissenschaft willen wäre es schon besser gewesen, wenn sich ihre Herzen ein Jahrzehnt später zusammengefunden hätten. Ich kann Sie nicht genug warnen", setzte er lächelnd hinzu, ohne meine Folterqualen gewahr zu werden, "sich zu bald zu verlieben. Es ist zu gefährlich. Haben Sie erst Ihr Herz vergeben, dann ist es auch bald mit der Wissenschaft vorbei."

Ich saß wie auf Kohlen. Jedes Wort fiel mir wie ein glühender Tropfen schmelzenden Bleies oder siedenden Öles auf das blutende Herz, dessen Zweifel ich soeben erst nur mit der größten Mühe endlich ganz beseitigt zu haben und so im Besitze des geliebten Herzens recht glücklich zu sein glaubte. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Ich empfahl mich möglichst bald und ging zu Gegenbaur. Da mir der ganze Kopf von dem angeregten Thema schwindelte, fing ich dasselbe auch bei ihm an aufs Tapet zu bringen. Scherzweise fragte ich ihn, ob er sich denn bei seiner schönen Stellung für seine große geräumige Wohnung noch keine Gebieterin ausgesucht habe? "Das sollte mir fehlen!" war die Antwort. "Jetzt in meinen besten Jahren, wo ich der Wissenschaft allein angehöre, für sie lebe und arbeite, alle meine Zeit und Kräfte für sie allein verwende, mich unter die Herrschaft einer Frau begeben, die Sorge für Weib und Kind übernehmen, die dann alles Interesse für sich absorbiert!! Nein, ist es erst so weit, dann ist es mit dem Arbeiten und der energischen Ausdauer, mit dem wissenschaftlichen Feuereifer und mit dem Reisen für immer vorbei. Sitzt das schwimmende Strahltierchen erst einmal fest, dann hat die Freiheit und Selbständigkeit ein Ende." -

Das fehlte noch, um mein entzweites Herz völlig zu zerreißen, und ich war niclit weit davon, mich der Verzweiflung ganz hinzugeben, nachdem ich noch kurz zuvor im herrlichsten Sonnenschein des schönsten Glückes geschwelgt hatte. Was ich mir nach mehrwöchentlichem Zwiespalt, zweifelvoller Überlegung jetzt endlich so recht lieblich und schön zurechtgelegt hatte, war nun mit einem Schlage vernichtet, und ich fühlte die Wahrheit der angeregten Ansichten, das Überwältigende dieser indirekten Vorwürfe nur zu sehr, um mich ihnen irgendwie entziehen zu können.

Im tiefsten Schmerz über diesen unseligen Zwiespalt zwischen dem lieblichsten, holdesten Wollen, der zartesten, süßesten Neigung, und andererseits den objektiven Forderungen der kalten, harten und doch so hochverehrten Wissenschaft, meinte ich fast verzweifeln zu müssen, und ich verwünschte die Stunde, da ich Dich gesehen, den Tag, wo ich mich Dir ganz hingegeben hatte - du liebes, holdes Herz, das ich doch nicht lassen kann.

Wer weiß, was ich in meiner Verzweiflung, in deren sturmbewegter, wilder Flut ich vergebens nach einem festen, rettenden Fels rang, angefangen hätte, wenn ich mich nicht in der Notwendigkeit befunden hätte, bei Professor Gegenbaur zu bleiben und mich zusammennehmen zu müssen. So ging es denn am ersten Pfingstfeiertag noch so ziemlich und ich erschien objektiv ruhig, obwohl das Innere von den wildesten Stürmen zerrissen und gemartert wurde. Da erschien mir wieder die hehre Wissenschaft in ihrer ganzen Majestät und Größe, der ich so oft mein ganzes Ich, mein Wesen und Wirken allein versprochen und angelobt hatte, und forderte es mit eiserner Strenge. Und Dein liebes, holdes Bild, mein Schatz, trat dabei so in den Hintergrund, daß ich Dich gar nicht wirklich lieb zu haben glaubte, obwohl es mich noch vor wenigen Stunden so ganz beherrscht hatte. Wie oft verwünschte ich meine Schwachheit, daß ich mich meiner bloßen Neigung so ganz und gar hingegeben habe, wo es doch Pflicht gewesen wäre, dem reinen, kalten Ernste der Wissenschaft allein alle Sinne und Gedanken zu widmen. Und dann wieder erschienst Du mir mit Deinem liebevollen Gemüt, Deinem reinen Wahrheitssinn, Deinem offenen Naturgefühl so liebenswert und herrlich, daß ich trotz alledem Dich doch nicht meinte lassen zu können. Kurz es war ein Zweikampf der Gedanken, der mich fast zur Verzweiflung brachte.

Glücklicherweise war bei Tisch (im "Bären") sehr muntere Gesellschaft, und nachmittags machten wir trotz fortdauernden Regenwetters mit mehreren Professoren einen Spaziergang nach dem reizend gelegenen Dorf Winzerla, so daß ich wenig bemerkt wurde. Ich war aber auch kaum fähig, etwas Ordentliches zu denken. Wie sehr ich auch bemüht war, mich durch Reisegedanken zu zerstreuen, so schwebte mir doch Dein liebes, süßes Bild beständig vor Augen und ich konnte es nicht übers Herz bringen, den Gedanken zu fassen, Dich vielleicht ganz lassen zu müssen. Gegen solche Gedanken vermochten freilich selbst die Reize unseres lieben Jenaer Saaletales gar nichts, ich sah und fühlte sie nicht, ich ging nur wie im Traum. Meine einzige Freude war, als wir auf dem Rückweg von einem tollen Gewitter mit Platzregen durch und durch geweicht wurden.

Pfingstsonntag abend war ich zu Seebecks eingeladen. Obgleich ich nichts weniger als dazu in der Stimmung war, und mich lieber in einen Kampf auf Leben und Tod gestürzt hätte, in eine wilde, sturmbewegte See, wo das schwache Lebensfünkchen mit seiner verschwindenden Glut bald verloschen wäre, so mußte ich doch hin. Auch ging es besser, als ich gedacht. Außer den sehr netten Töchtern von Staatsrat Seebeck lernte ich noch zwei ausgezeichnete Professoren kennen, den Philosophen Kuno Fischer, einen geistreichen, munteren, unterhaltenden Mann, und den medizinischen Kliniker Leubuscher (Pathologen), einen gescheiten, sehr wissenschaftlichen Arzt. Letzterer ging beim Nachhausegehen noch eine Stunde im Mondschein mit mir spazieren. So kam ich erst um zwölf Uhr nach Hause, in den ,,Löwen".

Aber schlafen konnte ich noch lange nicht. Ich lag noch eine Stunde im Fenster und klagte mein Leid unserem alten Freund, dem stillen Vollmond, dessen lieber Schein nur stellenweise von schweren Wolkenschatten umdunkelt wurde. Wie anders erschien mir heute die ganze Welt, als gestern! Gestern die schönsten Reisehoffnungen und kühnsten Zukunftspläne, heute nichts als die nackte Verzweiflung und die unversöhnlichste Gedankenentzweiung. Wie soll ich das vereinen? Ich finde keinen Ausweg, oder glaube wenigstens keinen zu finden. Ich muß erst Dein liebes Gesicht, mein holder Schatz, wiedersehen, um mich von dem allem ganz zu befreien. Wie soll das aber werden, wenn diese Kollisionen, diese Konflikte der innersten Strebungen und Gefühle immer und immer wiederkehren?

Merseburg, "auf der Hütte", 27. 5. 1858

Der zweite Pfingstfeiertag begann wie der erste mit einem tüchtigen Landregen, der sich auch im steten Zusammenhang wieder bis zum Abend fortsetzte. Ich ging schon früh zu Professor Gegenbaur, um mit ihm alle Einzelheiten der Zurüstungen zu unserer gemeinsamen Messina-Expedition ausführlich zu besprechen. Was für ein außerordentliches Glück es gerade jetzt für mich ist, an einem so ausgezeichneten Zoologen einen wohlwollenden Mentor zu finden, und welche seltsame Fügung, daß er auch schon lange gerade für nächsten Winter sein Auge auf Messina gerichtet hat, kannst Du kaum denken; mir selbst kommt die schöne Hoffnung oft nur wie ein Traum vor.

Gegenbaur führte mich auch in sein zoologisches Museum; das ist durch seine Bemühungen zwar sehr nett eingerichtet, aber den außerordentlich kümmerlichen Mitteln der Universität entsprechend im ganzen doch sehr dürftig. Dieser Mangel einer tüchtigen Sammlung und andererseits der nicht minder fühlbare einer reichen Bibliothek sind die beiden größten und allerdings sehr düsteren Schattenseiten des sonst so reizenden und lockenden Jenenser Universitätslebens, in specie für den Professor der Zoologie. Die übrigen Verhältnisse sind dafür aber um so netter und Du kannst Dir denken, mein bester Schatz, mit welchen egoistischen Nebengedanken und hoffnungsreichen Träumen für uns beide ich mir das alles ansah.

Am Nachmittag machte ich bei Seebecks meinen Abschiedsbesuch. Der treffliche Staatsrat war wieder äußerst liebenswürdig und ich unterhielt mich noch einmal sehr lange mit ihm. Er entließ mich vielversprechend mit den Worten: ,,Nun, wir werden uns gewiß im Leben noch öfter begegnen!" Wie mir das Herz hüpfte! Oh, sollte wirklich einmal dieser schöne Traum in Erfüllung gehen und der Professor der Zoologie Ernst Haeckel seine kleine Herzens-Anna in der lieben Thüringer Universitätsstadt als würdige Frau Professor einführen?

Am Abend, als der Regen aufgehört, machten wir noch einen netten Spaziergang nach dem Dörfchen Löbstedt, im Saaletal nach Dornburg zu gelegen. Das frische, prächtige Frühlingsgrün, das nach dem reichen Regen überall in der üppigsten Fülle hervorsprießte, machte auch unser beider Herz weit, offen und glücklich, und wir sprachen uns recht herzlich über die verschiedensten Angelegenheiten aus. Je näher ich den trefflichen Gegenbaur kennenlerne, desto glücklicher schätze ich mich, in eine so nahe und dauernde Berührung mit ihm treten zu können, und ist es nicht wirklich eine sonderbare Fügung, daß gerade jetzt, wo ich durch Müllers Verlust so schwer getroffen bin, einerseits ein so ausgezeichneter wissenschaftlicher Freund und Lehrer, andererseits eine solche Quelle reichsten Gemütslebens, wie ich ihn in Dir, mein bestes Herz, finde, zusammenkommen, um mir die schon fast aufgegebene Zukunft mit neuen schönen Hoffnungen zu schmücken?

Um sechs Uhr heute früh war ich in Kösen, wo ich ausstieg, um von den lieben Stätten meiner botanischen Freuden, die ich früher so oft besucht, auf lange Zeit, vielleicht für immer, Abschied zu nehmen. Ich stieg zunächst in das Himmelreich hinein, das mir aber bei dem schneidenden Nordwestwinde und kaltem Regengusse recht irdisch vorkam. Über Saaleck stieg ich dann die Rudelsburg hinauf, wo sich, innerhalb einer Stunde, das vorher so trostlose Wetter so herrlich aufklärte, daß ich noch den übrigen Tag hier zu verwandern beschloß. Zu Mittag war ich bereits auf dem Geiersberg drüben und im Mordtale, und hier nahm sich das bunte, so mannigfach gemischte Grün der aus Buchen, Birken, Eichen, Fichten und Tannen zusammengesetzten, ausgedehnten Laubwälder ganz reizend aus. Sonst hätte ich tagelang in solchem herrlichen Frühlingswetter im grünen Walde liegen mögen. Heute aber hatte ich nicht Sinn und Geduld dazu. Ich sah den Wald vor "lauter - Anna" nicht!

Berlin, 12. 8. 1858

Das Wichtigste, das ich Dir heute mitteilen kann, ist, daß ich übermorgen mit Max Schultze nach Jena zu der großen Säkularfeier der Universität reise, wozu mich Schuitze heute in kurzem ohne Mühe überredet hat. Außer der großartigen und interessanten Feierlichkeit der mir so besonders lieben Universität hoffe ich dort viele Fachgenossen kennenzulernen. Insbesondere liegt mir aber daran, Professor Carus aus Leipzig zu treffen und mit ihm über die italienische Reise zu sprechen. Da es jetzt fast sicher ist, daß Gegenbaur nicht mitgeht, so redete mir Max Schultze sehr zu, die Reise im Oktober anzutreten und mit Professor Carus gemeinschaftlich zu machen, da dieser sehr viele theoretische Kenntnisse besitzt, die mir ganz mangeln, außerdem gerade ein solcher Gesellschafter für mich ebenso nützlich als angenehm sein würde Auch rechne Carus schon stark auf meine Reisegesellschaft Die Gründe, mit denen mir Max Schultze zuredete, ließen sich in der Tat hören, und so ist es wahrscheinlich daß mir diese Jenenser Reise endlich definitiven Entschluß über das ,,Wann" und ,,Wie" der Reise nach Messina bringen wird.

Biermann war diesen letzten Tag noch sehr lieb und nett. Er saß fast beständig bei mir und plauderte, warnte mich vor meinen Fehlern, alles in nächtiges Dunkel zu kleiden und die Extreme zu suchen, zu wild und zu unruhig zu sein und lehrte mich Licht und Klarheit zu sehen und zu suchen. Es ist ein lieber, prächtiger Naturmensch, an dem ich mich nicht genug freuen kann, so einfach, kindlich, natürlich, und dabei so freisinnig, gerade, wahr, liberal in jeder Beziehung.

Mittwoch abend waren wir alle drei bei dem Professor Weiß wo wir mit Professor Beyrich, Braun und dem Professor der Botanik Naegeli aus München (früher in Zürich, wo ich ihn auf der Rückreise aus Nizza besucht hatte), einen sehr netten, vergnügten Abend verlebten; nur, daß ich periodisch so geistesabwesend war, daß ich die verkehrtesten Antworten gab. Rätselhaft, woher wohl diese sonderbare Zerstreutheit kommt? -

Heute abend ging ich nach dem Gesundbrunnen (eine gute Stunde von der Stadt) hinaus, wo Max Schultze bei seinem Schwiegervater, dem Prediger Pettermann wohnt. Ich habe in der lieben Familie einen sehr netten Abend verlebt. Max Schultze ist ein lieber prächtiger Mensch, so einfach und natürlich, wie ein Kind, dabei einer unserer tüchtigsten Anatomen, von ebenso bedeutenden Fähigkeiten, als energischer Tatkraft und Fleiß. Als ich heute abend sah, wie glücklich er mit seinem lieben und netten Weibe (seiner Kusine!) zusammenlebte, wie er mit seinen beiden allerliebsten kleinen Jungen spielte, und wie harmonisch und schön er das alles zu vereinen wußte, ohne seinen wissenschaftlichen Pflichten und Strebungen etwas zu vergeben (natürlich die unersetzlichen Reisen, für die auch er schwärmt, abgerechnet), so mußte ich recht lebhaft und mit dem süßen Gefühl seligster Hoffnung an ein anderes, analoges Pärchen denken! Oh, Du bester Schatz!

Jena, 15.8. 1858

Daß die lieben, schönen Jenenser Berge mit ihren weißen Kalkfelsen und blumigen Abhängen, den freundlichen Dörfern an ihrem sanft aufsteigenden Fuß und der vielgeschlängelten Saale mit ihren grünen Auen, mit all dem Reiz, den die liebliche Natur und die akademische Geschichte im Verein dieser alten deutschen Universitätsstadt verliehen, mich schon so bald wieder erfreuen würden, hätte ich zu Pfingsten nicht gedacht. Und wenn damals die Gastfreundschaft von Professor Gegenbaur und die Anmut der hiesigen Verhältnisse, mit denen er mich bekanntmachte, den angenehmsten Eindruck von der so lange nicht gesehenen Stadt zurückließen, so kamen diesmal noch die ganz außerordentlichen Eindrücke dazu, die durch die 300-jährige Jubelfeier der Universität in festlicher Weise hervorgerufen wurden, sowie das Zusammensein mit einigen anderen jungen Professoren, die auch bei Gegenbaur waren.

Wir, Max Schultze und ich, fuhren am Samstag, 14.8. früh 7 Uhr von Berlin fort und verplauderten die vier Stunden lange Fahrt durch die langweilige Mark so nett, daß wir unversehens in Halle waren. Der Zug war außerordentlich groß und mit Jenenser Festgästen überfüllt. Unter der sehr bunten Reisegesellschaft - zum Teil ganz alte, grau- und weißhaarige Männer mit ihren früheren Studentenverbindungsabzeichen - befanden sich drei sehr nette und freisinnige Magyaren, aus weit entlegenen Orten Siebenbürgens und Ungarns, der eine von ihnen ein wunderschöner Mann mit mächtiger Adlernase und Bart, schwarz funkelnden Augen und langen Haaren. Sie waren, wie auch die übrigen alten Studenten, urfidel und vergnügt und trieben allen möglichen Unsinn, trotz der drückenden Augusthitze, die uns in dem überfüllten Kupee wirklich in Schweiß badete.

Der Trubel und die tosende Verwirrung bei der Ankunft in Apolda waren unbeschreiblich. Da von den vielen Hundert Festgästen nur wenige gesonnen waren, zu Fuß zu gehen, waren Post und Omnibus natürlich gleich überfüllt, und so hoffte ich schon, meinen Plan, zu Fuß zu gehen, auch bei meinen Reisegefährten durchzusetzen. Aber Schultze hatte dazu wenig Lust, und so begaben wir uns in die Stadt, wo wir einem Leiterwagen begegneten, der von mehreren alten Jenenser Burschen mit Gewalt gestürmt wurde. Wir unterstützten sie kräftig und zwangen den Kutscher, uns nolens volens nach Jena zu fahren. Das war nun eine der komischsten Fahrten. Der Leiterwagen wurde querüber und der Länge nach mit Brettern belegt, auf denen wir über einem Haufen von Kisten, Koffern und Reisesäcken es uns so bequem als möglich machten. Von ähnlichen, in buntester Weise bepackten Wagen war die ganze Chaussee bis Jena bedeckt und wir hatten vielen Spaß mit den Begegnenden und Wettfahrenden. Die Fahrt selbst war bei dem klaren Wetter prächtig, und wir litten auf unseren erhöhten Sitzen wenig von dem dicken Staub. Schon von weitem sahen wir die Türme und Dächer reich mit Fahnen geschmückt. Nicht ein Stockwerk irgendeines Hauses, das ich sah, war schmucklos, und selbst die ärmste Hütte war wenigstens mit Eichenlaub reichlich staffiert. Dazu flatterten von allen Türmen und Dächern bunte Wimpel und Fahnen, meist in den Landesfarben der vier sächsischen Herzogtümer, viele auch in den deutschen Farben. In den Straßen überall Triumphbogen.

Als wir um drei Uhr nachmittags in Jena ankamen, wimmelte es in allen Straßen dergestalt von fremden Gästen und einheimischen Festfeiernden, daß wir absteigen und uns zu Fuß durch die Menge hindurcharbeiten mußten. Wir gingen sogleich zu unserem alten Gastfreund, Professor Gegenbaur, auf dem Fichteplatz, der uns aufs freundlichste aufnahm, trotzdem die Professoren Carus aus Leipzig und Friedreich aus Heidelberg schon mehrere Zimmer besetzt hatten. Ich wurde mit Carus in die Rumpelkammer gelegt.

Wir hatten uns kaum etwas eingerichtet und bewillkommnet, als sich schon der Anfang der Festfeier durch das Läuten aller Glocken bemerkbar machte. Wir gingen auf die Brücke hinaus und dort auf und nieder. Als es dunkel geworden war, begann ein überaus schönes Schauspiel. Auf allen den vielen Bergkuppen ringsumher loderten große Freudenfeuer empor, und am Abhange der Berge wurden durch viele Hunderte Fackeln tragender Bauern sehr schöne, bunte Feuerlinien und Figuren gebildet, die sich zum Teil schlangengleich den Abhang hinab entwickelten. Aus den Wiesen und vom Flusse stiegen bunte Leuchtkörper und flammende Raketen hoch empor, und prächtig reflektierte der Wasserspiegel die vielen Lichter.

DAS JENENSER UNIVERSITÄTS-JUBILÄUM

Berlin, 22. 8. 1858

Am 15. August 1858, dem ersten Feiertage und Sonntage des 300 jährigen Jenenser Universitäts-Jubiläums, wurden wir schon früh um sechs Uhr durch Musik und Gesang geweckt; wir versammelten uns alsbald bei unserem gastfreundlichen Wirt, Professor Gegenbaur, in dessen großer, dreifenstriger Studierstube zum Kaffee. Professor Friedreich aus Heidelberg hatte in dessen eigentlicher Schlafstube, Max Schultze aus Halle in seiner eleganten Galastube, Victor Carus aus Leipzig in der eigentlichen Speisekammer, und meine Doktorwenigkeit in der davor befindlichen Rumpelkammer übernachtet. Doch können die anderen in ihren teils wohleingerichteten, teils improvisierten Betten kaum so wohl geschlafen haben, als ich, in meinen treuen alten Plaid eingehüllt, auf der Bodenstreu, die mir bequeme Ausdehnung nach allen Seiten gestattete.

Nach neun Uhr machten wir uns auf den Weg, um an dem großen Festzuge teilzunehmen, der von der neuen Bibliothek aus (in welcher die verschiedenen Festdeputationen früh empfangen und begrüßt worden waren) den Fürstengraben hinauf durch die Johannisstraße in die Stadtkirche zog. Obwohl ein heftiges Gewitter mit strömendem Platzregen die Ordnung und allgemeine Teilnahme etwas störte, nahm sich der Zug, in welchem viele Tausend fremde und einheimische Festgäste, festlich geputzt, zu je vieren einherschritten, sehr imposant und malerisch aus und hatte eine solche Länge, daß die ersten schon in der Kirche waren, als die letzten noch stillstanden. Voran, wie auch zu Ende des Zuges und zwischen allen einzelnen Abteilungen desselben, zogen, von Musik begleitet, studentische Festmarschälle, die sich in ihren schwarzen Samtröcken mit Schärpen und Baretts mit Straußenfedern, in langen Kanonenstiefeln und mit blanken Schlägern recht stattlich, mittelalterlich ausnahmen. Den eigentlichen Zug eröffneten die Büchsenschützen, dann folgten die buntgeputzten Schulen und Institute, die evangelische Geistlichkeit, der Magistrat, die Gewerke und Zünfte mit ihren mannigfachen Abzeichen, Insignien und Fahnen, das studentische Präsidialkomitee mit der großen Universitätsfahne, dann das große bunte Heer der fremden und einheimischen Festgäste, die uniformierten Staatsbeamten, die zahlreichen Deputationen der verschiedenen Universitäten, Akademien usw., dann die Ministerien und endlich das Corpus academicum mit den auswärtigen Universitätsdozenten, einer Anzahl ausgezeichneter und berühmter Männer von allen deutschen Universitäten. Den Schluß bildeten die alten und jungen Jenenser Studenten aus den verschiedensten Jahrgängen, von 1792 bis 1858; gewiß der interessanteste Jubelzug, den man sich denken kann.

Einen netten Gegensatz zu der hochfeierlich geputzten und mit Fahnen, Standarten, Federn und Festornaten reichlich ausstaffierten männlichen Genossenschaft des langen Festzuges bildete die aufs bunteste und mannigfachste mit Bändern, Blumen und Kränzen geschmückte, größtenteils weibliche Bevölkerung, die beiderseits des Zuges ein dichtes Spalier bildete und in der Stadt alle Fenster vom Souterrain bis zum Dach hinauf besetzt hatte. Das Erstaunen über die nie gesehene Pracht war, namentlich auf den Gesichtern der zahlreichen Landbevölkerung, sehr amüsant. Gegen zwölf Uhr war die Festpredigt des Oberkirchenrats Dr. Schwarz zu Ende, die sowohl durch den begeisterten, spannenden Vortrag, als die hohe Liberalität und den frischen Gedankenschwung allgemein gefiel und durch die Schilderung der vielen schweren Kämpfe, die die Universität durchgemacht, die beständige Teilnahme frisch erhielt.

Mit dem Festgottesdienst hatte auch der strömende Regen aufgehört, der nun als die größte Wohltat erschien, da er die vorher unerträglich drückende Schwüle ganz beseitigt und den dichten, feinen Kalkstaub ganz niedergeschlagen hatte. Auch wurde das ganze Fest von diesem Augenblick an durch das allerschönste, heiterste und doch nicht übermäßig heiße Wetter sehr begünstigt.

Beim Heraustreten aus der Kirche war ich nolens volens mit in das corpus academicum gedrängt worden, so daß ich nun auf dem Markte, wo die feierliche Enthüllung des Johann - Friedrich - Denkmals stattfand, einen der allerersten Plätze bekam, nämlich mitten innen zwischen dem Festredner, Staatsrat Seebeck einerseits, und dem Großherzoglichen Hofe, der mit den Deputationen usw. auf einer erhöhten Tribüne Platz genommen hatte, andererseits. So verstand ich jedes Wort von der schönen Rede Seebecks, der die Verdienste Johann Friedrichs um die Reformation durch die Gründung der Universität und die Beschützung des Liberalismus in schönster Form verherrlichte. Auch konnte ich die Enthüllungsfeierlichkeiten der schönen, von Professor Drake gearbeiteten Statue, sowie die darauffolgende große Vorstellung auf der Großherzoglichen Tribüne, trefflich beobachten und hatte den besten Überblick über den großen Markt, dessen bunter Fahnenkranz und Kleiderschmuck über und zwischen den wogenden, buntgeputzten Menschenmassen sich ganz prächtig ausnahm.

Nachdem sich diese nach Beendigung der Feier zerstreut, fanden wir uns wieder bei Gegenbaur zusammen und steuerten in unsere treffliche Stammkneipe, den "Schwarzen Bären", wo wir von dem dicken, dienstbeflissenen Wirt, Herrn Helbig, dem Feste gemäß auf das vortrefflichste bewirtet wurden, doch unter den vielen hundert Gästen und ihrem tollen Trubel nicht lange aushielten, sondern uns in das Paradies und die große Festhalle begaben. Dort begegneten wir unter der Masse der auf der grünen Wiese, unter den Bäumen und in dem großen Festzeit auf und ab wogenden Menschen noch manchem Bekannten.

Um acht Uhr zogen wir wieder in die Stadt und ich trennte mich von den übrigen, welche in einer Elite Soirée in den akademischen Rosensälen sich dem Kurator Seebeck und durch diesen dem Großherzog vorstellen ließen. Ich schloß mich dem großen Fackelzug der Studenten an, der die ganze Stadt mehrmals in Schlangenwindungen durchzog und sich in dem bunten Schmuck derselben ganz prächtig ausnahm. Nach dem zum Schluß desselben das "Gaudeamus igitur" gesungen und ich mich noch lange am feurigen Glanze der auf einen Haufen zusammengeschleuderten Fackeln ergötzt, auch noch ein anderes prächtiges Feuerwerk auf der Paradieswiese mit angesehen hatte, wanderte ich wohl noch eine Stunde lang an dem schönen Saaleufer aufwärts und suchte die zahlreichen mächtigen und schönen Eindrücke zu bewältigen, die dieser herrliche Festtag in mir hervorgerufen. Der frische Naturgeist des Liberalismus, das kräftige Streben nach frischer, freier, naturgemäßer Entwicklung, das in allen einzelnen Momenten so deutlich, schön und harmonisch hervorgetreten, hatte mir diese so liebe, deutsche Zentraluniversität, für die ich schon vorher so viel Vorliebe hatte, jetzt ganz besonders wert und lieb gemacht, und ich konnte mich lange nicht über den wilden Sturm begeisterter Freiheitsbestrebungen und Entwicklungs-Ideen beruhigen, die diese kraftvollen, glühenden, echt deutschen Momente in mir wie wohl in der Brust eines jeden braven Jünglings hervorrufen mußte. Doch kam endlich auch über mich süßer Friede, als ich an die ferne Ostsee dachte.

Am Montag, 16. August, durchstrich ich schon um sechs Uhr früh, während meine Gefährten noch schliefen, die Straßen und Gäßchen der lieben Stadt, die die heiterste Morgensonne beglänzte, und las die Gedenktafeln der berühmten Männer an den festlich geschmückten Häusern. Fast jedes dritte Haus, in manchen Straßen alle Häuser, hatten deren eine oder mehrere aufzuweisen, auf denen Namen, Geburts- und Todestag des ausgezeichneten Gelehrten, der darin gewohnt hatte, verzeichnet war. Man muß in der Tat erstaunen über die außerordentliche Zahl großer, deutscher Geister, die Jena teils als Lehrende, teils als Lernende, seit 300 Jahren in seinen Mauern beherbergt hat.

An dem feierlichen Festzuge, der in derselben Weise wie am vorhergehenden Tage die Stadt durchzog, nahmen wir heute nicht teil, sondern ließen ihn an uns vorüberziehen, um seine bunte Pracht und imposante Größe in ihrer ganzen Ausdehnung kennen zulernen. Danach stiegen wir beim herrlichsten Wetter auf einen südwestlich von Jena gelegenen Berg, von dem wir mit einem Blick die ganze liebliche Gegend überschauten, die reizende, buntgeschmückte Stadt, im Kreuzpunkt von vier Tälern liegend, indem das Saaletal, nördlich nach Dornburg, südlich nach Kahla sich verlängernd, in ostwestlicher Richtung von zwei anderen Tälern geschnitten wird, in denen von West die Straße von Weimar, von Ost die von Roda sich in den grünen Kessel hinabsenkt. Die großartigen weißgelben, scharf vorspringenden Kalkmassen der Berge kontrastieren lieblich mit dem frischen Grün, das die Täler, namentlich längs der Saale, erfüllt, und die zahlreichen netten, kleinen Dörfer geben der sonst schon so freundlichen Landschaft noch mehr Leben. Oh, glücklich, wer hier sein Leben zubringen darf! - Wir lagen wohl über eine Stunde im Grase auf dem Gipfel des Berges und priesen Gegenbaur glücklich, der in einer so reizenden Natur, unter so lieben Menschen, in einer Berufstätigkeit, die ihm nur Freude und Genuß bringt, das glücklichste Leben führt.

Nachher schlenderten wir über die Festhalle in unseren "Schwarzen Bären", wo ein äußerst vergnügter Mittag unserer wartete. Es hatten sich nämlich an der festlich geschmückten, langen Mittagstafel in der Kegelbahn zufällig eine Menge alter Studiengenossen zusammengefunden, die, von Begeisterung und Festfreude überströmend, in Erzählung und Schilderung der alten Zeiten die interessanteste Unterhaltung boten, die wir wünschen konnten, und als erst der Wein ihre Zunge gelöst hatte, taten sie es an ausgelassener Lustigkeit, tollen Einfällen und sprudelndem Humor den besten jungen Burschen gleich. Ein witziger und treffender Trinkspruch, eine begeisterte und frohe Jubelrede folgte der anderen, so daß wir bis fünf Uhr äußerst vergnügt beisammen saßen.

Wahrhaft ergreifend war die Standrede eines alten Schleswig-Holsteiner Pastors, der, mit Weib und Kind von Haus und Hof vertrieben, in Sachsen ein neues Vaterland gefunden hatte; er schilderte seine Schicksale seit seiner Jenenser Studienzeit (er hieß "die lange Latte", war von den Dänen in effigie gehenkt und verbrannt worden und hatte sich nur durch ein halbes Wunder gerettet) mit so rührender Wahrheit und Einfachheit, daß der weibliche Teil der Tischgesellschaft in lautes Weinen und Schluchzen ausbrach.

Da Carus und Friedreich den Abend auf dem Balle zubringen wollten, ging ich mit Max Schultze und Gegenbaur allein hinaus ins Grüne und wir machten den allerschönsten Spaziergang. Bei der Festhalle setzten wir über die Saale und gingen dann über frische, saftige, mit vielen zerstreuten Bäumen und Gebüschgruppen besetzte Wiesen in einer Stunde nach dem Dorfe Winzerla (wo ich auch am zweiten Pfingsttag war). Von da stiegen wir in die Triesnitz hinauf, einer reizenden, kühlen, wasser- und waldreichen Bergschlucht, zwischen deren moosigen Felstrümmern und alten Bäumen zahlreiche frische Quellen hervorsprudeln. Auf einem der hübschesten Punkte, von wo man über die Bäume weg ins Saaletal hinüb ersieht, tranken wir Kaffee und stiegen dann noch bis zu dem höchsten Punkt des Berges hinauf, von wo wir eine herrliche Aussicht das Saaletal hinauf bis Kahla hatten, das von der Leuchtenburg überragt wird, und nach einer Viertelstunde auch noch einen prächtigen Sonnenuntergang genossen, der die blaßgelben Kalkkuppen und die weiter hinauf vortretenden roten Standsteingehänge mit den schönsten wärmsten roten und gelben Farbentönen übergoß.

Dazu wurden wir von Gegenbaur auch noch mit Champagner überrascht, den er heimlich hatte hinaufbringen lassen. Wir ließen die schaumgefüllten Gläser zu Ehren unseres freundlichen Wirts und des lieben Jena klingen und plauderten noch munter fort, bis die Nacht hereinbrach. Auch mit dem delikaten "Kunitzer Eierkuchen" wurden wir noch traktiert, dessen Verfertigung Geheimnis der Triesnitzwirtin ist.

Als wir ins Saaletal hinabkamen, war es schon dunkel geworden. Bald trat aber der liebe Mond in schönstem Silberglanz hinter den Bergen hervor und leuchtete uns auf dem hübschen Heimweg. Viele innige Grüße sandte ich durch ihn nach dem lieben, fernen Heringsdorf hinüber.

Der Abend war köstlich. Blaue Nebel stiegen aus den feuchten Gründen des Saaletales empor. Aus der Ferne glänzten die Lichter des Städtchens. Rings aus den Dörfern schallte Musik und Freudengeschrei der überall zerstreuten Jubelgäste und Studenten. Das Rauschen des Flusses mischte sich mit diesen fremden Tönen und dem Gerassel der zahlreichen Fuhrwerke, die die zum Fest gekommenen Bauern nach Hause führten.

Dienstag, 17. August, zogen wir um zehn Uhr im üblichen Festzug in die Kollegienkirche, wo in Gegenwart des Großherzogs die Ehrenpromotionen stattfanden. Die fünf langen lateinischen Reden der vier Dekane und des Rektors waren sehr langweilig, dafür die Musik zu Anfang und zum Schluß recht hübsch.

Nach Tisch gingen wir nach dem drei Viertelstunden entfernten Dorfe Löbstedt, wo man gewöhnlich Kaffee trinkt. Um fünf Uhr waren wir wieder in der Festhalle, wo der große Kommers schon seit vier Uhr alles mit Lust und Leben erfüllt hatte. Ein so großartiger und dabei so ungestört heiterer Kommers mag wohl selten dagewesen sein, und das Hineinmischen der bunten Stadt- und Landbevölkerung, namentlich des schönen Teils desselben, gab ihm ein eigentümlich glanzvolles Leben, obwohl der studentische Charakter des Festes dadurch etwas in ein Volksfest umgesetzt wurde. Doch erinnerten die Studentenlieder, die mit Barett, Schläger und Schärpe festlich geschmückten Chargierten, die nach den Jahrgängen geordneten alten und jungen Studenten mit ihren bunten Burschenschafts- und Korps-Bändern, Mützen und Fahnen überall an den eigentlichen Zweck.

Wir setzten uns unter die alte Burschenschaft des Burgkellers mit dem schwarzrotgoldenen Panier, wo sich bald mehrere Bekannte zusammengefunden hatten, mit denen wir äußerst vergnügt sangen und tranken. Getrunken wurde übrigens sehr mäßig, trotzdem die Stadt zum "Freibier", das sie gab, 300 Eimer hatte brauen lassen (es wurden nur 160 getrunken). Der feierlichste Moment des Festes war der Gesang des "Landesvaters". Der Chor von 1100 alten und jungen Studentenstimmen (570 Burschenschaften, 230 Korps, 300 keiner Verbindung angehörend) machte sich höchst großartig, und die alten grauen und weißen Häupter, die alle Zeremonien mitmachten, die sich den Hut selbst auf den Hieber spießten, verliehen dem Ganzen etwas sehr Feierliches und Ehrwürdiges. Nach zehn Uhr wurde das Getümmel etwas zu bunt, es ging nun alles drunter und drüber und wir gingen schließlich in den "Bären", um den neuen und alten Freunden, die wir hier getroffen hatten, Lebewohl zu sagen.

Den Mittwoch benutzte ich, um mir die Umgebung von Jena noch weiter anzusehen. Nach einem erquickenden Wellenbad in der Saale erstieg ich den unmittelbar über der Stadt aufsteigenden Hausberg und den Fuchsturm, von dem man die ganze Umgegend weithin überschaut. Nachmittags ging ich mit Gegenbaur und Friedreich über die Auen nach Wöllnitz, von wo man eine schöne Aussicht nach der Leuchtenburg und in verschiedene Seitentäler hinein hat. In eines der letzteren, das gerade nach Osten vom Saaletal sich abzweigt, gingen wir eine halbe Stunde weit hinein bis zum "Fürstenbrunnen", einer klaren, starken, unten aus dem Fuß eines Kalkfelsens hervorsprudelnden Quelle. Die Abwechslung der nackten, gelbweißen Kalkfelsen mit dem frischen, grünen Buschwerk längs der zahlreichen Bäche und dem dichten Laubwald war reizend. Der Rückweg, den wir mehr auf der Höhe, am Rande der östlichen Saalberge hin machten, war nicht minder schön. Zur Rechten den steilen, nackten Fels, zur Linken das weite dunkle Saaletal mit seinen mondbeglänzten Wiesenflächen, auf die die Baumgruppen dunkle Schatten zeichneten und von denen duftiger Nebel aufstieg, besonders den Lauf der geschlängelten Saale bezeichnend. Aus der Stadt tönte uns schon von fern Gesang entgegen, und als wir hineinkamen, fanden wir die Burschenschafter durch die Straßen ziehend und den besonders beliebten, liberalen Persönlichkeiten vor ihrer Wohnung Liederständchen bringend. Das "Freiheit, die ich meine" - und "Wir hatten gebauet" - sangen sie durch die stille Nacht mit ihrem starken Chor.


Berlin, 22.8. 1858




Soeben habe ich in der schönen Sonntagsfrühe ausgepackt und mich in meiner Studierstube (die jetzt endlich einmal wirklich dieser ihrer Bestimmung gewidmet werden soll) wieder häuslich eingerichtet. Ich dachte so recht innig an das liebe, süße Wesen, das dem allem erst eigentlich seine rechte Weihe gibt und jetzt schon ganz zu dem unzertrennlichen und unendlichen roten Faden geworden ist, der sich durch alle Gedanken, alle meine Vorstellungen, hindurchzieht. Da kommt gerade zur rechten Zeit Dein Brief, mein herzliebster Schatz, und nun kann ich nicht anders, als Dir gleich frisch antworten, obgleich heute früh, zum Beginn meiner anatomisch- zoologischen Arbeiten, gleichsam als Eröffnungsfeier, ein paar schöne gelbgefleckte Erdsalamander und schwarze Waldschnecken seziert und mikroskopiert werden sollten. Nun, ein Glück für sie, daß Dein lieber, lieber Brief mir Messer und Pinzette aus der Hand genommen und die Feder hineingesteckt hat. Wenn nur die dumme Feder nicht ein gar so ärmliches und unzureichendes Instrument wäre! Wie wenige und kleine Trümmer nur, mein Herz, kann ich Dir immer auf dieser schmalen Brücke hinübersenden, von der großen, überwältigenden Gedankenmasse, die ich stets für Dich im Herzen trage und Dir so gern, in allen ihren Wandlungen, ganz mitteilen möchte. Und wie freue ich mich auf die herrliche Zeit, wo ich Dir wieder "Herz an Herz und Lipp' auf Lippe" mein ganzes Ich werde geben und das liebe Deine dagegen werde nehmen können, ganz so wie es ist, und wie es die ausführlichsten Briefe doch immer nur stückweis liefern können.

Die Jenenser Tage waren reich und fruchtbringend für mich. Besonders das innige Zusammenleben mit den vier jungen Professoren, die sich in Gegenbaurs Hause zusammenfanden, und der Verkehr mit mehreren anderen akademischen Größen hat mir ebensoviel Nutzen als Vergnügen gebracht und meinen akademischen Ideenkreis ganz bedeutend erweitert. Während es mir anfangs fast ängstlich und beklemmend war, daß ich, als kaum flügge gewordener Nestvogel, mich in diesem Kreis von ausgezeichneten Männern der Wissenschaft, die schon mit kräftigen Flügeln zu ihren höchsten Höhen sich emporgeschwungen hatten, etwas kühn hineindrängte, so wich dieses Minoritätsgefühl doch bald dem liebevollen, freundschaftlichen, entgegenkommenden Zutrauen, mit dem mich die vier Professoren in ihren Kreis hineingezogen und gleichsam auch als ein Stückchen künftigen Professor ansahen. Namentlich bin ich mit Gegenbaur und Schultze in diesen Tagen um vieles vertrauter und bekannter geworden.

In Carus, den ich vorher noch nicht kannte, habe ich mich nicht recht hineinleben können. Zwar ist er ein sehr gelehrtes Haus, und um unsere Wissenschaft im engeren und weiteren Kreise sehr verdient; aber unsere ganze Art zu denken und zu handeln ist zu verschieden (er ist auch über zehn Jahre älter), als daß ich mich ihm so wie andern Freunden hingeben könnte. Dieser Grund hat nicht wenig zu dem Entschlusse beigetragen, meine große Reise allein zu machen, obwohl Schultze wie auch Gegenbaur mir sehr zuredeten, sie mit Carus gemeinsam anzutreten, der dieses selbst sehr wünschte. Allein gerade wie mir alle so zuredeten, wurde es mir im Innersten so recht klar, daß ich den vollen Nutzen, den ich von dieser großen Unternehmung erhoffe, die Umgestaltung und Wiedergeburt meiner ganzen Lebensanschauung, die ich davon bestimmt erwarte, in ihrem ganzen Umfange nur erlangen werde, wenn ich mich selbst auf ein Jahr in die Verbannung schicke und mich zwinge, mit mir allein fertig zu werden. Entweder - oder; alles oder nichts, die Erfüllung oder die Vernichtung aller meiner Hoffnungen und Pläne muß mir diese schwere Arbeit, an die ich alle meine Kräfte setzen werde, mit entscheidender Gewißheit bringen, und das kann sie nur, wenn ich mit mir selbst allein, durch keinen fremden, disharmonischen Eindruck gestört bin! Daß endlich auch der Gedanke, wenn ich mit Carus reisen wollte, schon Mitte September fort zu müssen, mir ganz unerträglich war und das seinige zu meinem Entschluß beitrug, weißt Du selbst, mein bestes Herz, zu gut, als daß ich Dir's verschweigen könnte.

Der Entschluß ist also jetzt definitiv gefaßt. Alea jacta est! Mögen die Götter gnädig die Erfüllung aller Wünsche und Hoffnungen, die ich davon hege, herbeiführen. Ich gehe Ende Dezember oder Anfang nächsten Jahres ab und werde die vier Monate bis dahin noch bestens zur Arbeit benutzen! Und wozu noch?

Ganz besonders hat es mich gefreut, daß ich dem lieben, prächtigen Menschen Max Schultze durch dieses mehrtägige Zusammenleben noch um vieles näher gekommen bin. Er ist jetzt, nach Johann Müllers Tode, das Ideal eines Naturforschers, auf das ich meine ganze strebende Kraft hingerichtet habe. Alles, was ich bis jetzt von Max Schultze kenne, von seinen ausgezeichneten, wissenschaftlichen Leistungen, wie von seinen liebenswürdigen, menschlichen Eigenschaften, von seinem kindlichen, unbefangenen Natursinn, seinem Benehmen als Lehrer und Freund, wie von seinem allerliebsten Familienleben, nimmt mich so unbedingt für ihn ein, daß ich mir vorgenommen habe, in jeder Beziehung ihm nachzustreben. Und am meisten hat es mich gefreut, daß Max Schultze mich auch gern hat und meine Neigungen und Strebungen versteht.

Auch mit Gegenbaur, unserm gastfreien, liebenswürdigem Wirte, bin ich in diesen acht Tagen noch recht bekannt geworden und habe manche liebe, neue Seite an ihm entdeckt. Denke Dir, wenn ich nicht nach Italien ginge, könnte ich jetzt bei ihm Prosektor werden, mit 250 Taler Gehalt und freier Wohnung. Wäre das nicht reizend? Der Gedanke stieg mir anfangs, mit tausend anderen herrlichen Träumen wie ein Lichterbaum aufsprießend, so zu Kopf, daß ich fast an meiner Reise irre geworden wäre und auf einmal ein ganz anderes Gebiet betreten hätte. Doch besitze ich glücklicherweise neben meiner idealisch träumerischen Einbildungskraft noch Besonnenheit genug, um über dem so naheliegenden Guten nicht zu vergessen, nach dem entfernteren Besten zu streben.


Berlin, 24.8.1858




Ja, Du hast es eher gewußt als ich selbst, meine Änni, daß ich Dir ganz, ganz angehöre! und lange schon! Wie ihr Frauen überhaupt in Sachen des Gefühls und Gemütes einen viel feineren, klareren Blick, ein viel zarteres, richtigeres Empfinden besitzt, so hast auch Du, mein einziges, liebstes Mädchen, das einzige, das ich je geliebt habe und je lieben werde, schon lange, ehe es mir selbst klar und bewußt war, gewußt und erkannt, was wir beide füreinander sein könnten, und wie wir es schon waren, wie ich in der Tat Dir Herz und Sinn ganz zugewandt hatte. Du wußtest schon lange, was mir jetzt erst klar geworden ist und mit jedem Tage klarer wird. Ich wollte die Liebe leugnen, von der ich doch schon ganz beherrscht war; ich wollte mit dem Verstande begreifen und als nichtig hinstellen, was nur durch die Tiefe des Gemüts erfaßt werden kann. Wenn ich noch einmal ganz wieder aus der Nacht des naturalistischen Materialismus, in die mich mein naturforschendes Streben, das nur durch sinnliche, empirische Anschauung die Wahrheit erfassen wollte, hinabgeführt hat, wenn ich aus diesem düstern, hoffnungslosen Verstandesreich je noch einmal zum Licht der Hoffnung und des Glaubens, der mir jetzt noch ein Rätsel ist, hindurchdringe, dann nur durch Deine Liebe, meine beste, einzige Anna!



Berlin, 26.8. 1858




Am Montag (23. August) abend3 waren wir bei Frau Professor Weiß, wo jetzt die berühmte Reisende Ida Pfeiffer ist. Es war mir sehr interessant, sie kennen zulernen. Leider ist sie in einem körperlich höchst elenden Zustande, da sie seit fünfzehn Monaten an einer der schlimmsten Formen des Tropenfiebers leidet, das sie von Madagaskar mitgebracht hat. Sie ist so elend, daß sie vom Hamburger Hospital aus kaum herbefördert werden konnte und man nicht weiß, wie sie weiter in ihre Heimat (Wien) kommen soll. Trotzdem war sie, als wir sie sahen, geistig höchst munter und lebhaft und freute sich, in mir einen "künftigen Tropenreisenden" kennenzulernen. Sie meinte, daß sie noch heute dieselben Reisen wieder augenblicks antreten werde, wenn sie auch wüßte, daß sie noch zehnmal elender zurückkommen werde. Solcher Wissensdurst, durch solche energische Tatkraft gestützt, ist bei einer Frau in der Tat etwas Außerordentliches, und mein einer innerer Mensch (der wissenschaftliche nämlich, nicht der liebe!) schämte sich dabei nicht wenig, als er dachte, daß er auch solche Tropenpläne so lange und innig gehegt und sie nun so rasch und leicht um eines gewissen kleinen Wesens willen aufgegeben habe. Und trotz ihrer Gelehrsamkeit, trotz ihres um fassenden Wissens, einer Welt- und Menschenkenntnis, die sie z.B. die Dogmen ihrer katholischen Konfession als blauen Dunst ansehen und verachten läßt, hat sich diese Frau dennoch eine so liebenswürdige Weiblichkeit, eine so anziehende, naive, kindliche Natürlichkeit bewahrt, daß ich nach einer kurzen Unterhaltung nur ungern von ihr schied. Übrigens verschlimmert sich ihr Zustand noch immer mehr, so daß die Ärmste vielleicht nicht einmal in ihrer Heimat, deren sie mit rührender Anhänglichkeit in dem gemütlichen Wiener Dialekt gedachte, sterben wird. Der ganze Besuch hat mich sehr ergriffen.


Berlin, 2.9. 1858


Meine Freunde, namentlich Hartmann, hatten mich schon lange gequält, einmal wieder eine Exkursion mit ihnen zu machen. Ich hatte aber gar keine rechte Lust (vielleicht rätst Du warum?) und schob es immer wieder hinaus. Endlich konnte ich es aber doch nicht mehr abschlagen, zumal sie mir immer vorhielten, daß dies wohl die letzte Exkursion sein würde, wenigstens in diesem Jahre, die ich mit ihnen gemeinsam machte. Und da heute nach vielen kalten und regnerischen Tagen zum erstenmal eine schöne Herbstsonne vom klaren Himmel schien, so machten wir uns auf den Weg, und in der Tat konnten wir es nicht bereuen, so wurden wir belohnt durch guten Erfolg und erfreut durch muntere, liebe Geselligkeit.

Um ein Uhr mittags rückten wir, sechs Mann hoch, vom Museum aus: Martens, Hartmann, v. Bezold, Chamisso, ich und Graff, der Diener und Gehilfe an unserem anatomischen Museum, ein sehr lieber, netter Mensch, sehr gebildet und ein echter, leidenschaftlicher Naturfreund und Forscher. Wir fuhren zuerst bis Charlottenburg und gingen von da, teils durch Sandheide und Kiefernwald, teils über hübsche, feuchte Wiesengründe und grünes, frisches Laubgehölz, nach Tegel. Die Parallele mit unserer ersten (und bisher einzigen) Exkursion dieses Sommers nach Tegel (am Himmelfahrtstag) beschäftigte uns lebhaft und lag ins besondere mir beständig im Sinn, und mit gutem Recht! Erinnerst Du Dich vielleicht noch, mein liebes Herz, was das für ein schwerer, trauriger Tag für mich war? Wie da alles zusammenkam, um mir den eben erst geschlossenen Bund unserer Herzen, der doch so ganz natürlich und ohne unser und anderer Zutun herbeigeführt war, als unglücklich, ja als unmöglich er scheinen zu lassen? Noch jetzt erschrecke ich, wenn ich an die Qualen denke, mit denen mein kleinmütiger Zweifelsinn mich damals folterte, so unerträglich, daß ein rascher Tod mir als die größte Wohltat erschienen wäre! Und wie ist das seitdem alles anders geworden! Wie hat sich mein Zweifel in Hoffnung, meine Furcht in Freude verkehrt! Der sichere, vollkommene Besitz Deines lieben Gemüts, dessen ich damals nicht würdig, nicht fähig zu sein glaubte, macht mich jetzt so glücklich, daß durch ihn allein das Leben, an dem ich schon ganz verzweifelte, mir wieder lieb, wert und hoffnungsreich wird!

In Saatwinkel traten wir an den Tegeler See, auf den man nach beiden Seiten hin, längs der wald- und gebüschbekränzten Ufer, einen sehr hübschen Blick hat. Nachdem wir unter vielen Scherzen Kaffee getrunken, nahmen wir einen Kahn und fuhren damit ein paar Stunden auf dem See herum, um mikroskopische Tierchen und Pflänzchen zu fischen. Wir fanden eine Menge herrlicher Alcyonellen, der kleinen, reizenden Federbuschpolypen (Bryozoen), die ich auch von Rüdersdorf mitgebracht hatte. Sie saßen mit wunderschönen Rädertierchen, Schneckenembryonen usw. an der Unterseite der großen Seerosenblätter in prächtigen, stemförmigen Kolonien. Auch allerliebste Anneliden, kleine, reizende Röhrenwürmchen, Naiden, muntere, bewegliche, liebe Tierchen, schlängelten sich in Menge durch das Wasser. Sonderbar, daß ich jetzt diese, früher mir gleichgültige Klasse so bevorzuge. Bezold und ich erquickten uns durch ein prächtiges Schwimmbad vom Kahn aus, wobei ich schon die Freude des Seebads im Vorgefühl genoß. Den Rest des Abends saßen wir noch sehr fröhlich und munter am Ufer des Sees, bei schöner Abendbeleuchtung, mannigfaltig gestalteten Wolkengruppen, die sich in der klaren Wasserfläche widerspiegelten. Ebenso war auch der Rückweg durch den Wald, über Moabit, bei prächtigem Sternhimmel über uns (der liebe Mond kommt jetzt leider so spät), ganz allerliebst, und ich war den ganzen Nachmittag so ausgelassen lustig, daß meine Freunde es gar nicht begriffen, bis sie es zuletzt der "Jenenser Braut", die jetzt schon stereotyp wird, in die Schuhe schoben. Da mir der Mund doch immer von Dir Liebsten, die mein ganzes Herz füllt, überfloß, so ging ich darauf ein und wurde nur immer lustiger. Fast die Hälfte des Heimwegs wurden beständig Studenten- und Volkslieder gesungen, wobei ich meist zuerst anstimmte. Als ich bei dem Liede: "Stoßt an, Jena soll leben" - den Vers "Stoßt an, Frauenlieb lebe, hurra hoch! Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt, der ist des Namens Mann nicht wert"- ganz allein sang, und mit so begeisterter, jubelnder Stimme, daß es den ganzen Wald durchklang, da brach auch Hartmann heraus: "Na, da haben wir's, nun bin ich aber wirklich überzeugt, daß er gänzlich verliebt ist!" -

Berlin, 4.9.1858




Heute abend habe ich endlich auch dem lieben Martens unsere Verlobung mitgeteilt, was mir schon lange sehr am Herzen lag. Ich mußte durchaus mit einem meiner Freunde darüber sprechen, und Martens hat mich so sehr lieb, ist ein so edler, lieber, prächtiger Mensch, eine so reine, kindliche Naturseele, daß er dies Vertrauen vor allen verdient. Du kannst Dir denken, was er für Augen machte! Zwar hatte er manches schon erraten; doch hatte er sich nicht zu dem Gedanken verstehen können, daß Du meine Braut seiest, weil er mir nicht den Leichtsinn zutraute, bei den so sehr ungewissen und zweifelhaften, düsteren Aussichten, die meine Zukunft in bezug auf eine sichere Stellung bietet, sowie bei meinen bekannten, tropischen Reiseplänen, ein so verantwortungs- und verpflichtungsvolles Verhältnis einzugehen. Im ganzen aber freute er sich sehr darüber, pries mich sehr glücklich und ist nun sehr gespannt, Dich näher kennenzulernen.

Daß Du meine Alpenreise liest, und mit Vergnügen, freut mich sehr. Es war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens, und die Briefe sind der getreue Abdruck der großen, edlen und tiefen Empfindungen, die die herrliche Alpennatur in der Brust eines jeden empfänglichen Menschen hervorrufen muß. Man fühlt sich in diesen riesigen, mit den reizendsten Alpenblumen geschmückten Gletscherhöhen so hoch erhaben über alles Kleinliche - Städte, Menschen, Staub - selbst so gereinigt, veredelt, groß und gut, daß man dem Ideale der Gottheit ein ganz Stück sich nähergerückt glaubt. Was werden das für selige Augenblicke sein, in denen ich mein bestes, liebstes Menschenherz in dies Heiligtum einführe und ihm die edelsten, reinsten, größten Genüsse mitteile, deren der Mensch fähig ist!


Berlin, 5.9.1858


Ich werde also Dienstag, 7. September, früh von hier abfahren, um zwei Uhr mit dem Neptun von Stettin, und zwischen fünf und sechs Uhr werde ich in Swinemünde in die Arme meiner Anna stürzen! Schatzchen, hüpft Dir nicht das Herz vor Freude? Noch fünf undfünfzigeinhalb Stunden! Bestes Herz, ich weiß mich vor Freude, Sehnsucht, Ungeduld, Unruhe usw. nicht zu lassen! Oh, Du allerliebster Schatz! Was werden wir glücklich sein! Die Feder will nicht mehr fort! Der Geist der ungeduldigen Liebesfreude hat auch sie ganz ergriffen. Darum alles andere mündlich! Fünfundfünfzigeinhalb Stunden! Wie lange noch! Nein, wie kurz! Also auf Wiedersehen, süßestes Herz! A revederci, dolcissima cuore!!! Schatzchen, ich sprudele so über vor Freude und Hoffnung, daß ich die zwei Tage über wohl nichts als dummes Zeug machen werde.

Noch tausend Grüße und Küsse, Dein glücklicher

Ernst.

AN EINEN FREUND


Anna Sethe

Ernst Haeckel

Dr. med. und prakt. Arzt


Verlobte

Heringsdorf und Berlin, den 14. September 1858.



Du wirst vielleicht Deinen Augen beim Anblick obiger wenigen, aber inhaltsschweren Worte, nicht recht trauen, lieber Freund, und deshalb füge ich einige Worte zur Erläuterung bei.

Was zunächst mein Bräutchen betrifft, so könnt Ihr Euch schon a priori denken, daß solch ein wunderbares Wesen ein Ausbund von Naturwüchsigkeit sein muß und mit allen möglichen Tugenden begabt, die man an den meisten jetzigen Kulturmenschen, wenigstens hier, vergebens sucht; denn sonst hätte ich mich nimmermehr verführen lassen können, meinen Grundsätzen so zuwiderzuhandeln. Übrigens kenne ich sie schon sehr lange, da sie zugleich meine Kusine und die jüngste Schwester meiner Schwägerin ist: ein echtes, deutsches Waldkind mit blauen Augen und blondem Haar und begeistertem Natursinn, klarem Verstand und blühender Phantasie. Von der sogenannten höheren und feineren Welt hat und hält sie gar nichts, was ich ihr um so höher zurechne, als sie darin auferzogen wurde. Sie ist vielmehr ein gänzlich unverdorbenes, reines Naturgemüt, wie ich nur Euch allen ebenfalls ein solches für Euer späteres Leben wünschen kann. Seit einem Jahr sind wir fast täglich wenigstens eine halbe Stunde zusammen gewesen, so daß wir uns gründlich kennen und mit jedem Tag lieber gewinnen. Vielleicht seht Ihr aus Eurer wissenschaft lichen Vogelperspektive das alles noch mit sehr ironischem Blick an. Indes kann ich Euch versichern, daß ich das früher auch tat und nun doch gänzlich anderer Ansicht geworden und sehr glücklich darüber bin. Also folgt nur meinem guten Beispiel. - Was übrigens den praktischen Arzt betrifft, den meine Alten mir als schuldigen Titel angehängt haben (damit jedermänniglich überzeugt sei, daß ich das Fegefeuer des Preußischen Staats - Examens durchgekostet habe), so ist's damit natürlich nicht so schlimm gemeint und ich denke nicht daran, jemals meine Mitmenschen durch Dosieren von Medikamenten unglücklich zu machen. Vielmehr schwebt mir noch immer die akademische Laufbahn als höchstes und einziges Ziel vor Augen. Nur werde ich jetzt noch um vieles energischer darauf lossteuern. Vorläufig gehe ich im Januar auf ein Jahr nach Italien, um im Frühjahr in Florenz und Rom Kunst, dann im Sommer in Neapel und im Winter in Palermo und Messina Naturstudien zu treiben. Besonders werden mich wohl die Gewebe der Weichtiere und anderer niederer Seebestien beschäftigen. Nach der Rückkehr werde ich mich wohl habilitieren und warten, bis mir Fortuna so eine kleine Professur der Zoologie zuschickt. - Die Pläne des verflossenen Sommers wurden mir durch Johann Müllers Tod (für mich in specie der herbste und unersetzlichste Verlust) gänzlich zerstört und ich war genötigt, in den verlassenen Räumen seines öden Laboratoriums für mich allein zu arbeiten, wobei ich wenigstens das Glück genoß, seine köstlichen Sammlungen noch möglichst benutzen zu können. -

ALEXANDER BRAUN AN SEINE FRAU


Swinemünde, 21.9. 1858

In Heringsdorf angekommen erfrugen und fanden wir bald das Sethesche Haus "Wald und See", wo wir die ganze Haeckelsche und Sethesche Familie beim Kaffee vereinigt fanden, an dem wir sogleich teilnahmen. Dr. Haeckel, der einen dickverbundenen Hals hatte - er war mehrere Tage an einer Halsentzündung krank - stellte mir seine Braut vor, ein freundliches, lebhaftes Wesen. Ich sagte, daß ich nur nach Heringsdorf gekommen sei, um meinen Glückwunsch anzubringen. Die ganze Familie war sehr freundlich. Das Haus hat eine der schönsten Lagen in Heringsdorf und eine herrliche Aussicht.



Berlin, 23.9. 1858


Einen recht schönen, guten Morgen, mein lieber Schatz! Hoffentlich scheint Dir die prächtige Morgensonne vom wolkenlosen Himmel recht ins Herz hinein und verscheucht den trüben Schatten, der sich über das Glück unserer letzten vierzehn Tage gelegt hat. Bei mir will ihr das zwar nicht recht gelingen, das traurige Ende unserer so schön begonnenen Freude hat mich recht gründlich verstimmt, und da ich nicht sprechen kann, habe ich gestern den ganzen Reisetag über den Grimm und Ärger recht tief in mich hineinfressen lassen. Freilich, waren die ersten acht Tage wunderschön, aber ich hatte doch von den zweiten noch viel mehr gehofft, da ja nun mit der Publikation unserer Verlobung am vierzehnten auch die letzte und einzige Schranke gefallen war, welche unsere beiden Seelen noch trennte. Dazu hatte ich immer im geheimen noch gehofft, Vater zu bewegen, mich ein paar Tage länger hier zu lassen. Das hat nun leider alles nicht sein sollen, und wir müssen uns mit den all gemeinen Redensarten trösten, deren ja die Menschen für solche Fälle eine Menge erfunden haben...

Ein Uhr mittags


Soeben war Quincke hier und hat mir noch zirka acht Tage Arrest prophezeit, ehe die Geschichte ganz vorüber ist. Die Diagnose: "Stomatitis catarrhalis" d. h. katarrhalische Entzündung der Mundhöhle, war übrigens richtig, und in der Behandlung hat er auch nichts Wesentliches geändert. Sie bleibt bei Boraxgurgelwasser. Dabei möglichst wenig essen und sprechen. Also noch eine angenehme Aussicht für die nächste Woche! Gut wenigstens insofern, als ich nun von Besuchen und Gratulationen verschont bleibe, und inzwischen wirklich einmal tüchtig in die Arbeit gehen kann, womit ich heut noch beginnen will.



Berlin, 26. 9.1858




Es ist wirklich ein wunderbares Ding um die Liebe, wie sie den Menschen umwandelt. Ich kenne mich wirklich selbst nicht mehr. Kaum bin ich jetzt von Dir fort und denke nun schöne Muße zu fortlaufender Arbeit zu haben, so ist mir diese schon wieder ganz zerstückt, denn dazwischen tritt gleich wieder immerfort der Gedanke: Wann werde ich sie wiedersehen? Nur nach diesem Ziele wird die Zeit berechnet, nur nach ihm streben alle Gedanken sehnend hin. "Mein armer Kopf ist mir verrückt, mein armer Sinn ist mir zerstückt!" Anna, meine Anna, was hast Du aus mir gemacht? Und wie soll das im nächsten Jahr werden? Mir schaudert bei dem Gedanken und ich wage ihn, mit allen seinen schrecklichen Konsequenzen, gar nicht auszudenken. Wie soll ich Dich, mein ganzes, einziges Leben, ein ganzes Jahr entbehren können, Dich, von der mir jeder Trennungstag schon jetzt aus dem Leben gestrichen erscheint. Oh, wenn Du wüßtest, wie bleischwer mich dieser Gedanke jetzt oft packt und niederdrückt, fast bis zum Ersticken! Und doch muß es, muß es geschieden sein! Ich fühle nur zu sehr, wie notwendig es ist, daß ich durch neue große Kunst- und Natureindrücke aus dem süßen Gefühlsleben, aus der schwärmerischen Traumwelt gerissen werde, in der ich jetzt ganz aufzugehen und zu zerfließen drohe. Was sollte wohl aus uns werden, wenn ich so, wie in den letzten Monaten, fortlebe? Mir wird jetzt in der Tat zuweilen sehr bedenklich zumute, wenn ich sehe, wie ich eigentlich in dem ganzen Sommer nur negative Fortschritte gemacht habe. Vergessen und verlernt die Masse! Und was das Schlimmste ist, auch das alles andere in den Hintergrund drängende Interesse an der Wissenschaft, das mich sonst über alle rauhen Klippen leicht hinweghob, hat nun einem gewissen andern Interesse entschieden weichen müssen und steht erst hinter diesem in zweiter Linie. Und je mehr ich mich bemühe, den alten Studien ihren lieben Reiz wieder abzugewinnen, desto klarer fühle ich, daß ein weit mächtigeres Etwas jetzt alle meine Sinne und Gedanken gefesselt hält!

Indes, noch ist nicht alles verloren und vielleicht gelingt es meinen schwachen Kräften doch, diese beiden mächtigen, jetzt um mich kämpfenden Prinzipien, Liebe und Wissenschaft, wieder zu versöhnen und zu ihrer beiderseitigen Verherrlichung zu vereinen. Die Liebe soll mir Kraft und Ausdauer verleihen, im Dienste der Wissenschaft tapfer nach dem vorgesteckten Ziele zu ringen, und diese soll mir andererseits die Mittel in die Hand geben, jene zu belohnen und zu krönen. So, mein bestes Herz, wollen wir von der italienischen Reise alles hoffen, und auch das Viele, Schwere, Bittere, das sie mit sich bringt, gern und freudig ertragen im Hinblick auf die zu hoffenden Früchte.

Jetzt begleite ich Dich in unsere reizende Solitude, wo wir heut vor vierzehn Tagen einen so sonnenvollen Sonntagmorgen genossen, wie ich mich keines zweiten zu erinnern weiß. Mein munteres, frisches Reh hüpft an meiner Seite lustig und frei über Stein und Wurzeln, schlüpft leicht durch Dorn und Dickicht. Da gehen wir bald über die frischbetaute Waldwiese, bald über die rote, blumige Heide. Hier erfreuen alte, graue Buchen und rote Kiefernstämme mit malerischem grünen Dach unser Auge, dort jubeln wir über die hellen Sonnenstrahlen, die in der dichten, jungen Buchenschonung an den tausend weißen Stämmchen und den Millionen frischgrünen Blättchen sich brechen und zersplittern und überall hierhin und dorthin die herrlichsten Blinklichterchen und Schlagschatten aus streuen, die bei jedem leisen Säuseln des Windes beweglich und fast lebendig hin und her tanzen und Leben und Licht in die dichten Waldmassen bringen. Jetzt setzen wir uns auf die grüne Moosbank, und Dein wehender Atem, Deine warme Wange an der meinen verkünden mir in jeder wonnevollen Sekunde das süße, unaussprechliche Glück, das ich in meinen Armen halte, fest und sicher, als könnte ich es nie, nie verlieren. Dann lagern wir uns auf meinem treuen, alten Plaid auf das natürliche Waldbett, mit trockenem Buchenlaub gepolstert, das seitlich am Abhang, am Fuß der beiden alten Stämme, für uns ausgehöhlt ist, und blicken durch die tausend kleinen und großen Lücken zwischen den runden, grünen Blättern in den tiefblauen, wolkenlosen Himmel hinein, dessen helle Sonne das glücklichste Paar so wonnevoll bescheint, als freute sie sich mit ihm. 0 Anna, das waren Augenblicke, die ich nie, nie vergessen werde, Augenblicke des höchsten menschlichen Glücks, die glücklichsten darum, weil sich das Individuum selbst dabei ganz vergißt, sich rein und ganz ablöst von der Hülle der elenden Persönlichkeit, in die es gebannt ist, sich über sich selbst erhebt und ganz aufgeht in dem vollen und reinen Anschaun des andern, im Genuß der absoluten Hingabe an das andere. Man vergißt Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft...

Ich kannte auch schon früher wohl solche Momente, und Du wirst vielleicht in meiner Alpenreise zuweilen daran erinnert werden. Wenn ich nach mehrtägigem, mühevollem Steigen und Klettern über Berg und Tal endlich einem höchsten Tauernpunkt mich genähert hatte, wenn ich durch Bäche und Waldsümpfe, über Stein und Fels, über Gletscher und Schneefelder schweißbedeckt und schwerbepackt hinaufgeklommen war, und nun, da der Kräftevorrat fast verbraucht war, die Schenkel zitterten, die Knie einknicken wollten, den Schultern die Last unerträglich war, wenn dann auf einmal der höchste Punkt erreicht war, wenn das befreite Auge, 8-9000 Fuß über dem Meere, weit über alles Menschengetriebe erhaben, mit einem einzigen seligen Blick die Wunderwelt umfaßte, welche ringsum in magischer, wunderbarer Größe, Schönheit und Mannigfaltigkeit das kleine Erdenrund bedeckte, wenn der Horizont von einem ganzen Lager von spitzen Eiszelten, der Mittelgrund von einem vollen Gewimmel von Bergkuppen, und die bunte Tiefe zu den Füßen mit Seen, Wäldern und Matten bunt durcheinander bedeckt war, wenn das kleine Selbstbewußtsein, von der Größe der Natur vernichtet, vollkommen in ihr aufging, da, in solchen seligen Momenten unmittelbarsten, großartigsten Naturgenusses, war auch alles, alles andere vergessen, da war ich rein und vollkommen glücklich, weil ich mich rein und vollkommen dieser Größe hingab, da war mit einem Schlag Müdigkeit, Schmerz und das kleine und große Ungemach vergessen, ohne das sich solche Genüsse nicht erkämpfen lassen. Ich konnte nur jubeln und jauchzen und mein Entzücken in die Schluchten der Berge und in die Schrunden der Gletscher hineinrufen. Und das Glück konnte da nur so vollkommen sein, weil ich mit meiner großen, einzigen Natur allein war, weil kein anderes menschliches Wesen durch seine störende Gegenwart, durch prosaische Einsprache oder triviale Philistereien die wundervolle Harmonie störte und mich daran erinnerte, daß ich selbst zu dieser traurigen Rasse gehöre. Ein einziger Mensch, selbst wenn er nicht spricht, kann mir schon durch seine bloße Erscheinung einen Genuß vollkommen stören und eine Disharmonie in das Bild bringen, die sich nicht wieder ausgleichen läßt. So ging es mir in Helgoland und in Nizza oft mit dem Meere. Wenn ich abends ganze Stunden oben auf den zackigen, roten Klippen verträumte, bald dem ewig neuen und veränderlichem Spiel der nie ermüdenden, brandenden Wellen an dem zerrissenen Ufer, bald dem wundervollen Farbenspiel der sinkenden Sonne auf der weiten, unermeßlichen Fläche, die mit den schönsten blauen, grünen, violetten Farbenringen geziert war, zuschaute, wenn dann eine unendliche, selige Ruhe alles wilde Wogen der unruhigen Gedanken zu einem glatten Spiegel besänftigt hatte, dann konnten oft solche Momente seligsten Selbstvergessens eintreten, in dem der Geist gleichsam nur ein Bild der ganzen Natur ist; - dann dauerte es aber leider gewöhnlich nicht lange, so kamen ein oder ein paar Menschen dazu (meist noch die schreckliche Abart, welche man Badegäste nennt) und störten die ganze Illusion, und man war mit einemmal mitten auf den Boden der nüchternsten Wirklichkeit versetzt, zum traurigen Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit.

Nicht minder schön und erhebend hat oft, wenn auch in anderer Art, die unmittelbare, volle Anschauung der Natur im kleinsten Raum auf meine Sinne gewirkt und mich über mich selbst erhoben, als ich durch mein großes Mikroskop in die zahllosen, unendlich mannigfaltigen Wunder eingeführt wurde, die die Struktur der Pflanzen und Tiere in ihrem elementaren Zellenleben verbirgt. Auch da verliert sich oft der Geist vollkommen in der unbegreiflichen Größe und Vollendung der Natur, und das bewußte Ich geht absolut auf in dem Versuche, diese Natur zu begreifen, oder mindestens sie möglichst rein zu genießen. Nur mit diesen wonnevollen Augenblicken glücklichster Selbstvergessenheit, wie sie mir die Alpen, das Meer, die mikroskopische Wunderwelt, die Natur in ihren reinsten und größten Offenbarungsformen so oft und so selig gewährt hat, nur mit diesen kann ich die unnennbare Wonne, das selige Entzücken vergleichen, das mir Dein Besitz, Dein Genuß bereitet hat, mein bester, einziger Schatz. In Dir, in Deinem reinen, treuen, liebevollen Sinne gehe ich so ganz auf, mein Herz, daß alle anderen Gedanken, Gefühle, Regungen dabei schweigen und vergehen. Wenn ich in Dein treues, blaues Gedankenauge sehe, Deine warmen, weichen Lippen fühle, Deine feste, sichere Hand halte, dann weiß ich nichts von mir selbst mehr, ich bin ganz der Deine und als solcher glücklich


Montag, 27. 9. 1858




Ich durfte heute früh zum erstenmal ausgehen, und da war denn mein erster Gang zu Hartmann. Dieser war, wie die meisten andern meiner Freunde, über meine Verlobung sehr überrascht. Zwar hatten sie mich zuweilen, wenn ich im Sommer so zerstreut und verdreht war, mit Verliebtheit geneckt, aber doch nie ernstlich daran gedacht. Ihr erstes Gefühl, als sie nun die wirkliche species facti schwarz auf weiß sahen, scheint (wie ich richtig befürchtete) mehr Bedauern, als Überraschung gewesen zu sein. Wagner hat bloß geseufzt und kopfschüttelnd gesagt: "Schade um den netten Jungen!" - Lieberkühn hat stillgeschwiegen, Chamisso triumphiert, daß ich mich nun doch zum praktischen Arzt bequemt habe. Dieser letztere, nämlich der "prakt. Arzt" auf der Anzeige, scheint allenthalben zu nichts als Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu haben, wie ich gleich anfangs fürchtete. Ich werde eine ganze Reihe Briefe zu schreiben haben, bloß um den Leuten begreiflich zu machen, daß ich nicht daran denke, mich durch die Verlobung zum med. prakt. degradieren zu lassen. Auch Hartmann hatte geglaubt, daß nun meine ganze akademische Karriere auf dem Spiele stände, und daß ich zunächst die italienische Reise ganz aufgeben würde. Erst als ich ihm alles weitläufig auseinandergesetzt hatte, beruhigte er sich etwas, doch konnte er ein gewisses mißmutiges Bedauern, das sich hinter seinem Glückwunsch versteckte, nur schlecht verbergen. Von Bezold wollte er mir gar nichts sagen. Dieser scheint ganz betrübt darüber zu sein. Kurz, der allgemeine Eindruck bei meinen nächsten Freunden ist ganz so, wie ich von Anfang an erwartet hatte und weshalb ich die Veröffentlichung der Verlobung so gern hinausgeschoben hätte, bis ich, auf einer solideren Basis stehend, mit einem tüchtigen Werke in der Hand, oder nach der Reise als Privatdozent, ihren Befürchtungen mit sicherem Blicke in die Zukunft hätte entgegentreten können. Alle meinen, daß es nun mit dem Hauptzwecke meines Lebens so gut wie vorbei sei, daß ich nun so zerstreut und abgezogen werden würde, daß ich für die Wissenschaft nicht die Hälfte von dem leisten würde, was ich sonst ohne Braut wohl zustandegebracht hätte. Namentlich diejenigen, welche mit mir für das Projekt der großen Tropenreise schwärmten, sind sehr enttäuscht. Daß es "der dümmste Streich sei, den ich gerade jetzt hätte machen können, wo mir die ganze Welt offen stand", scheint die Ansicht der Mehrzahl zu sein.

Wenn ich noch so wäre, wie vor einem halben Jahre, so könnte mich jetzt dieser Sturm von Vorwürfen, gerade von den Freunden, die mir am nächsten stehen und am meisten wohlwollen, wirklich zur Verzweiflung bringen. Aber sei ruhig, mein lieber Schatz, so viel hast Du mich schon gebessert (oder wie meine Freunde sagen würden, heruntergebracht), daß ich das alles mit leidlich ruhiger Miene und gutem Mute ertragen und anhören kann und ihnen nur erwidere, daß die Liebe das alles trägt und überwindet. Hätte ich Dich nicht wirklich so unbeschreiblich lieb, Du beste, herzigste Anni, daß Deine Liebe mir eben alles andere, auch was mir sonst das Werteste war, aufwiegt, mir alles ersetzt, so könnte ich mit meinem Verstand allein das nimmermehr ertragen.


Berlin, 30.9.1858




Ach, liebste Anni, wenn ich Dich nicht so über alles lieb und wert hätte, daß dies Glück mir alles an dere aufwiegt, wenn ich noch der alte Mensch wär, ich hätte in diesen Tagen wirklich verzweifeln können. Freilich sind Gratulationen genug eingelaufen, aber meist von Fernerstehenden, selbst von vielen, die ich nicht leiden kann. Aber daß gerade diejenigen, die mir am nächsten stehen, die mich wirklich liebhaben und mein Bestes wollen, daß gerade die fast alle mein Glück so mißverstehen, daß sie keinen Glückwunsch von Herzen tun können, daß sie halb mitleidig, halb ärgerlich die Achseln zucken, das hat mir unendlich weh getan, das hat mich jetzt ein paar Tage so bewegt, daß ich fast nur den schwärzesten Gedanken Raum geben konnte, keinen Menschen mehr sprechen mochte, und nur einen einzigen Wunsch hatte: an Deiner treuen Brust mein Herz ausschütten und bei Dir mir Trost und Frieden suchen zu können. Sei ihnen nicht böse darum, mein liebster Schatz, daß sie mich so quälen; ich habe einen Entschuldigungsgrund für sie, aber auch nur den einen: Sie haben keine Ahnung von dem Glück, das in dem völligen, liebevollen Verschmelzen zweier Seelen, in dem Ineinanderaufgehen ihrer Gedanken und Wünsche und Hoffnungen liegt. Sonst könnten sie nicht so hart urteilen. Sie kennen es eben nicht. Ach, hätte ich Dich nur hier und könnte Dich ihnen ganz und voll so zeigen, wie Du bist, mit Deinem edlen, sittlichen Wert, Deiner reinen, kindlichen Seele, Deinem begeisterten, zartfühlenden Natursinn, wie bald hätte ich da den Toren statt des hoffnungslosen Bedauerns einen freudigen Glück wunsch von Herzen entlocken wollen!

Freilich wollen unsere Leute in dieser Beziehung ganz anders urteilen und beurteilt sein als gewöhnliche Menschen, und Du mußt da den Naturforschern schon etwas zugute halten; ich weiß ja selbst zu gut, wie ich früher selbst in dieser Beziehung urteilte; unsere heilige, erhabene, wundervolle Natur und Naturerkenntnis steht uns so hehr da, daß sie uns hoch über die gewöhnlichen Alltagsmenschen erhebt, daß wir uns als Personen ihr gegenüber selbst vergessen und so unendlich niedrig und unbedeutend vorkommen, daß die Freude und der Genuß des gewöhnlichen Alltagslebens eben für uns keinen Wert hat. Wir betrachten uns eben nur als einen zerstiebenden Tropfen im Weltmeer, als ein Molekül, das in dem ewig umwirbelnden Kreislauf der Weltensysteme nur ein momentanes Aufflackern und Verlöschen des Daseins beanspruchen kann. Wir sehen das, worum sich die gewöhnlichen Menschen abarbeiten, woran sie ihr ganzes Leben, Streben und Ringen setzen, die vergängliche Ehre, die eitle Lust, das selbstbewußte Emporstreben über andere, das alles sehen wir gleichsam nur aus der Vogelperspektive, aus der Ferne, gleichgültig oder verachtend an.

Gewiß liegt in diesem esoterischen Standpunkt des Naturforschers der Neuzeit, der mit Mikroskop und Teleskop, mit Wasser und Reagenzflasche die geheimsten Tiefen des Lebens ans Licht zu ziehen, durch den Verstand zu erklären sucht, ein gewisser Hochmut, der aber verzeihlich, weil zu natürlich und zu verführerisch ist. Dafür, daß uns die gewöhnlichen Lebensgenüsse der Menschen eben keine Genüsse mehr sind, dafür wollen wir andererseits entschädigt sein, und diese Entschädigung finden wir im reichsten Maße in unserer Arbeitstätigkeit, in dem mühevollen, aber sicheren Eindringen in die verborgensten Naturgeheimnisse, in einer Vertrautheit des allerinnigsten Umgangs mit der köstlichen Natur, von der eben die gewöhnlichen Menschen keine Idee haben. Ich selbst hatte mich in diesen einseitigen, ausschließlichen Naturkultus bis zum äußersten Extrem hineingearbeitet. Alles ging mir in dieser Beschäftigung auf, und ich achtete jeden Augenblick für verloren, der nicht der verstandesmäßigen Erforschung oder dem gemütvollen Genusse der Natur gewidmet war.

Da wurde mir mit einem Male eine neue, bisher ungeahnte oder fast ahnungsvoll gemiedene Seite des Menschenlebens aufgetan: ich lernte Dich kennen, mein bester Schatz, und unbewußt und unbemerkt keimte in mir das Bewußtsein auf, daß es auch noch etwas ebenso Hohes, wo nicht Höheres gebe als das, wonach ich bis jetzt allein gestrebt, daß es ebensooder noch mehr gelte, sich als Mensch wie als Naturforscher auszubilden. Und daß ich mich dazu erhoben, habe, ist einzig und allein Dein Werk, mein herziges Lieb, das ich Dir, je länger, je mehr, danken werde, später noch viel mehr als jetzt, wo mir doch zuweilen noch der Mephisto über die Schulter schaut und mir höhnisch beweisen will, daß das alles Trug und eitler Schein sei.

Daß ich mir durch meine Verlobung meine wissenschaftliche Tätigkeit geschwächt, daß ich meiner Lebensbestimmung dadurch untreu geworden, daß ich mir selbst die jugendlichen Flügel beschnitten, das freie, ungebundene Streben gehemmt, daß ich mir da durch den höchsten Wunsch meines Lebens, die Tropenreise, selbst unmöglich gemacht, mir selbst untreu geworden - das alles sind Beschuldigungen, auf die ich wohl gerüstet war und die ich ziemlich leicht abgeschüttelt habe, weil ich sie mir selbst so oft gemacht, bevor und nachdem ich den entscheidenden Schritt getan, und weil ich sie mir selbst widerlegt und überwunden habe. Aber ein anderer Vorwurf wurde laut, und dieser hat mich diese ganze Zeit hindurch furchtbar gequält, ja, wirklich fast zur Verzweiflung getrieben; und er kam aus dem Munde eines Freundes, den ich seines treuen Gemütes wegen ebenso liebe, als seines sittlichen Wertes wegen achte. Es war das erste Wort, was er sagte: "Ein unbegreiflicher Leichtsinn! Hast Du denn bei diesem wichtigsten Schritte, den man nur einmal im Leben tut, wohl bedacht, was Du tust? Daß Du zu der schweren Verantwortung Deines einen Menschenlebens Dir noch ein zweites aufladest? Daß Du die Verpflichtung hast, dieses in jeder Weise glücklich zu machen und mehr dafür einzustehen als für Dein eigenes? Und hast Du wohl überlegt, was Du bei Deinen wissenschaftlichen Bestrebungen für eine Aussicht hast, Dir eine Existenz zu gründen? Daß Du vielleicht zehn Jahre habilitiert sein kannst, ehe es bei der jetzigen Überfüllung unseres überaus anziehenden Lehrfaches irgendeiner kleinen Universität einfällt, Dich zu einer kleinen Professur zu berufen, die dann nicht einmal ausreichend ist, um Deine Braut heimzuführen? Und hast Du wohl bedacht, daß Deine Braut über diesem vergeblichen Hoffen und Harren in die blaue Ferne die besten Jahre ihres Lebens verlieren kann und daß sie dann vielleicht mit einer Existenz vorliebnehmen muß, die ihren Ansprüchen nicht im mindesten genügt? Nein, liebster Freund, da begreif ich Dich doch nicht; daß Du so allen ruhigen Verstand von der wilden Leidenschaft hast fortreißen lassen, hätte ich nicht erwartet!"

Ach, Anna, das waren Worte, die mir bitter und scharf durch die Seele schnitten, denen ich nichts erwidern konnte, deren Last mich zu Boden drückte und erstickte. Leichtsinn - Leichtsinn! tönte es mir Tag und Nacht in den Ohren wider! Unbegrefflicher Leichtsinn! In dieser Art hatte ich die schwere Verantwortung unseres Verlöbnisses doch noch nicht betrachtet. Gewiß war es eine einseitig übertriebene Ansicht, und doch lag so eine schwere Wahrheit darin, die mir das Blut nach dem Kopfe trieb, daß ich nicht antworten konnte. Aber nur zu sehr hatten die schwarzen Gedanken den düsteren Vorwurf aufgefaßt, und neu verarbeiteten sie ihn und spannen ihn aus, weiter und weiter, Tag und Nacht.

Einen gewissen Leichtsinn hatte ich früher allerdings besessen - ich hatte im vollständigen Aufgehen in meiner Wissenschaft, in meiner Natur, mich selbst vergessen, mein Leben für nichts geachtet und jedem Zufall preisgegeben, in leichter Sorglosigkeit in meiner köstlichen Arbeit fortgestrebt, ohne viel danach zu fragen, ob sie mich einmal ernähren würde oder nicht. Das ist nun auf einmal alles so ganz anders geworden und ich hatte wirklich damals, als ich um Dein Leben, Deinen Besitz warb, mir das nicht so scharf und klar vorgestellt. Jetzt fiel mir diese Verantwortung mit doppeltem Gewicht auf die Seele. Nach einer sicheren Existenz soll ich streben, und das bald! Das war mir ein neuer Gedanke. Ach, und wie wenig fühle ich mich noch dieser Aufgabe gewachsen! Wie ist noch alles in mir so unreif, so unklar, so widerspruchsvoll und unbestimmt! Ach, lieber Schatz, je weiter ich den Gedanken verfolge, je mehr ich ihn mir mit allen Konsequenzen ausmale, desto schrecklicher wird er mir! Die letzten vier Tage war ich fast zu keinem andern fähig. Leichtsinn, unbegreiflicher Leichtsinn, rief es mir immer grell in die Ohren, und ich wußte zuletzt nicht, wo aus, noch ein. Vergebens suchte ich mich in das Studium der Müllerschen Ideen zu vertiefen, die mich soeben noch so mächtig ergriffen hatten, vergebens spielte ich mir die Melodien der lieben, tiefen Volkslieder, die mich sonst so andächtig bewegen, vergebens sah ich mir meine lieben Pflänzchen an oder suchte mir angenehme Reisebilder ins Gedächtnis zu rufen. Vergebens nahm ich Deine lieben, herrlichen Briefe vor, deren treue, gute Stimme sonst allen Schmerz vergessen läßt - alles, alles umsonst! Die schwarzen Gedanken wollten nicht fort, sie wurden je länger, je schlimmer! Alles schien auseinander zugehen. Aus Deinem süßen Bilde sah mich Vorwurf und Trauer, nicht Liebe und Lust an. Ich mochte keinen Menschen mehr sprechen, ihre Glückwünsche klangen mir wie Ironie, meinen Freunden ließ ich sagen, ich dürfte nicht sprechen; des Abends schlief ich angstvoll und unruhig ein und wachte des Morgens nur noch trauriger über dies neubeginnende, selbstbewußte Leben auf. Zuletzt summte immer nur ein alter Vers, ich glaube aus Faust, mir in den Ohren:

Hilf du mir, Tod, die Zeit der Angst verkürzen,

Was muß geschehn, mag's gleich geschehn,

Mag alles denn zusammenstürzen

Und sie mit mir zugrundegehn.


... So ging es bis heute nachmittag. Den ganzen Vormittag hatte ich wieder über der Arbeit gesessen, ohne doch ein bißchen vorzurücken; da konnte ich es endlich nicht mehr allein mit mir aushalten und habe dem guten Vater alles ausführlich ausgesprochen. Er hat mich denn auch beruhigt und getröstet, so gut er konnte; das wilde, tobende Meer hat sich so ziemlich geglättet. Ganz ruhig wurde es aber erst, als Dein lieber, lieber Brief heut abend kam, mein bester Schatz, für den Du tausend, tausend Dank haben sollst.



Freitag, 1.10.1858




Das war ein trauriger Schluß des schönen Septembers, seine ganze zweite Hälfte wollte mich mit Gewalt aus dem Paradies reißen, in das mich die erste versetzt hatte. Nur gut, daß wenigstens zuletzt Dein lieber Brief und des guten Vaters vernünftiger, liebevoller Trost die tragische Szene noch leidlich gut geschlossen haben.

Eigentlich ärgert's mich heute, daß ich Dir a1l das dumme Zeug, mit dem man mich so trostlos und doch so unnütz gequält hat, geschrieben habe. Aber Du willst ja Deinen Erni ganz haben und da mußt Du ihn auch mit allen seinen düsteren Schattenseiten nehmen. Ich kann Dir nicht helfen; ich kann's schon gar nicht mehr übers Herz bringen, Dir irgend etwas zu verschweigen, und ich mußte auch das dumine Herz durchaus ausschütten. Was hätte ich Dir auch sonst schreiben sollen? Ach, Anni, Du glaubst nicht, wie trostlos das große Berlin ohne Dich ist! Ich gehe nur ungern aus der Stube; so nackt und nüchtern und hohläugig sehen mich die naturlosen Residenzstraßen an, mit ihren ungemütlichen, hohen Häusern, der dumpfen Kellerluft, dem unruhigen Gewirr und Gerassel der Wagen und Karren und den teils philiströsen, teils blasierten, teils raffinierten Physiognomien ihrer Straßenbürger. Jedesmal, wenn ich aus der schönen Natur, wie neulich aus dem lieben Jena, hier wieder einziehe, überläuft mich ein Schaudern.



Berlin, 5. 10. 1858


Gewiß hatte ich auf meinen letzten Brief, in dem ich Dich durch meine düsteren Klagen vielleicht recht betrübt habe, nicht einen so lieben, lieben Brief verdient wie der, den Du mir heute geschickt hast. Hab tausend, tausend Dank dafür, mein herziger Schatz.

Mein Leben in den letzten fünf Tagen war wirklich recht glücklich, und zwar nur, weil ich mit den beiden besten Lebensquellen, aus denen ich schöpfen kann - den Briefen meiner Herzens-Anni für das Gemüt und den Vorlesungen meines unvergeßlichen Johannes Müller für den Naturforscherverstand - den ganzen Tag recht ungestört allein war und in ihren unerschöpflichen Reichtum mich recht innig versenken konnte. Was für einen köstlichen Schatz der erhabensten Ideen, der interessantesten Anschauungen ich in Johann Müllers vergleichender Anatomie habe, kannst Du Dir kaum denken. Mein ganzes Streben geht jetzt dahin, mir aus dem Heft, das ich mir im Jahre 1854 darüber bei ihm nachgeschrieben habe, so wie aus dem ergänzenden neueren zweier anderer Schüler desselben eine möglichst vollständige Sammlung aller darin niedergelegten allgemeinen Ansichten und der Tatsachen in seiner eigentümlichen Auffassung zusammenzustellen und auszuarbeiten, Es ist eine schwierige und mühsame Aufgabe, aber gerade dadurch so interessant und anziehend, und durch die Fülle genialer Ideen, in die man sich dabei hineinarbeitet, so lohnend, daß diese Arbeit jetzt für mich der größte Genuß ist und ich mit wahrer Unersättlichkeit von früh sieben Uhr bis abends zwölf Uhr da hintersitze. Wenn's nur etwas rascher gehen wollte! Die Zusammenstellung ist doch zuweilen so verwickelt und die Form macht soviel Schwierigkeiten, daß ich manchmal über einen Satz mehr als eine Stunde tüfteln muß. Und da möchte der ungeduldige Geist wohl zuweilen etwas wild werden. Aber andererseits hat gerade dieses tiefe Versenken in den Grund einer Idee, die möglichst weite Verfolgung aller ihrer Konsequenzen etwas ungemein Reizendes, und ich speziell kann der Versuchung nicht widerstehen, die tiefste Tiefe womöglich immer bis auf den Grund auszukosten, wobei denn freilich nach stundenlangem Grübeln oft weiter nichts herauskommt, als daß der unruhige Faust sich vor die Stirn schlägt: "Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor! - Und sehe, daß wir nichts wissen können!" - Sich so in die tiefen, reichen Ideen eines so außerordentlichen und genialen Mannes hineinleben zu können, ist gewiß einer der größten Genüsse, und ich kann der Mutter Natur wohl dankbar sein, daß sie mich mit dieser Fähigkeit und mit dem regen Streben nach dem höheren Allgemeinen ausgerüstet hat, das vielen meiner Freunde abgeht, die im Speziellen viel tüchtiger sind als ich. Andererseits hat es freilich auch vieles Gefährliche, da man sich oft zu leicht verleiten läßt, über dem Ganzen das Einzelne zu übersehen und vom Allgemeinen zum Besonderen herabzusteigen statt umgekehrt, wie es die allein richtige, empirische Methode erfordert. Indes wird sich dieser Fehler immer leicht vermeiden lassen, wenn man nur mit der geduldigsten Ausdauer und liebevollsten Sorgfalt die Anschauung und Erforschung auch der scheinbar unbedeutendsten Naturkörper und Erscheinungen so intensiv betreibt und durchführt, wie sie es alle vermöge des Reichtums der wunderbarsten Verhältnisse verdienen, die wir auch im Kleinsten an ihnen finden. Gerade diese Vertiefung in alle verschiedenen Wesensseiten eines Geschöpfes, wobei man sich ganz in den Schöpfungsgedanken desselben hineinlebt, den Plan verfolgt, der dem ganzen komplizierten Wunderbau zugrundeliegt, die höchste Weisheit und Zweckmäßigkeit, Feinheit und Schönheit in der Struktur und Zusammenfügung aller einzelnen Teile und Organe erkennen lernt, gerade diese möglichste Ergründung des Einzelnen ist im höchsten Grade anziehend. Und doch wfrd sie noch übertroffen von dem Genusse der allgemeinen Idee, die in hehrem Fluge über das Einzelne hinwegstreift, das Gemeinsame der verschiedenen Einzelwesen heraussucht, zusammenfaßt und vergleicht und im Abstrahieren dieser zusammenpassenden Erscheinungen zum Gesetz sich erhebt. Beide Richtungen sind in unserem unübertroffenen Johannes Müller zur höchsten Entwicklung gediehen. Er war ebenso der sorgfältigste Spezialforscher, wie der erhabenste Philosoph. Aber wenn in später Zukunft sein Name bei vielen Einzelarbeiten nicht mehr genannt werden wird, wird er noch im unvergänglichen Lichte strahlen über der Idee des Ganzen der organischen Schöpfung, die keiner so gewaltig wie er aufgefaßt hat.

Daß Dir das Lesen der Ilias so viel Genuß gewährt, freut mich sehr, nur schade, daß Du sie nicht im Urtext lesen kannst, wo er doppelt groß sein würde. Es gehört der feste, metallische, reine Klang der alten griechischen Sprache mit ihrer wundervollen Eigentümlichkeit notwendig dazu. Mir war Homer schon auf der Schule, wo einem doch die Klassiker durch das Einpauken ganz zuwider werden, derjenige, den ich mit der größten Lust und Liebe las (wie unter den Römern nachher Tacitus). Und als Student habe ich noch oft meine Mußestunden benutzt, um einen Gesang aus der Ilias oder Odyssee mir wieder lebensvoll ins Gedächtnis zu rufen.

Daß Jacobis nun hier wohnen, freut mich in vieler Hinsicht auch für Dich sehr, obwohl ich nicht leugnen kann, daß ich in anderer mich auch davor etwas fürchte. Nach dem, was man darüber hört, führen sie doch ein sehr ausgebildetes, höheres, feines Gesellschaftsleben mit allem Glanz, Luxus und Überfluß der vornehmen Leute, und wie mir alles das aus Herzensgrund zuwider ist, weißt Du. Nun fürchte ich zwar keineswegs, daß Dein reiner, einfacher Natursinn sich durch ein so verlockendes Beispiel, wie das einer Schwester, sollte verkehren lassen. Du bist gewiß ebensowenig als ich von all den Firlefanzereien und Kinkerlitzchen der vornehmen Welt befriedigt; aber doch drängt sich unter solchen Verhältnissen auch in die einfachsten Gemüter der Wunsch und das Bedürfnis nach dem und jenem ein, was das Leben wohl bequemer und angenehmer, aber ebenso auch komplizierter und bedürfnisreicher macht. Mein Wahlspruch bleibt aber der des Sokrates: "Wer am wenigsten bedarf, ist der Gottheit am nächsten~"...

Berlin, 8. 10. 1858




Die letztverflossenen acht Tage haben mir gezeigt, daß ich mich noch mit alter Kraft und Energie ganz in das Bereich der höchsten Ideen versenken kann, daß die Fähigkeit und Freude zu meiner Naturforschertätigkeit, die ich im verflossenen Sommer durch die ausschließliche Beschäftigung des Gemütes verloren glaubte, nicht verschwunden ist. In der genauen Durcharbeitung, in dem tiefen Versinken in die herrlichen, genialen Ideen Johannes Müllers, in dem Erfassen und Bewältigen seiner Vorträge, die ebenso durch die Masse des empirischen Materials, wie durch die philosophische Beherrschung und Durchbildung desselben ausgezeichnet sind, habe ich zu meiner innigsten Freude mich überzeugen können, daß ich die Begabung, die Lust und Kraft dazu, trotz der solange zwischenliegenden Zeit, trotz der jetzt ausschließlichen Herrschaft der Liebe über das Gemüt, nicht verloren habe.

Gestern, mein liebster Herzensschatz, wurde ich auch einmal durch einen sehr lieben, netten Brief von Finsterbusch erfreut, den ich Dir mitschicke; heb ihn mir aber wohl auf; es ist derselbe alte Schulfreund, der uns vor unserer Verlobung, Mitte April, zusammen sah und mich geradezu fragte: "Ernst, sag mir auf richtig, das ist doch Deine Braut? Sie gefällt mir sehr, ihr paßt gewiß ganz vortrefflich zusammen." Ich lachte freilich damals darüber, ohne Ahnung, daß das so bald wonnige Wahrheit werden dürfte. Daß ich Dich sehr lieb hatte, war mir freilich schon vor Weihnachten klargeworden; aber ich hatte an Dich immer nur als eine Schwester gedacht, da Du mir ohnehin schon so nahestandest. Daß Du, die reife, vollendete, ausgebildete Jungfrau, Dein Herz an einen noch so in düsterem Zweifel und unsicherer Unklarheit umhertappenden Jüngling verschenken könntest, der oft kaum die Knabenschuhe ausgezogen zu haben schien, daran habe ich wahrlich vor dem seligen Moment, wo es mir mit einem Male ganz und voll klar wurde, nie gedacht...

Berlin, 10.6.1860


Kaum bist Du achtundvierzig Stunden fort, liebster Schatz, und schon habe ich Deine unaussprechliche liebe Nähe, in der ich mich so rasch wieder hier eingelebt hatte, so entbehrt, als ob Du mir schon lange Wochen und Monate wieder genommen wärst. Ich komme mir in meinen vier kahlen Wänden so öde, vereinsamt und nüchtern vor wie ein entlaubter Baum. Und in der Tat bin ich auch ohne Dich nichts anderes. Denn das Blätterdach der jungen Eiche ist noch zu schwach, um dem Stamm hinreichenden Schmuck zu gewähren, und von Früchten ist ohnehin noch keine Rede. Da ist denn der beste, ja der einzige Schmuck das dichte, reiche grüne Epheukleid, dessen liebende Ranken den kahlen, dürftigen Stamm so umschlungen und so mit ihrem dunkelgrünen, hoffnungsreichen Laube umwoben haben, daß dadurch alle Mängel und faule, schlechte Stellen des jungen Eichstammes bedeckt und verborgen werden. Und doch, wie sehr ich Dich auch schon entbehre und wie mich das Gefühl Deiner Entfernung niederdrückt, überwiegt doch der beglückende Gedanke, Dich, liebstes, bestes Wesen auf der Erde, auch in der weitesten Ferne ganz und ungeteilt zu besitzen, und die süße Hoffnung, einst in der völligen Verschmelzung mit Dir zu der inneren Reife und befriedigenden Harmonie zu gelangen, nach der ich auf allen anderen Wegen vergebens strebe.

Diese beste, höchste Lebenshoffnung muß gerade jetzt mir doppelt wert und tröstlich sein, wo inmitten der Befriedigung über die glücklich vollbrachte Reise und der ruhigen Verarbeitung der mitgebrachten Schätze auch schon die alten unvermeidlichen Zweifel und Vorwürfe wieder wach werden, der Gedanke, so viel Gelegenheiten zu weiterer Ausbildung nicht benutzt und so viele Stunden an unnütze Beschäftigungen vergeudet zu haben. Diese Vorwürfe haben mich gestern wieder recht gequält, wo ich die eben heraus gekommene, in der Akademie gehaltene Gedächtnisrede von Du Bois-Reymond auf Johannes Müller gelesen, eine ausgezeichnete Arbeit, die auch Dich sehr interessieren wird. Andere werden durch dieses unerreichbar große Beispiel vielleicht zu begeisterter Nacheiferung angetrieben. Auf mich hat aber gerade jetzt dieses leuchtende Bild in dem reichen Glanze der Du Boisschen Darstellung eher niederschlagend und entmutigend gewirkt, und ich legte das Buch, nachdem ich kaum ein Viertel durchgelesen, mit einem matten Gefühl innerer Ohnmacht aus der Hand und mit dem Bewußtsein, nie auch nur einen kleinen Teil des von Johann Müller Geleisteten erreichen zu können. Wie flach und unbedeutend, hohl und nichtig erscheinen mir auch meine besten Gedanken und fleißigsten Arbeiten gegenüber diesem Genius, dessen Riesenkraft mir mit erdrückender Gewalt in diesem Bilde neu entgegengetreten ist. Statt mit rücksichtsloser Energie den höheren Problemen unserer Wissenschaft nachzustreben, verliere ich mich in unbedeutenden Nebendingen und vergeude die Zeit, die nur der ernstesten Arbeit gewidmet sein sollte, mit nutzlosen Spielereien.

Doch da sehe ich, daß ich auf dem besten Wege bin, durch das überwältigende Gefühl der Nichtbefriedigung, das mich jetzt beherrscht, wieder in das alte düstere Gebiet des Weltschmerzes hinübergeführt zu werden, das ich doch längst für aufgegeben und unmöglich hielt, auch wirklich ernstlich meiden will. Und um dem zu entgehen, weiß ich kein besseres Mittel, als zu Dir, mein bestes Herz, zu flüchten, was ich für um so nötiger halte, als ein guter, vielleicht sogar der größte Teil der Mißstimmung auf Rechnung der erneuten Trennung von Dir zu schieben ist. Aber von dieser darf ich Dir ja auch leider nicht sprechen, da ich, Quinckes allerhöchstem Spezialbefehl zufolge, durchaus keine aufregenden Gemütsäußerungen in meinen Briefen laut werden lassen darf und mich auf Beschreibung von Krebsen und dergleichen beschränken soll. Also will ich Dir noch rasch verstohlenerweise die Neuigkeit ins Ohr flüstern, daß Du mein guter Engel bist, der mich mit seiner reichen, reichen Liebe aus dem Abgrunde der Selbstverachtung retten muß, dem ich jetzt wieder zur Beute zu fallen drohe.

Zu Hause angekommen, fand ich eine Einladung, abends mit den Aquarellen zu Herrn Peters zu kommen. Dort fand ich eine höchst gelehrte Professoren-Gesellschaft, unter der ich mich etwas beklommen und nicht sehr heimisch fühlte. Es waren da. Professor Braun, Beyrich, Lepsius, Gerhard, Rose, Poggendorf, Ehrenberg, Du Bois, Kaup aus Darmstadt, Dr. Ewald und der preußische Konsul Rosen aus Jerusalem. Meine Aquarelle ernteten großen Beifall, besonders die zwei aus dem Butera-Garten und von Girgenti. Indessen lassen mich diese Lobsprüche jetzt immer schon ziemlich kalt, und es wird mir fast langweilig, ewig dieselben Sachen zu explizieren. Die Gesellschaft war im übrigen so steif und kalt, wie es einer echten Versammlung Berliner Professoren geziemt, wenn zum Beispiel bittere Feinde, wie Ehrenberg und Du Bois, bei Tisch nebeneinander sitzen müssen.

Nachmittag.




Heute früh begegnete mir Virchow, der ausnehmend freundlich war und mich ein Stück begleitete. Er behauptete, ich sähe jetzt blonder aus als je und hätte wohl die Absicht, den deutschen Typus in reinster Ausprägung zu verewigen! Ob er dabei auch an meine blauäugige Blondine dachte? Er freute sich zu hören, daß ich auch nach Koburg gehen will, um dort die schwarz-rot-goldene Fahne des Nationalvereins zu tragen.


Montag früh



Gestern früh griff ich wieder zu Johannes Müllers Biographie. Als ich erst wieder eine Seite in dem wunderbaren Buche gelesen hatte, verwickelte ich mich aufs neue so darin, daß ich nicht wieder los kam und den ganzen Nachmittag und Abend darin weitergelesen habe. Es ist eigentlich das erste Buch, das ich seit einundeinhalb Jahren wieder lese, und ich konnte zu diesem neuen Anfang meines hiesigen Arbeitslebens wohl kein passenderes finden, keins, das mich durch seinen Stoff mächtiger angezogen hätte. Jede Seite hat teils eine Reihe alter, schlummernder Ideen neu geweckt, teils einen ganzen Schwarm neuer erregt, welche ich suchen werde, lebendig zu erhalten und tätig fortwirken zu lassen. Wie sehr mich die Schrift anfangs überwältigt und deprimiert hatte, werden Dir die ersten Seiten dieses Briefes sagen. Fast fürchte ich darin zu sehr meiner Schwäche und meinem Hange zu völliger Resignation bei Betrachtung unerreichbar großer Beispiele nachgegeben zu haben, und schäme mich heute ordentlich ein wenig, Dich vielleicht durch das Geständnis dieser Schwäche betrübt zu haben. Gestern hat mich nun das weitere Lesen und Durchdenken der in ihrer Art einzigen Biographie wieder etwas ermutigt und namentlich der Gedanke getröstet, daß den meisten meiner jugendlichen Fachgenossen eigentlich ähnlich zumute sein muß, wenn sie so ehrlich gegen sich sind wie ich. Es wäre töricht, den Maßstab eines seltenen Mannes erster Größe, wie Müller es war, an all das mittelmäßige Arbeitervolk, unter das auch ich gehöre, zu legen. Besonders hat es mich getröstet, daß auch Du Bois diese in ihrer Art einzige Größe Müllers hervorhebt, vor der alle anderen schwinden. Du Bois sagt.' "Es liegt in der Massenhaftigkeit von Müllers Schöpfungen, wenn man, wie unwillkürlich jeder tut, seine eigenen sieben Sachen damit vergleicht, etwas so Erdrückendes, daß man sich gern nach seiner Art zu arbeiten erkundigt, in der geheimen Hoffnung, auf irgendeinen Umstand zu stoßen, der ihm besonders günstig gewesen sei. Aber man entdeckt nichts der Art; sondern neben den Naturgaben, durch die er eben mehr vermochte als andere, neben einem riesigen Arbeitsvermögen, einem erstaunlichen Gedächtnis, einer wunderbaren Spürkraft und einem schlagend richtigen Urteil nur einen eisernen Fleiß, der mit äußerster Entsagung jeden freien Augenblick zu Rate hielt. Es würde um seine Arbeiten schlimm bestellt gewesen sein, hätte er nicht wie wenige die Kunst verstanden und geübt, auch den ,Goldstaub der Zeit' zu nützen."

Das ist sehr richtig, aber just von dieser Kunst verstehe ich gar nichts und vertrödle und verspiele so viele kostbare Intervalle, daß ich in dieser Beziehung wirklich ein ganz neues Leben anfangen muß. Dazu will ich mich jetzt in den Trennungsmonaten eifrig einüben; denn wenn ich erst wieder in den Zauberkreis Deiner unwiderstehlichen Nähe, meine reizende Circe, gebannt bin, werden diese, wie viele andere ernste Vorsätze, ein Spiel des Windes. Also jetzt, jetzt! muß ich mich durchaus ermannen und kräftigst zusammennehmen, und in dieser Hinsicht freue ich mich sehr auf Freienwalde, wo ich ganz und ungeteilt der einen Arbeit werde leben können. Ist nur erst der schwere Entschluß und der erste Anfang überwunden, so wird es schon gehen. Aber ehe ich so recht im Zug bin, das dauert eine ganze Weile, und das Gesetz der Trägheit, das mein Körper kaum kennt, übt leider auf meinen Geist einen großen Einfluß. Hierin kann ich mir sehr Deine rasche, leicht entschiedene Tatkraft zum Muster nehmen und Deine männliche Energie in der Ausführung. Vielleicht amüsiert es Dich noch zu hören (ohne daß Du deshalb wie Mutter entzückt zu sein brauchst), daß auch mein Name von Du Bois als einer von denjenigen genannt wird, die die glückliche Wirkung Müllers auf seine Schüler bezeichnen. Wie sehr solche Erwähnung meiner Eitelkeit schmeicheln könnte, kann ich sie jetzt doch um so weniger an erkennen, als die dazu nötigen Leistungen noch nicht vorhanden sind.

Die ganze Charakteristik Müllers ist übrigens ausgezeichnet und muß es sein bei dem außerordentlichen Fleiß und der glänzenden Darstellungsgabe, die Du Bois auf diese Arbeit fast einundeinehalbe Stunde hindurch verwandt hat. Er hat dazu den ganzen ungeheuren Berg von Müllers Schriften durchgearbeitet, von deren Umfang man sich keinen Begriff macht, wenn man die Durchschnittsrechnung liest, daß Müller von seinem neunzehnten Jahre an (1821) volle siebenunddreißig Jahre lang alle sieben Wochen eine wissenschaftliche Arbeit von dreieinhalb Druckbogen mit etwa einundeindrittel Figurentafeln publiziert hat!! Und das alles, alles klassische Arbeiten voll neuer, ruhmvoll errungener Tatsachen. Vor solcher Leistung muß sich auch der Stolzeste demütigen!

Was mich am meisten mit interessiert hat, ist die Darstellung des tief tragischen Momentes, das in Müllers Leben, wie in dem jedes großen Mannes, seine Schattenrolle spielt. Besonders ist hier der Zug tief innerlicher Schwermut hervorzuheben, eines unbefriedigten Strebens nach dem Unendlichen, das auch am glücklich erreichten Ziel der rastlosesten Tätigkeit den aufrichtigen Forscher nie verlassen kann. Müller hatte das vorgesteckte Ziel nicht allein erreicht, sondern war vielleicht mehr, als die meisten anderen Genien, darüber hinausgedrungen und hatte seine Bestimmung in weiterem Kreise erfüllt, als er gewiß je angestrebt! Und dennoch konnte auch ihn jener Fluch der Menschennatur nicht verschonen.



Berlin, Freitag morgen, 15, 6.1860




Heute sind es nun schon acht Tage, liebster Schatz, daß Du mir genommen bist, acht düstere Tage, die ich samt ihrer Wüste trauriger Gedanken gern streichen möchte. Wie die Pflanze, der das belebende Sonnenlicht genommen, bin ich ohne Dich, meine Sonne, kalt und tot, fühle mich schwach und unwert und kann nicht ohne Dich wachsen und gedeihen. Du glaubst nicht, wie befangen und trübe meine Sinne diese ganze Woche waren; so schwer und traurig, daß ich nicht einmal Dir schreiben mochte, weil ich fürchtete, daß Du einen so bösen Erni nicht haben und recht auf mich schelten möchtest. Suche nun den Grund worin Du willst; ich kann ihn nur in der Trennung von meinem besten Lebensprinzip finden. Oder wenn Du lieber willst, suche ihn in veränderter Elektrizität der Luft oder der Nerven, oder was es sonst Nachdenkliches gibt. Es läuft doch alles in dem einen Faktor zusammen, daß alle meine Gedanken, wenn sie nicht bei Dir sind, nur halb so brav und gut sind, und daß ich selbst nur halb bin. Eine äußere Ursache für meine melancholische Stimmung, aus der ich mich vergebens herauszureißen und zu ermannen suche, könnte ich Dir wirklich kaum angeben. Im Gegenteil habe ich wieder einmal, und in sehr wichtigen Dingen, soviel Glück gehabt, daß ich von Rechts wegen recht munter und vergnügt sein dürfte. Aber wie könnte ich das ohne Dich, meine beste, meine einzige Anni, die zu aller Freude und Lust mein erstes und letztes, unumgängliches Erfordernis ist. Ach liebster Schatz, wenn ich Dich erst ganz besitze, dann werden solche böse, traurige Tage gewiß für immer fort sein und Dein lichtes Sonnenauge wird die trüben Wolken der Schwermut für immer verscheuchen. Doch vergiß diesen bösen, subjektiven Erni und höre, wie es dem objektiven in den letzten Tagen ergangen ist.

Montag mittag ging ich zu Georg Reimer, der mich durch die unverhoffte Mitteilung überraschte, daß er sehr gern bereit sei, das Radiolarien-Werk zu übernehmen und mir dreißig Kupfertafeln dazu zu bewilligen. Ganz besondere Freude machte mir aber dabei die Mitteilung, daß er den tüchtigsten unserer naturwissenschaftlichen Kupferstecher dazu gewonnen habe, Herrn Wagenschieber, der auch meine früheren Krebstafeln gestochen hatte. Abends hatte ich eine kleine Gesellschaft, die recht nett war und der nur Du fehltest, um sie ausnehmend reizend und hübsch zu machen. Es waren da die beiden Freunde von Allmers, Brücke und Herr von Doerenberg, welche meine mitgebrachten künstlerischen Schätze gar nicht genug bewundern konnten, so daß Dir gewiß die Ohren vom Lobe Deines Erni und vom Preise seiner glücklichen Braut geklungen haben müssen, Das ging mir freilich ganz anders zu Herzen als die gezierten Lobsprüche in der Abendgesellschaft bei Peters. Die beiden Künst1er fanden natürlich in technischer Beziehung sehr viel an den Aquarellen auszusetzen. Um so mehr lobten sie aber das Geschmackvolle und zum Teil Großartige der Auffassung, die Wärme und Innigkeit des daraus sprechenden Naturgefühls. Am meisten waren sie aber über die Menge der Blätter erstaunt und meinten, daß nur wenige Künstler vom Fach in so kurzer Zeit sich soviel Material sammelten. Da die Lobsprüche von urteilsfähigen Künstlern aus wahrem offenem Herzen kamen, erfreuten sie mich sehr, wie mir denn überhaupt das ganze Gespräch sehr viel Freude machte.

Diese jungen Künstler haben alle in ihrer Unterhaltung etwas ungezwungen Natürliches, heiter Offenes und phantasiereich Praktisches, und besonders ich weiß diese Eigenschaften, die den jungen Gelehrten meist (auch vielen Naturforschern) nur zu sehr ab gehen, wohl zu schätzen. Ich wurde dabei ganz warm und lebendig und vergaß die trübe, melancholische Stimmung, wenngleich die alte Reue, nicht lieber Künstler und in specie Landschaftsmaler geworden zu sein, mir die leichten Gedanken etwas verdüsterte.

Dienstag früh war Professor Peters hier, um die zoologische Sammlung von Messina in Augenschein zu nehmen. Da wurde denn zur Abwechslung auch einmal der Naturforscher gelobt und in einer Weise, wie ich es nicht erwartet hatte. Peters konnte die Zahl und Mannigfaltigkeit der Tierchen, ihre gute Erhaltung und ihr treffliches Aussehen nicht genug bewundern. Er wollte die ganze Sammlung gleich für das Königliche Museum erwerben, was ich jedoch nur teilweise versprach, da ich einen Teil für meine eigenen Vorlesungen behalten will. Doch ließ er einige zwanzig Flaschen sofort holen und ließ mir als sofortige Abschlagszahlung einen Hunderttalerschein zurück! Du kannst denken, was da der Alte für Augen machte.! Um Dir einen Begriff vom Werte meiner kleinen Bestien zu geben, will ich nur anführen, daß er jede der beiden kleinen durchsichtigen Cephalopoden von zwei bis drei Zoll Länge auf fünfzehn Taler schätzte, jedes der beiden langen, dünnen Silberfischchen auf zehn Taler, jedes der durchsichtigen Wurmfischchen (Helmichthyden auf einen Taler.

Dienstag nachmittag ging ich zu Wagenschieber, bei dem ich mehrere Stunden plauderte. Ich freute mich sehr über das Verständnis und die richtige Auffassung meiner Zeichnungen und ganz besonders über die außerordentliche Lust und Liebe, mit der er an das Stechen der Tafeln ging. Ich hätte in der Tat keinen besseren und passenderen Kupferstecher dafür finden können. Die erste ist schon in Arbeit. Sie werden ungleich besser und künstlerisch richtiger ausgeführt, als meine Zeichnungen sind. Die architektonische Regelmäßigkeit und die zierliche Ausschmückung der Radiolarien machen ihm solche Freude, daß ich darin die beste Garantie für die ganz ausgezeichnete Ausführung der Tafeln besitze. Ein Jahr wird freilich vergehen, bis alle dreißig fertig sind. So lange werde ich aber auch mit der Ausarbeitung vollauf zu tun haben.


Jena, 21.6.1860

Tausend Grüße und Küsse, mein liebster, bester, einziger Schatz, aus unserem lieben herrlichen Jena, in das ich heute mittag - mit welchen Gefühlen, kannst Du denken -, glücklich eingezogen bin... Müssen Dir nicht heute alle Nerven gebebt, alle Sinne geglüht haben? Ich wenigstens war so tief und innig von Dir bewegt, daß ich auf der Fußwanderung von Apolda her Dich jeden Schritt zur süßesten Begleiterin hatte. Jedes grüne Gräschen, jedes bunte Blümchen rief mir Deinen Namen zu, jedes linde Lüftchen, das von den lieben Bergen herabwehte und die heißen Wangen kühlte, war Dein lieber Gruß, und aus jedem blauen Himmelsfleckchen, das zwischen den zerrissenen Wolken hindurchschaute, sah mich Dein liebes, treues Auge inniglich an. - "0 Mädchen, Mädchen, wie lieb ich Dich, wie bin ich glücklich, wie liebst Du mich!" -

Mein ganzes Herz wird so von hoffnungsgrünen Zukunftsgedanken bewegt, daß ich fast an deren Erfüllung glaube. Nie ist mir unser liebes Thüringer Land so reizend wie jetzt erschienen, nie habe ich so wie jetzt das Glück ersehnt, in diesem kleinen heimlichen Paradies mit meiner besseren Lebenshälfte für immer glücklich sein zu können. Du glaubst nicht, wie reizend sich die Umgebungen des Städtchens machen, die allerliebsten Promenaden, die es durchziehen; dichte Rosenblütenmassen, welche die ganzen Straßen mit dem zartesten Duft erfüllen, im frischesten Grün, das wegen des vielen Regens in solcher Fülle prangt, daß auch ein durch Italiens rotgelbe Landschaft nicht verwöhntes und nicht nach Grün dürstendes Auge sich daran entzücken muß, wieviel mehr das meinige, das sich an dem frischen Grün gar nicht satt sehen kann, und das in jedem zartesten Blättchen einen neuen Bürgen für die endliche Erfüllung seiner süßesten Wünsche sieht.

Ich bin ein seltsamer Mensch! Aus dem wilden, unruhigen Streben nach dem Unermeßlichen, Idealen, Großartigen und Weiten drohe ich jetzt ins gerade Gegenteil umzuschlagen und in der engsten Beschränkung mein Glück zu suchen, in dem kleinen deutschen stillen Professorenhaus, wo mein guter treuer Engel schaltet und waltet und wo ich in entsagender Selbstbeschränkung, im Besitz des besten Mädchens, das Glück finden kann, das mir auf allen anderen Wegen verschlossen und verborgen bleibt.


Jena, 22.6.1860


Guten Morgen, mein liebster, süßester Schatz! Glückauf aus unserem lieben Sehnsuchts- und Hoffnungsstädtchen! Gegenbaur schläft noch und ich kann beim Glanz der jungen Morgensonne, in der die Vögel jubilieren, und beim Duft der Rosen, der in Fülle zu dem kleinen Fenster aus dem Gärtchen vor dem Hause hereindringt, ungestört mit Dir plaudern! - So viel hast Du mir gestern und heute beständig im Sinn gelegen, daß ich oft ganz geistesabwesend bin und Gegenbaurs und Bezolds Fragen überhöre, wovon sie den Grund glücklicherweise sehr wohl zu würdigen wissen.

Du wirst nun vor allem natürlich sehr neugierig sein zu wissen, wie es mit der Habilitation steht. Gestern abend habe ich lange mit Gegenbaur und heute früh mit Seebeck darüber konferiert. Beide haben mich äußerst wohlwollend und entgegenkommend aufgenommen und werden meine Niederlassung in jeder Weise begünstigen. Besonders in Gegenbaurs Interesse liegt es, die Zoologie bei seiner Überhäufung mit anderen Vorlesungen und Geschäften möglichst bald loszuwerden. Er drängt mich sehr dazu, mich doch ja noch zu Michaelis zu habilitieren, damit mir nicht etwa sein eigener Assistent und Prosektor, der ebenfalls Zoologie lesen will, zuvorkomme. Dies ist jedoch ein Mann ohne Kenntnisse und Lust an der Sache, den ich wohl als Nebenbuhler nicht zu fürchten haben würde. Immerhin wäre es für mich besser, wenn ich schon zu Michaelis zu lesen anfinge. Aber ich sehe nicht die Möglichkeit ein, das Radiolarienwerk bis dahin fertigzumachen, und das ist jetzt vor allem die Hauptsache. Allein die dreißig Tafeln werden zwei bis drei Monate kosten, der Text wenigstens fünf, und dann bleibt noch die Masse anderer Arbeiten und Geschäfte, die ich, ehe ich nach Jena gehe, ordnen muß. Auch möchte ich gar zu gern vorher noch Öl malen lernen. Also wird es doch wahrscheinlich dabei bleiben, daß ich mich erst zu Ostern habilitiere. Die formellen Schwierigkeiten sind übrigens, da ich mich in der medizinischen Fakultät habilitiere, sehr gering, nötig ist nur ein Vortrag und eine Disputation, sonst nichts.

Meine Lust, hierzubleiben, ist bei der Erneuerung der Bekanntschaft mit den hiesigen Verhältnissen neu erwachsen. Bezold und Gegenbaur sind gar zu angenehme Gesellschafter und würden sehr liebe Kollegen sein. Nur hat das wissenschaftliche Übergewicht derselben mein Selbstgefühl bedeutend herabgesetzt und ich traue mir kaum zu, ein leidlicher Nachfolger Gegenbaurs zu werden.


Berlin, 26. 6. 1860


Du bist und bleibst nun einmal das Einzige, Liebste und Beste, was mich an diese Menschenwelt fesselt, und hätte ich Dich nicht, so würde ich auf einmal der tragischen Komödie dieses traurigen Lebens ein jähes Ende bereiten und der trügerischen Erdensonne den Rücken zuwenden. Ach liebster Schatz, nur in Dir und mit Dir und durch Dich kann ich noch hoffen glücklich zu werden; so allein für mich komme ich mir so dürr, hohl und nüchtern vor, daß mir vor mir selbst graut und ich meinem eigenen Schatten entfliehen möchte. Ich verzweifle nun aber fast daran, daß das dumme Ding überhaupt jemals hart werden wird, wenigstens habe ich bei meinen Härtungsversuchen bis jetzt immer nur das Gegenteil erlebt. Erst jetzt wieder, wo ich auf der Wartburg ein paar sehr hübsche Fresken mit der Geschichte des hartgeschmiedeten Landgrafen (von Moritz Schwind) sah, nahm ich mir's recht ernstlich wieder vor, das weiche Herz zu härten und rief ihm vielmals täglich zu: "Herz, werde hart!" Aber es wurde nicht hart, und die warme Sonne von Jena schmolz mit ihrem Farbenglanz und ihrer Sommerwärme vollends die schwachen Eisspuren, die etwa hier und da am Rande sich verdichtet hatten. Du glaubst nicht, wie ich Dich in unserem lieben Jena zu mir sehnte, und wie mir alles Schöne und Liebe, was ich dort sah und erfuhr, nur durch den Gedanken wert wurde, daß ich es künftig einmal mit Dir teilen könnte.

Wie lieblich mich das herrliche Thüringen, in specie unser reizendes Jena, in seinem frischen, grünen Frühlingsschmucke angelacht hat, habe ich Dir schon neulich geschrieben. Das wunderschöne Saaletal hat mich über allen Ausdruck erfreut und erquickt, und wenn ich dabei die Trennung von Dir doppelt empfand, so erfreute mich um so mehr die Hoffnung, es künftig mit Dir gemeinsam zu genießen. Ach, lieber Schatz, Du kannst Dir kaum denken, wie sehnsüchtig ich Dich da allenthalben herbeiwünschte und wie selig mich der Gedanke machte, hier wirklich einmal die süßesten Hoffnungen erfüllt zu sehen. Einige Goethesche Lieder, die ja zum Teil in diesem Tal entstanden sind, wollen mir gar nicht aus dem Sinn, und besonders der Vers: "Hier ist mir das Tal gefunden, wo wir einst zusammengeh'n, und den Strom in Abendstunden still hinuntergleiten seh'n. Diese Blumen auf den Wiesen, diese Pappeln in dem Hain, ach, und hinter allen diesen wird ja unser Hüttchen sein!" - Und dann jauchzte ich und jubelte, daß das Echo von allen Talwänden den holden Namen "Anni!" zurücktönte und daß Dich die Wiesen und Bäume schon jetzt lieb haben müssen. Dazu sind die Menschen dort so lieb und nett, daß man ordentlich Lust bekommt, mit ihnen zusammen zu leben, und besonders würde ich an Bezold und Gegenbaur die besten Freunde haben. Auch ist Gegenbaur ein so fester, energischer, männlicher Charakter, daß gerade sein Einfluß meinem mädchenhaften, weichen und wohl ganz in Gefühl und Traum zerfließenden Sinn die rechten Fesseln und Schranken anlegen würde.


Berlin, 2. 7. 1860




Heute fange ich also die letzte Woche in Berlin an, womit ich sehr zufrieden bin. Ich wollt, ich könnte lieber heute schon, als am achten fort. Ich möchte nie hier länger leben. Mir ist das Herz wie zugeschnürt und ich fühle mich unter dem bunten Menschengewühl, auch in der Gelehrtenwelt, so fremd und unheimlich, daß ich mich von Herzen nach den bachdurchrauschten Talgründen unseres Thüringer Waldes sehne, wo ich erst wirklich zum Bewußtsein und Lebensgenuß komme und wo meine wahre Heimat ist. Kaum habe ich dies je so tief wie jetzt gefühlt, und die letzten acht Tage in Berlin haben mich nach der herrlichen vorangegangenen Woche in Thüringen unangenehmer als je berührt. Wärst Du nur erst wieder hier, dann könnte ich es noch besser hier aushalten. Oder viel besser: Wären wir beide zusammen nur erst fort! das ist das A und das 0 aller Gedanken...


Freienwalde, 9 7.1860




Gestern um drei Uhr nachmittags kam ich hier glücklich mit der Post an und sitze nun im kleinen freundlichen Stübchen, wo ich eine neue, bessere Epoche des Lebens zu beginnen hoffe. Meine Gedanken sind ganz bei Dir und haben Dir so viel zu erzählen, daß ich kaum weiß, wo anfangen. Die letzten vierzehn Tage in Berlin waren die traurigsten Zeiten, deren ich mich seit langem erinnern kann. Ich war so entsetzlich melancholisch, daß ich jeden Morgen beim Erwachen das Tageslicht verwünschte, das mir von neuem einen traurigen Tag zu leuchten begann. Ach, liebster Schatz, hätt' ich Dich nur einmal ein paar Stunden bei mir gehabt, gewiß, Du hättest mir Mut, Vertrauen und Hoffnung eingeflößt und hättest das törichte Herz wieder auf den rechten Weg gebracht. So aber war ich ganz mit mir und meinem sich selbst hassenden Ich allein, und das ist die schlimmste Gesellschaft, die es für mich gibt. Kaum kann ich mich erinnern, je in einer solch zweifelvollen, unzufriedenen und pessimistischen Stimmung gewesen zu sein. Ich mochte anfangen was ich wollte, ich konnte sie nicht vertreiben und konnte keinen Mut, keine Hoffnung, kein Vertrauen gewinnen. Ich kam mir so traurig, so unwert vor, daß ich mehr als einmal an die einzige "Phiole" dachte, und mein Lieblingsgedanke war, oben an einem Gletscherrande, allem Menschengewühl für immer entzogen, auf meinen Alpenblumen gebettet von all dem Wust und Wirrwarr für immer aus zuruhen. Alle Menschen, die mich nur zu viel besuchten, waren mir verhaßt, und der einzige Mensch, der es nicht war, war mir unerreichbar. Ach, liebster Schatz, wie habe ich Dich zu mir gesehnt, was hätte ich darum gegeben, wenn ich Dich hätte bei mir haben können. Aber ich war und blieb allein und mußte sehen, wie ich fertig wurde.

Und doch würde es vielleicht einem, der mich nicht kennt, schwer werden, für das alles einen triftigen Grund zu finden. Du kennst aber Deinen Erni, und wirst Dir also denken können und begreifen, wie das große Dilemma, in dem ich mich zwischen sofortiger Habilitation in Jena und Fertigstellung des Radiolarienwerkes befinde, all jene Zweifel und Kämpfe hervorzurufen imstande war, die ich durch Italien längst überwunden glaubte. Aber ich sehe, daß die innerste Natur des Menschen nicht auszurotten ist, und daß der einmal eingepflanzte Keim einer bestimmten Ideenrichtung und Gedankenentwicklung sich durch alle äußeren Einflüsse unbeirrt in der angelegten Weise entwickelt. Ich glaube, ich könnte noch so oft unter Italiens unbewölktem Blau meine Zweifel und Sorgen, die tief im Innersten feste Wurzel haben, vertrieben und beschwichtigt glauben; immer würden sie unter der grauen Wolkenwand des Nordens wiedererwachen und mich von neuem quälen. Ich habe jetzt überhaupt den Gedanken aufgegeben, je zu einer so vollen, frischen, mutigen Lebensanschauung zu gelangen, wie ich sie oft wohl in heiteren Momenten erstrebe; und um so mehr bist Du, bester Herzensschatz, dem glücklicherweise dieser Skeptizismus und diese melancholische Ideenrichtung völlig abgeht, imstande und verpflichtet, durch Dein heiteres, frohes Gemüt mir das Leben lieb, süß und wert zu machen.

Sei mir nicht böse, meine beste Anni, daß ich Dir all die dummen Gedanken weiter vorplaudere, über die Du Dich gewiß recht ärgern wirst. Aber ich kann und darf Dir doch Deinen Erni nicht anders geben, als er nun einmal ist, und ich denke, es ist immer besser, ihn durch und durch mit allen Schwächen kennen zulernen, als oben darüber hinwegzugehen und ihn für besser und stärker zu halten, als er in der Tat ist. Und schon, indem ich Dir dies schreibe und das beschwerte, bedrückte Herz erleichtere, fühle ich, wie herzlich Du mit mir fühlst und denkst und wie Du mich durch Dein liebes, munteres, hoffnungsvolles Gemüt zu Dir emporhebst und beglückst. Ach, liebster Schatz, sei nicht betrübt in dem Gedanken, daß ich Dir vielleicht oft durch mein zweifelhaftes, unsicheres, traumhaft weiches Gemüt und nur zu schwankendes Wesen in Zukunft noch schwere und trübe Stunden genug bereiten werde. Ich denke immer, wenn wir erst ganz zusammen sind, ganz verschmolzen, und wenn wir erst in stetem Beisammenleben unsere guten Eigenschaften austauschen und stärken und die schlechten möglichst abschaffen, dann soll gewiß auch dies besser werden, und dann will ich Dich gewiß für jene düsteren Momente durch andere entschädigen, in denen Du das volle Glück deutscher Mannesliebe genießen sollst, einer so vollen, reinen und intensiven, daß ich an eine innigere und tiefere, als die meine, überhaupt nicht denken kann. Das bleibt immer noch mein einziger Trost, süßer Herzensschatz, daß ich durch Deinen Besitz und Genuß doch noch ein ganz anderer, erst ganz ein voller und kräftiger Mann werden werde, daß dann vielleicht auch noch andere Seiten meines Wesens in harmonischer Weise sich entwickeln, von denen ich jetzt leider noch keine Spur sehe. Oh, wie sehne ich mich nach dieser glücklichen Zeit, von der mein Leben eigentlich erst anfangen wird.

Ich habe in diesen letzten acht Tagen wieder recht gesehen, wie schlecht ich dazu taugen würde, ein einsames Leben als alter Junggeselle zu führen. Die Wirtshäuser sind mir, wie alles unhäusliche Leben, verhaßt und ich habe in diesen acht Tagen, wo ich allein Haus hielt, lieber abends gehungert, als daß ich ausgegangen wäre, mit einem Bekannten zu kneipen, wie ich es Mutter versprochen hatte. Ich glaube, Ehlers hat ganz recht, wenn er im Winter immer behauptete, daß ich ein ganz musterhafter Ehemann und Hausvater werden würde. Wenigstens weiß ich das Glück des Familienlebens mehr als mancher andere zu schätzen, und sehne mich unendlich danach. Schon gestern abend und heute früh bin ich in dem munteren, glücklichen Familienleben unserer lieben Geschwister ganz aufgetaut und aufgelebt und ergötze mich im stillen daran, in Gedanken unser künftiges Glück nach diesem reizenden Muster aufzubauen. Nur, denke ich, werden wir noch ein gut Teil glücklicher werden, da wir beide doch viel heißere, erregbarere Naturen sind als Karl und Hermine und also auch ungleich innigerer und intensiverer Gefühle fähig. Du glaubst nicht, wie reizend mir seit meinem letzten Besuch in Jena das kleine, niedere, stille Professorenhäuschen vor Augen schwebt, ganz in rankendes Weinlaub versteckt und hinten mit einem reizenden, kleinen Garten. Und darin eine Laube, so lieb und nett, in der außer zwei Überglücklichen auch noch "Mehrere" (!) Platz haben. Ach, würde es nur bald glückliche Wahrheit.

Die vielen verschiedenen Leute, die in den letzten acht Tagen kamen, um meine Bilder und Sammlungen zu bewundern und dann mit Lob in den stärksten Ausdrücken sehr freigebig waren, sind mir ordentlich unangenehm und lästig geworden, und ich bin außerordentlich froh, jetzt hier von dem allen verschont zu sein. Ich habe im kleinen gemerkt, wie unangenehm es sein muß, ein berühmter Mann zu sein, und sehne mich jetzt doppelt lebhaft nach der stillen Abgeschiedenheit unseres kleinen Jena, wo man Tüchtiges leisten kann, ohne deshalb von Leuten überlaufen zu werden, die von der Berühmtheit zu profitieren hoffen.

Übrigens habe ich dabei auch wieder manche hübsche psychologische Beobachtung machen und die Schwäche mancher "großer" Leute in seltsamer Blöße aufgedeckt sehen können. Eine Beruhigung habe ich denn doch, wenn ich sehe, wie ein großer Teil selbst der bedeutenderen Leute sich mit dem Streben nach Zielen abquält, für welche ich keinen Schritt tun würde. Ich habe ein anderes Ziel, und das kennst Du am besten...


Freienwalde, 14.7.1860




Heute hatte ich bestimmt einen Brief von Dir erwartet, mein liebster Schatz. Nun er nicht gekommen ist, muß ich mich doch hinsetzen und Dir mein Herz ausschütten, das gar sehr betrübt ist durch eine höchst traurige Nachricht, die ich vor vier Tagen empfing. Ich bekam nämlich am zehnten einen Brief von der Tante Weiß, worin sie mir kurz den Tod meines Freundes Johannes Lachmann meldete. Er ist nur drei Tage, an einem Karbunkel auf dem Rücken, krank gewesen und sehr rasch gestorben.

Du kannst Dir denken, wie mich diese Nachricht erschüttert hat. Ich bin kein Freund davon, schmerzlichst erregten, tief innerlichen Gefühlen durch lange Exklamationen auf dem Papier Ausdruck zu geben, sonst könnte ich Dir viele Seiten füllen mit den seltsamen traurigen Ideen und Vorstellungsreihen, die dieser Todesfall, der so unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam, in mir erregt hat. Doch Du kennst mich ja durch und durch und weißt also, was mir diesen höchst traurigen Todesfall besonders beklagenswert erscheinen läßt.

Lachmann ist nun schon der zweite aus dem kleinen Kreise meiner nächsten Freunde und Studiengenossen, den im Verlaufe eines einzigen Jahres das sinnlose Geschick aus seinem lebensvollen Wirkungskreis weg reißt. Allerdings war Lachmann nicht so hoch begabt und in jeder Hinsicht ausgezeichnet wie Beckmann; aber immerhin war er ein vorzüglicher, tüchtiger Mensch und Lehrer, und noch bei meinem letzten Besuche in Bonn hatte ich Gelegenheit, mich über die nette Art und Weise zu freuen, in der er sehr gewissenhaft sein Amt ausfüllte. Und in mancher Beziehung ist doch dieser Todesfall noch viel trauriger als der von Beckmann, dessen Körper schon von früher Jugend an den Todeskeim in sich trug und der nicht durch zarte Familienbande fester mit dem Leben verknüpft war.

Wie man sich in solchen Fällen mit der Idee einer "allgütigen, weisen, liebenden Vorsehung" trösten kann, ist mir in der Tat völlig unklar. Ich wenigstens bin völlig unfähig, die Idee einer Vorsehung, eines persönlich regierenden Gottes zu erfassen, welcher seinen Geschöpfen nur darum die edelsten Gaben verleiht, um sie möglichst wenig Gebrauch davon machen zu lassen, und sie nur darum in die reizendste Fülle häuslichen Glückes versetzt, um sie recht grausam und gewaltsam daraus zu entreißen. Mit Ausnahme von Allmers waren unter allen meinen Freunden Beckmann, Lachmann und Claparéde die bedeutendsten und befähigsten. Zwei hat nun schon der Tod weggerafft, nachdem sie kaum erst angefangen hatten, von ihren Gaben Gebrauch zu machen. Und der dritte hat auch einen so elenden, kranken Körper, daß man auf nichts weniger als eine lange Wirksamkeit rechnen kann! Da suche Weisheit in den Plänen der Vorsehung, wer es vermag! Ich bin dazu unfähig und gerate, je länger ich in diese Folgenreihe von Gedanken mich vertiefe, immer tiefer in den absoluten Zweifel und Unglauben hinein.

Was mich bei Lachmanns Tod am tiefsten ergriffen hat, ist, wie Du leicht denken kannst, das trostlose Schicksal der unglücklichen jungen Frau mit ihren beiden Kinderchen. Kann man sich eine Zukunft trauriger und düsterer vorstellen? Kann die Vorsehung grausamer, sinnloser handeln, als zwei sich innig liebenden Menschenherzen die höchsten Freuden des Menschenlebens, das unvergleichlich süße Los einer glücklichen Ehe ein paar Jahre genießen zu lassen, damit sie dann lange Reihen von Jahren, von ihrer besseren Lebenshälfte getrennt, ein trost- und freudloses, einsam elendes Leben fortführen? Wir sind beide noch nicht durch das süße Band der Ehe vereint und haben also den Gipfelpunkt des Glücks, die völlige Verschmelzung, das ganze Ineinanderleben beider Individuen, die Höhe der innigsten Liebe noch nicht erreicht, und doch wäre es mir schon jetzt ganz undenkbar, mein Leben ohne Dich fortzuführen, ein Leben, das mir ohne Dich eben überhaupt nichts ist, das mir gleichgültig, verhaßt ist. Wenn ich mir den Gedanken vorzustellen wage, Dich möglicherweise einmal zu verlieren, so ist unmittelbar und untrennbar der zweite Gedanke gleich damit verknüpft, daß mit Deinem Leben auch das meine aufhört und daß ich Dir freiwillig sofort in das Schattenreich nachfolgen würde. Ich habe in dieser Beziehung schon oft den zarten Sinn der alten Inder bewundert, wo der Tod des einen Gatten die freiwillige Folge des anderen unmittelbar nach sich zog, was Goethe in dem Gedicht "Der Gott und die Bajadere" so schön dargestellt hat. Wenn ich mir nun schon jetzt ein Leben ohne Dich ganz unmöglich denken kann, wieviel mehr müßte dies der Fall sein, wenn wir erst durch das süßeste Band der Ehe zu gemeinsam glückseligem Leben verbunden wären und nun auf einmal in dies einzige Paradies, welches auf Erden möglich ist, der unerbittliche Tod hineingriffe und die für ewig verbundenen Hälften wieder trennte? Ich kann mir dieses traurigste Los gar nicht schrecklich genug denken! Ich sprach noch neulich mit Vater darüber, als wir auf dem Brauhausberg spazierengingen. Er schilderte mir die glückliche Zeit seiner ersten Ehe, die auch nur so sehr kurze Zeit dauerte, wie ihn der Tod rein in Verzweiflung gestürzt, wie er unfähig zu denken und arbeiten geworden, und wie ihn nur seine tiefgewurzelte Religiosität und sein Gottvertrauen von der häufig aufkommenden Selbstmordidee abgebracht habe. Da mir aber nun jene religiösen Glaubensüberzeugungen völlig fehlen, würde ich unfehlbar der letzteren zum Opfer fallen, und zwar um so eher, als ich glaube, daß ich noch ein gut Teil leidenschaftlicher und heißblütiger als Vater bin. Ich liebe Dich so innig und ausschließlich, daß ich mir eine tiefere und herzlichere Liebe überhaupt nicht denken kann. Mit Dir einzigem und ausschließlichem Schatz steht und fällt alles, was mich an das Leben bindet. Ohne Dich wäre mir das Leben eine unerträgliche Last, und nur der Gedanke, mit Dir zu leben, Dich ganz und einzig zu besitzen, vermag noch alle Kräfte und Bestrebungen anzuspornen und lebendig zu erhalten!

Du kannst Dir denken, wie lebhaft und viel mich alle diese Ideen die letzten Tage über beschäftigt haben. Ich habe auch wieder einmal einen Versuch gemacht, mich mit den tröstenden Ideen des Christentums zu befreunden, aber ganz vergeblich! Mir ist nun einmal das Glauben an Tatsachen und Ideen, die von vornherein meinem Verstande und dem Zeugnis meiner Sinne gerade ins Gesicht schlagen, unmöglich, und ich arbeite mich bei solchen Gedanken je länger, je tiefer in den nacktesten Zweifel hinein. Auch sehe ich gar nicht ein, was der Glaube an bestimmte Dogmen für eine fühlbare Wirkung auf das handelnde Leben ausüben soll. Wenigstens sehe ich nur allenthalben., daß die Menschen viel davon sprechen, aber nicht danach handeln! Ich habe zur Richtschnur meines Lebens meine bestimmten ethischen Ideen, eine Moral, die die einfachste, einleuchtendste und natülichste auf der Welt ist und sich einfach in dem alten Sittenspruch "Was Du willst, daß die Leute tun sollen, das tue Du ihnen auch" (und umgekehrt!) zusammenfassen läßt. Im einzelnen Fall muß doch lediglich das sittliche Bewußtsein und nicht der Formengeist strenger Gesetze die Richtschnur des Handelns abgeben.

Freilich ist mir bei diesen Gedanken auch die ganze Nichtigkeit und Hohlheit unserer Bestrebungen wieder lebhaft vor Augen getreten. Was kann man im besten Falle erreichen? Ich habe jetzt im Laufe meiner Aus bildung, besonders durch die verschiedenen Reisen, einen Höhepunkt der Weltanschauung erreicht, von dem ich schon einen ansehnlichen Horizont zu über blicken glaube, und was habe ich doch schließlich da mit erreicht? Je höher ich mich emporarbeitete, desto nichtiger erschien mir alles Überwundene, desto weniger lockend das höhere Ziel. Ich scheine jetzt augenblicklich vielleicht so glücklich situiert, daß mich meine besten Freunde beneiden! Und doch schrumpft das alles in meinem eigenen Bewußtsein zu einem kaum nennenswerten Resultat zusammen.



Freienwalde, 16.7.1860




Hab innigsten Dank, bester Schatz, für Deinen lieben letzten Brief, der gerade zur rechten Zeit kam, um mich etwas von der entsetzlich düsteren und melancholischen Stimmung zu befreien, die mich jetzt schon viele Tage so befangen hatte, daß ich zu gar keinem frohen Gedanken mehr kam. An solch bösen Tagen ist ein Brief von Dir die beste Medizin, und Du glaubst kaum, wie Du in dieser Beziehung auf mich wirken kannst und wie Dein immer frischer und jugendlich heiterer Sinn die Unmutswolken verscheucht, die nur zu gern mich ganz bedecken. Aber ganz werde ich erst doch wieder frisch, wenn ich Dich wiederhabe und mir von Deinen süßen Lippen, meinem besten Lebensquell, wieder all den guten Mut holen kann, der mir von Natur abgeht. Ich sehne mich so nach Dir, liebste Anni, daß ich kaum die Zeit Deiner Rückkehr erwarten kann. Komm nur ja möglichst bald; ich kann dann gewiß nachher noch einmal so gut arbeiten als jetzt, wo die Anni mir immer über das Papier läuft und wo, wenn ich früh an das Taufen meiner Radiolarien gehe, ich aus jeder Gattung eine Art "Annae" taufen möchte.

Das Zusammenleben mit den Geschwistern in den arbeitsfreien Pausen ist sehr nett und die Kinder machen uns vielen Spaß. Von allen ist Hermännchen reizend, immer dasselbe sinnige, still träumerisch freundliche Kind. Dein kleines Patchen ist sehr drollig und munter, ein dick ausgepolsterter kleiner Kadaver, von dem Du Dir schon ein gut Stück Gesundheit kannst abgeben lassen. Aber in bezug auf ihren Habitus als deutsches Mädchen macht sie ihrer Patentante keine Ehre. Während alle drei Jungens echt deutschen, hellblonden Typus zeigen, ist die kleine Anna in der Farbe der Haare, Augen und Haut so dunkel und brünett, daß sie ganz wie eine kleine Italienerin aussieht, weshalb ich sie auch immer "Romagnola" oder "Concetta" rufe, wie die Tochter meiner Wirtin in Rom hieß. Das glückliche Zusammenleben und die ganze nette Häuslichkeit von Karl und Hermine macht mir viel Freude, und ich muß dann immer denken, wie überglücklich erst ihre beiden jüngeren Geschwister sein werden, wenn die soweit sind. Oder glaubst Du nicht, daß die noch ein gut Teil glücklicher sein werden? Freilich regt sich bei diesen Gedanken auch immer die Ungeduld, daß es noch nicht soweit ist, aufs neue, und ich muß immer denken, wie viele Tage mir noch einsam und öde vergehen werden, ehe ich meinen besten Schatz heimführen darf. Wenn doch nur bald, bald die ersehnte Erfüllung käme. Gar oft ist mir's zumut, als könnte es gar nicht mehr so lange dauern; aber freilich, was das dumme Herz wünscht, das glaubt es auch. Gut wäre es aber für uns beide, körperlich und geistig, wenn wir nicht mehr zu lange zu warten hätten. Ich glaube, Du wirst auch erst ganz frisch und gesund werden, wenn Du immer bei mir sein darfst. Daß meine Gedanken dabei natürlich immer am meisten auf Jena schauen, kannst Du Dir denken, und nach dem letzten Besuche gebe ich mich diesen Hoffnungen mit doppelter Liebe hin.


Freienwalde, 22.7.1860




Ich muß Dir heute wohl mal von meinem hiesigen Leben etwas berichten, liebster Schatz, von dem Du noch wenig weißt. Freilich ist da auch nicht viel einzelnes zu erzählen, und das beste weißt Du ja doch, daß Du nämlich in meinen Gedanken mich beständig und überall begleitest. Ein Tag und eine Stunde verfließt so ruhig wie die andere, und wenn ich nicht auf die bestimmten Brieftage rechnete, würde ich kaum wissen, an welchen Wochentagen wir uns immer befinden.

Mein Lebenslauf ist sehr einförmig. Gewöhnlich um fünf Uhr (oft auch halb fünf oder halb sechs Uhr) stehe ich auf und springe zunächst ein Viertelstündchen im Garten auf und ab, um allen Rest des Schlafes völlig zu vertreiben. Dann arbeite ich zwei Stunden. Um sieben Uhr wird gefrühstückt und dann bis acht Uhr Volkszeitung studiert. Von acht bis ein Uhr ungestörte Arbeit, bloß durch die kleine Concetta (Anna!) unterbrochen, welche mir um elf Uhr mit ihrem römischen Schelmengesicht ein Körbchen Kirschen bringt. Um ein Uhr Mittag mit obligatem Kindergeschrei und sonstiger Familienunterhaltung. Mein größter Freund ist gegenwärtig der kleine Heinz, den ich täglich nach dem Essen eine Viertelstunde noch in die Luft werfe und mit beiden Armen wieder auffange, ein Ballspiel, das ihn immer in das höchste Entzücken versetzt und das alle köstlich amüsiert. Sobald er mich irgendwo erblickt, jauchzt er laut auf, krabbelt auf mich los und zerrt mich solange am Rockzipfel, bis ich seine höchst komische pantomimische Bitte um Indieluftwerfen erhört habe. Dann wird bis zum Kaffee eine halbe bis eine Stunde im Garten Nationalzeitung gelesen, we!che jetzt wieder reichen Stoff zum Reden und Ärgern gibt durch die unredliche und unverantwortliche Handlungsweise, mit der das Ministerium, seinem ausdrücklichen Versprechen entgegen, die Heeresorganisation dennoch ins Werk gesetzt und durchgeführt hat. Besonderes Interesse nimmt außerdem natürlich immer Garibaldi und Neapel in Anspruch. Um drei Uhr wird Kaffee getrunken und nachher wieder ununterbrochen gearbeitet bis acht Uhr. Ein paarmal habe ich auch schon um sieben Uhr aufgehört und bin noch ein Stündchen draußen herumgesprungen, um die erlahmten Glieder wieder etwas gelenk zu machen. Um acht Uhr wird wieder gemeinsames Abendbrot (konstant saure Milch) eingenommen und dann noch ein bis zwei Stunden Brief geschrieben oder gelesen. Um einhalbelf Uhr oder elf Uhr liegen wir meist alle schon wieder im Nest.

Du siehst, liebster Schatz, daß ich die gegebene schöne Mußezeit möglichst ökonomisch benutze, um tüchtig mit der großen Arbeit, welche am Ende doch noch einmal den Ausschlag für unser Glück geben kann, vorwärtszukommen. Nur muß ich leider hinzufügen, daß ich nicht so beständig zu denken als zu sitzen imstande bin und daß die vogelfreien Wandergedanken nur gar zu oft nach dem westlichen Deutschland (wie im vorigen Jahre nach Norden) fortlaufen, um mit einem Gegenstand sich zu beschäftigen, der sie schließlich doch noch magnetischer anzieht, als selbst Tausende der schönsten neuen Radiolarien. Auch muß ich Dir gestehen, daß das alte, heiße, unruhige Wanderblut sich oft mächtig regt, der saft- und kraftvolle Kadaver ist mit dieser absoluten Stubensitzweise des jungen deutschen Naturforschers durchaus nicht einverstanden. Wie schon früher so oft, wenn es galt, lange Zeit hindurch sitzend ohne kompensierende körperliche Bewegung zu arbeiten, kann ich mich auch jetzt nur sehr schwer in dies halbe Gefängnisleben schicken! Oft kocht und wallt das junge, heiße Blut, daß ich meine, ich müßte aufspringen, meinen Schatz auf die Arme nehmen und eine nette steile Alpe, ohne Atem zu schöpfen, hinaufstürmenl Was gäb ich oft darum, wenn ich mich mal so recht müde laufen könnte.

Die Natur scheint sich aber förmlich bei meiner Ausstattung in dem Paradoxon gefallen zu haben, recht widersprechende Gaben in der einen Person zu vereinigen. Was taugt so ein vollsaftiger, unbändiger Kadaver wie der meinige, der für jeden Bauer oder Jäger oder Fischer die gewünschte Kraft und Gefügigkeit besäße, für einen deutschen Gelehrten? Oft habe ich schon gedacht, wieviel leichter ich's hätte, wenn ich auch mit so einem leidenden, ausgetrockneten, kleinen Professorenkadaver ausgestattet wäre, wie so viele andere Fachgenossen. Wieviel besser, gleichmäßiger und leichter würde ich da arbeiten! Nun muß ich aber gerade einen Körper bekommen, der der überflüssigen Kraft nur allzuviel hat und sich nirgends wohler fühlt, als wenn er sie recht reichlich äußern und üben und sich tüchtig abmüden kann. Freilich wird mein Schatz am Ende doch mit dem frischen Fleisch und Blut, wie es nun mal da ist, zufrieden sein - vielleicht kommt's uns mal in den Alpen zustatten! Aber hart ist's wirklich oft, dagegen anzukämpfen, lieber Schatz, und Du kannst kaum glauben, wie schwer ich oft die Abhängigkeit des Geistes von dem Körper empfinde.


Freienwalde, 22.7.1860


Liebe Eltern!


Endlich muß ich Euch doch mal wieder schreiben, damit Ihr Euch nicht wieder unnötige Sorge macht. Von meinem Leben kann ich Euch freilich nur herzlich wenig berichten. Ein Tag verfließt bei der steten ununterbrochenen Arbeit so ruhig wie der andere und von Abwechslung ist gar keine Rede, doch fühl ich mich im ganzen sehr wohl dabei. Nur der Körper ist nicht zufrieden. Der möchte lieber auf den Bergen herumstreichen und sich tüchtig abarbeiten, statt so Tag für Tag vom Morgen bis zum Abend am Arbeitstisch zu sitzen, Aber was soll man tun? Die liebe Zeit ist so kostbar, daß man sie durchaus zurate halten muß, und noch nie bin ich so geizig damit gewesen als jetzt. Jede Stunde, die ich nicht bei meiner schönen Arbeit sitze, die mir sehr viel Freude macht, dünkt mich verloren. Das Werk wächst mir unter den Händen so gewaltig an und geht doch im ganzen nur so langsam vorwärts, daß ich Not haben werde, im nächsten Winter damit fertigzuwerden. Ich habe also den Gedanken, mich schon nächsten Herbst in Jena zu habilitieren, so gut wie aufgegeben und werde den Winter ruhig in Berlin an meinem Werke fortarbeiten. Die Arbeit macht mir übrigens jetzt soviel Freude, daß ich gar nicht Lust hätte, vorläufig irgend etwas anderes zu treiben. Doch kostet das Ausführen der Tafeln mehr Zeit, als ich dachte. Es ist aber gar zu angenehm, so, wie ich es hier kann, in einem Zug hintereinander fortarbeiten zu können, ohne durch irgend etwas gestört zu werden. Nur die Sehnsucht nach Anna, die ich gerade jetzt sehr entbehre, kommt zuweilen dazwischen, und in der letzten Woche hat mich der Tod von Lachmann auch sehr viel beschäftigt. Das ist wohl ein sehr trauriges, höchst beklagenswertes Ereignis, welches zu vielerlei merkwürdigen Betrachtungen Anlaß geben kann. Wieviel ich es auch versuchte, ich habe mich mit dem Faktum nicht aussöhnen und keinen Trostgrund finden können. Die arme, unglückliche Frau mit den zwei Kinderchen! Und dazu erwartet sie in der nächsten Zeit ihre Niederkunft! Die Sache ist so Hals über Kopf gekommen, daß die arme Frau noch kurz zuvor gar keine Ahnung von dem schrecklichen Ausgang gehabt hat.

Dich, lieber Vater, wird wohl die preußische Regierungspolitik jetzt wieder recht ärgern, in der wieder viel verpfuscht wird. Die Armee-Geschichte ist doch sehr schlimm und noch schlimmer die Hinneigung zu Österreich. Wir lesen hier die Volks- und National- Zeitung, welche auch damit sehr unzufrieden ist. Aegidi gab uns dieser Tage mehrere Nummern der in Berlin jetzt neuerscheinenden "Deutschen Zeitung", wie es scheint (von Dr. Haebner) ganz vortrefflich redigiert im Sinne der preußischen Demokratie, sehr ausführlich und reich, mit vortrefflichen Leitartikeln. Es ist doch ein Jammer, daß bei uns kein energischer liberaler Minister ist; wieviel ließe sich jetzt machen, wo Deutschland halb von selbst zu Preußen fällt. Aber der Regierung fehlen alle großen und liberalen Ideen. Und die Junkerwirtschaft ist und bleibt doch ärger als irgendwo, gerade in Preußen. Aber die Aufklärung, die namentlich durch die Naturwissenschaften tagtäglich ungeheuer zunimmt, wird noch einmal der ganzen Junkerbande den Hals brechen, und das befreite und geeinigte deutsche Volk wird dann auch gewiß noch imstande sein, trotz seiner sechsunddreißig Raubfürsten eine große, auch nach außen mächtige Nation zu bilden.

Von Berlin höre ich gar nichts und bin sehr zu frieden damit. Die Erfahrungen der letzten Wochen in Berlin, besonders in der wissenschaftlichen Welt, haben mir den dortigen Ton wieder sehr verleidet. Ich möchte viel lieber an einer kleinen Universität eine Stätte finden, wo ich auch gewiß besser hinpasse.



Freienwalde, 9.8, 1860


Guten Morgen, mein liebster, einziger Herzensschatz! Mit neugestärkter Kraft und Lust, die ich mir von Deinen süßen Lippen geholt habe, gehe ich wieder an meine schöne Arbeit, die jetzt, wo sie erst recht in Gang kommt, mir doppelte Freude macht.

Von meinem Herwege gestern abend ist wenig zu erzählen. Der Abend war köstlich sternenhell und recht geeignet, mit meiner lieben Anni zu wandern. Um neun Uhr ging prächtig, dunkelvoll der liebe Mond auf, welcher mir auf den ganzen Weg her leuchtete. Die Luft balsamisch kühl und frisch, voll Waldluft, und ich mußte immer singen. "Muß i denn, muß i denn" - wobei natürlich der Vers.' "Übers Jahr, übers Jahr!" die Hauptrolle spielte! Auch das Goethesche Mailied wollte mir gar nicht aus dem Sinn:

"0 Mädchen, Mädchen,
wie lieb ich Dich,
wie bin ich glücklich,
wie liebst Du mich

So liebt die Lerche
Gesang und Lust
und Morgenblumen
den Himmelsduft,

wie ich Dich lieb
mit heißem Blut,
die Du mir Jugend
und Kraft und Mut

zu neuer Arbeit
und Schaffen gibst,
sei ewig glücklich,
wie Du mich liebst!"

Freienwalde, 14.8.1860


Dein Brief überraschte mich beim Frühstück und gleich danach, um sieben Uhr, setzte ich mich hin und fing an zu arbeiten, und das ging heute mit so gutem Erfolg, daß ich gar nicht wieder aufhörte und, mit Ausnahme von kaum einer halben Stunde Mittagspause, wo ich das nötige Essen möglichst rasch hinabbeförderte, bis heute abend acht Uhr ununterbrochen gesessen und geschafft habe. Das hat aber auch heute gefleckt. Es ist mir so gut dabei gegangen, daß Du Dir schon gefallen lassen mußt, mich zu begleiten.

Ich hatte gleich am Tage nach meiner Zurückkunft, am Donnerstag, angefangen, einen schwierigen Teil meiner schönen Radiolarien vorzunehmen, den ich bisher immer verschoben hatte. Nachdem ich die eigentlichen Polycystinentafeln vollendet, wollte ich die Acanthometren, die schönen Sterne mit den kieseligen Stachelstrahlen beginnen. Aber gleich im Anfang stellten sich mir solche Schwierigkeiten, noch viel größere, als ich erwartet hatte, entgegen, daß ich vier Tage gar nicht von der Stelle kam und bis gestern saß und saß, ohne einen Schritt vorwärtszukommen. Daß meine Sonntagslaune infolgedessen gerade keine rosige war, obgleich ich den Tag in recht munterem Sinne begann, kannst Du denken. Endlich kam ich denn gestern auf den guten Gedanken, mir ein Modell von einer Acanthometra zu machen, schnitzte mir also aus einem Holzkloben zwanzig eckige Stäbchen und bohrte diese in ihrer bestimmten mathematischen Ordnung in eine große Kartoffel hinein. Dann bezeichnete ich diese verschiedenen Stachelgürtel durch Striche und konnte mich nun trefflich in der schwierigen Form orientieren. Nach vielen vergeblichen Versuchen brachte ich dann mit deren Hilfe auch glücklich gestern abend eine recht leidliche Zeichnung zustande.

Als ich heute früh anfangen wollte, die einzelnen Arten zu beschreiben, entdeckte ich beim Vergleichen der Zeichnungen, daß ich noch eine Art mehr hatte, als ich gewußt, und als ich nun die mitgebrachten Präparate aus Messina wieder ansah, entdeckte ich darin zu meiner großen Freude und Überraschung eine ganz neue, prächtige Art, die einen recht erwünschten Zuwachs liefert. Mehr aber als diese beiden neuen Formen erfreute mich die endliche, oft vergebens versuchte Lösung eines sehr schwierigen Rätsels, welches sich in betreff des feineren Baues der Acanthometren bereits im Anfang des Winters in Messina mir auf gedrängt hatte. Schon vielmal hatte ich es vergeblich auf verschiedene Weise zu lösen versucht, bis endlich heute ein glücklicher Zufall mir den Schlüssel in die Hand gab. Ich machte sogleich sechs weitere Experimente und alle fielen vollkommen übereinstimmend in dem nämlichen, gehofften Sinne aus, so daß die Tatsache, welche ganz neu und recht interessant ist, nun definitiv festgestellt ist.

Das war einmal belohnte Ausdauer, doppelt er freulich, da ich schon fast ganz das gehoffte Resultat aufgegeben hatte. Ich war ganz glücklich und es fehlte weiter nichts als ein gewisses kleines, blondes Wesen, welches mir mit seinen süßen Lippen am Feierabend die Belohnung für den angestrengten Fleiß hätte erteilen müssen.

Erst dann, wenn ich täglich im innigsten, traulichsten Zusammenleben mit Dir den Kern aller Lebensfreude und Lust genießen werde, erst dann wird mir auch die Arbeit selbst wieder volle Befriedigung und Freude gewähren, welche mir jetzt immer, trotz aller Liebe und Lust dazu, doch zu sehr als eine Anstrengung erscheint, der in den Mußestunden nicht die entsprechende Erquickung folgt. Wie sehr aber auch gerade diese angestrengte und spannende Arbeit, gerade für mich, Bedürfnis ist, fühle ich jetzt wieder lebhaft. Ich bin nochmal so frisch, wenn ich was Tüchtiges geleistet habe, und auch in dieser Beziehung freue ich mich sehr auf die Zukunft, wo ich tagtäglich, mit Ausnahme der herrlichen akademischen Ferien, meine bestimmte Berufsaufgabe zu lösen haben werde.


15.8.1860




Gestern abend war ich zu müd, liebster Schatz, um den Brief zu vollenden. Ich dachte an den kostbaren, wunderherrlichen Tag, den ich vor einem Jahr in Capri gehabt hatte, wo ich, ganz allein in der herrlichsten Natur, nur von den lieblichsten Annigedanken begleitet, das große Aquarell vom Arco naturale gemacht hatte, welches Allmers so bewunderte. Auch der 15. August war ein prächtiger Tag, wo ich früh in den Grotten des Monte Solare umherkletterte, die beiden Grotten und Ausblicke malte, in der Grotta di mulo das zierlichste Venushaar pflückte und am Nachmittag an der Marina piccola malte. Über diesen lieben Erinnerungen, bei denen mich Dein herziges Bild beständig begleitete, schlief ich am Tisch ein, träumte gar prächtig von Dir und mir und wachte erst auf, als die Lampe wegen Ölmangel ausgegangen war.

Freienwalde, Montag, 20.8.1860

...In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag hatte ich einen sehr ängstlichen Traum, den ich schon öfter gehabt habe. Ich schwamm in den tobenden Wogen einer sehr heftigen Brandung. Die sehr hohen Wellen drohten mir immer den Atem zu benehmen, so daß ich ein beständiges ängstliches Erstickungsgefühl hatte. Ich mühte mich vergebens ab, schwimmend eine überhängende Klippe zu erreichen, auf der Du saßest und Deine lieben Arme ausbreitetest, mich zu empfangen. Aber sooft ich so hoch emporgeworfen wurde, um sie anfassen zu können, warf mich die zurückweichende Woge immer wieder in die schäumende Tiefe hinab. Ich habe diesen angstvollen, beklemmenden Traum schon öfter in ganz ähnlicher Weise gehabt; das ihm zugrundeliegende Gefühl habe ich aber auch einmal wirklich erlebt, als ich nämlich in Helgoland bei sehr heftigem Sturm, bei dem niemand badete, in einem kleinen Boot hinausfuhr und von da aus in die Wellen sprang. Ich hatte damals große Mühe, wieder ins Boot zu kommen, und so große Freude mir der Kampf mit den furchtbaren Wellen machte, so war er doch nicht ohne ein ähnliches bedrückendes Beklemmungsgefühl, da die unaufhörlich sich überstürzenden Wogen mir mehrmals allen Atem benahmen. Dasselbe Gefühl hatte ich auch wieder in jener Mittwochnacht und muß dabei wohl sehr lebhaft mit den Armen und Beinen im Bett um mich geschlagen haben, denn als ich am Morgen erwachte, lag ich ganz bloß und war ganz steif und kalt geworden; die Decke lag auf dem Boden. Glücklicherweise hatte ich, da es den Abend sehr kalt war, die Fenster, die ich sonst meist nachts auflasse, zugemacht, sonst wäre die Erkältung wohl noch schlimmer geworden, Sie war so schon arg genug.

Ich habe in diesen acht Tagen nicht Tafeln gezeichnet, sondern den Text des Radiolarienwerkes begonnen und habe bereits zwölf Bogen geschrieben. Es geht leichter, als ich mir gedacht habe. Dazwischen habe ich auch wieder mikroskopiert und ergänzende Beobachtungen angestellt; die eine Familie, Acanthometren, ist nun in Bild und Beschreibung schon ganz fertig. Wie sehr mir auch die Arbeit Freude macht und wie angenehm es ist, daß ich alle Zeit ausschließlich darauf verwenden kann, so kann ich doch nicht leugnen, daß ich sie zuweilen satt bekomme und mir Abwechslung wünsche. So wie bisher sie zu treiben, von früh bis abends zehn Uhr in einemfort immer ein und denselben Gegenstand, nur eine Stunde Mittag und eine Stunde Zeitung lesen ausgenommen, das werde ich nicht lange mehr aushalten. Besonders abends möchte ich gar zu gern den Geist auf ein neues Gebiet tragen, dem er sich nur mit zu großer Leidenschaft zuneigt...

Dieser Tage erhielt ich auch wieder einen Brief von Gegenbaur. Seine Teilnahme und Sorge für mich ist wahrhaft rührend und mir bei Gegenbaurs Persönlich keit fast rätselhaft. Gegenbaur gilt für eine stolze, herbe und kalte Natur; ich habe aber jetzt die Beweise vom geraden Gegenteil in den Händen, und wenn sein ganzes Wesen auch eine eigentümliche Abgeschlossenheit und Einseitigkeit zeigt, so muß ich die wahrhaft edlen Seiten seines trefflichen Charakters um so mehr anerkennen und hochschätzen. Die Art und Weise, wie er sich jetzt bemüht, die Bahn für mich zu ebnen, ist in der Tat unerklärlich, da ich mir nicht bewußt bin, ihn durch irgendeine Leistung oder ein Verdienst dazu angeregt zu haben. Wenn unsere süßen Jena-Träume in Erfüllung gehen sollten, wie es fast den Anschein hat, so dürfen wir ihm doppelt dafür dankbar sein und werden auch genug Gelegenheit haben, seine Freundschaft durch die Tat zu erwidern. Ähnlich geht es mir übrigens mit Max Schultze, und ich könnte fast etwas stolz darauf werden, daß gerade diese beiden trefflichen Leute, welche sicher in unserer Spezialfachwissenschaft unter allen jüngeren Kräften weitaus die bedeutendsten sind, sich so für mich interessieren.

Die letzten Abendstunden, wo ich durchaus keine Gedanken für die Radiolarien mehr hatte, habe ich, seit langer Zeit zum erstenmal wieder, eine ordentliche Lektüre angefangen, der ich mich von zehn bis elf Uhr abends mit großem Genuß hingebe: Webers Weltgeschichte. Mit dem größten Interesse habe ich jetzt die Geschichte der Revolution von 1848 bis 1854 gelesen, und mein patriotischer, d. h. demokratischer Eifer ist dabei bedeutend wieder entflammt worden. Ich werde jetzt ebenfalls regelmäßig fortfahren, mich mit Geschichte, besonders mit der der jüngsten Vergangenheit, vertraut zu machen, und mich vorzubereiten, in den uns bevorstehenden Kämpfen auch kräftig mitzuwirken, was doch die Pflicht jedes Staatsbürgers, und gerade bei uns, wo so viel Schlaffheit und Indolenz herrscht, doppelt nötig ist. Solange ich noch keinen festen Standpunkt habe, werde ich mich allerdings passiv verhalten und die Zeit um so mehr benutzen, mich allseitig zu orientieren.


Freienwalde, 25.8.1860


Wenn es auch heut nicht viel wird, liebster Schatz, will ich Dir doch gleich noch schreiben, damit der Brief heute vormittag noch abgeht und Du morgen einen frischen Herzens-Sonntagsgruß von Deinem Schatz hast. Gestern mittag erhielt ich Deinen lieben Brief, einen sehr willkommenen Gruß in meinem einsamen Stilleben, obwohl Du diesmal so flüchtig geschrieben hast, daß ich einigen philosophischen Scharfsinn anwenden mußte, um einige Sätze zu entziffern. Ganz ˆ la Mimmi fehlten etwa bei einem Dutzend Sätzen die Prädikate, bei einem anderen halben Dutzend waren sie dafür doppelt, und endlich waren da einige Konstruktionen, nach dem leuchtenden Muster König Ludwigs von Bayern, in unendliche Partizipialkonstruktionen sich selbst am Ende, ihren Anfang vergessend, in ein in sich zurückkehrendes Unendliches sich zu verwickeln im Begriff seiend, unklar werdend! Im übrigen habe ich mich in die Schilderung Deines Heringsdorfer Stillebens, auf dem ich Dich so vielfach täglich und stündlich in Gedanken besuche und begleite, ganz hineingelebt.

Von mir ist diesmal wenig zu berichten... Abends habe ich in der letzten Woche, wenn ich ganz radiolariensatt war, noch tüchtig Geschichte gelesen und bin jetzt mit dem neunzehnten Jahrhundert ganz durch. Ich werde nun das ausführliche Werk von Häusser über dieselbe Periode lesen. Auch die Capri-Reminiszenzen habe ich täglich im Tagebuch aufgesucht und dabei alle die herrlichen Genüsse mir wieder lebhaft ins Gedächtnis gerufen, mit welchen dies Reiseglück mich in jenen unvergeßlichen Tagen beschenkte. Wärst Du damals bei mir gewesen, das einzige - aber auch das beste! -, was mir fehlte, so würde ich jenen glückseligen idyllischen Künstlertraum an die Spitze meines Lebens stellen. Heut vor einem Jahr war ich mit Allmers in Anacapri (Anna-Capri!), besuchte die guten Leute in ihren reizenden Häuschen, zeichnete den alten Mann, den schönen Knaben, die Ziegenherde, einige Treppenstudien und Interieurs und nahm zum herrlichen Beschluß des köstlichen Tages allein ein nächtliches Bad beim Sternenschein in der schäumenden und leuchtenden See! Diese reichen Erinnerungen werden wohl noch oft herhalten müssen!

Freienwalde, 1.9.1860

Das war heute ein schöner Schluß der fleißigsten Woche, mein liebster Schatz, als ich gleichzeitig Deine beiden lieben Briefe erhielt, die diesmal sehr rasch gegangen sind; eine prächtige, aber auch wohl verdiente Belohnung nach der tüchtigen Arbeit der letzten Woche, Zugleich fangen sie auf die merkwürdigste Weise meinen Lieblingsmonat, den September, an, welcher sich mit dem Mai um diese Ehre streitet... Es ist der eigentliche Reisemonat, und seit frühester Jugend sind alle meine lieben Reisebilder mit dieser schönsten Zeit des Spätsommers und Herbstes verwebt. Den September 1854 verlebte ich mit Mutter in Helgoland, wo ich zum ersten Male das "göttliche" Meer in seiner vollsten Schönheit kennen lernte, die ernste, wilde, brausende, hochwogende Nordsee; auch erschloß sich da zum ersten Male meinen erstaunten Augen die wunderbare Tierwelt des Meeres, welche an Reichtum der schönsten und mannigfaltigsten Formen, wie an Komplikation ihres Baues und ihrer höchst verwickelten und merkwürdigen sozialen und familiären Verhältnisse alle lebendigen Wesen des Festlandes bei weitem übertrifft. Da wurde zuerst durch Müller, das Meer und seine Wunder, mein Geist aus den bisherigen Schranken befreit und schlug die Richtung ein, in der ich nun mein ganzes Leben fortschaffen werde.

Im folgenden Herbst lernte ich dagegen das Großartigste und Schönste kennen, was das Festland besitzt, die wunderbare Alpenwelt, die Gletscher und Schneefelder, von denen ich so viel gelesen und gehört und die nun doch, als ich sie selbst sah, fühlte, durchwanderte, alle Bilder und Beschreibungen weit hinter sich zurückließen. Dann die alpine Flora, welche mit ihren reizenden Zwerggestalten, den blauen Gentianen und weißen Saxifragen, den roten Alpenrosen und grünen Moosen das heiße Ziel meiner Sehnsucht während der ganzen botanischen Knabenjahre gewesen war und die auch jetzt noch über allen Erzeugnissen der reichen südlichen Pflanzenwelt, über den Palmen und Agaven, Pinien und Cistrosen obenan steht und ihren alten Vorrang behauptet. Gerade in den September 1855 fällt der schönste Teil meiner Alpenwanderung, die ich in neun Wochen von Linz bis zum Wormser Joch und von Chiavenna bis zum Achensee zu Fuß, allein, mein eigener Herr, in der köstlichsten Freiheit ausführte. Im September wanderte ich durch das ganze Tirol und Oberitalien, überstand in der Gletscherspalte des Ötztaler Hochjochferners glücklich den gefahrvollsten Moment meines Lebens, lernte in Mailand, Verona, Venedig eine neue Welt kennen und sah schließlich am Ortler auf dem Wormser Joch die herrliche Alpenwelt in ihrer größten Pracht und Majestät. Da drohten die marinen Helgoländer Eindrücke hinter diesen mächtigen Alpenbildern zu verbleichen. - Aber der folgende September verhalf diesen wieder zu ihrem Recht; da war ich mit Müller und Koelliker in Nizza und lernte zuerst die noch ungleich reichere und wunderbarere Fauna des Mittelmeeres kennen, die mich im vorigen Winter so reich beschenkt hat. Auch bezauberte mich da zu erst mit voller Gewalt die Farbenglut des südlichen Himmels, in der ich im vorigen Jahre in so reichem Maße schwelgen konnte.

Nur der folgende September ist ausgenommen aus dieser schönen Reihe, da ich da die Vorbereitungen zu dem bösen Staatsexamen (mit allen seinen verderblichen Folgen!!) treffen mußte. Dafür war der vorher gehende Sommer in Wien (mit Focke, Krabbe, Kowan) um so schöner.

Wie schön der September 1858 war, weißt Du am besten, mein liebster Herzensschatz! In den September 1859 fällt der beste Teil der sizilischen Reise, die herrlichen Tage in Palermo und Girgenti. Und wie herrlich wird nun erst der September dieses Jahres werden, auf dessen letzte Hälfte ich mich ganz außerordentlich freue.

Freienwalde, 3.9.1860


Ich habe in dieser Woche von früh bis in den späten Abend, fast wie in Messina, ununterbrochen hinter meinen lieben Radiolarien gesessen und bin durch ein paar ebenso unerwartete wie interessante Funde reichlich belohnt worden. Wieder gab es nicht nur ein paar neue Arten, sondern auch eine sehr merkwürdige Tatsache hinsichtlich des inneren Baues. Du glaubst nicht, wie sich während der Arbeit der Gesichtskreis derselben erweitert und wie allmählich ein neuer Gedanke nach dem andern aus dem Chaos der ungeordneten Anschauungen klar und gewaffnet hervorspringt. Ich beherrsche jetzt mein Thema so vollkommen und habe solche Lust, es möglichst vollkommen zu bearbeiten, daß ich die größte Lust hätte, noch einmal an die See zu gehen, um die großen Lücken der ersten Beobachtungen, namentlich die höchst dürftigen Notizen über die Lebenserscheinungen, zu ergänzen. Ich würde dies jedenfalls tun, wenn nicht über allen diesen Bestrebungen herrschend und lenkend ein gewisser kleiner blonder, blauäugiger Engel säße, welcher meine Herzensneigungen so ausschließlich beherrscht und lenkt, daß selbst die dringendsten wissenschaftlichen Wünsche ganz hinter ihm zurückstehen. Wäre dieser kleine, gebieterische Querstrich nicht, welcher mir auch jetzt bei der Arbeit ein "bis hierher und nicht weiter!" zuruft, so würde ich jedenfalls jetzt auf vier bis sechs Wochen nach Nizza oder Triest gehen, wodurch der Wert meiner Arbeit bedeutend steigen würde. Überhaupt würde ich weit mehr Zeit und Arbeit auf Fortsetzung der Untersuchungen und Erwerbung neuen ergänzenden Matenais, als auf Ausarbeitung des schon vorhandenen wenden. So aber ruft mir jeder Augenblick meine "suprema lex" ins Ohr. Bis dat, qui cito dat! und dringt vor allem darauf, daß das Radiolarienwerk bald erscheine, weil von dessen Wirkung doch am ehesten noch eine baldige Erfüllung unserer beider innigster Wünsche und Strebungen zu hoffen ist. Daß es aber da doch noch zuweilen einen heißen Kampf gibt, in dem der alte, längst unterworfene Wissenschafts- "Ernst" gegen den jungen, über mächtigen Liebes-"Erni", wenn auch ganz vergeblich, sich zu empören sucht, kannst Du denken; besonders sucht mich dann der erstere durch den Gedanken zu ärgern, daß aus der "hehren, der herrlichen Göttin" der Wissenschaft "die melkende Kuh" geworden ist, die mich mit Butter (d. h. mit einer Professur) versorgen soll!

Indes sei unbesorgt; Dein auf die innigste Liebe gegründeter Thron steht zu fest, als daß auch die heftigsten Anstrengungen der treulos verschmähten Wissenschaft ihn zu erschüttern vermöchten, und um so fester, je mehr die selige Ruhe der Stunden, die ich in Deinen Armen verträumte, mit der Unruhe des Zweifels kontrastieren, in den mich die wissenschaftlichen Gedaken immer wieder kalt und trostlos hinausführen...


Jena, 14.9.1860

Universität und Stadt Jena entbieten ihrer zukünftigen Professorin der Zoologie

zu deren glücklich zurückgelegtem

ersten Vierteljahrhundert

ihren alleruntertänigsten Gruß und Glückwunsch

und verehren derselben, zugleich als Beweis ihrer

tiefsten Ergebenheit, einen

Brummkasten

zum Einsperren ihres ersehnten Professors,

nebst Gebrauchsanweisung.


Anweisung zum Gebrauch des Brummkastens:

¤1. In den mittleren Kasten wird der Professor, wenn er mault oder brummt, eingesperrt und im Caprikostüm an die Luft gesetzt, bis er artig ist.
¤ 2. In den rechten Kasten wird ihm eine Schüssel mit Buttermilchsuppe zur Stillung des Hungers hin gesetzt.
¤3. In den linken Kasten wird ihm ein Topf mit Kamillentee zur Stillung des Durstes hingesetzt.
¤4. Diese Zustände bleiben solange in Permanenz, bis der Professor wieder artig und lieb ist.
P.S. Zugleich spricht die Universität Jena die Hoffnung aus, daß dieser Brummkasten schon im nächsten Jahre in ihr zur Anwendung kommen wird.
Jena, 26.2.1861

Die innigsten freundlichen Grüße, mein süßer, bester, einziger Schatz, aus unserem ersehnten lieben Jena, in welchem ich nun schon zwei Tage weile und nach welchem ich Dich so herbeisehne, daß ich immer meine, Du müßtest herbeigeflogen kommen. Dein liebes Bild umschwebt mich beständig und allenthalben.
Um siebeneinhalb Uhr aus Berlin gefahren, war ich um ein Uhr in Apolda, wo der "Bummler" mit seiner Karete schon bereitstand. Ich zog es jedoch vor, bei der herrlichen Frühlingsluft über die Berge zu wandern und kam auch richtig zu gleicher Zeit mit der schneckenartigen Rumpelpost hier an. Meine Freunde traf ich nicht zu Hause, da sie ihren Sonntagsspaziergang machten. Ich trieb mich also den Rest des Tages noch an der Saale im Tale umher.

Schon war mir das Tal gefunden,
wo wir einst zusammen gehn>BR> und den Strom in Abendstunden
sanft hinuntergleiten sehn.

Diese Blumen auf den Wiesen,
diese Pappeln in dem Hain,
ach und hinter allem diesen
- - - - - - - - - - !!!

Du kannst Dir denken, was für Gefühle in dem Genusse der lieben, alten, herrlichen Natur meine Brust durchwogten. Ach, liebster Schatz, würden meine süßesten Träume doch bald Wahrheit!

Gestern, Montag früh, machte ich bei sämtlichen Mitgliedern der medizinischen Fakultät und beim Prorektor Visite; zuerst bei Seebeck, welcher mich außerordentlich freundlich empfing, jedoch über unsere ersehnten Aussichten nur sehr entfernte Andeutungen machte, so daß mein Hoffnungsthermometer gerade nicht gestiegen ist. Gegenbaur dagegen ist guten Muts und hofft das Beste. Doch scheinen mir nach allem die Aussichten für den Herbst leider sehr zweifelhaft.


Heute früh habe ich Wohnungen besehen, die jedoch, so wie ich sie wünsche, ziemlich rar sind. Nur eine einzige habe ich gesehen, die mir gefiel. Diese war aber auch überaus reizend, ganz nur für uns beide geschaffen. Das Häuschen liegt außerhalb der Stadt (etwa fünf Minuten entfernt) am Abhange des Berges, mit der allerreizendsten Aussicht über die Wiesen und Felder des Saaletales bis hinunter nach Dornburg, ganz allerliebst. Das Häuschen ist noch ziemlich neu. Der Besitzer, ein junger Ziegeleibesitzer, heiratet jetzt (der beneidenswerte Glückliche!) und bezieht die Parterrewohnung. Bel-Etage sind drei reizende Zimmer und zwei Kammern. Wüßte ich, daß Du im Herbst kommen könntest, so nähme ich sie unbedingt. So aber ist die Miete, achtzig Taler jährlich, doch zu hoch! Die Alten sollen mir jedenfalls noch an dem Montag (eher werde ich mich nicht über die Wahl der Wohnung entscheiden) schreiben, wie hoch ich mit dem jährlichen Mietpreis gehen kann. Unter fünfzig bis sechzig Taler jährlich werde ich eine Wohnung von drei Stuben nicht bekommen...


Jena, 1.3. 1861


Schatzchen, könnte ich Dich Ostern mit hernehmen, ich glaube, ich würde der glücklichste Mensch auf Erden! Denn abgesehen von diesem einen Mangel ist wirklich alles allerliebst hier, die Einsamkeit, die Freiheit, die überaus reizende Natur und für mich speziell die höchst ansprechende Tätigkeit, für die die Bedingungen allerdings so günstig sind, als sie für einen Anfänger in der akademischen Karriere nur sein können. Wie es aber mit der Professur steht, ist mir sehr zweifelhaft. Der gute Wille wäre wohl da, aber die Mittel sind zu gering. Trotzdem meinen Gegenbaur und Bezold, daß sie mir noch innerhalb des Sommers zufallen müsse. Hoffe aber nicht zu sanguinisch darauf, denn die bittere Enttäuschung könnte nur zu leicht nachkommen. Ich weiß ja noch gar nicht einmal, wie es mit dem Lesen gehen wird.

Ich habe die reizende Ruhe und Einsamkeit, Stille und Abgeschlossenheit, in der ich wohne und in der ich nur durch Mittag- und Abendessen mit Gegenbaur und Bezold unterbrochen werde, benutzt, um tüchtig an den Radiolarien zu arbeiten, deren allgemeinen Teil ich ziemlich fertig mitbringe. Täglich vier bis fünf Bogen, das hat ordentlich gefleckt! Besuche habe ich weiter nicht gemacht, Spaziergänge nur einen einzigen, vorgestern bei reizendem Sonnenschein und warmem Südwind in den "Forst", einen stundenweit ausgedehnten Wald, der kaum eine halbe Stunde vor der Stadt anfängt. Denke Dir! welch reizende Aussicht! Zwar ist alles nur niederes Holz, keine schönen großen Bäume. Aber es ist doch Wald, Wald!! Was sagt das köstliche Wort alles, und namentlich für zwei solche Naturmenschen, wie wir beide sind. Gegenbaur sagte mir, daß er im Sommer oft schon um drei oder vier Uhr hinaufgezogen wäre, um da den Sonnenaufgang zu erwarten und dann ein paar Stunden unter den Bäumen zu schwelgen. Nun denk Dir einmal, wenn zwei gewisse Leute da hinaufwandern und sich der lieben Mutter Erde und ihres herrlichen Schmuckkleides, der Bäume und Berge, des Stromes und des Himmels, erfreuen!

Jena, 4.3.1861

Glückauf, mein lieber, süßer Herzensschatz! Nun bist Du also die Braut eines Privatdozenten, und ich hoffe, daß Du Dir mit vollem Bewußtsein die hohe Würde zu Gemüte führst, die Du durch diesen entscheidenden Schritt erlangt hast! Die ersten Worte des neugebackenen Privatdozenten müssen natürlich Dir gelten, Du bestes, liebstes Herz, und ich sende Dir aus vollem lieben Herzen den besten, innigsten Gruß, mit dem Wunsche, daß dieser neuerworbene Titel mich möglichst kurze Zeit zieren und sich bald in den heiß ersehnten Professor umwandeln möge, nach dem wir beide gleichgroße Sehnsucht haben.

Ich ging am Montag zunächst zum Dekan der med. Fakultät, Professor Schleiden, welcher den Termin zur Disputation auf gestern früh um elf Uhr ansetzte. Dann lud ich noch den Prorektor ein, während der Pedell die übrigen Professoren einlud, und überredete Gegenbaurs Assistenten, Dr. Müller und Dr. Ahsverus, die Rolle der Opponenten zu übernehmen. Sonntagabend war ich mit Bezold bei Seebecks, die sehr freundlich waren und denen ich soviel von meinem Bräutchen erzählte, daß er Dich notwendig bald zur Professorin machen muß! Nachher arbeitete ich noch die lateinische Disputation für mich und meine Opponenten aus. Gestern, Montag früh, brachte ich das Aufgeschriebene den beiden Opponenten. Um elf Uhr ging der feierliche Akt in der Aula höchst simpel vor sich, nachdem schon seit elf Uhr dreimal das "Arme sündergiöckchen" (die akademische Festgiocke) das hochwichtige Ereignis den Bewohnern Jenas verkündet hatte. Die einzigen anwesenden Menschen waren:

1. Schleiden als Dekan, 2. der neugebackene Privatdozent, 3. und 4. Dr. Müller und Dr. Ahsverus als Opponenten, 5. der Pedell. Endlich hatte sich ein höchst zahlreiches Auditonum von zwei!! Personen eingefunden, nämlich der Kirchenrat Rückert, wie meine Freunde und ich ein prinzipieller Gegner des lateinischen Sprechens, der sich darüber lustig machen wollte, und dann ein jugendlicher Student, der offenbar nur aus Neugierde der hohen akademischen Festlichkeit beiwohnte, aber höchst unbefriedigt wegschlich. Der ganze Schwindel war in vierzehn Minuten abgemacht, so rasch lasen ich und die Opponenten die möglichst kurzgefaßten Sätze ab, worüber Schleiden sehr erfreut war und sich noch speziell bedankte...


Jena, 6.3.1861


Nun muß ich Dir doch auch noch von der Wohnung schreiben, mit der ich sehr glücklich gewesen bin. Ich habe zwar nicht die reizende Bei-Etage für achtzig Taler mit der wundervollen Aussicht gemietet, wohl aber die Mansarde unmittelbar darüber, mit derselben Aussicht, allerliebst, eine sehr geräumige und hübsche große Stube mit 3 (drei!) kleinen Kammern, vollkommen ausreichender Raum, Miete jährlich vierzig Taler. Das reizendste dabei ist aber, daß die untere Bel-Etage nur für den Sommer vermietet ist und den Winter wieder frei wird! Dann kann vielleicht eins der glücklichsten Menschenpärchen hineinziehen!



Jena, 24.4.1861

Der liebe Mond schaut gerade durch die zerrissenen Woiken voll und klar in mein Zimmerchen, als wollte er mir sicher die Gewährung unserer Wünsche versprechen... Wie nett, einsam und still ist es hier, dabei die reizendste Umgebung, die Entfernung von der Stadt, der frische ländliche Charakter; kurz, es ist alles nach unser beider Wunsch, wie für uns geschaffen, und teile ich erst mit Dir, so wird alles doppelt reizend sein. Hier ist in der Tat alles dazu angetan, ein kleines Stück Ideal in wirkliches Leben zu verwandeln und einen lieben Traum in wonniges, befriedigtes Erwachen ohne Enttäuschung zu verwandeln.

Das Quartier ist wirklich ganz reizend und beneidenswert, und Gegenbaur hat gestern nachmittag, als er bei mir war, fast zwei Stunden lang im Fenster gelegen und sich gar nicht sattsehen können. Daß Gegenbaur bereits hier war, als ich ankam, war mir sehr lieb. Wir gingen gleich gestern nachmittag zusammen auf das Zoologische Museum, welches er mir feierlich übergab und wo ich nun meine ersten praktischen Versuche machen werde.


Jena, 29.4.1861


Die erste Vorlesung ist glücklich vorüber, mein lieber, süßer Herzensschatz, und meine kleine bessere Lebenshälfte soll das erste Menschenkind sein, dem ich jubelnd zurufe, daß der Anfang gut gegangen ist und viel besser, als ich erwartet hatte. Daß der heutige, bang erwartete Tag nicht ohne einige Bedenken verging, kannst Du denken, liebster Schatz, zu mal ich in der letzten Woche bei all der Packunruhe nicht die mindeste Zeit zur Vorbereitung gefunden hatte, so daß ich faktisch erst heute morgen mit ungewöhnlichem Leichtsinn die Präparation begann und mir auf einem kleinen Blättchen kurz den Gedankengang des Vortrags aufzeichnete. Der Leichtsinn wurde aber, wie immer, mit dem besten Erfolg gekrönt, und es ging alles viel besser, als ich gedacht hatte. Daß ich vor dem Material, das ich ganz beherrsche, keine Bange hatte, weißt Du, liebste Anni; um so mehr glaubte ich, daß es mit dem Vortrag sehr holprig und eckig gehen würde. Der ging aber ganz ruhig und ohne Anstoß fort, obwohl ich ganz frei sprach, so daß ich mich über mich selbst ein wenig gewundert habe. Das Schlimmste waren die Nachmittagsstunden vorher, in denen ich einigen Schüttelfrost nicht unterdrücken konnte und mir mit einigen eiskalten Kopfwaschungen und einigen Gläsern Zuckerwasser die nötige Gemütsruhe zu verschaffen suchte. Unmittelbar vorher trank ich nach alter Erfahrung eine Tasse Kaffee, die denn auch ihre altbewährte Wirkung richtig nicht verfehlte. So ist denn der erste schwerste Anfang glücklich überstanden und ich hoffe, daß es nun so fortgehen wird.



Jena, 3.5.1861




Wie sehr Du mir gerade heute gefehlt hast, liebster Schatz, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen, da es Dir vermutlich nicht viel besser gegangen sein wird. Wie oft habe ich in Gedanken den 3. Mai 1858 zurückgerufen, wo in dem reizenden grünen Tempelchen bei dem Genusse der Meerespoesie unsere erregten Herzgedanken sich begegneten und zwei Seelen sich fanden, die, füreinander geschaffen, nun nimmer voneinander lassen können. Recht lebhaft habe ich mir heute wieder den Tag zurückgerufen. Früh war ich erst auf dem Anatomischen, dann auf dem Zoologischen Museum, wo ich mit dem guten Martens umherwanderte und die tiefgefühltesten Schmerzensgedanken über den Tod des verehrtesten Lehrers, den gerade für uns ganz unersetzlichen Verlust, austauschte. Kaum hatten wir ihn vor zwei Tagen zu Grabe getragen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie dieser entsetzliche Fall mich deprimierte und wie ich allen Glauben an Wissenschaft und Zukunft verlor. Hatte ich doch gerade jetzt erst recht mich in Johannes Müllers Art und Weise in seinem eigenen Umgang hin einarbeiten wollen.

Als ich fortging, gab mir Martens noch ein paar ganz kleine Schnecken mit, mit der Bitte, deren Zunge und Gebiß mikroskopisch zu untersuchen. Zu Hause angekommen, versuchte ich es, aber ich bekam nach langem Suchen kein ordentliches Präparat, und unmutig warf ich die Instrumente weg, in meiner tiefen Verstimmung an allem wissenschaftlichen Erfolg verzweifelnd. Das Wetter war dazu recht passend, der düsterste, trübste Regentag. Noch ahnte ich nicht, was mir so nahe bevorstand, und daß sich, wie so oft in meinem Leben, die Extreme berühren, daß dem herbsten Schmerze die größte Glückseligkeit folgen sollte. Ich fuhr mit den Eltern zu Euch hinaus, wo wir mit Onkel Scheller und Emilie zusammen essen wollten. Nachmittags spielten wir zusammen Klavier. Dann, als die anderen fort waren, gingen wir in Dein reizendes, kleines Zimmerchen, das, wie kein anderes, zum Brautgemach geeignet war und wo sich bei dem

Spiele der schwungvoll schönen und schnellen,


der leichten und lichten Wellen


die Schleier lösten, die unser Innerstes noch verdeckt hatten, und es uns mit einem Male wie Schuppen von den Augen fiel. Laß uns noch oft, oft diese himmlische Stunde zurückrufen, mein lieber süßer Schatz, wo wir uns für immer fanden! Ich drücke Dir in Gedanken einen innigen, heißen Kuß auf Deine süßen Lippen, und halte Dich fest an meinem Herzen, von dem Du nimmer, nimmer lassen sollst.

Dies ist hoffentlich das letztemal, daß wir diesen gemeinsamen Geburtstag getrennt verleben, dann soll Dich nichts wieder von mir trennen, wenn ich Dich erst hier habe, wie ich es übers Jahr bestimmt hoffe. Ich liebe Dich so innig, so wahr, so treu, mein liebster Schatz, wie nur je ein deutscher Mann sein Mädchen geliebt haben kann, und da denke ich doch, darf die Belohnung nicht mehr lange ausbleiben, und wenn sich noch einmal der rollende Jahreslauf vollendet hat, dann bist Du mein, und ich Dein, und beide sind wir glückselig beisammen...

Gewiß, nun wird auch der Schlußstein unseres Glückes nicht mehr lange ausbleiben, und was für ein herrliches, glückliches Leben wollen wir dann beginnen! Wenn wir nur hier bleiben dürften, liebster Schatz! Es ist alles gar zu reizend, und wie für uns geschaffen, Du glaubst nicht, wie sich mein Gemüt an dieser stillen Natureinsamkeit erfrischt und wie ich alle Tage neue Kräfte daraus schöpfe. Die schön geformten Berge des Saaletals sind gar zu prächtig, die Formen erinnern zum Teil lebhaft an die kalabrische Küste. Auch die Farben sind oft ganz italienisch. Wie herrlich muß das alles erst in den bunten Farben des Herbstes sein!

Jetzt ist das Tal noch etwas sehr winterlich. Wird erst der Frühling mächtiger, so werden sich auch die Auen freundlicher gestalten. Heute früh fing es mit einem Male gar an zu schneien, was doch der lieben Natur am dritten Mai gar nicht erlaubt sein sollte! An dem Tage scheint sie aber gerade ihre besonderen Grillen zu haben. Auch heute vor zwei Jahren war ein besonders trüber Regentag, wo ich allein in Neapel saß und mich nach Dir bangte, nachdem ich tags zuvor von meiner ersten Capri-Exkursion zurückgekehrt war. Der Frühlingsmorgen des ersten Mai wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Spät abends zuvor auf der Insel im Dunkel gelandet, ahnte ich nichts von der wunderbaren Naturpracht, die nun mit einem Male, als ich morgens früh auf das Dach trat, in heiterstem Morgensonnenglanze mit blühenden Orangen, Duft und Frühlingswonne mich ganz überschüttete und betäubte.

Diese Überraschung ist eine meiner lieblichsten italienischen Erinnerungen, zumal sie mir das im voraus vormalte und abspiegelte, was ich dann in dem reizenden August in aller Intensität und Ausführlichkeit genießen sollte. Ich mußte soviel daran denken, daß ich, als heute abend Gegenbaur zu mir kam, alle italienischen Aquarelle, Photographien und Skizzenbücher usw. hervorholte und ihm zum ersten Male alles in extenso demonstrierte. Er war ganz entzückt, und konnte den Umfang meiner Leistungen nicht genug loben. Er behauptet, daß ich für drei gearbeitet habe und es nicht begreife, wie ich neben all den wissenschaftlichen Arbeiten auch noch so viel Allotria habe treiben können. Auch die neuen Radiolarientafeln konnte er nicht genug bewundern und prophezeite dem Werk einen glänzenden Erfolg. In Gegenbaurs Munde wollen solche Lobsprüche etwas bedeuten, und ich freue mich insofern darüber, als ja wohl all das Lob Dir, liebstes Herz, ein bißchen Freude machen muß.

Heute morgen ging ich auf die Bibliothek, die allerdings in einem sehr bedenklichen Zustand sich befindet, und deren Bekanntschaft mir nicht allzuviel Vergnügen verursacht hat. Ich werde mir wohl ziemlich viel selbst anschaffen müssen.



5.5.1861




Wie die erste Woche dem Packen, so war diese zweite ausschließlich den ersten Vorlesungen gewidmet. Das Auditorium, welches zwei Treppen hoch im Großherzoglichen Schloß, an der Wallpromenade liegt, und an das die freundlichen Räume des Zoologischen Museums, mit reizender Aussicht in das Tal, unmittelbar anstoßen, ist sehr nett, geräumig und freundlich. Daneben habe ich ein sehr großes freundliches Arbeitszimmer und Laboratorium, sehr große nette Räume, in denen ich mich sehr behaglich fühle. Im Sommer werde ich viel dort arbeiten. Das einzige Schlimme an der Anstalt ist ein sehr ungeschickter und unbrauchbarer Assistent oder vielmehr Famulus, ein verdorbener Student, mit dem sich nicht viel anfangen läßt. Ich werde mich also, wie bisher, in allem ziemlich auf mich selbst verlassen müssen.

Die Vorlesungen begannen mit einer historischen Einleitung über die ältere Zoologie (Aristoteles, Linné, Cuvier, J. Müller) und gingen dann zunächst als allgemein tierische Physiologie oder Biologie fort, mit welcher ich erst zu Pfingsten werde fertig werden. Nach Pfingsten soll dann der spezielle, systematische Teil beginnen. Sowohl das Kolleg selbst, als die Vorbereitung, macht mir bereits viel Freude und ich lerne selber vielleicht mehr dabei, als meine Schüler.

Mittwoch, der 1. Mai, wo ich nicht las, wurde zum ersten Visitenzyklus verwendet, der dann am Mittwoch, den 8. Mai fortgesetzt und beendet wurde. An diesen beiden Tagen habe ich, was in Berlin wohl schwierig wäre, zusammen 64, schreibe vierundsechzig Visiten gemacht!

Freilich war ich von 11-1 Uhr und von 4-8 Uhr beständig auf den Beinen und benutzte redlich die Vorzüge der enggedrängten Jenenser Topographie. Auch begünstigte der gütige Himmel offenbar mein Unternehmen, da gerade diese beiden Mittwoche die ersten sonnigen und warmen Tage waren, in denen alles, was Beine und Sinn für Natur hat, ins Freie lief. Indes bleibt immerhin die Zahl von 64 Visiten in zwei Tagen gewiß recht respektabel, und wenn ich auch im ganzen nur etwa zwanzig Leute zu Hause traf, so ist diese Zahl immer noch groß genug.

Jena, 11. 5.1861




Du glaubst nicht, wie überaus reizend es jetzt, seit der Frühling nun wirklich eingezogen, hier ist. In der Tat sind in dieser Beziehung meine Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen. Die Gegend, das einfache, stille Landleben, meine reizende Wohnung, meine Beschäftigung der Umgang mit meinen Freunden - alles, alles ist noch viel reizender als ich je gedacht, und nur Du, süßes Herz, fehlst noch, um mich wirklich glücklich zu machen. Wie wohl mir diese ländliche Stille und Einsamkeit tut, kann ich Dir gar nicht sagen. Es ist das wirklich mein spezifisches Lebenselement, worin ich ein ganz anderer und viel besserer Mensch bin. Ich lebe aber auch vollkommen, wie auf dem schönsten Landgut. Von der Stadt höre und sehe ich nichts. Meine idealsten Jugendwünsche sind in dieser Beziehung erfüllt.

Wie wonnig es früh ist, wenn mich um viereinhalb Uhr der erste Sonnenstrahl und der liebliche Gesang der vielen kleinen Vögel im Prinzessinnengarten weckt, kann ich Dir gar nicht sagen. Das ist ein wahrer Prinzessinnengarten, dessen blühende Zweige mir gar lieblich in das Seitenfenster hineinschlagen und mir von meiner Prinzessin erzählen, die übers Jahr dort wandelt und dem Garten erst recht die volle Lust und den wahren Klang verleihen wird. Liebchen, könnten wir doch immer hier bleiben und für Lebenszeit hier unser Nestchen bauen. Es ist, glaube ich, kein anderer Ort so für uns beide geschaffen. Gegenbaur, der einen mindestens ebenso fein und intensiv fühlenden Landschaftssinn hat wie ich, behauptet, es wäre die schönst gelegene Universitätsstadt und selbst Heidelberg unbedingt vorzuziehen. Allerdings ist hier nicht so ein großartiges Totalpanorama, wie dort am Schloß, dafür aber eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit von höchst verschiedenartigen, reizenden kleinen Partien und Bildern.


Dritte Woche, 6.5. bis 12.5.1861




Sonnabend und Sonntag (4. und 5.) wurden benutzt, um mit Gegenbaur die seit Messina noch gar nicht ausgepackten Gläser mit kleinen Fischen und Wirbellosen aller Art zu sortieren und ihren Inhalt in kleine Gläser zu verpacken. Es ist daraus ein eigener großer Schrank mit einigen Hundert Gläsern geworden. Gegenbaur fiel aus einem Erstaunen ins andere über die Masse des Gesammelten und behauptete, daß noch keine derartige Sammlung nach Deutschland gekommen sei. Ich werde noch viel zu tun haben, ehe alle einzelnen Arten bestimmt und gesichtet sind. Erst jetzt beim ordentlichen Auspacken wird mir klar, was ich alles in Italien gesammelt habe.

Erst in der dritten Woche war es möglich, mit der ordentlichen Zeiteinteilung des Sommersemesters zu beginnen, nachdem in den beiden ersten Wochen alle Versuche gescheitert waren, meine Freunde zu einer Verlegung der Mittagsmahlzeit auf den Abend zu bewegen. Die Zeiteinteilung ist nun folgendermaßen festgesetzt: Um einhalbfünf Uhr wird aufgestanden, von der Sonne geweckt, die mir ihren ersten Strahl ins Bett schickt, um fünf Uhr bereits Kaffee getrunken (ein sehr bedenklicher Mokka). Dann in einem Strich bis eineinhalb Uhr gearbeitet, an den Vorlesungstagen Kolleg, sonst Radiolarien. Um zwei Uhr mit Gegenbaur, Bezold und Dr. Naumann (akademischer Tonkünstler) im "Bären" zu Mittag gegessen, wo wir jetzt ein sehr nettes Plätzchen außen in der Gartenhalle haben. Hier plaudern wir und trinken Kaffee bis dreieinhalb Uhr. Dann gehe ich entweder auf das Journalzimmer, um Zeitungen zu lesen, oder auf das Zoologische Museum, um zu arbeiten. Von fünf bis sechs Uhr Vorlesung. Nach sechs Uhr entweder spazieren gegangen mit Gegenbaur, oder demselben auf dem Anatomischen Museum geholfen. Die Abende sind kurz. Um acht Uhr esse ich zu Hause mein feudales abendliches Butterbrot und gehe dann schon um zehn Uhr zu Bett. So verfließt ziemlich ein Tag wie der andere. Besonders angenehm sind früh die neun ununterbrochenen Arbeitsstunden, von viereinhalb bis eineinhalb Uhr, in denen man ein gehöriges Arbeitsquantum ungestört erledigen kann.

Himmelfahrtstag war der erste, ganz prächtige Frühlingstag, ein wahrer Jubeltag. Schon tags zuvor hatte mich ein lieber Brief meines süßen Schatzes sehr froh gestimmt. Am Donnerstagmorgen erhielt ich einen Brief aus Berlin von Oberbibliothekar Pertz, worin mir derselbe mitteilt, daß der Minister von Bethmann Hollweg mein Gesuch, die Königliche Bibliothek auch hier fortbenutzen zu dürfen, genehmigt habe, eine mir äußerst wichtige und dankenswerte Vergünstigung, über die ich sehr froh bin. Dann erschien der Oberpedell und brachte mir das erste Kollegienhonorar, zehn Taler, welches ich mit stolzer Miene in mein Einnahmebuch eintrug. Ich habe jetzt acht Zuhörer, von denen jedoch nur fünf bezahlen werden, da die übrigen arme Teufel sind. Immerhin wird durch dieses Honorar des lieben Alten Beschuldigung von absoluter Nichteinnahme widerlegt.

Donnerstag nachmittag von dreieinhalb Uhr bis acht Uhr machten wir den ersten ordentlichen Spaziergang, eine Bergwanderung, die mich im höchsten Grade entzückt und überrascht hat. Mit mir gingen Gegenbaur, Bezold, Schultze und Naumann. Wieviel ich auch von den Reizen der Gegend gehört und mir eingebildet hatte, so übertraf doch die Reihe höchst reizender und verschiedenartiger Landschaftsbilder, die ich auf dieser Wanderung sah, alle meine Erwartungen. Der mehrstündige Weg, den wir machten, die sogenannte "Horizontale", führt als eine wahrhaft bewundernswerte Kunststraße an den Bergen hin, welche das rechte Saaleufer nach Südwesten, nach Kahla hin, umsäumen. Der schöne, ganz neue und wirklich kühn angelegte Fußweg hält sich immer in der Mitte der steil abfallenden Berge und folgt denselben in alle Biegungen und Krümmungen hinein, bis zur Höhe über Lobeda, so daß die eine Stunde lange Wegstrecke fast verdreifacht wird. Bei jeder neuen Biegung entfalten sich neue überraschende Aussichten, im Grunde immer das freundliche, vielgewundene Saaletal mit seinen Wiesen, Äckern und Dörfern, von den Schlangenwindungen der Saale und den ihr folgen den Chausseen durchzogen. Rings an den niederen Abhängen freundliche Dörfer mit Obstgärten und dichten Baumgruppen, weiter hinauf kleine Waldstücke und endlich auf der Höhe der nackten, gelben Kalkberge, deren schöne und großartige Formen zum Teil in wahrhaft italienischer Farbenpracht gegen den tiefblauen Himmel sich absetzen, größere und kleinere Waldpartien, mit unbewaldeten Strecken wechselnd. Dazu war dieser erste Frühlingstag in seiner wundervollen Wonnepracht, die nach dem herben Nachwinter doppelt wohltat, wirklich entzückend sonnig und klar. Die Beleuchtung war überaus prachtvoll, und wir konnten uns gar nicht satt daran sehen.

Einer der reizendsten Punkte war die Sophienhöhe, in dem Knie des Saaletals gelegen, wo es sich nach Südwest wendet. Ganz köstlich war auch der Blick auf der letzten Anhöhe über Lobeda, nach der Leuchtenburg hinüber, die alle Berge überragt. Dort hörte der noch nicht ganz fertige Weg plötzlich in einer Felsgruppe auf und wir sprangen und kletterten nun an sehr steilem Abhange in ein reizendes, stilles und einsames Waldtal hinunter, in dessen Grunde ein munterer Bergbach, der Fürstenbrunnen, herabspringt; dessen Lauf entgegenstiegen wir bis zu seiner Quelle, der Fürstenquelle, wo der Kurfürst Johann Friedrich, aus Karls des Fünften Gefangenschaft zurückkehrend, sich zum ersten Male wieder am heimischen Quell labte. Das ist eine wunderbar heimliche und liebliche kühle Quelle, rings von den prächtigsten alten Bäumen und Moosbänken umstanden, auf denen wir uns lagerten und in der schattigen Kühle ein sehr gemütliches Halbstündchen verplauderten. Während die anderen sich an ihrer Zigarre erfreuten, dachte ich sehnsüchtig an die viel liebere Beschäftigung, welche meine Lippen hier gern genossen hätten.


Jena, 15.5. 1861




Der prächtige "Hohe Gentzig, mein Liebling, mein liebster süßer Schatz, soll Dir diesmal statt meiner einen recht frischen, herzigen Pfingstgruß zurufen. Zwar kann ich Dir mit meinen paar Federstrichen nur ungefähr die prächtige Form des Berges vor Augen stellen, wie er mir gerade zu einem Fenster meiner reizenden Wohnstube hineinschaut, und kann Dir nicht dazu die wunderschönen Farbentinten hinzugeben, in denen er bald mehr rot, bald mehr violett oder blau, im Abendschein herüberglänzt; aher ich denke, schon die bloße Form der wunderschönen Gipfelung wird Dir einen Begriff davon geben, welchen Genuß mir hier die liebe Natur beschert hat und täglich mit neuer Freude darbietet. Dieser reine und intensive Naturgenuß muß mich für die bittere Entbehrung trösten, die ich durch die neue Entfernung von Dir leide, liebstes Herz! Freilich wie ganz anders würden die Berge, die Bäume und das ganze liebe Saaletal mich ansehen, wenn ich all den Genuß mit dem besten Herzen teilen könnte, das ihn mir verdoppelt.

Mein angefangenes Sommerstilleben nimmt indes ungestört und regelmäßig seinen Fortgang. Wie ganz anders läßt es sich hier doch arbeiten und denken, als in dem wüsten ungemütlichen Berlin. Je länger ich mich hier einlebe, desto mehr finde ich, wie diese Verhältnisse meiner Eigentümlichkeit entsprechen, und wie ich fast alles, was ich wünschte, verwirklicht finde, und dazu noch vieles andere, was manchem als Schatten, mir aber gerade als die Lichtseite an Jena erscheint. Ich glaube, meine Natur würde an keiner anderen deutschen Universität solche Befriedigung finden!

Zunächst bin ich sehr froh, daß ich endlich einmal ganz ungestört hintereinander arbeiten kann. So wie hier täglich von 5 bis 8 Uhr habe ich bisher nur in Messina gearbeitet. Keine Menschenseele stört mich, da die Jenenser zum Glück die Entfernung meiner Wohnung für viel zu groß halten, als daß sie mir viel Besuche machen könnten. Auch hält zum größten Glück das Bekanntwerden meiner Verlobung, für welches ich meine Freunde nach Kräften wirken lasse, sehr viele Einladungen und Besuche ab, denen ich sonst gar nicht würde entgehen können. Natürlich wird auf keine anderen "Schwiegersöhne" hier so eifrig Jagd gemacht, als auf Privatdozenten.

Nächstdem ist mir auch endlich die Entfernung aus dem unendlichen Kreise der lieben Berliner "Familie" äußerst angenehm. Denke ich daran, welchen Anstoß ich allen den lieben Onkels und Tanten, Vettern und Basen in Berlin stets erregte, ich mochte es anfangen wie ich wollte, so kommt mir das Glück der hiesigen Isolierung erst recht zum Bewußtsein. War doch zuletzt selbst das sonst so innig geliebte Eltemhaus, mit welchem ich von klein auf so innig verwachsen bin, in gewisser Hinsicht für meine gedeihliche Entwicklung zur männlichen Selbständigkeit nachteilig und mit meinem individuellen Streben unvereinbar geworden. Es war hohe Zeit, daß ich aus allem dem mit einem Schlage herauskam, und ich fühle jetzt täglich mehr, wie gut es mir bekommt, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Dazu gewöhne ich mich nun schon in meine offizielle Tätigkeit so ein, daß sie mir von Tag zu Tag lieber wird und daß ich nie mehr als jetzt mit der Wahl des akademischen Berufs zufrieden war.

Was die Erlangung der Professur im Herbste, als die Hauptsache, betrifft, so wird sie mir im Gegenteil immer unwahrscheinlicher. Direkt gesprochen habe ich darüber weder mit Gegenbaur noch mit Seebeck, und es würde dies auch zu gar nichts helfen. Gegenbaur, mit dem ich übrigens auf dem besten Fuße stehe, ist so eigentümlicher Natur, daß jede von außen kommende Anregung immer eher das Gegenteil bei ihm erreicht. Er will durchaus alles von selbst und völlig unabhängig tun. Ich vermeide es daher auch sorgfältigst, irgendein Gespräch mit ihm hierüber zu provozieren. Ich darf dies um so weniger, als ich einerseits das vollste Vertrauen zu ihm habe, daß er für mich tun wird, was er irgend kann, und als ich andererseits ihm schon so sehr verpflichtet bin, daß es ihn nur verletzen würde, würde ich etwas von ihm begehren, was er doch nicht gewähren kann. Die ganze äußerst angenehme Stellung, die ich jetzt schon hier einnehme, den äußerst günstigen Anfang der akademischen Laufbahn, wie er gewiß höchst selten einem Dozenten in dieser Art geboten wird, verdanke ich ihm, und ehe ich weiteres von ihm bitten und wünschen kann, wird es meine Pflicht sein, einen Teil der Dankesschuld wenigstens abzutragen. Ich bemühe mich daher, ihm zu helfen und bei seinen anatomischen Arbeiten zu assistieren, so viel und so gut ich kann.

Gegenbaur selbst ist ein so höchst eigentümlicher Mensch und daher auch mein ganzes Verhältnis zu ihm so eigener Art, daß ich es Dir unmöglich schriftlich auseinandersetzen kann. Er ist ein so durchaus strenger und rein wissenschaftlich strebender Charakter, daß diese Seite, sein höchst energisches und vielseitiges und fast absolut wissenschaftliches Streben, alle anderen Menschenseiten in den Hintergrund drängt. Er ist ungefähr das, was ich als Student, ehe ich die Liebe und die warmen Gemütsseiten der Menschennatur kennen und über alles schätzen lernte, stets zu werden bestrebt war, ein starker, selbständiger Mann, der mit eiserner Konsequenz sich einzig und allein seiner Wissenschaft hingibt und dieser ganz und im edelsten Streben lebt. Dafür fehlen ihm aber freilich auch alle die reizenden Lebensgenüsse, alle die ausgebildeten Seiten des warmen Menschengemütslebens, welche ich erst im Liebesleben mit Dir, liebster Schatz, kennengelernt habe und welche jetzt meine wissenschaftlichen Bestrebungen gänzlich überwogen und entschieden in den Hintergrund gedrängt haben. So wenig ich wieder der alte Ernst zu werden vermag, so wenig ich die Liebe und all ihr Reizendes und Herrliches abzustreifen vermag, selbst wenn ich es wollte, so wenig vermag Gegenbaur diese Seite meiner Natur zu begreifen; es sind das eben zwei Standpunkte, auf denen wir diametral gegenüber stehen. Ich vermag auf keine Weise mich zu jenem idealwissenschaftlichen Streben wieder emporzu schwingen, von dem ich früher allein und ausschließlich beseelt war.

Du, süßes Herz, bist jetzt und überall mein Ersatz und mein Bestes, und erst nach Dir kommt alles andere an die Reihe. Wie jedes Ding im Menschenleben, so hat auch das Liebesleben seine Licht- und Schattenseiten. Und wenn ich einerseits Gegenbaur gegenüber das hohe Glück, das mir durch Deinen Besitz wird, liebstes Herz, aufs lebhafteste empfinde und um keinen Preis mit Gegenbaur tauschen möchte, so fühle ich doch auch andererseits gerade Gegenbaur gegenüber, wie sehr mein wissenschaftliches Leben und Streben unter der Liebe gelitten hat. In dieser Beziehung werden mir erst jetzt die ganz gewaltigen Lücken klar, welche ich in den letzten Jahren, wo ich nur Dir lebte, in meinen wissenschaftlichen Kenntnissen habe einreißen lassen. Sie sind in der Tat höchst bedenklich, und wäre ich noch der alte übergewissenhafte Ernst, so könnte ich darüber verzweifeln. So indessen, wie ich jetzt bin, setze ich mich darüber hinweg, und suche die entstandene Bresche auszubessern, so gut ich es mit meinen besten Kräften vermag. Gegenbaur, der offenbar in mir noch den alten Haeckel, wie er ihn in Würzburg kannte, vermutet hatte, mit einem wissenschaftlichen Feuereifer ohnegleichen, ist jetzt zuweilen über die Abnahme desselben unter dem Gewichte der Liebe, und über die in den letzten Jahren entstandenen Lücken meines Wissens höchst erstaunt, und doch suche ich ihm diese wissenschaftlichen Schwächen noch möglichst zu verbergen, und hoffe nicht, daß er ganz dahinterkommt, ehe es mir gelungen ist, sie wenigstens einigermaßen wieder auszubessern. Die schlimmen Befürchtungen, die ich betreffs dieses Punktes in Berlin schon hegte, sind aber allerdings richtig, und wie ich Dir schon dort mehrmals sagte, hegte in der Tat Gegenbaur ganz übertriebene Hoffnungen von meiner wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Hoffentlich kann ich Gegenbaur bei näherem Bekanntwerden überzeugen, daß ich trotz der sehr mangelhaften Kenntnisse doch vielleicht nicht ganz unbrauchbar bin, besonders wenn es mir gelingen sollte, durch allmähliche Ausbildung meines Lehrvortrags mich als tüchtiger akademischer Lehrer zu erweisen.

Abgesehen von diesem verschiedenen Standpunkte in der Stufenleiter der wissenschaftlichen Ausbildung, deren Differenz ich übrigens viel lebhafter, als Gegenbaur fühle, stehe ich mich mit ihm ganz vortrefflich. Zunächst bin ich hier der einzige, mit dem er über Dinge unseres Spezialfaches, das ihn doch vor allem interessiert, überhaupt sprechen kann. Dann ist der Dritte in unserem Bunde, Bezold, in diesem Semester so sehr durch ein Übermaß von Vorlesungen in Anspruch genommen, daß wir ihn, außer beim täglichen Mittagstisch, fast gar nicht sehen. So sind also Gegenbaur und ich wesentlich auf unseren gegenseitigen Umgang angewiesen, in dem er mir natürlich viel mehr geben kann, als ich ihm. In den allgemeinen Lebensanschauungen und namentlich in allen Prinzipienfragen stimmen wir ganz überein, so daß in dieser Beziehung keine Differenzen entstehen werden. Im ganzen ist Gegenbaur aber ein noch viel schlimmerer Pessimist, als ich selbst. Dieser Pessimismus gibt ihm auch, verbunden mit der geraden Offenheit, mit der er den Leuten stets die klare Wahrheit sagt, und einem etwas rauhen und abstoßenden, oft etwas bäurisch rohen Benehmen, etwas Unliebenswürdiges, dessenthalben er hier nur wenig Freunde hat und sehr zurückgezogen lebt. Ich selbst stoße mich an diesen äußerlichen Ecken gar nicht, da ich auf eine rauhe Außenseite ja überhaupt nicht das geringste Gewicht lege; ich halte mich bloß an den inneren edlen Kern, und dieser ist bei Gegenbaur, ganz im Gegensatz zu seinem Äußeren, so trefflich, so gediegen, daß ich mir ihn in den meisten Hinsichten zum Muster nehmen kann. Einen ganz speziellen Berührungspunkt haben wir außerdem ja noch in unserer italienischen Reise, und wenn wir auf dieses Gebiet kommen, haben wir in der gegenseitigen Rückerinnerung eine reiche Quelle schönsten Genusses.

Gewöhnlich gehe ich alle zwei Tage noch nach Schluß des Kollegs auf die Anatomie und hole Gegenbaur zum Spazierengehen ab. Da er ein fast eberso großer Naturfreund ist wie ich, und dieser Genuß hier sein einziges Vergnügen ist, so stimmen unsere Neigungen auch hierin trefflich überein, und wir erläutern und erhöhen unseren Genuß durch gegenseitigen Austausch wesentlich. Durch alles dies hoffe ich Gegenbaur mit der Zeit noch recht nahezutreten und mich an ihn heranzubilden. Auch das ist ein so günstiges Verhältnis, wie es sonst selten geboten wird.

Du fragst, liebster Schatz, ob auch mein Pinsel zuweilen tätig wäre? - Der ruht ganz, und wohl auf lange Zeit. Ich habe jetzt weder Ruhe noch Muße zum Malen. Die Zeit ist so kostbar, daß ich selbst die beabsichtigte Pflngstexkursion auf einen, höchstens zwei Tage beschränken werde, um endlich einmal in den Ferien den allgemeinen Radiolarienteil fertigzumachen.


18.5.1861




Die Woche vor Pfingsten begann mit einem ausnehmend heißen und schwülen Sonntag. Ich hatte eigentlich mit meinen Freunden einen größeren Spaziergang machen und auf den Gentzig, den höchsten und schönsten Berg der Umgebung, klettern wollen. Der Nachmittag war aber so heiß und schwül, daß wir in einem Tannenwalde am Fuße des Gentzig liegenblieben und nur noch nach Kunitz wanderten. Die grünen Wiesen des Saaletais mit ihren Weiden, Rüstern und dem unterbrochenen Buschwerk glichen ganz den Saalauen bei Merseburg und Halle. In der folgenden Nacht kam ein überaus heftiges Gewitter und seitdem ist die Temperatur, welche sich drei Tage vorher immer zwischen zwanzig und zweiundzwanzig Grad im Schatten gehalten hatte, wieder auf acht bis neun Grad, gestern und heute sogar auf sechs Grad gesunken, so daß man in den ungeheizten Stuben, wie zum Beispiel in meiner, trotz des Pelzes intensiv friert und bei jedem Atemzuge die Dämpfe des eigenen Atems bewundern kann. Eine längere Pfingstexkursion habe ich unter diesen Umständen aufgegeben und werde höchstens an den beiden Feiertagen einen kleinen Ausflug machen. Es ist mir das um so lieber, als ich die vierzehn Tage Ferien benutzen will, meine Arbeit möglichst zu fördern.

In meinem Kolleg habe ich diese Woche die allgemeine Zoologie (anatomisch - physiologische Übersicht) beendet und fange nun nach den Ferien mit dem speziell systematischen Teil an. Da ich im ganzen nur noch fünfundvierzig bis fünfzig Stunden habe, werde ich die einzelnen Klassen (dreißig) ziemlich kurz fassen. Die Vorbereitung erfordert doch in der Regel den ganzen Vormittag des Tages, an dem ich lese, und ich behalte also für die Radiolarien nur den Samstag und den Sonntag.

In dieser Woche habe ich bereits die ersten Gegenvisiten von den sechzig empfangen, die ich vorschriftsmäßig besucht hatte. Es befinden sich darunter eine Menge höchst eigentümlicher und komischer Originale, wie denn wohl nichts so geeignet ist, die Eigentümlichkeiten des Menschen so einseitig herauszubilden, als das stille, abgeschlossene, nur der Wissenschaft gewidmete Leben in einer kleinen Universitätsstadt. An netten Leuten darunter fehlt es nicht, und ich könnte, wenn ich Zeit und Lust hätte, verschiedenen angenehmen Umgang in großer Ausdehnung kultivieren. Der Ton im allgemeinen ist recht nett, die Leute sind ungeniert, ohne viel Förmlichkeit, meist recht gemütlich und im Durchschnitt sowohl in politischer als religiöser Beziehung äußerst freisinnig. Die Theologen zum Beispiel gelten in dem pietistischen Preußen mit einer einzigen Ausnahme als arge Rationalisten und sind daher in der orthodoxen theologischen Fakultät Preußens sehr schwarz angeschrieben. Von Junkern und Soldaten hört und sieht man nichts, wie überhaupt alle aristokratischen Elemente gänzlich fehlen. Das sind auch wieder Lichtseiten des hiesigen Lebens, die nicht wenig dazu beitragen, den idyllischen ländlichen Charakter der kleinen Stadt zu heben.

Eine andere Reihe von Bekanntschaften habe ich gemacht, indem ich dem Professoren-Turnverein beigetreten bin. Außer vielen Professoren und Dozenten sind auch mehrere Privatleute, Ärzte, Kaufleute usw. darunter. Ich habe bis jetzt bloß das Verdienst der größten Länge, weshalb ich an der Spitze der zweiten Abteilung stehe, und damit zusammenhängend das Verdienst, am höchsten springen zu können. Meine schwachen Armmuskeln hoffe ich ordentlich zu stärken, da hierauf das meiste Gewicht gelegt wird.

Nach Tisch gehe ich jetzt gewöhnlich eine Stunde auf das "Museum", ein Journalzimmer, in welchem eine Menge politischer, literarischer und belletristischer Zeitschriften zur Ansicht liegen. Gewöhnlich lese ich vor allen die treffliche Volkszeitung, dann die National- und Weserzeitung. Die Weltgeschichte ist heutzutage interessant genug, um ein gut Stück Zeit auf deren Studium zu verwenden. Was die Berliner Polizeiskandale hier, und wohl ebenso im übrigen außerpreußischen Deutschland, für einen schlechten Eindruck machen, lassen sich die Berliner Herren vielleicht kaum träumen. Man hört von nichts, als von den "moralischen Eroberungen" sprechen, mit denen Preußen die Hegemonie erringen will. Man kann sich wahrhaftig schämen, ein Preuße zu sein. Was ist bei uns elender und jammervoller, der König (der vielleicht ein ganz leidlicher absoluter Monarch, aber nichts weniger als konstitutionell ist), die Minister, die dito ganz "unverantwortlich" sind, oder die Zweite Kammer, welche, statt ordentlich das Maul aufzutun und die Wahrheit zu sagen, um keinen Preis mit dem Ministerium brechen will, oder endlich das Volk, aus dem doch die Kammer hervorgeht, und das sich solche Skandale so ruhig gefallen läßt! Es ist wirklich jammervoll! Der einzige Trost bleibt, daß es im Grunde keinem Volke schlechter geht, als es selbst verdient. Bestände die Majorität unseres Volkes aus braven Patrioten und nicht eben teils aus jammervollen Philistern (vergleiche die Berliner Jeheimräte B. usw.), teils aus eigennützigem adligem und bürgerlichem Junkerpack, so wären solche traurigen Zustände unmöglich. Ich beneide nachgerade alle, die in sächsischen Herzogtümern oder anderen dergleichen Raubstaaten geboren sind. So schofel, wie bei uns in Preußen, geht's hier denn doch nicht zu, und der einzelne wird weniger gedrückt und gemaßregelt. So zum Beispiel sind die Leute hier in vielen öffentlichen Einrichtungen entschieden weiter als in Preußen. Zum wenigsten herrschen hier viele von den Vorurteilen nicht, von denen es bei uns allenthalben wimmelt. Daß Preußen nachgerade im übrigen Deutschland auch den Rest der Sympathie verlieren muß, ist ganz natürlich, zumal es sich jetzt durch Österreich den Vorsprung einer liberalen Richtung ganz ruhig nehmen läßt. In allen Ländern Europas geht es vorwärts, sogar in Österreich, in Rußland geschehen unerhörte Fortschritte. Nur bei uns steht alles hübsch fein still, damit ja nicht das Volk zu gebildet und selbst regierungsfähig werde. Es ist ein Jammer. Man möchte Schleiz- und Greiz- und Lobensteiner werden!


Jena, 23.5 1861




Heute vormittag beendete ich den Abschnitt über die Lebensweise der Radiolarien, der mich seit acht Tagen fast ganz ausschließlich beschäftigte; von ein paar beabsichtigten Seiten hat er sich zu fast vier Druckbogen ausgedehnt! Dann kam um zwölf Uhr eine neue große Pfingstfreude, nämlich die längst erwartete Kiste von Allmers, siebzig Pfund schwer! Das herrliche Weihnachtsgeschenk ist ein überaus schönes und großes Gipsmodell vom Vesuv, über drei Fuß im Quadrat, alle Bergströme ganz genau angegeben, und die Farbe durch die Lava selbst, die Allmers mit Gummi zu Farbe angerieben hat, wiedergegeben! Alle Gestaltungseigentümlichkeiten sind ganz genau nachgeformt, so daß das Kunstwerk, ganz abgesehen von dem außerordentlich persönlichen Interesse, das es natürlich für uns beide hat, auch einen sehr bedeutenden künstlerischen und wissenschaftlichen Wert hat. Was es mir für Freude gemacht, kannst Du denken, noch mehr aber fast noch der übrige Inhalt der Kiste, nämlich ein ausgezeichnet schönes photographisches großes Brustbild des lieben Freundes, welches ich schon lange sehnlichst zu besitzen gewünscht hatte, ferner eine ebenfalls sehr gelungene Visitenkarte und ein ganz prächtiger, herzerfreuender Brief. Den Brief schicke ich Dir nächstens mit, heute nur die photographische Visitenkarte, die Dir vollkommen naturgetreu die ganze Gestalt und die von mir so lang geschauten und so innig liebgewonnenen Gesichtszüge des prächtigen Freundes wiedergibt, die Deine Neugier schon so lange gereizt haben. Kannst Du auch gleich daraus sehen, daß Allmers nichts weniger als schön ist, so errätst Du doch schwerlich, welch zarter und schöner, edler und guter, freier und hochbegabter Geist in diesen groben, wenig versprechenden Zügen verborgen ist.

Recht lebhaft hat mir diese große Pfingstfreude das Glück wieder vor die Seele geführt, das mir der Besitz dieses geliebten und trefflichsten aller Freunde gewährt. Wie mich das gütige Schicksal in der liebsten, süßesten, herrlichsten Braut die Liebe so innig, tief und wahr genießen gelehrt hat, wie sie nur selten einem recht glücklichen Menschenpaare beschieden ist, so hat sie mir in diesem edlen Menschen ein Stück wahrhaft idealer Freundschaft zu frischem, beglückendem Leben verwirklicht. Ein solches Mädchen und ein solcher Freund, wer sollte sich da nicht beneidenswert glücklich fühlen? Ich bin es auch in der Tat, mein liebster, süßester Schatz, und wenn dann und wann trübe, düstere Wolken über meinen geistigen Himmel ziehen, wie vorige Woche, so laß Dich das nicht betrüben und denke, daß die Glückssonne sie bald wieder verscheucht, der Besitz und das Verstehen der über alles geliebten Natur und ihrer liebsten, besten Kinder, meiner süßesten Braut und meines treuen Freundes. Was ich an letzterem, dem rein menschlichen Freunde, besitze, der meine Individualität fast so wie Du kennt, versteht und liebt, das wird mir erst jetzt recht klar und erfüllt mich mit der innigsten Freude, jetzt, wo ich von Tag zu Tag mehr sehe, wie wenig meine wissenschaftlichen Freunde, wie trefflich und edel sie auch an sich sind, meine speziellen Freundschaftsbedürfnisse verstehen und ausfüllen. Du hast in dieser Beziehung mich wieder vollkommen richtig aufgefaßt, süße Anni. In der Tat liegt es in meiner ganzen Individualität, daß mir die Wissenschaft und das Verstandesleben und ihre getreuesten Diener, meine trefflichen hiesigen Freunde, nicht genügen. Ich kann einmal meine künstlerischen Schwärmereien und Neigungen nicht ganz aufgeben, wie sehr ich sie auch zeitweise durch das Verstandesleben in den Hintergrund drängen mag. Immer wieder drängt es mich nach einiger Zeit wieder an den Busen der Natur und an Deinen Busen, liebster Schatz, der Du mein bestes, liebstes Stückchen Natur bist ...



Pfingstwoche. 19.5. bis 25.5. 1861


Pfingsten! -----is nich!! -----

Als ich am Sonntag früh aufwachte, um die beabsichtigte Tour ins Schwarzatal und nach Paulinzella zu machen, war der graue Himmel wieder dicht mit den düsteren Wolken bedeckt, die schon seit acht Tagen herrschten. Der Gentzig und die anderen hohen Berge um Jena hatten weißbeschneite Gipfel und die grünen Saatfelder waren weiß bereift. Das Thermometer zeigte zwei Grad und die Existenz in der ungeheizten Stube war ziemlich ungemütlich! Das war der Pfingstsonntag.

Ebenso ging es nun die anderen Feiertage fort, den zweiten, dritten usw. Abwechselnd Regen, Schnee, Hagel, Graupeln, Sturm und hier und da ein scheuer Sonnenblick. Dabei immer vier bis sechs Grad mittlere Temperatur, so daß das Prinzip, nicht mehr zu heizen, sich bloß mittels äußerster Askese aufrechterhalten ließ. Ich saß die acht Tage vom sechzehnten (wo ich mein Kolleg geschlossen hatte) bis zum dreiundzwanzigsten elend frierend an meinem Schreibtisch fest, angetan mit zwei Hemden, Wolljacke, Schlafrock und Pelz darüber, an den Füßen zwei Paar Strümpfe, Filzschuhe, doppelte Winter-Inexpressibles und den ganzen Kadaver außerdem noch in Plaid und Wolldecke gewickelt. Trotzdem sank ich ziemlich zu der Stimmung eines Frosches herab, der aus den sonnigen Gefilden Neapels plötzlich in den Eiskeller eines neapolitanischen Sorbettiers sich versetzt sieht und vergeblich durch einige unbeholfene Sprünge seine Muskeln geschmeidig zu erhalten sucht. Alle Stunden wurden verzweifelte Versuche gemacht, durch energische Turn- und Freiübungen etwas warm zu werden, doch mit durchaus negativem Erfolg. Ich habe also acht Tage auf einem Flecke gesessen und Radiolarienwerk (vier Druckbogen) geschrieben und gesehen, wie entsetzlich der Mensch eine ganze Woche hindurch frieren und dennoch neue Gedanken produzieren kann. Von einem Tage zum anderen dehnt sich die Hoffnung aus: "Morgen wird nun gewiß schönes Wetter", indes immer vergebens, und mit jedem Morgen des immer intensiveren Frierens wurde der Vorsatz fester eingefroren, auf keinen Fall den "Wonnemonat" durch tüchtiges Einheizen, wie er es verdiente, zu ehren. Heute, Donnerstag, den 23. Mai, scheint denn endlich die eben erstandene Sonne sich Bahn zu brechen und einen erfreulichen, freundlichen Tag zu versprechen.



1.6.1861



DieWoche nach Pfingsten suchte durch ganz herrliches Wetter wieder gutzumachen, was die ganze abscheuliche Pfingstwoche mit ihrem Schnee und Hagel, Regen und Sturm verdorben hatte. Am Freitag, den vierundzwanzigsten, früh schien die Sonne nach langer Unterbrechung so klar vom heiteren Him mel, daß meine Freunde sofort beschlossen, die unterlassene Pfingstwanderung in eine der schönsten näheren Waldpartien anzutreten, nämlich von hier nach Bürgel, dann durch schönen Buchenwald über Waldeck und den berühmten Zeitzgrund nach Roda, am zweiten Tage von da nach der "Fröhlichen Wiederkunft" und über Kahla durch das Saaletal zurück. Wir waren unserer vier: Professor Carus aus Leipzig und Gegenbaur, die tags zuvor aus Leipzig angekommen waren, Bezold und ich. Die Wanderung bis Bürgel durch das Tal zwischen dem Fuchsturm (Hausberg) und dem Hohen Gentzig war sehr hübsch. Dort aber bezog sich der Himmel, während wir frühstückten, es fing all mählich an zu regnen und das Wetter schien wieder, da es den ganzen Mittag und Nachmittag fortregnete, gänzlich umzuschlagen, so daß wir gegen Abend zwei kleine Einspänner nahmen und etwas enttäuscht nach Hause fuhren. Diese Partie war also ebenso verunglückt wie die Pfingstwoche.

Sonnabend, den fünfundzwanzigsten Mai, waren Carus und Gegenbaur den ganzen Vormittag bei mir auf der Stube und musterten die aus Italien heimgebrachten Schätze: die Radiolarien in Kupfertafeln, Zeichnungen nach Präparaten, Aquarelle, Skizzenbücher, Photographien, Stereoskopien, dann die in Weingeist und Likör mitgebrachten Seetiere und Präparate, das italienische Herbarium, die Mineralien, ethnographischen Siebensachen usw. usw. Gegenbaur, der beim Anblick all der Herrlichkeiten immer ganz begeistert wird, seine gewöhnliche Kälte verliert und Italiano schwärmt, war wieder ganz hingerissen, wogegen Carus, welcher den Winter vor mir in Messina war und eigentlich so gut wie nichts gemacht hatte, etwas deprimiert wurde. Er ist ein übrigens sehr netter Mensch, nur ein bißchen "zu liebenswürdig", welche Liebenswürdigkeit ihn auch in Messina bewogen hatte, weniger den Bestien, als den Menschen zu leben; er war jenen Winter hindurch der maitre de plaisir der ganzen deutschen Kolonie in Messina und hat einen ganz vortrefflichen Ruf als erstes musikalisches und geselliges Talent hinterlassen. Freilich scheint dabei aus dem Arbeiten nicht viel geworden zu sein, aus den Fußreisen übrigens ebensowenig, da Carus in bezug auf Fußwanderungen ziemlich italienische Ansichten hat und den gestrigen Spaziergang nach Bürgel schon für sehr strapaziös hält. Mit seinem Freunde Gegenbaur zusammen, der ziemlich in allen Stücken sein schnurgerades Widerspiel ist, gibt es herrliche Szenen!

Sonntag, den 26. Mai, war seit langem der erste dauernd schöne Tag, mit ganz herrlichem Wetter. Wir benutzten denselben zu einem weiteren Ausflug, den schönsten, den ich bisher gemacht (die "große Horizontale" am Himmelfahrtstage vielleicht ausgenommen). Ich habe dabei eine ganze Menge neuer Reize der Jenaer Umgebung kennengelernt, vor allem, was mich ganz besonders freute, in kaum zwei Stunden Entfernung einen ganz prächtigen Hochwald mit wundervollen alten Buchenstämmen, wie ich ihn so nahe bei Jena gar nicht vermutet hatte. Er heißt Tautenburger (nicht Teutoburger) Forst und bedeckt ein hohes, steil abfallendes Plateau auf dem rechten Saaleufer, Dornburg gegenüber. Mitten im Walde, der einen Umkreis von ein paar Stunden hat, liegt in einem engen Talkessel äußerst romantisch das Dorf Tautenburg, überragt von einem alten hohen Burgturm (wie Saaleck) auf einem nahen Hügel. Nachdem wir den ganzen Vormittag dort im Walde herumgeschlendert waren, aßen wir vor dem Wirtshaus auf einem hübschen freien Platz unter einer alten Linde von sechs Fuß Durchmesser zu Mittag, Spiegeleier und Butterbrot, dazu Milch und Bier, was in der herrlichen Umgebung ganz prächtig schmeckte.

Nachmittags wanderten wir durch den Wald nach Dornburg, saßen lange auf der Terrasse vor dem Schlosse und genossen die von Goethe so bevorzugte Aussicht. Den Beschluß des schönen Tages machte ein etwas lukullisches Souper, aus einer großen Schüssel Aal mit gebratenen Kartoffeln und Bier bestehend, an welchem wir uns für den fabelhaften Preis von neun Silbergroschen völlig sattaßen, was bei hungrigen Wandermägen gewiß viel sagen will. Den Rückweg traten wir erst nach acht Uhr an; es war ein köstlich kühler und klarer Abend im Saaletal.


Jena, 7.6.1861


Wie freut es mich, mein liebstes, kleines Herz, daß es Dir so gut geht und Du so frisch und munter die schöne Natur in Heringsdorf genießest. Ich tue hier desgleichen und suche mir durch die Aussicht auf die glücklichste Zukunft die sehnsüchtigen Gedanken zu beschwichtigen, welche die Abwesenheit meiner liebsten, besten Seele doch immer noch erhellen und die in alle Wonnen des hiesigen Naturlebens doch immer ein Tröpfchen Wermut hineinmischen. Hätte ich Dich jetzt hier und wäre damit der erste und letzte meiner Wünsche erfüllt, ich glaube, ich wäre vollkommen glücklich. Denn fast alles übrige ist hier so angelegt, daß ich endlich einmal zufrieden sein könnte und, wenn Du erst bei mir bist und die wesentlichste Lücke meiner Existenz ausfüllst, gewiß auch ganz zufrieden sein werde.

Je länger ich mich hier einlebe, desto mehr gefällt es mir und desto mehr finde ich das, was ich gehofft hatte, verwirklicht und zum Teil selbst übertroffen. Was vor allem die herrliche Gebirgsnatur betrifft, so wird sie mir täglich lieber. Ich wünschte nur, ich könnte Dich hier haben, wenn am Abend der Gentzig und die Kunitzburg in tiefem Purpurlicht erglühen oder wenn morgens die Finken und Drosseln im Prinzessinnengarten mich wecken und die beiden schönen, jungen, schlanken Ahornbäume, welche meinem Sommersalon zunächst stehen, mit ihren grünen Zweigen in das Fenster hineinschlagen und mich herauslocken. Diese beiden jugendfrischen Stämme und ein dritter, ebenso hoher und schlanker daneben sind meine ganz besonderen Freunde, und jeden Morgen nach dem Aufstehen gucke ich eine Viertelstunde wenigstens in ihr grünes, lieblich von Schlaglichtern durchglänztes Blätterdach hinein. Der eine Ahorn in der Mitte, der die beiden anderen Stämme etwas überragt, hat breite, handförmige, oben frischgrüne, unten seegrüne weiche Blätter in seiner dichten Krone. Daneben rechts, gegen diesen Acer pseudoplatanus geneigt, steht der jüngere und kleinere Ahorn, Acer platanoides, eine andere Art, welche sich durch feinere, zartere Blätter von dunkelgrüner Farbe und mit vielen spitzen Zähnchen (und Züngchen?) besetzt und durch dünneren, schlankeren Stamm mit weniger dichter Verästung auszeichnet. Dieser neigt sich gegen jenen in reizender Biegung, als wollte er ihn hebend umfangen ("quasi adaptet se adamplexum"), und ihre Zweige schlingen sich so innig allenthalben durcheinander, daß eine Sonderung gar nicht mehr möglich ist. Allenthalben schauen die zarten, dunkelgrünen Spitzen der festen Zackenblättchen vom Ahorn platanoides aus denen vom Ahorn pseudoplatanus hindurch, und ebenso verschlingen sich die schlanken Zweige des letzteren so in der Krone und rings um den Stamm des ersteren, daß es aussieht, als hätten beide Stämme ihr Blätterkleid stellenweise vertauscht und wären ganz ineinandergewachsen. Nicht minder reizend ist der dritte Stamm, der auf der linken Seite vom Ahorn pseudoplatanus steht, eine kräftige Esche (Fraxinus excelsior), deren reiche Blätterkrone rings ihre schönen, hängenden, langen Zweige auf den mittleren Ahorn und selbst auf den kleineren rechts herabfallen läßt und sich ebenfalls mit dem Laub an jenen anschmiegt. Bei diesem reichverzierten Dichterbaume muß ich immer an meinen Freund Hermann Allmers denken, und an wen wohl bei den anderen beiden Stämmen??

Je mehr ich hier bei energischer äußerer Tätigkeit und physischer wie psychischer lebhafter Bewegung zu innerer Ruhe und Klarheit gelange, je mehr hier der Friede der Natur in meine Seele einzieht, desto klarer wird mir das hohe, unschätzbare, beneidenswerte Glück, das mir in dem vollen Besitz der liebsten, reinsten Mädchenseele und des edelsten, schönsten Freundesherzens in den letzten Jahren erblüht ist und das zu immer reicherer Blüte und beglückender Frucht für mich heranreift. Liebe und Freundschaft Wie beglücken sie mich und wie versprechen sie mir alles das zu geben, was die Wissenschaft, der ich mich früher allein geweiht hatte, doch nicht geben kann.


15.6.1861




Nun ich hier ordentlich eingelebt und mit allem Neuen vertraut geworden bin, fließt der Strom des Alltagslebens so ruhig und glatt dahin, daß selbst ein guter Beobachter schwerlich bemerkenswerte Phänomene daran wahrnehmen wird. Es ist ja dies auch das Beste, was ich Euch Lieben melden kann.

Meine Zuhörerzahl ist noch nachträglich um einen gewachsen, so daß ich deren nun neun habe (dadurch hat sich auch die Summe des Honorarerwerbs auf die enorme Höhe von fünfunddreißig Talern erhoben!).

Von diesen kommen sechs sehr regelmäßig und scheinen meine zoologische Weisheit mit ziemlich gutem Appetit zu verzehren. Wenigstens schreiben sie meist eifrig nach. Den Abend nach dem Kolleg (von sechs oder sieben Uhr an) habe ich gewöhnlich keine besondere Arbeitslust mehr und verwende ihn teils zum Zeitunglesen, teils zur körperlichen Ausbildung. Fast alle Tage, wenigstens einen Tag um den anderen, turne ich eine Stunde, zweimal wöchentlich mit den anderen Turnern des Professoren-Turnvereins (dessen Vorstand ein sehr tüchtiger Gymnast, der bekannte Linguist Professor Schleicher ist); die anderen Tage turne ich privatim mit einem Dr. Wächter, Assistent an der medizinischen Klinik. Wie auch sonst bisweilen (?), bewege ich mich auch im Turnen in Extremen; in den eigentlich schweren Reck- und Barren-Übungen, zu denen bedeutende Armkräfte nötig sind, bin ich einer der schwächsten, dagegen einer der ersten in allen Übungen der unteren Extremitäten, Laufen, Springen usw. Über das Pferd setze ich mit einem Sprunge weg, nur einmal die Hände aufsetzend. Mit großem Vergnügen treibe ich noch privatissime die Freiübungen ohne Turngeräte, in denen Professor Schleicher trefflich unterrichtet.

Eine zweite Wohltat und ein noch größeres Vergnügen verschaffe ich meinem Kadaver durch die täglichen Schwimmübungen in der Saale, welche ich am letzten Mai begonnen und seitdem täglich fortgesetzt habe. Der Badeplatz liegt ganz reizend am Fuß des Hausberges, der hier wie ein Pik spitz emporsteigt, und ist rings von dichtem grünen Gebüsch umgeben, so daß man gar nicht in der Nähe der Stadt zu sein glaubt.

Nach dem Schwimmen, nach acht oder einhalb neun Uhr, gehe ich häufig mit einem Privatdozenten der Geschichte und Altertumskunde, Dr. Erdmannsdörfer, der über ein Jahr in Rom war und meine italienischen Sympathien teilt, nach einem kaum zehn Minuten entfernten Dorfe, Wenigenjena, wo wir in dem reizenden Garten eines hübschen Bauerngutes, mit der schönsten Aussicht auf den Hausberg, eine treffliche Schüssel saure Milch als Abendbrot verzehren. Zu einem größeren Spaziergange bin ich dagegen seit Pfingsten nicht gekommen, da ich Samstag und Sonntag, wo meine Freunde Ausflüge machten, zu Hause sitze, um endlich den allgemeinen Radiolarienteil zu vollenden.



Jena, 21.6.1861

Gestern zur gewohnten Stunde erhielt ich Deinen lieben Gruß, mein bester Schatz! Wie freue ich mich, daß Du so munter und frisch bist und Deine schöne Heringsdorfer Natur nach Kräften genießt. Nur wegen Deiner Erkältung muß ich Dir wohl ein kleines Kapitel lesen, da das unnütze kleine Ding gewiß mal wieder etwas zu leichtsinnig gewesen ist und sich nicht gehörig in acht genommen hat. Indes hoffe ich, daß der Husten bald vorüber sein wird, damit Du auch zu baden anfangen kannst. Nimm Dich aber künftig besser in acht und sei nicht so leichtsinnig wie Dein Erni, welcher alle Nächte die sämtlichen Zimmerfenster seines Palazzos, auch der Schlafstube, offenstehen und die köstlich balsamische, kühle und frische Luft des Saaletales hindurchströmen läßt.

Was das Arbeiten betrifft, so bin ich jetzt wohl fleißiger, als ich es im Sommer noch je gewesen, was mir insofern leid tut, als ich die schöne Natur nur wenig genießen kann, fast nur durch den Blick aus meinem Fenster. Zum Spazierengehen bin ich seit Pfingsten nicht mehr gekommen. Die vier Tage, an denen ich Kolleg lese (Montag zwei Stunden), brauche ich fast ganz zur Präparation, die drei anderen Tage wird an den Radiolarien gearbeitet (Mittwoch, Samstag und Sonntag). Je weiter ich vorwärtskomme, desto weniger werde ich fertig, da das Buch immer größere Ausdehnung annimmt. Ich muß dabei viele Fragen allgemeiner Natur erörtern, welche gerade jetzt zu den brennenden Tagesfragen unserer Wissenschaft gehören. Ich werde sehr froh sein, wenn ich in den nächsten zwei bis drei Wochen den allgemeinen Teil los sein werde, den ich eigentlich schon kühnerweise in Berlin hatte fertigbringen wollen und sollen!! Aber freilich, Hafenplatz! -

Die Vollendung des Werkes liegt mir übrigens jetzt so sehr am Herzen, daß ich dadurch fast ganz des Mißvergnügens überhoben werde, an der schönen Schweizerreise, die Gegenbaur und Bezold mit mir zusammen hatten machen wollen, nicht teilnehmen zu können. Freilich hätte ich noch lieber eine andere Reise gemacht!! Allein, da ich jedenfalls die ganzen Ferien noch vollauf werde zu tun haben, um den speziellen Teil zu vollenden, so tröstet mich die Notwendigkeit, das Buch fertigmachen zu müssen, über das Fehlschlagen meiner Hoffnungen wenigstens einigermaßen. Ich werde nicht eher wieder frei aufatmen und zu anderer Arbeit Lust haben, ehe nicht diese erste große Arbeit endlich vom Stapel gelaufen ist.

Was Deinen schönen Plan betrifft, mein liebster Schatz, die Ferien bei Dir in Heringsdorf zuzubringen und dort die Arbeit fertigzumachen, so werde ich ihn jedenfalls nur teilweise erfüllen können. Die Zeit des vierzehnten Septembers hat für mich allerdings so unwiderstehliche Reize, daß ich dann jedenfalls die Ost ee wiedersehen muß. Aber wie lange vorher ich hinkomme und wie lange ich bleiben kann, wird sich ganz nach dem Verlaufe der Arbeit richten und nach der Strecke des Arbeitsweges, den ich bis dahin zurückgelegt habe.

Daß aus ordentlichem Arbeiten dort nichts wird, brauche ich Dir nicht erst zu sagen. Du kennst mich so gut wie Dich und weißt, daß, wenn die beiden warmen Herzen erst wieder aneinanderschlagen, alle anderen Rücksichten schwinden und die besten und ernstesten Arbeitsvorsätze rein in den Wind geschlagen werden. Daß ich zum Beispiel mit den Radiolarien längst fertig wäre, wenn Du vorigen Winter nicht in Berlin gewesen wärst, ist mir sehr wahrscheinlich. Es soll das kein Vorwurf für Dich sein, liebste Anni, wohl aber für mich, der seine Neigungen und Gefühle leider noch weniger als sein kleiner Herzenschatz bezwingen kann. Ich habe jetzt in der Tat schon oft bedauert, nicht Gegenbaurs guten Rat befolgt und schon vorigen Winter hergekommen zu sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre ich dann jetzt mit den Radiolarien fertig und könnte im nächsten Herbst mit meinem Frauchen eine Alpenreise machen, während ich nun die frostige Aussicht habe, auch im künftigen Winter noch hier mein kaltes Einsiedlerleben fort zuführen. Ich denke, ich brauche Dir das wohl nicht länger auseinanderzusetzen, liebster Schatz, und Du wirst selbst die Notwendigkeit einsehen, daß die Arbeit in erster Linie fertigzumachen ist und alle anderen Wünsche und Neigungen danach zu modifizieren sind. Bei weiterem Nachdenken, und wenn Du Dich erinnerst, wie ich auch beim ersten Aufenthalt in Heringsdorf trotz aller mitgebrachten guten Vorsätze und Arbeitsmaterialien rein gar nichts geleistet habe, wirst Du selbst einsehen, daß es viel besser ist, kürzere Zeit nach Heringsdorf zu kommen, diese dann aber ganz meiner Änni und der Natur zu widmen, als längere Zeit dort zu sein und immer von dem bösen Gewissen gequält zu werden, keinen einzigen der guten Vorsätze ausgeführt zu haben...

Von der letzten Woche habe ich Dir absolut nichts zu berichten, mein liebster Schatz, da kein einziges Ereignis den einförmigen Lauf des alltäglichen Lebens unterbrochen hat, ausgenommen vielleicht, daß ich einmal beim Turnen tüchtig gefallen bin, aber mit einem blauen Auge, d. h. eigentlich einer tüchtigen Stirnbeule über dem Auge, glücklich davongekommen bin (es war übrigens allein schuld eigenen Ungeschicks); ferner daß ich meine blonde Mähne, die wieder bis auf die Schultern herabgewachsen war, durch einen Jenenser Haarkünstler auf ein Minimum habe reduzieren lassen, und endlich, daß die übermäßige Hitze ihren deprimierenden Einfluß auch auf meine Kollegs geltend gemacht hat, indem ein paarmal nur die Hälfte der Zuhörer erschien.

Sehr betrübt hat mich die Nachricht von dem Tode von Ernst Braun, dem ältesten Sohn unseres trefflichen alten Freundes, Professor Alexander Braun. Er war stud. nat. in Göttingen (Du kennst ihn ja auch). Vater schreibt gar nichts Näheres. Die armen, armen Eltern! Erst vor ein oder zwei Jahren verloren sie ihren zweiten Sohn, ebenfalls ganz plötzlich an den Masern (eben 15 Jahre alt). Nun ist bloß noch der kleine Johannes übrig. Da soll man noch an eine "allgütige, liebende Vorsehung" glauben oder das gar als Prüfung ansehen. Solche Anthropomorphismen scheinen mir ein schlechter Trost.

Jena, 29.6.1861

Der herrliche Vollmond wird Dir in der letzten Woche wohl viel, viel Grüße von Jena bestellt haben, wie er mir deren aus Heringsdorf gebracht hat. Die letzten Tage der vorigen Woche waren ganz herrlich, und ich habe immer bis gegen elf Uhr in dem Prinzessinnengarten geschwelgt und geschwärmt, ganz solo und ungestört; denn so reizend der Prinzessinnengarten ist, so wenig ist er besucht; für die Jenenser ist er entweder zu nah oder zu weit (eineinhalb Minuten von der Stadt); namentlich abends ist er ganz leer, und ich habe da schon reizende Stunden solo verträumt, mit wem wohl in Gedanken zusammen? - Ich denke immer, daß, wenn wir in der Ziegelei zusammen wohnen bleiben können (wie ich hoffe), dieser reizende Garten unmittelbar neben dem Hause eine reiche Quelle des Vergnügens und der Freude werden wird. Für ein junges Ehepaar sind so reizende feierliche Waldplätzchen dann, wie man sie sich nur ausmalen kann. Du würdest jauchzen und in die Hände klatschen, könnte ich sie Dir vor Augen zaubern. Da ist vor allem mein Lieblingsplatz in einem kleinen, rings vom dichtesten Grün verborgenen Rondell; prächtige alte Ahorn- und Eschenstämme wiegen sich über dem stillen, waldeinsamen Plätzchen, und durch das dichte Geäst der Zweige und die Lücken der grünen Blätterdecke sieht man in den lieben blauen Jenenser Himmel hinauf. Ein überaus schöner Platz, der sich wirklich sehen lassen kann, ist unter einer alten Linde, die ihr mächtiges Blätterdach weit über die Bänke ausbreitet. Man sieht einen kleinen steilen Abhang hinunter in einen kleinen Teich, meine zoologische Pflanzschule, in der es von Infusorien, Hydren, Rädertierchen usw. wimmelt. Rings stehen prächtige hohe und dichtbelaubte Bäume; stolze Pappeln und Ahorn, gemischt mit Trauerweiden, Birken und Ulmen. Das ist ein überaus reizendes Erdenfleckchen, das mich lebhaft an manche Punkte in den Villen bei Rom und Neapel erinnert. Wenn dann die silberne Vollmondscheibe hoch über den Kernbergen aufgestiegen ist, durch das dichte Geäst und Laubdach mit ihren Strahlen hindurchglitzert und in dem kleinen Teich sich widerspiegelt, wenn die Leuchtkäferchen, die den Prinzessinnengarten in Massen bevölkern, allenthalben zwischen dem Gebüsch umherfunkeln und fliegend ihre flügellosen Weibchen aufsuchen, die noch schöner leuchtenden größeren Leuchtwürmchen, welche im Gras versteckt liegen, wenn der balsamische Duft der Rosenhecken aus dem Garten ins Dickicht herüber- dringt - dann, ja dann - was denke ich wohl?

Liebchen, wenn Du das alles erst mitgenießest! "Mond beglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält, wundervolle Märchenwelt steigt dann auf in aller Pracht...'


29.6.1861




Die Woche vor Johannis (16.-22.) war hier in Jena so heiß, daß ich ganz in den Sommer vor zwei Jahren (in Neapel) versetzt wurde. Seit länger als vierzehn Tage hatte es keinen Tropfen geregnet und das Thermometer stieg am längsten Tage (21. Juni, Sommeranfang), welcher zugleich der heißeste war, bis dreißig Grad R. im Schatten. Die Hitze war besonders in meiner Wohnung, die der Morgensonne frei ausgesetzt und unmittelbar unter dem Dache ist, sehr fühlbar, trotzdem ich nachts alle Fenster beständig aufließ. Auch in den Nächten kühlte sich die heiße Luft, welche in dem runden Talkessel mit steilen Wänden förmlich aufgehäuft wird, kaum ab. Aus den heißen Spalten des geborstenen Kalkbodens quollen warme Luftströme hervor, die mich ganz an Ischia erinnerten. Endlich am 22. Juni, als die Tage wieder abzunehmen begannen, bedeckte sich der ganze Himmel mit schweren grauen Wolken; aber erst am Sonntag, den 23, früh, entlud sich der lang angesammelte Stoff in mächtigen Güssen mit heftigem Gewitter. Wie ich aus der Zeitung sehe, hat sich am nämlichen Tage durch fast ganz Deutschland hin ein mächtiger Regenstrom ergossen.

Der Sonntagnachmittag war überaus schön, wie alle solche Stunden, die dem ersten heftigen Regen nach langer Dürre folgen; die Berge prächtig blau, wie ein Aquarell, die Luft herrlich kühl, frisch, labend. Ebenso erquickend waren dann der Johannistag (24. Juni) und die beiden folgenden Tage; früh immer das heftigste Gewitter mit Regen, nachmittags das schönste Wetter, die klarsten, herrlichsten Abende, Musterwetter, wie es in manchen Tropengegenden konstant ist. Erst am Donnerstag wurde der Regen permanent, so daß er seitdem keine Minute aufgehört hat. Vielmehr fällt fortwährend ein sanfter, aber dichter Wasserstaub hernieder, welcher die Luft ganz gründlich abgekühlt hat. Alles prangt im ganzen Tal mit frischestem, glänzendem Grün und duftet nach Regen.

Ich habe die ersten schönen Tage zu zwei größeren Spaziergängen benutzt, da ich seit Pfingsten (vor vier Wochen) eigentlich nicht aus dem engeren Stadtbezirk hinausgekommen bin und die freien Stunden immer für die Radiolarien benutzt hatte. Die Anregung zum Spazierenwandern, die die schöne Gegend hervorlockt, wird immer dadurch gemindert, daß man eben allenthalben schöne Blicke in die Natur hat, wo man auch geht, und eine der schönsten Aussichten bleibt immer die aus meinem Fenster. Wie schön es war, als sich nach der großen Hitze die ersten Wolken um die Häupter der Berge, insbesondere des hohen Gentzigs, sammelten, als dann morgens die Nebel in dichten wechselnden Schichten den Fuß der Berge umlagerten und allgemach aufwärts stiegen, läßt sich kaum beschreiben. Man genießt hier eben alle Naturreize des hohen Gebirges.

Sonntag, den 23. Juni, mittag verlebte ich einige sehr vergnügte Stunden bei dem Oberbürgermeister von Jena, einem eifrigen Turngenossen, bei dem ich zu einem sehr gemütlichen Familiendiner (ohne besondere akademische Appendizes) eingeladen war. Er hat eine allerliebste Frau, welche ich schon als netten Umgang für meine kleine Professorin in spe ausgesucht habe. Es wurde stark politisiert und ich freute mich wieder sehr, die energisch liberalen Ansichten tüchtig vertreten zu finden, die hier allgemein die herrschenden sind. Wie wohl tut einem diese frische, kräftige Freiheitsluft, wenn man eben erst den öden, toten, ledernen und hölzernen Ideen der Berliner Strohköpfe, die sich Geheimräte nennen, entronnen ist. Männer wie Virchow sind in Berlin eine Oase in der Wüste, während man sich hier in dem grünen Freiheitswalde vergebens nach einer dürren Stelle um sieht, auf der ein Berliner Kreuzzeitungsritter oder Spenerscher Geheimratsphilister sein dünkelhaftes Haupt behaglich niederlegen könnte. Die liebe, frische Natur muß hier selbst dazu beitragen, daß die gesunden, naturmächtigen Freiheitsideen in den Menschenköpfen sich allgemein Bahn brechen, während sie in dem Sande der Mark noch vor ihrer völligen Geburt an Wassermangel zugrundegehen.

Am Johannistag selbst (Montag, 24. Juni 1861) war ebenso reizendes, wonniges, zugleich kühles und sonniges Sommerwetter, wie am vorhergehenden Sonntagnachmittag. Der vierundzwanzigste Juni ist der Geburtstag unseres erlauchten Landesfürsten, des Großherzogs von Weimar-Eisenach, welcher denselben in Dornburg (besucht von der Königin Augusta von Preußen) feierte und sich dabei das Vergnügen machte, drei Jenenser Professoren zu Hofräten zu ernennen: den berühmten Kuno Fischer (Philosophen), den ruhmlosen E. Schmidt (Mineralogen) und - unseren Freund Gegenbaur!! Der letztere war über diese Ehre, gegen die er sich seit langem vergebens mit Händen und Füßen gewehrt hatte, höchst ärgerlich. Mehr Freude und in weiteren Kreisen (selbst bis zur Insel Usedom!) hätte der Großherzog jedenfalls gemacht, wenn er statt der drei Hofräte einen Professor ernannt hätte!! - Indes tritt die kaum bemerkbare Feier des großherzoglichen Geburtstages (die höchstens durch einige kunstbegeisterte Zeilen im "Moniteur von Jena", den "Blättern von der Saale", sich Luft macht) ganz zurück gegen die Bedeutung, welche der Johannistag hier noch seit uralten Zeiten als heidnisches Sonnenwendfest genießt und welches noch heutzutage alljährlich durch schöne Feuer auf allen Bergspitzen rings in der ganzen Umgebung gefeiert wird. Vergebens hatten sich die christlichen Professoren vor einigen Jahrzehnten gegen diesen uralten heidnischen Brauch empört und einen Protest und eine Petition um Aufhebung desselben an den Großherzog gerichtet. Der herrliche Goethe, der damals noch Minister war, schlug ihnen die fromme Bitte in einem hübschen kleinen Denkverse rundweg ab. Das ist auch eine der vielen schweren Sünden, die dieser unmoralische, heidnische Goethe auf dem Gewissen hat! Wie auch sonst vielfach, so macht sich der verderbliche Einfluß dieses gottlosen Mannes, der durch seine verführerischen Lieder so manches junge Herz verdorben hat, auch noch in den flackernden Feuerzeichen geltend, die in der Johannisnacht alljährlich (ebenso wie in der Nacht des fünfzehnten Oktobers - Schlacht bei Leipzig -) auf allen Bergspitzen rings um Jena weithin sichtbar sind und lustig spottend auf die frommen Professoren in dem kleinen Universitätsdorfe herabschauen, die übrigens seitdem ihren Pietismus mit einem gründlichen Rationalismus vertauscht haben.

Wie Ihr denken könnt, machte mir die Feier dieses heidnischen Naturfestes ganz besondere Freude, und ich versäumte also nicht, am Montag abend eine hohe Bergspitze zu erklimmen, um von da aus alle die lustig flackernden Feuer von nah und fern zu begrüßen. Nachmittags sechs Uhr wanderte ich mit Gegenbaur und Schultze nach Lichtenhain, dem berühmten. Bierdorf, in einem reizenden grünen Talwinkel gelegen. Wir genossen als Abendbrot (wie jetzt alltäglich) eine köstliche Schüssel bester saurer Milch im grünen Garten und wanderten dann in der reizenden, mit gemischtem Grün bestandenen Talrinne aufwärts bis zur Höhe, wo wir uns in den Jenenser "Forst" hineinschlugen und nach einstündiger Wanderung auf vielverschlungenen Waldwegen nach demselben herrlichen Aussichtspunkt gelangten, wo ich abends vorher ein paar Stunden allein gelegen hatte. Während unserer reizenden Waldwanderung, die vom Gesange der vielen Waldvögel begleitet war, war es ganz dunkel geworden, und als wir auf die freie Bergspitze hervortraten, leuchteten bereits die feurigen Wahrzeichen der "Sonnenwende" von allen Bergspitzen. Rechts zieht sich das obere Saaletal nach Kahla hin, im hintersten Grunde von der Leuchtenburg stolz überragt. Auf der hohen Trießnitz, auf der Lobeda-Burg, auf den Kembergen, überall flackerten die lustigen roten Feuer, noch schöner auf all den vorspringenden Spitzen im unteren Saaletal, nach Dornburg hin, welches sich unter stumpfem Winkel vom oberen abzweigt. Da glühte und flackerte es allenthalben, auf dem rechten Saaleufer, auf dem Hausberg, dem Hohen Gentzig, der Kunitzburg, am linken Ufer auf den hohen Bergspitzen über Zwätzen, Löbstedt, auf der Napoleonshöhe und auf dem Tatzend links neben uns. Die Knaben der verschiedenen Jenenser Schulen, welche sich auf dies Feuerwerk, als ihr Privileglum, das ganze Jahr hindurch freuen, und Holzscheite usw. zu Fackeln sammeln, bildeten am Abhange der Berge lange, im Zickzack gewundene Schlangen, indem sie sich in sehr langgedehnten Reihen, alle einzeln mit Fackeln bewaffnet, in weiten Abständen hintereinander herabsteigend, langsam bergab bewegten. Es war ein reizender Anblick und der Jubel der springenden Knaben, das Johlen der Bauern und der Gesang der Studenten, die in burschenschaftlichem Verein auf mehreren Spitzen versammelt waren, belebte die heitere kühle Sommernacht aufs munterste. Bald wurde nun auch der mächtige Scheiterhaufen vor dem Forsthäuschen, neben dem wir standen, angezündet, und der frische lustige Wind trieb mit der Flamme ein so munteres Spiel, daß bald der ganze Stoß eine riesige Feuersäule bildete, welche der übermütige Wind vergeblich sich umzuwerfen bemühte. Höchstens vermochte er sie nach dem Abhang zu stark herabzudrücken und ihr ganze Flammenstücke aus ihrem Feuergewande herauszureißen, welche dann von dem spielenden Windhauch noch eine ganze Strecke isoliert mit fortgeführt wurden. Immer neue Tannen und Föhren, Stamm und Nadelgezweige durcheinander, wurden auf den sehr schnell verzehrten Scheiterhaufen geworfen, und wir konnten uns an dem reizenden Schauspiel kaum satt sehen, das insbesondere die nadelbedeckten Zweige gewährten. Kaum ergriff sie die Flamme, so zuckten und züngelten allenthalben in dem grünen Nadeldickicht die kleinen weißen Flämmchen, welche mit ihrem violetten, fast bläulichen Glanze den magischen Schein des elektrischen Lichtes nachahmten. Erst oben vereinten sich alle zu der mächtigen gelben und roten Flamme, die wirbelnd gen Himmel prasselte und mit dem Winde kämpfte.

Die ganze Situation war eigentümlich wild und romantisch und für heidnische Naturbegeisterung wie geschaffen, so daß wir das Schauspiel gar nicht satt werden konnten. Erst spät brachen wir auf, und als ich um elf Uhr abends noch allein in meinem Garten hinter der Ziegelei saß und den blutroten Vollmond, als Schluß des Feuerwerks, prächtig über den Kernbergen aufsteigen sah, zuckten und flimmerten noch die letzten Reste der heiligen Freiheitsfeuer auf allen Bergspitzen.


Sonntag, 30. 6.1861




Die Professoren der drei thüringisch-sächsischen Universitäten Jena, Halle, Leipzig haben seit vielen Jahren die löbliche Gewohnheit, sich einmal im Jahre auf der Rudelsburg und in Kösen ein Rendezvous zu geben. Diesmal war der dreißigste Juni dazu bestimmt und schon drei Wochen vorher die Einladung dazu von dem Leipziger Senat an das Hallesche und das hiesige Corpus academicum, die Professoren und Dozenten, ergangen. Ich war nicht mit unter den Unterzeichnern, die ihre Teilnahme zugesagt hatten, da ich erst sehen wollte, ob mich die Radiolarien fortlassen würden. Da ich nun aber am letzten Sonntag nach einer fleißigen Woche just nicht viel Arbeitslust hatte, und da das Wetter, welches die ganze Woche hindurch regnerisch gewesen war, sich am Sonntag morgen sehr sonnig und klar anließ, so entschloß ich mich rasch, an der Partie teilzunehmen und wanderte Sonntag morgen in zwei Stunden beim schönsten Sonnenschein nach Apolda hinüber. Dort traf ich auf dem Bahnhof von den Jenensern nur Professor Kuno Fischer (den berühmten Philosophen, der hier die meisten Zuhörer hat), welcher sich ebenfalls vorher als Teilnehmer nicht angemeldet hatte. Er sagte mir, daß die anderen bereits mit einem großen Omnibus direkt nach Kösen gefahren seien.

Ich fuhr nun mit ihm zusammen per Eisenbahn nach Kösen, wobei ich wieder Gelegenheit hatte, meine alte Behauptung bestätigt zu sehen, daß man in zweiter Klasse viel schlechter fährt und viel schlechtere und widerwärtigere Gesellschaft antrifft, als in der dritten Klasse. In dem Kupee nämlich, in das Professor Fischer und ich in Apolda einstiegen, saß außer einem alten Schuldirektor aus Posen noch ein ziemlich junger Mann in Zivilkleidern, welcher aber durch die ganz junkerliche Haltung seines elegant angezogenen Kadavers, wie durch den aristokratischen Ausdruck seines blasierten Gesichtes sofort unverkennbar den preußischen Gardeleutnant verriet. Ohne uns weiter an ihn zu kehren, setzten Professor Fischer und ich ein vorher begonnenes Gespräch über das Unwesen der preußischen Junker- und Militärwirtschaft fort, wobei ich von einem eben gelesenen trefflichen Schreiben des Baron von Prudelwitz im Kladderadatsch über die Vorzüge der französischen Militärzucht (mit Bezugnahme auf die Broschüre des Prinzen F. C. usw.) erzählte. Wir stimmten vollkommen überein und ich schimpfte nach Herzenskräften auf unsere preußischen Junker und Kreuzritter.

Im besten Gespräch wurden wir plötzlich durch den erwähnten Herrn unterbrochen, welcher sich ver anlaßt fühlte, seinen beleidigten Gardegefühlen Genugtuung zu verschaffen und meine Behauptungen in ziemlich gereiztem Ton zu widerlegen. Das war nun eine herrliche Gelegenheit, meiner seit lange angesammelten Galle Luft zu machen; ich blieb ihm keine Antwort schuldig, und der unglückliche Edle hat in den dreiviertel Stunden zwischen Apolda und Kösen vielleicht mehr Schlechtes über die preußischen Junker hören müssen, als in seinem ganzen übrigen Leben zusammengenommen. Der Eifer und die Hitze des Wortgefechts wurden so lebhaft, daß Professor Fischer neben mir in die größte Seelenangst geriet und mich immer am Ellenbogen stieß. Ich meinerseits kochte innerlich und hatte alle Mühe, die vom Vater ererbte "Berserkerwut" zu bemeistern und gar zu extreme Äußerungen zu vermeiden.

Endlich war Station Kösen erreicht. Ich verabschiedete mich von dem Edlen mit einem sehr bitteren "Leben Sie wohl", zwischen dem er recht gut "Hol diese Junkers alle der Henker" heraushören konnte. Professor Fischer atmete auf und sagte mir, er habe lange nicht solche Angst ausgestanden, da er jeden Augenblick gedacht habe, ich würde den Ritter mit meinem Hammerstock aufspießen, oder sonst unschädlich machen. Dabei konnte er mir aber die Anerkennung nicht versagen, mit seltener Offenheit dem Edlen die Wahrheit gesagt zu haben. - Was nun die Kösener Partie betrifft, so wurde sie seltsam verstümpert, fiel aber vielleicht gerade des halb sehr nett aus. Die Leipziger hatten nämlich tags zuvor wegen des andauernden schlechten Wetters nach Kösen abgeschrieben und dies auch nach Halle und Jena gemeldet, wo es allen Unterzeichnern der Teilnahme gemeldet worden war (mir und Fischer natürlich nicht). Von Jena war also außer uns niemand da, von Leipzig überhaupt niemand, dagegen waren von Halle vier Professoren gekommen: Erdmann, der bekannte Philosoph, Welker, der Anatom, Herberg, der Historiker, und Hartmann, der Jurist. Die ganze Gesellschaft bestand also nur aus sechs Mann. Vielleicht war aber gerade diese geringe Anzahl die Ursache, daß wir uns trefflich amüsierten und sehr gut unterhielten. Die beiden geistreichen Philosophen (Fischer und Erdmann) suchten in edlem Wettstreite an liebenswürdiger Unterhaltung und geselliger Tugend einander zu überbieten, und das Gespräch blieb den ganzen Tag über sehr animiert. Mittag dinierten wir zusammen im Kursaal. Nachmittag führte ich die Herren auf die Rudelsburg und von da über die Saale und Saaleck nach dem gegenübergelegenen reizenden Aussichtspunkt "Himmelreich", wo jetzt eine Restauration gebaut wird. Dann über die Katze, wo wir jeder einen der berühmten Spritz- Pfannkuchen genossen, zurück. Den Abend kneipten wir noch bis neun Uhr zusammen auf dem Bahnhof, wo nach freundlichem Abschied die Hallenser nach Halle, wir nach Jena zurückfuhren. Diesmal hatten Fischer und ich im Kupee zweiter Klasse bessere Gesellschaft als am Morgen, nämlich den berühmten Komponisten und Klaviervirtuosen Franz Liszt, der jetzt in Weimar wohnt. Er gefiel mir besser, als ich gedacht, unterhielt uns sehr liebenswürdig und äußerte sehr vernünftige Ansichten. Nur wenn er auf Musik zu sprechen kommt, soll er ganz verdreht sein.

- Jena, 12.7.1861


Wie sehr freut es mich, zu hören, daß es Dir so gut geht und daß Dir Deine liebe Heringsdorfer Natur ebenso viel Freude und Genuß gewährt, wie mir hier meine Jenenser. Könnten wir sie nur zuweilen vereinigen, das heißt könnte ich Dich manchmal her-zaubern oder zu Dir hinüberfliegen. Nun, in zwei Monaten wird ja unsere Sehnsucht wieder befriedigt wer-den. Ich werde bis dahin möglichst fleißig sein, um dann am vierzehnten September mich frei und ungehindert ganz meinem lieben Schatzchen widmen zu können - falls sie mich wirklich haben will?? - Von mir kann ich Dir wenig Neues melden. Das Kolleg war in dieser Woche, wie viele andere, sehr schwach besucht, da der größte Teil meiner Zuhörer zu dem großen deutschen Schützen- und Tumfest nach Gotha hinübergewandert war. Ich habe jetzt die Reihe der Gliedertiere beendet und fange nun mit den Wirbeltieren an, zu denen ich die vier bis fünf noch übrigen Wochen des Semesters sehr nötig brauchen werde.

Zweimal war ich in dieser Woche abends aus, und zwar bei den beiden Spitzen unserer theologischen Fakultät, wo ich mich jedoch aus vielen Gründen nicht besonders amüsiert habe. Gestern abend beim Kirchenhistoriker, Kirchenrat Hase, einem sehr feinen, vielseitig gebildeten Manne, der in Italien viele Reisen gemacht hat. Er ist nichts weniger als ein asketischer Geistlicher, und sucht sich vernünftigerweise das Leben so angenehm als möglich zu machen. So hat er vielleicht die schönste und elegantest ausstaffierte Wohnung in Jena, einen wahren Palazzo mit einem prächtigen Garten daran. Montag abend gab sein Kollege, Kirchenrat Schwarz (der hiesige Hauptprediger), ein großes Gartenfest, durch hübsche musikalische Produktionen des hiesigen Liederkranzes verherrlicht. Die mir fast ganz unbekannte Herren- und Damengesellschaft war so groß, daß ich mich ziemlich unbemerkt in den weiten Grenzen des reizenden Gartens verlieren und ein paar Stunden solo in einer allerliebsten Laube in einer versteckten Ecke des Gartens schwärmen und die reizende Aussicht an dem prächtigen Sommerabend nach meiner Weise genießen konnte. Woran mag ich da wohl gedacht haben??...

In dieser Woche muß ja auch Deiner Mutter Geburtstag sein. Schreibe mir doch wann, damit ich ihr schreiben kann. Danke ihr auch für das eingelegte Zettelchen mit der mütterlichen Ermahnung in betreff der Eisenbahn-Junker-Affäre. Es ist herzlich wohlgemeint. Nur bin ich leider in allen Punkten entgegengesetzter Ansicht. Erstens glaube ich gerade da am unverhohlensten die Wahrheit frei heraussagen zu müssen, wo sie am wenigsten gern gehört wird, und wo die Masse der entgegenstehenden Vorurteile und unnatürlichen verdrehten Ansichten am abschreckendsten ist. Wie soll es besser in der Welt werden, wenn das Gute sich feig und träg in der Dunkelheit verborgen hält? Es dürfte doch besser sein, unseren übermütigen und unverträglichen Junkern beizeiten die Wahrheit zu sagen und jede günstige Gelegenheit zu ergreifen, ihnen ihren bevorzugten Standpunkt klarzumachen, als zu warten, bis der allgemeine Unwille des verhöhnten und in seinen Grundrechten gekränkten Volkes wieder zu einer Revolution anschwillt, die einige Hundert dieser Edlen einen Kopf kürzer macht.

Der Hauptgrund von Mutters Empörung über meine Offenheit scheint aber in der Furcht zu liegen, daß einmal aus einem solchen hitzigen Wortgefecht ein Duell entstehen könnte. Als ich an diese Stelle ihres Briefes kam, konnte ich mich eines herzlichen Lachens nicht mehr enthalten. In betreff dieses Punktes kannst Du sie vollkommen beruhigen. Es wird mir ebensowenig als irgendeinem anderen Privatdozenten oder Professor und in specie einem Naturforscher, der noch seine fünf gesunden Natursinne besitzt, einfallen, mich dem "Gottesurteil" eines Duells zu unterwerfen; ich kenne keinen Grund, der mich bewegen könnte, einen eben so sinnlosen, als rohen Zweikampf mit Waffen einzugehen. Mutter scheint da zu glauben, daß wir noch in den Vorurteilen des verflossenen Jahrhunderts befangen sind, die - Gott sei Dank - jetzt nur noch in den Köpfen von Junkern, Leutnants, Bürokraten und Korpsstudenten vegetieren. Wenn sie sich überzeugen will, wie die Majorität unserer wirklich Gebildeten über die Unsitte und die unsinnige Roheit des DuelIs denkt, so empfehle ich ihr die Leitartikel der Volks-, National- oder anderer vernünftiger Zeitungen, welche noch jüngst gelegentlich des Twesten-Manteuffeischen Duells geschrieben wurden. Das wäre wirklich traurig, wenn wir uns nicht einmal über diese jämmerlichen Vorurteile der "ritterlichen" Raufbolde und über ihren falschen Begriff von "Ehre" hinwegsetzen könnten. Was kann ein Waffenkampf für oder gegen eine Meinung sagen? Um Ansichten zu verfechten, sind Worte und Gedanken da, und diese gebrauche man so scharf und eindringlich, als man überhaupt kann. Dies zur Verständigung!


Jena, 19.7,1861


Das Angenehme meiner jetzigen Existenz ist, daß ein Tag so gleichmäßig wie der andere verfließt und man in dem vollkommensten Stilleben einmal Gelegenheit hat, gründlich bei sich selbst ein- und auszukehren. Nach dem unruhigen und unsteten Wanderleben der letzten Jahre behagt mir dieses insularische isolierte Stilleben sehr; ob das aber sehr lange vorhalten wird, bezweifle ich, und es scheint mir vielmehr sehr nötig, daß bald dasjenige Element zu diesem reizenden, isolierten ländlichen Naturleben hinzukommt, welches einerseits als mein wahres Komplement die wesentlichen Lücken meiner Existenz ausfüllt und andererseits durch ihre feine spitze Zunge einen spielenden Kampf, das heißt einen ebenso anziehenden, als fördernden Wettstreit zweier trotz aller Gleichheit doch polar entgegengesetzter Organismen hervorruft.

Wie gerne möchte ich oftmals abends auf ein Stündchen zu Dir fliegen und Dir so vieles erzählen, was ich dem häßlichen, kalten Papier gar nicht an vertrauen mag. Besonders jetzt, wo der nahende Vollmond wieder die herrlichsten Nächte mit wahrhaft balsamischem Dufte in die frische, liebliche Gebirgsnatur hineinzaubert, da gewinnen wieder ganz gewisse eigentümliche Gedanken in meinem Kopfe die Oberhand, welche der strenge Ernst der Wissenschaft vergeblich ganz daraus zu verdrängen strebt. So verträumte ich gestern abend beim reizendsten Mondschein ein paar wonnige Nachtstunden an meinem Lieblingsplatz im Prinzessinnengarten, der gerade abends so einsam und menschenleer ist, als wartete er allein auf ein gewisses glückseliges junges Professorpaar. Es war ein wahrer Sommernachtstraum und der liebe Mond, der mit strahlenden Silberschiffchen durch den schwarzblauen Ozean des wolkenlosen Himmels segelte, wird gewiß an der fernen Ostseeküste die Grüße und Küsse eines schwärmenden deutschen Burschen getreulich abgeliefert haben. Mir wenigstens sandte er durch das dichte Geäst der Nußbäume und die schlanken Hängezweige der Birken so neckische Streiflichter ins Gesicht, daß ich sie für Kußhändchen meines allerliebsten, kleinen Schatzes hielt, und dabei säuselte der laue Abendwind so lose und leise durch die rauschenden Blätter, daß ich gar viel da herausgehört habe.

Am Sonntag habe ich seit langer Zeit mal wieder mit meinen Freunden einen Spaziergang gemacht, und zwar über Ziegenhein auf den Hausberg, einem reizenden Aussichtspunkt, von dem aus die Lage des Universitätsdorfes in dem grünen Talkessel ganz besonders lieblich erscheint. Auch das Dörfchen Ziegenhein, ganz in einer grünen Schlucht zwischen Nußbäumen, Kastanien und Ulmen versteckt, erscheint von hier aus allerliebst. Der Abend war köstlich und ich hätte gar zu gern mein süßes Mädchen hergezaubert, um mit ihm zu genießen...


21.7. 1861




Meine zoologische Aufgabe in dieser Woche war die Schilderung der Fischklasse, die ich in sechs Stunden vollendet habe und die mir viel Vergnügen gemacht hat. Im Turnen mußte ich mich, da ich beide Hände beim Klettern wund geturnt und an beiden Handtellern verschiedene Blasen acquiriert hatte, auf das Springen beschränken, in welchem ich im Weitsprung (neunzehn Fuß, zugleich zwei Fuß hoch) ebenso wie im Hochsprung (meine eigene Kopfhöhe) allen anderen Genossen den Rang abgelaufen oder vielmehr abgesprungen habe Übrigens haben sich auch schon Arme und Brust, mit denen ich früher rein gar nichts leisten konnte, sehr entwickelt, so daß ich schon ganz gut klettern kann.

Sehr ergötzt hat mich in dieser Woche die edle Kreuzzeitung, die ich jetzt eifrig studiere, um zu sehen, welche Wege man nie betreten soll. Ein solches Truggewebe von infamster Heuchelei und allerniederträchtigster Frömmelei hat die giftige Kreuzspinne doch noch nie zusammengebracht.


Jena, 24.7.1861




Diesmal habe ich Deinen Brief mit besonderer Sehnsucht erwartet, mein liebster, bester Herzensschatz, da ich in den letzten Tagen, trotz vieler Arbeit, besonders viel an Dich denken mußte, ja eigentlich mehr, als einem fleißigen Privatdozenten erlaubt ist. Ich schiebe die Schuld auf den lieben, herrlichen Vollmond, der in den letzten Tagen gar zu prächtig über die Berge her in mein einsames Zimmerchen schien und mir so viel Grüße und Küsse von meinem süßen Liebchen brachte, daß alle kalte Vernunft nicht ausreichte, das brennende Feuer heißester Sehnsucht zu löschen. Was hätte ich darum gegeben, hätte ich abends ein Stündchen bei Dir sein dürfen!...

Besonders reizend war der Sonntag (21.) abend, wo ich die schöne stolze Napoleonshöhe erkletterte, auf der Napoleon seine Schlachtpläne entwarf; eine sehr ansehnliche Erhebung, unmittelbar hinter der Ziegelei steil emporsteigend, von der man das ganze Tal nach Nord und Süd weithin überschaut. Ich entwarf andere Pläne und habe sie dem lieben Mond anvertraut, dem ich auch viele, viele Grüße nach Heringsdorf mit- schickte. Hätte ich sie nicht bestellt, so würden's gewiß die eilenden Wolken getan haben, welche in den phantastischsten Formen von Segelschiffchen über den Kernbergen aufstiegen und nach Heringsdorf flogen.

Die Beleuchtung der schroffen, schön geformten Gipfel der gewaltigen Berge, an deren Fuße dichte Nebelschleier Strom und Auen überdeckten, war entzückend schön, und dazu arrangierten die munteren, kleinen Federwolken so reizende Spiele am dunkeln Himmel, daß ich Allmers lebhaft um seinen Mond schein - Landschafts - Pinsel beneidete. Liebchen, wie göttlich wird es sein, wenn wir dies alles erst zusammen genießen!

Je länger ich mich hier einlebe, je mehr ich alles kennenlerne, desto mehr drängt sich mir die Überzeugung auf, daß wir hier ganz, ganz glücklich werden müssen, seliger, als wir's uns je haben träumen lassen! Ja, lieber Schatz, ich wollte nur, ich könnte Dir die Wonne, die stille Seligkeit ins Herz gießen, die mich immer bei diesem Gedanken an unsere vereinte Zukunft hier ergreift. Wird je in meinem Leben ein Ideal verwirklicht, so wird es dies schönste sein.

Besonders lebhaft mußte ich wieder heute daran denken, als ich aus Deinem lieben, lieben Brief ersah, wie die liebe Verwandtschaft nach Kräften bemüht ist, Dir vor mir bange zu machen und Dir Schreckgespenster von der unglücklichen Zukunft mit mir vorzumalen! Du armes, armes Kind! Wie dauerst Du mich, so einen Erni zu bekommen!!! Ich weiß zwar, liebster Schatz, daß Du auf diese tugendsamen Ermahnungen ziemlich soviel gibst wie ich selbst, das heißt - jar nischt!!! - In einem indes scheint Dich dies vereinte Anstürmen der philiströsen Geister doch etwas erschreckt zu haben. Ich kann Dich aber mit gutem Ge wissen beruhigen, liebste Änni, so schlimm ist der wilde Erni wirklich noch nicht. Wild, gottlos, rücksichtslos, einseitig mag er sein, aber trotz alledem wird Dir's schon ein bißchen bei ihm behagen!

Du klagst mir, wie unangenehm Dich die Angst berührt, die man Dir vor dem Zusammenleben mit mir machen will! Das begreife ich von meiner Änni nicht recht! Mich berührt sie nur im höchsten Grade komisch! Denn sie zeigt mir, daß die betreffenden tugendsamen Leute, wären es auch unsere nächststehenden Blutsverwandten, uns gar nicht kennen! Daß sie keine Ahnung von dem haben, was uns zusammengebracht hat und zusammenhält, von unserem durch und durch natürlichen und naturstrebenden und naturfreudigen Denken und Sein! Laß Dir nur dies nicht nehmen, liebster Schatz, und halte stets die eine Wahrheit fest, daß nur in der Natur Wahrheit und der Grund aller Freude und alles Friedens ist, und daß sämtliche Menschen summa summarum zehnmal mehr Dummes und Unwahres sich einbilden und ausposaunen, als sie je in ihrem Leben Wahres und Natürliches zusammen gebracht haben. Du steckst jetzt noch zu sehr unter den antagonistischen Einflüssen unserer autoritätsgläubigen Verwandtschaft, welche das Beste an Dir so wenig wie an mir zu schätzen weiß. Habe aber nur Geduld, liebster Schatz, bis ich Dich aus Deinen Fesseln löse, dann soll das alles schon ganz anders werden! Bis dahin bewahre Dir die Natur, aber schweige! Schweigen ist überhaupt eine köstliche Sache, liebster Schatz! Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold, sagt der alte Weise. Wenn Dich also die Leute mit guten Ratschlägen quälen, wie Du Deinen schlimmen Erni - vor dem Du gewaltige Furcht haben mußt - bessern, behandeln und erziehen sollst, so nimm sie freundlich an und stecke sie schweigend in die Tasche, mit dem festen Vorsatz, keinen Gebrauch davon zu machen. Wie Du mit diesem argen, gottlosen Bösewicht auskommen wirst, wird sich bald aus der Praxis unseres Zusammenlebens ergeben, vor dem mir gar nicht so bange ist, wie Dir!

Nichts kann mich mehr ärgern, als die Torheit der Leute, alles über einen Kamm scheren und alle Menschen nach einer Schablone beurteilen und modeln zu wollen! "Sehe jeder, wie er's treibe, sehe jeder, wo er bleibe!" Das ist eine der trefflichsten Wahrheiten, die unser göttlicher Goethe uns hinterlassen hat. Ich kann daher beim besten Willen und so schlecht ich mich auch beurteilen mag, Dich, armer Schatz, nicht, wie die lieben Verwandten, bedauern, daß Du den schweren opferfreudigen Entschluß gefaßt hast, Deinen Lebenspfad gemeinsam mit einem Professor der Zoologie in Jena zu wandeln! Ich bilde mir im Gegenteil schon manchmal ein, das Jauchzen und Jubeln meiner kleinen lieben Änni zu hören, wenn sie erst hier ist und nach und nach alle die Reize und Hochgenüsse kennenlernt, die das Leben eines akademischen Lehrers mit sich bringt, vor allem die allerfreieste, ungebundenste, unbeschränkteste Freiheit in jeder Beziehung, ein Gut, welches höher als alle anderen stebt, und welches kaum in einer anderen Sphäre so zu finden sein dürfte; dann eine unerschöpfliche Fülle geistigen Genusses und lebendiger Anregung von allen Seiten, kurz, wenn mir jemals das Leben lebenswert erschienen ist, so ist es jetzt, wo ich hoffe, einmal mit einer Professorin zu leben!


Jena, 25. 7.1861

Lieber Vater!


Du wünschest eine nähere Darstellung der Eisenbahnaffäre, die ich in Gesellschaft von Professor Kuno Fischer zwischen Kösen und Apolda mit dem preußischen Junker (früheren Leutnant) gehabt habe. Ich werde sie Dir ganz genau mündlich erzählen, da ich mir wegen der lebhaften Erregung alle einzelnen Momente sehr genau eingeprägt habe .Jetzt will ich nur noch einige ergänzende Umstände hinzufügen. Zunächst ist zu bemerken, daß der edle Junker sich erst in unser Gespräch mischte, nachdem ich mich mit Pro essor Fischer einige Zeit über die Vorzüge des französischen Militärs vor unseren zopfigen Bleisoldaten unterhalten und ihm den Esprit du corps der französischen Armee geschildert hatte, wie ich ihn in Paris kennengelernt hatte, insbesondere das zwanglose kordiale Verhältnis zwischen Offizieren und Gemeinen. Als ich dies besonders gebührend hervorgehoben und den Gegensatz zu unserem Linienmilitär geschildert hatte, wo der Gemeine gewöhnt wird, sich als Vieh und den Leutnant als Halbgott zu fühlen, mischte sich der Herr Junker in das Gespräch, indem er behauptete, daß dieser persönliche Abstand durchaus fühlbar sein und der Gemeine sich nur als Maschine fühlen müsse. Ich entgegnete, daß in Frankreich der Gehorsam der Gemeinen im Dienst ebenso gut wie bei uns sei, trotzdem die Kordialität zwischen ihm und seinen Offizieren so weit gehe. daß sie auf der Straße Arm in Arm gingen und im Café zusammen spielten, wie ich das selbst vielfach gesehen habe, was ein preußisches Leutnantsherz allerdings nur mit Entsetzen sehen könne. Der Junker erwiderte, daß sich diese Zustände eben gar nicht vergleichen ließen, da das französische Militär in jeder Beziehung tief unter dem preußischen stehe; er selbst habe ein paar Jahre in Paris gelebt und die ganz liederlichen Paraden niemals ohne Entsetzen ansehen können. Ich meinte, der Wertunterschied beider Heere würde sich erst im Kriege zeigen, wo wir trotz unserer feinen Gardeleutnants von den "schlappen" Franzosen zunächst wohl tüchtige Kloppe kriegen würden. Dort schlügen sich Gemeine und Offiziere füreinander wie ein Mann, während bei uns der Gemeine unmöglich seinen Offizier, der sich so übermütig über ihn erhebt, lieben lernen könne und im Kriege vielleicht eher als der Feind ihn von hinten erschießen würde, wenn er so brutal behandelt worden sei, wie dies vielfach bei uns vorkomme. Bei uns regiere noch allenthalben der Kastengeist und ganz besonders in der Armee, wo derselbe auf alle Weise gehegt werde, aber um so unnatürlicher sei, als die bürgerlichen Gemeinen ihren adligen Offizieren zum Teil vielfach an Bildung überlegen seien. Erst als ich hierfür verschiedene Beweise angeführt, wurde der edle Junker, der sich bis dahin noch ziemlich ruhig verhalten, obwohl mit sehr beredter Zunge und sehr verranntem Gehirn verteidigt hatte, ziemlich wild und behauptete, er müsse das alles besser wissen, da er selbst viele Jahre höherer Gardeoffizier gewesen sei; die Bildung unserer Offiziere sei besser als die aller anderen und stehe der Bildung keiner anderen Klasse im Volke nach; der Kastengeist sei vollkommen in der Ordnung, und der Adel, in specie das Offizierkorps als dessen Kern, müsse seine Privilegien behalten, damit der Staat nicht untergehe. Nun wurde ich meinerseits auch etwas warm, wobei ich jedoch durch verschiedene Rippenstöße und andere Winke des neben mir sitzenden Professors Fischer, der in Todesangst wegen des möglichen Ausgangs geriet, von Zeit zu Zeit etwas zur Mäßigung gemahnt wurde. Zunächst versicherte ich dem entlarvten Herrn Gardeleutnant vom x. Regiment, daß ich gegen ihn persönlich nicht das geringste sagen, sondern mich bloß im allgemeinen über die Art und Weise des preußischen Adels und der Offiziere in specie aussprechen wollte, wie ich sie vielfach kennengelernt habe und wie ich sie objektiv betrachte. Daß es darunter einige treffliche, ja unter dem zahlreichen Gros des Offizierskorps selbst einige ganz vorzügliche Offiziere gebe, wolle ich gar nicht leugnen. Als Beispiel führte ich Wilhelm Rüstan an, welcher zwar leider nicht adlig sei, aber sich doch als Garibaldischer General vor Capua trefflich bewährt habe. Daß es aber unter der Masse der preußischen Offiziere einige tüchtige und ehrenwerte Leute gebe, sei so wenig wunderbar, als daß es auch im Mittelalter unter den Raubrittern einige ganz vorzügliche gegeben habe, man könne selbst Götz von Berlichingen dazu rechnen. Dies könne aber leider nichts an der traurigen Tatsache ändern, daß sich das preußische Offizierskorps im ganzen durch Übermut, Herrschsucht, Hoffart usw. vor allen anderen Staatsbürgern auszeichne, während es doch dem größeren Teil des bürgerlichen Mittelstandes an wirklicher Bildung bei weitem nachstehe; die Bildung unseres Adels sei eine bloß äußerliche und erstrecke sich wesentlich auf elegante und feine höfische Sitte, welche den faulen Kern nur übertünchen sollte.

Einen freien Moment, in dem ich Luft zu weiteren Expositionen schnappte, benutzte nun der ergrimmte Leutnant zu einer Apologie oder vielmehr Apotheose des preußischen Heeres und seines "Kernes"!!, des Adels, die gerade nicht geeignet war, eine Versöhnung zwischen uns herbeizuführen. Er behauptete, daß die preußische Armee nicht nur der Kern Preußens, sondern auch der Stamm Deutschlands und die Spitze Europas sei; während ringsum Revolution einträte, sei Preußen allein unberührt, und hier allein erhebe der König von Gottes Gnaden - obgleich leider noch auf kurze Zeit von der Verfassung eingeengt - unangetastet sein gesalbtes Haupt. Von Preußen allein als sicherem Mittelpunkt der von Gott eingesetzten Ordnung könne die Umkehr zum alten guten Recht und zur natürlichen Gliederung der Stände erfolgen!! Daß ich nun die Antwort in nicht allzu gemäßigten Sätzen nicht schuldig blieb, kannst Du Dir denken! Ich hob mit energischem Protest gegen den Absolutismus den Wert unserer Verfassung als des Reichspalladiums hervor, mittels dessen man allein hoffen könne, vorwärtszukommen, die Notwendigkeit, Preußen Deutschland, den Teil dem Ganzen unterzuordnen, und meine subjektive Hoffnung, daß es auch bei uns endlich so wie in Italien kommen werde, sobald nur erst der deutsche Garibaldi oder deutsche Cavour und der deutsche Viktor Emanuel gefunden seien! Da erscholl glücklicherweise ein lauter Pfiff, Station Kösen! Professor Fischer vermittelte einen rührenden Abschied damit, daß er bemerkte, wie gewiß jeder von uns recht habe; im übrigen sei die Natur um Kösen im allgemeinen doch recht schön.

Was Du über die persönlichen Folgen bemerkst, die der etwas leidenschaftliche Auftritt für mich hätte haben können, nämlich ein etwaiges Duell, so ist diese Rücksicht, die auch die Heringsdorfer in Angst gesetzt zu haben scheint, vollkommen grundlos. Ich würde niemals aus irgendeinem Grund die Aufforderung zu einem Duell erlassen oder annehmen. Das Duell ist meiner Meinung nach etwas so Sinnloses, so rein Unsinniges, daß es mir gerade in dieser Beziehung großes Vergnügen machen würde, einem noch sehr allgemein verbreiteten und leider auch unter unseren Gebildeten noch sehr herrschenden Vorurteil einmal kräftig ins Gesicht zu schlagen. Das Duell ist ein ebenso sinnloses "Gottesurteil" - respektive Zufallsurteil wie andere derartige Gottesurteile. Ich finde es nicht um ein Haar unsinniger, wenn zwei Wilde, die sich gezankt haben, wie es z. B. auf Madagaskar der Fall ist, beide Gift verschlucken und nun aus der Wirkung dieses Giftes auf ihre Nerven beurteilen wollen, wer von ihnen recht gehabt hat. Gerade so sinnlos und verrückt ist es, einem Kampfe mit Waffen die Entscheidung über die Wahrheit oder Unwahrheit einer aufgestellten Behauptung zu überlassen, Künftige Jahrhunderte werden sich nicht genug wundern können, wie noch im neunzehnten Jahrhundert, in dem Jahr hundert der allgemeinen Aufklärung und Volksbildung, der Eisenbahnen und Telegraphen, der Naturwissenschaften und der Freiheitsentwicklung, wie da noch derartige mittelalterliche Roheiten selbst im Kreise der Gebildeten sich haben erhalten können. Sehr gefreut hat es mich nur, bei Gelegenheit des Twesten-Manteuffelschen Duells zu sehen, wie die gesamte liberale Presse ohne Ausnahme das Duell verdammt und Twesten streng tadelt, daß er nicht den Mut gehabt hat, das Duell auszuschlagen. Ich sage. "den Mut!", denn offenbar gehört mehr Mut dazu, zu leben und allgemein verbreiteten Vorurteilen rücksichtslos entgegenzutreten, als einen anderen totzuschießen, oder sich totschießen zu lassen! Oder wird dadurch etwa die sogenannte Ehre gewahrt? Das kommt mir gerade so sinnreich vor, wie wenn Fritzchen einen Hamsterknochen in sein Lotterielos wickelt, damit er gewönne, oder wie die Grundsätze der Homöopathie, welche sagen, daß ein Mittel um so stärker wirkt, je schwächer es angewandt wird! d. h. je dunkler das Schwarze ist, desto mehr nähert es sich dem Weißen! Die geistreichen Menschenl



Jena, Donnerstag, 25.7. 1861




Unser Turnverein, der, wie Ihr wißt, vorzugsweise aus akademischen Lehrern besteht, feierte am letzten Donnerstag sein einjähriges Bestehen. Durch eine solenne Kneiperei auf "Streits Terrasse", einem sehr hübsch am Abhange des Hausberges frei und hoch gelegenen Biergarten, wo in einer Laube die sämtlichen Turner sich um sieben Uhr abends versammelten, begleitet von ihren resp. Turnfrauen, Turnmüttern, Turnschwestern, Die Turnbräute, auf die besonders gerechnet war, waren leider gar nicht vertreten; selbst der Dr. Klopfleisch, der einzige Bräutigam in dem Verein, der seine Braut hier am Ort hat, hatte sie zu Hause gelassen. Sie mußten also in absentia hochleben, und nach einem donnernden Vivat mußten ihre resp. Liebsten auf ihr Wohl ein ganzes Seidel Bayrisch leeren! Ich hoffe, daß es meinem liebsten Schatz gut bekommen ist. Die Laube war mit einer reizenden Gruppe schöner Treibhauspflanzen, Palmen usw. geziert, welche wir unserem aufopfernd tätigen und unermüdlichen Turnvorstand und Lehrer, dem berühmten Linguisten Professor August Schleicher, einem großen Blumenfreunde, in dankbarer Anerkennung darbrach ten. Die Unterhaltung wurde bald sehr lebendig. Natürlich fehlten nicht verschiedene komische und ernste, gerührte und ungerührte Tischreden, Evvivas, Toaste usw. Die materielle Beköstigung war übrigens höchst einfach, für Jena ganz bezeichnend; sowohl die Turner selbst als ihre verehrten Damengäste erquickten sich lediglich am Genusse trockenen Brotes mit Schinken, dazu Bier Quantum satis superque! Auch für deutsche Kanonenboote wurde gesammelt und dafür fünf Taler zusammengebracht. Höchst fidel und munter schwärmten wir bis nach Mitternacht. Es war der köstlichste Mondschein, und nachdem wir in die Stadt zurückgezogen, wanderten mehrere Privatdozenten und verliebte Bräutigame, darunter auch ich, in den Prinzessinnengarten, wo es ganz zauberisch schön war und wir uns noch mehrere Stunden belustigten und unterhielten,



Jena, 2.8.1861




Eben besuchte mich Ernst Reimer, welcher von seiner Tour nach Salzungen zurückgekommen ist und mir nun Näheres über den höchst traurigen Tod des jungen Bädeckers erzählte. Du kannst Dir denken, liebste Änni, wie bei solchen Fällen (ebenso wie bei Lachmanns Tod gerade vor einem Jahr) immer die entsetzliche Möglichkeit vor die Seele tritt, auch einmal sein Liebstes, Bestes zu verlieren. Ich wage diesen Gedanken ebensowenig wie Du oder noch weniger auszudenken, weil ein solcher Fall mich noch unglücklicher als Dich machen würde. Du hättest, wenn Du allein bliebst, immer noch den Trost Deines sicheren Gottvertrauens und Deiner Glaubenshoffnung, die Dir Dein Erni nie nehmen wird, auch wenn er sie nicht teilt! Ich würde ohne Dich ganz alleinstehen, und alles, alles auf der Welt würde mich mit schalem Ekel und Widerwillen erfüllen, weil nur durch die Beziehung auf Dich, in dem Gedanken an Dich und Deine Teilnahme alles mir auf dieser Erdenwelt erst lieb, wert und teuer wird.


Jena, 10,8.1861

Lieber Vater!



Gestern, Freitag, habe ich nun mein erstes Kolleg glücklich geschlossen, mit dessen Gelingen ich sehr zufrieden sein kann. Im ganzen habe ich etwa siebzig Stunden gelesen, wöchentlich fünf-, oft auch sechsmal. Ich hatte eigentlich nur vier Stunden wöchentlich Vorlesung angekündigt, habe aber diese Anzahl schon ziemlich früh um die Hälfte vermehren müssen, da das Material, je weiter ich vorrückte, mir desto mehr über den Kopf wuchs. Ich habe von unten bei den niedersten Tieren angefangen und bin so stufenweise zu den höheren und vollkommneren vorgeschritten. Dieser Weg ist nach meiner Meinung der einzig richtige und befriedigende, und die allmähliche Entwicklung vom Einfachsten zum Komplizierten, welche man selbst dabei mit durchmacht, ist im hohen Grade belehrend und anziehend. Ich selbst habe außerordentlich viel dabei gelernt und kann jetzt erst recht das Glück würdigen, das mir hier geworden ist, indem ich sogleich mit einem ordentlichen, vollständigen Kolleg meine Lehrvorträge beginnen und mich selbst dadurch sogleich zu der Höhe emporschwingen konnte, von der ich das ganze zugehörige Gebiet wie aus der Vogelperspektive mit einem Blick überschaue. Ich habe mir sogleich im ersten Beginn einen vollständigen Überblick über das ganze Gebiet erobert, dessen Kultur meine Lebensaufgabe sein und mich wirklich beglücken wird. Die ganz unschätzbaren Einwirkungen der akademischen Lehrvorträge auf den Lehrer selbst habe ich mir nie auch nur annähernd so wichtig und wesentlich vorgestellt, wie ich sie jetzt schon in diesem Semester an mir selbst empfunden habe. Erst jetzt kann ich begreifen, warum alle unsere großen Denker und Forscher fast ohne Ausnahme zugleich Lehrer gewesen sind und warum sie ihren Lehrerberuf stets mit einer Liebe und Treue pflegten, die mir früher nicht recht erklärlich war. Ich meinte früher, die viele Mühe, Arbeit und Zeit, die die Vorträge kosten, könnten nur den übrigen Arbeiten desselben schaden, oder sie wenigstens mehr in den Hintergrund drängen. Jetzt habe ich mich überzeugt, wie sehr gerade diese allgemeinere Arbeit den übrigen mehr speziellen Produktionen zum Vorteil gereicht. Erst durch das freie lebendige Wort wird der empfundene Gedanke wahrhaft bedeutend und wirksam. Viele vorher nicht gekannte, ja ein Teil der allerbesten Gedanken kommen einem erst im Vortrage selbst oder kommen einem wenigstens erst hier zum vollen Bewußtsein. Ich glaube, daß der Dozent mindestens so viel Vorteil von seinem Vortrag hat als die Studenten.

Daß es nun gerade die Zoologie war, mit der ich beginne und in die ich mich so vollständig hineinarbeiten konnte, ist ein anderer Vorteil, den ich nicht hoch genug schätzen kann. War dieser Teil meiner naturwissenschaftlichen Bestrebungen schon vorher mein besonderer Liebling, so ist er es jetzt ganz geworden, und ich wünsche nichts mehr, als daß ich mein ganzes Leben hindurch der Zoologie und vergleichenden Anatomie, d. h. der allgemeinen Zoologie! allein dienstbar und treu bleiben dürfte. Auf die Behandlung der speziellen menschlichen Anatomie will ich dann gern verzichten, zumal diese mit ihren umfangreichen Vorträgen und insbesondere den praktischen Sezierübungen usw., die sehr viel Zeit kosten, der ersteren doch wohl ein bedeutendes Quantum von Zeit und Arbeit entziehen würde.

Abgesehen vom Stoff glaube ich aber auch, daß die Form der freien ganz ungebundenen Lehrvorträge nicht minder vorteilhaft und anregend auf den Lehrer, als auf den Schüler wirkt. Ich glaube auch diese Wirkung kräftig in mir zu verspüren; insbesondere habe ich an männlicher Selbständigkeit und an selbstbewußter Kraft, die doch früher gar zu wenig entwickelt waren, wesentlich zugenommen, wozu das tröstende Bewußtsein nicht wenig beiträgt, daß ich in der Tat leistungsfähig bin, was ich früher immer bezweifelte. Alles in allem genommen ist also der Rückblick auf das verflossene erste Lehrsemester ein sehr befriedigender, und ich hoffe nur, daß auch der nächste Winter so verläuft.


Jena, 10.8.1861




Diesmal kommt der Brief einen Tag später, liebster Schatz, da ich die letzten Tage mit Schluß der Vorlesungen alle Hände voll zu tun hatte, so daß ich an Schreiben nicht denken konnte. Gestern abend habe ich denn das Kolleg wirklich geschlossen, nachdem ich in der letzten Woche die ganze Klasse der Säugetiere durchgenommen habe. Ich hatte zwar die Stunden mehr als verdoppelt und las täglich von fünf bis halb acht Uhr, doch ging es immerhin sehr parforce und ich hatte mich sehr zusammenzunehmen, um bis gestern abend fertig zu werden. In bezug auf die Verteilung des Materials bin ich allerdings in diesem ersten Semester nicht sehr gleichmäßig verfahren und die höheren Tiere sind verhältnismäßig schlecht weggekommen. Indes ist dies für das erstemal wohl sehr begreiflich, da ich ja noch gar keinen Überblick über das ganze Gebiet des Vortrags und den Anspruch der einzelnen Teile besaß, zumal ich selbst nie Zoologie gehört habe und also mir selbst erst den Plan bilden mußte. Dabei war ich denn allerdings zu sehr zugunsten meiner Lieblinge, der niederen Seetiere, verfahren und hatte den Wirbeltieren von Anfang an zu wenig eingeräumt. Indes soll das nun besser werden und auch ihre Ansprüche sollen befriedigt werden. Ich werde überhaupt das nächste Semester das Kolleg mit viel mehr Sorgfalt im einzelnen und besserer Ausarbeitung des Ganzen behandeln; diesmal hatte ich vollauf zu tun, um nur des reichen Stoffes Herr zu werden, den ich nun vollkommen in seinen Grundzügen mir zu eigen gemacht habe. Ich habe erst jetzt den vollen Überblick über das ganze reiche Gebiet gewonnen, dessen immer bessere Erforschung und immer voll ständigere Beherrschung die Aufgabe und Freude meines Lebens sein soll. Erst jetzt habe ich recht den ganzen Schatz kennengelernt, der hier noch zu heben ist, und nie war mir meine herrliche Zoologie so lieb wie jetzt. Wie mich dieses Gefühl beglückt, in der Wahl meines Berufes zugleich die mir interessanteste und am meisten zusagende Beschäftigung, meinen liebsten Zeitvertreib und das eigentliche Steckenpferd gewählt zu haben, wirst Du begreifen. Es soll aber nun auch immer mehr gepflegt und angebaut werden, und die längere Zeit des Wintersemesters und der größere Fleiß der Studenten in demselben gibt dazu die beste Gelegenheit.

Die Nachmittagsstunde des Semesters von fünf bis sechs Uhr war eigentlich eine sehr unglückliche Kollegienzeit, und ich habe mich oft gewundert, daß die Studenten nicht noch mehr schwänzten und, statt im Hörsaal über Tiere zu denken, sich die schöne Natur des Jenenser Tales ansahen. Im ganzen waren sie fleißiger, als ich erwartet hatte, namentlich die drei Burschenschafter der Germania, die ziemlich regelmäßig erschienen. Dagegen habe ich zwei Korpsstudenten nur ein paarmal gesehen.


Jena, 16.8. 1861




Der Brief soll diesmal kurz werden, liebste Änni, denn ich kann Dir diesmal wirklich nicht viel Löbliches und Gutes von Deinem Erni erzählen. Statt nun jetzt, wo er Zeit in Hülle und Fülle hat, mit aller Energie die Radiolarien fertigzumachen, sitzt der verkehrte Mensch unruhig an seinem Schreibtisch und denkt nach der Ostsee hin, springt manchmal auf und schaut aus dem Fenster nach dem Gentzig und der Kunitzburg, die gar zu reizend vor ihm liegen, seufzt und sehnt sich nach seinem kleinen blonden Strickchen, kurz, er ist gar nicht, wie er sein sollte, und ich bin wirklich unzufriedener mit ihm als den ganzen Sommer. Zur Entschuldigung kann ich nur anführen, daß diese verkehrte Wirtschaft bei dem herrlichen Ferienwetter und der köstlichen Ferienfreiheit, die alle andere Welt zum Reisen benutzt, wirklich ziemlich natürlich und erklärlich ist, zumal bei einem so unruhigen Geist, den die Reiselust in den köstlichen Herbstferien nicht weniger quält als die Zugvögel, die dann, von innerer Notwendigkeit getrieben, nach dem Süden ziehen. Mich treibt's diesmal freilich mehr nach dem Norden! Ich lerne jetzt gründlich, wie unnatürlich es ist, die Ferien zu Hause bleiben zu wollen! Eigentlich habe ich ja alles, was ich mir zu meiner Arbeit wünsche, Zeit, Muße, Ruhe, Einsamkeit in Hülle und Fülle, und dennoch bin ich dabei nicht so ruhig und glücklich, wie ich es sein sollte. Überblicke ich, was ich in dieser Woche, wo ich mir doch ganz selbst überlassen war, an den Radiolarien gemacht habe, so ist's wirklich blutwenig und ich kann nichts weniger als zufrieden damit sein, und doch muß das Werk durchaus fertig werden. Geht es in den nächsten Wochen nicht besser, so bin ich schon auf den verzweifelten Gedanken gekommen, die Heringsdorfer Septembertour, auf die ich mich den ganzen Sommer so innig gefreut habe, ganz aufzugeben und mich dadurch zu bestrafen, daß ich den ganzen September hier arbeite und nur im Oktober auf ein paar Wochen nach Berlin komme.

Eine besondere Freude hatte ich gestern, als ich durch ein Klagelied der Kreuzzeitung den plötzlichen Tod von Stahl erfuhr, diesem Erzschuft und elendestem, mir vor allem verhaßten Schurken, der unserem unglücklichen Vaterland in den letzten zehn Jahren mehr geschadet hat, als sich in den folgenden zehn wieder gutmachen läßt. Ist doch wieder ein Krebsschaden des Landes weggeräumt..,


Jena, 18.8.1861




In der Woche vom 11. bis 17. August erfolgte in Jena allgemein der Schluß der Vorlesungen, den einzigen alten Kirchenrat Rückert ausgenommen, welcher alle mal, natürlich nur mit zwei bis drei Zuhörern, bis in den September hinein liest. Alle übrigen Kollegien schließen sich in der zweiten und dritten Augustwoche von selbst, d. h. werden von den Studenten geschlossen, wenn die Professoren selber nicht so schlau waren, dies vorher zu tun, wie z. B. ich meine Zoologie schon am neunten August beendigte. Ich hatte dabei das Vergnügen, meine Zuhörer noch vollzählig um meine Säugetiere versammelt zu sehen, während bei Bezold und Gebenbaur, die drei Tage später schlossen, die Zahl sich auf wenige Getreue reduzierte. Das Signal zum allgemeinen Schluß gab ein hübscher Fackelzug, welcher am vierten abends dem scheidenden Professor Michelsen (Juristen) gebracht wurde.

In den folgenden Tagen leerten sich die Wohnungen und Straßen von Jena; Dozenten und Studenten beeilten sich um die Wette im Abreisen, und komme ich jetzt in die Stadt, so glaube ich einen von seinen Einwohnern verlassenen Ort zu betreten, wie etwa die Stadt Ninfa in Etrurien. Das Gras wächst mächtig in den Straßen und auf den Plätzen, und als Beweis des völligen Ferienschlafes des guten kleinen Universitätsdorfes kann die bekannte Anekdote von dem vereinsamten, in den Ferien zurückgebliebenen Privatdozenten dienen, der sich zur abendlichen Stillung seines Hungers etwas Schinken holen wollte, aber nirgends welchen bekommen konnte, weil die angeschnittenen Schinken mit Schluß des Semesters aufgebraucht waren und die Fleischer während der Ferien keinen neuen Schinken anschneiden wollten! - Wie nun so einer nach dem anderen von meinen Freunden abreiste und wie die Studenten jubelnd und frohlockend ins Gebirge zogen, da regte sich auch in dem wilden Zugvogel, der hier Privatdozent der Zoologie ist, die Sehnsucht ganz unbändig, hinaus ins Freie zu ziehen, und das Bleiben in der Stube wurde mir doppelt schwer, da das allerherrlichste, zugleich sonnige und frische Sommerwetter mit unwiderstehlicher Gewalt in die Natur lockt. Da ich aber nun durch die Vollendung meines Manuskripts an die Stubenarbeit gefesselt war und diesmal der Wandersehnsucht nicht nachgeben durfte, so beschloß ich, wenigstens durch eine gründlich abgelaufene viertägige Ferienreise mir wieder etwas Sitzfleisch zur Arbeit zu verschaffen. Ich wollte eine tüchtige Fußwanderung nach meiner alten Manier ausführen, und dies geschah denn auch am Sonntag, den achtzehnten August, in höchst befriedigender Weise.

Es war ein überaus herrlicher Tag, wie ich ihn mir nicht besser zu dieser Tour hätte wünschen können. Tags vorher hatte ein heftiges Gewitter die in den letzten Tagen sehr heiß gewordene Luft abgekühlt. Sonntag morgen lagerte infolge der starken Regengüsse starker Nebel in allen Tälern und Gründen, es war herrlich kühl und frisch. Um neun Uhr brach aber die Sonne strahlend durch den sinkenden Nebel, und nun blieb den ganzen Tag der herrlichste Sonnenschein, die kühlste Luft dabei, von stetem kühlen Windhauch erfrischt, der reizende Wolkengruppen über den dunkelblauen Himmel jagte. Das Ziel meiner Wanderung war das Gebiet des bunten Sandsteins bei Jena: Stadt Roda, Zeitzgrund, Fröhliche Wiederkunft, Rothenstein.

Die überaus herrliche Gegend, die ich da kennengelernt habe, hat meine Liebe zu meiner neuen Heimat aufs neue gesteigert und einen neuen überraschenden Blick in die Fülle von Naturschönheiten geöffnet, mit denen Mutter Natur dieses reizende Erdenfleckchen im Nordosten des Thüringer Waldes so verschwenderisch ausgestattet hat. Die Natur dieses Gebietes ist im ganzen von der nächsten Umgebung Jenas sehr verschieden. Es tritt allenthalben der rote Sandstein mit seinen roten Felsmassen zum Vorschein, in der reichsten üppigen Fruchtbarkeit, mit den schönsten grünen Waldtälern, wasserreichen Talgründen und blumenreichen Wiesen, mit denen er sich auffallend vor dem Muschelkalk in Jenas nächster Nähe auszeichnet. Hier fehlt der Reichtum des all bedeckenden Grüns und der reichen Wasserbäche, dafür treten die herrlichen Bergformen des hellgelben Muschelkalkes prächtig hervor.

Als ich Sonntag früh um sechs Uhr Jena verließ, lagerte so dichter Nebel über Berg und Tal, daß ich keine zehn Schritt vor mir etwas erkennen konnte, und so kam's, daß ich mich gleich im Anfang tüchtig verlief. Ich hatte hinter Wöllnitz auf die Lobedaburg am rechten Saaleufer steigen wollen, verlor aber im dichten Nebel gründlich den Weg, so daß ich statt dessen auf das hohe Plateau hoch über der Lobedaburg gelangte, das mir ganz unbekannt war und auf dem ich fast eine Stunde in rein östlicher Richtung fortlief, meist über steinige nackte Heide, zum Teil durch dichten schönen Wald. Endlich gelangte ich nach langem Umherirren in eine einsame Schäferhütte, wo mich ein Hirtenknabe nach dem im Tale gelegenen Drakendorf hinunterwies. Hier wurde ich durch den Anblick eines reizenden Parkes überrascht, welcher einer gewissen Frau von Häseler gehört. Über Feld und Wiese wanderte ich nun in südlicher Richtung nach der Chaussee hinüber, die von Lobeda nach Roda führt, fast zwei Stunden entfernt, die ich aber in eineinviertel Stunden in der nebelkühlen Morgenfrische zurücklegte oder eigentlich sprang.

Als ich um neun Uhr am Eingang des Zeitzgrundes bei Roda angelangt war, brach die Sonne durch, schlug die Reste des Nebels völlig nieder und enthüllte mir die herrlichen Reize der nächsten Umgebung von Roda und des eben durchwanderten Tales. Scharf und wild springen die roten Sandsteinbänke aus den Bergwänden vor, von rieselnden Quellen benetzt und aufs hernichste mit frischem Grün, Waldreben (Klematis), Epheu, Brombeeren überwuchert und mit reizenden Gräsern und Blüten geziert.

Der Zeitzgrund, den ich nun zunächst durchwanderte, bildete den Glanzpunkt der Exkursion und genießt seinen besonderen Ruf wegen seiner hohen Schönheit mit Recht. Es ist ein sehr enges, wildes und einsames Felsental, welches sich in fast östlicher Richtung von Roda aufwärts zieht, bis zum Waldecker Forst und bis Schleifreisen hin. Die steilen, hohen Wände sind mit den schönsten gemischten Waldungen bekleidet, meist Nadelholz, Tannen, Fichten, Föhren und Lärchen in wechselndem bunten Gemisch, zuweilen prächtige hohe und alte Stämme. In dem mit üppigen grünen Wiesen bedeckten Talgrunde springt ein lustiger wilder Bergbach herab, der eine Menge kleiner Seitenbächlein aufnimmt, viele kleine Stürze bildet und an ein paar weiteren Talstellen sich zu ein paar freundlichen, von Gebüsch bekränzten spiegeiklaren Teichen ausbreitet, die wie der Bach selbst von Forellen wimmeln. Die reizenden Blumen der Gebirgsflora schmücken die Steine und Felsblöcke, die im Bette des Waldbaches ausgestreut sind; zum ersten Male fand ich hier eines der schönsten Farnkräuter, den Straußenfarn (Struthiopteris Germanica), mit einer großen Krone von herrlichen Wedeln oder Fiederblättern, die wie ein Vogelnest oder eine Federkrone trichterförmig zusammengestellt sind und in deren Mitte die braunen Fruchtstöcke, die samentragenden Wedel, hervorsprießen. Zwischen den Steinen wuchs überall eine Menge anderer Farnkräuter, und blaue Gentianen, rote Geranien und gelbe Hieracien bildeten schöne Buketts. Ein paar sehr malerische Partien bieten sich in der Nähe von einigen Schneidemühlen, die unfern der Teiche in den Talerweiterungen liegen. Bei jeder neuen Biegung und Wendung des Tales zeigt sich ein neuer überraschender Blick.

Der herrliche Sonnenschein und die frische köstliche Luft machten die Wanderung den Zeitzgrund hinauf und herab doppelt reizend, und ich konnte mich an dem herrlichen Waldtal nicht satt genug sehen. Es hat im ganzen viel Ähnlichkeit mit den Tälern bei Ziegenrück, besonders dem Sornitz- und Otter-Grund, und versetzte mich teils in die Vergangenheit, wo ich die Ziegenrücker Natur genoß, teils in die Zukunft, wo ich den Zeitzgrund nicht mehr solo genießen werde. Ich stieg und kletterte soviel in den Seitenschluchten herum, daß ich erst um zwölf Uhr wieder in Roda anlangte, wo ich meinen hungrigen Magen durch ein ordentliches Mittagbrot befriedigte.

Roda selbst liegt reizend in einer engen Schlucht, beiderseits von roten Sandsteinklippen eingeschlossen, deren hohe Kuppen vom schönsten Nadelwald bekränzt sind.

Nach einer Stunde Siesta wanderte ich von hier in anderthalb Stunden durch den Rodagrund längs des Rothenhofbaches nach der "Fröhlichen Wiederkunft". So heißt ein Jagdschloß des Herzogs von Altenburg, welches kaum eine Stunde von Neustadt an der Orla entfernt liegt, in einem ganz reizenden kesselförmigen Grunde, in dem vier Täler sich kreuzen. Das kleine nette Jagdschloß selbst mit seinen Türmen und Zinnen liegt mitten in einem kleinen See, der von den üppigsten Wiesen umgeben ist. Die Berge rings sind mit den dichtesten dunkeln Wäldern bedeckt und verschiedene, im Zickzack aufsteigende Wege führen zu Aussichtspunkten, von denen man hübsche Blicke in Täler hat. Auch der Weg von Roda nach der "Fröhlichen Wiederkunft" ist überaus lieblich, im Grunde eines vielfach gewundenen Wiesentais, dessen steile Seitenwände ganz mit Tannen und Lärchen bekleidet sind; hie und da eine Mühle, ein Teich, ein Forsthaus oder ein Köhlermeiler. An den Bergseiten erfreuen das Auge die schönsten Thüringer Gebirgsblumen, das blütenreiche rote Weidenröschen (Epilobium angustifolium), der gelbe Wachtelweizen (Melampyrum silvaticum), herrlich blaue Gentianen und weiße Dolden blumen.

Nachdem ich ein paar Stunden in der Umgebung der "Fröhlichen Wiederkunft" umhergeschlendert, trat ich um fünf Uhr meinen Rückweg an, der in der ersten Hälfte fast noch schöner und reizender als der Hinweg war. Hinter dem Dorfe Trockenborn gelangte ich, immer in nordöstlicher Richtung fortschreitend, in dichten bemoosten Hochwald mit den schönsten alten Tannen und Fichten, zwischen denen ich auf einsamem Fußpfad über eine Stunde fortwanderte nach den Dörfern Ober- und Unter-Bodnitz. Bei letzterem sah ich große schöne Steinbrüche in rotem Sandstein. Von Unter-Bodnitz wanderte ich dann in westlicher Richtung durch den lieblichen Bodnitzgrund, der mich wieder lebhaft an die Ziegenrücker Gründe erinnerte, über duftende Wiesen und zwischen dunklen Nadelwald hin, nach dem Dorfe Pürschitz, welches bereits am Saaletal liegt, nur eine halbe Stunde von Kahla und der Leuchtenburg entfernt. Die letztere erschien mir bald in nächster Nähe, eine wahre Zierde der Gegend.

Das Saaletal selbst, in dem ich nun auf dem rechten Ufer über Jägersdorf und Ölknitz abwärts wanderte, behält den bunten Sandstein mit seinem eigentümlichen Charakter noch bei bis Rothenstein, hinter welchem dann bald der hellgelbe Muschelkalk beginnt, der die schönen Bergformen bei Jena bildet. Bei Rothenstein trat ich auf das linke Ufer über, auf dem ich abends beim herrlichsten Vollmondschein über Maua, Göschwitz und Winzerla zurückwanderte. Vor Rothenstein hatte ich noch die schönste Abendbeleuchtung der ganzen Gebirge das Tal hinauf und hinunter zu genießen. Rothenstein selbst liegt sehr hübsch an der vorspringenden Ecke einer schroffen Felskante; die Häuser steigen staffelweise an der Bergkante auf. Die kleine Kirche präsentiert sich hoch oben über allem sehr stattlich. Ich stieg noch über eine Stunde in der köstlichen Abenddämmerung an dem Berg umher.

Der Rückweg im Saaletal war herrlich. Der schönste, klarste Schein des Vollmondes, dessen silberne Scheibe hoch an dem dunklen Himmel stand, tauchte das ganze Tal mit seinen Bergen und Felsen, Wiesen und Wäldern in magisches Licht und spiegelte sich aufs anmutigste in dem klaren Saalestrom. Längs der Ufer entwickelten sich bereits Nebelstreifen, die sich zwischen den alten Weiden und Erlen über dem Wiesengrund ausbreiteten und mich lebhaft an Goethes "Erlkönig" erinnerten, der an dieser selben Lokalität entstanden ist. Auch nach der Ostsee lenkte der herrliche Mondschein meine Gedanken immer und immer wieder.


Jena, 30.8.1861




Gestern, Donnerstag, müssen Dir notwendig die Ohren geklungen haben, süßes, bestes Herz, so viel war von Dir in meinem Zimmerchen die Rede und so viel wurde das reizende Porträt meines herzigen Liebchens bewundert, dem ich allerdings durch einige erläuternde (natürlich ganz kühle und objektive!!) Schilderungen, wenigstens etwas von den eigentümlichen Reizen einzuhauchen suchte, die ich mündlich und gründlich kenne und die auch die Photographie nicht wiedergeben kann. Dein Lob tönte aber von schönen Lippen wieder, denke Dir! Und die Gesellschaft, die auf meinem Zimmerchen Dich bewunderte und mich beehrte, waren, denke Dir - junge Damen! Erschrick nicht, liebster Schatz, noch bin ich Dir nicht untreu, wie Du gewiß denkst. Um Dir gleich jede Furcht zu benehmen, setze ich hinzu, daß es vornehme junge Damen waren, die mich besuchten und meinen, bisher nur von Studenten, Privatdozenten, Professoren und Hofräten und anderen dergleichen Nagetieren besuchten Palast, dem kein weibliches Wesen von Rechts wegen nahen darf, mit der Erscheinung der Krinoline beglückten (oder entweihten). Du hättest Dich über mein Zimmerchen gefreut, denn so hübsch hat es den ganzen Sommer noch nicht ausgesehen, alles prangte im höchsten Schmuck - an den Wänden Bilder und Photographien, auf dem großen Tisch, den eine überaus reizende grüne Decke (- ein Eichenzweig von Efeu umschlungen! -), eigentlich für die viel zu schlechte Erde bestimmt, schon seit langer Zeit herrlich schmückt, auf diesem großen Tisch prangte mein schönes Vesuvmodell. Auf den anderen Tischen lagerten die verschiedenen Mappen mit italienischen Reiseschätzen, mit Photographien, Zeichnungen, Aquarellen, Stereoskopen, kurz der ganze große Apparatus Italicus, über dessen Reichtum ich gestern selbst wieder erstaunte und die Jungfrau glücklich pries, die einst den Besitzer aller dieser Schätze unter das eiserne Joch ihres unbezwinglichen Willens beugen wird! Dann war die Stube noch mit anderen Herrlichkeiten geschmückt, mit den riesigen Stierhörnern von Messina, dem Bambus aus Palermo, auf dem Pult prangte eine Auswahl der schönen Glastierchen von Messina, und am Fenster standen zwei Mikroskope, unter denen man die zierlichsten Radiolarienformen schauen konnte. In den Ecken des Zimmers krochen die großen Seespinnen und Seesterne von Messina, und der Sommerpalast (nämlich das kleine traute Zimmerchen nach dem Prinzessinnengarten, in dem ich jetzt immer meinen reizenden Schatz auf den Knien, Mokka genieße) war mit den schönsten Blumen Capris geschmückt. Kurz, ich hatte zum ersten und letzten Male in diesem Sommer meinem lieblichen Palaste Feierkleider angelegt und dazu schien die Sonne, die acht Tage verborgen gewesen war, so prächtig hell und warm vom wolkenlosen Himmel, als wollte sie ein besonderes Fest mitfeiern. Es sah wirklich alles, die lockende Aussicht aus den Fenstern nicht ausgenommen, so lachend und festlich aus, daß mein herziger Schatz über dem Schreibtisch, trotz seiner photographischen Starrheit, ein süßes, liebes Lächeln nicht unterdrücken konnte, als ob seinem Empfange all diese Herrlichkeit gelte, und als sollte die kleine Professorin in Jena ihren Einzug halten.

Und doch galt das alles in Wahrheit nur anderen Mädchen! Aber ich muß Deinem gewiß aufs höchste gestiegenen bangen Herzklopfen nun ein Ende machen, Du armes Mädchen! und Dir sagen, daß dieses Mädchen, welches ich den ganzen Morgen sehnlichst erwartete, auch eine Braut war, nämlich niemand anders, als meine Leidensgefährtin (insofern nämlich auch sie wohl nächste Ostern in den bitteren Apfel des sorgenvollen Ehestandes wird beißen müssen!) - Fräulein Seebeck, welche mit ihren beiden EItern und mit einigen Bremenser Jungfrauen, die bei ihnen zum Besuch sind, gestern meine niedere (oder vielmehr hohe) Hütte mit ihrem Besuch beehrten, den sie schon lange versprochen hatten, und die Herrlichkeiten bewunderten, die Du ja auch kennst. Über zwei Stunden saßen sie auf meinem Sofa und es gab ein beständiges "Oh! Nein! Ach! Herrlich! Reizend! Nein, was sind Sie in Italien fleißig gewesen! Ach, was sind das für reizende Tierchen und Pflänzchen! Oh, die glückliche Braut, der dies alles zugehört! (Sie dachten dabei jedenfalls nicht an den schlimmen Mann, den sie mit in den Kauf nehmen muß!) Ach, was sind das für herrliche Bilder und welche Masse!" kurz alle die Ausrufe, die Du auch würdest haben hören lassen. So sind meine Schätze noch selten bewundert worden! Du kannst denken, wie mich das freute, und was ich dabei noch für ganz besondere Gedanken hatte.


Hast Du denn in der letzten Woche eine der Jenenser Personen gesehen, die jetzt in Heringsdorf Sommerfrische genießen? Herrn Professor Nipperdey habe ich noch besonders gebeten, "Bezolds Braut" zu grüßen und ihr zu berichten, daß ihr Liebster, trotz seines Feriengefängnislebens, sich ganz wohl befinde. Auch Fräulein Droysen muß jetzt mit ihren Eltern dort sein. Schwärme diesen Leuten nur nicht zu viel von der herrlichen Jenenser Natur vor; sie kennen sie nämlich gar nicht. Droysen hat, so lange er hier war, immer nur über das elende Nest geschimpft, ohne auch nur ein einziges Mal seine Herrlichkeiten geschaut, ohne ein einziges Mal einen Berg bestiegen zu haben! Dasselbe gilt übrigens von den allermeisten anderen Professoren ebenso, welche gar nicht wissen, in was für herrlicher Natur sie leben, und von den hiesigen köstlichen Bergen und Wäldern gerade so viel genießen, als ob sie in Leipzig oder Greifswald säßen. Was hilft ihnen diese Prachtnatur:


"Die Geisterwelt ist nicht vers ch1ossen!
Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist tot!"


Gegenbaur, der in der Tat gerade so viel und ebenso leidenschaftliche Liebe zur Natur und zu dieser allein besitzt, wie ich, ist nebst mir der einzige, der die herrlichen Berge und Wälder, Täler und Quellen so genießt, wie sie es verdienen. Er hat in den sechs Jahren seines Hierseins alles mit jedem Jahre lieber gewonnen und teilt ganz meine enthusiastische Naturverehrung, wenn wir zusammen wandern. Er versichert mir, daß ich, trotzdem wir eigentlich nur Sonntags (und auch dann nicht immer) einen ordentlichen Spaziergang gemacht haben, schon viel mehr von der Gegend kenne, als die übrigen Akademiker zusammengenommen. Auf dem Gentzig zum Beispiel ist kein einziger gewesen. Seebecks, die nun über zehn Jahre hier sind, kennen weder den Gentzig noch die Kunitzburg, noch das Schwarzatal, noch irgendeinen anderen der herrlichen Punkte, an denen die Gegend so reich ist. Also wundere Dich nicht, wenn die Jenenser, denen Du begegnest, nichts von Jena wissen wollen, weil sie nichts davon kennen! So werden wir's nicht machen, gelt, liebster Schatz?!


Jena, 5.9.1861

Ich denke, Montag, den 9. September, abzureisen und drei Tage in Berlin bei den Alten zu bleiben. Wegen der Radiolarien habe ich noch verschiedene Laufereien. Jedenfalls werde ich erst Freitag, 13. September, aus Berlin fahren und abends!!! Ja dann!!!


Berlin, 2.10., abends 6 Uhr


Vergebens, liebster Schatz, daß ich bald dies, bald jenes Buch in die Hand nehme, um mich zu zerstreuen und den dummen Sinn auf andere Gedanken zu bringen. Er weilt trotz alledem nur bei Dir, meinem Liebsten, Besten, dem Einzigen, um dessentwillen ich leben will und kann. Du glaubst nicht, wie schwer es mir wird, von Dir getrennt zu sein. Und da uns die grausame Tyrannei das Zusammenleben verbietet, suche ich mir in dem trockenen Papier und der lahmen Feder einen schwachen Trost für die Trennungszeit:


"Wo ich Dich nicht hab', ist mir das Grab,
Die ganze Welt ist mir vergällt,
Mein armer Kopf ist wie verrückt,
Mein ganzer Sinn ist mir zerstückt!"

Ich bin wirklich zu gar nichts tauglich, liebste Änni, und auf mich so böse, daß ich mich gern ganz vergessen und nur in Dich, liebstes Wesen, vertiefen möchte. Vergeblich habe ich gestern und heute versucht zu arbeiten. Die Arbeit erscheint mir so schal, so trocken, die ganze Wissenschaft, die mir früher alles war, so nichtig und leer, daß ich mich selbst nicht wiedererkenne. Ich erschrecke vor diesem heruntergekommenen Jünger der Wissenschaft, der ihrer wirklich nicht mehr wert ist und kann doch bei aller Anstrengung des Willens seinen Sinn nicht abwenden von dem reizenden Magnet, der ihn unwiderstehlich fesselt. Wenn ich nicht hoffen dürfte, daß die heißersehnte Vereinigung und das Zusammenleben mit Dir mir die alte Tatenlust und Arbeitskraft, die alte Naturliebe und Spannkraft wiedergeben würden, so wäre es wirklich das beste, diesem unnützen jämmerlichen Leben ein rasches Ende zu machen. Warum mußte gerade mir, einem so zum Naturforscher geborenen Kinde, die Natur eine solche Fülle tiefsten und innigsten Gefühls mitgeben, daß darunter der Naturforscher zugrunde geht?

So wie jetzt kann übrigens die Lage nicht bleiben. Der Gedanke, so nahe bei Dir zu sein, nur so wenig entfernt, daß mittels eines Sprunges über die Gartenmauer die flüchtigen Turnerfüße in kaum fünfzehn Minuten mich zu Dir bringen können, und dann doch nicht zu Dir kommen zu dürfen, ist mir unerträglich. Entweder Du oder ich müssen das Feld räumen. Entweder gehst Du nach Freienwalde oder ich nach Jena. Bin ich so weit von Dir entfernt, daß ich Dich nicht erreichen kann, so ist's gut. Dann füge ich mich der harten Notwendigkeit und kann arbeiten. So aber halte ich's absolut nicht aus.

Heute früh habe ich einen ganzen Haufen alter Bekannter zusammen getroffen, die ich lange nicht gesehen: Doktor Kunde aus Rom, Kühne aus Paris, Schenk aus Würzburg, Bezold, Schneider, Peters usw. Wie schwach ist aber doch alle Intensität der Freundschaft gegenüber dem verzehrenden Feuer der innigsten Liebe! Dürft ich nicht hoffen, liebster Schatz, bald mit Dir vereint zu sein, ganz in Dir aufzugehen und ein glückseliges Leben mit Dir zusammen führen zu dürfen, ich müßte rein verzweifeln! Selbst das sonst so liebe Elternhaus kommt mir so fremd vor, wenn Du nicht da bist, bester Schatz, daß mir oft ganz bange und beklommen ist.


Jena, 4. 11. 1861




Denke Dir, Gegenbaur und Bezold haben mir gestern übereinstimmend versichert, daß sie mit Seebeck über mich gesprochen haben, und daß er versichert habe, er warte nur das Erscheinen des Buches ab, um mich zum Professor zu machen, er müsse aber erst dieses Dokument haben, um damit gegenüber der übrigen neidischen Welt sich und seinen Schritt zu rechtfertigen und zu motivieren! Was sagst Du dazu, meine süße kleine Herzensprofessorin? Daß ich jetzt das äußerste Maximum der Kräfte anspanne, um die Radiolarien möglichst bald ganz zu vollenden, kannst Du denken, liebster Schatz, und ich werde alles aufbieten, um bis Weihnachten völlig mit dem Werk, das heißt mit dem Manuskript, fertig zu sein.

Um die Freude nicht übermäßig werden zu lassen, wurde ich auch mit einer Trauerbotschaft empfangen! Der gute Doktor von Bartels ist in Messina an einem Blutsturz gestorben, ehe er noch nach Ägypten gehen konnte! Für ihn ist es so jedenfalls das beste! Bei seinen ultra-idealen Bestrebungen wäre er nie glücklich geworden, da er sich nie in die Unvollkommenheiten des Menschenlebens finden konnte! Ich selbst verliere viel an der treuen Seele, die mich liebte wie wenige und für mich ins Feuer und in die Hölle gegangen wäre. Wie viel besser würde es in der Welt aussehen, wenn es nur ein Prozent, ja nur ein Promille solcher edler, trefflicher, uneigennütziger, egoismusloser Charakter gäbe! Jetzt hat das arme ungestüme Herz, das so heiß nach dem Guten und Wahren strebte, und es nie so erlangte, wie es wollte, Frieden und Ruhe! Sanft ruhe die Asche des edlen, treiflichen Jünglings!

Nun willst Du wohl was von der Herfahrt hören, liebster Schatz. Es ist wenig zu berichten: Ich war in Darwin vertieft...


Jena, 8.11.1861




Einen solchen sonnigen, wonnigen Sonntagmorgen hast Du gewiß noch nie gehabt, mein süßer, bester, einziger Schatz, als der heutige Dir sein soll, wenn es auch draußen noch so sehr tobt und stürmt und das wilde Novemberwetter sich abmüht, den holden Frühlingsmorgen, der uns beide beseligt, zu bekämpfen. Wie soll ich Dir mein Glück, meine Wonne sagen, liebster Schatz! Denke Dir, alles, was ich Dir im vorigen Briefe noch halb mißtrauisch und zweifelnd mitteilte, ist süßeste, holdeste Gewißheit! Gestern morgen ist Gegenbaur noch einmal bei Seebeck gewesen und gestern nachmittag hat er mir auf dem Spaziergange mein ganzes Glück mitgeteilt! Was ich im vorigen Briefe noch nicht glauben konnte, ist die herrlichste Gewißheit! Seebeck hat gesagt: "Daß der Vollendung des Buches, das heißt dem Erscheinen, die Ernennung auf dem Fuße folgen werde, er bedaure nur, daß das Buch noch nicht erschienen sei; was mich beträfe, so sei er längst darüber im reinen und ernenne mich lieber heute als morgen, er bedürfe aber bei seiner Verantwortlichkeit durchaus das Buch als Handhabe, um seinen Schritt zu rechtfertigen."

Die Sache ist also jetzt ganz gewiß. Gegenbaur hat auch die Operationen auseinandergesetzt, die dabei noch ausgeführt werden müssen; eins ist aber dringend nötig: die größte Verschwiegenheit, aus Gründen, die ich Dir schriftlich nicht auseinandersetzen kann. Kommt die ganze Sache vor der Zeit an den Tag und wird sie allgemein bekannt, so gibt es Personen, in deren Macht es steht, die ganze Sache zu zerstören. Also nochmals die dringendste Bitte, das strengste Stillschweigen zu bewahren. Gegenbaur war schon böse, daß ich Dir überhaupt davon geschrieben hatte. Es ist nötiger, als Du denken kannst. Vor allem Sorge also, daß Deine Mutter und die beiden Alten, mit denen Du schon davon gesprochen haben wirst, nicht plaudern, namentlich nicht im Kreise der lieben Verwandten. Sollte etwa schon ein Wort entflohen sein, oder solltest Du gefragt werden, so sprich vom nächsten Winter, deute lieber dunkel auf eine andere Aussicht hin, die ich hätte oder was sonst das beste ist, um die berufene Neugierde auf falsche Fährte zu lenken. Denke, daß ein unvorsichtiges Wort das ganze Glück, das uns jetzt selig macht, verderben kann! Im stillen aber rüste und bereite alles zur Hochzeit! zur Hochzeit!!!

Die schönste Zeit habe ich jetzt zum Arbeiten, da ich mein Publicum, welches ich heute anfangen wollte, aufgesteckt habe, um mehr Zeit zu sparen; es tat mir insofern leid, als über zwanzig Zuhörer erschienen waren. Die Zoologie kostet nur sehr wenig Zeit, dank der Sorgfalt, mit der ich sie vorigen Sommer durchgenommen habe. Die Vorbereitung dazu erfordert täglich nur ein bis zwei Stunden. Das Kolleg lese ich von zwölf bis ein Uhr. Von ein bis drei Uhr sitzen wir beiTisch zusammen. Von vier bis fünf Uhr turne ich dreimal wöchentlich! Sonst sitze ich von früh sieben bis nachts ein Uhr in meinem höchst behaglichen, gemütlichen und warmen kleinen Arbeitskämmerchen und schreibe Radiolarien, so lange es der Arm aushalten will. Könnte nur alles gleich so gedruckt werden!

Eben bringt mir der Bote Deinen Brief, liebstes Herz, den ich den ganzen Tag sehnlichst und längst erwartet habe. Mir ist, als könnte ich jetzt gar nicht genug von Dir hören. Leider ersehe ich daraus, daß Du immer noch nicht ganz munter bist und heraus darfst. Was macht denn das Ohr? und der Hals? und die sonstigen rappligen Stellen des kleinen jammerlappigen Kadaverchens? Änni, Änni, das mußt Du alles fix fortjagen, sonst holt Dich am Ende Dein Doktor gar nicht zum Frühjahr ab!! Oder er holt sich eine andere, was meinst Du??

Ach, Liebchen, so lieb, so innig lieb, so über alles lieb, wie ich Dich, mein Leben, mein Glück, meine Wonne habe, könnte ich doch nie eine andere haben! Wie lebhaft trat mir dies wieder gestern vor die Seele, wo wir den armen Professor Ule begraben haben. Dienstag ist er seinem Leiden (Schwindsucht) erlegen, vierzehn Tage nach seinem Vorgänger Leubuscher! Die unselige kleine Frau! Denke Dir, neunzehn Jahre alt, elf Monate verheiratet! Dabei erwartet sie in wenigen Wochen ihre Niederkunft! Wie wir ihn gestern einsenkten, trat mir recht lebhaft wieder der Fall von der armen Lachmann vor die Seele! Liebchen, was würde ich ohne Dich sein?! Ich wage den Gedanken nicht auszudenken, Dich je zu verlieren! Mit Dir ginge mein Bestes, mein Alles, mein Leben, mein Glück hin; es bliebe mir nichts übrig, als Dir sogleich zu folgen! - Du bleibst aber bei mir, gelt, mein bestes Herz?!

Jena, 14. 11.1861




Wie hat's mich gefreut, aus Deinem Briefe zu sehen, süßes Herz, daß Du wieder wohler bist und ausgehen darfst. Nun halte Dich frisch und munter und nimm Dein liebes, süßes Körperchen recht in acht! Denn zur Hochzeit muß das ganz frisch und blühend sein, das versteht sich. Ich schaffe mir dann auch rote Backen an, die jetzt bei dem Nachtarbeiten ziemlich verblichen sind. Von mir kann ich Dir wenig berichten, liebster Schatz, was über den Kreis unserer Wonnegedanken hinausginge. Mein einziges Streben ist, bis Weihnachten mit dem Buche fertig zu werden und diesem ordne ich alles andere unter! Ich lebe wie ein Einsiedler und arbeite wie ein Galeerensklave - oder wie ein Tagelöhner, sagen meine Freunde! - Wenn Du mal um eins oder halb zwei Uhr noch wach liegen solltest, liebster Schatz, dann denk an Deinen Erni, der sich dann auch müd und matt ins Nest legt, mit den seligsten Gedanken vom kommenden Frühling! Ich leiste natürlich alles mögliche, damit ich Dich Ostern holen kann; sonst müssen wir noch bis Pfingsten Geduld haben. Das ist aber jedenfalls der äußerste Termin! Mit wahrhaft fiebernder Unruhe setze ich mich immer abends an die Arbeit und verwünsche die Feder, daß sie so langsam hinter den Gedanken herkriecht!


Jena, 20.11. 1861




Mit welcher Hast ich jetzt abends an die Arbeit gehe und schreibe und schreibe, bis es absolut nicht mehr geht, kannst Du denken, süßes Herz! An mir soll es gewiß nicht liegen, wenn nicht zu Ostern Frau Professorin Haeckel-Sethe hier einzieht. Manchen Abend habe ich jetzt so lange geschrieben, bis mir die Hand ganz lahm wurde oder bis mir, im eigentlichen Sinn des Wortes, die Gedanken ausgingen und ich mich zuletzt besinnen mußte, daß jeder Satz ein Subjekt und ein Prädikat haben will. Solche schwachen Momente kommen zum Glück selten und gewöhnlich erst nach Mitternacht. Dann kriecht der Erni ins Nest und verwünscht den müden Kadaver, der nicht will wie er. Könnte ich Dich nur manchmal so ein Stündchen hier haben, Du süßes Herz, da wollte ich mir wohl Kraft und Ausdauer holen, um die ganze Nacht durchzuarbeiten! Schicke mir doch manchmal um ein Uhr oder zwei Uhr nachts ein paar muntere liebe Gedanken von Dir herüber. Du beste Änni, könnte ich Dich doch für mich mit schlafen lassen, dann sollte zu Weihnachten gewiß alles ganz fertig sein!

Im übrigen fleckt die Arbeit wirklich so gut, als ich nur wünschen kann, was ich größtenteils meiner reizenden Wintereinsamkeit auf meinem stillen Wartturm verdanke. Denn wie auf einem Wartturm lebe ich wirklich; der Telegraphengucker auf dem Monte Solare in Capri kann nicht stiller und einsamer leben. Auch muß mein kleines Lämpchen wie ein Leuchtturm für das ganze Saaletal dienen. Denn wenn ganz Jena in Finsternis und Schlaf liegt, leuchtet das kleine Erkerstübchen hoch oben in der Böhmeschen Ziegelei noch bis ein oder zwei Uhr auf die Saalewiesen herab und grüßt den Gentzig und die Kunitzburg, die in ihren weißen Schneemänteln ihm in das eine Fenster lugen. Da die Jenenser die Entfernung von hier bis zur Stadt im Winter ganz unerreichbar finden, so verschont mich alles mit seinem Besuche, und die kleinen Meisen und Finken aus dem Prinzessinnengarten, die die Brotkrumen von der Fensterbank picken, sind die einzigen Gäste, die mich tagsüber besuchen. Abends kommen dafür die Mäuschen aus den Ecken! Für heute genug, süßes Herz, die Radiolarien rufen wieder!

Jena, 6. 12.1861

Wie ich dieseWoche gearbeitet habe, kannst Du daraus entnehmen, daß ich noch drei Arbeitsstunden täglich (von ein bis drei Uhr nachts und von zwei bis drei Uhr nachmittags, wo ich sonst mit meinen Freunden Kaffee trank) zugesetzt habe. Früh habe ich also jetzt vier Stunden zum Zeichnen der Tafeln (von denen ich heute die vorletzte vollendet habe), von acht bis zwölf, von zwölf bis eins Kolleg. Mit diesem geht's jetzt vortrefflich. Trotzdem ich mich fast gar nicht, oder höchstens eine Stunde täglich präpariere, geht's viel besser, als im vorigen Sommer. Auch die Zuhörer (sieben) sind sehr fleißig, kommen sehr regelmäßig (fast täglich sechs oder alle sieben) und haben sich alle ein großes Heft angelegt, in dem sie nachschreiben, als diktierte ihnen der Heilige Geist! Dies macht mir, wie Du denken kannst, viel Freude, besonders auch, daß einer das Kolleg noch einmal hört, der es schon vorigen Sommer sehr fleißig hörte. Außerdem habe ich fast einen Tag um den anderen ein paar Hospitanten. Das sind also schon ganz gute Ansätze zu einem ordentlichen Professor! - Nach Tisch arbeite ich gewöhnlich von zwei bis vier Uhr, gehe dann eine Stunde turnen, welches mich, glaube ich, allein noch gesund und frisch erhält, und lese dann von fünf bis sechs Uhr Zeitungen. Fast immer wird eine volle Stunde daraus, da ich mit dem leidenschaftlichsten Interesse unsere Wahlen und den ganzen herrlichen Freiheitsaufschwung unseres Volkes verfolge, der uns hoffentlich diesmal ein gut Stück weiter bringen wird. Wenn nur der König nicht so entsetzlich dumm wäre!

Von sechs bis zwei Uhr ist die eigentliche Arbeitszeit, und da bringe ich allerdings jetzt täglich mehr fertig als früher in Berlin in einer Woche. Wäre da nicht immer ein kleiner verderblicher Magnet am Hafenplatz (in einem kleinen reizenden grünen Tempel) gar zu wirksam gewesen, so wäre ich wohl längst fertig! Hätte ich Gegenbaurs Rat befolgt, schon im Winter 60/61 hier zu sein, dann säße vermutlich schon jetzt eine kleine Professorin hier neben mir!

Hier ist jetzt "grande saison" - fast einen Tag um den anderen Souper oder Diner oder Ball oder Tee usw. usw. Ich habe fast siebenmal die Woche das Vergnügen, eine derartige Einladung abzuschlagen und hoffe, bald gänzlich verschollen zu sein. Dafür habe ich mir diese Woche zweimal das Vergnügen eines größeren Spazierganges mit meinen Freunden gegönnt. Beide Male war das herrlichste Winterwetter - ich sah aber nur die Landschaft des nächsten Sommers vor mir!!


Jena, 13.12.1861




Das wäre also wieder der letzte schriftliche Gruß, mein süßer Schatz, den ich Dir in diesem verhängnisvollen Jahre sende; in acht Tagen bin ich wieder selbst bei Dir, um das liebe Weihnachtsfest mit Dir zu feiern und das noch viel verhängnisvollere Jahr 1862 anzutreten. Wie ich mich diesmal auf Weihnachten freue, brauche ich Dir nicht erst zu sagen; Du brauchst bloß in Dein eigenes liebes kleines Herz zu sehen, um zu wissen, wie unbändig sich meines schon wieder freut! Und was wird's da noch alles zu besprechen und zu beraten geben! Handelt es sich ja doch darum, daß Du liebes, liebes Herz den größten und wichtigsten Schritt nun bald tun sollst, der Dir Deine Freiheit raubt und Dich zur Sklavin eines gar schlimmen Herrn und Gebieters macht! Du armes Kind!! Ist Dir nicht ganz bange bei dem Gedanken? Schaffe Dir nur ja die "anstandsmäßige" Ruhe und Würde an, um mit der erforderlichen Gravität und dem nötigen Ernst Dich Deinem Ernste, dem Ernst Deines Lebens, in die Arme zu werfen!

Was mir jetzt immer alles durch den Kopf geht, ist wirklich schlimm und ich hoffe, daß Du nicht so zerstreut und geistesabwesend bist, wie Dein unnützer Erni, der deshalb in der letzten Woche viel Neckereien hat aushalten müssen; ich glaube sogar, daß die Studenten im Kolleg etwas davon empfunden haben! Im ganzen war die Existenz der letzten Woche nicht gerade sehr reizend, da die Anstrengungen der Wochen vorher, die denn doch alles vorher Geleistete übertrafen, erst jetzt ihre schlimmen Nachwirkungen zu äußern scheinen. Summa summarum: ich bin in den letzten Tagen so kaputt gewesen, daß wirklich nichts Gescheites mit mir anzufangen war, und daß auch die abendliche Arbeit nicht so, wie sonst, vorwärtsging. Der ganze Kadaver war so herunter, der Kopf so wüst und schwer, daß ich mich selber tausendmal verwünschte und was darum gegeben hätte, wenn ich ein bißchen bei Dir hätte ausruhen und neue Kräfte sammeln können. Ein paar Abende habe ich vor der Arbeit gesessen und so gut wie nichts zustande gebracht; seit vorgestern geht's schon wieder besser und ich hoffe bald wieder ganz in Zug zu kommen.

Das Schlimmste, was mich am meisten geärgert und gekränkt hat, ist, daß nun doch, trotz aller möglichen Anstrengungen, das Buch nicht bis Weihnachten fertig geworden und daß ich also doch noch einen leidigen Rest in das neue Jahr mit hinüberschleppe. Insofern kann ich mich allerdings trösten, als es für den weiteren Druck zunächst gleichgültig ist. Wann der eigentlich fertig werden soll, wird mir immer rätselhafter und wenn ich mir die Aussichten für den Sommer nach der jetzigen Sachlage zurechtlege, wird es mir immer wahrscheinlicher, daß wir erst im Herbst das Ziel unserer Wünsche erreichen werden. Werde mir deshalb nicht gram, liebster Schatz, und werde nicht so unartig und ärgerlich, wie Dein unnützer Erni, den diese Verzögerung so grämt, daß er lieber gar nicht die eitle Hoffnungsfreude vor ein paar Wochen genossen hätte. Indes, was hilft alles Ärgern und Kränken!? Pazienza, pazienza, molte pazienza! Vielleicht ist es für uns beide heißblütige Naturen ganz gut, liebstes Herz, daß wir noch bis zuletzt ein bißchen gequält und zahm gemacht werden!

Nun also noch einen letzten schriftlichen Gruß im Jahre 1861, liebstes Herz, von Deinem müden, müden Erni, dem die Augen zufallen und die Finger, die schon sieben Stunden geschrieben haben, lahm werden. Drei Uhr ist fast wieder da und ich wünsche Dir einen so guten Schlaf, als ich hoffentlich heute haben werde.



Jena, 7. 1. 1862


Glück auf! soll das erste Wort sein, mein süßer, lieb er Schatz, das ich Dir von hier aus im Jahre 1862 zurufe. 1862! In diesem für uns wichtigsten und bedeutungsvollsten aller unserer Lebensjahre, welches unsere süßesten Hoffnungen erfüllen und unsere kühnsten Wünsche verwirklichen soll! Daß diesmal in der Tat unsere holden Träume nicht wieder in Schaum zerfließen, sondern zur liebsten Wirklichkeit werden sollen, ist sicher, und alles, was ich bis jetzt mit Gegenbaur über die wirkliche Vollendung des Planes gesprochen, bestätigen nur das, was Du schon weißt, und geben uns also die vollste beglückendste Sicherheit!

Die Ermattung der letzten Tage, die wirklich so arg war, wie seit langer Zeit nicht, ist nach einem kräftigen zehnstündigen Schlafe der früheren Kraft gewichen und besonders, seitdem ich gestern das Turnen wieder begonnen, fühle ich mich wieder ganz wohl. Das alte Einsiedlerleben in der lieben kleinen Klause hat wieder begonnen und die vierzehn Tage Weihnachtsferien kommen mir kaum wie ein vierzehnstündiger Traum vor! Dafür sollen die sechs Wochen Osterferien um so besser werden! Gelt, mein Herz!


Jena, 20.1. 1862


Wie reizend es übrigens auch im Winter hier in der Böhmeschen Ziegelei ist, kannst Du daraus ermessen, daß ich auch jetzt, wo ich sonst den ganzen Tag friere und mich lebhaft in den Winter von Messina zurück versetze, noch nicht ein einziges Mal bereut habe, hier wohnen geblieben zu sein. Die Berge mit dem Schneemantel sind gar zu prächtig. Besonders imposant ist wieder der herrliche Gentzig, an dem ich mich nicht genug erfreuen kann. Die von keiner Menschenseele gestörte Natureinsamkeit ist so reizend, daß hier auch im Winter der wonnigste Aufenthalt für ein glückliches, junges Ehepaar sein muß. Allein, daß man schon von der anderen Menschheit so entfernt ist, ist gar zu wertvoll! Gern will ich für diesen Preis wochenlang frieren!


Jena, 4.2.1862


Noch sechs Briefe bekommst Du aus Jena, mein liebster, bester Schatz, und dann hat hoffentlich die Korrespondenz mit Jena für immer, oder wenigstens für lange Zeit Ruh, und statt der lieben Briefe hast Du dann stets einen Mann bei Dir, - eine schwere, schwere, ernste Lebensaufgabe, um die ich Dich armes kleines Ding aufrichtig bedauern würde, wenn ich's imstande wäre! Bereite Dich nur ja zu dem schweren Schritt, der Deinem Leben eine so ernste Wendung gibt, gehörig vor, liebste Änni, und stelle Dir nur das Leben als Prüfstein ja recht traurig und öde vor; denn in Wirklichkeit wird's ja nachher noch viel schlimmer! So ein Professor ist eine gar kuriose Pflanze, und ich könnte gar nicht mit ihm auskommen. Und Du willst ganz bei ihm bleiben? Dummes Kind. Wie dauerst Du mich!!

Nachdem ich solchermaßen meinen christlichen Pflichten als zukünftiger Ehemann genügt und Dir einen ernsten Blick in die düstere Zukunft, der Du entgegengehst, eröffnet habe, mein liebster, bester Schatz, mußt Du mir wohl erlauben, Dir zu sagen, wie ich leider von dieser ernsten Besorgnis, die Dich jetzt erfüllen wird, auch nicht die Spur in mir selbst fühle, wie im Gegenteil mein ganzes Herz lacht und jubelt und springt, wenn ich ihm erzähle, daß ich in ein paar Monaten nicht mehr mein eigener Herr bin, sondern ein gar liebes, süßes Ding überall und immer bei mir habe, das mir vielmal so lieb ist, wie mein eigenes Leben! Welche Veränderung muß das in allem und jedem geben! Vielleicht freust Du Dich auch ein bißchen auf unsere gemeinsame Zukunft, so aber wie ich, glaube ich doch nicht; beginnt ja doch für mich ein ganz neues Leben, ein Leben, nach welchem wohl wenige Männer solche Sehnsucht haben, wie gerade ich, von dem seine Freunde behaupten, daß er viel zu viel Gefühlsmensch sei, und daß er mehr, als recht ist, in Gefühle lebe und denke!

Mit welcher Spannung ich nun der Entscheidung der nächsten sechs Wochen entgegensehe, kannst Du denken; je näher der verhängnisvolle Termin rückt, desto mehr freue und sehne ich mich; desto mehr wird mir aber auch bange, daß doch am Ende diesmal wieder ein Querstrich durch die Rechnung gemacht wird. Die Verhältnisse hier bieten so eigentümliche Schwierigkeiten, daß mir minutenweise die Erfüllung meiner süßesten Hoffnung eine Unmöglichkeit dünkt; dann aber wieder bricht eine solche holde Hoffnungssonne durch den grauen Himmel der trüben Bangigkeit, daß ich vor Wonne laut aufjubele, und daß das ganze reizende Tal von Jena im schönsten Frühlingsschimmer mich anlacht! Es würde mir gar zu schwer werden, sollte ich noch einen Sommer ohne Dich hier zubringen. Wird aber wirklich etwas aus unserer Hoffnung, so will ich wirklich glauben, daß ich ein rechter, ganzer Glückspilz und ein rechtes ausgesuchtes Sonntagskind bin, was ich bisher immer nicht habe glauben wollen. Es wäre doch gar zu reizend, wenn wirklich das in Erfüllung ginge, was wir uns vor vier Jahren als ein kleines Ideal hinstellten, in dem wir alle unsere Wünsche zusammenfaßten. Nun, in acht Wochen wissen wir's gewiß!

Vorgestern, Sonntag, habe ich mich einmal ordentlich ins Freie gemacht, um Luft zu schnappen, und habe mit Gegenbaur und Gerhardt einen herrlichen vierstündigen Spaziergang durch den Forst gemacht, wo ich allen Bäumen und Felsen und allen Gräsern und Moosen erzählt habe, was für ein reizendes kleines Frauchen ich ihnen im Frühjahr zuführen würde. Du glaubst nicht, wie lustig sie mich ansahen, und vor Freude sah ich schon in Gedanken alles ringsherum grün und neben mir meinen herzallerliebsten Schatz! Den Rückweg machten wir durch einen neuen reizenden Waldgrund, den ich noch gar nicht kannte, ein Nebental des lieblichen Ammerbacher (Amor! bacher) Grundes, der mich ganz in das Hochgebirge versetzte.

Jena, 16.2.1862


Um Dir die Trennung am heutigen Tage zu erleichtern, schicke ich Dir ein paar von meinen Lieblingsliedern, den reizenden Schnaderhüpfeln von der Alm mit; studiere sie ja recht eifrig, um sie im Herbst, wenn Du sie in natura hören wirst, ordentlich verstehen zu können. Ein paar Strophen, die Du Dir besonders einprägen mußt, habe ich Dir noch nebenbei mit abgeschrieben! Zu meinem großen Bedauern hat sich auch mein dienstbarer Geist auf dem blauen Umschlage des Liederbuches verewigt, indem er Dir einen getreuen Abdruck seiner schmierigen Fettfinger mitschickt! Du kannst Dir danach einen Begriff machen von der Reinlichkeit, mit welcher dieser Schmierbesen, Minna geheißen, die Stubenpolizei in meinem Hotel ausübt! Offenbar fühlte sich der edle Besen von den Bildern und Liedern so angezogen, daß er, ohne erst das abgewischte Öl von den Fingern zu waschen, sich in ihr Studium vertiefte und so dem blauen Deckel die Schandflecke beibrachte, die ich nicht lebhaft genug bedauern kann!

Jedenfalls siehst Du daraus, liebster Schatz, wie nötig es ist, daß Du recht, recht bald herkommst und der traurigen Junggesellenwirtschaft ein Ende machst! Wenn Du sähest, wie schwer mir täglich das Waschen der Teekannen, das Abwischen der Tische, das Putzen des Trinkglases wird, würdest Du schon aus reinem Mitleid oder vielmehr aus christlich-platonischer Liebe zu diesem unglücklichen Privatdozenten hereilen und ihm als hilfsreichen Engel diese kleinen weiblichen Beschäftigungen abnehmen! Vielleicht zieht Dich auch sonst noch etwas her! Wenigstens glaube ich, daß es Dir doch nicht ganz so schlimm bei mir gefallen würde! Freilich halten mich die Leute für ein ganz unmenschliches Wesen, und selbst meine Freunde behaupten manchmal, ich müßte "menschlicher" werden!


"Ä frischer Bu' bin i', bei de Leute veracht't,

Und jetzt bin i's schon gewöhnt, daß ma's gar nix mehr macht!"

Aber ein Mensch versteht mich doch. Und das ist mein lieber, lieber, einziger Schatz, meine herzige, beste Änni, die in wenigen Wochen ihrem achtundzwanzigjährigen Erni ganz und gar angehören wird; in dieser süßen Hoffnung, die diesmal gewiß nicht zuschanden wird, laß Dich herzen und küssen von Deinem lieben, treuen Erni' hoffentlich bald Dein Mann und Professor!



Jena, 17.2. 1862


Fast der ganze Vormittag meines Geburtstages ging gestern mit süßer Änni-Träumerei hin. Wenn Du Dich erinnerst, liebster Schatz, mit welcher Bangigkeit wir noch heute vor einem Jahre der fernen Zukunft ins Gesicht sahen, wie schwer der Beginn der akademischen Laufbahn (sicher der schwerste von allen Anfängen), wie dunkel und unsicher die ganze nächste Zukunft vor uns lag, so wirst Du ganz mit mir Dich darüber freuen, wie glücklich alle diese Schwierigkeiten überwunden sind. Recht inniges, stilles Dankgefühl durchzog heute und gestern all mein Denken, wenn ich mir klarmachte, wie schön jetzt alles für mich zum herrlichsten, glücklichsten Leben vor bereitet ist! Um meine Änni-Wonne zu erhöhen, holte ich mir ihre lieben, lieben Lieder und die herzigen Briefe heran, die sie mir in die italienische Verbannung geschrieben, dann sah ich ihr liebes, kleines Bild an, das wieder viel Küsse hat aushalten müssen! So verging denn der ganze Vormittag des neuen Jahres in den süßesten Glücks- und Liebesgedanken, und nachmittag hatte ich auch noch recht Zeit, dieselben weiter auszuspinnen.

Schon am Samstag hatte ich mit Gegenbaur und Gerhardt einen größeren Spaziergang verabredet; und beim frischesten, schönsten Winterwetter führten wir ihn dann gestern nachmittags aus. Wir machten die große und mir noch unbekannte Tour, welche wir schon im Sommer projektiert hatten, ohne sie jemals auszuführen: das sogenannte Hufeisen, ein überaus herrlicher Waldweg, welcher auf dem Gipfel des Gentzigs beginnt und in einem großen hufeisenförmigen Bogen nach der Kunitzburg hinüberführt. Trotzdem wir starken Schritt gingen, hatten wir zur ganzen Tour doch vier volle Stunden nötig. Der ganze Weg bis zur Kunitzburg führt auf der Höhe der Berge hin und bietet eine Fülle der schönsten Aussichten in verschiedene Täler, die im Sommer ganz reizend sein müssen. Fast den ganzen Weg ging ich so gut wie allein, da meine Freunde, in medizinische Gespräche vertieft, ein gut Stück zurückblieben, und so hatte ich den ganzen Weg in Gedanken die reizendste, liebste Begleiterin, ein gewisses kleines Frauchen mit blauen, treuen Augen und blondem Haar, das immer neben mir hersprang und mich frug, ob es wohl ein glückseligeres junges Ehepaar geben könnte, was ich denn trotz meiner Zweifelsucht aufs entschiedenste verneinen mußte. So hast Du mir denn durch Dich selbst wieder gestern das glücklichste Gefühl beschert, Dich zu besitzen, Du liebe, kleine Seele, die Du immer so lieb, wahr und natürlich bleiben mußt, um Deinen treuen Erni zum glücklichsten Manne zu machen.

Je länger ich hier noch allein existiere, desto lebhafter wird die Sehnsucht nach der Vereinigung mit Dir lieben Seele, welche mir die Ruhe und den Frieden bleibend bringen muß, den ich ohne Dich nicht finden kann. Wie anders wird mir meine ganze Existenz erscheinen, darf ich erst immer und ganz mit Dir zusammen sein, mit Dir, die mich ganz kennt und versteht, während ich von den anderen Leuten fast nur nach einer oder der anderen Seite hin mißverstanden werde. Diese Gedanken sind mir besonders in der letzten Zeit täglich wieder mit besonderer Lebhaftig keit vor die Seele getreten. Einen rechten Gemütsumgang habe ich unter meinen hiesigen Freunden doch gar nicht. Am nächsten stehe ich immer noch Bezold, der aber wieder zu verschiedene Interessen hat. Mit Gegenbaur werde ich bei seiner furchtbaren Schroffheit und Einseitigkeit wohl nie auf einen warmen Fuß (der bei ihm überhaupt nicht möglich ist) gelangen. In den letzten Wochen sind wir mehrere Male hart an einandergeraten, da er nicht nur entschiedener Großdeutscher ist und für ein österreichisches oder bayrisches Deutschland schwärmt, sondern auch - zu meiner wirklichen Überraschung - in politischer Beziehung entschieden illiberale, um nicht zu sagen reaktionäre Ansichten hat, bei seiner sonstigen Freisinnigkeit mir unbegreiflich. Gerhardt ist nun vollends ganz in diesen Ansichten verrannt, haßt Preußen, wie alles Norddeutsche, aufs grimmigste (natürlich ohne es zu kennen!), und da Bezold, der sonst auf meiner Seite steht, in den letzten vierzehn Tagen im Bett lag, so haben die unvermeidlichen politischen Tischgespräche unsere gegenseitigen Beziehungen nicht gerade wärmer gemacht. Für mich haben diese unangenehmen Situationen wenigstens das eine Gute, Schweigen und Selbstbeherrschung zu lernen, was auch wohl sehr nötig war!


Jena, 24.2. 1862


Ich habe die gute Geduldsermahnung, die Du mir im Geburtstagsbriefe gabst, nicht außer acht gelassen und mich schon in stiller Resignation darauf eingerichtet, am Ende doch noch bis zum Herbst warten zu müssen, was freilich für unsere Geduld eine sehr bittere und gar zu harte Probe wäre! Aber was hilft's?

Das Buch muß jedenfalls erst die Rundreise an den vier Höfen machen, deren offizieller Titel "Nutritores (Ammen) der Universität Jena" ist, und erst, wenn die vier Kultusminister dieser vier Vaterländchen nichts Staatsgefährliches und einiges Wissenschaftliche darin gefunden haben, ist an eine Möglichkeit der Erfüllung unserer Wünsche zu denken. Jedenfalls scheint es mir sehr unwahrscheinlich, daß daraus noch im März etwas wird, und also würden wir höchstens im April heiraten können. Daß es nicht in Berlin geschieht, darüber würden wir uns wohl trösten; denn ich glaube nicht, daß der Lärm und die große dramatische Verwandtschaftsbeteiligung, die in Berlin wohl nicht zu vermeiden wäre, uns besonders behagen würde. Ich meinerseits entführte Dich am liebsten ganz still und zöge Dich hier in das reizende, stille Tal, wo wir nur uns leben können und um die andere Welt uns nicht zu kümmern brauchen.

Von meiner ersten Neujahrswoche im achtundzwanzigsten Lebensjahr kann ich nichts Besonderes berichten, außer, daß ich sie in erwünschter Kraft und Frische verlebt und mir durch tüchtiges Turnen die Stubenphysiognomie etwas ausgetrieben habe. Ich habe es durch die fortdauernde Übung jetzt dahin gebracht, daß ich einer der Stärksten und sicher der Gewandtesten bin, während ich im vorigen Frühjahr, als ich eintrat, einer der Schwächsten war.

Einen wundervollen Frühlingstag hatten wir am Donnerstag, wo ich den ganzen Nachmittag auf der Eule gelegen habe, der Spitze des Berges, der nur eine halbe Stunde von der Ziegelei entfernt ist und die prächtigste Aussicht gewährt. Es war wonnig warm, wie im Mai, der schönste Sonnenschein, mit etwa achtzehn Grad Wärme. Ich hatte Deine lieben, herzigen Briefe mitgenommen und las sie einmal über das andere mit immer erneutem Vergnügen durch. Was ich da alles dachte, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen...


Jena, 2., 1862


Am Dienstag abend sind die vier Schicksalsexemplare des Buches glücklich einpassiert. Das Opus sieht wirklich recht stattlich aus, wiegt fünf Pfund und ist ein mehr als zolldicker starker Folioband. Das Äußere ist dabei so elegant und einladend, daß ich die ersten Vaterfreuden eines jungen Autors dabei aufs lebhafteste empfand. Ich trug noch selbigen Abend ein Exemplar zu Gegenbaur, der auch über das endliche Gelingen und über Umfang und Ausstattung sehr erfreut war, am folgenden Morgen ein zweites zu Kuno Fischer, der jetzt Prorektor ist.

Er wird es, nach Verabredung mit Seebeck, unter den Professoren zirkulieren lassen, damit Jena erkenne, was für einen Radiolarienvater es in seinen Mauern habe (sonst gilt der Prophet nichts in seinem Vaterland!), und besonders, damit sie sich nicht allzu sehr wundern, wenn aus dem Doktor Haeckel nächstens plötzlich ein Professor wird.

Das dritte und wichtigste Exemplar trug ich Mittwoch morgen (auf besonders feinem Velinpapier gedruckt) zu Seebeck. Meine Spannung war, wie Du denken kannst, groß, wurde aber noch durch die Freundlichkeit des Empfanges übertroffen. Er war äußerst herzlich und versicherte mir: "daß er darüber eine Freude habe, als ob ihm ein Enkelchen geboren wäre!" - Das Exemplar zirkuliert jetzt, nebst den verschiedenen Schreiben Seebecks und Fischers, die mich zum Professor empfehlen, an den vier Höfen, und hier blüht also jetzt unser Leben seiner Auferstehung entgegen.

Jena, 16.3. 1862




Die Politik interessiert mich, wie Du denken kannst, auf das lebhafteste. Die ebenso erbärmliche und gemeine, als dumme und verkehrte Politik des Königs und der traurigen Minister bei Auflösung der Zweiten Kammer hat mich außerordentlich gefreut; denn wirklich konnten sie der Volkssache keinen größeren Dienst leisten, als sie so mit Füßen treten, wo das Recht so sonnenklar am Tage liegt. Die Regierung wird auch einstimmig von allen ausländischen Blättern verurteilt. Ich freue mich schon auf die nächste Kammer, die natürlich viel demokratischer wird.

Du fragst, was ich dazu sage, daß Du am Sonntag getanzt hast? Ich finde das ganz in der Ordnung und würde es töricht finden, Dir ein solches Vergnügen etwa zu untersagen. Wie Du weißt, beruht unser ganzer "Vertrag" (sozusagen - sit venia verbo!) auf gegenseitiger Duldung, und ich werde Dir stets die vollste Freiheit lassen, alles zu tun, was nicht gerade zu unrecht ist, wie ich auch von Dir diese Toleranz fordere. Also tanze soviel Du Lust hast!


Jena, 2.5. 1862




Der dritte Mai, unser größter Festtag, muß Dir doch wohl den ersten Gruß aus Jena bringen, nicht wahr, mein liebster, bester Schatz? Hoffentlich trittst Du ihn so wohl und munter und voller Hoffnung an wie Dein Erni, dem eben die schönste Frühlingssonne so lachend ins Fenster scheint, als brächte sie ihm den frischesten Gruß von seinem süßen Liebchen. Daß ich schon wieder rechte Sehnsucht nach Dir habe, und daß Du mir heute besonders fehlen wirst, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Aber doch wird alle Traurigkeit der Trennung bei weitem überwogen durch die rosigen Aussichten der seligsten Zukunft, der wir jetzt mit raschen und sicheren Schritten entgegeneilen. Das eine Vierteljahr, das uns noch trennt, wird rasch genug verschwunden sein, und dann soll uns kein Hindernis je wieder voneinander nehmen! Nicht wahr, mein liebstes, bestes Herz?

Aber mit der Ernennung scheint es immer noch mehrere Wochen, wenn nicht Monate, dauern zu sollen; keinesfalls kommt sie jetzt noch so zeitig, daß ich Dich schon zu Pfingsten herüberholen könnte, und diese harte Notwendigkeit tröstet mich als solche über den bitteren Entschluß, noch bis zum August die heiße Sehnsucht und Ungeduld zu zügeln. Andererseits wird es übrigens auch so viel Arbeit geben, daß ich doch nicht die nötige Zeit erübrigen würde, um mit meinem kleinen Frauchen die reizende Natur nach Wunsch zu genießen, und auch insofern werden uns die Herbstferien ungleich schönere und freiere Flitterwochen versprechen. Vorläufig werde ich mein kleines Herzenstierchen möglichst aus dem Kopfe verjagen, - das heißt, soweit sich's eben verjagen läßt! -, um darin Platz für die drei neuen Vorlesungen zu gewinnen, die mich den Sommer über wohl ganz in Anspruch nehmen werden. Als ich gestern abend zum erstenmal wieder die Nase ins Buch steckte, überfiel mich ein gelinder Schreck ob alles dessen, was ich wieder verschwitzt und vergessen habe; indes bin ich glücklicherweise schon so weit vorgeschritten, daß ich mit einem frischen Fortschrittsmute und mit einem, meines kleinen Strickchens vollkommen würdigen Leichtsinne über diese Verlegenheit hinweg springe.

Auf der Herfahrt bis Halle unterhielt ich mich bloß mit mir selbst. Sehr komisch war ein Hallescher Student, welcher einen Hund (Bulldogg) in einem Reisesack auf dem Schoße, als Konterbande, mit sich führte und während der Fahrt seinen Kopf frei herausstecken ließ, beim Halten auf den Stationen aber ihn vollständig im Sack versteckte und abschloß, damit es der Schaffner nicht sähe! Ich dachte lebhaft daran, wie gerne ich ein gewisses anderes Tierchen auf dem Schoße hätte! Das dürfte aber immer seinen Kopf frei herausstecken und brauchte nicht zu fürchten, zeitweilig im Reisesack abgeschlossen zu werden! In Halle hatte ich die Freude, mit August Merkel zusammenzutreffen, welcher mich in ein Kupee zweiter Klasse mit hinübernahm und bis Apolda mit mir zusammen fuhr. Wir schütteten unseren Fortschrittsjubel gegenseitig aus und ärgerten damit bitter zwei merseburgische Junker, welche in der entgegengesetzten Wagenecke ihrem tiefen Ingrimm über "diese demokratische Kanaille" Luft zu machen suchten! Es half ihnen aber nichts.

Die Herüberfahrt von Apolda nach Jena war reizend. Die Pracht der grünenden Wälder und der blühenden Obstbäume übertraf noch alle Erwartungen; ich saß auf dem Bock und sog mit Wonne die kostbare Frühlingsluft ein, die denn doch ein ganz anderes Aroma als die Berliner hat. Alles ist schon sehr weit fortgeschritten; doch haben mehrere Nachtfröste von vier Grad der Baumblüte sehr geschadet.

Auch hier fand ich alles im reizendsten grünen Schmuck, den reizenden Prinzessinnengarten voll Blütenduft und Vogelsang, der mich beständig erfreut. Nur der Gedanke, Dich nicht hier zu haben, verbittert mir diesen prächtigen Naturgenuß.

Gestern (Donnerstag) habe ich den ganzen Vormittag gekramt und geräumt und mein kleines, prächtiges Sommerpalais ebenso wie vorm Jahre hergestellt. Das Bett steht wieder in der kleinen Stube; die große ist wieder stattliches Studierzimmer, und über dem Schreibtische, den ich mit diesem Briefe neu wieder einweihe, hängen in neuer Anordnung ein Dutzend Photographien. In der Mitte, zwischen Allmers, den Alten, Karl und Hermine, hängt das neu eingerahmte Bild eines ganz allerliebsten Geschöpfes, eines wirklichen, kleinen "Natur- und Meisterstückes", von dessen Aussehen Du Dir eine Vorstellung verschaffen kannst, wenn Du plötzlich einen recht schalkhaften Einfall bekommst und dann sogleich in den Spiegel siehst. Das Bild wird mich noch oft im Sommer in der Arbeit stören!

Gestern war ich eine Stunde bei Seebecks, die sehr freundlich waren und Dich herzlich grüßen lassen. Er erzählte mir, daß der Großherzog die Radiolarien sich noch ausdrücklich auf sein Zimmer habe kommen lassen und ihm über die Kupfertafeln, welche wirklich Kunstblätter seien, seine lebhafte Bewunderung ausgedrückt habe. Seebeck meinte, ich habe mir damit einen sehr ansehnlichen Stein im Brett gewonnen. Auch das Ministerium in Weimar hat sich sehr günstig geäußert. Hoffen wir, daß es bei den anderen drei Höfen ebenso geht!

Abends las ich noch ausführlich verschiedene Zeitungen und konnte mich nicht genug über den wirklich fabelhaften Sieg der Deutschen Fortschrittspartei freuen! Selbst die gemäßigten liberalen Blätter (natürlich mit Ausnahme der Berliner Allgemeinen Zeitung!) sind über diesen mannhaften Protest der ganzen Nation gegen den Feudalismus hoch erfreut und schlagen die mächtige Bewegung, die sich in diesem begeisternden Fortschritt kundgibt, sehr hoch an. Ist denn der Alte noch nicht von der Bedeutung dieser wirklichen Großtat überzeugt und erfreut? Tante Bertha bitte ich mein inniges Beileid über diese Niederlage der feudalen und vereinigt konstitutionell-konservativ-monarchisch- verfassungstreuen Partei mündlich zu bezeugen!! Was wird aber mein armer Bruder Karl zu dieser Entschiedenheit und Festigkeit der überwiegend großen Majorität des Volkes sagen? Ist es nicht schrecklich, daß schon so viele Leute wissen, was sie wollen, und es wirklich durchsetzen!!

Du aber, mein lieber, süßer Herzensschatz, juble mit mir über dieses schöne Morgenrot einer großen Zukunft unseres niedergetretenen, mißhandelten Vaterlandes, und bleibe immer so frisch, munter und jugendfroh, wie Du jetzt bist. Laß Dir die kurze Trennungszeit von drei Monaten nicht zu lang werden, und denke immer an die reizendsten Herbstferien und die nahende Erfüllung unserer heißesten Wünsche. Laß Dich's nicht grämen, daß ich morgen nicht bei Dir sein kann, und nimm in Gedanken den herzlichsten Kuß und die innigste Umarmung von Deinem lieben, treuen Bräutigam, der es - fabelhaft, aber wahr - "wirklich ernst lich mit Dir meint!?" - "Noch nach vier Jahren!" ...



Jena, 9.5.1862


Heute bekommst Du doppelten Gruß und Dank, mein herziger Schatz, für die beiden lieben Briefe, mit denen Du mir meine Jenenser Einsamkeit bereits versüßt hast. Ich würde Dir auch schon wieder geschrieben haben, wenn es nicht in dieser Woche so viel zu tun gegeben hätte, daß ich eigentlich gar nicht zur Besinnung kam. Nun, jetzt ist die erste - immer zugleich die schwerste - Woche des Semesters glücklich vorüber und ich werde nun bald wieder in den gewohnten Gang der regelmäßigen Tagesarbeit kommen.

In der Knochen- und Bänderlehre, die ich dreimal wöchentlich von elf bis zwölf Uhr lese, habe ich über Erwarten viel, nämlich ein Dutzend Zuhörer. Da diese Vorlesung als Grundlage der ganzen Anatomie von großer Wichtigkeit ist, so freut mich dieser Erfolg sehr und ich gebe mir alle mögliche Mühe, den Gegenstand so sorgfältig und genau als möglich zu behandeln, ob wohl er an sich nicht gerade der interessanteste ist. Dabei unterstützt mich die sehr schöne anatomische Sammlung, die mir Gegenbaur völlig unumschränkt zur Verfügung gestellt hat. Da überdies das Kolleg alle Semester gelesen werden muß, so hoffe ich mir mit diesem guten Anfang eine Grundlage für die ganze Dauer meines Hierseins gelegt zu haben. Ein anderer Privatdozent (ein alter preußischer Medizinalrat, Dr. Sackow) hatte ebenfalls Osteologie angekündigt, hat sie aber gar nicht zustande gebracht. Arbeit kostet mich die Vorbereitung zu dieser Vorlesung übrigens genug. Denn seit dem Kursus, wo ich zum letztenmal Anatomie durchnahm - besonders seit dem 3. Mai 1858 -, habe ich mich zwar sehr viel und sehr gründlich mit gewissen anderen Teilen des menschlichen Körpers, besonders mit dem Studium der Augen und Lippen (!) befaßt, aber an den alterstrockenen Knochen wieder sehr viel vergessen.

Mein Lebenslauf ist nun wieder in die gewöhnliche Sommerordnung eingetreten. Früh um vier oder halb fünf Uhr stehe ich regelmäßig auf, arbeite bis acht Uhr zu Haus, dann von acht bis elf Uhr auf der Anatomie, wo mir Gegenbaur den prächtigen, großen, vergleichend anatomischen Hörsaal als Arbeitszimmer eingeräumt hat. Elf bis zwölf Uhr Vorlesung, dann zwölf bis ein Uhr Zeitungen im Museum, welches jetzt sehr bequemerweise in das Anatomiegebäude verlegt ist. Ein bis zwei Uhr Mittag im "Bären", wo dann unsere alte Bärengesellschaft, die sich wieder in derselben Zusammensetzung konstituiert hat, bis drei Uhr beim Kaffee zusammenbleibt. Von vier bis fünf Uhr höre ich viermal wöchentlich die sehr interessante Vorlesung Kuno Fischers über die Kantische Philosophie, die mir so sehr gefällt, daß ich sie vielleicht das ganze Semester hindurch hören werde. Unsere Turnstunde ist jetzt Dienstags und Freitags von sieben bis acht Uhr. An den anderen Abenden mache ich gewöhnlich mit meinen Bärengenossen einen längeren oder kürzeren Spaziergang, lese dann noch bis zehn Uhr und lege mich dann mit sehr lieben Änni-Gedanken ins Nest.



Jena, 17.5. 1862




Eine hohe Stufe zu dem Gipfel unseres Glückes ist wieder glücklich erklommen, liebster, bester Herzensschatz! Die Bestätigung respektive Ernennung zum Professor ist vorgestern glücklich hier angekommen, wie mir Kuno Fischer gestern mitteilte. Alle vier Höfe sind dem guten Beispiele des Weimarischen gefolgt, und von seiten der vier Regierungen, die die Ernährer der alma Universitas sind, liegt kein Hindernis weiter vor. Du kannst denken, mit welchem Herzensjubel ich mich Dir heute als "Großherzoglich-Herzoglich-Sächsisch -Weimarisch- Koburgisch-Altenburgisch-Meiningscher außerordentlicher Professor" vorstelle!! Juble und jauchze mit mir, süßestes, bestes Liebchen, Du liebste, treueste Seele, die doch eigentlich der einzige Grund ist. weshalb ich mit solcher Ungeduld und Sehnsucht dieser Ernennung entgegengehofft habe!

Leider ist nun - dank unserem gründlich-deutschen Formalitätenkram - damit immer noch nicht alles erledigt; der Professor muß noch ein paar Wochen ganz geheim bleiben, bis auch Senat und Fakultät ihr Gutachten über den jungen Professor designatus abgegeben und erklärt haben, daß sie nichts gegen die Ernennung einzuwenden haben.

Im ganzen kann ich nicht leugnen, daß mir diese langsame und schleppende Entwicklung des Professors aus seiner Puppenhülle die reine Freude an demselben nicht wenig stört, und daß mir besonders der eine Gedanke höchst ärgerlich und bitter ist -: Wie viel weiter könnten wir sein, wenn die ganze lange Geschichte nur vier Wochen früher abgelaufen wäre! Freilich trifft da in letzter Instanz die Hauptschuld wieder Georg Reimer, mit seiner entsetzlichen Druck- Bummelei; hat er doch bald vierzehn Tage allein gebraucht, um jene vier Exemplare heften zu lassen!! Um einen ganzen Sommer hat uns diese entsetzliche Langsamkeit und Nachlässigkeit betrogen und statt daß wir nun in diesem reizenden Frühjahr unser kleines Nestchen hätten bauen können, müssen wir jetzt bis zum Herbst warten!

Im übrigen geht es mir gut, da meine Zuhörer die Osteologie und Syndesmologie mit der größten Aufmerksamkeit hören, so daß es mir selbst Freude macht, und ich mir die möglichste Mühe gebe. Infolgedessen ist auch die Zahl von zwölf auf siebzehn gestiegen, worauf ich ganz stolz bin und meine Freunde mich tüchtig necken, daß ich sie schon aussteche (Gegenbaur hat in der vergleichenden Anatomie zwölf, in der Entwicklungsgeschichte nur fünf). Wenn alle das Kolleg bezahlen (je vier Taler), so kommt schon die hübsche Summe von achtundsechzig Taler heraus, für die drei Sommermonate (drei Stunden wöchentlich) ganz anständig.


Jena, 30.5.1862


Von meinem Leben in den letzten Wochen ist nicht viel Besonderes zu berichten; es ist ja doch immer nur ein halbes, so lange noch die bessere Hälfte fehlt, die erst im August dazukommt. Im ganzen habe ich ziemlich viel Muße, was mir nach den angestrengten Tagen der letzten Jahre sehr fremdartig vorkommt, aber doch auch gut tut. Wenn ich bedenke, daß ich die letzten zwei Jahre eigentlich keinen freien Tag hatte, an dem mich nicht die Radiolarien in irgendeiner Weise beschäftigten, so kommt mir die jetzige Arbeit wie Ferienzeit vor! Das Kolleg kostet mich etwa nur die Hälfte der Woche. Es macht mir übrigens viel Freude, da meine achtzehn Zuhörer sehr fleißig sind. Bis jetzt habe ich Wirbelsäule und Arme durchgenommen und fange Montag mit den Beinen an.

Von unserer reizenden Gegend habe ich bisher noch relativ wenig genossen, da wir meist Regenwetter hatten. Doch habe ich mit Gegenbaur zwei überaus schöne größere Spaziergänge gemacht, die mich mit zwei neuen, mir noch ganz unbekannten, wundervoll schönen Partien bekannt gemacht haben. Den ersten machten wir letzten Samstag (24. Mai) beim schönsten Wetter nach Vollradisroda, einem reizenden kleinen Dorf, das mitten im Walde liegt. Der ganze Weg da hin geht beständig im Forst; das blumenreiche Gehölz mit Orchideen usw. war prächtig. Die zweite Exkursion machten wir gestern, am Himmelfahrtstage, ebenfalls bei schönem Wetter. Wir stiegen zunächst nach Ziegenhein und gingen dann, immer durch schönen Wald, nach dem "Luftschiff", einem großen, höchst sonderbar gebauten Vorwerk mit großem Wirtschaftsgut, das höchst wild und einsam auf der Höhe auf einem Plateau halb im Walde drin liegt und uns lebhaft an die einsamen romantischen Schlösser erinnerte, denen man in Walter Scott so oft begegnet. Von dem Rande des Plateaus, an dem wir längs des Waldhauses hingingen, hatten wir beständig die schönsten Blicke auf die blauen Bergzüge des Thüringer Waldes. Von da stiegen wir zur Lobeda-Burg, einer sehr stattlichen, in schönem romantischen Stil gebauten, sehr alten Burgruine, auf einer Bergecke prächtig gelegen. Obgleich Lobeda nur eine Stunde von Jena entfernt ist, war ich doch noch nicht hingekommen und also aufs angenehmste über diese neue Bereicherung unseres Exkursions-Programms überrascht. Von der Lobeda-Burg stiegen wir in das Städtchen Lobeda hinunter und gingen von da, längs der Saale hin, immer durch Wiesen und Gebüsch, nach Jena zurück.



Jena, 5.6. 1862




Endlich ist die Geburt des Professors vonstatten gegangen. So langsam die Vorbereitungsperiode dazu verstrich und so träge der Lauf des Radiolarienbuches und des Ernennungsgesuches von Seebeck an den vier Höfen war, so außerordentlich rasch ist die Sache hier durch den Senat und die Fakultät gegangen Nachdem die Ernennung übereinstimmend von allen vier Höfen eingegangen, wie ich Dir neulich mitgeteilt, hat sie sofort Bernhard Schultze (der Geburtshelfer, Bruder von Max), der jetzt Dekan der medizinischen Fakultät ist, dieser vorgelegt und die Fakultät (aus meinen Freunden Gegenbaur, Bezold, Gerhard, Schultze, ferner aus Ried, Schleiden und Kieser zusammengesetzt) hat über mich einen Bericht verfaßt, der äußerst günstig, rühmlich und ehrenvoll gefaßt sein soll. Dieser ging dann an den Akademischen Senat (aus den ordentlichen Professoren aller vier Fakultäten zusammen gesetzt), und hier habe ich es nun vorzüglich Kuno Fischer (unserem berühmten Philosophen), der sehr günstig für mich eingenommen ist und mir sehr wohl will, zu danken, daß die Sache mit einer in dieser ehrbaren Körperschaft noch nicht dagewesenen Geschwindigkeit expediert wurde! Er berief sofort eine Sitzung (worüber sonst gewöhnlich vier Wochen vergehen) und in dieser wurde einstimmig dem Fakultätsbericht zugestimmt und nun die Sache wieder nach Weimar expediert, um den endgültigen Beschluß und die Fassung der Ernennung zu veranlassen. Du siehst also, was die Leute mit Deinem Erni für Umstände gemacht haben! Die Ausfertigung der Ernennung, welche vorher lithographiert an alle vier Höfe verschickt werden muß, ist nun gestern hier angelangt, was mir Seebeck und Fischer sogleich mitteilten. Ehe ich sie nun zu Gesicht bekomme, muß sie noch bei allen Mitgliedern des Senats zirkulieren, worüber wohl wieder ein paar Tage vergehen werden! Indes, das alles ist ja jetzt vollkommen Nebensache! Hauptsache ist, daß bereits morgen in dem Jenenser "Moniteur", das heißt in den "Blättern von der Saale" - der Herr Dr med. Ernst Haeckel als Professor extraordinarius und Direktor des Zoologischen Museums feierlichst publiziert wird, und daß ich bereits heute um zwölf Uhr durch Seebeck im Großherzoglichen Schloß auf die "Treue dem Großherzog (!) und der Verfassung" - als Weimarischer Staatsbürger feierlichst eidlich verpflichtet werde.

Nun denke Dir aber meine Überraschung, liebster Schatz, als mir Seebeck gestern mitteilt, daß ich bereits seit Ostern Direktor des Zoologischen Museums bin und als solcher schon für dieses Jahr einen Gehalt von 100 Talern beziehe! Es sollte aber nicht eher bekannt werden, als bis die Professur da wäre, weil ein bloßer Privatdozent doch nicht Direktor einer großen Großherzoglichen Sammlung sein kann!

Hätten wir das gewußt, dann hätten wir schon zu Ostern heiraten können! Wieviel Gehalt ich als Professor bekomme, ist noch ungewiß; doch scheint die Wahrscheinlichkeit zwischen 0 und 50 Taler zu schwanken!! Übrigens habe ich jährlich über 100 Taler Kollegiengelder! Also sind die Finanzen nicht glänzend. aber wir wollen uns schon nett einrichten; auch wird Dein Erni wohl nicht lebenslang Extraordinarius bleiben. Hauptsache bleibt, daß ich im August mein liebes, einziges Herzensmädel heimführen und mir damit die irdische Glückseligkeit und den Herzensfrieden erringe, den mir doch kein Geld und Gut ohne sie bringen könnte!

Grüße Mutter aufs herzlichste und lasse Dir in Gedanken die innigsten Küsse geben, deren ein deutscher Professor (Faust!) fähig ist. Ein fröhliches Pfingstfest brauche ich Dir wohl nicht erst zu wünschen. Es herzt und küßt Dich aufs innigste Dein treuer, glückseliger Bräutigam - in zehn (10) Wochen Ehemann -, der GroßherzoglichWeimarisch und Herzoglich Sächsische außerordentliche Professor der Zoologie und Dfrektor des Zoologischen Museums an der Universität Jena

- Ernst Haeckel -
- Hochwohlgeboren!!

- Jena, 24.6.1862

Lieber Vater!



Während Regen und Sturm, die nun schon seit acht Tagen bei acht bis zehn Grad Kälte hier ununterbrochen anhalten, draußen um die Wette heulen, und während ich eben wieder, heute am Johannistage, am 24. Juni! tüchtig habe einheizen lassen, ist es doch inwendig bei mir so lichter, lustiger und sonniger Frühling, als ob draußen das schönste Wetter wäre! Du kannst denken, wie mein großes Glück, und das Bewußtsein, nun endlich nach so langem Harren am Ziele aller Hoffnungen zu sein, meine ganze Stimmung jetzt beherrschen und mich in ein wahres Traumleben von Wonne und Glückseligkeit versetzen. Summa summarum bin ich doch ein rechter Glückspilz, und wenn auch die Professur wesentlich Folge der Radiolarien, also wesentlich der Lohn eigener Tat sind, so kann doch der achtundzwanzigjährige Professor von rechtem Glück sagen, daß alles so gekommen ist und daß ich gerade hier in Jena, für das ich eine so besondere Vorliebe habe, den ersten besten Standpunkt gewinne, von dem aus ich in einem höchst befriedigenden Wirkungskreis produktiv in das Leben eingreifen kann.

Meine Collegia in diesem Sommer, über Osteologie und Syndesmologie (Knochen- und Bänderlehre des Menschen) befriedigen mich sehr; ich habe zwanzig sehr aufmerksame Zuhörer und arbeite mich dabei gründlich in die Anatomie hinein, die doch die Basis und der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Zoologie bleibt. Fast die ganze übrige Zeit, die ich nicht mit Korrektur der Radiolarien usw. zubringe - täglich also mindestens vier bis sechs Stunden -, widme ich dem Studium der Kantischen Philosophie, die mich in höchstem Grade anzieht und interessiert. Ich habe mich schon so hineingearbeitet, daß mir der weitere Fortschritt gar keine Schwierigkeiten macht, und ich mit wahrem Enthusiasmus diese Goldkörner menschlicher Gedanken in mich aufnehme. Die reine, naturwissenschaftliche induktiv empirische Forschungsmethode, die ein Muster für alle wirklich wissenschaftlichen, das heißt kritischen Untersuchungen ist, entzückt mich, und ich bin schon jetzt ganz davon überzeugt, daß ich einen großen Vorteil für meine ganze Bildung von diesem Studium haben werde.

Ein ganz besonderes Glück ist es, daß ich gerade durch Kuno Fischer in diese tiefsten Probleme des menschlichen Geisteslebens hineingeführt werde. Dieser ausgezeichnete Universitätslehrer, die Zierde Jenas, weiß die schwierigsten und tiefsten Fragen mit solcher Klarheit und Durchsichtigkeit zu erläutern, daß ich gar nicht genug mit diesen herrlichen Vorträgen zufrieden sein kann. Ich höre sein Kolleg, in welchem er die ganze Kantische Philosophie in diesem Semester vorträgt, ganz regelmäßig und bin vielleicht von seinen mehr als hundert Zuhörern der fleißigste Student. Er liest viermal wöchentlich von vier bis fünf Uhr. Was ich im Kolleg nicht ganz verstehe, erläutert mir sein ausgezeichnetes Buch über Kant, zwei starke Bände, in denen er die ganzen Lehren Kants aufs prächtigste und verständlichste darstellt. Für den Anfang ist dies Buch jedenfalls dem Studium der Schriften Kants selbst weit vorzuziehen, da es alle Dunkelheiten des selben vermeidet, die schwere Sprache in verständliches Deutsch übersetzt und überhaupt das schwierige Studium so leicht, verständlich und anziehend als möglich macht. Fürs erste brauche ich also Kants Schriften selbst gar nicht und werde mich erst später, wenn ich Fischers Übersetzung ganz in mich aufgenommen habe, an den Urtext selber machen, Jetzt stehen wir an der Kritik der praktischen Vernunft (der Tugend- und Rechtslehre), nachdem wir bis zu Pfingsten uns mit dem Leben und Charakter Kants und dann mit der Kritik der reinen Vernunft beschäftigt hatten. Dies Kolleg ist der größte Genuß dieses Sommers,



Jena, 4.7, 1862

Sechs Wochen noch, liebster, einziger Schatz! und das heißersehnte Ziel ist erreicht Wir haben den Gipfelpunkt des Lebens erreicht, schließen das bisherige ab, und beginnen im innigsten Zusammenleben, das zwischen zwei Menschen denkbar ist, ein neues, schöneres und besseres Dasein, in welchem alle Mängel und Schattenseiten der bisherigen Soloexistenz unter der unvertilgbaren Glut der innigsten Gattenliebe verschwinden und verdorren sollen. In vierundvierzig Tagen bist Du Frau Professorin, liebstes Herz! Wie das im Herzen widerklingt! Ich bin schon bald zu gar keiner anderen Vorstellung mehr recht fähig, so sehr erfüllt diese eine glückselige Idee mein ganzes Geistesleben. Ich bin zerstreuter und für die übrige Welt unbrauchbarer als je, und meine Bekannten behaupten, daß ich eigentlich nur noch in einer eingebildeten Traumwelt existiere und als Schatten unter ihnen wandle!...

Rückerts Liebesfrühling tönt mir jetzt Tag und Nacht durch den Sinn und jetzt würdige ich recht die tiefe Wahrheit dieses innigsten und schönsten Liebeswortes:

Unter den aus Himmelsschein

In des Lebens Nacht Gesunknen,

Sind die Glücklichen allein,

Die von ew'ger Liebe Trunknen!


Ein Obdach gegen Sturm und Regen

Der Winterzeit

Sucht ich, und fand den Himmelssegen

Der Ewigkeit.


O Wort, wie du bewährt dich hast:

Wer wenig sucht, der findet viel.

Ich suchte eine Wanderrast

Und fand mein Reiseziel.


Ein gastlich Tor nur wünscht' ich offen,

Mich zu empfahn,

Ein liebend Herz ward wider Hoffen

Mir aufgetan!


O Wort, wie du bewährt dich hast:

Wer wenig sucht, der findet viel

Ich wollte sein ihr Wintergast

Und ward ihr Herzgespiel!

Die letzten beiden Strophen sind doch ganz speziell für mich gedichtet, nicht wahr, liebster Schatz!? Könnte man schöner, reizender, treffender die ganze Geschichte unseres Liebeslebens zusammenfassen, als in diesen beiden Strophen? Wenn ich an die ganze glückselige Winterzeit während des Staatsexamens zurückdenke, wo ich Dich kennen und lieben lernte, so könnte ich die reizend unbewußte und darum so innige Zuneigung, mit der Du Dich in mein Herz hin einstahlst, nicht wahrer und treffender ausdrücken als in diesen beiden Strophen! Als Schwester lernte ich Dich lieben und ich war wahrhaft erschrocken, als dann aus der platonischen Geschwisterliebe der neckische Amor hervorsprang, der uns am Abend des dritten Mai unauflösbar aneinanderkettete, und uns den Beginn eines neuen, besseren Lebens verkündete, von dessen beglückendem Reichtum ich freilich da mals noch keine Ahnung hatte!


Jena, 18.7. 1862




Vorigen Samstag (12. Juli) wurde ich feierlichst in den Senat eingeführt, wo mir Kuno Fischer, als Prorektor, eine Standrede hielt, über die ich (in Gegenwart sämtlicher dreißig ordentlichen Professoren) etwas schamrot wurde. Sie fing etwa folgendermaßen an. "Herr Professor, die hohen Ernährer haben Sie neulich zum Professor extr. ernannt, und zwar außerordentlich kurze Zeit, ein Jahr, nach Ihrer Habilitation. Diese rasche Beförderung hat einen doppelten Grund; erstens die schönen Erfolge Ihrer akademischen Lehrtätigkeit, zweitens aber und besonders die Produktion eines großen Werkes, dessen Erscheinen von ungewöhnlichem Erfolge mit Recht begleitet werden wird. Schon der Laie kann aus dessen Umfang und Anlage auf einen bedeutenden Wert urteilen; nach dem Urteile der Sachverständigen haben Sie sich damit bereits jetzt eine feste und bleibende Stellung auf der Höhe Ihrer Wissenschaft gesichert. Solchen Verdiensten mußte die Belohnung auf dem Fuße folgen, und ich freue mich von Herzen, daß dies so bald geschehen ist usw. usw." In dieser Weise ging es etwa eine Viertelstunde fort, während welcher ich wie auf Kohlen stand. Dann wurde ich feierlichst in Gegenwart des Senats vereidigt.


Jena, 25.7.1862




Das ist nun schon der vorletzte Brief, süßer, bester Schatz! den ich aus meinen einsamen vier Wänden an Dich sende! Außer diesem nun noch ein einziger Papiergruß, und unsere Korrespondenz ruht auf lange Zeit! Dann wird der Gedanke nicht mehr den häßlichen langen Umweg über das Papier nötig haben, um in Dein Herz zu gelangen, sondern auf dem süßen Wege der Lippen und Umarmung zu Dir fliegen! Wie glückselig mich dieser Gedanke macht, wie er über all mein Denken und Tun jetzt schon den lautersten Sonnenschein der reinsten Seligkeit strahlt, brauche ich Dir nicht erst zu sagen, Du liebstes, bestes Mädchen! Die Wonne, die mir aus jeder Zeile Deines so besonders lieben letzten Briefes entgegenjubelte, ist nur das Spiegelbild der glückseligen Zufriedenheit und zukunftssicheren Hoffnungsfreude, die auch mein gan zes Dasein durchdringt und mich schon fast an nichts anderes mehr denken läßt, als an die nahende Vereinigung.

Ich denke den 7., spätestens den 8. August hier abzureisen und abends in Berlin einzutreffen. Vielleicht bleibe ich einen Tag in Merseburg, um noch einmal als Junggeselle die Orte zu schauen, auf denen ich den größten Teil meiner ersten Lebenshälfte verlebt habe. Diese schließt ja nun ab und es beginnt die zweite, schönere Hälfte, wo ich erst recht zu leben anfangen werde.


Jena, 1.8, 1862




Glück auf! Also dies soll wirklich der letzte Brief sein, mein liebstes, bestes, einziges Mädchen, den ich auf lange, lange Zeit an Dich schreibe, und jedenfalls der letzte an Anna Sethe! Wie das klingt!! Da muß ich noch einmal das feine blaue Papier hervorholen, das in der langen, langen Trennungszeit, während meiner italienischen Wanderschaft, unser Briefbote war, und in dieser freudvollen und leidvollen, schmerzensreichen und segensreichen Trennungszeit unsere Gedankenbrücke bildete, Ich habe in diesen Tagen so viel, viel an diese Zeit zurückdenken müssen, und besonders an den glückseligen Morgen des ersten Mai 1860, wo ich nach fünfvierteljähriger Abwesenheit wieder in das Elternhaus eintrat und das liebste Beste, was die Welt für mich hat, ein ganzer kleiner blauer Himmel, mir in die Arme sank. Wie wonnig war das Entzücken dieses Moments, liebster Schatz, und doch wird es verbleichen vor dem Entzücken des jetzigen Wiedersehens, wo ich zu Dir komme, um Dich nie wieder von meiner Seite zu lassen ...

Montag, den 18. August 1862, Hochzeit in Berlin, Hafenplatz Nr.4.

Um sechs Uhr Abreise des jungen Ehepaares vom Anhalter Bahnhof nach Dresden, Donnerstag Regensburg, Samstag Passau.

Das Glück der folgenden Zeit offenbart sich in den folgenden Briefen an die Eltern.




München, Dienstag, 26.8.1862


Euch gewiß unerwartet schreibe ich Euch heute aus München, wo wir gestern abend (Montag) an gekommen sind. Wir blieben Sonntag noch in dem außerordentlich schönen Passau und wollten gestern früh von dort nach Linz (mit Dampfschiff) und dann in das Salzkammergut gehen. Anhaltendes, dreitägiges Regenwetter, das auch heute noch fortdauert, bestimmte uns aber, statt dessen gestern mit der Eisenbahn über Straubing, Geiselhöring, Freising nach München zu fahren, wo wir im Hotel Leinfelder trefflich logiert sind. Wir warten nun hier ab, bis gut Wetter wird und gehen dann sogleich ins Gebirge nach Salzburg, Ischl, Aussee usw.

Trotz des schlechten Regenwetters, das uns von Regensburg an begleitet, sind wir doch die ganze Zeit über höchst vergnügt und glückselig gewesen und haben die uns gebotenen Natur- und Kunstgenüsse in reichstem Maße genossen. Ihr könnt Euch kaum vor stellen, liebste Eltern, wie glückselig mich meine liebe kleine Frau macht, die ich mit jedem Tag lieber gewinne, obwohl ich das fast nicht mehr für möglich hielt. Das lebhafteste Interesse für Natur und Kunst fesselt uns beide dabei immer noch inniger aneinander, als es schon durch die reine Neigung allein geschah. Ich kann mir nicht denken, daß jemals ein junges Ehepaar eine vergnügtere Hochzeitsreise gemacht hat. Dazu kommt, daß ich mich, nachdem die drei letzten Korrekturbogen der Radiolarien in Dresden abgeschüttelt sind, wie neugeboren fühle und die ganzen drei Jahre angestrengter Arbeit, die das Buch gekostet hat, nun auf einmal abgeschlossen hinter mir liegen. Kurz, ich bin ebenso, wie meine herzige Anna, so vergnügt, übermütig und glückselig, als es in diesem Leben nur möglich ist, und beneide keinen Gott um seinen Olymp!


Salzburg, 6.9. 1862


Ihr werdet gewiß schon lange wieder auf Nachricht von uns gewartet haben. Aber trotz der besten Vorsätze zum Schreiben sind wir doch bis jetzt noch nicht so zur Ruhe gekommen, daß wir hätten schreiben können. Ein schöner Naturgenuß und eine herrliche Reisefreude jagte die andere, so daß wir nicht einmal dazu kommen konnten, unser Tagebuch in der beabsichtigten ausführlichen Weise zu führen. Die ganze Zeit hindurch ist es uns außerordentlich gut gegangen und wir haben wirklich wieder täglich in jeder Beziehung unverschämtes Glück gehabt. Unseren letzten Brief erhieltet Ihr aus München, wo wir nur noch einen Tag blieben, da das Wetter wieder sehr schön wurde und uns ins Gebirge lockte. Am 27. August fuhren wir daher mit der Eisenbahn von München nach Salzburg (was pro persona nur einen Taler zwanzig Silbergroschen kostete) und machten von da eine herrliche, überaus gelungene Rundreise durch das Salzkammergut, von der wir vorgestern hierher zurückkehrten. Das Wetter war reizend und die ganze Rundreise so überaus schön und glücklich, als wir nur wünschen konnten.

Mit unserer Gesundheit steht es ganz vortreiflich. Anna ist ebenso munter, rüstig und glückselig, als ich selbst. Anna klettert ganz vortrefflich, besser als ich je erwartet habe. Wir haben durchschnittlich täglich acht bis zehn Stunden geklettert und marschiert und es ist uns beiden vortreiflich bekommen. Hier in Salzburg haben wir wieder rechtes Glück gehabt. Wir wohnen ganz allein in einem reizenden Gartenhaus bei der treiflichen alten Wirtin, bei der ich auch früher gewohnt habe, und die uns wie eine Mutter pflegt, im "Schwan". Dazu kamen wir vorgestern, als wir von Ischl zurückkehrten, ganz unvermutet in das siebente große Deutsche Künstlerfest hinein, das in diesen Tagen hier abgehalten wird. Gestern war der Hauptfesttag, der zu einem der schönsten und großartigsten Volksfeste Veranlassung gab, die ich jemals erlebt habe. Das ganze Fest wurde im Freien, auf dem Mönchsberg, in der herrlichsten Umgebung, abgehalten und war wirklich reizend schön.

Euer treuer, glückseliger Ernst.



Innsbruck, 20 9. 1862



Eigentlich sollte dieser Brief schon von Meran aus, vor acht Tagen, an Euch geschrieben und ab geschickt werden. Es gab aber in den drei Tagen in Meran so viel zu besehen und zu besorgen, daß ich leider nicht dazu kam, und in den folgenden Tagen der Fußwanderung, die erst heute zu Ende gegangen ist, war es vollends unmöglich, einen ruhigen Augenblick zum Schreiben zu finden.

Wir haben hier in Tirol wieder vierzehn glückliche genußreiche Tage verlebt, obwohl uns das Wetter nicht so, wie in Salzburg, begünstigte. Ich kann Euch das Tagebuch erst später nachschicken und gebe Euch heute nur eine ganz kurze Skizze unserer Wanderung in den letzten vierzehn Tagen.

Samstag, den 7, September, früh von Salzburg nach Reichenhall, um nach Berchtesgaden, Watzmann Ramsau usw, zu gehen; da es aber regnete, fuhren wir am 8. per Eisenbahn (reizend!) nach Innsbruck, Am 9. dort geblieben, sehr nett bei meinem Freund Schattern, der schon zwei Kinder hat. Am 10. September bei schönem Wetter in das Stubaier Tal gewandert, um über die Stubaier Gletscher ins Oetztal und dann über den Oetztaler Ferner nach Meran zu gehen. Da aber ein furchtbares Wetter, das am 6. September ganz Tirol überzogen und verheert, auch alle Brücken und Wege in den engen Schluchten zerstört und die Ferner völlig ungangbar gemacht hatte, so mußten wir leider umkehren und fuhren am 11. September über den Brenner bei schönem Wetter nach Sterzing. Von da am 12. bei Regen über den Jaufen nach Meran, sehr beschwerlich, da das Unwetter die Brücken im Passeyer Tal weggerissen und ganze Bergstücke ins Tal geworfen hatte, so daß wir auf Umwegen über die Berghänge klettern mußten. Vom 13. bis 15. in Meran, wo wir den 14. sehr nett auf Schloß Lebenberg feierten. Anna war sehr glücklich, ihre intime Freundin Anna Funk wiederzusehen. Am 16. fuhren wir mit Stellwagen von Meran nach Prad, am Fuße des Wormser Joches.

Mittwoch, den 17. September, war der Glanzpunkt der ganzen Reise, indem plötzlich ein wunderschöner Tag in das veränderliche Mittelwetter einfiel, bei dessen Glanze ich Anna auf das Wormser Joch, 9000 Fuß hoch, führte. Sie war ganz entzückt und selig, ich nicht minder, es ihr zeigen zu können. Diese überaus herrliche Tour, mitten durch die reichste, grandioseste Gletscherwelt, entschädigte uns reichlich für das Mißlingen der Fernerwanderung. Wir übernachteten dort vom 17. zum 18. auf sardinischem Boden (S. Maria) in 7900 Fuß Höhe bei Kälte zum Gefrieren. Ich mußte für die ganze Gesellschaft (noch drei Erlanger Studenten) den Dolmetscher machen, da ich der einzige war, der Italienisch sprach und die Unterhaltung mit den Grenzern führen konnte. Anna amüsierte sich sehr.

Donnerstag, 18. September, stiegen wir durch das schweizerische Münstertal herunter nach Mais und von da nach St. Valentin auf der Heide, nahe der Etschquelle.

Am Freitag, 19. September, zwölfstündiger Marsch von Valentin nach Landeck, durch die Finstermünz.

Heute, 20. September, an Karls Geburtstag, fuhren wir von Landeck mit Stellwagen hierher zurück, von wo wir morgen nach München fahren.

Anna sowohl als ich sind ganz frisch und munter und glückselig über die herrliche Reise. Anna ist so frisch und kräftig, wie ich sie noch nicht gekannt habe und die forcierten Märsche sind ihr ausgezeichnet bekommen. Etwa sieben- bis achtmal ist sie zehn bis zwölf Stunden täglich marschiert, zum Teil auf sehr anstrengenden und beschwerlichen Wegen. Drei Erlanger Studenten hat sie vollständig totgelaufen!!! Kurz, wir sind trotz des mäßigen Wetters höchst glücklich


Jena, 30.9.1862:




Seit vorgestern abend sind wir nun in unserem lieben Jena eingerückt, wo es uns beiden ausnehmend gefällt.

Der Beschluß unserer Reise mit München war noch sehr reizend. Nur wurde leider das letzte Ende dadurch etwas betrübt, daß Anna sich am Donnerstag, 25. September, einem sehr kalten und häßlichen Regentag in München, etwas erkältete, so daß ich es für das beste hielt, baldigst München zu verlassen, damit nicht das tückische Münchner Klima, welches fast bei jedem Fremden bei mehrtägigem Aufenthalte einen Tribut von Katarrh fordert, uns noch schlimmere Streiche spiele. So fuhren wir denn Sonnabend abend um sechs Uhr von München ab, und in vierundzwanzig Stunden (mit etwa vier Stunden Aufenthalt in Bamberg, Lichtenfels und Eisenach) direkt hierher. Da wir nun die Sachen noch nicht haben, logieren wir vorläufig in meiner Junggesellenwirtschaft in der Ziegelei, wo wir uns einrichten, so gut es geht. Anna schläft in meinem Bett, ich auf dem Sofa. Annas Münchener Erkältung ist größtenteils vorüber und in den gewöhnlichen Husten und Schnupfen ausgelaufen. Sie ist sonst dabei sehr munter und freut sich lebhaft über das reizende Jena, welches bei dem schönen Herbstwetter sich prächtig präsentiert und selbst nach den Alpen noch sehen lassen kann.


Jena, 5.11.1862




Euer letzter lieber Brief hat sich mit unserem letzten gekreuzt und Ihr werdet die gewünschten Nachrichten über unser Wohlergehen zur selben Zeit, wie wir die Eurigen, erhalten haben.

Seitdem hat nun das Semesterleben wieder begonnen, in dem ich diesmal sehr viel zu tun habe. Ich lese drei Privatcollegia und ein Publicum über Darwins Theorie. In der Zoologie habe ich diesmal eine außerordentlich große Anzahl von Zuhörern, nämlich sechsundzwanzig, dagegen in der Osteologie nur sechs und in der Histologie (mikroskopischen Anatomie) nur vier. Diese Collegia machen mir zusammen natürlich ziemlich viel zu schaffen, so daß ich nur sehr wenig freie Zeit habe. Auch für die Hauseinrichtung hat es noch sehr viel zu tun gegeben. Im übrigen bin ich sehr wohl und munter und habe mich mit meiner allerliebsten Hausfrau sehr nett eingelebt. Sie wird Euch selbst von unserer Tageseinteilung erzählen.

Wegen meiner Radiolarien habe ich zwei höchst anerkennende und lobensvolle Briefe von Max Schultze und Professor Leydig, den kompetentesten deutschen Richtern, erhalten, ebenso einen aus London, von Professor Huxley, einem der ausgezeichnetsten englischen Zoologen. Dieser hat mir auch Erde geschickt, die ganz aus fossilen Radiolarienpanzern besteht, die ich jetzt untersuche.

Wir freuen uns beide sehr auf Weihnachten, wo wir Euch recht sehr viel von unserer Reise und häuslichen Einrichtung zu erzählen haben. Es ist hier wirklich allerliebst, unser Quartier ganz reizend. Anna ist so frisch und munter wie ich selbst, und sehr glücklich.



Jena, 20.2.1863

Eure lieben Briefe und Geschenke haben mich an meinem Geburtstage sehr erfreut, und ich hätte Euch schon vor ein paar Tagen dafür gedankt, wenn es nicht in dieser Woche bei uns besonders unruhig zugegangen wäre, da wir fast jeden Tag in Gesellschaft waren. Wie glücklich wir beide mein dreißigstes Lebensjahr angetreten haben, könnt Ihr Euch kaum denken. Sind ja doch nun alle die Wünsche, welche mich und meine Anna jahrelang bewegten, in fast idealer Weise erfüllt worden. Ich habe wirklich jetzt nichts weiter zu wünschen, als daß mir das gegen wärtige Glück noch recht lange, lange Zeit in derselben Weise erhalten bleiben möge. Unser Nestchen haben wir so reizend eingerichtet, daß wir in ganz Jena mit niemandem tauschen möchten. Meine akademische Lehrtätigkeit sagt mir so zu, wie ich es früher kaum erwartet habe. Und dazu habe ich nun ein so liebes, kleines Frauchen, daß ich an den einsamen Junggesellenstand gar nicht mehr zurückdenken mag. Das Köstlichste aber, das wir hier täglich mit neuer Lust genießen, ist die vollständigste Freiheit und Unabhängigkeit, so daß wir von den Schranken, die den meisten Menschen auferlegt sind, nichts wissen.


Jena, 25.4. 1863


Wir erwarten Euch nun am Ende der Pfingstwoche und freuen uns ganz außerordentlich auf Euer Herkommen. Jedesmal, wenn wir die reizende Lage unserer Wohnung, den Blick aus den Fenstern auf die Berge, oder irgendeinen schönen Aussichtspunkt bewundern, sagen wir dabei: "Was werden sich die lieben Alten darüber freuen!" Ich bin überzeugt, daß die herrliche Natur Euch sehr zusagen wird und ebenso unsere allerliebste Einrichtung.

Unsere schönen sechs Wochen Osterferien sind nun heute zu Ende. Wir haben das herrliche Wetter, das fast den ganzen März und die erste Hälfte April hindurch dauerte, zu vielen schönen Exkursionen benutzt, zum Teil mit Professor Schleicher und Frau zusammen, sehr netten Leuten, die eigentlich unseren intimsten Umgang bilden. Er ist Linguist von europäischem Rufe, ausgezeichnet gescheit, ideenreich und liebenswürdig, dabei großer Botaniker, Natur- und Gartenfreund. Ebenso ist auch die sehr gescheite und nette Frau Annas intimste Freundin. Unsere fundamentalen Überzeugungen sind ganz dieselben. Vielleicht werden wir nun auch mit Gegenbaurs näheren Umgang bekommen, die heute von ihrer schönen Hochzeitsreise zurückkommen. Sie waren sechs Wochen in Montreux am Genfer See.

Mein Hauptstudium bildet jetzt die Geologie und Paläontologie (Lehre von den versteinerten Tieren und Pflanzen der Vorwelt), über welch letztere ich auch in diesem Sommer ein Kolleg lesen werde. Das Verhältnis der früheren Organismenwelt zur jetzigen und der allmähliche Fortschritt in ihrer Entwicklung ist höchst interessant.


Jena, 20.11.1863


Lieber Vater!



Sehr gern wäre ich morgen bei Euch in Landsberg und brächte Dir selbst meinen Geburtstagsglückwunsch. Da mich aber für den 22. November nun wohl immer die Berufspflichten am Reisen hindern werden, so kann ich Dir meine besten Glückwünsche auch diesmal leider nur schriftlich senden. Mögest Du, liebster Vater, noch manches glückliche Jahr und so wohlbehalten, geistesfrisch und jugendkräftig erhalten bleiben, wie Du morgen Dein vierundachzigstes Jahr antrittst. Komm nur alle Sommer hübsch lange nach Jena, so wird Deine herrliche Gesundheit sich gewiß immer frisch halten. Wir freuen uns schon jetzt darauf, daß Ihr uns im nächsten Sommer wieder besucht und die herrliche Natur hier recht mit uns genießt. Auch jetzt im Spätherbst ist die Gegend noch ganz wunderschön. Gestern nachmittag genossen wir hier wieder im vollsten Maße, als wir beim herrlichsten Wetter drei Stunden im Ammerbacher Tal herumstiegen und einen hohen Berg mit herrlicher Aussicht erkletterten, auf dem wir noch nie gewesen waren. Es war ein wundervoller, klarer Sonnentag, wie im Mai, in der Sonne sechzehn Grad Wärme, und das am 19. November! Der Sonnenuntergang malte die nackten Kalkberge mit dem prachtvollsten Gold- rot und mit violettem Purpur ganz wunderschön an.

Wir haben uns nun in den vier Wochen unseres Hierseins ganz in die alte und höchst angenehme Winterverfassung wieder hineingelebt; nur daß wir diesen Winter ganz still und zurückgezogen für uns leben, während wir vorigen Winter sehr viel in Gesellschaft waren. Wir stehen um sieben Uhr auf. Von acht bis neun Uhr lese ich (viermal wöchentlich) Osteologie (vor elf Zuhörern). Dann mikroskopiere ich meistens bis zwölf Uhr. Von zwölf bis ein Uhr lese ich (fünfmal wöchentlich) mein Hauptkolleg, Zoologie, vor sechsundzwanzig Zuhörern, von denen zwanzig ganz regelmäßig kommen und meist auch sehr genau Heft führen, so daß ich sehr zufrieden sein kann. Um ein Uhr frühstücken wir Tee und Butterbrot mit Eiern oder kaltem Fleisch. Dann arbeite ich bis fünf Uhr. Von fünf bis sechs Uhr habe ich dreimal wöchentlich Turnen. Um sechs Uhr (öfter auch schon um fünf Uhr) essen wir zu Mittag. Dann gehe ich eine Stunde auf das Literarische Museum, wo ich täglich National-, Volks-, Kreuz-, Weser- und Deutsche Allgemeine Zeitung und verschiedene andere Zeitschriften lese. Um sieben Uhr trinken wir Tee oder Kaffee (ohne jede Zutat) und dann arbeite ich noch mindestens bis zwölf Uhr, während Anna liest oder arbeitet. Wir wohnen diesen Winter ganz zusammen, da ich meinen großen Arbeitstisch nebst dem täglichen Bücherfutter an die Stelle von Annas kleinem Tisch in das schöne große, warme Eckzimmer gerückt habe. In diesem ist der Teppich gelegt; die Sonne heizt sehr mächtig (morgens und mittags) und ein neuer Berliner Ofen unterstützt sie kräftig, so daß wir jetzt dieses Eckzimmer recht behaglich haben. Mein Zimmer wird gar nicht geheizt, so daß wir an Heizung und Beleuchtung bedeutend sparen.

Jena, 23.12.1863




Dieser Brief soll Euch den herzlichsten Gruß zum Heiligen Abend bringen, da wir selbst leider morgen nicht bei Euch sein können. Es wird Euch wohl etwas einsam sein, diesmal Weihnachten ganz ohne Besuch von den Kindern zu feiern! Wie gern kämen wir da auf ein paar Stunden herübergeflogen. Indes hoffe ich, daß Euch der Gedanke an das glückliche, gesunde und frohe Leben Eurer Kinder die Einsamkeit erheitern wird!


Jena, 28.1.1864


Soeben erhielten wir Euern lieben, letzten Brief nebst den schönen Apfelsinen, die meiner lieben kleinen Frau eine rechte Erquickung sein werden. Vorgestern erhielten wir Euern vorletzten Brief mit den fünfzig Talern Zuschuß für das erste Quartal. Habt für alle diese Liebe den herzlichsten Dank. Ich will Euch nun sogleich antworten, damit Ihr Euch nicht mehr wegen des Krankseins ängstigt. Was mich betrifft, so bin ich schon seit fünf bis sechs Tagen wieder ganz gesund, und seit vorgestern selbst ohne Schnupfen. Die Collegia habe ich doch die ganze Zeit glücklich durchgesetzt, ohne aussetzen zu müssen. Mit Anna geht es auch besser. Die Pleuritis ist vorübergegangen, ohne eine Lungenentzündung hervorzurufen, was anfangs allerdings zu befürchten war. Die Lunge ist glücklicherweise ganz frei geblieben. Gestern mittag ist sie zum ersten Male wieder ein Stündchen außer Bett gewesen. Doch fühlt sie sich noch immer sehr angegriffen, was allerdings nach einem wöchentlichen Fieber, nach dem sie sechs Nächte fast gar nicht geschlafen und sechs Tage nichts gegessen hat, nicht sehr zu verwundem ist. Hoffentlich ist nun damit die Affäre beendet. Freilich wird sie sich noch geraume Zeit sehr schonen müssen und noch längere Zeit das Zimmer hüten. Das jetzige milde Wetter wird ihr sehr zustatten kommen.

Jena, 8.2.1864


Heute können wir Euch endlich wieder ganz gute Nachricht melden. Anna ist seit drei Tagen wieder außer Bett und heute sogar schon von elf bis acht Uhr wieder aufgewesen. Es liegen aber acht schlimme Tage hinter uns, in denen mir ein Rückfall der Pleuritis recht viel Sorge und Angst gemacht hat. Wie unser letzter Brief Euch meldete, war eigentlich die Krankheit sehr rasch vorübergegangen und Anna bereits wieder ein paar Tage aufgewesen. Sie muß sich aber doch irgendwie dabei erkältet haben. Wie? weiß ich freilich nicht, da alle Vorsichtsmaßregeln an gewandt wurden und sie nicht aus der Stube kam. Es kam aber doch ein ziemlich unangenehmer Rückfall, schon am Tage nach Absendung des letzten Briefes; das Fieber, und damit auch Mangel an Schlaf und Appetit, stellte sich wieder ein und brachte die arme kleine Frau in den letzten acht Tagen noch recht herunter, da die Kräfte ohnehin schon sehr abgenommen hatten. Durch sorgfältiges Betthüten und Gerhardts sorgsame Behandlung ist nun aber auch dieses Recidiv glücklich überwunden und hoffentlich wird diesem kein zweites nachfolgen. Sie wird sich nun aber noch längere Zeit in acht nehmen müssen und noch lange nicht aus der Stube gehen dürfen. Nun sich auch Appetit und Schlaf wieder einstellen, wird sie sich schon bald wieder erholen.


ANNA SETHE AN DIE ELTERN
Jena, 8.2.1864




Heute kann ich selbst wieder ein wenig mit Euch plaudern, liebe Eltern, worüber Ihr Euch gewiß mit uns freuen werdet. Mir ist es recht leid, daß ich Euch Sorge gemacht habe; doch nun ist sie vorüber und ich will mich recht schonen, daß kein Grund wieder dazu vorhanden ist. Deine Apfelsinen haben mich sehr erquickt, liebe Mutter, und ich danke Dir herzlich dafür, wie für alle Eure Liebe und Teilnahme. Wie treu mich der liebe Ernst gepflegt hat, brauche ich wohl kaum zu sagen, und nächst ihm danke ich dem sorgsamen Gerhardt meine Genesung. Das lange Bettliegen hatte meine Kräfte doch sehr mitgenommen, aber bei den Fortschritten, die ich seit ein paar Tagen mache, werden sie nicht lange auf sich warten lassen. Heute darf ich schon von elf bis acht Uhr auf sein und infolgedessen verspreche ich mir auch eine gute Nacht, an denen bisher noch kein Überfluß war. Hoffentlich ist der liebe Alte seine Erkältung auch wieder los und kann sich beim Spazierengehen über die hübsche Schneelandschaft freuen, wie ich es vom Fenster aus tue.

Grüße Helene recht herzlich, liebe Mutter, über deren glückliche Entbindung ich mich sehr gefreut habe. Ebenso Heinrich und den Tanten viele Grüße von Eurer dankbaren Tochter Anna.


TODESANZEIGE


Am l6. Februar nachmittags 3 1/2 Uhr ist meine Frau Anna, geborene Sethe, nach kurzem Krankenlager an einer Unterleibsentzündung sanft entschlafen, was ich hiermit Freunden und Verwandten statt jeder besonderen Meldung anzeige.


Jena, den 17. Februar 1864.


Professor Dr. Haeckel.

DER VATER KARL HAECKEL AN DIE FRAU

OBERPRASIDENTIN VON BASSEWITZ IN POTSDAM


17, 2.1864


Verehrteste Frau Oberpräsidentin!


Es hat mich schon längst gedrängt, mich Ihnen auf irgendeine Art mitzuteilen. Leider ist ein großer Unglücksfall in meiner Familie die Veranlassung, daß ich mein Schweigen breche. Ich habe gestern meine Schwiegertochter in Jena verloren. Sie ist nach wiederholten Anfällen einer Brustfellentzündung nach einer äußerst glücklichen, kaum 1 1/2jährigen Ehe unterlegen. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, welchen ungeheuren Eindruck dieser Todesfall auf mich macht. Ich sehe mich auf einmal auf einige vierzig Jahre zurückversetzt, wo mich Armen dasselbe Unglück traf. Alle die Leiden, die ich in den ersten Jahren meines Verlustes durchzumachen hatte, stehen aufs lebhafteste vor mir, denn nun ist an meinem Sohn die Reihe, sie ebenfalls durchzumachen. In Ihrem Hause, in Ihrer Familie habe ich diese Trauerzeit durchlebt. Wohl habe ich sie überstanden, und Gott hat mich später wieder mit einer trefflichen Frau beglückt, welche Sie, teuerste Freundin, mir zugeführt haben. Alles Gute und Schöne, was in meinem Innersten in dieser Zeit der Leiden keimte, hat meine teure Lotte durch ihren sittlich-religiösen Geist, das Vorbild meines Lebens, in mir entwickelt, und so ist jener Verlust mit seinem ungeheuren Schmerz zu meinem Segen ausgeschlagen.

Aber was wird nun mein teurer Ernst, dessen Temperament dem meinigen sehr ähnlich ist, durchzumachen haben! Wir haben die verstorbene Schwiegertochter ungemein lieb gehabt, ihr ganzes Wesen war voller Offenheit und Wahrheit und Liebe gegen uns, und ich kann mir noch gar nicht meinen Ernst ohne sie denken. Ich reise morgen nach Jena und denke mehrere Wochen dort zu bleiben, um meinem Ernst innerlich durchzuhelfen.


DER VATER AN FRAU VON BASSEWITZ 11.3.1864


Es drängt mich recht, mich Ihnen mitzuteilen, da meine jetzigen Zustände so viel ähnliches mit denen nach Emiliens Tod vor 46 Jahren haben, an welchen Sie mir eine so teilnehmende Freundin waren. Gerade dieselbe furchtbare Verlassenheit von der Welt, die mich damals so schwer drückte, lastet jetzt auf meinem Ernst. Er hat dieses Gefühl am stärksten in der ersten Nacht nach unserer Trennung in Apolda, in Frankfurt a. M. gehabt, wo er gar nicht schlafen konnte und dessen Furchtbarkeit er gar nicht genug beschreiben kann. Aber auch wir sehen uns immer nach der geliebten Tochter um, die nun auf einmal aus dieser Zeitlichkeit verschwunden ist und die wir aus allen Kräften zurückwünschen. Das Ereignis ist darum so außerordentlich tragisch, weil nach den Versicherungen aller dortigen Freunde dieses junge Paar das höchste irdische Glück genossen hat, was man nur haben kann. Die Verstorbene hat immer geäußert, sie sei vollkommen glücklich, es fehle ihr nichts, und so sind sie wie ein paar unschuldige Kinder nebeneinander hergegangen und alle Welt hat sich über sie gefreut, und so war auch die Trauer in dieser kleinen Stadt und die Teilnahme an diesem Ereignis fast allgemein.

Ich kam eine Stunde vor dem Begräbnis und konnte noch daran teilnehmen. Meinem Sohn, der krank zu Bett lag und erst nach einigen Tagen wieder aufstehen konnte, und meiner Frau war es nicht mög lich; es war aber ein großer Trost für ihn, daß wir bei ihm waren, und so werden wir auch Anfang Mai nach Jena gehen und dort den Sommer zubringen. Denn wenn er um diese Zeit von Nizza zurückkommt und seine Anna nicht findet, dann wird der Schmerz erst recht losbrechen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, und Sie haben mich damals in meinem Schmerz gesehen.

Die Hauptfrage entsteht nun. wie dieses Ereignis bei meinem Sohn auf die Dauer wirken wird? Das müssen wir abwarten, diesen inneren Prozeß muß er für sich selbst durchmachen, und wir können ihm nur hin und wieder zur Hand gehen und ihn aufklären helfen. Ich wünsche daher sehr, noch so lange zu leben, bis er wieder das ruhige Gleis gefunden haben wird, worüber die nächsten Jahre wohl hingehen werden. Soll ich nach mir urteilen, so wird dieser große Verlust eine innere dauernde Wirkung bei ihm hervorbringen. Es wird ihm vielleicht schwerer werden als mir, da er an seinen naturwissenschaftlichen Studien ein großes Gegengewicht finden wird. Da er aber viel Gemüt hat, so wird sich auch das religiöse Element in ihm stärken. Sonderbar! Daß nach den Erfahrungen jene dieses Element oft zurückdrängen, da doch die innere Erkenntnis der Naturgesetze eher auf die göttliche Weisheit und Ordnung zurückweisen muß! -

ERNST HAECKEL AN SEINE ELTERN


Villafranca bei Nizza, 21.3.1864


Die letzten acht Tage ist es mir leidlich gegangen. Das Mittelmeer, das ich so sehr liebe, hat einen Teil der heilsamen Wirkung, die ich hoffte, ausgeübt; ich bin sehr viel ruhiger geworden und fange an, mich in mein unabänderliches Elend zu finden, wenngleich ich noch nicht weiß, wie ich es auf die Dauer tragen soll. Hier in Nizza und Villafranca, sowie auch schon vorher in Genua und an der Riviera ponente, habe ich sehr viel Anknüpfungspunkte an das Jahr 1856 gefunden, wo ich mit Müller und Kölliker das erstemal hier war. Damals kannte ich meine unvergleichliche Anna noch nicht; ich wußte noch nicht, was leben und lieben heißt - und nun kommt mir diese ganze glückselige Zwischenzeit, wo ich gelebt und geliebt habe, nur wie ein kurzer, schöner Traum vor, und ich versuche mich in die Zeit vor 1858 zurückzuversetzen, wo ich noch in der Wissenschaft alles Glück zu finden vermeinte.

Deine Lebensanschauungen teile ich im wesentlichen, lieber Vater, nur daß ich das menschliche Leben und die Menschen selbst noch weit geringer schätze als Du, und mein entsetzliches Schicksal hat mich in dieser Verachtung des Lebens nur noch bestärkt. Du sagst sehr richtig, daß bei nüchterner Betrachtung die meisten Menschen wie Narren in der Welt umherzulaufen und dem eitelsten Tand nachzujagen scheinen. Während wir aber in der Prämisse, in der Wertschätzung oder vielmehr Verachtung des menschlichen Lebens in seiner ganzen Nichtigkeit übereinstimmen, ziehen wir daraus entgegengesetzte Konsequenzen; Du folgerst daraus, daß der Mensch zu einer höheren göttlichen Entwicklung bestimmt sei, während ich daraus den Schluß ziehe, daß bei einem so verfehlten und widerspruchsvollen Geschöpf wie dem Menschen, eine persönliche Fortentwicklung nach dem Tode nicht wahrscheinlich ist, wohl aber eine Fortentwicklung des Geschlechts im großen und ganzen, wie das schon aus der Darwinschen Theorie zu folgern ist. Das Indviduum mit seiner kurzen persönlichen Existenz er scheint mir aber nur als ein vorübergehendes Glied in dieser großen Kette, als ein rasch vergängliches Nebelbild, aus dessen vorübergehender Tätigkeit im besten Falle einzelne Individuen einer nachfolgenden Generation Kraft und Nutzen für weitere Fortschritte ziehen, Die persönliche individuelle Existenz erscheint mir so entsetzlich elend, kleinlich und wertlos, daß ich sie für nichts, als für die Vernichtung bestimmt halte. Mephisto sagt sehr richtig.


"Denn alles, was entsteht,

Ist wert, daß es zugrunde gehtl"


Das mag vielen als eine schreckliche Ansicht erschei nen; allein eine nüchterne Betrachtung der ganzen Schwäche und Wertlosigkeit des menschlichen Lebens, der Eitelkeit aller menschlichen Bestrebungen, scheint mir mit Notwendigkeit zu diesen Folgerungen hinzu führen.


Villafranca, 5. 4. 1864


Ich kann Euch heute zu Eurer Beruhigung bessere Nachricht von mir geben. Die letzte Woche ist wesentlich leichter und ruhiger verflossen als die vorhergehenden, und ich lerne allmählich das Unerträgliche ertragen und mich in das Unabänderliche meiner jammervollen Lage finden. Während der Naturgenuß, die schönen Formen und Farben des Südens doch nicht die beruhigende und tröstende Wirkung gehabt haben, die ich mir davon versprach, da mir bei allem meine Anna zu sehr fehlt, und ein eigentlicher Genuß ohne sie für mich überhaupt nicht mehr existiert, so hat dagegen die ernste wissenschaftliche Arbeit wohltätiger und anziehender auf mich gewirkt, als ich gedacht hatte.

Ich bin seit acht Tagen angestrengt mit feinen mikroskopischen Untersuchungen beschäftigt gewesen, und dank dem großen Reichtum des hiesigen Hafens an schönen und seltenen Seetieren hat diese mir früher so liebgewordene Beschäftigung auch jetzt eine Anziehungskraft auf mich ausgeübt, die ich nicht mehr davon erwartet hatte. Das schlechte Wetter, das bis vor acht Tagen meine Arbeitspläne vereitelte, ist seitdem einem sehr schönen und beständigen Frühlingswetter gewichen, dessen günstigen Einfluß auf das Erscheinen der pelagischen Tierwelt ich jeden Morgen bei der Barkenfahrt empfinde. Ich habe seitdem sehr reiches Material, mehr, als ich täglich verarbeiten kann, und, was das Wichtigste ist, ich habe eine bestimmte Arbeit gefunden, die mich anzieht und deren Ausführung energische Konzentration der Gedanken fordert. Dieser Zwang, den ich mir selbst antue, die Notwendigkeit, alle meine Gedanken möglichst auf das Beobachtungsobjekt zu konzentrieren, hat nun eine sehr wohltätige und lindernde Wirkung auf meine schmerzlich bewegte und zerrissene Seele ausgeübt, und ich gewöhne mich allmählich daran, nicht den ganzen Tag unaufhörlich bloß an mein Elend zu denken und der Verzweiflung nachzugeben. Ich hoffe, daß dieser wohltätige Einfluß der Lieblingsarbeit von Dauer sein wird.


Ä

AUS DEM TAGEBUCH ÜBER DIE ARBEIT IN VILLAFRANCA


Sonntag, 20. März 1864. Palmsonntag. Ankunft.

- Schwerer Abend.

Donnerstag, 14. April 1864. Den ganzen Tag hinderte mich mein endloser Jammer ordentlich zu arbeiten. Jammerszene bei Tisch und nachher zu Hause. Nichts gearbeitet. Schrecklicher Tag.

Freitag, 15. April 1864. Verzweifelte Stimmung.


Samstag, 16. April 1864. Elender Tag. Verzweiflung. Zwei Monate erst seit dem Schreckenstag verflossen. Zwei Monate, und länger als zwei Jahre erschienen. Todessehnsucht. In drei Tagen nichts, als immer dieselbe Geschichte.

Dienstag, 3. Mai 1864. Vor sechs Jahren Verlobungstag! Der Schmerz wurde glücklicherweise betäubt durch die Unmassen von Craspedoten, welche das bewegte Meer heute bei der einundzwanzigsten Barkenfahrt lieferte. So kam ich glücklicherweise bis zum Abend nicht zur Besinnung.

DER VATER AN FRAU VON BASSEWITZ Jena, 8.7.1864



Wir suchen unseren Sohn, den die trüben Stunden häufig heimsuchen, zu trösten, so gut es geht, und verweisen ihn darauf, daß der Schmerz sich jedenfalls allmählich durch die Zeit lindern wird. Er liest seine Collegia und arbeitet fleißig. Mitte August denkt er auf sechs Wochen nach Helgoland zu gehen und dort Seetierchen zu fangen und zu untersuchen. Die Naturgesetze stehen den Naturforschern obenan, zu diesen rechnen sie aber auch die Vernunft und das Sittengesetz im Menschen, und so ist denn auch mein Sohn ein ganz reiner Mensch von kindlichem Gemüt, den man liebhaben muß. Aber das Element der göttlichen Liebe, was im Christentum ruht, ist noch nicht zur Entwicklung gekommen, die göttliche Weisheit drängt sich freilich dem Naturforscher von selbst auf, und so ist auch in meinem Sohn das Gefühl der Nichtigkeit dieser Welt so stark geworden, daß er am liebsten seiner verlorenen Geliebten nachginge.

ERNST HAECKEL AN KARL GEGENBAUR Berlin, 24.12.1864


Mein liebster Freund!


Wie sehr habe ich Dich heute abend zu mir herbei gesehnt, liebster Karl, um an Deiner mitempfindenden Brust den tiefen Schmerz meiner eigenen auszuschütten. Ich konnte hier niemandem so mich hingeben, wie ich es Dir, dem ganz Gleichgesinnten, gegenüber vermag. Mein Bruder hatte, um mir eine Freude zu machen, das niedlichste und lieblichste seiner sieben Kinder hergeschickt, das rotbackige "Goldmiezchen" mit langen blonden Zöpfen und großen blauen Augen. Meine guten Eltern hatten ihm ein kleines Tannenbäumchen zugeputzt, unter dessen Lichtern es seine Bescherung empfing. Die naive Freude des reizenden kleinen Mädchens war rührend, ich aber konnte es nicht ertragen und bin ein paar Stunden allein im Tiergarten umhergelaufen, in den dichtverwachsenen dunkeln Partien desselben, die meine Braut so sehr liebte. Das einsame Rauschen der vom Nordwind bewegten Bäume mit ihren nackten frierenden Zweigen und das Ächzen und Stöhnen der gebeugten Stämme haben das wilderregte Gemüt wieder etwas beruhigt. Dann bin ich lange auf dem einsamen Hafenplatz umhergewandert und habe vergeblich auf dem hohen Balkon der Alhambra, des im maurischen Stil gebauten Hauses, das meine Anna während der 4 1/2 Jahre unserer Brautzeit bewohnte, die feine weiße Gestalt gesucht, die mir so oft abends die Schlüssel herunterwarf, und wenn ich nach glückselig verplaudertem und verscherztem Abende heimkehrte, von oben eine "felicissima notte" nachrief. Ein schönes Märchen...

ERNST HAECKEL AN DIE ELTERN Jena, 13.2.1865



Über meinen Zustand dürft Ihr außer Sorge sein. Ich bin jetzt, am Ende des schrecklichen Lebensjahres, das mir mein ganzes Lebensglück genommen hat, ruhiger und fester, als Ihr wohl denkt. Die heftigsten Ausbrüche des tiefsten Schmerzes, wie ich sie noch zu Weihnachten und zu Silvester nicht unterdrücken konnte, haben allmählich nachgelassen und aufgehört, und obwohl die Tiefe des Schmerzes über den unersetzlichen Verlust noch ganz dieselbe ist und dieselbe bleiben wird, so habe ich ihn doch beherrschen gelernt und trage die schwere Last des Lebens fest und mutig, wie es dem Manne geziemt. Ja, ein Mann ist in diesem furchtbaren Jahre aus dem Kinde geworden, und die täglich sich wiederholenden Hammerschläge des unabwendbaren Geschickes haben in mir den stählernen Charakter geschmiedet, der mir vorher so sehr fehlte. Wie oft muß ich jetzt an die Sage von dem hartgeschmiedeten Landgrafen denken, die mir meine Anna so oft vorlas, wenn ich zu weich und unentschlossen war. "Werde hart!" schloß sie dann immer mit einem neckischen Scherze. Diese Härtung ist nun eingetreten; aber sie, die sich am meisten darüber freuen würde, ist nicht mehr. Gegen die Stürme und Schicksalsschläge des Lebens bin ich nun gewappnet. Nachdem ich das Schrecklichste, das möglich war, erlebt habe und nachdem ich mich an die Entbehrung des Liebsten habe gewöhnen lernen, kann mir das weitere Leben nicht mehr viel anhaben, und ich sehe seiner ferneren Entwicklung mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit entgegen, die ich früher nicht kannte. Daß mein Verlust ein ganz unersetzlicher ist, und daß nun mein ganzes, so schön. und reich angelegtes Leben in einer anderen Richtung sich entfalten muß, steht fest. Das Gemütsleben wird nach und nach verkommen und auf seine Kosten sich das Verstandesleben entwickeln, mit welchem ich der Wissenschaft und der Entwicklung der Menschheit noch manchen wichtigen Dienst zu leisten hoffe.

Wie seltsam es geht. Meine Lage ist jetzt gerade so, wie ich sie mir als Ideal immer vorstellte, ehe ich das Glück der Liebe und die Freude des Ineinanderlebens der Gemüter kannte, wie es nur die Ehe gibt. Damals strebte ich nur immer danach, in einer freien Stellung, wie meine jetzige ist, lediglich der Wissenschaft leben und für sie tätig sein zu können. Dieser Wunsch ist nun erfüllt, nachdem ich das ungleich höhere Glück in seiner edelsten Form kennengelernt habe, welches das Gemütsleben der Liebe gewährt. Dieses Bessere ist mir genommen und das Gute ist mir geblieben. So werde ich mich denn an dieses halten und es ausnützen, so gut es geht. Die Freude an der wissenschaftlichen Tätigkeit und das Bewußtsein, hier noch Tüchtiges leisten und den Fortschritt der Erkenntnis fördern zu können, muß mein Trost und mein Lohn sein. Es trifft sich eigen, daß gerade in dieser Zeit, wo die schmerzlichen Erinnerungen des verflossenen Jahres besonders lebhaft auftauchen, mir die Wissenschaft, der mein Leben nun gewidmet ist, besonderen Lohn bieten zu wollen scheint. Nachdem ich neulich erst eine höchst wunderbare Entdeckung gemacht, habe ich in diesen Tagen ein Problem der theoretischen Zoologie gelöst, mit dem ich mich schon jahrelang getragen hatte, und welches einige der wichtigsten Grundfragen der Zoologie löst. Ich bin sehr zufrieden, daß ich wieder die Kraft und Fassung gewonnen habe, auch schwierigere philosophische Fragen im Zusammenhange zu bearbeiten. Seid also unbekümmert um mich, liebste Eltern. Ich habe die Kraft und den Willen, zu leben und zu arbeiten, wiedergewonnen, und mein treuer brüderlicher Freund und Schicksalsgenosse Gegenbaur unterstützt mich in dieser Beziehung aufs beste.


Jena, 18.2.1865


Liebste Eltern!


Die schrecklichen Tage der Februarmitte sind endlich vorüber und ich kann Euch wieder beruhigter und fester schreiben. Schwere, furchtbar schwere Zeit war das wieder und ich mußte alle Kraft zu sammennehmen, um in dem furchtbaren Kampfe mit des Lebens bitterstem und tiefstem Schmerze nicht ganz zu unterliegen. Viel Manneskraft und Charakterfestigkeit habe ich in diesem traurigsten Lebensjahre gewonnen und doch schien sie kaum auszureichen, um die entsetzlichen Tage des schwersten Verlustes selbst zu tragen. Meine letzten Briefe schrieb ich Euch in sehr gefaßter und resignierter Stimmung, die auch jetzt ganz die vorherrschende bei mir ist.

Ich beabsichtigte die schweren Trauertage bei meinem treuen Freunde und Schicksalsgenossen Gegenbaur zuzubringen. Als jedoch der bittere 16. Februar selbst herannahte, fühlte ich wohl, daß ich nicht imstande sein würde, hier auszuhalten und entschloß mich also rasch, an den Ort zu flüchten, wo ich allein Ruhe und Festigkeit stets wiedergewinne, in das freie Reich der gewaltigen Natur.

Nach schriftlichem Abschied von Gegenbaur und Schleicher schnürte ich am 15. Februar mittags meinen Ranzen und machte mich auf die Wanderschaft in die Thüringer Berge und Wälder.

Heute morgen fünf Uhr bin ich, wenn auch sehr ermattet von den starken Anstrengungen, doch ganz gesund und innerlich viel beruhigter wieder in das öde Nest zurückgekehrt, das mir freilich nach jeder Rückkehr doppelt verödet und trostlos erscheint. Indessen finde ich mich doch immer mehr darein, da das Gefühl der Entsagung und das Bewußtsein, daß alle Klagen das unwiderbringlich verlorene Glück nicht zurückführen können, immer mehr das herrschende wird. Mein Arbeitsziel, das Feld meiner Tätigkeit, liegt ganz bestimmt vor mir gezeichnet da und in dem Bewußtsein, hier tüchtig fördernd wirksam sein zu können und zu müssen, finde ich selbst in dem schweren Augenblick noch Trost und Festigkeit, wo das bittere Gefühl des unendlichen Verlustes und der gänzlichen Vereinsamung mich niederdrücken will.

Für Eure lieben Briefe, liebste Eltern, die ich am 15. gar nicht erwartet hatte, die mir aber doch rechter Trost und rechte Freude waren, habt innigsten Dank. Behaltet mir ferner so Eure treue Eltemliebe. Wenn wir auch in der speziellen Deutung der Erscheinungswelt vielfach auseinandergehen, so stimmen wir doch darin überein, daß wir dem einmal als recht, gut und wahr Erkannten uns rückhaltslos hingeben und uns durch keine äußeren Einflüsse darin beirren lassen.

So nehmt denn auch von mir als unumstößlich fest die Versicherung, daß ich dieses drückende Leben mit Kraft ertragen und die mir bestimmte Lebensspanne teuer verkaufen, das heißt alle mir zu Gebote stehenden Kräfte aufs äußerste anstrengen werde, sie zum Besten des Fortschritts der Menschheit, namentlich in der Erkenntnis, nutzbar zu machen. Bin ich einmal verpflichtet, des Daseins schweres Joch zu tragen, so will ich auch dauernde Spur davon zurücklassen; Entsagung und mutige Tatkraft sollen meine leitenden Triebfedern sein und bleiben. Dies sagt Euch fest zu

Euer treuer Ernst.

Ein Jahrzehnt später:


AUS EINER AUTOBIOGRAPHISCHEN SKIZZE VOM JAHRE 1874


Am 16. Februar 1864, an dem Tage, an welchem ich mein dreißigstes Lebensjahr vollendete, und an welchem mir die Leopoldinisch-Karolinische Akademie durch Verleihung eines Ehrendiploms und der Goldenen Cotheniusmedaille die höchste Anerkennung für meine wissenschaftlichen Leistungen spendete, wurde mir plötzlich durch einen ganz unvermuteten jähen Tod meine innigstgeliebte Frau entrissen, mit welcher ich nach vierjährigem Brautstande nur anderthalbe kurze Jahre in der glücklichsten Ehe gelebt hatte. Dieses traurige Schicksal, welches mit einem jähen Schlage mein ganzes, rasch und schön aufgeblühtes Lebensglück zerstörte, versetzte mich in völlige Verzweiflung und in eine krankhafte und überreizte Gemütsstimmung, von der ich mich erst nach Jahren, erst nach der großen Kanarischen Reise, erholte. Völlige und ausschließliche Hingabe an meine Wissenschaft erschien mir jetzt als das einzige Rettungsmittel, und in dieser resignierten Stimmung warf ich mich ganz und rückhaltslos auf die Studien, deren Resultat in der "Generellen Morphologie" niedergelegt sind. Während des kurzen Jahres, innerhalb dessen ich dieses Werk verfaßte und herausgab, gönnte ich mir täglich nur wenige Stunden Schlaf und war vom frühen Morgen bis nach Mitternacht ausschließlich mit jener Aufgabe beschäftigt. Zur hastigen Vollendung desselben um jeden Preis drängte mich aber noch besonders einerseits das Gefühl, daß ich trotz meines von Natur kräftigen Körpers eine solche übermäßige Anstrengung doch nicht mehr lange aushalten würde, andererseits der Urlaub, den ich für das folgende Wintersemester erhalten hatte, und den ich dann auf den Kanarischen Inseln verbrachte. Schon im August 1866 wollte ich denselben antreten; aber die Vollendung der immer stärker anwachsenden Morphologie ließ mich erst Anfang Oktober, in einem Zustande höchster geistiger und körperlicher Überarbeitung, zur Abreise kommen. Hieraus sind die großen Mängel dieses Werkes, welches die schwierigsten Probleme der Biologie auf einem neuen, bisher unbetretenen Wege zu lösen suchte, wohl größtenteils zu erklären.

Noch in einer anderen, wichtigeren Beziehung wurde der erwähnte harte Schicksalsschlag für meine Entwicklung sehr erfolgreich. Er vollendete meinen völligen Bruch mit dem Kirchenglauben und trieb mich der radikalsten Realphilosophie in die Arme. Nichts würde unrichtiger sein, als aus den Angriffen auf die teleologische Weltanschauung und die Kirchendogmen, welche in meinen Schriften seit 1866 zu finden sind, den Schluß zu ziehen, daß ich stets dieser Richtung gehuldigt habe. Im Gegenteil war meine frühere Weltanschauung bis nach vollendeten Universitätsstudien eine total entgegengesetzte und selbst bis zum dreißigsten Lebensjahre noch eine vermittelnde. Auferzogen unter der sorgfältigsten Pflege von trefflichen Eltern und Lehrern, denen ich mit der zärtlichsten Liebe und dem größten Vertrauen anhing, und die mit dem wärmsten und lebendigsten Glauben an dem von Schleiermacher vertretenen liberalen Christentum hingen, wurde ihr Glaube auch der meinige. Ich vertrat diesen Glauben in der freisinnigsten Form und mit voller Überzeugung noch während meiner ganzen Universitätszeit und verteidigte ihn warm gegenüber den zahlreichen Angriffen der jungen, mir nächst befreundeten Kommilitonen, Mediziner und Naturforscher. Selbst die Lektüre der materialistischen Schriften von Vogt, Büchner usw., welche damals (um die Mitte der fünfziger Jahre) so lebhafte Streitigkeiten hervorriefen, vermochte mich nicht wesentlich zu erschüttern, obwohl sie viele Zweifel in mir erregten. Erst als ich nach vollendetem Universitätsstudium in das Leben hinaustrat, und besonders in meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre, während der fünfzehn Monate meiner Reise durch Italien und Sizilien, als ich so viele mir bis dahin unbekannte Seiten des realen Menschenlebens kennen, bedauern und verachten lernte, erst da wurde meine ideale Lebensanschauung vielfach zerstört, und es stiegen ernstliche Zweifel an den tiefsten Glaubenswahrheiten in meinem Innern auf. Als ich nun aber nach meiner Rückkehr aus Italien 1860 mit Darwins Werk bekannt wurde, als ich hier die Lösung der schwierigsten philosophischen Probleme auf dem mechanischen oder monistischen Wege angebahnt sah, da begann sich in mir eine Einheit der Weltanschauung vorzubereiten, vor welcher nur wenige der altgewohnten, liebgewordenen Glaubensartikel mehr bestehen konnten. Doch auch jetzt noch hielt ich trotz vielfacher innerer Kämpfe und Zweifel an einigen der bedeutendsten teleologischen Anschauungen fest. Erst die jähe Wendung meines Schicksals an dem Unglückstage, an welchem ich mein dreißigstes Lebensjahr vollendete, zerstörte in mir mit einem Schlage alle letzten Reste meiner früheren dualistischen Weltanschauung. Erst von jetzt an war ich reiner Monist und vertrat, von allen Fesseln der Glaubensdichtungen befreit, mit der rücksichtslosesten Entschiedenheit diejenige einheitliche Weltanschauung, welche überall in dem Entwicklungsgange der Welt nur wirkende Ursachen (causae efficientes), keine zwecktätigen Ursachen (causae finales) anerkennt, welche in allen Dingen ein und dieselbe mechanische Triebfeder der natürlichen Entwicklung findet.


POPULÄRE VORTRÄGE AUS DEM GESAMTGEBIETE DER ENTWICKLUNGSLEHRE 1878


WIDMUNG.


Dem Andenken seiner treuen Frau Anna Sethe widmet diese Blätter in treuer Dankbarkeit


Ernst Haeckel.


AUS DEM VORWORT.


Wenn ich dieses erste Heft meiner gesammelten populären Vorträge dem Andenken meiner teuren ersten Frau widme, die mir nach kurzer glücklichster Ehe plötzlich durch einen jähen Tod entrissen wurde, so will ich damit aus treuer Dankbarkeit den hervorragenden Anteil bezeichnen, den diese selten begabte Frau wie an meinen Arbeiten überhaupt, so insbesondere an der Entstehung dieser Vorträge gehabt hat. Anna Sethe gehörte zu jenen seltenen weiblichen Naturen, die mit allen Reizen edelster Weiblichkeit die männliche Energie konsequenten Wollens und die männliche Erkenntnislust unerschrockenen Forschens verbinden. Voll Begeisterung für alles Wahre, Schöne und Gute, ergriff ihr umfassender und klarer Geist die monistische Entwicklungslehre und ihre Begründung durch Darwin mit dem lebhaftesten Interesse. In beständigem Gedankenaustauch mit ihr reiften die naturphilosophischen Überzeugungen, denen ich später in der "Generellen Morphologie" eine strengere Ausführung, in der "Natürlichen Schöpfungsgeschichte" und "Anthropogenie" eine populäre Darstellung gegeben habe. Anna Sethe flößte mir den Mut ein, 1863 auf der Naturforscher-Versammlung zu Stettin zuerst mit jenen monistischen Überzeugungen an die Öffentlichkeit zu treten. Wenn es mir gelungen sein sollte, in diesen und anderen Arbeiten über Entwicklungslehre, aus denen die hier gesammelten kleineren Vorträge hervorgegangen sind, dem Erkenntnisgut der Menschheit einen bleibenden Gewinn zuzufügen, so verdanke ich dies wesentlich mit dem Einflusse der unvergeßlichen Frau, deren Andenken diese Blätter gewidmet sind.


Jena, den 10. Oktober 1878. Ernst Haeckel.


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