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Natürliche Schöpfungsgeschichte
Ernst Haeckel
"Nach ewigen ehernen
"Großen Gesetzen
"Müssen wir Alle
"Unseres Daseins
"Kreise vollenden!
Goethe.
Vorwort
Die vorliegenden freien Vorträge über "natürliche
Schöpfungsgeschichte" sind im Wintersemester 1867/68 vor
einem aus Laien und Studirenden aller Facultäten
zusammengesetzten Publikum hier von mir gehalten, und von zweien
meiner Zuhörer, den Studirenden Hörnlein und
Römfeld, stenographirt worden. Abgesehen von den redactionellen
Veränderungen des stenographischen Manuscripts, habe ich an
mehreren Stellen Erörterungen weggelassen, welche für
meinen engeren Zuhörerkreis von besonderem Interesse waren,
und dagegen an anderen Stellen Erläuterungen eingefügt,
welche mir für den weiteren Leserkreis erforderlich schienen. Die
Abkürzungen betreffen besonders die erste Hälfte, die
Zusätze dagegen die zweite Hälfte der Vorträge. Der
XV., XVI., XVII. und XVIII. Vortrag, welche ursprünglich
zusammen nur zwei Vorträge bildeten, sind gänzlich
umgearbeitet und bedeutend erweitert worden.
Die "natürliche Schöpfungsgeschichte", oder richtiger
ausgedrückt: die "natürliche Entwickelungslehre", deren
selbstständige Förderung und weitere Verbreitung den
Zweck dieser Vorträge bildet, ist seit nun bald zehn Jahren durch
die große Geistesthat von Charles Darwin in ein neues
Stadium ihrer Entwickelung getreten. Was frühere Anhänger
derselben nur unbestimmt andeuteten oder ohne Erfolg aussprachen,
was schon Wolfgang Goethe mit dem prophetischen Genius des
Dichters, weit sener Zeit vorauseilend, ahnte, was Jean Lamarck
bereits, unverstanden von seinen befangenen Zeitgenossen, zu einer
klaren wissenschaftlichen Theorie formte, das ist durch das
epochemachende Werk von Charles Darwin
unveräußerliches Erbgut der menschlichen Erkenntniß
und die erste Grundlage geworden, auf der alle wahre Wissenschaft in
Zukunft weiter bauen wird. "Entwickelung" heißt von jetzt
an das Zauberwort, durch das wir alle uns umgebenden Räthsel
lösen, oder wenigstens auf den Weg zu ihrer Lösung
gelangen können. Aber wie Wenige haben dieses Losungswort
wirklich verstanden, und wie Wenigen ist seine weltumgestaltende
Bedeutung klar geworden! Befangen in der mythischen Tradition
von Jahrtausenden, und geblendet durch den falschen Glanz
mächtiger Autoritäten, haben selbst hervorragende
Männer der Wissenschaft in dem Siege der Entwickelungstheorie
nicht den größten Fortschritt, sondern einen
gefährlichen Rückschritt der Naturwissenschaft erblickt, und
namentlich den biologischen Theil derselben, die Abstammungslehre
oder Descendenztheorie, unrichtiger beurtheilt, als der gesunde
Menschenverstand des gebildeten Laien.
Diese Wahrnehmung vorzüglich war es, welche mich zur
Veröffentlichung dieser gemeinverständlichen
wissenschaftlichen Vorträge bestimmte. Ich hoffe dadurch der
Entwickelungslehre, welche ich für die größte
Eroberung des menschlichen Geistes halte, manchen Anhänger
auch in jenen Kreisen der Gesellschaft zuzuführen, welche
zunächst nicht mit dem empirischen Material der
Naturwissenschaft, und der Biologie insbesondere, näher vertraut,
aber durch ihr Interesse an dem Naturganzen berechtigt, und durch
ihren natürlichen Menschenverstand befähigt sind, die
Entwickelungstheorie zu begreifen, und als Schlüssel zum
Verständniß der Erscheinungswelt zu benutzen. Die Form der
freien Vorträge, in welcher hier die Grundzüge der
allgemeinen Entwickelungsgeschichte behandelt sind, hat mancherlei
Nachtheile. Aber ihre Vorzüge, namentlich der freie und
unmittelbare Verkehr zwischen dem Vortragenden und dem
Zuhörer, überwiegen in meinen Augen die Nachtheile
bedeutend.
Der lebhafte Kampf, welcher in den letzten Jahren um die
Entwickelungslehre entbrannt ist, muß früher oder
später nothwendig mit ihrer allgemeinen Anerkennung endigen.
Dieser glänzendste Sieg des erkennenden Verstandes über
das blinde Vorurtheil, der höchste Triumpf, den der menschliche
Geist erringen konnte, wird sicherlich mehr als alles Andere nicht allein
zur geistigen Befreiung, sondern auch zur sittlichen Vervollkommnung
der Menschheit beitragen. Zwar haben nicht nur diejenigen engherzigen
Leute, die als Angehörige einer bevorzugten Kaste jede
Verbreitung allgemeiner Bildung überhaupt scheuen, sondern
auch wohlmeinende und edelgesinnte Männer die
Befürchtung ausgesprochen, daß die allgemeine Verbreitung
der Entwickelungstheorie die gefährlichsten moralischen und
socialen Folgen haben werde. Nur die feste Ueberzeugung, daß
diese Besorgniß gänzlich unbegründet ist, und daß
im Gegentheil jeder große Fortschritt in der wahren
Naturerkenntniß unmittelbar oder mitt elbar auch eine
entsprechende Vervollkommnung des sittlichen Menschenwesens
herbeiführen muß, konnte mich dazu ermuthigen, die
wichtigsten Grundzüge der Entwickelungstheorie in der hier
vorliegenden Form einem weiteren Kreise zugänglich zu machen.
Den wißbegierigen Leser, welcher sich genauer über die in
diesen Vorträgen behandelten Gegenstände zu unterrichten
wünscht, verweise ich auf die im Texte mit Ziffern
angeführten Schriften, welche am Schlusse desselben im
Zusammenhang verzeichnet sind. Bezüglich derjenigen
Beiträge zum Ausbau der Entwickelungslehre, welche mein
Eigenthum sind, verweise ich insbesondere auf meine 1866
veröffentlichte "Generelle Morphologie der Organismen" (Erster
Band: Allgemeine Anatomie oder Wissenschaft von den entwickelten
Formen; Zweiter Band: Allgemeine Entwickelungslehre oder
Wissenschaft von den entstehenden Formen). Dies gilt namentlich von
meiner, im ersten Bande ausführlich begründeten
Individualitätslehre und Grundformenlehre, auf welche ich in
diesen Vorträgen nicht eingehen konnte, und von meiner, im
zweiten Bande enthaltenen mechanischen Begründung des
ursächlichen Zusammenhangs zwischen der individuellen und der
paläontologischen Entwickelungslehre. Der Leser, welcher sich
specieller für das natürliche System der Thiere, Pflanzen
und Protisten, sowie für die darauf begründeten
Stammbäume interessirt, findet darüber das Nähere in
der systematischen Einleitung zum zweiten Bande der generellen
Morphologie. Die entsprechenden Stellen der letzteren, welche einzelne
Gegenstände dieser freien Vorträge ausführlicher
behandeln, sind im Text mit (Gen. Morph.) angeführt.
So unvollkommen und mangelhaft diese Vorträge auch sind, so
hoffe ich doch, daß sie dazu dienen werden, das segensreiche Licht
der Entwickelungslehre in weiteren Kreisen zu verbreiten. Möchte
dadurch in vielen denkenden Köpfen die unbestimmte Ahnung zur
klaren Gewißheit werden, daß unser Jahrhundert durch die
endgültige Begründung der Entwickelungstheorie, und
namentlich durch die Entdeckung des menschlichen Ursprungs, den
bedeutendsten und ruhmvollsten Wendepunkt in der ganzen
Entwickelungsgeschichte der Menschheit bildet. Möchten dadurch
viele Menschenfreunde zu der Ueberzeugung geführt werden, wie
fruchtbringend und segensreich dieser größte Fortschritt in
der Erkenntniß auf die weitere fortschreitende Entwickelung des
Menschengeschlechts einwirken wird, und an ihrem Theile
werkthätig recht viele Leser angeregt werden, tiefer in das innere
Heiligthum der Natur einzudringen, und aus der nie versiegenden Quelle
der natürlichen Offenbarung mehr und mehr jene höchste
Befriedigung des Verstandes durch wahre Naturerkenntniß, jenen
reinsten Genuß des Gemüthes durch tiefes
Naturverständniß, und jene sittliche Veredelung der
Vernunft durch einfache Naturreligion schöpfen, welche auf
keinem anderen Wege erlangt werden kann.
Jena, am 18ten August 1868.
Ernst Heinrich Haeckel.
Inhaltverzeichniß.
Erster Vortrag.
Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre oder
Descendenztheorie.
Allgemeine Bedeutung und wesenlicher Inhalt der von Darwin
reformirten Abstammungslehre oder Descendenztheorie. Besondere
Bedeutung derselben für die Biologie (Zoologie und Botanik),
für die mechanische Erklärung der organischen
Naturerscheinungen. Besondere Bedeutung derselben für die
Anthropologie, für die natürliche Entwickelungsgeschichte
des Menschengeschlechts. Die Abstammungslehre als natürliche
Schöpfungsgeschichte. Begriff der Schöpfung. Wissen und
Glauben. Schöpfungsgeschichte und Entwickelungsgeschichte.
Zusammenhang der individuellen und paläontologischen
Entwickelungsgeschichte. Unzweckmäßigkeitslehre oder
Wissenschaft von den rudimentären Organen. Unnütze und
überflüssige Einrichtungen im Organismus. Gegensatz der
beiden grundverschiedenen Weltanschauungen, der monistischen
(mechanischen, causalen) und der dualistischen (teleologischen, vitalen).
Begründung der ersteren durch die Abstammungslehre. Einheit
der organischen und anorganischen Natur, und Gleichheit der wirkenden
Ursachen in Beiden. Bedeutung der Abstammungslehre für die
einheitliche (monistische) Auffassung der ganzen Natur.
Zweiter Vortrag.
Wissenschaftliche Berechtigung der Descendenztheorie.
Schöpfungsgeschichte nach Linné
Die Abstammungslehre oder Descendenztheorie als die einheitliche
Erklärung der organischen Naturerscheinungen durch
natürliche wirkende Ursachen. Vergleichung derselben mit
Newtons Gravitationstheorie. Zwingende Nothwendigkeit ihrer Annahme
und allgemeine Verpflichtung der Naturforscher zu derselben. Die
Abstammungslehre als festbegründete wissenschaftliche Theorie.
Mangel jeder anderen Erklärung der organischen Schöpfung.
Grenzen der wissenschaftlichen Erklärung und der menschlichen
Erkenntniß überhaupt. Alle Erkenntniß
ursprünglich durch sinnliche Erfahrung bedingt, aposteriori, daher
beschränkt. Uebergang der aposteriorischen Erkenntnisse durch
Vererbung in apriorische Erkenntnisse. Gegensatz der
übernatürlichen Schöpfungshypothesen von
Linné, Cuvier, Agassiz, und der natürlichen
Entwickelungstheorien von Lamarck, Goethe, Darwin. Zusammenhang
der ersteren mit der monistischen (mechanischen), der letzteren mit der
dualistischen (teleologischen) Weltanschauung.
Schöpfungsgeschichte des Moses. Ihre Vorzüge und
Irrthümer. Linné als Begründer der systematischen
Naturbeschreibung und Artunterscheidung. Linné's Classification
und binäre Nomenclatur. Bedeutung des Speciesbegriffs bei
Linné. Seine Schöpfungsgeschichte. Linnés Ansicht
von der Entstehung der Arten.
Dritter Vortrag.
Schöpfungsgeschichte nach Cuvier und Agassiz
Allgemeine theoretische Bedeutung des Speciesbegriffs. Unterschied
in der theoretischen und praktischen Bestimmung des Artbegriffs.
Cuvier's Definition der Species. Cuvier's Verdienste als Begründer
der vergleichenden Anatomie. Unterscheidung der vier Hauptformen
(Typen oder Zweige) des Thierreichs durch Cuvier und Bär. Cuviers
Verdienste um die Paläontologie. Seine Hypothese von den
Revolutionen des Erdballs und den durch dieselben getrennten
Schöpfungsperioden. Unbekannte, übernatürliche
Ursachen dieser Revolutionen und darauf folgenden
Neuschöpfungen. Teleologisches Natursystem von Agassiz. Seine
Vorstellungen vom Schöpfungsplane und dessen sechs Kategorien
(Gruppenstufen des Systems). Agassiz' Ansichten von der Erschaffung
der Species. Grobe Vermenschlichung (Anthropomorphismus) des
Schöpfers in der Schöpfungshypothese des Agassiz. Innere
Unhaltbarkeit derselben und Widersprüche mit den von Agassiz
entdeckten wichtigen paläontologischen Gesetzen.
Vierter Vortrag.
Entwickelungstheorie von Goethe und Oken
Wissenschaftliche Unzulänglichkeit aller Vorstellungen von
einer Schöpfung der einzelnen Arten. Nothwendigkeit der
entgegengesetzten Entwickelungstheorien. Geschichtlicher Ueberblick
über die wichtigsten Entwickelungstheorien. Aristoteles. Seine
Lehre von der Urzeugung. Die Bedeutung der Naturphilosophie. Goethe.
Seine Verdienste als Naturforscher. Seine Metamorphose der Pflanzen.
Seine Wirbeltheorie des Schädels. Seine Entdeckung des
Zwischenkiefers beim Menschen. Goethe's Theilnahme an dem Streite
zwischen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire. Goethe's Entdeckung der beiden
organischen Bildungstriebe, des konservativen Specifikationstriebes (der
Vererbung), und des progressiven Umbildungstriebes (der Anpassung).
Goethe's Ansicht von der gemeinsamen Abstammung aller Wirbelthiere
mit Inbegriff des Menschen. Oken. Seine Naturphilosophie. Oken's
Vorstellung vom Urschleim (Protoplasmathoerie). Oken's Vorstellung
von den Infusorien (Zellentheorie). Oken's Entwickelungstheorie.
Fünfter Vortrag.
Entwickelungstheorie von Kant und Lamarck
Kant's dualistische Biologie. Seine Ansicht von der Entstehung der
Anorgane durch mechanische, der Organismen durch zweckthätige
Ursachen. Widerspruch dieser Ansicht mit seine Hinneigung zur
Abstammungslehre. Kant's genealogische Entwickelungstheorie.
Beschränkung derselben durch seine Teleologie. Ansichten zu
Gunsten der Descendenztheorie von Leopold Buch, Bär, Schleiden,
Unger, Schaaffhausen, Victor Carus, Büchner. Die
französische Naturphilosophie. Lamarck's Philosophie zoologique.
Lamarck's monistisches (mechanisches) Natursystem. Seine Ansichten
von der Wechselwirkung der beiden organischen Bildungskräfte,
der Vererbung und der Anpassung. Lamarck's Ansicht von der
Entwickelung des Menschengeschlechts aus affenartigen
Säugethieren. Vertheidigung der Descendenztheorie durch
Geoffroy S. Hilaire, Naudin und Lecoq. Die englische Naturphilosophie.
Ansichten zu Gunsten der Descendenztheorie von Erasmus Darwin, W.
Herbert, Grant, Patrick Matthew, Freke, Herbert Spencer, Huxley.
Doppeltes Verdienst von Charles Darwin.
Sechster Vortrag.
Entwickelungstheorie von Lyell und Darwin
Charles Lyell's Grundsätze der Geologie. Seine natürliche
Entwickelungsgeschichte der Erde. Entstehung der größten
Wirkungen durch Summirung der kleinsten Ursachen. Entstehung der
Gebirge durch langsame, sehr lange Zeit fortdauernde Hebungen und
Senkungen des Erdbodens. Unbegrenzte Länge der geologischen
Zeiträume. Lyell's Widerlegung der Cuvier'schen
Schöpfungsgeschichte. Begründung des ununterbrochenen
Zusammenhangs der geschichtlichen Entwickelung durch Lyell und
Darwin. Biogrophische Notizen über Charles Darwin. Seine
wissenschaftlichen Werke. Seine Korallenrifftheorie. Entwickelung der
Selectionstheorie von Charles Darwin und Alfred Wallace. Darwin's
neuestes Werk. Sein Studium der Hausthiere und Culturpflanzen. Hohe
Bedeutung dieses Studiums. Andreas Wagner's Ansicht von der
besonderen Schöpfung der Culturorganismen für den
Menschen. Der Baum der Erkenntniß im Paradies. Vergleichung der
wilden und der Culturorganismen. Darwin's Studium der Haustauben.
Bedeutung der Taubenzucht. Unendliche Verschiedenheit der
Taubenrassen und gemeinsame Abstammung derselben von einer
einzigen Stammart.
Siebenter Vortrag.
Die Züchtungslehre oder Selectionstheorie. (Der Darwinismus)
Darwinismus (Selectionstheorie) und Lamarckismus
(Descendenztheorie). Der Vorgang der künstlichen Züchtung:
Auslese (Selection) der verschiedenen Einzelwesen zur Nachzucht. Die
wirkenden Ursachen der Umbildung: Abänderung, mit der
Ernährung zusammenhängend, und Vererbung, mit der
Fortpflanzung zusammenhängend. Mechanische Natur dieser
beiden physiologischen Functionen. Der Vorgang der natürlichen
Züchtung: Auslese (Selection) durch den Kampf um's Dasein.
Malthus' Bevölkerungstheorie. Mißverhältniß
zwischen der Zahl der möglichen (potentiellen) und der wirklichen
(actuellen) Individuen jeder Organismenart. Allgemeiner Wettkampf um
die Existenz, oder Mitbewerbung um die Erlangung der nothwendigen
Lebensbedürfnisse. Umbildende und züchtende Kraft dieses
Kampfes um's Dasein. Vergleichung der natürlichen und der
künstlichen Züchtung.
Achter Vortrag.
Vererbung und Fortpflanzung
Allgemeinheit der Erblichkeit und der Vererbung. Affallende
besondere Aeußerungen derselben. Menschen mit vier, sechs oder
sieben Fingern und Zehen. Stachelschweinmenschen. Vererbung von
Krankheiten, namentlich von Geisteskrankheiten. Erbsünde.
Erbliche Monarchie. Erbadel. Erbliche Talente und Seeleneigenschaften.
Materielle Ursachen der Vererbung. Zusammenhang der Vererbung mit
der Fortpflanzung. Urzeugung und Fortpflanzung. Ungeschlechtliche oder
monogame Fortpflanzung. Moneren. Fortpflanzung der Moneren und der
Amoeben durch Selbsttheilung. Vermehrung der organischen Zellen und
der Eier durch Selbsttheilung. Fortpflanzung der Korallen durch
Theilung. Fortpflanzung durch Knospenbildung, durch
Keimknospenbildung und durch Keimzellenbildung. Geschlechtliche oder
amphigone Fortpflanzung. Zwitterbildung oder Hermaphroditismus.
Geschlechtstrennung oder Gonochorismus. Jungfräuliche Zeugung
oder Parthenogenesis. Materielle Uebertragung der Eigenschaften beider
Eltern auf das Kind bei der geschelchtlichen Fortpflanzung. Unterschied
der Vererbung bei der geschlechtlichen und bei der ungeschlechtlichen
Fortpflanzung.
Neunter Vortrag.
Vererbungsgesetze. Anpassung und Ernährung
Unterscheidung der erhaltenden und fortschreitenden Vererbung.
Gesetze der erhaltenden oder conservativen Erblichkeit: Vererbung
ererbter Charaktere. Ununterbrochene oder continuirliche Vererbung.
Unterbrochene oder latente Vererbung. Generationswechsel.
Rückschlag. Verwilderung. Geschlechtliche oder sexuelle
Vererbung. Bastardzeugung. Abgekürzte oder vereinfachte
Vererbung. Gesetze der fortschreitenden oder progressiven Erblichkeit:
Vererbung erworbener Charactere. Angepaßte oder erworbene
Vererbung. Befestigte oder constituirte Vererbung. Gleichzeitliche oder
homochrone Vererbung. Gleichörtliche oder homotope Vererbung.
Anpassung und Veränderlichkeit. Zusammenhang der Anpassung
und der Ernährung. Unterscheidung der indirecten und directen
Anpassung.
Zehnter Vortrag.
Anpassungsgesetze
Gesetze der indirecten oder potentiellen Anpassung. Individuelle
Anpassung. Monströse oder sprungweise Anpassung.
Geschlechtliche oder sexuelle Anpassung. Gesetze der directen oder
actuellen Anpassung. Allgemeine oder universelle Anpassung.
Gehäufte oder cumulative Anpassung. Gehäufte Einwirkung
der äußeren Existenzbedingungen und gehäufte
Gegenwirkung des Organismus. Der freie Wille. Gebrauch und
Nichtgebrauch der Organe. Uebung und Gewohnheit.
Wechselbezügliche oder correlative Anpassung.
Wechselbeziehungen der Entwickelung. Correlation der Organe.
Erklärung der indirecten oder potentiellen Anpassung durch die
Correlation der Geschlechtsorgane und der übrigen
Körpertheile. Abweichende oder divergente Anpassung.
Unbeschränkte oder unendliche Anpassung.
Elfter Vortrag.
Die natürliche Züchtung durch den Kampf um's Dasein.
Arbeitstheilung und Fortschritt
Wechselwirkung der beiden organischen Bildungstriebe, der
Vererbung und Anpassung. Natürliche und künstliche
Züchtung. Kampf um's Dasein oder Wettkampf um die
Lebensbedürfnisse. Mißverhältniß zwischen der
Zahl der möglichen (potentiellen) und der Zahl der wirklichen
(actuellen) Individuen. Verwickelte Wechselbeziehungen aller
benachbarten Organismen. Wirkungsweise der natürlichen
Züchtung. Gleichfarbige Zuchtwahl als Ursache der sympathischen
Färbungen. Geschlechtliche Zuchtwahl als Ursache der
secundären Sexualcharaktere. Gesetz der Sonderung oder
Arbeitstheilung (Polymorphismus, Differenzierung, Divergenz des
Charakters). Uebergang der Varietäten in Species. Begriff der
Species. Bastardzeugung. Gesetz des Fortschritts oder der
Vervollkommnung (Progressus, Teleosis).
Zwölfter Vortrag.
Entwickelungsgesetze der organischen Stämme und Individuen.
Phylogenie und Ontogenie
Entwickelungsgesetze der Menschheit: Differenzierung und
Vervollkommnung. Mechanische Ursache dieser beiden Grundgesetze.
Fortschritt ohne Differenzierung und Differenzierung ohne Fortschritt.
Entstehung der rudimentären Organe durch Nichtgebrauch und
Abgewöhnung. Ontogenesis oder individuelle Entwickelung der
Organismen. Allgemeine Bedeutung derselben. Ontogenie oder
individuelle Entwickelungsgeschichte der Wirbelthiere, mit Inbegriff des
Menschen. Eifurchung. Bildung der drei Keimblätter.
Entwickelungsgeschichte des Centralnervensystems, der
Extremitäten, der Kiemenbogen und des Schwanzes bei den
Wirbelthieren. Ursächlicher Zusammenhang und Parallelismus der
Ontogenesis und Phylogenesis, der individuellen und der
Stammesentwicklung. Ursächlicher Zusammenhang und
Parallelismus der Phylogenesis und der systematischen Entwickelung.
Parallelismus der drei organischen Entwickelungsreihen.
Dreizehnter Vortrag.
Entwickelungstheorie des Weltalls, der Erde und ihrer ersten
Organismen. Urzeugung. Plastidentheorie
Entwickelungsgeschichte der Erde. Feste Rinde und
feuerflüssiger Kern des Erdballs. Vormaliger geschmolzener
Zustand des ganzen Erdballs. Kant's Entwickelungstheorie des Weltalls
oder die kosmologische Gastheorie. Entwickelung der Sonnen, Planten
und Monde. Bildung der ersten Erstarrungskruste der Erde. Erste
Entstehung des Wassers. Vergleichung der Organismen und Anorgane.
Organische und anorganische Stoffe. Verbindungen der Elemente.
Dichtigkeitsgrade oder Aggregatzustände. Eiweißartige
Kohlenstoffverbindungen. Organische und anorganische Formen.
Krystalle und structurlose Organismen ohne Organe. Stereometrische
Grundformen der Krystalle und der Organismen. Organische und
anorganische Kräfte. Lebenskraft. Wachsthum und Anpassung bei
Krystallen und bei Organismen. Bildungstriebe der Krystalle. Einheit der
organischen und anorganischen Natur. Urzeugung oder Archigonie.
Autogonie und Plasmogonie. Kritik der Urzeugung. Entstehung der
Moneren durch Urzeugung. Entstehung der Zellen aus Moneren.
Zellentheorie. Plastidentheorie. Plastiden oder Bildnerinnen. Cytoden und
Zellen. Vier verschiedene Arten von Plastiden.
Vierzehnter Vortrag.
Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden
Reform der Systematik durch Descendenztheorie. Das natürliche
System als Stammbaum. Paläontologische Urkunden des
Stammbaumes. Die Versteinerungen als Denkmünzen der
Schöpfung. Ablagerung der neptunischen Schichten und
Einschluß der organischen Reste. Eintheilung der organischen
Erdgeschichte in fünf Hauptperioden: Zeitalter der
Tangwälder, Farnwälder, Nadelwälder,
Laubwälder und Culturwälder. System der
währenddessen abgelagerten neptunischen Schichten.
Unermeßliche Dauer der während ihrer Bildung verflossenen
Zeiträume. Ablagerung der Schichten nur während der
Senkung, nicht während der Hebung des Bodens. Anteperioden.
Andere Lücken der Schöpfungsurkunde. Metamorphischer
Zustand der ältesten neptunischen Schichten. Geringe Ausdehnung
der paläontologischen Erfahrungen. Geringer Bruchtheil der
versteinerungsfähigen Organismen und organischen
Körpertheile. Seltenheit vieler versteinerten Arten. Mangel fossiler
Zwischenformen. Die Schöpfungsurkunden der Ontogenie und der
vergleichenden Anatomie.
Fünfzehnter Vortrag.
Stammbaum und Geschichte des Protistenreiches
Specielle Durchführung der Descendenztheorie in dem
natürlichen System der Organismen. Construction der
Stammbäume. Abstammung aller mehrzelligen Organismen von
einzelligen. Abstammung der Zellen von Moneren. Begriff der
organischen Stamme oder Phylen. Zahl der Stämme der
Thierreichs und des Pflanzenreichs. Einheitliche oder monophyletische
und vielheitliche oder polyphyletische Descendenzhypothese. Vorzug der
monophyletischen vor der polyphyletischen Anschauungen. Das Reich
der Protisten oder Urwesen. Nothwendigkeit und Begründung
seiner Annahme. Acht Klassen des Protistenreiches. Moneren.
Amöboiden oder Protoplasten. Geißelschwärmer oder
Flagellaten. Scheimpilze oder Myxomyceten. Labyrinthläufer oder
Labyrinthuleen. Kieselzellen oder Diatomeen. Meerleuchten oder
Noctiluken. Wurzelfüßer oder Rhizopoden. Bemerkungen zur
allgemeinen Naturgeschichte der Protisten: Ihre Lebenserscheinungen,
chemische Zusammensetzung und Fortbildung (Individualität und
Grundform). Phylogenie und Stammbaum des Protistenreichs.
Sechszehnter Vortrag.
Stammbaum und Geschichte des Pflanzenreichs
Das natürliche System des Pflanzenreichs. Eintheilung des
Pflanzenreichs in sechs Hauptklassen und achtzehn Klassen. Unterreich
der Blumenlosen (Eryptogamen). Stammgruppe der Thalluspflanzen.
Tange oder Algen (Urtange, Grüntange, Brauntange, Rothtange).
Faserpflanzen oder Inophyten (Flechten und Pilze). Stammgruppe der
Prothalluspflanzen. Mose oder Muscinen (Tangmose, Lebermose,
Laubmose, Torfmose). Farne oder Filicinen (Schaftfarne, Laubfarne,
Wasserfarne, Schuppenfarne). Unterreich der Blumenpflanzen
(Phanerogamen). Nacktsamige oder Gymnospermen. Palmfarne
(Cycadeen). Nadelhölzer (Coniferen). Decksamige oder
Angiospermen. Monocotylen. Dicotylen. Kelchblütige (Apetalen).
Sternblütige (Diapetalen). Glockenblütige (Gamopetalen).
Monophyletischer und polyphyletischer Stammbaum des Pflanzenreichs.
Siebzehnter Vortrag.
Stammbaum und Geschichte des Thierreichs. I. Stammbaum und
Geschichte der wirbellosen Thiere
Das natürliche System des Thierreichs. System von
Linné und Lamarck. Die vier Typen von Bär und Cuvier.
Vermehrung derselben auf sechs Typen. Genealogische Bedeutung der
sechs Typen als selbständiger Stämme des Thierreichs.
Monophyletische und polyphyletische Dascendenzhypothese des
Thierreichs. Gemeinsamer Ursprung der fünf übrigen
Thierstämme aus dem Würmerstamm. Eintheilung der sechs
Thierstämme in 16 Hauptklassen und 32 Klassen. Stamm der
Pflanzenthiere. Schwämme oder Spongien (Weichschwämme,
Hartschwämme). Nesselthiere oder Akalephen (Korallen,
Schirmquallen, Kammquallen). Stamm der Würmer.
Urwürmer oder Archelminthen (Infusorien). Weichwürmer
oder Scoleciden (Plattwürmer, Rundwürmer).
Sackwürmer oder Himategen (Mosthiere, Mantelthiere).
Gliedwürmer oder Colelminthen (Sternwürmer,
Ringelwürmer, Räderwürmer). Stamm der Weichthiere
(Spiralkiemer, Blattkiemer, Schnecken, Pulpen). Stamm der
Sternthiere (Seesterne, Seelilien, Seeigel, Seewalzen). Stamm der
Gliedfüßer. Krebse (Gliederkrebse, Panzerkrebse). Spinnen
(Streckspinnen, Rundspinnen). Tausendfüßer. Insecten.
Kauende und saugende Insekten. Stammbaum und Geschichte der acht
Ordnungen der Insecten.
Achtzehnter Vortrag.
Stammbaum und Geschichte des Thierreichs. II. Stammbaum und
Geschichte der Wirbelthiere
Das natürliche System der Wirbelthiere. Die vier Klassen der
Wirbelthiere von Linné und Lamarck. Vermehrung derselben auf
acht Klassen. Hauptklasse der Rohrherzen oder Schädellosen
(Lanzetthiere). Hauptklasse der Unpaarnasen oder Rundmäuler
(Inger und Lampreten). Hauptklasse der Anamnien oder Amnionlosen.
Fische (Urfische, Schmelzfische, Knochenfische). Lurchfische. Lurche
(Panzerlurche, Nacktlurche). Hauptklasse der Amnionthiere oder
Amnioten. Reptilien (Stammschleicher, Schwimmschleicher,
Schuppenschleicher, Drachenschleicher, Schnabelschleicher). Vögel
(Fiederschwänzige, Fächerschwänzige,
Büschelschwänzige). Säugethiere (Kloakenthiere,
Beutelthiere, Placentalthiere). Stammbaum und Geschichte der
Säugethierordnungen.
Neunzehnter Vortrag.
Ursprung und Stammbaum des Menschen
Die Anwendung der Descendenztheorie auf den Menschen. Logische
Nothwendigkeit derselben. Stellung des Menschen im natürlichen
System der Thiere, insbesondere unter den discoplacentalen
Säugethieren. Unberechtigte Trennung der Vierhänder und
Zweihänder. Berechtigte Trennung der Halbaffen von den Affen.
Stellung des Menschen in der Ordnung der Affen. Schmalnasen und
Plattnasen. Entstehung des Menschen aus Schmalnasen. Menschenaffen
oder Anthropoiden. Vergleichung der verschiedenen Menschenaffen und
der verschiedenen Menchenrassen. Zeit und Ort der Entstehung des
Menschengeschlechts. Ahnenreihe des Menschen. Wirbellose Ahnen und
Wirbelthier-Ahnen. Umbildung des Affen zum Menschen durch
Differenzirung und Vervollkommnung der Gliedmaßen, des
Kehlkopfes und des Gehirns. Stammbaum der zehn Menschenarten.
Zwanzigster Vortrag.
Einwände gegen und Beweise für die Wahrheit der
Descendenztheorie
Einwände gegen die Abstammungslehre. Einwände des
Glaubens und der Vernunft. Unermeßliche Länge der
für die Descendenztheorie erforderlichen Zeiträume.
Angeblicher und wirklicher Mangel von verbindenden
Uebergangsformen zwischen den verwandten Specien.
Abhängigkeit der Formbeständigkeit von der Vererbung,
und des Formwechsels von der Anpassung. Entstehung sehr
zusammengesetzter Organisationseinrichtungen durch stufenweise
Vervollkommnung. Stufenweise Entstehung der Instinkte und
Seelenthätigkeiten. Entstehung der apriorischen Erkenntnisse aus
aposteriorischen. Erfordernisse für das richtige
Verständniß der Abstammungslehre. Biologische Kenntnisse
und philosophisches Verständniß derselben. Nothwendige
Wechselwirkung der Empirio und Philosophie. Beweise für die
Descendenztheorie. Innerer ursächlicher Zusammenhang aller
allgemeinen biologischen Erscheinungsreihen, nur durch die
Abstammungslehre erklärbar, ohne dieselbe unverständlich.
Der directe Beweis der Selectionstheorie. Verhältniß der
Descendenztheorie zur Anthropologie. Beweise für den thierischen
Ursprung des Menschen. Die Pithekoidentheorie als untrennbarer
Bestandtheil der Descendenztheorie. Induction und Deduction.
Stufenweise Entwickelung des menschlichen Geistes. Körper und
Geist. Menschenseele und Thierseele. Blick in die Zukunft.
Verzeichniß der im Texte mit Ziffern angeführten
Schriften
Erklärung des Titelbildes
Erklärung der genealogischen Tafeln
Register
Erster Vortrag.
Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre oder
Descendenztheorie.
... (siehe Inhaltsverzeichniß)
Meine Herren! Die naturwissenschaftliche Lehre, welche durch den
englischen Naturforscher Charles Darwin in den letzten Jahren
einen hohen Ruf erlangt hat, und deren gemeinverständliche
Darstellung und Erläuterung die Aufgabe dieser Vorträge ist,
verdient in vollem Maaße die allgemeinste Theilnahme. Denn unter
den zahlreichen und großartigen Fortschritten, welche die
Naturwissenschaft in unserer Zeit gemacht hat, muß dieselbe, vom
höchsten und allgemeinsten Gesichtspunkt aus betrachtet,
zweifelsohne als der bei Weitem folgenreichste und bedeutendste
angesehen werden.
Wenn man unser Jahrhundert mit Recht das Zeitalter der
Naturwissenschaften nennt, wenn man mit Stolz auf die
unermeßlich bedeutenden Fortschritte in allen Zweigen derselben
blickt, so pflegt man dabei gewöhnlich weniger an die Erweiterung
unserer allgemeinen Naturerkenntniß, als vielmehr an die
unmittelbaren praktischen Erfolge jener Fortschritte zu denken. Man
erwägt dabei die völlige und unendlich folgenreiche
Umgestaltung des menschlichen Verkehrs, welche durch das entwickelte
Maschinenwesen, durch die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und
andere Erfindungen der Physik hervorgebracht worden ist. Oder man
denkt an den ungeheuren Einfluß, welchen die Chemie in der
Heilkunst, in der Landwirthschaft, in allen Künsten und Gewerben
gewonnen hat. Wie hoch Sie aber auch diesen Einfluß der neueren
Naturwissenschaft auf das praktische Leben anschlagen mögen, so
muß derselbe, von einem höheren und allgemeineren
Standpunkt aus gewürdigt, doch unbedingt hinter dem
ungeheuren Einfluß zurückstehen, welchen die theoretischen
Fortschritte der heutigen Naturwissenschaften auf die gesammte
Erkenntniß des Menschen, auf seine ganze Weltanschauung und die
Vervollkommnung seiner Bildung nothwendig gewinnen werden. Unter
diesen theoretischen Fortschritten nimmt aber jedenfalls die von
Darwin ausgebildete Theorie bei Weitem den höchsten Rang
ein.
Jeder von Ihnen wird den Namen Darwins gehört haben.
Aber die Meisten von Ihnen werden wahrscheinlich nur unvollkommene
Vorstellungen von dem eigentlichen Werth seiner Lehre besitzen. Denn
wenn man Alles vergleicht, was seit dem Erscheinen von Darwins
epochemachenden Werk 1) über dasselbe geschrieben
worden ist, so muß demjenigen der sich nicht näher mit den
organischen Naturwissenschaften befaßt hat, der nicht in die
inneren Geheimnisse der Zoologie und Botanik eingedrungen ist, der
Werth jener Theorie sehr zweifelhaft erscheinen. Die Beurtheilung
derselben ist so widerspruchsvoll, größtentheils so
mangelhaft, daß es uns nicht Wunder nehmen darf, wenn noch
jetzt, neun Jahre nach dem Erscheinen von Darwins Werk,
dasselbe nicht entfernt die Bedeutung erlangt hat, welche ihm von
Rechtswegen gebührt, und welche es jedenfalls früher oder
später erlangen wird. Gerade diese Ungewißheit über
den wahren Werth von Darwins Theorie ist es, welche mich
vorzugsweise bestimmt, dieselbe zum Gegenstand dieser allgemein
verständlichen Darstellung zu machen. Ich halte es für die
Pflicht der Naturforscher, daß sie nicht allein in dem engeren
Kreise, den ihre Fachwissenschaft ihnen vorschreibt, auf
Verbesserungen und Entdeckungen sinnen, daß sie sich nicht allein
in das Studium des Einzelnen mit Liebe und Sorgfalt vertiefen, sondern
daß sie auch die wichtigen, allgemeinen Resultate ihrer besonderen
Studien für das Ganze nutzbar machen, und daß sie
naturwissenschaftliche Bildung im ganzen Volke verbreiten helfen. Der
höchste Triumpf des menschlichen Geistes, die wahre
Erkenntniß der allgemeinsten Naturgesetze, darf nicht das
Privateigenthum einer privilegirten Gelehrtenkaste bleiben, sondern
muß Gemeingut der ganzen Menschheit werden.
Die Theorie, welche durch Darwin an die Spitze unserer
Naturerkenntniß gestellt worden ist, pflegt man gewöhnlich
als Abstammungslehre oder Descendenztheorie zu bezeichnen.
Andere nennen sie Umbildungslehre oder Transmutationstheorie.
Beide Bezeichnungen sind richtig. Denn diese Lehre behauptet,
daß alle verschiedenen Organismen (d. h. alle Thierarten
und alle Pflanzenarten, welche jemals auf der Erde gelebt haben, und
noch jetzt leben), von einer einzigen, oder von wenigen höchst
einfachen Stammformen abstammen, und daß sie sich aus diesen
auf dem natürlichen Wege allmählicher Umbildung
entwickelt haben. Obwohl diese Entwickelungstheorie schon im
Anfange unseres Jahrhunderts von verschiedenen großen
Naturforschern, insbesondere Lamarck2) und
Goethe3), aufgestellt und vertheidigt wurde, hat sie
doch erst vor neun Jahren durch Darwin ihre vollständige
Ausbildung und ihre ursächliche Begründung erfahren, und
das ist der Grund, weshalb sie jetzt gewöhnlich ausschließlich
(obwohl nicht ganz richtig) als Darwins Theorie bezeichnet wird.
Der hohe und wirklich unschätzbare Werth der
Abstammungslehre erscheint in einem verschiedenen Lichte, je
nachdem Sie bloß deren nähere Bedeutung für die
organische Naturwissenschaft, oder aber ihren weiteren Einfluß auf
die gesammte Welterkenntniß des Menchen in Betracht ziehen. Die
organische Naturwissenschaft oder die Biologie, welche als
Zoologie die Thiere, als Botanik die Pflanzen zum
Gegenstand ihrer Erkenntniß hat, wird durch die
Abstammungslehre von Grund aus umgestaltet und neu
begründet. Denn die Descendenztheorie macht uns mit den
wirkenden Ursachen der organischen Formerscheinungen
bekannt, während die bisherige Thier- und Pflanzenkunde sich
bloß mit den Thatsachen dieser Erscheinungen
beschäftigte. Man kann daher auch die Abstammungslehre als die
mechanische Erklärung der organischen
Formerscheinungen, oder als "die Lehre von den wahren Ursachen in
der organischen Natur" bezeichnen.
Da ich nicht voraussetzen kann, daß Ihnen Allen die
Ausdrücke "organische und anorganische Natur"
geläufig sind, und da uns die Gegenüberstellung dieser
beiderlei Naturkörper in der Folge noch vielfach
beschäftigen wird, so muß ich ein paar Worte zur
Verständigung darüber vorausschicken. Organismen oder
organische Naturkörper nennen wir alle Lebewesen
oder belebten Körper, also alle Pflanzen und Thiere, den Menschen
mit inbegriffen, weil bei ihnen fast immer eine Zusammensetzung aus
verschiedenartigen Theilen (Werkzeugen oder "Organen") nachzuweisen
ist, welche zusammenwirken, um die Lebenserscheinungen
hervorzubringen. Eine solche Zusammensetzung vermissen wir dagegen
bei den Anorganen oder anorganischen Naturkörpern, den
sogenannten todten oder unbelebten Körpern, den Mineralien oder
Gesteinen, dem Wasser, der atmosphärischen Luft u. s. w. Die
Organismen enthalten stets eiweißartige Kohlenstoffverbindungen
in festflüssigem Aggregatzustande, während diese den
Anorganen stets fehlen. Aus diesem wichtigen Unterschiede beruht die
Eintheilung der gesammten Naturwissenschaft in zwei große
Hauptabtheilungen, die Biologie oder Wissenschaft von den
Organismen (Zoologie und Botanik), und die Anorganologie oder
Wissenschaft von den Anorganen (Mineralogie und Meteorologie).
Der unschätzbare Werth der Abstammungslehre für die
Biologie liegt also, wie bemerkt, darin, daß sie uns die Entstehung
der organischen Formen auf mechanischem Wege erklärt, und
deren wirkende Ursachen nachweist. So hoch man aber auch mit Recht
dieses Verdienst der Descendenztheorie anschlagen mag, so tritt
dasselbe doch fast zurück vor der unermeßlichen Bedeutung,
welche eine einzige nothwendige Folgerung derselben für sich
allein in Anspruch nimmt. Diese nothwendige und unvermeidliche
Folgerung ist die Lehre von der thierischen Abstammung des
Menschengeschlechts.
Die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur und seiner
Beziehungen zur Gesammtheit der Dinge, diese Frage aller Fragen
für die Menschheit, wie sie Huxley mit Recht nennt, wird
durch jene Erkenntniß der thierischen Abstammung des
Menschengeschlechts endgültig gelöst. Wir gelangen also in
Folge der von Darwin reformirten Descendenztheorie zum ersten
Male in die Lage, eine natürliche Entwickelungsgeschichte des
Menschengeschlechts wissenschaftlich begründen zu
können. Sowohl alle Vertheidiger, als alle denkenden Gegner
Darwins haben anerkannt, daß die Abstammung des
Menschengeschlechts zunächst von affenartigen
Säugethieren, weiterhin aber von niederen Wirbelthieren, mit
Nothwendigkeit als seiner Theorie folgt.
Allerdings hat Darwin diese wichtigste von allen Folgerungen
seiner Lehre nicht selbst ausgesprochen. In seinem ganzen Buche findet
sich kein Wort von der thierischen Abstammung des Menschen
{Bemerkung: nur in deutschen †bersetzung}. Offenbar ging der eben so
vorsichtige als kühne Naturforscher absichtlich mit Stillschweigen
darüber hinweg, weil er voraussah, daß dieser bedeutendste
von allen Folgeschlüssen der Abstammungslehre zugleich das
bedeutendste Hinderniß für die Verbreitung und
Anerkennung derselben sein werde. Gewiß hätte
Darwins Buch von Anfang an noch weit mehr Widerspruch und
Aergerniß erregt, wenn sogleich diese wichtigste Konsequenz darin
klar ausgesprochen worden wäre. Jetzt dagegen, wo die
Descendenztheorie bereits auf unerschütterlich festen
Füßen steht und fast alle denkenden Naturforscher von
allgemeinerer Bildung und weiterem Blick offen oder stillschweigend
dieselbe anerkannt haben, wird uns Nichts mehr hindern können,
auch jenen äußerst bedeutsamen Folgeschluß derselben
offen zu erörtern, und die segensreichen Wirkungen, welche er auf
die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechts
ausüben wird, in Betracht zu ziehen. Offenbar ist die Tragweite
dieser Folgerung ganz unermeßlich, und keine Wissenschaft
wird sich den Konsequenzen derselben entziehen können. Die
Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen wird in
einzelnen Zweigen dadurch von Grund aus umgestaltet.
Es wird erst die spätere Aufgabe meiner Vorträge sein,
diesen besonderen Punkt zu erörtern. Ich werde die Lehre von der
thierischen Abstammung des Menschen erst behandeln, nachdem ich Ihnen
Darwins Theorie in ihrer allgemeinen Begründung
und Bedeutung vorgetragen habe. Um es mit einem Worte
auszudrücken, so ist jene äußerst bedeutende, aber die
meisten Menschen von vorn herein abstoßende Folgerung nichts
weiter als ein besonderer Deduktionsschluß, den wir als dem
allgemeinen Induktionsgesetz der Descendenztheorie ziehen
müssen.
Vielleicht ist Nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle Bedeutung
der Abstammungslehre mit zwei Worten klar zu machen, als die
Bezeichnung derselben mit dem Ausdruck: "Natürliche
Schöpfungsgeschichte." Ich habe daher auch selbst diese
Bezeichnung für die folgenden Vorträge gewählt.
Jedoch ist dieselbe nur in einem gewissen Sinne richtig, und es ist zu
berücksichtigen, daß streng genommen, der Ausdruck
"natürliche Schöpfungsgeschichte" einen inneren
Widerspruch, eine "Contradictio in adjecto" einschließt.
Lassen Sie uns, um dies zu verstehen, einen Augenblick den Begriff
der Schöpfung etwas näher ins Auge fassen. Wenn
man unter Schöpfung die Entstehung eines Körpers
durch eine schaffende Gewalt oder Kraft versteht, so kann man dabei
entweder an die Entstehung seines Stoffes (der
körperlichen Materie) oder an die Entstehung seiner Form
(der körperlichen Gestalt) denken.
Die Schöpfung im ersteren Sinne, als die Entstehung der
Materie, geht uns hier gar nichts an. Dieser Vorgang, wenn er
überhaupt jemals stattgefunden hat, ist gänzlich der
menschlichen Erkenntniß entzogen, und kann daher auch niemals
Gegenstand naturwissenschaftlicher Erforschung sein. Die
Naturwissenschaft hält die Materie für ewig und
unvergänglich, weil durch die Erfahrung noch niemals das
Entstehen und Vergehen auch nur des kleinsten Theilchens der Materie
nachgewiesen worden ist. Da wo ein Naturkörper zu verschwinden
scheint, wie z.B. beim Verbrennen, beim Verwesen, beim Verdunsten u.
s. w., da ändert er nur seine Form, seinen physikalischen
Aggregatszustand oder seine chemische Verbindungsweise. Aber noch
niemals ist ein Fall beobachtet worden, daß auch nur das kleinste
Stoffteilchen aus der Welt verschwunden, oder nur ein Atom zu der
bereits vorhandenen Masse hinzugekommen ist. Der Naturforscher kann
sich daher ein Entstehen der Materie eben so wenig als ein Vergehen
derselben vorstellen, und betrachtet deshalb die in der Welt bestehende
Quantität der Materie als eine gegebene Thatsache. Fühlt
Jemand das Bedürfniß, sich die Entstehung dieser Materie als
die Wirkung einer übernatürlichen
Schöpfungsthätigkeit, einer außerhalb der Materie
stehenden schöpferischen Kraft vorzustellen, so haben wir Nichts
dagegen. Aber wir müssen bemerken, daß damit auch nicht
das Geringste für eine wissenschaftliche Naturerkenntniß
gewonnen ist. Eine solche Vorstellung von einer immateriellen Kraft,
welche die Materie erst schafft, ist ein Glaubensartikel, welcher mit der
menschlichen Wissenschaft gar nichts zu thun. hat. Wo der Glaube
anfängt, hört die Wissenschaft auf. Beide
Thätigkeiten des menschlichen Geistes sind scharf von einander zu
halten. Der Glaube hat seinen Ursprung in der dichtenden
Einbildungskraft, das Wissen dagegen in dem erkennenden Verstande
des Menschen. Die Wissenschaft hat die segenbringenden Früchte
von dem Baume der Erkenntniß zu pflücken,
unbekümmert darum, ob diese Eroberungen die dichterischen
Einbildungen der Glaubenschaft beeinträchtigen oder nicht.
Wenn also die Naturwissenschaft sich die "natürliche
Schöpfungsgeschichte" zu ihrer höchsten, schwersten und
lohnendsten Aufgabe macht, so kann sie den Begriff der Schöpfung
nur in der zweiten, oben angeführten Bedeutung verstehen, als die
Entstehung der Form der Naturkörper. In dieser Beziehung
kann man die Geologie, welche die Entstehung der geformten
anorganischen Erdoberfläche und die mannichfaltigen
geschichtlichen Veränderungen in der Gestalt der festen Erdrinde
zu erforschen strebt, die Schöpfungsgeschichte der Erde nennen.
Ebenso kann man die Entwickelungsgeschichte der Thiere und Pflanzen,
welche die Entstehung der belebten Formen, und den mannichfaltigen
historischen Wechsel der thierischen und pflanzlichen Gestalten
untersucht, die Schöpfungsgeschichte der Organismen nennen. Da
jedoch leicht in den Begriff der Schöpfung, auch wenn er in diesem
Sinne gebraucht wird, sich die unwissenschaftliche Vorstellung von
einem außerhalb der Materie stehenden und dieselbe umbildenden
Schöpfer einschleicht, so wird es in Zukunft wohl besser sein,
denselben durch die strengere Bezeichnung der Entwickelungsgeschichte
zu ersetzen.
Der hohe Werth, welchen die Entwickelungsgeschichte
für das wissenschaftliche Verständniß der Thier- und
Pflanzenformen besitzt, ist jetzt seit mehreren Jahrzehnten so allgemein
anerkannt, daß man ohne sie keinen sicheren Schritt in der
organischen Morphologie oder Formenlehre thun kann. Jedoch hat man
fast immer unter Entwickelungsgeschichte nur einen Theil dieser
Wissenschaft, nämlich diejenige der organischen Individuen oder
Einzelwesen verstenden, welche gewöhnlich Embryologie, richtiger
und umfassender aber Ontogenie genannt wird. Außer
dieser giebt es aber auch noch eine Entwickelungsgeschichte der
organischen Arten, Klassen und Stämme (Phylen), welche zu der
ersteren in den wichtigsten Beziehungen steht. Das Material dafür
liefert uns die Versteinerungskunde oder Paläontologie, welche
uns zeigt, das jeder Stamm (Phylum) von Thieren, und Pflanzen
während der verschiedenen Perioden der Erdgeschichte durch
eine Reihe von ganz verschiedenen Klassen und Arten vertreten war. So
war z. B. der Stamm der Wirbelthiere durch die Klassen der Fische,
Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugethiere vertreten, und
jede dieser Klassen zu verschiedenen Zeiten durch ganz verschiedene
Arten. Diese paläontologische Entwickelungsgeschichte der
Organismen, welche man als Stammesgeschichte oder Phylogenie
bezeichnen kann, steht in den wichtigsten und merkwürdigen
Beziehungen zu dem andern Zweige der organischen
Entwickelungsgeschichte, derjenigen der Individuen oder der Ontogenie.
Die letztere läuft der ersteren im Großen und Ganzen parallel.
Um es kurz mit einem Satze zu sagen, so ist die individuelle
Entwickelungsgeschichte oder die Ontogenie eine kurze und schnelle,
durch die Gesetze der Vererbung und Anpassung bedingte
Wiederholung oder Rekapitulation der paläontologischen
Entwickelungsgeschichte oder der Phylogenie.
Da ich Ihnen diese höchst interessante und bedeutsame
Thatsache später noch ausführlicher zu erläutern habe,
so will ich mich hier nicht dabei weiter aufhalten, und nur hervorheben,
daß dieselbe einzig und allein durch die Abstammungslehre
erklärt und in ihren Ursachen verstanden wird, während sie
ohne dieselbe gänzlich unverständlich und
unerklärlich bleibt. Die Descendenztheorie erklärt uns dabei
zugleich, warum überhaupt die einzelnen Thiere und
Pflanzen sich entwickeln müssen, warum dieselben nicht gleich in
fertiger und entwickelter Form ins Leben treten. Keine
übernatürliche Schöpfungsgeschichte vermag uns das
große Räthsel der organischen Entwickelung irgendwie zu
erklären. Ebenso wie auf diese hochwichtige Frage giebt uns
Darwins Theorie auch auf alle anderen allgemeinen biologischen
Fragen vollkommen befriedigende Antworten, und zwar immer
Antworten, welche rein mechanisch-causaler Natur sind, welche
lediglich natürliche, physikalisch-chemische Kräfte als die
Ursachen von Erscheinungen nachweisen, welche man früher
gewohnt war, der unmittelbaren Einwirkung
übernatürlicher, schöpferischer Kräfte
zuzuschreiben.
Von ganz besonderem Interesse sind von diesen allgemeinen
biologischen Phänomenen diejenigen, welche ganz unvereinbar
sind mit der gewöhnlichen Annahme, daß jeder Organismus
das Produkt einer zweckmäßig bauenden
Schöpfungskraft sei. Nichts hat in dieser Beziehung der
früheren Naturforschung so große Schwierigkeiten
verursacht, als die Deutung der sogenannten "rudimentären
Organe", derjenigen Theile im Thier- und Pflanzenkörper,
welche eigentlich ohne Leistung, ohne physiologische Bedeutung, und
dennoch formell vorhanden sind. Diese Theile erregen das
allerhöchste Interesse, obwohl sie den meisten Laien gar nicht
oder nur wenig bekannt sind. Fast jeder Organismus, fast jedes Thier
und jede Pflanze, besitzt neben den scheinbar äußerst
zweckmäßigen Einrichtungen seiner Gesammtorganisation,
eine Reihe von Einrichtungen, deren Zweck durchaus nicht einzusehen
ist.
Bespiele davon finden sich überall. Bei den Embryonen
mancher Wiederkäuer, unter Andern bei unserm
gewöhnlichen Rindvieh, stehen Schneidezähne im
Zwischenkiefer der oberen Kinnlade, welche niemals zum Durchbruch
gelangen, also auch keine Zweck haben. Die Embryonen mancher
Wallfische, welche späterhin die bekannten Barten statt der
Zähne besitzen, tragen, so lange sie noch nicht geboren sind und
keine Nahrung zu sich nehmen, dennoch Zähne in ihrem Kiefer;
auch dieses Gebiß tritt niemals in Thätigkeit. Ferner besitzen
die meisten höheren Thiere Muskeln, die nie zur Anwendung
kommen; selbst der Mensch besitzt solche rudimentäre Muskeln.
Die Meisten von uns sind nicht fähig, ihre Ohren willkürlich
zu bewegen, obwohl die Muskeln für diese Bewegung vorhanden
sind, und obwohl es einzelnen Personen, die sich andauernd Mühe
geben, diese Muskeln zu üben, in der That gelingt, ihre Ohren zu
bewegen. In diesen noch jetzt vorhandenen, aber verkümmerten
Organen, welche dem vollständigen Vorschwinden entgegen gehen,
ist es noch möglich, durch besondere Uebung, durch andauernden
Einfluß der Willensthätigkeit des Nervensystems, die beinah
erloschene Thätigkeit wieder zu beleben. Auch noch an anderen
Stellen seines Körpers besitzt der Mensch solche
rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner Bedeutung
für das Leben sind und niemals funktioniren.
Zu den schlagensten Beispielen von rudimentären Organen
gehören die Augen, welche nicht sehen. Solche finden sich bei sehr
vielen Thieren, welche im Dunkeln: z. B. in Höhlen, unter der Erde
leben. Die Augen sind hier oft wirklich in ausgebildetem Zustande
vorhanden; aber sie sind von einer Haut gedeckt, so daß kein
Lichtstrahl in sie hineinfallen kann, und sie also auch niemals sehen
können. Solche Augen ohne Gesichtsfunktion besitzen z. B. mehere
Arten von unterirdisch lebenden Maulwürfen und
Blindmäusen, von Schlangen und Eidechsen, von Amphibien
(Proteus, Caecilia) und von Fischen; ferner zahlreiche
wirbellose Thiere, die im Dunkeln ihr Leben zubringen: viele Käfer,
Krebsthiere, Schnecken, Würmer u. s. w.
Eine Fülle der interessantesten Beispiele von
rudimentären Organen liefert die vergleichende Osteologie oder
Skeletlehre der Wirbelthiere, einer der anziehendsten Zweige der
vergleichenden Anatomie. Bei den allermeisten Wirbelthieren finden wir
zwei Paar Gliedmaaßen am Rumpf, ein Paar Vorderbeine und ein
Paar Hinterbeine. Sehr häufig ist jedoch das eine oder das andere
Paar derselben verkümmert, seltener beide, wie bei den Schlangen
und einigen aalartigen Fischen. Aber einige Schlangen, z. B. die
Riesenschlangen (Boa, Python) haben hinten noch einige
unnütze Knochenstückchen im Leibe, welche die Reste der
verloren gegangenen Hinterbeine sind. Ebenso haben die
wallfischartigen Säugethiere (Cetaceen), welche nur entwickelte
Vorderbeine (Brustflossen) besitzen, hinten im Fleische noch ein Paar
ganz überflüssige Knochen, welche ebenfalls Ueberbleibsel
der verkümmerten Hinterbeine sind. Dasselbe gilt von vielen
echten Fischen, bei denen in gleicher Weise die Hinterbeine
(Bauchflossen) verloren gegangen sind. Umgekehrt besitzen unsre
Blindschleichen (Anguis) und einige andere Eidechsen inwendig
ein vollständiges Schultergerüste, obwohl die Vorderbeine,
zu deren Befestigung dasselbe dient, nicht mehr vorhanden sind. Ferner
finden sich bei verschiedenen Wirbelthieren die einzelnen Knochen der
beiden Beinpaare in allen verschiedenen Stufen der
Verkümmerung, und oft die rückgebildeten Knochen und die
zugehörigen Muskeln stückweise erhalten, ohne doch
irgendwie eine Verrichtung ausführen zu können. Das
Instrument ist noch da, aber es kann nicht mehr spielen.
Fast ganz allgemein finden Sie ferner rudimentäre Organe in
den Pflanzenblüthen vor, indem der eine oder der andere Theil
der männlichen Fortpflanzungsorgane (der Staubfäden und
Staubbeutel), oder der weiblichen Fortpflanzungsorgane (Griffel,
Fruchtknoten u. s. w.) mehr oder weniger verkümmert oder
"fehlgeschlagen" (abortirt) ist. Auch hier können Sie bei
verschiedenen, nahe verwandten Pflanzenarten das Organ in allen
Graden der Rückbildung verfolgen. So z. B. ist die große
natürliche Familie der lippenblüthigen Pflanzen (Labiaten),
zu welcher Melisse, Pfefferminze, Majoran, Gundelrebe, Thymian u. s. w.
gehören, dadurch ausgezeichnet, daß die
rachenförmige, zweilippige Blumenkrone zwei lange und zwei
kurze Staubfäden enthält. Allein bei vielen einzelnen
Pflanzen dieser Familie, .z. B. bei verschiedenen Salbeiarten und beim
Rosmarin, ist nur das eine Paar der Staubfäden ausgebildet, und
das andere Paar ist mehr oder weniger verkümmert, oft ganz
verschwunden. Bisweilen sind die Staubfäden vorhanden, aber
ohne Staubbeutel, so daß sie ganz unnütz sind. Seltener aber
findet sich sogar noch das Rudiment oder der verkümmerte Rest
eines fünften Staubfadens, ein physiologisch (für die
Lebensverrichtung) ganz nutzloses, aber morphologisch (für die
Erkenntniß der Form und der natürlichen Verwandtschaft)
äußerst werthvolles Organ. In meiner generellen Morphologie
der Organismen4) habe ich in dem Abschnitt von der
"Unzweckmäßigkeitslehre oder Dysteleologie" noch eine
große Anzahl von anderen derarigen Beispielen angeführt
(Gen. Morph. II. 266).
Keine biologische Erscheinung hat wohl jemals die Zoologen und
Botaniker in größere Verlegenheit versetzt, als diese
rudimentären, oder abortiven (verkümmerten) Organe. Es
sind Werkzeuge außer Dienst, Körpertheile, welche da sind,
ohne etwas zu leisten, zweckmäßig eingerichtet, ohne ihren
Zweck in Wirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die Versuche
betrachtet, welche die früheren Naturforscher zur Erklärung
dieses Räthsels machten, kann man sich in der That kaum eines
Lächelns über die seltsamen Vorstellungen, zu denen sie
geführt wurden, erwehren. Außer Stande, eine wirkliche
Erklärung zu finden, kam man z. B. zu dem Endresultate, daß
der Schöpfer "der Symmetrie wegen" diese Organe angelegt habe;
oder man nahm an, es sei dem Schöpfer unpassend oder
unverständig erschienen, daß diese Organe bei denjenigen
Organismen, bei denen sie nicht leistungsfähig sind, und ihrer
ganzen Lebensweise nach nicht sein können, völlig fehlten,
während die Verwandten sie besäßen, und zum Ersatz
für die mangelnde Funktion habe er ihnen wenigstens die
äußere Ausstattung der leeren Form verliehen;
ungefähr so, wie die uniformirten Civilbeamten bei Hofe mit einem
unschuldigen Degen ausgestattet sind, den sie niemals aus der Scheide
ziehen. Ich glaube aber kaum, das Sie von einer solchen Erklärung
befriedigt sein werden.
Nun wird gerade diese allgemein verbreitete und räthselhafte
Erscheinung der rudimentären Organe, an welcher alle
übrigen Erklärungsversuche scheitern, vollkommen
erklärt, und zwar in der einfachsten und einleuchtendsten Weise
erklärt durch Darwins Theorie von der Vererbung
und der Anpassung. Wir können die wichtigen Gesetze der
Vererbung und Anpassung an den Hausthieren und Kulturpflanzen,
welche wir künstlich züchten, vorfolgen, und es ist bereits
eine Reihe solcher Vererbungsgesetze festgestellt worden. Ohne jetzt auf
diese einzugehen, will ich nur vorausschicken, daß einige davon auf
mechanischem Wege die Entstehung der rudimentären Organe
vollkommen erklären, so daß wir das Auftreten derselben als
einen ganz natürlichen Prozeß ansehen müssen, bedingt
durch den Nichtgebrauch der Organe. Durch Anpassung an
besondere Lebensbedingungen sind die früher thätigen und
wirklich arbeitenden Organe allmählich nicht mehr gebraucht
worden und außer Dienst getreten. In Folge der mangelnden
Uebung sind sie mehr und mehr schwächer geworden, trotzdem
aber immer noch durch Vererbung von einer Generation auf die
andere übertragen worden, bis sie endlich
größtentheils oder ganz verschwanden. Wenn wir annehmen,
daß alle oben angeführten Wirbelthiere von einem eizigen
gemeinsamen Stammvater abstammen, welcher zwei sehende Augen
und zwei wohl entwickelte Beinpaare besaß, so erklärt sich
ganz einfach der verschiedene Grad der Verkümmerung und
Rückbildung dieser Organe bei solchen Nachkommen desselben,
welche diese Theile nicht mehr gebrauchen konnten. Ebenso
erklärt sich vollständig der verschiedene Ausbildungsgrad
der ursprünglich (in der Blüthenknospe) angelegten
fünf Staubfäden bei den Labiaten, wenn wir annehmen,
daß alle Pflanzen dieser Familie von einem gemeinsamen, mit
fünf Staubfäden ausgestatteten Stammvater abstammen.
Ich habe Ihnen die Erscheinung der rudimentären Organe schon
jetzt etwas ausführlicher vorgeführt, weil dieselbe von der
allergrößten allegemeinen Bedeutung ist, und weil sie uns auf
die großen, allgemeinen und tiefliegenden Grundfragen der
Philosophie und der Naturwissenschaft hinführt, für deren
Lösung Darwin's Theorie nunmehr der unentbehrliche
Leitstern geworden ist. Sobald wir nämlich, dieser Theorie
entsprechend, die ausschließliche Wirksamkeit
physikalischchemischer Ursachen ebenso in der lebenden (organischen)
Körperwelt, wie in der sogenannten leblosen (anorganischen)
Natur anerkennen, so räumen wir damit jener Weltanschauung die
ausschließliche Herrschaft ein, welche man mit dem Namen der
mechanischen bezeichnen kann, und welche gegenübersteht
der teleologischen Auffassung. Wenn Sie alle
Weltanschauungsformen der verschiedenen Völker und Zeiten mit
einander vergleichend zusammenstellen, können Sie dieselben
schließlich alle in zwei schroff gegenüberstehende Gruppen
bringen: eine causale oder mechanische und eine teleologische
oder vitalistische. Die letztere war in der Biologie bisher allgemein
herrschend. Man sah danach das Thierreich und das Pflanzenreich als
Produkte einer zweckmäßig wirksamen, schöpferischen
Thätigkeit an. Bei dem Anblick jedes Organismus schien sich
zunächst unabweislich die Ueberzeugung aufzudrängen,
daß eine so künstliche Maschine, ein so verwickelter
Bewegungs-Apparat, wie es der Organismus ist, nur hervorgebracht
werden könne durch eine Thätigkeit, welche analog, obwohl
unendlich viel vollkommener ist, als die Thätigkeit des Menschen
bei der Konstruktion seiner Maschinen. Wie erhaben man auch die
früheren Vorstellungen des Schöpfers und seiner
schöpferischen Thätigkeit fassen, wie sehr man sie aller
menschlichen Analogie entkleiden mag, so bleibt doch im letzten Grunde
bei der teleologischen Naturauffassung diese Analogie unabweislich und
nothwendig. Man muß sich im Grunde dann immer den
Schöpfer selbst als einen Organismus vorstellen, als ein Wesen,
welches, analog dem Menschen, wenn auch in unendlich vollkommnerer
Form, über seine bildende Thätigkeit nachdenkt, den Plan
der Maschinen entwirft, und dann mittelst Anwendung geeigneter
Materialien diese Maschinen zweckentsprechend ausführt. Alle
diese Vorstellungen leiden nothwendig an der Grundschwäche des
Anthropomorphismus oder der Vermenschlichung. Es
werden dabei, wie hoch man sich auch den Schöpfer vorstellen
mag, demselben die menschlichen Attribute beigelegt, einen Plan zu
entwerfen und danach den Organismus zweckmäßig zu
construiren. Das wird auch von derjenigen Anschauung, welche
Darwins Lehre am schroffsten gegenüber steht, und welche
unter den Naturforschern ihren bedeutendsten Vertreter in Agassiz
gefunden hat, ganz klar ausgesprochen. Das berühmte Werk
(Essay on classification) von Agassiz, welches dem
Darwinschen Werke vollkommen entgegengesetzt ist, und fast
gleichzeitig erschien, hat ganz folgerichtig jene anthropomorphischen
Vorstellungen vom Schöpfer bis zum höchsten Grade
ausgebildet. Ich werde Gelegenheit haben, auf dieselben noch wiederholt
zurückzukommen, weil sie in der That nicht weniger zu Gunsten
unserer Lehre sprechen, als alle positiven Beweise, welche wir
dafür beibrigen werden.
Was jene Zweckmäßigkeit in der Natur betrifft, so
ist sie überhaupt nur vorhanden für denjenigen, welcher die
Erscheinungen im Thier- und Pflanzenleben durchaus
oberflächlich betrachtet. Schone jene rudimentären Organe
mußten dieser Lehre einen harten Stoß versetzen. Jeder aber,
der tiefer in die Organisation und Lebensweise der verschiedenen Thiere
und Pflanzen eindringt, der sich mit der Wechselwirkung der
Lebenserscheinungen und der sogenannten "Oekonomie der Natur"
vertrauter macht, kommt nothwendig zu der Anschauung, daß
diese Zweckmäßigkeit leider nicht existirt, so wenig als etwa
die vielgerühmte Allgüte des Schöpfers. Wenn Sie das
Zusammenleben und die gegenseitigen Beziehungen der Pflanzen und
der Thiere (mit Inbegriff des Menschen) näher betrachten, so
finden Sie überall und zu jeder Zeit das Gegentheil von jenem
gemüthlichen und friedlichen Beisammensein, welches die
Güte des Schöpfers den Geschöpfen hätte
bereiten müssen, vielmehr finden Sie überall einen
schonungslosen, höchst erbitterten Kampf Aller gegen Alle.
Nirgends in der Natur, wohin Sie auch Ihre Blicke lenken mögen,
ist jener idyllische, von den Dichtern besungene Friede vorhanden, -
vielmehr überall Kampf, Streben nach Vernichtung des
Nächsten und nach Vernichtung der direkten Gegner. Leidenschaft
und Selbstsucht, bewußt oder unbewußt, ist überall die
Triebfeder des Lebens. Das bekannte Dichterwort:
"Die Natur ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual"
ist schön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieser
Beziehung der Mensch keine Ausnahme von der übrigen
Thierwelt. Die Betrachtungen, welche wir bei der Lehre vom "Kampf ums
Dasein" anzustellen haben, werden diese Behauptung zur Genüge
rechtfertigen. Es war auch Darwin, welcher gerade diesen
wichtigen Punkt in seiner hohen und allgemeinen Bedeutung recht klar
vor Augen stellte, und derjenige Abschnitt seiner Lehre, welchen er
selbst den "Kampf ums Dasein" nennt, ist einer der wichtigsten Theile
derselben.
Wenn wir also jener vitalistischen oder teleologischen Betrachtung
der lebendigen Natur, welche die Thier- und Pflanzenformen als
Produkte eines gütigen und zweckmäßig thätigen
Schöpfers oder einer zweckmäßig thätigen
schöpferischen Naturkraft ansieht, durchaus entgegenzutreten
gezwungen sind, so müssen wir uns entschieden jene
Weltanschauung aneignen, welche man die mechanische oder
causale nennt. Man kann sie auch als die monistische oder
einheitliche bezeichnen, im Gegensatz zu der zwiespältigen
oder dualistischen Anschauung, welche in jener teleologischen
Weltauffassung nothwendig enthalten ist. Die mechanische
Naturbetrachtung ist seit Jahrzehnten auf gewissen Gebieten der
Naturwissenschaft so sehr eingebürgert, daß hier über
die entgegengesetzte kein Wort mehr verloren wird. Es fällt
keinem Physiker oder Chemiker, keinem Mineralogen oder Astronomen
mehr ein, in den Erscheinungen, welche ihm auf seinem
wissenschaftlichen Gebiete fortwährend vor Augen kommen, die
Wirksamkeit eines zweckmäßig thätigen
Schöpfers vorzufinden oder aufzusuchen. Man betrachtet die
Erscheinungen, welche auf jenen Gebieten zu Tage treten, allgemein und
ohne Widerspruch als die nothwendigen und unabänderlichen
Wirkungen der physikalischen und chemischen Kräfte, welche an
dem Stoffe oder der Materie haften und insofern ist diese Anschauung
rein materialistisch, in einem gewissen Sinne dieses vieldeutigen Wortes.
Wenn der Physiker die Bewegungserscheinungen der Elektricität
oder des Magnetismus, den Fall eines schweren Körpers oder die
Schwingungen der Lichtwellen verfolgt, so ist er bei dieser Arbeit
durchaus davon entfernt, das Eingreifen einer
übernatürlichen schöpferischen Kraft anzunehmen. In
dieser Beziehung befand sich bisher die Biologie als die Wissenschaft
von den sogenannten "belebten" Naturkörpern, in
großem Gegensatz zu jenen vorher genannten anorganischen
Naturwissenschaften (der Anorganologie). Zwar hat die neuere
Physiologie, die Lehre von den Bewegungserscheinungen der Thier-
Pflanzenkörper, den mechanischen Standpunkt der letzteren
vollkommen angenommen; allein die Morphologie, die Wissenschaft von
den Formen der Thiere und der Pflanzen, schien dadurch gar nicht
berührt zu werden. Die Morphologen behandelten nach wie vor,
und größtentheils noch heutzutage, im Gegensatz zu jener
mechanischen Betrachtung der Leistungen, die Formen der Thiere und
Pflanzen als etwas, was durchaus nicht mechanisch erklärbar sei,
was nothwendig einer höheren, übernatürlichen,
zweckmäßig thätigen Schöpferkraft seinen
Ursprung verdanken müsse. Dabei war es ganz gleichgültig,
ob man diese Schöpferkraft als persönlichen Gott anbetete,
oder ob man sie Lebenskraft (vis vitalis) oder Endursache
(causa finalis) nannte. In allen Fällen flüchtete man
hier, um es mit einem Worte zu sagen, zum Wunder als der
Erklärung. Man warf sich einer Glaubensdichtung in die Arme,
welche als solche auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher
Erkenntniß durchaus keine Geltung haben kann.
Alles nun, was vor Darwin geschehen ist, um eine
natürliche mechanische Auffassung von der Entstehung der Thier-
und Pflanzenformen zu begründen, vermochte diese nicht zum
Durchbruch und zu allgemeinerer Anerkennung zu bringen. Dies gelang
erst Darwins Lehre, und hierin liegt ein unermeßliches
Verdienst derselben. Denn es wird dadurch die Ansicht von der
Einheit der organischen und der anorganischen Natur fest
begründet; und derjenige Theil der Naturwisenschaft, welcher
bisher am längsten und am hartnäckigsten sich einer
mechanischen Auffassung und Erklärung widersetzte, die Lehre
vom Bau der lebendigen Formen, von der Bedeutung und der Entstehen
derselben, wird dadurch mit allen übrigen
naturwissenschaftlichen Lehren auf einen und denselben Weg der
Vollendung gebracht. Es wird die Einheit aller
Naturerscheinungen dadurch endgültig festgestellt.
Diese Einheit der ganzen Natur, die Beseelung aller Materie, die
Untrennbarkeit der geistigen Kraft und des körperlichen Stoffes
hat Goethe mit den Worten behauptet: "die Materie kann nie ohne
Geist, der Geist nie ohne Materie existiren und wirksam sein". Von den
großen monistischen Philosophen aller Zeiten sind diese obersten
Grundsätze der mechanischen Weltanschauung vertreten worden.
Schon Demokritus von Abdera, der unsterbliche Begründer
der Atomenlehre, sprach dieselben fast ein halbes Jahrtausend vor
Christus klar aus, ganz vorzüglich aber der große
Dominikanermönch Giordano Bruno. Dieser wurde
dafür am 17. Februar 1600 in Rom von der christlichen Inquisition
auf dem Scheiterhaufen verbrannt, an demselben Tage, an welchem 36
Jahre früher sein großer Landsmann und Kampfesgenosse
Galilei geboren wurde. Solche Männer, die für eine
große Idee leben und sterben, pflegt man "Materialisten" zu
nennen, ihre Gegner aber, deren Beweisgründe Tortur und
Scheiterhaufen sind, "Idealisten".
Durch Darwins Lehre wird es uns zum erstenmal
möglich, die Einheit der Natur so zu begründen, daß
eine mechanisch-causale Erklärung auch der verwickeltsten
organischen Erscheinungen, z. B. der Entstehung und Einrichtung der
Sinnesorgane, in der That nicht mehr Schwierigkeiten für das
allgemeine Verständniß hat, als die mechanische
Erklärung irgend enes physikalischen Prozesses, wie es z. B. in der
Meteorologie die Richtung des Windes oder die Strömungen des
Meeres sind. Wir gelangen dadurch zu der äußerst wichtigen
Ueberzeugung, daß alle Naturkörper, die wir kennen,
gleichmäßig belegt sind, daß der Gegensatz,
welchen man zwischen lebender und todter Körperwelt aufstellte,
nicht existirt. Wenn ein Stein, frei in die Luft geworfen, nach
bestimmten Gesetzen zur Erde fällt, oder wenn in einer
Salzlösung sich ein Kristall bildet, so ist diese Erscheinung nicht
mehr und nicht minder eine mechanische Lebenserscheinung, als das
Wachstum oder der Blühen der Pflanzen, als die Fortpflanzung
oder die Sinnesthätigkeit der Thiere, als die Empfindung oder die
Gedankenbildung des Menschen. In dieser Herstellung der
einheitlichen oder monistischen Naturauffassung liegt das
höchste und allgemeinste Verdienst der von Darwin
reformirten Abstammungslehre.
Zweiter Vortrag.
Wissenschaftliche Berechtigung der Descendenztheorie.
Schöpfungsgeschichte nach Linné.
(... siehe Inhaltsverzeichniß)
Meine Herren! Der Werth, den jede naturwissenschaftliche Theorie
besitzt, wird sowohl durch die Anzahl und das Gewicht der zu
erklärenden Gegenstände gemessen, als auch durch die
Einfachheit und Allgemeinheit der Ursachen, welche als
Erklärungsgründe benutzt werden. Je größer
einerseits die Anzahl, je wichtiger die Bedeutung der durch die Theorie
zu erklärenden Erscheinungen ist, und je einfacher andrerseits, je
allgemeiner die Ursachen sind, welche die Theorie zur Erklärung in
Anspruch nimmt, desto höher ist ihr wissenschaftlicher Werth,
desto sicherer bedienen wir uns ihrer Leitung, desto mehr sind wir
verpflichtet zu ihrer Annahme.
Denken Sie z. B. an diejenige Theorie, welche bisher als der
größte Erwerb des menschlichen Geistes galt, an die
Gravitationstheorie, welcher der Engländer Newton vor 200
Jahren in seinen mathematischen Principien der Naturphilosophie
begründete. Hier finden Sie das zu erklärende Object so
groß genommen, als Sie es nur denken können. Er unternahm
es, die Bewegungserscheinungen der Planeten und den Bau des
Weltgebäudes auf mathematische Gesetze
zurückzuführen. Als die höchst einfache Ursache
dieser verwickelten Bewegungserscheinungen begründete
Newton das Gesetz der Schwere oder der Massenanziehung,
dasselbe, welches die Ursache des Falls der Körper, der
Adhäsion, der Cohäsion und vieler anderen Erscheinungen
ist..
Wenn Sie nun den gleichen Maßstab an die Theorie
Darwins anlegen, so müssen Sie zu dem Schluß
kommen, daß diese ebenfalls zu den größten
Eroberungen des menschlichen Geistes gehört, und daß sie
sich unmittelbar neben die Gravitationstheorie Newtons stellen
kann. Vielleicht erscheint Ihnen dieser Ausspruch übertrieben
oder wenigstens sehr gewagt; ich hoffe Sie aber im Verlauf dieser
Vorträge zu überzeugen, daß diese Schätzung
nicht zu hoch gegriffen ist. In der vorigen Stunde wurden bereits einige
der wichtigsten und allgemeinsten Erscheinungen aus der organischen
Natur namhaft gemacht, welche durch Darwins Theorie
erklärt werden. Dahin gehören vor Allen die
Formveränderungen, welche die individuelle Entwicklung der
Organismen begleiten, äußerst mannichfaltige und
verwickelte Erscheinungen, welche bisher einer mechanischen
Erklärung, d. h. einer Zurückführung auf wirkende
Ursachen die größten Schwierigkeiten in den Weg legten. Wir
haben die rudimentären Organe erwähnt, jene
außerordentlich merkwürdigen Einrichtungen in den Thier-
und Pflanzenkörpern, welche keinen Zweck haben, welche jeder
teleologischen, jeder nach einem Endzweck des Organismus suchenden
Erklärung vollständig widersprechen. Es ließe sich noch
eine große Anzahl von anderen Erscheinungen anführen, die
nicht minder wichtig sind, die bisher nicht minder räthselhaft
erscheinen, und die in der einfachsten Weise durch die von
Darwin reformirte Abstammugslehre erklärt werden. Ich
erwähne vorläufig noch die Erscheinungen, welche uns die
geographische Verbreitung der Thier- und Pflanzenarten auf der
Oberfläche unseres Planeten, sowie die geologische Vertheilung
der ausgestorbenen und versteinerten Organismen in den
verschiedenen Schichten der Erdrinde darbietet. Auch diese wichtigen
paläontologischen und geographischen Gesetze, welche wir bisher
nur als Thatsachen kannten, werden durch die
Abstammungslehre in ihren wirkenden Ursachen erkannt.
Dasselbe gilt ferner von allen allgemeinen Gesetzen der
vergleichenden Anatomie, insbesondere von dem großen
Gesetze der Arbeitstheilung oder Sonderung (Polymorphismus
oder Differenzierung), einem Gesetze welches ebenso in der ganzen
menschlichen Gesellschaft, wie in der Organisation des einzelnen Thier-
und Pflanzenkörpers die wichtigste gestaltende Ursache ist,
diejenige Ursache, welche ebenso eine immer größere
Mannichfaltigkeit, wie eine fortschreitende Entwickelung der
organischen Formen bedingt. In gleicher Weise, wie dieses bisher nur als
Thatsache erkannte Gesetz der Arbeitstheilung, wird auch das Gesetz der
fortschreitenden Entwickelung, oder das Gesetz des Fortschritts,
welches wir ebenso in der Geschichte der Völker, wie in der
Geschichte der Thiere und Pflanzen überall wirksam wahrnehmen,
in seinem Ursprung durch die Abstammungslehre erklärt. Und
wenn Sie endlich Ihre Blicke auf das große Ganze der organischen
Natur richten, wenn Sie vergleichend alle einzelnen großen
Erscheinungsgruppen dieses ungeheuren Lebensgebietes
zusammenfassen, so stellt sich Ihnen dasselbe im Lichte der
Abstammungslehre nicht mehr als das künstlich ausgedachte
Werk eines planmäßig bauenden Schöpfers dar,
sondern als die nothwendige Folge wirkender Ursachen, welche in der
chemischen Zusammensetzung der Materie selbst liegen.
Man kann also im weitesten Umfang behaupten, und ich werde diese
Behauptung im Verlaufe meiner Vorträge rechtfertigen, daß
die Abstammungslehre wie sie durch Darwin ausgebildet wurde
der erste Versuch ist, die Gesammheit aller organischen
Naturerscheinungen auf ein einziges Gesetz zurückzuführen,
eine einzige wirkende Ursache für das unendlich verwickelte
Getriebe dieser ganzen reichen Erscheinungswelt aufzufinden. In dieser
Beziehung stellt sie sich ebenbürtig Newtons
Gravitationstheorie an die Seite.
Aber auch die Erklärungsgründe sind hier nicht minder
einfach, wie dort. Es sind nicht neue, bisher unbekannte Eigenschaften
des Stoffes, welche Darwin zur Erklärung dieser
höchst verwickelten Erscheinungswelt herbeizieht; es sind nicht
etwa Endeckungen neuer Verbingungsverhältnisse der Materien,
oder neuer Organisationskräfte derselben; sondern es ist lediglich
die außerordendlich geistvolle Verbindung, die synthetische
Zusammenfassung und denkende Vergleichung einer Anzahl längst
bekannter Thatsachen, durch welche Darwin das "heilige
Räthsel" der lebendigen Formenwelt löst. Die erste Rolle
spielt dabei die Erwägung der Wechselbeziehungen, welche
zwischen zwei allgemeinen Eigenschaften der Organismen bestehen, den
Eigenschaften der Vererbung und der Anpassung.
Lediglich durch Erwägung des Wechselverhältnisses
zwischen diesen beiden Lebensthätigkeiten oder physiologischen
Funktionen der Organismen, sowie ferner durch Erwägung der
gegenseitigen Beziehungen, welche an einem und demselben Ort
zusammenlebenden Thiere und Pflanzen nothwendig zu einander
besitzen - lediglich durch Würdigung dieser einfachen Thatsachen,
und durch die geistvolle Verbindung derselben ist es Darwin
möglich geworden, in denselben die wirkenden Ursachen
(causae efficientes) für die unendlich verwickelte
Gestaltenwelt der organischen Natur zu finden.
Wir sind nun verpflichtet, diese Theorie auf jeden Fall anzunehmen
und so lange zu behaupten, bis sich eine bessere findet, die es
unternimmt, die gleiche Fülle von Thatsachen ebenso einfach zu
erklären. Bisher entbehrten wir einer solchen Theorie
vollständig. Zwar war der Grundgedanke nicht neu, daß alle
verschiedenen Thier- und Pflanzenformen von einigen wenigen oder
sogar von einer einzigen höchst einfachen Grundform abstammen
müssen. Dieser Gedanke war längst ausgesprochen und
zuerst von Lamarck2) im Anfang unseres
Jahrhunderts bestimmt formulirt worden. Allein Lamarck sprach
doch eigentlich bloß die Hypothese der gemeinsamen Abstammung
aus, ohne sie durch Erläuterung der wirkenden Ursachen zu
begründen. Und gerade in dem Nachweis dieser Ursachen liegt der
außereordenliche Fortschritt, welchen Darwin über
Lamarcks Theorie hinaus gethan hat. Er fand in den
physiologischen Vererbungs- und Anpassungseigenschaften der
organischen Materie die wahre Ursache jenes genealogischen
Verhältnisses auf.
Die Theorie Darwins ist also nicht, wie es seine Gegner
häufig darstellen, eine beliebige, aus der Luft gegriffene,
bodenlose Hypothese. Es liegt nicht im Belieben der einzelnen Zoologen
und Botaniker, ob sie dieselbe als erklärende Theorie annehmen
wollen oder nicht. Vielmehr sind sie dazu gezwungen und verpflichtet
nach dem allgemeinen, in den Naturwissenschaften überhaupt
gültigen Grundsatze, daß wir zur Erklärung der
Erscheinungen jede mit den wirklichen Thatsachen vereinbare, wenn
auch nur schwach begründete Theorie so lange annehmen und
beibehalten müssen, bis sie durch eine bessere ersetzt wird. Wenn
wir dies nicht thun, so verzichten wir auf eine wissenschaftliche
Erklärung der Erscheinungen, und das ist in der That der
Standpunkt, den viele Biologien noch gegenwärtig einnehmen. Sie
betrachten das ganze Gebiet der belebten Natur als ein vollkommenes
Räthsel und halten die Entstehung der Thier- und Pflanzenarten,
die Erscheinungen ihrer Entwickelung und Verwandtschaft für
ganz unerklärlich, für ein Wunder.
Diejenigen Gegener Darwins, welche nicht geradezu in dieser
Weise auf eine biologische Erklärung verzichten wollen, pflegen
freilich zu sagen: "Darwins Lehre von dem gemeinschaftlichen
Ursprung der verschiedenartigen Organismen ist nur eine
Hypothese; wir stellen ihr eine andere entgegen, die Hypothese,
daß die einzelnen Thier- und Pflanzenarten nicht durch
Abstammung sich auseinander entwickelt haben, sondern daß sie
unabhängig von einander durch ein noch unentdecktes
Naturgesetz entstanden sind." So lange aber nicht gezeigt wird,
wie diese Entstehung zu denken ist, und was das für
ein "Naturgesetz" ist, so lange nicht einmal wahrscheinliche
Erklärungsgründe geltend gemacht werden können,
welche für eine unabhängige Entstehung der Thier- und
Pflanzenarten sprechen, so lange ist diese Gegenhypothese in der That
keine Hypothese, sondern eine leere, nichtssagende Redensart. Auch
verdient Darwins Theorie nicht den Namen einer Hypothese. Denn
eine wissenschaftliche Hypothese ist eine Annahme, welche sich auf
unbekannte, bisher noch nicht durch die sinnliche Erfahrung
wahrgenommene Eigenschaften oder Bewegungserscheinungen der
Naturkörper stützt. Darwins Lehre aber nimmt keine
derartigen unbekannten Verhältnisse an; sie gründet sich
auf längst anerkannte allgemeine Eigenschaften der Organismen,
und es ist, wie bemerkt, die außerordentliche geistvolle,
umfassende Verbindung einer Menge bisher vereinzelt dagestandener
Erscheinungen, welche dieser Theorie ihren außerordentlich hohen
inneren Werth gibt. Wir gelangen durch sie zum ersten Mal in die Lage,
für die Gesammtheit aller uns bekannten morphologischen
Erscheinungen in der Thier- und Pflanzenwelt eine bewirkende Ursache
nachzuweisen; und zwar ist diese wahre Ursache immer eine und
dieselbe, nämlich die Wechselwirkung der Anpassung und
Vererbung, also ein physiologisches, d. h. ein physikalisch-chemisches
oder ein mechanisches Verhältniß. Aus diesen Gründen
ist die Annahme der durch Darwin mechanisch
begründeten Abstammungslehre für die gesammte Zoologie
und Botanik eine zwingende und unabweisbare Nothwendigkeit.
Da nach meiner Ansicht also die unermeßlche Bedeutung von
Darwins Lehre darin liegt, daß sie die bisher nicht
erklärten organischen Formerscheinungen mechanisch
erklärt, so ist es wohl nothwendig, hier gleich noch ein Wort
über den vieldeutigen Begriff der Erklärung
einzuschalten. Es wird sehr häufig Darwins Theorie
entgegengehalten, daß sie allerdings jene Erscheinungen durch die
Vererbung und Anpassung vollkommen erkläre, daß dadurch
aber nicht diese Eigenschaften der organischen Materie selbst
erklärt werden, daß wir nicht zu den letzten Gründen
gelangen. Dieser Einwurf ist ganz richtig; allein er gilt in gleicher Weise
von allen Erscheinungen. Wir gelangen nirgends zu einer
Erkenntniß der letzten Gründe. Bei Erklärung
der einfachsten physikalischen oder chemischen Erscheinungen, z. B. bei
dem Fallen eines Steins oder bei der Bildung einer chemischen
Verbindung gelangen wir durch Auffindung und Feststellung der
wirkenden Ursachen, z. B. der Schwerkraft oder der chemischen
Verwandtschaft, zu anderen weiter zurückliegenden
Erscheinungen, die an und für sich Räthsel sind. Es liegt das
in der Beschränktheit oder Relativität unseres
Erkenntnißvermögens. Wir dürfen niemals vergessen,
daß die menschliche Erkenntnißfähigkeit allerdings
absolut beschränkt ist und nur eine relative Ausdehnung besitzt.
Sie ist zunächst schon beschränkt durch die Beschaffenheit
unserer Sinne und unseres Gehirns.
Ursprünglich stammt alle Erkenntniß aus der sinnlichen
Wahrnehmung. Man führt wohl dieser gegenüber die
angeborene, a priori entstehende Erkenntniß des Menschen
an; indessen werden Sie sehen, daß sich die sogenannte apriorische
Erkenntniß durch Darwins Lehre nachweisen läßt
als a posteriori erworbene, in ihren letzten Gründen durch
die Erfahrungen bedingt. Erkenntnisse, welche ursprünglich auf
rein empirischen Wahrnehmungen beruhen, also rein sinnliche
Erfahrungen sind, welche aber dann eine Reihe von Generationen
hindurch vererbt werden, treten bei der jüngsten Generation
scheinbar als unabhängige, angeborene, apriorische auf. Von
unseren uralten thierischen Voreltern sind alle sogenannten
"Erkenntnisse a priori" ursprünglich a posteriori
gefaßt worden und erst durch Vererbung allmählich zu
apriorischen geworden. Sie beruhen in letzter Instanz auf Erfahrungen,
und wir können durch die Gesetze der Vererbung und Anpassung
bestimmt nachweisen, daß in der Art, wie es gewöhnlich
geschieht, Erkenntnisse a priori den Erkenntnissen a
posteriori nicht entgegen zu stellen sind. Vielmehr ist die sinnliche
Erfahrung die ursprüngliche Quelle aller Erkenntnisse.
Schon aus diesem Grunde ist alle unsere Wissenschaft nur
beschränkt, und niemals vermögen wir die letzten
Gründe irgend einer Erscheinung zu erfasssen. Die Schwerkraft
und die chemische Verwandtschaft bleiben uns, an und für sich,
eben so unbegreiflich, wie die Anpassung und die Vererbung.
Wenn uns nun die Theorie Darwins die Gesammtheit aller
vorhin in einem kurzen Ueberblick zusammengefaßten
Erscheinungen aus einem einzigen Gesichtspunkt erklärt, wenn sie
eine und dieselbe Beschaffenheit des Organismus als die wirkende
Ursache nachweist, so leistet sie vorläufig Alles, was wir verlangen
können. Außerdem läßt sich aber auch mit gutem
Grunde hoffen, daß wir die letzten Gründe, zu welchen
Darwin gelangt, nämlich die Eigenschaften der Erblichkeit
und der Anpassungsfähigkeit, noch weiter werden erklären
lernen, und daß wir z. B. dahin gelangen werden, die
Molekularverhältnisse in der Zusammensetzung der
Eiweißstoffe als die weiter zurückliegenden, einfachen
Gründe jener Erscheinungen aufzudecken. Freilich ist in der
nächsten Zukunft hierzu noch keine Aussicht, und wir
begnügen uns vorläufig mit jener
Zurückführung, wie wir uns in der Newton'schen
Theorie mit der Zurückführung der Planetenbewegungen auf
die Schwerkraft begnügen. Die Schwerkraft selbst ist uns ebenfalls
ein Räthsel, an sich nicht erkennbar.
Bevor wir nun an unsere Hauptaufgabe, an die eingehende
Erörterung der Abstammungslehre und der aus ihr sich
ergebenden Folgerungen herantreten, lassen Sie uns einen
geschichtlichen Rückblick auf die wichtigsten und verbreitetsten
von denjenigen Ansichten werfen, welche sich die Menschen vor
Darwin über die organische Schöpfung, über die
Entstehung der mannigfaltigen Thier- und Pflanzenarten gebildet haben.
Es liegt dabei keineswegs in meiner Absicht, Sie mit einem
vergleichenden Ueberblick über alle die zahlreichen
Schöpfungsdichtungen der verschiedenen Menschen-Arten,
-Rassen und -Stämme zu unterhalten. So interessant und lohnend
diese Aufgabe, sowohl in ethnographischer als in culturhistorischer
Beziehung, auch wäre, so würde uns dieselbe doch hier viel
zu weit führen. Auch zeigt die übergroße Mehrzahl
aller dieser Schöpfungssagen zu sehr das Gepräge
willkürlicher Dichtung, und den Mangel eingehender
Naturbetrachtung, als daß dieselben für eine
naturwissenschaftliche Behandlung der Schöpfungsgeschichte von
Interesse wären. Ich werde daher von den nicht wissenschaftlich
begründeten Schöpfungsgeschichten bloß die mosaische
hervorheben, wegen des beispiellosen Einflusses, den sie in der
abendländischen Culturwelt gewonnen, und dann werde ich
sogleich zu den wissenschaftlich formulirten
Schöpfungshypothesen übergehen, welche erst nach Beginn
des verflossenen Jahrhunderts, mit Linné, ihren Anfang
nahmen.
Alle verschiedenen Vorstellungen, welche sich die Menschen jemals
von der Entstehung der verschiedenen Thier- und Pflanzenarten
gemacht haben, lassen sich füglich in zwei große,
entgegengesetzte Gruppen bringen, in natürliche und
übernatürliche Schöpfungsgeschichten.
Diese beiden Gruppen entsprechen im Großen und Ganzen den
beiden verschiedenen Hauptformen der menschlichen Weltanschauung,
welche wir vorher als monistische (einheitliche) und dualistische
(zwiespältige) Naturauffassung gegenüber gestellt haben. Die
gewöhnliche dualistische oder teleologische (vitale)
Weltanschauung muß die organische Natur als das
zweckmäßig ausgeführte Product eines planvoll
wirkenden Schöpfers ansehen. Sie muß in jeder einzelnen
Thier- und Pflanzenart einen "verkörperten
Schöpfungsgedanken" erblicken, den materiellen Ausdruck einer
zweckmäßig thätigen Endursache oder einer
zweckthätigen Ursache (causa finalis). Sie muß
nothwendig übernatürliche (nicht mechanische)
Vorgänge für die Entstehung der Organismen in Anspruch
nehmen. Wir dürfen sie daher mit Recht als
übernatürliche Schöpfungsgeschichte
bezeichnen. Von allen hierher gehörigen teleologischen
Schöpfungsgeschichten gewann diejenige des Moses sich
den größten Einfluß, da sie durch so bedeutende
Naturforscher, wie Linné, selbst in der Naturwissenschaft
allgemeinen Eingang fand. Auch die Schöpfungsansichten von
Cuvier und Agassiz, und überhaupt von der
großen Mehrzahl der Naturforscher sowohl als der Laien
gehören in diese Gruppe.
Die von Darwin ausgebildete Entwickelungstheorie dagegen,
welche wir hier als natürliche Schöpfungsgeschichte
zu behandeln haben, und welche bereits von Goethe und
Lamarck aufgestellt wurde, muß, wenn sie folgerichtig
durchgeführt wird, schließlich nothwendig zu der
monistischen oder mechanischen (causalen)
Weltanschauung hinführen. Im Gegensatz zu jener dualistischen
oder teleologischen Naturauffassung betrachtet dieselbe die Formen der
organischen Naturkörper, ebenso wie diejenigen der
anorganischen, als die nothwendigen Produkte natürlicher
Kräfte. Sie erblickt in den einzelnen Thier- und Pflanzenarten
nicht verkörperte Gedanken des persönlichen
Schöpfers, sondern den zeitweiligen Ausdruck eines mechanischen
Entwickelungsganges der Materie, den Ausdruck einer nothwendig
wirkenden Ursache oder einer mechanischen Ursache (causa
efficiens). Sie braucht also niemals übernatürliche und
daher für uns unbegreifliche Eingriffe des Schöpfers in den
natürlichen Gang der Dinge zu Hülfe zu rufen. Ihr
gehört die Zukunft.
Lassen Sie uns nun zunächst einen Blick auf die wichtigste von
allen übernatürlichen Schöpfungsgeschichten werden,
diejenige des Moses, wie sie uns durch die alte Geschichts- und
Gesetzesurkunde des jüdischen Volkes, durch die Bibel,
überliefert worden ist. Bekanntlich ist die mosaische
Schöpfungsgeschichte, wie sie im ersten Kapitel der Genesis
den Eingang zum alten Testament bildet, in der ganzen jüdischen
und christlichen Kulturwelt bis auf den heutigen Tag in allgemeiner
Geltung geblieben. Dieser außerordentliche Erfolg erklärt sich
nicht allein aus der engen Verbindung derselben mit den
jüdischen und christlichen Glaubenslehren, sondern auch aus dem
wahrhaft großartigen, einfachen und natürlichen Ideengang,
welcher dieselbe durchzieht, und welcher vortheilhaft gegen die bunte
Schöpfungsmythologie der meisten anderen Völker des
Alterthums absticht. Zuerst schafft Gott der Herr die Erde als
anorganischen Weltkörper. Dann scheidet er Licht und
Finsterniß, darauf Wasser und Festland. Nun erst ist die Erde
für Organismen bewohnbar geworden und es werden
zunächst die Pflanzen, später erst die Thiere erschaffen, und
zwar von den letzteren zuerst die Bewohner des Wassers und der Luft,
später erst die Bewohner des Festlands. Endlich zuletzt von allen
Organismen schafft Gott den Menschen, sich selbst zum Ebenbilde und
zum Beherrscher der Erde.
Zwei große und wichtige Grundgedanken der natürlichen
Entwickelungstheorie treten uns in dieser Schöpfungshypothese
des Moses mit überraschender Klarheit und Einfachheit
entgegen, der Gedanke der Sonderung oder Differenzirung, und
der Gedanke der fortschreitenden Entwicklung oder
Vervollkommnung. Obwohl Moses diese großen
Gesetze der organischen Entwickelung, die wir später als
nothwendige Folgerungen der Abstammungslehre nachweisen werden,
als die unmittelbare Bildungsthätigkeit eines gestaltenden
Schöpfers ansieht, liegt doch darin der erhabnere Gedanke, einer
fortschreitenden Entwickelung und Differenzirung der
ursprünglich einfachen Materie vorborgen. Wir können
daher dem großartigen Naturverständniß des
jüdischen Gesetzgebers und der einfach natürlichen Fassung
seiner Schöpfungshypothese unsere gerechte und aufrichtige
Bewunderung zollen, ohne darin gradezu eine göttliche
Offenbarung zu erblicken. Daß sie dies nicht sein kann, geht einfach
schon daraus hervor, daß darin zwei große
Grundirrthümer behauptet werden, nämlich erstens der
goecentrische Irrthum, daß die Erde der feste Mittelpunkt
der ganzen Welt sei, um welchen sich Sonne, Mond und Sterne bewegen;
und zweitens der anthropocentrische Irrthum, daß der
Mensch das vorbedachte Endziel der irdischen Schöpfung sei,
für dessen Dienst die ganze übrige Natur nur geschaffen sei.
Der erstere Irrthum wurde durch Kopernikus' Weltsystem im
Beginn des sechszehnten, der letztere durch Lamarck's
Abstammungslehre im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vernichtet.
Trotzdem durch Kopernikus bereits der geocentrische Irrthum
der mosaischen Schöpfungsgeschichte nachgewiesen und damit die
Autorität desselben als einer absolut vollkomnenen
göttlichen Offenbarung aufgehoben wurde, erhielt sich dieselbe
dennoch bis auf den heutigen Tag in solchem Ansehen, daß sie in
weiten Kreisen das Haupthinderniß für die Annahme einer
natürlichen Entwickelungstheorie bildet. Bekanntlich haben selbst
viele Naturforscher noch in unserem Jahrhundert versucht, dieselbe mit
den Ergebnissen der neueren Naturwissenschaft, insbesondere der
Geologie, in Einklang zu bringen, und z. b. die sieben
Schöpfungstage des Moses als sieben große geologische
Perioden gedeutet. Indessen sind alle diese künstlichen Deutungen
so vollkommen verfehlt, daß sie hier keiner Widerlegung
bedürfen. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Werk, sondern
eine Geschichts-, Gesetzes- und Religionsurkunde des jüdischen
Volkes, deren außerordentlich hoher Werth dadurch nicht
geschmälert wird, daß sie in allen naturwissenschaftlichen
Fragen ohne maßgebende Bedeutung und voll von
Irrthümern ist.
Wir können nun einen großen Sprung von mehr als drei
Jahrtausenden machen, von Moses, welcher ungefähr um
das Jahr 1480 vor Christus starb, bis auf Linné, welcher 1707
nach Christus geboren wurde. Während dieses ganzen Zeitraums
wurde keine Schöpfungsgeschichte aufgestellt, welche eine
bleibende Bedeutung gewann, oder deren Betrachtung an diesem Orte
von Interesse wäre. Insbesondere während der letzten 1500
Jahre, als das Christenthum die Weltherrschaft gewann, blieb die mit
dessen Glaubenslehren verknüpfte mosaische
Schöpfungsgeschichte so allgemein herrschend, daß erst das
neunzehnte Jahrhundert sich entschieden dagegen aufzulehnen wagte.
Selbst der große schwedische Naturforscher Linné, der
Begründer der neueren Naturgeschichte, schloß sich in
seinem Natursystem auf das Engste an die Schöpfungsgeschichte
des Moses an.
Der außerordentliche Fortschritt, welchen Karl
Linné in den sogenannten beschreibenden
Naturwissenschaften that, besteht bekanntlich in der Aufstellung eines
Sytems der Thier- und Pflanzenarten, welches er in so
folgerichtiger und logisch vollendeter Form durchführte, daß
es bis auf den heutigen Tag in vielen Beziehungen die Richtschnur
für alle folgenden, mit den Formen der Thiere und Pflanzen sich
beschäftigenden Naturforscher geblieben ist. Obgleich das System
Linné's ein künstliches war, obgleich er für die
Klassifikation der Thier- und Pflanzenarten nur einzelne Theile als
Eintheilungsgrundlagen hervorsuchte und anwendete, hat dennoch
dieses System sich den größten Erfolg errungen, erstens
durch seine konsequente Durchführung, und zweitens durch seine
ungemein wichtig gewordene Benennungsweise der Naturkörper,
auf welche wir hier nothwendig sogleich einen Blick werfen
müssen. Nachdem man nämlich vor Linné
sich vergeblich abgemüht hatte, in das unendliche Chaos der
schon damals bekannten verschiedenen Thier- und Pflanzenformen
Licht zu bringen, gelang es Linn&eacate;
durch Aufstellung der sogenannten "binären Nomenklatur"
mit einem glücklichen Griff diese wichtige und schwierige Aufgabe
zu lösen. Die binäre Nomenklatur oder die zweifache
Benennung, wie sie Linné zuerst aufstellte, wird noch
heutigen Tages ganz allgemein von allen Zoologen und Botanikern
angewendet und wird sich unzweifelhaft sehr lange noch in gleicher
Geltung erhalten. Sie besteht darin, daß jede Thier- und Pflanzenart
mit zwei Namen bezeichnet wird, welche sich ähnlich verhalten,
wie Tauf- und Familiennamen der menschlichen Individuen. Der
besondere Name, welcher dem menschlichen Taufnamen entspricht, und
welcher den Begriff der Art (Species) ausdrückt,
dient zur gemeinschaftlichen Bezeichnung aller thierischen oder
pflanzlichen Einzelwesen, welche in allen wesentlichen
Formeigenschaften sich gleich sind, und sich nur durch ganz
untergeordnete Merkmale unterscheiden. Der allgemeinere Name
dagegen, welcher dem menschlichen Familiennamen entspricht, und
welcher den Begriff der Gattung (Genus) ausdrückt,
dient zur gemeinschaftlichen Bezeichnung aller nächst
ähnlichen Arten oder Species. Der allgemeinere, umfassende
Genusname wird nach Linné's allgemein gültiger
Benennungsweise vorangesetzt; der besondere, untergeordnete
Speciesname folgt ihm nach. So ist z. B. die Hauskatze Felis
domestica, die wilde Katze Felis catus, der Panther Felis
pardus, der Jaguar Felis onca, der Tiger Felis tigris, der
Löwe Felis leo; alle sechs Raubthierarten sind verschiedene
Species eines und desselben Genus: Felis. Oder, um
ein Beispiel aus der Pflanzenwelt hinzuzufügen, so heißt nach
Linné's Benennung die Fichte Pinus abies, die Tanne
Pinus picea, die Lärche Pinus larix, die Pinie Pinus
pinea, die Zirbelkiefer Pinus cembra, das Knieholz Pinus
mughus, die gewohnliche Kiefer Pinus silvestris; alle sieben
Nadelholzarten sind verschiedene Species eines und desselben Genus:
Pinus.
Vielleicht scheint Ihnen dieser von Linné
herbeigeführte Fortschritt in der praktischen Unterscheidung und
Benennung der vielgestaltigen Organismen nur von untergeordneter
Wichtigkeit zu sein. Allein in Wirklichkeit war er von der
allergrößten Bedeutung, und zwar sowohl in praktischer als
in theoretischer Beziehung. Denn es wurde nun erst möglich, die
Unmasse der verschiedenartigen organischen Formen nach dem
größeren oder geringeren Grade ihrer Aehnlichkeit
zusammenzustellen und übersichtlich in das Fachwerk des
Systems zu ordnen. Die Registratur dieses Fachwerks mache
Linné dadurch noch übersichtlicher, daß er die
nächstähnlichen Gattungen (Genera) in sogenannte
Ordnungen (Ordines) zusammenstellte, und daß er die
nächstähnlichen Ordnungen in noch umfassenderen
Hauptabteilungen, den Klassen (Classes) vereinigte. Es zerfiel also
zunächst jedes der beiden organischen Reiche nach
Linné in eine geringe Anzahl von Klassen; das
Pflanzenreich in 24 Klassen, das Thierreich in 6 Klassen. Jede Klasse
enthielt wieder mehrere Ordnungen. Jede einzelne Ordnung konnte eine
Mehrzahl von Gattungen und jede einzelne Gattung wiederum mehrere
Arten enthalten.
Nicht minder bedeutend aber, als der unschätzbare
praktische Nutzen, welcher Linné's binäre
Nomenclatur sofort für eine übersichtliche systematische
Unterscheidung, Benennung, Anordnung und Eintheilung der
organischen Formenwelt hatte, war der unberechenbare
theoretische Einfluß, welchen dieselbe alsbald auf die
gesammte allgemeine Beurtheilung der organischen Formen, und ganz
besonders auf die Schöpfungsgeschichte gewann. Noch heute
drehen sich alle die wichtigen Grundfragen, die wir vorher kurz
erörterten, zuletzt um die Entscheidung der scheinbar sehr
abgelegenen und unwichtigen Vorfrage, was denn eigentlich die Art
oder Species ist? Noch heute kann der Begriff der organischen
Species als der Angelpunkt der ganzen Schöpfungsfrage
bezeichnet werden, als der streitige Mittelpunkt, um dessen
verschiedene Auffassung sich alle Darwinisten und Antidarwinisten
herumschlagen.
Nach der Meinung Darwins und seiner Anhänger sind die
verschiedenen Species einer und derselben Gattung von Thieren und
Pflanzen weiter nichts, als verschiedenartig entwickelte
Abkömmlinge einer und derselben ursprünglichen
Stammform. Die verschiedenen vorhin genannten Nadelholzarten
würden demnach von einer einzigen ursprünglichen
Pinusform abstammen. Ebenso würden alle oben
angeführten Katzenarten aus einer einzigen gemeinsamen
Felisform ihren Ursprung ableiten, dem Stammvater der ganzen
Gattung.Weiterhin müßten dann aber, der
Abstammungslehre entsprechend, auch alle verschiedenen Gattungen
einer und derselben Ordnung von einer einzigen gemeinsamen Urform
abstammen, und ebenso endlich alle Ordnungen einer Klasse von einer
einzigen Stammform.
Nach der entgegengesetzten Vorstellung der Gegner Darwins
sind dagegen alle Thier- und Pflanzenspecies ganz unabhängig von
einander, und nur die Einzelwesen oder Individuen einer jeden Species
stammen von einer gemeinsamen Stammform ab. Fragen wir sie nun
aber, wie sie sich denn diese ursprünglichen Stammformen der
Arten entstanden denken, so antworten sie uns mit einem Sprung ins
das Unbegreifliche: "sie sind als solche geschaffen worden."
Linné selbst bestimmte den Begriff der Species bereits
in dieser Weise, indem er sagte: "Es gibt soviel verschiedene Arten, als
im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen
erschaffen worden sind." ("Species tot sunt diversae, quot diversas
formas ab initio creavit infinitum ens.") Er schloß sich also in
dieser Beziehung aufs Engste an die mosaische
Schöpfungsgeschichte an, welche ja ebenfalls die Pflanzen und
Thiere "ein jegliches nach seiner Art" erschaffen werden läßt.
Näher hierauf eingehend, meinte Linné, daß
ursprünglich von jeder Thier- und Pflanzenart entweder ein
einzelnes Individuum oder ein Pärchen geschaffen worden sei;
und zwar ein Pärchen, oder wie Moses sagt: "ein
Männlein und ein Fräulein" von jenen Arten, welche
getrennte Geschlechter haben; für jene Arten dagegen, bei welchen
jedes Individuum beiderlei Geschlechtsorgane in sich vereinigt
(Hermaphroditen oder Zwitter), wie z. B. die Regenwürmer, die
Garten- und Weinbergsschnecken, sowie die große Mehrzahl der
Gewächse, meinte Linné sei es hinreichend, wenn
ein einzelnes Individuum erschaffen worden sei. Linné
schloß sich weiterhin an die mosaische Legende auch in Betreff der
Sündfluth an, indem er annahm, daß bei dieser großen
allgemeinen Ueberschwemmung alle vorhandenen Organismen
ertränkt worden seien, bis auf jene wenigen Individuen von jeder
Art (sieben Paar von den Vögeln und von dem reinen Vieh, ein
Paar von dem unreinen Vieh), welche in der Arche Noah gerettet und
nach beendigter Sündfluth auf dem Ararat an Land gesetzt
wurden. Die geographische Schwierigkeit des Zusammenlebens der
verchiedensten Thiere und Pflanzen suchte er sich dadurch zu
erklären: der Ararat in Armenien, in einem warmen Klima
gelegen, und bis über 16,000 Fuß Höhe aufsteigend,
vereinigt in sich die Bedingungen für den zeitweiligen
gemeinsamen Aufenthalt auch solcher Thiere, die in verschiedenen
Zonen leben. Es konnten zunächst also die an das Polarklima
gewöhnten Thiere auf den kalten Gebirgsrücken
hinaufklettern, und die Bewohner der gemäßigten Zone in der
Mitte der Berghöhe sich aufhalten. Von hier aus war die
Möglichkeit gegeben, sich über die Erde nach Norden und
Süden zu verbreiten.
Es ist wohl kaum nöthig zu bemerken, daß diese
Schöpfungshypothese Linné's, welche sich offenbar
möglichst eng an den herrschenden Bibelglauben
anzuschließen suchte, keiner ernstlichen Widerlegung bedarf.
Wenn man die sonstige Klarheit des scharfsinnigen Linné
erwägt, darf man vielleicht zweifeln, daß er selbst daran
glaubte. Was die gleichzeitige Abstammung aller Individuen einer jeden
Species von je einem Elternpaare (oder bei den hermaphroditischen
Arten von je einem Stammzwitter betrifft, so ist sie offenbar ganz
unhaltbar, denn abgesehen von anderen Gründen, würden
schon in den ersten Tagen nach geschehener Schöpfung die
wenigen Raubthiere ausgereicht haben, sämmtlichen
Pflanzenfressern den Garaus zu machen, wie die pflanzenfressenden
Thiere die wenigen Individuen der verschiedenen Pflanzenarten
hätten zerstören müssen. Ein solches Gleichgewicht in
der Oekonomie der Natur, wie es gegenwärtig existirt, konnte
unmöglich stattfinden, wenn von jeder Art nur ein Individuum
oder nur ein Paar ursprünglich und gleichzeitig erschaffen wurde.
Wie wenig übrigens Linné auf diese unhaltbare
Schöpfungshypothese Gewicht legte, geht unter Anderen daraus
hervor, daß er die Bastardzeugung (Hybridismus) als
eine Quelle der Entstehung neuer Arten anerkannte. Er nahm an,
daß eine große Anzahl von selbstständigen neuen
Species auf diesem Wege, durch geschlechtliche Vermischung zweier
verschiedener Species, entstanden sei. In der That kommen solche
Bastarde (Hybridae) durchaus nicht selten in der Natur vor, und
es ist jetzt erwiesen, daß eine große Anzahl von Arten z. B. aus
den Gattungen der Brombeere (Rubus), des Wollkrauts
(Verbascum), der Weide (Salix), der Distel (Cirsium)
Bastarde von verschiedenen Arten dieser Gattungen sind. Ebenso
kennen wir Bastarde von Hasen und Kaninchen (zwei Species der
Gattung Lepus), ferner Bastarde verschiedener Arten der
Hundegattung (Canis) etc., welche sich als selbstständige
Arten fortzupflanzen im Stande sind.
Es ist gewiß sehr bemerkenswerth, daß Linné
bereits die physiologische (also mechanische) Entstehung von neuen
Species auf diesem Wege der Bastardzeugung behauptete. Offenbar steht
dieselbe in unvereinbarem Gegensatz mit der
übernatürlichen Entstehung der anderen Species durch
Schöpfung, welche er der mosaischen Schöpfungsgeschichte
gemäß annahm. Die eine Abtheilung der Species würde
demnach durch dualistische (teleologische) Schöpfung, die andere
durch monistische (mechanische) Entwickelung entstanden sein.
Das große und wohlverdiente Ansehen, welches sich
Linné durch seine systematische Klassifikation und durch
seine übrigen Verdienste um die Biologie erworben hatte, war
offenbar die Ursache, daß auch seine Schöpfungsansichten
das ganze vorige Jahrhundert hindurch unangefochten in voller und
ganz allgemeiner Geltung blieben. Wenn nicht die ganze systematische
Zoologie und Botanik die von Linné eingeführte
Unterscheidung, Klassifikation und Benennung der Arten, und den damit
verbundenen dogmatischen Speciesbegriff mehr oder minder
unverändert beibehalten hätte, würde man nicht
begreifen, daß seine Vorstellung von einer selbstständigen
Schöpfung der einzelnen Species bis auf den heutigen Tag ihre
Herrschaft behaupten konnte. Nur durch die große Autorität
Linné's war die Erhaltung seiner
Schöpfungshypothese bis auf die unsere Zeit möglich.
Dritter Vortrag.
Schöpfungsgeschichte nach Cuvier und Agassiz.
(...Siehe Inhaltverzeichnis).
Meine Herren! Der entscheidende Schwerpunkt in dem
Meinungskampf, der von den Naturforschern über die Entstehung
der Organismen, über ihre Schöpfung oder Entwickelung
geführt wird, liegt in den Vorstellungen, welche man sich von dem
Wesen der Art oder Species macht. Entweder hält
man mit Linné die verschiedenen Arten für
selbstständige, von einander unabhängige
Schöpfungsformen, oder man nimmt mit Darwin deren
Blutsverwandtschaft an. Wenn man Linné's Ansicht theilt
(welche wir in dem letzten Vortrag auseinandersetzten), daß die
verschiedenen organischen Species unabhängig von einander
entstanden sind, daß sie keine Blutsverwandtschaft haben, ist man
zu der Annahme gezwungen, daß dieselben selbstständig
erschaffen sind; man muß entweder für jedes einzelne
organische Individuum einen besonderen Schöpfungsakt
annehmen (wozu sich kein Naturforscher entschließen wird), oder
man muß alle Individuen einer jeden Art von einem einzigen
Individuum oder von einem einzigen Stammpaare ableiten, welches
nicht auf natürlichem Wege entstanden, sondern durch den
Machtspruch eines Schöpfers in das Dasein gerufen ist. Wenn man
dagegen mit Darwin die Formenähnlichkeit der
verschiedenen Arten auf wirkliche Blutsverwandtschaft bezieht, so
muß man alle verschiedenen Species der Thier- und Pflanzenwelt
als veränderte Nachkommen einer einzigen oder einiger wenigen,
höchst einfachen, ursprünglichen Stammformen betrachten.
Durch diese Anschauung gewinnt das natürliche System der
Organismen (die baumartig verzweigte Anordnung und Eintheilung
derselben in Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten) die
Bedeutung eines wirklichen Stammbaums, dessen Wurzel durch durche
jene uralten längst verschwundenen Stammformen gebildet wird.
Eine wirklich naturgemäße und folgerichtige Betrachtung der
Organismen kann aber auch für diese einfachsten
ursprünglichen Stammformen keinen übernatürlichen
Schöpfungsakt annahmen, sondern nur eine Entstehung durch
Urzeugung (Archigonie oder Generatio spontanea). Durch
Darwins Ansicht von dem Wesen der Species gelangen wir
daher zu einer natürlichen Entwickelungstheorie, durch
Linné's Auffassung des Artbegriffs dagegen zu einem
übernatürlichen Schöpfungsdogma.
Die meisten Naturforscher nach Linné, dessen
große Verdienste um die unterscheidende und beschreibende
Naturwissenschaft ihm das höchste Ansehen gewannen, traten in
seine Fußtapfen, und ohne weiter über die Entstehung der
Organisation nachzudenken, nahmen sie in dem Sinne
Linné's eine selbstständige Schöpfung der
einzelnen Arten an, in Uebereinstimmung mit dem mosaischen
Schöpfungsbericht. Die Grundlage ihrer Speciesauffassung bildete
Linné's Ausspruch: "Es gibt so viele Arten, als
ursprünglich verschiedene Formen erschaffen worden sind."
Jedoch müssen wir hier, ohne näher auf die
Begriffbestimmung der Species einzugehen, sogleich bemerken, daß
alle Zoologen und Botaniker in der systematischen Praxis, bei der
praktischen Unterscheidung und Benennung der Thier- und
Pflanzenarten, sich nicht im Geringsten um jene angenommene
Schöpfung ihrer elterlichen Stammformen kümmerten, und
auch wirklich nicht kümmern konnten. Denn natürlich
waren sie niemals in der Lage, die Abstammung der zu einer Art
gehörigen Individuen von jener gemeinsamen, ursprünglich
erschaffenen Stammform der Art nachweisen zu können. Vielmehr
bedienten sich sowohl die Zoologen als die Botaniker in ihrer
systematischen Praxis ausschließlich der Formähnlichkeit, um
die verschiedenen Arten zu unterscheiden und zu benennen. Sie stellten
in einer Art oder Species alle organischen Einzelwesen, die einander in
der Formbildung sehr ähnlich oder fast gleich waren, und die sich
nur durch sehr unbedeutende Formunterschiede von einander trennen
ließen. Dagegen betrachteten sie als verschiedene Arten diejenigen
Individuen, welche wesentlichere oder auffallendere Unterschiede in
ihrer Körpergestaltung darboten. Natürlich war aber damit
der größten Willkür in der systematischen
Artunterscheidung Thür und Thor geöffnet. Denn da niemals
alle Individuen einer Species in allen Stücken völlig gleich
sind, vielmehr jede Art mehr oder weniger abändert
(variirt), so vermochte Niemand zu sagen, welcher Grad der
Abänderung eine wirkliche "gute Art", welcher Grad bloß
eine Spielart oder Rasse (Varietät) bezeichne.
Nothwendig mußte diese dogmatische Auffassung des
Speciesbegriffs und die damit verbundene Willkür zu den
unlösbarsten Widersprüchen und zu den unhaltbarsten
Annahmen führen. Dies zeigt sich deutlich schon bei demjenigen
Naturforscher, welcher nächst Linné den
größten Einfluß auf die Ausbildung der Thierkunde
gewann, bei dem berühmten Cuvier (geb. 1769). Er
schloß sich in seiner Auffassung und Bestimmung des
Speciesbegriffs im Ganzen an Linné an, und theilte seine
Vorstellung von einer unabhängigen Erschaffung der einzelnen
Arten. Die Unveränderlichkeit derselben hielt Cuvier
für so wichtig, daß er sich bis zu dem thörichten
Ausspruche verstieg: "die Beständigkeit der Species ist eine
nothwendige Bedingung für die Existenz der wissenschaftlichen
Naturgeschichte." Da Linne's Definition der Species ihm nicht
genügte, machte er den Versuch, eine genauere und für die
systematische Praxis mehr verwerthbare Begriffbestimmung derselben
zu geben, und zwar in folgender Definition: "Zu einer Art gehören
alle diejenigen Individuen der Thiere oder Pflanzen, welche entweder
von einander oder von gemeinsamen Stammeltern
bewiesenermaßen abstammen, oder welche diesen so ähnlich
sind, als die letzteren unter sich."
Cuvier dachte sich also in dieser Beziehung Folgendes: "Bei
denjenigen organischen Individuen, von denen wir wissen, sie stammen
von einer und derselben Elternform ab, bei denen also ihre gemeinsame
Abstammung empirisch erwiesen ist, leidet es keinen Zweifel, daß
sie zu einer Art gehören, mögen dieselben nun wenig oder
viel von einander abweichen, mögen sie fast gleich oder sehr
ungleich sein. Ebenso gehören dann aber zu dieser Art auch alle
diejenigen Individuen, welche von den letzteren (den aus gemeinsamem
Stamm empirisch abgeleiteten) nicht mehr verschieden sind, als diese
unter sich von einander abweichen. Bei näherer Betrachtung
dieser Speciesdefinition Cuviers zeigt sich sofort, daß
dieselbe weder theoretisch befriedigend, noch praktisch anwendbar ist.
Cuvier fing mit dieser Definition bereits an, sich in dem Kreise
herum zu drehen, in welchem fast alle folgenden Definitionen der
Species im Sinne ihrer Unveränderlichkeit sich bewegt haben.
Bei der außerordentlichen Bedeutung, welche George
Cuvier für die organische Naturwissenschaft gewonnen hat,
angesichts der fast unbeschränkten Alleinherrschaft, welche seine
Ansichten während der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts in
der Thierkunde ausübten, erscheint es an dieser Stelle
angemessen, seinen Einfluß noch etwas näher zu beleuchten.
Es ist dies um so wichtiger, als wir in Cuvier den bedeutendsten
Gegner der Abstammungslehre und der durch sie begründeten
einheitlichen (monistischen) Naturauffassung zu bekämpfen
haben.
Unter den vielen und großen Verdiensten Cuviers stehen
obenan diejenigen, welche er sich als Gründer der
vergleichenden Anatomie erwarb. Während
Linné die Unterscheidung der Arten, Gattungen,
Ordnungen und Klassen meistens auf äußere Charaktere, auf
einzelne, leicht auffindbare Merkmale in der Zahl, Größe,
Lage und Gestalt einzelner organischer Theile des Körpers
gründete, drang Cuvier viel tiefer in das Wesen der
Organisation ein. Er wies große und durchgreifende
Verschiedenheiten in dem inneren Bau der Thiere als die wesentliche
Grundlage einer wissenschaftlichen Erkenntniß und Klassifikation
derselben nach. Er unterschied natürliche Familien im Thierreich,
und er gründete auf deren vergleichende Anatomie sein
natürliches System des Thierreichs.
Der Fortschritt von dem künstlichen System
Linné's zu dem natürlichen System Cuviers
war außerordentlich bedeutend. Linné hatte
sämmtliche Thiere in eine einzige Reihe geordnet, welche er in
sechs Klassen eintheilte, zwei wirbellose und vier Wirbelthierklassen. Er
unterschied dieselben künstlich nach der Beschaffenheit des
Blutes und des Herzens. Cuvier dagegen zeigte, daß man im
Thierreich vier große natürliche Hauptabtheilungen
unterscheiden müsse, welche er Hauptformen oder
Generalpläne oder Zweige des Thierreichs (Embranchements)
nannte, nämlich 1) die Wirbelthiere (Vertebrata), 2) die
Gliederthiere (Articulata), 3) die Weichthiere (Mollusca),
und 4) die Strahlthiere (Radiata). Er wies ferner nach, daß in
jedem dieser vier Zweige ein eigenthümlicher Bauplan oder Typus
erkennbar sei, welcher diesen Zweig von jedem der drei andern Zweige
unterscheidet. Bei den Wirbelthieren ist derselbe durch die
Beschaffenheit des Skelets oder Knochengerüstes, sowie durch den
Bau und die Lage des Rückenmarks, abgesehen von vielen anderen
Eigenthümlichkeiten bestimmt ausgedrückt. Die
Gliederthiere werden durch ihr Bauchmark und ihr Rückherz
charakterisiert. Für die Weichthiere ist die sackartige,
ungegliederte Körperform bezeichnend. Die Strahlthiere endlich
unterscheiden sich von den drei anderen Hauptformen durch die
Zusammensetzung ihres Körpes aus vier oder mehreren,
strahlenförmig in einem gemeinsamen Mittelkörper
vereinigten Hauptabschnitten (Antimeren).
Man pflegt gewöhnlich die Unterscheidung dieser vier
thierischen Hauptformen, welche ungemein fruchtbar für die
weitere Entwickelung der Zoologie wurde, Cuvier allein
zuzuschreiben. Indessen wurde derselbe Gedanke fast gleichzeitig, und
unabhängig von Cuvier, von einem der größten,
noch lebenden Naturforscher ausgesprochen, von Bär,
welcher um die Entwickelungsgeschichte der Thiere sich die
hervorragendsten Verdienste erwarb. Bär zeigte, daß
man auch in der Entwickelungsweise der Thiere die vier verschiedenen
Hauptformen oder Typen unterscheiden müsse. Diese entsprechen
den vier thierischen Bauplänen, welche Cuvier auf Grund
der vergleichenden Anatomie unterschieden hatte. So z. B. stimmt die
individuelle Entwickelung aller Wirbelthiere in ihren Grundzügen
von Anfang an so sehr überein, daß man die Keimanlagen
oder Embryonen der verschiedenen Wirbelthiere (z. B. der Reptilien,
Vögel und Säugethiere) in der frühesten Zeit gar nicht
unterscheiden kann. Erst im weiteren Verlaufe der Entwickelung treten
allmählich die tieferen Formunterschiede auf, welche jene
verschiedenen Klassen und deren Ordnungen von einander trennen.
Ebenso ist die Körperanlage, welche sich bei der individuellen
Entwickelung der Gliederthiere (Insekten, Spinnen, Krebse) ausbildet,
von Anfang an bei allen Gliederthieren gleich, dagegen verschieden von
derjenigen aller Wirbelthiere. Dasselbe gilt mit gewissen
Einschränkungen von den Weichthieren und den Strahlthieren.
Weder Bär, welcher auf dem Wege der individuellen
Entwickelungsgeschichte (oder Embryologie), noch Cuvier,
welcher auf dem Wege der vergleichenden Anatomie zur
Unterscheidung der vier thierischen Typen oder Hauptformen gelangte,
erkannten die wahre Ursache dieses typischen Unterschiedes. Diese wird
uns nur durch die Abstammungslehre enthüllt. Die wunderbare
und wirklich überraschende Aehnlichkeit der inneren
Organisation, in den anatomischen Strukturverhältnissen, und die
noch merkwürdigere Uebereinstimmung in der embryonalen
Entwickelung bei allen Thieren, welche zu einem und demselben Typus,
z. b. zu dem Zweige der Wirbelthiere, gehören, erklärt sich in
der einfachsten Weise durch die Annahme einer gemeinsamen
Abstammung derselben von einer einzigen Stammform. Alle
Wirbelthiere müssen von einer einzigen ursprünglichen
Wirbelthierform nothwendig abstammen. Entschließt man sich
nicht zu dieser Annahme, so bleibt jene typische und durchgreifende
Uebereinstimmung der verschiedensten Wirbelthiere im inneren Bau
und in der Entwickelungsweise vollkommen unerklärlich. Sie kann
nur durch die Vererbung erklärt werden.
Nächst der vergleichenden Anatomie der Thiere, und der durch
diese neu begründeten systematischen Zoologie, war es besonders
die Versteinerungskunde oder Paläontologie, um welche
sich Cuvier die größten Verdienste erwarb. Wir
müssen dieser um so mehr gedenken, als gerade die
paläontologischen und die damit verbundenen geologischen
Ansichen Cuviers in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
sich fast allgemein im höchsten Ansehen erhielten, und der
Entwickelung der natürlichen Schöpfungsgeschichte die
größten Hindernisse entgegenstellten.
Die Versteinerungen oder Petrefakten, deren wissenschaftliche
Kenntniß Cuvier im Anfange unseres Jahrhunderts im
umfassendsten Maße förderte und für die Wirbelthiere
ganz neu begründete, spielen in der "natürlichen
Schöpfungsgeschichte" eine der wichtigsten Rollen. Denn diese in
versteinertem Zustande uns erhaltenen Reste und Abdrücke von
ausgestorbenen Thieren und Pflanzen sind die wahren
"Denkmünzen der Schöpfung", die untrüglichen
und unanfechtbaren Urkunden, welche unsere wahrhaftige
Geschichte der Organismen auf unerschütterlicher
Grundlage feststellen. Alle versteinerten oder fossilen Reste und
Abdrücke berichten uns von der Gestalt und dem Bau solcher
Thiere und Pflanzen, welche entweder die Urahnen oder die Voreltern
der jetzt lebenden Organismen sind, oder aber ausgestorbene
Seitenlinien, die sich von einem gemeinsamen Stamm mit den jetzt
lebenden Organismen abgezweigt haben. Diese unschätzbar
werthvollen Urkunden der Schöpfungsgeschichte haben sehr lange
Zeit hindurch eine höchst untergeordnete Rolle in der Wissenschaft
gespielt. Obgleich bereits der große Naturforscher des Alterthums,
Aristoteles, sowie viele Philosophen dieses klassischen Zeitraums,
richtig die wahre Natur der Petrefakten, als wirklicher organischer
Körperreste, beurtheilten, blieb dennoch während des
Mittelalters allgemein, und bei vielen Naturforschern noch im vorigen
Jahrhundert, die Ansicht herrschend, daß die Versteinerungen
sogenannte Naturspiele seien (Lusus naturae), oder Produkte
einer unbekannten Bildungskraft der Natur, eines Gestaltungstriebes
(Nisus formativus, Vis plastica). Ueber das Wesen und die
Thätigkeit dieser räthselhaften und mystischen
Bildungskraft machte man sich die abenteuerlichsten Vorstellungen.
Einige glaubten, daß diese bildende Schöpfungskraft,
dieselbe, der sich auch die Entstehung der lebenden Thier- und
Pflanzenarten zuschrieben, zahlreiche Versuche gemacht habe,
Organismen verschiedener Form zu schaffen; diese Versuche seien aber
nur theilweise gelungen, häufig fehlgeschlagen, und solche
mißglückte Versuche seien die Versteinerungen. Nach
Anderen sollten die Petrefakten durch den Einfluß der Sterne im
Inneren der Erde entstehen. Andere machten sich noch eine
gröbere Vorstellung, daß nämlich der Schöpfer
zunächst aus mineralischen Substanzen, z. B. aus Gyps der Thon,
vorläufige Modelle von denjenigen Pflanzen- und Thierformen
gemacht habe, die er später in organischer Substanz
ausführte, und denen er seinen lebendigen Odem einhauchte; die
Petrefakten seien solche rohe, anorganische Modelle. Selbst noch im
vorigen Jahrhundert waren solche rohen Ansichten verbreitet, und es
wurde z. B. eine besondere "Samenluft" (Aura seminalis)
angenommen, welche mit dem Wasser in die Erde dringe und durch
Befruchtung der Gesteine die Petrefakten, das "Steinfleisch" (Caro
fossilis) bilde.
Sie sehen, es dauerte gewaltig lange, ehe die einfache und
naturgemäße Vorstellung zur Geltung gelangte, daß die
Versteinerungen wirklich nichts Anderes seien, als das, was schon der
einfache Augenschein lehrt: die unverweslichen Ueberbleibsel von
gestorbenen Organismen. Zwar wagte der berühmte Maler
Leonardo da Vinci schon im fünfzehnten Jahrhundert zu
behaupten, daß der aus dem Wasser beständig sich
absetzende Schlamm die Ursache der Versteinerungen sei, indem er die
auf dem Boden der Gewässer liegenden unverweslichen
Kalkschalen der Muscheln und Schnecken umschließe, und
allmählich zu festem Gestein erhärte. Das Gleiche behauptete
auch im sechzehnten Jahrhundert ein Pariser Töpfer,
Palissy, welcher sich durch seine Porzellanerfindung
berühmt machte. Allein die sogenannten "Gelehrten vom Fach"
waren weit entfernt, diese wichtigen Aussprüche des einfachen
gesunden Menschenverstandes zu würdigen, und erst gegen Ende
des vorigen Jahrhunderts, während der Begründung der
neptunischen Geologie durch Werner, gewannen dieselben
allgemeine Geltung.
Die Begründung der strengeren wissenschaftlichen
Paläontologie fällt jedoch erst in den Anfang unseres
Jahrhunderts, als Cuvier seine klassischen Untersuchungen
über die versteinerten Wirbelthiere, und sein großer Gegner
Lamarck seine bahnbrechenden Forschungen über die
fossilen wirbellosen Thiere, namentlich die versteinerten Schnecken und
Muscheln, veröffentlichte. In seinem unsterblichen Werke
"über die fossilen Knochen" der Wirbelthiere, insbesondere der
Säugethiere und Reptilien, gelangte Cuvier bereits zur
Erkenntniß einiger sehr wichtigen und allgemeinen
paläontologischen Gesetze, welche für die
Schöpfungsgeschichte große Bedeutung gewannen. Dahin
gehört vor Allen der Satz, daß die ausgestorbenen Thierarten,
deren Ueberbleibsel wir in den verschiedenen, über einander
liegenden Schichten der Erdrinde versteinert vorfinden, sich um so
auffallender von den jetzt noch lebenden, verwandten Thierarten
unterscheiden, je tiefer jene Erdschichten liegen, d. h. je früher die
Thiere in der Vorzeit lebten. In der That findet man bei jedem
senkrechten Durchschnitt der geschichteten Erdrinde, daß die
verschiedenen, aus dem Wasser in bestimmter historischer Reihenfolge
abgesetzten Erdschichten durch verschiedene Petrefakten charakterisirt
sind, und daß diese ausgestorbenen Organismen denjenigen der
Gegenwart um so ähnlicher werden, je weiter wir in der
Schichtenfolge aufwärts steigen, d. h. je jünger die Periode
der Erdgeschichte war, in der sie lebten, starben, und von den
abgelagerten und erhärtenden Schlammschichten umschlossen
wurden.
So wichtig diese allgemeine Wahrnehmung Cuviers einerseits
war, so wurde sie doch andrerseits für ihn die Quelle eines
folgenschweren Irrthums. Denn indem er die charakteristischen
Versteinerungen jeder einzelnen größeren Schichtengruppe,
welche während eines Hauptabschnitts der Erdgeschichte
abgelagert wurde, für gänzlich verschieden von denen der
darüber und der darunter liegenden Schichtengruppe hielt, indem
er irrthümlich glaubte, daß niemals eine und dieselbe
Thierart in zwei aufeinander folgenden Schichtengruppen sich vorfinde,
gelangte er zu der falschen Vorstellung, welche für meisten
nachfolgenden Naturforscher maßgebend wurde, daß eine
Reihe von ganz verschiedenen Schöpfungsperioden aufeinander
gefolgt sei, und daß jede Periode ihre ganz besondere Thier- und
Pflanzenwelt, eine ihr eigenthümliche, specifische Fauna und Flora
besessen habe. Er stellte sichvor, daß die ganze Geschichte der
Erdrinde seit der Zeit, seit welcher überhaupt lebende Wesen auf
der Erdrinde auftraten, in eine Anzahl vollkommen getrennter Perioden
oder Hauptabschnitte zerfalle, und daß die einzelnen Perioden
durch eigenthümliche Umwälzungen unbekannter Natur,
sogenannte Revolutionen (Kataklysmen oder Katastrophen) von einander
geschieden seien. Jede Revolution hatte zunächst die vollkommene
Vernichtung der damals lebenden Thier- und Pflanzenwelt zur Folge,
und nach ihrer Beendigung fand eine vollständig neue
Schöpfung der organischen Formen statt. Eine neue Welt von
Thieren und Pflanzen, durchweg specifisch verschieden von denen der
vorhergehenden Geschichtsperiode, wurde mit einem Male ins Leben
gerufen, und bevölkerte nun wieder eine Reihe von Jahrtausenden
hindurch den Erdball, bis sie plötzlich durch den Eintritt einer
neuen Revolution zu Grunde ging.
Von dem Wesen und den Ursachen dieser Revolutionen sagte
Cuvier ausdrücklich, daß man sich keine Vorstellung
darüber machen könne, und daß die jetzt wirksamen
Kräfte der Natur zu einer Erklärung derselben nicht
ausreichten. Als natürliche Kräfte oder mechanische
Agentien, welche in der Gegenwart beständig, obwohl langsam, an
einer Umgestaltung der Erdoberfläche arbeiten führt
Cuvier vier wirkende Ursachen auf: ersten den Regen,
welche die steilen Gebirgsabhänge abspült und Schutt an
deren Fuß anhäuft; zweitens die fließenden
Gewässer, welche diesen Schutt fortführen und als
Schlamm im stehenden Wasser absetzen; drittens das Meer,
dessen Brandung die steilen Küstenränder abnagt, und an
flachen Küstensäumen Dünen aufwirft; und endlich
viertens die Vulkane, welche die Schichten der erhärteten
Erdrinde durchbrechen und in die Höhe heben, und welche ihre
Auswurfsprodukte aufhäufen und umherstreuen. Während
Cuvier die beständige langsame Umbildung der
gegenwärtigen Erdüberfläche durch diese vier
mächtigen Ursachen anerkennt, behauptet er gleichzeitig, daß
dieselben nicht ausgereicht haben könnten, um die
Erdrevolutionen der Vorzeit auszuführen, und daß man den
anatomischen Bau der ganzen Erdrinde nicht durch die nothwendige
Wirkung jener mechanischen Agentien erklären könne:
vielmehr müßten jene wunderbaren, großen
Umwälzungen der ganzen Erdoberfläche durch ganz
eigenthümliche, uns gänzlich unbekannte Ursachen bewirkt
worden sein; der gewöhnliche Entwickelungsfaden sei durch diese
Revolutionen zerrissen, der Gang der Natur verändert.
Diese Ansichten legte Cuvier in einem besonderen, auch ins
Deutsche übersetzten Buche nieder: "Ueber die Revolutionen der
Erdoberfläche, und die Veränderungen, welche sie im
Thierreich hervorgebracht haben". Sie erhielten sich lange Zeit hindurch
in allgmeiner Geltung, und wurden das größte Hinderniß
für die Entwickelung einer natürlichen
Schöpfungsgeschichte. Denn wenn wirklich solche, Alles
vernichtende Revolutionen existirt hatten, so war natürlich eine
Continuität der Artenentwicklung, ein zusammenhängender
Faden der organischen Erdgeschichte gar nicht anzunehmen, und man
mußte dann seine Zuflucht zu der Wirksamkeit
übernatürlicher Kräfte, zum Eingriff von Wundern in
den natürlichen Gang der Dinge nehmen. Nur durch Wunder
konnten die Revolutionen der Erde herbeigeführt sein, und nur
durch Wunder konnte nach deren Aufhören, am Anfange jeder
neuen Periode, eine neue Thier- und Pflanzenwelt geschaffen sein.
Für das Wunder hat aber die Naturwissenschaft nirgends einen
Platz, sofern man unter Wunder einen Eingriff
übernatürlicher Kräfte in den natürlichen
Entwickelungsgang der Materie versteht.
Ebenso wie die große Autorität, welche sich
Linné durch die systematische Unterscheidung und
Benennung der organischen Arten gewonnen hatte, bei seinen
Nachfolgern zu einer völligen Verknöcherung des
dogmatischen Speciesbegriffes führte; ebenso wurden die
großen Verdienste, welche sich Cuvier um Kenntniß
und Unterscheidung der ausgestorbenen Arten erworben hatte, die
Ursache einer allgemeinen Annahme seiner Revolutions- oder
Kataklysmenlehre, und der damit verbundenen grundfalschen
Schöpfungsansichten. In Folge dessen hielten während der
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die meisten Zoologen und
Botaniker an der Ansicht fest, daß eine Reihe unabhängiger
Perioden der organischen Erdgeschichte existirt habe; jede Periode sei
durch eine bestimmte, ihr ganz eigenthümliche Bevölkerung
von Thier- und Pflanzenarten ausgezeichnet gewesen; diese sei am Ende
der Periode durch eine allgemeine Revolution vernichtet, und nach dem
Aufhören der letzteren wiederum eine neue, spezifisch
verschiedene Thier- und Pflanzenwelt erschaffen worden. Zwar machten
schon frühzeitig einzelne selbstständig denkende
Köpfe, vor Allen der große Naturphilisoph Lamarck,
eine Reihe von gewichtigen Gründen geltend, welche diese
Kataklysmentheorie Cuviers widerlegten, und welche vielmehr
auf eine einzige zusammenhängende und ununterbrochene
Entwickelungsgeschichte der gesammten organischen
Erdbevölkerung aller Zeiten hinweisen. Sie behaupteten, daß
die Thier- und Pflanzenarten der einzelnen Perioden von denen der
nächst vorhergehenden Periode abstammen und nur die
veränderten Nachkommen der ersteren seien. Indessen der
großen Autorität Cuviers gegenüber vermochte
damals diese richtige Ansicht noch nicht durchzudringen. Ja selbst
nachdem durch Lyells 1830 erschienene, classische Principien der
Geologie die Kataklysmenlehre Cuviers aus dem Gebiete der
Geologie gänzlich verdrängt worden war, blieb seine Ansicht
von der specifischen Verschiedenheit der verschiedenen organischen
Schöpfungen auf dem Gebiete der Paläontologie noch
vielfach in Geltung. (Gen. Morph. II., 312.)
Durch einen seltsamen Zufall geschah es vor zehn Jahren, daß
fast zu derselben Zeit, als Cuviers Schöpfungsgeschichte
durch Darwins Werk ihren Todesstoß erhielt, ein anderer
berühmter Naturforscher den Versuch unternahm, dieselbe von
Neuem zu begründen, und in schroffster Form als Theil eines
teleologisch-theologischen Natursystems durchzuführen. Der
Schweizer Geologe Louis Agassiz nämlich, welcher durch
seine Gletscher- und Eiszeittheorien einen so hohen Ruf erlangt hat, und
welcher seit einer Reihe von Jahren in Nordamerika lebt, begann 1858
die Veröffentlichung eines höchst großartig angelegten
Werks, welches den Titel führt: "Beiträge zur
Naturgeschichte der vereinigten Staaten von
Nordamerika"5). Der erste Band dieser Naturgeschichte,
welche durch den Patriotismus der Nordamerikaner eine für ein
großes und kostspieliges Werk unerhörte Verbreitung erhielt,
führt den Titel: "Ein Versuch über Klassifikation".
Agassiz erläutert in diesem Versuche nicht allein das
natürliche System der Organismen und die verschiedenen darauf
abzielenden Klassifikationsversuche der Naturforscher, sondern auch
alle allgemeinen biologischen Verhältnisse welche darauf Bezug
haben. Die Entwickelungsgeschichte der Organismen, und zwar sowohl
die embryologische als die paläontologische, ferner die
allgemeinen Resultate der vergleichenden Anatomie, sodann die
allgemeine Oekonomie der Natur, die geographische und topographische
Verbreitung der Thiere und Pflanzen, kurz fast alle allgemeinen
Erscheinungsreihen der organischen Natur, kommen in dem
Klassifikationsversuche von Agassiz zur Besprechung, und
werden sämmtlich in einem Sinne und von einem Standpunkte aus
erläutert, welcher demjenigen Darwins auf das Schroffste
gegenübersteht. Während das Hauptverdienst
Darwins darin besteht, natürliche Ursachen für die
Entstehung der Thier- und Pflanzenarten nachzuweisen, und somit die
mechanische oder monistische Weltanschauung auch auf diesem
schwierigsten Gebiete der Schöpfungsgeschichte geltend zu
machen, ist Agassiz im Gegentheil überall bestebt, jeden
mechanischen Vorgang aus diesem ganzen Gebiete völlig
auszuschließen und überall den übernatürlichen
Eingriff eines persönlichen Schöpfers an die Stelle der
natürlichen Kräfte der Materie zu setzen, mithin eine
entschieden teleologische oder dualistische Weltanschauung zur Geltung
zu bringen. Schon aus diesem Grunde werden Sie es gewiß
angemessen finden, wenn ich hier auf die biologischen Ansichen von
Agassiz, und insbesondere auf seine
Schöpfungsvorstellungen etwas näher eingehe, um so mehr,
als kein anderes Werk unserer Gegner jene wichtigen allgemeinen
Grundfragen mit gleicher Ausführlichkeit behandelt, und als
zugleich die völlige Unhaltbarkeit ihrer dualistischen
Weltanschauung sich daraus auf das Klarste ergiebt.
Die organische Art oder Species, deren verschiedenartige
Auffassung wir oben als den eigentlichen Angelpunkt der
engegengesetzten Schöpfungsansichten bezeichnet haben, wird
von Agassiz, ebenso wie von Cuvier und
Linné, als eine in allen wesentlichen Merkmalen
unveränderliche Gestalt angesehen; zwar können die Arten
innerhalb enger Grenzen abändern oder variiren, aber nur in
unwesentlichen, niemals in wesentlichen Eigenthümlichkeiten.
Niemals können aus den Abänderungen oder
Varietäten einer Art wirkliche neue Species hervorgehen. Keine
von allen organischen Arten stammt also jemals von einer anderen ab;
vielmehr ist jede einzelne für sich von Gott erschaffen worden.
Jede einzelne Thierart ist, wie sich Agassiz ausdrückt, ein
verkörperter Schöpfungsgedanke Gottes.
In schroffem Gegensatz zu der durch die paläontologische
Erfahrung festgestellten Thatsache, daß die Zeitdauer der einzelnen
organischen Arten eine höchst ungleiche ist, und daß manche
Species unverändert durch mehrere auf einanderfolgende
Perioden der Erdgeschichte hindurchgehen, während Andere nur
einen kleinen Bruchtheil einer solchen Periode durchlebten, behauptet
Agassiz, daß niemals eine und dieselbe Species in zwei
verschiedenen Perioden vorkomme, und daß vielmehr jede
einzelne Periode durch eine ganz eigenthümliche, ihr
ausschließlich angehörige Bevölkerung von Thier- und
Pflanzenarten charakterisirt sei. Er theilt ferner Cuviers Ansicht,
daß durch die großen und allgemeinen Revolutionen der
Erdoberfläche, welche je zwei auf einander folgende Perioden
trennten, jene ganze Bevölkerung vernichtet und nach deren
Untergang eine neue, davon specifisch verschiedene geschaffen wurde.
Diese Neuschöpfung läßt Agassiz in der Weise
geschehen, daß jedesmal die gesammte Erdbevölkerung in
ihrer durchschnittlichen Individuenzahl und in den der Oekonomie der
Natur entsprechenden Wechselbeziehungen der einzelnen Arten vom
Schöpfer als Ganzes plötzlich in die Welt gesetzt worden sei.
Hiermit tritt er einem der bestbegründeten und wichtigsten
Gesetze der Thier- und Pflanzengeographie entgegen, dem Gesetze
nämlich, daß jede Species einen einzigen
ursprünglichen Entstehungsort oder einen sogenannten
Schöpfungsmittelpunkt besitzt, von dem aus sie sich über
die übrige Erde allmählich verbreitet hat. Statt dessen
läßt Agassiz jede Species an verschiedenen Stellen der
Erdoberfläche und sogleich in einer größeren Anzahl
von Individuen geschaffen werden.
Das natürliche System der Organismen, dessen
verschiedene über einander geordnete Gruppenstufen oder
Kategorien, die Zweige, Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und
Arten, wir der Abstammungslehre gemäß als verschiedene
Aeste und Zweige des gemeinschaftlichen organischen
Stammbaumes betrachten, ist nach Agassiz der unmittelbare
Ausdruck des göttlichen Schöpfungsplanes, und indem der
Naturforscher das natürliche System erforscht, denkt er die
Schöpfungsgedanken Gottes nach. Hierin findet Agassiz den
kräftigsten Beweis dafür, daß der Mensch das Ebenbild
und Kind Gottes ist. Die verschiedenen Gruppenstufen oder Kategorien
des natürlichen Systems entsprechen den verschiedenen Stufen
der Ausbildung, welche der göttliche Schöpfungsplan erlangt
hatte. Beim Entwurfe und bei der Ausführung dieses Planes
vertiefte sich der Schöpfer, von allgemeinsten
Schöpfungsideen ausgehend, immer mehr in die besonderen
Einzelheiten. Was also z. B. das Thierreich betrifft, so hatte Gott bei
dessen Schöpfung zunächst vier grundverschiedene Ideen
vom Thierkörper, welche er in dem verschiedenen Bauplane der
vier großen Hauptformen, Typen oder Zweige des Thiertreichs
verkörperte, in den Wirbelthieren, Gliederthieren, Weichthieren
und Strahlthieren. Indem nun der Schöpfer darüber
nachdachte, in welcher Art und Weise er diese vier verschiedenen
Baupläne mannichfaltig ausführen könne, schuf er
zunächst innerhalb jeder der vier Hauptformen mehrere
verschiedene Klassen, z. B. in der Wirbelthierform die Klassen der
Säugethiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische.
Weiterhin vertiefte sich dann Gott in die einzelnen Klassen und brachte
durch verschiedene Abstufungen im Bau jeder Klasse deren einzelne
Ordnungen hervor. Durch weitere Variation der Ornungsform erschuf er
die natürlichen Familien. Indem der Schöpfer ferner in jeder
Familie die letzten Structureigenthümlichkeiten einzelner Theile
veriirte, entstanden die Gattungen und Genera. Endlich zuletzt ging Gott
im weiteren Ausdenken seines Schöpfungsplanes so sehr ins
Einzelne, daß die einzelnen Arten oder Species ins Leben traten.
Diese sind also die verkörperten Schöpfugsgedanken der
speciellsten Art. (Gen. Morph. II., 374.)
Sie sehen, der Schöpfer verfährt nach Agassiz'
Vorstellung beim Hervorbringen der organischen Formen genau ebenso
wie ein menschlicher Baukünstler, der sich die Aufgabe gestellt
hat, möglichst viel verschiedene Bauwerke, zu möglichst
mannichfaltigen Zwecken, in möglichst abweichendem Style, in
möglichst verschiedenen Graden der Einfachheit, Pracht,
Größe und Vollkommenheit auszudenken und
auszuführen. Dieser Architect würde zunächst
vielleicht für alle diese Gebäude vier verschiedene Style
anwenden, etwa den gothischen, byzanthinischen, chinesischen und
Roccocostyl. In jedem dieser Style würde er eine Anzahl von
Kirchen, Palästen, Kasernen, Gefängnissen und
Wohnhäusern bauen. Jede dieser verschiedenen
Gebäudeformen würde er in roheren und vollkommneren, in
größeren und kleineren, in einfachen und prächtigen
Arten ausführen u. s. w. Insofern wäre jedoch der
menschliche Architekt vielleicht noch besser als der göttliche
Schöpfer daran, daß ihm in der Anzahl der Gruppenstufen
alle Freiheit gelassen wäre. Der Schöpfer dagegen darf sich
nach Agassiz immer nur innerhalb der sechs Gruppenstufen oder
Kategorien bewegen, innerhalb der Art, Gattung, Familie, Ordnung,
Klasse und Typus. Mehr als diese sechs Kategorien giebt es für ihn
nicht.
Wenn Sie in Agassiz' Werk über die Klassifikation selbst
die weitere Ausführung und Begründung dieser seltsamen
Ansichten lesen, - und ich kann Ihnen dies nur empfehlen, - so werden
Sie kaum begreifen, wie man mit allem Anschein wissenschaftlichen
Ernstes die Vermenschlichung (den Anthropomorphismus)
des göttlichen Schöpfers so weit treiben, und eben durch die
Ausführung im Einzelnen bis zum verkehrtesten Unsinn ausmalen
kann. In dieser ganzen Vorstellungsreihe ist der Schöpfer weiter
nichts als ein allmächtiger Mensch, der von Langerweile geplagt,
sich mit dem Ausdenken und Aufbauen möglichst mannichfaltiger
Spielzeuge, der organischen Arten belustigt. Nachdem er sich mit
denselben eine Reihe von Jahrtausenden hindurch unterhalten, werden
sie ihm langweilig; er vernichtet sie durch eine allgemeine Revolution
der Erdoberfläche, indem er das ganze unnütze Spielzeug in
Haufen zusammenwirft, und ruft nun, um sich an etwas Neuem und
Besserem die Zeit zu vertreiben, eine neue und vollkommene Thier- und
Pflanzenwelt ins Leben. Um jedoch nicht die Mühe der ganzen
Schöpferarbeit von vorn anzufangen, behält er immer den
einmal ausgedachten Schöpfungsplan im Großen und Ganzen
bei, und schafft lauter neue Arten, oder höchstens neue Gattungen,
viel seltener neue Familien, Ordnungen oder gar Klassen. Zu einem
neuen Typus oder Style bringt er es nie. Dabei bleibt er immer streng
innerhalb seiner sechs Kategorien.
Nachdem der Schöpfer so nach Agassiz' Ansicht sich
Millionen von Jahrtausenden hindurch mit dem Aufbauen und
Zerstören einer Reihe verschiedener Schöpfungen
unterhalten hatte, kömmt er endlich zuletzt - obwohl sehr
spät! - auf den guten Gedanken, sich seinesgleichen zu erschaffen,
und er formt den Menschen nach seinem Ebenbilde! Hiermit ist das
Endziel aller Schöpfungsgeschichte erreicht und die Reihe der
Erdrevolutionen abgeschlossen. Der Mensch, das Kind und Ebenbild
Gottes, giebt demselben so viel zu thun, macht ihm so viel
Vergnügen und Mühe, daß er nun niemals mehr
Langeweile hat, und keine neue Schöpfung mehr eintreten zu
lassen braucht. Sie sehen offenbar, wenn man einmal in der Weise, wie
Agassiz, dem Schöpfer durchaus menschliche Attribute und
Eigenschaften beilegt, und sein Schöpfungswerk durchaus analog
einer menschlichen Schöpfungsthätigkeit betrachtet, so ist
man nothwendig auch zur Annahme dieser ganz absurden Konsequenzen
gezwungen.
Die vielen Widersprüche und die auffallenden Verkehrtheiten
der Schöpfungsansichten von Agassiz, welche ihn
nothwendig zu dem entschiedensten Widerstand gegen die
Abstammungslehre führten, müssen aber um so mehr unser
Erstaunen erregen, als vielleicht (in mancher Beziehung wenigstens)
kein anderer Naturforscher der neuern Zeit so sehr thatsächlich
Darwin vorgearbeitet hat, insbesondere durch seine
Thätigkeit auf dem paläontologischen Gebiete. Unter den
zahlreichen Untersuchungen über Versteinerungen, welche der
jungen Paläontologie schnell die allgemeine Theilname erwarben,
schließen sich diejenigen von Agassiz, namentlich das
berühmte Werk "über die fossilen Fische", zunächst
ebenbürtig an die grundlegenden Arbeiten von Cuvier an.
Nicht allein haben die versteinerten Fische, mit denen uns
Agassiz bekannt machte, eine außerordentliche hohe
Bedeutung für das Verständniß der ganzen
Wirbelthiergruppe und ihrer geschichtlichen Entwickelung gewonnen;
sondern wir sind dadurch auch zur sicheren Erkenntniß wichtiger
allgemeiner Entwickelungsgesetze gelangt, die zum Theil von
Agassiz zuerst entdeckt wurden. Insbesondere hat derselbe
zuerst den merkwürdigen Parallelismus zwischen der
embryonalen und der paläontologischen Entwickelung, zwischen
der Ontogenie und Phylogenie hervorgehoben, eine Uebereinstimmung,
welche ich schon vorher (S. 9) als eine der stärksten Stützen
für die Abstammungslehre an Anspruch genommen habe.
Niemand hatte vorher so bestimmt, wie es Agassiz that,
hervorgehoben, daß von den Wirbelthieren zuerst nur Fische allein
existirt haben, daß erst später Amphibien auftraten, und
daß erst in noch viel späterer Zeit Vögel und
Säugethiere erschienen; daß ferner von den
Säugethieren, ebenso wie von den Fischen, anfangs
unvollkommnere, niedere Ordnungen, später erst vollkommnere
und höhere auftraten. Agassiz zeigte mithin, daß das
die paläontologische Entwickelung der ganzen Wirbelthiergruppe
nicht allein der embryonalen parallel sei, sondern auch der
systematischen Entwickelung, d. h. der Stufenleiter, welche wir
überall im Sysstem von den niederen zu den höheren
Klassen, Ordnungen, u. s. w. aufsteigend erblicken. Zuerst erschienen in
der Erdgeschichte nur niedere, später erst höhere Formen.
Diese wichtige Thatsache erklärt sich, ebenso wie die
Uebereinstimmung der embryonalen und paläontologischen
Entwickelung, ganz einfach und natürlich aus der
Abstammungslehre, während sie ohne diese ganz
unerklärlich ist. Dasselbe gilt ferner auch von dem großen
Gesetz der fortschreitenden Entwickelung, von dem historischen
Fortschritt der Organisation, welcher sowohl im Großen und Ganzen
in der geschichtlichen Aufeinanderfolge aller Organismen sichtbar ist, als
in der besonderen Vervollkommnung einzelner Theile des
Thierkörpers. So z. B. erhielt das Skelet der Wirbelthiere, ihr
Knochengerüst, erst langsam, allmählich und stufenweis den
hohen Grad von Vollkommenheit, welchen es jetzt beim Menschen und
den anderen höheren Wirbelthieren besitzt. Dieser von
Agassiz thatsächlich anerkannte Fortschritt folgt aber mit
Nothwendigkeit aus der von Darwin begründeten
Züchtungslehre, welche die wirkenden Ursachen desselben
nachweist. Wenn diese Lehre richtig ist, so mußte nothwendig die
Vollkommenheit und Mannichfaltigkeit der Thier- und Pflanzenarten im
Laufe der organischen Erdgeschichte stufenweise zunehmen, und konnte
erst in neuester Zeit ihre höchste Ausbildung erlangen.
Alle so eben angeführten, nebst einigen anderen allgemeinen
Entwickelungsgesetzen, welche von Agassiz ausdrücklich
anerkannt und mit Recht stark betont werden, welche sogar von ihm
selbst zum Theil erst aufgestellt wurden, sind, wie Sie später
sehen werden, nur durch die Abstammungslehre erklärbar und
bleiben ohne dieselbe völlig unbegreiflich. Nur die von
Darwin entwickelte Wechselwirkung der Vererbung und
Anpassung kann die wahre Ursache derselben sein. Dagegen stehen sie
alle in schroffem und unvereinbarem Gegensatz mit der vorher
besprochenen Schöpfungshypothese von Agassiz, und mit
allen Vorstellungen von der zweckmäßigen
Werkthätigkeit eines persönlichen Schöpfers. Will man
im Ernst durch die letztere jene merkwürdigen Erscheinungen und
ihren inneren Zusammenhang erklären, so verirrt man sich
nothwendig zu der Annahme, daß auch der Schöpfer selbst
sich mit der organischen Natur, die er schuf und umbildete, entwickelt
habe. Man kann sich dann nicht mehr von der Vorstellung los machen,
daß der Schöpfer selbst nach Art des menschlichen
Organismus seine Pläne entworfen, verbessert und endlich unter
vielen Abänderungen ausgeführt habe. "Es wächst der
Mensch mit seinen höher'n Zwecken". Diese Gottes
unwürdige Vorstellung müssen wir dann nothwendig auf ihn
übertragen. Wenn es nach der Ehrfurcht, mit der Agassiz
auf jeder Seite vom Schöpfer spricht, scheinen könnte,
daß wir dadurch zur erhabendsten Vorstellung von seinem Wirken
in der Natur gelangen, so findet in Wahrheit das Gegentheil statt. Der
göttliche Schöpfer wird dadurch zu einem idealisirten
Menschen erniedrigt, zu einem in der Entwickelung fortschreitenden
Organismus.
Bei der weiten Verbreitung und dem hohen Ansehen, welches sich
Agassiz' Werk erworben hat, und welches in Anbetracht der
anderen hohen wissenschaftlichen Verdienste des geistvollen Verfassers
gewiß gerechtfertig ist, glaubte ich es Ihnen schuldig zu sein, hier
diese schwachen Seiten desselben stark hervorzuheben. Sofern dies
Werk eine naturwissenschaftliche Schöpfungsgeschichte sein will,
ist dasselbe unzweifelhaft gänzlich verfehlt. Es hat aber
außerordentlichen Werth, als der einzige, ausführliche und
mit wissenschaftlichen Beweisgründen geschmückte
Versuch, den in neuerer Zeit ein hervorragender Naturforscher zur
Begründung einer teleologischen oder dualistischen
Schöpfungsgeschichte unternommen hat. Die innere
Unmöglichkeit einer solchen wird dadurch klar vor Jedermanns
Augen gelegt. Kein Gegner von Agassiz hätte vermocht, die
von ihm entwickelte dualistische Anschauung der organischen Natur
und ihrer Entstehung so schlagend zu widerlegen, als ihm dies selbst
durch die überall hervortretenden inneren Widersprüche
gelungen ist. Sollten Sie bei dem Lesen von Darwins Werk
zweifelhaft werden über den Werth seiner Lehre zur
Erklärung dieser oder jener allgemeinen Erscheinungsreihe, so
brauchen Sie bloß in dem Werke von Agassiz den
entgegengesetzten Erklärungsversuch zu vergleichen, um sofort
die Unmöglichkeit des letzteren, die Nothwendigkeit der ersteren
zu erkennen.
Die Gegner der monistischen oder mechanischen Weltanschauung
haben das Werk von Agassiz mit Freuden begrüßt und
erblicken darin eine vollendete Beweisführung für die
unmittelbare Schöpfungsthätigkeit eines persönlichen
Gottes. Allein sie übersehen dabei, daß dieser
persönliche Schöpfer bloß ein mit menschlichen
Attributen ausgerüsteter, idealisirter Organismus ist. Diese niedere
dualistische Gottesvorstellung entspricht einer niederen thierischen
Entwickelungsstufe des menschlichen Organismus. Der höher
entwickelte Mensch der Gegenwart ist befähigt und berechtigt zu
jener unendlich edleren und erhabeneren Gottesvorstellung, welche
allein mit der monistischen Weltanschauung verträglich ist, und
welche Gottes Geist und Kraft in allen Erscheinungen ohne Ausnahme
erblickt. Diese monistische Gottesidee, welcher die Zukunft gehört,
hat schon Giordano Bruno (S. 18) mit den Worten ausgesprochen:
"Ein Geist findet sich in allen Dingen, und es ist kein Körper so
klein, daß er nicht einen Theil der göttlichen Substanz in sich
enthielte, wodurch er beseelt wird". Diese veredelte Gottesidee ist es,
von welcher Goethe sagt: "Gewiß es giebt keine
schönere Gottesverehrung, als diejenige, welche kein Bild bedarf
welche aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen
entspringt". Durch sie werden wir zu der edelsten und erhabensten
Vorstellung geführt, welcher der Mensch fähig ist, zu der
Vorstellung von der Einheit Gottes und der Natur.
Vierter Vortrag.
Entwickelungstheorie von Goethe und Oken.
(... Siehe Inhaltsverzeichniß)
Meine Herren! Alle verschiedenen Vorstellungen, welche wir uns
über eine selbstständige, von einander unabhängige
Entstehung der einzelnen organischen Arten durch Schöpfung
machen können, laufen, folgerichtig durchdacht, auf einen
sogenannten Anthropomorphismus, d. h. auf eine
Vermenschlichung des Schöpfers hinaus, wie wir in dem
letzten Vortrage bereits gezeigt haben. Es wird da der Schöpfer zu
einem Organismus, der sich einen Plan entwirft, diesen Plan durchdenkt
und verändert, und schließlich die Geschöpfe nach
diesem Plane ausführt, wie ein menschlicher Architekt sein
Bauwerk. Wenn selbst so hervorragende Naturforscher wie
Linné, Cuvier und Agassiz, die
Hauptvertreter der dualistischen Schöpfungshypothese, zu keiner
genügenderen Vorstellung gelangen konnten, so wird daraus am
besten die Unzulänglichkeit aller derjenigen Vorstellungen
hervorgehen, welche die Mannichfaltigkeit der organischen Natur aus
einer solchen Schöpfung der einzelnen Arten ableiten wollen. Es
haben zwar nur einige Naturforscher, welche das wissenschaftlich ganz
Unbefriedigende dieser Vorstellung einsahen, versucht, den Begriff des
persönlichen Schöpfers durch denjenigen einer
unbewußt wirktenden schöpferischen Naturkraft zu ersetzen;
indessen ist dieser Ausdruck offenbar eine bloße umschreibende
Redensart, sobald nicht näher gezeigt wird, worin diese Naturkraft
besteht, und wie sie wirkt. Daher haben auch diese letzteren Versuche
durchaus keine Geltung in der Wissenschaft errungen. Vielmehr hat man
sich genötigt gesehen, sobald man eine selbstständige
Entstehung der verschiedenen Thier- und Pflanzenformen annahm,
immer auf ebenso viele Schöpfungsakte zurückzugreifen, d.
h. auf übernatürliche Eingriffe des Schöpfers in den
Gang der Dinge, der im Uebrigen ohne seine Mitwirkung abläuft.
Gegenüber nun dieser vollständigen wissenschaftlichen
Unzulänglichkeit aller Schöpfungshypothesen sind wir
gezwungen, zu den entgegengesetzten Entwickelungstheorien der
Organismen unsere Zuflucht zu nehmen, wenn wir uns überhaupt
eine wissenschaftliche Vorstellung von der Entstehung der Organismen
machen wollen. Wir sind gezwungen und verpflichtet dazu, selbst wenn
diese Entwickelungstheorien nur einen Schimmer von
Wahrscheinlichkeit auf eine mechanische, natürliche Entstehung
der Thier- und Pflanzenarten fallen lassen; um so mehr aber, wenn, wie
Sie sehen werden, diese Theorien eben so einfach und klar, als
vollständig und umfassend die gesammten Thatsachen
erklären. Diese Entwickelungstheorien sind keineswegs wie sie oft
fälschlich angesehen werden, willkürliche Einfälle,
oder beliebige Erzeugnisse der Einbildungskraft, welche nur die
Entstehung dieses oder jenes einzelnen Organismus zu erklären
vermögen, sondern sie sind streng wissenschaftlich
begründete Theorien, welche von einem festen und klaren
Standpunkte aus die Gesammtheit der organischen Naturerscheinungen,
und insbesondere die Entstehung der organischen Species auf das
Einfachste erklären, und als die nothwendigen Folgen
mechanischer Naturvorgänge nachweisen.
Wie ich bereits im zweiten Vortrage Ihnen zeigte, fallen diese
Entwickelungstheorien naturgemäß mit derjenigen
allgemeinen Weltanschauung zusammen, welche man gewöhnlich
als die einheitliche oder monistische, häufig auch als die
mechanische oder causale zu bezeichnen pflegt, weil sie nur
mechanische oder nothwendig wirkende Ursachen (causae
efficientes) zur Erklärung der Naturerscheinungen in Anspruch
nimmt. Ebenso fallen auf der anderen Seite die von uns bereits
betrachteten übernatürlichen Schöpfungshypothesen
mit derjenigen, völlig entgegengesetzten Weltanschauung
zusammen, welche man im Gegensatz zur ersteren die zweispältige
oder dualistische, oft auch teleologische oder vitale nennt,
weil sie die organischen Naturerscheinungen aus Wirksamkeit
zweckthätiger oder zweckmäßig wirkender
Ursachen (causae finales) ableitet. Gerade in diesem tiefen
inneren Zusammenhang der verschiedenen Schöpfungstheorien
mit den höchsten Fragen der Philosophie liegt für uns die
Anreizung zu ihrer eingehenden Betrachtung.
Der Grundgedanke, welcher allen natürlichen
Entwickelungstheorien nothwendig zu Grunde liegen muß, ist
derjenige einer allmählichen Entwickelung aller (auch der
vollkommensten) Organismen aus einem einzigen oder aus sehr
wenigen, ganz einfachen und ganz unvollkommenen Urwesen, welche
nicht durch übernatürliche Schöpfung, sondern durch
Urzeugung oder Archigonie (Generatio spontanea) aus
anorganischer Materie entstanden. Eigentlich sind in diesem
Grundgedanken zwei verschiedene Vorstellungen verbunden, welche
aber in tiefem inneren Zusammenhang stehen, nämlich erstens die
Vorstellung der Urzeugung oder Archigonie der ursprünglichen
Stammwesen, und zweitens die Vorstellung der fortschreitenden
Entwickelung der verschiedenen Organismenarten aus jenen einfachsten
Stammwesen. Diese beiden wichtigen mechanischen Vorstellungen sind
die unzertrennlichen Grundgedanken jeder streng wissenschaftlich
durchgeführten Entwickelungstheorie. Weil dieselbe eine
Abstammung der verschiedenen Thier- und Pflazenarten von
einfachsten gemeinsamen Stammarten behauptet, konnten wir sie auch
als Abstammungslehre (Descendenztheorie), und weil damit
zugleich eine Umbildung der Arten verbunden ist, als
Umbildungslehre (Transmutationstheorie) bezeichnen.
Während übernatürliche
Schöpfungsgeschichten schon vor vielen Jahrtausenden, in jener
unvordenklichen Urzeit entstanden sein müssen, als der Mensch,
eben erst aus dem Affenzustande sich entwickelnd, zum ersten Male
anfing, eingehender über sich selbst und über die
Entstehung der ihn umgebenden Körperwelt nachzudenken, so
sind dagegen die natürlichen Entwickelungstheorien nothwendig
viel jüngeren Ursprungs. Wir können diesen erst bei
gereifteren Culturvölkern begegnen, denen durch philosophische
Bildung die Nothwendigkeit einer natürlichen
Ursachenerkenntniß klar geworden war; und auch bei diesen
dürfen wir zunächst nur von einzelnen bevorzugten Naturen
erwarten, daß sie den Ursprung der Erscheinungswelt ebenso wie
deren Entwickelungsgang, als die nothwendige Folge von mechanischen,
natürlich wirkenden Ursachen erkannten. Bei keinem Volke waren
diese Vorbedingungen für die Entstehung einer natürlichen
Entwickelungstheorie jemals so vorhanden, wie bei den Griechen des
klassischen Alterthums. Diesen fehlte aber auf der anderen Seite zu sehr
die nähere Bekanntschaft mit den Thatsachen der
Naturvorgänge und ihren Formen, und somit die
erfahrungsmäßige Grundlage für eine weitere
Durchbildung der Entwickelungstheorie. Die exakte Naturforschung und
die überall auf empirischer Basis begründete
Naturerkenntniß war ja dem Alterthum ebenso wie dem Mittelalter
fast ganz unbekannt und ist erst eine Errungenschaft der neuern Zeit.
Wir haben daher auch hier keine nähere Veranlassung, auf die
natürlichen Entwickelungstheorien der verschiedenen griechischen
Weltweisen einzugehen, da denselben zu sehr die
erfahrungsmäßige Kenntniß sowohl von der organischen
als von der anorganischen Natur abging, und sie sich
demgemäß fast immer nur in lustigen Speculationen
verirrten.
Nur einen Mann müssen wir hier ausnahmsweise hervorheben,
den größten und den einzigen wahrhaft großen
Naturforscher des Alterthums und des Mittelalters, einen der
erhabensten Genien aller Zeiten: Aristoteles. Wie derselbe in
empirisch-philosophischer Naturerkenntniß, und insbesondere im
Verständniß der organischen Natur, während eines
Zeitraums von mehr als zweitausend Jahren einzig dasteht, beweisen uns
die kostbaren Reste seiner nur theilweis erhaltenen Werke. Auch von
einer natürlichen Entwickelungstheorie finden sich in denselben
mehrfache Spuren vor. Aristoteles nimmt mit voller Bestimmtheit
die Urzeugung als die natürliche Entstehungsart der niederen
organischen Wesen an. Er läßt Thiere und Pflanzen aus der
Materie selbst durch deren ureigene Kraft entstehen, so z. B. Motten aus
Wolle, Flöhe aus faulem Mist, Milben aus feuchtem Holz u. s. w. Da
ihm jedoch die Unterscheidung der organischen Species, welche erst
mehr als zweitausend Jahre später Linné gelang,
unbekannt war, konnte er über deren genealogisches
Verhältniß sich wohl noch keine Vorstellungen bilden.
Der Grundgedanke der Entwickelungstheorie, daß die
verschiedenen Thier- und Pflanzenarten sich aus gemeinsamen
Stammarten durch Umbildung entwickelt haben, konnte natürlich
erst klar ausgesprochen werden, nachdem die Arten oder Species selbst
genauer bekannt geworden, und nachdem auch schon die
ausgestorbenen Species neben den lebenden in Betracht gezogen und
eingehender mit letzeren verglichen worden waren. Dies geschah erst
gegen Ende des vorigen und im Beginn unseres Jahrhunderts. Erst im
Jahre 1801 sprach der große Lamarck die
Entwickelungstheorie aus, welche er 1809 in seiner klassischen
"Philosophie zoologique" weiter ausführte. Während
Lamarck und sein Landsmann Geoffroy S. Hilaire in
Frankreich den Ansichten Cuviers gegenüber traten und
eine natürliche Entwickelung der organischen Species durch
Umbildung und Abstammung behaupteten, vertraten gleichzeitig in
Deutschland Goethe und Oken dieselbe Richtung und
halfen die Entwickelungstheorie zu begründen. Da man
gewöhnlich alle diese Naturforscher als "Naturphilosophen"
zu bezeichnen pflegt, und da diese vieldeutige Bezeichnung in einem
gewissen Sinne ganz richtig ist, so erscheint es mir zunächst
angemessen, hier einige Worte über die richtige Würdigung
der Naturphilosophie vorauszuschicken.
Während man in England schon seit langer Zeit die Begriffe
Naturwissenschaft und Philosophie fast als gleichbedeutend ansieht, und
mit vollem Recht jeden wahrhaft wissenschaftlich arbeitenden
Naturforscher einen Naturphilosophen nennt, wird dagegen in
Deutschland schon seit mehr als einem halben Jahrhundert die
Naturwissenschaft streng von der Philosophie geschieden, und die
naturgemäße Verbindung beider zu einer wahren
"Naturphilosophie" wird nur von Wenigen anerkannt. An dieser
Verkennung sind die phantastischen Auschreitungen der früheren
deutschen Naturphilosophen, Okens, Schellings u. s. w.
Schuld, welche glaubten, die Naturgesetze aus ihrem Kopfe konstruieren
zu können, ohne überall auf dem Boden der
thatsächlichen Erfahrung bleiben zu müssen. Als sich diese
Anmaßungen in ihrer ganzen Leerheit herausgestellt hatten,
schlugen die Naturforscher unter der "Nation von Denkern" in das
gerade Gegentheil um, und glaubten, das hohe Ziel der Wissenschaft, die
Erkenntniß der Wahrheit, auf dem Wege der nackten sinnlichen
Erfahrung, ohne jede philosophische Gedankenarbeit erreichen zu
können. Von nun an, besonders seit dem Jahre 1830, machte sich
bei den meisten Naturforschern eine starke Abneigung gegen jede
allgemeinere, philosophische Betrachtung der Natur geltend. Man fand
nun das eigentliche Ziel der Naturwissenschaft in der Erkenntniß
des Einzelnen und glaubte dasselbe in der Biologie erreicht, wenn man
mit Hülfe der feinsten Instrumente und Beobachtungsmittel die
Formen und die Lebenserscheinungen aller einzelnen Organismen ganz
genau erkannt haben würde. Zwar gab es immerhin unter diesen
streng empirischen oder sogenannten exakten Naturforschern
zahlreiche, welche sich über diesen beschränkten
Standpunkt erhoben und das letzte Ziel in einer Erkenntniß
allgemeiner Organisationsgesetze finden wollten. Indessen die
große Mehrzahl der Zoologen und Botaniker in den letzten drei bis
vier Decennien wollte von solchen allgemeinen Gesetzen Nichts wissen;
sie gestanden höchstens zu, daß vielleicht in ganz entfernter
Zukunft, wenn man einmal am Ende aller empirischen Erkenntniß
angelangt sein würde, wenn alle einzelnen Thiere und Pflanzen
vollständig untersucht seien, man daran denken könne,
allgemeine biologische Gesetze zu entdecken.
Wenn Sie die wichtigsten Fortschritte, die der menschliche Geist in
der Erkenntniß der Wahrheit gemacht hat, zusammenfassend
vergleichen, so werden Sie bald sehen, daß es stets philosophische
Gedankenoperationen sind, durch welche diese Fortschritte erzielt
wurden, und daß jene, allerdings nothwendig vorhergehende
sinnliche Erfahrung und die dadurch gewonnene Erkenntniß des
Einzelnen nur die Grundlage für jene allgemeinen Gesetze liefern.
Empirie und Philosophie stehen daher keineswegs in so
ausschließendem Gegensatz zu einander, wie es bisher von den
Meisten angenommen wurde; sie ergänzen sich vielmehr
nothwendig. Der Philosoph, welchem der unumstößliche
Boden der sinnlichen Erfahrung, der empirischen Kenntniß fehlt,
gelangt in seinen allgemeinen Speculationen sehr leicht zu
Fehlschlüssen, welche selbst ein mäßig gebildeter
Naturforscher sofort widerlegen kann. Andrerseits können die rein
empirischen Naturforscher, die sich nicht um philosophische
Zusammenfassung ihrer sinnlichen Wahrnehmungen bemühen,
und nicht nach allgemeinen Erkenntnissen streben, die Wissenschaft nur
in sehr geringem Maße fördern, und der Hauptwerth ihrer
mühsam gewonnenen Einzelerkenntnisse liegt in den allgemeinen
Resultaten, welche später umfassendere Geister aus denselben
ziehen. Bei einem allgemeinen Ueberblick über den
Entwickelungsgang der Biologie seit Linné finden Sie
leicht, wie dies Bär ausgeführt hat, ein
beständiges Schwanken zwischen diesen beiden Richtungen, ein
Ueberwiegen einmal der empirischen (sogenannten exakten) und dann
wieder der philosophischen (speculativen) Richtung. So hatte sich schon
zu Ende des vorigen Jahrhunderts, im Gegensatz gegen
Linné's rein empirische Schule, eine naturphilosophische
Reaction erhoben, deren bewegende Geister, Lamarck, Geoffroy
S. Hilaire, Goethe und Oken, durch ihre Gedankenarbeit
Licht und Ordnung in das Chaos des aufgehäuften empirischen
Rohmaterials brachten. Gegenüber den vielfachen
Irrthümern und den zu weit gehenden Spekulationen dieser
Naturphilosophen trat dann Cuvier auf, welcher eine zweite, rein
empirische Periode herbeiführte. Diese erreicht ihre einseitigste
Entwickelung während der Jahre 1830 - 1860, und nun folgte ein
zweiter philosophischer Rückschlag, durch Darwins Werk
veranlaßt. Man fing nun in unserm Decennium wieder an, sich zu
Erkenntniß der allgemeinen Naturgesetze hinzuwenden, denen
doch schließlich alle einzelnen Erfahrungskenntnisse nur als
Grundlage dienen, und durch welche letztere erst Werth erlangen. Durch
die Philosophie wird die Naturkunde erst zur wahren Wissenschaft, zur
"Naturphilosophie" (Gen. Morph. I, S. 63-108).
Unter den großen Naturphilosophen, denen wir die erste
Begründung einer organischen Entwickelungstheorie verdanken,
und welche neben Charles Darwin als die Urheber der
Abstammungslehre glänzen, stehen obenan Jean Lamarck
und Wolfgang Goethe. Jedes der drei droßen
Kulturländer der Neuzeit, Deutschland, England und Frankreich,
hat einen geistvollen Naturforscher zur Lösung dieser hohen
Aufgabe entsandt. Ich wende mich zunächst zu unserm theuren
Goethe, welcher von Allen uns Deutschen am nächsten
steht. Bevor ich Ihnen jedoch seine besonderen Verdienste um die
Entwickelungstheorie erläutere, scheint es mir passend, Einiges
über seine Bedeutung als Naturforscher überhaupt zu sagen,
da dieselbe gewöhnlich sehr verkannt wird.
Gewiß die Meisten unter Ihnen verehren Goethe nur als
Dichter und Menschen; nur Wenige werden eine Vorstellung von dem
hohen Werth haben, den seine naturwissenschaftlichen Arbeiten
besitzen, von dem Riesenschritt, mit dem er seiner Zeit vorauseilte, - so
vorauseilte, daß eben die meisten Naturforscher der damaligen Zeit
ihm nicht nachkommen konnten. Das Mißgeschick, daß seine
naturphilosophischen Verdienste von seinen Zeitgenossen verkannt
wurden, hat Goethe beständig tief berührt. An
verschiedenen Stellen seiner naturwissenschaftlichen Schriften beklagt
er sich bitter über die beschränkten Fachleute, welche seine
Arbeiten nicht zu würdigen verstehen, welche den Wald vor lauter
Bäumen nicht sehen, und welche sich nicht dazu erheben
können, aus dem Wust des Einzelnen allgemeine Naturgesetze
herauszufinden. Nur zu gerecht ist sein Vorwurf: "Der Philosoph wird gar
bald entdecken, daß sich die Beobachter selten zu einem
Standpunkte erheben, von welchem sie so viele bedeutend
bezügliche Gegenstände übersehen können."
Wesentlich allerdngs wurde diese Verkennung verschuldet durch den
falschen Weg, auf welchen Goethe in seiner Farbenlehre gerieth.
Die Farbenlehre, die er selbst als das Lieblingskind seiner Muße
bezeichnet, ist in ihren Grundlagen durchaus verfehlt, soviel
Schönes sie auch im Einzelnen enthalten mag. Die exakte
mathematische Methode, mittelst man allein zunächst in den
anorganischen Naturwissenschaften, in der Physik vor Allem, Schritt
für Schritt auf unumstößlich fester Basis weiter bauen
kann, war Goethe durchaus zuwider. Er ließ sich in der
Verwerfung derselben nicht allein zu großen Ungerechtigkeiten
gegen die hervorragendsten Physiker hinreißen, sondern auch auf
Irrwege verleiten, die seinen übrigen werthvollen Arbeiten sehr
geschadet haben. Ganz etwas Anderes ist es in den organischen
Naturwissenschaften, in welchen wir nur selten im Stande sind, von
Anfang an gleich auf der unumstößlich festen,
mathematischen Basis vorzugehen, vielmehr gezwungen sind, wegen der
unendlich schwierigen und verwickelten Natur der Aufgabe, uns
zunächst Induktionsschlüsse zu bilden; d. h. wir
müssen aus zahlreichen einzelnen Beobachtungen, die doch nicht
ganz vollständig sind, ein allgemeines Gesetz zu begründen
suchen. Die Vergleichung der verwandten Erscheinungsreihen, die
Combination ist hier das wichtigste Forschungsinstrument, und diese
wurde von Goethe mit ebensoviel Glück als bewußter
Wertherkenntniß bei seinen naturphilosophischen Arbeiten
angewandt.
Von den Schriften Goethe's, die sich auf die organische Natur
beziehen, ist am berühmtesten die Metamorphose der
Pflanzen geworden, welche 1790 erschien; ein Werk, welches
insofern den Grundgedanken der Entwickelungstheorie deutlich
erkennen läßt, als Goethe darin bemüht war, ein
einziges Grundorgan nachzuweisen, durch dessen unendlich
mannichfaltige Ausbildung und Umbildung man sich den ganzen
Formenreichthum der Pflanzenwelt entstanden denken könne;
dieses Grundorgan fand er im Blatt. Wenn damals schon die
Anwendung des Mikroskops eine allgemeine gewesen wäre, wenn
Goethe den Bau der Organismen mit dem Mikroskop durchforscht
hätte, so würde er noch weiter gegangen sein, und das Blatt
bereits als ein Vielfaches von individuellen Theilen niederer Ordnung,
von Zellen erkannt haben. Er würde dann nicht das Blatt, sondern
die Zelle als das eigentliche Grundorgan aufgestellt haben, durch
dessen Vermehrung, Umbildung und Verbindung (Synthese)
zunächst das Blatt entsteht; sowie weiterhin durch Umbildung,
Variation und Zusammensetzung der Blätter alle die
mannichfaltigen Schönheiten in Form und Farbe entstehen, welche
wir ebenso an den echten Ernährungsblättern, wie an den
Fortpflanzungsblättern oder den Blüthentheilen der Pflanzen
bewundern. Indessen schon dieser Grundgedanke war durchaus richtig.
Goethe zeigte darin, daß man, um das Ganze der Erscheinung
zu erfassen, erstens vergleichen und dann zweitens einen einfachen
Typus, eine einfache Grundform, ein Thema gewissermaßen suchen
müsse, von dem alle übrigen Gestalten nur die unendlich
mannichfaltigen Variationen seien.
Etwas Aehnliches, wie er hier in der Metamorphose der Pflanzen
leistete, gab er an für die Wirbelthiere in seiner berühmten
Wirbeltheorie des Schädels. Goethe zeigte zuerst,
unabhängig von Oken, welcher fast gleichzeitig auf
denselben Gedanken kam, daß der Schädel des Menschen und
aller anderen Wirbelthiere, zunächst der Säugethiere, Nichts
wieter sei als eine Knochenkapsel, zusammengesetzt aus denselben
Stücken, aus denen auch das Rückgrat oder die
Wirbelsäule zusammengesetzt ist, aus Wirbeln. Die Wirbel des
Schädels sind gleich denen des Rückgrats hinter einander
gelegene Knochenringe, welche am Kopfe nur eigenthümlich
umgebildet und gesondert (differenzirt) sind. Auch diese Grundidee war
außerordentlich wichtig. Sie gehörte in jener Zeit zu den
größten Fortschritten der vergleichenden Anatomie, und war
nicht allein für das Verständniß des Wirbelthierbaues
eine der ersten Grundlagen, sondern erklärte zugleich viele
einzelne Erscheinungen. Wenn zwei Körpertheile, die auf den
ersten Blick so verschieden aussehen, wie der Hirnschädel und die
Wirbelsäule, sich als ursprünglich gleichartige, aus einer und
derselben Grundlage hervorgebildete Theile nachweisen ließen, so
war damit eine der schwierigsten naturphilosophischen Aufgaben
gelöst. Auch hier wieder war es der Gedanke des einheitlichen
Typus, der Gedanke des einzigen Themas, das nur in den verschiedenen
Arten und in den Theilen der einzelnen Arten unendlich variirt wird,
den wir als einen außerordentlich großen Fortschritt
begrüßen müssen.
Es waren aber nicht bloß solche weitgreifende Gesetze, um deren
Erkenntniß sich Goethe bemühte, sondern es waren
auch zahlreiche einzelne, namentlich vergleichend-anatomische
Untersuchungen, die ihn lange Zeit hindurch auf lebhafteste
beschäftigten. Unter diesen ist vielleicht keine interessanter, als
die Entdeckung des Zwischenkiefers beim Menschen. Da diese in
mehrfacher Beziehung von Interesse für die Entwickelungstheorie
ist, so erlaube ich mir, Ihnen dieselbe kurz hier darzulegen. Es existiren
bei sämmtlichen Säugethieren in der oberen Kinnlade zwei
Knochenstückchen, welche in der Mittellinie des Gesichts,
unterhalb der Nase, sich berühren, und in der Mitte zwischen den
beiden Hälften des eigentlichen Oberkieferknochens gelegen sind.
Dieses Knochenpaar, welches die vier oberen Schneidezähne
trägt, ist bei den meisten Säugethieren ohne Weiteres sehr
leicht zu erkennen; beim Menschen dagegen war es zu jener Zeit nicht
bekannt, und berühmte vergleichende Anatomen legten sogar auf
diesen Mangel des Zwischenkiefers einen sehr großen Werth,
indem sie denselben als Hauptunterschied zwischen Menschen und
Affen ansahen; es wurde der Mangel des Zwischenkiefers seltsamer
Weise als der menschlichste aller menschlichen Charaktere
hervorgehoben. Nun wollte es Goethe durchaus nicht in den Kopf,
daß der Mensch, der in allen übrigen körperlichen
Beziehungen offenbar nur ein höher entwickeltes Säugethier
sei, diesen Zwischenkiefer entbehren solle. Er behauptete a priori
als eine Deduction aus dem allgemeinen Inductionsgesetz des
Zwischenkiefers bei den Säugethieren, daß derselbe auch
beim Menschen vorkommen müsse; und er hatte keine Ruhe, bis
er bei Vergleichung einer großen Anzahl von Schädeln
wirklich den Zwischenkiefer auffand. Bei einzelnen Individuen ist
derselbe die ganze Lebenszeit hindurch erhalten, während er
gewöhnlich frühzeitig mit dem benachbarten Orberkiefer
verwächst, und nur bei sehr jugendlichen Menschenschädeln
als selbstständiger Knochen nachzuweisen ist. Bei den
menschlichen Embryonen kann man ihn jetzt jeden Augenblick
vorzeigen. Es ist der Zwischenkiefer also beim Menschen in der That
vorhanden, und es gebührt Goethe der große Ruhm,
diese in vielfacher Beziehung wichtige Thatsache zuerst festgestellt zu
haben, und zwar gegen den Widerspruch der wichtigsten
Fachautoritäten, z. B. des berühmten Anatomen Peter
Camper. Besonders interessant ist dabei der Weg, auf dem er zu
dieser Feststellung gelangte; es ist der Weg, auf dem wir beständig
in den organischen Naturwissenschaften fortschreiten, der Weg der
Induction und Deduction. Die Induction ist ein Schluß aus
zahlreichen einzelnen beobachteten Fällen auf ein allgemeines
Gesetz; die Deduction dagegen ist ein Rückschluß aus
diesem allgemeinen Gesetz auf einen einzelnen, noch nicht wirklich
beobachteten Fall. Aus den damals gesammelten empirischen
Kenntnissen ging der Inductionsschluß hervor, daß
sämmtliche Säugethiere den Zwischenkiefer besitzen.
Goethe zog daraus den Deductionsschluß, daß der
Mensch, der in allen übrigen Beziehungen seiner Organisation
nicht wesentlich von den Säugethieren verschieden sei, auch
diesen Zwischenkiefer besitzen müsse; und er fand sich in der That
bei eingehender Untersuchung. Es wurde der Deductionsschluß
durch die nachfolgende Erfahrung bestätigt oder verificirt.
Schon diese weinigen Züge mögen Ihnen den hohen
Werth vor Augen führen, den wir Göthe's
biologischen Forschungen zuschreiben müssen. Leider sind die
meisten seiner darauf bezüglichen Beobachtungen und
Bemerkungen so zerstreut, daß es schwer ist, sie herauszufinden.
Auch ist bisweilen eine vortreffliche, wahrhaft wissenschaftliche
Bemerkung so eng mit einem Haufen unbrauchbarer
naturphilosophischer Phantasiegebilde verknüpft, daß
letztere der ersteren großen Eintrag thun.
Für das außerordentliche Interesse, welches Goethe
für die organische Naturforschung hegte, ist vielleicht Nichts
bezeichnender, als die lebendige Theilnahme, mit welcher er noch in
seinen letzten Lebensjahren den in Frankreich ausgebrochenen Streit
zwischen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire verfolgte.
Goethe hat eine interessante Darstellung dieses
merkwürdigen Streites und seiner allgemeinen Bedeutung, sowie
eine treffliche Charakteristik der beiden großen Gegner in einer
besonderen Abhandlung gegeben, welche er erst wenige Tage vor
seinem Tode, im März 1832, vollendete. Diese Abhandlung
führt den Titel: "Principes de Philosophie zoologique par Mr.
Geoffroy de Saint-Hilaire"; sie ist Goethe's letztes Werk, und
bildet in der Gesamtausgabe seiner Werke deren Schluß. Der Streit
selbst war in mehrfacher Beziehung von höchstem Interesse. Er
drehte sich wesentlich um die Berechtigung der Entwickelungstheorie.
Dabei wurde er im Schooße der französischen Akademie von
beiden Gegnern mit einer persönlichen Leidenschaftlichkeit
geführt, welche in den würdevollen Sitzungen jener
gelehrten Körperschaft fast unerhört war, und welche
bewies, daß beide Naturforscher für ihre heiligsten und
tiefsten Ueberzeugungen kämpften. Am 22sten Februar 1830 fand
der erste Konflikt statt, welchem bald mehrere andere folgten, der
heftigste am 19. Juli 1830. Geoffroy als das Haupt der
französischen Naturphilosophen vertrat die natürliche
Entwickelungstheorie und die einheitliche (monistische)
Naturauffassung. Er behauptete die Veränderlichkeit der
organischen Species, die gemeinschaftliche Abstammung der einzelnen
Arten von gemeinsamen Stammformen, und die Einheit der
Organisation, oder die Einheit des Bauplanes, wie man sich damals
ausdrückte. Cuvier war der entschiedenste Gegner dieser
Anschauungen, wie es ja nach dem, was Sie gehört haben, nicht
andes sein konnte. Er versuchte zu zeigen, daß die
Naturphilosophen kein Recht hätten, auf Grund des damals
vorliegenden empirischen Materials so weitreichende Schlüsse zu
ziehen, und daß die behauptete Einheit der Organisation oder des
Bauplanes der Organismen nicht existire. Er vertrat die teleologische
(dualistische) Naturauffassung und behauptete, daß "die
Unveränderlichkeit der Species eine nothwendige Bedingung
für die Existenz der wissenschaftlichen Naturgeschichte sei."
Cuvier hatte den großen Vortheil vor seinem Gegner voraus,
für seine Behauptungen lauter unmittelbar vor Augen liegende
Beweisgründe vorbringen zu können, welche allerdings nur
aus dem Zusammenhang gerissene einzelne Thatsachen waren.
Goeffroy dagegen war nicht imstande, den von ihm verfochtenen
höheren allgemeinen Zusammenhang der einzelnen Erscheinungen
mit so greifbaren Einzelheiten belegen zu können. Daher behielt
Cuvier in den Augen der Mehrheit den Sieg, und entschied
für die folgenden drei Jahrzehnte die Niederlage der
Naturphilosophie und die Herrschaft der streng impirischen Richtung.
Goethe dagegen nahm natürlich entschieden für
Goeffroy Partei. Wie lebhaft ihn noch in seinem 81sten Jahre
dieser große Kampf beschäftigte, mag folgende, von
Soret erzählte Anekdote bezeugen:
"Montag, 2. August 1830. Die Nachrichten von der begonnenen
Julirevolution gelangten heute nach Weimar und setzten alles in
Aufregung. Ich ging im Laufe des Nachmittags zu Goethe. "Nun?
rief er mir entgegen, was denken Sie von dieser großen
Begebenheit? Der Vulkan ist zum Ausbruch gekommen; alles steht in
Flammen, und es ist nicht ferner eine Verhandlung bei geschlossenen
Thüren!" Eine furchtbare Geschichte! erwiderte ich. Aber was
ließ sich bei den bekannten Zuständen und bei einem solchen
Ministerium anderes erwarten, als daß man mit der Vertreibung
der bisherigen Familie endigen würde. "Wir scheinen uns nicht zu
verstehen, mein Allerbester, erwiderte Goethe. Ich rede gar nicht
von jenen Leuten; es handelt sich bei mir um ganz andere Dinge. Ich
rede von dem in der Akademie zum öffentlichen Ausbruch
gekommenen, für die Wissenschaft so höchst bedeutenden
Streite zwischen Cuvier und Geoffroy de S. Hilaire." Diese
Aeußerung Goethe's war mir so unerwartet, daß ich
nicht wußte, was ich sagen sollte, und daß ich während
einiger Minuten einen völligen Stillstand in meinen Gedanken
verspürte. "Die Sache ist von der höchsten Bedeutung, fuhr
Goethe fort, und Sie können sich keinen Begriff davon
machen, was ich bei der Nachricht von der Sitzung des 19. Juli empfinde.
Wir haben jetzt an Geoffroy de Saint Hilaire einen
mächtigen Aliirten auf die Dauer. Ich sehe aber zugleich daraus,
wie groß die Theilnahme der französischen
wissenschaftlichen Welt in dieser Angelegenheit sein muß, indem
trotz der furchtbaren politischen Aufregung, die Sitzung des 19. Juli
dennoch bei einem gefüllten Hause stattfand. Das Beste aber ist,
daß die von Goeffroy jetzt in Frankreich eingeführte
synthetische Behandlungsweise der Natur jetzt nicht mehr
rückgängig zu machen ist. Die Angelegenheit ist durch die
freien Diskussionen in der Akademie, und zwar in Gegenwart eines
großen Publikums, jetzt öffentlich geworden, sie
läßt sich nicht mehr an geheime Ausschüsse verweisen
und bei geschlossenen Thüren abthun und unterdrücken.".
Von den zahlreichen interessanten und bedeutenden Sätzen, in
welchen sich Goethe klar über seine Auffassung der
organischen Natur und ihrer beständigen Entwickelung ausspricht,
habe ich in meiner generellen Morphologie der Organismen
4) eine Auswahl als Leitworte an den Eingang der einzelnen
Bücher und Kapitel gesetzt. Hier führe ich Ihnen
zunächst eine Stelle aus dem Gedichte an, welches die Ueberschrift
trägt: "die Metamorphose der Thiere" (1819).
"Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen,
"Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild.
"Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Thieres,
"Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten
"Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung,
"Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende
Wesen."
Schon hier ist der Gegensatz zwischen zwei verschiedenen
organischen Bildungstrieben angedeutet, welche sich
gegenüber stehen, und durch ihre Wechselwirkung die
Form des Organismus bestimmen; einerseits ein gemeinsames inneres,
fest sich erhaltendes Urbild, welches den verschiedensten Gestalten zu
Grunde liegt; andrerseits den äußerlich wirkenden
Einfluß der Umgebung und der Lebensweise, welcher umbildend
auf das Urbild einwirkt. Noch bestimmter tritt dieser Gegensatz in
folgendem Ausspruch hervor:
"Eine innere ursprüngliche Gemeinschaft liegt aller Organisation
zu Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten dagegen entspringt aus
den nothwendigen Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt,
und man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige
Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitende Umbildung mit
Recht annehmen, um die eben so konstanten als abweichenden
Erscheinungen begreifen zu können."
Das "Urbild" oder der "Typus", welcher als "innere
ursprüngliche Gemeinschaft" allen organischen Formen zu Grunde
liegt, ist der innere Bildungstrieb, welcher die
ursprüngliche Bildungsrichtung erhält und durch
Vererbung fortpflanzt. Die "unaufhaltsam fortschreitende
Umbildung" dagegen, welche "aus den nothwendigen
Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt entspringt", bewirkt
als äußerer Bildungstrieb, durch Anpassung an
die umgebenden Lebensbedingungen, die unendliche "Verschiedenheit
der Gestalten". (Gen. Morph. I. 154; II., 224). Den inneren Bildungstrieb
der Vererbung, welcher die Einheit des Urbildes erhält,
nennt Goethe an einer anderen Stelle die Centripetalkraft des
Organismus, seinen Specificiationstrieb; im Gegensatz dazu nennt er
den äußeren Bildungstrieb der Anpassung, welcher die
Mannichfaltigkeit der organischen Gestalten hervorbringt, die
Centrifugalkraft des Organismus, seinen Variationstrieb. Die
betreffende Stelle, in welcher Goethe ganz klar das
"Gegengewicht" dieser beiden äußerst wichtigen organischen
Bildungstriebe bezeichnet, lautet folgendermaßen: "Die Idee der
ist gleich der Vis centrifuga und
würde sich ins Unendliche verlieren, wäre ihr nicht ein
Gegengewicht zugegeben: ich meine den Specificationstrieb, das
zähe Beharrlichkeitsvermögen dessen,was einmal zur
Wirklichkeit gekommen, eine Vis centripeta, welcher in ihrem
tiefsten Grunde keine Aeußerlichkeit etwas anhaben kann".
Unter Metamorphose versteht Goethe nicht allein, wie
es heutzutage gewöhnlich verstanden wird, die
Formveränderungen, welche das organische Individuum
während seiner individuellen Entwickelung erleidet, sondern in
weiterem Sinne überhaupt die Umbildung der organischen
Formen. Die "Idee der Metamophose" ist beinahe gleichbedeutend
mit unserer "Entwickelungstheorie". dies zeigt sich unter Anderm auch
in folgendem Ausspruch: "Der Triumpf der physiologischen
Metamorphose zeigt sich da, wo das Ganze sich in Familien, Familien sich
in Geschlechter, Geschlechter in Sippen, und diese wieder in andere
Mannichfaltigkeiten bis zur Individualität scheiden, sondern und
umbilden. Ganz ins Unendliche geht dieses Geschäft der Natur; sie
kann nicht ruhen, noch beharren, aber auch nicht Alles, was sie
hervorbrachte, bewahren und erhalten. Aus den Samen entwickeln sich
immer abweichende, die Verhältnisse ihrer Theile zu einander
verändert bestimmende Pflanzen".
In den beiden organischen Bildungstrieben, in dem konservativen,
centripetalen, innerlichen Bildungstriebe der Vererbung oder der
Specification einerseits, in dem progressiven, centrifugalen,
äußerlichen Bildungstriebe der Anpassung oder
Metamorphose andrerseits, hatte Goethe bereits die beiden
großen mechanischen Naturkräfte entdeckt, welche die
wirkenden Ursachen der organischen Gestalten sind. Diese tiefe
biologische Erkenntniß mußte ihn naturgemäß zu
dem Grundgedanken der Abstammungslehre führen, zu der
Vorstellung, daß die formverwandten organischen Arten wirklich
blutsverwandt sind, und daß dieselben von gemeinsamen
ursprünglichen Stammformen abstammen. Für die wichigste
von allen Thiergruppen, die Hauptabteilung der Wirbelthiere,
drückt dies Goethe in folgendem merkwürdigen Satze
aus (1796!): "Dies also hätten wir gewonnen ungescheut behaupten
zu dürfen, daß alle vollkommneren organischen Naturen,
worunter wir Fische, Amphibien, Vögel, Säugethiere und an
der Spitze der letzten den Menschen sehen, alle nach einem Urbilde
geformt seien, daß nur in seinen sehr beständigen Theilen
mehr oder weniger hin- und herweicht, und sich noch täglich
durch Fortpflanzung aus- und umbildet".
Dieser Satz ist in mehrfacher Beziehung von Interesse. Die Theorie,
daß "alle vollkommneren organischen Naturen", d. h. alle
Wirbelthiere, von einem gemeinsamen Urbilde abstammen, daß sie
aus diesem durch Fortpflanzung (Vererbung) und Umbildung
(Anpassung) entstanden sind, ist darin deutlich zu erkennen. Besonders
interessant aber ist es dabei, daß Goethe auch hier für
den Menschen keine Ausnahme gestattet, ihn vielmehr
ausdrücklich in den Stamm der übrigen Wirbelthiere
hineinzieht. Die wichtigste specielle Folgerung der Abstammungslehre,
daß der Mensch von anderen Wirbelthieren abstammt,
läßt sich hier im Keime erkennen. 3).
Als der bedeutendste der deutschen Naturphilosophen gilt
gewöhnlich nicht Wolfgang Goethe sondern Lorenz
Oken, welcher bei Begründung der Wirbeltheorie des
Schädels als Nebenbuhler Goethe's auftrat und diesem nicht
gerade freundlich gesinnt war. Bei der sehr verschiedenen Natur der
beiden großen Männer, welche eine Zeit lang in
nachbarschaftlicher Nähe lebten, konnten sie sich doch gegenseitig
nicht wohl anziehen. Oken's Lehrbuch der Naturphilosophie,
welches als das bedeutendste Erzeugniß der damaligen
naturphilosophischen Schule in Deutschland bezeichnet werden kann,
erschien 1809, in demselben Jahre, in welchem auch Lamarck's
fundamentales Werk, die "Philosophie zoologique" erschien. Schon
1802 hatte Oken einen "Grundriß der Naturphilosophie"
veröffentlicht. Wie schon früher angedeutet wurde, finden
wir bei Oken, versteckt unter einer Fülle von irrigen, zum
Theil sehr abenteuerlichen und phantastischen Vorstellungen, eine
Anzahl von werthvollen und tiefen Gedanken. Einige von diesen Ideen
haben erst in neuerer Zeit, viele Jahre nachdem sie von ihm
ausgesprochen wurden, allmählich wissenschaftliche Geltung
erlangt. Ich will Ihnen hier von diesen, fast prophetisch
ausgesprochenen Gedanken nur zwei anführen, welche zugleich zu
der Entwickelungstheorie in der innigsten Beziehung stehen.
Eine der wichtigsten Theorien Oken's, welche früherhin
sehr verschrieen, und namentlich von den sogenannten exakten
Empirikern auf das stärkste bekämpft wurde, ist die Idee,
daß die Lebenserscheinungen aller Organismen von einem
gemeinschaftlichen chemischen Substrate ausgehen,
gewissermaßen einem allgemeinen, einfachen "Lebensstoff",
welchen er mit dem Namen "Urschleim" belegte. Er dachte sich
darunter, wie der Name sagt, eine schleimartige Substanz, eine
Eiweißverbindung, die in festflüssigem Aggregatzustande
befindlich ist, und das Vermögen besitzt, durch Anpassung an
verschiedene Existenzbedingungen der Außenwelt, und in
Wechselwirkung mit deren Materie, die verschiedensten Formen
hervorzubringen. Nun brauchen Sie bloß das Wort Urschleim in das
Wort Protoplasma oder Zellstoff umzusetzen, um zu einer
der größten Errungenschaften zu gelangen, welche wir den
mikroskopischen Forschungen der letzten sieben Jahre, insbesondere
denjenigen von Max Schultze, verdanken. Durch diese
Untersuchungen hat sich herausgestellt, daß in allen lebendigen
Naturkörpern ohne Ausnahme eine gewisse Menge einer
schleimigen, eiweißartigen Materie in festflüssigem
Dichtigkeitszustande sich vorfindet, und daß diese stickstoffhaltige
Kohlenstoffverbindung ausschließlich der ursprüngliche
Träger und Bewirker aller Lebenserscheinungen und aller
organischen Formbildung ist. Alle anderen Stoffe, welche außerdem
noch im Organismus vorkommen, werden erst von diesem activen
Lebenstoff gebildet, oder von außen aufgenommen. Das organische
Ei, die ursprüngliche Zelle, aus welcher fast jedes Thier und jede
Pflanze zuerst entsteht, besteht wesentlich nur aus einem runden
Klümpchen solcher eiweißartigen Materie. Auch der Eidotter
ist nur Eiweiß, mit Fettkörnchen gemengt. Oken hatte
also wirklich Recht, indem er mehr ahnend, als wissend den Satz
aussprach: "Alles Organische ist aus Schleim hervorgegangen, ist Nichts
als verschieden gestalteter Schleim. Dieser Urschleim ist im Meere im
Verfolge der Planeten-Entwickelung aus anorganischer Materie
entstanden."
Mit der Urschleimtheorie Oken's, welche wesentlich mit der
neuerlichst erst fest begründeten, äußerst wichtigen
Protoplasmatheorie zusammenfällt, steht eine andere, eben
so großartige Idee desselben Naturphilosophen in engem
Zusammenhang. Oken behauptete nämlich schon 1809,
daß der durch Urzeugung im Meere entstehende Urschleim alsbald
die Form von mikroskopisch kleinen Bläschen annehme, welche
der Mile oder Infusorien nannte "Die organische Welt hat zu
ihrer Basis eine Unendlichkeit von solchen Bläschen." Die
Bläschen entstehen aus den urspründlichen
festflüssigen Urschleimkugeln dadurch, daß die Peripherie
derselben sich verdichtet. Die einfachsten Organismen sind einfache
solche Bläschen oder Infusorien. Jeder höhere Organismus,
jedes Thier und jede Pflanze vollkommnerer Art ist weiter Nichts als
"eine Zusammenhäufung (Synthesis) von solchen infusorialen
Bläschen, die durch verschiedene Combinationen sich verschieden
gestalten und so zu höheren Organismen aufwachsen". Sie
brauchen nun wiederum das Wort Bläschen oder Infusorium nur
durch das Wort Zelle zu ersetzen, um zu einer der
größten biologischen Theorien unseres Jahrhunderts, zur
Zellentheorie zu gelangen. Schleiden und Schwann
haben zuerst vor dreißig Jahren den empirischen Beweis geliefert,
daß alle Organismen entweder einfache Zellen oder
Zusammenhäufungen (Synthesen) von solchen Zellen sind; und die
neuere Protoplasmatheorie hat nachgewiesen, daß der
wesentlichste (und bisweilen der einzige!) Bestandtheil der echten Zelle
das Protoplasma (der Urschleim) ist. Die Eigenschaften, die Oken
seinen Infusorien zuschreibt, sind eben die Eigenschaften der Zellen, die
Eigenschaften der elementaren Individuen, durch deren
Zusammenhäufung, Verbindung und mannichfaltige Ausbildung
der Bau und die Lebenserscheinungen der höheren Organismen
allein zu Stande kommen.
Diese beiden, außerordentlich fruchtbaren Gedanken
Oken's wurden wegen der absurden Form, in der er sie aussprach,
nur wenig berücksichtigt, oder gänzlich verkannt; und es
war einer viel späteren Zeit vorbehalten, dieselben durch die
Erfahrung zu begründen. Im engsten Zusammenhang mit diesen
Vorstellungen stand natürlich auch die Annahme einer
Abstammung der einzelnen Thier- und Pflanzenarten von gemeinsamen
Stammformen und einer allmählichen, stufenweisen Entwickelung
der höheren Organismen aus den niederen. Diese wurde von
Oken ausdrücklich behauptet, obwohl er diese Behauptung
nicht näher begründete und auch nicht im Einzelnen
ausführte. Auch vom Menschen behauptete Oken seine
Entwickelung aus niederen Organismen: "Der Mensch ist entwickelt,
nicht erschaffen". Eine Schöpfung der Organismen, als einen
übernatürlichen Eingriff des Schöpfers in den
natürlichen Entwickelungsgang der Materie, mußte er als
denkender Philosoph selbstverständlich leugnen. So viele
willkürliche Verkehrtheiten und auschweifende
Phantasiesprünge sich auch in Oken's Naturphilosophie
finden mögen, so können sie uns doch nicht hindern, diesen
großen und ihrer Zeit weit vorauseilenden Ideen unsere gerechte
Bewunderung zu zollen. So viel geht aus den angeführten
Behauptungen Goethe's und Oken's, und aus den
demnächst zu erörternden Ansichten Lamarck's und
Geoffroy's mit Sicherheit hervor, daß in den ersten
Decennien unseres Jahrhunderts Niemand der natürlichen, durch
Darwin neu begründeten Entwickelungstheorie so nahe
kam, als die vielverschrieene Naturphilosophie.
Fünfter Vortrag.
Entwickelungstheorie von Kant und Lamarck.
(Zusammenfassung siehe Einleitung ... )
Meine Herren! Die teleologische Naturbetrachtung, welche die
Erscheinungen in der organischen Welt durch die
zweckmäßige Thätigkeit eines persönlichen
Schöpfers oder einer zweckthätigen Endursache
erklärt, führt nothwendig in ihren letzten Konsequenzen
entweder zu ganz unhaltbaren Widersprüchen, oder zu einer
zwiespältigen (dualistischen) Naturauffassung, welche zu der
überall wahrnehmbaren Einheit und Einfachheit der obersten
Naturgesetze im entschiedensten Widerspruch steht. Die Philosophen,
welche jener Teleologie huldigen, müssen nothwendiger Weise
zwei grundverschiedene Naturen annehmen: eine anorganische
Natur, welche durch mechanisch wirkende Ursachen (causae
efficientes), und eine organische Natur, welche durch
zweckmäßig thätige Ursachen (causae
finales) erklärt werden muß. (Vergl. S. 28.)
Dieser Dualismus tritt uns auffallend entgegen, wenn wir die
Naturanschauung des größten deutschen Philosophen,
Kant's, betrachten, und die Vorstellungen ins Auge fassen, welche
er sich von der Entstehung der Organismen bildete. Eine nähere
Betrachtung dieser Vorstellungen ist hier schon deshalb geboten, weil
wir in Kant einen der wenigen Philosophen verehren, welche eine
gediegene naturwissenschaftliche Bildung mit einer
außerordentlichen Klarheit und Tiefe der Speculation verbinden.
Der Königsberger Philosoph erwarb sich nicht bloß durch
Begründung der kritischen Philosophie den höchsten Ruhm
unter den speculativen Philosophen, sondern durch seine
Naturgeschichte des Himmels einen glänzenden Namen unter den
Naturforschern. Gleichzeitig mit dem französischen Mathematiker
Laplace, und unabhängig von demselben, begründete
er eine mechanische Theorie von der Entstehung des
Weltgebäudes, auf welche wir später zurückkommen
werden. Kant war also Naturphilosoph im besten und
reinsten Sinne des Wortes.
Wenn Sie Kant's Kritik der teleologischen Urtheilskraft, sein
bedeutendstes biologisches Werk, lesen, so gewahren Sie, daß er
sich bei Betrachtung der organischen Natur wesentlich immr auf dem
teleologischen oder dualistischen Standpunkt erhält,
während er für die anorganische Natur unbedingt und ohne
Rückhalt die mechanische oder monistische
Erklärungsmethode annimmt. Er behauptet, daß sich im
Gebiete der anorganischen Natur sämmtliche Erscheinungen aus
mechanischen Ursachen, aus den bewegenden Kräften der Materie
selbst erklären lassen, im Gebiete der organischen Natur dagegen
nicht. In der gesammten Anorganologie (in der Geologie und
Mineralogie, in der Meteorologie und Astronomie, in der Physik und
Chemie der anorganischen Naturkörper) sollen alle Erscheinungen
blos durch Mechanismus (causa efficiens), ohne
Dazwischenkunft eines Endzweckes erklärbar sein. In der
gesammten Biologie daggen, in der Botanik, Zoologie und Anthropologie,
soll der Mechanismus nicht ausreichend sein, uns alle Erscheinungen zu
erklären; vielmehr könnten wir dieselben nur durch
Annahme einer zweckmäßig wirkenden Endursache
(causa finalis) begreifen. An mehreren Stellen hebt Kant
ausdrücklich hervor, daß man, von einem streng
naturwissenschaftlich-philosophischen Standpunkt aus, für
alle Erscheinungen ohne Ausnahme eine mechanische
Erklärungsweise fordern müsse, und daß der
Mechanismus allein eine wirkliche Erklärung
einschließe. Zugleich meint er aber, daß gegenüber den
belebten Naturkörpern, den Thieren und Pflanzen, unser
menschliches Erkenntnißvermögen beschränkt sei, und
nicht ausreiche, um hinter die eigentliche wirksame Ursache der
organischen Vorgänge, insbesondere der Entstehung der
organischen Formen zu gelangen. Die Befugniß der
menschlichen Vernunft zur mechanischen Erklärung aller
Erscheinungen sei unbeschränkt, aber ihr Vermögen
dazu begrenzt, indem man die organische Natur nur teleologisch
betrachten könne.
Nun sind aber einige Stellen sehr merkwürdig, in denen
Kant auffallend von dieser Anschauung abweicht, und mehr oder
minder bestimmt den Grundgedanken der Abstammungslehre
ausspricht. Er behauptet da sogar die Nothwendigkeit einer
genealogischen Auffassung des organischen Systems, wenn man
überhaupt zu einem wissenschaftlichen Verständniß
desselben gelangen wolle. Die wichtigste und merkwürdigste von
diesen Stellen findet sich in der "Methodenlehre der teleologischen
Urtheilskraft" (¤. 79), welche 1790 in der "Kritik der Urtheilskraft"
erschien. Bei dem außerordentlichen Interesse, welches diese Stelle
sowohl für die Beurtheilung der Kantischen Philosophie, als
für die Geschichte der Descendenztheorie besitzt, erlaube ich mir,
Ihnen dieselbe hier wörtlich mitzutheilen.
"Es ist rühmlich, mittelst einer comparativen Anatomie die
große Schöpfung organisirter Naturen durchzugehen, um zu
sehen: ob sich daran nicht etwas einem System Aehnliches, und zwar
dem Erzeugungsprinzip nach, vorfinde, ohne daß wir
nöthig haben, beim bloßen Beurtheilungsprincip, welches
für die Einsicht ihrer Erzeugung keinen Aufschluß giebt,
stehen zu bleiben, und muthlos allen Anspruch auf Natureinsicht
in diesem Felde aufzugeben. Die Uebereinkunft so vieler Thiergattungen
in einem gewissen gemeinsamen Schema, das nicht allein in ihrem
Knochenbau, sondern auch in der Anordnung der übrigen Theile
zum Grunde zu liegen scheint, wo bewunderungswürdige Einfalt
des Grundrisses durch Verkürzung einer und Verlängerung
anderer, durch Einwickelung dieser und Auswickelung jener Theile, eine
so große Mannichfaltigkeit von Species hat hervorbringen
können, läßt einen obgleich schwachen Strahl von
Hoffnung ins Gemüth fallen, daß hier wohl Etwas mit dem
Princip des Mechanismus der Natur, ohne das es ohnedies keine
Naturwissenschaft geben kann, auszurichten sein möchte. Diese
Analogie der Formen, so fern sie bei Verschiedenheit einem
gemeinschaftlichen Urbilde gemäß erzeugt zu sein scheinen,
verstärkt die Vermuthung einer wirklichen Verwandtschaft
derselben in der Erzeugung von einer gemeinschaflichen Urmutter durch
die stufenartige Annäherung einer Thiergattung zur anderen, von
derjenigen an, in welcher das Princip der Zwecke am meisten
bewährt zu sein scheint, nämlich dem
Menschen, bis zum Polyp, von diesem sogar bis zu Moosen
und Flechten, und endlich zu der niedrigsten uns merklichen Stufe der
Natur, zur rohen Materie: aus welcher und ihren Kräften
nach mechanischen Gesetzen (gleich denen, danach sie in
Krytallerzeugungen wirkt) die ganze Technik der Natur, die uns
in organisirten Wesen so unbegreiflich ist, daß wir uns dazu ein
anderes Princip zu denken genöthigt glauben, abzustammen
scheint. Hier steht es nun dem Archäologen der Natur frei,
aus den übrig gebliebenen Spuren ihrer ältesten
Revolutionen, nach allen ihm bekannten oder gemuthmaßten
Mechanismen derselben, jene große Familie von
Geschöpfen (denn so müßte man sie sich vorstellen,
wenn die genannte, durchgängig zusammenhängende
Verwandtschaft einen Grund haben soll) entspringen zu lassen".
Wenn Sie diese merkwürdige Stelle aus Kant's Kritik der
teleologischen Urtheilskraft herausnehmen und einzeln für sich
betrachten, so müssen Sie darüber erstaunen, wie tief und
klar der große Denker schon damals (1790!) die innere
Nothwendigkeit der Abstammungslehre erkannte, und sie als den einzig
möglichen Weg zur Erklärung der organischen Natur durch
mechanische Gesetze, d. h. zu einer wahrhaft wissenschaftlichen
Erkenntniß bezeichnete. Auf Grund dieser einen Stelle könnte
man Kant geradezu neben Goethe und Lamarck als
einen der ersten Begründer der Abstammunglehre bezeichnen,
und dieser Umstand dürfte bei dem hohen Ansehen, in welchem
Kant's kritische Philosophie mit vollem Rechte steht, vielleicht
geeignet sein, manchen Philosophen zu Gunsten derselben
umzustimmen. Sobald Sie indessen diese Stelle im Zusammenhang mit
dem übrigen Gedankengang der "Kritik der Urtheilskraft"
betrachten, und anderen geradezu widersprechenden Stellen
gegenüber halten, zeigt sich Ihnen deutlich, daß Kant
in diesen und einigen ähnlichen (aber schwächeren)
Sätzen über sich selbst hinausging und seinen in der Biologie
gewöhnlich eingenommenen teleologischen Standpunkt
verließ.
Selbst unmittelbar auf jenen wörtlichen angeführten,
bewunderungswürdigen Satz folgt ein Zusatz, welcher demselben
die Spitze abbricht. Nachdem Kant so eben ganz richtig die
"Entstehung der organischen Formen aus der rohen Materie nach
mechanischen Gesetzen (gleich denen der Krystallerzeugung)", sowie
eine stufenweise Entwickelung der verschiedenen Species durch
Abstammung von einer gemeinschaftlichen Urmutter behauptet hatte,
fügte er hinzu: "Allein er (der Archäolog der Natur, d. h. der
Paläontolog) muß gleichwohl zu dem Ende dieser allgemeinen
Mutter eine auf alle diese Geschöpfe zweckmäßig
gestellte Organisation beilegen, widrigenfalls die Zweckform der
Producte des Thier- und Pflanzenreichs ihrer Möglichkeit nach gar
nicht zu denken ist". Offenbar hebt dieser Zusatz den wichtigsten
Grundgedanken des vorhergehendes Satzes, daß durch die
Descendenzteheorie eine rein mechanische Erklärung der
organischen Natur möglich werde, vollständig wieder auf.
Und daß diese teleologische Betrachtung der organischen Natur bei
Kant die herrschende war, zeigt schon die Ueberschrift des
merkwürdigen ¤. 79, welcher jene beiden widersprechenden
Sätze enthält: "Von der nothwendigen Unterordnung des
Princips des Mechanismus unter das teleologische in Erklärung
eines Dinges als Naturzweck".
Am schärfsten spricht sich Kant gegen die mechanische
Erklärung der organischen Natur in folgender Stelle aus (¤. 74): "Es
ist ganz gewiß, daß wir die organisierten Wesen und deren
innere Möglichkeit nach bloß mechanischen Principien der
Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger uns
erklären können, und zwar so gewiß, daß man
dreist sagen kann: Es ist für Menschen ungereimt, auch nur einen
solchen Anschlag zu fassen, oder zu hoffen, daß noch etwa dereinst
ein Newton aufstehen könne, der auch nur die Erzeugung
eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat,
begreiflich machen werde, sondern man muß diese Einsicht dem
Menschen schlechterdings absprechen". Nun ist aber dieser
unmögliche Newton siebenzig Jahre später in
Darwin wirklich erschienen, und seine Selectionstheorie hat die
Aufgabe thatsächlich gelöst, deren Lösung Kant
für absolut undenkbar erklärt hatte!
Im Anschluß an Kant und an die deutschen
Naturphilosophen, mit deren Entwickelungstheorien wir uns im
vorhergehenden Vortrage beschäftigt haben, erscheint es
gerechtfertigt, jetzt noch kurz einiger anderer deutscher Naturforscher
und Philosophen zu gedenken, welche im Laufe unseres Jahrhunderts
mehr oder minder bestimmt gegen die herrschenden teleologischen
Schöpfungsvorstellungen sich auflehnten, und den mechanischen
Grundgedanken der Abstammungslehre geltend machten. Bald waren es
mehr allgemeine philosophische Betrachtungen, bald mehr besondere
empirische Wahrnehmungen, welche diese denkenden Männer auf
die Vorstellung brachten, daß die einzelnen organischen Species
von gemeinsamen Stammformen abstammen müßten. Unter
ihnen will ich zunächst den großen deutschen Geologen
Leopold Buch hervorheben. Wichtige Beobachtungen
über die geographische Verbreitung der Pflanzen führten
ihn in seiner trefflichen "physikalischen Beschreibung der canarischen
Inseln" zu folgendem merkwürdigen Ausspruch:
"Die Individuen der Gattungen auf Continenten breiten sich aus,
entfernen sich weit, bilden durch Verschiedenheit der Standörter,
Nahrung und Boden Varietäten, welche, in ihrer Entfernung nie
von anderen Varietäten gekreuzt und dadurch zum Haupttypus
zurückgebracht, endlich constant und zur eigenen Art werden.
Dann erreichen sie vielleicht auf anderen Wegen auf das Neue die
ebenfalls veränderte vorige Varietät, beide nun als sehr
verschiedene und sich nicht wieder mit einander vermischende Arten.
Nicht so auf Inseln. Gewöhnlich in enge Thäler, oder in den
Bezirk schmaler Zonen gebannt, können sich die Individuen
erreichen und jede gesuchte Fixierung einer Varietät wieder
zerstören. Es ist dies ungefähr so, wie Sonderbarkeiten oder
Fehler der Sprache zuerst durch das Haupt der Familie, dann durch
Verbreitung dieser selbst, über einen ganzen District einheimisch
werden. Ist dieser abgesondert und isolirt, und bringt nicht die stete
Verbindung mit andern die Sprache auf ihre vorige Reinheit
zurück, so wird aus dieser Abweichung ein Dialekt. Verbinden
natürliche Hindernisse, Wälder, Verfassung, Regierung die
Bewohner des abweichenden Distrikts noch enger, und trennen sie sie
noch schärfer von den Nachbarn, so fixirt sich der Dialekt, und es
wird eine völlig verschiedene Sprache". (Uebersicht der Flora auf
den Canarien, S. 133).
Sie sehen, das Buch hier auf den Grundgedanken der
Abstammungslehre durch die Erscheinungen der Pflanzengeographie
geführt wird, ein biologisches Gebiet, welches in der That eine
Masse von Beweisen zu Gunsten derselben liefert. Darwin hat
diese Beweise in zwei besonderen Kapiteln seines Werkes (dem elften
und zwölften) ausführlich erörtert. Buch's
Bemerkung ist aber auch deshalb von Interesse, weil sie uns auf die
äußerst lehrreiche Vergleichung der verschiedenen
Sprachzweige und der Organismenarten führt, eine Vergleichung,
welche sowohl für die vergleichende Sprachwissenschaft, als
für die vergleichende Thier- und Pflanzenkunde vom
größten Nutzen ist. Gleichwie z. B. die verschiedenen Dialecte,
Mundarten, Sprachäste und Sprachzweige der deutschen,
slavischen, griechisch-lateinischen und iranisch-indischen Grundsprache
von einer einzigen gemeinschaftlichen indogermanischen Ursprache
abstammen, und gleichwie sich deren Unterschiede durch die
Vererbung erklären, so stammen auch die verschiedenen
Arten, Gattungen, Familien, Ordnungen und Klassen der Wirbelthiere
von einer einzigen gemeinschaftlichen Wirbelthierform ab; auch hier ist
die Anpassung die Ursache der Verschiedenheiten, die Vererbung die
Ursache des gemeinsamen Grundcharakters. Einer unserer ersten
vergleichenden Sprachforscher, August Schleicher hat diesen
Parallelismus vortrefflich erörtert6).
Von anderen hervorragenden deutschen Naturforschern, die sich
mehr oder minder bestimmt für die Descendenztheorie
aussprachen, und die auf ganz verschiedenen Wegen zu derselben
hingeführt wurden, habe ich zunächst Carl Ernst
Bär zu nennen, den großen Reformator der thierischen
Entwickelungsgeschichte. In einem 1834 gehaltenen Vortrage, betitelt:
"Das allgemeinste Gesetz der Natur in aller Entwickelung" erläutert
derselbe vortrefflich, daß nur eine ganz kindische
Naturbetrachtung die organischen Arten als bleibende und
unveränderliche Typen ansehen könne, und daß im
Gegentheil dieselben nur vorübergehende Zeugungsreihen sein
können, die durch Umbildung aus gemeinsamen Stammformen
sich entwickelt haben. Dieselbe Ansicht begründete
Bär später (1859) durch die Gesetze der
geographischen Verbreitung der Organismen.
J. M. Schleiden, welcher vor 25 Jahren hier in Jena durch seine
streng empirisch-philosophische und wahrhaft wissenschaftliche
Methode eine neue Epoche für die Pflanzenkunde
begründete, erläuterte in seinen bahnbrechenden
Grundzügen der wissenschaftlichen Botanik7) die
philosophische Bedeutung des organischen Speciesbegriffes, und zeigte,
daß derselbe nur in dem allgemeinen Gesetze der
Specification seinen subjectiven Ursprung habe. Die verschiedenen
Pflanzenarten sind nur die specificirten Producte der
Pflanzenbildungstriebe, welche durch die verschiedenen Combinationen
der Grundkräfte der organischen Materie entstehen.
Der ausgezeichnete Wiener Botaniker F. Unger wurde durch
seine gründlichen und umfassenden Untersuchungen über
die ausgestorbenen Pflanzenarten zu einer paläontologischen
Entwickelungsgeschichte des Pflanzenreichs geführt, welche den
Grundgedanken der Abstammungslehre klar ausspricht. In seinem
"Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt" (1852) behauptet er die
Abstammung aller verschiedenen Pflanzenarten von einigen wenigen
Stammformen, und vielleicht von einer einzigen Urpflanze, einer
einfachen Pflanzenzelle. Er zeigt, daß diese Anschauungsweise von
dem genetischen Zusammenhang aller Pflanzenformen nicht nur
physiologisch nothwendig, sondern auch empirisch begründet
sei8).
Victor Carus in Leipzig that in der Einleitung zu seinem 1853
erschienenen trefflichen "System der thierischen Morphologie"
9), welches die allgemeinen Bildungsgesetze des
Thierkörpers durch die vergleichende Anatomie und
Entwickelungsgeschichte philosophisch zu begründen versucht,
folgenden Ausspruch: "Die in den ältesten geologischen Lagern
begrabenen Organismen sind als die Urahnen zu betrachten, aus denen
durch fortgesetzte Zeugung und Akkomodation an progressiv sehr
verschiedene Lebensverhältnisse der Formenreichthum der
jetzigen Schöpfung entstand".
In demselben Jahre (1853) erklärte sich der verdiente
Anthropologe Schaaffhausen in einem Aufsatze "über
Beständigkeit und Umwandlung der Arten" entschieden zu
Gunsten der Descendenztheorie. Die lebenden Pflanzen- und Thierarten
sind nach ihm die umgebildeten Nachkommen der ausgestorbenen
Species, aus denen sie durch allmähliche Umbildung entstanden
sind. Das Auseinanderweichen (die Divergenz oder Sonderung) der
nächstverwandten Arten geschieht durch Zerstörung der
verbindenden Zwischenstufen. Auch für den thierischen Ursprung
des Menschengeschlechts und seine allmähliche Entwickelung aus
affenähnlichen Thieren, die wichtigste Consequenz der
Abstammungslehre, sprach sich Schaafhausen (1857) schon mit
Bestimmtheit aus.
Endlich ist von deutschen Naturphilosophen noch Louis
Büchner hervorzuheben, welcher in seinem weitverbreiteten,
allgemein verständlichen Buche "Kraft und Stoff" 1855 ebenfalls
die Grundzüge des Descendenztheorie selbstständig
entwickelte, und zwar vorzüglich auf Grund der unwiderleglichen
empirischen Zeugnisse, welche uns die paläontologische und die
individuelle Entwickelung der Organismen, sowie ihre vergleichende
Anatomie, und der Parallelismus dieser Entwickelungsreihen liefert.
Büchner zeigte sehr einleuchtend, daß schon hieraus
eine Entstehung der verschiedenen organischen Species aus
gemeinsamen Stammformen nothwendig folge, und daß die
Entstehung dieser ursprünglichen Stammformen nur durch
Urzeugung denkbar sei10).
Von den deutschen Naturphilosophen wenden wir uns nun zu den
französischen, welche ebenfalls seit dem Beginne unseres
Jahrhunderts die Entwickelungslehre vertraten.
An der Spitze der französischen Naturphilosophie steht
Jean Lamarck, welcher in der Geschichte der Abstammungslehre
neben Darwin und Goethe den ersten Platz einnimmt. Ihm
wird der unsterbliche Ruhm bleiben, zum ersten Male die
Descendenztheorie als selbstständige wissenschaftliche Theorie
ersten Ranges durchgeführt und als die naturphilosophische
Grundlage der ganzen Biologie festgestellt zu haben. Obwohl
Lamarck bereits 1744 geboren wurde, begann er doch mit
Veröffentlichung seiner Theorie erst im Beginn unseres
Jahrhunderts, im Jahre 1801, und begründete dieselbe erst
ausführlicher 1809, in seiner klassischen "Philosophie
zoologique"2). Dieses bewunderungswürdige Werk
ist die erste zusammenhängende und streng bis zu allen
Consequenzen durchgeführte Darstellung der Abstammungslehre.
Durch die rein mechanische Betrachtungsweise der organischen Natur
und die streng philosophische Begründung von deren
Nothwendigkeit erhebt sich Lamarck's Werk weit über die
vorherrschend dualistischen Anschauungen seiner Zeit, und bis auf
Darwin's Werk, welches gerade ein halbes Jahrhundert
später erschien, finden wir kein zweites, welches wir der
Philosophie zoologique an die Seite setzen könnten. Wie weit
dieselbe ihrer Zeit vorauseilte, geht wohl am besten daraus hervor,
daß sie von den Meisten gar nicht verstanden und fünfzig
Jahre hindurch todtgeschwiegen wurde. Lamarck's
größter Gegner, Cuvier, erwähnt in seinem
Bericht über die Fortschritte der Naturwissenschaften, in welchem
die unbedeutendsten anatomischen Untersuchungen Aufnahme fanden,
dieses Werk mit keinem Worte. Auch Goethe, welcher sich so
lebhaft für die französische Naturphilosophie, für "die
Gedanken der verwandten Geister jenseits des Rheins", interessirte,
gedenkt Lamarck's nirgends, und scheint die Philosophie
zoologique gar nicht gekannt zu haben. Den hohen Ruf, welchen
Lamarck sich als Naturforscher erwarb, verdankt derselbe nicht
seinem höchst bedeutenden allgemeinen Werke, sondern
zahlreichen speciellen Arbeiten über niedere Thiere, insbesondere
Mollusken, sowie einer ausgezeichneten "Naturgeschichte der
wirbellosen Thiere", welche 1815-1822 in sieben Bänden erschien.
Der erste Band dieses berühmten Werkes (1815) enthält in
der allgemeinen Einleitung ebenfalls eine ausführliche Darstellung
seiner Abstammungslehre. Von der ungemeinen Bedeutung der
Philosophie zoologique kann ich Ihnen vielleicht keine bessere
Vorstellung geben, als wenn ich Ihnen daraus einige der wichtigsten
Sätze wörtlich anführe:
"Die systematischen Eintheilungen, die Klassen, Ordnungen, Familien,
Gattungen und Arten, sowie deren Benennung sind willkürliche
Kunsterzeugnisse des Menschen. Die Arten oder Species der Organismen
sind von ungleichem Alter, nach einander entwickelt und zeigen nur
eine relative, zeitweilige Beständigkeit; aus Varietäten gehen
Arten hervor. Die Verschiedenheit in den Lebensbedingungen wirkt
verändernd auf die Organisation, die allgemeine Form und die
Theile der Thiere ein, ebenso der Gebrauch oder Nichtgebrauch der
Organe. Im ersten Anfange sind nur die allereinfachsten und niedrigsten
Thiere und Pflanzen entstanden und erst zuletzt diejenigen von der
höchst zusammengesetzen Organisation. Der Entwickelungsgang
der Erde und ihrer organischen Bevölkerung war ganz
continuirlich, nicht durch gewaltsame Revolutionen unterbrochen. Das
Leben ist nur ein physikalisches Phänomen. Alle
Lebenserscheinungen beruhen auf mechanischen, auf physikalischen
und chemischen Ursachen, die in der Beschaffenheit der organischen
Materie selbst liegen. Die einfachsten Thiere und die einfachsten
Pflanzen, welche auf der tiefsten Stufe der Organisationsleiter stehen,
sind entstanden und entstehen noch heute durch Urzeugung
(Generatio spontanea). Alle lebendigen Naturkörper oder
Organismen sind denselben Naturgesetzen, wie die leblosen
Naturkörper oder die Anorgane unterworfen. Die Ideen und
Thätigkeiten des Verstandes sind Bewegungerscheinungen des
Centralnervensystems. Der Wille ist in Wahrheit niemals frei. Die
Vernunft ist nur ein höherer Grad von Entwickelung und
Verbindung der Urtheile."
Das sind in der That erstaunlich kühne, großartige und
weitreichende Ansichten, welche Lamarck vor 60 Jahren in
diesen Sätzen niederlegte, und zwar zu einer Zeit, in welcher deren
Begründung durch massenhafte Thatsachen nicht entfernt so, wie
heutzutage, möglich war. Sie sehen, daß Lamarck's
Werk eigentlich ein vollständiges, streng monistisches
(mechanisches) Natursystem ist, daß alle wichtigen allgemeinen
Grundsätze der monistischen Biologie bereits von ihm vertreten
werden: Die Einheit der wirkenden Ursachen in der organischen und
anorganischen Natur, der letzte Grund dieser Ursachen in den
chemischen und physikalischen Eigenschaften der Materie, der Mangel
einer besonderen Lebenskraft oder einer organischen Endursache; die
Abstammung aller Organismen von einigen wenigen, höchst
einfachen Stammformen oder Urwesen, welche durch Urzeugung aus
anorganischen Materien entstanden sind; der zusammenhängende
Verlauf der ganzen Erdgeschichte, und der Mangel der gewaltsamen und
totalen Erdrevolutionen, und überhaupt die Undenkbarkeit jedes
Wunders, jedes übernatürlichen Eingriffs in den
natürlichen Entwickelungsgang der Materie.
Das Lamarck's bewunderungswürdige Geistesthat fast
gar keine Anerkennung fand, liegt theils in der ungeheuren Weite des
Riesenschritts, mit welchem er dem folgenden halben Jahrhundert
vorauseilte, theils aber auch in der mangelhaften empirischen
Begründung derselben, und in der oft etwas einseitigen Art seiner
Beweisführung. Als die nächsten mechanischen Ursachen,
welche die beständige Umbildung der organischen Formen
bewirken, erkennt Lamarck ganz richtig die Verhältnisse
der Anpassung an, während er die Formähnlichkeit
der verschiedenen Arten, Gattungen, Familien u. s. w. mit vollem Rechte
auf ihre Blutsverwandtschaft zurückführt, also durch die
Vererbung erklärt. Die Anpassung besteht nach ihm darin,
daß die beständige langsame Veränderung der
Außenwelt eine entsprechende Veränderung in den
Thätigkeiten und dadurch auch weiter in den Formen der
Organismen bewirkt. Das größte Gewicht legt er dabei auf die
Wirkung der Gewohnheit, auf den Gebrauch und Nichtgebrauch
der Organe. Allerdings ist dieser, wie Sie später sehen werden,
für die Umbildung der organischen Formen von der höchsten
Bedeutung. Allein in der Weise, wie Lamarck hieraus allein oder
doch vorwiegend die Veränderung der Formen erklären
wollte, ist das meistens doch nicht möglich. Er sagt z. B., daß
der lange Hals der Giraffe entstanden sei durch das beständige
Hinaufrecken des Halses zu den Bäumen, und das Bestreben, die
Blätter von deren Aesten zu pflücken; da die Giraffe
meistens in trockenen Gegenden lebt, wo nur das Laub der Bäume
ihr Nahrung gewährt, war sie zu dieser Thätigkeit
gezwungen. Ebenso sind die langen Zungen der Spechte, Colibris und
Ameisenfresser durch die Gewohnheit entstanden, ihre Nahrung aus
engen, schmalen und tiefen Spalten oder Kanälen herauszuholen.
Die Schwimmhäute zwischen den Zehen der
Schwimmfüße bei Fröschen und anderen Wasserthieren
sind lediglich durch das fortwährende Bemühen zu
schwimmen, durch das Schlagen der Füße in das Wasser,
durch die Schwimmbewegungen selbst entstanden. Durch Vererbung auf
die Nachkommen wurden diese Gewohnheiten befestigt und durch
weitere Ausbildung derselben schließlich die Organe ganz
umgebildet. So richtig im Ganzen dieser Grundgedanke ist, so legt doch
Lamarck zu ausschließlich das Gewicht auf die
Gewohnheit (Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe), allerdings
eine der wichtigsten, aber nicht die einzige Ursache der
Formveränderung. Dies kann uns jedoch nicht hindern,
anzuerkennen, daß Lamarck die Wechselwirkung der beiden
organischen Bildungstriebe, der Anpassung und Vererbung, ganz richtig
begriff. Nur fehlte ihm dabei das äußerst wichtige Princip der
"naturlichen Züchtung im Kampfe um das Dasein", mit welchem
Darwin uns erst 50 Jahre später bekannt machte.
Als ein besonderes Verdienst Lamarck's ist nun noch
hervorzuheben, daß er bereits versuchte, die Entwickelung des
Menschengeschlechts aus anderen, zunächst affenartigen
Säugethieren darzuthun. Auch hier war es wieder in erster Linie
die Gewohnheit, der er den umbildenden, veredelnden Einfluß
zuschrieb. Er nahm also an, daß die niedersten,
ursprünglichsten Urmenschen entstanden seien aus den
menschenähnlichen Affen, indem die letzteren sich
angewöhnt hätten, aufrecht zu gehen. Die Erhebung des
Rumpfes, das beständige Streben, sich aufrecht zu erhalten,
führte zunächst zu einer Umbildung der Gliedmaßen, zu
einer stärkeren Differenzierung oder Sonderung der vorderen und
hinteren Extremitäten, welche mit Recht als einer der
wesentlichsten Unterschiede zwischen Menschen und Affen gilt. Hinten
entwickelten sich Waden und platte Fußsohlen, vorn Greifarme und
Hände. Der aufrechte Gang hatte zunächst eine freiere
Umschau über die Umgebung zur Folge, und damit einen
bedeutenden Forschritt in der geistigen Entwickelung. Die
Menschenaffen erlangten dadurch bald ein großes Uebergewicht
über die anderen Affen, und weiterhin überhaupt
über die umgebenden Organismen. Um die Herrschaft über
diese zu behaupten, thaten sie sich in Gesellschaften zusammen, und es
entwickelte sich, wie bei allen gesellig lebenden Thieren, das
Bedürfniß eine Mittheilung ihrer Bestrebungen und
Gedanken. So entstand das Bedürfniß der Sprache, deren
anfangs rohe, ungegliederte Laute bald mehr und mehr in Verbindung
gesetzt, ausgebildet und artikulirt wurden. Die Entwickelung der
artikulirten Sprache war nun wieder der stärkste Hebel für
eine weitere fortschreitende Entwickelung des Organismus und vor
Allem des Gehirns, und so verwandelten sich allmählich und
langsam die Affenmenschen in echte Menschen. Die wirkliche
Abstammung der niedersten und rohesten Urmenschen von den
höchst entwickelten Affen wurde also von Lamarck bereits
auf das bestimmteste behauptet, und durch eine Reihe der wichtigsten
Beweggründe unterstützt.
Als der bedeutendste der französischen Naturphilosophen glt
gewöhnlich nicht Lamarck, sondern Etienne Geoffroy St.
Hilaire (der Aeltere), geb. 1771, derjenige, für welchen auch
Goethe sich besonders interessirte, und den wir oben bereits als
den entschiedensten Gegner Cuvier's kennen gerlernt haben. Er
entwickelte seine Ideen zur Umbildung der organischen Species bereits
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, veröffentlichte dieselben
aber erst im Jahre 1828, und vertheidigte sie dann in den folgenden
Jahren, besonders 1830, tapfer gegen Cuvier. Goeffroy S.
Hilaire nahm im Wesentlichen die Descendenztheorie
Lamarck's an, glaubte jedoch, daß die Umbildung der Thier-
und Pflanzenarten weniger durch die eigene Thätigkeit des
Organismus, (durch Gewohnheit, Uebung, Gebrauch oder Nichtgebrauch
der Organe) bewirkt werde, als vielmehr durch den "Monde
ambiant", d. h. durch die beständige Veränderung der
Außenwelt, insbesondere der Atmosphäre. Er faßt den
Organismus gegenüber den Lebensbedingungen der
Außenwelt mehr passiv oder leidend auf, Lamarck dagegen
mehr activ oder handelnd. Geoffroy glaubt z. B. , daß
bloß durch Verminderung der Kohlensäure in der
Atmosphäre aus eidechsenartigen Reptilien die Vögel
entstanden seien, indem durch den größeren Sauerstoffgehalt
der Athmungsprozeß lebhafter und energischer wurde. Dadurch
entstand eine höhere Bluttemperatur, eine gesteigerte Nerven-
und Muskelthätigkeit, aus den Schuppen der Reptilien wurden die
Federn der Vögel u. s. w. Auch dieser Vorstellung liegt ein
richtiger Gedanke zu Grunde. Aber wenn auch gewiß die
Veränderung der Atmosphäre wie die Veränderung
jeder andern äußern Existenzbedingung, auf den Organismus
direkt oder indirekt umgestaltend einwirkt, so ist dennoch diese
einzelne Ursache an sich viel zu unbedeutend, um ihr solche Wirkungen
zuzuschreiben. Sie ist selbst unbedeutender, als die von Lamarck
zu einseitig betonte Uebung und Gewohnheit. Das Hauptverdienst von
Geoffroy besteht darin, dem mächtigen Einflusse von
Cuvier gegenüber die einheitliche Naturanschauung, die
Einheit der organischen Formbildung und den tiefen genealogischen
Zusammenhang der verschiedenen organischen Gestalten geltend
gemacht zu haben. Die berühmten Streitigkeiten zwischen den
beiden großen Gegnern in der Pariser Akademie, insbesondere die
heftigen Conflicte am 22sten Februar und am 19. Juli 1830, an denen
Goethe den lebendigsten Antheil nahm, habe ich bereits in dem
vorhergehenden Vortrage erwähnt (S. 72, 73). Damals blieb
Cuvier der anerkannte Sieger, und seit jener Zeit ist in Frankreich
sehr Wenig oder eigentlich Nichts mehr für die weitere
Entwickelung der Abstammungslehre, für die Ausbau einer
monistischen Entwickelungstheorie geschehen. Offenbar ist dies
vorzugsweise dem hinderlichen Einflusse zuzuschreiben, welchen
Cuvier's große Autorität ausübte. Noch heute
sind die meisten französischen Naturforscher Schüler
und blinde
Anhänger Cuvier's. In keinem wissenschaftlich gebildeten
Lande Europa's hat Darwin's Lehre so wenig gewirkt und ist sie so
wenig verstanden worden, wie in Frankreich, so daß wir auf die
französischen Naturforscher im weitern Verlauf unserer
Betrachtungen uns gar nicht mehr zu beziehen brauchen.
Höchstens könnten wir von den neuern französischen
Naturforschern noch zwei angesehene Botaniker hervorheben,
Naudin (1852) und Lecoq (1854), welche sich zu Gunsten
der Veränderlichkeit und Umbildung von Arten auszusprechen
wagten.
Nachdem wir nun die älteren Verdienste der deutschen und
französischen Naturphilosophie um die Begründung der
Abstammunglehre erörtert haben, wenden wir uns zu dem dritten
(und in sehr vielen Beziehungen dem ersten!) großen
Kulturlande Europas, zu dem freien England, welches in den letzten zehn
Jahren der Hauptsitz und der eigentliche Ausgangsherd für die
weitere Ausbildung und die definitive Feststellung der
Entwickelungstheorie geworden ist. Im Anfange unseres Jahrhunderts
haben die Engländer, welche sonst immer so lebendig an jedem
großen wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit Theil
nehmen, und die ewigen Wahrheiten der Naturwissenschaft in erster
Linie fördern, an der festländischen Naturphilosophie und an
deren bedeutendstem Fortschritt, der Descendenztheorie, nur wenig
Antheil gewonnen. Fast der einzige ältere englische Naturforscher,
den wir hier zu nennen haben, ist Erasmus Darwin, der
Großvater des Reformators der Descendenztheorie. Er
veröffentlichte im Jahre 1794 unter dem Titel "Zoonomia"
ein naturphilosophisches Werk, in welchem er ganz ähnliche
Ansichten, wie Goethe und Lamarck ausspricht, ohne
jedoch von diesen Männern damals irgend Etwas gewußt zu
haben. Die Descendentheorie lag offenbar schon damals in der Luft. Auch
Erasmus Darwin legt großes Gewicht auf die Umgestaltung
der Thier- und Pflanzenarten durch ihre eigene Lebensthätigkeit,
durch die Angewöhnung an veränderte Existenzbedingungen
u. s. w. Sodann spricht sich im Jahre 1822 W. Herbert dahin aus,
daß die Arten oder Species der Thiere und Pflanzen Nichts weiter
seien, als beständig gewordene Varietäten oder Spielarten.
Ebenso erklärte 1826 Grand in Edinburg, als er die
Fortpflanzungsorgane der Schwämme entdeckte, daß neue
Arten durch fortdauernde Umbildung aus bestehenden Arten
hervorgehen. Schon 1831 sprach Patrik Matthew Ansichten
über die Entstehung der Arten aus, welche Charles Darwin's
Züchtungstheorie sehr nahe kamen, aber damals gar nicht beachtet
wurden. 1851 behauptete Freke, daß alle organischen
Wesen von einer einzigen Urform abstammen müßten.
Ausführlicher und in sehr klarer philosophischer Form bewies
1852 Herbert Spencer die Nothwendigkeit der
Abstammungslehre und begründete dieselbe näher in seinen
1858 erschienenen vortrefflichen "Essays" und in den später
veröffentlichten "Principles of Biology". Derselbe hat
zugleich das große Verdienst, die Entwickelungstheorie auf die
Phychologie angewandt und gezeigt zu haben, daß auch die
Seelenthätigkeiten und die Geisteskräfte nur stufenweise
erworben und allmählich entwickelt werden konnten. Endlich ist
noch hervorzuheben, daß 1958 der Erste unter den englischen
Zoologen, Huxley, die Descendenztheorie als die einzige
Schöpfungshypothese bezeichnete, welche mit der
wissenschaftlichen Physiologie vereinbar sei.
Sämmtliche Naturforscher und Philosophen, welche Sie in
dieser kurzen historischen Uebersicht als Anhänger der
Entwickelungstheorie kennen gelernt haben, gelangten im besten Falle
zu der Anschauung, daß alle verschiedenen Thier- und
Pflanzenarten, die zu irgend einer Zeit auf der Erde gelebt haben und
jetzt noch leben, die allmählich veränderten und
umgebildeten Nachkommen sind von einer einzigen, oder von einigen
wenigen, ursprünglichen, höchst einfachen Stammformen,
welche letztere einst durch Urzeugung (Generatio spontanea) aus
anorganischer Materie entstanden. Aber Keiner von jenen
Naturphilosophen gelangte dazu, diesen Grundgedanken der
Abstammungslehre ursächlich zu begründen, und die
Umbildung der organischen Species durch den wahren Nachweis ihrer
mechanischen Ursachen wirklich zu erklären. Diese schwierigste
Aufgabe vermochte erst Charles Darwin zu lösen, und hierin
liegt die weite Kluft, welche denselben von seinen Vorgängern
trennt.
Das außerordentliche Verdienst Charles Darwin's ist nach
meiner Ansicht ein doppeltes: er hat erstens die Abstammungslehre,
deren Grundgedanken schon Goethe und Lamarck klar
aussprachen, viel umfassender entwickelt, viel eingehender nach allen
Seiten verfolgt, und viel strenger im Zusammenhang durchgeführt,
als alle seine Vorgänger; und er hat zweitens eine neue Theorie
aufgestellt, welche uns die natürlichen Ursachen der organischen
Entwickelung, die wirkenden Ursachen (Causae efficientes) der
organischen Formbildung, der Veränderungen und Umformungen
der Thier- und Pflanzenarten enthüllt. Diese Theorie ist es, welche
wir die Züchtungslehre oder Selectionstheorie, oder genauer die
Theorie von der natürlichen Züchtung (Selectio
naturalis) nennen.
Wenn Sie bedenken, daß (abgesehen von den wenigen vorher
angeführten Ausnahmen) die gesammte Biologie vor
Darwin den entgegengesetzten Anschauungen huldigte, und
daß fast bei allen Zoologen und Betanikern die absolute
Selbstständigkeit der organischen Species als
selbstverständliche Voraussetzung aller Formbetrachtungen galt,
so werden Sie jenes doppelte Verdienst Darwin's gewiß nicht
gering anschlagen. Das falsche Dogma von der Beständigkeit und
unabhängigen Erschaffung der einzelnen Arten hatte eine so hohe
Autorität und eine so allgemeine Geltung gewonnen, und wurde
außerdem durch den trügenden Augenschein bei
oberflächlicher Betrachtung so sehr begünstigt, daß
wahrlich kein geringer Grad von Muth, Kraft und Verstand dazu
gehörte, sich reformatorisch gegen jenes allmächtige Dogma
zu erheben und das künstlich darauf errichtete Lehrgebäude
zu zertrümmern. Außerdem brachten aber Darwin und
Wallace noch den neuen und höchst wichtigen Grundgedanken
der "natürlichen Züchtung" zu Lamarck's und
Goethe's Abstammungslehre hinzu.
Man muß diese beiden Punkte scharf unterscheiden, - freilich
geschieht es gewöhnlich nicht, - man muß scharf
unterscheiden erstens die Abstammungslehre oder
Descendenztheorie von Lamarck, welche bloß
behauptet, daß alle Thier- und Pflanzenarten von
gemeinsamen, einfachsten, spontan entstandenen Urformen abstammen
- und zweitens die Züchtungslehre oder Selectionstheorie
von Darwin, welche uns zeigt, warum diese fortschreitende
Umbildung der organischen Gestalten stattfand, welche mechanisch
wirkenden Ursachen die ununterbrochene Neubildung und immer
größere Mannichfaltigkeit der Thiere und Pflanzen bedingen.
Sechster Vortrag.
Entwickelungstheorie von Lyell und Darwin.
(Siehe Inhaltsverzeichnis ... ).
Meine Herren! In den letzten drei Jahrzehnten, welche vor dem
Erscheinen von Darwin's Werk verflossen, vom Jahre 1830-1859,
blieben in den organischen Naturwissenschaften die
Schöpfungsvorstellungen durchaus herrschend, welche von
Cuvier eingeführt waren. Man bequemte sich zu der
unwissenschaftlichen Annahme, daß im Verlaufe der Erdgeschichte
eine Reihe von unerklärlichen Erdrevolutionen periodisch die
ganze Thier- und Pflanzenwelt vernichtet habe, und daß am Ende
jeder Revolution, beim Beginn einer neuen Periode, eine neue,
vermehrte und verbesserte Auflage der organischen Bevölkerung
erschienen sei. Trotzdem die Anzahl dieser Schöpfungsauflagen
durchaus streitig und in Wahrheit gar nicht festzustellen war, trotzdem
die zahlreichen Fortschritte, welche in allen Gebieten der Zoologie und
Botanik während dieser Zeit gemacht wurden, auf die
Unhaltbarkeit jener bodenlosen Hypothese Cuvier's und auf die
Wahrheit der natürlichen Entwickelungstheorie Lamarck's
immer dringender hinwiesen, blieb dennoch die erstere fast allgemein
bei den Biologen in Geltung. Dies ist vor Allem der hohen Autorität
zuzuschreiben, welche sich Cuvier erworben hatte, und es zeigt
sich hier wieder schlagend, wie schädlich der Glaube an eine
bestimmte Autorität dem Entwickelungsleben der Menschheit
wird, die Autorität, von der Goethe einmal treffend sagt;
daß sie im Einzelnen verewigt, was einzeln vorübergehen
sollte, daß sie ablehnt und an sich vorübergehen
läßt, was festgehalten werden sollte, und daß sie
hauptsächlich Schuld ist, wenn die Menschheit nicht vom Flecke
kommt.
Nur durch das große Gewicht von Cuvier's
Autorität, und durch die gewaltige Macht der menschlichen
Trägheit, welche sich schwer entschließt, von dem
breitgetretenen Wege der alltäglichen Vorstellungen abzugehen,
und neue, noch nicht bequem gebahnte Pfade zu betreten,
läßt es sich begreifen, daß Lamarck's
Descendenztheorie erst 1959 zur Geltung gelangte, nachdem
Darwin ihr ein neues Fundament gegeben hatte. Der
empfängliche Boden für dieselbe war längst
vorbereitet, ganz besonders durch das Verdienst eines anderen
englischen Naturforschers, Charles Lyell, auf dessen hohe
Bedeutung für die "natürliche Schöpfungsgeschichte"
wir hier nothwendig einen Blick werfen müssen.
Unter dem Titel: Grundsätze der Geologie Principles of
geology)11) veröffentlichte Charles Lyell
1830 ein Werk, welches die Geologie, die Entwickelungsgeschichte der
Erde, von Grund aus umgestaltete, und dieselbe in ähnlicher Weise
reformirte, wie 30 Jahre später Darwin's Werk die Biologie.
Lyell's epochemachendes Buch, welches Cuvier's
Schöpfungehypothese an der Wurzel zerstörte, erschien in
demselben Jahre, in welchem Cuvier seine großen Triumpfe
über die Naturphilosophie feierte, und seine Oberherrschaft
über das morphologische Gebiet auf drei Jahrzehnte hinaus
befestigte. Während Cuvier durch seine künstliche
Schöpfungshypothese und die damit verbundene
Revolutionstheorie einer natürlichen Entwickelungstheorie
geradezu den Weg verlegte und den Faden der natürlichen
Erklärung abschnitt, brach Lyell derselben wieder freie
Bahn, und führte einleuchtend den geologischen Beweis, daß
jene dualistischen Vorstellungen Cuvier's ebensowohl ganz
unbegründet, als auch ganz überflüssig seien. Er wies
nach, daß diejenigen Veränderungen der Erdoberfläche,
welche noch jetzt unter unseren Augen vor sich gehen, vollkommen
hinreichend seien, Alles zu erklären, was wir von der
Entwickelung der Erdrinde überhaupt wissen, und daß es
vollständig überflüssig und unnütz sei, in
räthselhaften Revolutionen die unerklärlichen Ursachen
dafür zu suchen. Er zeigte, daß man weiter Nichts zu
Hülfe zu nehmen brauche, als außerordentlich lange
Zeiträume, um die Entstehung des Baues der Erdrinde auf die
einfachste und natürlichste Weise aus denselben Ursachen zu
erklären, welche noch heutzutage wirksam sind. Viele Geologen
hatten sich früher gedacht, daß die höchsten
Gebirgsketten, welche auf der Erdoberfläche hervortreten, ihren
Ursprung nur ungeheuren, einen großen Theil der
Erdoberfläche umgestaltenden Revolutionen, insbesondere
colossalen vulkanischen Ausbrüchen verdanken könnten.
Solche Bergketten z. B. wie die Alpen, oder wie die Cordilleren, sollten
auf einmal aus dem feuerflüssigen Erdinnern durch einen
ungeheuren Spalt der weit geborstenen Erdrinde emporgestiegen sein.
Lyell zeigte dagegen, daß wir uns die Entwickelung solcher
ungeheurer Gebirgsketten aus denselben langsamen, unmerklichen
Hebungen der Erdoberfläche erklären können, die
noch jetzt fortwährend vor sich gehen, und deren Ursachen
keineswegs wunderbar sind. Diese Hebungen und Senkungen, wenn auch
langsam und unmerklich vor sich gehend, können die
größten Erfolge erreichen, wenn sie nur einen
hinlänglich großen Zeitraum hindurch ihre Wirksamkeit
entfalten. Es ist bekannt, daß an zahlreichen Stellen der Erde noch
jetzt eine beständige langsame Senkung der Küste sich
nachweisen läßt, ebenso wie an anderen Stellen eine Hebung;
Senkungen und Hebungen, die vielleicht im Jahrhundert nur ein paar
Zoll oder höchstens einige Fuß betragen. Sobald diese
Hebungen Millionen oder Milliarden von Jahren andauern, so
genügen dieselben vollständig, um die höchsten
Gebirgsketten hervortreten zu lassen, ohne daß dazu jene
räthselhaften und unbegreiflichen Revolutionen nöthig
wären. Auch die meteorologische Thätigkeit der
Atmosphäre, die Wirksamkeit des Regens und des Schnees, ferner
die Brandung der Küste, welche an und für sich nur
unbedeutend zu wirken scheinen, müssen die größten
Veränderungen hervorbringen, wenn man nur hinlänglich
große Zeiträume für deren Wirksamkeit in Anspruch
nimmt. Die Summirung der kleinsten Ursachen bringt die
größten Wirkungen hervor. Der Wassertropfen höhlt
den Stein aus.
Auf die unermeßliche Länge der geologischen
Zeiträume, welche hierzu erforderlich sind, müssen
wir nothwendig später noch einmal zurückkommen, da, wie
Sie sehen werden, auch für Darwin's Theorie, ebenso wie
für diejenige Lyell's, die Annahme ganz ungeheurer
Zeitmaaße absolut unentbehrlich ist. Wenn die Erde und ihre
Organismen sich wirklich auf natürlichem Wege entwickelt haben,
so muß diese langsame und allmähliche Entwickelung
jedenfalls eine Zeitdauer in Anspruch genommen haben, deren
Vorstellung unser Fassungsvermögen gänzlich
übersteigt. Da Viele aber gerade hierin eine Hauptschwierigkeit
jener Entwickelungstheorien erblicken, so will ich hier schon von
vornherein bemerken, daß wir nicht einen einzigen
vernünftigen Grund haben, irgend wie uns die hierzu erforderliche
Zeit beschränkt zu denken. Wenn nicht allein viele Laien, sondern
selbst hervorragende Naturforscher, z. B. Liebig, als
Haupteinwand gegen diese Theorien einwerfen, daß dieselben
willkürlich zu lange Zeiträume in Anspruch nähmen, so
ist dieser Einwand kaum zu begreifen. Denn es ist absolut nicht
einzusehen, was uns in der Annahme derselben irgendwie
beschränken sollte. Wir wissen längst allein schon aus dem
Bau der geschichteten Erdrinde, daß die Entstehung derselben, der
Absatz der geschichteten Steine aus dem Wasser, allermindestens
mehrere Millionen Jahre gedauert haben muß. Ob wir aber
hypothetisch für diesen Prozeß zehn Millionen oder
zehntausend Billionen Jahre annehmen, ist vom Standpunkte der
strengsten Naturphilosophie gänzlich gleichgültig. Vor uns
und hinter uns liegt die Ewigkeit. Wenn sich bei Vielen gegen die
Annahme von so ungeheuren Zeiträumen das Gefühl
sträubt, so ist das die Folge der falschen Vorstellungen, welche uns
von frühester Jugend an über die
verhältnißmäßig kurze, nur wenige Jahrtausende
umfassende Geschichte der Erde eingeprägt werden. Wie Albert
Lange in seiner Geschichte des Materialismus12) Liebig
gegenüber schlagend beweist, ist es vom streng kritisch-
philosophischen Standpunkte aus jeder naturwissenschaftlichen
Hypothese viel eher erlaubt, die Zeiträume zu groß, als zu
klein anzunehmen. Jeder Entwickelungsvorgang läßt sich so
eher begreifen, je längere Zeit er dauert. Ein kurzer und
beschränkter Zeitraum für denselben ist von vornherein das
Unwahrscheinlichste. Jene angebliche Schwierigkeit wird uns daher in
keinem Falle etwas zu schaffen machen.
Ich habe hier nicht Zeit, auf Lyell's vorzügliches Werk
näher einzugehen, und will daher bloß das wichtigste
Resultat desselben Ihnen mittheilen, daß es nämlich
Cuvier's Schöpfungsgeschichte mit ihren mythischen
Revolutionen gründlich widerlegte, und an deren Stelle einfach die
beständige langsame Umbildung der Erdrinde durch die
fortdauernde Thätigkeit der noch jetzt auf die Erdoberfläche
wirkenden Kräfte setzte, die Thätigkeit des Wassers und des
vulkanischen Erdinnern. Lyell wies also einen continuirlichen,
ununterbrochenen Zusammenhang der ganzen Erdgeschichte nach, und
er bewies denselben so unwiderleglich, er begründete so
einleuchtend die Herrschaft der "existing causes", der noch heute
wirksamen, dauernden Ursachen in der Umbildung der Erdrinde,
daß in kurzer Zeit die Geologie Cuvier's Hypothese
vollkommen aufgab.
Nun ist es aber merkwürdig, daß die Paläontologie,
die Wissenschaft von den Versteinerungen, soweit sie von den
Botanikern und Zoologen getrieben wurde, von diesem großen
Fortschritt der Geologie scheinbar unberührt blieb. Die Biologie
nahm fortwährend noch jene wiederholte neue Schöpfung
der gesammten Thier- und Pflanzenbevölkerung am Beginne jeder
neuen Periode der Erdgeschichte an, obwohl diese Hypothese von den
einzelnen, schubweise in die Welt gesetzten Schöpfungen ohne die
Annahme der Revolutionen reiner Unsinn wurde und gar keinen Halt
mehr hatte. Offenbar ist es vollkommen ungereimt, eine besondere
Schöpfung der ganzen Thier- und Pflanzenwelt zu bestimmten
Zeitabschnitten anzunehmen, ohne daß die Erdrinde selbst dabei
irgend eine beträchtliche allgemeine Umwälzung
erfährt. Trotzdem also jene Vorstellung auf das Engste mit der
Katastrophentheorie Cuvier's zusammenhängt, blieb sie
dennoch herrschend, nachdem die letztere bereits zerstört war.
Es war nun dem großen englischen Naturforscher Charles
Darwin vorbehalten, diesen Zwiespalt völlig zu beseitigen und
zu zeigen, daß auch die Lebewelt der Erde eine ebenso continuirlich
zusammenhängende Geschichte hat, wie die unorganische Rinde
der Erde; daß auch die Thiere und Pflanzen ebenso allmählich
durch Umwandlung (Transmutation) auseinander hervorgegangen sind,
wie die wechselnden Formen der Erdrinde, der Continente und der sie
umschließenden und trennenden Meere aus früheren, ganz
davon verschiedenen Formen hervorgegangen sind. Wir können in
dieser Beziehung wohl sagen, daß Darwin auf dem Gebiete
der Zoologie und Botanik den gleichen Fortschritt herbeiführte, wie
Lyell, sein großer Landsmann, auf dem Gebiete der Geologie.
Durch Beide wurde der ununterbrochene Zusammenhang der
geschichtlichen Entwickelung bewiesen, und eine allmähliche
Umänderung der verschiedenen auf einander folgenden
Zustände dargethan.
Das besondere Verdienst Darwin's ist nun, wie bereits in dem
vorigen Vortrage bemerkt worden ist, ein doppeltes. Er hat erstens die
von Lamarck und Goethe aufgestellte Descendenztheorie in
viel umfassenderer Weise als Ganzes behandelt und im Zusammenhang
durchgeführt, als es von allen seinen Vorgängern geschehen
war. Zweitens aber hat er dieser Abstammungslehre durch seine, ihm
eigenthümliche Züchtungslehre (die Selectionstheorie) das
causale Fundament gegeben, d. h. er hat die wirkenden Ursachen der
Veränderungen nachgewiesen, welche von der
Abstammungslehre nur als Thatsachen behauptet werden. Die
von Lamarck 1809 in die Biologie eingeführte
Descendenztheorie behauptet, daß alle verschiedenen Thier-
und Pflanzenarten von einer einzigen oder einigen wenigen, höchst
einfachen, spontan entstandenen Urformen abstammen. Die von
Darwin 1959 begründete Selectionstheorie zeigt uns,
warum dies der Fall sein mußte, sie weist uns die wirkenden
Ursachen so nach, wie es nur Kant wünschen konnte, und
Darwin ist in der That auf dem Gebiete der organischen
Naturwissenschaft der Newton geworden, dessen Kommen
Kant prophetisch verneinen zu können glaubte.
Ehe Sie nun an Darwin's Theorie herantreten, wird es Ihnen
vielleicht von Interesse sein, Einiges über die Persönlichkeit
dieses grooßen Naturforschers zu hören, über sein
Leben und die Wege auf denen er zur Aufstellung seiner Lehre gelangte.
Charles Darwin ist geboren im Jahr 1808, also jetzt sechzig Jahre
alt. Bereits in seinem 24. Lebensjahre, 1832, wurde er zur Theilnahme
an einer wissenschaftlichen Expedition berufen, welche von den
Engländern ausgeschickt wurde, vorzüglich um die
Südspitze Südamerika's genauer zu erforschen und
verschiedene Punkte der Südsee zu untersuchen. Diese Expedition
hatte, gleich vielen anderen, rühmlichen, von England
ausgerüsteten Forschungsreisen, sowohl wissenschaftliche, als
auch practische, auf die Schiffahrt bezügliche Aufgaben zu
erfüllen. Das Schiff führte in treffend symbolischer Weise
den Namen "Beagle" oder Spürhund. Die Reise der Beagle, welche
fünf Jahre dauerte, wurde für Darwin's ganze
Entwickelung von der größten Bedeutung, und schon im
ersten Jahre, als er zum erstenmal den Boden Südamerika's betrat,
keimte in ihm der Gedanke der Abstammungslehre auf, den er dann
späterhin in so vollendeter Blüthe entwickelte. Die Reise
selbst hat Darwin in einem von Dieffenbach in das
Deutsche übersetzten Werke beschrieben, welches sehr anziehend
geschrieben ist, und dessen Lectüre ich Ihnen angelegentlich
empfehle13). In dieser Reisebeschreibung, welche sich weit
über den gewöhnlichen Durchschnitt erhebt, tritt Ihnen
nicht allein die liebenswürdige Persönlichkeit
Darwin's in sehr anziehender Weise entgegen, sondern Sie
können auch vielfach die Spuren der Wege erkennen, auf denen er
zu seinen Vorstellungen gelangte. Als Resultat dieser Reise erschien
zunächst ein großes wissenschaftliches Reisewerk, an dessen
zoologischem und geologischem Theil sich Darwin bedeutend
betheiligte, und ferner eine ausgezeichnete Arbeit desselben über
die Bildung der Korallenriffe, welche allein genügt haben wurde,
Darwin's Namen mit bleibendem Ruhme zu krönen. Es wird
Ihnen bekannt sein, daß die Inseln der Südsee
größtentheils aus Korallenriffen bestehen oder von solchen
umgeben sind. Die verschiedenen merkwürdigen Formen
derselben und ihr Verhältniß zu den nicht aus Korallen
gebildeten Inseln vermochte man sich früher nicht befriedigend
zu erklären. Erst Darwin war es vorbehalten diese
schwierige Aufgabe zu lösen, indem er außer der
aufbauenden Thätigkeit der Korallenthiere auch geologische
Hebungen und Senkungen des Meeresbodens für die Entstehung
der verschiedenen Riffgestalten in Anspruch nahm. Darwin's
Theorie von der Entstehung der Korallenriffe ist, ebenso wie seine
spätere Theorie von der Entstehung der organischen Arten, eine
Theorie, welche die Erscheinungen vollkommen erklärt, und
dafür nur die einfachsten natürlichen Ursachen in Anspruch
nimmt, ohne sich hypothetisch auf irgend welche unbekannten
Vorgänge zu beziehen. Unter den übrigen Arbeiten
Darwin's ist noch seine ausgezeichnete Monographie der
Cirrhipedien hervorzuheben, einer merkwürdigen Klasse von
Seethieren, welche im äußeren Ansehen den Muscheln
gleichen und von Cuvier in der That für zweischalige
Mollusken gehalten wurden, während dieselben in Wahrheit zu
den Krebsthieren (Crustaceen) gehören.
Die außerordentlichen Strapazen, denen Darwin
während der fünfjährigen Reise des Beagle ausgesetzt
war, hatten seine Gesundheit dergestalt zerrüttet, daß er sich
nach seiner Rückkehr aus dem unruhigen Treiben London's
zurückziehen mußte, und seitdem in stiller
Zurückgezogenheit auf seinem Gute Down, in der Nähe von
Bromley in Kent (mit der Eisenbahn kaum eine Stunde von London
entfernt), wohnte. Diese Abgeschiedenheit von dem unruhigen Getriebe
der großen Weltstadt wurde jedenfalls äußerst
segensreich für Darwin, und es ist wahrscheinlich, daß
wir ihr theilweise mit die Entstehung der Selectionstheorie verdanken.
Unbehelligt durch die verschiedenen Geschäfte, welche in London
seine Kräfte zersplittert haben würden, konnte er seine
ganze Thätigkeit auf das Studium des großen Problems
concentriren, auf welches er durch jene Reise hingelenkt worden war.
Um Ihnen zu zeigen, welche Wahrnehmungen während seiner
Weltumsegelung vorzüglich den Grundgedanken der
Selectionstheorie in ihm anregten, und in welcher Weise er denselben
dann weiter entwickelte, erlauben Sie mir, Ihnen eine Stelle aus einem
Briefe mitzutheilen, welchen Darwin am 8. October 1864 an mich
richtete:
"In Südamerika traten mir besonders drei Klassen von
Erscheinungen sehr lebhaft vor die Seele: Erstens die Art und
Weise, in welcher nahe verwandte Species einander vertreten und
ersetzen, wenn man von Norden nach Süden geht; -
Zweitens die nahe Verwandtschaft derjenigen Species, welche die
Südamerika nahe gelegenen Inseln bewohnen, und derjenigen
Species, welche diesem Festland eigenthümlich sind; dies setzte
mich in tiefes Erstaunen, besonders die Verschiedenheit derjenigen
Species, welche die nahe gelegenen Inseln des Galapagosarchipels
bewohnen; - Drittens die nahe Beziehung der lebenden zahnlosen
Säugethiere (Edentata) und Nagethiere (Rodentia) zu
den ausgestorbenen Arten. Ich werde niemals mein Erstaunen
vergessen, als ich ein riesengroßes Panzerstück ausgrub,
ähnlich demjenigen eines lebenden Gürtelthiers.
"Als ich über diese Thatsachen nachdachte und einige
ähnliche Erscheinungen damit verglich, schien es mir
wahrscheinlich, daß nahe verwandte Species von einer
gemeinsamen Stammform abstammen könnten. Aber einige Jahre
lang konnte ich nicht begreifen, wie eine jede Form so ausgezeichnet
ihren besonderen Lebensverhältnissen angepaßt werden
konnte. Ich begann darauf systematisch die Hausthiere und die
Gartenpflanzen zu studiren, und sah nach einiger Zeit deutlich ein,
daß die wichtigste umbildende Kraft in des Menschen
Zuchtwahlvermögen liege, in seiner Benutzung auserlesener
Individuen zur Nachzucht. Dadurch daß ich vielfach die
Lebensweise und Sitten der Thiere studirt hatte, war ich darauf
vorbereitet, den Kampf um's Dasein richtig zu würdigen; und
meine geologischen Arbeiten gaben mir eine Vorstellung von der
ungeheuren Länge der verflossenen Zeiträume. Als ich dann
durch einen glücklichen Zufall das Buch von Malthus
"über die Bevölkerung" las, tauchte der Gedanke der
natürlichen Züchtung in mir auf. Unter allen den
untergeordneten Punkten war der letzte, den ich schätzen lerne,
die Bedeutung und Ursache des Divergenzprincips".
Während der Muße und Zurückgezogenheit, in der
Darwin nach der Rückkehr von seiner Reise lebte,
beschäftigte er sich, wie aus dieser Mittheilung hervorgeht,
zunächst vorzugsweise mit dem Studium der Organismen im
Culturzustande, der Hausthiere und Gartenpflanzen. Unzweifelhaft war
dies der nächste und richtigste Weg, um zur Selectionstheorie zu
gelangen. Wie in allen seinen Arbeiten, verfuhr Darwin dabei
äußerst sorgfältig und genau. Er hat vom Jahre 1837-
1858, also 21 Jahre lang, über diese Sache Nichts
veröffentlicht, selbst nicht eine vorläufige Skizze seiner
Theorie, welche er schon 1844 niedergeschrieben hatte. Er wollte immer
noch mehr sicher begründete empirische Beweise sammeln, um so
die Theorie ganz vollständig, auf möglichst breiter
Erfahrungsgrundlage festgestellt, veröffentlichen zu können.
Zum Glück wurde er in diesem Streben nach möglichster
Vervollkommnujng, welches vielleicht dazu geführt haben
würde, die Theorie überhaupt nicht zu veröffentlichen,
durch einen Landsmann gestört, welcher unabhängig von
Darwin die Selectionstheorie sich ausgedacht und aufgestellt
hatte, und welcher 1858 die Grundzüge derselben an
Darwin selbst einsendete, mit der Bitte, dieselben an Lyell
zur Veröffentlichung in einem englischen Journal zu
übergeben. Dieser Engländer ist Alfred Wallace, einer
der kühnsten und verdientesten naturwissenschaftlichen
Reisenden der neueren Zeit. Jahre lang war Wallace allein in den
Wildnissen der Sundainseln, in den dichten Urwäldern des
indischen Archipels umhergestreift, und bei diesem unmittelbaren und
umfassenden Studium eines der reichsten und interessantesten
Erdstücke mit seiner höchst mannichfaltigen Thier- und
Pflanzenwelt war er genau zu denselben allgemeinen Anschauungen
über die Entstehung der organischen Arten, wie Darwin
gelangt. Lyell und Hooker, welche Beide Darwin's
Arbeit seit langer Zeit kannten, veranlaßten ihn nun, einen kurzen
Auszug aus seinen Manuscripten gleichzeitig mit dem eingesandten
Manscript von Wallace zu veröffentlichen, was auch im
August 1858 im "Journal of the Linnean Society" geschah.
Im November 1859 erschien dann das epochemachende Werk
Darwin's "Ueber die Entstehung der Arten", in welchem die
Selectionstheorie ausführlich begründet ist. Jedoch
bezeichnet Darwin selbst dieses Buch, von welchem 1866 die
vierte Auflage und 1860 eine deutsche Uebersetzung von Bronn
erschien1), nur als einen vorläufigen Auszug aus
einem größeren und ausführlicheren Werke, welches in
umfassender empirischer Beweisführung eine Masse von
Thatsachen zu Gunsten seiner Theorie enthalten soll. Der erste Theil
dieses von Darwin in Aussicht gestellten Hauptwerkes ist vor
Kurzem unter dem Titel: "Das Variiren der Thiere und Pflanzen im
Zustande der Domestication" erschienen und von Victor Carus ins
Deutsche übersetzt worden14). Er enthält eine
reiche Fülle von den trefflichsten Belegen für die
außerordentlichen Veränderungen der organischen Formen,
welche der Mensch durch seine Cultur und künstliche
Züchtung hervorbringen kann. So sehr wir auch Darwin
für diesen Ueberfluß an beweisenden Thatsachen verbunden
sind, so theilen wir doch keineswegs die Meinung jener Naturforscher,
welche glauben, daß durch diese weiteren Ausführungen die
Selectionstheorie eigentlich erst fest begründet weden
müsse. Nach unserer Ansicht enthält bereits Darwin's
erstes, 1859 erschienenes Werk, diese Begründung in völlig
ausreichendem Maaße. Die unangreifbare Stärke seiner
Theorie liegt nicht in der Unmasse von einzelnen Thatsachen, welche
man als Beweis dafür anführen kann, sondern in dem
harmonischen Zusammenhang aller großen und allgemeinen
Erscheinungsreihen der organischen Natur, welche
übereinstimmend für die Wahrheit der Selectionstheorie
Zeugniß ablegen.
Von der größten Bedeutung für die
Begründung der Selectionstheorie war das eingehende Studium,
welches Darwin den Hausthieren und Culturpflanzen
widmete. Die unendlich tiefen und mannichfaltigen
Formveränderungen, welche der Mensch an diesen domesticirten
Organismen durch künstliche Züchtung erzeugt hat, sind
für das richtige Verständniß der Thier- und
Pflanzenformen von der allergrößten Wichtigkeit; und
dennoch ist in kaum glaublicher Weise dieses Studium von den Zoologen
und Botanikern bis in die neueste Zeit in der gröbsten Weise
vernachlässigt worden. Es sind nicht allein dicke Bände,
sondern ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden mit den
unnützesten Beschreibungen der einzelnen Arten oder Species,
angefüllt mit höchst kindischen Streitigkeiten darüber,
ob diese Species gute oder ziemlich schlechte Arten seien, ohne daß
dem Artbegriff selbst darin zu Leibe gegangen ist. Wenn die
Naturforscher, statt auf diese ganz unnützen Spielereien ihre Zeit
zu verwenden, die Culturorganismen gehörig studirt und nicht die
einzelnen todten Formen sondern die Umbildung der lebendigen
Gestalten in der Auge gefaßt hätten, so würde man
nicht so lange in den Fesseln des Cuvier'schen Dogmas befangen
gewesen sein. Weil nun aber diese Culturorganismen gerade der
dogmatischen Auffassung von der Beharrlichkeit der Art, von der
Constanz der Species so äußerst unbequem sind, so hat man
sich großen Theils absichtlich nicht um dieselben bekümmert
und es ist sogar vielfach, selbst von berühmten Naturforschern der
Gedanke ausgesprochen worden, diese Culturorganismen, die Haushiere
und Gartenpflanzen, seien Kunstprodukte des Menschen, und deren
Bildung und Umbildung könne gar Nichts über das Wesen
der Bildung und über die Entstehung der Formen bei den wilden,
im Naturzustande lebenden Arten entscheiden.
Diese verkehrte Auffassung ging so weit, daß z. B. ein
Münchener Zoologe, Andreas Wagner, alles* Ernstes die
lächerliche Behauptung aufstellte: Die Thiere und Pflanzen im
wilden Zustande sind vom Schöpfer als bestimmt unterschiedene
und unveränderliche Arten erschaffen worden; allein bei den
Hausthieren und Culturpflanzen war dies deshalb nicht nöthig,
weil er dieselben von vornherein für den Gebrauch des Menschen
einrichtete. Der Schöpfer machte also den Menschen aus einem
Erdenkloß, blies ihm lebendigen Odem in seine Nase und schuf
dann für ihn die verschiedenen nützlichen Hausthiere und
Gartenpflanzen, bei denen er sich in der That die Mühe der
Speciesunterscheidung sparen konnte. Ob der Baum des
Erkenntnisses im Paradiesgarten eine "gute" wilde Species,
oder als Culturpflanze überhaupt "keine Species" war,
erfahren wir leider durch Andreas Wagner nicht. Da der Baum
des Erkenntnisses vom Schöpfer mitten in den Paradiesgarten
gesetzt wurde, möchte man eher glauben, daß er eine
höchst bevorzugte Culturpflanze, also überhaupt keine
Species war. Da aber andrerseits die Früchte vom Baume des
Erkenntnisses dem Menschen verboten waren, und viele Menschen, wie
Wagner's eigenes Beispiel zeigt, niemals von diesen
Früchten gegessen haben, so ist er offenbar nicht für den
Gebrauch des Menschen erschaffen und also wahrscheinlich eine
wirkliche Species! Wie Schade, daß uns Wagner
über diese wichtige und schwierige Frage nicht belehrt hat!
So lächerlich Ihnen nun diese Ansicht auch vorkommen mag, so
ist dieselbe doch nur ein folgerichtiger Auswuchs einer falschen, in der
That aber weit verbreiteten Ansicht von dem besonderen Wesen der
Culturorganismen, und Sie können bisweilen von ganz
angesehenen Naturforschern ähnliche Einwürfe hören.
Gegen diese grundfalsche Auffassung muß ich mich von vornherein
ganz bestimmt wenden. Es ist dieselbe Verkehrtheit, wie sie die Aerzte
begehen, welche behaupten, die Krankheiten seien künstliche
Erzeugnisse, keine Naturerscheinungen. Es hat viele Mühe
gekostet, dieses Vorurtheil zu bekämpfen; und erst in neuerer Zeit
ist die Ansicht zu allgemeinen Anerkennung gelangt, daß die
Krankheiten Nichts sind, als natürliche Veränderungen des
Organismus, wirklich natürliche Lebenserscheinungen, die nur
hervorgebracht werden durch veränderte, abnorme
Existenzbedingungen. Es ist die Krankheit also nicht, wie die
älteren Aerzte sagten, ein Leben außerhalb der Natur (Vita
praeter naturam), sondern ein natürliches Leben unter
bestimmten, krank machenden, den Körper mit Gefahr
bedrohenden Bedingungen. Ganz ebenso sind die Culturerzeugnisse nicht
künstliche Produkte des Menschen, sonden sie sind Naturproducte,
welche unter eigenthümlichen Lebensbedingungen entstanden
sind. Der Mensch vermag durch seine Cultur niemals unmittelbar eine
neue organische Form zu erzeugen; sondern er kann nur die Organismen
unter neuen Lebensbedingungen züchten, welche umbildend auf
sie einwirken. Alle Hausthiere und alle Gartenpflanzen stammen
ursprünglich von wilden Arten ab, welche erst durch die
eigenthümlichen Lebensbedingungen der Cultur umgebildet
wurden.
Die eingehende Vergleichung der Culturformen (Rassen und
Spielarten) mit den wilden, nicht durch Cultur veränderten
Organismen (Arten und Varietäten) ist für die
Selectionstheorie von der größten Wichtigkeit. Was Ihnen bei
dieser Vergleichung zunächst am Meisten auffällt, das ist die
ungewöhnlich kurze Zeit, in welcher der Mensch im Stande ist,
eine neue Form hervorzubringen, und der ungewöhnliche hohe
Stand, in welchem diese vom Menschen producirte Form von der
ursprünglichen Stammform abweichen kann; während die
wilden Thiere und die Pflanzen im wilden Zustande Jahr aus, Jahr ein
dem sammelnden Zoologen und Botaniker annähernd in derselben
Form erscheinen, so daß eben hieraus das falsche Dogma der
Speciesconstanz entstehen konnte. So zeigen uns die Hausthiere und die
Gartenpflanzen innerhalb weniger Jahre die größten
Veränderungen. Die Vervollkommnung, welche die
Züchtungskunst der Gärtner und der Landwirthe erreicht
hat, gestattet es jetzt in sehr kurzer Zeit, in wenigen Jahren, eine ganz
neue Thier- oder Pflanzenform willkürlich zu schaffen. Man
braucht zu diesem Zwecke bloß den Organismus unter dem
Einflusse der besonderen Bedingungen zu erhalten und fortzupflanzen,
welche neue Bildungen zu erzeugen im Stande sind; und man kann schon
nach Verlauf von wenigen Generationen neue Arten erhalten, welche
von der Stammform in viel höherem Grade abweichen, als die
sogenannten guten Arten im wilden Zustande von einander verschieden
sind. Diese Thatsache ist äußerst wichtig und kann nicht
genug hervorgehoben werden. Es ist nicht wahr, wenn behauptet wird,
die Culturformen, die von einer und derselben Form abstammen, seien
nicht so sehr von einander verschieden, wie die wilden Thier- udn
Pflanzenarten unter sich. Wenn man nur unbefangen Vergleiche anstellt,
so läßt sich sehr leicht erkennen, daß eine Menge von
Rassen oder Spielarten, die wir in einer kurzen Reihe von Jahren von
einer einzigten Culturform abgeleitet haben, in höheren Grade von
einander unterschieden sind, als sogenannte gute Species oder selbst
verschiedene Gattungen (Genera) einer Familie im wilden
Zustande sich unterscheiden.
Um diese äußerst wichtige Thatsache möglichst fest
empirisch zu begründen, beschloß Darwin eine
einzelne Gruppe von Hausthieren speciell in dem Ganzen Umfang ihrer
Formenmannichfaltigkeit zu studiren, und er wählte dazu die
Haustauben, welche in mehrfacher Beziehung für diesen
Zweck ganz besonders geeignet sind. Er hielt sich lange Zeit hindurch auf
seinem Gute alle möglichen Rassen und Spielarten von Tauben,
welche er bekommen konnte, und wurde mit reichlichen Zusendungen
aus allen Weltgegenden unterstützt. Ferner ließ er sich in
zwei Londoner Taubenklubs aufnehmen, welche die Züchtung der
verschiedenen Taubenformen mit wahrhaft künstlerischer
Virtuosität und unermüdlicher Leidenschaft betreiben.
Endlich setzte er sich noch mit Einigen der berühmtesten
Taubenliebhaber in Verbindung. So stand ihm das reichste empirische
Material zur Verfügung.
Die Kunst und Liebhaberei der Taubenzüchtung ist uralt. Schon
mehr als 3000 Jahre vor Christus wurde sie von den Aegyptern
betrieben. Die Römer der Kaiserzeit gaben ungeheure Summen
dafür aus, und führten genaue Stammbaumregister
über ihre Abstammung, ebenso wie die Araber über ihre
Pferde und die mecklenburgischen Edelleute über ihre eigenen
Ahnen sehr sorgfältige genealogische Register führen. Auch
in Asien war die Taubenzucht eine uralte Liebhaberei der reichen
Fürsten, und zur Hofhaltung des Akber Khan, um das Jahr 1600,
gehörten mehr als 20,000 Tauben. So entwickelten sich denn im
Laufe mehrerer Jahrtausende, und in Folge der mannichfaltigen
Züchtungsmethoden, welche in den verschiedensten Weltgegenden
geübt wurden, aus einer einzigen ursprünglich
gezähmten Stammform, welche in ihren extremen Formen ganz
außerordentlich von einander verschieden sind, und sich oft durch
sehr auffallende Eigenthümlichkeiten auszeichnen.
Eine der auffallendsten Taubenrassen ist die bekannte Pfauentaube,
bei der sich der Schwanz ähnlich entwickelt wie beim Pfau, und
eine Anzahl von 30-40 radartig gestellten Federn trägt;
während die anderen Tauben eine viel geringere Anzahl von
Schwanzfedern, fast immer 12, besitzen. Hierbei mag erwähnt
weden, daß die Anzahl der Schwanzfedern bei den Vögeln als
systematisches Merkmal von den Naturforschern sehr hoch
geschätzt wird, so daß man ganze Ordnungen danach
unterscheidet. So besitzen z. B. die Singvögel fast ohne Ausnahme
12 Schwanzfedern, die Schrillvögel (Strisores) 10 u s. w.
Besonders ausgezeichnet sind ferner mehrere Taubenrassen durch einen
Busch von Nackenfedern, welcher eine Art Perrücke bildet, andere
durch abenteuerliche Umbildung des Schnabels und der Füße,
durch eigenthümliche, oft sehr auffallende Verzierungen, z. B.
Hautlappen, die sich am Kopf entwickeln; durch einen großen Kropf,
welcher eine starke Hervortreibung der Speiseröhre am Hals
bildet, die viele Tauben sich erworben haben, z. B. die Lachtauben, die
Trommeltauben in ihren musikalischen Leistungen, die Brieftauben in
ihrem topographischen Instinct. Die Purzeltauben haben die seltsame
Gewohnheit, nachdem sie in großer Schaar in die Luft gestiegen
sind, sich zu überschlagen und aus der Luft wie todt herabzufallen.
Die Sitten und Gewohnheiten dieser unendlich verschiedenen
Taubenrassen, die Form, Größe und Färbung der
einzelnen Körpertheile, die Proportionen derselben unter einander,
sind in erstaunlich hohem Maaße von einander verschieden, in viel
höheren Maaße, als es bei sogenannten wilden Tauben der
Fall ist. Und, was das Wichtigste ist, es beschränken sich jene
Unterschiede nicht bloß auf die Bildung der äußerlichen
Form, sondern erstrecken sich selbst auf die wichtigsten innerlichen
Theile; es kommen selbst sehr bedeutende Abänderungen des
Skelets und der Muskulatur vor. So finden sich z. B. große
Verschiedenheiten in der Zahl der Wirbel und Rippen, in der
Größe und Form der Lücken im Brustbein, in der Form
und Größe des Gabelbeins, des Unterkiefers, der
Gesichtsknochen u. s. w. Kurz das knöcherne Skelet, das die
Morphologen für einen sehr beständigen Körpertheil
halten, welcher niemals in dem Grade, wie die äußeren
Theile, variire, zeigt sich so sehr verändert, daß man viele
Taubenrassen als besondere Gattungen oder Familien im
Vögelsysteme aufführen könnte. Zweifelsohne
würde dies geschehen, wenn man alle diese verschiedenen Formen
in wildem Naturzustande auffände.
Wie weit die Verschiedenheit der Taubenrassen geht, zeigt am Besten
der Umstand, daß alle Taubenzüchter einstimmig der Ansicht
sind, jede eigenthümliche oder besonders ausgeszeichnete
Taubenrasse müsse von einer besonderen wilden Stammart
abstammen. Freilich nimmt Jeder eine verschiedene Anzahl von
Stammarten an. Und dennoch hat Darwin mit
überzeugendem Scharfsinn den schwierigen Beweis geführt,
daß dieselben ohne Ausnahme sämmtlich von einer einzigen
wilden Stammart, der blauen Felstaube (Columba livia)
abstammen müssen. In gleicher Weise läßt sich bei den
meisten übrigen Hausthieren und bei den meisten Culturpflanzen
der Beweis führen, daß alle verschiedenen Rassen
Nachkommen einer einzigen ursprünglichen wilden Art sind, die
vom Menschen in den Culturzustand übergeführt
würde. Für einige Hausthiere, namentlich die Hunde,
Schweine und Rinder, ist es allerdings wahrscheinlicher, daß die
mannichfaltigen Rassen derselben von mehreren wilden Stammarten
abzuleiten sind, welche sich nachträglich im Culturzustande mit
einander vermischt haben. Indessen ist die Zahl dieser
ursprünglichen wilden Stammarten immer viel geringer, als die
Zahl der aus ihrer Vermischung und Züchtung hervorgegangenen
Culturformen, und natürlich stammen auch jene ersteren
ursprünglich von einer einzigen gemeinsamen Stammform der
ganzen Gattung ab. Auf keinen Fall stammt jede besondere Culturrasse
von einer eigenen wilden Art ab.
Im Gegensatz hierzu behaupten fast alle Landwirthe und
Gärtner mit der größten Bestimmtheit, daß jede
einzelne, von ihnen gezüchtete Rasse von einer besonderen wilden
Stammart abstammen müsse, weil sie die Unterschiede der Rassen
scharf erkennen, die Vererbung erst durch langsame Häufung
kleiner, kaum merklicher Abänderungen entstanden sind. Auch in
dieser Beziehung ist die Vergleichung der Culturrassen mit den wilden
Species äußerst lehrreich. Die Entstehungsart ist in beiden
Fällen dieselbe.
Siebenter Vortrag.
Die Züchtungslehre oder Selectionstheorie.
(Der Darwinismus.)
(Siehe Inhaltsverzeichnis...)
Meine Herren! Wenn heutzutage häufig die gesammte
Entwickelungstheorie, mit der wir uns in diesen Vorträgen
beschäftigen, als Darwinismus bezeichnet wird, so geschieht dies
eigentlich nicht mit Recht. Denn wie Sie aus der geschichtlichen
Einleitung der letzten Vorträge gesehen haben werden, ist schon
zu Anfang unseres Jahrhunderts die wichtigste Grundlage der
Entwickelungstheorie, nämlich die Abstammungslehre, oder
Descendenztheorie, deutlich ausgesprochen, und insbesondere durch
Lamarck in die Naturwissenschaft eingeführt worden. Man
könnte daher diesen Theil der Entwickelungstheorie, welcher die
gemeinsame Abstammung aller Thier- und Pflanzenarten von
einfachsten gemeinsamen Stammformen behauptet, seinem
verdientesten Begründer zu Ehren mit vollem Rechte
Lamarckismus nennen, wenn man einmal an den Namen eines
einzelnen hervorragenden Naturforschers das Verdienst knüpfen
will, eine solche Grundlehre zuerst durchgeführt zu haben.
Dagegen würden wir mit Recht als Darwinismus die
Selectionstheorie oder Züchtungslehre zu bezeichnen haben,
denjenigen Theil der Entwickelungstheorie, welcher uns zeigt, auf
welchem Wege und warum die verschiedenen Organismenarten
aus jenen einfachsten Stammformen sich entwickelt haben (Gen. Morph.
II., 166).
Diese Züchtungslehre oder Selectionstheorie, der Darwinismus
im eigentlichen Sinne, zu dessen Betrachtung wir uns jetzt wenden,
beruht wesentlich (wie es bereits in dem letzten Vortrage angedeutet
wurde) auf der Vergleichung derjenigen Thätigkeit, welcher der
Mensch bei der Züchtung der Hausthiere und Gartenpflanzen
ausübt, mit denjenigen Vorgängen, welche in der freien
Natur, außerhalb des Kulturzustandes, zur Entstehung neuer Arten
und neuer Gattungen führen. Wir müssen uns, um diese
letzten Vorgänge zu verstehen, also zunächst zur
künstlichen Züchtung des Menschen wenden, wie es auch
von Darwin selbst geschehen ist. Wir müssen untersuchen,
welche Erfolge der Mensch durch seine künstliche Züchtung
erzielt, und welche Mittel er anwendet, um diese Erfolge
hervorzubringen; und dann müssen wir uns fragen: "Giebt es in
der Natur ähnliche Kräfte, ähnliche wirkende
Ursachen, wie sie der Mensch hier anwendet?"
Was nun zunächst die künstliche Züchtung
betrifft, so gehen wir von der Thatsache aus, die zuletzt erörtert
wurde, daß deren Producte in nicht seltenen Fällen viel mehr
von einander verschieden sind, als die Erzeugnisse der natürlichen
Züchtung. In der That weichen die Rassen und Spielarten oft in
höheren Grade von einander ab, als es viele sogenannte "gute
Arten" oder Species, ja bisweilen sogar mehr, als es sogenannte "gute
Gattungen" im Naturzustande thun. Vergleichen Sie z. B. die
verschiedenen Aepfelsorten, welche die Gartenkunst von einer und
derselben ursprünglichen Apfelform gezogen hat, oder vergleichen
Sie die verschiedenen Pferderassen, welche die Thierzüchter aus
einer und derselben ursprünglichen Form des Pferdes abgeleitet
haben, so finden Sie leicht, daß die Unterschiede der am meisten
verschiedenen Formen ganz außerordentlich bedeutend sind, viel
bedeutender, als die Unterschiede, welche von den Zoologen und
Botanikern bei Vergleichung der wilden Arten angewandt werden, um
darauf hin verschiedene sogenannte "gute Arten" zu unterscheiden.
Wodurch bringt nun der Mensch diese außerordentliche
Verschiedenheit oder Divergenz der Formen hervor, die
erwiesenermaßen von einer und derselben Stammform
abstammen? Lassen Sie uns zur Beantwortung dieser Frage einen
Gärtner verfolgen, der bemüht ist, eine neue Pflanzenform
zu züchten, die sich durch eine schöne Blumenfarbe
auszeichnet. Derselbe wird zunächst unter einer großen
Anzahl von Pflanzen, welche Sämlinge einer und derselben Pflanze
sind, eine Auswahl oder Selection treffen. Er wird diejenigen Pflanzen
heraussuchen, welche die ihm erwünschte Blüthenfarbe am
meisten ausgeprägt zeigen. Zum Beispiel zeigen Pflanzen, welche in
der Regel eine weiße Blüthe besitzen, sehr häufig
Abweichungen in's Blaue oder Rothe hinein. Gesetzt nun, der
Gärtner wünscht eine solche, gewöhnlich weiß
blühende Pflanze in rother Farbe zu erhalten, so würde er
sehr sorgfältig unter den mancherlei verschiedenen Individuen,
die Abkömmlinge einer und derselben Samenpflanze sind,
diejenigen heraussuchen, die am deutlichsten einen rothen Anflug
zeigen, und diese ausschließlich aussäen, um neue Individuen
derselben Art zu erzielen. Er würde die übrigen
Samenpflanzen, wie weiße oder weniger deutlich rothe Farbe
zeigen, ausfallen lassen und nicht weiter cultivieren. Ausschließlich
die einzelnen Pflanzen, deren Blüthen das stärkste Roth
zeigen, würde er fortpflanzen und die Samen, welche diese
auserlesenen Pflanzen bringen, würde er wieder aussäen.
Von den Samenpflanzen dieser zweiten Generation würde er
wiederum diejenigen sorgfältig herauslesen, die das Rothe, das
nun der größte Theil der Samenpflanzen zeigen würde,
am deutlichsten ausgeprät haben. Wenn eine solche Auslese durch
eine Reihe von sechs oder zehn Generationen hindurch geschieht, wenn
immer mit großer Sorgfalt diejenige Blüthe ausgesucht wird,
die das tieffste Roth zeigt, so wird der Gärtner in der sechsten oder
zehnten Generation eine Pflanze von rein rother Farbe gekommen, wie
sie ihm erwünscht war.
Ebenso verfährt der Landwirth, welcher eine besondere
Thierrasse züchten will, also z. B. eine Schafsorte, welche sich
durch besonders feine Wolle auszeichnet. Das einzige Verfahren, welches
bei der Vervollkommnung der Wolle angewandt wird, besteht darin,
daß der Landwirth mit der größten Sorgfalt und
Ausdauer unter der ganzen Schafherde diejenigen Individuen aussucht,
die die feinste Wolle haben. Diese allein werden zur Nachzucht
verwandt, und unter der Nachkommenschaft dieser Auserwählten
werden abermals diejenigen herausgesucht, die sich durch die feinste
Wolle auszeichnen u. s. f. Wenn diese sorgfältige Auslese eine
Reihe von Generationen hindurch fortgesetzt wird, so zeichnen sich
zuletzt die auserlesenen Zuchtschafe durch eine Wolle aus, welche sehr
auffallend, und zwar nach dem Wunsche und zu Gunsten des
Züchters, von der Wolle des ursprünglichen Stammvaters
verschieden ist.
Die Unterschiede der einzelnen Individuen, auf die es bei dieser
künstlichen Auslese ankommt, sind sehr klein. Es ist ein
gewöhnlicher Mensch nicht im Stande, die ungemein feinen
Unterschiede der Einzelwesen zu erkennen, welche ein geübter
Züchter auf den ersten Blick wahrnimmt. Das Geschäft des
Züchters ist keine leichte Kunst; dasselbe erfordert einen
außerordentlich scharfen Blick, eine große Geduld, eine
äußerst sorgsame Behandlungsweise der zu züchtenden
Organismen. Bei jeder einzelnen Generation sind die Unterschiede der
Individuen dem Laien vielleicht gar nicht in das Auge fallend; aber
durch die Häufung dieser feinen Unterschiede während
einer Reihe von Generationen wird die Abweichung von der Stammform
zuletzt sehr bedeutend. Sie wird so auffallend, daß endlich die
künstlich erzeugte Form von der ursprünglichen Stammform
in weit höherem Grade abweichen kann, als zwei sogenannte gute
Arten im Naturzustande thun. Die Züchtungskunst ist jetzt so weit
gediehen, daß der Mensch oft willkürlich bestimmte
Eigenthümlichkeiten bei den cultivirten Arten der Thiere und
Pflanzen erzeugen kann. Man kann an die geübtesten
Gärtner und Landwirthe bestimmte Aufträge geben, und z.
B. sagen: Ich wünsche diese Pflanzenart in der und der Farbe mit
der und der Zeichnung zu haben. Wo die Züchtung so
vervollkommnet ist, wie in England, sind die Gärtner und
Landwirthe im Stande, innerhalb einer bestimmten Zeitdauer, nach
Verlauf einer Anzahl von Generationen, das verlangte Resultat auf
Bestellung zu liefern. Einer der erfolgreichsten englischen Züchter,
Sir John Sebright, konnte sagen "er wolle eine ihm aufgegebene
Feder in drei Jahren hervorbringen, er bedürfe aber sechs Jahre,
um eine gewünschte Form des Kopfes und Schnabels zu erlangen".
Bei der Zucht der Merinoschafe in Sachsen werden die Thiere dreimal
wiederholt neben einander auf Tische gelegt und auf das
Sorgfältigste vergleichend studirt. Jedesmal werden nur die besten
Schafe, mit der feinsten Wolle ausgelesen, so daß zuletzt von einer
großen Menge nur einzelne wenige, aber ganz auserlesen feine
Thiere übrig bleiben. Nur diese letzten werden zur Nachzucht
verwandt. Es sind also, wie Sie sehen, ungemein einfache Ursachen,
mittelst welcher die künstliche Züchtung zuletzt große
Wirkungen hervorbringt, und diese großen Wirkungen werden nur
erzielt durch Summirung der einzelnen an sich sehr unbedeutenden
Unterschiede, die durch fortwährend wiederholte Auslese oder
Selection vergrößert werden.
Ehe wir nun zur Vergleichung dieser künstlichen
Züchtung mit der natürlichen übergehen, wollen wir
uns klar machen, welche natürlichen Eigenschaften der
Organismen der künstliche Züchter oder Cultivateur benutzt.
Man kann alle verschiedenen Eigenschaften, die hierbei in das Spiel
kommen, schließlich zurückführen auf zwei
physiologische Grundeigenschaften des Organismus, die
sämmtlichen Thieren und Pflanzen gemeinschaftlich sind, und die
mit den beiden Thätigkeiten der Fortpflanzung und
Ernährung auf das Innigste zusammenhängen. Diese
beiden Grundeigenschaften sind die Erblichkeit oder die
Fähigkeit der Vererbung und die
Veränderlichkeit oder die Fähigkeit zur
Anpassung. Der Züchter geht aus von der Thatsache,
daß alle Individuen einer und derselben Art verschieden sind,
wenn auch in sehr geringem Grade, eine Thatsache, die sowohl von den
Organismen im wilden wie im Culturzustande gilt. Wenn Sie sich in
einem Walde umsehen, der nur aus einer einzigen Baumart, z. B. Buche
besteht, werden Sie ganz gewiß im ganzen Walde nicht zwei
Bäume dieser Art finden, die absolut gleich sind, die in der Form
der Verästelung, in der Zahl der Zweige und Blätter sich
vollkommen gleichen. Es finden sich individuelle Unterschiede
überall, gerade so wie bei den Menschen. Es giebt nicht zwei
Menschen, welche absolut identisch sind, vollkommen gleich in
Größe, Gesichtsbildung, Zahl der Haare, Temperament,
Charakter u. s. w. Ganz dasselbe gilt aber auch von den Einzelwesen aller
verschiedenen Thier- und Pflanzenarten. Bei den meisten Organismen
erscheinen allerdings die Unterschiede für den Laien sehr
geringfügig. Es kommt aber hierbei wesentlich an auf die Uebung
in der Erkenntniß dieser oft sehr feinen Formcharaktere. Ein
Schafhirt z. B. kennt in seiner Herde jedes einzelne Individuum
bloß durch genaue Beobachtung der Eigenschaften,
während ein Laie oft nicht im Stande ist, die verschiedenen
Individuen einer und derselben Herde zu unterscheiden. Die Thatsache
der individuellen Verschiedenheit ist die äußerst wichtige
Grundlage, auf welche sich das ganze Züchtungsvermögen
des Menschen gründet. Wenn nicht jene individuellen
Unterschiede wären, so könnte er nicht aus einer und
derselben Stammform eine Masse verschiedener Spielarten oder Rassen
erziehen. Es ist von vornherein festzuhalten, daß diese Erscheinung
eine ganz allgemeine ist, und daß wir nothwendig dieselbe auch da
voraussetzen müssen, wo wir mit unseren sinnlichen Hilfsmitteln
nicht im Stande sind, die Unterschiede zu erkennen. Wir können
bei den höheren Pflanzen, bei den Phanerogamen oder
Blüthenpflanzen, wo die einzelnen individuellen Stöcke so
zahlreiche Unterschiede in der Zahl der Aeste und Blätter zeigen,
fast immer diese Unterschiede wahrnehmen. Aber bei den meisten
Thieren ist dies nicht der Fall, namentlich bei den niederen Thieren. Es
liegt jedoch kein Grund vor, bloß denjenigen Organismen eine
individuelle Verschiedenheit zuzuschreiben, bei denen wir sie sogleich
erkennen können. Vielmehr können wir dieselbe mit voller
Sicherheit als allgemeine Eigenschaft aller Organismen annehmen, und
wir können dies um so mehr, da wir im Stande sind, die
Veränderlichkeit der Individuen zurückzuführen auf
die mechanischen Verhältnisse der Ernährung, da wir
zeigen können, daß wir durch Beeinflussung der
Ernährung im Stande sind, auffallende individuelle Unterschiede
da hervorzubringen, wo sie unter nicht veränderten
Ernährungsverhältnissen nicht wahrzunehmen sein
würden.
Ebenso nun, wie wir die Veränderlichkeit oder die
Anpassungsfähigkeit in ursächlichem Zusammenhang mit
den allgemeinen Ernährungsverhältnissen der Thiere und
Pflanzen sehen, so finden wir die zweite fundamentale
Lebenserscheinung, mit der wir es hier zu thun haben, nämlich die
Vererbungsfähigkeit oder Erblichkeit, in
unmittelbarem Zusammenhang mit den Erscheinungen der
Fortpflanzung. Das zweite, was der Landwirth und der
Gärtner bei der künstlichen Züchtung thut, nachdem er
ausgesucht, also die Veränderlichkeit angewandt hat, ist, daß
er die veränderten Formen festzuhalten und auszubilden sucht
durch die Vererbung. Er geht aus von der allgemeinen Thatsache,
daß die Kinder ihren Eltern ähnlich sind: "Der Apfel
fällt nicht weit vom Stamm." Diese Erscheinung der Erblichkeit ist
bisher in sehr geringem Maaße wissenschaftlich untersucht
worden, was zum Theil daran liegen mag, daß die Erscheinung eine
zu alltägliche ist. Jedermann findet es natürlich, daß
eine jede Art ihres Gleichen erzeugt, daß nicht plötzlich ein
Pferd eine Gans oder einge Gans einen Frosch erzeugt. Man ist
gewöhnt, diese alltäglichen Vorgänge der Erblichkeit
als selbstverständlich anzusehen. Nun ist aber diese Erscheinung
nicht so selbstverständlich einfach, wie sie auf den ersten Blick
erscheint und namentlich wird sehr häufig bei der Betrachtung
der Erblichkeit übersehen, daß die verschiedenen
Nachkommen, die von einem und demselben Elternpaar herstammen, in
der That auch niemals absolut gleich den Eltern, sondern immer ein
wenig verschieden sind. Wir können den Grundsatz der Erblichkeit
nicht dahin formuliren: "Gleiches erzeugt Gleiches", sondern wir
müssen ihn vielmehr bedingter dahin aussprechen: "Aehnliches
erzeugt Aehnliches." Der Gärtner wie der Landwirth benutzt in
dieser Beziehung die Thatsache der Vererbung im weitesten Umfang,
und zwar mit besonderer Rücksicht darauf, daß nicht allein
die diejenigen Eigenschaften von den Organismen vererbt werden, die
sie bereits von den Eltern ererbt haben, sondern auch diejenigen, die sie
selbst erworben haben. Das ist ein wichtiger Punkt, auf den sehr viel
ankommt. Der Organismus vermag nicht allein auf seine Nachkommen
diejenigen Eigenschaften, diejenige Gestalt, Farbe, Größe zu
übertragen, die er selbst von seinen Eltern ererbt hat; er vermag
auch Abänderungen dieser Eigenschaften zu vererben, die er erst
während seines Lebens durch Einfluß äußerer
Umstände, des Klimas, der Nahrung u. s. w. erworben hat.
Das sind die beiden Grundeigenschaften der Thiere und Pflanzen,
welche die Züchter benutzen, um neue Formen zu erzeugen. So
außerordentlich einfach das Prinzip der Züchtung ist, so
schwierig und ungeheuer verwickelt ist im Einzelnen die practische
Verwerthung dieses einfachen Princips. Der denkende,
planmäßig arbeitende Züchter muß die Kunst
verstehen, die allgemeine Wechselwirkung zwischen den beiden
Grundeigenschaften der Erblichkeit und der Veränderlichkeit
richtig in jedem einzelnen Falle zu verwerthen.
Wenn wir nun die eigentlich Natur jener beiden wichtigen
Lebenseigenschaften untersuchen, so finden wir, daß wir sie, gleich
allen physiologischen Funktionen, zurückführen
können auf physikalische und chemische Ursachen, auf
Eigenschaften und Bewegungserscheinungen der Materien, aus denen
der Körper der Thiere und Pflanzen besteht. Wie wir später
bei einer genaueren Betrachtung dieser beiden Funtionen zu
begründen haben werden, ist ganz allgemein ausgedrückt
die Vererbung wesentlich bedingt durch die materielle
Continuität, durch die theilweise stoffliche Gleichheit des
erzeugenden und des gezeugten Organismus, des Kindes und der Eltern.
Andrerseits ist die Anpassung oder Abänderung lediglich
die Folge der materiellen Entwicklungen, welche die Materie des
Organismus durch die denselben umgebende Materie erfährt, in
der weitesten Bedeutung des Worts durch die Lebensbedingungen. Die
Erscheinung der Anpassung, oder Abänderung beruht also auf der
materiellen Wechselwirkung des Organismus und seiner Umgebung oder
seiner Existenzbedingungen, während die Vererbung in der
theilweisen Identität des zeugenden und des erzeugten
Organismus begründet ist. Das sind also die eigentlichen,
einfachen, mechanischen Grundlagen des künstlichen
Züchtungsprocesses.
Darwin frug sich nun: Kommt ein ähnlicher
Züchtungsprozeß in der Natur vor, und giebt es in der Natur
Kräfte, welche die Thätigkeit des Menschen bei der
künstlichen Züchtung ersetzen können? Giebt es ein
natürliches Verhältniß unter den wilden Thieren und
Pflanzen, welches züchtend wirken kann, welches auslesend wirkt
in ähnlicher Weise, wie bei der künstlichen Zuchtwahl oder
Züchtung der planmäßige Wille des Menschen eine
Auswahl übt? Auf die Entdeckung eines solchen
Verhältnisses kam hier allen an und sie gelang Darwin in so
befriedigender Weise, daß wir eben deshalb seine
Züchtungslehre oder Selectionstheorie als vollkommen ausreichend
betrachten, um die Entstehung der wilden Thier- und Pflanzenarten
mechanisch zu erklären. Dasjenige Verhältniß, welches
im freien Naturzustande züchtend und umbildend auf die Formen
der Thiere und Pflanzen einwirkt, bezeichnet Darwin mit dem
Ausdruck: "Kampf um's Dasein" (Struggle for life).
Die Bezeichnung "Kampf um's Dasein" ist vielleicht in mancher
Beziehung nicht ganz glücklich gewählt, und würde
wohl schärfer gefaßt werden können als
"Mitbewerbung um die nothwendigen Existenzbedürfnisse".
Man hat nämlich unter dem "Kampfe um's Dasein" manche
Verhältnisse begriffen, die eigentlich im strengen Sinne nicht
hierher gehören. Zu der Idee des "Struggle for life" gelangte
Darwin, wie aus dem in der letzten Stunde mitgetheilten Briefe
ersichtlich ist, durch das Studium des Buches von Malthus
"über die Bedingung und die Folgen der Volksvermehrung." In
diesem wichtigen Werke wurde der Beweis geführt, daß die
Zahl der Menschen im Ganzen durchschnittlich in geometrischer
Progression wächst, während die Menge ihrer
Nahrungsmittel nur in arithmethischer Progression zunimmt. Aus
diesem Mißverhältnisse entspringen eine Masse von
Uebelständen in der menschlichen Gesellschaft, welche einen
beständigen Wettkampf der Menschen um die Erlangung der
nothwendigen, aber nicht für Alle ausreichenden Unterhaltsmittel
veranlassen.
Darwin's Theorie vom Kampfe um das Dasein ist
gewissermaßen eine allgemeine Anwendung der
Bevölkerungstheorie von Malthus auf die Gesammtheit der
organischen Natur. Sie geht von der Erwägung aus, daß die
Zahl der möglichen organischen Individuen, welche aus den
erzeugten Keimen hervorgehen könnten, viel größer ist,
als die Zahl der wirklichen Individuen, welche thatsächlich
gleichzeitig auf der Erdoberfläche leben; die Zahl der
möglichen oder potentiellen Individuen wird uns gegeben durch
die Zahl der Eier und der ungeschlechtlichen Keime, welche die
Organismen erzeugen. Die Zahl dieser Keime, aus deren jedem unter günstigen
Verhältnissen ein Individuum entstehen könnte, ist sehr viel
größer, als die Zahl der wirklichen oder actuellen Individuen,
d. h. derjenigen, welche wirklich aus diesen Keimen entstehen, zum
Leben gelangen und sich fortpflanzen. Die bei weitem größte
Zahl aller Keime geht in der frühesten Lebenszeit zu Grunde, und
es sind immer nur einzeln bevorzugte Organismen, welche sich
ausbilden können, welche namentlich die erste Jugendzeit
glücklich überstehen und schließlich zur Fortpflanzung
gelangen. Diese wichtige Thatsache wird einfach bewiesen durch die
Vergleichung der Eierzahl bei den einzelnen Arten mit der Zahl der
Individuen, die von diesen Arten leben. Diese Zahlenverhältnisse
zeigen die auffallendsten Widersprüche. Es giebt z. B.
Hühnerarten, welche sehr zahlreiche Eier legen, und die dennoch
zu den seltensten Vögeln gehören; und derjenige Vogel, der
der gemeinste von allen sein soll, der Eissturmvogel (Procellaria
glacialis) legt nur ein einziges Ei. Ebenso ist das
Verhältniß bei anderen Thieren. Es giebt viele, sehr seltene,
wirbellose Thiere, welche eine ungeheure Masse von Eiern legen; und
wieder andere, die nur sehr wenige Eier produciren und doch zu den
gemeinsten Thieren gehören. Denken Sie z. B. an das
Verhältniß, welches sich bei den menschlichen
Bandwürmern findet. Jeder Bandwurm erzeugt binnen kurzer Zeit
Millionen von Eiern, während der Mensch, der den Bandwurm
beherbergt, eine viel geringere Zahl Eier in sich bildet; und dennoch ist
glücklicherweise die Zahl der Bandwürmer viel geringer, als
die der Menschen. Ebenso sind unter den Pflanzen viele prachtvolle
Orchideen, die Tausende von Samen erzeugen, sehr selten, und einige
asterähnliche Pflanzen (Compositen), die nur wenige Samen bilden,
äußerst gemein.
Diese wichtige Thatsache ließe sich noch durch eine ungeheure
Masse anderer Beispiele erläutern. Es bedingt also offenbar nicht
die Zahl der wirklich vorhandenen Keime die Zahl der später in's
Leben tretenden und sich am Leben erhaltenden Individuen, sondern es
ist vielmehr die Zahl dieser letzteren durch ganz andere
Verhältnisse bedingt, zumal durch die Wechselbeziehungen, in
denen sich der Organismus zu seiner organischen, wie anorganischen
Umgebung befindet. Jeder Organismus kämpft von Anbeginn
seiner Existenz an mit einer Anzahl von feindlichen Einflüssen; er
kämpft mit Thieren, welche von diesem Organismus leben, denen
er als natürliche Nahrung dient, mit Raubthieren und mit
Schmarotzerthieren; er kämpft mit anorganischen Einflüssen
der verschiedensten Art, mit Temperatur, Witterung und anderen
Umständen, er kämpft aber (und das ist viel wichtiger!) vor
allem mit den ihm ähnlichsten, gleichartigen Organismen. Jedes
Individuum einer jeden Thier- oder Pflanzenart ist im heftigsten
Wettstreit mit den andern Individuen derselben Art begriffen, die mit
ihm an demselben Orte leben. Die Mittel zum Lebensunterhalt sind in
der Oekonomie der Natur nirgends in Fülle ausgestreut, vielmehr
im Ganzen sehr beschränkt, und nicht entfernt für die Masse
von Individuen ausreichend, die sich aus den Keimen entwickeln
könnte. Daher müssen bei den meisten Thier- und
Pflanzenarten die jugendlichen Individuen es sich sehr sauer werden
lassen, um zu den nöthigen Mitteln des Lebensunterhalts zu
gelangen; und es findet also nothwendiger Weise ein Wettkampf
zwischen denselben um die Erlangung dieser unentbehrlichen
Existenzbedingungen statt.
Dieser große Wettkampf um die Lebensbedürfnisse findet
überall und jederzeit statt, ebenso bei den Menschen und Thieren,
wie bei den Pflanzen, bei welchen auf den ersten Blick dies
Verhältniß nicht so klar am Tage zu liegen scheint. Wenn Sie
ein Feld betrachten, welches sehr zahlreich mit Weizen besäet ist,
so kann von den zahlreichen jungen Weizenpflanzen (vielleicht einigen
Tausenden), die auf einem ganz beschränkten Raume
emporkeimen, nur ein ganz kleiner Bruchtheil sich am Leben erhalten.
Es findet da ein Wettkampf statt um den Bodenraum, den jede Pflanze
braucht, um ihre Wurzel zu befestigen, ein Wettkampf um Sonnenlicht
und Feuchtigkeit. Und ebenso finden Sie bei jeder Thierart, daß alle
Individuen einer und derselben Art mit einander streiten um die
Erlangung der unentbehrlichen Lebensmittel, der Existenzbedingungen
im weitesten Sinne des Worts. Allen sind sie gleich unentbehrlich; aber
nur wenigen werden sie wirklich zu Theil. Alle sind berufen; aber
wenige sind auserwählt! Die Thatsache des großen
Wettkampfes ist ganz allgemein. Sie brauchen bloß Ihren Blick auf
die menschliche Gesellschaft zu lenken, in der ja überall, in allen
verschiedenen Fächern der menschlichen Thätigkeit dieser
Wettkampf ebenfalls existirt, und in welcher auch die freie Concurrenz
der verschiedenen Arbeiter einer und derselben Klasse wesentlich die
Verhältnisse des Wettkampfes regelt. Hier wie überall
schlägt dieser Wettkampf zum Vortheil der Sache aus, zum
Vortheil der Arbeit, welche Gegenstand der Concurrenz ist. Je
größer und allgemeiner der Wettkampf oder die Concurrenz,
desto schneller häufen sich die Verbesserungen und Erfindungen
auf diesem Arbeitsgebiete, desto mehr vervollkommnen sich die
Arbeiter.
Nun ist offenbar die Stellung der verschiedenen Individuen in diesem
Kampfe um das Dasein ganz ungleich. Ausgehend wieder von der
thatsächlichen Ungleichheit der Individuen, müssen wir
überall nothwendig annehmen, daß nicht alle Individuen
einer und derselben Art gleich günstige Aussichten haben. Schon
von vornherein sind dieselben durch ihre verschiedenen Kräfte
und Fähigkeiten verschieden im Wettkampfe gestellt, abgesehen
davon, daß die Existenzbedingungen an jedem Punkt der
Erdoberfläche verschieden sind und verschieden einwirken.
Offenbar waltet hier ein unendlich verwickeltes Getriebe von
Einwirkungen, die im Vereine mit der ursprünglichen Ungleichheit
der Individuen während des bestehenden Wettkampfes um die
Erlangung der Existenzbedingungen einzelne Individuen bevorzugen,
andere benachtheiligen. Die bevorzugten Individuen werden über
die andern den Sieg erlangen, und während die letzteren in mehr
oder weniger früher Zeit zu Grunde gehen, ohne Nachkommen zu
hinterlassen, werden die ersteren allein jene überleben
können und schließlich zur Fortpflanzung gelangen. Indem
also ausschließlich oder doch vorwiegend die im Kampfe um das
Dasein begünstigten Einzelwesen zur Fortpflanzung gelangen,
werden wir (schon allein in Folge dieses Verhältnisses) in der
nächsten Generation, die von dieser erzeugt wird, Unterschiede
von der vorhergehenden wahrnehmen. Es werden schon die Individuen
dieser zweiten Generation, wenn auch nicht alle, doch zum Theile, durch
Vererbung den individuellen Vortheil überkommen haben, durch
welchen ihre Eltern über deren Nebenbuhler den Sieg davon
trugen.
Nun wird aber - und das ist ein sehr wichtiges Vererbungsgesetz -
wenn eine Reihe von Generationen hindurch eine solche Uebertragung
eines günstigen Characters stattfindet, derselbe nicht einfach in
der ursprünglichen Weise übertragen, sondern er wird
fortwährend gehäuft und gestärkt, und er gelangt
schließlich in einer letzten Generation zu einer Stärke, welche
diese Generation schon sehr wesentlich von der ursprünglichen
Stammform unterscheidet. Lassen Sie uns zum Beispiel eine Anzahl von
Pflanzen einer und derselben Art betrachten, die an einem sehr
trockenen Standort zusammenwachsen. Da die Haare der Blätter
für die Aufnahme von Feuchtigkeit aus der Luft sehr
nützlich sind, und da die Behaarung der Blätter sehr
veränderlich ist, so werden an diesem ungünstigen
Standorte, wo die Pflanzen direct mit dem Mangel an Wasser zu
kämpfen und dann noch einen Wettkampf unter einander um die
Erlangung des Wassers bestehen, die Individuen mit den dichtest
behaarten Blättern bevorzugt sein. Diese werden allein aushalten,
während die andern, mit kahleren Blättern, zu Grunde
gehen; die behaarteren werden sich fortpflanzen und die
Abkömmlinge derselben werden sich durchschnittlich durch
dichte und starke Behaarung mehr auszeichnen als es bei den
Individuen der ersten Generation der Fall war. Geht dieser Prozeß
an einem und demselben Orte mehrere Generationen fort, so entsteht
schließlich eine solche Häufung des Characters, eine solche
Vermehrung der Haare auf der Blattoberfläche, daß eine ganz
neue Art vorzuliegen scheint. Dabei ist zu berücksichtigen,
daß in Folge der Wechselbeziehungen aller Theile des Organismus
zu einander in der Regel nicht ein einzelner Theil sich verändern
kann, ohne zugleich Aenderungen in anderen Theilen nach sich zu
ziehen. Wenn also im letzten Beispiel die Zahl der Haare auf den
Blättern bedeutend zunimmt, so wird dadurch wahrscheinlich
Nahrungsmaterial andern Theilen entzogen; das Material, welches zur
Blüthenbildung oder vielleicht Samenbildung verwendet werden
könnte, wird verringert, und es wird dann also die geringere
Größe der Blüthe oder des Samens die mittelbare oder
indirecte Folge des Kampfes um's Dasein werden, welcher zunächst
nur eine Veränderung der Blätter bewirkte. Es wirkt also in
diesem Falle der Kampf um das Dasein züchtend und umbildend.
Das Ringen der verschiedenen Individuen um die Erlangung der
nothwendigen Existenzbedingungen, oder im weitesten Sinne
gefaßt, die Wechselbeziehungen der Organismen mit ihrer
gesammten Umgebung, bewirken Formveränderungen, wie sie im
Culturzustande durch die Thätigkeit des züchtenden
Menschen hervorgebracht werden.
Es wird Ihnen auf den ersten Blick dieser Gedanke vielleicht sehr
unbedeutend und kleinlich erschienen, und Sie werden nicht geneigt
sein der Thätigkeit jenes Verhältnisses ein solches Gewicht
einzuräumen, wie dasselbe in der That besitzt. Ich muß mir
daher vorbehalten, in einem spätern Vortrage an weiteren
Beispielen das ungeheuer weit reichende Umgestaltungsvermögen
der natürlichen Züchtung Ihnen vor Augen zu führen.
Vorläufig beschränke ich mich darauf, Ihnen nochmals die
beiden Vorgänge der künstlichen und natürlichen
Züchtung neben einander zu stellen und Uebereinstimmung und
Unterschied in beiden Züchtungsprozessen scharf gegen einander
zu halten.
Natürliche sowohl, als künstliche Züchtung sind
ganz einfache, natürliche, mechanische Lebensverhältnisse,
welche auf der Wechselwirkung zweier physiologischer
Functionen beruhen, nämlich der Anpassung und der
Vererbung, Functionen, die als solche wieder auf physikalische
und chemische Eigenschaften der organischen Materie
zurückzuführen sind. Ein Unterschied beider
Züchtungsformen besteht darin, daß bei der
künstlichen Züchtung der Wille des Menschen
planmäßig die Auswahl oder Auslese betreibt,
während bei der natürlichen Züchtung der Kampf um
das Dasein (jenes allgemeine Wechselverhältniß der
Organismen) planlos wirkt, aber übrigens ganz dasselbe
Resultat erzeugt, nämlich eine Auswahl oder Selection besonders
gearteter Individuen zur Nachzucht. Die Veränderungen, welche
durch die Züchtung hervorgebracht werden, schlagen bei der
künstlichen Züchtung zum Vortheil des züchtenden
Menschen aus, bei der natürlichen Züchtung dagegen
zum Vortheil des gezüchteten Organismus selbst, wie es in
der Natur der Sache liegt.
Das sind die wesentlichsten Unterschiede und Uebereinstimmungen
zwischen beiderlei Züchtungsarten. Es ist dann aber ferner noch zu
berücksichtigen, daß ein weiterer Unterschied in der
Zeitdauer besteht, welche für den Züchtungsprozeß der
beiderlei Arten erforderlich ist. Der Mensch vermag bei der
künstlichen Zuchtwahl in viel kürzerer Zeit sehr bedeutende
Veränderungen hervorzubringen, während bei der
natürlichen Zuchtwahl Aehnliches erst in viel längerer Zeit
zu Stande gebracht wird. Das beruht darauf, daß der Mensch die
Auslese viel sorgfältiger betreiben kann. Der Mensch kann unter
einer großen Anzahl von Individuen mit der größten
Sorgfalt Einzelne herauslesen, die übrigen ganz fallen lassen, und
bloß die Bevorzugten zur Fortpflanzung verwenden, während
das bei der natürlichen Zuchtwahl nicht der Fall ist. Da werden
sich neben den bevorzugten, zuerst zur Fortpflanzung gelangenden
Individuen, auch noch Einzelne oder Viele von den übrigen,
weniger ausgezeichneten Individuen, neben den erstern fortpflanzen.
Ferner ist der Mensch im Stande, die Kreuzung zu verhüten
zwischen der ursprünglichen und der neuen Form, die bei der
natürlichen Züchtung oft nicht zu vermeiden ist. Die
natürliche Züchtung wirkt daher sehr viel langsamer; sie
erfordert viel längere Zeiträume, als der künstliche
Züchtungsprozeß. Aber eine wesentlich Folge dieses
Unterschiedes ist, daß dann auch das Product der künstlichen
Zuchtwahl viel leichter wieder verschwindet, und die neu erzeugte Form
in die ältere zurückschlägt, während das bei der
natürlichen Züchtung nicht der Fall ist. Die neuen Arten der
Species, welche aus der natürlichen Züchtung entstehen,
erhalten sich viel constanter, schlagen viel weniger leicht in die
Stammform zurück, als es bei den künstlichen
Züchtungsproducten der Fall ist, und sie erhalten auch
demgemäß sich eine viel längere Zeit hindurch
beständig, als die künstlichen Rassen, die der Mensch
erzeugt. Aber das sind nur untergeordnete Unterschiede, die sich durch
die verschiedenen Bedingungen der natürlichen und der
künstlichen Auslese erklären, und die auch wesentlich nur
die Zeitdauer betreffen. Das Wesen der Formveränderung, und die
Mittel, durch welche sie erzeugt wird, sind bei der künstlichen und
natürlichen Züchtung ganz dieselben. (Gen. Morph. II., 248).
Die gedankenlosen und beschränkten Gegner Darwin's
werden nicht müde zu behaupten, daß seine Selectionstheorie
eine bodenlose Vermuthung, oder wenigstens eine Hypothese sei, welche
erst bewiesen werden müsse. Daß diese Behauptung
vollkommen unbegründet ist, können Sie schon aus den so
eben erörterten Grundzügen der Züchtungslehre selbst
entnehmen. Darwin nimmt als wirkende Ursachen für die
Umbildung der organischen Gestalten keinerlei unbekannte
Naturkräfte oder hypothetische Verhältnisse an, sondern
einzig und allein die allgemein bekannten Lebensthätigkeiten aller
Organismen, welche wir als Vererbung und Anpassung
bezeichnen. Jeder physiologisch gebildete Naturforscher weiß,
daß diese beiden Functionen unmittelbar mit den
Thätigkeiten der Fortpflanzung und Ernährung
zusammenhängen, und gleich allen anderen Lebenserscheinungen
mechanische Lebensprozesse sind, d. h. auf Bewegungserscheinungen
der organischen Materie beruhen. Daß die Wechselwirkung dieser
beiden Functionen an einer beständigen langsamen Umbildung der
organischen Formen arbeitet, und daß diese zur Entstehung neuer
Arten führt, wird mit Nothwendigkeit durch den Kampf um's
Dasein bedingt. Dieser ist aber ebenso wenig ein hypothetisches oder
des Beweises bedürftiges Verhältniß, als jene
Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung. Vielmehr ist der Kampf
um's Dasein eine mathematische Nothwendigkeit, welche aus dem
Mißverhältniß zwischen der beschränkten Zahl
der Stellen im Naturhaushalt und der übermäßigen Zahl
der organischen Keime entspringt. Die Entstehung neuer Arten durch die
natürliche Züchtung, oder was dasselbe ist, durch die
Wechselwirkung der Vererbung und Anpassung im Kampfe um's Dasein,
ist mithin eine mathematische Naturnothwendigkeit, welche
keines weiteren Beweises bedarf.
Die natürliche Züchtung benutzt, wie Sie sehen, die
einfachsten mechanischen Mittel, um die mannichfaltige Umbildung der
Arten hervorzubringen. Ich kann nicht erwarten, daß Ihnen schon
jetzt die mächtige Wirksamkeit dieses einfachen Vorganges, der
durch die Gesetze der Vererbung und Anpassung, sowie durch den
Kampf um das Dasein bedingt ist, hinlänglich einleuchtet; um
dieselbe richtig zu würdigen, ist zunächst eine eingehende
Betrachtung der beiden wichtigen Erscheinungsreihen der Vererbung
und der Anpassung erforderlich.
Achter Vortrag.
Vererbung und Fortpflanzung.
(Siehe Inhaltsverzeichniß...)
Meine Herren! Als die formbildende Naturkraft, welche die
verschiedenen Gestalten der Thier- und Pflanzenarten erzeugt, haben
Sie in dem letzten Vortrage nach Darwin's Theorie die
natürliche Züchtung kennen gelernt. Wir verstanden
unter diesem Ausdruck die allgemeine Wechselwirkung, welche im
Kampfe um das Dasein zwischen der Erblichkeit und der
Veränderlichkeit der Organismen stattfindet; zwischen zwei
physiologischen Functionen, welche allen Thieren und Pflanzen
eigenthümlich sind, und welche sich auf andere
Lebensthätigkeiten, auf die Functionen der Fortpflanzung und
Ernährung zurückführen lassen. Alle die
verschiedenen Formen der Organismen, welche man gewöhnlich
geneigt ist, als Producte einer zweckmäßig thätigen
Schöpferkraft anzusehen, konnten wir nach jener
Züchtungstheorie auffassen als die nothwendigen Producte der
zwecklos wirkenden natürlichen Züchtung, der
unbewußten Wechselwirkung zwischen jenen beiden Eigenschaften
der Veränderlichkeit und der Erblichkeit. Bei der
außerordentlichen Wichtigkeit, welche diesen Lebenseigenschaften
der Organismen demgemäß zukommt, müssen wir
zunächst dieselben etwas näher in das Auge fassen, und wir
wollen uns heute mit der Erblichkeit und der Vererbung
beschäftigen (Gen. Morph. II., 170-191).
Genau genommen müssen wir unterscheiden zwischen der
Erblichkeit und der Vererbung. Die Erblichkeit (Atavismus)
ist die Vererbungskraft, die Fähigkeit der Organismen, ihre
Eigenschaften auf ihre Nachkommen durch die Fortpflanzung zu
übertragen. Die Vererbung (Hereditas) dagegen
bezeichnet die wirkliche Ausübung dieser Fähigkeit, die
thatsächlich stattfindende Uebertragung.
Erblichkeit und Vererbung sind so allgemeine, alltägliche
Erscheinungen, daß die meisten Menschen dieselben
überhaupt nicht beachten, und daß die wenigsten geneigt
sind, besondere Reflexionen über den Werth und die Bedeutung
dieser Lebenserscheinungen auzustellen. Man findet es allgemein ganz
natürlich und selbstverständlich, daß jeder Organismus
seines Gleichen erzeugt, und daß die Kinder den Eltern im Ganzen
wie im Einzelnen ähnlich sind. Gewöhnlich pflegt man die
Erblichkeit nur in jenen Fällen hervorzuheben und zu besprechen,
wo sie eine besondere Eigenthümlichkeit betrifft, die an einem
menschlichen Individuum, ohne ererbt zu sein, zum ersten Male auftrat
und von diesem auf seine Nachkommen übertragen wurde. In
besonders auffallendem Grade zeigt sich so die Vererbung bei
bestimmten Krankheiten und bei ganz ungewöhnlichen und
unregelmäßigen (monströsen) Abweichungen von der
gewöhnlichen Körperbildung.
Unter diesen Fällen von Vererbung monströser
Abänderungen sind besonders lehrreich diejenigen, welche eine
abnorme Vermehrung oder Verminderung der Fünfzahl der
menschlichen Finger und Zehen betreffen. Es kommen nicht selten
menschliche Familien vor, in denen mehrere Generationen hindurch 6
Finger an jeder Hand oder 6 Zehen an jedem Fuße beobachtet
werden. Seltener sind die Beispiele von Siebenzahl oder von Vierzahl
der Finger und Zehen, die ebenfalls Generationen hindurch vererbt wird.
In diesen Fällen geht die ungewöhnliche Bildung immer
zuerst von einem einzigen Individuum aus, welches aus unbekannten
Ursachen mit einem Ueberschuß über die gewöhnliche
Fünfzahl der Finger und Zehen geboren wird und diesen durch
Vererbung auf einen Theil seiner Nachkommen überträgt. In
einer und derselben Familie kann man die Sechszahl der Finger und
Zehen durch drei, vier und mehr Generationen hindurch verfolgen. In
einer spanischen Familie waren nicht weniger als 40 Individuen durch
diese Ueberzahl ausgezeichnet. In allen Fällen ist die Vererbung
der sechsten überzähligen Zehe oder des sechsten Fingers
nicht bleibend und durchgreifend, weil die sechsfingerigen Menschen
sich immer wieder fünffingerigen vermischen. Würde eine
sechsfingerige Familie sich in reiner Inzucht fortpflanzen, würden
sechsfingerige Männer immer nur sechsfingerige Frauen
heirathen, so würde durch Fixierung dieses Characters eine
besondere sechsfingerige Menschenart entstehen. Da aber die
sechsfingerigen Männer immer fünffingerige Frauen
heirathen, und umgekehrt, so zeigt ihre Nachkommenschaft meistens
sehr gemischte Zahlenverhältnisse und schlägt
schließlich nach Verlauf einiger Generationen wieder in die
normale Fünfzahl zurück. So können z. B. von 8
Kindern eines sechsfingerigen Vaters und einer fünffingerigen
Mutter 3 Kinder an allen Händen und Füßen 6 Finger
und 6 Zehen haben, 3 Kinder auf der einen Seite 5, auf der andern 6,
und zwei Kinder überall die gewöhnliche Fünfzahl. In
einer spanischen Familie hatten sämmtliche Kinder bis auf das
Jüngste an Händen und Füßen die Sechszahl; nur
das Jüngste hatte überall fünf Finger und Zehen, und
der sechsfingerige Vater des Kindes wollte dieses letzte daher nicht als
das seinige anerkennen.
Sehr auffallend zeigt sich ferner die Vererbungskraft in der Bildung
und Färbung der menschlichen Haut und Haare. Es ist allbekannt,
wie genau in vielen menschlichen Familien eine eigenthümliche
Beschaffenheit des Hautsystems, z. B. eine besonders weiche oder
spröde Haut, eine Besondere Ueppigkeit des Haarwuchses, eine
besondere Farbe und Größe der Augen u. s. w. viele
Generationen hindurch forterbt. Ebenso werden locale Auswüchse
und Flecke der Haut, sogenannte Muttermaale, Leberflecke und andere
Pigmentanhäufungen, die an bestimmten Stellen vorkommen, gar
nicht selten mehrere Generationen hindurch so genau vererbt, daß
sie bei den Nachkommen an den selben Stellen sich zeigen, an denen sie
bei den Eltern vorhanden waren. Besonders berühmt geworden
sind die Stachelschweinmenschen aus der Familie Lambert, welche im
vorigen Jahrhundert in London lebte. Edward Lambert, der 1717
geboren wurde, zeichnete sich durch eine ganz ungewöhnliche und
monströse Bildung der Haut aus. Der ganze Körper war mit
einer zolldicken hornartigen Kruste bedeckt, welche sich in form
zahlreicher stachelförmiger und schuppenförmiger
Fortsätze (bis über einen Zoll lang) erhob. Diese
monströse Bildung der Oberhaut oder Epidermis vererbte Lambert
auf seine Söhne und Enkeln, aber nicht auf die Enkelinnen. Die
Uebertragung blieb also hier in der männlichen Linie, wie es auch
sonst oft der Fall ist. Ebenso vererbt sich übermäßige
Fettentwicklung an gewissen Körperstellen oft nur innerhalb der
weiblichen Linie. Wie genau sich die charakteristische Gesichtsbildung
erblich überträgt , braucht wohl kaum erinnert zu werden;
bald bleibt dieselbe innerhalb der männlichen, bald innerhalb der
weiblichen Linie; bald vermischt sie sich in beiden Linien.
Sehr lehrreich und allbekannt sind ferner die
Vererbungserscheinungen pathologischer Zustände, besonders der
menschlichen Krankheitsformen. Es sind insbesondere bekanntlich
Krankheiten der Athmungsorgane und des Nervensystems, welche sich
sehr leicht erblich übertragen. Sehr häufig tritt
plötzlich in einer sonst gesunden Familie eine derselben bisher
unbekannte Erkrankung auf; sie wird erworben durch äußere
Ursachen, durch krankmachende Lebensbedingungen. Diese Krankheit,
welche bei einem einzelnen Individuum durch äußere
Ursachen bewirkt wurde, pflanzt sich von diesem auf seine
Nachkommen fort, und diese haben nun alle oder zum Theil an
derselben Krankheit zu leiden. Bei Lungenkrankheiten, z. b.
Schwindsucht, ist dieses traurige Verhältniß der Erblichkeit
allbekannt, ebenso bei Leberkrankheiten, bei Geisteskrankheiten. Diese
letzteren sind von ganz besonderem Inderesse. Ebenso wie besondere
Characterzüge des Menschen, Stolz, Ehrgeiz, Dummheit, Leichtsinn
u. s. w. streng durch Vererbung auf die Nachkommenschaft
übertragen werden, so gilt das auch von den besonderen,
abnormen Aeußerungen der Seelenthätigkeit, welche man als
fixe Ideen, Schwermuth, Blödsinn und überhaupt als
Geisteskrankheiten bezeichnet. Es zeigt sich hier deutlich und
unwiderleglich, daß die Seele des Menschen, ebenso wie die Seele
der Thiere, eine rein mechanische Thätigkeit, eine physiologische
Bewegungserscheinung der Gehirntheilchen ist, und daß sie mit
ihrem Substrate, ebenso wie jede andere Körpereigenschaft, durch
die Fortpflanzung materiell übertragen, vererbt wird.
Diese äußerst wichtige und unleugbare Thatsache erregt,
wenn man sie ausspricht, gewöhnlich großes Aergerniß,
und doch wird sie eigentlich stillschweigend allgemein anerkannt. Denn
worauf beruhen die Vorstellungen von der "Erbsünde", der
"Erbweisheit", dem "Erbadel" u. s. w. Anders, als auf der Ueberzeugung,
daß die menschliche Geistesbeschaffenheit durch die
Fortpflanzung - also durch einen rein materiellen Vorgang! -
körperlich von den Eltern auf die Nachkommen
übertragen wird? - Die Anerkennung dieser großen
Bedeutung der Erblichkeit äußert sich in einer Menge von
menschlichen Einrichtungen, wie z. B. in der Kasteneintheilung vieler
Völker in Kriegerkasten, Priesterkasten, Arbeiterkasten u s. w.
Offenbar beruht ursprünglich die Einrichtung solcher Kasten auf
der Vorstellung von der hohen Wichtigkeit erblicher Vorzüge,
welche gewissen Familien beiwohnten, und von denen man voraussetzte,
daß sie immer wieder von den Eltern auf die Nachkommen
übertragen werden würden. Die Einrichtung des erblichen
Adels und der erblichen Monarchie ist zweifelohne auf die Vorstellung
einer solchen Vererbung zurückzuführen. Allerdings sind es
leider nicht nur die Tugenden, sondern auch die Laster, welche vererbt
werden, und wenn Sie in der Weltgeschichte die verschiedenen
Individuen der einzelnen Dynastien vergleichen, so werden Sie zwar
überall eine große Anzahl von Beweisen für die
Erblichkeit auffinden können, aber weniger für die
Erblichkeit der Tugenden, als der entgegengesetzten Eigenschaften.
Denken Sie z. B. nur an die römischen Kaiser, an die Julier und die
Claudier, oder an die Bourbonen in Frankreich, Spanien und Italien!
In der That dürfte kaum irgendwo eine solche Fülle von
schlagenden Beweisen für die merkwürdige Vererbung der
feinsten körperlichen und geistigen Züge gefunden werden,
als in der Geschichte der regierenden Häuser in den erblichen
Monarchien. Ganz gesonders gilt dies mit Bezug auf die vorher
erwähnten Geisteskrankheiten. Gerade in den regierenden
Familien sind Geisteskrankheiten in ungewöhnlichem Maße
erblich. Schon der berühmte Irrenarzt Esquirol wies nach,
daß das Verhältniß der Geisteskranken in den
regierenden Häusern gegenüber denjenigen in der
gewöhnlichen Bevölkerung sich verhält, wie 60 : 1, d.
h. daß Geisteskrankheit in den bevorzugten Familien der
reigerenden Häuser sechzig mal so häufig vorkommt, als in
der gewöhnlichen Menschheit. Würde eine gleiche genaue
Statistik auch für den erblichen Adel durchgeführt, so
dürfte sich leicht herausstellen, daß auch dieser ein ungleich
größeres Contingent von Geisteskranken stellt, als die
gemeine, nichtadelige Menschheit. Diese Erscheinung wird uns kaum
mehr wundern, wenn wir bedenken, welchen Nachtheil sich diese
privilegierten Kasten selbst durch ihre unnatürliche einseitige
Erziehung und durch ihre künstliche Absperrung von der
übrigen Menschheit zufügen. Es werden dadurch manche
dunkle Schattenseiten der menschlichen Natur besonders entwickelt,
gleichsam künstlich gezüchtet, und pflanzen sich nun nach
den Vererbungsgesetzen mit immer verstärkter Kraft und
Einseitigkeit durch die Reihe der Generationen fort.
Wie sich in der Generationsfolge mancher Dynastien, z. b. der
sächsisch-thüringischen Fürsten, der Medicäer,
die edle Vorliebe für die höchsten menschlichen
Thätigkeiten, für Wissenschaft und Kunst, und in Folge
dessen die schönste Lichtseite der menschlichen Natur, humaner
Eifer für Freiheit, Wohlstand und Bildung des ganzen Volkes durch
viele Generationen erblich überträgt und erhält, wie
dagegen in vielen anderen Dynastien Jahrhunderte hindurch eine
besondere Neigung für das Kriegshandwerk, für
Unterdrückung der menschlichen Freiheit und für andere
rohe Gewalthätigkeiten vererbt wird, ist aus der
Völkergeschichte Ihnen hinreichend bekannt. Ebenso vererben
sich in manchen Familien viele Generationen hindurch ganz bestimmte
Fähigkeiten für einzelne Geistesthätigkeiten, z. B.
Mathematik, Dichtkunst, Tonkunst, bildende Kunst, Medicin,
Naturforschung, Philosophie u. s. w. In der Familie Bach hat es
nicht weniger als 22 hervorragende musikalische Talente gegeben.
Natürlich beruht die Vererbung solcher
Geisteseigenthümlichkeiten, wie die Vererbung der
Geisteseigenschaften überhaupt, auf dem matierellen Vorgang der
Zeugung. Es ist hier die Lebenserscheinung, die
Kraftäußerung unmittelbar (wie überall in der Natur)
verbunden mit bestimmten Mischungsverhältnissen des Stoffes,
und die Mischung des Stoffes ist es, welche bei der Zeugung
übertragen wird.
Bevor wir nun die verschiedenen und zum Theil sehr interessanten
und bedeutenden Gesetze der Vererbung näher untersuchen,
wollen wir über die eigentliche Natur dieses Vorganges uns
verständigen. Man pflegt vielfach die Erblichkeitserscheinungen
als etwas ganz Räthselhaftes anzusehen, als eigenthümliche
Vorgänge, welche durch die Naturwissenschaft nicht
ergründet, in ihren Ursachen und eigentlichem Wesen nicht
erfaßt werden könnten. Man pflegt gerade hier sehr
allgemein übernatürliche Einwirkungen anzunehmen. Es
läßt sich aber schon jetzt, bei dem heutigen Zustande der
Physiologie, mit vollkommner Sicherheit nachweisen, daß alle
Erblichkeitserscheinungen durchaus natürliche Vorgänge
sind, daß sie durch mechanische Ursachen bewirkt werden, und
daß sie auf materiellen Bewegungserscheinungen im Körper
der Organismen beruhen, welche wir als Theilerscheinungen der
Fortpflanzung betrachten können. Alle Erblichkeitserscheinungen
und Vererbungsgesetze lassen auf die die materiellen Vorgänge
der Fortpflanzung zurückführen.
Jeder einzelne Organismus, jedes lebendige Individuum verdankt sein
Dasein entweder einem Acte der elternlosen Zeugung oder
Urzeugung (Generatio spontanea, Archigonia)
oder einem Acte der elterlichen Zeugung oder
Fortpflanzung (Generatio parentalis, Tocogonia). Auf
die Urzeugung oder Archigonie werden wir in einem späteren
Vortrage zurückkommen. Jetzt haben wir uns nur mit der
Fortpflanzung oder Tocogonie zu beschäftigen, deren nähere
Betrachtung für das Verständniß der Vererbung von
der größten Wichtigkeit ist. Die Meisten von Ihnen werden
von den Fortpflanzungserscheinungen wahrscheinlich nur diejenigen
kennen, welche Sie allgemein bei den höheren Pflanzen und
Thieren beobachten, die Vorgänge der geschlechtlichen
Fortpflanzung oder der Amphigonie. Viel weniger allgemein bekannt
sind die Vorgänge der ungeschlechtlichen Fortpflanzung oder
Monogonie. Gerade diese sind aber bei weitem mehr als die
vorhergehenden geeignet, ein erklärendes Licht auf die Natur der
mit der Fortpflanzung zusammenhängenden Vererbung zu werfen.
Aus diesem Grunde ersuche ich Sie, jetzt zunächst bloß die
Erscheinungen der ungeschlechtlichen oder monogonen
Fortpflanzung (Monogonia) in das Auge zu fassen. Diese tritt in
mannichfach verschiedener Form auf, als Selbsttheilung, Knospenbildung
und Keimzellen- oder Sporenbildung (Gen. Morph. II., 36 - 58). Am
lehrreichsten ist es hier, zunächst die Fortpflanzung bei den
einfachsten Organismen zu betrachten, welche wir kennen, und auf
welche wir später bei der Frage nach der Urzeugung
zurückommen müssen. Diese allereinfachsten uns bis jetzt
bekannten, und zugleich die denkbar einfachsten Organismen sind die
Moneren: sehr kleine lebendige Körperchen, welche
eigentlich streng genommen den Namen des Organismus gar nicht
verdienen. Denn die Bezeichnung "Organismus" für die lebendigen
Wesen beruht auf der Vorstellung, daß jeder belebte
Naturkörper aus Organen zusammengesetzt ist, aus
verschiedenartigen Theilen, die als Werkzeuge, ähnlich den
verschiedenen Theilen einer künstlichen Maschine, in einander
greifen und zusammenwirken, um die Thätigkeit des Ganzen
hervorzubringen. Nun haben wir aber in den Moneren
während der letzten Jahre Organismen kennen gelernt, welche in
der That nicht aus Organen zusammengesetzt sind, sondern ganz und gar
aus einer structurlosen, einfachen, gleichartigen Materie bestehen.
(Vergl. Fig. 1. auf S. 144). Der ganze Körper dieser Moneren ist
zeitlebens weiter Nichts, als ein formloses bewegliches
Schleimklümpchen, das aus einer eiweißartigen
Kohlenstoffverbindung besteht. Einfachere, unvollkommnere
Organismen sind gar nicht denkbar. Die Moneren leben zum Theil im
Süßwasser (Protamoeba, Protomonas,
Vampyrella), zum Theil im Meere (Protogenes,
Protomyxa, Myxastrum) 15). Im Ruhezustande
erscheint jedes Moner als ein kleines Schleimkügelchen, für
das unbewaffnete Auge nicht sichtbar oder eben sichtbar,
höchstens von der Größe eines Stecknadelkopfes. Wenn
das Moner sich bewegt, bilden sich an der Oberfläche der kleinen
Schleimkugel formlose fingerartige Fortsätze oder sehr feine
strahlende Fäden, sogenannte Scheinfüße oder
Pseudopodien. Diese Scheinfüße sind einfache, unmittelbare
Fortsetzungen der eiweißartigen schleimigen Masse, aus der der
ganze Körper besteht. Bei der stärksten
Vergrößerung, mit unseren schärfsten Instrumenten
untersucht, stellt der gesammte Körper der Moneren immer nur
eine strukturlose, vollkommen gleichartige Masse dar. Wir sind nicht im
Stande, verschiedenartige Theile in demselben wahrzunehmen, und wir
können den directen Beweis für die absolute Einfachheit der
festflüssigen Eiweißmasse dadurch führen, daß
wir die Nahrungsaufnahme der Moneren verfolgen. Wenn kleine
Körperchen, die zur Ernährung derselben tauglich sind, z. B.
kleine Theilchen von zerstörten organischen Körpern, oder
mikroskopische Pflänzchen und Infusionsthierchen, zufällig
in Berührung mit den Moneren kommen, so bleiben sie an der
klebrigen Oberfläche des festflüssigen
Schleimklümpchens hängen, erzeugen hier einen Reiz,
welcher stärkeren Zufluß der schleimigen Körpermasse
zur Folge hat, und werden endlich ganz von dieser umschlossen; oder sie
werden durch Verschiebungen der Eiweißtheilchen des
Monerenkörpers in diesen hineingezogen und dort verdaut, durch
einfache Diffusion (Endosmose) ausgesogen. Ebenso einfach wie die
Ernährung, ist die Fortpflanzung dieser Urwesen, die man
eigentlich weder Thiere noch Pflanzen nennen kann. Alle Moneren
pflanzen sich nur auf dem ungeschlechtlichen Wege fort, durch
Monogonie; und zwar im einfachsten Falle durch diejenige Art der
Monogonie, welche wir an die Spitze der verschiedenen
Fortpflanzungsformen stellen, durch Selbsttheilung. Wenn ein solches
Klümpchen, z. B. eine Protamoeba oder ein Protogenes,
eine gewisse Größe durch Aufnahme fremder
Eiweißmaterie erhalten hat, so zerfällt es in zwei
Stücke; es bildet sich eine Einschnürung, welche
ringförmig herumgeht, und schließlich zur Trennung der
beiden Hälften führt. (Vergl. Fig. 1 auf nächster Seite).
Jede Hälfte rundet sich alsbald ab und erscheint nun als ein
selbständiges Individuum, welches das einfache Spiel der
Lebenserscheinungen, Ernährung und Fortpflanzung, von Neuen
beginnt. Bei anderen Moneren (Vampyrella) zerfällt der
Körper bei der Fortpflanzung nicht in zwei, sondern in vier gleiche
Stücke, und bei noch anderen (Protomonas,
Protomyxa, Myxastrum) sogleich in eine große Anzahl
von kleinen Schleimkügelchen, deren jedes durch einfaches
Wachsthum dem elterlichen Körper wieder gleich wird. Es zeigt
sich hier deutlich, daß der Vorgang der Fortpflanzung weiter
Nichts ist, als ein Wachsthum des Organismus über sein
individuelles Maaß hinaus.
Die einfache Fortpflanzungsweise der Moneren durch Selbsttheilung
ist eigentlich die allgemeinste und weitest verbreitete von allen
verschiedenen Fortpflanzungsarten; denn durch denselben einfachen
Prozeß der Theilung pflanzen sich auch die Zellen fort,
diejenigen einfachen organischen Individuuen, welche in sehr
großer Zahl den Körper der allermeisten Organismen, den
menschlichen Körper nicht ausgenommen, zusammensetzen.
Abgesehen von den Organismen niedersten Ranges, welche noch nicht
einmal den Formwerth einer Zelle haben (Moneren), oder zeitlebens eine
einfache Zelle darstellen (viele Protisten und einzellige Pflanzen), ist der
Körper jedes organischen Individuums aus einer großen
Anzahl von Zellen zusammengesetzt.
{Fig. 1. Fortpflanzung eines einfachsten Organismus, eines Moneres,
durch Selbsttheilung. A. Das ganze Moner, eine Protamoeba, B.
Dieselbe zerfällt durch eine mittlere Einschnürung in zwei
Hälften. C. Jede der beiden Hälften hat sich von der andern
getrennt und stellt nun ein selbstständiges Individuum dar.}
Jede organische Zelle ist bis zu einen gewissen Grade ein
selbstständiger Organismus, ein sogenannter
"Elementarorganismus" oder ein "Individuum erster Ordnung". Jeder
höhere Organismus ist gewissermaßen eine Gesellschaft oder
ein Staat von solchen vielgestaltigen, durch Arbeitstheilung
mannichfaltig ausgebildeten Elementarindividuen. Ursprünglich ist
jede organische Zelle auch nur ein einfaches Schleimklümpchen,
gleich einem Moner, jedoch von diesem dadurch verschieden, daß
die gleichartige Eiweißmasse in zwei verschiedene Bestandtheile
sich gesondert hat: ein inneres festeres Eiweißkörperchen,
den Zellenkern (Nucleus), und einen äußeren,
weicheren Eiweißkörper, den Zellstoff
(Protoplasma). Außerdem bilden viele Zellen späterhin
noch einen dritten (jedoch häufig fehlenden) Formbestandtheil,
indem sie sich einkapseln, eine äußere Hülle oder
Zellhaut (Membrana) ausschwitzen. Alle übrigen
Formbestandtheile, die sonst noch an den Zellen vorkommen, sind von
untergeordneter Bedeutung und interessiren uns hier weiter nicht.
Ursprünglich ist auch jeder mehrzellige Organismus eine
einfache Zelle, und er wird erst dadurch mehrzellig, daß jene Zelle
sich durch Theilung fortpflanzt, und daß die so entstehenden neuen
Zellenindividuen beisammen bleiben und durch Arbeitstheilung eine
Gemeinde oder einen Staat bilden. Die Formen und Lebenserscheinungen
aller mehrzelligen Organismen sind lediglich die Wirkung oder der
Ausdruck der gesammten Formen und Lebenserscheinungen aller
einzelnen sie zusammensetzenden Zellen. Das Ei, aus welchem sich die
meisten Thiere entwickeln, ist eine einfache Zelle, ebenso das
sogenannte Keimbläschen oder Embryobläschen, aus
welchem sich die meisten Pflanzen entwickeln.
{Fig. 2. Fortpflanzung eines einzelligen Organismus, einer
Amoeba, durch Selbsttheilung. A. die eingekapselte
Amoeba, eine einfache kugelige Zelle, bestehend aus einem
Protoplasmaklumpen (b), welcher einen Kern (a)
einschließt, und von einer Zellhaut oder Kapsel umgeben ist.
B. Die freie Amoeba, welche die Cyste oder Zellhaut
gesprengt und verlassen hat. C. Dieselbe beginnt sich zu theilen,
indem ihr Kern in zwei Kerne zerfällt und der Zellstoff zwischen
beiden sich einschnürt. D. Die Theilung ist vollendet, indem
auch der Zellstoff vollständig in zwei Hälften zerfallen ist
(Da und Db). }
Die einzelligen Organismen, d. h. diejenigen, welche zeitlebens den
Formwerth einer einzigen Zelle beibehalten, z. b. die Amoeben
(Fig. 2), pflanzen sich in der Regel auf die einfachste Weise durch
Theilung fort. Dieser Prozeß unterscheidet sich von der vorher bei
den Moneren beschriebenen Selbsttheilung nur dadurch, daß
zunächst der festere Zellkern (Nucleus) duch
Einschnürung in zwei Hälften zerfällt. Die beiden
jungen Kerne entfernen sich von einander und wirken nun wie zwei
verschiedene Anziehungspunkte auf die umgebende weichere
Eiweißmasse, den Zellstoff (Protoplasma). Dadurch
zerfällt schließlich auch dieser in zwei Hälften, und es
sind nun zwei neue Zellen vorhanden, welche der Mutterzelle gleich
sind. War die Zelle von einer Membran umgeben, so theilt sich diese
entweder nicht, wie bei der Eifurchung (Fig. 3, 4), oder sie folgt passiv
der activen Einschnürung des Protoplasma, oder es wird von jeder
jungen Zelle eine neue Haut ausgeschwitzt.
Ganz ebenso wie die selbstständigen einzelligen Organismen, z.
B. Amoeba (Fig. 2), pflanzen sich nun auch die
unselbstständigen Zellen fort, welche in Gemeinden oder Staaten
vereinigt bleiben und so den Körper der höheren
Organismen zusammensetzen. Ebenso vermehren sich auch durch
einfache Theilung die Zellen, welche als Eier den meisten Thieren, als
Embryobläschen den meisten Pflanzen den Ursprung geben. Wenn
sich nun aus einem Ei ein Thier, z. B. ein Säugethier (Fig. 3, 4)
entwickelt,
{Fig. 3. Ei eines Säugethiers (eine einfache Zelle). a
Kernkörperchen oder Nucleolus (sogenannter Keimfleck des
Eies); b Kern oder Nucleus (sogenanntes Keimbläschen
des Eies); c Zellstoff oder Protoplasma (sogenannter Dotter
des Eies); d Zellhaut oder Membrana (Dotterhaut des Eies,
beim Säugethier wegen ihrer Durchsichtigkeit Membrana
pellucida genannt.}
{Fig. 4. Erster Beginn der Entwickelung des Säugethiereies,
sogenannte "Eifurchung" (Fortpflanzung der Eizelle durch wiederholte
Selbsttheilung). Fig. 4 A. Das Ei zerfällt durch Bildung der
ersten Furche in zwei Zellen. Fig. 4 B. Diese zerfallen durch
Halbirung in 4 Zellen. Fig 4 C. Diese letzteren sind in 8 Zellen
zerfallen. Fig. 4 D. Durch fortgesetzte Theilung ist ein kugeliger
Haufen von zahlreichen Zellen entstanden.}
so beginnt diesr Entwickelungsprozeß stets damit, daß die
einfache Eizelle (Fig. 3) durch fortgesetzte Selbsttheilung einen
Zellenhaufen bildet (Fig. 4). Die äußere Hülle oder
Zellhaut des kugeligen Eies bleibt ungetheilt. Zuerst zerfällt der
Zellenkern des Eies (das sogenannte Keimbläschen) durch
Selbsttheilung in zwei Kerne, dann folgt der Zellstoff (der Dotter des
Eies) nach (Fig. 4 A). In gleicher Weise zerfallen durch die fortgesetzte
Selbsttheilung die zwei Zellen in vier (Fig. 4 B), diese in acht (Fig. 4 C), in
sechzehn, zweiundreißig u. s. w., und es entsteht schließlich
ein kugeliger Haufe von sehr zahlreichen kleinen Zellen (Fig. 4 D), die
nun durch weitere Vermehrung und ungleichartige Ausbildung
(Arbeitstheilung) allmählich den zusammengesetzten mehrzelligen
Organismus aufbauen. Jeder von uns hat im Beginne seiner individuellen
Entwickelung denselben, in Fig. 4 dargestellten Prozeß
durchgemacht. Das in Fig. 3 abgebildete Säugethierei und die in
Fig. 4 dargestellte Entwickelung desselben könnte eben so gut vom
Menschen, als vom Affen, vom Hunde oder irgend einem anderen
placentalen Säugethier herrühren.
Wenn Sie nun zunächst nur diese einfachste Form der
Fortpflanzung, die Selbsttheilung betrachten, so werden Sie es
gewiß nicht wunderbar finden, daß die Theilproducte des
ursprünglichen Organismus dieselben Eigenschaften besitzen, wie
das elterliche Individuum. Sie sind ja Theilhälften des elterlichen
Organismus, und da die Materie, der Stoff in beiden Hälften
derselbe ist, da die beiden jungen Individuen gleich viel und gleich
beschaffene Materie von dem elterlichen Individuum
überkommen haben, so finden Sie es gewiß natürlich,
daß auch die Lebenserscheinungen, die physiologischen
Eigenschaften in den beiden Kindern dieselben sind. In der That sind in
jeder Beziehung, sowohl hinsichtlich ihrer Form und ihres Stoffes, als
hinsichtlich ihrer Lebenserscheinungen, die beiden Tochterzellen
(wenigstens im Anfang) nicht von einander und von der Mutterzelle zu
unterscheiden. Sie haben von ihr die gleiche Natur geerbt.
Nun findet sich aber dieselbe einfache Fortpflanzung durch Theilung
nicht bloß bei den einfachen Zellen, sondern auch bei höher
stehenden mehrzelligen Organismen, z. B. bei den Korallenthieren. Viele
derselben, welche schon einen höheren Grad von
Zusammensetzung und Organisation zeigen, pflanzen sich dennoch
einfach durch Theilung fort. Hier zerfällt der ganze Organismus mit
allen seinen Organen in zwei gleich Hälften, sobald er durch
Wachsthum ein gewisses Maß der Größe erreicht hat.
Jede Hälfte ergänzt sich alsbald wieder durch Wachsthum zu
einem vollständigen Individuum. Auch hier finden Sie es
gewiß selbstverständlich, daß die beiden Theilproducte
die Eigenschaften des elterlichen Organismus theilen, da sie ja selbst
Substanzhälften desselben sind. Die Vererbung aller Eigenschaften
der ursprünglichen Koralle auf ihre beiden, durch Wachsthum sich
ergänzenden Hälften, hat gewiß nichts Befremdendes.
An die Fortpflanzung durch Theilung schließt sich
zunächst die Fortpflanzung durch Knospenbildung an. Diese
Art der Monogonie ist außerordentlich weit verbreitet. Sie findet
sich sowohl bei den einfachen Zellen (obwohl seltener), als auch bei den
aus vielen Zellen zusammengesetzten höheren Organismen. Ganz
allgemein verbreitet ist die Knospenbildung im Pflanzenreich, seltener
im Thierreich. Jedoch kommt sie auch hier in dem Stamme der
Pflanzenthiere, insbesondere bei den Korallen und bei einem
großen Theile der Hydromedusen sehr häufig vor, ferner
auch bei einem Theile der Würmer (Plattwürmern,
Ringelwürmern, Moosthieren und Mantelthieren). Alle
verzweigten Thierstöcke, welche auch äußerlich den
verzweigten Pflanzenstöcken so ähnlich sind, entstehen
gleich diesen durch Knospenbildung.
Die Fortpflanzung durch Knospenbildung (Gemmatio)
unterscheidet sich von der Fortpflanzung durch Theilung wesentlich
dadurch, daß die beiden, durch Knospung neu erzeugten
Organismen nicht von gleichem Alter, und daher anfänglich auch
nicht von gleichem Werthe sind, wie es bei der Theilung der Fall ist. Bei
der letzteren können wir offenbar keines der beiden neu
erzeugten Individuen als das elterliche, als das erzeugende ansehen,
weil beide ja gleichen Antheil an der Zusammensetzung des
ursprünglichen, elterlichen Individuums haben. Wenn dagegen ein
Organismus eine Knospe treibt, so ist die letztere das Kind des ersteren.
Beide Individuen sind von ungleichem Alter und daher zunächst
auch von ungleicher Größe und ungleichem Formwerth. Wenn
z. b. eine Zelle durch Knospenbildung sich fortpflanzt, so sehen wir nicht,
daß die Zelle in zwei gleiche Hälften zerfällt, sondern es
bildet sich an einer Stelle eine Hervorragung, welche größer
und größer wird, und welche sich mehr oder weniger von der
elterlichen Zelle absondert und nun selbstständig wächst.
Ebenso bemerken wir bei der Knospenbildung einer Pflanze oder eines
Thieres, daß an einer Stelle des ausgebildeten Individuums eine
kleine locale Wucherung entsteht, welche größer und
größer wird, und ebenfalls durch selbstständiges
Wachsthum sich mehr oder weniger von dem elterlichen Organismus
absondert. Die Knospe kann, nachdem sie eine gewisse Größe
erlangt hat, entweder vollkommen von dem Elternindividuum sich
ablösen, oder sie kann mit diesem im Zusammenhang bleiben und
einen Stock bilden, dabei aber doch ganz selbstständig weiter
leben. Während das Wachsthum, welches die Fortpflanzung
einleitet, bei der Theilung ein totales ist und den ganzen Körper
betrifft, ist dasselbe dagegen bei der Knospenbildung ein partielles und
betrifft nur einen Theil des elterlichen Organismus. Aber auch hier
werden Sie es wieder sehr natürlich finden, daß die Knospe,
das erzeugte Individuum, welches mit dem elterlichen Organismus so
lange im unmittelbarsten Zusammenhang steht und aus diesem
hervorgeht, dieselben Eigenschaften zeigt, wie der letztere. Denn auch
die Knospe ist ursprünglich ein Theil des Leibes, von dem sie
erzeugt wurde, und Sie können sich nicht darüber wundern,
daß dieselbe die ursprünglich eingeschlagene
Bildungsrichtung verfolgt und alle wesentlichen Eigenschaften durch
Vererbung von dem Elternindividuum überkömmt.
An die Knospenbildung schließt sich unmittelbar eine dritte Art
der ungeschlechtlichen Fortpflanzung an, diejenige durch
Keimknospenbildung (Polysporogonia). Bei niederen,
unvollkommenen Organismen, unter den Thieren insbesondere bei den
Pflanzenthieren und Würmern, finden Sie sehr häufig,
daß im Innern eines aus vielen Zellen zusammengesetzten
Individuums eine kleine Zellengruppe von den umgebenden Zellen sich
absondert, und daß diese kleine isolirte Zellengruppe
allmählich zu einem Individuum heranwächst, welches dem
elterlichen ähnlich wird, und früher oder später aus
diesem heraustritt. So entstehen z. B. im Körper der
Saugwürmer (Trematoden) oft zahlreiche, aus vielen Zellen
zusammengesetzte Körperchen, Keimknospen oder
Polysporen, welche sich schon frühzeitig ganz von dem
Elternkörper absondern und diesen verlassen, nachdem sie einen
gewissen Grad selbstständiger Ausbildung erriecht haben. Auch
hier vererben sich die specifischen Eigenschaften des zeugenden
Individuums auf die Keimknospen, obwohl diese sich viel früher
absondern und selbstständig wachsen, als es bei den Knospen der
Fall ist.
Offenbar ist die Keimknospenbildung von der echten Knospenbildung
nur wenig verschieden. Andrerseits aber berührt sie sich mit einer
vierten Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, welche beinahe
schon zur geschlechtlichen Zeugung hinüberführt,
nämlich mit der Keimzellenbildung
(Monosporogonia), welche auch auf schlechtweg die Sporenbildung
(Sporogonia) genannt wird. Hier ist es nicht mehr eine
Zellengruppe, sondern eine einzelne Zelle, welche sich im Innern des
zeugenden Organismus von den umgebenden Zellen absondert, und sich
erst weiter entwickelt, nachdem sie aus jenem ausgetreten ist. Nachdem
diese Keimzelle oder Monospore (gewöhnlich kurz Spore
genannt) das Elternindividuum verlassen hat, vermehrt sie sich durch
Theilung und bildet so einen vielzelligen Organismus, welcher durch
Wachsthum und allmähliche Ausbildung die erblichen
Eigenschaften des elterlichen Organismus erlangt. So geschieht es sehr
allgemein bei den niederen Pflanzen (Kryptogamen).
Obwohl die Keimzellenbildung der Keimknospenbildung sehr nah
steht, entfernt sie sich doch offenbar von dieser, wie von den vorher
angeführten anderen Formen der ungeschlechtlichen
Fortpflanzung sehr wesentlich dadurch, daß nur ein ganz kleiner
Theil des zeugenden Organismus die Fortpflanzung und somit auch die
Vererbung vermittelt. Bei der Selbsttheilung, wo der ganze Organismus
in zwei Hälften zerfällt, bei der Knospenbildung und
Keimknospenbildung, wo ein ansehnlicher und bereits mehr oder
minder entwickelter Körpertheil von dem zeugenden Individuum
sich absondert, finden wir es sehr begreiflich, daß Formen und
Lebenserscheinungen in dem zeugenden und dem erzeugten Organismus
dieselben sind. Viel schwieriger ist es schon bei der Keimzellenbildung
zu begreifen, wie dieser ganz kleine, ganz unentwickelte
Körpertheil, diese einzelne Zelle, nicht bloß gewisse elterliche
Eigenschaften unmittelbar mit in ihre selbstständige Existenz
hinübernimmt, sondern auch nach ihrer Trennung vom elterlichen
Individuum sich zu einen mehrzelligen Körper entwickelt, und in
diesem die Formen und die Lebenserscheinungen des
ursprünglichen, zeugenden Organismus wieder zu Tage treten
läßt. Diese letzte Form der monogenen Fortpflanzung, die
Keimzellen- oder Sporenbildung, führt uns hierdurch bereits
unmittelbar zu dem am schwierigsten zu erklärenden Form der
Fortpflanzung, zu geschlechtlichen Zeugung, hinüber.
Die geschlechtliche (amphigone oder sexuelle) Zeugung
(Amphigonia) ist die gewöhnliche Fortpflanzungsart bei
allen höheren Thieren und Pflanzen. Offenbar hat sich dieselbe
erst sehr spät im Verlaufe der Erdgeschichte aus der
ungeschlechtlichen Fortpflanzung, und zwar zunächst aus der
Keimzellenbildung entwickelt. In den frühesten Perioden der
organischen Erdgeschichte pflanzten sich alle Organismen nur auf
ungeschlechtlichen Wege fort, wie es gegenwärtig noch zahlreiche
niedere Organismen thun, insbesondere diejenigen, welche auf der
niedrigsten Stufe der Organisation stehen, welche man weder als Thiere
noch als Pflanzen mit vollem Rechte betrachten kann, und welche man
daher am besten als Urwesen oder Protisten aus dem Thier- und
Pflanzenreich ausscheidet. Allein bei den höheren Thieren und
Pflanzen erfolgt gegenwärtig die Vermehrung der Individuen in
der Regel auf dem Wege der geschlechtlichen Fortpflanzung, und bei der
Wichtigkeit dieser hervorragenden Erscheinung müssen wir
dieselbe hier näher in's Auge fassen.
Während bei allen vorhin erwähnten Hauptformen der
ungeschlechtlichen Fortpflanzung, bei der Theilung, Knospenbildung,
Keimknospenbildung und Keimzellenbildung, die abgesonderte Zelle oder
Zellengruppe für sich allein im Stande war, sich zu einem neuen
Individuum auszubilden, so muß dieselbe dagegen bei der
geschlechtlichen Fortpflanzung erst durch einen anderen Zeugungsstoff
befruchtet werden. Der befruchtende männliche Samen muß
sich erst mit der weiblichen Keimzelle, dem Ei, vermischen, ehe sich
dieses zu einem neuen Individuum entwickeln kann. Diese beiden
verschiedenen Zeugungsstoffe, der männliche Samen und das
weibliche Ei, werden entweder von einem und demselben Individuum
erzeugt (Hermaphroditismus) oder von zwei verschiedenen
Individuen (Genochorismus) (Gen. Morph. II. 58-59).
Die einfachere Form der geschlechtlichen Fortpflanzung ist die
Zwitterbildung (Hermaphroditismus). Sie findet sich bei der
großen Mehrzahl der Pflanzen, aber nur bei einer großen
Minderzahl der Thiere, z. B. bei den Gartenschnecken, Blutegeln,
Regenwürmern und vielen anderen Würmern. Jedes einzelne
Individuum erzeugt als Zwitter (Hermaphroditus) in sich
beiderlei Geschlechtsstoffe, Eier und Samen. Bei den meisten
höheren Pflanzen enthält jede Blüthe sowohl die
männlichen Organe (Staubfäden und Staubbeutel) als die
weiblichen Organe (Griffel und Fruchtknoten). Jede Gartenschnecke
erzeugt an einer Stelle ihrer Geschlechtsdrüse Eier, an einer
andern Samen. Viele Zwitter können sich selbst befruchten; bei
anderen dagegen ist eine Copulation und gegenseitige Befruchtung
zweier Zwitter nothwendig, um die Eier zur Entwickelung zu
veranlassen. Dieser letztere Fall ist offenbar schon der Uebergang zur
Geschlechtstrennung.
Die Geschlechtstrennung (Gonochorismus), die
verwickeltere von beiden Arten der geschlechtlichen Zeugung, hat sich
offenbar erst in einer viel späteren Zeit der organischen
Erdgeschichte aus der Zwitterbildung entwickelt. Sie ist
gegenwärtig die allgemeine Fortpflanzungsart der höheren
Thiere, findet sich dagegen nur bei einer geringeren Anzahl von
Pflanzen (z. B. manchen Wasserpflanzen, Hydrocharis,
Vallisneria) und Bäumen (Weiden, Pappeln). Jedes
organische Indivuduum als Nichtzwitter (Gonochoristus)
erzeugt in sich nur einen von beiden Zeugungsstofen, entweder
männlichen oder weiblichen. Die weiblichen Individuen
bilden bei den Thieren Eier, bei den Pflanzen den Eiern
entsprechende Zellen (Embryobläschen bei den
Phanerogamen, Archegoniumcentralzellen bei den höheren
Kryptogamen). Die männlichen Individuen sondern bei den
Thieren den befruchtenden Samen (Sperma) ab, bei den Pflanzen
dem Sperma entsprechende Körperchen
(Pollenkörner oder Blüthenstaub bei den
Phanerogamen, bei den Kryptogamen ein Sperma, welches gleich
demjenigen der meisten Thiere aus lebhaft beweglichen, in einer
Flüssigkeit schwimmenden Fäden besteht).
Eine interssante Uebergangsform von der geschlechtlichen Zeugung
zur der (dieser nächststehenden) ungeschlechtlichen
Keimzellenbildung bietet die sogenannte jungfräuliche
Zeugung (Parthenogenesis) dar, welche bei den Insecten in
neuerer Zeit vielfach beobachtet worden ist. Hier werden Keimzellen, die
sonst den Eizellen ganz ähnlich erscheinen und ebenso gebildet
werden, fähig, zu neuen Individuen sich zu entwickeln, ohne des
befruchtenden Samens zu bedürfen. Die merkwürdigsten
und lehrreichsten von den verschiedenen parthenogenetischen
Erscheinungen bieten uns diejenigen Fälle, in denen dieselben
Keimzellen, je nachdem sie befruchtet werden oder nicht, verschiedene
Individuen erzeugen. Bei unseren gewöhnlichen Honigbienen
entsteht aus den Eiern der Königin ein männliches
Individuum, wenn das Ei nicht befruchtet wird, ein weibliches, wenn das
Ei befruchtet wird, eine Erscheinung, die schon dem Aristoteles
bekannt gewesen zu sein scheint, die aber neuerdings erst wieder
vollkommen festgestellt wurde. Es zeigt sich hier deutlich, daß in
der That eine tiefe Kluft zwischen geschlechtlicher und geschlechtsloser
Zeugung nicht existirt, daß beide Formen vielmehr unmittelbar
zusammenhängen. Offenbar ist die geschlechtliche Zeugung, die als
ein so wunderbarer, räthselhafter Vorgang erscheint, erst in sehr
später Zeit aus gewissen Formen der ungeschlechtlichen Zeugung
hervorgegangen. Wenn wir aber bei der letzteren die Vererbung als eine
nothwendige Theilerscheinung der Fortpflanzung betrachten
müssen, so werden wir das auch bei der ersteren können.
In allen verschiedenen Fällen der Fortpflanzung ist das
Wesentliche dieses Vorganges immer die Ablösung eines Theiles
des elterlichen Organismus und die Befähigung desselben zur
individuellen, selbstständigen Existenz. In allen Fällen
dürfen wir daher von vornherein schon erwarten, daß die
kindlichen Individuen, die ja, wie man sich ausdrückt, Fleisch und
Bein der Eltern sind, zugleich immer dieselben Lebenserscheinungen
und Formeigenschaften erlangen werden, welche die elterlichen
Individuen besitzen. Immer ist es nur eine größere oder
geringere Quantität der elterlichen Materie, welche auf das
kindliche Individuum übergeht. Mit der Materie werden aber auch
deren Lebenseigenschaften übertragen, welche sich dann in ihrer
Form äußern. Wenn Sie sich die angeführte Kette von
verschiedenen Fortpflanzungsformen in ihrem Zusammenhange vor
Augen stellen, so verliert die Vererbung durch geschlechtliche Zeugung
sehr Viel von dem Räthselhaften und Wunderbaren, das sie auf
den ersten Blick für den Laien besitzt. Es erscheint
anfänglich höchst wunderbar, daß bei der
geschlechtlichen Fortpflanzung des Menschen, wie aller höheren
Thiere, das kleine Ei, eine für das bloße Auge oft kaum
sichtbare Zelle (Beim Menschen und den anderen Säugethieren nur
von 1/10 Linie Durchmesser) im Stande ist, alle Eigenschaften des
mütterlichen Organismus auf den kindlichen zu übertragen;
und nicht weniger räthselhaft muß es erscheinen, daß
zugleich die wesentlichen Eigenschaften des väterichen
Organismus auf den kindlichen übertragen werden vermittelst des
männlichen Sperma, welches die Eizelle befruchtete, vermittelst
einer schleimigen Masse, in der unendliche feine
Eiweißfäden, die Samenfäden, sich umherbewegen.
Sobald Sie aber jene zusammenhängende Stufenleiter der
verschiedenen Fortpflanzungsarten vergleichen, bei welcher der
kindliche Organismus als überschüssiges
Wachsthumsproduct des Elternindividuums sich immer mehr von
ersterem absondert, und immer frühzeitiger die
selbstständige Laufbahn betritt; sobald Sie zugleich erwägen,
daß auch das Wachsthum und die Ausbildung jedes höheren
Organismus bloß auf der Vermehrung der ihn zusammensetzenden
Zellen, auf der einfachen Fortpflanzung durch Theilung beruht, so wird
es Ihnen klar, daß alle diese merkwürdigen Vorgänge
in eine Reihe gehören, und daß überall die
Uebertragung eines Theiles der elterlichen Materie auf den kindlichen
Organismus einzig und allein die Ursache der Vererbung, die
mechanische Ursache der Uebertragung auch der Formen und
Lebenserscheinungen vom zeugenden auf den erzeugten Organismus ist.
Das Leben jedes organischen Individuums ist Nichts weiter, als eine
zusammenhängende Kette von sehr verwickelten materiellen
Bewegungserscheinungen. Die specifisch bestimmte Richtung dieser
gleichartigen, anhaltenden, immanenten Lebensbewegung wird in jedem
Organismus durch die materielle Beschaffenheit, durch die chemische
Mischung des eiweißartigen Zeugungsstoffes bedingt, welcher ihm
den Ursprung gab. Bei dem Menschen, wie bei den höheren
Thieren, welche geschlechtlich sich fortpflanzen, beginnt die individuelle
Lebensbewegung in dem Momente, in welchem die Eizelle von den
Samenfäden des Sperma befruchtet wird, in welchem beide
Zeugungsstoffe sich thatsächlich vermischen, und hier wird nun
die Richtung der Lebensbewegung durch die specifische, oder richtiger
individuelle Beschaffenheit sowohl des Samens als des Eies bestimmt.
Ueber die rein mechanische, materielle Natur dieses Vorganges kann
kein Zweifel sein. Aber staunend und bewundernd müssen wir
hier vor der unendlichen, für uns unfaßbaren Feinheit der
eiweißartigen Materie still stehen. Staunen müssen wir
über die unleugbare Thatsache, daß die einfache Eizelle der
Mutter, der einzige Samenfaden des Vaters die individuelle
Lebensbewegung dieser beiden Individuen so genau auf das Kind
überträgt, daß nachher die feinsten körperlichen
und geistigen Eigenthümlichkeiten der beiden Eltern an diesem
wieder zum Vorschein kommen.
Hier stehen wir vor einer mechanischen Naturercheinung, von
welcher Virchow, der geistreiche Begründer der
"Cellularpathologie", mit vollem Rechte sagt: "Wenn der Naturforscher
dem Gebrauche der Geschichtschreiber und Kanzelredner zu folgen
liebte, ungeheure und in ihrer Art einzige Erschienungen mit den hohlen
Gepränge schwerer und tönender Worte zu überziehen,
so wäre hier der Ort dazu; denn wir sind an eines der großen
Mysterien der thierischen Natur getreten, welche die Stellung des
Thieres gegenüber der ganzen übrigen Erscheinungswelt
enthalten. Die Frage von der Zellenbildung, die Frage von der Erregung
anhaltender gleichartige Bewegung, endlich die Fragen von der
Selbstständigkeit des Nervensystems und der Seele - das sind die
großen Aufgaben, an denen der Menschengeist seine Kraft
mißt. Die Beziehung des Mannes und des Weibes zur Eizelle zu
erkennen, heißt fast so viel, als alle jene Mysterien lösen. Die
Entstehung und Entwickelung der Eizelle im mütterlichen
Körper, die Uebertragung körperlicher und geistiger
Eigenthümlichkeiten des Vaters durch den Samen auf dieselbe,
berühren alle Fragen, welche der Menschengeist je über des
Menschen Sein aufgeworfen hat12)." Und, fügen wir
hinzu, sie lösen diese höchsten Fragen mittelst der
Descendenztheorie in rein mechanischem, rein monistischen Sinne!
Daß also auch bei der geschlechtlichen Fortpflanzung des
Menschen und aller höheren Organismen die Vererbung, ein rein
mechanischer Vorgang, unmittelbar durch den materiellen
Zusammenhang des zeugenden und des gezeugten Organismus bedingt
ist, ebenso wie bei der einfachsten ungeschlechtlichen Fortpflanzung der
niederen Organismen, darüber kann kein Zweifel mehr sein. Doch
will ich Sie bei dieser Gelegenheit sogleich auf einen wichtigen
Unterschied aufmerksam machen, welchen die Vererbung bei der
geschlechtlichen und bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung darbietet.
Es ist eine längst bekannte Thatsache, daß die individuellen
Eigenthümlichkeiten des zeugenden Organismus viel genauer
durch die ungeschlechtliche als durch geschlechtliche Fortpflanzung auf
das erzeugte Individuum übertragen werden. Die Gärtner
machen von dieser Thatsache schon lange vielfach Gebrauch. Wenn z. B.
in einem Garten zufällig ein einzelnes Individuum von einer
Baumart, welche sonst steife, aufrecht stehende Aeste und Zweige
trägt, herabhängende Zweige bekömmt, so kann der
Gärtner in der Regel diese Eigenthümlichkeit nicht durch
geschlechtliche, sondern nur durch ungeschlechtliche Fortpflanzung
vererben. Die von einem solchen Trauerbaum abgeschnittenen Zweige,
als Stecklinge gepflanzt, bilden späterhin Bäume, welche
ebenfalls hängende Aeste haben, wie z. B. die Trauerweiden,
Trauerbuchen. Samenpflanzen dagegen, welche man aus den Samen
eines solches Trauerbaumes zieht, erhalten in der Regel wieder die
ursprüngliche, steife und aufrechte Zweigform der Voreltern. In
sehr auffallender Weise kann man dasselbe auch an den sogenannten
"Blutbäumen" wahrnehmen, d. h. Spielarten von Bäumen,
welche sich durch rothe oder rothbraune Farbe der Blätter
auszeichnen. Abkömmlinge von solchen Blutbäumen (z. B.
Blutbuchen), welche man durch ungeschlechtliche Fortpflanzung, durch
Stecklinge von Knospen und Zweigen erzeugt, zeigen die
eigenthümliche Farbe und Beschaffenheit der Blätter, welche
das elterliche Individuum auszeichnet, während andere, aus den
Samen der Blutbäume gezogene Individuen in die grüne
Blattfarbe zurückschlagen.
Dieser Unterschied in der Vererbung wird Ihnen sehr natürlich
vorkommen, sobald Sie erwägen, daß der materielle
Zusammenhang zwischen zeugenden und erzeugten Individuen bei der
ungeschlechtlichen Fortpflanzung viel inniger ist und viel länger
dauert, als bei der geschlechtlichen. Auch geht bei der letzteren ein viel
kleineres Stück der elterlichen Materie auf den kindlichen
Organismus über, als bei der erstern. Die individuelle Richtung der
Lebensbewegung kann sich daher bei der ungeschlechtlichen
Fortpflanzung viel länger und gründlicher in dem kindlichen
Organismus befestigen, und viel strenger vererben. Alle diese
Erscheinungen im Zusammenhang betrachtet bezeugen klar, daß
die Vererbung der körperlichen und geistigen Eigenschaften ein
rein materieller, mechanischer Vorgang ist, und daß die
Uebertragung eines größeren oder geringeren Stofftheilchens
vom elterlichen Organismus auf den kindlichen die einzige Ursache der
Aehnlichkeit zwischen Beiden ist. Sie erklären uns
hinlänglich, warum auch die feineren Eigenthümlichkeiten,
die an der Materie des elterlichen Organismus haften, früher oder
später an der Materie des kindlichen Organismus wieder
erscheinen.
Neunter Vortrag.
Vererbungsgesetze. Anpassung und Ernährung.
{ Siehe Inhaltsverzeichniß ... }
Meine Herren! Von den beiden allgemeinen Lebensthätigkeiten
der Organismen, der Anpassung und der Vererbung, welche in ihrer
Wechselwirkung die verschiedenen Organismenarten hervorbringen,
haben wir im letzten Vortrage die Vererbung betrachtet und wir haben
versucht, diese in ihren Wirkungen so räthselhafte
Lebensthätigkeit zurückzuführen auf eine andere
physiologische Function der Organismen, auf die Fortpflanzung. Diese
beruht ihrerseits wieder, wie alle anderen Lebenserscheinungen der
Thiere und Pflanzen, auf physikalischen und chemischen
Verhältnissen, welche allerdings bisweilen äußerst
verwickelt erscheinen, dennoch aber im Grunde auf einfache,
mechanische Ursachen, auf Anziehungs- und
Abstoßungsverhältnisse der Stofftheilchen, auf
Bewegungserscheinungen der Materie zurückzuführen sind.
Bevor wir nun zur zweiten, der Vererbung entgegenwirkenden
Function, der Erscheinung der Anpassung oder Abänderung
übergehen, erscheint es zweckmäßig, zuvor noch einen
Blick auf die verschiedenen Aeußerungsweisen der Erblichkeit zu
werfen, welche man vielleicht schon jetzt als "Vererbungsgesetze"
aufstellen kann. Leider ist für diesen so außerordentlich
wichtigen Gegenstand sowohl in der Zoologie, als auch in der Botanik,
bisher nur sehr Wenig geschehen, und fast Alles, was man von den
verschiedenen Vererbungsgesetzen weiß, beruht auf den
Erfahrungen der Landwirthe und der Gärtner. Daher ist es nicht zu
verwundern, daß im Ganzen diese äußerst interessanten
und wichtigen Erscheinungen nicht mit der wünschenswerthen
wissenschaftlichen Schärfe untersucht und in die Form von
naturwissenschaftlichen Gesetzen gebracht worden sind. Was ich Ihnen
demnach im Folgenden von den verschiedenen Vererbungsgesetzen
mittheilen werde, sind nur einige Bruchstücke, die vorläufig
aus dem unendlich reichen Schatz, welcher für die
Erkenntniß hier offen liegt, herausgenommen werden.
Wir können zunächst alle verschiedenen
Erblichkeitserscheinungen in zwei Gruppen bringen, welche wir als
Vererbung ererbter Charactere und Vererbung
erworbener Charactere unterscheiden; und wir können die
erstere als die erhaltende (conservative) Vererbung, die zweite
als die fortschreitende (progressive) Vererbung bezeichnen. Diese
Unterscheidung beruht auf der äußerst wichtigen Thatsache,
daß die Einzelwesen einer jeden Art von Thieren und Pflanzen
nicht allein diejenigen Eigenschaften auf ihre Nachkommen vererben
können, welche sie selbst von ihren Vorfahren ererbt haben,
sondern auch die eigenthümlichen, individuellen Eigenschaften,
die sie erst während ihres Lebens erworben haben. Diese letzteren
werden durch die fortschreitende, die ersteren durch die erhaltende
Erblichkeit übertragen. Zunächst haben wir nun hier die
Erscheinungen der conservativen oder erhaltenden Vererbung zu
untersuchen, d. h. der Vererbung solcher Eigenschaften, welcher der
betreffende Organismus selbst von seinen Eltern oder Vorfahren schon
erhalten hat (Gen. Morph. II, 180).
Unter den Erscheinungen der conservativen Vererbung tritt uns
zunächst als das allgemeinste Gesetz dasjenige entgegen, welches
wir das Gesetz der ununterbrochenen oder continuirlichen
Vererbung nennen können. Dasselbe hat unter den
höheren Thieren und Pflanzen so allgemeine Gültigkeit,
daß der Laie zunächst seine Wirksamekeit
überschätzen und es für das einzige, allein
maßgebende Vererbungsgesetz halten dürfte. Es besteht
dieses Gesetz einfach darin, daß innerhalb der meisten Thier- oder
Pflanzenarten jede Generation im Ganzen der andern gleich ist, daß
die Eltern ebenso den Großeltern, wie den Kindern ähnlich
sind. "Gleiches erzeugt Gleiches", sagt man gewöhnlich, richtiger
aber: "Aehnliches erzeugt Aehnliches". Denn in der That sind die
Nachkommen oder Descendenten eines jeden Organismus demselben
niemals in allen Stücken absolut gleich, sondern immer nur in
einem mehr oder weniger hohen Grade ähnlich. Dieses Gesetz ist so
allgemein bekannt, daß ich keine Beispiele dafür
anzuführen brauche.
In einem gewissen Gegensatze zu demselben steht das Gesetz der
unterbrochenen oder latenten Vererbung, welche man auch als
abwechselnde oder alternirende Vererbung bezeichnen könnte.
Dieses wichtige Gesetz erscheint hauptsächlich in Wirksamkeit bei
vielen niederen Thieren und Pflanzen, und äußert sich hier,
im Gegensatz zu dem ersteren, darin, daß die Kinder den Eltern
nicht gleich, sondern sehr unähnlich sind, und daß erst die
dritte oder eine spätere Generation der ersten wieder
ähnlich wird. Die Enkel sind den Großeltern gleich, den Eltern
aber ganz unähnlich. Es ist das eine merkwürdige
Erscheinung, welche bekanntermaßen in geringerem Grade auch in
den menschlichen Familien sehr häufig auftritt. Zweifelsohne wird
Jeder von Ihnen einzelne Familienmitglieder kennen, welche in dieser
oder jener Eigenthümlichkeit viel mehr dem Großvater oder
der Großmutter, als dem Vater oder der Mutter gleichen. Bald sind
es körperliche Eigenschaften, z. B. Gesichtszüge, Haarfarbe,
Körpergröße, bald geistige Eigenschaften, z. B.
Temperament, Energie, Verstand, welche in dieser Art sprungweise
vererbt werden. Ebenso wie beim Menschen können Sie diese
Thatsache bei den Hausthieren beobachten. Bei den am meisten
veränderlichen Hausthieren, beim Hund, Pferd, Rind, machen die
Thierzüchter sehr häufig die Erfahrung, daß ihr
Züchtungsproduct mehr dem großelterlichen, als dem
elterlichen Organismus ähnlich ist. Wollen Sie dies Gesetz
allgemein ausdrücken, und die Reihe der Generationen mit den
Buchstaben des Alphabets bezeichnen, so wird A=C=E, ferner B=D=F u.s.f.
Noch viel auffallender, als bei den höheren, tritt Ihnen bei den
niederen Thieren und Pflanzen diese sehr merkwürdige Thatsache
entgegen, und zwar in dem berühmten Phänomen des
Generationswechsels (Metagenesis). Hier finden Sie sehr
häufig z. b. unter den Plattwürmern, Mantelthieren,
Pflanzenthieren (Coelenteraten), ferner unter den Farrnkräutern
und Moosen, daß das organische Individuum bei der Fortpflanzung
zunächst eine Form erzeugt, die gänzlich von der Elternform
verschieden ist, und daß erst die Nachkommen dieser Generation
der ersten wieder ähnlich werden. Dieser regelmäßige
Generationswechsel wurde 1819 von dem Dichter Chamisso auf
seiner Weltumsegelung bei den Salpen entdeckt, cylindrischen
und glasartig durchsichtigen Mantelthieren, welche an der
Oberfläche des Meeres schwimmen. Hier erzeugt die
größere Generation, welche als Einsiedler lebt und ein
hufeisenförmiges Auge besitzt, auf ungeschlechtlichem Wege
(durch Knospenbildung) eine gänglich verschiedene kleinere
Generation. Die Individuen dieser zweiten kleineren Generation leben in
Ketten vereinigt und besitzen ein kegelförmiges Auge. Jedes
Individuum einer solchen Kette erzeugt auf geschlechtlichem Wege (als
Zwitter) wiederum einen geschlechtslosen Einsiedler der ersten,
größeren Generation. Es ist also hier bei den Salpen immer
die erste, dritte, fünfte Generation, und ebenso die zweite, vierte,
sechste Generation einander ganz ähnlich. Nun ist es aber nicht
immer eine Generation, die so überschlagen wird, sondern
in andern Fällen auch mehrere, so daß also die erste
Generation der vierten, siebenten u. s. w. gleicht, die zweite der
fünften und achten, die dritte der sechsten und neunten, und so
weiter fort. Drei in dieser Weise verschiedenen Generationen wechseln z.
B. bei den zierlichen Seetönnchen (Doliolum) mit
einander ab, kleinen Mantelthieren, welche den Salpen nahe verwandt
sind. Hier ist A=D=G, ferner B=E=H, und C=F=I. Bei den Blattläusen
folgt auf jede geschlechtliche Generation eine Reihe von acht bis zehn bis
zwölf ungeschlechtlichen Generationen, die unter sich
ähnlich und von der geschlechtlichen verschieden sind. Dann tritt
erst wieder eine geschlechtliche Generation auf, die der längst
verschwundenen gleich ist.
Wenn Sie dieses merkwürdige Gesetz der latenten oder
unterbrochenen Vererbung weiter verfolgen und alle dahin
gehörigen Erscheinungen zusammenfassen, so können Sie
auch die bekannten Erscheinungen des Rückschlags
darunter begreifen. Unter Rückschlag oder Atavismus im
engeren Sinne - im weiteren Sinne nennt man überhaupt die
Erblichkeit Atavismus - versteht man die allen Thierzüchtern
bekannte merkwürdige Thatsache, daß bisweilen einzelne
Thiere eine Form annehmen, welche schon seit vielen Generationen nicht
vorhanden war, welche einer längst entschwundenen Generation
angehört. Eines der merkwürdigsten hierher gehörigen
Beispiele ist die Thatsache, daß bei einzelnen Pferden bisweilen
ganz characterisitische dunkle Streifen auftreten, ähnlich denen
des Zebra, Quagga und anderer wilden Pferdearten Africas. Hauspferde
von den verschiedensten Rassen und von allen Farben zeigen bisweilen
solche dunkle Streifen, z. B. einen Längsstreifen des Rückens,
Querstreifen der Schultern und der Beine u. s. w. Die plötzliche
Erscheinung dieser Streifen läßt sich nur erklären als
eine Wirkung der latenten Vererbung, als ein Rückschlag in die
längst verschwundene uralte gemeinsame Stammform aller
Pferdearten, welche zweifelsohne gleich den Zebras, Quaggas u. s. w.
gestreift war. Ebenso erscheinen auch bei andern Hausthieren oft
plötzlich gewisse Eigenschaften wieder, welche ihre längst
ausgestorbenen wilden Stammeltern auszeichneten. Auch unter den
Pflanzen kann man den Rückschlag sehr häufig beobachten.
Sie kennen wohl alle das wilde gelbe Löwenmaul (Linaria
vulgaris), eine auf unsern Aeckern und Wegen sehr gemeine Pflanze.
Die rachenformige gelbe Blüthe derselben enthält zwei lange
und zwei kurze Staubfäden. Bisweilen aber erscheint eine einzelne
Blüthe (Peloria), welche trichterförmig und ganz
regelmäßig aus fünf einzelnen gleichen Abschnitten
zusammengesetzt ist, mit fünf gleichartigen Staubfäden.
Diese Peloria können wir nur erklären als einen
Rückschlag in die längst entschwundene uralte gemeinsame
Stammform aller derjenigen Pflanzen, welche gleich dem
Löwenmaul eine rachenförmige zweilippige Blüthe mit
zwei langen und zwei kurzen Staubfäden besitzen. Jene
Stammform besaß gleich der Peloria eine regelmäßige
fünftheilige Blüthe mit fünf gleichen, später erst
allmählich ungleich werdenden Staubfäden (Vergl. oben S.
12. 14). Alle solche Rückschläge sind unter das Gesetz der
unterbrochenen oder latenten Vererbung zu bringen, wenn gleich die
Zahl der Generationen, die übersprungen wird, ganz ungeheuer
groß sein kann. Das ist auch bei den Rückschlägen des
Menschen der Fall, z. B. bei den kürzlich von Carl Vogt
untersuchten Affenmenschen (Microcephali). Diese
Mißgeburten, von denen zwar der Körper sonst gut
entwickelt ist, aber der Gehirn und der Gehirnschädel auf der
niederen Stufe unserer uralten Voreltern, der Affen, stehen geblieben
ist. Demgemäß sind auch die Seelenerscheinungen der
Affenmenschen, welche von ganz gesunden Eltern erzeugt sind, nicht
denen der Menschen, sondern der Affen gleich. Es sind, zum Theil
wenigstens, Rückschläge in die längst ausgestorbene
affenartige Stammform des Menschen.
Wenn Culturpflanzen oder Hausthiere verwildern, wenn sie den
Bedingungen des Culturlebens entzogen werden, so gehen sie
Veränderungen ein, welche nicht als bloße Anpassung an die
neuerworbene Lebensweise erscheinen, sondern als Rückschlag in
die uralte Stammform, aus welcher die Culturformen erzogen worden
sind. So kann man die verschiedenen Sorten des Kohls, die ungemein in
ihrer Form verschieden sind, durch absichtliche Verwilderung
allmählich auf die ursprüngliche Stammform
zurückführen. Ebenso schlagen die verwildernden Hunde,
Pferde, Rinder u. s. w. oft mehr oder weniger in die längst
ausgestorbene Generation zurück. Es kann eine erstaunlich lange
Reihe von Generationen verfließen, ehe diese latente
Vererbungskraft erlischt.
Als ein drittes Gesetz der erhaltenden oder conservativen Vererbung
können wir das Gesetz der geschlechtlichen oder sexuellen
Vererbung bezeichnen, nach welchem jedes Geschlecht auf seine
Nachkommen desselben Geschlechts Eigenthümlichkeiten
überträgt, welche es nicht auf die Nachkommen des andern
Geschlechts vererbt. Die sogenannten "secundären
Sexualcharactere", welche in mehrfacher Beziehung von
außerordentlichem Interesse sind, liefern für dieses Gesetz
überall zahlreiche Beispiele. Als untergeordnete oder
secundäre Sexualcharactere bezeichnet man solche
Eigenthümlichkeiten des einen der beiden Geschlechter, welche
nicht unmittelbar mit den Geschlechtsorganen selbst
zusammenhängen. Solche Charaktere, welche bloß dem
männlichen Geschlecht zukommen, sind z. b. das Geweih des
Hirsches, die Mähne des Löwen, der Sporn des Hahns.
Hierher gehört auch der menschliche Bart, eine Zierde, welche
gewöhnlich dem weiblichen Geschlecht versagt ist. Aehnliche
Charactere, welche bloß das weibliche Geschlecht auszeichnen, sind
z. B. die entwickelten Brüste mit den Milchdrüsen der
weiblichen Säugethiere, der Beutel der weiblichen Beutelthiere.
Auch Körpergröße und Hautfärbung ist bei den
weiblichen Thieren vieler Arten abweichend. Alle diese
secundären Geschlechtseigenschaften werden, ebenso wie die
Geschlechtsorgane selbst vom männlichen Organismus nur auf den
männlichen vererbt, und nicht auf den weiblichen, und
umgekehrt. Die entgegengesetzten Thatsachen sind nur Ausnahmen von
der Regel.
Ein viertes hierher gehöriges Vererbungsgesetz steht in
gewissem Sinne im Widerspruch mit dem letzterwähnten, und
beschränkt dasselbe, nämlich das Gesetz der gemischten
oder beiderseitigen (amphigonen) Vererbung. Dieses Gesetz sagt aus,
daß ein jedes organische Individuum, welches auf geschlechtlichem
Wege erzeugt wird, von beiden Eltern Eigenthümlichkeiten
annimmt, sowohl vom Vater als von der Mutter. Diese Thatsache,
daß von jedem der beiden Geschlechter persönliche
Eigenschaften auf alle, sowohl männliche als weibliche Kinder
übergehen, ist sehr wichtig. Goethe drückt sie von
sich selbst in dem hübschen Verse aus:
"Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen,
"Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabuliren."
Diese Erscheinung wird Ihnen allen so bekannt sein, daß ich hier
darauf nicht weiter einzugehen brauche. Durch den verschiedenen
Antheil ihres Charakters, welchen Vater und Mutter auf ihre Kinder
vererben, werden vorzüglich die individuellen Verschiedenheiten
der Geschwister bedingt.
Unter dieses Gesetz der gemischten oder amphigonen Vererbung
gehört auch die sehr wichtige und interessante Erscheinung der
Bastardzeugung (Hybridismus). Richtig gewürdigt,
genügt sie allein schon vollständig, um das herrschende
Dogma von der Constanz der Arten zu widerlegen. Pflanzen sowohl als
Thiere, welche zwei ganz verschiedenen Species angehören,
können sich mit einander geschlechtlich vermischen und eine
Nachkommenschaft erzeugen, die in vielen Fällen sich selbst
wieder fortpflanzen kann, und zwar entweder (häufiger) durch
Vermischung mit einem der beiden Stammeltern, oder aber (seltener)
durch reine Inzucht, indem Bastard sich mit Bastard vermischt. Das
letztere ist z. B. bei den Bastarden von Hasen und Kaninchen festgestellt.
Allbekannt sind die Bastarde zwischen Pferd und Esel, zwei ganz
verschiedenen Arten einer Gattung (Equus). Diese Bastarde sind
verschieden, je nachdem der Vater oder die Mutter zu der einen oder zu
der andern Art, zum Pferd oder zum Esel gehört. Das
Maulthier (Mulus), welches von einer Pferdestute und
einem Eselhengst erzeugt ist, hat ganz andere Eigenschaften als der
Maulesel (Hinnus), der Bastard von Pferdehengst und der
Eselstute. In jedem Fall ist der Bastard (Hybrida), der aus
der Kreuzung zweier verschiedener Arten erzeugte Organismus, eine
Mischform, welche Eigenschaften von beiden Eltern angenommen hat;
allein die Eigenschaften des Bastards sind ganz verschieden, je nach der
Form der Kreuzung. So zeigen auch die Mulattenkinder, welche von
einem Europäer und einer Negerin erzeugt werden, eine andere
Mischung der Charactere, als diejenigen Bastarde, welche ein Neger mit
einer Europäerin erzeugt. Bei diesen Erscheinungen der
Bastardzeugung sind wir wie bei den anderen vorher erwähnten
Vererbungsgesetzen jetzt noch nicht im Stande, die mechanischen
Ursachen im Einzelnen nachzuweisen. Aber kein Naturforscher zweifelt
daran, daß die Ursachen hier überall rein mechanisch, in der
Natur der organischen Materie selbst begründet sind. Wenn wir
feinere Untersuchungsmittel als unsere groben Sinnesorgane und deren
Hülfsmittel hätten, so würden wir jene mechanischen
Ursachen erkennen, und sicherlich auf die chemischen und
physikalischen Eigenschaften der Materie, aus welcher der Organismus
besteht, zurückführen können.
Als ein fünftes Gesetz müssen wir nun unter den
Erscheinungen der conservativen oder erhaltenden Vererbung noch
das Gesetz der abgekürzten oder vereinfachten Vererbung
anführen. Dasselbe ist sehr wichtig für die Embyologie oder
Ontogenie, d. h. für die Entwickelungsgeschichte der organischen
Individuen. Wie ich bereits im ersten Vortrage (S. 9) erwähnte
und später noch ausführlich zu erläutern habe, ist die
Ontogenie oder die Entwickelungsgeschichte der Individuen
weiter nichts als eine kurze und schnelle, durch die Gesetze der
Vererbung und Anpassung bedingte Wiederholung der
Phylogenie, d. h. der paläontologischen
Entwickelungsgeschichte des ganzen organischen Stammes oder Phylum,
zu welchem der betreffende Organismus gehört. Wenn Sie z. B. die
individuelle Entwickelung des Menschen, des Affen, oder irgend eines
anderen höheren Säugethieres innerhalb des Mutterleibes
vom Ei an verfolgen, so finden Sie, daß der aus dem Ei entstehende
Keim oder Embryo eine Reihe von sehr verschiedenen Formen
durchläuft, welche im Ganzen übereinstimmt oder
wenigstens parallel ist mit der Formenreihe, welche die historische
Vorfahrenkette der höheren Säugethiere uns darbietet. Zu
diesen Vorfahren gehören gewisse Fische, Amphibien, Beutelthiere
u. s. w. Allein der Parallelismus oder die Uebereinstimmung dieser
beiden Entwickelungsreihen ist niemals ganz vollständig. Vielmehr
sind in der Ontogenie immer Lücken und Sprünge, welche
dem Ausfall einzelner Stadien der Phylogenie entsprechen. Wie Fritz
Müller in seiner ausgezeichneten Schrift "Für
Darwin"16) an dem Beispiel der Krustaceen oder Krebse
vortrefflich erläutert hat, "wird die in der individuellen
Entwickelungsgeschichte erhaltene geschichtliche Urkunde
allmählich verwischt, indem die Entwickelung einen immer
geraderen Weg vom Ei zum fertigen Thiere einschlägt." Diese
Verwischung oder Abkürzung wird durch das Gesetz der
abgekürzten Vererbung bedingt, und ich will dasselbe hier
deshalb besonders hervorheben, weil es von großer Bedeutung
für das Verständniß der Embryologie ist, und die
anfangs befremdende Thatsache erklärt, daß nicht alle
Entwickelungsformen, welche unsere Stammeltern durchlaufen haben,
in der Formenreihe unserer eigenen Entwickelung noch sichtbar sind.
Den bisher erörterten Gesetzen der erhaltenden oder
conservativen Vererbung stehen nun gegenüber die
Vererbungserscheinungen der zweiten Reihe, die Gesetze der
fortschreitenden oder progressiven Vererbung. Sie beruhen, wie
erwähnt, darauf, daß der Organismus nicht allein diejenigen
Eigenschaften auf seine Nachkommen überträgt, die er
bereits von den Voreltern ererbt hat, sondern auch eine Anzahl von
denjenigen individuellen Eigenthümlichkeiten, welche er selbst
erst während seines Lebens erworben hat. Die Anpassung
verbindet sich hier bereits mit der Vererbung. (Gen. Morph. II, 186).
Unter diesen wichtigen Erscheinungen der fortschreitenden oder
progressiven Vererbung können wir an die Spitze als das
allgemeinste das Gesetz der angepaßten oder erworbenen
Vererbung stellen. Dasselbe besagt eigentlich weiter Nichts, als was
ich eben schon aussprach, daß unter bestimmten Umständen
der Organismus fähig ist, alle Eigenschaften auf seine
Nachkommen zu vererben, welche er selbst erst während seines
Lebens durch Anpassung erworben hat. Am deutlichsten zeigt sich diese
Erscheinung natürlich dann, wenn die neu erworbene Eigenschaft
die ererbte Form bedeutend abändert. Das war in den Beispielen
der Fall, welche ich Ihnen in dem vorigen Vortrage von der Vererbung
überhaupt angeführt habe, bei den Menschen mit sechs
Fingern und Zehen, den Stachelschweinmenschen, den Blutbuchen,
Trauerweiden u. s. w. Auch die Vererbung erworbener Krankheiten, z. B.
der Schwindsucht, des Wahnsinns, beweist dies Gesetz sehr
auffällig, ebenso die Vererbung des Albinismus. Albinos oder
Kakerlaken nennt man solche Individuen, welche sich durch Mangel der
Farbstoffe oder Pigmente in der Haut auszeichnen. Solche kommen bei
Menschen, Thieren und Pflanzen sehr verbreitet vor. Bei Thieren, welche
eine bestimmte dunkle Farbe haben, werden nicht selten einzelne
Individuen geboren, welche der Farbe gänzlich entbehren, und bei
den mit Augen versehenen Thieren ist dieser Pigmentmangel auch auf
die Augen ausgedehnt, so daß die gewöhnlich lebhaft oder
dunkel gefärbte Regenbogenhaut oder Iris des Auges farblos ist,
aber wegen der durchschimmernden Blutgefäße roth
erscheint. Bei manchen Thieren, z. b. den Kaninchen, Mäusen, sind
solche Albinos mit weißem Fell und rothen Augen so beliebt,
daß man sie in großer Menge als besondere Rasse hält
und fortpflanzt. Dies wäre nicht möglich, ohne das Gesetz der
angepaßten Vererbung.
Welche von einem Organismus erworbene Abänderungen sich
auf seine Nachkommen übertragen werden, welche nicht, ist von
vornherein nicht zu bestimmen, und wir kennen leider die bestimmten
Bedingungen nicht, unter denen die Vererbung erfolgt. Wir wissen nur
am Allgemeinen, daß gewisse erworbene Eigenschaften sich viel
leichter vererben als andere, z. B. als die durch Verwundung
entstehenden Verstümmelungen. Diese letzteren werden in der
Regel nicht erblich übertragen; sonst müßten die
Descendenten von Menschen, die ihre Arme und Beine verloren haben,
auch mit dem Mangel des entsprechenden Armes oder Beines geboren
werden. Ausnahmen sind aber auch hier vorhanden, und man hat z. B.
eine schwanzlose Hunderasse dadurch gezogen, daß man mehrere
Generationen hindurch beiden Geschlechtern des Hundes consequent
den Schwanz abschnitt. Noch vor einigen Jahren kam hier in der
Nähe von Jena auf einem Gute der Fall vor, daß beim
unvorsichtigen Zuschlagen des Stallthores einem Zuchtstier der Schwanz
an der Wurzel abgequetscht wurde, und die von diesem Stiere erzeugten
Kälber wurden sämmtlich schwanzlos geboren. Das ist
allerdings eine Ausnahme. Es ist aber sehr wichtig, die Thatsache
festzustellen, daß unter gewissen uns unbekannten Bedingungen
auch solche gewaltsame Veränderungen erblich übertragen
werden, in gleicher Weise wie es bei Krankheiten sehr allgemein der Fall
ist.
In sehr vielen Fällen ist die Abänderung, welche durch
angepaßte Vererbung übertragen und erhalten wird,
angeboren, so bei dem vorher erwähnten Albinismus. Dann beruht
die Abänderung auf derjenigen Form der Anpassung, welche wir
die indirecte oder potentielle nennen. Ein sehr auffallendes Beispiel
dafür liefert das hornlose Rindvieh von Paraquay in
Südamerika. Daselbst wird eine besondere Rindviehrasse gezogen,
die ganz der Hörner entbehrt, abstammend von einem einzigen
Stiere, welcher im Jahre 1770 von einem gewöhnlichen
gehörnten Elternpaare geboren wurde, und bei welchem der
Mangel der Hörner durch irgendwelche unbekannte Ursache
veranlaßt worden war. Alle Nachkommen dieses Stieres, welche er
mit einer gehörnten Kuh erzeugte, entbehrten der Hörner
vollständig. Man fand diese Eigenschaft vorteilhaft, und indem
man die ungehörnten Rinder unter einander fortpflanzte, erhielt
man eine hornlose Rindviehrasse, welche gegenwärtig die
gehörnten Rinder in Paraquay fast verdrängt hat. Ein
ähnliches Beispiel liefern die nordamerikanischen Otterschafe. Im
Jahre 1791 lebte in Massachusetts in Nordamerika ein Landwirth,
Seth Wright mit Namen. In seiner wohlgebildeten Schafheerde
wurde auf einmal ein Lamm geboren, welches einen auffallend langen
Leib und ganz kurze und krumme Beine hatte. Es konnte daher keine
großen Sprünge machen und namentlich nicht über den
Zaun in des Nachbarn Garten springen; eine Eigenschaft, welche dem
Besitzer wegen der Abgrenzung des dortigen Gebietes durch Hecken
sehr vortheilhaft erschien. Er kam also auf den Gedanken, diese
Eigenschaft auf die Nachkommen zu übertragen, und in der That
erzeugte er durch Kreuzung dieses Schafbocks mit wohlgebildeten
Mutterschafen eine ganze Rasse von Schafen, die alle Eigenschaften des
Vaters hatten, kurze und gekrümmte Beine und einen langen Leib.
Sie konnten alle nicht über die Hecken springen, und wurden
deshalb damals in Massachusetts sehr beliebt und weit verbreitet.
Ein zweites Gesetz, welches ebenfalls unter die Reihe der
progressiven oder fortschreitenden Vererbung gehört,
können wir das Gesetz der befestigten oder constituirten
Vererbung nennen, dasselbe äußert sich darin, daß
Eigenschaften, die von einem Organismus während seines
individuellen Lebens erworben wurden, um so sicherer auf seine
Nachkommen erblich übertragen werden, je längere Zeit
hindurch die Ursachen jener Abänderung einwirken, und daß
diese Abänderung um so sicherer Eigenthum auch aller folgenden
Generationen wird, je längere Zeit hindurch auch auf diese die
abändernde Ursache einwirkt. Die durch Anpassung oder
Abänderung neu erworbene Eigenschaft muß in der Regel
erst bis zu einem gewissen Grade befestigt oder constituirt sein, ehe mit
Wahrscheinlichkeit darauf zu rechnen ist, daß sich dieselbe auch
auf die Nachkommenschaft erblich überträgt. Es
verhält sich in dieser Beziehung die Vererbung ähnlich wie
die Anpassung. Je längere Zeit hindurch eine neuerworbene
Eigenschaft bereits durch Vererbung übertragen ist, desto
sicherer wird sie auch in den kommenden Generationen sich erhalten.
Wenn also ein Gärtner durch methodische Behandlung eine neue
Aepfelsorte gezüchtet hat, so kann er um so sicherer darauf
rechnen, die erwünschte Eigenthümlichkeit dieser Sorte zu
erhalten, je länger er dieselbe bereits vererbt hat. Dasselbe zeigt
sich deutlich in der Vererbung von Krankheiten. Je länger bereits
in einer Familie Schwindsucht oder Wahnsinn erblich ist, desto tiefer
gewurzelt ist das Uebel, deste wahrscheinlicher werden auch alle
folgenden Generationen davon ergriffen werden.
Endlich können wir die Betrachtung der
Erblichkeitserscheinungen schließen mit den beiden ungemein
wichtigen Gesetzen der gleichörtlichen und der gleichzeitigen
Vererbung. Wir verstehen darunter die Thatsache, daß
Veränderungen, welche von einem Organismus während
seines Lebens erworben und erblich auf seine Nachkommen
übertragen wurden, bei diesen an derselben Stelle des
Körpers hervortreten, an welcher der elterliche Organismus zuerst
von ihnen betroffen wurde, und daß sie bei den Nachkommen auch
im gleichen Lebensalter erscheinen, wie bei dem ersteren.
Das Gesetz der gleichzeitigen oder homochronen Vererbung,
welches Darwin das Gesetz der "Vererbung in correspondirendem
Lebensalter" nennt, läßt sich wiederum sehr deutlich an der
Vererbung von Krankheiten nachweisen, zumal von solchen, die wegen
ihrer Erblichkeit sehr verderblich werden. Diese treten im kindlichen
Organismus in der Regel zu einer Zeit auf, welche derjenigen entspricht,
in welcher der elterliche Organismus die Krankheit erwarb. Erbliche
Erkrankungen der Lunge, der Leber, der Zähne, des Gehirns, der
Haut u. s. w. erscheinen bei den Nachkommen gewöhnlich in der
gleichen Zeit oder nur wenig früher, als sie beim elterlichen
Organismus eintraten, oder von diesem überhaupt erworben
wurden. Das Kalb bekommt seine Hörner in demselben
Lebensalter wie seine Eltern. Ebenso erhält das junge Hirschkalb
sein Geweih in derselben Lebenszeit, in welcher es bei seinem Vater und
Großvater hervorgesproßt war. Bei jeder der verschiedenen
Weinsorten reifen die Trauben zur selben Zeit, wie bei ihren Voreltern.
Bekanntlich ist diese Reifezeit bei den verschiedenen Sorten sehr
verschieden; da aber alle von einer einzigen Art abstammen, ist diese
Verschiedenheit von den Stammeltern der einzelnen Sorten erst
erworben worden und hat sich dann erblich fortgepflanzt.
Das Gesetz der gleichörtlichen oder homotopen
Vererbung endlich, welches mit dem letzterwähnten Gesetze
im engsten Zusammenhange steht, und welches man auch "das Gesetz
der Vererbung an correspondirender Körperstelle" nennen
könnte, läßt sich wiederum in pathologischen
Einzelfällen sehr deutlich erkennen. Große Muttermaale z. B.
oder Pigmentanhäufungen an einzelnen Hautstellen, ebenso
Geschwülste der Haut, erscheinen oft Generationen hindurch nicht
allein in demselben Lebensalter, sondern auch an derselben Stelle der
Haut. Ebenso ist übermäßige Fettentwickelung an
einzelnen Körperstellen erblich. Eigentlich aber sind für
dieses Gesetz, wie für das vorige, zahllose Beispiele überall
in der Embryologie zu finden. Sowohl das Gesetz der gleichzeitigen als
das Gesetz der gleichörtlichen Vererbung sind Grundgesetze der
Embryologie oder Ontogenie. Denn wir erklären uns durch
diese Gesetze die merkwürdige Thatsache, daß die
verschiedenen auf einander folgenden Formzustände
während der individuellen Entwickelung in allen Generationen
einer und derselben Art stets in derselben Reihenfolge auftreten, und
daß die Umbildungen des Körpers immer an denselben
Stellen erfolgen. Diese scheinbar einfache und selbstverständliche
Erscheinung ist doch überaus wunderbar und merkwürdig;
wir können die näheren Ursachen derselben nicht
erklären, aber mit Sicherheit behaupten, daß sie auf der
unmittelbaren Uebertragung der organischen Materie vom elterlichen
auf den kindlichen Organismus beruhen, wie wir es im Vorigen für
den Vererbungsprozeß im Allgemeinen aus den Thatsachen der
Fortpflanzung nachgewiesen haben.
Nachdem wir so die wichtigsten Vererbungsgesetze hervorgehoben
haben, wenden wir uns zur zweiten Reihe der Erscheinungen, welche bei
der natürlichen Züchtung in Betracht kommen, nämlich
zu denen der Anpassung und Abänderung. Diese Erscheinungen
stehen, im Großen und Ganzen betrachtet, in einem gewissen
Gegensatze zu den Vererbungserscheinungen, und die Schwierigkeit,
welche die Betrachtung beider darbietet, besteht zunächst darin,
daß beide sich auf das Vollständigste durchkreuzen und
verweben. Daher sind wir nur selten im Stande, bei den
Formveränderungen, die unter unsern Augen geschehen, mit
Sicherheit zu sagen, wieviel davon auf die Vererbung, wieviel auf die
Abänderung zu beziehen ist. Alle Formcharaktere, durch welche
sich die Organismen unterscheiden, sind entweder durch die Vererbung
oder durch die Anpassung verursacht; da aber beide Functionen
beständig in Wechselwirkung zu einander stehen, ist es für
den Systematiker außerordentlich schwer, den Antheil jeder der
beiden Functionen an der speciellen Bildung der einzelnen Form zu
erkennen. Dies ist gegenwärtig um so schwieriger, als man sich
noch kaum der ungeheuren Bedeutung dieser Thatsache bewußt
geworden ist, und als die meisten Naturforscher die Theorie der
Anpassung ebenso wie die der Vererbung vernachlässigt haben.
Die soeben aufgestellten Vererbungsgesetze, wie die sogleich
anzuführenden Gesetze der Anpassung, bilden gewiß nur
einen kleinen Bruchtheil der vorhandenen, meist noch nicht
untersuchten Erscheinungen dieses Gebietes; und da jedes dieser Gesetze
mit jedem anderen in Wechselbeziehungen treten kann, so geht daraus
die unendliche Verwickelung von physiologischen Thätigkeiten
hervor, die bei der Formbildung der Organismen in der That wirksam
sind.
Was nun die Erscheinung der Abänderung oder Anpassung im
Allgemeinen betrifft, so müssen wir dieselbe, ebenso wie die
Thatsache der Vererbung, als eine ganz allgemeine physiologische
Grundeigenschaft aller Organismen ohne Ausnahme hinstellen, als eine
Lebensäußerung, welche von dem Begriffe des Organismus
gar nicht zu trennen ist. Streng genommen müssen wir auch hier,
wie bei der Vererbung, unterscheiden zwischen der Anpassung selbst
und der Anpassungsfähigkeit. Unter Anpassung
(Adaptio) oder Abänderung (Variatio)
verstehen wir die Thatsache, daß der Organismus in Folge
von Einwirkungen der umgebenden Außenwelt gewisse neue
Eigenthümlichkeiten in seiner Lebensthätigkeit, Mischung
und Form annimmt, welche er nicht von seinen Eltern geerbt hat; diese
erworbenen individuellen Eigenschaften stehen den
ererbten gegenüber, welche seine Eltern und Voreltern auf
ihn übertragen haben. Dagegen nennen wir
Anpassungsfähigkeit (Adaptabilitas) oder
Veränderlichkeit (Variabilitas) die allen Organismen
inne wohnende Fähigkeit, derartige neue Eigenschaften
unter dem Einflusse der Außenwelt zu erwerben. (Gen. Morph. II.
191).
Die unleugbare Thatsache der organischen Anpassung oder
Abänderung ist allbekannt, und an tausend uns umgebenden
Erscheinungen jeden Augenblick wahrzunehmen. Allein gerade deshalb,
weil die Erscheinungen der Abänderung durch äußere
Einflüsse selbstverständlich erscheinen, hat man dieselben
bisher noch fast gar nicht einer genaueren physiologischen
wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Es gehören dahin
alle Erscheinungen, welche wir als die Folgen der Angewöhnung
und Abgewöhnung, der Uebung und Nichtübung betrachten,
oder als die Folgen der Dressur, der Erziehung, der Acclimatisation, der
Gymnastik u. s. w. Auch die Veränderungen druch krankmachende
Ursachen, die Krankheiten selbst sind zum größten Theil
weiter nichts als Anpassungen des Organismus an bestimmte
Lebensbedingungen. Bei den Culturpflanzen und Hausthieren tritt die
Erscheinung der Abänderung so auffallend und mächtig
hervor, daß eben darauf der Thierzüchter und Gärtner
seine ganze Thätigkeit gründet, oder vielmehr auf die
Wechselbeziehung, in welche er diese Erscheinungen mit denen der
Vererbung setzt. Ebenso ist es bei den Pflanzen und Thieren im wilden
Zustande allbekannt, daß sie abändern und variiren. Jede
systematische Bearbeitung einer Thier- oder Pflanzengruppe
müßte, wenn sie ganz vollständig und
erschöpfend sein wollte, bei jeder einzelnen Art einen Menge von
Abänderungen anführen, welche mehr oder weniger von der
herrschenden oder typischen Hauptform der Species abweichen. In der
That finden Sie in jedem genauer gearbeiteten systematischen
Specialwerk fast bei jeder Art eine Anzahl von solchen Variationen oder
Umbildungen angeführt, welche bald als individuelle
Abweichungen, bald als sogenannte Spielarten, Rassen, Varietäten,
Abarten oder Unterarten bezeichnet werden, und welche oft
außerordentlich weit sich von der Stammart entfernen, lediglich
durch die Anpassung des Organismus an die äußern
Lebensbedingungen.
Wenn wir nun zunächst die allgemeinen Ursachen dieser
Anpassungserscheinungen zu ergründen suchen, so kommen wir
zu dem Resultat, daß dieselben in Wirklichkeit so einfach sind, als
die Ursachen der Erblichkeitserscheinungen. Wie wir für die
Vererbungsthatsachen die Fortpflanzung als allgemeine Grundursache
nachwiesen, die Uebertragung der elterlichen Materie auf den
kindlichen Körper, so können wir für die Thatsachen
der Anpassung oder Abänderung als die allgemeine Grundursache
die physiologische Thätigkeit der Ernährung oder des
Stoffwechsels hinstellen. Wenn ich Ihnen hier die
"Ernährung" als Grundursache der Abänderung und
Anpassung anführe, so nehme ich dieses Wort im weitesten Sinne,
und verstehe darunter fast die gesammten materiellen
Wechselbeziehungen, welche der Organismus in allen seinen Theilen zu
der ihn umgebenden Außenwelt besitzt. Es gehört also zur
Ernährung nicht allen die Aufnahme der wirklich nährenden
Stoffe und der Einfluß der verschiedenartigen Nahrung, sondern
auch z. B. die Einwirkung des Wassers und der Athmosphäre, der
Einfluß des Sonnenlichts, der Temperatur und aller derjenigen
meteorologischen Erscheinungen, welche man unter dem Begriff "Klima"
zusammenfaßt. Auch der mittelbare und unmittelbare Einfluß
der Bodenbeschaffenheit und des Wohnorts gehört hierher, ferner
der äußerst wichtige und vielseitige Einfluß, welchen die
umgebenden Organismen, die Freunde und Nachbarn, die Feine und
Räuber, die Schmarotzer oder Parasiten u. s. w. auf jedes Thier und
auf jede Pflanze ausüben. Alle diese und noch viele andere
höchst wichtige Einwirkungen, welche alle den Organismus mehr
oder weniger zu verändern im Stande sind, müssen hier bei
der Ernährung im Betracht gezogen werden. In diesem weitesten
Sinne ist also die Ernährung durch sämmtliche
Wechselbeziehungen des Organismus zu der ihn umgebenden
Außenwelt bedingt. Diese Beziehungen sind natürlich
stets ganz materielle, und die Veränderungen, welche aus diesen
Wechselbeziehungen durch die Anpassung folgen, beruhen wieder auf
rein mechanischen, d. h. physikalischen und chemischen Ursachen.
Wie sehr ein Organismus von seiner gesammten äußern
Umgebung abhängt und durch deren Wechsel verändert
wird, ist Ihnen Allen im Allgemeinen bekannt. Denken Sie bloß
daran, wie die menschliche Thatkraft von der Temperatur der Luft
abhängig ist, oder die Gemüthsstimmung von der Farbe des
Himmels. Je nachdem der Himmel wolkenlos und sonnig ist, oder mit
trüben, schweren Wolken bedeckt, ist unsere Stimmung heiter
oder trübe. Wie anders empfinden und denken wir im Walde
während einer stürmischen Winternacht und während
eines heiteren Sommertages! Alle diese verschiedenen Stimmungen
unserer Seele beruhen auf rein matereillen
Veränderungen unseres Gehirns, welche mittelst der Sinne durch
die verschiedene Einwirkung des Lichts, derWärme, der
Feuchtigkeit u. s. w. hervorgebracht werden. "Wir sind ein Spiel von
jedem Druck der Luft!"
Nicht minder wichtig und tiefgreifend sind die Einwirkungen, welche
unser Geist und unser Körper durch die verschiedene
Qualität und Quantität der Nahrungsmittel im engeren Sinne
erfährt. Unsere Geistesarbeit, die Thätigkeit unsres
Verstandes und unserer Phantasie ist gänzlich verschieden, je
nachdem wir vor und während derselben Thee und Kaffee, oder
Wein und Bier genossen haben. Unsre Stimmungen, Wünsche und
Gefühle sind ganz anders, wenn wir hungern und wenn wir
gesättigt sind. Der Nationalcharakter der Engländer und der
Gauchos in Südamerika, welche vorzugsweise von Fleisch, von
stickstoffreicher Nahrung leben, ist gänzlich verschieden von
demjenigen der kartoffelessenden Irländer und der reisessenden
Chinesen, welche vorwiegend stickstofflose Nahrung genießen.
Auch lagern die letzteren viel mehr Fett ab, als die ersteren. Hier wie
überall gehen die Veränderungen des Geistes mit
entsprechenden Umbildungen des Körpers Hand in Hand; beide
sind durch rein materielle Ursachen bedingt. Ganz ebenso wie der
Mensch, werden aber auch allen anderen Organismen durch die
verschiedenen Einflüsse der Ernährung abgeändert
und umgebildet. Ihnen Allen ist bekannt, daß wir ganz
willkürlich die Form, Größe, Farbe u. s. w. bei unseren
Culturpflanzen und Hausthieren durch Veränderung der Nahrung
abändern können, daß wir z. B. einer Pflanze ganz
bestimmte Eigenschaften nehmen oder geben können, je nachdem
wir sie einem größeren oder geringeren Grade von
Sonnenlicht und Feuchtigkeit aussetzen. Da diese Erscheinungen ganz
allgemein verbreitet und bekannt sind, und wir sogleich zur Betrachtung
der verschiedenen Anpassungsgesetze übergehen werden, wollen
wir uns hier nicht länger bei den allgemeinen Thatsachen der
Abänderung aufhalten.
Gleichwie die verschiedenen Vererbungsgesetze sich
naturgemäß in die beiden Reihen der conservativen und der
progressiven Vererbung sondern lassen, so kann man unter den
Anpassungsgesetzen ebenfalls zwei verschiedene Reihen unterschieden,
nämlich erstens die Reihe der indirecten oder mittelbaren,
und zweitens die Reihe der directen oder unmittelbaren
Anpassungsgesetze. Letztere kann man auch als actuelle, erstere als
potentielle Anpassungsgesetze bezeichnen.
Die erste Reihe, welche die Erscheinungen der unmittelbaren oder
indirecten (potentiellen) Anpassung umfaßt, ist im Ganzen
bis jetzt sehr wenig berücksichtigt worden, und es bleibt das
Verdienst Darwin's, auf diese Reihe von Veränderungen
ganz besonders hingewiesen zu haben. Es ist etwas schwierig, diesen
Gegenstand gehörig klar darzustellen; ich werde versuchen, Ihnen
denselben nachher durch Beispiele deutlich zu machen. Ganz allgemein
ausgedrückt besteht die indirecte oder potentielle Anpassung in
der Thatsache, daß gewisse Veränderungen des Organismus,
welche durch den Einfluß der Nahrung (im weitesten Sinne) und
überhaupt der äußeren Existenzbedingungen bewirkt
werden, nicht in der individuellen Formbeschaffenheit des betroffenen
Organismus selbst, sondern in derjenigen seiner Nachkommen sich
äußern und in die Erscheinung treten. So wird namentlich bei
den Organismen, welche sich auf geschlechtlichem Wege fortpflanzen,
das Reproductionssystem oder der Geschlechtsapparat oft durch
äußere Wirkungen, welche im Uebrigen den Organismus
wenig berühren, dergestalt beeinflußt, daß die
Nachkommenschaft desselben ein ganz veränderte Bildung zeigt.
Sehr auffällig kann man das an den künstlich erzeugten
Monstrositäten sehen. Man kann Monstrositäten oder
Mißgeburten dadurch erzeugen, daß man den elterlichen
Organismus einer bestimmten, außerordentlichen Lebensbedingung
unterwirft. Diese ungewohnte Lebensbedingung erzeugt aber nicht eine
Veränderung des Organismus selbst, sondern eine
Veränderung seiner Nachkommen. Man kann das nicht als
Vererbung bezeichnen, weil ja nicht eine im elterlichen Organismus
vorhandene Eigenschaft als solche erblich auf die Nachkommen
übertragen wird. Vielmehr tritt eine Abänderung, welche
den alterlichen Organismus betraf, aber nicht wahrnehmbar afficirte,
erst in der eigenthümlichen Bildung seiner Nachkommen wirksam
und offen zu Tage. Bloß der Anstoß zu dieser neuen,
eigenthümlichen Bildung wird durch das Ei der Mutter oder durch
den Samenfaden des Vaters bei der Fortpflanzjng übertragen. Die
Neubildung ist im elterlichen Organismus bloß der
Möglichkeit nach (potentia) vorhanden; im kindlichen
wird sie zur Wirklichkeit (actu).
Während man diese sehr wichtige und sehr allgemeine
Erscheinung bisher ganz vernachlässigt hatte, war man geneigt,
alle wahrnehmbaren Abänderungen und Umbildungen der
organischen Formen als Anpassungserscheinungen der zweiten Reihe zu
betrachten, derjenigen der unmittelbaren oder directen
(actuellen) Anpassung. Das Wesen dieser Anpassungsgesetze liegt darin,
daß die den Organismus betreffende Veränderung (in der
Ernährung u. s. w.) bereits in dessen eigener Umbildung und nicht
erst in derjenigen seiner Nachkommen sich äußert. Hierher
gehören alle die bekannten Erscheinungen, bei denen wir den
umgestaltenden Einfluß des Klimas, der Nahrung, der Erziehung,
Dressur u. s. w. unmittelbar an den betroffenen Individuen selbst in
seiner Wirkung verfolgen können.
Wie die beiden Erscheinungsreihen der conservativen und der
progressiven Vererbung trotz ihres principiellen Unterschiedes vielfach
in einander greifen und sich gegenseitig modificiren, vielfach
zusammenwirken und sich durchkreuzen, so gilt das in noch
höherem Maße von den beiden entgegengesetzten und doch
innig zusammenhängenden Erscheinungsreihen der indirecten und
directen Anpassung. Einige Naturforscher, namentlich Darwin und
Carl Vogt, schreiben den indirecten oder potentiellen
Anpassungen eine viel bedeutendere oder selbst eine fast
ausschließliche Wirksamkeit zu. Die Mehrzahl der Naturforscher
aber war bisher geneigt, umgekehrt das Hauptgewicht auf die Wirkung
der directen oder actuellen Anpassungen zu legen. Ich halte diesen
Streit vorläufig für ziemlich unnütz. Nur selten sind
wir in der Lage, im einzelnen Abänderungsfalle beurtheilen zu
können, wieviel davon auf Rechnung der directen, wieviel auf
Rechnung der indirecten Anpassung kömmt. Wir kennen im
Ganzen diese außerordentlich wichtigen und verwickelten
Verhältnisse noch viel zu wenig, und können daher nur im
Allgemeinen die Behauptung aufstellen, daß die Umbildung und
Neubildung der organischen Formen entweder bloß der
directen, oder bloß der indirecten, oder endlich drittens dem
Zusammenwirken der directen und der indirecten Anpassung
zuzuschreiben ist.
Zehnter Vortrag.
Anpassungsgesetze.
{Siehe Einleitung ...}
Meine Herren! Die Erscheinungen der Anpassung oder
Abänderung, welche in Verbindung und in Wechselwirkung mit
den Vererbungserscheinungen die ganz unendliche Mannichfaltigkeit
der Thier- Pflanzenformen hervorbringen, hatten wir im letzten Votrage
in zwei verschiedene Gruppen gebracht, erstens die Reihe der indirecten
oder potentiellen und zweitens die Reihe der directen oder actuellen
Anpassungen. Wir wenden uns nun heute zu einer näheren
Betrachtung der verschiedenen allgemeinen Gesetze, welche wir unter
diesen beiden Reihen von Abänderungserscheinungen zu
erkennen im Stande sind. Lassen Sie uns zunächst die
merkwürdigen Erscheinungen der indirecten oder mittelbaren
Abänderung in's Auge fassen.
Die indirecte oder potentielle Anpassung äußerte
sich, wie Sie sich erinnern werden, in der auffallenden und
äußerst wichtigen Thatsache, daß die organischen
Individuen Umbildungen erleiden und neue Formen annehmen in Folge
von Ernährungsveränderungen, welche nicht sie selbst,
sondern ihren elterlichen Organismus betrafen. Der umgestaltende
Einfluß der äußeren Existenzbedingungen, des Klimas,
der Nahrung etc. äußert hier seine Wirkung nicht direct, in
der Umbildung des Organismus selbst, sondern indirect, in derjenigen
seiner Nachkommen (Gen. Morph. II., 202).
Als das oberste und allgemeinste von den Gesetzen der indirecten
Abänderung können wir das Gesetz der individuellen
Anpassung hinstellen, nämlich den wichtigen Satz, daß
alle organischen Individuen von Anbeginn ihrer individuellen Existenz
an ungleich, wenn auch oft höchst ähnlich sind. Zum Beweis
dieses Satzes können wir zunächst auf die Thatsache
hinweisen, daß beim Menschen allgemein alle Geschwister, alle
Kinder eines Elternpaares von Geburt an ungleich sind. Es wird Niemand
behaupten, daß zwei Geschwister von der Geburt an vollkommen
gleich sind, daß die Größe aller einzelnen
Körpertheile, die Zahl der Kopfhaare, der Oberhautzellen, der
Blutzellen in beiden Geschwistern ganz gleich sei, daß beide
dieselben Anlagen und Talente mit auf die Welt gebracht haben. Ganz
besonders beweisend für dieses Gesetz der individuellen
Verschiedenheit ist aber die Thatsache, daß bei denjenigen Thieren,
welche mehrere Junge werfen, z. b. bei den Hunden und Katzen alle
Jungen eines jedes Wurfes von einander verschieden sind, bald durch
geringere, bald durch auffallendere Differenzen in der Größe,
Färbung, Länge der einzelnen Körpertheile,
Stärke u. s. w. Nun gilt aber dieses Gesetz ganz allgemein. Alle
organischen Individuen sind von Anfang an durch gewisse, wenn auch
oft höchst feine Unterschiede ausgezeichnet und die Ursache
dieser individuellen Unterschiede, wenn auch im Einzelnen uns
gewöhnlich ganz ungekannt, liegt theilweise oder
ausschließlich in gewissen Einwirkungen, welche die
Fortpflanzungsorgane des elterlichen Organismus erfahren haben.
Weniger wichtig und allgemein, als dieses Gesetz der individuellen
Abänderung, ist ein zweites Gesetz der indirecten Anpassung,
welches wir das Gesetz der monströsen oder sprungweisen
Anpassung nennen wollen. Hier sind die Abweichungen des
kindlichen Organismus von der elterlichen Form so auffallend, daß
wir sie in der Regel als Mißgeburten oder Monstrositäten
bezeichnen können. Diese werden in vielen Fällen, wie es
durch Experimente nachgewiesen ist, dadurch erzeugt, daß man
den elterlichen Organismus einer bestimmten Behandlung unterwirft, in
eigenthümliche Ernährungsverhältnisse versetzt, z. B.
Luft und Licht ihm entzieht oder andere auf seine Ernährung
mächtig einwirkende Einflüsse in bestimmter Weise
abändert. Die neue Existenzbedingung bewirkt eine starke und
auffallende Abänderung der Gestalt, aber nicht an dem
unmittelbar davon betroffenen Organismus, sondern erst an dessen
Nachkommenschaft. Die Art und Weise dieser Einwirkung im Einzelnen
zu erkennen, ist uns auch hier nicht möglich, und wir
können nur ganz im Allgemeinen den ursächlichen
Zusammenhang zwischen der monströsen Bildung des Kindes und
einer gewissen Veränderung in den Existenzbedingungen seiner
Eltern, sowie deren Einfluß auf die Fortpflanzungsorgane der
letzteren, feststellen. In diese Reihe der monströsen oder
strungweisen Abänderungen gehören wahrscheinlich die
früher erwähnten Erscheinungen des Albinismus, sowie die
einzelnen Fälle von Menschen mit sechs Fingern und Zehen, von
ungehörnten Rindern, sowie von Schafen und Ziegen mit vier oder
sechs Hörnern. Wahrscheinlich verdankt in allen diesen
Fällen die monströse Abänderung ihre erste
Entstehung einer Ursache, welche zunächst nur das
Reproductionssystem des elterlichen Organismus afficirte.
Als eine dritte eigenthümliche Aeußerung der indirecten
Anpassung können wir das Gesetz der geschlechtlichen oder
sexuellen Anpassung bezeichnen. So nennen wir die
merkwürdige Thatsache, daß bestimmte Einflüsse,
welche auf die männlichen Fortpflanzungsorgane einwirken, nur in
der Formbildung der männlichen Nachkommen, und ebenso
andere Einflüsse, welche die weiblichen Geschlechtsorgane
betreffen, nur in der Gestaltenveränderung der weiblichen
Nachkommen ihre Wirkung äußern. Diese Erscheinung ist
noch sehr dunkel und wenig beachtet, wahrscheinlich aber von
großer Bedeutung für die Entstehung der früher
betrachteten "secundären Sexualcharaktere".
Alle die angeführten Erscheinungen der geschlechtlichen, der
sprungweisen und der individuellen Anpassung, welche wir als "Gesetze
der indirecten oder mittelbaren (potentiellen) Anpassung",
zusammenfassen können, sind uns in ihrem eigentlichen Wesen, in
ihrem tieferen ursächlichen Zusammenhang noch
äußerst wenig bekannt. Nur so viel läßt sich jetzt
mit Sicherheit behaupten, daß sehr zahlreiche und wichtige
Umbildung der organischen Formen diesem Vorgange ihre Entstehung
verdanken. Viele und auffallende Formveränderungen sind
lediglich bedingt durch Ursachen, welche zunächst nur auf die
Ernährung des elterlichen Organismus und zwar auf dessen
Fortpflanzungsorgane einwirkten. Offenbar sind hierbei die wichtigen
Wechselbeziehungen, in denen die Geschlechtsorgane zu den
übrigen Körpertheilen stehen, von der größten
Bedeutung. Von diesen werden wir sogleich bei dem Gesetze der
wechselbezüglichen Anpassung noch mehr zu sagen haben. Wie
mächtig überhaupt Veränderungen in den
Lebensbedingungen, in der Ernährung auf die Fortpflanzung der
Organismen einwirken, beweist allein schon die merkwürdige
Thatsache, daß zahlreiche wilde Thiere, die wir in unseren
zoologischen Gärten halten, und ebenso viele in unsere
botanischen Gärten verpflanzte exotische Gewächse nicht
mehr im Stande sind, sich fortzupflanzen, so z. b. die meisten
Raubvögel, Papageyen und Affen. Auch der Elephant und die
bärenartigen Raubthiere werfen in der Gefangenschaft fast
niemals Junge. Ebenwo werden viele Pflanzen im Culturzustand
unfruchtbar. Es erfolgt zwar die Verbindung der beiden Geschlechter,
aber keine Befruchtung oder keine Entwicklung der befruchteten Keime.
Hieraus ergiebt sich unzweifelhaft, daß die durch den
Culturzustand veränderte Ernährungsweise die
Fortpflanzungsfähigkeit gänzlich aufzuheben, also den
größten Einfluß auf die Geschlechtsorgane
auszuüben im Stande ist. Ebenso können andere
Anpassungen oder Ernährungsveränderungen des
elterlichen Organismus zwar nicht den gänzlichen Ausfall der
Nachkommenschaft, wohl aber bedeutende Umbildungen in deren Form
veranlassen.
Viel bekannter als die Erscheinungen der indirecten oder potentiellen
Anpassung sind diejenigen der directen oder actuellen
Anpassung, zu deren näherer Betrachtung wir uns jetzt
wenden. Es gehören hierher alle diejenigen Abänderungen
der Organismen, welche man als die Folgen der Uebung, Gewohnheit,
Dressur, Erziehung u. s. w. betrachtet, ebenso diejenigen Umbildungen
der organischen Formen, welche unmittelbar durch den Einfluß der
Nahrung, des Klimas und anderer äußerer
Existenzbedingungen bewirkt werden. Wie schon vorher bemerkt, tritt
hier bei der directen oder unmittelbaren Anpassung der umbildende
Einfluß der äußeren Ursache unmittelbar in der Form
des betroffenen Organismus selbst, und nicht erst in derjenigen seiner
Nachkommenschaft zu Tage (Gen. Morph. II., 207).
Unter den verschiedenen Gesetzen der directen oder actuellen
Anpassung können wir als das oberste und umfassendste das
Gesetz der allgemeinen oder universellen Anpassung an die Spitze
stellen. Dasselbe läßt sich kurz in dem Satze aussprechen:
"Alle organische Individuen werden im Laufe ihres Lebens durch
Anpassung an verschiedene Lebensbedingungen einander ungleich,
obwohl die Individuen einer und derselben Art sich meistens sehr
ähnlich bleiben." Eine gewisse Ungleichheit der organischen
Individuen wurde, wie Sie sahen, schon durch das Gesetz der
individuellen (indirecten) Anpassung bedingt. Allein diese
ursprüngliche Ungleichheit der Einzelwesen wird späterhin
dadurch noch gsteigert, daß jedes Individuum sich während
seines selbstständigen Lebens seinen eigenthümlichen
Existenzbedingungen unterwirft und anpaßt. Alle verschiedenen
Einzelwesen einer jeden Art, so ähnlich sie in ihren ersten
Lebensstadien auch sein mögen, werden im weiteren Verlaufe der
Existenz einander mehr oder minder ungleich. In geringeren oder
bedeutenderen Eigenthümlichkeiten entfernen sie sich von
einander, und das ist eine natürliche Folge der verschiedenen
Bedingungen, untern denen alle Individuen leben. Es gibt nicht zwei
einzelne Wesen irgend einer Art, die unter ganz gleichen
äußren Umständen ihre Leben vollbringen. Die
Lebensbedingungen der Nahrung, der Feuchtigkeit, der Luft, des Lichts,
ferner die Lebensbedingungen der Gesellschaft, die Wechselbeziehungen
zu den umgebenden Individuen derselben Art und anderer Arten, sind
bei allen Einzelwesen verschieden; und diese Verschiedenheit wirkt
zunächst auf die Functionen, weiterhin auf die Formen jedes
eizelnen Organismus umbildend ein. Wenn Geschwister einer
menschlichen Familie schon von Anfang an gewisse individuelle
Ungleicheiten zeigen, die wir als Folge der individuellen (indirecten)
Anpassung betrachten können, so erscheinen uns dieselben noch
weit mehr verschieden in späterer Lebenszeit, wo die einzelnen
Geschwister verschiedene Erfahrungen durchgemacht, und sich
verschiedenen Lebensverhältnissen angepaßt haben. Die
ursprünglich angelegte Verschiedenheit des individuellen
Entwickelungsganges wird offenbar um so größer, je
länger das Leben dauert, je mehr verschiedenartige
äußere Bedingungen auf die einzelnen Individuen
Einfluß erlangen. Das können Sie am einfachsten an den
Menschen selbst, sowie an den Hausthieren und Culturpflanzen
nachweisen, bei denen Sie willkührlich die Lebensbedingungen
modificiren können. Zwei Brüder, von denen der eine zum
Arbeiter, der andere zum Priester erzogen wird, entwickeln sich in
körperlicher und geistiger Beziehung ganz verschieden; ebenso
zwei Hunde eines und desselben Wurfes, von denen der eine zum
Jagdhund, der andere zum Kettenhund erzogen wird. Dasselbe gilt aber
auch von den organischen Individuen im Naturzustande. Wenn Sie z. B.
in einem Kiefern- oder in einem Buchenwalde, der bloß aus
Bäumen einer einzigen Art besteht, sorgfältig alle
Bäume mit einander vergleichen, so finden Sie allemal, daß
von allen hundert oder tausend Bäumen nicht zwei Individuen in
der Größe des Stammes und der einzelnen Theile, in der Zahl
der Zweige, Blütter, Früchte u. s. w. völlig
übereinstimmen. Ueberall finden Sie individuelle Ungleichheiten,
welche zum Theil wenigstens bloß die Folge der verschiedenen
Lebensbedingungen sind, unter denen sich alle Bäume
entwickelten. Freilich läßt sich niemals mit Bestimmtheit
sagen, wieviel von dieser Ungleicheit aller Einzelwesen jeder Art
ursprünglich (durch die indirecte individuelle Anpassung bedingt),
wieviel davon erworben (durch die directe universelle Anpassung
bewirkt) ist.
Nicht minder wichtig und allgemein als die universelle Anpassung ist
eine zweite Erscheinungsreihe der directen Anpassung, welche wir
das Gesetz der gehäuften oder cumulativen Anpassung
nennen können. Unter diesem Namen fasse ich eine große
Anzahl von sehr wichtigen Erscheinungen zusammen, die man
gewöhnlich in zwei ganz verschiedene Gruppen bringt. Man
unterscheidet in der Regel erstens solche Veränderungen der
Organismen, welche unmittelbar durch den anhaltenden Einfluß
äußerer Bedingungen (durch die dauernde Einwirkung der
Nahrung, des Klimas, der Umgebung u. s. w.) erzeugt werden, und
zweitens solche Veränderungen, welche durch Gewohnheit und
Uebung, durch Angewöhnung an bestimmte Lebensbedingungen,
durch Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe entstehen. Diese
letzteren Einflüsse sind insbesondere von Lamarck als
wichtige Ursachen der Umbildung der organischen Formen
hervorgehoben, während man die ersten schon sehr lange in
weiteren Kreisen als solche anerkannt hat.
Die scharfe Unterscheidung, welche man zwischen diesen beiden
Gruppen der gehäuften oder cumulativen Anpassung
gewöhnlich macht, und welche auch Darwin noch sehr
hervorhebt, verschwindet, sobald man eingehender und tiefer
über das eigentliche Wesen und den ursächlichen Grund der
beiden scheinbar sehr verschiedenen Anpassungsreihen nachdenkt. Man
gelangt dann zu der Ueberzeugung, daß man es in beiden
Fällen immer mit zwei verschieden wirkenden Ursachen zu thun
hat, nämlich einerseits mit der äußeren
Einwirkung oder Action der anpassend wirkenden
Lebensbedingung, und andrerseits mit der inneren Gegenwirkung
oder Reaction des Organismus, welcher sich jener
Lebensbedingung unterwirft und anpaßt. Wenn man die
gehäufte Anpassung in ersterer Hinsicht jfür sich betrachtet,
indem man die umbildenden Wirkungen der andauernden
äußeren Existenzbedingungen auf diese letzteren allein
bezieht, so legt man einseitig das Hauptgewicht auf die
äußere Einwirkung, und man vernächlässigt die
nothwendig eintretende innere Gegenwirkung des Organismus. Wenn
man umgekehrt die gehäufte Anpassung einseitig in der zweiten
Richtung verfolgt, indem man die umbildende Selbstthätigkeit des
Organismus, seine Gegenwirkung gegen den äußeren
Einfluß, seine Veränderung durch Uebung, Gewohnheit,
Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe hervorhebt, so vergißt
man, daß diese Gegenwirkung oder Reaction erst durch die
Einwirkung der äußeren Existenzbedingung hervorgerufen
wird. Es ist also nur ein Unterschied der Betrachtungsweise, auf
welchem die Unterscheidung jener beiden verschiedenen Gruppen
beruht, und ich glaube, daß man sie mit vollem Rechte
zusammenfassen kann. Das Wesentlichste bei diesen gehäuften
Anpassungserscheinungen ist immer, daß die Veränderung
des Organismus, welche zunächst in seiner Function und weiterhin
in seiner Formbildung sich äußert, entweder durch lange
andauernde oder durch wiederholte Einwirkungen einer
äußeren Ursache veranlaßt wird. Die neue
äußere Existenzbedingung, welche umbildend wirkt,
muß entweder lange Zeit hindurch oder oft wiederholt auf den
Organismus einwirken. Die kleinste Ursache kann durch Häufung
oder Cumulation ihrer Wirkung die größten Erfolge erzielen.
Die Beispiele für diese Art der directen Anpassung sind
unendlich zahlreiche. Wo Sie nur hineingreifen in das Leben der Thiere
und Pflanzen, finden Sie überall leuchtende und
überzeugende Veränderungen dieser Art vor Augen. Wir
wollen hier zunächst einige durch die Nahrung selbst unmittelbar
bedingte Anpassungserscheinungen hervorheben. Jeder von Ihnen
weiß, daß man die Hausthiere, die man für gewisse
Zwecke züchtet, verschieden umbilden kann durch die
verschiedene Quantität der Nahrung, welche man ihnen darreicht.
Wenn der Landwirth bei der Schafzucht feine Wolle erzeugen will, so
giebt er den Schafen anderes Futter, als wenn er gutes Fleisch oder
reichliches Fett erzielen will. Die auserlesenen Rennpferde und
Luxuspferde erhalten besseres Futter als die schweren Lastpferde und
Karrengaule. Die Körperform des Menschen selbst, der Grad der
Fettablagerung z. B., ist ganz verschieden nach der Nahrung. Bei
stickstoffreicher Kost wird wenig, bei stickstoffarmer Kost viel Fett
abgelagert. Leute, die nach der neuerdings beliebten Kanting-Cur mager
werden wollen, essen nur Fleisch und Eier, kein Brod, keine Kartoffeln.
Welche bedeutenden Veränderungen man an Culturpflanzen
hervorbringen kann, lediglich durch veränderte Quantität
und Qualität der Nahrung, ist allbekannt. Dieselbe Pflanze
erhält ein ganz andres Aussehen, wenn man sie an einem
trockenen, warmen Ort dem Sonnenlicht ausgesetzt hält. Viele
Pflanzen bekommen, wenn man sie an den Meeresstrand versetzt, nach
einiger Zeit dicke, fleischige Blätter, und dieselben Pflanzen, an
ausnehmend trockene und heiße Standorte versetzt, bekommen
behaarte Blätter. Alle diese Formveränderungen entstehen
unmittelbar durch den gehäuften Einfluß der
veränderten Nahrung.
Aber nicht nur die Quantität und Qualität der
Nahrungsmittel wirkt mächtig verändernd und umbildend
auf den Organismus ein, sondern auch alle anderen äußeren
Existenzbedingungen, vor Allen die nächste organische Umgebung,
die Gesellschaft von freundlichen oder feindlichen Organismen. Ein und
dasselbe Pferd oder Rind entwickelt sich ganz anders, wenn es das Jahr
hindurch im Stalle steht, als wenn es den Sommer über frei in
Wald und Wiese umherstreift. Ein und derselbe Baum entwickelt sich
ganz verschieden an einen offenen Standort, wo er von allen Seiten frei
steht, als im Walde, wo er sich den Umgebungen anpassen muß, wo
er von den nächsten Nachbarn gedrängt und zum
Emporschießen gezwungen wird. Im ersten Fall wird die Krone weit
ausgebreitet, im letzten dehnt sich der Stamm in die Höhe und die
Kröne bleibt klein und gedrungen. Wie mächtig alle diese
Umstände, wie mächtig der feindliche oder freundliche
Einfluß der umgebenden Organismen, der Parasiten u. s. w. auf
jedes Thier und jede Pflanze einwirken, ist so bekannt, daß eine
Anführung weiterer Beispiele überflüssig erscheint.
Die Veränderung der Form, die Umbildung, welche dadurch
bewirkt wird, ist niemals bloß die unmittelbare Folge des
äußeren Einflusses, sondern muß immer
zurückgeführt werden auf die entsprechende Gegenwirkung,
auf die Selbstthätigkeit des Organismus, die man als
Angewöhnung, Uebung, Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe
bezeichnet. Daß man diese letzteren Erscheinungen in der Regel
getrennt von ersteren betrachtete, liegt erstens an der schon
hervorgehobenen einseitigen Betrachtungsweise, und dann zweitens
daran, daß man sich eine ganz falsche Vorstellung von dem
Einfluß der Wissensthätigkeit bei den Thieren gebildet hatte.
Die Thätigkeit des Willens, welche der Angewöhnung, der
Uebung, dem Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe bei den Thieren
zu Grunde liegt, ist gleich jeder anderen Thätigkeit der thierischen
Seele durch materielle Vorgänge im Centralnervensystem bedingt,
durch eigenthümliche Bewegungen, welche von der
eiweißartigen Materie der Ganglienzellen und der mit ihnen
verbundenen Nervenfasern ausgehen. Der Wille der höheren
Thiere ist in dieser Beziehung, ebenso wie die übrigen
Geistenthätigkeiten, von denjenigen des Menchen nur quantitativ
(nicht qualitativ) verschieden. Der Wille des Thieres, wie des Menschen
ist niemals frei. Das weitverbreitete Dogma von der Freiheit des Willens
ist naturwissenschaftlch durchaus nicht haltbar. Jeder Physiologe, der
die Erscheinungen der Willensthätigkeit bei Menschen und
Thieren naturwissenschaftlich untersucht, kommt mit Nothwendigkeit
zu der Ueberzeugung, daß der Wille eigentlich niemals frei, sondern
stets durch äußere oder innere Einflüsse bedingt ist.
Diese Einflüsse sind größtentheils Vorstellungen, die
entweder durch Anpassung oder durch Vererbung erworben, und auf
eine von diesen beiden physiologischen Functionen
zurückführbar sind. Sobald man seine eigenen
Willensthätigkeit streng untersucht, ohne das herkömmliche
Vorurtheil von der Freiheit des Willens, so wird man gewahr, daß
jede scheinbar freie Willenshandlung bewirkt wird durch
vorhergehende Vorstellungen, die entweder in ererbten oder in
anderweitig erworbene Vorstellungen wurzeln, und in letzter Linie also
wiederum durch Anpassungs- oder Vererbungsgesetze bedingt sind.
Dasselbe gilt von der Willensthätigkeit aller Thiere. Sobald man
diese eingehend im Zusammenhang mit ihrer Lebensweise betrachtet,
und in ihrer Beziehung zu den Veränderungen, welche die
Lebensweise durch die äußeren Bedingungen erfährt,
so überzeugt man sich alsbald, daß eine andere Auffassung
nicht möglich ist. Daher müssen auch die
Veränderungen der Willensbewegung, welche aus
veränderter Ernährung folgen, und welche als Uebung,
Gewohnheit u. s. w. umbildend wirken, unter jene materiellen
Vorgänge der gehäuften Anpassung gerechnet werden.
Indem sich der thierische Wille den veränderten
Existenzbedingungen durch andauernde Gewöhnung, Uebung u .s.
w. anpaßt, vermag er die bedeutendsten Umbildungen der
organischen Formen zu bewirken. Mannigfaltige Beispiele hierfür
sind überall im Thierleben zu finden. So verkümmern z. B.
bei den Hausthieren manche Organe, indem sie in Folge der
veränderten Lebensweise außer Thätigkeit treten. Die
Enten und Hühner, welche im wilden Zustande ausgezeichnet
fliegen, verlernen diese Bewegung mehr oder weniger im
Culturzustande. Sie gewöhnen sich daran, mehr ihre Beine, als ihre
Flügel zu gebrauchen, und in Folge davon werden die dabei
gebrauchten Theile der Muskulatur und des Skelets in ihrer Ausbildung
und Form wesentlich verändert. Für die verschiedenen
Rassen der Hausente, welche alle von der wilden Ente (Anas
boschas) abstammen, hat dies Darwin durch eine sehr
sorgfältige vergleichende Messung und Wägung der
betreffenden Skelettheile nachgewiesen. Die Knochen des Flügels
sind bei der Hausente schwächer, die Knochen des Beines dagegen
umgekehrt stärker entwickelt, als bei der wilden Ente. Bei den
Straußen und anderen Laufvögeln, welche sich das Fliegen
gänzlich abgewöhnt haben, ist in Folge dessen der
Flügel ganz verkümmert, zu einen völlig
"rudimentären Organ" herabgesunken (S. 10). Bei vielen
Hausthieren, insbesondere bei vielen Rassen von Hunden und Kaninchen
bemerken Sie ferner, daß dieselben durch den Culturzustande
herabhängende Ohren bekommen haben. Dies ist einfach eine
Folge des verminderten Gebrauchs der Ohrmuskeln. Im wilden Zustande
müssen diese Thiere ihre Ohren gehörig anstregen, um einen
nahenden Feind zu bemerken, und es hat sich dadurch ein starker
Muskelapparat entwickelt, welcher die äußeren Ohren in
aufrechter Stellung erhält, und nach allen Richtungen dreht. Im
Culturzustande haben dieselben Thiere nicht mehr nöthig so
aufmerksam zu lauschen; sie spitzen und drehen die Ohren nur wenig;
die Ohrmusken kommen außer Gebrauch, verkümmern
allmählich, und die Ohren sinken schlaff herab, oder sie werden
selbst ganz rudimentär (Vergl. oben S. 10).
Wie in diesen Fällen die Function und dadurch auch die Form
des Organs durch Nichtgebrauch rückgebildet wird, so wird
dieselbe andrerseits durch stärkeren Gebrauch mehr entwickelt.
Dies tritt uns besonders deutlich entgegen, wenn wir das Gehirn und die
dadurch bewirkten Seelenthätigkeiten bei den wilden Thieren und
den Hausthieren, welche von ihnen abstammen, vergleichen.
Insbesondere der Hund und das Pferd, welche in so erstaunlichem
Maße durch die Cultur veredelt sind, zeigen im Vergleiche mit
ihren wilden Stammverwandten einen außerordentlichen Grad von
Ausbildung der Geistesthätigkeit, und offenbar ist die damit
zusammenhängende Umbildung des Gehirns
größtentheils durch die andauernde Uebung bedingt.
Allbekannt ist es ferner, wie schnell und mächtig die Muskeln
durch anhaltende Uebung wachsen und ihre Form verändern.
Vergleichen Sie z. B. Arme und Beine eines geübten Turners mit
denjenigen eines unbeweglichen Stubensitzers.
Wie mächtig äußere Einflüsse die
Gewohnheiten der Thiere, ihre Lebensweise beeinflussen und dadurch
weiterhin auch ihre Form umbilden, zeigen sehr auffallend manche
Beispiele von Amphibien und Reptilien. Unsere häufigste
einheimische Schlange, die Ringelnatter, legt Eier, welche zu ihrer
Entwicklung noch drei Wochen brauchen. Wenn man sie aber in
Gefangenschaft hält und in den Käfig keinen Sand streut, so
legt sie die Eier nicht ab, sondern behält sie bei sich, so lange bis
die Jungen entwickelt sind. Der Unterschied zwischen lebendig
gebärenden Thieren und solchen, die Eier legen, wird hier einfach
durch die Veränderung des Bodens, auf welchem das Thier lebt,
verwischt.
Außerordentlich interessant sind in dieser Beziehung auch die
Wassermolche oder Tritonen, welche man gezwungen hat, ihre
ursprünglichen Kiemen beizubehalten. Die Tritonen, Amphibien,
welche den Fröschen nahe verwandt sind, besitzen gleich diesen in
ihrer Jugend äußere Athnungsorgane, Kiemen, mit welchen
sie, im Wasser lebend, Wasser athmen. Später tritt bei den
Tritonen eine Metamorphose ein, wie bei den Fröschen. Sie gehen
auf das Land, verlieren die Kiemen und gewöhnen sich an das
Lungenathmen. Wenn man sie nun daran verhindert, indem man sie in
einem geschlossenen Wasserbecken hält, so verlieren sie die
Kiemen nicht. Diese bleiben vielmehr bestehen, und der Wassermolch
verharrt zeitlebens auf jener niederen Ausbildungsstufe, welche bei
seinen tiefer stehenden Verwandten, den Kiemenmolchen oder
Sozobranchien normal ist. Der Wassermolch erreicht seine volle
Größe, wird geschlechtsreif und pflanzt sich fort, ohne die
Kiemen zu verlieren.
Großes Aufsehen erregte unter den Zoologen vor Kurzem der
Axolotl (Siredon pisciformis), ein dem Triton nahe verwandter
Kiemenmolch aus Mexico, welchen man schon seit langer Zeit kennt, und
in den letzten Jahren im Pariser Pflanzengarten im Großen
gezüchtet hat. Dieses Thier hat auch äußere Kiemen,
wie der Wassermolch, behält aber dieselben gleich allen anderen
Sozobranchien zeitlebens bei. Für gewöhnlich bleibt dieser
Kiemenmolch mit seinen Wasserathmungsorganen im Wasser und
pflanzt sich hier auch fort. Nun krochen aber plötzlich im
Pflanzengarten unter Hunderten dieser Thiere eine geringe Anzahl aus
dem Wasser auf das Land, verloren ihre Kiemen, und verwandelten sich
in eine kiemenlose Molchform, welche von einer nordamerikanischen
Tritonengattung (Ambystoma) nicht mehr zu unterscheien ist, und
nur noch durch Lugen athmet. In diesem letzten, höchst
merkwürdigen Falle können wir unmittelbar den
großen Sprung von einem wasserathmenden zu einem
luftathmenden Thiere verfolgen, ein Sprung, der allerdings bei der
individuellen Entwickelungsgeschichte der Frösche und
Salamander in jedem Frühling beobachtet werden kann. Ebenso
aber, wie jeder einzelne Frosch und jeder einzelne Salamander aus dem
ursprünglich kiemenathmenden Amphibium späterhin in ein
lungenathmendes sich verwandelt, so ist auch die ganze Gruppe der
Frösche und Salamander ursprünglich aus
kiemenathmenden, dem Siredon verwandten Thieren entstanden. Die
Sozobranchien sind noch bis auf den heutigen Tag auf jener niederen
Stufe stehen geblieben. Die Ontogenie erläutert auch hier die
Phylogenie, die Entwickelungsgeschichte der Individuen diejenige der
ganzen Gruppe (S. 9).
An die gehäufte oder cumulative Anpassung schließt sich
als eine dritte Erscheinung der directen oder actuellen Anpassung das
Gesetz der wechselbezüglichen oder correlativen Anpassung
an. Nach diesem wichtigen Gesetze werden durch die actuelle Anpassung
nicht nur diejenigen Theile des Organismus abgeändert, welche
unmittelbar durch die äußere Einwirkung betroffen werden,
sondern auch andere, nicht unmittelbar davon berührte Theile.
Dies ist eine Folge des organischen Zusammenhangs, und namentlich der
einheitlichen Ernährungsverhältnisse, welche zwischen allen
Theilen jedes Organismus bestehen. Wenn z. B. bei einer Pflanze durch
Versetzung an einen trocknen Standort die Behaarung der Blätter
zunimmt, so wirkt diese Veränderung auf die Ernährung
anderer Theile zurück, und kann eine Verkürzung der
Stengelglieder und somit eine gedrungenere Form der ganzen Pflanze
zur Folge haben. Bei einigen Rassen von Schweinen und Hunden, z. B. bei
dem türkischen Hunde, welche durch Anpassung an ein
wärmeres Klima ihre Behaarung mehr oder weniger verloren,
wurde zugleich das Gebiß rückgebildet. So zeigen die
Walfische und die Edentaten (Schuppenthiere, Gürtelthiere etc.),
welche sich durch ihre eigenthümliche Hautbedeckung am meisten
von den übrigen Säugethieren entfernt haben, die
größten Abweichungen in der Bildung des Gebisses. Ferner
bekommen solche Rassen von Hausthieren (z. B. Rindern, Schweinen), bei
denen sich die Beine verkürzen, in der Regel auch einen kurzen
und gedrungenen Kopf. So zeichnen sich u. a. die Taubenrassen, welche
die längsten Beine haben, zugleich auch durch die längsten
Schnäbel aus. Dieselbe Wechselbeziehung zwischen der
Länge der Beine und des Schnabels zeigt sich ganz allgemein in der
Ordnung der Stelzvögel (Grallatores), beim Storch, Kranich,
der Schnepfe u. s. w. Die Wechselbeziehungen, welche in dieser Weise
zwischen verschiedenen Theilen des Organismus bestehen, sind
äußerst merkwürdig, und im Einzelnen ihrer Ursache
nach uns unbekannt. Im Allgemeinen können wir natürlich
sagen: die Ernährungsbedingungen, die einen Theil betreffen,
müssen nothwendig auf die übrigen Theile
zurückwirken, weil die Ernährung eines jeden Organismus
eine zusammenhängende, centralisirte Thätigkeit ist. Allein
warum nun gerade dieser oder jener Theil in dieser
merkwürdigen Wechselbeziehung zu einem andern steht, ist uns
in den meisten Fällen ganz unbekannt. Es sind eine große
Anzahl solcher Wechselbeziehungen in der Bildung bekannt, namentlich
bei den neulich schon erwähnten Abänderungen der Thiere
und Pflanzen, die sich durch Pigmentmangel auszeichen, den Albinos
oder Kakerlaken. Der Mangel des gewöhnlich vorhandenen
Farbestoffs bedingt hier gewöhnlich auch gewisse
Veränderungen in der Bildung anderer Theile, z. b. des
Muskelsystems, des Knochensystems, also organischer Systeme, die
zunächst gar nicht mit dem System der äußeren Haut
zusammenhängen. Sehr häufig sind diese schwächer
entwickelt und daher der ganze Körperbau zarter und
schwächer, als bei den gefärbten Thieren derselben Art.
Ebenso werden auch die Sinnesorgane und das Nervensystem durch
diesen Pigmentmangel eigenthümlich afficirt. Katzen mit blauen
Augen sind jederzeit taub. Die Schimmel zeichnen sich vor den
gefärbten Pferden durch die besondere Neigung zur Bildung
sarkomatöser Geschwülste aus. Auch beim Menschen ist der
Grad der Pigmententwickelung in der äußeren Haut vom
größten Einflusse auf die Empfänglichkeit des
Organismus für gewisse Krankheiten, so daß z. B.
Europäer mit dunkler Hautfarbe, schwarzen Haaren und braunen
Augen, sich leichter in den Tropengegenden akklimatisiren, und viel
weniger den dort herrschenden Krankheiten (Leberentzündungen,
gelbem Fieber u. s. w.) unterworfen sind, als Europäer mit heller
Hautfarbe, blondem Haar und blauen Augen. Diese letzteren sind viel
mehr, als die Individuen von dunkler Complexion, den klimatischen
Einflüssen der Tropengegenden ausgesetzt.
Vorzugsweise merkwürdig sind unter diesen
Wechselbeziehungen der Bildung verschiedener Organe diejenigen,
welche zwischen den Geschlechtsorganen und den übrigen Theilen
des Körpers bestehen. Keine Veränderung eines Theiles
wirkt so mächtig zurück auf die übrigen
Körpertheile, als eine bestimmte Behandlung der
Geschlechtsorgane. Die Landwirthe, welche bei Schweinen, Schafen u. s.
w. reichliche Fettbildung erzielen wollen, entfernen die
Geschlechtsorgane durch Herausschneiden (Castration), und zwar
geschieht dies bei Thieren beiderlei Geschlechts. In Folge davon tritt
eine übermäßige Fettentwicklung ein. Dasselbe thut
auch seine Heiligkeit, der Papst, bei den Castraten, welche in der
Peterskirche zu Ehren Gottes singen müssen. Diese
Unglücklichen werden in früher Jugend castrirt, damit sie
ihre hohen Knabenstimmen beibehalten. In Folge dieser
Verstümmelung der Genitalien bleibt der Kehlkopf auf der
jugendlichen Entwickelungsstufe stehen. Zugleich bleibt die Muskulatur
des ganzen Körpers schwach entwickelt, während sich unter
der Haut reichliche Fettmengen ansammeln. Aber auch auf die
Ausbildung des Centralnervensystems, der Willensenergie u. s. w. wirkt
jene Verstümmelung mächtig zurück, und es ist
bekannt, daß die menschlichen Castraten oder Eunuchen ebenso
wie die castrirten männlichen Hausthiere, des bestimmten
psychischen Charakters, welche das männliche Geschlecht
auszeichnet, gänzlich entbehren. Der Mann ist eben Leib und Seele
nach nur Mann durch seine männliche Generationsdrüse.
Diese äußerst wichtigen und einflußreichen
Wechselbeziehungen zwischen den Geschlechtsorganen und den
übrigen Körpertheilen, vor allen des Gehirns, finden sich in
gleicher Weise bei beiden Geschlechtern. Es läßt sich dies
schon von vornherein deshalb erwarten, weil bei den meisten Thieren
die beiderlei Organe aus gleicher Grundlage sich entwickeln und
anfänglich nicht verschieden sind. Beim Menschen wie bei den
übrigen Wirbelthieren, sind in der ursprünglichen Anlage
des Keims die männlichen und weiblichen Organe völlig
gleich, und erst allmäglich entstehen im Laufe der embryonalen
Entwickelung (beim Menschen in der neunten Woche seines
Embryolebens) die Unterschiede der beiden Geschlechter, indem eine
und dieselbe Sexualdrüse beim Weibe zum Eierstock, beim Manne
zum Testikel wird. Jede Verändrung des weiblichen Eierstocks
äußert daher eine nicht minder bedeutende
Rückwirkung auf den gesammten weiblichen Organismus, wie jede
Veränderung des Testikels auf den männlichen Organismus.
Die Wichtigkeit dieser Wechselbeziehung hat Virchow in seinem
vortrefflichen Aufsatz "das Weib und die Zelle" mit folgenden Worten
ausgesprochen: "Das Weib ist eben Weib nur durch seine
Generationsdrüse; alle Eigenthümlichkeiten seines
Körpers und Geistes oder seiner Ernährung und
Nerventhätigkeit: die süße Zartheit und Rundung der
Glieder bei der eigenthümlichen Ausbildung des Beckens, die
Entwickelung der Brüste bei dem Stehenbleiben der Stimmorgane,
jener schöne Schmuck des Kopfhaares bei dem kaum merklichen,
weichen Flaum der übrigen Haut, und dann wiederum diese Tiefe
des Gefühls, diese Wahrheit der unmittelbaren Anschauung, diese
Sanftmuth, Hingebung und Treue - kurz, Alles war wir an dem wahren
Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des
Eierstocks. Man nehme den Eierstock hinweg, und das Mannweib in
seiner häßlichen Halbheit steht vor uns."
Dieselbe innige Correlation oder Wechselbeziehung zwischen den
Geschlechtsorganen und den übrigen Körpertheilen findet
sich auch bei den Pflanzen eben so allgemein wie bei den Thieren vor.
Wenn man bei einer Gartenpflanze reichlichere Früchte zu erzielen
wünscht, beschränkt man den Blätterwuchs durch
Abschneiden eines Theils der Blätter. Wünscht man
ungekehrt eine Zierpflanze mit einer Fülle von großen und
schönen Blätter zu erhalten, so verhindert man die
Blüthen- und Fruchtbildung durch Abschneiden der
Blüthenknospen. In beiden Fällen entwickelt sich das eine
Organsystem auf Kosten des anderen. So ziehen auch die meisten
Abänderungen der vegetativen Blattbildung bei den wilden
Pflanzen eine entsprechende Umbildung in den generativen
Blüthentheilen nach sich. Die hobe Bedeutung dieser
"Compensation der Entwickelung", dieser "Correlation der Theile" ist
bereits von Goethe, von Geoffroy S. Hilaire und von
anderen Naturphilosophen hervorgehoben worden. Sie beruht
wesentlich darauf, daß die directe oder actuelle Anpassung keinen
einzigen Körpertheil wesentlich verändern kann, ohne
zugleich auf den ganzen Organismus einzuwirken.
Die correlative Anpassung der Fortpflanzungsorgane und der
übrigen Körpertheile verdient deshalb eine ganz besondere
Berücksichtigung, weil sie vor allen geeignet ist, ein
erklärendes Licht auf die vorher betrachteten dunkeln und
räthselhaften Erscheinungen der indirecten oder potentiellen
Anpassung zu werfen. Denn ebenso wie jede Veränderung der
Geschlechtsorgane mächtig auf den übrigen Körper
zurückwirkt, so muß natürlich ungekehrt auch jede
eingreifende Veränderung eines anderen Köpertheils mehr
oder weniger auf die Generationsorgane zurückwirken. Diese
Rückwirkung wird sich aber erst in der Bildung der
Nachkommenschaft, welche aus den veränderten
Generationstheilen entsteht, wahrnehmbar äußern. Gerade
jene merkwürdigen, aber unmerklichen und an sich ungeheuer
geringfügigen Veränderungen des Genitalsystems, der Eier
und des Sperma, welche durch solche Wechselbeziehungen
hervorgebracht werden, sind vom größten Einflusse auf die
Bildung der Nachkommenschaft, und alle vorher erwähnten
Erscheinungen der indirecten oder potentiellen Anpassungen
können schließlich auf diese wechselbezügliche
Anpassung zurückgeführt werden.
Eine weitere Reihe von ausgezeichneten Beispielen der correlativen
Anpassung liefern die verschiedenen Thiere und Pflanzen, welche durch
das Schmarotzerleben oder den Parasitismus rückgebildet sind.
Keine andere Veränderung der Lebensweise wirkt so bedeutend
auf die Formbildung der Organismen ein, wie die Angewöhnung an
das Schmarotzerleben. Pflanzen verlieren dadurch ihre grünen
Blätter, wie z. B. unsere einheimischen Schmarotzerpflanzen:
Orobanche, Lathraea, Monotropa. Thiere, welche
ursprünglich selbstständig und frei gelebt haben, dann aber
eine parasitische Lebensweise auf andern Thieren oder auf Pflanzen
annehmen, geben zunächst die Thätigkeit ihrer
Bewegungsorgane und ihrer Sinnesorgane auf. Der Verlust der
Thätigkeit zieht aber den Verlust der Organe, durch welche sie
bewirkt wurde, nach sich, und so finden wir z. B. viele Krebsthiere oder
Crustaceen, die in der Jugend einen ziemlich hohen Organisationsgrad,
Beine, Fühlhörner und Augen besaßen, im Alter als
Parasiten vollkommen degenerirt wieder, ohne Augen, ohne
Bewegungswerkzeuge und ohne Fühlhörner. Aus der
munteren, beweglichen Jugendform ist ein unförmiger,
unbeweglicher Klumpen geworden. Nur die nöthigsten
Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind noch in
Thätigkeit. Der ganze übrige Körper ist
rückgebildet. Offenbar sind diese tiefgreifenden Umbildungen
großentheils directe Folgen der gehäuften oder cumulativen
Anpassung, des Nichtgebrauchs und der mangelnden Uebung der
Organe; aber zum großen Theile kommen dieselben sicher auch auf
Rechnung der wechselbezüglichen oder correlativen Anpassung.
Ein siebentes Anpassungsgesetz, das vierte in der Gruppe der
directen Anpassungen, ist das Gesetz der abweichenden oder
divergenten Anpassung. Wir verstehen darunter die Erscheinung,
daß ursprünglich gleichartig angelegte Theile sich durch den
Einfluß äußerer Bedingungen in verschiedener Weise
ausbilden. Dieses Anpassungsgesetz ist ungemein wichtig für die
Erklärung unserer beiden Hände. Die rechte Hand wird
gewöhnlich von uns an ganz andere Arbeiten gewöhnt, als
die linke; es entsteht in Folge der abweichenden Beschäftigung
auch eine verschiedene Bildung der beiden Hände. Die rechte
Hand, welche man gewöhnlich viel mehr braucht, als die linke,
zeigt stärker entwickelte Nerven, Muskeln und Knochen. Ebenso
findet man häufig die beiden Augen nach diesem Gesetze
verschieden entwickelt. Wenn man sich z. B. als Naturforscher
gewöhnt, immer nur mit dem einen Auge (am besten mit dem
linken) zu mikroskopiren, und mit den anderen nicht, so erlangt das eine
eine ganz andere Beschaffenheit, als das andere, und diese
Arbeitstheilung ist von großem Vortheil. Das eine Auge wird dann
kurzsichtiger, geeigneter für das Sehen in die Nähe, das
andere Auge weitsichtiger, schärfer für den Blick in die
Ferne. Wenn man dagegen abwechselnd mit beiden Augen mikroskopirt,
so erlangt man nicht auf dem einen Auge den Grad der Kurzsichtigkeit,
auf dem andern der Grad der Weitsichtigkeit, welchen man durch eine
weise Vertheilung dieser verschiedenen Gesichtsfunctionen auf beide
Augen erreicht.
Zunächst wird auch hier wieder durch die Gewohnheit die
Function, die Thätigkeit der ursprünglich gleich gebildeten
Organe ungleich, divergent; allein die Function wirkt wiederum auf die
Form des Organs zurück, und daher finden wir bei einer
längeren Dauer jenes Einflusses eine Veränderung in den
feineren Formbestandtheilen und in den
Wachsthumsverhältnissen der abweichenden Theile, die zuletzt
auch in gröberen Umrissen erkennbar wird. Bei Handarbeitern z.
B. welche zu gewissen Zwecken fast beständig bloß den
rechten Arm gebrauchen, wird dieser allmählich weit
stärker als der linke, was sich auch durch Maß und Gewicht
nachweisen läßt. Der Unterschied in der Function hat also
hier umbildend auf die Form zurückgewirkt.
Unter den Pflanzen können wir die abweichende oder
divergente Anpassung besonders bei den Schlinggewächsen sehr
leicht wahrnehmen. Aeste einer und derselben Schlingpflanze, welche
ursprünglich gleichartig angelegt sind, erhalten eine ganz
verschiedene Form und Ausdehnung, einen ganz verschiedenen
Krümmungsgrad und Durchmesser der Spiralwindung, je nachdem
sie um einen dünneren oder dickeren Stab sich herumwinden.
Ebenso ist auch die abweichende Veränderung der Formen
ursprünglich gleich angelegter Theile, welche divergent nach
verschiedenen Richtungen unter abweichenden äußeren
Bedingungen sich entwickeln, un vielen anderen Erscheinungen der
Formbildung bei Thieren und Pflanzen deutlich nachweisbar. Indem
diese abweichende oder divergente Anpassung mit der fortschreitenden
Vererbung in Wechselwirkung tritt, wird sie die Ursache der
Arbeitstheilung der verschiedenen Organe.
Ein achtes und letztes Anpassungsgesetz können wir als das
Gesetz der unbeschränkten oder unendlichen Anpassung
bezeichnen. Wir wollen damit einfach ausdrücken, daß uns
keine Grenze für die Veränderung der organischen Formen
durch den Einfluß der äußeren Existenzbedingungen
bekannt ist. Wir können von keinem einzigen Theil des
Organismus behaupten, daß er nicht mehr veränderlich sei,
daß, wenn man ihn unter neue äußere Bedingungen
brächte, er durch diese nicht verändert werden würde.
Noch niemals hat sich in der Erfahrung eine Grenze für die
Abänderung nachweisen lassen. Wenn z. B. ein Organ durch
Nichtgebrauch degenerirt, so geht diese Degeneration schließlich bis
zum vollständigen Schwunde des Organs fort, wie es bei den
Augen vieler Thiere der Fall ist. Andrerseits können wir durch
fortwährende Uebung, Gewohnheit, und immer gesteigerten
Gebrauch eines Organs dasselbe in einem Maße vervollkommnen,
wie wir es von vernherein für unmöglich gehalten haben
würden. Wenn man die uncivilisirten Wilden mit den
Culturvölkern vergleicht, so findet man bei jenen eine Ausbildung
der Sinnesorgane, Gesicht, Geruch, Gehör, von der die
Culturvölker keine Ahnung haben. Umgekehrt ist bei den
höheren Culturvölkern das Gehirn, die
Geistesthätigkeit in einem Grade entwickelt, von welchem die
rohen Wilden keine Vorstellung besitzen. In beiden Fällen
läßt sich der weiter gehenden Ausbildung durch
gehäufte Anpassung keine Grenze setzen.
Allerdings scheint für jeden Organismus eine Grenze der
Anpassungsfähigkeit durch den Typus seines Stammes oder
Phylum gegeben zu sein, d. h. durch die wesentlichen
Grundeigenschaften dieses Stammes, welche von dem gemeinsamen
Stammvater desselben ererbt sind und sich durch conservative
Vererbung auf alle Descendenten desselben übertragen. So kann z.
B. niemals ein Wirbelthier statt des charakteristischen
Rückenmarks der Wirbelthiere das Bauchmark der Gliederthiere
sich erwerben. Allein innerhalb dieser erblichen Grundform, innerhalb
dieses unveräußerlichen Typus, ist der Grad der
Anpassungsfähigkeit unbeschränkt. Die Biegsamkeit und
Flüssigkeit der organischen Form äußert sich innerhalb
desselben frei nach allen Richtungen hin, und in ganz
unbeschränktem Umfang. Es giebt aber einzelne Thiere, wie z. B.
die durch Parasitismus rückgebildeten Krebsthiere und
Würmer, welche selbst jene Grenze des Typus zu
überspringen scheinen, und durch erstaunlich weit gehende
Degeneration fast alle wesentlichen Charaktere ihres Stammes
eingebüßt haben. Was die Anpassungsfähigkeit des
Menschen betrifft, so ist dieselbe, wie bei allen anderen Thieren,
ebenfalls unbegrenzt, und da sich dieselbe beim Menschen vor allen in
der Umbildung des Gehirns äußert, so läßt sich
durchaus keine Grenze dr Erkenntniß setzen, welche der Mensch
bei weiter fortschreitender Geistesbildung nicht würde
überschreiten können. Auch der menschliche Geist
genießt nach dem Gesetze der unbeschränkten Anpassung
eine unendliche Perspective für seine Vervollkommnung in der
Zukunft.
Diese Bemerkungen genügen wohl, um die Tragweite der
Anpassungserscheinungen hervorzuheben, und ihnen das Gewicht
zuzuschreiben, welches ich von vornherein für dieselben in
Anspruch genommen habe. Die Anpassungsgesetze, die Thatsachen der
Veränderung durch den Einfluß äußerer
Bedingungen, sind von ebenso großer Bedeutung, wie die
Vererbungsgesetze. Alle Anpassungserscheinungen lassen sich in letzter
Linie zurückführen auf die
Ernährungsverhältnisse des Organismus, in gleicher Weise
wie die Vererbungserscheinungen in den
Fortpflanzungsverhältnissen begründet sind; diese aber
sowohl als jene sind weiter zurückzuführen auf chemische
und physikalische Gründe, also auf mechanische Ursachen.
Lediglich duch die Wechselwirkung derselben entstehen nach
Darwin's Selectionstheorie die neuen Formen der Organismen, die
Umbildungen, welche die künstliche Züchtung im
Culturzustande, die natürliche Züchtung im Naturzustande
hervorbringt.
Elfter Vortrag.
Die natürliche Züchtung durch den Kampf um's Dasein.
Arbeitstheilung und Fortschritt.
{Siehe Inhaltsverzeichniß ... }
Meine Herren! Um zu einem richtigen Verständniß des
Darwinismus zu gelangen ist es vor Allem nothwendig, die beiden
organischen Functionen genau in das Auge zu fassen, die wir in den
letzten Vorträgen betrachtet haben, die Vererbung und
Anpassung. Wenn man nicht einerseits die rein mechanische Natur
dieser beiden physiologischen Thätigkeiten und die mannichfaltige
Wirkung ihrer verschiedenen Gesetze in's Auge faßt, und wenn
man nicht andrerseits erwägt, wie verwickelt die Wechselwirkung
dieser verschiedenen Vererbungs- und Anpassungsgesetze nothwendig
sein muß, so wird man nicht begreifen, daß diese beiden
Functionen für sich allein die ganze Mannichfaltigkeit der Thier-
und Pflanzenformen sollen erzeugen können; und doch ist das in
der That der Fall. Wir sind wenigstens bis jetzt nicht im Stande gewesen,
andere formbildende Ursachen aufzufinden, als diese beiden; und wenn
wir die nothwendige und unendlich verwickelte Wechselwirkung der
Vererbung und Anpassung richtig verstehen, so haben wir auch gar
nicht mehr nöthig, noch nach anderen unbekannten Ursachen der
Umbildung der organischen Gestalten zu suchen. Jene beiden
Grundursachen erscheinen uns dann völlig genügend.
Schon früher, lange bevor Darwin seine Selectionstheorie
aufstellte, nahmen einige Naturforscher, insbesondere Goethe, als
Ursache der organischen Formenmannichfaltigkeit die Wechselwirkung
zweier verschiedener Bildungstriebe an, eines conservativen oder
erhaltenden, und eines umbildenden oder fortschreitenden
Bildungstriebes. Ersteren nannten Goethe den centripetalen oder
Specificationstrieb, letzteren den centrifugalen oder den Trieb der
Metamorphose (S. 74). Diese beiden Triebe entsprechen
vollständig den beiden Functionen der Vererbung und der
Anpassung. Die Vererbung ist der centripetale oder
innere Bildungstrieb, welcher bestrebt ist die organische Form in
ihrer Art zu erhalten, die Nachkommen den Eltern gleich zu gestalten,
und Generationen hindurch immer Gleichartiges zu erzeugen. Die
Anpassung dagegen, welcher der Vererbung entgegenwirkt, ist
der centrifugale oder äußere Bildungstrieb,
welcher beständig bestrebt ist, durch die veränderlichen
Einflüsse der Außenwelt die organische Form umzubilden,
neue Formen aus den vorhergehenden zu schaffen und die Constanz der
Species, die Beständigkeit der Art gänzlich aufzuheben. Je
nachdem die Vererbung oder die Anpassung das Uebergewicht im
Kampfe erhält, bleibt die Speciesform beständig oder sie
bildet sich in eine neue Art um. Der in jedem Augenblick stattfindende
Grad der Formbeständigkeit bei den verschiedenen Thier- und
Pflanzenarten ist einfach das nothwendige Resultat des augenblicklichen
Uebergewichts, welches jeder dieser beiden Bildungstriebe (oder
physiologischen Functionen) über den anderen erlangt hat.
Wenn wir nun zurückkehren zu der Betrachtung des
Züchtungsvorgangs, der Auslese oder Selection, die wir bereits im
siebenten Vortrag (S. 118) in ihren Grundzügen untersuchten, so
werden wir jetzt um so klarer und bestimmter erkennen, daß
sowohl die künstliche als die natürliche Züchtung
einzig und allein auf der Wechselwirkung dieser beiden Functionen oder
Bildungstriebe beruhen. Wenn Sie die Thätigkeit des
künstlichen Züchters, des Landwirths oder Gärtners,
scharf in's Auge fassen, so erkennen Sie, daß nur jene beiden
Bildungstriebe von ihm zur Hervorbringung neuer Formen benutzt
werden. Die ganze Kunst der künstlichen Zuchtwahl beruht eben
nur auf einer denkenden und vernünftigen Anwendung der
Vererbungs- und Anpassungsgesetze, auf einer kunstvollen und
planmäßigen Benutzung und Regulirung derselben. Dabei ist
der vervollkommnete menschliche Wille die auslesende, züchtende
Kraft.
Ganz ähnlich verhält sich die natürliche
Züchtung. Auch diese benutzt bloß jene beiden organischen
Bildungstriebe, jene physiologischen Grundeigenschaften der Anpassung
und Vererbung, um die verschiedenen Arten oder Species
hervorzubringen. Dasjenige züchtende Princip aber, diejenige
auslesende Kraft, welche bei der künstlichen
Züchtung durch den planmäßig wirkenden und
bewußten Willen des Menschen vertreten wird, ist bei der
natürlichen Züchtung der planlos wirkende und
unbewußte Kampf um's Dasein. Was wir unter "Kampf um's
Dasein" verstehen, haben wir im siebenten Vortrag bereits
auseinandergesetzt. Es ist gerade die Erkenntniß dieses
äußerst wichtigen Verhältnisses eines der
größten Verdienste Darwin's. Da aber dieses
Verhältniß sehr häufig unvollkommen oder falsch
verstanden wird, ist es nothwendig, dasselbe jetzt noch näher in's
Auge zu fassen, und an einigen Beispielen die Wirksamkeit des Kampfes
um's Dasein, die Thätigkeit der natürlichen Züchtung
durch den Kampf um's Dasein zu erläutern. (Gen. Morph. II.
231).
Wir gingen bei der Betrachtung des Kampfes um's Dasein von der
Thatsache aus, daß die Zahl der Keime, welche alle Thiere und
Pflanzen erzeugen, unendlich viel größer ist, als die Zahl der
Individuen, welche wirklich in das Leben treten und sich längere
oder kürzere Zeit am Leben erhalten können. Die meisten
Organismen erzeugen während ihres Lebens Tausende oder
Millionen von Keimen, aus deren jedem sich unter günstigen
Umständen ein neues Individuum entwickeln könnte. Bei
den meisten Thieren sind diese Keime Eier, bei den meisten Pflanzen bei
Eiern entsprechende Zellen (Embryobläschen), welche zu ihrer
weiteren Entwickelung der geschlechtlichen Befruchtung bedürfen.
Dagegen bei den Protisten, niedersten Organismen, welche weder Thiere
noch Pflanzen sind, und welche sich bloß ungeschlechtlich
fortpflanzen, bedürfen die Keimzellen oder Sporen keiner
Befruchtung. In allen Fällen steht nun die Zahl sowohl dieser
ungeschlechtlichen als jener geschlechtlichen Keime in gar keinem
Verhältniß zu der Zahl der wirklich lebenden Individuen.
Im Großen und Ganzen genommen bleibt die Zahl der lebenden
Thiere und Pflanzen auf unserer Erde durchschnittlich immer dieselbe.
Die Zahl der Stellen im Naturhaushalt ist beschränkt, und an den
meisten Punkten der Erdoberfläche sind diese Stellen immer
annähernd besetzt. Gewiß finden überall in jedem Jahre
Schwankugen in absoluten und in der relativen Individuenzahl aller
Arten statt. Allein im Großen und Ganzen genommen werden diese
Schwankungen nur geringe Bedeutung haben gegenüber der
Thatsache, daß die Gesammtzahl aller Individuen durchschnittlich
beinahe constant bleibt. Der Wechsel, der überall stattfindet,
besteht darin, daß in einem Jahre diese und im andern Jahre jene
Reihe von Thieren und Pflanzen überwiegt, und daß in jedem
Jahre der Kampf um's Dasein dieses Verhältniß wieder etwas
anders gestaltet.
Jede einzelne Art von Thieren und Pflanzen würde in kurzer
Zeit die ganze Erdoberfläche dicht bevölkert haten, wenn sie
nicht mit einer Menge von Feinden und feindlichen Einflüssen zu
kämpfen hätte. Schon Linné berechnete,
daß wenn eine einjährige Pflanze nur zwei Samen
hervorbrächte (und es gibt keine, die so wenig erzeugt), sie in 20
Jahren schon eine Million Individuen geliefert haben würde.
Darwin berechnete vom Elephanten, der sich am langsamsten von
allen Thieren zu vermehren scheint, daß in 500 Jahren die
Nachkommenschaft eines einzigen Paares bereits 15 Millionen
Individuen betragen würde, vorausgesetzt, daß jeder
Elephant während der Zeit seiner Fruchtbarkeit (vom 30. bis 90.
Jahre) nur 3 Paar Junge erzeugte. Ebenso würde die Zahl der
Menschen, wenn man die mittlere Fortpflanzungszahl zu Grunde legt,
und wenn keine Hindernisse der natürlichen Vermehrung im
Wege stünden, bereits in 25 Jahren sich verdoppelt haben. In
jedem Jahrhundert würde die Gesammtzahl der menschlichen
Bevölkerung um das sechszehnfache gestiegen sein. Nun wissen
Sie aber, daß die Gesammtzahl der Menschen nur sehr langsam
wächst, und daß die Zunahme der Bevölkerung in
verschiedenen Gegenden sehr verschieden ist. Während
europäische Stämme sich über den ganzen Erdball
ausbreiten, gehen andere Stämme, ja sogar ganze Arten oder
Species des Menschengeschlechts mit jedem Jahre mehr ihrem
völligen Aussterben entgegen. Dies gilt namentlich von den
Rothhäuten Amerikas und von den Alfurus, den schwarzbraunen
Eingeborenen Australiens. Selbst wenn diese Völker sich
reichlicher fortpflanzten, als die weiße Menschenart Europas,
würden sie dennoch früher oder später der letzteren
im Kampfe um's Dasein erliegen. Von allen Menschenarten aber, ebenso
wie von allen übrigen Organismen, geht bei weitem die
überwiegende Mehrzahl in der frühesten Lebenszeit zu
Grunde. Von der ungeheuren Masse von Keimen, die jede Art erzeugt,
gelangen nur sehr wenige wirklich zur Entwickelung, und von diesen
wenigen ist es wieder nur ein ganz kleiner Bruchtheil, welcher das Alter
erreicht, in dem er sich fortpflanzen kann (Vergl. S. 127).
Aus diesem Mißverhältniß zwischen der ungeheuren
Ueberzahl der organischen Keime und der geringen Anzahl von
auserwählten Individuen, die wirklich neben und mit einander
fortbestehen können, folgt mit Nothwendigkeit jener allgemeine
Kampf um's Dasein, jenes beständige Ringen um die Existenz, jener
unaufhörliche Wettkampf um die Lebensbedürfnisse, von
welchem ich Ihnen bereits im siebenten Vortrage ein Bild entwarf. Jener
Kampf um's Dasein ist es, welcher die natürliche Züchtung
veranlaßt, welcher die Wechselwirkung der Vererbungs- und
Anpassungserscheinungen züchtend benutzt und dadurch an einer
beständigen Umbildung aller organischen Formen arbeitet. Immer
werden in jenem Kampf um die Erlangung der nothwendigen
Existenzbedingungen diejenigen Individuen ihre Nebenbuhler besiegen,
welche irgend eine individuelle Begünstigung, eine vortheilhafte
Eigenschaft besitzen, die ihren Mitbewerbern fehlt. Freilich
können wir nur in den wenigsten Fällen, bei uns näher
bekannten Thieren und Pflanzen, uns eine ungefähre Vorstellung
von der unendlich complicirten Wechselwirkung der zahlreichen
Verhältnisse machen, welche alle hierbei in Frage kommen.
Denken Sie nur daran, wie unendlich mannichfaltig und verwickelt die
Beziehungen jedes einzelnen Menschen zu den übrigen und
überhaupt zu der ihn umgebenden Außenwelt sind.
Aehnliche Beziehungen walten aber auch zwischen allen Thieren und
Pflanzen, die an einem Orte mit einander leben. Alle wirken gegenseitig,
activ oder passiv, auf einander ein. Jedes Thier, jede Pflanze
kämpft direct mit einer Anzahl von Feinden, welche denselben
nachstellen, mit Raubthieren, parasitischen Thieren u. s. w. die
zusammenstehenden Pflanzen kämpfen mit einander um den
Bodenraum, den ihre Wurzeln bedürfen, um die nothwendige
Menge von Licht, Luft, Feuchtigkeit u. s. w. Ebenso ringen die Thiere
eines jedes Bezirks mit einander um ihre Nahrung, Wohnung u. s. w. Es
wird in diesem äußerst lebhaften und verwickelten Kampf
jeder noch so kleine persönliche Vorzug, jeder individuelle
Vortheil möglicherweise den Ausschlag geben können, zu
Gunsten seines Besitzers. Dieses bevorzugte einzelne Individuum bleibt
im Kampfe Sieger und pflanzt sich fort, während seine
Mitbewerber zu Grunde gehen, ehe sie zur Fortpflanzng gelagnen. Der
persönliche Vorzug, welcher ihm den Sieg verlieht, wird auf seine
Nachkommen vererbt, und kann durch weitere Ausbildung die Ursache
einer neuen Art werden.
Die unendlich verwickelten Wechselbeziehungen, welche zwischen
den Organismen eines jeden Bezirks bestehen, und welche als die
eigentlichen Bedingungen des Kampfes um's Dasein angesehen werden
müssen, sind uns größtentheils unbekannt und
meistens auch sehr schwierig zu erforschen. Nur in einzelnen
Fällen haben wir dieselben bisher bis zu einem gewissen Grade
verfolgen können, so z. B. in dem von Darwin
angeführten Beispiel von den Beziehungen der Katzen zum rothen
Klee in England. Die rothe Kleeart (Trifolium partense), welche in
England eines der vorzüglichsten Futterkräuter für das
Rindvieh bildet, bedarf, um zur Samenbildung zu gelangen, des Besuchs
der Hummeln. Indem diese Insecten den Honig aus dem Grunde der
Kleeblüthe saugen, bringen sie den Blüthenstaub mit der
Narbe in Berührung und vermitteln so die Befruchtung der
Blüthe, welche ohne sie niemals erfolgt. Darwin hat durch
Versuche gezeigt, daß rother Klee, den man von dem Besuche der
Hummeln absperrt, keinen einzigen Samen liefert. Die Zahl der Hummeln
ist bedingt durch die Zahl ihrer Feinde, unter denen die Feldmäuse
die verderblichsten sind. Je mehr die Feldmäuse überhand
nehmen, desto weniger wird der Klee befruchtet. Die Zahl der
Feldmäuse ist wiederum von der Zahl ihrer Feinde abhängig,
zu denen namentlich die Katzen gehören. Daher giebt es in der
Nähe der Dörfer und Städte, wie viel Katzen gehalten
werden, besonders viel Hummeln. Eine große Zahl von Katzen ist
also offenbar von großem Vortheil für die Befruchtung des
Klees. Man kann nun, wie es von Karl Vogt geschehen ist, dieses
Beispiel noch weiter verfolgen, wenn man erwägt, daß das
Rindvieh, welches sich vom rothen Klee nährt, eine der wichtigsten
Grundlagen des Wohlstandes von England ist. Die Engländer
conserviren ihre körperlichen und geistigen Kräfte
vorzugsweise dadurch, daß sie sich größtentheils von
trefflichem Fleisch, namentlich ausgezeichnetem Rostbeaf und Beafsteak
nähren. Dieser vorzüglichen Fleischnahrung verdanken die
Britten zum großen Theil das Uebergewicht ihres Gehirns und
Geistes über die anderen Nationen. Offenbar ist dieses aber
indirect abhängig von den Katzen, welche die Feldmäuse
verfolgen. Man kann auch mit Huxley auf die alten Jungfern
zurückgehen, welche vorzugsweise die Katzen hegen und pflegen,
und somit für die Befruchtung des Klees und den Wohlstand
Englands von größter Wichtigkeit sind. An diesem Beispiel
können Sie erkennen, daß, je weiter man dasselbe verfolgt,
deste größer der Kreis der Wirkungen und der
Wechselbeziehungen wird. Man kann aber mit Bestimmtheit behaupten,
daß bei jeder Pflanze und bei jedem Thier eine Masse solcher
Wechselbeziehungen existiren. Nur sind wir selten im Stande, die Kette
derselben so herzustellen, wie es hier der Fall ist.
Ein anderes merkwürdiges Beispiel von wichtigen
Wechselbeziehungen ist nach Darwin folgendes: In Paraquay
finden sich keine verwilderten Rinder und Pferde, wie in den
benachbarten Theilen Südamerikas, nördlich und
südlich von Paraquay. Dieser auffallende Unterschied erklärt
sich einfach dadurch, daß in diesem Lande eine kleine Fliege sehr
häufig ist, welche die Gewohnheit hat, ihre Eier in den Nabel der
neugeborenen Rinder und Pferde zu legen. Die neugeborenen Thiere
sterben in Folge dieses Eingriffs, und jene kleine gefürchtete Fliege
ist also die Ursache, daß die Rinder und Pferde in diesem District
niemals verwildern. Angenommen, daß durch irgend einen
insectenfressenden Vogel jene Fliege zerstört würde, so
würden diese großen Säugethiere massenhaft
verwildern, und da dieselben eine Menge von bestimmten Pflanzenarten
verzehren, würde die ganze Flora, und in Folge davon wiederum
die ganze Fauna dieses Landes eine andere werden.
Interessante Beispiele für die Veränderung der
Wechselbeziehungen im Kampf um's Dasein liefern auch jene isolirten
Inseln der Südsee, auf denen zu verschiedenen Malen von
Seefahrern Ziegen oder Schweine ausgesetzt wurden. Diese Thiere
verwildern und nahmen aus Mangel an Feinden an Zahl bald so
übermäßig zu, daß die ganze übrige Thier-
und Pflanzenbevölkerung darunter litt, und daß
schließlich die Insel beinahe ausstarb, weil den zu massenhaft sich
vermehrenden großen Säugethieren die hinreichende
Nahrung fehlte. In einigen Fällen wurden auf einer solchen von
Ziegen oder Schweinen übervölkerten Insel später von
anderen Seefahrern ein Paar Hunde ausgesetzt, die sich in diesem
Futterüberfluß sehr wohl befanden, sich wieder sehr rasch
vermehren und furchtbar unter den Heerden aufräumten, so
daß nach einer Anzahl von Jahren den Hunden selbst das Futter
fehlte, und auch sie beinahe ausstarben. So wechselt beständig in
der Oekonomie der Natur das Gleichgewicht der Arten, je nachdem die
eine oder andere Art sich auf Kosten der übrigen vermehrt. In den
meisten Fällen sind freilich die Beziehungen der verschiedenen
Thier- und Pflanzenarten zu einander viel zu verwickelt, als daß
wir ihnen auskommen könnten, und ich überlasse es Ihrem
eigenen Nachdenken, sich auszumalen, welches unendlich verwickelte
Getriebe an jeder Stelle der Erde in Folge dieses Kampfes stattfinden
muß. In letzter Instanz sind die Triebfedern, welche den Kampf
bedingen, und welche den Kampf an allen verschiedenen Stellen
verschieden gestalten und modificiren, die Triebfedern der
Selbsterhaltung, und zwar sowohl der Erhaltungstrieb der Individuen
(Ernährungstrieb), als der Erhaltungstrieb der Arten
(Fortpflanzungstrieb). Diese beiden Grundtriebe der orgaischen
Selbsterhaltung sind es, von denen der Dichter sagt:
"So lange bis den Bau der Welt
"Philosophie zusammenhält,
"Erhält sich ihr Getriebe
"Durch Hunger und durch Liebe."
Diese beiden mächtigen Grundtriebe sind es, welche durch ihre
verschiedene Ausbildung in den verschiedenen Arten den Kampf um's
Dasein so ungemein mannichfaltig gestalten, und welche den
Erscheinungen der Vererbung und Anpassung zu Grunde liegen. Wir
konnten alle Vererbung auf die Fortpflanzung, alle Anpassung auf die
Ernährung als die materielle Grundursache
zurückführen.
Der Kampf um das Dasein wirkt bei der natürlichen
Züchtung ebenso züchtend oder auslesend, wie der Wille des
Menschen bei der künstlichen Züchtung. Aber dieser wirkt
planmäßig und bewußt, jener planlos und
unbewußt. Dieser wichtige Unterschied zwischen der
künstlichen und natürlichen Züchtung verdient
besondere Beachtung. Denn wir lernen hierdurch verstehen, warum
zweckmäßige Einrichtungen ebenso durch zwecklos wirkende
mechanische Ursachen, wie durch zweckmäßig thätige
Endursachen erzeugt werden können. Die Producte der
natürlichen Züchtung sind ebenso zweckmäßig
eingerichtet, wie die Kunstproducte des Menschen, und dennoch
verdanken sie ihre Entstehung nicht einer zweckmäßig
thätigen Schöpferkraft, sondern einem unbewußt und
planlos wirkenden mechanischen Verhältniß. Wenn man
nicht tiefer über die Wechselwirkung der Vererbung und
Anpassung unter dem Einfluß des Kampfes um's Dasein
nachgedacht hat, so ist man zunächst nicht geneigt, solche Erfolge
von diesem natürlichen Züchtungsprozeß zu erwarten,
wie derselbe in der That liefert. Es ist daher wohl angemessen, hier ein
Paar Beispiele von der Wirksamkeit der natürlichen
Züchtung anzuführen.
Lassen Sie uns zunächst die von Darwin hervorgehobene
gleichfarbige Zuchtwahl oder die sogenannte "sympathische
Farbenwahl" der Thiere betrachten. Schon frühere Naturforscher
haben es sonderbar gefunden, daß zahlreiche Thiere im
Großen und Ganzen dieselbe Färbung zeigen wie der
Wohnort, oder die Umgebung, in der sie sich beständig aufhalten.
So sind z. B. die Blattläuse und viele andere auf Blättern
lebende Insecten grün gefärbt. Die Wüstenbewohner,
Springmäuse, Wüstenfüchse, Gazellen, Löwen u.
s. w. sind meist gelb oder gelblichbraun gefärt, wie der Sand der
Wüste. Die Polarthiere, welche auf Eis und Schnee leben, sind
weiß oder grau, wie Eis und Schnee. Viele von diesen ändern
ihre Färbung im Sommer und Winter. Im Sommer, wenn der
Schnee theilweis vergeht, wird das Fell dieser Polarthiere graubraun
oder schwärzlich wie der nackte Erdboden, während es im
Winter wieder weiß wird. Schmetterlinge und Colibris, welche die
bunten, glänzenden Blüthen umschweben, gleichen diesen in
der Färbung. Darwin erklärt nun diese auffallende
Thatsache ganz einfach dadurch, daß eine solche Färbung, die
übereinstimmt mit der des Wohnortes, den betreffenden Thieren
von größtem Nutzen ist. Wenn diese Thiere Raubthiere sind,
so werden sie sich dem Gegenstand ihres Appetits viel sicherer und
unbemerkter nähern können, wenn sie sich in der
Färbung möglichst wenig von ihrer Umgebung
unterscheiden. Wenn also ursprünglich eine Thierart in allen
Farben variirte, so werden diejenigen Individuen, deren Farbe am
meisten derjenigen ihrer Umgebung glich, im Kampf um's Dasein am
meisten begünstigt gewesen sein. Sie blieben unbemerkter,
erhielten sich und pflanzten sich fort, während die anders
gefärbten Individuen oder Spielarten ausstarben.
Aus derselben gleichfarbigen Zuchtwahl läßt sich wohl
auch die merkwürdige Wasserähnlichkeit der pelagischen
Glasthiere erklären, die wunderbare Thatsache, daß die
Mehrzahl der pelagischen Thiere, d. h. derer, welche an der
Oberfläche der offenen See leben, bläulich oder ganz farblos,
und glasartig durchsichtig ist, wie das Wasser selbst. Solche farblose,
glasartige Thiere kommen in den verschiedensten Klassen vor. Es
gehören dahin unter den Fischen die Helmichthyiden, durch deren
glashellen Körper hindurch man die Schrift eines Buches lesen
kann; unter den Weichthieren die Flossenschnecken und Kielschnecken;
unter den Würmern die Salpen, Alciope und Sagitta; ferner sehr
zahlreiche pelagische Krebsthiere (Crustaceen) und der
größte Theil der Medusen (Schirmquallen, Kammquallen u. s.
w.) Alle diese pelagischen Thiere, welche an der Oberfläche des
offenen Meeres schwimmen, sind glasartig durchsichtig und farblos, wie
das Wasser selbst, während ihre nächsten Verwandten, die
auf dem Grunde des Meeres leben, gefärbt und undurchsichtig wie
die Landbewohner sind. Auch diese merkwürdige Thatsache
läßt sich ebenso wie die sympathische Färbung der
Landbewohner durch die natürliche Züchtung
erklären. Unter den Voreltern der pelagischen Glasthiere, welche
einen verschiedenen Grad von Farblosigkeit und Durchsichtigkeit
zeigten, werden diejenigen, welche am meisten farblos und durchsichtig
waren, offenbar in dem lebhaften Kampf um's Dasein, der an der
Meeresoberfläche stattfindet, am meisten begünstigt
gewesen sein. Sie konnten sich ihrer Beute am leichtesten unbemerkt
nähern, und wurden selbst von ihren Feinden am wenigsten
bemerkt. So konnten sie sich leichter erhalten und fortpflanzen, als ihre
mehr gefärbten und undurchsichtigen Verwandten, und
schließlich erreichte durch gehäufte Anpassung und
Vererbung, durch natürliche Auslese im Laufe vieler Generationen
der Körper denjenigen Grad von glasartiger Durchsichtigkeit und
Farblosigkeit, den wir gegenwärtig an den pelagischen Glasthieren
bewundern (Gen. Morph. II, 242).
Nicht minder interessant und lehrreich, als die gleichfarbige
Zuchtwahl, ist diejenige Art der natürlichen Züchtung,
welche Darwin die sexuelle oder geschlechtliche Zuchtwahl
nennt, und welche besonders die Entstehung der sogenannten
"secundären Sexualcharaktere" erklärt. Wir haben diese
untergeordneten Geschlechtscharaktere, die in so vieler Beziehung
lehrreich sind, schon früher erwähnt und verstanden
darunter solche Eigenthümlichkeiten der Thiere und Pflanzen,
welche bloß einem der beiden Geschlechter zukommen, und welche
nicht in unmittelbarer Beziehung zu der Fortpflanzungsthätigkeit
selbst stehen. (Vergl. oben S. 164). Solche secundäre
Geschlechtscharaktere kommen in großer Mannichfaltigkeit bei den
Theren vor. Sie wissen Alle, wie auffallend sich bei vielen Vögeln
und Schmetterlingen die beiden Geschlechter durch Größe
und Färbung unterscheiden. Meist ist hier das Männchen das
größere und schönere Geschlecht. Oft besitzt dasselbe
besondere Zierrathe oder Waffen, wie z. B. das Geweih der
männlichen Hirsche und Rehe, der Sporn und Federkragen des
Hahns u. s. w. Alle diese Eigenthümlichkeiten der beiden
Geschlechter haben mit der Fortpflanzung selbst, welche durch die
"primären Sexualcharaktere", die eigentlichen Geschlechtsorgane
vermittelt wird, unmittelbar Nichts zu thun.
Die Entstehung dieser merkwürdigen "secundären
Sexualcharaktere" erklärt nun Darwin einfach durch eine
Auslese oder Selection, welche bei der Fortpflanzung der Thiere
geschieht. Bei den meisten Thieren ist die Zahl der Individuen beiderlei
Geschlechts mehr oder weniger ungleich; entweder ist die Zahl der
weiblichen oder die der männlichen Individuen größer,
und wenn die Fortpflanzungszeit herannaht, findet in der Regel ein
Kampf zwischen den betreffenden Nebenbuhlern um Erlangung der
Thiere des anderen Geschlechts statt. Es ist bekannt, mit welcher Kraft
und Heftigkeit gerade bei den höheren Thieren, bei den
Säugethieren und Vögeln, besonders bei den in Polygamie
lebenden dieser Kampf gefochten wird. Bei den
Hühnervögeln, wo auf einen Hahn zahlreiche Hennen
kommen, findet zur Erlangung eines möglichst großen
Harems ein lebhafter Kampf zwischen den mitbewerbenden
Hähnen statt. Dasselbe gilt von vielen Wiederkäuern. Bei den
Hirschen und Rehen z. B. entstehen zur Zeit der Fortpflanzung
gefährliche Kämpfe zwischen den Männchen um den
Besitz der Weibchen. Der secundäre Sexualcharakter, welcher hier
die Männchen auszeichnet, das Geweih der Hirsche und Rehe, das
den Weibchen fehlt, ist nach Darwin die Folge jenes Kampfes. Hier
ist also nicht, wie beim Kampfe um die individuelle Existenz,die
Selbsterhaltung, sondern die Erhaltung der Art, die Fortpflanzung, das
Motiv und die bestimmende Ursache des Kampfes. Es giebt eine ganze
Menge von Waffen, die in dieser Weise von den Thieren erworben
wurden, sowohl passive Schutzwaffen als active Angriffswaffen. Eine
solche Schutzwaffe ist zweifelsohne die Mähne des Löwen,
die dem Weibchen abgeht; sie ist bei den Bissen, die die
männlichen Löwen sich am Halse beizubringen siuhen, wenn
sie um die Weibchen kämpfen, ein tüchtiges Schutzmittel;
und daher sind die mit der stärksten Mähne versehenen
Männchen in dem sexuellen Kampfe am Meisten begünstigt.
Eine ähnliche Schutzwaffe ist die Wamme des Stiers und der
Federkragen des Hahns. Active Angriffswaffen sind dagegen das Geweih
des Hirsches, der Hauzahn des Ebers, der Sporn des Hahns und der
entwickelte Oberkiefer des männlichen Hirschkäfers; alles
Instrumente, welche beim Kampfe der Männchen um die
Weibchen zur Vernichtung oder Vertreibung der Nebenbuhler dienen.
In den letzterwähnten Fällen sind es die unmittelbaren
Vernichtungskämpfe der Nebenbuhler, welche die Entstehung des
secundären Sexualcharakters bedingen. Außer diesen
unmittelbaren Vernichtungskämpfen sind aber bei der
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