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Oskar Hertwig: Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus

Oscar Hertwig:
Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus

Erster Teil.

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Erster Teil.

Der biologische Darwinismus.

In meinem Buch vom "Werden der Organismen" habe ich den Beweis zu führen gesucht, daß die Lehre von der natürlichen Zuchtwahl im Kampf ums Dasein nicht das vielgepriesene Naturgesetz ist, durch das sich die Entstehung der Organismen aufklären läßt. Trotz des sehr umfangreichen Materials von Beobachtungen und Experimenten, welches DARWIN als empirische Grundlage benutzt hat, handelt es sich in dem daraus gewonnenen allgemeinen Ergebnis nur um eine sehr anfechtbare, in logischer Hinsicht wenig begründete Hypothese. Daß die Selektionstheorie nicht mehr als eine Hypothese ist, hat selbst ihr konsequentester Verteidiger, AUGUST WEISMANN, zugegeben. Da man sich nun auf WEISMANN ebenso wie auf DARWIN und HAECKEL als wissenschaftliche Autoritäten gern zu berufen pflegt, kann sein Eingeständnis nicht oft genug wiederholt werden. Es ist sogar eine Pflicht, auf dasselbe immer wieder von neuem hinzuweisen, angesichts der Sicherheit, mit welcher man die "Selektionstheorie" als ein unerschütterliches Naturgesetz verkündet und zur Grundlage benutzt, von der aus ethische, soziale und politische Verhältnisse der Menschheit beurteilt, verbessert und mit den Lehren der Naturwissenschaft in Einklang gebracht werden sollen.

WEISMANN gesteht in derselben Schrift, in welcher er die Allmacht der Naturzüchtung verkündet, zugleich auch offen ein, daß wir "durch Erfahrung niemals den Vorgang der Naturzüchtung feststellen können" (1893 l. c. S. 42). Was für sie spreche, "sei nichts anderes, als die Macht der Logik; wir müssen Naturzüchtung als das Erklärungsprinzip der Umwandlungen annehmen, weil uns alle anderen scheinbaren Erklärungsprinzipien im Stich lassen und weil es nicht denkbar ist, daß es noch ein anderes Prinzip geben könne, welches die Zweckmäßigkeiten der Organismen erklärt, ohne ein zwecktätiges Prinzip zu Hilfe zu nehmen." Seinen logischen Beweis aber bezeichnet derselbe WEISMANN dann in einer späteren Schrift (1909 l. c. S. 47) nur als einen Wahrscheinlichkeitsbeweis, der in der Erklärungskraft der Theorie liege, nämlich "in der Unzahl der Erscheinungen, die auf keine andere Weise erklärt werden können". Ich glaube, auf keinem anderen Gebiet der Naturwissenschaft als auf dem der Biologie würde sich ein Forscher zur Begründung eines Naturgesetzes mit einem derartigen Wahrscheinlichkeitsbeweis zufrieden geben und noch weniger wagen, das auf ihn gegründete Gesetz als ein unfehlbares auszugeben.

Leider befindet sich die Biologie als Wissenschaft - gestehen wir es nur offen ein - infolge der Eigenart ihrer Untersuchungsobjekte noch in einer schwierigeren Lage als die exakten Wissenschaften der Astronomie, der Mathematik, der Physik und Chemie. Denn alle biologischen Verhältnisse sind von außerordentlich zusammengesetzter Natur. Jeder Vorgang, jede sichtbar werdende Veränderung läßt sich fast stets auf sehr viele Ursachen zurückführen, die in ihrer Gesamtheit überhaupt nicht vollkommen zu übersehen sind und deren Beitrag zum Gesamtresultat im einzelnen gar nicht sicher zu ermitteln ist. Die Biologie gleicht in dieser Hinsicht den vom Menschen handelnden Wissenschaften der Soziologie, der Nationalökonomie und der Politik. Hier wie dort kann man in der Zeitenfolge einen raschen Wechsel herrschender Theorien oder ein Nebeneinander von mehreren bemerken. Jeder führende Forscher hat dann mit seiner Anhängerschaft die Neigung, allein für sich den Besitz der richtigen Ansicht in Anspruch zu nehmen, zuweilen mit einem Fanatismus, wie er sich bei Fragen von exakten Wissenschaften, der Mathematik, Physik und Chemie überhaupt nicht entwickeln kann, dagegen religiösen Parteiungen eigen ist.

Indem ich wegen der zahlreichen Gründe, die gegen die Richtigkeit und Tragweite der Selektionstheorie sprechen, auf die Zusammenstellung in meinem "Werden der Organismen" verweise, halte ich es im Interesse der nachfolgenden Kapitel für geboten, wenigstens auf zwei Punkte hier noch einmal genauer einzugehen. Denn sie sind die Quelle vieler Mißverständnisse und rufen Übelstände hervor, die sich gerade beim Studium des ethischen, des sozialen und des politischen Darwinismus noch mehr als sonst bemerkbar machen.

Der eine Punkt betrifft die von DARWIN gebrauchten und seitdem zu einer Art von wissenschaftlicher Münze gewordenen Redewendungen, wie Kampf ums Dasein, Wettbewerb oder Konkurrenz in der Natur, Zuchtwahl, künstliche und natürliche Auslese. Sie werden oft in einer so wenig klar umschriebenen Weise und außer dem Zusammenhang, wie ihn die Theorie verlangt, angewendet, daß sie sich als wissenschaftliche Verständigungsmittel nicht recht brauchbar erweisen. Nicht mit Unrecht hat sie daher G. H. HOLLE mit abgegriffenen Scheidemünzen verglichen, die wegen Verlustes ihres Gepräges bei eiligem Gebrauch zu häufigen Irrtümern Anlaß geben (1915 l. c. S. 1).

DARWIN hat es selbst hervorgehoben, daß er manche der von ihm gebrauchten Redewendungen in einem bildlichen oder metaphorischen Sinne in seiner Theorie anwendet. So versteht er unter Kampf ums Dasein nicht allein den tatsächlichen Kampf zweier Wettbewerber wie er nur bei höher organisierten Tieren stattfindet, sondern überhaupt die Abhängigkeit der Lebewesen voneinander und von ihrer Umwelt. Und auch hierbei ist ihm "das für seine Theorie eigentlich Wesentliche, nicht das Leben des Individuums, sondern sein Erfolg in bezug auf das Hinterlassen von Nachkommenschaft". Das ist schon ein ziemlich kompliziertes Verhältnis und dazu noch ein solches, welches sich in einem zur Untersuchung vorliegenden Einzelfall durch einfache Beobachtung der Natur in der Regel kaum genau, meist aber gar nicht ermitteln läßt. So kann man wegen des bildlichen und daher unbestimmten Gebrauches des Wortes "Kampf ums Dasein" auch sagen, wie DARWIN als Beispiele anführt: "eine Pflanze kämpft am Rande der Wüste um ihr Dasein gegen die Trocknis, obwohl es angemessener wäre zu sagen, sie hänge von der Feuchtigkeit ab. Von einer Pflanze, welche alljährlich tausend Samen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur Entwicklung kommt, kann man noch richtiger sagen, sie kämpfe ums Dasein mit anderen Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den Boden bekleiden usw." (1872, l. c. S. 75.)

Auf diese Weise läßt sich jede Tätigkeit, ja schließlich jedes Verhältnis von Ursache und Wirkung unter dem Bild des Kampfes vorstellen, da der Eintritt einer Veränderung an irgendeinem Ding gewöhnlich nicht von einer, sondern von mehreren gleichsam miteinander konkurrierenden oder in gegenseitigem Kampf begriffenen Ursachen abhängt. Wenn der Mensch atmet, wenn er seinen Durst stillt oder Nahrung zu sich nimmt, so kämpft er - beim Gebrauch von DARWIN's metaphorischer Sprechweise - gegen das Ersticken, gegen das Verdursten oder gegen das Verhungern. Mit etwas Gabe von Phantasie, durch die einst die Götterwelt der Griechen und Römer hervorgebracht wurde, läßt sich sehr leicht die Welt in ein Kampftheater umwandeln, auf welchem sich HOBBE's Kampf Aller gegen Alle abspielt. Wer aber diese Welt der Phantasie für die wirkliche Welt halten und in diesem Glauben handeln wollte, würde leicht in Gefahr laufen, die Rolle des edlen Ritters Don Quijote zu spielen, der in seinem Wahn auch in Windmühlenflügeln Feinde erblickt.

Das über die Redewendung "Kampf ums Dasein" Gesagte gilt genau ebenso von der Verwendung des Begriffes "Wettbewerb und Konkurrenz" Überzeugt von der Richtigkeit der MALTHUSschen Lehre von der furchtbaren Übervermehrung der Lebewesen und von dem dadurch unvermeidlich gewordenen Kampf um die Nahrungsmittel, lassen sich DARWIN und seine Nachfolger von vornherein von dem Bestreben leiten, überall in der Natur Konkurrenzverhältnisse mit derselben Freigebigkeit wie Kampfesverhältnisse zu konstruieren; die einen sind ihnen die natürliche Grundlage für die anderen. Und zwar soll der Konkurrenzkampf zwischen Individuen derselben Art, da sie auf die gleiche Nahrung angewiesen sind, am heftigsten geführt werden.

Nach dem von MALTHUS und DARWIN eingenommenen Standpunkt entzieht ein Individuum überhaupt schon dadurch, daß es sich ernährt, den von ihm verzehrten Teil irgendeinem anderen, da bei dem vorausgesetzten Nahrungsmangel der zuletzt sich meldende leer ausgehen und hungern muß. So befindet sich jeder zu allen in einer unbewußten Konkurrenz und in einem dadurch veranlaßten ideellen Kampf um die Lebensmittel. In dieser Weise gewinnt der Ausdruck "Wertbewerb", sei es um die Nahrungsmittel oder um irgend etwas anderes, auch wieder eine für die ganze Lehre charakteristische, unbestimmte, unwissenschaftliche Bedeutung. Er wird zu einer leeren Redensart, auf welche sich, wenn sie als solche erkannt ist, ein Naturgesetz gewiß nicht aufbauen läßt. Denn wenn man der Sache auf den Grund geht, so bleiben uns hier wie in vielen anderen Dingen die Darwinianer den Beweis für ihre Behauptung schuldig. Verweilen wir daher bei diesem Fall als einem Beispiel für viele, noch einen Augenblick.

Besteht denn in Wirklichkeit der in der Theorie vorausgesetzte Mangel an Nahrungsmitteln in der Natur, so daß die daraus gezogenen Schlußfolgerungen gerechtfertigt wären? Wenn man von Ausnahmezuständen z. B. in der Winterszeit nordischer Regionen absieht, zeigt uns die Natur ein völlig entgegengesetztes Bild, als es nach der Annahme der Darwinianer aussehen müßte. Selbst in unserem von der Natur weniger begünstigten Europa bieten Feld, Wiese und Wald in der Sommerzeit einen so reich gedeckten Tisch an pflanzlicher Nahrung dar, daß Tiere jeder Art, Würmer, Mollusken, Insekten, Reptilien, Vögel und Säugetiere, die von Pflanzen sich nähren in einer vielmals größeren Zahl ihr Auskommen finden würden. In noch viel höherem Grade gilt dies von den Ländern mit tropischer Vegetation, von den Urwäldern Südamerikas und Afrikas oder den Prärien mit ihrem Grasreichtum. Als bald nach der Entdeckung der neuen Welt Pferde und Rinder Europas eingeführt wurden, fanden sie dort die beste Gelegenheit, sich sehr schnell zu vermehren, trotz und unbeschadet der bereits vorhandenen zahlreichen Herden von Büffeln, weil auch für sie die Prärie noch reichliche Nahrung darbot. Anstatt in feindlicher Konkurrenz, sieht man vielmehr die Individuen derselben Art sich in friedlicher Weise, oft herdenweise, nebeneinander ernähren. Selbst im höchsten Hochgebirge, wo doch die Vegetation am spärlichsten ist, äsen die Gemsen, ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen, rudelweise nebeneinander, da sich immer noch für jeden das Seine findet.

Mit vollem Recht hat daher der bekannte Schriftsteller des Sozialismus, Fürst PETER KRAPOTKIN, der ebenfalls auf seinen weiten Reisen das Leben in der Natur in den verschiedensten Ländern zu beobachten Gelegenheit hatte, das von DARWIN zugunsten seiner vorgefaßten Theorie in einseitiger Weise ausgemalte Naturbild als unzutreffend bezeichnet und in seinem sehr lesenswerten Buch "Von der gegenseitigen Hilfe in der Entwicklung" ergänzt. KRAPOTKIN kommt hier zu einem ganz entgegengesetzten Schluß wie DARWIN. Während seines Aufenthalts in dem östlichen Sibirien und der nördlichen Mandschurei konnte er selbst in den wenigen Orten, wo das Tierleben üppig gedieh, nicht jenen erbitterten Kampf um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken. "Spärliche Verteilung von Lebewesen auf weitem Raum, Untervölkerung und nicht Ubervölkerung war das deutliche Charakteristikum jenes ungeheuren Teiles der Erde Nordasiens." "Und so regten sich damals in mir", bekennt er, "ernsthafte Zweifel, die nachfolgende Studien bestätigten, an der Wirklichkeit jenes furchtbaren Kampfes um Nahrung und Leben innerhalb jeder Spezies, der für die meisten Darwinianer ein Glaubensartikel war und nach ihnen eine ausschlaggebende Rolle in der Entwicklung neuer Arten spielte" (1904, l. c. Vorwort, Seite N). "Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß Mangel an tierischer Bevölkerung der natürliche Stand der Dinge in der ganzen Welt ist, mit nur wenigen vorübergehenden Ausnahmen von der Regel. Die jeweilige Anzahl von Tieren in einer Gegend bestimmt sich nicht durch

das Maximum dessen, was die Gegend an Nahrung aufbringen kann, sondern durch das, was unter den ungünstigsten Umständen da ist, so daß, aus diesem Grund allein, die Konkurrenz schwerlich ein normaler Zustand sein kann" (1904, l. c. S.69).

Es würde mich zu weit führen, wenn ich noch andere Gebiete, in denen ein Wettbewerb auf Leben und Tod zwischen den Organismen gelehrt wird, berühren wollte. Denn es kommt mir ja nur darauf an, zu zeigen, wie vorsichtig in der Naturwissenschaft der Forscher mit der Verwendung so allgemeiner, dem menschlichen Leben entnommener Begriffe sein sollte, und wie es einer prüfenden Überlegung bedarf, inwieweit in einem bestimmten Fall ein solcher Begriff zu gebrauchen und, wie es leider so oft geschehen ist, zu weitreichenden Schlüssen zu verwerten ist.

Dagegen gehe ich noch auf eine kurze Besprechung der übrigen Begriffe, Auslese oder Selektion, künstliche und natürliche Zuchtwahl, ein, da sie ebenfalls in einer nicht immer einwandfreien Weise in der Literatur des Darwinismus verwandt werden. Zunächst setzen auch diese Begriffe ein Wesen voraus, welches Auslese, Auswahl oder Zuchtwahl treibt. Wenn daher in DARWIN's Schriften und in der durch ihn beeinflußten Literatur von natürlicher Auslese und natürlicher Zuchtwahl gesprochen wird, so kann dies nur in der Weise geschehen, daß die Natur nach Art eines menschlichen Wesens vorgestellt oder anthropomorphisiert wird. Streng genommen kann die Natur, nur als persönliches Wesen vorgestellt, eine natürliche Zuchtwahl treiben und die Rolle übernehmen, welche der Mensch bei der künstlichen Zuchtwahl spielt. So wird auch hier wieder in die nüchterne, sachliche Sprache der Naturwissenschaft eine dichterische Lizenz hineingetragen. Wenn man aber soweit geht, dann kann man ebensogut der Natur eine auslesende oder auswählende Tätigkeit in anderen Fällen zuzuschreiben, die mit Zuchtwahl von Pflanzen und Tieren an und für sich nichts zu tun haben. Auch der Mensch kann ja sein Wahlvermögen wie auf die belebten, auch auf die verschiedensten unbelebten Dinge mit ihren zahllosen Eigenschaften, auf die Größe, das Gewicht, die Farbe eines Gegenstandes usw. richten. In dieser Weise könnte man dann sagen, die Natur habe in einer Flüssigkeit, in der schwerere und leichtere Stoffteilchen, wie z. B. im Blut rote und weiße Blutkörperchen, suspendiert sind, beim Sedimentieren eine Auslese zwischen ihnen durch Benutzung der Schwerkraft vorgenommen, anstatt einfach zu sagen, daß die schweren und leichteren Gegenstände sich nach ihrem Gewicht voneinander beim Absetzen getrennt haben. Derartige Beispiele würden sich leicht in großer Anzahl zusammenstellen lassen.

Wie man leicht einsehen wird, kommt man auf dem angedeuteten Wege in den Naturwissenschaften zu einer Bildersprache, die man in der Physik und Chemie als Quelle von Unklarheiten im allgemeinen zu vermeiden sucht. Ich sage im allgemeinen. Denn auch in Physik und Chemie gibt es hiervon Ausnahmen. Die kurze Analyse eines lehrreichen Falles, den man als einen astronomischen Darwinismus bezeichnen könnte, wird dies zeigen.

Dank der reichen Bildersprache, die von Anfang an die von DARWIN eingeleitete Epoche auszeichnet, ist es wohl allein möglich gewesen, daß CARL DU PREL (1882) seinem Buch: Entwicklungsgeschichte des Weltalls, Entwurf einer Philosophie der Astronomie, auch den Titel "der Kampf ums Dasein am Himmel" geben konnte. Wie dehnbar und weitester Verwendung fähig die von DARWIN eingeführten Begriffe zur Erklärung des Werdens der Organismen sind, läßt sich wohl kaum deutlicher als an diesem Beispiel zeigen. Indem DU PREL als Kern der Theorie DARWIN's die Entstehung des Zweckmäßigen durch natürliche Auslese bezeichnet, findet er in diesem allgemein philosophischen Ausdruck die Möglichkeit, die neue Lehre auch für die Geschichte des Himmels zu verwerten. Er beruft sich dabei mit klarer Überlegung auf das Verfahren von DARWIN, "der selbst den Ausdruck "Kampf ums Dasein", nur metaphorisch gebrauche, wenn er ihn auf die Pflanzenwelt übertrage, ja schon, wenn er in der Tierwelt außer dem eigentlichen gegenseitigen Kampf der Individuen um ihr Leben auch die allgemeine Abhängigkeit organischer Wesen von der Natur damit bezeichne" (1882, l. c. S. XI). Auch will er noch aus einem zweiten Grund das DARWIN'sche Gesetz über die biologische Wissenschaft hinaus ausdehnen, weil "alle Zweige der empirischen Forschung dem Erklärungsprinzip der Entwicklung zutreiben" und weil diese "in keinem Gebiet getrennt werden könne von einer Art von Konkurrenz". "Denn jede Entwicklung besage teilweise Negation des jeweilig gegebenen Zustandes und Bewegung nach einem neuen Zustande hin unter Überwindung aller retardierenden Momente" (l. c. S. 7).

Auf dem Wege der Verallgemeinerung und Verflüchtigung der Begriffe findet DU PREL zwischen den biologischen und den astronomischen Erscheinungen eine Analogie; er läßt sie darin bestehen, daß wie die Tierwelt auch der Kosmos in einer fortwährenden Entwicklung begriffen ist. In diesem Prozeß aber sei "die zweckmäßige Bewegung der Gestirne (gegenseitige Anpassung) indirekt dadurch erzielt worden, daß unzweckmäßig sich bewegende Gestirne beseitigt wurden oder wenigstens in ihren Bahnen Korrekturen erfuhren." Im Bilde gesprochen, ist also das Weltensystem aus einem Kampf ums Dasein der Gestirne durch natürliche Auslese der zweckmäßig sich bewegenden und durch allmähliche Vernichtung (Ausmerzung) des Unzweckmäßigen entstanden; die Harmonie ihrer Bahnen ist durch Anpassung allmählich herbeigeführt worden (S.20, 22). An anderer Stelle bezeichnet DU PREL auch in der Sprache DARWIN's "die kosmisch-mechanische Zweckmäßigkeit als das Resultat der im Kampf ums Dasein sich messenden Kräftekombinationen".

Wie Du BOIS REYMOND einst die "Lebenskraft" als erklärendes Prinzip ein Mädchen für Alles nannte, so trifft fürwahr diese Bezeichnung für die DARWIN'sche Formel noch mit ungleich größerem Rechte zu. Sehen wir daher noch weiter, auf welchem schwankenden Boden das biologische Lehrgebäude der natürlichen Zuchtwahl errichtet worden ist.

Zu dem Zweck wollen wir uns zunächst vergegenwärtigen, was Auslese für sich allein überhaupt bewirken kann. Es ist wohl über jeden Zweifel klar, daß durch den bloßen Akt der Auslese, mag sie der Mensch mit Bewußtsein oder mag sie die als persönliches Wesen vorgestellte Natur ausführen, die von ihr betroffenen Gegenstände auch nicht im geringsten verändert werden. Sie werden bloß sortiert und dabei räumlich voneinander getrennt, wie Erbsen und Bohnen aus einem Gemisch von beiden oder wie Steinchen von verschiedener Größe beim Durchwerfen eines Kieshaufens durch Siebe von verschiedener Maschenweite. Die ausgelesenen Gegenstände, also auch die Organismen in der Biologie, bleiben nach der Auslese genau dieselben, die sie vorher waren. Mit einem Wort, künstliche wie natürliche Auslese sind, für sich genommen, völlig außerstande das Werden eines Organismen, das doch in Veränderungen besteht, in irgendeiner Weise zu beeinflussen oder gar hervorzurufen.

Auf das System der Pflanzen und Tiere übertragen führt das Prinzip der Auslese, je schärfer es durch Ausbildung besserer Methoden angewandt wird, nur zu einer immer weiter getriebenen Sortierung (systematische Spezifikation) innerhalb der systematischen Kategorien. Auf diese Weise ist im Laufe der Zeiten die alte LINNÉ'sche Art durch weitere Sortierung oder Auslese der unter ihr zusammengefaßten Individuen in eine bald kleinere, bald größere Zahl elementarer Arten und diese sind bei Fortsetzung des Verfahrens in Varietäten und diese wieder in Biotypen oder reine Linien ausgelesen, selektiert worden. Trotzdem ist bei diesem Verfahren die LINNÉ´sche Spezies, ausgedrückt durch ihre Diagnose, nach wie vor dieselbe geblieben, da die ausgelesenen elementaren Arten unter den alten Begriff wie ehedem wieder zusammengefaßt werden können. Dagegen würde allerdings das Artbild eine Veränderung erfahren, wenn mit der Auslese eine gänzliche Vernichtung bestimmter elementarer Arten vorgenommen würde; aber auch diese Veränderung würde nur in einer Einbuße an Mannigfaltigkeit insofern bestehen, als einzelne Eigenschaften, die früher als nebensächliche noch in dem Artbegriff mit eingerechnet wurden, jetzt weggefallen sind. Der Speziesbegriff ist etwas verarmt, aber im wesentlichen kein anderer geworden. So würde z. B. die Spezies Pferd, wenn von ihr durch Auslese alle schwarzen, fuchsigen und scheckigen Individuen ausgemerzt und nur die weißen übrig gelassen würden, zwar in der Haarfarbe uniformer sein, aber die Schimmel als die einzigen noch überlebenden Repräsentanten der Art wären deswegen nichts anderes geworden, als was sie auch schon vordem waren. Insofern schafft Auslese in keinem Falle etwas Neues, sie verändert die Gegenstände der Wahl nicht; sie ist also auch kein schöpferisches Prinzip; sie ist nie und nimmer eine treibende Kraft in der Entwicklung.

Indem DARWIN dies wohl selbst herausfühlte, ist er auf einen dialektischen Kunstgriff verfallen; er schuf den Begriff der akkumulierenden Auslese, welcher gleichsam das Zentrum seiner Selektionstheorie bildet. Er ließ sich hierbei teils von der künstlichen Zuchtwahl teils von der Erfahrung leiten, daß die Individuen einer Art sich in ihren Eigenschaften aus Ursachen, die unserer Erkenntnis meist verborgen bleiben, von Generation zu Generation in einer oft kaum bemerkbaren Weise verändern. Von den zahllosen Merkmalen organisatorischer und funktioneller Art variiert bald dieses bald jenes in beliebigen Richtungen und zufällig; ihre Variabilität schwankt dabei um einen Mittelpunkt herum in kleineren Beträgen und liefert daher je nach der Richtung des Ausschlags entweder Plus- oder Minusvarianten. Nun würde es bei diesem Zufallscharakter der Variabilität allerdings auch in der Aufeinanderfolge zahlreicher Generationen zu keiner stärkeren Ausbildung eines bestimmten Merkmals kommen können. Denn es würde ja an die Stelle einer Plusvariation in der nächsten Generation eine Minusvariation und ebenso umgekehrt treten können; der Ausschlag in der einen Richtung würde dann durch Rückschlag in der anderen wieder ,aufgehoben und rückgängig gemacht werden.

Nach DARWIN's Lehre muß daher zu der Variabilität, damit sie gleichsam ihren hin- und herpendelnden, ziellosen Charakter verliert, noch eine besondere, richtende Ursache hinzutreten, welche aus dem Material der von der Natur gebotenen, ein wenig verschiedenartigen Varianten die geeigneten ausliest und so im Laufe längerer Zeit durch Häufung kleiner Unterschiede in derselben Richtung auch einen wirklich großen Organisationsunterschied zustande bringt. - Bei der künstlichen Zuchtwahl ist diese Ursache der Züchter. Er wählt beharrlich Jahr für Jahr zur Fortzucht der ihm nützlichen Pflanzen und Tiere die besten, seinen Wünschen besonders entsprechenden Exemplare aus, vernichtet alle übrigen, damit sie überhaupt nicht zur Fortpflanzung gelangen, und erzielt durch beharrliche Zuchtwahl, die in dem ersten Fall als positive, in dem zweiten als negative bezeichnet werden kann, schließlich Ergebnisse, die jedermann sofort in die Augen fallen. Daher könne man - meint DARWIN - wohl auch sagen, daß der Mensch durch zielbewußte Auslese die kultivierten Pflanzen und Tiere mit ihren wunderbaren Eigenschaften, die seinem Nutzen und Geschmack so vollständig angepaßt sind, selbst hervorgebracht habe.

Gegen diesen Gedankengang von DARWIN mit seiner schon prinzipiell unlogischen Schlußfolgerung lassen sich schwerwiegende Einwände geltend machen, die nach meinem Urteil der Hypothese ihren allgemeinen Erklärungswert nehmen und sie jetzt in einem ganz anderen Licht als früher erscheinen lassen. Denn es tritt doch sonnenklar zu Tage, daß der Züchter durch seine Auslese, wie bereits früher gezeigt wurde, die Organisation der Lebewesen selbst nicht verändert, sondern sie so hinnimmt, wie sie ihm die Natur darbietet. Wer darf bei solchem Sachverhalt, sich untermessen zu sagen, daß sie der Züchter selbst hervorgebracht habe. Der Organismus mit den ihm innewohnenden Kräften ist es, der sich infolge seiner wechselnden Beziehungen zur Umwelt verändert. Wenn der Züchter die zu größter Vollkommenheit kultivierte Ananaserdbeere oder irgendeine andere vorzügliche Beerenfrucht oder ein Stiefmütterchen, eine Primel usw. mit außergewöhnlich großen, schön gefärbten Blüten nur wenige Jahre auf dem schlechtesten, sandigen Boden zieht, wenn er zugleich jahraus, jahrein die sorgfältigste Auslese treibt, in jeder Generation die besten Exemplare zur Nachzucht verwendet und alle anderen vernichtet, wird er trotz aller Mühe nicht verhindern können, daß die erwähnten Kulturprodukte verwildern und die ehemals geschätzten Vorzüge in kurzer Zeit wieder verlieren. Und ebensowenig wird unser Züchter etwas erreichen, wenn er Felderdbeeren mit kleineren Früchten an einem Standort, der nur kärgliche Nahrung liefert, belassen, aber sorgfältig die Exemplare mit unmerklich größeren Beeren auslesen und in bekannter Weise zur Nachzucht auf dem gleichen Boden verwenden wollte. Anstatt Tafelerdbeeren würde er auch nach 500 Jahren vergeblicher Mühe nur Früchte von Fragaria collina erhalten.

Auslese allein ist der Natur gegenüber ohnmächtig, Neues zu schaffen, solange es der Züchter nicht versteht, die in ihr wirkenden Kräfte seinen Zwecken dienstbar zu machen. Und dies geschieht erst dadurch, daß er Pflanzen und Tiere unter veränderte Kulturbedingungen bringt und ihre Veränderungen, die als Reaktion auf sie eintreten, als Material für sein Ausleseverfahren benutzt. Wenn aber diese Auffassung die richtige ist, dann sind die vom Züchter geschaffenen Kulturbedingungen das Ausschlaggebende zur Erreichung seines Resultats; dann würde die Bedeutung der Auslese darauf beschränkt sein, daß durch sie der durch die Zuchtbedingungen eingeleitete Umwandlungsprozeß höchstens noch etwas beschleunigt werden kann.

Der Trugschluß, der sich bei der künstlichen Zuchtwahl so leicht aufdecken läßt, liegt nicht minder auch der natürlichen Zuchtwahl zugrunde, nur etwas mehr verborgen, weil die Gedankengänge komplizierter, unklarer und mit allerhand schwer zu beweisenden Hypothesen durchflochten sind. Denn indem DARWIN den Gedanken von der künstlichen Zuchtwahl auf das Schaffen der Natur überträgt, läßt er an Stelle des menschlichen Züchters mit seinem zweckbewußten Wahlvermögen als züchtendes Prinzip, welches die Zufalls-Varianten auf ein bestimmtes Ziel richtet, "das Überleben des Passenden im Kampf ums Dasein treten". Im einzelnen gestaltet sich dann der Prozeß der "Natural Selection" folgendermaßen:

Im Organismus haben von den zahlreichen kleinen, fluktuierenden Abänderungen nur diejenigen Bestand, welche für ihn von Vorteil sind. Infolge der starken Vermehrung der Lebewesen findet zwischen ihnen ein ununterbrochener Kampf ums Dasein statt, der mit dem vorzeitigen Tod der Mehrzahl endet. Hierbei müssen die in vorteilhafter Weise abgeänderten Individuen mehr Aussicht auf Erhaltung und Fortpflanzung haben, als die übrigen, und ebenso ihre Nachkommen, die den Vorzug von ihnen geerbt haben. Wenn nun in langen Zeiträumen auch nur allerkleinste Vorteile bei einem Teil der Individuen in derselben Richtung summiert werden, während dagegen die minder geeigneten Lebensformen aussterben, da sie keine Nachkommen haben hinterlassen können, muß der Charakter der Art allmählich geändert werden. In dieser Weise wirkt auch die natürliche wie die künstliche Zuchtwahl als ein akkumulativer Prozeß. Auch in der Natur findet gleichsam eine "unbewußte Auslese" unter den hin und her variierenden Individuen einer Art statt und läßt sich der künstlichen, vom Menschen bewußt geleiteten Zuchtwahl vergleichen, der sie ja auch in ihren Wirkungen entspricht.

Zu dem Bedenken, das schon bei der Beurteilung der künstlichen Zuchtwahl geäußert wurde, gesellen sich jetzt noch einige weitere hinzu. Sie betreffen die Tragweite einer Reihe von gewagten und unbewiesenen Annahmen, die DARWIN bei seiner Konstruktion gemacht hat.

Schon die von DARWIN als richtig angenommene Lehre von MALTHUS, daß die Lebewesen sich viel stärker vermehren als das zu ihrem Unterhalt erforderliche Nahrungsmaterial, ist eine mehr als zweifelhafte Grundlage für die daraus abgeleitete Notwendigkeit eines erbitterten Daseinskampfes zwischen den Individuen gleicher Art. Richtig ist nur, daß unendlich mehr Keime von jedem Lebewesen erzeugt werden, als Nachkommen von ihm das zeugungsfähige Alter erreichen. Aber diese Verschwendung an Zeugungsstoffen und die durch sie ermöglichte zeitweise Übervermehrung ist eine Notwendigkeit, wenn überhaupt eine Art unter den naturgegebenen Bedingungen sich in ihrem normalen Bestand erhalten soll. Denn auch die geschlechtliche Produktivität, so ungeheuer groß sie in vielen Fällen zahlenmäßig sein mag, steht für jede Organismenart in einem sehr verwickelten Abhängigkeitsverhältnis zum Gesamthaushalt der Natur, so daß bei erheblicher Einschränkung derselben unter sonst gleichen Bedingungen sich auch bald eine Abnahme in der Individuenzahl der Art bemerkbar machen würde. Ebensowenig kann eine der Norm entsprechende starke Vermehrung zu einer Übervölkerung führen, solange sich an den Daseinsbedingungen nichts geändert hat. Die so häufig angestellten, zur Charakterisierung der Zeugungskraft ganz interessanten Berechnungen, nach welchen ein einziges Paar, selbst von einem Lebewesen mit geringer Fortpflanzung, doch in kurzer Zeit bei ungehemmter Vermehrung und bei genügendem Nahrungsvorrat die gesamte Erdoberflache mit seinen Nachkommen bedecken oder alle Meere ausfüllen würde, haben in der Praxis doch keinen größeren Wert, als die für das Wesen des Zinseszins lehrreiche Berechnung von dem Riesenvermögen, das entstanden sein würde, wenn ein Taler seit Christi Geburt auf Zinseszins angelegt worden und die Kapitalvermehrung ohne Störung regelmäßig vor sich gegangen wäre. In beiden Fällen handelt es sich um eine im Laufe der Dinge sich nicht verwirklichende Fiktion. Denn je größer die Zeugungskraft einer Organismenart, um so größer ist auch ihre normale Vernichtungsquote. Zwischen beiden besteht, wie man sich in der Biologie ausdrückt, ein gesetzmäßiges Wechselverhältnis, eine Korrelation.

Was aber hierbei das Wichtigste für unsere Frage ist, so läßt sich die angebliche furchtbare Vermehrungsweise der Organismen gar nicht als ein Beweis zugunsten der Selektionstheorie verwerten. Denn bei der Vernichtung von Leben, welche bei manchen Arten sich ebenfalls in riesenhaften Zahlen bewegt, handelt es sich keineswegs etwa um solche Individuen, die in irgendeiner Eigenschaft um ein ganz klein wenig hinter ihren Artkonkurrenten zurückstehen; in erster Linie werden von ihr die noch nicht vollentwickelten Individuen, die gar nicht die selektionswertigen Organe für den .späteren Daseinskampf gebildet haben, betroffen: zunächst die Keimzellen selbst, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob sie nach ihren Anlagen die allerbesten oder die allerschlechtesten sind, ferner die im Teilungsstadium begriffenen Eier und die aus ihnen entstandenen Larven und Embryonen, welche entweder massenhaft aus allen möglichen Ursachen früh absterben, oder zahlreichen Feinden, wie Insekten, Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren als leicht zu erbeutendes Nahrungsmaterial dienen. Aber auch bei der schon stark dezimierten Zahl der dann noch Überlebenden, welche das zeugungsfähige Alter erreichen, ist es keineswegs der Kampf ums Dasein zwischen Plus- und Minusvarianten der gleichen Art, welcher bei dem weiteren Vernichtungsprozeß die Hauptrolle spielt. Viel wichtiger sind die ungleich tiefer einschneidenden, in größerem Umfange und periodisch eintretenden verschiedensten Störungen der normalen Daseinsbedingungen, denen gegenüber ein kleiner neuerworbener Vorzug in irgendeiner Eigenschaft als Gegenstand einer Auslese und natürlichen Zuchtwahl gar nicht ins Gewicht fallen kann. Ein außergewöhnlich kalter, schneereicher und langer Winter oder ein Sommer mit langen Regenperioden oder mit großer Trockenheit und Hitze suchen das Tier- und Pflanzenleben auch mit außergewöhnlicher Vernichtung heim, besonders bei allen Arten, die gegen solche Katastrophen, weil sie eben Ausnahmen darstellen, nicht genügend geschützt sind. Dasselbe gilt von periodisch ausbrechenden Seuchen, welche zwischen schwächlichen und kräftigen, zwischen mehr oder weniger gut zum Daseinskampf ausgerüsteten Individuen keinen Unterschied machen; es gilt im Völkerleben von verheerenden Kriegen, welche den besten Teil eines Volkes gerade im zeugungsfähigen Alter dahinraffen. Das ist ein Teil der wichtigeren Ursachen, welche einer Übervölkerung hauptsächlich entgegenwirken und nicht selten sogar zu einer Untervölkerung führen, die erst nach Jahren und Jahrzehnten langsam wieder ausgeglichen und reguliert wird.

Wenn man hierzu das schon früher Gesagte über den angeblichen Nahrungsmangel (5. 11) hinzu rechnet, so kann die MALTHUS'sche Lehre gewiß nicht mehr wie es von DARWIN geschehen ist, als "das arithmetische Argument" zur Begründung der natürlichen Zuchtwahl im Kampf ums Dasein benutzt werden. Im übrigen ist auch in der Nationalökonomie das einst günstige Urteil über die Lehre von MALTHUS in ihr Gegenteil umgeschlagen. Seine Anhänger werden von den Antimalthusianern verdrängt. Nicht Übervölkerung, sondern Volksabnahme ist augenblicklich das Gespenst, welches seit Jahrzehnten die Franzosen plagt, aber auch andere Völker mit Besorgnis wegen der sinkenden Geburtenziffer erfüllt, so daß in Deutschland selbst gesetzgeberische Maßnahmen dagegen empfohlen werden.

Wegen anderer Gründe, welche gegen die akkumulative Auslese und die Tragweite der Selektionstheorie in der Biologie sprechen, verweise ich auf das XV. Kapitel (Seite 604) meines Buches: "Über das Werden der Organismen", besonders auf die erste bis fünfte Gruppe der Einwände (Seite 630-653).

Mit Rücksicht auf die Aufgabe, die ich mir in dieser Schrift zur Abwehr des ethischen, des sozialen und des politischen Darwinismus gestellt habe, verdient jetzt noch ein Punkt, den ich in meiner ersten Kritik unberührt gelassen habe, eine besondere Erwähnung. Wenn schon die Beurteilung der Lehre DARWIN's und eine Verständigung über sie durch seine metaphorische Ausdrucksweise erschwert wird, so ergibt sich uns bei eindringender Prüfung noch ein zweites Hindernis ähnlicher Art, welchem man bisher zu wenig Beachtung geschenkt hat. Zur Durchführung seiner Theorie muß nämlich DARWIN in den einzelnen durch sie zu erklärenden Beispielen sehr häufig Werturteile abgeben, für die sich ein objektiv wissenschaftlicher Maßstab nicht aufstellen läßt. Das tritt schon gleich in den Schlagworten: das Überleben des Passenden, des Nützlichen, des Tüchtigen, des Zweckmäßigen usw. hervor. In den physikalischen Wissenschaften kann man kalt und warm, groß und klein, schwer und leicht und andere solche Eigenschaften nach allgemein gültigen und von jedermann zu kontrollierenden Maßstäben bestimmen und in ihren feinsten Abstufungen auf das genaueste messen. Hier ist jede Meinungsverschiedenheit ausgeschlossen. Nach welchem Maßstab aber soll man von den zahlreichen, ineinander arbeitenden Organen eines Lebewesens und von ihren verschiedensten Eigenschaften im einzelnen oder im ganzen entscheiden, ob sie bei dem einen Lebewesen passender, nützlicher, tüchtiger, zweckmäßiger sind als bei dem anderen? Wie soll man gar ermitteln können, ob unter den vielen Organen und Eigenschaften eines Lebewesens, von deren Vorhandensein und regelrechtem Zusammenwirken doch seine Erhaltung abhängt, eine geringfügige Variante, wie sie nach der Zufallstheorie angenommen wird überhaupt so wichtig werden kann, daß sie über Leben und Tod eines Individuums im Kampf ums Dasein den Ausschlag gibt, oder wie man sich gewöhnlich ausdrückt, von Selektionswert ist? Wie soll ein Streit über solche wissenschaftlich nicht festzustellende Fragen zwischen Forschern entschieden werden?

Nach einem stillschweigenden Übereinkommen hilft man sich meist in der Weise, daß man einfach von jedem Teil eines Organismus sagt, er sei passend und zweckmäßig schon aus dem einfachen Grund, weil er eben da ist und durch sein Überleben im Kampf ums Dasein ja am besten seine Daseinsberechtigung, Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit bewiesen hat. Und aus diesem Grund wird es den Darwinisten auch immer gelingen, für irgendeinen Teil eines Organismus irgendeinen Nutzen für irgend etwas ausfindig zu machen, wenn es für Zwecke der Erklärung nach der Selektionsformel wünschenswert oder notwendig werden sollte.

Darum zeigt auch die ganze darwinistische Literatur seit 50 Jahren eine geradezu geisttötende Einförmigkeit, da sie für jede Anpassungserscheinung und für jede Vervollkommnung oder Verschlechterung eines Organs stets nur mit der gleichen stereotypen Erklärung bei der Hand ist. Wäre es nicht wissenschaftlicher, anstatt dessen nach den wirklichen Ursachen zu forschen oder freimütig einzugestehen, daß die Biologie zurzeit außerstande ist, eine ursächliche Erklärung für die bestimmte Erscheinung zu geben?

Hier liegt der Scheideweg, wo sich die beiden entgegengesetzten Richtungen trennen, die sich in der Biologie als Darwinismus und als Lamarckismus gegenüberstehen. Denn der Lamarckismus, den man jetzt auch besser als die Theorie der direkten Bewirkung (NÄGELI) bezeichnet, erblickt eben die Aufgabe der biologischen Forschung anstatt in der Ausbildung einer inhaltsleeren, wissenschaftlichen Phraseologie in der Ermittelung der wirklichen Ursachen, durch welche sich die Organismenwelt entwickelt und verändert.

Der Darwinismus, zumal in der durch WEISMANN gegebenen und von ihm schärfer und logischer durchgeführten Fassung, nimmt zufällige Bedingungen an und läßt dadurch auch zufällige Veränderungen der Lebewesen entstehen, welche erst durch die natürliche Auslese gerichtet und zweckmäßig gemacht werden. Dagegen erfolgt nach der Theorie der direkten Bewirkung das Variieren der Organismen nach Entwicklungsgesetzen, die sich aus der Natur der organisierten Substanz der Lebewesen und aus ihren Beziehungen zu der sich verändernden Umwelt, also aus dem Zusammentreffen innerer und äußerer Ursachen und den hieraus folgenden Wirkungen ergeben. Somit ist das Werden der Organismen in derselben Weise wie das Werden in der unorganischen Natur, wie die Vorgänge in der Astronomie, Chemie, Physik usw. zu begreifen. Es sind die Gesetze zu ermitteln, welche der Erscheinungswelt zugrunde liegen und im Reich der Organismen nur vielgestaltiger, schwerer zu erkennen und nicht in so einfache Formeln zu kleiden sind, wie bei der Erforschung der unbelebten Natur.

Der Darwinismus hat diese Gesetze nicht erklärt! Er verleitet sogar über sie hinwegzugehen. Der von mir schon früher zitierte Schriftsteller DU PREL, als er die DARWIN'sche Formel in der Zeit der ersten Begeisterung auf das Gebiet der Himmelsmechanik zu übertragen versuchte, hat es gelegentlich offen und klar ausgesprochen. Er sagt: "Ein Grundphänomen der Materie ist ihre Gesetzmäßigkeit. Auch diese fällt außerhalb des Erklärungsbereichs der DARWIN'schen Formel, wird vielmehr von dieser schon vorausgesetzt, da die indirekte Auslese zweckmäßiger Bewegungen im Entwicklungsprozesse siderischer Systeme nur auf der Basis unveränderlicher Gesetze eintreten kann. Selbst wenn wir alle Teleologie in der Mechanik der Himmelskörper als natürlich sich einstellendes Resultat erklären können, so verbleibt doch die Gesetzmäßigkeit - die ja im Grunde selbst wieder ein teleologisches Problem bildet - als nicht zu erklärender Rest übrig" (l. c. S. 352).

Durch die Erforschung der von DU PREL betonten Gesetzmäßigkeit haben sich die großen Forscher der Astronomie, ein KOPERNIKUS, ein KEPLER und ein NEWTON ihre unsterblichen Verdienste erworben. Auf den von ihnen gelegten unveräußerlichen Grundlagen hat sich die Wissenschaft vom Himmel weiter entwickelt und ist dadurch vorbildlich auch für alle übrigen Wissenschaften geworden. Nach ähnlicher Methode, durch welche es in der Astronomie möglich wurde, die Vorgänge am Himmelsgewölbe in feste Formeln zu kleiden, die wir Naturgesetze nennen, sind in der Physik und Chemie die Gestaltungsgesetze der leblosen Natur und endlich in der Biologie die Gestaltungsgesetze und die Gesetze der mit ihnen verbundenen Wirkungsweisen der Lebewesen zu erforschen. Also ist Gestaltung, Organisierung des Stoffes vermöge der ihm innewohnenden Kräfte das große allgemeine Problem auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.

Zum Schluß meiner Kritik der Selektionstheorie und des Kampfes ums Dasein berühre ich noch kurz ein Argument, welches mir auch gegen die oft gehörte Meinung zu sprechen scheint, daß die DARWIN´sche Formel ein allgemeines biologisches Naturgesetz sei. Das Argument ergibt sich aus der gewiß auffälligen Erscheinung, daß die Lehren DARWIN's in den Untersuchungen und in den zusammenfassenden Lehr- und Handbüchern der Physiologie, der Anatomie, der Entwicklungsgeschichte, der Gewebe- und Zellenlehre gar nicht zum Ausdruck und zur Geltung kommen. Hier werden vielmehr die wissenschaftlichen Ergebnisse und Probleme in einer Form behandelt, die gar keine Beziehung zum Darwinismus hat. Wie die Astronomie, Chemie und Physik, so entwickeln sich auch die Spezialgebiete der Biologie in ihrer eigenen Art weiter, wobei es ganz gleichgültig ist, ob sich der einzelne Forscher ablehnend oder zustimmend zur DARWIN'schen Formel und ihren Ergänzungen verhält. Was für eine ganz andere Stellung nehmen dagegen die NEWTON'schen und KEPLER'schen Gesetze ein, welche die unentbehrliche Grundlage für das ganze Lehrgebäude der Himmelskörper bilden! Ist dies nicht auch ein Beweis, daß die Selektionstheorie eben kein aus den zu beobachtenden Erscheinungen des Organismenreichs abgeleitetes, unentbehrliches Naturgesetz von allgemeiner Bedeutung ist?

Mein jetzt skizzierter Standpunkt, welchen ich der Lehre DARWIN's auf dem Gebiete der Biologie gegenüber einnehme, gibt auch die Grundlage für meine weiteren Betrachtungen ab, in denen ich mich gegen die verschiedenen Versuche wende, die Prinzipien des Daseinskampfes und der natürlichen Zuchtwahl auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen und neue, angeblich höhere Menschheitsideale aus ihnen abzuleiten.


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Erstellt am 6. August 2001 von Kurt Stüber.

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