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Oskar Hertwig: Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus

Oscar Hertwig:
Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus

Dritter Teil. A. I.

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I. Wege und Ziele der negativen Auslese.

"Lasciate ogni speranza,

voi qu´entrate."

Dante. Inschrift der Höllenpforte.

III. 9.

Nach DARWIN's Theorie unterliegen im Kampf ums Dasein, der sich erbarmungslos und ohne Unterlaß zwischen den Lebewesen abspielt, die Minderwertigen, die entweder vorzeitig dem Tode verfallen oder wenigstens an der Fortpflanzung und Hinterlassung von Nachkommen verhindert werden. Das ist negative Selektion, das ist die große Ausjätemaschine, welche durch Vernichtung dem Fortschritt und der Vervollkommnung der Lebewesen angeblich dient. Wie in der Natur, so folgern die Prediger des sozialen Darwinismus, muß diese Ausjätemaschine auch in der menschlichen Gesellschaft in vollem Gang erhalten werden. "Ausjäten" und "Ausmerzen" gehört daher, wie Kampf ums Dasein, Konkurrenz und Auslese, zu den gebräuchlichsten Worten ihres Vokabulariums. Sie bekämpfen auf der einen Seite alle Einrichtungen, durch welche nach ihrer Meinung der Mensch aus mangelhafter Einsicht und aus Nichtachtung der Naturgesetze, aus persönlichem Interesse oder aus Gründen einer falsch angebrachten Mitleidsmoral gleichsam gegen das Walten der Natur, kontraselektorisch zu wirken versucht. Auf der anderen Seite sinnen sie auf Mittel und empfehlen geeignete Maßregeln, um die negative Selektion in der menschlichen Gesellschaft noch wirksamer zu gestalten und dadurch wieder den Schaden auszugleichen, welcher sich in der anderen Richtung nicht hat verhindern lassen. Nach ihrer Meinung leidet die gegenwärtige Kulturmenschheit unter sehr vielem, was kontraselektorisch wirkt. Solche Faktoren sind: die Heilkunde und Hygiene mit ihren Aufgaben, das Leben auch schwächlicher, also minderwertiger Personen zu verlängern und zu erhalten, die in ihrem Dienste stehenden Wohlfahrtseinrichtungen der verschiedensten Art, ferner kontraselektorische Akte der sozialen Gesetzgebung und dergleichen mehr.

Das Verfahren bei den zahlreichen Schriftstellern ist fast immer das selbe: Übertragung und Nutzanwendung der Lehren DARWIN's, in welchen sie feststehende, unabänderliche Naturgesetze erblicken, auf die menschliche Gesellschaft.

Sehr eingehend hat sich der englische Professor der Physiologie JOHN HAYKRAFT (1895, l. c.) über das kontraselektorische Wirken der Heilkunde mit seinen verderblichen Folgen in einem besonderen Buch ausgesprochen. Da schwächer beanlagte Kinder leichter als kräftige den verschiedenen klimatischen und Ernährungseinflüssen unterliegen, hält er eine größere Kindersterblichkeit für den Fortschritt der Rasse von Vorteil. Denn "die besten Rassen" - so lautet sein Axiom - "sind unter Not und Strapazen entstanden". Daß die Alpenbewohner kräftiger und abgehärteter sind, wird von ihm wesentlich mit auf ihre größere Kindersterblichkeit im Vergleich zu derjenigen der Städter zurückgeführt. Mithin wirkt die durch unsere heutige Kultur erzielte Verminderung der Kindersterblichkeit durch Kranken- und Säuglingspflege, durch künstliche Nährmittel, durch bessere Kleidung direkt als ein Mittel zur Rassenverschlechterung (l. c. S. 71). In entsprechender Weise werden die Infektionskrankheiten und der gesundheitsschädliche Einfluß des Alkohols als nützliche Auslesefaktoren beurteilt. Der Gedankengang und die Urteilsbildung ist immer die gleiche. Bei Epidemien, die durch Mikroben entstehen, werden am meisten die schwächlichen Individuen ausgerottet, die Rasse also, im ganzen genommen, verbessert. Folglich muß dadurch, daß die Wissenschaft der Hygiene durch Entdeckung und Vernichtung der Mikroorganismen Epidemien zu verhüten und einzuschränken gelehrt hat, an Stelle der einzelnen Individuen die ganze Rasse büßen, weil die Erhaltung und Vermehrung der Schwächlinge durch Verdrängung der Krankheiten, welche so nützliche Auslesefaktoren sind, begünstigt worden ist (l. c. S. 60). Daher begrüßt HAYKRAFT - so hart es klingen mag - "den Tuberkelbazillus als einen Freund unserer Rasse", da er nur in schwächlichen Personen wuchert (l. c. S. 68). Ebenso ist ihm die Entdeckung eines Tuberkuloseheilmittels, welches einst als der größte Segen für die Menschheit gefeiert wurde, eher ein Gegenstand ernster Besorgnis bei dem Gedanken an den Nachteil, der der Zunahme des phthisiscl'en Habitus hätte folgen müssen (l. c. S. 67). Von derartigen Erwägungen geleitet, zögert HAYKRAFT nicht, "die Engländer von heute als ein Ausleseprodukt der Mikroorganismen von Masern, Scharlach, Pocken usw." zu betrachten. Der Gedanke drängt sich ihm mit zwingender Gewalt auf, wenn er die Widerstandsfähigkeit der englischen Nation gegen diese Krankheiten mit der der Eingeborenen von Zentralafrika vergleicht, die nie einer solchen Auslese unterworfen worden sind und beim ersten Einbrechen derartiger Krankheiten fast bis zur Ausrottung hingerafft werden (l. c. S. 59).

Auch die Trunksucht wird von HAYKRAFT und gleichgesinnten Forschern zu den rassedienstlichen Auslesefaktoren gerechnet, da sie Minderwertige und ihre Familien ausjätet. Sie wird von ihm als eine sich in der Regel einstellende Folge einer Schwächung des Nervensystems und somit als der Ausdruck einer neuropathischen Konstitution erklärt, welche wegen ihrer Erblichkeit durch bewußte, planmäßige Auslese ausgerottet werden muß. Die Ausjäte besorgt nun der übermäßige, krankhafte Alkoholgenuß von selbst dadurch, daß er die Gesundheit der Säufer untergräbt, ihre Nachkommen, die gewöhnlich auch wieder demselben Laster verfallen, noch mehr schwächt und so langsam aber sicher ganze Säuferfamilien zugrunde richtet. Aus solchen Erwägungen zieht HAYKRAFT wieder den Schluß, "daß der Alkoholismus als ein die Auslese begünstigender Faktor anzusehen ist, der beständig die Reihen der schwachen, ihm verfallenden Naturen lichtet" (l. c. S. 91). Daher spricht er sich gegen die Temperenzlerbewegung aus. Denn "jede durch künstliche Maßregeln erzwungene Mäßigkeit würde die Wirkung eines auslesenden Faktors hemmen, der die Beseitigung vieler höchst unwillkommener Elemente aus der Gemeinschaft besorgt" (l. c. S. 100).

Mit seinen Gedankengängen steht HAYKRAFT nicht vereinzelt da. Unter der suggestiven Kraft von DARWIN's Lehre urteilen viele in genau der gleichen Weise. Wie er bezeichnet z. B. auch AMMON (1893, l. c. S. 323) "das Absterben der zahllosen Säuglinge beim Landvolk als einen Vorgang der natürlichen Auslese, der die Grundlage der Gesundheit und der Kraft des Landvolkes bildet". Auch die Strafrechtspflege erscheint ihm als ein Mittel der Ausjäte, wenn sie hierbei auch ihre Aufgabe nur in unvollkommener Weise erfüllt; sie ist ihm "eine Anstalt zur Reinigung der Gesellschaft von gemeinschädlichen Anlagen."

Noch ist bei meiner Besprechung ein Verhältnis unerwähnt geblieben, welches die sozialen Darwinisten für den wichtigsten Faktor der negativen Auslese halten; es ist die Armut und das soziale Elend, das sich beim ökonomischen Prozeß der menschlichen Gesellschaft zu manchen Zeiten mehr, zu andern weniger als eine fast nie fehlende Begleiterscheinung ausbildet TILLE, AMMON, SCHALLMAYER, PLOETZ und mit ihnen viele andere sehen in ihr eine Naturnotwendigkeit, welche in dem DARWIN'schen Gesetz vom Kampf ums Dasein und in der Selektionstheorie ihre Erklärung findet. Einen Ausspruch von BEBEL in sein Gegenteil verkehrend, kommt TILLE zu dem entgegengesetzten Ergebnis, das er für allein logisch erklärt und in den Satz zusammenfaßt (1895, l. c. S.107): "Das DARWINsche Gesetz des Kampfes ums Dasein findet auf die Menschheit die Anwendung, daß man soziale Bedingungen schafft, unter denen die von Geburt Begabteren und Tüchtigeren zu reichlicher Nahrung kommen, während jedermann um so weniger zu essen haben soll, je untüchtiger er ist, so daß also die Untüchtigsten unfehlbar zugrunde gehen und sich nicht fortpflanzen können".

Auch AMMON (1893, l. c. S. 280, 281) läßt entweder die Individuen, die in sittlicher Hinsicht am ungünstigsten ausgestattet sind, unmittelbar durch die Rechtspflege und das Elend, oder mittelbar dadurch beseitigt werden, daß sie vermöge ihrer Lebensweise außerstande sind, eine Familie zu gründen und Nachkommenschaft zu erzeugen. Die Beseitigung ist ihm eine Notwendigkeit, wenn nicht die Durchschnittshöhe der Menschheit sinken soll. "Es verhalte sich hier ähnlich wie bei der Gesundheitspflege, wo die künstliche Erhaltung schwächlicher Individuen den Durchschnitt der Gesundheit herabdrücke". In den Arbeitslosen erblickt AMMON nicht bloß die "Reservearmee der Industrie", sondern er stellt dieser von rein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgehenden Auffassung seine anthropologische gegenüber; nach ihr aber befinden sich unter den Arbeitslosen alle diejenigen Individuen, deren natürliche Begabung sie entweder untauglich zu den einfachsten Verrichtungen macht, oder sie zu einem unsteten Landstreicherleben veranlaßt, oder endlich sie dem Verbrechen in die Arme treibt und dadurch von einer Gemeinschaft mit der übrigen menschlichen Gesellschaft ausschließt. Also ist im Rahmen der Auslesetheorie - und das ist das Endergebnis von AMMON's Beweisführung - "die Gruppe der Arbeitslosen die tiefste Schicht des unteren Standes, in welcher das Unterliegen im Kampfe ums Dasein bereits besiegelt ist".

Von hier führt schließlich nur ein kleiner Schritt zu einer Betrachtung von TILLE, welche mir von einem besonderen Interesse zu sein scheint, weil sie die aus vermeintlichen Naturgesetzen der Wissenschaft gezogenen Konsequenzen in grellster Beleuchtung zeigt. Denn mit Rücksicht auf die Notwendigkeit und Nützlichkeit eines Ausjäteprozesses in der menschlichen Gesellschaft bespricht TILLE in einem kleinen Artikel in HARDEN´s Zukunft (1893, Bd. V, S. 268) das berüchtigte Ostlondon, welches WILLIAM BOOTH als "darkest England" beschrieben hat; er bezeichnet es vom Standpunkt der Rassenhygiene als Englands Nationalheilanstalt. In Ostlondon verdient nur ein Drittel von der Million Einwohner, die hier zusammengedrängt leben, ihr tägliches Brot durch eigene Arbeit; 10000 sind ohne feste Wohnung und nächtigen in öffentlichen Anstalten, zum größten Teil aber ziehen sie eine Unterkunft im Freien vor. Die hierher verschlagenen Familien sterben meist schon in der zweiten Generation aus. Denn die Sterblichkeit beträgt hier das anderthalbfache des übrigen London und die Zahl der Todesfälle ist doppelt so groß als die der Geburten. "Geschlechtliche Ausschweifung und Alkohol töten sicherer als die anstrengendste Arbeit". "Mit unerbittlicher Strenge", meint TILLE, "scheidet die Natur die zum Tier herabgesunkenen Menschen aus den Reihen der anderen aus". Und so "fungiert Ost-London in einem Maße als Nationalheilanstalt, von dem die wenigsten Menschen eine Ahnung haben, und alle Versuche, den Unglücklichen zu helfen, mindern nur die enorme Bedeutung, die es als solche hat". Jede britische Großstadt hat ein solches schwarzes Viertel, wie es FR. ENGELS bei seiner Schilderung von Manchester in seinem Buch: "Die Lage der arbeitenden Klassen in England", als Anklage gegen den Kapitalismus beschrieben hat; es ist ein Proletarierviertel mit Häusern von acht Stockwerken, engen Höfen, von Ruß geschwärzten engen Straßen mit stinkigen Rinnsteinen.

Um die Hindernisse, welche die moderne Kultur der natürlichen Auslese innerhalb der menschlichen Gesellschaft durch viele ihrer schon besprochenen Einrichtungen bereitet, wenigstens teilweise wieder auszugleichen, empfehlen die Vertreter des sozialen Darwinismus als Ersatz eine bewußte, planmäßige Auslese und eine teilweise Verschärfung der Ausjätemaschine durch gesetzgeberische Maßnahmen. Sie fordern daher unter anderem Abschaffung des Erbrechts durch die Gesetzgebung (TILLE, PLOETZ, SCHALLMAYER, KOSSMANN u. a.). Dadurch soll verhindert werden, daß die Nachkommen der bessersituierten Stände durch den Besitz von Vermögen einen Vorteil im sozialen Wettkampf vor Tüchtigeren ohne Erbteil voraus haben. Es würde auf diese Weise erreicht, daß die unbefähigten oder sonstwie aus der Art geschlagenen Kinder tüchtiger Eltern rascher auf der sozialen Leiter von Stufe zu Stufe herabgleiten und dem großen Ausjäteprozeß verfallen "Unter solchen Umständen", meint PLOETZ, "würde wohl manches Söhnchen reicher oder privilegierter Eltern einen schweren Stand haben" (1895, l. c. S. 146). Auch TILLE läßt die Aufhebung des Erbrechts für ein wirkliches Auslesen der Tüchtigsten mehr leisten, als ein ganzes Heer angestellter Auslesebeamter, da hierdurch mindestens der Daseinskampf "den Dummen und Faulen, die heute durch das Erbrecht für ihr Leben sichergestellt sind, riesig erschwert würde" (1895, l. c. S. 136).

Noch ein anderer Vorschlag zur Verbesserung des Ausjäteprozesses scheint mir erwähnenswert zu sein; er betrifft die Zusammensetzung und Verwendung des Kriegsheeres im Dienste der Rassenhygiene; er ist uns ein lehrreiches Beispiel, wie wissenschaftlicher Fanatismus, wenn er nach eingebildeten Naturgesetzen das Staatsleben reformieren will, auf recht eigenartige Gedankengänge kommen kann. "Gegen die Kriege", meint PLOETZ, "wird der Rassenhygieniker weniger etwas haben, da sie eines der Mittel im Kampf ums Dasein der Völker bilden. Nur wird er darauf dringen, daß entweder mit Söldnerheeren gekämpft wird, oder daß die Aushebung beim System der allgemeinen Wehrpflicht so umfassend wie nur möglich ist, um recht viele auch der schlechteren Individuen ins Heer zu bekommen, so daß der Nachteil für die guten Konvarianten nicht zu stark wird. Während des Feldzuges wäre es dann gut, die besonders zusammengereihten, schlechten Varianten an die Stellen zu bringen, wo man hauptsächlich Kanonenfutter braucht und wo es auf die individuelle Tüchtigkeit nicht so ankommt" (1895, l. c. S. 147).


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Erstellt am 6. August 2001 von Kurt Stüber.

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