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THEMA:   Ist die Gentechnik Ursache der gegenwärtigen Situation des Menschen auf diesem Planeten oder ist sie eher eine Hilfe zur Verbesserung derselben?

 9 Antwort(en).

Prof. Dr. K.-F. Fischbach begann die Diskussion am 10.10.99 (21:43) mit folgendem Beitrag:

Gentechnologie ermöglicht die gezielte Veränderung des Erbgutes von Organismen durch die Addition synthetischer oder artfremder Gene. Den Gentechnologen wird von fundamentalistischen Kritikern vorgeworfen, hierdurch in unerlaubter Weise in die Natur einzugreifen. In ihrem Sondervotum zur Enquête-Kommission des 10. Deutschen Bundestages "Chancen und Risiken der Gentechnologie" stellte die Fraktion der Grünen kurz und bündig fest: "Die Anwendung gentechnischer Methoden und Produkte in Tier- und Pflanzenzucht wird abgelehnt". Die Wochenzeitschrift Die Zeit garniert eine Artikelserie über Gentechnik und Fortpflanzungsbiologie mit Horrorgemälden von Tiermenschen. Tatsache ist, daß Genetiker in der öffentlichen Diskussion heftig und emotional angegriffen werden.

Es ist jedoch notwendig, sich der öffentlichen Diskussion zu stellen. Das Interesse, das die Gesellschaft den möglichen Folgen der Gentechnologie entgegenbringt, ist berechtigt, und die Sorge um die Zukunft ist begründet. Es gilt das große Informationsdefizit a) darüber, was Gentechnologie ist und b) darüber, was mit Gentechnologie möglich ist, zu verkleinern. Sachgerechte Information ist notwendig, wenn die Frage, ob Gentechnologie verantwortbar ist oder nicht, sinnvoll diskutiert werden soll.

Die Sorge für die Zukunft ist etwas Urmenschliches. Wir müssen uns aber fragen dürfen, ob es richtig ist, die Zukunftsängste auf die möglichen Gefahren eines Mißbrauchs der Gentechnologie zu konzentrieren, oder ob es nicht vielleicht besser wäre, die Zukunft durch die Wahrnehmung der Chancen dieser Technologie zu meistern. Es kommt darauf an, die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, in der von ihrer Dringlichkeit diktierten Rangfolge anzugehen. Verantwortliches Handeln für die Zukunft setzt ein Abwägen von Möglichkeiten und die Berücksichtigung der katastrophalen Gesamtsituation der Menschheit auf diesem Globus voraus.

Hauptziel jeglichen Handelns muß der Erhalt der Lebensgrundlagen der Menschheit sein. Es ist deshalb notwendig, die realen Ursachen für die Gefährdung dieser Grundlagen zu identifizieren. Für den Erhalt unseres Ökosystems wäre es fatal, wenn diese notwendige Analyse fehlerhaft durchgeführt würde und als Folge davon positiv motivierte Menschen Strohpuppen bekämpften. Die eigentlichen Ursachen für die Misere würden dann nicht beseitigt.

Ist die Gentechnik Ursache der gegenwärtigen Situation des Menschen auf diesem Planeten? M.E. nicht. Bisher ist der reale Einfluss der Gentechnik auf Landwirtschaft und Tierzucht eher marginal gewesen. Könnte die Gentechnik stattdessen eine Hilfe zur Verbesserung unserer Situation darstellen?

Der Mensch hat seit Urzeiten in Form der Tier- und Pflanzenzüchtung (zunächst unbewußt, später gezielt) angewandte Genetik betrieben, d.h. in das Erbgut von Nutzorganismen eingegriffen. Der züchtende Mensch ist bemüht, die seiner Meinung nach günstigsten Erbanlagen verschiedener Rassen oder Arten in seinen Nutztieren oder Nutzpflanzen zu vereinigen. Die Resultate dieser Bemühungen sind uns allen bekannt, wenn auch vielleicht nicht allen bewußt. Viele Haustiere, aber auch Nutzpflanzen wären ohne die schützende Hand des Menschen in freier Wildbahn nicht mehr lebensfähig. Biologisch gesprochen sind wir mit ihnen und sie mit uns eine Symbiose eingegangen.

Die moderne, molekulare Gentechnologie hat die Zielsetzungen genetischer Manipulationen nicht verändert; sie stellt jedoch einen methodischen Durchbruch dar, der die Effizienz der Züchter in Zukunft gewaltig steigern wird. Durch diesen (bisher allerdings weitgehend hypothetischen) Machbarkeitszuwachs rückt die Tätigkeit der Züchter in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Ist es legitim, daß der Mensch Pflanzen und Tiere nach seinen Vorstellungen und zu seinem Nutzen umbaut? Besteht die Gefahr oder die Hoffnung, daß der Mensch beginnt, sich selbst genetisch umzuprogrammieren? Was für Kontrollmechanismen werden hierdurch erforderlich? Wer kontrolliert und bestimmt dadurch die Richtung oder den Stillstand? Dies alles sind Fragen, die zu Beginn des neuen Jahrtausend dringend der Diskusssion bedürfen. Technisch wird (fast) alles machbar sein. Es geht darum, durch vorausschauende ("vorsichtige") Analyse in der Gegenwart Brücken in die Zukunft zu bauen.


Heinz-Hermann Haar antwortete am 12.10.99 (12:41):


Eine Anmerkungen zum Einstiegsartikel von Prof. Fischbach. Die fundamentale Ablehnung der Gentechnik, die im 1. Abschnitt dargestellt wird, ist sicherlich wenig geeignet die Diskussion zu versachlichen. Dadurch aber, dass man die Gegenposition nur durch solche fundamentale Positionen zu Worte kommen lässt, wird die eigene Position nicht schon richtig.

Prof. Fischbach ist sicherlich zuzustimmen, dass die Diskussion nicht allein durch die Fragen nach dem Missbrauch bestimmt sein darf und die Fragen nach den Chancen dieser Technik mit bedacht werden müssen. Wir können hinter die Entdeckung der Gentechnik und ihrer Möglichkeiten nicht zurück. Seit Hans Jonas (Technik, Medizin und Ethik Frankfurt 1985 oder Ethik und Biogenetische Kunst Betrachtungen zur Schöpferrolle des Menschen in: Flöhl, R. Genforschung - Fluch oder Segen? 1985 S.1-15) wissen wir aber, dass die eindeutige Bestimmung dessen, was gut ist, und dessen, was schädlich ist, in der modernen Technik nicht mehr so einfach möglich ist. Warum wird dann suggeriert, man könne hier eindeutige Antworten finden?

Niemand wirft der Gentechnologie vor, Ursache für die gegenwärtige Lage der Menschheit zu sein. Dazu hat sie a) auf Grund ihrer erst kurzzeitigen Existenz nicht die Möglichkeit gehabt und b) sind solche Fragen, die monokausale Antworten suggerieren, immer falsch. Engt man die Fragestellung dennoch auf solche Fragen ein, lässt sich trefflich argumentieren, weil man alle hinter sich weiß. Warum werden also Antworten auf Fragen gegeben, die niemand ernstlich stellen kann und gestellt hat?

Wirklich ärgerlich ist die altvertraute Argumentation, dass Gentechnik nur das menschliche Geschäft der Züchtung weitertreibe, wenn auch auf etwas besserem Niveau. Züchtung war immer darauf angewiesen, dass das natürliche Material die mögliche Veränderung, die man züchten wollte, anbot. Man hat dieses Merkmal eben gezielt herausgefiltert. Die Rückzüchtung zur Ursprungsform ist nie abgerissen. Man war auch nie in der Lage, die natürlich vorgegebenen Grenzen zu überschreiten. Gentechnik ermöglicht aber genau dies. Ich kann Gene an Stellen und in Lebewesen einfügen, wo die Züchtung völlig unmöglich gewesen wäre. Es gibt eben keine Parallele zwischen Züchtung und Gentechnik. Gentechnik ist eben nicht die Fortsetzung der Züchtung mit anderen Mitteln, sondern etwas bisher nicht Bekanntes an menschlichem Eingriff. Es geht nicht nur um gesteigerte Effizienz. Auch dies wusste Jonas schon.

"In der Gentechnik schafft der Mensch neue Lebewesen, die sich sozusagen ihrem Schöpfer gegenüber selbständig machen, er kann sie nicht mehr nach Belieben ein- und ausschalten. à Diese neuen Lebewesen vermehren sich und entwickeln sich eventuell zu neuen Formen. Sie gewinnen selbsttätige Kraft, der Mensch begibt sich damit seiner Alleinursächlichkeit.

Unterscheidung zwischen Züchtung und gentechnologischer Veränderung der Züchtung:
. Auslese der gewünschten natürlicherweise hervorgebrachten Phänotypen
. Es bleibt aber die Natur, die das Auslesematerial liefert
. Die Rueckkreuzbarkweit reißt in der Regel nicht ab.
Kennzeichen gentechnologischer Veränderung
. Es wird artfremdes genetisches Material eingespleißt
. es handelt sich also um eine künstliche, hergestellte Lebensform"

Jonas in: Ethik und Biogenetische Kunst Betrachtungen

Warum wird immer noch so getan, als sei Gentechnik die etwas bessere Züchtung, wie sie schon Urvater Abraham an seinen Herden vornahm?

Dem Schluss der Überlegungen ist dann allerdings nur zuzustimmen. Es geht wirklich um die Frage, was wir demokratisch in diesem Bereich wollen können.

Bei der Verkürzung auf die rein biologischen Fragen der Gentechnik werden nur z.T. die richtigen Frage gestellt. Sie können so aber nicht beantworten.

Ein paar dieser Fragen seien mit einigen Hinweisen aus Jeremy Rifkins Buch, "Das biotechnische Zeitalter , wenigstens angedeutet. Man verzeihe die Länge der Hinweise, aber kürzer geht es bei diesem komplexen Thema leider nicht.

Rifkin sagt dort in der Einführung, dass, obwohl der Zug bereits angefahren sei, wir dennoch die Chance hätten, einige der heikelsten Themen anzupacken, die mit der neuen Revolution zusammenhängen. Mit der Gentechnologie verbinden sich seiner Meinung nach unsere liebsten Hoffnungen und Sehnsüchte ebenso wie unsere dunkelsten Ängste und Befürchtungen. Und aus diesem Grund werden die meisten Diskussionen über diese neuen Technologien mit großer Wahrscheinlichkeit höchst erregt verlaufen. Die Technologie rühre an den Kern unseres Selbstverständnisses. Die wesentliche Anfrage Rifkins besteht darin, dass dei neuen Werkzeuge der ultimative Ausdruck menschlicher Macht und Kontrolle sind - sie versetzen uns in die Lage zu gestalten, was und wie wir selbst sein möchten und wie wir die übrige lebende Natur gern hätten. Die Biotechnologie liefere uns das »Werkzeug zur Traumgestaltung«, sie gebe uns die Macht, ein neues Bild von uns selbst, unseren Nachkommen und unserer Mitwelt zu schaffen, und die Macht, Einfluss darauf zu nehmen.

Auf der anderen Seite werfe die neue genetische Wissenschaft mehr besorgniserregende Fragen auf als jede andere technologische Revolution der Geschichte. So sei zumindest zu prüfen, welche Folgen wird es für Weltwirtschaft und -gesellschaft habe, wenn der Welt-Genpool sich auf patentiertes geistiges Eigentum reduziert, das von einer Handvoll multinationaler Konzerne exklusiv kontrolliert wird? Ebenso sei zu fragen, in welcher Weise die Patentierung von Leben an unsere tiefsten Überzeugungen über die geheiligte Natur und den unveräußerlichen Wert von Leben rühren wird. Als weitere Fragen benennt Rifkin, die Überlegungen, welche Folgen es haben wird, wenn man in einer Welt aufwächst, in der alles Leben als »Erfindung« und »kommerzielles Eigentum« behandelt wird? Was es bedeuten wird, Mensch zu sein in einer Welt, in der Babys im Mutterleib genetisch gestaltet und maßgeschneidert und Menschen auf der Grundlage ihres Genotyps identifiziert, typisiert und diskriminiert werden? Ein Zielpunkt ist die Frage, welche Risiken wir bei unseren Versuchen ingehen, »perfektere« Menschen zu schaffen?

Rifkin sieht ebenfalls als Konsequenz der gentechnologischen Möglichkeiten eine Diskussion wieder entfacht, die gerade in Deutschland nicht einfach zu führen sein wird. Er sieht nämlich am Horizont die Drohung, dass eine Gesellschaft, die sich auf die »Gestaltung« des planetaren Genpools verlegt, unmöglich hoffen kann, den ständigen eugenischen Entscheidungen, die mit jedem neuen biotechnologischen Fortschritt einhergehen, entfliehen zu können. Wenn man der inhärenten Logik der Gentechnologie folgt, werde der soziale Druck enorm sein, vor allem, wenn es um die Anwendung am Menschen geht.
Rifkin entfaltet diese Frage an einer Stelle sehr ausführlich. So sieht er für Eltern im biotechnischen Zeitalter zwangsläufig die Notwendigkeit, sich zu entscheiden, ob sie die Risiken der althergebrachten genetischen Lotterie eingehen und ihre eigenen unveränderten Spermien- und Eizellen verwenden wollen - wohl wissend, dass ihre Kinder den einen oder anderen »unerwünschten« Zug erben - oder ob sie Spermien, Eizellen, Embryonen oder Feten gentechnisch verändern lassen beziehungsweise lieber eine In-vitro-Fertilisation mit Spermien- oder Eizellen von einem Spender oder ein Arrangement mit einer Leihmutter wollen.
Rifkin sieht diese Eltern vor völlig neuen Gefahren und Fragen. Falls sie sich nämlich für den althergebrachten Weg entscheiden und das genetische Schicksal über das biologische Geschick ihres Kindes entscheiden lassen, werden sie sich unter Umständen mit Schuldgefühlen plagen, etwas, das sie hätten vermeiden können, wenn sie sich eines korrigierenden Eingriffs an den Keimzellen oder am Embryo bedient hätten.

Mit freundlichen Grüßen


K.-F. Fischbach antwortete am 24.10.99 (16:09):

Sehr geehrter Herr Haar,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Es geht mir nicht darum schwarz-weiss zu malen, allerdings sollten bei einem Einstiegstext die Konturen, die eine Diskussion emöglichen, deutlich hervortreten. Eine Anmerkung habe ich: Ich behaupte nicht, dass die "Gentechnik nur das menschliche Geschäft der Züchtung weitertreibe", sondern m.E. hat die Gentechnik die grundlegenden Zielsetzungen nicht verändert. Dass der enorme Machbarkeitszuwachs aber prinzipiell neue wichtige Fragen aufwirft, ist entschieden auch meine Meinung.


Gudrun Seidl antwortete am 28.10.99 (17:37):

Herr Professor Fischbach, Herr Haar - lassen Sie mich auch hier einen Bericht einstellen, den ich bei Professor Sippel soeben einstellte:

Deutschland muss sich - ob gut oder schlecht, sei dahingestellt, bekanntlich hat jedes Blatt 2 Seiten - verantwortungsvoll der Schöpfung gegenüber mit diesem Thema auseinandersetzen, Forschung betreiben. Wir Deutschen neigen leider (kriegstraumatisiert) dazu, zu eng, zu national zu denken. Was haben wir davon, wenn unsere Bio- und Gentechnologen ins Ausland abwandern (müssen)? Wir sind doch nicht alleine auf der Welt. Wichtig ist es, unsere Ethik, unser Gedankengut in diesem Bereich mit einfliessen zu lassen.

Ich hatte das Glück, eine kleine Zeit Herrn Professor Garei, ehemaliges Vorstandsmitglied der Hoechst AG für den Bereich Gentechnik zu erleben. Wir diskutierten bereits 1985 über dieses Thema. Professor Gareis gehörte der Benda-Kommission an. Damals ging es u.a. um die juristische wie auch ehtische Frage "Darf der Mensch was er kann und kann er das, was er darf?"

Wir müssen sehen, dass weltweit eine Regelung gefunden wird und selbst das wird nicht gelingen. Zu verschieden sind Menschen und Nationen, ganz abgesehen von den Glaubensrichtungen. Wir müssen es abstrakt und auch aus der Ferne sehen, sine ira et studio.

Der richtige Weg für den Mitgliedstaat Deutschland in der EU wäre sicher, sich mit dem, was die EU-Kommission zu diesem Thema mitteilt und vorschlägt, auseinanderzusetzen. Wie kann es z.B. sein, dass in Deutschland bestimmte Forschungsbereiche durch die Politik blockiert werden, sie dann im benachbarten EU-Staat installieren und ihre Forschung dort ausüben dürfen? Daran würde ich hier gerne mit Ihnen ebenfalls arbeiten.

Ebenso darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass immer mehr deutsche Forscher in die Vereinigten Staaten abwandern. Man denke nur an Wernher von Braun und die Raketenforschung. Was ist Deutschland da noch geblieben? Nach US-amerikanischem Recht müssen Patente, die in den USA erworben wurden, dort auch bleiben.

Nachdenklich Gudrun Seidl


K.-F. Fischbach antwortete am 30.10.99 (12:00):

Sehr geehrte Frau Seidl,

ich teile Ihre Sorge. Tatsächlich ist der "brain drain" in Richtung USA innerhalb der Biotechnologie noch nicht gestoppt worden, obwohl sich in Deutschland die Rahmenbedingungen langsam verbessern. Leider haben hier in Deutschland lange Zeit fundamentalistische Bedenken den Blick auf die Chancen der Biotechnologie verschleiert - und deshalb muss ich noch einmal auf Herrn Haar und seinen Hinweis auf Äusserungen von Jonas zurückkommen. Jonas sagt - und dies wird von Herrn Haar als angeblicher Unterschied zur klassischen Züchtung angeführt -, dass der Mensch in der Gentechnik neue Lebewesen schaffe, die sich sozusagen ihrem Schöpfer gegenüber selbständig machen, er könne sie nicht mehr nach Belieben ein- und ausschalten. Diese Lebewesen gewönnen selbständig Kraft und der Mensch begebe sich damit seiner Alleinursächlichkeit.

Welche philosophische Ignoranz und Arroganz! Der Mensch war nie allein ursächlich in der Biosphäre. Die Verselbständigung gentechnisch veränderter Organismen ist zudem im Vergleich zu den Produkten klassischer Züchtungen besser kontrollierbar, da die genetischen Veränderungen definiert sind und keineswegs unbekannt und undefiniert wie bei dem Durchmischen ganzer Genome durch Kreuzungen.

Noch ein Wort zur angeblichen Neuigkeit der Überwindung von Artgrenzen durch die Gentechnik. In der Natur gelten keine Dogmen und dementsprechend wird dieses Prinzip fleissig von Bakterien (z.B. Agrobacter tumefaciens) und Viren angewendet. Da haben sich doch sogar in grauer Vorzeit die Vorläufer unserer Mitochondrien in eukaryontische Zellen eingenistet und eingerichtet. Hätten sie eigentlich nicht gedurft.

Mit freundlichen Grüßen

Karl-Friedrich Fischbach


Heinz-Hermann Haar antwortete am 30.10.99 (15:33):


Herr Prof. Fischbach schrieb als Antwort auf Frau Seidl,

>Leider haben hier in Deutschland lange Zeit fundamentalistische Bedenken
>den Blick auf die Chancen der Biotechnologie verschleiert

Warum sind alle Bedenken gegen die Biotechnologie gleich fundamentalistisch und damit ideologisch und damit schlecht?? Ich gestehe ja zu, dass es solche Argumente fundamentalistischer Art gibt, aber ich wehre mich gegen diese Einordnung und damit Abwertung vieler Anfragen z.B. von H.Jonas oder von Rifkin, auf den ich mich mehrfach bezog.

>und deshalb muss ich noch einmal auf Herrn Haar und seinen Hinweis auf
>Äusserungen von Jonas zurückkommen. Jonas sagt - und dies wird
>von Herrn Haar als angeblicher Unterschied zur klassischen
>Züchtung angeführt -, dass der Mensch in der Gentechnik neue
>Lebewesen schaffe, die sich sozusagen ihrem Schöpfer gegenüber
>selbständig machen, er könne sie nicht mehr nach Belieben ein-
>und ausschalten. Diese Lebewesen gewönnen selbständig Kraft und der
>Mensch begebe sich damit seiner Alleinursächlichkeit.
>Welche philosophische Ignoranz und Arroganz! Der Mensch war nie allein
>ursächlich in der Biosphäre.

Wenn Jonas das gesagt hätte, wäre das sicherlich so einzuschätzen, wie Sie es bezeichnen. Nur sagt er etwas ganz anderes.

1. Der Begriff der Alleinursächlichkeit bezieht sich auf die Urheberschaft (Ursache) des Menschen für die Existenz gentechnisch veränderter Wesen. Ohne den Eingriff des Menschen hätte es diese Wesen wahrscheinlich nicht gegeben.
2. Der Mensch verliert gegenüber diesen Wesen seine Ursächlichkeit aber, weil es sich hier um Lebewesen handelt, die, einmal freigesetzt, in ihrer Entwicklung nicht mehr zu beeinflussen sind. Dennoch bleibt er verantwortlich für die Existenz solcher Lebensformen.
3. Jonas sieht gerade die menschliche Verantwortung für den Kosmos und fragt daher eben auch, ob der Mensch so einfach zu seinem Nutzen das biologische Miteinander verändern darf. Er sieht eben auch das Eigenrecht der Mitbewohner unseres Planeten, die nicht der menschlichen Spezies angehören. Von Ignoranz und Arroganz also keine Rede.

>Die Verselbständigung gentechnisch veränderter Organismen ist
>zudem im Vergleich zu den Produkten klassischer Züchtungen besser
>kontrollierbar, da die genetischen Veränderungen definiert sind und
>keineswegs unbekannt und undefiniert wie bei dem Durchmischen ganzer
>Genome durch Kreuzungen.

Schön wäre es, wenn wir aller Interaktionen im genetischen Bereich so sicher im Griff hätten. Soweit ich weiß, ist der Mensch noch weit von solchem Wissen entfernt und damit auch von einer präzisen Definition und damit auch Einschränkung der Veränderungen, die er bewirkt durch das Umstricken der Gene. Die Formulierung: "Das Durchmischen ganzer Genome durch Kreuzungen suggeriert einen falschen Eindruck. Bei dieser Durchmischung handelt es sich um sehr ähnliche Genome, deren Durchmischung durch natürliche Vorgaben möglich oder unmöglich sind, und bei der gentechnologischen Durchmischung vermag ich diese natürlichen Grenzen zu überschreiten.

>Noch ein Wort zur angeblichen Neuigkeit der Überwindung von Artgrenzen
>durch die Gentechnik. In der Natur gelten keine Dogmen und dementsprechend wird
>dieses Prinzip fleissig von Bakterien (z.B. Agrobacter tumefaciens) und Viren
>angewendet. Da haben sich doch sogar in grauer Vorzeit die Vorläufer unserer
>Mitochondrien in eukaryontische Zellen eingenistet und eingerichtet. Hätten sie
>eigentlich nicht gedurft.

Zeigt nicht dieses Beispiel, dass diese Überwindung natürlicher Grenzen in der Natur extrem selten ist? Sie hätten sonst Beispiele anderer Art gewählt. Das Beispiel und auch weitere Beispiele treffen darüber hinaus nicht den Kern der Frage. Für diese Grenzgänger ist niemand verantwortlich im Sinne einer intentionalen Handlungsfähigkeit. Der Mensch ist aber verantwortlich, wenn er mit einer bestimmten Intention in die Abläufe eingreift. Sie haben recht, wenn Sie antworten, dass er dies bei Züchtungen auch war. Aber die Gentechnik erhöht das Potential der Möglichkeiten zur Veränderung in ungeheurem Maße. Und mit dieser Steigerung steigt die Verantwortung linear mit.

Ich möchte an dieser Stelle eine Diskussion anregen, wie man Kriterien gewinnen kann, um Gentechnologie in ihren Möglichkeiten der Abwehr von Leid und Krankheiten und in ihrer Gefahr zur Zerstörung der Lebensgrundlagen des Menschen besser einschätzen zu können. D.h. es kann nicht mehr um die Diskussion Gentechnik Ja oder Nein gehen, sondern um eine sehr konzentrierte Diskussion einer Technologiefolgeabschätzung. Das wäre eine sehr intensive und spannende Frage: Welche Kriterien sollen uns leiten und eventuell auch dazu veranlassen, bestimmte Forschungen oder Möglichkeiten nicht zu nutzen?

Mit freundlichen Grüßen


Karl-Friedrich Fischbach antwortete am 30.10.99 (19:21):

Sehr geehrter Herr Haar,

ich begrüße Ihre Anregung zu einer sachlichen Beurteilung der Gentechnik zu gelangen. Wichtig hierbei wird es sein, weitverbreitete und immer wieder gehörte Vorurteile auszuräumen. Eines hiervon, auch von Ihnen wieder geäussert, ist, dass angeblich gentechnisch veränderte Organismen komplexere und unkontrollierbarere Veränderungen aufweisen als die Nachkommen aus klassischen Kreuzungen. Gentechnisch verändert werden Organismen in wenigen, häufig nur in einem einzigen Gen. Die gentechnischen Änderungen sind weit spezifischer als solche, die durch klassische Kreuzungen zwischen verschiedenen Rassen einer Art oder gar zwischen verschiedenen Arten erzeugt werden. Wenn das gentechnische Experiment ein gezielter Versuch mit der Veränderung eines (oder weniger) Parameter darstellt, dann ist die Kreuzung zweier nicht ingezüchteter Individuen immer ein Würfelspiel mit vielen Unbekannten und völlig ungewissem Ausgang.


Heinz-Hermann Haar antwortete am 31.10.99 (14:52):

Sehr geehrter Herr Prof. Fischbach,

zu Ihrem Schreiben habe ich einige Anmerkungen, Fragen und eine Bitte.

Zunächst zur Bitte:
Teilen Sie mir doch bitte mit, wenn dieser Dialog, den wir im Moment führen, mit den Intentionen, die Sie mit diesem Forum hatten, nicht konform geht. Ich möchte nicht Ihrer Intention im Wege sein.

Zu den Anmerkungen:
Sie schrieben:
>Wichtig hierbei wird es sein,
>weitverbreitete und immer wieder gehörte Vorurteile auszuräumen.
> Eines hiervon, auch von Ihnen wieder geäussert, ist, dass
> angeblich gentechnisch veränderte Organismen komplexere und
> unkontrollierbarere Veränderungen aufweisen als die Nachkommen
> aus klassischen Kreuzungen. Gentechnisch verändert werden
> Organismen in wenigen, häufig nur in einem einzigen Gen. Die
> gentechnischen Änderungen sind weit spezifischer als solche, die
> durch klassische Kreuzungen zwischen verschiedenen Rassen einer
> Art oder gar zwischen Kreuzungen verschiedener Arten erzeugt
> werden. Wenn das gentechnische Experiment ein gezielter Versuch
> mit der Veränderung eines (oder weniger) Parameter darstellt,
> dann ist die Kreuzung zweier nicht ingezüchteter Individuen immer
> ein Würfelspiel mit vielen Unbekannten und völlig ungewissem Ausgang.

1. Vielleicht habe ich mich ungenau ausgedrückt. So würde ich das nämlich auch nicht sagen. Es geht nicht um den Grad der Veränderungen, der die Andersartigkeit gentechnischen Handelns ausmacht. In meinen Bedenken geht es um die Verantwortlichkeit des gentechnischen Tuns.

Beispiel: Stellen Sie sich vor, es tritt eine neue Seuche etwa in der Schrecklichkeit von AIDS auf. Es ist meiner Meinung nach nun eine völlig unterschiedliche Situation in der Wahrnehmung dieser Krankheit, ob sie durch natürliche Mutation auftritt, oder ob ihr Auftreten in einem ursächlichen Zusammenhang mit menschlichem Tun steht. Ist das letztere der Fall, dann haben Menschen, aus welchen Gründen und Motiven auch immer, die Verantwortung für unsägliches menschliches Leid, das es ohne ihr Tun "natürlichermaßen nicht gegeben hätte.

Hier zielt meine erste Frage hin. Wie können wir wissenschaftlich so gut werden, dass unsere Technologiefolgeabschätzungen so sicher werden, dass wir dies ausschließen können. So lange wir so weit nicht sind, hat jedes konservative "Besser nicht oder "Halt zunächst ein Vorrecht vor dem zu schnellen "Nach Vorne zu neue Ufern . Dabei kann die Forderung nicht die der maximalen Sicherheit sein, dann wäre jedes Handeln unmöglich. Es muss aber eine optimale Sicherheit garantiert werden können.

2. Ist diese Veränderung wirklich so kontrollierbar, wie ich es Ihnen und mir wünsche?

Ist es nicht so, dass die komplexen und vielfältigen Wechselwirkungen zwischen dem inserierten Transgen und der chemischen Aktivität im Wirtstier zum größten Teil noch unbekannt und unvorhersehbar sind und daher zu allen möglichen neuen oder auch bizarren pathologischen Veränderungen bei dem Tier führen können? Wissen wir schon genug von diesen Wechselwirkungen, um sagen zu können, ich kann das wirklich kontrollieren, was ich da an einer Stelle verändere?

Kontrollierbar sind die Änderungen auch nur so lange, wie ich sie im Labor von der Außenwelt abhalten kann. Einmal ins Freie entlassen, entziehen sich diese Wesen unserer Kontrolle, aber nicht unserer Verantwortung, denn wir sind ihre Produzenten.

Und die Freisetzung neuer Pflanzen und Tiere ist doch das Ziel.

3. Noch einmal zum Unterschied von Züchtung und gentechnischer Manipulation. Die Züchtungsergebnisse sind meines Wissens nach nicht so viel unvorhersehbarer als gentechnische Eingriffe. Ich übernehme einmal Ihr Bild. Bei einem Würfelspiel mit bekannten Partnern können eben nur ganz bestimmte Kombinationen auftreten. Das ist Züchtung. Bei der gentechnischen Veränderung bringe ich aber neue Würfel ins Spiel, die bei den ursprünglichen Spielpartnern nicht vorhanden sind. Das macht es so schwer in der Abschätzung. Das Verbleiben in den Grenzen der Natur bekommt daher ein Vorrecht vor ihrer Veränderung, so nennt es U.Eibach.

Wie Sie sehen, geht es mir um die Fragen, die das Risiko minimieren, und nicht um ein grundsätzliches Nein zur Gentechnik. Dafür bietet sie zu viele Chancen, menschlichem Leid und Elend ein Ende zu setzen. Aber wir müssen aufmerksam sein, um nicht den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Sollte ich biologischen Unsinn reden, dann sagen Sie das bitte. Dies sind die Positionen, die ich mir als Germanist und Theologe erarbeitet habe, ohne zu behaupten, es alles naturwissenschaftlich exakt verstehen zu können. Damit sind wir aber in unserer Diskussion an einem weiteren wichtigen Punkt. Es muss der Biotechnologie gelingen, sich verständlich zu machen, damit es einen wirklichen demokratischen Dialog geben kann. Und der ist für die Akzeptanz der Möglichkeiten notwendig.

Anfragen: 1. Sie haben, wenn ich das richtig sehe, noch nicht auf die Fragen reagiert, die sich gesellschaftlich aus den Möglichkeiten der Biotechnologie ergeben. Ich erinnere nur an die von Rifkin und anderen gestellte Frage nach der Bewusstseinsänderung in Bezug auf die Einschätzung von Leben, wenn ich in einer Gesellschaft lebe, in der alles Leben als Erfindung und kommerzielles Eigentum gehandelt wird.

2. Wie können wir zu einem handlungsleitenden Kriterienkatalog kommen, der uns Hinweise gibt, wann technisches Handeln erlaubt ist, wann besser unterlassen bleibt?

Ich habe solche Kriterien bisher an einigen Stellen gefunden: Einmal bei Eibach und dann auf der Seite des TTN T(echnik) T(heologie) N(aturwissenschaften) unter der Adresse: http://www.epv.de/forum/ttn/biowiss.htm und dort unter dem Titel: "Ein Eskalationsmodell zur ethischen Bewertung. (Kurze Vorstellung der Träger diese Seite der Maximilians Universität München unter: http://www.epv.de/forum/ttn/#Text1

Zu Eibach
Ulrich Eibach, Gen-Ethik in: Ev. Kommentare 11/86 S.644ff

Er geht davon aus, dass der Grundsatz: "Leben soll geschützt und bewahrt, aber nicht umgestaltet werden! in aller Forschung anerkannt ist.

Er folgert daraus: 1. Ein 'positiver' Eingriff ist erlaubt, der das Leben bewahrt, schützt oder ihm hilft. Das Leben gefährdende Eingriffe sind verboten. == Das Verbleiben in den Grenzen der Natur bekommt Vorrang vor deren unbedachter Überschreitung !

2. 'Therapeutische Ziele' sind somit ethisch erlaubt, jedoch muss der Begriff Krankheit klar definiert sein (sonst: evtl. Menschenzüchtung, Verbesserung der Art)

Auch bei therapeutischen Eingriffen entstehen oft unübersehbare negative Folgen. Als vorrangige Pflichten müssen daher beachtet werden

1.die Pflicht, durch Menschenhand keinen Schaden zuzufügen, hat Vorrang vor der Pflicht, verhängnishafte (also "natürliche nicht auf menschliches Tun zurückführbare) Übel zu bekämpfen.

2. Therapeutische Erfolge müssen negativen Nebenfolgen mit Sicherheit weit überlegen sein.

3. nicht quantifizierbare Folgen (moralische, soziale) dürfen nicht unterschlagen werden

Dies macht eine Abwägung der Güter notwendig Eingriffe in natürliches Leben sollen um so behutsamer, langsamer und kontrollierter vorgenommen werden desto tiefer die biologische. Grundlagen umgestaltet werden desto weniger die Folgen absehbar sind. Auch nicht quantifizierbare Folgen sind zu bedenken.

Bsp.: Experimente mit Embryonen
- therapeutisch relevante Erkenntnisse können gewonnen werden
- rechtfertigt das den Grundsatz, dass menschliches Leben nie als Mittel zum Zweck benutzt werden darf ?
- wurde z.B. die Einstellung zu behinderten Menschen bedacht ?

Bleibt der Mensch in der Lage, Leiden zu ertragen und durch Mit-Leiden zu helfen ? Oder gibt er sich der Gefahr hin, den Mensch den Erfordernissen der Arbeits- und Lebensbedingungen anzupassen ?

Die Wissenschaftler auf der Seite von TTN entwickeln ähnliche Gesichtspunkte.

Teilen Sie meine Meinung, dass von hier aus Kriterien gewonnen werden können????

Mit freundlichen Grüßen


K.-F. Fischbach antwortete am 01.11.99 (09:07):

Sehr geehrter Herr Haar,

hier sind meine Antworten. Dieses Forum soll Fragen zur Biotechnologie (übrigens nicht nur Gentechnik) behandeln. Soweit ist die vorliegende Diskussion völlig o.k., insbesondere als ich m.E. bei Ihnen Vorbehalte und Missverständnisse feststelle, die oft geäussert werden.

Ad 1) Ich freue mich, dass Sie nicht etwa die Behauptung aufgestellt haben, Aids sei von Gentechnikern in die Welt gesetzt worden. Es sind nämlich gerade die gentechnologischen Methoden, die Hoffnung auf eine Überwindung dieser Seuche machen.

Der Mensch hat Verantwortung für gentechnisch veränderte Lebewesen. Das ist doch nichts Neues. Hat der Mensch keine Verantwortung für Pitbulls oder krumme Dackelbeine?

Ad 2)
Kontrollierbarkeit:
Ich bleibe bei der Behauptung, dass die Veränderungen gentechnisch veränderter Lebewesen besser verstanden werden als die Phänotypen der Nachkommenschaft zweier nicht ingezüchteter Elterntiere. Gerade die Gentechnik ist zudem z.Zt. dabei unser Wissen über biologische Systeme in ungeahnter Weise zu vermehren. Die Fortschritte in der Biologie sind riesig und durch die laufenden Genomprojekte (s. Beitrag von Prof. Sippel "Wie sehr sollte uns DNA Information beschäftigen?) wird sich dieses Wissen innerhalb der nächsten 10 Jahre weiter explosionsartig vermehren.
Freisetzung:
Der Hinweis auf den Dingo oder andere in Australien freigesetzte echte Säuger kann nicht als Rechtfertigung für ungeprüfte Freisetzungsexperimente dienen. Die Verpflichtung für verantwortliches Handeln ist nicht mit der Gentechnologie in die Welt gekommen, betrifft aber auch jede Freisetzung von gentechnisch veränderten Lebewesen, d.h. ihre Umweltverträglichkeit muss gründlich geprüft und mit dem Nutzen abgewogen werden. Letzteres jedoch fehlt in der öffentlichen Diskussion häufig. Es genügt bei vielen offenbar der Hinweis auf Restrisiken, um die totale Ablehnung von Projekten zu begründen. Wie im Eingangstext von mir bereits gesagt, kann dies verantwortungslos sein.

Ad 3) Durch eine gentechnische Veränderung wird kein neuer Würfel ins Entwicklungsspiel gebracht. Gentechnische Veränderungen sind sehr präzise und zielgerichtet, s. z.B. den "Projektbericht: "Gelber Reis" zur Vermeidung von Vitamin A Mangel" in diesem Forum.

Zu Rifkin: Bewusstseinsänderungen gehen mit wachsender Erkenntnis einher, einverstanden. Es ist jedoch keineswegs sicher, dass die Befürchtungen von Rifkin zutreffen und automatisch eine Geringschätzung des Lebens die Folge sein wird (s. Beitrag von Prof. Sippel in diesem Forum). Schlimm ist m.E., dass in unserer Tradition das Essen vom Baum der Erkenntnis als Sündenfall betrachtet wird.

Zu Eibach: Sie schreiben, er gehe davon aus, dass Leben bewahrt, beschützt, aber nicht umgestaltet werde und dass dies in aller Forschung anerkannt sei. In dieser Absolutheit kann das natürlich nicht stehenbleiben, der Mensch gestaltet in der Tier- und Pflanzenzüchtung seit Jahrtausenden Leben gezielt nach seinen Bedürfnissen um. Finden Sie Rosenkohl in der "Natur"?

"Das Verbleiben in der Natur bekommt Vorrang vor deren unbedachten Überschreitung". Vor der unbedachten Überschreitung allemal, aber was ist denn "Natur"? Gehört der Mensch mit seinen Fähigkeiten nicht dazu? Als Theologe ist Ihnen ja der Satz "Macht Euch die Erde untertan" vertraut. Dieser Satz sagt nichts anderes, als dass die Menschen bereits vor Jahrtausenden bewusst in die "Natur" eingegriffen haben, um zu überleben.

Zum Einsatz der somatischen Gentherapie beim Menschen: Auch hier sehe ich nicht, dass die Handlungskriterien eines Arztes durch die Gentechnik verändert werden. Die Güterabwägung, die Sie befürworten, muss ein Arzt ständig treffen: Rechtfertigen die eventuellen Risiken einer Therapie ihren Einsatz?

Mit der Gentechnik ist es nicht anders als wie mit jeder Technik. Über ihren Einsatz muss von Fall zu Fall entschieden werden.


Heinz-Hermann Haar antwortete am 06.12.99 (18:03):

Schade, dass die Diskussion eingeschlafen ist. Ich warte eigentlich immer noch auf das durchschlagende Argument, warum Züchtung und gentechnische Veränderungen gleichzusetzen sind.
Ich halte immer noch die Gentechnik für einen Eingriff in die Natur, der nicht mit der Züchtung bisheriger Form gleich gesetzt werden kann. Die Argumente von Rifkin und Jonas sind m.E. noch nicht wiederlegt.