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THEMA: Intelligenz - veerbar?
2 Antwort(en).
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Matthias Korth
begann die Diskussion am 01.05.01 (18:23) mit folgendem Beitrag:
Mich persöhnlich würde interessieren, was sie von der Theorie halten, das Intelligenz zu 70 - 80% vererbar ist?
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Karl-Friedrich Fischbach
antwortete am 02.05.01 (08:44):
Hallo Matthias,
diese von dir zitierte, oft zu lesende Aussage bedeutet überhaupt nicht das, was sich die meisten darunter vorstellen. Erläutern möchte ich dies an der Körpergröße, da dies weniger Emotionen weckt und die Einflußfaktoren besser zu verstehen sind.
Unterschiede in der Körpergröße bei den Organismen einer Population (Menschen in einer Stadt z.B.) werden durch Unterschiede in ihrer genetischen Konstitution wie auch durch Unterschiede in den Umweltfaktoren, denen sie ausgesetzt sind (z.B. Ernährungsunterschiede) bewirkt. Die wissenschaftlich definierte "Erblichkeit" (Fachausdruck "Heritabilität") ist definiert als der genotypische Varianzanteil an der Gesamtvarianz eines Merkmals. Würden also die Umweltbedingungen für die Entwicklung der Körpergröße für alle optimal sein, würden individuelle Unterschiede nur noch auf genetische Unterschiede zurückführbar sein, die Heritabilität der Körpergröße wäre 100%.
Jede Abweichung der Heritabilität nach unten (<100%) ist also ein Maß für die Ungleichverteilung der Umweltfaktoren, die die Entwicklung eines Merkmals beeinflussen.
Die relativ niedrige Heritabilität des IQ von 70-80% läßt also den zwingenden Schluss zu, dass menschliche Individuen unterschiedlich guten Umweltbedingungen für die Entwicklung ihrer Intelligenz ausgesetzt sind.
Take home messages:
1. "Erblichkeit" (besser "Heritabilität") ist als genotypischer Varianzanteil keine Naturkonstante, sondern eine umweltabhängige Größe. 2. Je ungleicher die Umweltbedingungen, umso stärker die Abweichung von 100% Heritabilität. 3. Die Heritabilität ("Erblichkeit") der Intelligenz in einem menschlichen Klon wäre "0"! Man sagt deshalb wirklich besser in Langform "Der genotypische Varianzanteil der Intelligenz in einem menschlichen Klon ist '0'".
Zur Sprachverwirrung wegen der Begriffe "erblich" (auf eine Population bezogen, s.o.) und "angeboren" (auf ein Individuum bezogen) werde ich mich an dieser Stelle noch einmal melden.
Bei der angegebenen Website auf "Verhaltensgenetik" klicken.
(Internet-Tipp: http://www.zum.de/neurogenetik/)
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Karl-Friedrich Fischbach
antwortete am 11.05.01 (08:55):
Zur Sprachverwirrung "erblich" - "angeboren"
Ich wollte mich ja noch einmal melden. Wie bereits oben dargelegt verbinden die meisten Menschen mit "Das Merkmal X ist zu x% erblich" falsche Vorstellungen. Die Ursache ist, dass bei Mißachtung der wissenschaftlichen Definition der Heritabilität "erblich" mit "angeboren" gleichgesetzt wird. Dies ist aber eine krasse Fehlinterpretation.
"Angeboren" bezieht sich nicht auf eine Population, sondern auf ein Individuum. Meine Augenfarbe ist angeboren, von meinen Erbanlagen bestimmt, an der Variationen von Umweltbedingungen (innerhalb physiologischer Grenzen) kaum etwas verändern können. Angeboren ist auch die Zweibeinigkeit des Menschen etc.
Es ist das Verdienst der Ethologen (z.B. von Konrad Lorenz) entdeckt zu haben, dass auch manchen Verhaltensweisen im obigen Sinne angeboren sind, z.B. der Greifreflex des Säuglings, dessen Luftanhalten unter Wasser, das Lächeln (auch Blinde können das) und vieles mehr. Das heißt, manche Verhaltensweisen sind ein voraussagbares Ergebnis des Entwicklungsprozesses vom befruchteten Ei bis zur Geburt. Ihre Manifestation bedarf keiner Erfahrung.
Eines der wesentlichsten angeborenen Fähigkeiten von Gehirnen ist die Lernfähigkeit. Verhalten ist also nicht nur immer auf die Umwelt bezogen, sondern wird ständig auch durch die Umwelt modifiziert, hierzu gehört sogar die Lernfähigkeit selbst, die von Umweltbedingungen gefördert oder inhibiert werden kann.
Wir sind also niemals nur das Produkt unserer Gene, sondern unsere Gehirne sind programmiert, sich durch Erfahrung zu verändern. Wir wären nichts ohne unsere Gene, aber auch nichts ohne unsere Erfahrungen.
Der Satz "Ich bin zu x% das Produkt meiner Gene (oder Umwelt)" ist immer mathematischer Blödsinn (in einem Produkt sind alle Faktoren gleich wichtig). Prozentuale Aussagen beziehen sich bestenfalls auf den genotypischen Varianzanteil eines Merkmals in einer Population (die Heritabilität).
Zum Merken: Zweibeinigkeit ist "angeboren", aber nicht "erblich". Die Abweichungen, denen Sie begegnen, sind meist umweltbedingt (Unfall), d.h. der genotypische Varianzanteil an der Gesamtvarianz ist nahe null.
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