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THEMA: Warum halten viele herkömmlich Züchtung für natürlich und zeigen extreme Ängste vor der Gentechnik?
2 Antwort(en).
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M. Michel
begann die Diskussion am 07.11.99 (21:02) mit folgendem Beitrag:
Das Wissen über Landwirtschaft geht zurück. Andererseits haben viele Menschen in einigen Bereichen ein recht gutes biologisches Wissen erworben. Dies gilt für Ökologie. Es fehlt aber oft die Kenntnis der Biochemie und eine Übersicht der Zusammenhänge. Dazu besteht die Neigung gewisse irrationale aber dennoch eingängige Denkweisen zu übernehmen.
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KF Fischbach
antwortete am 16.11.99 (22:12):
Der Grund hierfür dürfte klar sein. Züchtungen sind seit Jahrtausenden bekannt, gentechnische Methoden sind neu. Im Prinzip ist die Vorsicht bei neuen Entwicklungen ja kein Fehler, sondern sinnvoll. Vorsicht bedeutet die Pflicht zur Prüfung. Diese hat, auch wenn es schwer fällt, vorurteilsfrei zu erfolgen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, wir müssen den Kopf gebrauchen.
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Frank Hübler
antwortete am 18.11.99 (12:07):
Ich denke mal, über Unterschiede der Akzeptanz herkömmlicher Züchtung und moderner Gentechnologie lässt sich auf verschiedenen Ebenen diskutieren, die aber alle auf eines hinauslaufen: Die Ohnmacht des Individuums vor der zunehmenden Anzahl der Eingriffe in alle Bereiche des Lebens und die Angst vor dem Unkontrollierbaren.
Zum einen ist da die allgemeine Technologieentwicklung, die den Menschen allgemein vor Probleme stellt. Die menschliche Psyche hat naturgegeben ihre Grenzen, sich auf neue Situationen einzustellen. Gerade im fast vergangenen Jahrhundert durften wir alle miterleben, mit welch schwindelerregender Dynamik sich die Umwelt beinahe aller Menschen radikal verändert hat. Zwar brachte das viele Vorteile mit sich (z.B. höhere Lebenserwartung, Informationstechnologie), zugleich wird der Nutzengewinn aber durch erhebliche Nachteile und Risiken wieder geschmälert (z.B. unsinnige Lebensverlängerung bei Sterbenskranken, Umweltproblematik). Der Mensch als Individuum kann dem Fortschritt, erreicht durch die Gesamtheit, nicht mehr folgen, zumindest nicht mit den erlernten Verhaltensmustern und Lernmethoden. Die Reaktion von Gesellschaft und Staat der technologischen Entwicklung hinterher. Der Mensch, der einst gewohnt war sich vielleicht von Generation zu Generation zu verändern, wird nur unzureichend auf die neue Situation des steten Wandels und des lebenslangen Lernens vorbereitet. Letztlich wirkt dieses Gesamtbild mit täglichen Neuerungen einem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit entgegen. Was hat das nun mit Gentechnologie zu tun? Ich denke man muss die Reaktionen auf die Gentechnologie, wie immer man sie berwertet, gesamtheitlich betrachten und nicht losgelöst vom restlichen Wandel in der Gesellschaft.
Der zweite Geschwindigkeitseffekt, der hinsichtlich der Gentechnologie zu Sorgen führt, ist der unmittelbare. Schließlich kann man durch die Gentechnologie Resultate in der Tier- und Pflanzenzucht die früher nur über Generationen zu verwirklichen waren nun innerhalb kürzester Zeit erreichen. Diese Kürze der Zeit kann dazu führen, dass für den Menschen nicht mehr genügend Zeit sich mit den Folgen und eventuellen Nebeneffekten auseinanderzusetzen. Wenn tausende Forscher in aller Welt beginnen an allen Ecken und Enden des über Jahrmillionen gewachsenen Ökosystems herumschrauben und dies dann gegebenenfalls auch noch im Wettstreit tun ohne das Gesamtsystem im Griff zu behalten, kann man dies ohne an Objektivität zu verlieren wohl als menschlichen Wahnsinn bezeichnen. Der Mensch hat in seiner Selbstüberschätzung die Illusion, die Welt in den Griff zu bekommen, ist vielleicht diesem Ziel auch näher als je zuvor. Er ist dem Ziel aber gleichzeitig noch so weit entfernt, dass er Gefahr läuft das System zu zerstören bevor er es begriffen hat.
Abgesehen von diesen Zeitfaktoren, die zur Verunsicherung beitragen, ist es auch die Übertragbarkeit gewisser Resultate der Gentechnologie auf den Menschen. Für den bitteren Beigeschmack sorgt diese Mischung aus Frankenstein und totgeglaubter Übermenschenideologie. Der Mensch als Zuchtobjekt, das ist der Gedanke der dahintersteckt und der sich so schlecht mit der hergebrachten Ethik verbinden lässt und vielen Schauer über den Rücken jagt. Die Selektion ist nicht mehr der Natur überlassen: der Mensch als sein eigener Schöpfer. Und irgendwann hat er dann den Idealmenschen gefunden, eine menschliche Monokultur geschaffen. Freilich ist eine solche Welt denkbar in der gleichgroße, gleichfarbige, gleichschöne, gleichstarke, gleichintelligente Menschen mit identischer Lebenserwartung von 200 Jahren und gesündester Ernährung leben, alle die gleiche Sprache sprechen, alle der gleichen Überzeugung sind, keine Konflikte mehr haben und sich keine Sorgen mehr über alles machen müssen. Der große Weltzentralcomputer regelt alles für sie. Brave new world ... ist es denn das, was wir wollen? Gut, ich habe überzogen, aber die Frage stellt sich natürlich schon wo die Grenzen des Gewollten sind. Zumindest sind es diese Gedanken, die bei vielen Menschen die Gentechnologie in Misskredit bringen. Ob nun die Einzelresultate der Forschung sich rechtfertigen lassen oder nicht, es ist die Angst vor der Gesamtheit und das ungewisse Ziel. Es sind tatsächlich die mangelhaft ausgebildeten gesamtgesellschaftlichen Zieldefinitionen und Visionen, die am Ende dieses Jahrhunderts als Gegengewicht zur technologischen Entwicklung nötig wären.
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