Nachdenken über Binnendifferenzierung
1. Einführung:
Der Grundgedanke ist der, dass den unterschiedlichen individuellen Lerntypen und Lerngeschwindigkeiten von Schülern Rechnung getragen wird.1. Gute Schüler sollen sich nicht langweilen, weniger gute sollen nicht durch Überforderung frustriert werden, alle sollen sich weiterentwickeln und motivierende Erfolgserlebnisse haben.
2. Wer welchem Lernertyp zuzuordnen ist, das wird durch diagnostische Verfahren ermittelt. Diese Verfahren können
a) in Selbstbefragungen und Selbsteinschätzungen bestehen (Diagnose-Bögen, Kompetenzraster)
b) oder in standardisierten Tests und Leistungsmessungen
c) aber auch auf den aufmerksamen Beobachtungen einer erfahrenen Lehrkraft beruhen.
3. Entsprechend den Ergebnissen können dann durch die Lehrkraft Zuordnungen zu Leistungsgruppen oder Kompetenzniveaus vorgenommen werden. Diese ermöglichen es, die Schüler entsprechend ihrem Leistungs- und Lernprofil zu bedienen.
Jetzt geht es darum, Unterrichtskonzepte zu finden, die (1 und 2) leisten können. Ich sehe zur Zeit hauptsächlich zwei Konzepte:
Das eine besteht in der Anforderungs-Differenzierung bei Aufgabenstellungen. Schwächere Schüler erhalten einfachere Aufgaben, bessere Schüler erhalten schwierigere Aufgaben. Manchmal werden allerdings die schnelleren Schüler für die besseren gehalten und die langsameren für die schlechteren. Dann bekommen die schnelleren einfach noch eine Extra-Aufgabe.
Dieses Konzept ist - so behaupte ich - am leichtesten zu handhaben. Jedem das Seine: A, B oder C. Hier wird auch von Seiten der Schulbuchverlage gerne geholfen.
Entscheidend ist aber, ob die einzelnen Leistungsniveaus sich gegenseitig voranbringen können. Bleibt der Langsame langsam und wird der Schnelle immer schneller (oder klüger, kompetenter), dann bricht die Lerngruppe noch mehr auseinander, d.h. sie differenziert sich immer mehr aus und dann haben wir das Paradox, dass Anforderungs-differenzierter Unterricht zu noch mehr Unterschieden führen kann / wird.
Es kommt also darauf an, die Leistungsniveaus aus ihren Schubladen zu befreien und miteinander in sinnvolle Lernbeziehungen zu setzen. Dies kann darin bestehen, dass die Arbeitsergebnisse und auch die Arbeitsprozeduren ausgetauscht werden. Dies könnte auf Tandem-Verfahren hinauslaufen, man hilft sich gegenseitig und nur das gemeinschaftliche Ergebnis zählt. Damit ist auch klar, dass das etwas mit Tugenden und Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat. Denn nur wer solidarisch und in gewissem Umfang uneigennützig handeln kann, wer nicht allein nach seinem Vorteil trachtet, befördert den gemeinsamen Lernprozess und profitiert selbst davon.
Wahl-Pflicht-Aufgaben
Das andere Konzept will ich das Wahl-Pflicht-Ausgleichs-Konzept nennen. Es ist in der Portfolio- und Projekt-Arbeit zu finden. Den Schülern wird ein Angebot von unterschiedlichen Aufgaben gemacht, aus denen sie eine Auswahl treffen müssen. Diese Auswahl muss Regeln haben:
• zum einen müssen alle Mindestanforderungen erfüllen, also nicht die einen viel und anderen wenig,
• zum anderen müssen Aufgaben aus jedem Anforderungsbereich gewählt werden, damit nicht nur einfache Aufgaben erledigt werden.
Jeder Schüler soll also im vorgegebenen Rahmen eine individuelle Auswahl von Pflichtaufgaben treffen
In einem bestimmten Zeitrahmen soll er / sie individuell diese Aufgaben bewältigen und in einem Portfolio, einer Mappe oder Lesetagebuch zusammenstellen. Es wird sich dann zeigen, dass manche Schüler mit diesem Aufgabentyp gut zurecht kommen und andere mit einem anderen. Jedem das Seine, aber nicht im Sinne von A-, B- oder C-Niveaus, sondern als Tätigkeit: recherchieren, berichten, erzählen, gestalten, argumentieren, reflektieren. Der eine kann abstrakter reflektieren, der andere kann schöner gestalten, wieder eine kann sachgerecht berichten und eine andere kann systematisch recherchieren.
In regelmäßigen Abständen tauschen die Schüler ihre vorläufigen Ergebnisse aus und geben sich hilfreiche Rückmeldung für die weitere Arbeit. Das sind die Feedback-Stunden. Und Feedback kommt von Schülern und Lehrern.
Die Leistungsbewertung kann nicht alle nach denselben inhaltlichen Ergebnissen beurteilen, sondern muss eine Schnittmenge aus verschiedenen Kompetenzbereichen darstellen: Selbstständiges Arbeiten, Einhalten von Zeitrahmen, adressatenorientierte Gestaltung, inhaltliche Richtigkeit, Kreativität und Fleiß.
Auf der pädagogisch-fachlichen Ergebnisseite darf man erhoffen, dass jeder seine Stärken weiterentwickelt oder entdeckt hat und dafür eine positive Rückmeldung bekommt. Die Arbeit manifestiert sich in einem Produkt, das mit einem selbst zu tun hat.
Diese Form des differenzierten Unterrichts wird möglich im Erarbeiten von Dokumentenmappen, im Erstellen von Portfolios, beim Verfassen von Lesetagebüchern, von Scrapbooks und Lerntagebüchern.
Beispiele HIER.
Und dieses Konzept hat noch einen Vorteil: Die neuen Medien lassen sich darin bestens integrieren. Eine Internet-Recherche z.B. verlangt immer auch eigene Wege zu gehen, seine individuellen Wahrnehmungsweisen und sein persönliches Tempo zu realisieren, bevor man dann Ergebnisse mit anderen vergleichen und verbessern kann. Eine Dokumentenmappe kann die Gestaltungsangebote eines Textverarbeitungsprogrammes ausschöpfen. Feedback- und Kommunikationsprozesse lassen sich mit Kommentarfunktionen in Wikis, Blogs und Online-Doks verschriftlichen und aus dem Unterricht herausverlagern.
Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.

