Wernher von Braun - Lebenslauf
Der Opportunist in den Diensten
des dritten Reiches - Sklavenarbeit (1943-1944)

Bombardierung Peenemündes

In der Nacht vom 17. zum 18. August 1943 griff die britische Luftwaffe jedoch Peenemünde an und zerstörte unter anderem Teile des Versuchsserienwerks. Bei dem Angriff kamen 735 Menschen ums Leben, davon überwiegend Häftlinge. Wer sich vor dem Feuer und den Bomben retten wollte, wurde "von SS-Wachmännern entweder angeschossen oder von Hunden zurückgehetzt" (Ruland, S. 163). Wegen des Angriffs musste man die Serienproduktion in unterirdischen Fabrikationsstätten fortsetzen, da nur dort ein effektiver Schutz gewährleistet war. "Für von Braun und sein Raketenteam war der alliierte Bombenangriff somit ein glücklicher Zufall derart, dass all die Grausamkeiten, die sich in der A-4-Produktion abspielten, fortan nicht unmittelbar neben ihren Labors stattfanden, sondern im "Mittelwerk" fernab im Harz. Diese erzwungene räumliche Trennung von Entwicklung und Produktion ermöglichte es später, jegliche Verantwortung für die unmenschliche Behandlung der KZ-Häftlinge von sich zu weisen" (Weyer 1999, S. 57).

KZ Dora

Am 28. August 1943 kamen erste Häftlinge aus dem KZ Buchenwald in das neugeschaffene "Außenkommando Dora". Ende 1943 waren bereits 11000 Häftlinge in dem Lager, das im Oktober 1944 in "KZ Mittelbau" umbenannt wurde. Insgesamt zählte es 32500 Insassen, "die unter menschenunwürdigen Umständen leben mussten, viele von ihnen wurden durch Schwerstarbeit und schikanöse Behandlung zu Tode gequält.[...]. Es gab weder Toiletten noch Waschgelegenheiten[...]. In ihrer Verzweiflung urinierten die Menschen in ihre Hände, um sich das Gesicht waschen zu können.[...]" (Weyer 1999, S. 58/59).

Vernichtung durch Arbeit

"In den ersten sechs Monaten starben etwa 6000 Menschen, die Hälfte davon im Mittelwerk, die andere Hälfte in den Vernichtungslagern, in die sie verschafft wurden, wenn sie nicht mehr arbeitsfähig waren. In Dora wurde Vernichtung durch Arbeit betrieben." (Weyer 1999, S. 59/60).

Ein überlebender KZ-Häftling erinnert sich folgendermaßen an die Tatsache, dass von Braun in die Vorgänge im KZ involviert war: "[...]auch die deutschen Wissenschaftler mit Prof. Wernher von Braun an der Spitze sahen alles täglich mit an. Wenn sie die Gänge entlanggingen, sahen sie die Schufterei der Häftlinge, ihre mühselige Arbeit und ihre Qual. Prof. Wernher von Braun hat während seiner häufigen Anwesenheit in Dora nicht ein einziges Mal gegen diese Grausamkeit und Bestialität protestiert" (Erlebnisbericht Adam Cabala, in: Fiedermann, Heß, Jaeger: Das KZ Mittelbau Dora. Ein historischer Abriss. Berlin 1993, S. 100).

Von Brauns unmoralische Rolle

In den fünfziger Jahren versuchte von Braun seine Beteiligung herunterzuspielen: "Nur sehr langsam wurde mir klar, dass ich [...] in einem Dilemma gefangen war. Die Geräte, die wir voller Enthusiasmus für einen ehrenhaften Zweck bauten, wurden eingesetzt, um andere Menschen zu beherrschen oder zu versklaven" (Why I chose, S. 111).

Von Braun verkörperte die soldatische Tugend der blinden Pflichterfüllung. Moralische Prinzipien gab es für ihn nicht, einzig Befehl und Gehorsam waren von Bedeutung. Er rechtfertigte sein Verhalten, indem er sagte: "Hat der einzelne Bürger ein Recht wegzulaufen, oder ist es seine Pflicht, bei seiner Arbeit zu bleiben, sei es zum Guten oder zum Bösen?" (Space Man S. 24 f.)

Nach eigenen Angaben war von Braun also in starkem Maße in die Abläufe im Mittelwerk involviert. Zwar war von Braun nicht von dem Motiv getrieben, Menschenrechte zu verletzen, allerdings sah er darüber hinweg, dass bei der Umsetzung seines Ziels, der Optimierung der A 4 Menschen gequält und getötet wurde. Von Braun war "moralisch abgestumpft" und sehe in den KZ-Häftlingen nicht Menschen, sondern lediglich Produktionsfaktoren "rechtlose Arbeitstiere" (Eisfeld, Mondsüchtig, S. 107), deren Tod er billigend in Kauf nahm.

Selektion von Häftlingen

Weiterhin belegen einige Dokumente, "dass von Braun an der Auslese von KZ-Häftlingen persönlich beteiligt war" (Weyer 1999, S.63). In diesem Zusammenhang spielt ein Brief an Albin Sawatzki, dem Direktor des Mittelwerks, eine große Rolle: "[...] Ich bin auf Ihren Vorschlag sofort eingegangen, habe mir gemeinsam mit Herrn. Dr. Simon im Buchenwald einige weitere geeignete Häftlinge ausgesucht und bei Standartenführer Pister ihre Versetzung ins Mittelwerk erwirkt" (Von Braun an Sawatzki, 15.8.1944 (NASM, FE694/a), abgedruckt in Eisfeld, Mondsüchtig, S. 135 f.). Dies widerlegt die Behauptung, von Braun hätte mit der Produktion im Mittelwerk und dem Einsatz der KZ-Häftlinge nichts zu tun gehabt. Von Braun war zwar keine brutale Bestie, jedoch war seine Fixierung auf die Idee einer flüssigkeitsgetriebenen Rakete so extrem, dass er deren Fertigstellung ohne moralische Skrupel vorantrieb und darüber hinwegsah, dass dieser Fortschritt mit Menschenleben bezahlt wurde.

Am 18. März 1945 wurde die letzte von insgesamt 5784 Raketen montiert; etwa 10000 Menschen mussten dafür sterben. Michael Neufeld bringt es auf den Punkt, indem er von einer "einzigartigen Waffe [spricht]: Bei ihrer Produktion starben mehr Menschen als durch ihren militärischen Einsatz" (Neufeld, S. 317).

Verhaftung durch Gestapo

Im Februar 1944 wurde von Braun in Himmlers Hauptquartier beordert, wo er nahezu aufgefordert wurde, vom Heer zur SS zu wechseln. Da von Braun verweigerte, wurde er am 22. März 1944 mit Bruder Magnus, Klaus Riedel und Helmut Gröttrup von der Gestapo verhaftet. Dornberger und Speer gelangt es jedoch vierzehn Tage später, die Entlassung von Brauns zu erreichen, indem sie beteuerten, wie wichtig von Braun für das Raketenprojekt war.

Die Verhaftung durch die SS zeigte sich später jedoch positiv: Von Braun konnte auf diese Weise seine Distanz zum Nazi-Regime dokumentieren. Ohne diesen "Persilschein", den er von Himmler praktisch ausgestellt bekam, wäre seine weitere Karriere vermutlich anders verlaufen.


Häftlinge aus Dora


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