Erinnerung sichtbar machen: JÜDISCHES LEBEN IN TIENGEN

Beitrag der Grund- und Werkrealschule Gurtweil zum Wettbewerb

„Erinnerung sichtbar machen: 80 JAHRE REICHSPOGROMNACHT 2018“

 

unter dem Thema:

Jüdisches Leben in Tiengen

 

Im Rahmen einer Projektarbeit einer Schülergruppe der Klasse 9b aus dem Schuljahr 2017/18, abgehalten im Juli 2018

 

Beteiligte Schüler: Jeraldine Gollnow, Stelios Nazha, Muhamet Morina

Beteiligte Lehrpersonen: Jutta Binner-Schwarz, Arne Scharf

 

GWRS Gurtweil

Leo-Beringer-Straße 7

79761 Waldshut-Tiengen

 

Kontakt:

Arne Scharf arnescharf@hotmail.de

07751 3064773

 

Tiengener Synagoge früherJüdischer Friedhof

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorbemerkungen zum Projektablauf
  2. Hintergrundinformationen
    • Jüdisches Leben in Tiengen im Mitttelalter
    • Jüdisches Leben in Tiengen während der NS-Zeit
    • Das Konzentrationslager Camp de Gurs
  3. Einzelschicksale jüdischer Familien in Tiengen
    • Moritz Maier
    • Sophie Schwartz
    • Spuren jüdischen Lebens im heutigen Tiengen
    • Jüdischer Freundeskreis in Tiengen
    • Tiengener Judenzimmer
    • Jüdischer Friedhof
    • Das Gebäude der ehemaligen Synagoge
    • Stolpersteine
    • Informationsschilder
    • Denkmäler
    • Bücher
  4. Fotos und Dokumentation
  5. Quellennachweis

 

1. Vorbemerkungen zum Projektablauf

 

Im Rahmen der Hauptschulabschlussprüfung an Schulen in Baden-Württemberg müssen Schülerinnen und Schüler nicht nur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch schriftliche Prüfungen absolvieren, sondern auch in Form einer Projektprüfung ihre sozialen und fächerübergreifenden Kompetenzen nachweisen.

Hierfür wählen sich die Schüler selbst ein Thema aus, dass sie gemeinsam mit zwei bis drei Mitschülern und nach Absprache mit der Schulleitung bearbeiten können. Wichtig ist, dass neben Theorie auch ein praktischer Teil Bestandteil der Prüfung ist. Die Schüler dürfen sich im Vorfeld einlesen und informieren, die eigentliche Arbeit findet jedoch in einer fünftägigen Projektwoche statt, in der sie gemeinsam am Thema arbeiten können, Abläufe und Zuständigkeiten festlegen und Absprachen treffen können. Die Prüfung selbst besteht aus einer 30-45minütigen Präsentation vor Lehrern, sowie aus einem praktischen Teil. Darüber hinaus müssen die Schüler eine Projektmappe führen.

Jeraldine, Muhamet und Stelios entschieden sich für das Thema „Jüdisches Leben in Tiengen“. Als praktischen Teil wollten sie für ihre Mitschüler einen Stadtrundgang durch Tiengen auf den Spuren jüdischen Lebens durchführen. Die Schüler nahmen in Eigenregie Kontakt zum jüdischen Freundeskreis in Tiengen auf und trafen sich außerhalb des Unterrichts mit dem jetzigen Inhaber des Gebäudes, in dem früher die Synagoge war. Der Stadtrundgang mit den Mitschülern wurde aufgrund der Gruppengröße zweimal durchgeführt und dauerte jeweils 90 Minuten.

In diesem Beitrag finden Sie die erarbeiteten Informationen der Schüler zum Thema sowie Fotos zur Dokumentation der Stadtrundgänge. Von Lehrerseite wurden lediglich Grammatik und Rechtschreibung korrigiert, die restliche Arbeit ist das Werk der drei Schüler. Die Autoren der einzelnen Kapitel sind im Titel mit ihren Vornamen erwähnt.

 

2. Hintergrundinformationen

 

a) Jüdisches Leben in Tiengen im Mitttelalter (Jeraldine)

Juden gehörten seit den 15.Jahrhundert zu Tiengen. Der damalige herrschendeFürst erlaubte ein paar jüdischen Familien, sich in Tiengen niederzulassen. Er gab ihnen zeitlich befristeten Schutz und sie durften fast alle ihre Wirtschaftsaktivitäten ausüben. Die Juden waren damals im Kram-und Viehhandel tätig und sie waren auch in Geldgeschäften tätig. Ab dem 19.Jahrhundert wurde es den Juden erlaubt, feste Geschäftslokale einzurichten. Es gab unter den Juden nicht nur Geschäftsleute, sondern auch Landwirte. Die Juden kämpften auch wie die Tiengener im Krieg gegen Frankreich 1870/71 und im 1.Weltkrieg mit.

 

b) Jüdisches Leben in Tiengen während der NS-Zeit (Jeraldine)

Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde auch in Tiengen der reichsweit verordnete Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt. Die Bevölkerung hatte Angstbeim Betreten von jüdischen Geschäften von SA-Posten notiert zu werden, deswegen hielten sich viele von den Geschäften fern. Der damaligeBürgermeister war ein Anhänger der NSDAP. 1935 wurde die Judengasse in Turmgasse unbenannt. Das Bürgermeisteramt erhielt im Herbst 1935 die Anweisung, eine „Judenkartei“ anzulegen und diese an die Gestapo Waldshut zu übersenden.

1938 in den Novembertagen begann in Tiengen die „Aktion“ gegen die jüdischen Einwohner. Am 9. November 1938 war in ganz Deutschland die Pogromnacht. In der Pogromnacht wurden viele Juden deportiert und ihr Hab und Gut zerstört oder geklaut. Die Nazis fackelten die meisten Synagogen ab, außer die in Tiengen, weil es zu riskant war, weil um die Synagoge herum noch Häuser standen. Am Nachmittag des 9.11. trafen sich SA- Angehörige im Gasthaus zum Hirschen, um ihr Vorgehen gegen die Juden zu besprechen. Sie verteilten sich in Gruppen, die eine Gruppe ging die Hauptstraße entlang und zerrte die Juden aus ihren Geschäften oder aus ihren Häusern. Die Juden wurden in Lastwagen gesteckt, dabei wurden die Frauen von den Männern getrennt.

Es gab auch Juden, die vor der Pogromnacht ins Ausland geflüchtet sind. Die Frauen wurden nach einem Tag wieder nach Tiengen ins Rathaus gebracht. Ein Bediensteter berichtete, dass die Frauen verstört dastanden und nicht wussten, ob sie wieder in ihre Wohnungen konnten oder ob sie ihre Männer je wieder sehen würden. Die Männer wurden ins das KZ in Dachau deportiert und von dort aus ins KZ in Auschwitz.

In der Pogromnacht wurde auch die Synagoge zerstört und die Wohnungen der Juden geplündert und verwüstet. Die Gegenstände der Juden wurden im Saal des Hotel Ochsen zugunsten des nationalsozialistischen Winter-Hilfswerks verkauft. Der jüdische Friedhof wurde zerstört und die Grabsteine benutzte man als Mauersteine.

1940 lebten nur noch 4 jüdische Witwen in Tiengen. Sie wurde am 22. November von der Gestapo unauffällig verhaftet und nach Gurs deportiert.

Selina Bernheim, eine der vier Witwen, starb schon nach drei Monaten in Gurs. Sofia Schwartz wurde von ihrem Sohn aus dem Lager geholt, der Sohn war schon vor der Pogromnacht nach Südafrika ausgewandert. Es ist unsicher, was mit den anderen zwei Witwen passiert ist, man vermutet, dass sie 1942 in Auschwitz umgebracht wurden.

 

c) Das Konzentrationslager Camp de Gurs (Jeraldine)

Das Konzentrationslager in Gurs in Südfrankreich diente vor dem 2.Weltkrieg als Lager für politische Flüchtlinge und ebenfalls geflohene Kämpfer des spanischen Bürgerkriegs, die sich gegen Franco dem früheren spanischen Diktator zur Wehr gesetzt hatten.Im zweiten Weltkrieg wurde es von Nordfrankreich als Gefängnis für Strafgefangene und „unerwünschte Personen“ benutzt. Ab dem Waffenstillstand am 22.Juni 1940 wurde es zum Vernichtungslager, dorthin wurden dann jüdische Familien deportiert. Gurs hatte selber keinen Gleisanschluss, deswegen diente es nur als Zwischenstation, bevor sie in das Vernichtungslager in Auschwitz nach Polen kamen.Die Mehrheit der Juden aus Baden oder Rheinland-Pfalz kam nach Gurs.

In der Nacht vom 21. auf den 22.Oktober 1940 wurden die Juden von den Nazis aufgefordert. Sie durften nur 50kg Gepäck und nur 100 Reichsmark mitnehmen. Die Juden wurden in Kraftwagen abtransportiert. Von einem  Sammelplatz aus wurden sie mit dem Zug in der sogenannten „Vierer Klasse“ ins unbesetzte Frankreich   deportiert. Die Fahrt dauerte 3-4 Tage, viele der Juden starben auf dem Weg wegen den schlechten Bedienungen. In Oloron-Sainte-Marie wurden die Juden auf Lastwagen  verladen und nach Gurs transportiert.  

 

3. Einzelschicksale jüdischer Familien in Tiengen

a) Moritz Maier (Muhamet)

geboren: 1893 in Nonnenweier

Heirat: Martha Abraham

Ernst, Ilse Jeanette

Moritz Meier, der 1983 seiner 90sten Geburtstag feiern konnte, war 1926 mit Frau und Sohn nach Tiengen gekommen. Moritz heiratete 1923 Martha Abraham und gemeinsam zogen sie nach Grießen. In Grießen ließ er sich als Landwirt und Viehhändler nieder. Wenig später bildeten sich Kontakte nach Tiengen, wo die Synagoge war. Dort leitete Martha Meier den Synagogenchor. Dadurch kam Familie Meier in Kontakt mit der nichtjüdischen Familie Sauter. Die Familie Sauter hatte in Tiengen einen Bauernhof und wollte diesen verkaufen, da sie in die USA auswandern wollten. Moritz Meier verkaufte seinen Bauernhof in Grießen und übernahm den Bauernhof in Tiengen.

Frau Meier bekam zwei Kinder: Ernst wurde noch in Grießen geboren und Ilse Jeanette, die 1927 in Tiengen zur Welt kam.

Die Meiers arbeiteten immer mit einem Ziel vor Augen. Meier, der am Anfang in Grießen nur ein Stück Vieh hatte, hat in Tiengen auf 23 Stück Vieh erhöht, wovon 19 Milchkühe waren. Familie Meier lebte vom Milchverkauf soweit gut.

Als Ernst Meier in Tiengen auf die Schule ging, sagten die Schüler nicht mehr „Guten Morgen“, jetzt sagten sie „Heil Hitler“. Dieter Petri berichtet in seinem Buch: „Ende Mai freute sich die Klasse von Ernst auf einen Schulausflug. Am Morgen des vereinbarten Tages nahm Ernst seinen Rucksack und ging frohgemut auf den gegenüberliegenden Schulplatz, wo der Treffpunkt sein sollte. Eine Stunde später fand ihn dort der Vater, von einem Nachbarn verständigt, einsam und verlassen. Das Gesicht war zerkratzt, die Hände blutig, die Kleider zerrissen und das Vesper lag auf dem Boden.'' Moritz Meier ging in die Schule, um mit dem Direktor zu sprechen, der aber nahm keine Rücksicht und warf Ernst Meier von der Schule.

Von Tiengen aus ging die Familie nach Zürich, von dort aus nach Frankreich. Sie lebte in einem alten Kloster im Dorf Chennehutte les Tuffeaux. Dort meldete sich Moritz Meier als freiwilliger Soldat an und wurde angenommen. Als die Soldaten sich trafen, wurde Moritz aber als feindlicher Ausländer 1940 festgenommen und nach Gurs gebracht.

Er schaffte es, legal aus dem Lager rauszukommen, allerdings stand Moritz Meier unter Beobachtung. Er schrieb seiner Frau einen Brief, in dem stand, dass sie in den Süden flüchten sollten. Seine Frau Martha Meier antwortete ihm und schrieb ihm in einem Brief, dass sie in den Osten deportiert werden würden. Danach hatte Moritz Meier keinen Kontakt mehr zu seiner Frau. Seine Familie wurde dann deportiert und seitdem hat Moritz nie wieder etwas über seine Familie erfahren, sie wurden höchstwahrscheinlich getötet. Moritz aber hat überlebt.

Er fühlte sich in Südfrankreich nicht mehr wohl und flüchtete in die Schweiz. Dort forschte er über Konzentrationslager, doch er fand nichts über seine Familie heraus. 1946 brachte Moritz Meier ein Buch über Gurs heraus mit dem Namen "Briefe an meinen Sohn". Noch im selben Jahr emigrierte er in die USA. Dort schrieb er 1962  ein zweites Buch (Flucht). 

b) Sophie Schwartz (Stelios)

Sofie Schwartz

Geboren: Um 1910

Heirat: Julius Schwartz

Kinder: Alfred Schwartz, Gretel Schwartz

Eltern: Rosa Guggenheim (Mutter), Hermann Guggenheim (Vater)

Geschwister: Heinrich Guggenheim

 

Die Geschichte der Familie

Sofies Alltag sah so aus, dass sie einen Laden mit ihrer Mutter Rosa Guggenheim führte. Der Laden war in der Priestergasse und hieß Herzele.Auf den Namen kamen sie, weil der Vater von Sofie mit Vornamen Herz hieß. Aus Herz wurde dann Herzele. Der Laden war dafür bekannt, dass sie sehr großzügig waren. Selbst Leuten, die kein Geld hatten, wurden Zigaretten, die aus Buchenlaub waren, für einen Pfennig verkauft.Kurze Zeit später heiratete Sofie ihren Mann Julius. Zusammen bekamen sie zwei Kinder: Alfred Schwartz und Gretel Schwartz. Julius Schwartz gründete dann zusammen mit Sofies Bruder Heinrich Guggenheim das bekannte FarbengeschäftJ.Schwartz& Cie. Leider starb Sofies Mann schon mit 28 Jahren, deswegen stieg sie dann in das Farbengeschäft ein. Das Geld, was im Farbengeschäft hereinkam, wollte sie nicht haben, deswegen war die Familie Großteils auf die Einnahmen aus dem Lebensmittelladen angewiesen.

Als beide Kinder etwas älter waren, gingen beide auf die Realschule. Beide schafften ihren Abschluss. 1935 musste Alfred ins Gefängnis, weil er mit einer arischen Frau zusammen war. Gretel fand ihren ersten Job in der Schweiz bei einer jüdischen Familie. Dort lernte sie ihren Freund kennen. Die beiden bekamen zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ihr Mann bekam Schwierigkeiten in der Schweiz, deswegen bekam er ein Angebot aus Italien. Die Familie wanderte dann aus nach Italien. Als sich dann Hitler und Mussolini trafen, wurde beschlossen, dass alle Deutschen alsoaus Italien raussollten. Sie hatten 6 Monate Zeit um das zu tun, deswegen wanderte die Familie nach Israel aus, wo sie ihre Ruhe hatte.

Alfred Schwartz kam aus dem Knast und wanderte vor der Pogromnacht noch nach Südafrika aus. Er suchte sich dort einen gut bezahlten Job und baute sich dort so sein Leben auf.

22. Oktober 1940

Sofie war eine der jüdischen Bürgerinnen, die noch in Tiengen wohnten, bis vor ihrer Tür die Staatspolizei stand und meinte, dass sie eine Stunde hätte, um ihre Sachen zu packen. Sie wurde mit weiteren Frauen in einen Güterzug gesteckt und nach Südfrankreich ins Konzentrationslager nach Gurs deportiert. Ihr Sohn holte sie jedoch wieder aus dem Konzentrationslager heraus, denn er hatte Kontakte zu NS-Leuten, mit denen er verhandeln konnte, so dass er sie frei kaufen konnte. Die Mutter folgte ihrem Sohn per Schiff nach Südafrika und lebte dort.

 

4. Spuren jüdischen Lebens im heutigen Tiengen

a) Jüdischer Freundeskreis in Tiengen (Muhamet)

2005 wurde der Jüdische Freundeskreis in Tiengen gegründet, und 2008 wurde in Gedenken an die jüdischen Bürger Tiengens das jüdische Zimmer im Tiengener Heimatmuseum zur Verfügung gestellt. Mit dem Jüdischen Freundeskreis in Tiengen will man an die Geschichte in Deutschland und besonders in Tiengen erinnern.

Außer einer ovalen Gedenktafel erinnert in der Fahrgasse 13 nichts mehr an die ehemalige Synagoge, die ebenfalls, wie alle anderen jüdischen Einrichtungen, in der Nacht von 9. auf den 10. November 1938 geschändet wurde. Ein intensives Programm, welches auch grenzüberschreitend ausgelegt ist, greift deshalb diese Zeitepoche immer wieder durch Veranstaltungen auf. Der Freundeskreis Jüdisches Leben ist der Bürgerzunft Tiengen angegliedert und hat rund 15 Mitglieder. Die Gruppe hat sich zur Aufgabe gemacht, die über 500-jährige Geschichte, die auch durch die Bürger jüdischen Glaubens in Tiengen geprägt wurde, ins Bewusstsein der Einwohner zu rufen.

 

b) Jüdisches Zimmer in Tiengen (Muhamet)

In Tiengen gibt es im Schlosspark ein Heimatmuseum. In diesem Museum gibt es ein „jüdisches Zimmer“r, das 2008 vom Jüdischen Freundeskreis eingerichtet wurde. In diesem sind Zeittafeln, Fundsachen, Gegenstände von jüdischen Bürgern Tiengens, Bilder von der Synagoge und deren Zerstörung ausgestellt. Auf den Zeittafeln stehen die Ereignisse vor und nach dem Nationalsozialismus und Berichte von Zeitzeugen. Der Raum ist ein sehr wichtiger Bestandteil für die Tiengener Geschichte.

 

c) Jüdischer Friedhof (Stelios)

1756 wurde der Friedhof gebaut. Er war etwa einen Kilometer von den Stadttoren entfernt. Schon früher war der Friedhof eine Zielscheibe für Menschen, die etwas gegen Juden hatten, deswegen wurde oft etwas zertrümmert oder zerschlagen.

In der Pogromnacht am 09.November 1938 wurden sämtliche Grabsteine herausgehoben und zertrümmert. Der Friedhof war deswegen nicht mehr betretbar. Nach der Pogromnacht hatte man den Platz als Sportplatz genutzt. Die kaputten Grabsteine wurden für eine Stützmauer in der Stadt verwendet. Die Grabsteine waren sehr deutlich in der Mauer erkennbar.

Im Jahre 2000 fiel dies einer Jugendgruppe auf. Sie beschwerte sich und forderte die Stadt auf, dass die Grabsteine aus der Mauer heraus genommen werden sollten. Daraufhin wurde einige aus der Stützmauer heraus genommen, doch einer der Nachbarn hatte etwas dagegen. Er wollte nicht, dass an seiner Mauer etwas herausgenommen würde. Deswegen betonierte er seine Stützmauer zu. Man vermutet, dass heute noch Grabsteine unter dem Beton zu finden sind.

Aus den anderen gestaltete ein Künstler eine Stele, die auf dem jüdischen Friedhof aufgestellt wurde.

 

d) Das Gebäude der ehemaligen Synagoge (Stelios)

Im 18. Jahrhundert, als die Zahl der Gemeindemitglieder in Tiengen auf 80 bis 90 stieg, sollte eine neue Synagoge gebaut werden. Am 20. März 1789 reichte die jüdische Gemeinde durch ihren Vorsteher Samuel Guggenheim eine Baugenehmigung ein. Der Bauplan war von Zimmermeister Bartholome Herrmann. Drei Jahre später wurde die Synagoge in der Fahrgasse gebaut. Ungefähr 1860 wurde die Synagoge renoviert und vergrößert. Die Renovierungen kosteten 3.000 Gulden. 1929 wurde die Synagoge nochmals aufgerüstet: die Verbesserungen kosteten erneut einen hohen vierstelligen Betrag an Rentenmark.

In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Synagoge zerstört, dann sämtliche Gegenstände aus der Synagoge herausgeworfen und auf dem Marktplatz gebracht. Dort wurden dann die Gegenstände verbrannt. 1939 wurde das Gebäude von zwei Handwerkern gekauft und renoviert und später sogar aufgestockt. Zunächst war es dann eine Werkstatt.

Heute ist das Gebäude das Büro und Atelier eines lokalen Tiengener Fotografen. An der Außenmauer hängt eine Tafel, die auf die Synagoge hinweist. Innen sieht man nur noch den Mauerabsatz, auf dem die Deckenbalken der Synagoge auflagen.

 

e) Stolpersteine (Jeraldine)

Die Idee der Stolpersteine kam von dem Künstler Gunter Demnig. 2012 wurden die Stolpersteine in Waldshut-Tiengen eingeführt. Sie dienen als Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945, damit man nicht vergisst, was für ein grausames Geschehen damals passiert ist und damit man an die Opfer denkt.

 

f) Informationsschilder (Jeraldine)

Der Freundeskreis des jüdischen Lebens hängte diese Schilder an dieHäuser, damit man weiß, wo damals die jüdischen Gebäude waren. Auf den Schildern steht, was da damals war und wem das Gebäude gehörte.

 

g) Denkmäler (Jeraldine)

Löwendenkmal und Denkmal Erster Weltkrieg:

Das Löwendenkmal in der Tiengener Fußgängerzone soll an die Gefallenen des Kriegs gegen Frankreich 1870/1871, das Denkmal an den Ersten Weltkrieg soll an die Opfer vom ersten Weltkrieg erinnern. Unter den Gefallenen waren jeweils auch jüdische Bürger aus Tiengen.

 

h) Bücher (Jeraldine)

 

„Die Tiengener Juden“ von Dieter Petri:

In dem Buch geht es um die Tiengener Juden, wie sie nach Tiengen kamen und was sie in Tiengen gemacht haben. Am wichtigsten ist, dass man im Buch erfährt, was die Nazis und Bewohner von Tiengen den Juden aus Tiengen angetan haben. Dieses Buch führte dazu, dass man die Geschichte des Nationalsozialismus wieder aufdeckte. Davor sprach man in Tiengen nie über die Ereignisse und verdrängt diese.

 

„Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ von Wolfgang Proske :

In dem Buch erfährt man etwas über einzelne Nationalsozialisten. Unter den Nazis war auch der damalige Bürgermeister von Tiengen.

Wilhelm Gutmann war von 1935-1945 der Bürgermeister von Tiengen. Er war nach 1945 in rechtsradikalen Parteien aktiv und war bis 1965 Vorsitzender der NPD in Baden-Württemberg. Gutmann wird nachgesagt, dass er als Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter von Tiengen die Bevölkerung unmittelbar vor der Reichspogromnacht dazu aufgefordert hat mit den Juden abzurechnen.

Bis 1945 hat Gutmann in Tiengen  eine Schreckensherrschaft ausgeübt und auch ortsansässige Kommunisten und Sozialdemokraten der Gestapo ausgeliefert. Als NPD-Vorsitzender hatte Gutmann ein polemisches und aggressives Auftreten. Er ließ zwei antisemitischer Info-Tafeln anfertigen, mit den Sprüchen: „Judengasse nannte man eins diesen Pfad, weil hier der Hebräer gesessen hat“ oder „Als der Klettgau seinen Reichtum verloren, hat Juda sich andere Jagdgründe erkoren“ und er ließ sie aufstellen.

Gutmann wollte bereits 1935 eine judenfeindliche Ortssatzung verabschieden lassen, die selbst den übergeordneten NS-Stellen zu weit ging. Diese Ortssatzung wollte er einführen lassen, „weil hier eine beträchtliche Anzahl jüdischer Geschäftsleute sitzt“und Tiengen als „Judennest“ verschrien war. Er sagte: „Vor längere Zeit habe ich schon Maßnahmen gegen diese Auffassung getroffen. So z.B. unser neues Schwimmbad sofort für Juden gesperrt, Ortstafeln angebracht usw.“.

Wilhelm Gutmann  wurde 1968 Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg. 1968 wurde Gutmann von den führenden Vertretern der evangelischen Kirche zum Mandatsverzicht aufgefordert, weil immer mehr Details über Gutmanns Aktivitäten als NS-Bürgermeister zum Vorschein kamen. Er gab Mitte des Jahres 1968 zunächst alle seine NPD-Parteiämter ab, er blieb aber bis 1972 Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg.

 

5. Fotos und Dokumentation

Jeraldine und Stelios beim Stolpersteine putzen in Tiengen

StolpersteinputzenStolpersteinePutzen eines Stolpersteins

 

Mahnmal zur Erinnerung an die Tiengener Juden

Mahnmal zur Erinnerung an die Tiengener JudenGedenktafel

 

Jüdischer Friedhof früher und heute

Mahnmal aus Grabsteinejüdischer Friedhof

jüdischer Friedhof früherInschrift jüdischer Friedhof
heutiger jüdischer FriedhofSchüler am heutigen jüdischen Friedhof

 

Tiengener Synagoge früher / Gebäude heute

alte SynagogeSituation heute
Fassade heuteSchüler im TreppenhausBlick aus dem Fenster

 

Schüler beim Stadtrundgang


 

Das Judenzimmer im Heimatmuseum Tiengen

Judenzimmer7armiger LeuchterTafel

 

 

6. Quellennachweis

 

Dieter Petri: Juden in Tiengen
Juden im Mittelalter: www.xn--jdische-gemeinden-22b.de
Heft gegen das Vergessen
Wolfgang  Proske: Täter, Helfer, Trittbettfahrer

 

Original des Wettbewerbbeitrags als Worddokument.

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