Laudatio von Prof. Dr. Felix Hinz für den 1. Preis

ZUM-Schülerwettbewerb

„Erinnerung sichtbar machen – 80 Jahre Reichpogromnacht“

Prof. Dr. Felix Hinz bei seiner Laudatio

Laudatio 1. Preis, 28.10.2018, Neue Synagoge Mainz

von Prof. Dr. Felix Hinz (Freiburg)

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Schülerinnen und Schüler!

 

Allgemeine Würdigung des Wettbewerbs

Es ist mir eine Ehre, beim bundesweiten Schülerwettbewerb „Erinnerung sichtbar machen – 80 Jahre Reichspogromnacht“ als Juror und Laudator mitwirken zu dürfen. Denn das Anliegen dieses Wettbewerbs ist wichtig, in Jugendlichen durch eigene historische Nachforschungen oder durch Rezeption der im Zuge des Wettbewerbs entstandenen Medienprodukte das Bewusstsein zu wecken, dass es einmal eine Nacht gab, in der man deutschlandweit Jagd auf Menschen machte, und diese auf jede denkbare Weise verhöhnt, gedemütigt oder sogar getötet wurden.

Leider ist es wohl eine Tatsache, dass die Kulturschicht, die in Gesellschaften ein humanes Miteinander ermöglicht, dünn ist. Darunter schlummern immer Kräfte, die gewaltbereit sind und sich rücksichtslos mit dem vermeintlichen Recht des Stärkeren gegen eine liberale Grundordnung stellen. Diesen Kräften gilt es keinen Raum zu geben, insbesondere dann nicht, wenn sie in aller Öffentlichkeit wüten, und genau diese Grenze wurde am 9. November 1938 in ganz Deutschland überschritten. Für die Nationalsozialisten war es ein Test. Ein Test, der ihnen zeigen sollte, wie die Menschen in Deutschland reagierten, wenn man sie mit ganz offen ausgeübter Gewalt gegen andere Menschen, in diesem Fall die jüdischen Menschen in Deutschland, konfrontierte. Würden sie sich vom Gewaltrausch mitreißen lassen? Würden sie Widerstand leisten und sich schützend vor die Opfer stellen? Oder würden sie durch die Entfesselung von Hass und Gewalt völlig eingeschüchtert sein, oder ihr vielleicht gleichgültig gegenüberstehen?

Gerade, weil wir wissen, dass die meisten damals jedenfalls nicht die Opfer oder ihr Eigentum schützten, und weil wir auch wissen, was danach noch alles geschah, wird uns bewusst, dass man den Anfängen wehren muss.

Leider sehen wir aber auch heute wieder in unserer Gesellschaft Hass und Gewalt gegen bestimmte Minderheiten – z.B. bei den Ausschreitungen am 26./27. August diesen Jahres in Chemnitz. Die Situation, dass wir Zeugen von in aller Öffentlichkeit inszenierter Gewalt werden, die sich gegen Menschen richtet, ist immer eine Probe nicht nur für das einzelne Individuum, sondern für die freiheitliche Gesellschaft insgesamt. Die Probe ist heute einfacher als 1938, denn heute kann man die Polizei rufen. Doch leider ist Wegschauen dennoch auch heute noch ein weit verbreitetes Verhaltensmuster. Das darf nicht sein.

Wo Menschenverachtung sichtbar wird, müssen wir Erinnerung sichtbar machen. Trauernde Erinnerung an die unschuldigen Opfer des NS-Staates und mahnende Erinnerung für uns alle und die Zukunft unserer Gesellschaft, die sich nach 1945 nicht ohne Grund die Würde des Menschen als das schützenswerteste aller Güter verschrieben hat.

 

Beschreibung des Wettbewerbsbeitrages

Hinschauen, nachfragen, den Sinn der Geschichte für das Hier und Heute formulieren – das tut der zehnminütige Film, dem die Jury den ersten Preis des Schülerwettbewerbs zuerkennt. Es handelt sich um eine am Willigis-Gymnasium Mainz entstandene Dokumentation über die damaligen Ereignisse und trägt den (wie mir scheint naheliegenden) Titel „80 Jahre Reichspogromnacht – Erinnerung sichtbar machen – Der Film“.

Beteiligt waren an diesem Projekt Franziska Kißener, Matthias Nick, Frederick Farhat und nicht zuletzt, nämlich in Bezug auf Drehbuch, Kamera und Schnitt Simon Leoff. Selbst die musikalische Grundierung wurde von einem Schüler komponiert, nämlich von Justus Wolf. Unterstützung erfuhr das Filmteam aus der 11. Jahrgangsstufe durch ihren Lehrer Claus Christian Speck.

Begründung für den ersten Preis

Was bewog die Jury, diesem Kurzfilm den ersten Preis zu verleihen?

Besonders überzeugend fanden wir die erklärte Absicht, eine klar definierte Zielgruppe erreichen zu wollen, die typischerweise in der oben beschriebenen Situation ratlos zuschaut und – nicht aus Bösartigkeit oder Menschenverachtung, sondern – schlicht  aus Unkenntnis mit dem Ereignis überfordert ist. Wir haben ja viele Projekte begutachtet, und die Idee, einfach einmal „Otto Normal“ auf der Straße nach der Reichspogromnacht von 1938 zu befragen, hatten viele. Die Ergebnisse zeigen übereinstimmend eine erschreckende Ahnungslosigkeit, vor allem bei Teenagern.

Hier wollte die Schülergruppe ansetzen. In der Projektbeschreibung heißt es: „Wichtig war es […] für uns, einen Beitrag zu gestalten, der besonders Jugendliche anspricht, die sich von selbst weniger mit dem Thema beschäftigen würden.“

Dies könnte mit dem Film unserer Einschätzung nach tatsächlich gelingen. Dazu trägt nicht nur sein Spannungsbögen beachtendes Skript bei, sondern auch seine fast professionell wirkende Machart. Der Film enthält, wie Sie gleich selbst sehen werden, alle typischen Elemente eines Dokumentarfilms: einen Sprecher, Originalaufnahmen, Zeitzeugenberichte, Expertenmeinungen und sogar nachgespielte Szenen.

Inhaltlich geht es um die Reichspogromnacht in Mainz, aber schnell wird klar, dass der Ort austauschbar ist und die Ereignisse in ganz Deutschland gemeint sind.

Beeindruckt hat uns nicht zuletzt auch, mit welcher Konsequenz in der Sache die Gruppe angesichts der Ereignisse von Chemnitz Ende August entschied, das fast fertige Produkt trotz nahenden Abgabetermins noch einmal umzuarbeiten, um die zukunftsorientierte Aussage des Films noch sinnfälliger zu betonen. Hier wie auch beim sonstigen Film zeigt sich die Fähigkeit, aus der Fülle des Materials pointiert auszuwählen und zueinander in Beziehung zu setzen. Mit filmischen Mitteln werden so gleich zu Anfang die für uns heute wichtigen Fragen gestellt: Auf der einen Seite ein in Chemnitz „Wir sind die Fans, Adolf Hitler Hooligans“ grölender Mob, auf der anderen Seite eine ältere Frau, die ihre Teilnahme an der Demonstration mit dem Argument „Ich bin eigentlich nur mitgegangen.“ zu rechtfertigen sucht. Abgesehen davon, dass wir schon kleinen Kindern einschärfen, dass man nicht einfach nur mit jemandem mitgeht, zeigt der Film eindrücklich, weshalb dies bei mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die Augen und Ohren und überdies die Pflicht haben, sich politisch zu informieren, völlig inakzeptabel ist. Der Kurzfilm, so erneut die Projektbeschreibung, solle nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln anregen. – Und dies wäre ja in der Tat die erstrebenswerteste Form der Sichtbarmachung von Erinnerung an die Pogromnacht und die Shoah: öffentlich Stellung zu beziehen und die Würde von Menschen zu verteidigen, wo immer diese bedroht ist.

 

Link zum Wettbewerbsbeitrag

 

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