Beat Döbeli Honegger: Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt

Andreas Kalt

Die Digitalisierung beschäftigt Schulen und Lehrer/innen schon seit Jahren. Mein Eindruck ist aber, dass die Auseinandersetzung damit in letzter Zeit intensiver geworden ist. Bildungspläne wie z.B. der ab kommendem Schuljahr in Baden-Württemberg in Kraft Tretende, räumen den inzwischen nicht mehr „neuen Medien“ mehr Raum ein, machen Medien- und teilweise auch Informatik-Inhalte zu verpflichtenden Unterrichtsinhalten. Auch die Lehrerinnen und Lehrer, mit denen ich arbeite und die ich auf Fortbildungen treffe, nehmen sich mehr und mehr dem Thema an. Meist auf konstruktive, akzeptierende Weise. Die Lehrenden, die digitale Medien für unnützen Firlefanz halten, mit dem Jugendliche ihre Zeit verschwenden, scheinen weniger zu werden.

Wenn man sich als Schule oder Lehrer/in mit dem Thema beschäftigt, gibt es aber immer noch eine Menge Hürden. Einerseits kann der Überblick über die komplexe Landschaft aus Geräten, Software, Online-Diensten, Fachbegriffen schnell verloren gehen. Schnell stellt sich ein Gefühl der Überwältigung ein, der Berg des zu verstehenden Sachverhalts scheint riesig und kaum zu bezwingen. Gespräche drehen sich dann oft im Kreis und man redet aneinander vorbei. Andererseits ist für viele auch spürbar, dass komplexe Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen im Gange sind. Wie man darauf sinnvoll reagieren sollte, welche Maßnahmen und Mittel positiv genutzt und welche als negative Einflüsse eher vermieden werden sollten, darüber kann man endlos debattieren.

Beat Döbeli Honeggers Buch „Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt“ ist sehr gut geeignet, die Auseinandersetzung mit dem Thema fundierter und damit fruchtbarer zu gestalten. Wer es liest, bekommt einerseits einen knappen und hervorragend strukturierten Überblick über die Ausgangslage (Kapitel „Warum die ganze Aufregung?“) und die denkbaren Möglichkeiten, mit der Digitalisierung umzugehen (Kapitel „Wie soll die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren?“). Andererseits zeigt das Buch auf, welche Aspekte in dieser Entwicklung relevant sind („Welche Allgemeinbildung wird im Leitmedienwechsel benötigt?“), und es formuliert eine klare Position für die aktive und konstruktive Integration von Medien und Informatik in die schulische Bildungslandschaft (Kapitel „Warum gehört das Digitale in die Schule?“, „Welche Aspekte des Digitalen sind für die Allgemeinbildung relevant?“ und „Wozu Informatik?“). Schließlich werden auch praktische Umsetzungsstrategien erläutert, um sich als Schule konkret auf den Weg zu machen (Kapitel „Wie kommt das Digitale in die Schule?“ und „Wie viele Computer braucht es in der Schule?“). Da das Thema Schulbücher oft als besonders sensibel gilt, wird es ebenfalls ausgiebig besprochen (Kapitel „Wie sieht die Zukunft von Schulbüchern aus?“). Das Buch hat außerdem zwei Anhänge, die man nicht übersehen sollte. Der erste formuliert „Gesetze des Digitalen“ und bringt so Struktur in die von Laien oft empfundene Unübersichtlichkeit digitaler Entwicklungen. Der zweite sammelt eine Fülle von Argumenten gegen die Digitalsierung und ordnet sie, so dass die Auseinandersetzung damit und das konstruktive Nachdenken darüber sehr erleichtert wird.

Insgesamt vertritt der Autor die Position, dass digitale Medien und informatische Bildung umfassend in die Schule integriert werden sollten, weil er der Ansicht ist, dass nur dadurch die Schüler/innen angemessen auf die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen vorbereitet werden können. Beat Döbeli Honegger argumentiert dabei aus meiner Sicht maßvoll, vernünftig und nachvollziehbar. Er ist kein Eiferer und kein naiver Technik-Liebhaber. Man merkt überall im Buch, dass er sich schon viele Jahre aus vielen Perspektiven mit dem Thema beschäftigt und dass er einen Überblick gewonnen hat, was auf welche Weise funktionieren kann und was nicht.

Ein besonderes Merkmal des Buches ist seine klare Struktur, die das Thema hervorragend erschließt. Außerdem haben Autor und Verlag viel Aufwand betrieben, um die Inhalte des Buches möglichst einfach und zügig nutzbar zu machen. Die Kapitel sind kurz gehalten und haben jeweils einen klaren Fokus. Jedes endet mit einer Zusammenfassung der Kernaussagen und mit Verweisen auf die zitierten Quellen. Diese sind nicht wie üblich im Buch abgedruckt, sondern als Verweise in das „Biblionetz“ des Autors – seinem digitalen „Online-Zettelkasten“ – angegeben. Mit einem kurzen Zahlencode kann man dort den entsprechenden Verweis finden, der durch die Trennung von gedruckten Buch immer aktuell gehalten werden und auch erweitert werden kann. Ich finde das eine besonders sinnvolle Idee. Was mich besonders beeindruckt hat, sind die Grafiken zur Visualisierung verschiedener Aussagen. Sie verwenden konsequent eine klare Bildsprache und greifen immer wieder auf die selben Symbole für einzelne Phänomene zurück. Dadurch ermöglichen sie es, wiederkehrende Themen schneller einzuordnen und mit zuvor Gelesenem zu verknüpfen. Solch eine Grafik kann dann als bildliche Zusammenfassung eines ganzen Teilkapitels dienen (und durchaus komplex sein). Teile davon werden bei der weiteren Entwicklung des Themas wieder verwendet und helfen so bei der schrittweisen Erarbeitung. Ein Blick auf die Grafik ruft nach einer Lesepause viele Aspekte des Gelesenen schnell wieder ins Gedächtnis. Das kann man an den folgenden beiden Beispielen erkennen.

Beispielgrafik aus Kapitel 3 Beispielgrafik aus Kapitel 3

Fazit

Beat Döbeli Honegger hat mit seinem Buch „Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt“ ein sehr gelungenes Werk vorgelegt. Es richtet sich an alle, die in der Schule mit der Digitalisierung zu tun haben. Heute ist dieser Kreis oft noch eng: Schulleitungen, Schulträger und einzelne Lehrer/innen, die an ihrer Schule „digitale Vorreiter“ sind. In den nächsten Jahren werden aber meines Erachtens alle Lehrerinnen und Lehrer zunehmend mit der Digitalisierung konfrontiert werden.

Wer sich bereits mit der Digitalisierung auseinandergesetzt hat, findet zwar wenig Neues, wird es jedoch schätzen, das Thema einmal umfassend, aber knapp und sehr gut strukturiert dargestellt zu finden. Wer neu im Thema ist, kann sich mit überschaubarem Zeitaufwand einen guten Überblick verschaffen und sich ausgehend davon leichter in Debatten und Prozesse einbringen.

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Kommentare

Beat Rüedi

Technik bedeutet Handwerk, Fertigkeit, Geschicklichkeit. Technik ist eine der Grundvoraussetzungen, die ein Volksschullehrer für einen guten Unterricht mitbringen muss. Digital bedeutet dies, dass er mit dem Computer (vom Smartphone bis zum Desktop Computer) mehr können muss als das Bildschirm-Hintergrundbild zu wechseln, eine Nachricht mit WhatsApp zu senden oder ein Video in Youtube anzusehen.

VolksschullehrerInnen müssten heute digitale (auch interaktive) Medien produzieren (auch kollaborativ, orts- und zeitunabhängig), teilen und reflektieren können.

Beat Döbeli Honegger berührt mit seinem Buch „Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt“ leider nur den reflektierenden Bereich. Er weist darauf hin, dass digitale Kompetenz viel mehr sei als Technik. Und dies stimmt schlicht und einfach nicht.
 

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