Moderne Didaktik - Kompetenzorientierung

Walter Böhme

Bildungskatastrophe: Abiturienten scheitern schon am Bruchrechnen Wirtschaftswoche 10.7.2017

Die Klage über die Unkenntnis der neuen Generation ist schon Jahrtausende alt. Insofern ist die Kritik eines emeritierten Fachdidaktikers an seinen jungen Fachkollegen kein Wunder.
Dennoch sind mit jeder Modernisierung früher beherrschte Fähigkeiten verloren gegangen. Was ein jungsteinzeitlicher Handwerker konnte, eignen sich experimentelle Archäologen heute mühsam an.
Mit jeder neuen Zivilisations- und Kulturstufe geht ein Stück Fähigkeit, ohne sie auszukommen, verloren. (Lars Gustafsson: Die Stille der Welt vor Bach)

Ich will hier nur an das Problem erinnern, es nicht genauer erörtern. Zu Beginn meiner Studienzeit klagte Walther Killy über den "mittleren Studenten". Ich war ein solcher Student und habe doch lange geglaubt, man müsse als Deutschlehrer auch die pädagogische Provinz (Wilhelm Meister) und die Campagne in Frankreich kennen.
Zukünftige deutsche Kommunikationswissenschaftler (die Germanistik geht gegenwärtig offenbar in diesem umfassenderen Wissensgebiet auf) werden sicher alle noch Goethe dem Namen nach kennen, aber gewiss nur noch wenige seiner Werke gelesen haben. Früher oder später aber wird die Fähigkeit, flüssig von Hand zu schreiben, nur noch von wenigen Spezialisten der historischen Kommunikationswissenschaft weitergegeben werden.

Jede neue Generation wird darüber entscheiden müssen, an welcher Überlieferung festgehalten werden soll und welche man in "Orchideenwissenschaften" im elfenbeinernen Turm verwahrt, bis sie wie heute die Islamwissenschaften wieder brandaktuell werden.

Als Pensionär mache ich hier keinen Versuch, ein fundiertes Urteil über Kompetenzorientierung abzugeben.
Ich halte nur fest, ich bin alt genug, ihr kritisch gegenüber zu stehen, und zu jung, um zu meinen, dass alles, was einmal zum Mittelstufenstoff gehörte, auch in künftigen Jahrzehnten noch von allen Abiturienten beherrscht werden müsste. (Ich verweise dazu auf das "Säbelzahn-Currikulum"*.)

Bruchrechnung war schon lange nicht jedermanns Sache. Es gibt aber immer noch Optimisten, die meinen, dass nicht nur besonders Begabte sie frustfrei lernen können.

Manche Sprache, die schon ausgestorben schien, wurde neu belebt; aber gleichzeitig verwandeln sich lebende Sprachen bis zur Unkenntlichkeit.
Ich hätte mir als Fünftklässler ("Sextaner") nicht vorstellen können, welche Schwierigkeiten heute hochqualifizierte Journalisten mit der Unterscheidung von Genitiv und Dativ haben. Dabei ist das Deutsche im Verhältnis zum Englischen ja noch stabil; denn es wird nur von - vergleichsweise - wenigen Millionen als Zweit- oder Drittsprache verwendet.

Zwei Fragen:
Ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Fällen im Deutschen noch eine Kompetenz oder gehört sie schon zur überholten "Stoffdidaktik"?

Muss man das Säbelzahn-Curriculum kennen, um zu verstehen, dass schon altsteinzeitliche Jäger kompetenzorientiert lernten, aber auch über einen umfassenden Fundus an Kenntnissen über Pflanzen, Tiere, Geräusche ... hatten. (Auch wenn ihre Pflanzenkenntnis geringer gewesen sein wird als die der Sammlerinnen.)

*"Aber - aber jedenfalls müssen Sie zugeben, daß sich die Zeiten geändert haben. Könnten Sie es mit diesen modernen Dingen nicht wenigstens versuchen? Vielleicht haben sie doch einen gewissen erzieherischen Wert?!" Selbst die anderen Radikalen meinten, daß er nun zu weit gegangen sei. Die weisen Alten wurden böse. Ihr freundliches Lächeln verschwand. "Wenn du selbst eine Erziehung hättest", sagten sie ernst, "dann würdest du wissen, daß die Wirkung einer wahren Erziehung zeitlos ist. Es ist etwas, das auch unter veränderten Bedingungen andauert wie ein Felsbrocken inmitten eines reißenden Flusses. Du mußt wissen, daß es einige ewige Wahrheiten gibt, und das Säbelzahn-Curriculum ist eine davon". (H. Benjamin)

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