Die gegenwärtigen Schülerstreiks sind ein Glücksfall für den Unterricht

Walter Böhme

Schon jetzt wird an vielen Schulen über die Schülerstreiks diskutiert. Das dürfte im Zusammenhang mit den weltweit geplanten Streiks am 15. März noch zunehmen.

So weit ich die Diskussionen in meinem Umfeld verfolgt habe, fehlt den Diskussionen freilich oft die historische Dimension. Das ist deshalb bedauerlich, weil in der gegenwärtigen Situation noch stärker als im Zusammenhang mit der Studentenbewegung die Diskussion von Gleichaltrigen ausgeht und eine wesentliche Forderung der Schüler ist, sich mit den Zusammenhängen des Klimawandels auch im Unterricht zu beschäftigen. Meine Ausgangsthese versucht, beide im Zusammenhang mit dem Streik vertretenen Positionen einzufangen. Meine eigene Position ist dabei freilich, weil ich von der Situation von 1962 ausgehe, klar. Die Argumentation greift dabei freilich nur zwei Zeitpunkte heraus. Eine ausführlichere Darstellung des Zusammenhangs findet sich in Die Ära der Ökologie von Joachim Radkau. 

Meine These:
Die Schülerstreiks sind ein Widersinn und ein unerhörter Glücksfall.
 
Ein Widersinn sind sie, insofern sich die Schüler dabei selbst schädigen und Zeit, die sie mit der Beschäftigung mit dem Klimawandel verbringen könnten, auf der Straße stehen und die meisten Erwachsenen sich schon längst eine Meinung über den Klimawandel gebildet haben und die Regierungen nicht erkennen lassen, dass die Streiks sie beeindrucken. 
 
Diese Einschätzung ist verständlich, aber sie verkennt die Situation, in der wir heute stehen.
 
1962 hat R. Carson das Insektensterben von 2018 vorausgesagt. Viele haben ihr geglaubt, das Buch wurde ein Bestseller. Nach und nach entstand eine weltweite Umweltbewegung.
Es dauerte 30 Jahre bis es zur ersten 1992 in Rio de Janeiro  zur ersten Weltumweltkonferenz kam, wo bereits ein weltweite Übereinkunft beschlossen wurde, "die globale Erwärmung zu verlangsamen sowie ihre Folgen zu mildern" (Wikipedia).
Weitere 23 Jahre dauerte es, bis 2015 in Paris auf der 21.Weltklimakonferenz eine Einigung zwischen großen und kleinen Staaten zustande kam, die relativ konkrete Ziele formulierte, wie die Klimaerwärmung auf 1,5 bis 2 Grad beschränkt werden könnte.

Doch bereits drei Jahre darauf sind viele Staaten - unter anderen die USA und Deutschland - von diesen Zielen abgerückt.

Das geschah, obwohl es inzwischen Millionen von Klimaaktivisten gibt und eine überwältigende Mehrheit der halbwegs Informierten begriffen hat, dass der Klimawandel gegenwärtig die größte Herausforderung an die Menschheit ist.

In dieser Situation haben die meisten Klimaaktivisten resigniert. Sie kämpfen mit allem Elan an ihren wichtigen Einzelprojekten; aber sie sehen keine Chance, wie die Menschheit trotz aller Widerstände rechtzeitig gemeinsam handelt.

Da kommt die damals 15-jährige schwedische Schülerin Greta auf einen Gedanken, was sie als Einzelne tun kann, wo Millionen von Erwachsenen resigniert haben.

Sie macht sich keine Hoffnungen, dass sie damit Erfolg hat. Aber sie sieht, dass sie eine kleine Chance hat, eine breite Öffentliichkeit darauf aufmerksam zu machen, was die heutige Erwachsenengeneration ihren Nachkommen angetan hat. Und nach monatelangem "widersinnigen" Schulstreik wird sie zu einer Weltkonnferenz nach der anderen eingeladen und fährt mit der Eisenbahn dorthin, ohne dass zusätzliches CO² entsteht.

Zum ersten Glücksfall (Greta) kommt ein zweiter. Weltweit greifen Schüler ihre Botschaft auf und konfrontieren die Generation der Erwachsenen damit, was sie den folgenden Generationen hinterlässt.

An dieser Stelle entsteht bei vielen, die schon seit Jahren und Jahrzehnten resigniert haben, eine Hoffnung. Das scheinbar Widersinnige hat seinen Sinn.

 
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Kommentare

Klaus Dautel

Lieber Walter, vielen Dank für Deinen anregenden Beitrag.

Ich finde diese Aktionen sehr begrüßenswert und wünsche den Schülerinnen und Schülern viel Erfolg.

Zugleich habe ich ein Problem, das mit der Nachhaltigkeit von Schüleraktionen zu tun hat! Dafür drei Gründe:

  1. Alle, die in der Schule schon ein Orchester, einen Chor, eine Fußball- oder Volleyball-Mannschaft oder auch eine Theater-AG geleitet haben, wissen, dass sie dann , wenn es richtig gut läuft, wieder von vorne anfangen müssen. Die Teilnehmer verlassen die Schule und beginnen ein neues Leben mit neuen, meist ganz anderen Prioritäten.
  2. Ich fürchte, die jetzige (Schüler-)generation ist noch weniger als alle vorherigen darauf vorbereitet, sich in ihren Lebensansprüchen und Gewohnheiten einzuschränken oder beschränken zu lassen. Der jugendliche Lebensstil ist nicht Ressourcen-schonend. Umwelt- und Klimaschutz wird aber nicht ohne Einschränkungen zu realisieren sein.
  3. Wenn SchülerInnen streiken, dann hat das immer auch den Geruch einer Sekundär-Motivation: Alles ist besser als Unterricht! Das mag in diesem Falle (hoffentlich) nicht zutreffen, ist aber eine Angriffsfläche für Böswillige, die ganze Aktion zu diskreditieren, also ihr die Ernsthaftigkeit abzustreiten. Das ist im ganz persönlichen Falle von Greta schon passiert und wird nicht aufhören.

Ich wünsche der Aktion eine gute Führungsriege und einen langen Atem. Wie sind die Organisationsstrukturen, wer treibt den Prozess über den 15. März hinaus weiter, wie springt der Funke in andere Gesellschaftsbereiche über?

Und sie muss sich gegen die Sozialen Medien immunisieren. Das klingt paradox, aber hier ist echte Medienkompetenz gefragt, nämlich die Fähigkeit, die Sozialen Medien für die eigenen Zwecke produktiv zu nutzen und sich zugleich nicht von jedem Shitstorm und jeder Fake-Kampagne irritieren zu lassen. 

Seien wir optimistisch.

Walter Böhme

Lieber Klaus, ich stimme dir in allen Punkten zu.

Aber: Je größer die Widerstände sind, desto stärker wird die Politisierung bei denen, die nicht resignieren.

In Greta haben sie ein Vorbild. Sie hat bewiesen, dass die Erwachsenengeneration zwar in ihrer Mehrheit nicht ernsthaft handeln will, aber sich doch scheut, Minderjährige einfach mundtot zu machen. Und Greta steht als Vorbild mitnichten allein.

Es gibt mehr gute jugendliche Vorbilder, als es sie in unserer Generation gegeben hat, und ihre Erfolge sind schon recht bekannt und weltweit kommunizierbar. 

Weiterhin: Was die 68-Studenten so fürchteten, die "scheißliberalen" Professoren, die die Ziele billigten, aber die Methoden (Gewalt und Revolution) ablehnten, braucht es jetzt nicht zu geben, weil - wie 2015 bei der Flüchtlingsfrage - viele Erwachsene nur darauf warten, endlich Bundesgenossen auch in der jungen Generation zu finden. 

Schließlich: Die gegenwärtige Schülergeneration wird früher oder später die Lust am Streiken verlieren. Aber was werden die kommenden Schülergenerationen ihnen entgegenhalten: "Ihr habt es gewusst, was auf euch und uns zukommen würde. Sonst hättet ihr doch nicht gestreikt. 2015 gab es doch diese Weltklimakonferenz (UN-Klimakonferenz in Paris 2015)."

"Dort wurde als Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll ein neues Abkommen mit verbindlichen Klimazielen für alle 195 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention vereinbart. "(Wikipedia) Eine überwältigende Mehrheit der "Staatslenker" der Welt hat sich da verpflichtet. Und ihr habt sie nicht beim Wort genommen und es bei ein paar folgenlosen Demonstrationen belassen. 

Trotzdem liegt es natürlich ganz wesentlich an unserer Generation, dass die Devise "Nicht Reden, sondern Handeln" endlich befolgt wird und die vielfältigen Ablenkungsmanöver, durchschaut werden, die durchaus nicht nur in der Tweets eines US-Präsidenten und den ungezählten Fake News bestehen. Je katastrophaler die Verhältnisse werden, desto dringlicher werden neue Schülergenerationen wissen wollen: Wie ist es dazu gekommen? Was kann man dagegen tun?

Auch wenn das jetzt pathetisch klingt. Gefragt ist nicht mehr Aufklärung über Sünden der Vergangenheit oder wie man Absatzmärkte für elektronische Produkte findet, die für Probleme von vorgestern entwickelt wurden. Gefragt ist, wie die neue Generation mit den Problemen zurecht kommt, die in den letzten 50 Jahren nicht ernsthaft genug angegangen wurden. 

Walter Böhme

Ich möchte korrigieren, was ich zuvor gesagt habe. Eine reine Verteidigung der Schülerstreiks ist zu resignativ.

Denn solange die Regierungen noch nicht handeln, ist ja nichts gewonnen. Der Streik muss sich ausweiten, er sollte auch die Studenten erfassen und alle für die Umwelt Engagierten.

Wichtig war, dass die Bewegung die Hauptbetroffenen erfasst hat. Und das sollte bei aller Unterstützung deutlich bleiben. Die Erwachsenen dürfen sie aber auch nicht allein lassen, weil natürlich eine Schülerbewegung schon nach wenigen Jahren ihre Mitstreiter verliert. Deshalb muss der Streik sich vor allem unter der gegenwärtigen Schülergeneration ausweiten und stärker werden, bis wirkliche Taten erfolgen.

Dazu habe ich schon einen Artikel entworfen, der bald hier erscheinen wird.

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