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Walter Böhme

Blogparade: Jugendsprache und Sprachentwicklung

Die Jury hat sich für "fly sein" als Jugendwort des Jahres entschieden. In der online-Abstimmung lag "isso" vorne. "Vollpfostenantenne" wurde abgelehnt, weil niemand mehr "Vollpfosten" sage, "Hopfensmoothie", um nicht für Alkohol Reklame zu machen.

Jeder hat andere Gründe, weshalb er sich mit dem Wettbewerb beschäftigt. (Langenscheidt, Jury, Zeitungsleser ...)

Mir ging es, als ich das Thema Jugendsprache im Unterricht behandelte, darum, den Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Sprache nichts Festes ist, sondern sich entwickelt. (So z.B. bei dem Wandel der Nebensatzkonjunktion "weil" zur Hauptsatzkonjunktion sowie bei der Auflösung des Unterschiedes zwischen Genitiv und Dativ.)

Da ich Jugendsprache im Ausland behandelte, ergab sich ein bemerkenswertes Phänomen: Die Schüler nannten mir praktisch durchweg Beispiele, die ich selbst kannte. Als ich nachfragte, ob die Wörter wirklich über Jahrzehnte hin Jugendsprache geblieben seien, stellte sich heraus, dass sie keine Jugendsprache hatten. Die Beispiele, die sie genannt hatten, hatten sie - in Ermangelung eigener Kenntnisse, wie man das so macht - von ihren Eltern erfragt.

In der Oberstufe stellte ich dagegen relativ häufigen Gebrauch von Jugendsprache fest.

Meine Erklärung: Vor einigen Wochen war ein Schüler aus Deutschland gekommen, und seine jugendsprachlichen Ausdrücke hatten seine Klassenkameraden im Nu aufgegriffen.

Daraus habe ich geschlossen: Jugendsprache setzt eine größere Sprachgemeinschaft voraus, weil erst da sich genügend Kreativität entfalten kann. - Der Schluss scheint dadurch widerlegt, dass es ja durchaus familieninterne Sprachgebräuche gibt, also Sondersprache im kleinsten Sprachumfeld. Als ich dem nachging, habe ich freilich aus meinen Beobachtungen geschlossen, dass viele Ausdrücke aus den Familiensprachen der Herkunftsfamilien der Partner mitgebracht werden oder, wenn das nicht der Fall ist, dass es ein besonders kreatives Familienmitglied gibt, dessen Ausdrücke in der Familie aufgegriffen werden, und das sich dadurch zu weiterer Kreativität angeregt fühlt.

Gerade dass die "Jugendwörter des Jahres" durchaus sehr umstritten sind, ist offenbar das, was den "Wettbewerb" sinnvoll macht: Es wird am Beispiel von Jugendsprache über Sprache gesprochen, und die pädagogische Absicht, die bei der Ablehnung des Wortes "Hopfensmoothie" mir so sauer aufstieß, ist dadurch - jedenfalls aus meiner Sicht - glänzend gerechtfertigt. Weil erst das Ungewöhnlich und Strittige weckt die Aufmerksamkeit und damit die Reflexion. Oder war das schon zu viel der Spekulation und dem Nachspüren von Sprachentwicklung?

Bei der Jugendsprache stimmt meiner Meinung nach, was man dem Volkslied zu Unrecht nachgesagt hat. Sie entsteht nicht durch präzis festzumachende Personen, sondern aus der Gemeinschaft heraus. Denn erst wenn ein Ausdruck von mehreren aufgegriffen wird, wird er Jugendsprache.

Freilich: Auch wenn bei vielen Volksliedern der Verfasser durchaus bekannt ist - so wie bei "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...", wo in Nazi-Anthologien "Verfasser unbekannt" stand: Erst der wiederholte Gebrauch der Vielen macht aus der individuellen Schöpfung Volksgut, das dann kreativ weiterentwickelt und "zersungen" werden kann. (Das eindrucksvollste Beispiel, das ich kenne, ist: "Es regnet ...".)

All das sind freilich höchst subjektive Überlegungen, durch keinerlei statistische Untersuchungen belegt. Wie wäre es mit einer Blogparade*, in der jeder seine Erfahrungen mit Sondersprachen und Sprachentwicklung darstellt?

* Wie "Stöckchen" ist das ein Wort aus der Blogosphäre, so wie "omatauglich" ein Wort der Wikipedianer ist. (Bei einem Werbekurs für "Wikipedia über 50" wurde das Wort von den äußerst versierten, meist weiblichen Internetcafébetreuern mit Empörung aufgenommen.)

 

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