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kdautel

Wieder ein Beitrag der Hirnforschung zum Thema Schule

Wenn ein Buch mit dem Titel „Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt“ von einem namhaften Hirnforscher erscheint (Gerhard Roth, Klett-Cotta 2011), dann muss man sich als Lehrer schon damit beschäftigen. Immerhin hat der Verfasser „in Philosophie und Zoologie promoviert und lehrt seit 1976 als Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität in Bremen; seit 1989 ist er Direktor am dortigen Institut für Hirnforschung. 1997 wurde er zum Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs ernannt. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und seit 2003 Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes.“ (Amazon.de) 

Die „Einleitung“ in das Werk gibt es als Leseprobe zum Download. Zum Glück! Denn dies hat mir 19,95 Euro erspart. Gleich zu Beginn wird folgendes Bild der Bildungslandschaft gezeichnet:

An den PISA- Ergebnissen Deutschlands habe sich im Vergleich zu anderen OECD-Ländern und zwischen den Bundesländern wenig geändert, obwohl auf vielen Gebieten viele Reformmaßnahmen in Gang gesetzt wurden. Das liege u.a. an dem „ großen Zeitdruck“, der auf den verantwortlichen Politikern und Beamten lastet. OK! Das kann man so sehen. Auch das Folgende: Dass „die drei Institutionen, die für das Bildungssystem in unserer Gesellschaft verantwortlich sind, nicht oder nur sehr unwillig miteinander interagieren.“ Wer ist gemeint? Und wie?

 Zum einen die Vertreter der staatlichen Bildungsbehörden: „Diese sind von ehemaligen Lehrern durchsetzt, die alle froh sind, nicht (mehr) in der Schule arbeiten zu müssen. Dieser Umstand hindert sie aber nicht daran, den Schulen eine bestimmte, meist parteipolitisch erwünschte Schulpraxis vorzuschreiben.“
Zum anderen die Gruppe der Professoren der Pädagogik und Didaktik, denen die Lehramtsstudenten ausgesetzt sind. „Die in diesem Bereich an den Hochschulen tätigen Kolleginnen und Kollegen betonen in Gesprächen immer wieder, wie froh sie darüber sind, mit der Schule nichts (mehr) zu tun zu haben.“ (S. 14)
Schließlich die Lehrenden selbst. Ihnen wird zugestanden, dass sie sich „redlich abmühen“, aber „ die modernen pädagogisch-didaktischen Konzepte nicht“ kennen bzw. sie haben das, „was sie davon in der Hochschule einmal erfahren haben, längst vergessen“.  Zudem halten sie solche Konzepte „hinsichtlich ihres Berufsalltags für wertlos, und diese Einschätzung schließt nicht nur die akademische Ausbildung ein, sondern häufig auch die Ausbildung an den staatlichen Ausbildungsstätten für Lehramtskandidaten (...). Was aber am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass alle Lehrer, mit denen ich in den vergangenen Jahren zu tun hatte, sich ihr Unterrichtskonzept individuell erarbeitet haben und überdies der festen Meinung sind, das sei gut so und ginge auch gar nicht anders.“(S. 15)

Ich bin irritiert: Was für ein bizarrer Mix aus Ressentiment, Verallgemeinerungen und Ahnungslosigkeit von der föderalen Schul- und Lehrerbildungsvielfalt - schon auf den ersten Seiten! Zwar ist man als Lehrer, der seit Jahrzehnten treu seinen Dienst an der Klassenfront verrichtet, schnell geneigt, der Bürokratie- und Akademikerschelte zuzustimmen, aber so wie dies einer der „bekanntesten Hirnforscher Deutschlands“ (Amazon.de) tut, da will man doch nicht mitmachen. Und was darf man bei einer solchen Diagnose für eine Therapie erhoffen?

Ich habe mich dann doch noch ein bisschen eingelesen - der Buchhandlung sei dank, die mich eine halbe Stunde lang unbehelligt sitzen ließ. Nach 280 Seiten schulferner Theorien-Rezeption kommen wir schließlich zum letzten Kapitel: „Bessere Schule, bessere Bildung“, und was finden wir dort? Wir finden, was wir Lehrerinnen und Lehrer immer schon gewusst haben, wozu uns aber die richtigen Worte, die Mitgliedschaft in Akademien, die Präsidentschaft hier und dort und auch noch der Professorentitel gefehlt haben. 

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