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OERdentlich: Wie aus dem mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte ein echtes OER-Projekt wurde

CC BY-SA 4.0, Tobias Arendt, Institut für digitales Lernen

Um es vorweg zu sagen: Wir sind ein Bildungsunternehmen. Wir arbeiten auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, suchen immer wieder neue, auf den ersten Blick vielleicht auch ungewöhnlich erscheinende Lösungen für drängende Herausforderungen im Bildungsbereich. Es geht uns im Innovationen – letztlich um überzeugende und praktikable, im Alltag verlässliche Anwendungen, deren Wert Menschen anerkennen, auch finanziell. Wir verdienen unser Geld u.a. mit digitalen Schulbüchern und Museums-Apps. 

Daher ist es für uns eher ungewöhnlich, ein Produkt als waschechtes OER-Projekt im Netz zu verbreiten. Dennoch ist genau das bei unserem mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte (mBook RD) vor Kurzem geschehen. Daran ist die OER-Community nicht ganz unschuldig. Doch dazu später mehr.

Was ist das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte?

Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte ist eine Auftragsarbeit des Instituts für digitales Lernen in Eichstätt. Auftraggeber ist das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales (MAIS) in Nordrhein-Westfalen. Das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold stand dem Projekt beratend zur Seite. Der Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen des  Landes Nordrhein-Westfalen hat das Projekt mit angestoßen und unterstützend begleitet. Der Anstoß zu einem solchen Projekt ging von den Russlanddeutschen in Nordrhein-Westfalen selbst aus. Sie haben seit langer Zeit ein berechtigtes Interesse daran, die Geschichte ihrer Gruppe zu einem akzeptierten und wahrgenommenen Bestandteil der deutschen Geschichtskultur zu machen. Und das mit guten Gründen. Eine gelungene Integration Russlanddeutscher in die deutsche Gesellschaft der Gegenwart ist ohne das Wissen über die Geschichte der Russlanddeutschen mit ihren vielfältigen gesellschaftlichen Bezügen und Wirkungen auf Identitätsbildung und bürgerschaftliches Bewusstsein nicht möglich. 

Das mBook im Geschichtsunterricht

Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte ist ein html-basiertes digitales Schulbuch auf Basis des vielfach erprobten und evaluierten mBooks. Es zeigt, wie eine gruppenspezifische Differenzierung im Geschichtsunterricht auf der Grundlage bestehender Lehrpläne möglich ist, ohne das behandelte Thema dabei unangemessen zu verkürzen oder die ‘Stoffmenge’ über die Maßen aufzublähen. Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte arbeitet daher sehr stark exemplarisch, es integriert andere Fachkontexte, variiert Erzählmuster und nutzt die narrative Potenz unterschiedlicher medialer Präsentationsformen. Leserinnen und Leser dieses Buchs sollen sich prägnante Vorstellungen machen können, sie sollen die Möglichkeit haben, sich an Positionen zu reiben  und Anregungen für eigenes Nachdenken über Vergangenheit und Geschichte bekommen.

Wählen wir uns Identitäten? CC BY-SA 4.0, Günther Herrler, Institut für digitales Lernen

Die Geschichte der Russlanddeutschen eignet sich zudem hervorragend, um sich mit historischen Grundfragen auseinanderzusetzen und sie orientierend auf die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zu beziehen: Gewalt-, Migrations- oder Vertreibungserfahrungen lassen sich anhand der russlanddeutschen Geschichte nahezu idealtypisch thematisieren — ohne Unterrichtszeit für ‘die eigentlichen Themen’ zu verlieren. Und zugleich ergeben sich dabei vielfältige Möglichkeiten, etwa die Migrationserfahrungen anderer Gruppen einzubeziehen. 

Das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte lässt sich mit den Themen und Zugriffen vieler Lehrpläne für das Fach Geschichte hervorragend verbinden — etwa bei der Behandlung der Weltkriege, der Geschichte der Sowjetunion oder der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990. Und weil es auch einen Fokus auf das deutsch-russische Verhältnis legt, entsteht zu vielen Themen eine Vertiefungs- und Erweiterungsebene, die wichtige Erkenntnisse über die Hintergründe von Entscheidungen, etwa zum deutsch-russischen Verhältnis in der Zwischenkriegszeit oder zur deutschen Einheit 1990, ermöglicht.

Weit mehr als ein historisches Spezialthema

Bewusste Arbeit mit Stereotypen: Was ist “typisch Deutsch”? CC BY-SA 4.0 Günther Herrler, Institut für digitales Lernen

Themen wie Auswanderung, Dorfleben, soziale Beziehungen, Krieg und Frieden, Vertreibung und Diktaturerfahrung spielen im Unterricht immer wieder eine große Rolle, längst nicht nur in Geschichte. Sie können mit dem mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Lerngruppen, deren Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Abstammung sind und vielgestaltige kulturelle Hintergründe und Prägungen haben, exemplarisch aufgegriffen werden.

Für fachübergreifenden und fächerverbindenden Unterricht ist das mBook russlanddeutsche Kulturgeschichte in besonderer Weise geeignet, weil es sozial-, politik- und kulturwissenschaftliches Wissen kontextualisierend einbezieht, um kulturelle Prägungen zu erklären, die Entstehung von Klischees und Vorurteilen zu verdeutlichen, Heimatbeziehungen zu thematisieren oder gesetzliche Grundlagen unseres Landes zu erklären.

Jetzt OERdentlich

Die Geschichte der OER-Werdung des mBooks Russlanddeutsche Kulturgeschichte begann mit einem Facebook-Eintrag, der für ein kleines Raunen in der OER-Community sorgte. Dieses mBook war nämlich zunächst unter CC NC-ND lizenziert. Aus Unternehmenssicht schien das der natürliche Schritt zu sein. Die Gedanken dahinter lassen sich leicht beschreiben: Einerseits gibt es Konkurrenten, denen wir nicht so einfach die Früchte unserer mühsamen Arbeit überlassen wollten. Andererseits behandelt das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte mehrere Themenfelder, die ein hohes öffentliches Diskussionspotential haben, weil sie ‘heiße’ Fragen, Orte und Erinnerungen aufgreifen. Ist eine freie Lizenz nicht fast schon eine Einladung an Akteure mit eigenen Absichten, das Material für ihre Zwecke zu nutzen, es vielleicht sogar zu verändern oder mit Botschaften zu versehen, die unseren Intentionen zuwiderlaufen? So kann man denken. 

Dass wir nun nicht mehr so denken, ist die Folge einer intensiven Auseinandersetzung mit Akteuren und Erfahrungen der OER-Bewegung. Denn diese Bewegung sorgt in der voranschreitenden Digitalisierung u.a. für die Öffnung thematischer Felder, die bis jetzt brach lagen, für das Ausprobieren neuer Zugriffe, die ganz bewusst einen explorativen Charakter haben sollen (und im OER-Bereich eben auch haben können) und nicht zuletzt für die Integration medialer Formate, die den Rahmen dessen, was analog bislang vorstellbar war, sprengen. OER stehen – kurz zusammengefasst – nicht nur für eine quantitative Ausweitung materialgestützten Lernens, sondern auch für qualitative Innovationen. Und die ersten Schritte dieser Innovationen haben sehr oft einen Pioniercharakter, der mit dem Reiz des Aufbruchs in neue didaktische Welten verbunden ist.

Genau betrachtet erfüllt das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte diese OER-Kennzeichen in exemplarischer Weise. Für traditionelle Schulbuchverlage hingegen sind die Möglichkeiten, im Fach Geschichte gruppenspezifische Narrationen aufzugreifen, begrenzt, weil der Umfang gedruckter Bücher nicht endlos erweitert werden kann und weil der potentielle Kundenkreis die Produktionskosten nicht rechtfertigt. 

Mit OER auf dem Weg zu einer neuen Nutzungskultur?

Als OER kann das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte jedoch zur Erschließung eines (zukünftigen) Geschäftsfelds im Bereich digitaler Schulbücher durchaus beitragen. Seine Inhalte stehen allen Nutzern zur Verfügung. Damit entstehen einerseits flexible Nutzungsmöglichkeiten, wo sie besonders wichtig sind: in Schulen und anderen Bildungskontexten. Andererseits sind auch Schulbuchproduzenten eingeladen, die gestalterisch-medialen Ideen dieses mBooks zu prüfen, zu verändern oder anders zu kontextualisieren, um eigene Erfahrungen mit neuen Produktionsweisen und optimierten Präsentationsformen zu machen.

Natürlich stehen alle Produzenten in Konkurrenz zueinander. Die CC BY-SA-Lizenz, die wir nun für das mBook RD festgelegt haben, eröffnet aber das Potential eines für jeden offenen Entwicklungs- und Testraums, denn sie gewährleistet ja, dass ein neues Produkt genauso frei wieder erscheinen muss wie das zu seiner Entwicklung aufgegriffene. Und alle Unternehmen müssen bei der Weiterverwendung von Materialien deren Ursprung angeben. Eine solche transunternehmerische Nutzungskultur mit synergetischen Effekten für alle Beteiligten ist im Schulbuchbereich augenblicklich jedoch überhaupt nicht entwickelt. Ob sie im OER-Sektor entstehen wird, hängt nicht zuletzt von der Etablierung einer Entwickler-Community im Verlagswesen ab, wie sie in anderen Wirtschaftsbereichen längst gang und gäbe ist.

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