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Karl Fischbach

Erinnerung ist notwendig, der Zukunft wegen: Interview mit Frau Dienst-Demuth

"Erinnerung ist notwendig, der Zukunft wegen"

Interview von Karl-Friedrich Fischbach mit Frau Rosita Dienst-Demuth, Leiterin der Geschichtswerkstatt an der Lessing-Realschule in Freiburg
 

Frau Dienst-Demuth, Sie unterrichten Geschichte an der Lessing Realschule in Freiburg. Möchten Sie etwas zu Ihrem Werdegang sagen?

Als Nachkriegskind bin ich geprägt von der Verdrängung und Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus durch meine Eltern.

Mit 16 Jahren jedoch hatte ich als Austauschschülerin den ersten intensiveren Kontakt zu einer Auschwitzüberlebenden in San Diego/CA, USA. Sie erzählte mir an einem Abend mehr als sie je ihren eigenen Kindern erzählen konnte! Zwei Jahre später nahm ich die Möglichkeit wahr, in der Gedenkstätte Auschwitz Lagererhaltungsarbeiten zu machen. Das war ein Sommercamp von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für Jugendliche.

Danach war mir klar, dass ich an der PH als erstes Hauptfach Geschichte für das Lehramt studieren wollte. Ich wollte aus der Geschichte lernen!

1980 schloss ich das Referendariat in Freiburg ab. Mein Mentor Manfred Hanloser hatte mich in einen interessanten Diskussionszirkel eingeführt. Ich lernte den Freiburger Widerstandskämpfer Heinz Bollinger kennen. Er war Verbindungsmann der Freiburger UNI zur Weißen Rose. Heinz Bollinger war mein erster Zeitzeuge an meiner ersten Realschule in Mühlheim an der Donau. Ich war sehr aufgeregt. Ich lernte von ihm, dass er nach dem Krieg 20 Jahre lang nicht über seine Widerstandstätigkeit reden konnte. Er empfand größte Scham über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den Nazis ausging,

Das war in den 80er Jahren. Ich zog mit meinem Mann nach England, wo ich eine jüdische atheistische Nachbarin hatte.

Mit zwei Kindern und mehreren Umzügen war ich erst in den 90er Jahren wieder im Schuldienst – und zwar an der Lessing-Realschule Freiburg.

In der von Ihnen gegründeten Geschichtswerkstatt der Lessing Realschule arbeiten Sie mit ihren Schülerinnen und Schülern die Geschichte der eigenen Schule auf. Was gibt es da Besonderes?

Wie eine Fügung begegnete mir eine KZ-Theresienstadt-Überlebende in der Gedenkstätte Blaues Haus, Breisach – dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus in Breisach. Else Geismar-Pripis aus Jerusalem erzählte, dass sie nicht in Emmendingen zur Schule gehen durfte, sondern die jüdische Abteilung an der Lessingschule in Freiburg besuchen musste.

Diese Zwangsschule war an der Lessingschule über 60 Jahre vergessen. Ich hatte die Ehre, mit heutigen SchülerInnen Überlebende der Zwangsschule in aller Welt zu suchen und zu finden und seit 2001 Kontakte zu pflegen. Viele Überlebende sind inzwischen gestorben und in sechs Fällen pflegen wir Kontakt zu deren Kindern und sogar Enkeln.

 

Wie haben die Schülerinnen und Schüler auf die Entdeckung dieses Kapitels der Schulgeschichte reagiert? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede oder solche, die mit der sozialen und kulturellen Herkunft der Schülerinnen und Schüler zu tun haben?

Vor allem durch Zeitzeugenbegegnungen gab es immer wieder interessierte SchülerInnen, die die Arbeit in der inzwischen gegründeten Geschichtswerkstatt „Zwangsschule für jüdische Kinder in Freiburg, 1936-1940“ unterstützt und weitergetragen haben. Dies war total geschlechtsunabhängig. Ihre Motive waren interessant und vielfältig: Eigene Fluchtgeschichten aus Bosnien oder Nordirak und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit, in unserem Falle der Schwulen, war in bestimmten Fällen entscheidend. Ein Schüler aus der DDR hatte seine Stärke in der Archivarbeit. Auch eine Tätergeschichte in der eigenen Familie war u.a. Impuls für eine intensive Mitarbeit.

 

Wie war die Reaktion der Kolleginnen und Kollegen? Gab es bei einigen die Stimmung, man solle "die alten Sachen" doch ruhen lassen?

Überhaupt nicht. Nur Unterstützung und Staunen war gegeben, obwohl die Geschichtswerkstatt manchmal einige Abläufe im Unterrichtsgeschehen durcheinander gebracht hat. Eine inzwischen pensionierte Kollegin meinte, dass der Festakt zur Einweihung der Gedenktafel im Jahr 2004 das eindrücklichste Erlebnis ihrer Schulzeit überhaupt war. Es waren 17 Überlebende aus 6 Ländern unserer Einladung im Jahr 2004 gefolgt.

Was war Ihre eigene Motivation für Ihr Engagement?

Ich habe als 10-Jährige, dann als 16-Jährige gespürt, dass Begegnungen aller Sinn des Lebens ist. Dass Begegnungen zwischen Deutschen, Migranten und Zeitzeugen des Nationalsozialismus sehr  wichtig, intensiv, ja sogar heilend sein können. Natürlich hat meine eigene Familiengeschichte auch in mir den Drang nach Aufarbeitung eingefordert.

Sie haben es geschafft, Überlebende oder deren Nachkommen zu finden, die in dieser Zwangsschule für jüdische Kinder unterrichtet worden sind. Wie schwierig haben sich die Recherchen dazu gestaltet und wie sind Sie vorgegangen?

Ohne die bedeutsame Gedenkstätte Blaues Haus in Breisach und deren Leiterin Dr. Christiane Walesch-Schneller ist meine Erinnerungsarbeit an der Lessing-Realschule nicht denkbar. Von dort kommt der Hinweis zur vergessenen jüdischen Schulabteilung. Von dort kommen die ersten drei Namen von ehemaligen jüdischen Schülern. Nach 1 ½ Jahren gab es 10 Namen. Das Stadtarchiv hatte Dokumente mit Lehrer-Namen, aber keine Schülerliste. Es war mühsam.

Der Durchbruch gelang nach einem Vortrag in einer liberalen Synagoge in New York City! Frau Walesch-Schneller hatte mich mitgenommen. Die Exil-Zeitschrift der AUFBAU brachte ein Such-Inserat, worauf sich weitere Überlebende der Zwangsschule meldeten, die wiederum Namen von ehemaligen jüdischen Klassenkameraden wussten.

2006 konnten wir die Namentafeln mit über 60 Namen von jüdischen SchülerInnen und LehrerInnen einweihen.

Hat es öffentliche Reaktionen auf Ihre Arbeiten gegeben? Welche sind Ihnen in Erinnerung?

Presse, Radio und TV waren immer fleißig dabei und haben berichtet. Die wichtigsten Artikel findet man auf unserer Website www.geschichtswerkstatt-fr.de

Eine wichtige Veranstaltung fand unter dem Namen statt: DAS SCHWEIGEN BRECHEN. Opfer- und Täter-Nachkommen kamen miteinander ins Gespräch!

Bei unserem letzten Groß-Projekt fuhr ich mit Helfer-Nachkommen und Geretteten-Nachkommen dieses Jahr nach Berlin. Die Gedenkstätte für STILLE HELDEN wird als Resultat und Bestätigung den Retter Fritz Schaffner und die gerettete Familie Gustav Judas in die Gedenkstätte für Stille Helden mit aufnehmen. Das ist ein schöner Lohn für unsere Arbeit!

Die Stillen Helfer, die selbstlos Verfolgten geholfen haben und sogar ihr eigenes Leben dabei gefährdet haben, sie sind unsere Helden! Ihre Leistung, ihr Mut wurde über Jahrzente nicht gebührend gewürdigt. Und gerade von ihrem mutigen Einsatz für eine bessere Welt, können wir für die Zukunft lernen.

Im individuellen Leben, lernen wir aus Erfahrung, um in Zukunft Schwierigkeiten leichter meistern zu können. Kann in diesem Sinne Erinnerungskultur auch verstanden werden als ein Beitrag, die gesamtgesellschaftliche Zukunft besser zu gestalten?

Unbedingt gilt das Sprichwort: Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!

Das gilt im Privaten als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Die Jugend muss heute verstehen, dass Demokratie und Menschenrechte nichts Selbstverständliches sind, sondern auch bedroht werden können. Sie müssen verstehen, dass sie die Demokratie und die Menschenrechte verteidigen und bewahren müssen.

Alleine das Wahlrecht ist heute ausgehöhlt, da immer weniger junge Menschen wählen gehen. Die Ergebnisse sieht man beim Brexit in UK und bei der jüngsten Präsidentenwahl in den USA.

„Demokratie bewahren“ heißt aufeinander zugehen, voneinander lernen, Vorurteile überwinden.

Welche konkreten Strategien für die Lösung von Problemen der Gegenwart würden Sie empfehlen. Welches sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen, mit denen wir heute und in Zukunft konfrontiert sind?

Zentral ist die Einsicht, dass aller Sinn des Lebens Begegnung ist!

Ich sehe u.a. zwei große Herausforderungen.

Die Einkommensschere in Europa geht immer weiter auseinander. Die Reichen haben den Kontakt zur Mittel- und Unterschicht verloren. Das spielt den Populisten in die Hände und hat unmenschliche und undemokratische Folgen.

Schon seit Jahrhunderten können nationale und globale Interessen nicht mehr getrennt betrachtet werden. Die Flüchtlingskrise, die seit 2015 in großem Maße auch Europa erreicht hat, ist u.a. durch ungerechte Handelsbeziehungen Europas mitverschuldet worden.

Deshalb müssen wir helfen und Not lindern, wo wir können, und die Fluchtursachen bekämpfen. Das größte Geschenk für Flüchtlinge ist ein Schulabschluss und eine Berufsausbildung, die die Migranten eventuell auch befähigt, wieder in ihr Land zurück zu kehren, um dort mitzuhelfen, demokratische und wirtschaftliche Strukturen so aufzubauen, dass die jungen Menschen in Gambia z.B. eine Zukunftsperspektive im eigenen Lande sehen.

 

Sie engagieren sich auch für den Erinnerungswettbewerb der  Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. Was glauben Sie, wie könnte erreicht werden, dass die Aufmerksamkeit von Schulen und Jugendlichen überregional  auf das Projekt gerichtet werden könnte?

Es gibt immer mehr Gedenkinitiativen und Gedenkstätten bundesweit. In diesen Kreisen trifft man auf Lehrerinnen und Lehrer, die die Gedenkarbeit als sehr wichtig empfinden aus zweierlei Gründen:

Die Opfergruppen und deren Nachkommen müssen gewürdigt werden. Die Traumata auf Opfer und Täterseite vererben sich weiter. Begegnungen können heilsam wirken für alle Beteiligten. Der leider verstorbene Psychologe Dan Baron aus Israel hat zu diesem Prozess auch Palästinenser eingeladen.

Es besteht die unbedingte Verpflichtung für die Zukunft zu lernen. Es gibt so viele Probleme und so viel Zerstörungspotential - und Deutschland ist einer der wichtigsten Rüstungsexporteure weltweit -, sodass wir uns nicht leisten können, dass sich die Geschichte in irgendeiner Weise wiederholt.

Wenn wir diese Lehrerinnen und Lehrer über die Gedenkstätten erreichen, haben wir viel gewonnen.

Die Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg hat schon zugesagt, über das Referat Gedenkstätten im kommenden Schuljahr für den Schülerwettbewerb Werbung zu machen.

Wenn wir alle 16 Landeszentralen für politische Bildung erreichen, dann erreichen wir auch die interessierten Lehrerinnen und Lehrer über die Gedenkstätten bundesweit.

Parallel müssen wir auch Flyer des Wettbewerbes gezielt an Schulen und Gedenkstätten, persönlich per eMail oder per Post verteilen und das Gespräch anbieten. Wobei persönliche Kontakte natürlich am besten sind!

Frau Dienst-Demuth,  ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.

Das Interview als PDF | Zur GeschichtswerkstattZum Schülerwettbewerb: Erinnerung sichtbar machen: 80 JAHRE REICHSPOGROMNACHT 2018

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