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Walter Böhme

Wie viele Informationen darf man Schülern vorenthalten?

Greta Thunberg hat 2018 mit 15 Jahren begonnen, vor dem schwedischen Reichstag für den Klimaschutz zu demonstrieren.
Freiwillig? Wurde sie von ihren Eltern dazu abgerichtet? Was ging ihrer Entscheidung voraus?

Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf Greta Thunberg, Svante Thunberg, Malena Ernman, Beate Ernman: Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima, 2019:

Als Gretas jüngere Schwester Beata in eine große Krise kam und sie ihre Mutter beschimpfte "Ich hasse dich Mama. Du bist die schlechteste Mutter auf der ganzen Welt, du verdammte Bitch" und sie ihre Bücher und DVDs vor Wut die Treppe herunterwarf (S.60), beschloss ihr Vater, mit ihr nach Italien in Urlaub zu fahren.
" 'Fliegen ist das absolut Schlimmste, was man machen kann', erklärt [Greta]. Aber sie sagt, dass sie fahren sollen, wenn es ihrer kleinen Schwester hilft." (S.62)
Nach der Rückkehr von Vater und Schwester sagt sie den beiden: " 'Ihr habt gerade einen CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht [...] Das entspricht der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.' " (S.64)

Greta litt lange, bevor sie mit ihrer Demonstration von dem Reichstag einen Ausweg für sich fand, darunter, dass sie erleben musste, dass ihre Eltern und ihre Schwester sich nicht so verhielten, wie sie es doch hätten tun müssen angesichts des Zustandes der Welt.
Diese inneren Widersprüche, die zu unserem Leben gehören, sind für Menschen mit Asperger-Syndrom nur sehr schwer zu ertragen.
Sie wusste ja, dass ihre Eltern über den Zustand der Welt informiert waren. Ursprünglich hatte sie es ja von ihnen erklärt bekommen, bevor sie sich wie besessen immer genauer informierte.
" 'Ihr Promis seid für die Umwelt ungefähr das, was der Rechtspopulist Jimmie Akesson für die multikulturelle Gesellschaft ist' sagt Greta" (S.83)

In diesen Widerstreit haben ihre Eltern sie geführt, dabei würde sie sie doch so gerne lieben, wie sie sind.

Als Lehrer habe ich Anfang der 70er Jahre meinen Schülern erzählt, dass nicht die Überbevölkerung in Asien und Afrika das Problem ist, sondern die Tatsache, dass wir bei unserem Lebensstil darauf angewiesen sind, dass zwischen uns und ihnen kein fairer Handel besteht, dass, wenn alle Menschen auf der Welt lebten wie wir, die Ressourcen nicht ausreichten.
(Ja, das war damals schon deutlich, obwohl der Konsumrausch erst in der 80er Jahren begonnen hat. 1972 war mit der Publikation von "Grenzen des Wachstums" schon zu erkennen, was sich in den Jahrzehnten danach immer eindrücklicher herausgestellt hat.)
Wir in Europa und Nordamerika seien das Hauptproblem.
Als ich dann mein erstes Kind bekam, erzählte mir die Mutter einer Schülerin von mir, ihre Tochter sei enttäuscht von mir. Das sei doch sehr inkonsequent.

Ja, es war inkonsequent und es ist gut, dass Kinder solche Inkonsequenzen bemerken und Kinder in der Pubertät sowieso.
Freilich, es ist in dem Alter noch schwer nachzuvollziehen, dass zwei sich widersprechende Aussagen beide richtig sein können, weil die Wirklichkeit so komplex ist, dass zwei sich widersprechende Aussagen gleichzeitig eine korrekte Beschreibung sein können. Das geläufigste Beispiel ist vermutlich das Wellen- und Quantencharakter des Lichtes, das noch absurder wirkende Beispiel Schödingers Katze.
Aber diese Inkonsequenzen darf man nicht verleugnen. Nur Querköpfe können Gretas Inkonsequenz verdammen, wenn sie es hinnimmt, dass die, die sie klimaneutral transportieren, unabhängig von dieser einen Fahrt mitnichten klimaneutral leben, zumal die Erstellung des Segelboots schon zu Unmengen von CO2-Ausstoß geführt hat.
Ich habe nicht bemerkt, dass unsere Kinder unter den Inkonsequenzen differenzierter Sicht auf die Wirklichkeit sehr gelitten hätten. Als sie noch klein waren, haben wir ihnen nicht alles so deutlich erklärt. Da hat mein Sohn noch geweint, als er ein Bild von einem Fuchs sah, der von Gänsen verfolgt wurde. "Der arme Fuchs!" - Beruhigen ließ er sich aber mit dem Hinweis: Das hat der Zeichner nicht gewusst, dass dich das so aufregen würde.
Und später haben sie sich damit zufrieden gegeben, dass wir uns bemüht haben, für gerechten Handel einzutreten, auch wenn das bis heute nicht erfolgreich war.
Heimlich hat meine Tochter aber schon mit 9 Jahren Kogons "SS-Staat" gelesen. Unruhige Nächte bereiteten ihr erst die Horror-Romane von Stephen King.
Wie viele Inkonsequenzen können Kinder ertragen und wie viele dürfen wir uns heute noch leisten?
Weniger, als uns lieb wäre. Sie zu belügen, hilft aber auch nicht. Doch man darf ihnen Zeit lassen, die Inkonsequenzen selbst herauszufinden, und sollte sich Mühe geben, dass man sich dann nicht vor ihnen schämen muss.
"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!", rufen die Schüler, und ich bin dankbar.
"How dare you!" "Was erlauben Sie sich!", sagt Greta zu recht. Ich bin ihr dafür sogar zu Dank verpflichtet.

Die Bundesregierung legt ein völlig unzureichendes Klimapaket* vor, und ich bin froh, dass es nicht noch schlechter aussieht. Das mag inkonsequent sein. Unzulässig wäre meiner Meinung nach nur, wenn ich es als vorbildlich verteidigte oder so täte, als wäre ich sicher, dass ein wesentlich besseres in der gegenwärtigen Situation durchsetzbar wäre. Dafür sind vorher von zu vielen Akteuren zu viele Fehler begangen worden, und Fehler sind zwar gegen die Norm, aber der Normalfall.

Zum Thema Klimawandel gibt es in ZUM-Unterrichten Unterrichtshilfen. Meine Empfehlung: Man sollte bei diesem Thema noch mehr als bei anderen die Schüler zu eigener Recherche auffordern und sei es nur bei den regionalen Organisatoren von Fridays for Future. Was die zu sagen haben, ist nicht selten wertvoller für die Schüler als unser Lehrerbeitrag. (Uns bleibt dann immer noch genug zu tun.)

*Wer eine Polemik zu den Entstehungsbedingungen des Klimapakets lesen will, kann hier einiges finden. Wer es lieber in neutralerer Form liest, schaut in die Wikipedia. Beide Texte sind geeignet, Verständnis dafür zu gewinnen, weshalb Wünschenswertes so selten verwirklicht wird.

 

Material zur Diskussion des weiteren Zusammenhangs:

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-08/janne-teller/komplettansicht

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