- „Anhand ihrer Praxiserfahrungen aus Schule sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie beleuchten Sven Donner und Lars Bednorz in ihrem Buch „Läuft bei uns!“ die kommunikativen und strukturellen Geflechte aller Beteiligten im Kontext Schule. Neben den schulischen Strukturen werden Konflikte (dazugehörig auch Mobbing, Stress und psychische Probleme) in den Blick genommen und es wird auf entsprechende Hilfsangebote außerhalb und innerhalb des schulischen Bereichs aufmerksam gemacht. Die Autoren widmen sich auch den Herausforderungen der Digitalisierung des (schulischen) Sozialraums. Das Buch zeigt auf, wie ein Perspektivwechsel gelingen kann – weg vom Gegeneinander hin zu einem konstruktiven Miteinander.“
So heißt es im Ankündigungstext des Verlags. Wir werfen einen genaueren Blick ins Buch:
Wie gehen die Autoren vor?
Mittels eines Fragebogens zur „Hypothesengenerierung“ wurden Schülerinnen und Schüler zu ihren Wünschen und Veränderungspotenzialen befragt, die Rückmeldungen sollten dann die Themen-Liste des Buches maßgeblich bestimmen. Die Ausgangsfrage lautete:
- „Was käme heraus, wenn man Schule „anders“ denkt und die im System Beteiligten dazu auffordert bzw. ihnen die Gelegenheit gibt, sich etwas zu wünschen – und auf diese Weise nicht nur beim Fachpersonal, sondern auch bei Schülern und Eltern das „interne Wissen“ über das „System Schule“ abruft.“ (S. 20)
Aus den 158 abgegebenen Antwortbögen wurden schließlich diese Themen zusammengestellt:
- Über starre Strukturen
- Konflikte zwischen Schüler:innen, sowie zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen
- das Allgemeinbefinden in den Blick nehmen
- Mobbing
- Umgang mit Stress und Leistung
- psychische Probleme
- Hilfsangebote außerhalb und innerhalb des schulischen Bereichs
- Elternsprechtag
- Digitalisierung des schulischen Sozialraums
- wechselseitige Rückmeldungen zwischen Eltern, Schüler:innen und Lehrenden
Daraus entwickeln die Autoren folgende Darstellungsform:
Jedes der 11 Kapitel des Buches hat
- einen „Allgemeinen Teil“, der sich dem „entsprechenden Themenanliegen widmet“,
- dazu nehmen die beiden Autoren aus ihrer beruflichen Alltagserfahrung als Lehrkraft und als Psychologe Stellung
- und schließlich werden in „Kommunikations- und Interaktionsimpulsen“ konkrete Übungen und „exemplarische Lösungen für unterschiedliche Beziehungskonstellationen“ angeboten“ (S. 15)
Zwei Beispiele:
Kap 5: Mobbing
Die Autoren nähern sich dem Thema Mobbing vorsichtig an: Was Mobbing sei, unterliege meist einem „subjektiven Bewertungsvorgang“ und werde auf eine sehr breite Streuung von Verhaltensweisen und Problemlagen angewendet, sodass zunächst eine begriffliche Klärung not tue (S. 95): Ein wichtiges Merkmal für Mobbing bestehe darin, dass es „chronisch“ ist, dass sich Sticheleien und Verletzungen auf eine oder mehrere Personen fokussieren und dies über einen längeren Zeitraum.
Die Autoren fordern zuallererst eine „offene Haltung“ des ganzen Schulleitungsteams gegenüber „Mobbingvorwürfen“. Sie sollen in jedem Fall Ernst genommen werden. Des Weiteren ist die ständige Verfügbarkeit von ‚Mechanismen‘ dringlich, um zügig und zielführend reagieren zu können. Hilfreich sei es, wenn Betroffene ein Mobbing-Tagebuch führen, nicht selten stellten Schüler dadurch auch fest, dass es sich nicht unbedingt um Mobbing handelt, wenn ein Mitschüler seine Hausaufgaben nicht zum Abschreiben zur Verfügung stellen möchte (100).
Etwas weiter geht der Psychologe in seiner Betrachtung des Phänomens Mobbing (103): Es sind auch die Persönlichkeitsstrukturen zu berücksichtigen, die dazu beitragen, dass Mobbing entsteht, dass es „Opfer“ und „Täter“ gibt, dass es auch um Machtausübung und ein „intendiertes“ Verhalten geht. Und schließlich, dass im „System Schule“ das Grundprinzip des Vergleichs und der Bewertung vorherrsche: Es gibt „schlechtere“ und „bessere“ Schüler, Schule sei „stark hierarchisch geprägt“, somit Mobbing auch ein „strukturelles“ Problem (S. 104).
Als „Kommunikations- und Interaktionsimpulse“ schlagen die Autoren u.a. vor: Die Formulierung eines „Werte- und Normensystems der entsprechenden Schule“ (S. 105), die Entwicklung einer „Charta des Miteinanders“, die gemeinsame Definition des Mobbing-Begriffs und die Bereithaltung von konkreten Handlungsabläufen und wichtigen Ansprechpartnern. Klassen können in „Ja-oder-Nein-Spielen“ ausgewählte Aussagen und Handlungen daraufhin bewerten, ob es sich dabei um Mobbing handelt oder nicht (Beispielkatalog S. 106/7). Schulen sollten sich – wenn noch nicht geschehen – um die Einrichtung und Ausbildung von Mobbing-Interventions-Teams (MIT) bemühen.
Kap 10: „Digital … aber sinnvoll“
Es ist üblich geworden, die Qualität von Schulen und Unterricht nach dem Vorhandensein von Screens und Tablets zu bewerten oder nach der Häufigkeit des Medieneinsatzes und der IT-Kompetenz der Lehrkräfte. Die Autoren stellen die Frage anders: Was bietet die „herkömmliche Schule“, was Digitalität nicht leisten kann? Die Antwort: Einen Sozialraum, in dem gelernt wird, Unbehagen und Auseinandersetzungen auszuhalten und Bedürfnisaufschub und Kompromissbereitschaft einzuüben. (S. 179)
Die Autoren sehen die digitalen Möglichkeiten für die Schule und das Lernen durchaus, möchten aber ein Entweder-Oder vermeiden und stattdessen das Miteinander von „Sozialraum Schule und Digitalisierung“ produktiv gestalten.
Dazu gilt es, die Gefahrenstellen zu erkennen und möglichst auszuräumen. So brauchen z.B. auch digitale Elterngruppen Verhaltensregeln, die gemeinsam mit Lehrer:innen und mittels eines Fragenkatalogs auf Elternabenden aufgestellt werden (S. 191). Mit Schulklassen können „Digitale-Detox-Challenges“ diskutiert und vereinbart werden (S. 192f). Oder wie wäre es mit einem „Handy-erlaubt-Tag“ an der Schule, der gut vorbereitet und schließlich mit Fragebögen gewissenhaft aufgearbeitet wird (S. 195)? Und in kurzen Szenen könnte durchgespielt werden, wie eine Unterstützung bei Prüfungs- oder Auftrittsangst im analogen und im digitale Modus aussehen kann (S. 196).
Abschließend
Der pragmatische Ansatz zur Themenfindung (siehe oben) kann als gelungen bewertet werden, er enthält eine Vielzahl von aktuellen Problemlagen und Erfahrungen im schulischen Raum. Die Hinführungen zur jeweiligen Thematik sind erkennbar erfahrungsbasiert, die Vertiefungen aus der jeweiligen Lehrkraft- bzw. Psychologen-Perspektive sind hilfreich, wenn auch nicht immer ganz abgestimmt. Es ist bemerkbar, dass der Psychologe kein Lehrer sondern ein „therapeutischer Stationsleiter“ (Klappentext) ist, also die Problemlagen und Auswirkungen mehr vom Ende her wahrnimmt und beurteilt. Auch daraus erwachsen wichtige Einsichten und Facetten dieser – nicht nur schulischen – Problemlagen.
Zu berücksichtigen ist schließlich, dass das Buch sich auf nur 220 Seiten mit elf hochkomplexen Handlungsfeldern im System Schule beschäftigt. Das kann als vermessen und verwegen eingeschätzt werden, oder als hilfreich und kollegial: Ich bin für letzteres.
Klaus Dautel, April 2026
Schule gemeinsam besser gestalten: „Läuft bei uns!“ von Sven Donner und Lars Bednorz erschienen März 2026 bei Vandenhoeck & Ruprecht
