Die Personen in "Sansibar oder der letzte Grund"

Der Junge

Schon am kursiv gedruckten Schriftsatz des Textes und der Anzahl der nach ihm benannten Kapitel (18 von 37) fällt auf, daß der Junge im Beziehungsgefüge der Personen eine besondere Rolle spielt. Außerdem beginnt und beschließt Andersch den Roman mit einem solchen Kapitel.

Der Junge ist fünfzehn Jahre alt, lebt bei seiner Mutter, von der er sich nicht verstanden fühlt, und arbeitet als Schiffsjunge beim Fischer Knudsen. Er leidet darunter, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Dieser galt in der Stadt Rerik als unzuverlässiger Säufer und ist vor ca. zehn Jahren, als der Junge fünf Jahre alt war, auf offener See mit seinem Boot havariert und in der Ostsee ertrunken. Der Junge ist von der Vorstellung erfüllt, daß sein Vater von seiner Situation als Fischer in Rerik und durch die Bewohner Reriks in den Tod getrieben worden ist, weil er das spießbürgerliche Leben in der Kleinstadt nicht länger ertragen habe und "ziellos in der offenen See hinausgefahren" sei. Im Gegensatz zum Vater möchte sich der Junge zu einem idealisierten Ziel "hinter der offenen See" flüchten, wo er eine vollkommene Gegenwelt zu Rerik vermutet. Seine Fluchtgedanken begründet er mit drei Argumenten:

  1. In Rerik ist nichts los.
  2. Rerik hat seinen Vater getötet.
  3. Es gibt "Sansibar" hinter der offenen See.

Sein Streben nach Freiheit richtet sich also in erster Linie gegen die von den Erwachsenen geprägte spießbürgerliche Ordnung. Seine Freizeit verbringt er damit, auf einem alten Speicher zu sitzen und Abenteuerbücher zu lesen. "Huckleberry Finns" Schicksal ist es, mit dem er sich identifizieren kann.

Im Verlauf der Handlung, die seine eigene Abenteuergeschichte wird, durchlebt er einen Reifungsprozeß vom pubertierenden Kind zum Jugendlichen, der die Notwendigkeit erkennt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Er berücksichtigt nun in seinem Handeln auch Bedürfnisse anderer: so Knudsens Bindung an Rerik durch die bedrohte Bertha. Auffällig ist, daß die drei oben genannten Argumente an Wirksamkeit für sein Denken und Handeln verlieren. Zum einen erkennt er, daß in Rerik tatsächlich "was los" ist, zum anderen beginnt er die Schwächen des Vaters zu erkennen, und schließlich hat er einen Hauch von "Sansibar" entdeckt, indem er die offene See überwunden hat. Aus diesen Gründen kann er den Gedanken an Flucht in die schwedischen Wälder aufgeben und mit dem Fischer nach Rerik zurückkehren.

So erhält der Romantitel "Sansibar oder der letzte Grund" seine doppelte Bedeutung.


Gregor

Gregor, ein junger KPD-Funktionär, der es gewohnt ist, Parteiaufträge zuverlässig auszuführen, wird im Verlauf des Romans zu der Person, die das Verbindungsnetz zu den anderen isoliert agierenden Personen knüpft und die Handlung vorantreibt.

Als in der Illegalität lebender Parteipolitiker ist er gewohnt, sich unauffällig zu geben. "Man darf keine Gewohnheiten annehmen,(..), Gewohnheiten verraten (S. 83) Dies zeigt sich auch in der ersten Begegnung mit Judith, aus deren Perspektive sein Äußeres beschrieben wird: "ein Mann nicht größer als sie selbst, ein junger Mann (S. 102) ", "ein mageres, helles, unauffälliges Gesicht, ein Gesicht, das einem Automonteur gehören konnte oder einem Laboranten oder einem Mann, der Manuskripte entzifferte, deren Texte ihn nicht interessierten, oder einem Flieger (S. 110) ", kurz: ein Allerweltsgesicht. 'Etwas sehr Erfahrenes und Altes lag in diesem jungen Gesicht ... die Schläfen und das Kinn zeigten Schläue, verrieten Tempo, verlässige Schnelligkeit und Intelligenz (S. 110). "

Die KPD hat ihn in den 30er Jahren an der Lenin-Akademie in Moskau im dialektischen Materialismus ausbilden lassen, und seit damals zweifelt er an der starren Ideologie der Parteiführung. Nach einem Manöverbesuch bei der Roten Armee im russischen Tarasovka, "wo ihm der goldene Schild wichtiger gewesen war als die Einnahme der Stadt" (S.24), mußte er erfahren, daß seine deutsche Freundin Franziska im Rahmen der stalinistischen Säuberungen verhaftet worden war. Sie hatte ihre unabhängige Meinung vertreten und war nicht den starren vorgegebenen Parteiparolen und -erklärungen gefolgt.

Genau wie beim Jungen findet in Gregor im Verlauf der Handlung eine Wandlung statt. Ursprünglich ist er nach Rerik gekommen, um einen letzten Parteiauftrag auszuführen, der ihn mit dem Fischer Knudsen zusammenbringen soll. Ihm soll er ein neues Organisationssystem für die Untergrundarbeit der örtlichen KPD-Mitglieder vermitteln. Danach will er ins Ausland fliehen.

Als er aber die Kirche in Rerik betritt, wo er sich mit Knudsen treffen möchte, entdeckt er dort den "Lesender Klosterschüler". Die kritische Haltung dieser Figur beschleunigt seinen Ablösungsprozeß von der Partei. In ihr sieht er "einen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen und fortgehen" (S. 44). Seine Unzufriedenheit mit sich selbst weicht einem "wunderbaren Gefühl" (S. 84), einen "Genossen, den freien Leser", gefunden zu haben. Nun kann er, innerlich frei und offen für äußere Einflüsse, die seine Gefühle ansprechen, zu neuen Taten schreiten.

Durch die Begegnung mit Helander, der Knudsen überreden will, die Holzplastik nach Schweden zu bringen, macht Gregor die Rettung der Plastik zur eigenen Sache. Seine Aktion "Lesender Klosterschüler" treibt ihn an und führt in auch zu Judith. Er erweitert seinen Plan zur Aktion "Jüdisches Mädchen".

Im Laufe der Aktion festigt sich Gregors Haltung, daß nur der selbstkritisch handelnde Mensch, der auch das Wohl seiner Mitmenschen vertritt, frei wählen und handeln kann.

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Helander

Helander ist Pfarrer an der Georgenkirche in Rerik. Im Ersten Weltkrieg wurde ihm nach einer Kriegsverletzung bei Verdun ein Bein amputiert, zudem leidet er an Diabetes. In letzter Zeit hat sich der Beinstumpf entzündet, und die Schmerzen sind stärker geworden.

Seine Vorfahren sind aus Schweden nach Deutschland eingewandert, das er ein Land nennt, "in dem die Gedanken so dunkel und maßlos ... wie die Steinwände der Kirchen" sind (S. 1 1). Deutschland und Schweden sind für ihn zwei völlig gegensätzliche Länder. Schweden ist ,freundlich', in dem seine Vorfahren als fröhliche Träumer" in bunt gestrichenen" Häusern gelebt haben. Die Menschen gehen fröhlich" an den Pfarrhäusern vorbei. Im Nazi-Deutschland wird die "rechte Botschaft" der Kirche von den Gläubigen nicht gehört" die Finsternis" erweist sich als stärker als das kleine Licht", das in Schweden leuchtet. Dennoch betet er"gegen die Leere" (S. 9) an. Er wartet auf ein Zeichen Gottes, die "Schrift an der Querschiffwand" seiner Kirche. Damit ist das Bibelmotiv Daniel 5 gemeint, in dem der gotteslästernde König Belsazar durch ein Zeichen Gottes auf seine Frevelhaftigkeit hingewiesen wird. In Helanders Sinn wäre dies Zeichen nun der Hinweis für die "Anderen" auf ihr gottesunwürdiges Handeln und ihre Verbrechen. Zugleich würde Helander darin ein Zeichen für die Anwesenheit Gottes sehen, der wieder mit ihm spräche.

Sein Gottesbild ist geprägt von der Lehre des großen Kirchenmannes aus der Schweiz" (S. 97), gemeint ist Karl Barth. Gott war abwesend, er lebte in der größten überhaupt denkbaren Ferne, und die Weit war das Reich des Satans" (ebd.). Gott hat zwar die Welt erschaffen, hat aber danach den Menschen alleine gelassen. Ihm bleibt nur die Hoffnung auf Erlösung. Deswegen zürnt Helander Gott. Er wirft Gott vor, "ein Spieler" zu sein, "der das Reich den Anderen" (S. 153) überläßt. Um Gott zu bestrafen, geht er zum Schluß so weit, einen der "Anderen", die ihn verhaften wollen, zu töten. In diesem Augenblick entdeckt er die langersehnte Schrift an der Wand. Helander kann so versöhnt mit Gott aus der Welt scheiden.

Helanders besondere Sorge gilt dem "Lesenden Klosterschüler", den die "Anderen" als Beispiel "entarteter Kunst" aus der Kirche entfernen wollen. Er möchte die Plastik, die er nicht so sehr als Kunstwerk, sondern als "Gebrauchsgegenstand" und größtes "Heiligtum seiner Kirche" betrachtet, retten. Dabei muß er auf die Hilfe des kommunistischen Parteifunktionärs Gregor und des Fischers Knudsen hoffen, weil es in Rerik keinen Menschen mehr gibt, dem er vertrauen kann. Im "Lesenden Klosterschüler" hat er Eigenschaften wie Individualität und Kritikfähigkeit entdeckt, die bei den "Anderen" unerwünscht sind, weil sie die geistige Freiheit des einzelnen in ihrem Herrschaftssystem ablehnen. Helander steht mit seiner Haltung auch in der Kirche isoliert da, viele seiner Amtsbrüder haben sich längst mit den nationalsozialistischen Machthabern arrangiert. Genau wie Gregor und Knudsen gehört Helander zu den Abtrünnigen seiner Organisation.

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Knudsen

Knudsen lebt als Fischer mit seiner geistig behinderten Frau Bertha in Rerik. Andersch zeichnet ihn als wortkargen, kantigen Menschen, dessen einzige Zuneigung seiner Frau gilt. Obschon er sich von der KPD lösen möchte, gilt er in der Parteizentrale als der letzte Genosse, den man noch in Rerik ansprechen kann. Daher akzeptiert er mißmutig nach langer Überlegung den Auftrag, sich mit dem „Instrukteur" der Partei ausgerechnet in der Kirche zu treffen. Er fühlt sich dabei hilflos wie „der Fisch vor der Angel" (S. 16). Er möchte aber auch kein „stummer Fisch" (ebd.) sein, der sich hilflos seinem Schicksal ergibt.

Zu Beginn der Handlung wird er von Helander gebeten, den „Lesenden Klosterschüler" nach Skillinge zu transportieren. Sarkastisch lehnt er dieses Ansinnen entschieden ab: "Der Pfaffe, dachte Knudsen. Der verrückte Pfaffe. Ich soll ihm seinen Götzen retten" (S. 28). Aber Helander fällt in diesem Gespräch auf, daß es zwischen ihnen beiden Gemeinsamkeiten gibt. Knudsen hat ein schlechtes Gewissen' weil er die Partei haßt" (S. 31). "Es ist so ähnlich wie mit mir und der Kirche" (ebd.).

Als Gregor den Wunsch des Pfarrers aufnimmt, die Holzplastik nach Schweden zu transportieren, dämmert es Knudsen, daß jener auch die Partei verlassen und fliehen will. Darauf hin kommt es zu einem erbitterten Streit zwischen den beiden, weil er Deutschland aus Sorge um seine Frau nicht verlassen kann. Die Gefahr besteht, daß die „Anderen" sie in eine Heilanstalt bringen und töten. Zudem lehnt er den jungen Funktionär als Repräsentant der untätigen Haltung seiner Partei, der KPD, ab.

Trotzdem verläßt er Rerik nicht, um auf Dorschfang zu gehen. Statt dessen sitzt er im Hafen auf seinem Kutter und denkt weiter nach. Das Bild des „stummen Fisches" taucht wieder vor ihm auf. Er fürchtet, „die Lust am Leben" und die Lust an der Liebe" (S. 85) zu verlieren und willigt so schließlich ein, den „Lesenden Klosterschüler" in der Nacht an Bord zu nehmen. Knudsen repräsentiert im Roman das „kleine" Parteimitglied, das, obwohl von der Parteiführung der KPD zutiefst enttäuscht, seinen Widerstand gegen das Regime des Nationalsozialismus nicht aufgeben kann und will.

Schließlich bringt Gregor neben der Holzplastik auch noch Judith zur Lotseninsel mit. Knudsen fühlt sich getäuscht und weigert sich, weiterhin mit Gregor zusammenzuarbeiten. So kommt es zu einer tätlichen Auseinandersetzung, in der er von Gregor niedergeschlagen wird. Trotzdem gibt er erst nach, nachdem er Gregor gezwungen hat, seine Fluchtgedanken zurückzustellen, damit Judith und der „Lesende Klosterschüler" in Sicherheit gebracht werden können. Doch auch Knudsen erkennt, daß privates Handeln ohne die Partei einen Sinn hat. In Gregor sieht er nun, genau wie in sich selbst, einen Deserteur.

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Judith

Judiths Äußeres wird aus der Perspektive Gregors beschrieben: "eine Jüdin, … eine junge Fremde mit einem in Rerik ungewohnten Gesicht ... ein besonders schönes Exemplar eines solchen Gesichts (S. 59)." Auch der Wirt sagt ihr, sie sehe "so ausländisch aus" (S. 35). Damit wird sofort deutlich, in welch großer Gefahr sie sich befindet.

Sie stammt aus großbürgerlich jüdischem Elternhaus in Hamburg, ist gebildet, geschmackvoll gekleidet und auf Wunsch der Mutter, die kurz zuvor Selbstmord begangen hat, nach Rerik gekommen, um von dort an Bord eines Schiffes zu gehen und Deutschland zu verlassen.

Bislang hat sie keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen brauchen, die Eltern oder Freunde der Familie haben es ihr abgenommen. Zum erstenmal auf sich allein gestellt, merkt sie rasch, daß sie nicht erfahren genug ist, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu können. Rerik ist nicht der Ort, von wo aus eine Flucht gelingen kann. Die Menschen, die ihr dort begegnen, wirken mit Ausnahme des Pfarrers Helander, der aufgrund seiner Bildung ihre Sprache spricht, fremd. In den Augen des Wirts sieht sie sich als "eine hübsche verdorbene Krabbe" (S. 73), und später bezeichnet er sie als ein "nettes Flittchen" (S. 76), "solche wie die fliegen bei mir raus" (S. 77). Sie ist nicht in der Lage, das Verhalten von Menschen aus anderen sozialen Schichten richtig einzuschätzen. Erst zu spät bemerkt sie, daß der Steuermann des schwedischen Schiffes ihr nicht helfen kann und sie "los sein" (S. 79) möchte. Ihr eigener Fluchtversuch scheitert, ihre Verhaftung droht.

Durch die zufällige Begegnung mit Gregor wird ihr mit dem "Lesender Klosterschüler" doch noch die Flucht ermöglicht. In dieser Begegnung und während der Flucht wird sie wie der Junge erwachsen. Ihre kindlich-romantischen Vorstellungen, in einer geborgenen Welt zu leben, zerbrechen. Auch sie vollzieht - ähnlich beim Jungen - einen Wandel, den von der Jugendlichen zur jungen, gereiften Frau.

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Der "Lesende Klosterschüler"

Auf einer Kohlezeichnung von Ernst Barlach aus dem Jahr 1922 findet sich ein "Lesender Mann im Wind", ein Buchleser, der aufgewühlt in ein Buch vertieft ist. Dieses Lesemotiv, diese Lesehaltung hat Barlach fasziniert; mehrere Plastiken von ihm zeigen Lesende, so "Der Buchleser" oder auch "Lesende Mönche" und "Lesender Klosterschüler". Eine Holzplastik mit einer Höhe von 115 cm.

Diese Holzplastik des lesenden Klosterschülers wird in Anderschs Roman zur Schlüsselfigur für den inneren Wandel Gregors. Zugleich liefert sie den Kristallisationspunkt für die äußere Handlung des Romans.

Wie in der Realität des Nationalsozialismus oft praktiziert, soll die Holzplastik magaziniert, der Öffentlichkeit entzogen werden. Pfarrer Helander bittet Knudsen, nach Skillinge in Schweden zu fahren und die Plastik, die von "den Anderen" abgeholt werden soll, in Sicherheit zu bringen. Für Helander ist sie der Ausdruck von kritischer Offenheit in seiner Kirche. "Nur eine kleine Figur" nennt sie Helander (S. 28). Ihm verkörpert die Plastik jedoch eine uralte Haltung, die zeitlos ist und seine Kirche belebt. Er hofft, daß sein Hinweis auf die "Anderen" Knudsen bewegt, die Fahrt wegen der gemeinsamen Feindschaft gegenüber den Anderen zu wagen. Knudsen will jedoch dem "Pfaffen" nicht helfen, ihm nicht "seinen Götzen retten."

In einer Assoziation Helanders über die Figur erfährt der Leser, daß sie nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden darf. Für die "Anderen" ist sie ein Beispiel von "entarteter Kunst".

Helander hatte die Plastik vor ein paar Jahren von einem Bildhauer erworben, der kurz darauf Arbeitsverbot bekam. Mit dieser Erinnerung Helanders und natürlich der Figur selbst ist der Weg zu Ernst Barlach gewiesen. Die Figur "Lesender Klosterschüler" von 1930 befindet sich heute in Güstrow, wo Barlach bis zu seinem Tode im Oktober 1938 in seinem Atelierhaus lebte. Ab 1933 waren einige Skulpturen Barlachs aus Kirchen und von öffentlichen Plätzen entfernt worden. 1936 und 1937 waren die "schlimmen" Jahre, in denen Barlach systematisch aus Galerien und öffentlichen Kunstsammlungen "entfernt" wurde, Skulpturen wurden abgerissen; selbst seine gesammelten Zeichnungen durften nicht mehr als Buch erscheinen. Ein Vorgehen, das einem Arbeitsverbot nahe kam und zu Barlachs frühem Tod im Jahre 1938 beitrug.

Andersch wählte dieses Kunstobjekt sehr gezielt, wenn auch verkleinert in den Maßen, damit sie tragbar wurde. Wie für Helander ist diese Holzplastik nicht nur eine Kunstwerk, sondern ein "Gebrauchsgegenstand". Für Andersch vermittelt ihre Ästhetik die Aufforderung zur Handlung.

"Kunst" ist nicht nur etwas zur inneren Beschauung, sie kann Auslöser sein für Bewußtseinsprozesse und schließlich kritisch engagiertes Handeln selbst. Andersch "benutzte" öfter Plastiken Barlachs in Erzählungen und schließlich im Roman "Sansibar oder der letzte Grund".

Brecht schreibt über eine ähnliche Plastik Barlachs, über den Buchleser, 1936: "Ein sitzender Mann, vornübergebeugt, in schweren Händen ein Buch haltend. Er liest neugierig, zuversichtlich, kritisch. Er sucht deutlich Lösungen dringender Probleme im Buch. Goebbeis hätte ihn wohl eine "Intelligenzbestie" genannt. Der Buchleser gefällt mir besser, als Rodins berühmter "Denker, der nur die Schwierigkeit des Denkens zeigt Barlachs Plastik ist realistischer, konkreter, unsymbolisch." ( B. Brecht, Gesammelte Werke, Band 19, Frankfurt 1967, S. 514)

Für Gregor wird die Skulptur zum Schlüsselerlebnis in diesem Kunstverständnis Brechts und Anderschs: Zunächst identifiziert er sich einfach emphatisch mit ihr. "Das sind ja wir, dachte Gregor" (S.43). Zunächst denkt er: "Genauso sind wir in der Lenin-Akademie gesessen und genauso haben wir gelesen, gelesen, gelesen" (S. 43). Durch seine Begeisterung erkennt er zunehmend, daß der "Klosterschüler" nicht Abbild des wissensdurstigen marxistischen Studenten Gregor ist, der an der Lenin-Akademie, unkritisch und nachbetend das Wort der Parteiideologen auf nahm. "Aber dann bemerkte er auf einmal, daß der junge Mann ganz anders war. Er war gar nicht versunken. Er war nicht einmal an die Lektüre hingegeben. Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch" (S. 43). Und er erkennt: "Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas ganz anderes zu tun" (S. 43).

So verkörpert der "Klosterschüler" jene geistige Unabhängigkeit, zu der Gregor erst nach seiner inneren Lösung von der KPD gelangen kann. Barlachs Holzplastik "Lesender Klosterschüler" wird im Roman zur Verkörperung der individuellen, geistigen Freiheit, die sich in Kritik und Widerspruch und im Handeln äußert. Der kleine Klosterschüler wird für alle Beteiligten in Anderschs Roman zur Kristallisationsfigur, die dazu beiträgt, daß sie innerlich reifen und in ihrem Handeln gemeinsam der Tyrannei widerstehen.

Für Gregor leitet sie vollends die Lösung von der Parteiabhängigkeit ein, sie führt ihn zur privaten Aktion: "Zum erstenmal leite ich keine Parteiaktion. Es ist eine Sache, die nur mir gehört. Er fühlte sich glänzend aufgelegt... Und nun war auch noch ein Mädchen ins Spiel gekommen" (S.84). Die private Aktion wird auch zur Aktion "Jüdisches Mädchen".

Auch Judith erkennt in der Skulptur einen, der "alles liest was er will. Und deswegen muß er jetzt auch wohin, wo er lesen kann, so viel er will" (S. 146) Selbst der äußerlich mürrisch karge Knudsen wird von der Figur angerührt: "ein seltsames Wesen aus Holz in der Dunkelheit" (S.141), und der Junge ist von der Ausstrahlung der Figur gefangen: "Seine Augen hatten sich die ganze Zeit nicht von dem hölzernen Wesen zu lösen vermocht… Ich werde doch noch Knudsen fragen müssen, dachte der Junge, warum man die Figur von 'nem Jungen, der weiter nichts tut als lesen, nachts heimlich über die See schaffen muß" (S. 1 33).

Judiths und des Jungen Erwachsenwerden in der Rettungsaktion haben eine Wurzel in dem Anstoß des "kleinen Mönchleins" (Helander) gehabt.

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