Zwangsarbeit - Lebensumstände -
Zum Widerspruch schlechter Behandlung
und guter Arbeitsleistung

Seit 1943 erhöhten sich die Arbeitsleistungen der ausländischen Arbeiter stark, während sich ihre Lebensbedingungen im gleichen Zeitraum verschlechterten.
Eine große Bedeutung kam sicherlich der Leistungsernährung und der Durchsetzung des Akkordsystems zu. Dort, wo dieses System funktionierte, waren die einzelnen darauf angewiesen, ihre Lebensbedingungen durch erhöhte Arbeitsleistungen zu verbessern oder erträglicher zu gestalten.
In vielen Betrieben gingen die Betriebsführungen dazu über, Übersoll-Leistungen nur noch mit zusätzlichen Lebensmitteln zu belohnen - in manchen Betrieben erhielten die Ostarbeiter bei guten Leistungen eine "polnische Suppe" oder "ein Westarbeiteressen".
Daneben stellte gegenüber den oft chaotischen Verhältnissen im Lager die Arbeit selbst für viele ausländische Arbeiter offenbar ein Element von Kontinuität und Sicherheit dar, die Arbeitsstelle war oft der einzige Ort, an dem sie, wenn sie arbeiteten, eine Zeitlang in Ruhe gelassen wurden.
Gerade für diejenigen, die qualifiziert eingesetzt wurden, bedeutete Arbeitsleistung auch ein Stück Selbstbehauptung und Bewahrung der persönlichen Identität.
So schlecht die Behandlung und so erniedrigend der Status etwa eines Ostarbeiters auch war, durch gute Arbeit und hohe Leistung konnte er der Reduktion seiner Person auf einen anonymen Produktionsfaktor zumindest entgegenarbeiten, um sich und den deutschen Kollegen zu zeigen, dass er sich mit der Situation, in der er sich befand, nicht abfinden wollte.
Die Wertschätzung des guten Arbeiters ...... war gerade für die besonders diskriminierten ausländischen Arbeitergruppen von Wichtigkeit, weil sie für die Erhaltung des eigenen Selbstwertgefühls konstitutiv sein konnte.

Gerade für viele Ostarbeiter und Zivilarbeiter aus Südosteuropa verbanden sich schließlich zumindest am Anfang des Arbeitseinsatzes im Reich mit dem Begriff "Deutschland" nicht in jedem Fall in erster Linie Krieg und Faschismus. Hier standen vielmehr oft auch Hoffnungen, Wünsche und Illusionen über ein reiches, hochindustrialisiertes und schönes Land im Vordergrund. Vorstellungen von sozialem Aufstieg und höherem Lebensstandard, Faszination von deutscher Ordnung, Sauberkeit und Technik waren verbreitet. Doch mit der fortwährenden Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verschärfte sich auch die Kritik der ausländischen Arbeiter an ihrer Situation, wuchsen Erbitterung und Ablehnung, auch und gerade wenn die Erwartungen und Hoffnungen groß gewesen waren.

Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches; Bonn 1999, S. 343f


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