Klappentext



Sieben wesentliche Grundsätze der quasireligiösen Ideologie unserer Zeit, des Neoliberalismus:

(1) dass man wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann ernst nehmen muss, wenn sie für die eigenen politischen Ziele nützlich sind; z.B. dass man Warnungen von Klimaforschern, Ökologen und Virenforschern einfach ignorieren kann,
(2) dass ein freies, würdiges oder gar erfülltes Leben ohne ständige Verfügbarkeit von Fleischbergen, exotischen Früchten, Flugreisen, Kreuzfahrten, SUV, High-End-Handy und Fast Fashion völlig undenkbar ist,
(3) dass alles kommerzialisiert (zu marktgängigen Produkten gemacht) und auch monopolisiert werden kann: nicht nur Rohstoffe und Produkte, selbst Wissen (Patente, die man sogar auf Lebewesen anwenden möchte, und natürlich Geheimdienst-Wissen); aber auch zwischenmenschliche Unterstützungsleistungen (Plattform-Ökonomie) und letztlich sogar die menschliche Psyche (Überwachungs-Kapitalismus),
(4) dass es völlig egal ist, wenn Menschen oder natürliche Ressourcen dem technischen Fortschritt geopfert werden, weil dieser einem vermeintlich höheren Zweck der kulturellen Evolution diene (je nach Weltanschauung wahlweise auch den Willen Gottes verwirkliche),
und dass nur ein sogenannter "freier" Markt mit unbeschränkter Allokation von Kapital diesen Fortschritt sichert - dass Kapital also schutzwürdiger ist als die Rechte von Menschen und allen anderen Lebewesen,
(5) dass ein stetig steigender Wohlstand für alle und eine exponentielle Konzentration von Kapital keinen Widerspruch darstellen - was unendliches Wachstum voraussetzt,
(6) dass jede noch so kleine ökologie- oder sozialpolitische Maßnahme den Keim einer kommunistischen Weltrevolution in sich trägt und in die Katastrophe führt,
(7) und vor allem dass das alles so ist, weil Menschen hoffnungslos egoistisch und nicht in der Lage sind, sich ethisch weiterzuentwickeln

Warum reden wir denn (immer noch) über Jesus von Nazareth und Maria von Magdala, Siddharta, Konfuzius, Franziskus, Meister Eckhart, Jan Hus, Martin Luther, Emmeline und Christabel Pankhurst, Alice Paul, Albert Schweizer, Mahatma Gandhi, Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Dietrich Bonhoeffer, Viktor Frankl, Victor Gollancz, Rosa Parks, Martin Luther King, Dag Hammarskjöld, Patrice Lumumba, Olof Palme, Salvador Allende, Leopold Kohr, Jomo Kenyatta, Gustavo Gutiérrez, José Figueres Ferrer, Leonardo Boff, Oscar Romero, Hans Küng, Mutter Theresa, Davide Lazzaretti, Abbé Pierre, Desmond Tutu, Steven Biko, Nelson Mandela, Hermann Scheer, Greta Thunberg, Daniel Ellsberg, Carole Cadwalladr, Edward Snowden, Chelsea Manning, Max Schrems, Tristan Harris, ...?
Woher kamen denn Aufklärung, Demokratie, Sklavenbefreiung, Sozialgesetze, Arbeitsschutz, Arbeitsrecht, Frauenwahlrecht, Kinderschutz, Emanzipation, europäische Versöhnung, Völkerrecht, Minderheitenschutz, Datenschutz; woher kamen Meinungs- und Pressefreiheit; was ist mit den langen (wenn auch immer noch zu kurzen) Listen verbotener Chemikalien wie Pestiziden, Schwermetallen, halogenierten Kohlenwasserstoffen usw., mit Atomausstieg, Katalysator, Rauchverboten usw.?
Warum nicht endlich auch konsequenter Klima- und Artenschutz?
Und jetzt bitte nicht die Behauptung, nur Privilegierte können sich das leisten: die horrenden Wohnkosten und Lohnabzüge der 99% bei gigantischen Renditen der 1% Investoren offenbaren, dass hier diejenigen, die von diesem Wirtschafts-System am meisten benachteiligt sind, als Vorwand vorgeschoben und damit politisch instrumentalisiert werden.

Konservative Ideologien sind so bequem - wer daran glaubt, muss nichts ändern. Höchste Zeit, sie zu überwinden.
Ideen dazu findest Du u.a. hier:
  • Fridays for Future
  • Stop Ecocide Deutschland [Verknüpfung]
    (Supporter von Stop Ecocide International [Verknüpfung])
  • People's Declaration gegen politischen Datenmissbrauch [Verknüpfung]
  • Stop Mercosur [Verknüpfung]
  • Du suchst noch Argumente? Hier sind ein paar.






    Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen. Ich kann nicht glauben, dass diese Aufgabe unmöglich ist.
    Bertrand Russell (über die Gefahr des atomaren Vernichtungskrieges)





    Vorwort



    Ihr seid doch nicht allein auf der Welt...
    und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Der folgenreichste (Selbst-) Betrug aller Zeiten


    Die Ölparty ist vorbei: das Festhalten an der Fossilwirtschaft konserviert eine trügerische Komfortzone, die wir umgehend verlassen müssen - denn dieser Wohlstand ist nicht (im ökologischen wie im wirtschaftlichen und politischen Sinne) nachhaltig, und damit auch kein stabiler Wohlstand.
    Nachhaltig daran (im Wortsinn) war von Anfang an nur die Vernichtung der Lebensgrundlagen von Menschen, die allerdings noch an einem anderen, fernen Ort oder in einer späteren, aus fataler Fehlsicht noch fernen, Zeit leben.
    Unsere Ölsucht hat einen autoritären Proprietarismus gefüttert, dessen monströses Gefährdungspotential in der neoimperialen Politik fossiler Patriarchen wie Trump und vor allem Putin, der bis vor Kurzem nur als Hintermann Trumps im Verdacht stand, unübersehbar geworden ist.
    In der Opposition kommt die CDU nicht etwa zur Reflektion ihrer krisenschürenden Energiepolitik, sondern wählt den konservativen Friedrich Merz zum Vorsitzenden, der sich prompt mit populistischen Parolen anti Energiewende und pro Atomkraft, und sogar wie vorher schon andere Perteikollegen in der offenen Vernetzung mit Trumpisten betätigt, die in den USA bereits gegen ökosozial engagierte, oder wie sagen woke, Unternehmen und Lehrer:innen vorgehen. Zum Beispiel solche, die sich in Klimaschutz, Geschlechtergerechtigkeit und gegen Waffenmissbrauch engagieren. Er ist sich auch nicht zu schade, populistische Kampfbegriffe in die Debatte zu werfen.
    Bei Abstimmungen im EU-Parlament ist die CDU gegen ein Verbot fossiler Subventionen und enthält sich weitestgehend gegenüber dem euopäischen Green Deal. Selbst in der drohenden Gasmangel-Krise werden weiter Klein-Klein-Debatten um Lastenverteilung und Verzicht angezettelt, wo eigentlich durchgreifende Notfall-Entscheidungen für Transformation, also Verzicht auf fossile Subvention, Ressourcensparen und Umverteilung, nötig wären. Der angespannte Energie-Markt könnte sogar eine transformatorische Wirkung entfalten. Beschlossen werden stattdessen nur Gesetze, die den Markt aushebeln und den Konsum ohne Differenzierung der Haushalts-Belastung noch stärker subventionieren. Dabei könnte ein breites politisches Bündnis die Transformation durchaus mehrheitsfähig legitimieren. Dass gut informierte Bürger:innen aus allen gesellschaftlichen Gruppen durchaus zu ökosozialpolitischen Konsens-Beschlüssen fähig sind, zeigen Bürgerräte in immer mehr Ländern - aber deren Umsetzung ist meist nicht gewollt.
    Anstatt sich endlich an der humanistischen Idee von Gemeinwohl zu orientieren, wird in Deutschland hartnäckig weiter das sozialdarwinistisch-neoliberale Narrativ verbreitet, Wohlstand sei nur durch maximale individuelle Selbstverwirklichung in globaler Konkurrenz zu erreichen, ohne Rücksicht auf diese Anderen. Die wirtschaftliche Elite ("Leitungsträger") wisse am besten, wie Geld profitabel einzusetzen ist. Durch die so florierende Wirtschaft gebe es Arbeit und damit Wohlstand für alle. Dass die Schäden, auf denen dieser Wohlstand basiert, auf andere Länder bzw. auf zukünftige Generationen abgewälzt werden, sei gerechtfertigt durch den Fortschritt, der durch das Wirken eines freien Marktes die einzige Lösung der Krise biete. Dass Investitions-Entscheidungen in einem freien Markt weit mehr Fortschritt bringen, und dass politische Entscheidungen zu staatlichen Interventionen schädlich seien.
    Die Erfinder dieser Erzählung sind diejenigen, die vom System profitiert haben und weiter davon profitieren wollen. Sie hatten zuerst den Klimawandel geleugnet, dann dessen Verursachung durch den Menschen, dann seine Krisenhaftigkeit. Jetzt, wo die Transformation beginnt, schüren sie dagegen Ängste und warnen vor einer Spaltung der Gesellschaft, die sie damit selbst betreiben. Um die Krise zu verschleiern, säen neoliberale Politiker:innen Zweifel an der Wissenschaft und streichen ihr wieder Mittel. Auch wenn die FDP sich zur Klimawende bekennt, arbeitet sie doch aktiv dagegen und schützt damit die Profite des fossilen Patriarchats, genau so wie vor einem nach ihrer neuen Haushaltsexpertin Raffelhüschen "ausufernden" Sozialstaat.
    Der Erzählung der Besitzstandswahrer widerspricht eine immer größer werdende Zahl bedeutender Ökonomen, und schon seit Längerem sogar das Weltökonomische Forum, bei dem sich jährlich die sozio-ökonomische Elite in Davos versammelt, und als Lösung der Corona-bedingten Wirtschaftskrise den großen "Reset" der wirtschaftlichen Weltordnung entwirft, der in einem auch die ökologische und soziale Krise adressieren soll.
    Weder ist eine Freiheit des Markts wirklich gegeben (denn er ist im Gegenteil geprägt durch massive Verzerrungen zugunsten der westlichen Industrieländer und der Besitzenden), noch ist seine Theorie wissenschaftlich unumstritten: unter Ökonomen kursiert der Begriff "Marktreligion". Die vorgeblich "freien" Märkte sind de facto hochgradig manipuliert. Entsprechend ist auch der unkritische Glaube an eine unfehlbare Evolution technischer Innovationen durch Marktkräfte als Religion zu betrachten, die oft nahe an Nationalismen, bis hin zur rassistischen Ideologie der White Supremacy geknüpft ist.
    Will man eine Umverteilung von oben nach unten vermeiden, so kann nur eine stetig wachsende Wirtschaft auch den unteren Einkommensschichten ein immer größeres Stück vom Kuchen verschaffen. Die Expansion des patriarchalen Extraktivismus stößt wie 1972 berechnet immer öfter sichtbar an die planetaren Grenzen, und immer mehr Krisen werden dadurch ausgelöst. In der Subprime-Krise traf die Gier vermeintlich kreativer, in Wirklichkeit krimineller Banker auf ein fossiles Wirtschaftssystem, dessen echte Wertschöpfungsmöglichkeiten an seine Grenzen stieß. Corona ist wie andere Zoonosen auch eine Folge des Artensterbens durch extraktivistische Landnutzung, die Ukraine-Krise ist die Folge eines lange schwelenden Konflikts von Imperien, deren Macht primär auf einer patriarchalen Aneignung fossiler Energiequellen basiert. Die soziale Krise basiert auf der patriarchalen Aneignung von Besitz an Immobilien-, Handels-, Marken- und nicht zuletzt Patentrechten. All das passierte trotz der Warnungen der Wissenschaft, weil Regierungen dem Treiben der Marktakteure bestenfalls einfach zusahen, oder selbst die Marktregeln verzerrten, und die Zivilbevölkerung nicht im Mindesten darüber aufklärte. Im Gegenteil predigten sie den freien Markt als Allheilmittel.
    Doch selbst die gigantischen Marktverzerrungen zugunsten fossiler Brennstoffe konnten nicht verhindern, dass Erneuerbare Energien - und damit auch die Elektromobilität - endlich konkurrenzlos geworden sind. Ganze zwei historische, visionäre demokratische Entscheidungen haben das möglich gemacht. Deshalb steht die Weltwirtschaft schon allein aus Kostengründen vor einer disruptiven Energie- und Mobilitätswende. Das Platzen der größten Finanzblase aller Zeiten, der Kohlenstoff-Blase, kündigte sich an - bis zum Ukraine-Krieg. Während Big Money Vorsorge traf, behielt Deutschland den Schwarzen Peter, weil es die Interessen von Fossil-Investoren weiter schützte, anstatt sie zur Verantwortung zu ziehen.
    Weil die Spuren der anthropogenen Zerstörung geologisch nachweisbar sein werden, sprechen viele Wissenschaftler jetzt schon von einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Wenn diese Entwicklung fortschreitet, erleben wir nicht nur eine Klimakatastrophe, sondern auch einen umfassenden globalen Biosphären-Kollaps: für einen Großteil der 8-10 Milliarden Menschen ist ihre Heimat dann kein Lebensraum mehr, sie geht verloren. Ob die verantwortlichen Entscheider:innen denken, dass sich diese Menschen einfach in Luft auflösen? Das Ausblenden der sicher prognostizierten, unzähligen Todesopfer erfordert eine gewaltige Verdrängungsleistung.
    Die Ursachen ließen sich beheben, würde die Politik nur nicht weiterhin alles den heute bestehenden Profitinteressen unterordnen: die Lösungen von allgemeiner Effizienzsteigerung, ökologischen Konsumanreizen (also auch zum Verzicht), konsequenter Kreislaufwirtschaft und Bio-Landwirtschaft mit stark gemindertem Konsum tierischer Produkte liegen längst auf dem Tisch; auch die Reformen des ungerechten und maroden Wirtschaftssystems sind längst von der Fachwelt durchdekliniert.
    Eine - im Rahmen der Möglichkeiten ernsthafte - deutsche Anstrengung war unter den Regierungen Brand, Schmidt, Kohl und Merkel jedoch in keinem Sektor erkennbar, und auch die Regierung Schröder schaffte das EEG nur durch bittere Kompromisse der Grünen in der Sozialpolitik. Schröder selbst wurde später durch sein nibelungentreues Engagement für den Petro-Patriarchen Putin zu einer Belastung der SPD. Die deutsche Politik ignorierte alle Zeichen der Zeit, überall dominierten die Profit-Interessen der fossilen Investoren. Und selbst in der Energiekrise setzt die neue Ampel-Koalition lieber auf Investitionen in neue fossile Infrastruktur, als einen Kulturwandel des Sparens zu betreiben.
    Der Ukraine-Krieg hat die disruptiven Entwicklungen der Klimawende unterbrochen, das Platzen der CarbonBubble blieb zunächst aus. Umso klarer muss die Politik sich über die kommende Weltordnung sein: alle wissen jetzt, dass fossile Energien teurer sind als Erneuerbare, und dass eine Abhängigkeit davon Staaten erpressbar macht. Wer in der Klimawende nicht kooperiert, wird von der Entwicklung abgehängt, und sehr wahrscheinlich (allein schon im Interesse der schnell zunehmenden Zahl von Investoren, die aus fossilen Anlagen flüchten) für Klimaschäden zu Recht zur Verantwortung gezogen. Die Anerkennung des Ökozids als völkerrechtlicher Straftatbestand wird immer lauter diskutiert und ist nur noch eine Frage der Zeit. Was uns dabei weiterbringen würde, wäre eine weit höhere Wertschätzung der Biodiversität. Die wenigsten sind sich dessen bewusst, dass sie sie in höchstem Maße existentell für uns ist.
    Ob die Ampel-Koaltion wieder nur Geldinteressen bedient, indem sie die mittlerweile absehbar profitable Energie- und Verkehrswende antreibt, oder tatsächlich eine zukunftsfähige sozial-ökologische globale Transformation einleiten hilft, scheint fraglich. Die Globalisierung hat nicht zum angekündigten globalen Wohlstand geführt, weil das Kapital die Politik dominiert und die Solidarität intra- wie international unterdrückt hat. In der Krise können Populisten ihre isolationistische Degobalisierungs-Propaganda verbreiten und ihre proprietaristische (im Grunde patriarchale) Agenda vorantreiben.
    Die Wahl des frühen (aber eben deshalb schon alten) Klimaschützers Biden zum US-Präsidenten könnte ein kurzes Intermezzo des amerikanischen Niedergangs sein, der von imperialer Selbstüberschätzung und unfassbarer Ignoranz der Massen geprägt ist: das dortige Festhalten an fossilen Brennstoffen, begleitet von einer historischen Restauration alter Rassen- und Geschlechterdiskriminierung, kann ich nur noch als krankhaft bezeichnen. Unser Fokus auf die USA erweist sich als fatal, weil zusammen mit den amerikanischen auch die russischen Petro-Patriarchen international den Rechtspopulismus massiv befördert haben - was wiederum den Zusammenhalt der Demokratien in der Ukraine-Krise erschwert. Vor allem die Distanzierung von Trumps USA und der Verlust von Großbritannien sind für die EU schwere Schläge, die nachweislich von Russland aus mit orchestriert wurden. Während linke Politiker:innen versuchen, die metaphorischen Datenkraken zu regulieren, betätigen sich konservative als Kooperateure, Lobbyist:innen und Netzwerker.
    Die Krisen von Biodiversität, Ressourcen-Übernutzung und Kapital-Verteilung bergen nicht weniger Zerstörungspotential als die Klimakrise und hängen damit untrennbar zusammen - so wie deren Lösungen, die nur durch politische Regulationen im Gemeinwohlinteresse zu erreichen sind: Energiesouveränität durch Erneuerbare, Ernährungssouveränität durch ökologische Landnutzung, Kreislaufwirtschaft, Reduktion der Individualmobilität, Befreiung von narzisstischem Konsum, Erfahrung von Selbstwirksamkeit durch kritischen Konsum in Kombination mit Eigenproduktion und -Erhaltung von Gütern, Ende des Wachstumszwangs durch neue Geldpolitik. Gemeinwohlinteressen müssen politisches Primat werden, und Parteipolitik allein kann das offenbar nicht leisten: es braucht mehr Bürgerbeteiligung, z.B. in zufällig besetzten Räten, aber auch in praktizierten Formen gemeinwohlorientierter Wirtschaft und auch in öffentlichkeitswirksamen, friedlichen Protesten. Die kritische Masse, die einen gesellschaftlichen Kipppunkt darstellt, liegt weit unter 25%.


    ZUM im Internet
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    Unterrichtsmedien
    im Internet

    Harald Thielen-Redlich
    Lehrer für Biologie und Chemie
    zuletzt bearbeitet: 02.10.2022




    Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
    Victor Hugo


    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Aktuell



    Die Zeit für planvolle Koordination im Klimaschutz läuft ab. Mit jedem Tag des Zögerns werden Zeitdruck, Anstrengungen und Opfer für die notwendigen Maßnahmen zum Einhalten des Pariser Abkommens von 2015 größer - und zwar nicht linear, sondern exponentiell.
    Die Entwicklung der CO2-Emissionen folgen den pessimistischsten Szenarien des IPCC. Nicht etwa, weil die Modelle der Wissenschaftler:innen so schlecht waren, sondern weil Regierungsvertreter:innen von Anfang an die Berichte im Interesse der Fossilwirtschaft manipuliert haben - und das, obwohl die Ölindustrie dank eigener Forschung sehr genau bescheid wusste, während sie in der Öffentlichkeit von "unsicherer Forschung" sprach.
    Zwei Generationen nach ersten Warnungen einzelner Klimaforscher in der Presse, eine Generation nach dem Beginn internationaler Verhandlungen wegen ernster Warnungen auf der Basis der klimawissenschaftlichen Lehrmeinung, eine halbe Generation nach klaren, deutlichen und weltweit verbreiteten Forderungen nach sofortigen Maßnahmen. Seitdem sind auch Wirtschaftswissenschaftler eindeutig: bei Nichthandeln werden die Schäden die Vermeidungskosten immer weiter und immer schneller übersteigen. Immer weniger Schäden werden sich vermeiden lassen. Aber immer lässt sich noch Schlimmeres verhindern. Die letzte große Welle für Klimabewusstsein war vor der Subprime-Krise 2006 - die Prognosen waren düster und bestens kommuniziert; und sie werden seitdem von der Wirklichkeit mehr als bestätigt.
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    Filmtip: Al Gore. An Inconvenient Truth (2006)
    Die Wahrheit ist derart unbequem, dass der Abschlussbericht 2021 zwei Wochen lang unter absoluter Geheimhaltung mit Regierungsvertretern abgestimmt wird, und am Ende der Generalsekretär der World Meteorological Organisation (WMO) vor "apokalyptischen Ängsten" warnt:


    Wir müssen vorsichtig sein, wie wir über die Ergebnisse der Wissenschaft berichten, über Kipppunkte, und ob wir über einen Kollaps der Biosphäre oder das Verschwinden der Menschheit sprechen. [...] Wir müssen aufpassen, dass wir unter den jungen Menschen nicht zu viele Ängste auslösen.
    Petteri Taalas
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    Seit dem Beginn des Neoliberalismus wurden in vielen Staaten die Lehrstühle für ökologische Feld- und Laborforschung nach und nach geschlossen. Das hat dazu geführt, dass das Artensterben viel zu spät im Bewusstsein der Zivilgesellschaft auftauchte. Die Zahlen sind so erschreckend, dass die Experten-Empfehlungen zu einer sofortigen Agrarwende aufrufen.
    Als sei das kein Offenbarungseid der deutschen neoliberalen Wissenschaftspolitik, und als lägen aufgrund der sozio-ökologischen Mega-Krisen nicht gewaltige Aufgaben gerade vor der Ökologie- und Sozialforschung, kommt die FDP-Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger der Austeritäts-Politik ihres Parteivorsitzenden und Finanzministers Christian Lindner folgend auf die Idee, nach dem englschen Vorbild die Mittel für genau diese Forschungsfelder zu kürzen. Stark-Watzinger wurde bekannt wegen ihrer Vernetzung mit dem Politik-Berater Tom Rohrböck, der 2021 als bedeutender AfD-Netzwerker aufflog.

    Wie jedesmal vorher, werden diese Themen aus dem Alltag der meisten Leute weiter massiv verdrängt, und die neue deutsche Ampel-Regierung vermittelt bei den meisten Reformwilligen auch den Eindruck, dass sie ihnen jetzt die Verantwortung für Klima- und Artenschutz endlich abnimmt. Das Problem ist, dass zwar die Richtung stimmt - aber die Geschwindigkeit nach Jahrzehnten der fossilen Gegenwehr angesichts der Krise bei weitem nicht ausreicht.
    Bisher ruderten wir munter auf einen tödlichen Wasserfall zu, jetzt haben wir angefangen, das Steuer umzulegen und (trotz kräftiger Gegenruderer) umzukehren. Aber die Strömung ist schon so stark, dass wir viel schneller werden müssen. Viel zu viele tun aber viel zu wenig.

    Noch 2015 - kurz vor dem Paris-Abkommen - war in der FAZ unter dem Titel "Cool bleiben" als Schlagzeile zu lesen: "Der Klimawandel kommt. Die Erde heizt sich auf. Die Menschheit kann das kaum verhindern. Doch wir können uns anpassen – wenn wir nur wollen." Dort wird besonders das Anpassungspotential der Industriestaaten hervorgehoben. Keine Rede vom Schicksal des Globalen Südens, außer von der Diskussion um die Ankündigungen, jährlich 100 Milliarden Anpassungshilfen aufzubringen. Aber keine Rede davon, dass diese seit dem Beginn der Diskussion 1992 [sic!] noch nie gezahlt worden sind, ein bis heute andauernder Skandal. Über Erneuerbare wird Skepsis verbreitet: "Subventionen für unausgereifte Wind- und Solaranlagen, wie sie Deutschland und Großbritannien seit Jahren zahlen, werden wohl nicht die erhofften Supertechnologien hervorbringen." Keine Rede von weit höheren Subventionen für die Fossilwirtschaft, von der Unwägbarkeit, ob die "erhofften Supertechnologien" überhaupt rechtzeitig verfügbar sein werden. Die Propaganda, dass die Energiewende unbezahlbar sei, hält sich bis heute, selbst in der Energiepreiskrise im Ukraine-Krieg.


    [Bollmann 2015]

    Radikal ist doch eher, wenn man nichts tut, wenn man die Katastrophe einfach so hinnimmt.
    Axel Prahl
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    Petra Pinzler wundert sich im Katastrophensommer 2022 über die krankhaften Ausmaße der kollektiven kognitiven Dissonanz, und empfiehlt als Therapie viele Erzählungen über Lösungen der Krise.
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    Der Wissens-Chefredakteur der Zeit Bernd Ulrich spricht bei der wichtigsten persönlichen Entscheidungssfrage unserer Zeit, die Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck wieder einmal politiker-untypisch klar formuliert, von Öko-Existenzialismus.


    Menschen können sich entscheiden, wer sie sein wollen.
    Robert Habeck

    Ulrich führt die Frage so aus:


    In meinen Gesprächen, die häufig beim Veganen ihren Ausgangspunkt nahmen und dann rasch bei ungefähr allem landeten, hat sich aus der Verschärfung der ökologischen Lage die etwas zugespitzte Formel ergeben: ausbrechen oder durchdrehen. Also entweder man ändert sein Leben, übersteigt den eigenen Rahmen, investiert relevante Teile seiner Zeit oder auch seines Renommees in den Einsatz gegen die Krisen, vor allem die des Klimas, und geht damit ins Risiko für sich selbst – oder man stolpert immer tiefer in die Verdrängung, die Zerstreuung und die Illusion, in ein immer aufwendigeres und am Ende neurotischeres Nichtwahrhabenwollen, ins Alles-halb-so-wild. Das ist gemeint mit der Alternative: ausbrechen oder durchdrehen.
    Bernd Ulrich
    [Ulrich 2022]

    Wie radikal Nichtstun ist, machte der Präsident des pazifischen Inselstaats Palau den anderen anwesenden Staatsoberhäuptern der Klimakonferenz COP26 in Glasgow mit drastischen Worten deutlich. Es fand in Deutschland kaum ein Echo.


    Wenn diese Inseln untergehen, haben wir die Kultur, die Sprache, die Identität der Menschen verloren. Natürlich kann man die Leute in ein Gebäude nach Shanghai umziehen lassen oder auf ein Feld in Arkansas oder sonstwohin. [...] Sie sind [dann] nicht mehr länger eine Nation, nicht mehr länger ein Volk. Wir sollten nicht wegen des Handelns der größten CO2-Emittenten aussterben. [...]
    Der langsame Tod hat keine Würde. Dann bombardieren Sie doch unsere Inseln, anstatt uns leiden zu lassen, nur damit wir unseren langsamen, verhängnisvollen Niedergang miterleben.
    Surangel Whipps
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    Wir stehen an einem historischen gesellschaftlichen Kipppunkt. Am 28.10.2021 waren die Chefs der großen US-Ölfirmen vor einen Kongress-Ausschuss geladen, um zum Vorwurf von jahrzehntelangen Desinformationskampagnen Stellung zu nehmen. Es wird nicht der letzte gewesen sein, auch international. Immer mehr Klagen gegen Fossilkonzerne und die sie protegierenden Staaten haben Erfolg. Jetzt ist der kritische Moment, wo wir den fossilen Gegenkräften entgegenstehen müssen. Denen, die mit uns im Boot sitzen und in die falsche Richtung rudern. Auf Unterstützung der Medien können wir dabei - wie bei ihrem unkritischen Umgang mit Klimaskeptikern - aber bisher nicht zählen, auch hier braucht es eine Transformation.
    Der israelische Historiker Yuval Harari hat viele Studien über die Kosten einer rechtzeitigen Klimaneutralität verglichen - die Mehrheit gibt 2-3% des BIP an, die höchsten Angaben liegen im nedrigen einstelligen Prozentbereich. Im Vergleich zu den Kosten in den letzten Krisen - Subprime (USA 3,5%), Corona (global bis 14%), Ukraine - ist das nicht viel. Verglichen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der die USA 45% kostete, ein Schnäppchen. Die Klimawende schafft Arbeitsplätze und bessere Voraussetzungen für Gesundheit. Umso weniger verständlich, dass diese Option nicht, oder wo, da nur allzu zaghaft verwirklicht wird. Harari rechnet vor, dass die Kosten im Bereich dessen liegen, was - Zitat: "Trommelwirbel" - weltweit an Subventionen für die Verbrennung fossiler Brennstoffe aufgebracht wird. Dazu kommen noch die externen Kosten, die er mit 7% des BIP angibt. Abwarten ist weit teurer als Handeln, ja es wird uns als Zivilisation, man darf auch von Menschheit sprechen, sprichwörtlich den Kopf kosten.
    Abwarten war bisher schon zutiefst irrational, wurde aber von den jeweils Regierenden mit vielerlei Argumenten begründet. Wer davon zum ersten Mal liest, sollte sich zumindest verwundert die Augen reiben. Ein Außerirdischer müsste (so er denn Humor hätte) wohl laut loslachen. Komplett lost, diese Menschen!
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    Präsentation der Studien: [Verknüpfung]
    Youtube-Video des TED-Vortrags: [Verknüpfung]
    Harari ist Mitgründer der ökosozialen Denkfabrik Sapienship.
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    Also bitte keine Schwarzseherei! Wenn jemand sagt: "Es ist zu spät! Die Apokalypse steht bevor!", dann antworten Sie: "Von wegen, wir können sie aufhalten, es braucht nur zwei Prozent."
    Yuval Harari

    Zeitenwende ist, wenn...

    The times they are a-changin'...
    Wenn private Medien wie n-tv (gehört zu RTL!) Volker Quaschning erlauben, den GAU der @CDU-@FDP-@SPD-Klimapolitik zu erklären, dann ist die Transformation im vollen Gange...https://t.co/MYwMTnUg0S

    — teachers for future Germany (@t4future_de) April 27, 2022

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    Die traditionsreiche, progressive Ordensgemeinschaft der Jesuiten stellt sich mit hochrangigen Vertretern in eine Reihe mit gewaltfreiem zivilem Ungehorsam wie den Autobahnblockaden im Januar 2022 der Aktion "Aufstand der letzten Generation".


    Uns läuft die Zeit davon: Die Wissenschaft belegt, dass in den kommenden vier bis zehn Jahren die entscheidenden Weichen gestellt werden müssen, um das „Weiter-So“ in eine drei Grad heißere Welt mit unvorstellbaren Katastrophen noch aufhalten zu können. Die Störungen des Aktivist:innen kosten lediglich Zeit, machen aber darauf aufmerksam, dass der Klimawandel schon jetzt Menschenleben kostet. Leben sind wichtiger als Zeit.
    Dr. Jörg Alt SJ
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    Die Handlungsoptionen freier demokratischer Gesellschaften im Klima- und Biodiversitätsschutz schwinden nicht nur mit der exponentiell fortschreitenden Zerstörung der natürlichen Ressourcen. Die fossilen Gegenkräfte organisieren sich seit Jahrzehnten und haben in Vladimir Putin einen zentralen und mächtigen Netzwerker gefunden - sie organisieren populistische autoritäre Strukturen und finden in Europa und den USA willfährige Verbündete. Zusammen spalten sie die Zivilgesellschaft mit endlosen Debatten darüber, ob man etwas unternehmen sollte und wenn ja, was; und vor allem mit der Frage, wer die Belastungen tragen soll. Mit diesem klassischen machtpolitischen Machiavellismus "divide et impera" sind Jahrzehnte ins Land gegangen, in der das ökozide Profitsystem konserviert, ja zementiert wurde.

    Allen Warnungen des IPCC und ihren eigenen Versprechungen zum Trotz investieren die alten fossilen Profiteure, v.a. die größten US-Finanzgesellschaften, aber auch staatliche Akteure, weiter in neue fossile Energieprojekte. Damian Carrington und Matthew Taylor sprechen im Guardian bei diesem größten Greenwashing aller Zeiten von einer "carbon bomb".
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    Euronews spricht von einem Volumen von über 800 Milliarden Euro.
    [Verknüpfungen]
    Studie: [Verknüpfung]
    Studie des Greenwashings: [Verknüpfung]
    Der Professor der Umweltwissenschaften an der University of California Santa Barbara Roland Geyer: wie schon bei FCKW und Tetraethylblei, so lässt sich ohne internationale Verbote lässt sich das Problem fossiler Investments nicht lösen.
    [Verknüpfung]
    Christian Stöcker präsentiert im Spiegel Studien mit Listen der größten Investitionen. Wie zu erwarten war, werden diese Studien auch erstellt von Konkurrenz-Unternehmen, die selbst versuchen, ohne neue fossile Investments zu wirtschaften.
    Studie "Carbon Underground 200": [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Auch europäische Firmen investieren, auch mit EU- und deutscher Unterstützung, im globalen Süden, zum Beispiel an der größten beheizten Pipeline EACOP durch Ostafrika. Wie bei den meisten postkolonialen Investitionen profitieren vor Ort großenteils nur Eliten - es geht weniger um die Schaffung von breitem Wohlstand.
    [Verknüpfung]

    Nicht nur die Ölparty ist vorbei, auch der Neolibertarismus stößt an seine Grenzen. Der US-Präsident Joe Biden hat zwar eine Light-Version seiner geplanten Klimagesetzgebung Green New Deal durchsetzen können, und sich damit wieder ganz klar vom Neolibertarismus distanziert. Dennoch bestimmmen republikanische, fossilökonomistische Kräfte weiter die US-Politik. So hat der oberste Gerichtshof die Behörde EPA, die die Einhaltung der Klimagesetze kontrolliert, für nicht zuständig in Klimafragen erklärt. In die gleiche Richtung zielen die jüngsten Anti-Wokeness-Gesetze republikanischer Bundesstaaten. Damit beschließen sie ultimative Eingriffe in den freien Markt, um Divestment zu verbieten und damit das unausweichliche Platzen der Carbon Bubble aufzuhalten. Nochmal: Neolibertäre, die Gralshüter des unregulierten Markts, hindern Investoren per Gesetz daran, ihr Geld vor dem Crash in Sicherheit zu bringen, also aus fossilen Investments auszusteigen - das ist Marktmanipulation pur. Gleichzeitig strafen die Finanzmärkte den Versuch der Thatcher-Nachahmerin Liz Truss, mittels Trickle Down im Vereinigten Königreich ein Wirtschaftswunder zu entfesseln, gnadenlos ab und nötigen sie damit zum Rücktritt nach einer historisch kurzen Amtszeit von 50 Tagen. Joe Biden hatte Truss vorher gewarnt, er sei "sick and tired" von der Trickle-Down-Ökonomie.

    Doch trotz des offensichtlichen Umdenkens in der Finanzwelt ist eine ökologische Katastrophe mittlerweile unausweichlich, nur ihr Ausmaß lässt sich noch beeinflussen. Ohne eine Klärung der Verantwortungsfrage wird die Gesellschaft selbst an dieser Aufgabe scheitern. Die letzten Hoffnungen ruhen auf der Mobilisierung der wachsenden Gruppe der Gutwilligen, vereint hinter einer neuen politischen Jugend, der Flucht des globalen Großkapitals aus fossilen Investments aus Angst vor dem Platzen der Carbon Bubble, und nicht zuletzt auf der internationalen wie nationalen Justiz.


    Die Fossilbranchen sind bereit, die Zukunft der Menschheit aufs Spiel zu setzen. Es wird Zeit, sie entsprechend zu behandeln.
    Christian Stöcker
    [Stöcker 2022-1]

    Nach einer Entspannung in der Corona-Krise steigt die Gasnachfrage im Herbst 2021 schlagartig an - aber die russischen Versorger erhöhen ihre Exporte nicht. Sie hatten auch schon Vorsorge getroffen, dass die deutschen Gasspeicher nicht ausreichend gefüllt sind. Der Gaspreis und damit auch der Strompreis klettern v.a. dadurch im Winter 21/22 in astronomische Höhen. Dann verschärft der Ukraine-Krieg die Krise. Auch wenn die westlichen Sanktionen die Geldströme nach Russland drosseln - die Bezahlung der russischen Gaslieferungen ist davon nicht betroffen, denn Europa, v.a. Deutschland, ist in hohem Maße davon abhängig.
    Eine Grafik des Bundesamts für Geowissenschaften und Rohstoffe zeigt das Ausmaß der deutschen Abhängigkeit.

    [BGR 2022]
    Ein Importstop würde hohe Kosten verursachen, die die deutsche Politik bis Mitte März noch nicht zu zahlen bereit ist, obwohl im Fernsehen Bilder zerstörter Städte aus der Ukraine zu sehen sind, die den lange bekannten Bildern aus Syrien und Tschetschenien immer mehr ähneln.
    Das Oligopol der Mineralöl-Konzerne und Tankstellenbetreiber (an denen auch russische Investoren beteiligt sind) schraubt im Windschatten der Rohöl-Preiskrise ebenfalls kräftig seine Profite nach oben, was wieder zeigt, dass der Markt eben nicht alles regelt, also wenn der Staat nicht eingreift. Eine solche offensichtliche Absprache ist nach Minister Habeck ein Fall für das Kartellamt.
    Putins Entscheidungen spülen aber nicht nur den russischen Öl-Oligarchen Geld in die Kassen, er verschärft auch die Destabilisierung westlicher Demokratien durch Rechts-Populisten wie Trump, den Brexiteers, Orban, Kaczynski, den Front National, die AfD etc., die schon vorher durch Russland unterstützt wurden. Putin und andere Milliardäre setzen alles daran zu verhindern, dass die Welt sich aus ihrer Abhängigkeit vom Öl befreit.
    Das deutsche Bremsen bei Maßnahmen gegen Putins imperiale Politik sorgte auch schon vor dem Ukraine-Krieg für Irritationen bei den östlichen EU-Mitgliedern. Der Besuch der drei osteuropäischen Staatschefs und des PIS-Parteivorsitzenden Jarosław Kaczyński im belagerten Kiew ist auch eine Erinnerung an den Besuch von Lech Kaczyński im belagerten Tiflis 2008.


    Heute Georgien, morgen die Ukraine, übermorgen die baltischen Staaten und später ist vielleicht mein Land, Polen, an der Reihe.
    Lech Kaczyński
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    Eine Transformation der russischen Wirtschaft vom Rohstofflieferanten zum Produzenten von Grünem Wasserstoff wurde auch geopolitisch diskutiert, aber nicht realisiert. Privates Geld für Investitionen wäre im Überfluss dagewesen. Stattdessen bedient Russland weiter die Interessen der Oligarchen, genauso wie die USA die ihrer Ölmilliardäre, und wie Deutschland die der Hersteller von Verbrenner-PKW: damit diese weiter aus der bestehenden fossilen Infrastruktur gigantische Profite erzeugen können. Auch vor einem Krieg mit der Ukraine schreckt die russische Öl-Oligarchie nicht zurück.
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    Der lähmende Einfluss von Eigentümern reicher Rohstoffvorkommen auf die Weiterentwicklung und Anpassungsfähigkeit von Staaten wird seit den 80er Jahren als Dutch Disease, die Holländische Krankheit, bezeichnet. Ähnliche Probleme zeigen sich in den Braunkohleregionen Deutschlands oder der USA, wo Lokalpolitiker die Klimawende blockieren: z.B. der demokratische Senator von West Virginia, Joe Manchin, an dessen Interessen ein entscheidender Teil von Bidens geplanter Klimapolitik gescheitert ist, oder die Ministerpräsidenten Laschet, Haseloff (beide CDU) und Woidke (SPD). Zu den Fällen der Holländischen Krankheit zähle ich zweifellos die USA hinzu, aber auch Deutschland, dessen Großindustrie (Deutschland AG) auf Gedeih und Verderb mit den Interessen der Ölstaaten verknüpft ist - entsprechend lobbyiert sie auch international; ursächlich für diese krasse Fehlentwicklung sind die engen personellen Verflechtungen von CDU, FDP und SPD mit dem fossilindustriellen Komplex.
    [Wikipedia 2022 - Holländische Krankheit]
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    Putins blutiger Versuch im Februar 2022, den westlichen Liberalismus vor der russischen Grenze durch Invasion der Ukraine zu stoppen, gibt uns die Gelegenheit, über einen Boykott aus der Abhängigkeit vom russischen Gas loszukommen, und China die Chance, als Ersatz-Abnehmer von russischem Gas seinen Kohlekonsum zu reduzieren. Bisher galt die Abnahme von russischem Gas vor allem in der SPD, aber auch in der CDU und der FDP, als zentrales Instrument der Ostpolitik.
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    Putins Entscheidung für Krieg führt in eine fatale russische Isolation.
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    Das globale Festhalten am Konsum fossiler Energieträger basiert auf einem historischen Gebäude aus Wunschdenken und Propaganda - der Ideologie des Fossilökonomismus, der mehr und mehr Züge einer Religion zeigt.
    Filmtip: Don't Look Up von Adam McKay (USA 2021)
    Die meisten Konservativen, aber auch Liberale und Sozialdemokraten haben jahrzehntelang die Klimafrage massiv verharmlost, also bewusst gelogen oder zumindest sich selbst betrogen.

    Eine besondere Verantwortung kommt den Schulen und Medien zu. Ihre Rolle in der Vermittlung der Fakten ist angesichts der Klimakrise immer noch prekär, da die meisten Akteur:innen die kritiklose Gegenüberstellung von Fakten und wissenschaftlichen Unwahrheiten für politische Ausgewogenheit halten. Anstatt sich mit entsprechender Expertise zu versehen, dienen sie nur als unparteiisches Sprachrohr, d.h. also beider Seiten. Dass sie sich damit der Desinformation schuldig machen, die uns in den Abgrund führt, ist ihnen nicht bewusst.

    Wissenschaft, die vor der Krise hätte warnen können, wurde oftmals nicht gefördert oder sogar unterbunden. So kamen die Hiobsbotschaften über das Artensterben der letzten Jahre für manche wie aus heiterem Himmel. Anstatt die Forderungen der Wissenschaftler nach einer sofortigen Agrarwende zu vertreten, instrumentalisieren Windkraft-Gegner die Zahlen - gegen die Forderungen genau der Umweltverbände, die massiv geholfen haben, diese Zahlen zu erheben.
    Die Energie-, Wärme- und Verkehrswende muss einhergehen mit einer Änderung der Rohstoff- (Kreislauf-) Wirtschaft und vor allem der Landnutzung, d.h. Minderung des Konsums tierischer Produkte und ökologische Landwirtschaft. All das wurde vor 50 Jahren schon gesagt: Die Studie "Limits to Growth" der ökosozialen Denkfabrik Club of Rome wurde am 02.03.2022 50 Jahre alt.

    Wie geht man mit Menschen um, die die Lage immer noch nicht begriffen haben, weil sie nicht in ihr Weltbild passt? Klimakommunikations-Experte Christopher Schrader von riffreporter nennt bei klimafakten.de eine Empfehlung von Sebastian Herrmann von der Süddeutschen Zeitung: "[...] nicht sofort zurückargumentieren oder sagen: Wie kannst Du nur! Sondern erst einmal zuhören und dann zurückfragen [...], was denn die Quellen sind oder warum man ihnen glaube."
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    Mit Carel Mohn (klimafakten.de), Pia Lamberty (Sozialpsychologin), Katharina von Bronswijk (Vorsitzende Psychologists for Future) und Eckart von Hirschhausen (Gründer Stiftung Gesunde Erde - Gesunde Menschen) diskutiert Schrader die aktuelle Situation in der Klimakommunikation: "Klima, Krieg, Corona – kommunizieren in der Krise?"
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    Dass sich jetzt auch die Finanzmärkte von der Fossilindustrie abwenden, bringt viele zum Nachdenken - manchen Ewiggestrigen reicht das aber immer noch nicht. Das zeigt das Abstimmungsverhalten der CDU- und FDP-Vertreter:innen im EU-Parlament - allen Lippenbekenntnissen für Biodiversität und Klimaschutz zum Trotz. Beim Green Deal enthalten sich die allermeisten, während immerhin einige wenige dafür stimmen; strengere Biodiversitätsregeln, ein höheres CO2-Minderungsziel oder ein Verbot fossiler Subventionen wird von ihnen wie von Vertreter:innen von FDP und AfD aktiv behindert.
    Abgeordnetenwatch über die Abstimmung zum Green Deal: [Verknüpfung]


    [Verknüpfung]
    Nabu zur Abstimmung über Biodiversität: [Verknüpfung]


    Sven Giegold zur Abstimmung über CO2-Minderungsziele: [Verknüpfung]

    Was die Union dagegen fordert, ist Klimaanpassung, darunter auch die Forderung nach der Innovation von Klimaanpassung von Nutzpflanzen durch Gentechnik. Abgesehen davon, dass diese extrem intensive Form der Pflanzenkultur den Empfehlungen der Experten zur Agrarwende diametral widerspricht: in einer Klimakatastrophe, wie sie durch CDU-Politik befördert wird, ist das Projekt aus biologischer Sicht ein völlig illusorisches Unterfangen.
    Hier der Antrag der Fraktion der CDU/CSU vom 26.04.2022:
    "Klimaanpassung forcieren – Zum Schutz von Menschenleben, der Natur und zum Erhalt des Wohlstands
    [...] Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
    – umgehend ein Nationales Klimaanpassungsgesetz zur Daseins- und Zukunftsvorsorge vorzulegen, das die berechtigten Belange von Ländern, Kommunen, Landwirten, Grundstückseigentümern und anderweitig Betroffenen einbezieht und beachtet,
    – neben den beiden Säulen „Soforthilfen“ und „Wiederaufbau“ auch eine dritte Säule „Vorsorge“ zum Schutz vor künftigen negativen Klimawandelfolgen vorzusehen, [...]
    – die Finanzierung der Zukunftsaufgabe Klimaanpassung sicherzustellen und die hierfür erforderlichen Optionen, zum Beispiel die Erweiterung einer bestehenden Gemeinschaftsaufgabe bzw. die Schaffung einer neuen Gemeinschaftsaufgabe „Klimaanpassung“ zu prüfen, [...]
    – neue Züchtungsmethoden für Pflanzen (CRISPR/CAS) zu unterstützen und auf europäischer Ebene für eine grundsätzliche Überarbeitung des EU-Gentechnikrechts einzutreten und das deutsche Gentechnikrecht entsprechend anzupassen [...]"
    [CDU 2022]

    Eigentlich sollte jetzt jeder das Desaster der wirtschaftsliberalen und konservativen Fossilökonomisten-Politik erkennen. Doch sie verdrehen sogar die jüngste Energiepreis-Krise: sie bringen diese einfach in einen Zusammenhang mit der neuen Klimapolitik und machen daraus gesellschaftspolitischen Sprengstoff, reden eine "grüne Inflation" herbei, obwohl die CO2-Bepreisung - samt Sozialausgleich - noch gar nicht wirksam ist. Anstatt eine konstruktive Rolle in der Transformation einzunehmen, spalten sie weiter eine Gesellschaft, die sich am kritischen Kipppunkt pro Klimaschutz befindet. Damit machen sie sich zu Handlangern der fossilen Profiteure wie Putin und Co.: sie beharren auf ihrer fossilen Ideologie, riskieren die Überlebenschancen der jungen Generation und verpassen damit den letzten Zug in eine konstruktive politische Zukunft. Die immer deutlicher werdende Vernetzung der CDU mit den US-Republikanern, die die gleiche ökozide Politik vorantreiben, ist für die deutsche Demokratie eine alarmierende Entwicklung.
    Bezeichnenderweise profilierte sich hier als Erster wieder einmal besonders der Vorsitzende der Jungen Union Tilman Kuban, hier in einem Gastbeitrag im Focus, allerdings muss man einschränkend dazusagen: das war noch vor Kriegsbeginn.


    Die ständig steigenden Energiekosten in Deutschland sind ein immer stärkerer Preistreiber — und diese sind hausgemacht. Eine Politik, die zulässt, dass die Energiekosten binnen eines Jahres um 30 Prozent steigen, zieht den Leistungsträgern des Alltags das Geld aus der Tasche.
    Tilman Kuban
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    Kuban wendet sich an die untere Mittelschicht, die unter den neoliberalen Entwicklungen der letzten 40 Jahre besonders viele Einschnitte hinnehmen musste und in dieser Zeit auch stark geschwunden ist. 33 von diesen 40 Jahren wurde Deutschland geführt von den CDU-Kanzler:innen Kohl und Merkel. Mit Klimapolitik haben die Einschnitte gar nichts zu tun, sondern mit einer immer schnelleren Umverteilung von unten nach oben nach dem Motto "Leistung muss sich (wieder) lohnen". Für diesen etwas angestaubten Wahlspruch fing sich Armin Laschet 2021 schließlich den hämischen Vorwurf ein, Wahlkämpfer der FDP zu sein.
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    Auch Kubans neuer Parteivorsitzender Friedrich Merz schürt Ressentiments gegen die Energiewende.
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    Aber nicht nur die Jahre unter Kohl und Merkel, auch die sieben Jahre unter Gerhard Schröder (SPD) waren vom globalen Neoliberalismus geprägt. Ein vergleichender Blick des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW in die Bundestags-Wahlprogramme von 2021 belegt eindrucksvoll, dass sich an dieser Tendenz auch nichts geändert hat.
    Der Fokus titelte im Wahlkampf 2021: "Regulieren, umverteilen, verbieten: Die neue grüne Welt wird teuer"
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    Hätte Kubans Partei, die CDU, nicht in wechselnden Koalitionen mit FDP und SPD 16 Jahre lang das 2000 erfolgreich gestartete Erneuerbare-Energien-Gesetz sabotiert, wäre die Handelspolitik nicht nur im Sinne der fossilen Industrie ausgestaltet worden, und hätte Ex-Kanzler Gerhard Schröder nicht so schamlos und ungehindert für seine neuen russischen Arbeitgeber Gazprom und Rosneft in der SPD lobbyiert, wäre die Abhängigkeit von russischem Gas nicht so hoch. Wären die Preissteigerungen einer klimapolitischen Agenda gefolgt, dann würden sie nicht zu den kriegstreiberischen, autoritären Produzenten fließen, sondern als Klimadividende über die Staatskasse zu den Bedürftigten, und Kuban hätte gar keinen Anlass für seine Kampagne. Aber wie eine wirksame CO2-Steuer, so wurde auch diese Idee zur Umverteilung von der CDU in der Großen Koalition blockiert.
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    Damit begibt sich Kuban auf das Niveau des Rechtspopulismus. Nur in einschlägigen Portalen findet man diese verdrehte Darstellung.

    So titelt die AfD in ihrem Mitgliedermagazin: "„Energiewende“ gescheitert: Öl- und Gaspreise EXPLODIEREN!" Die AfD NRW schreibt: "Der Gaspreis-Schock ist eine direkte Folge der grünen Energiewende! [...] „Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen!“"
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    Nicht einmal die Bild-Zeitung beteiligt sich an der verlogenen Kampagne der CDU. Die hat sich vorher im Wahlkampf mit ähnlichen klimapolitischen Verdrehungen eine offizielle Missbilligung des Presserats eingehandelt. Denn in der Print-Ausgabe vom 15.09.2021 hatte sie getitelt: "IG-Metall-Chef Jörg Hofmann warnt: Klimaschutz kostet Hunderttausende Jobs". Dabei hatte dieser im Interview genau das Gegenteil gesagt: die Regierung sei in der Umstellung auf Elektromobilität viel zu träge und gefährde damit Hunderttausende von Arbeitsplätzen.
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    Eine Studie des Berliner Energieberatungsunternehmens Arepo Consult hatte das bereits 2019 prognostiziert - außerdem eine Verteuerung der Stromkosten bei Verschleppung der Energiewende, wieder im Gegensatz zum fossilökonomistischen Narrativ.
    Besonders schillernd übt sich im Ukraine-Krieg der wegen Sex-Affären geschasste Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt auf seinem Youtube-Kanal "Achtung, Reichelt!" wie bisher spalterisch mit Schüren von Neid und Verlustangst: "Deutschland kurz vor dem Untergang". Der österreicher Standard hat dafür nur Häme übrig.
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    Als Wissens-Chefredakteur beim Spiegel bezeichnete Axel Bojanowski sich gern als "Journalist im Klimakrieg", als Verteidiger des klimawissenschaftlichen Diskurses: er behauptete, dass die Lehrmeinung allzu vorschnell über kontroverse Thesen den Stab breche. Ohne den üblichen, krawalligen Ton anderer Klimaskeptiker meldete er sachlich, aber doch bestimmt, Zweifel an der Klimawissenschaft an, immer vorgeblich um wissenschaftliche Unabhängigkeit bemüht. Ein anderes Vorgehen wäre im Spiegel auch nicht tragbar gewesen. Dass er vor allem die Kontroversen betonte, und die große Einigkeit als unzulässige "Meinungsdiktatur" darstellte, schien kein Problem zu sein.
    Ende 2019 ist mit Greta Thunbergs Erfolg das Klimaskepsis-Thema beim Spiegel verbrannt, Bojanowski hat seinen "Klimakrieg" der Meinung gegen eine 15-jährige Schulstreikende verloren. Nach einem kurzen Intermezzo bei Bild der Wissenschaft (mit einem Titelthema über CO2 als Pflanzendünger...) wechselte er 2020 zu die Welt. Sie gehört wie das rechtspopulistische Boulevardblatt Bild zum Springer-Konzern. Dort erweist sich seine false balance nicht als journalistisches Versagen, sondern als politische Agenda. Zum Klimastreiktag am 23.09.2022 scheibt er schließlich einen Kommentar, mit dem er sich als Wissenschafts-Redakteur klar disqualifiziert und als rechter Hetzer entlarvt.
    Weil der Text so viele Thesen der Klimaschutz-Bremser von rechts in extrem konzentrierter Form enthält, möchte ich ihn hier als aktuelles Beispiel Absatz für Absatz kommentieren.

    Zitat Bojanowskimeine Anmerkungen dazu

    "Energiekrise: Der menschenfeindliche Kern der Umweltbewegung

    Die Klimaproteste offenbaren den menschenfeindlichen Kern der Umweltbewegung
    Veröffentlicht am 23.09.2022
    Von Axel Bojanowski
    Chefreporter Wissenschaft
    Fridays for Future ruft zu einem weltweiten Klimastreik auf. „Wer hundert Milliarden für die Bundeswehr ausgeben kann, muss auch hundert Milliarden fürs Klima ausgeben können“, fordert Pauline Brünger von Fridays for Future Köln. Mitten in einer schweren Energiekrise demonstrieren „Fridays for Future“ gegen fossile Energie und Kernkraft."
    Ok.
    "Damit offenbaren die Klimaschützer, dass ihnen menschliches Wohlergehen wenig bedeutet." Bojanowskis These.
    Fridays for Future sagt etwas ganz anderes: What do we want? Climate Justice! Da ist erstmal nicht von "menschlichem Wohlergehen" die Rede, sondern von Gerechtigkeit. Die Frage ist nämlich, wessen Wohlergehen Bojanowski meint. Die Menschen im Globalen Süden und in der Zukunft leiden jetzt oder später viel stärker an der Erderwärmung als wir es heute tun. Und zwar, weil unser Wohlergehen nicht auf nachhaltiges Wirtschaften zurückgeht, sondern auf Ökozid. Das geht nicht, wir müssen 'raus aus der Komfortzone, um anderen das Überleben zu sichern.
    "„Fridays for Future“ vertreten ein wichtiges Anliegen: das Bremsen der globalen Erwärmung. Im Einklang mit der Klimaforschung drängen die Aktivisten auf Eindämmung des Ausstoßes menschengemachter Treibhausgase." Bojanowski verwahrt sich durchaus nachvollziehbar davor, Klimaskeptiker zu sein. Als solcher wird man nämlich nicht mehr ernst genommen.
    "Sie haben recht, dass die Umstellung auf CO2-arme Energieversorgung zu langsam vonstattengeht, um den Klimawandel kurzfristig aufzuhalten." Viele Konservative, davon auch viele Welt-Leser, haben nach später Erkenntnis des Problems die bequeme Haltung des resignativen Fatalismus eingenommen. Sie werden hier zustimmen.
    "Ihre Untergangsbeschwörungen finden sich allerdings nicht in den Sachstandsberichten des UN-Klimarats. Zwar gehen mit der Erwärmung Wetterrisiken einher, welche die Menschheit möglichst vermeiden sollte. Doch in keinem Szenario des Klimarates würde es der Menschheit schlechter gehen am Ende des Jahrhunderts." Hier stellt sich die Frage, woher er diese Gewissheit nimmt, oder ob er nicht absichtlich die Unwahrheit sagt. Denn diese Behauptung lässt sich mit einfacher Internetrecherche in wenigen Sekunden widerlegen. Zitat aus dem jüngsten Berichts für Entscheider von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC: " Mid to Long-term Risks (2041–2100)
    Beyond 2040 and depending on the level of global warming, climate change will lead to numerous risks to natural and human systems (high confidence). For 127 identified key risks, assessed mid- and long-term impacts are up to multiple times higher than currently observed (high confidence). The magnitude and rate of climate change and associated risks depend strongly on near-term mitigation and adaptation actions, and projected adverse impacts and related losses and damages escalate with every increment of global warming (very high confidence)."
    Pdf-Dokument S.14: [IPCC WG2 AR6 SPM 2022]
    "Der Katastrophismus vieler Aktivisten führt uns in die Irre" Versucht er sich beim Leser anzubiedern, als Mit-Opfer der vermeintlichen Aktivisten-Propaganda? Hat er am Ende also zuerst den Aktivisten geglaubt und ist dann eines Besseren belehrt worden?
    Oder hat er den IPCC-Bericht, das wichtigste Wissenschafts-Papier des Jahres, denn tatsächlich nicht gelesen, als Wissenschaftler und langjähriger Chef der Wissensressorts bei zwei der größten deutschen Zeitungen, der sich bisher immer mit Vorliebe dem Klimathema widmete?
    "Im Gegenteil: Die Folgen der Erwärmung bremsen die prognostizierte Verringerung von Hunger und Armut demnach allenfalls. Bislang sind die Opfer von Wetterkatastrophen dramatisch weniger geworden, die Ernährung der Weltbevölkerung hat sich massiv verbessert – trotz Bevölkerungswachstums und globaler Erwärmung." Das ist nicht nur eine krasse Lüge, sondern eine geradezu groteske Verdrehung der Tatsachen. Sie war zwar noch 2021 mit Zahlen belegbar, eine perfide Rosinenpickerei; doch 2022 stimmen selbst diese Zahlen nicht mehr. Die Ernährung ist in Wirklichkeit ernsthaft bedroht, vor allem von vier Faktoren:
    1. Klimawandel, in hohem Maße mitverursacht durch industrielle Landwirtschaft
    2. Bodendegradation durch mineraldüngerbedingten Humusabbau, die besonders in Dürrephasen die Erosion beschleunigt
    3. Zerstörung der globalen Biodiversität durch Bodennutzung, Überdüngung und Gifte, u.a. Pestizide
    4. hoher Flächenverbrauch durch zu hohen Fleischkonsum,der zudem gesundheitsschädlich ist
    Die einzige Lösung ist eine sofortige sozial-ökologische Agrarwende.
    1. Humusaufbau durch Kreislaufwirtschaft mit organischem Dünger (auch menschlichen Fäkalien), verringert zudem die Gewässerbelastung
    2. starke Reduzierung des Viehbestands, Viehhaltung nur noch als extensive Weidewirtschaft
    3. Umverteilung der exorbitanten Gewinne aus Lebensmittelverarbeitung und -Handel
    4. Subventionierung von Ökosystem-Dienstleistungen der Landwirtschaftsbetriebe
    Das sagen nicht nur wie noch vor Jahrzehnten die ökologischen NGOs, sondern auch die wissenschaftlichen Experten aus Ökologie- und Klimaforschung: IPCC, IPBES, UNEP, World Food Programme WFP, das Committee on World Food Security CFS bei der Food and Agriculture Organization of the United Nations FAO, OxFam, Misereor, Weltagrarbericht; und vor allem mittlerweile unisono führende Expertengruppen und Forschungsinstitute aus Wirtschaft und Landwirtschaft: das WEF, die Boston Consulting Group BCG 2019, der Europäische Rechnungshof 2018, der Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt BIOGUM an der Universität Hamburg 2003, der Dasgupta Review für das britische Finanzministerium 2021, außerdem die deutschen Berichte im staatlichen Auftrag, also des Umweltbundesamts 2017, der Akademie der Wissenschaften Leopoldina 2020, und der Zukunftskommission Landwirtschaft 2021.
    "Das Klima entscheidet nicht über das Wohlergehen der Menschheit, andere Faktoren sind dominant: die Verfügbarkeit technischer Hilfsmittel und Dünger etwa, ..." Wie gesagt: das widerspricht diametral der Lehrmeinung der Wissenschaft. Industrielle Landwirtschaft mit synthetischem Dünger und Pestiziden ist nach all den o.g. Studien das genaue Gegenteil von nachhaltiger Ernährungssicherheit, sondern trägt maßgeblich zur Zerstörung der Biosphäre und damit direkt der wichtigsten Ernährungsgrundlage bei.
    "... die Vorwarnung vor Wettergefahren oder..." Das stimmt, und dafür braucht es die Klimamodelle, deren Validität Bojanowski schon so oft anzweifelte.
    "... der Zugriff auf billige Energie." Wenn Bojanowski damit nukleare oder fossile Energie meint, dann ist das erstens zu teuer, wie die Internationale Energieagentur IEA 2020 feststellte. Und zweitens in puncto Klimaschutz kontraproduktiv, wie schon 1977 der Ökonom William Nordhaus feststellte. Dafür bekam er 2018 den Nobel-Gedächtnispreis, und 2019 stimmten ihm 27 Nobel-Gedächtnispreiskolleg:innen zu.
    "Dennoch steht die Eindämmung des Klimawandels zurecht weit oben auf der Agenda der Vereinten Nationen." Eine erstaunliche Einsicht, die dem vorher Gesagten zwar komplett widerspricht, aber zur Sicherstellung der eigenen Seriosität scheinbar notwendig ist. Er erklärt deshalb auch nicht, warum das Agenda-Setting der UN für Klimaschutz "zurecht" so aussieht.
    Er könnte genauso gut sagen "ich habe ja nichts, gegen Klimaschutz, aber..."
    "Nun allerdings bedroht eine akute Energiekrise die Menschheit. Trotzdem ruft „Fridays for Future“ auf Demonstrationen erneut zur Einschränkung von Energie auf: „Während die Klimakrise eskaliert, steigt die Politik wieder in Fossile ein. Fridays for Future streikt daher weltweit“, erklärt die Organisation. Die Klimabewegung offenbart ihren menschenfeindlichen Kern." "... menschenfreundlich muss er sein!" Und das heißt bei Bojanowski fossilwirtschafts-freundlich. Das geht mit Fridays for Future tatsächlich nicht.
    "Die Produktion von Dünger musste aufgrund mangelnden Erdgases weltweit erheblich zurückgefahren werden. Es drohen massive Ernteeinbußen und Hungersnöte." Es stimmt sogar, dass ein plötzlicher Ausstieg aus der Mineraldüngerproduktion kurzfristig problematisch wäre. Deshalb kann ich die Politik des Grünen Wirtschaftsministers nachvollziehen, in diesem Notfall entgegen allen außenpolitischen Bedenken Gas von alternativen Lieferanten zu beziehen. Mir ist auch kein Vertreter von Fridays for Future bekannt, der das plötzliche Abstellen der Düngerproduktion fordert. Mittelfristig ist die Agrarwende, wie sie von der Wissenschaft (und damit Fridays for Future) gefordert wird, der einzige Weg zu Ernährungssicherheit.
    "Wegen der hohen Energiepreise steht Deutschland vor der Deindustrialisierung. Zahlreiche Firmen haben ihre Produktion minimiert, ihnen droht Insolvenz; Arbeitsplätze sind in Gefahr, die Energiekosten steigen gefährlich." Deutsche Zukunftsindustrien wurden von neoliberalen, fossilökonomistischen Regierungen zerstört (PV, Windkraft) oder verhindert (Elektroauto), der Weg von Bürgern zur Energiesouveränität gegen geltende EU-Gesetze erschwert. Zukunftsuntaugliche Geschäftsmodelle mit Abermilliarden künstlich am Leben erhalten, z.B. die Verbrenner-Industrie im US-Dieselskandal oder Lufthansa und TUI in der Pandemie. Die Energiekosten wären mit Erneuerbaren Energien geringer, das sieht man an der deutschen Strombörse: für Süddeutschland muss Strom im Mittel weit teurer eingekauft werden als für Norddeutschland, wo der Ausbau der Erneuerbaren weit fortgeschritten ist. Und für die Energiewende ist am Ende womöglich wieder kein Geld da.
    "Gefährlich" ist nicht der Verlust von Geldwerten fossiler Profiteure, sondern das Verpassen von Zukunftschancen, eine drohende zwangsweise Stilllegung fossiler Industriezweige durch internationale Klimaschutz-Vereinbarungen und massive Schadenersatzforderungen; aber v.a. der Verlust unwiederbringlicher, lebensnotwendiger Natur-Ressourcen. Risiken, die Bojanowski nicht ernst nimmt.
    "Ein Dilemma, das von der Klimabewegung mit ihren radikalen Forderungen nach CO2-Reduktion übergangen wird, zeigt sich nun überdeutlich: Fossile Energien liefern mehr als vier Fünftel der Energie weltweit, sie sind bis auf Weiteres überlebenswichtig. Versuche, fossile Energien schleunigst abzuschaffen, gefährden Menschen." ... aber doch nicht, wenn Deutschland weniger fossile Energien nutzt. Im Gegenteil, ein deutscher Verzicht entlastet den globalen Markt auf der Nachfrageseite, was zu einer internationalen Entspannung beiträgt. Gerade erst haben die EU-Partnerstaaten Bedenken angemeldet, Deutschland würde die Preise am Gasmarkt verderben und ihn leerkaufen.
    Und wieder das Wording "gefährden", dieses Mal mit "Menschen". Das ist ein Musterbeispiel für Täter-Opfer-Umkehr: hier sollten einmal die Klimaopfer zu Wort kommen, die heute schon leiden, oder fiktive Zeitreisende aus der prognostizierten Zukunft.
    "Dennoch setzen westliche Regierungen unter dem Druck der Klimabewegung und einer finanzstarken Lobby ihren Kurs fort, die Versorgung mit Energie und Nahrungsmitteln einzuschränken." Das ist des Pudels Kern: Bojanowski spielt mit der globalistischen Weltverschwörung. Jetzt sind wir auf dem untersten Niveau der Debatte angekommen. Hat Bojanowski sich schon jemals mit der größten je dagewesenen Lobby-Macht beschäftigt, dem Petro-Patriarchat? Offensichtlich nicht. Die Regierung betreibt also deshalb Klimaschutz, weil sie von einer obskuren Lobby dazu gezwungen wird? Und nicht etwa, weil es höchste Zeit dafür ist? Bojanowski nimmt die Klimakrise immer noch nicht ernst.
    "Die Europäische Kommission hat einen Plan abgelehnt, armen Ländern beim Bau von Düngemittelfabriken zu unterstützen." Aus gutem Grund: solche Fabriken laufen Jahrzehnte - und dann braucht man sie längst nicht mehr, weil die Agrarwende sie überflüssig macht.
    "Die Niederlande, einer der wichtigsten Getreidelieferanten, schränkt den Düngergebrauch aus Umweltschutzgründen radikal ein." Die Niederländer haben soviel Gülle, dass sie sie schon exportieren müssen, und dennoch ist ihr Trinkwasser voller Nitrat.
    "Dabei hatte die Umstellung auf Öko-Landwirtschaft gerade wesentlich dazu beigetragen, dass Sri Lanka im Mai in den Staatsbankrott kippte. Die Ernte war dramatisch dezimiert, nachdem das Land auf Geheiß der Klimabewegung auf Öko-Landbau umgestellt hatte. Dennoch plant die Bundesregierung gegen den Protest von Landwirten, in Deutschland bis 2030 auf 30 Prozent Bio-Landwirtschaft umzustellen." Ich habe aus Sri Lanka nur von chinesischem Kolonialismus nach europäischem Vorbild gehört, z.B. einem riesigen, leeren Flughafen; aber vielleicht ist ja auch die biologische Landwirtschaft an allem schuld. Bojanowski wirft derart hemmungslos mit unbelegten Behauptungen herum, dass ich jetzt keine Lust habe, das auch noch zu recherchieren.
    Die o.g. Gutachten lassen jedenfalls nichts dergleichen in Deutschland befürchten, solange die Umverteilung nicht von reaktionären Kreisen blockiert wird wie in den USA.
    "Die Ideologie hat System: „Fridays for Future“-Ikone Greta Thunberg lehnt Kernkraft weiterhin ab, und auch die Bundesregierung will weiterhin Kernkraftwerke in Deutschland abschalten, mitten in der Energiekrise." Mit Emsland wird eines von drei verbliebenen Kraftwerken (wie von der Vorgängerregierung geplant) abgeschaltet, weil dort billiger Windstrom verfügbar ist. Meinetwegen könnte es auch weiterlaufen, aber der Preiseffekt ist aufgrund der Merit-Order-Regeln nach Expertenberechnungen marginal. Ich verlasse mich auf die Stresstest-Studien der Netzbetreiber.
    Ein Tempolimit und Raumtemperaturabsenkung würde soviel Öl sparen, dass man damit flexible Kraftwerke mit Nahwärme betreiben könnte, um den Ausgleich von Dunkelflauten um Welten besser besser zu erleichtern, als es das eine abgeschaltete Grundlast-AKW könnte.
    "Der Kampf gegen Kernkraft offenbart, dass es der Klimabewegung nicht vorrangig ums Klima geht: UN-Klimarat, Wissenschaftler und Europäische Union beispielsweise sehen Atomkraftwerke als geeignete Energieressource im Kampf gegen den Klimawandel, denn Daten beweisen: Kernkraft ist klimafreundlich, sicher und umweltschonend, und die ersten Länder bauen bereits Endlager für den Abfall." Das würde aber extrem teuer, denn die notwendige Verzwanzigfachung des Geräteparks würde ca. eine Billion Euro und v.a. viel zu viel Zeit kosten. Dabei ist Deutschland noch mit der Abwicklung des "Versuchs-Endlagers" Asse mit 120.000 Fässern beschäftigt. Alle Bundesländer sträuben sich gegen ein Endlager. Neuer Brennstoff käme - wenn alles beim Alten bliebe - aus menschenunwürdigen Bedingungen in Niger oder aus der russischen Föderation.
    "Aber Kernkraft birgt für die Umweltbewegung einen entscheidenden Nachteil: Sie löst die Probleme, welche die Klimabewegung für ihre Selbsterhaltung benötigt. Kernkraftwerke versorgen zuverlässig Millionenstädte – im Gegensatz zu Windkraftanlagen und Solarpanelen: Für die „Öko-Energien“ müssen riesige Naturareale industrialisiert werden, es werden massenhaft knappe Ressourcen benötigt, die vor allem aus China geliefert und dort gefertigt werden, teils unter menschenrechtswidrigen Bedingungen." Ja, wenn es um Elektroautos oder Windräder geht, dann sind plötzlich Vogelschutz und Menschenrechte entscheidend.
    "Das Grundproblem der sogenannten Erneuerbaren Energien ist ihre Abhängigkeit vom Wetter. Mit Irreführung will „Fridays for Future“ das Problem übertünchen: Stromspeicher würden angeblich nicht schnell genug gebaut, behauptet auch die Lobby der Erneuerbaren Energien, ausgestattet mit Milliarden-Subventionen der Steuerzahler. Energie-Forscher, die nicht zur Lobby gehören, rechnen zwar vor, dass es ausreichend Stromspeicher aus technologischen Gründen auf absehbare Zeit nicht geben kann." Wer bitte sind denn diese Forscher? Ich beschäftige mich intensiv mit der Materie (zumindest intensiver als Bojanowski mit dem IPCC), und habe noch nichts von ihnen gehört. Im Gegenteil schießen die neuen Akku-Typen gerade wie Pilze aus dem Boden, und sie werden immer günstiger und rohstoff-unkritischer.
    Die 50 Milliarden jährliche Fossil-Subventionen werden bei dieser Rechnung wie immer genauso ausgelassen wie die jährlichen Fossil-Importkosten in der gleichen Größenordnung. Seit Start des EEG im Jahr 2000 belaufen sich nur diese Kosten der Fossilwirtschaft auf über 2000 Milliarden Euro. So oft wurde diese Rosinenpicker-Geschichte erzählt, so oft wurde widersprochen. Bojanowski weiß, dass seine Leser:innen es gar nicht so genau wissen wollen. Das erinnert mich fatal an unbeschulbare, pubertäre Schüler.
    "Doch wissenschaftsferne Ideologie hat sich durchgesetzt." Diese Buzzwords der Fossilökonomisten dürfen in keinem vollwertigen Hetz-Kommentar fehlen! Erst recht nicht, wenn es um Wissenschaft geht! Profunde Wissenschaft ist für Neolibertäre das, was profitable Patente produziert, Klima- und Biodiversitätsforschung dient nur der Finanzierung von Lehrstühlen für Gutmenschen.
    "Denn Energiearmut spielt der Klimabewegung in die Hände, weil die Verknappung einer politischen Kraft nützt, welche der Umweltbewegung ihre Wucht verleiht: Politische Gruppen, die gegen westliche Lebensweise und Kapitalismus arbeiten, nutzen die Klimaaktivisten als Vehikel und den Mangel an Energie als Grundlage für ihre Ziele: für „Degrowth“, die Einschränkung der Wirtschaft, oder ein irrwitziges „Zurück zur Natur“." Lauter linksgrüne Idioten? Da kenne ich aber eine ellenlange Liste namhaftester Ökonomen, die die neoliberalen Missstände sehr genau analysiert haben und sich u.a. um die Vorhersage der letzten Finanzkrisen einen Namen gemacht haben, darunter etliche mit Nobel-Gedächtnispreis. Aber deren Kritik gefällt natürlich nicht den Freunden der "Schwarzen Null", die sicher ihre Verdienste für unseren jetzigen Wohlstand, aber auch vom bisherigen System gut gelebt haben. Und dieser Wohlstand ist nicht im Geringsten nachhaltig. Er wird sehr bald nicht mehr zu rechtfertigen sein, denn er ist teuer erkauft mit dem Elend von Menschen zu anderem Ort und zu späterer Zeit. Die Menschen müssen entschädigt, bzw. vor noch größeren Schäden bewahrt werden. Und das wird bald passieren, und dazu brauchen wir die Profite aus der fossilen Industriewirtschaft.
    "Menschenfeindlichkeit im Namen des Umweltschutzes." Da haben wir's wieder. "Der Ökologe, der Menschenfeind." Das Wording kennen wir vom Rechts-Außen-Bestsellerautor Markus Krall, als Sprecher der Geschäftsführung bei der Degussa Sonne/Mond Goldhandel ehemals Adlatus des verstorbenen Nazi-Bankier-Erben August von Finck. Von Finck war Geldgeber rechtsnationaler Parteien inkl. der AfD, aber auch ein enger Freund der CSU. Er kaufte 2010 für seinen Goldhandel (der auch für die AfD Gold-DM verkaufte) den Namen Degussa, obwohl oder gerade weil Degussa eine der finstersten Firmengeschichten in der Nazi-Diktatur geschrieben hatte: Zwangsarbeit, Zyklon B, Zahngold.
    "Seit mehr als 50 Jahren spannen politische Gruppen prognostizierte Umweltapokalypsen ein, um die Abkehr von der Industriegesellschaft zu betreiben. Ihre Vorhersagen von katastrophaler Überbevölkerung, folgenden Hungersnöten und kollabierenden Staaten wurden durch gegenläufige Entwicklungen stets widerlegt. Doch im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen weiterhin Behauptungen des bevorstehenden Umweltkollapses – kaum etwas verleiht mehr Einfluss und Aufmerksamkeit. Die Inszenierung als Klimakämpfer bietet Machthungrigen und Geltungssüchtigen einen Platz im Rampenlicht; Kritik am ihnen tropft als vermeintlicher Angriff gegen die Vernunft ab." Die 50 Jahre alten Prognosen des Club of Rome, Grenzen des Wachstums waren bloß Propaganda? Die Wissenschaft (Bojanowskis Ressort) sagt etwas ganz anderes.
    Die Studie wurde immer wieder in der Tendenz bestätigt, wenn auch präzisiert. Zuletzt veröffentlichte ausgerechnet eine Ökonomin, die KPMG-Beiratsvorsitzende Gaya Herrington, 2021 ein Update: es wird bald zu spät sein, eine globale Katastrophe um das Jahr 2040 abzuwenden. Dieses Jahr einer möglichen globalen Katastrophe nennt auch die Denkfabrik National Intelligence Council NIC der 17 US-Geheimdienste. Aber in der Welt kommt unter Wissenschafts-Chef Bojanowski ja sogar noch im Jahr 2021 der bekannteste Klimaskeptiker und Kritiker der Club of Rome zu Wort, Björn Lomborg. Dessen Kampfschrift aus 2001 gegen den Club of Rome entging nur deshalb dem dänischen Ausschuss für wissenschaftliche Unredlichkeit, weil es nur ein Sachbuch ist - und der Ausschuss dafür vom neoliberal-konservativen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen als nicht zuständig erklärt wurde. Es wurde so gründlich verrissen wie kaum ein anderes Wissenschafts-Buch der letzten 20 Jahre. Unter Wissenschaftler:innen ist Lomborg ein enfant terrible.
    Viele von Bojanowskis Thesen stehen so oder so ähnlich schon bei Lomborg.
    "Selbst skandalöse Vorgänge gehen deshalb unter: Dass Russland jahrelang erfolgreich die westliche Klimabewegung unterstützt hat, um die Abkehr des Westens von seinen eigenen fossilen Ressourcen zu forcieren, bleibt Randnotiz." Das ist eine weitere groteske Verdrehung, wenn man bedenkt, dass die Anti-Klimaschutz-Propaganda unisono von rechten Populisten verbreitet wird, denen man fast durch die Bank Unterstützung aus Russland nachweisen konnte. Eines ist sicher: Putin ist der Meister der Destabilisierung durch Spaltung.
    "Dass westliche Staaten afrikanischen Ländern die Finanzierung der Erschließung lebenswichtiger Erdgas-Ressourcen erschweren, gilt als Klimaschutz. Dass Entwicklungshilfe-Organisationen über Regierungen klagen, weil sie Siedlungen wegen angeblicher Klimaverpflichtungen räumen lassen, bringt keine Empörung. Dass Politiker den Klimawandel für Naturkatastrophen verantwortlich machen, die eigentlich wegen mangelnder Vorsorge eingetreten sind, gilt als vernünftiges Mahnen." Fossile Projekte werden in absehbarer Zeit sanktioniert werden. Die Behauptung, die Schäden durch Naturkatastrophen hätten nicht durch die Klimakrise zugenommen, sondern "eigentlich" durch mangelnde Vorsorge, hält keiner wissenschaftlichen Prüfung Stand. Die Münchener Rückversicherung warnt vor der Zunahme der Schäden schon seit 1973.
    "Konzernen kommt dieser Zeitgeist entgegen, sie wittern gigantische Profite beim Umbau der Energieversorgung. Investmentfirmen lenken Geld in Firmen mit dubiosen „Nachhaltigkeitsnachweisen“. Und schwerreiche Philanthropen, die in Erneuerbare investieren, finanzieren Institute, Medien, „Faktenprüfer“ und Wissenschaft, um die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit des Kampfes gegen fossile Energien zu überzeugen." Die Nachweis-Debatte hatten wir schon bei den Bio-Lebensmitteln. Wenn die Verbraucher:innen nicht das Risiko eingegangen wären, dass sie hier und da betrogen würden, gäbe es jetzt gar keine nachhaltige Landwirtschaft. Gab es denn dafür in der industriellen Landwirtschaft keinen Betrug?
    Historisch nie dagewesene Profite für Ölbarone aus Jahrzehnten des ökoziden Ölgeschäfts sind gut, aber Gewinne aus Erneuerbaren sind unmoralisch? Vielleicht nur, weil die Deutschland AG sich mit ihrer beständigen Blockade der Klimawende verspekuliert hat? In Wirklichkeit ist das Festhalten an fossilen Brennstoffen unmoralisch, aber wer die Klimakrise nicht ernst nimmt, sieht das nicht ein.
    "Kein Land hat mehr Steuergeld für die Energie-Transformation ausgegeben als Deutschland, dennoch liefern Wind und Sonne hierzulande weiterhin kaum mehr als ein Zwanzigstel der benötigten Energie. Die deutsche „Energiewende“ beruhte auf fossilem Erdgas, das die Unzulänglichkeit von Wind und Sonne vertuschen sollte." Das Zwanzigstel (5%) ist einfach aus der Luft gegriffen, laut UBA waren es 2021 gut doppelt so viel. Außerdem würde der aktuelle Primärenergiebedarf durch die Energiewende drastisch sinken, weil die Wärmeverluste der bisherigen Wärmekraftmaschinen und Verbrenner entfallen, elektrische Antriebe beim Bremsen Energie rückgewinnen und Wärmepumpen sogar riesige Potentiale an Umgebungswärme nutzbar machen.
    Sämtliche seriösen aktuellen Energiestudien beklagen das Ausbremsen der Energiewende, allein schon aus Kostengründen, aber vor allem natürlich wegen der Zukunftskosten der fossilen Energien.
    "Die Erneuerbaren-Lobby macht nun mangelnden Ausbau Erneuerbarer Energien für die historische Energiekrise verantwortlich – zur Freude Chinas, dessen Anteil an der Produktion ebendieser größer ist als der der OPEC-Staaten an der Erdölproduktion." Die "Erneuerbaren-Lobby" ist ein Thema, über das ich zugegebenermaßen noch nicht recherchiert habe, weil die Politik bisher ausschließlich die Interessen der Fossillobby bedient hat. Über die Lobby der Erneuerbaren sind Zahlen nur schwer zu finden. Über die der fossilen Brennstoffe schon.
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    Aber egal, was an der Erzählung der geheimen Erneuerbaren-Lobby d'ran ist: was können die Klimaaktivisten dafür, dass die Deutschland AG zugunsten der Verbrenner-Industrie das Geschäft mit PV und Windkraft China überlassen hat?
    "In Wahrheit zeitigt die politisch gewollte Verknappung fossiler Energie das gewünschte Ergebnis. Hohe Preise für fossile Energien hatten Klimaaktivisten gefordert. Bereits vor dem Krieg in der Ukraine waren die Preise für Erdgas und Erdöl dramatisch gestiegen. Deutschland, das für seine Energiewende vor allem auf Erdgas angewiesen ist, trifft der Preisanstieg nach dem Wegfall russischer Lieferungen besonders hart." Es würde den ("uns") Klimaaktivisten schon ausreichen, wenn die Marktpreise - wie sonst von den Neoliberalen gefordert - einfach weitergegeben würden, so dass ausreichend zahlungskräftige Verbraucher einen Anreiz zum CO2-Sparen hätten. Für die unteren Einkommen müsste eine Umverteilung die Folgen abfedern. Doch stattdessen wird wie bisher der Konsum jedes einzelnen gleich subventioniert, nur noch viel stärker. Den Abbau marktverzerrender Subventionen, gerade für ökozide Technik, wird ebenfalls von immer mehr seriösen Ökonomen seit vielen Jahren gefordert. Der Weltbank-Chefökonom Sir Nicholas Stern machte 2006 Furore, als er über die Fossilwirtschaft vom "größten Marktversagen aller Zeiten" sprach.
    "Afrikanische Länder, die Milliarden Menschen mit günstiger Energie aus der Armut holen wollen, treiben mit Hilfe von China und Indien dennoch die Erschließung fossiler Energieressourcen voran. Ihre Hoffnung: Der mit CO2-Zertifkaten aus Klimaschutzgründen künstlich erhöhte CO2-Preis in westlichen Staaten dürfte die Nachfrage des Westens nach Erdgas, Öl und Kohle senken, so dass das Angebot für fossile Energien in Afrika und Asien steigt und deren Preise dort langfristig sinken. Industrien aus Europa könnten in diesen Regionen mit bezahlbarer Energie Zuflucht finden." Um das zu verhindern, wird gerade von der EU der internationale Klimazoll eingerichtet. Hier eine doppelte Verdrehung, da Länder des Globalen Südens immer stärker an Klimaschutz durch Erneuerbare Energien interessiert sein werden. Die Klimaschäden werden dort weit größer sein als bei uns, und mit Erneuerbaren wird die Versorgung weit günstiger.
    "Zunächst aber zieht aufgrund des akuten Energiemangels eine weltweite Krise der Wirtschaft und Nahrungsmittelversorgung herauf. Hätte „Fridays for Future“ das Wohlergehen von Menschen im Sinn, würden die Aktivisten nicht gegen Energie und Wirtschaftswachstum protestieren, sondern für humane Maßnahmen gegen den Klimawandel." Die Ölparty ist vorbei. Entweder wird die Carbon Bubble wird mit einem lauten Knall platzen, oder aber gehen auf diesem Planeten für etliche Milliarden Menschen die Lebensgrundlagen verloren. Eine "humane" Lösung besteht niemals nur im Ausbau der Kernkraft (siehe oben), denn in den übrigen Sektoren ist ein "Weiter-So" genauso katastrophal.
    "Beispielsweise dafür, dass der Umstieg auf Erneuerbare sich finanziell lohnen müsste, was technologische Innovationen statt staatlichen Repressionen voraussetzte." Siehe oben (die vorhandene Erneuerbare Technologie war laut IEA schon 2020 die günstigste).
    "Oder dafür, dass mehr Nahrung auf weniger Land wächst." Wir brauchen deutlich weniger Land, wenn wir den Fleischanteil in unserer Nahrung drastisch senken. Intensivierung der Landwirtschaft macht die Böden empfindlicher gegen Dürre und zerstört die Biodiversität, und damit die Menschheit.
    "Oder dafür, dass sich Staaten besser gegen Wetterrisiken schützen." Die Klimarisiken werden exponentiell steigen, wenn nicht sofort wirksam die Emissionen sinken. Es gibt einen Punkt, an dem eine Anpassung unmöglich sein wird.
    "Und dafür, dass Klimaschutz nicht vor Menschenschutz geht." Das kann man so sehen, wenn man wie Bojanowski die Klimakrise nicht ernst nimmt.
    "Mit ihrem Kampf gegen erschwingliche Energie werden die Klimaschützer ansonsten für Milliarden Menschen zu „Fridays for No Future“." Siehe oben: erschwingliche fossile Energie ist nicht die Lösung der Probleme, sondern der Untergang der Menschheit, sprich Milliarden von Menschen. Für solch eine Aussage hat man den Klimaschützern übrigens anfangs Moralismus vorgeworfen. Ein guter Deutscher verbrennt weiter fossile Brennstoffe, bis der Planet zusammenbricht? Nicht mit mir! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

    Bojanowski kann so oft beteuern wie er will, dass er Klimaschutz wichtig findet und den Aussagen des IPCC zustimmt. Erstens verdreht er die Aussagen des IPCC völlig, und zweitens sieht man an jedem einzelnen Satz, den er sonst noch schreibt, dass er die Klimakrise nicht verstanden hat. Er ist nicht nur Klimaschutz-Bremser, sondern auch ein gesellschaftlicher Spalter, der ganz im Sinne seines neuen Arbeitgebers autoritäres Gedankengut fördert.
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    Julian Reichelts ehemaliger Chef und Förderer, und Axel Bojanowskis aktueller Chef ist Springer-Chef Mathias Döpfner. Er wurde im September 2022 von der Washington Post mit einer Rundmail an einen Teil seiner amerikanischen Belegschaft vom November 2020 konfrontiert, in der er seine Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass Donald Trump wiedergewählt wird. Gegenüber der Post redet er sich um Kopf und Kragen. Zuerst bestreitet er die Existenz der EMail, dann meint er, die Mail sei möglicherweise "ironisches, provokatives Statement in einem Kreis von Menschen, die Donald Trump hassen", und der darin enthaltene Aufruf zum Morgengebet sei "selbstverständlich ein Scherz" gewesen.
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    Döpfners Nähe zu Trump ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal mehr im deutschen Salon-Konservatismus.

    Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz vernetzt sich mit einem der wichtigsten Trump-Opportunisten und republikanischen Top-Netzwerker Lindsey Graham, dessen Partei die gleichen fossilwirtschaftlichen Ziele verfolgt. Aber Merz kündigt für August vor allem, mit Graham über "konservative Werte" zu diskutieren - ein Thema, das für Merz-Kritiker seit seiner Ablehnung der Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe ohnehin brisant ist, und wo die Republikaner sich gerade mit Extrempositionen profilieren. Für die CDU ist das eine offene Ansage ihres Vorsitzenden einer Öffnung nach rechts, die im Verborgenen schon länger angebahnt wurde.
    Im September diskutieren Rechtspopulisten über ukrainische Flüchtlinge, die zwischen ihrer Heimat und Deutschland hin und her pendeln, der österreichische Rechtspopulist Martin Sellner nutzt den Kampfbegriff "Sozialleistungs-Tourismus"; Merz macht daraus den Begriff "Sozialtourismus" und wirft ihn in die Stammtischrunden der "sozialen" Medien, um seine Aussage kurz danach wieder zu relativieren: "Wenn meine Wortwahl als verletzend empfunden wird, dann bitte ich dafür in aller Form um Entschuldigung."
    Ich wüsste gern, was passieren würde, wenn ein Bundesvorsitzender der Grünen in solcher Weise über die Profite von RWE oder Deutsche Wohnen schwadroniert. Bezeichnend, dass Merz von russischen Medien (der deutsche Kanal von Russia Today RT ist wegen Desinformation in Deutschland verboten worden) damit zitiert wird, und auch mit dem Manthra der rechten Populisten, dass in Deutschland eine freie Meinungsäußerung nicht mehr möglich sei. Die Verbreitung über "soziale" Medien, v.a. den russischen Instant Messenger Telegram, wurde von Medienwissenschaftlern dokumentiert.

    FAZ: [Verknüpfung]
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    Monitor: [Verknüpfung]
    Tagesschau: [Verknüpfung]

    Am 05.09.2022 verkündet Robert Habeck, dass nach dem Stromnetz-Stresstest der vier Netzbetreiber zwei der drei verbliebenen Atomkraftwerke nicht wie gesetzlich beschlossen Ende des Jahres abgeschaltet, sondern bis April als Reserve bleiben sollen. Mit dem niedersächsischen AKW Emsland fallen ca. 2% der Erzeugungsleistung, wie im Atomausstieg geplant, endgültig weg. Die beiden anderen (Neckarwestheim 2 und Isar 2) mit ca. 4% liegen im Süden und werden wegen des hohen Bedarfs und der schwachen Kapazitäten erneuerbarer Energie dort eher im Notfall gebraucht als die 2% im Norden. Weil sich die FDP für die Verlängerung des Betriebs einsetze, drohe die Frage zum Stresstest für die Ampel zu werden, schreibt Thomas Steinmann in Capital.
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    Wegen der Merit-Order-Preisbildung, die sich zur Zeit am Gaspreis orientiert, ist der Effekt auf den Strompreis laut Berechnungen des Öko-Instituts Freiburg und Enervis bestenfalls marginal - unter 1%. Die konservative "Wirtschaftsweise" Monika Grimm behauptet das Gegenteil, kann aber nicht auf Berechnungen verweisen.
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    Der Betreiber von Isar 2, Preussen-Elektra, bezeichnet die Reserve als nicht realisierbar, obwohl ein AKW innerhalb etwa einer Woche hochgefahren werden kann. Das ist ein Zeitraum, innerhalb dessen mittels Wetterbericht und Abschätzung der Brensstoffversorgungslage ein Bedarf vorhersagen lässt. Tatsächlich dauert das Wiederhochfahren bei den alten Brennstäben wesentlich länger. Deshalb soll die Anlage ja auch schon eingeschaltet werden, wenn ein Engpass absehbar wird.
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    Habecks Entscheidung deckt sich also durchaus mit faktenbasierten Empfehlungen von Experten.
    Dennoch erscheint die Blockade des Weiterbetriebs der Reaktoren mit neuen Brennstäben fatal getrieben von der Angst vor dem Zorn einer grünen Basis, die sich vor allem als Antiatom-Bewegung definiert. Selbst Greta Thunberg sprach sich im Interview im Herbst 2022 für einen Weiterbetrieb alter Anlagen in der Energiekrise des Ukraine-Kriegs aus.
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    Als Merz nun in der Bundestags-Generaldebatte vom 07.09.2022 davon spricht, dass hierdurch die deutsche Wirtschaft durch Ignoranz marktwirtschaftlicher Prinzipien "unwiderruflich geschädigt" werden könnte und der Ampel-Koalition "Irrsinn" vorwirft, platzt Kanzler Scholz zum ersten Mal der Kragen.


    Die CDU-CSU ist die Partei, die die komplette Verantwortung dafür hat, dass Deutschland Ausstiegsentscheidungen getroffen hat aus der Kohle- und aus der Kernenergie, aber die niemals die Kraft hatte, in irgendetwas einzusteigen. Sie waren unfähig, den Ausbau der erneuerbaren Energien herbeizuführen. Sie haben Abwehrkämpfe geführt gegen jede einzelne Windkraftanlage, und jeder Abwehrkampf der letzten Jahre schadet unserem Land noch heute. Das waren Sie!
    Dafür haben Sie auch immer sehr breitflächig gemogelt. Die letzte Mogelei war vor der letzten Bundestagswahl. Unionsgeführtes Wirtschaftsministerium - mit Absicht wurde die Wahrheit, dass wir bis zum Ende dieses Jahrzehnts einen Anstieg der Stromproduktion von 600TW auf 800TW brauchen, verschwiegen, und als der Bundestag in die Sommerpause kam, da wurde es veröffentlicht. Das ist unverantwortliche CDU-Politik, die uns in die jetzige Situation gebracht hat. [...]
    Und wir hätten auch schon ein paar Probleme weniger, wenn es nicht der heroische Kampf der CSU in Bayern gewesen wäre dafür zu sorgen, dass noch nicht alle Übertragungsnetzleitungen in den Süden Deutschlands errichtet worden sind. Das war das, was Sie gemacht haben. Dafür tragen Sie die Verantwortung, es war unverantwortlich, das zu tun, damit wir die industrielle Modernisierung unseres Landes hinkriegen, damit wir wettbewerbsfähig bleiben und uns nicht mehr von den Problemen dieses Landes drücken.
    Olaf Scholz
    Youtube-Video bei 15'05'': [Verknüpfung]
    ganze Debatte im Youtube-Video: [Verknüpfung]

    Belege für Scholz' klare Vorwürfe an die CDU habe ich unter dem Stichwort "Energiekehrtwende" gesammelt.
    Auf Merz' Vorwürfe, Habeck sei umgeben "von einer Gruppe aus Lobbyisten der Umweltpolitik, die alles zur Strecke bringen, was auch nur einigermaßen Aussicht auf Erfolg hat, diese Krise in den Griff zu bekommen", erntete er jede Menge Gelächter. Scholz hätte daraufhin richtig mit Dreck werfen können, was er unterließ, denn mit dem Cum-Ex- und dem Wirecard-Skandal bietet er schon genug Angriffsfläche. Deshalb möchte ich hier an die gut dokumentierte Tradition der mehr oder weniger legalen fossilen Einflussnahme auf die Bonner und Berliner Politik erinnern, die bis hin zur Korruption reicht. Eine Partei liegt dabei eindeutig auf Platz eins: die Union, die dabei auf eine lange Tradition zurückblickt. Aber auch die SPD hat traditionell über die starken Industriegewerkschaften eine große Nähe zu Industrieverbänden. Die FDP vertritt schon aus ihrem Grundverständnis die Interessen der Industrie.

    Das einzige, was den führenden CDU-Politikern als Lösung der Energiekrise einfällt ist: zuerst einmal Laufzeiten für Kohle- und Atomkraft verlängern, also weitermachen wie bisher.
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    CDU-Chef Merz geht in der Gasmangelkrise im Sommer 2022 noch einen Schritt weiter: er versucht die nur von der AfD am Leben erhaltene Diskussion um eine nukleare Renaissance wieder anzufachen. Damit stellt er sich wie mit seiner Annäherung an das Trump-Lager auf die Seite einer rechten Wählerschaft, die sich mit ihrer Meinung jenseits aller energiewirtschaftlichen Lehrmeinung bewegt, betätigt sich aktiv als politischer Brandstifter.
    Dabei kann man seine Vorhaben bestenfalls als gewagt bezeichnen. Während die Atomnation Frankreich einen moderaten Ausbau der nächsten und übernächsten Generation verfügbarer (wenn auch unwirtschaftlicher) EPR-Reaktortechnik für 2035 und 2050 avisiert, entwirft Merz seit 2020 ein Energiesystem der Zukunft mit Dual-Fluid-Reaktoren, deren Konzept in einem privaten Berliner Institut entworfen wurde und bisher nur auf dem Papier existiert. Woher bis zu deren flächendeckendem Einsatz eine CO2-neutrale Energieversorgung kommen soll, verrät Merz nicht.
    [Wikipedia 2022 - Dual-Fluid-Reaktor]
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    Und um Motivation im Klimaschutz zu demonstrieren, fordert Merz den Einsatz von Direct Air Capture DAC als "innovativer" Technik. Also weiter Treibhausgase emittieren, bis man passende "Staubsauger" gebaut hat, die groß genug sind, und hoffen, dass die Klimakrise nicht so schlimm wird wie die Wissenschaft vorhersagt. Dabei ist diese Methode nach bester verfügbarer Wissenschaft nicht im Entferntesten geeignet, die prognostizierten Mengen CO2 rechtzeitig mit vertretbarem Aufwand aus der Atmosphäre zu holen. Wir werden alle verfügbaren Erneuerbaren Energien benötigen, um unseren Eigenbedarf zu decken. Die Einplanung von nicht unerheblichen Energiemengen für DAC sind eine weitere Verschiebung der Emissionskosten in die Zukunft: eine Externalisierung des Problems an die nachste(n) Generationen. Das Prinzip propagiert die CDU (wie die FDP) mit der "technologieoffenen" Einplanung von eFuels aus P2X für den klimaneutralen Betrieb von Verbrenner-PKW - wir können auf P2X als Saisonspeicher nicht verzichten und können sie nicht für PKW verschwenden, wenn es für diese mit elektrischen Antrieben eine weit günstigere Alternative gibt.
    DAC kann nur als eine von vielen Maßnahmen einen bescheidenen Beitrag leisten, das Ausmaß der Klimakatastrophe zu mindern. Eine Aussicht auf Erfolg gibt es nur mit drastischen Minderungsmaßnahmen. Das ist aber weder im Programm oder den politischen Forderungen und Bekenntnissen der CDU zu sehen, noch im Abstimmungsverhalten ihrer Abgeordneten.

    Auch in dieser Frage bewegt sich Merz wieder weit außerhalb der Empfehlungen der Wissenschaft, und erweist sich damit endgültig als Vertreter der atomar-fossilen Fortschrittsideologie des 20. Jahrhunderts.


    Die Klimaziele in Deutschland und Europa werden wir mit Vermeidung und Verboten nicht erreichen. Also müssen wir uns den Technologien zuwenden, die CO2 wieder aus der Atmosphäre herausholen. Wir sind die Partei, die an Motivation und Innovation denkt.
    Friedrich Merz
    [Verknüpfung]

    Innovation und Motivation, die den Profit der Besitzenden (also der Fossilprofiteure) vermehrt, wird von Merz akzeptiert. Alles, was sich nicht in Geschäftsmodellen abbilden lässt wie biologische Landwirtschaft oder Bürger-Energie, zählt für ihn nicht als Innovation.

    Nach Jahrzehnten, in denen die Zivilgesellschaft sich nicht mit der Frage beschäftigte, was mit den jährlich rund 50 Milliarden Euro von der Bundeswehr beschafft wurde, wird im Ukraine-Krieg mit einer Bedrohungslage für NATO-Partner plötzlich die Wehrlosigkeit der Bundeswehr offenbar. Sogar Munition ist verschwunden, ausgerechnet beim Kommando Spezialkräfte, das wegen rechtsextremer Rekruten umstrukturiert werden soll.
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    [Wikipedia 2022 - Kommando Spezialkräfte - Angekündigte Reformen im Zuge der offenbarten Missstände]
    Jetzt müssen wir Schulden machen für eine Verdopplung der Ausgaben, und es ist wie vorher bei Subprime- oder Corona-Krise: für's Klima ist dann kein Geld mehr übrig. Die CDU hatte vor dem Krieg schon eine Klage gegen die Verwendung von einmalig 60 Milliarden Euro an Reservegeldern für Corona-Hilfen für Klimaschutz-Maßnahmen vor dem Bundesverfassungsgericht - obwohl bisher auch andere Subventionen als Corona-Hilfen deklariert worden sind, und obwohl das Bundesverfassungsgericht das KlimaschutzG von 2019 kassiert hatte.
    [Verknüpfung]
    Der stellvertretende EU-Kommissionspräsident Frans Timmermanns sieht keine Zweckentfremdung - im Gegenteil, er fordert massive Klimaschutz-Investitionen, und zwar nicht anstatt, sondern explizit als Corona-Hilfsmaßnahme.
    [Verknüpfung]
    Zur Relation: Deutschland bringt jährlich ca. 50 Mrd € für Subventionen fossiler Brennstoffe und dazu noch weit über 50 Mrd € an Importkosten für fossile Brennstoffe aus. In 20 Jahren summieren sich allein diese Beträge auf zwei Billionen Euro - die geschätzten Kosten der gesamten Energiewende, die uns am Ende eine verbrauchskostenlose Energieversorgung beschert.

    Nach dem EU-Energiegipfel äußert sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (die Grünen) am 28.02.2022 vor seinem Abflug nach Quatar über die Motive der deutschen Energiepolitik.

    Journalist: "Tritt nicht auch angesichts der Situation der Klimaschutz, der ja Ihr Hauptpunkt war, mehr in den Hintergrund als Ihnen das lieb sein kann?"
    Habeck: "Das mag auf der Überschriftenliste so sein, aber thematisch ist es ja das Gleiche, jedenfalls aus meiner Sicht. Das bringe ich auch mit aus Brüssel von dem Energieministertreffen."

    Und dann erklärt Habeck das fossile Energie-Patriarchat (oder Petro-Patriarchat), also das Spannungsfeld der Energiefrage zwischen patriarchalem Proprietarismus und Hermann Scheers Energiesouveränität als Gemeinschaftsgut mit wenigen klaren Worten.


    Die Einsicht, dass die einzige Energieform, die niemandem gehört, wo auch keiner sagen kann „alles meins, und damit erpresse ich euch“, Wind und Sonne is'. Die gehören nu'mal niemandem, die gehören der Menschheit. Und man muss sie nur auffangen.
    Robert Habeck

    Habeck weiter: "Das setzt sich also jetzt durch, das was wir vor einem Jahr, vor vielleicht einem halben Jahr noch unter CO2-Minderungsaspekten diskutiert haben, diskutieren wir jetzt unter Aspekten der Energiesicherheit und -Souveränität. Und da sind die anderen Länder auch. Wie das in de[n] USA diskutiert wird, werden wir sehen, aber schlau wär's, wenn die es auch verstehen würden."
    [Verknüpfung]

    Bei der Pressekonferenz mit RWE, bei der Habeck den Kompromiss "Braunkohleausstieg 2030 gegen Lützerath" verkündet, und dann auch noch in ungewohnter Bergmanns-Sprache die Ankündigungen von RWE als Erfolg verkauft, wirkt Habeck wenn auch staatsmännisch, so doch innerlich tief zerknirscht.

    Die Altparteien CDU, SPD und FDP haben nach der rot-grünen Energiewende weiter auf Energieabhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere aus Russland, gesetzt und die Energiewende aktiv sabotiert. Die historische Chance einer Energiewende wurde damit vertan, trotz immer schneller steigender Marktanteile und fallender Preise für Erneuerbare Energien. Robert Habeck, der für Klimaschutz antritt, muss nun für die deutsche Wirtschaft auf den Gasmärkten die sprichwörtlichen Kastanien aus dem Feuer holen. Die Sabotage der merkelschen Energiekehrtwende wirkt - trotz der internationalen Entwicklung - noch bis tief in die Legislatur der Ampel-Regierung.
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    Anstatt sich kleinlaut zurückzuziehen, gießen nun die Verursacher der Krise nach dem Quatar-Gasdeal öffentlich Häme über Habeck aus. Kostprobe? Der vormalige Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU Michael Grosse-Bröhmer in der BILD-Zeitung:


    Herzlich willkommen in der Realität. Die grüne Übermoral ist gescheitert.
    Michael Grosse-Bröhmer
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    Robert Habeck erklärt sich dazu am 31.03.2022 im ZDF bei Markus Lanz.
    ZDF-Mediathek: [Verknüpfung]
    Youtube: [Verknüpfung]
    Im Video des Youtube-Kanal des ZDF fehlt die wichtigste Minute, die ein Zuschauer dankenswerterweise bei Youtube nachliefert, Zitat:

    "Womit fahren unsere Autos? Kann es sein, dass da Öl aus Saudi-Arabien d'rin ist? Hat sich da eigentlich mal einer Gedanken d'rüber gemacht? Und wo ist eigentlich die Markus-Lanz-Sendung gewesen, wie verlogen wir sind, dass wir uns über Putin aufregen, aber mit saudischem Öl durch die Gegend gondeln? Wir haben an jeder Stelle, beim Abbau von Produkten für jede Form von Handys, Computern und so weiter, sind wir in einer Verantwortung mit manchmal schwierigen Ländern und schwierigen Regimen - und wir kümmern uns da niemals d'rüber. Aber punktuell entdecken wir dann dann immer unser moralisches Gewissen. Und ich glaube, dass diese Punktualität, die uns eigentlich nicht weiterhilft, sie lähmt uns. Was wir brauchen, ist eine strukturelle Arbeit an der Veränderung, der Verbesserung.
    Der Glaube, [dass] wir in Deutschland immer alles richtig machen, nur wenn wir in Ausnahmesituationen nach Quatar reisen und Gas kaufen, dann machen wir das Geschäft mit dem Teufel, mit dem Beelzebub. Aber sonst, wenn wir unser'n Alltag leben, wenn wir unsere Autos tanken, wenn wir unser Hack auf's Mettbrötchen d'raufschmier'n: immer sind wir auf der Seite der Guten. Das können nur Leute glauben, die noch nie im Schweinestall waren. So ist es nicht.
    "


    Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde - und wir kümmern uns da nur nich' d'rum.
    Robert Habeck
    [Verknüpfung]


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    Als wäre sonst alles, wogegen die Grünen immer protestiert hatten, moralisch völlig in Ordnung gewesen. Habeck hätte Papst Bergoglio zitieren können: diese Wirtschaft tötet, und zwar Menschen, die schon heute benachteiligt sind, und Menschen der Zukunft. Wie sonst auch in der Sendung, legt Habeck hier nicht ganz unaufgeregt (zu Recht), aber dennoch glasklar seinen Standpunkt dar: im Moment gehe es nicht anders, ohne dass es zur Handlungsunfähigkeit kommt. Um die Probleme, die Merkels Regierungen ansonsten hinterlassen haben, wolle man sich bei Gelegenheit genauso konstruktiv kümmern.
    Habeck widerspricht Michael Bröcker, einem Journalisten des neolibertären Magazins The Pioneer: es seien in dem Ukraine-Krieg schwierige Entscheidungen zu treffen, aber es sei "kein Dilemma".
    Regierungsphilosophisch ist diese Frage bedeutsam. Ein Dilemma ist eine Situation, in der alle Optionen gleich schlechte Perspektiven bieten - weshalb eine konservative Haltung also pragmatisch erscheint. Eine solche Politik hat in Merkels Deutschland die Transformation verhindert und uns in diese vielfache Krise gebracht.
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    Habecks Auftritt bei Lanz wurde sogar in der Welt goutiert.
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    Im Juli hat sich die Gasversorgungs-Situation verschärft und Habeck muss harte Sparmaßnahmen ankündigen; doch einen Tag nach Merz' Kritik am neuen EEG platzt ihm, nach Monaten der öffentlichen Provokation durch die CDU, im Bundestag der Kragen.


    Es war ein großer Kraftakt und auch ein notwendiger Kraftakt. Und dieser notwendige Kraftakt - das kann ich mir dann doch nicht verkneifen [...] - wurde gestern vom Oppositionsführer als "Schön-Wetter-Politik" dargestellt.
    Wenn man sich vor Eisbergen fotografieren lässt, aber vergisst, dass Eisberge schmelzen, wenn man aus allen möglichen Dingen aussteigt - zu Recht - aber vergisst, dass man dafür eine Infrastruktur ausbauen muss, wenn man klimapolitische Beschlüsse fasst, aber sie nicht mit Maßnahmen hinterlegt, dann lässt man Deutschland im Regen stehen.
    Und das haben wir in der Vergangenheit erlebt. Immer größere Abhängigkeit von fossilen russischen fossilen Energien, mangelnde Diversifizierung, Nichteinhaltung der klimapolitischen Ziele, schleppender, ja zusammengebrochener Ausbau der erneuerbaren Energien, Zerstörung der Solar- und in weiten Teilen auch der Windindustrie, die wir hier in diesem Land schon hatten, Verlust von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen und einem marktwirtschaftlichen Hochlauf für die Zukunftstechnologien, Bremsen in Europa - kein Plan, kein Überblick. Aber sagen: "Das, was wir jetzt machen, ist Schön-Wetter-Politik."
    Sehr geehrte Damen und Herren, buchstäblich steht Deutschland im Regen. Hätten wir diese Pakete vor 10 Jahren durchgezogen, wir würden ganz anders heute dastehen.
    Robert Habeck
    Twitter: [Verknüpfung]
    Youtube: [Verknüpfung] Die Debatte als Video-Datei in der ZDF-Mediathek: [Verknüpfung]

    Niemand kann Habeck vorwerfen, er hätte nicht lange und geduldig versucht, trotz grotesker Verdrehungen der CDU für einen konstruktiven Dialog offen zu bleiben. Diese Debatte im Bundestag spiegelt die Spaltung der Zivilgesellschaft, die von den Fossilökonomisten betrieben wird.

    Merz' Antwort ist eine komplette Verweigerung, sich mit der eigenen Veranwortung im Sine eines konstruktiven Dialogs auseinanderzusetzen.


    Hören Sie auf, über 16 Jahre zu reden. Dieser Befund heute ist Ihre Herausforderung. Und wenn es so bleibt, meine Damen und Herren, dann ist es allein Ihre Verantwortung.
    Friedrich Merz
    [Verknüpfung]

    Mit der FDP hat es eine Partei in die Ampel-Koalition geschafft, die die fossilökonomistische Agenda der Deutschland AG in die Post-Merkel-Ära tradiert.

    Die FDP ist zwar der kleinste Koalitionspartner der neuen Ampel-Regierung. Viele Jungwähler:innen, die sie gewählt haben, haben wohl vor der Wahl nicht realisiert, dass diese Partei noch mit ihrem damaligen Vorsitzenden und Wirtschaftsminister Philipp Rösler federführend die Energiekehrtwende eingeleitet hat, oder es ist ihnen egal. Jetzt bremst sie konsequent den neuen Anlauf der Grünen zur Klimawende, und zwar massiv. Im Verkehrsministerium blockiert Volker Wissing die Verkehrswende, und Finanzminister Lindner schließt den Geldbeutel rigoros für die Fortsetzung des 9€-Tickets, obwohl er sich umso großzügiger in Krisenhilfen für die Wirtschaft gibt und sie gleichzeitig vor (durchaus üblichen) Übergewinnsteuern schützt. Kanzler Scholz schaut dem allen zu und schweigt. Auch ein Kahlschlag im Sozialstaat wird in der FDP diskutiert, hier dürfte die SPD wohl mehr Widerstand leisten. D.h. im üblichen Kuhhandel wird ggf. im Zweifel von der SPD wieder der Klimaschutz geopfert.
    Mit den hohen Preisen für fossile Brennstoffe, die sich am sonst so geschätzten freien Markt ergaben, hätte man einen starken Anreiz für Klimaschutz schaffen können. Stattdessen entscheidet sich die Ampel-Koalition für die pauschale Subventionierung von Treibstoffen im Frühjahr und Gas mittels Preisdeckel im September. Dafür macht Lindner hunderte von Milliarden locker, doch im Klimaschutz sperrt er sich weiter.

    Auch das Verbot von Verbrennern wird von der FDP verhindert, was im Nachhinein auch auf den direkten Einfluss von Porsche-Chef Oliver Blume auf Porsche-Fahrer Lindner umso besser verständlich wurde. Die Begründung - die "technologieoffene Option" auf eFuels aus P2X war im Jahr 2021 längst widerlegt. Die Preisprognosen der geplanten Porsche-eigenen Produktion in Chile zeigen, dass es sich um ein Luxusprodukt handelt.


    Wir haben sehr großen Anteil, dass die E-Fuels in den Koalitionsvertrag miteingeflossen sind. Da sind wir ein Haupttreiber gewesen, mit ganz engem Kontakt an die Koalitionsparteien. Der Christian Lindner hat mich in den letzten Tagen fast stündlich auf dem Laufenden gehalten. Wir sind sehr froh darüber, dass das am Ende funktioniert hat. Wir müssen da jetzt auch nochmal ein bisschen nachschärfen, bis es tatsächlch auch so ist.
    Oliver Blume

    Filmtips:
    Die Anstalt: Der große Preis. ZDF 19.07.2022
    Youtube: [Verknüpfung]
    Ganze Sendung: [Verknüpfung]
    Faktencheck als Pdf-Datei: [Verknüpfung]
    Die Anstalt. ZDF 04.10.2022
    Der Ausschnitt in Youtube: [Verknüpfung]
    Ganze Sendung: [Verknüpfung]
    Faktencheck als Pdf-Datei: [Verknüpfung]

    Keine FDP-Kampagne ohne mediale Begleitung. Auch wenn die eFuels astronomische Betriebskosten verursachen, auch wenn der wichtigste Absatzmarkt China das Ende des Verbrenners längst verkündet hat, auch wenn 2022 die Hälfte aller EAutos in China produziert werden, auch wenn nur noch Toyota ein letztes Brennstoffzellenauto-Modell produziert und seine nächsten 16 elektrischen Modelle rein akkubetrieben sein werden: manche Medien schreiben die Entscheidung für den Akku-Antrieb einer religiösen Motivation zu.
    Wirtschaftswoche: [Verknüpfung]

    Entgegen allen jahrzehntealten Grundsätzen seiner Partei betreibt der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck in der Not die unsoziale fossile Politik der Merkel-Regierung insofern weiter,

    • dass Sparanreize auf Werbekampagnen beschränkt bleiben, obwohl die Bereitschaft in der Gesellschaft noch nie so groß war,
    • die Entlastungen beim Kraftstoff- und Gaspreisen werden nicht nach Einkommensverhältnissen differenziert, es kommt also nicht zu der in Krisen notwendigen Umverteilung
    • im Gegenteil werden mit der stark erhöhten Pendlerpauschale nur Menschen begünstigt, die ausreichend hohe Steuern zahlen
    • dass der Ausbau erneuerbarer Energien nicht wie angekündigt entbürokratisiert wird, v.a. vom lähmenden und nicht immer nachhaltigen Ausschreibungsverfahren, und
    • dass entsprechend mehr fossile Alternativen zum russischen Angebot genutzt werden. Es werden neue Verträge mit fossilen Partnern abgeschlossen, die neue Vorkommen erschließen - selbst Gasförderung im Wattenmeer und Fracking sind in der Umsetzung oder zumindest in der Diskussion.
    Kein Wunder, dass fossile Patriarchen vollmundig ankündigen, ihre Quellen bis zum letzten Tropfen ausbeuten zu wollen.
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    Der größte Investor ist BlackRock, der allerdings 2020 ganz anderslautende Bekenntnisse zum Klimaschutz abgegeben hat.
    Für Klimaschützer sind das unglaubliche Fehlentwicklungen. Ein weiteres Mal wird die Chance zur Transformation in einer Krise vertan, wie schon in der Finanz- und der Corona-Krise.

    Dringend notwendige Klimaschutz-Maßnahmen, die auch die Energiemangelkrise im Ukraine-Krieg mindern würden, werden jedoch nicht ergriffen: die Politik traut sich nicht, weil fossile Gegenkräfte der Masse weiter vorspiegeln, der Handlungsbedarf sei nicht gegeben. Die konsumistische Gehinwäsche, die über Jahrzehnte stattgefunden hat, ist nicht zu unterschätzen.
    Die Historikerin an der Hochschule der Bundeswehr in München Hedwig Richter findet für die Tatenlosigkeit der Ampel-Koalition in der Zeitenwende Ende August 2022 klare Worte.


    Sie macht das noch nicht konsequent genug, dass sie viel, viel breiteren Schichten viel, viel mehr zumutet. [...] Das ist eben, finde ich, Aufgabe der Politik zu zeigen: das, was wir bisher für normal gehalten haben, dass es billiges Fleisch gibt, dass der deutsche Bürger ein Recht auf'n Billigflug nach Mallorca hat, das ist genau Teil dessen, warum unsere Welt jetzt brennt. Wir können auf diesem Weg nicht weiterleben, wir müssen hier viel, viel stärkere Einschnitte machen.
    Und ich will als Historikerin da auf die Zeit nach '45 verweisen. Eine Zeit voller Krisen, es war unklar, ob man das schafft, und da gab es ganz starke staatliche Eingriffe. In ganz Europa sehen wir, dass Verfassungen installiert werden, die einen starken Staat machen, und den Menschen wird 'was zugemutet. In Deutschland etwa gibt es ganz klare Umverteilungen von oben nach unten, es wird Solidarität eingefordert, und angesichts der Krise waren die Menschen dazu bereit. Und deswegen mein Plädoyer: die Politik müsste viel radikaler und viel stärker auf Solidarität setzen. [...]
    Demokratie ist viel, viel mehr als Mehrheits-Herrschaft. Und hier finde ich zwei Punkte wichtig: zum einen sind ja die Mehrheiten für Klimaschutz. Und zum anderen ist es auf jeden Fall die Rolle der gewählten Abgeordneten, dass sie mutig sind und dass sie 'ne vorausschauende Politik machen, und eben dann nicht in der Zeit, in der sie ihr Mandat haben, beständig auf die Wähler und Wählerinnnen schielen.
    Gerade die Demokratie kann uns ausrüsten mit dieser Repräsentation [...], dass die Politik dann unabhängig von Mehrheiten das Richtige macht und eben diesen Mehrheiten 'was zumutet. Interessant ist ja dann auch: die Grünen, die das am ehesten machen, die werden dafür belohnt, also in den Umfragen sind die sehr weit oben, während die SPD sinkt und die FDP ohnehin mit ihrer ganz erstaunlich verantwortungslosen Politik gegenüber der Klimakrise total verliert - also das merkt die Bevölkerung, dass hier irgendwas nicht stimmt, dass man im Jahre 2022 nicht so 'ne Politik machen kann gegen Tempolimit, für Pendlerpauschale usw.. [...]
    Was wir erkennen müssen, ist, dass dieses große Versprechen, dass es immer mehr Wohlstand geben wird, dass das so einfach nicht mehr zu machen ist. Und dass alle eben weniger haben und das ist vor allem für die SPD ein Problem, wir müssen damit umgehen, dass es weniger für alle gibt. Und dass es eben keine soziale Gerechtigkeit gibt, solange der Planet brennt. [...] Es ist gute Demokratie, in der Politik der Bevölkerung sagt, was einfach ansteht, und ihr dafür auch die Gelegenheit gibt, und die Strukturen dafür schafft.
    Hedwig Richter
    [Verknüpfung]

    Bei Richters Worten fällt mir ein aus dem neoliberalen Denken gestichener Ausdruck ein: was ansteht, also was anständig ist. In ihrem Weltkriegs-Vergleich ist sie fast auf einer Linie mit dem Ökonomen und Nobel-Gedächtnispreisträger Joseph Stiglitz.
    In einem Komentar der Süddeutschen geht sie genauer auf die Versäumnis der SPD ein, ihrer Klientel endlich die Transformation zu erklären - eben damit sie sich nicht weiter instrumentalisieren lässt.


    [...] soziale Gerechtigkeit kann nicht mehr heißen, den Wahnsinn für alle zu finanzieren. Vielmehr muss der Wahnsinn um der Gerechtigkeit willen gestoppt werden. Nicht mehr Pendlerpauschale, sondern besserer öffentlicher Verkehr. Nicht mehr Eigenheim und mehr Wohnraum für alle, sondern weniger Wohnraum für viele und genug für alle. Nicht mehr Schnitzel für alle, sondern gute Nahrung auch für die Ärmsten.
    Warum spricht es die SPD, warum sprechen es so viele in der Politik nicht aus, was auf der Hand liegt: Soziale Gerechtigkeit heißt nicht mehr, dass es die Kinder besser haben als man selbst, sondern dass sie einen Planeten vorfinden, den sie in Solidarität mit dem globalen Süden bewohnen können.
    Hedwig Richter
    [Verknüpfung]

    Das zivilgesellschaftliche Bewusstsein über die Klimakrise verläuft bisher im immer kürzeren Wechsel zwischen Schock und Verdrängung. Immer häufiger flackern die Bilder von Feuersbrünsten, brachialen Flutwellen, Monsterstürmen, Tornados, Erdrutschen, Überschwemmungen, Hitzewellen über die Bildschirme. Berichte von vielen Toten, Vermissten, Verletzten, Millionen Obdachlosen, Zerstörung riesiger Ökosysteme, von Riesenwerten an Privatbesitz, Infrastruktur und nicht zuletzt Naturkapital, hunderte von Milliarden an Schäden jährlich. Jedesmal ein Tsunami von Sondersendungen, Zeitungsartikeln und Meinungsschlachten in den "sozialen" Medien. Und jedesmal verdrängt dann ganz schnell ein anderes Thema das Problem von der Bildfläche: die Menschen müssen zurück in ihr Hamsterrad, um dort funktionieren zu können, viele haben keine Zeit oder keine Lust, um sich mit der Klimakrise zu konfrontieren. Der aufmerksame Rest wird mit jedem Mal wütender und/ oder verzweifelter.
    Der aktuelle Zustand ermöglicht der Gesellschaft als Ganzes noch weitgehend ein business as usual, wobei ihre Resilienz (Krisen-Toleranz) immer häufiger an ihre Grenzen stößt. Eine neue fatal dumme Erzählung ist die Wahrnehmung dieses Zustandes als das "neue Normal" - in völliger Verleugnung der eindeutigen Prognosen, dass der Zustand so nicht bleiben, sondern sich immer schneller ändern wird.

    Am 02.03.2022 jährte sich der Bericht "Limits to Growth" des Club of Rome zum 50. Mal, mit der sie den Zusammenbruch der Zivilisation für das 21. Jahrhundert prognostiziert und sich in der Tendenz bisher bewahrheitet hat - darüber wurde kaum berichtet, zumindest im Vergleich zur massiven Erinnerung an die Terroranschläge bei der Olympiade in München, bei der ganze 10 Menschen ums Leben kamen.



    Am 05.09. präsentierte der Club of Rome seine neuesten Prognosen unter dem Titel "Earth for all", 50 Jahre nach Limits to Growth. Mittlerweile macht sich - neben einem Großteil der ökonomischen Fachwelt, inklusive des WEF, inklusive zahlreicher Nobelpreisträger - sogar der Rat der Wirtschaftsweisen die radikalen Forderungen des Club of Rome zu eigen: es bedarf dringend der Umverteilung, und die Profiteure des Systems müssen besonders an den Kosten der existentiell notwendigen Transformation beteiligt werden. Seit Jahren stehen beim Weltökonomischen Forum WEF in Davos, dem Treffen der Wirtschafts-Elite, die Probleme Ungleichverteilung und Klimakrise ganz oben auf der Agenda.
    Immer lauter wird der Elefant im Raum benannt, die Binsenweisheit ausgesprochen, die jedem Menschen mit gesundem Menschenverstand, mit dem ich je gesprochen habe, intuitiv klar war: auf einer endlichen Welt lässt sich Reichtum nicht unendlch vermehren, erst recht nicht, wenn er auf der Ausbeutung existentieller Ressourcen und ungerechten Lieferketten beruht. Endlich sagen es auch Berater der Regierung in Deutschland, so wie in den USA schon unter Obama und Biden geschah. So wie John Maynard Keynes in der großen Wirtschaftskrise der 30er Jahre Präsident Roosevelt zum New Deal geraten hatte. Anna Mayr zeigt sich in der Zeit verwundert, dass wir die Krise so lange auf uns haben zukommen lassen, und fragt "warum brennen Wälder und keine Firmenzentralen?"
    [Verknüpfung]

    Die Flut-Katastrophe im Sommer 2021 an den Eifel-Flüsschen Ahr und Erft stellt zwar einen weiteren Rekord dar, doch selbst im größten Chaos beantworten die Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) wie Olaf Scholz (SPD) einmütig den Ruf nach einem Vorziehen des Kohleausstiegs mit "Nein", und auch ansonsten bleibt die CDU in ihrem Klima-Wahlprogramm bei unklaren Absichtserklärungen. Laschet verspricht in der Rede zum Wahlkampf-Auftakt, Deutschland nicht den Ideologen zu überlassen. Dabei stellt sich seine Politik immer deutlicher als Ideologie heraus: das System werde die Kimakrise bewältigen, so wie es ist. Nur die Genehmgungsverfahren müssten beschleunigt werden. Damit öffnet er zumindest der weiteren Beschleunigung des Ökozids Tür und Tor.
    Mit jedem neuen Schadens-Rekord wird diese Abwehrhaltung gegen Klimaschutz und Systemwandel schwerer zu rechtfertigen, aber sie wird dennoch von Medien unkommentiert verbreitet und von der Öffentlichkeit widerspruchslos hingenommen.
    Noch unmttelbar vor dem Unwetter, im nasskalten Gewitter-Frühjahr 2021, leugneten rechtskonservative und neolibertäre Extremisten wieder einmal lautstark die Existenz der Klimakrise, und sie konnten sich das auch wahrnehmbarer trauen, weil die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Bildungsauftrag immer noch nicht nachkommen.

    Die externen Kosten allein der deutschen Wirtschaft werden mit etwa einer halben Billion Euro pro Jahr beziffert.

    Es ist noch lange kein Allgemeinwissen, dass der in sogenannten Rossby-Wellen mäandernde (schlängelnde) Jetstream, der uns seit Menschengedenken das gemäßigte Wechsel-Klima beschert hat, seit ca. 10 Jahren starke Anomalien zeigt und immer wieder völlig zusammenbricht. Die Ausbuchtungen der Rossby-Wellen sind viel extremer ausgeprägt und wandern viel langsamer als früher; besonders wenn sie wochenlang stehen bleiben, kommt es zu Extremwetter. So hält je nach Lage der Welle der Zustrom von Polar- oder Tropenluft wochenlang an. Treffen diese bei uns zusammen, gibt es wochenlang Gewitter - egal ob Sommer oder Winter. Dieses Phänomen ist seit mindestens 7 Jahren in der Fachwissenschaft so gut verstanden und kommuniziert, dass auch interessierte Laien darüber bescheid wissen. Warum nicht auch Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller?
    Immerhin erklärt das ZDF die Sache schon einmal den Kindern in 1min und 19s; hier am Beispiel des damals aktuellen kalten Frühjahrs.
    [Verknüpfung] (empfehlenswertes Erklärvideo der Kindernachrichten-Sendung ZDF logo!)
    [Verknüpfung] (Video-Download aus der ZDF-Mediathek)
    [Verknüpfung] (Erklärvideo von Wetter Online)
    [Coumou 2014]
    Die Haupt-Windrichtung war bis vor etwa 10-15 Jahren West. Mittlerweile kommt der Wind aus allen Himmelsrichtungen, vor allem aus Nord und Süd. Wenn Polarluft zu uns strömt, muss zum Ausgleich warme Luft polwärts strömen: am 20.05. war es in Nordsibirien mit über 30°C deutlich wärmer als am Mittelmeer.
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    Die lang anhaltende Gewitterphase im Mai/ Juni 2021, erklärt Sven Plöger korrekt - leider ohne den Begriff Klimawandel zu benutzen (zur Ehrenrettung sei gesagt, dass er neben Karsten Schwanke und Özden Terli einer der Meteorologen ist, die sich in der Aufklärung verdient machen, im Gegensatz zu vielen, die dazu gar nichts sagen oder gar Donald Bäcker (ARD), der als reisender Klimaskeptiker Vorträge hält, i.d.R. vor älterem Publikum).
    [Verknüpfung] (Tagesthemen von 07.06.2021)
    Seit der Ahrtal-Katastrophe allerdings ist diese Zurückhaltung der Medien dem nüchternen Eingeständnis gewichen, dass der Klimawandel als Ursache der immer bedrohlicheren Unwetterkatastrophen mit zunehmender Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist. An dieser neuen Eindeutigkeit hat die Attributionsforschung von Friederike Otto großen Anteil.

    Der Sendeplatz vor der Tagesschau bleibt dem Thema Klima weiter verwehrt. Stattdessen gab es dort bis höchstens "Wetter", "Wissen" und "Börse vor acht". Und so konnten Klimaskeptiker oder -Relativisten weiter in den Köpfen dafür sorgen, dass unangenehme Maßnahmen im Klimaschutz ausbleiben. Meteorolgen wie Karsten Schwanke versehen neuerdings "Wetter vor acht" mit dem Zusatz "Klima".

    Am 23.06.2021 warnte das IPCC in einer Vorab-Zusammenfassung seines nächsten Berichts wieder vor der Klimakatastrophe, u.a. vielen Hitzetoten. Die Zeit zeigt die erschreckende Diskrepanz zwischen den unzulänglichen politischen Versprechen und den Notwendigkeiten zur CO2-Reduktion. Sie übertitelt ihren Beitrag über den Bericht "Aufruf zur Revolution".
    Welt: [Verknüpfung]
    Zeit: [Verknüpfung]
    Bei +1,5° globaler Erwärmung erleben demnach 14% der Menschheit alle 5 Jahre eine extreme Hitzewelle - schon bei +2° steigt der Anteil auf 37%. Der Anteil der Pflanzenarten, deren Verbreitung um mindestens 50% zurückgeht, steigt entsprechend von 8 auf 16%, und der Insekten von 6 auf 18%.
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    Nur eine Woche später kommt es, während auf der Insel Madagaskar Hunderttausenden der Hungertod durch Dürre droht, in Japan eine riesige Schlammlawine abgeht und in Deutschland mal wieder die Keller volllaufen, im Nordwesten von Nordamerika zu einer historischen Hitzekatastrophe mit bis zu 49,5°C, bei der Hunderte Menschen sterben. Ursache: weil die Rossby-Welle, die hier heiße Luft anzieht, sich nur extrem langsam weiterbewegt, ist ein heat dome ("Hitzekuppel") entstanden.

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    2022 kommt es in weiten Teilen Indiens schon im Juni zu anhaltenden Temperaturrekorden von bis zu 50°C.
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    Gleichzeitig gibt es Berichte über das vierte Dürrejahr auf der für ihren Regenwald berühmte Insel Madagaskar - Millionen Menschen hungern, hunderttausende sind vom Hungertod bedroht. Die FAZ titelt: "Eine grüne Insel wird rot."
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    Stern zitiert einen Madagaskaner: "Mit eurem Geld bringt ihr uns um." Gemeint ist die Lieferung von Nahrungsmitteln, anstatt eine nachhaltige Landnutzung zu unterstützen.
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    Laut Amnesty gab es 2021 nicht einmal eine Todes-Statistik darüber.
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    In Chile, wo der Neoliberalismus von Anfang an hemmungslos grassierte, kommt zu der Klimakrise noch der Raubbau am Grundwasser hinzu.
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    Im Juli titelt das ZDF heute journal "Südeuropa trocknet aus".
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    Nur selten ist zu hören, dass auch China von massiver Dürre betroffen ist.
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    Im August später sorgt ein ungewöhnlich lang anhaltender und intensiver Monsun zur großflächigen Überschwemmung des Nachbarlandes Pakistan. Auch dies wird verursacht, weil die Druckgebiete nur quälend langsam wandern. Nach wenigen Tagen sind in der unüberschaubaren Situation bereits über 1000 Tote gezählt, 33 Millionen Menschen sind betroffen.
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    Bei Sturzregen fallen in Italien in wenigen Stunden die Niederschläge eines halben Jahres, etwa zehn Menschen sterben. Die Meteorologen registrieren eine Verfünffachung der Niederschlagskatastrophen innerhalb von 10 Jahren.
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    Auch Deutschland ist immer wieder betroffen: nach drei Dürrejahren kommt es im Juli 2021, einen Monat nach dem IPCC-Bericht, zur größten neuzeitlichen Flutkatastrophe in Deutschland. Die katastrophalen Statements der Politiker sind in einem größeren Kontext zu sehen, deshalb unten mehr zu Armin Laschet und Friedrich Merz. Den Abwärtstrend in den Umfragen der Grünen Kanzlerkandidatin Baerbock - ausgelöst von Marginalien wie relativ kleinen Falschangaben im Lebenslauf und nicht gekennzeichneten Zitaten aus dem eigenen Parteiprogramm in einem Sachbuch - konnte sebst die Jahrhundert-Katastrophe nicht stoppen. Und das, obwohl die Unionsparteien noch mit ihren jüngsten Korruptionsskandalen konfrontiert waren, die man als Fortsetzung einer alten Parteitradition sehen kann. Die Grünen trauen sich weder, in der Schlammschlacht die Relationen darzustellen, noch die Flutkatastrophe der fossilen Politik ihrer Kontrahenten zuzuschreiben. Denn sie wissen, dass sie damit deren Wähler:innen zu nahe treten würden, die jahrzehntelang die Warnungen der Grünen geflissentlich überhört haben - und die sie ja zum Wechsel bewegen müssen. Der lachende Dritte war die SPD, deren Kandidat Olaf Scholz die Vorwürfe im Wirecard-Skandal durch beharrliches Schweigen an sich abprallen lässt, und die Oppositionspartei FDP, deren kurzes, aber effektives Intermezzo von Wirtschaftsminister Rösler gegen Energie- und Verkehrswende schon längst wieder vergessen ist. Dafür sorgte die FDP laut Ansage für die Beharrung auf der "Schwarzen Null" - was für einen Großteil der Wirtschaftswissenschaftler angesichts der drängenden Aufgaben ein katastrophaler Fehler ist.
    Nach Monaten der Zurückhaltung in der Ampel-Koalition zeigt die FDP wieder mehr Profil - sie blockiert Klimaschutz überall da, wo keine privaten Profite zu erwarten sind. Ausbau der Fossilgas-Infrastruktur, weitere Blockade des Tempolimits, Moratorium der CO2-Steuerprogression, Verbrennerverbot und Koalitionsvereinbarung 100% Erneuerbare für 2035 gekippt, ungebremste Stilllegung von Pumpspeichern, Subvention von Treibstoff- und Gaskonsum per Gießkanne, also ohne soziale Differenzierung und Sparanreiz wenigstens für Wohlhabende - was kommt denn noch?
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    Menschen, die ökosoziale Moralprinzipien vertreten, werden mit ganz anderen Maßstäben beurteilt als andere, und bei Frauen sind die Maßstäbe nochmals verschärft.
    Als die bekannteste deutsche Transformations-Wissenschaftlerin Maja Göpel mit der Verheimlichung von Ghostwriting konfrontiert wurde - die vom Ghostwriter selbst gewünscht und mit dem Verlag abgesprochen war - war das Medienecho gewaltig.
    [Verknüpfung]
    Wolf Lotter von der Denkfabrik futurzwei vermutet als Motiv in der taz Neid, Wut und Kränkung des wissenschaftlichen Establishments.
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    Ich musste angesichts der übertriebenen Reaktion unwillkürlich an die Baerbock-Affäre im Wahlkampf 2021 denken.
    Konservative messen mit zweierlei Maß, wenn sie die Regierungsarbeit der Ampel, die zweifellos extrem schwierige Bedingungen vorfindet - pauschal als "Murks" bezeichnen, und dabei die jahrzehntelange katastrophale Energie- und auch sonstige Klimapolitik der CDU vergessen, der konstanten Abhängigkeit von russischem Gas, ja sogar Verkauf der Gasspeicher zu Beginn der Ukraine-Krise 2015, der Deindustrialisierung des Erneuerbare-Energien-Sektors und der von Anfang an völlig aussichtlsosen Spekulation auf Verbrenner als Zukunftsmodell mit erneuerbaren Kraftstoffen, die Wasserstoff-Import-Strategie, und nicht zuletzt der Blockade der genauso drängenden Agrarwende. Nach all diesen Fehlentscheidungen könnte man von Unfähigkeit sprechen. Zweifel bekommt man aber, wenn man die unzähligen, geradezu immensen Korruptionsfälle betrachtet. Man kann dann schon auf den Gedanken kommen, dass hinter der ökoziden CDU-Politik Absicht steckt.
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    Kanzler Scholz macht dabei seine Erzählung der Vorgeschichte auch nicht besser, wenn er beim VDMA-Gipfel 2022 behauptet, schon "immer" Putins Erpressungspläne gekannt zu haben.

    Man darf gespannt sein, was nach dem ÖPNV-Förderungsinstrument des 9-Euro-Tickets kommt. Jedenfalls ist es - bei allen zusätzlichen Unannehmlichkeiten durch Verspätungen und Zugausfälle - ein deutliches Zeichen, dass die Menschen ein attraktives Angebot auch annehmen und die Staus messbar abnehmen:
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    Der IPCC-Bericht 2022 AR6 diagnostiziert jetzt schon für ca. 3,5 Milliarden Menschen gravierende Gefährdungspotentiale durch die Klimakrise, und prognostiziert für 2100 bei Einhaltung der bisherigen Klimaschutz-Zusagen (die noch lange nicht sicher sind) eine Plus-2,7-Grad-Welt - und weitere Erwärmung. Je näher wir dorthin kommen, desto wahrscheinlicher werden Kipppunkte irreversibel überschritten, und es kommt zur Katastrophe.
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    UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnt vor kollektivem Selbstmord, die Hälfte der Menschheit sei in der Gefahrenzone.


    We have a choice. Collective action or collective suicide. It is in our hands.
    Antonio Guterres
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    Robin McKie schreibt im im Guardian über ein Interview mit dem britischen Vulkanologen und IPCC-Coautor 2011 Bill McGuire: "We may not be able to give climate breakdown the slip but we can head off further instalments that would appear as a climate cataclysm bad enough to threaten the very survival of human civilisation." Er zitiert McGuire:


    This is a call to arms. So if you feel the need to glue yourself to a motorway or blockade an oil refinery, do it. Drive an electric car or, even better, use public transport, walk or cycle. Switch to a green energy tariff; eat less meat. Stop flying; lobby your elected representatives at both local and national level; and use your vote wisely to put in power a government that walks the talk on the climate emergency.
    Bill McGuire
    [Verknüpfung]

    Außerdem gibt der IPCC das CO2-Budget an. Rechnet man mit konstanten Emissionen, so bleiben für 2° 26 Jahre und für 1,5° acht (Stand Sommer 2021). Danach müssten die Emissionen unmittelbar auf Null fallen. Da der Umstieg auf fossilfreie Technik aber nicht abrupt stattfinden kann, muss jetzt sofort mit einer dramatischen Absenkung begonnen werden.
    Die Carbon Clock des Mercator-Instituts zeigt den aktuellen Stand des Restbudgets, wahlweise für das 1,5- oder das 2-Grad-Ziel.


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    Bleibt anzumerken, dass die Prognosen des IPCC aus Angst um Glaubwürdigkeitsverlust bei Politikern bisher immer sehr konservativ waren, also das Problem eher unter- als überschätzt haben. Das liegt daran, dass im IPCC (auf Betreiben des neoliberalen US-Präsidenten Ronald Reagan) von Anfang an Regierungsvertreter saßen - man nennt das eine hybride Organisation.
    Noch 2009 hat das IPCC die Hungerkrise, die jetzt absehbar wird, auf das Ende des Jahrhunderts geschoben.
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    Die NGO Oxfam berichtet vom Report State of Food Security and Nutrition in the World SOFI 2021 828 Millionen Hungernde und nennt jeden dritten Menschen von Hunger bedroht. Oxfam spricht von einem kaputten kapitalistischen Ernährungssystem, das die Effekte von Konflikten, Corona und der sich verschärfenden Klimakrise durch ökonomische Schocks verschlimmert.
    Oxfam: [Verknüpfung]
    Studie: [Verknüpfung]
    Auch ohne Hunger sorgt laut Oxfam der Reichtum der Milliardäre verschärft durch Corona für noch mehr Elend, so die Studie "Profiting from Pain". Hauptprofiteure: "food dynasties", "big oil", "pharma giants", "the tech sector" (v.a. Plattform-Ökonomie plus Tesla).
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    Die Klimakrise lässt sich nicht mehr als ein fernes, mögliches Szenario unter vielen abtun. Sie ist da und die Anzeichen, dass mehrere Kipppunkte erreicht sind, lassen uns keine Zeit, noch weiter den Klimaschutz zu verzögern. Große Teile der Welt wie Australien, der pazifische Raum oder Kaliformien leiden unter so häufigen klimabedingten Katastrophen, dass man dort durchaus von einer Klimakatastrophe sprechen kann.
    Die Anzeichen der Krise sind auch bei uns deutlich spürbar. In Mitteleuropa herrschte 2020 eine historische Dürre, die über drei Jahre ein enormes Regendefizit aufgebaut hat.
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    Das geringere Niederschlags-Defizit von 20% im Herbst 2020 hat an der dramatischen Trockenheit tiefer Bodenschichten nichts geändert.
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    2021 war sogar ein Jahr mit etlichen Starkniederschlägen, die jedoch aufgrund der degradierten, tief ausgetrockeneten Böden weit stärker als früher oberflächlich abflossen. 2022 ist wieder Dürre. Der Boden ist bis in tiefe Schichten ausgetrocknet.
    Das Bundesamt für Zivilen Bevölkerungsschutz ruft zum Wassersparen auf.
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    Seit 20 Jahren kartiert der Forschungssatellit Grace die Gravitation der Erdoberfläche. Das Global Institute for Water Security an der Universität im kanadischen Saskatoon wertet die Messungen im Auftrag von NASA und DLR aus. Die Auswertungen lassen darauf schließen, dass Deutschland einen Wasserverlust von 2,5 Kubikkilometer im Jahr hat - über die 20 Jahre ist das die Menge des Bodensees. Deutschland zählt damit zu den Weltregionen mit der höchsten Wasserverlustrate.
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    Gleichzeitig laufen im Sommer die ersten Gletscher-Talsperren über und erhöhen die Wasserspiegel des Rheins, der sonst noch weniger Wasser führen würde. Diese extreme Sommerschmelze wird in absehbarer Zeit zurückgehen - mangels Gletschereis.
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    Buchtipp: Sven Plöger. Die Alpen und wie sie unser Wetter beeinflussen. Piper 2022
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    Immer häufiger kommt es zu Trockengewittern: der Niederschlag verdampft, bevor er den Boden erreicht. Diese führten z.B. in Kalifornien zu den verheerenden Waldbränden der letzten Jahre und wird von Meteorologen auch in Deutschland als potentielle Gefahr gesehen.
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    Weihnachten 2021 kommt es zu verheerenden Waldbränden in Colorado, 30.000 Menschen werden evakuiert.
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    Eine Verhärtung der oberen Bodenschicht führt dazu, dass Niederschläge zuerst eher abfließen. Auch muss in einem augetrockneten Boden zuerst eine Benetzung der Bodenpartikel stattfinden, der durch die Oberflächenspannung des Wassers erschwert ist. Deshalb nimmt ein Boden mit gewisser Restfeuchte Niederschläge wesentlich besser auf. Doch auch die saugfähigsten Böden sind nicht in der Lage, Starkregen schnell genug in die Tiefe zu leiten - dann kommt es zum oberirdischen Abfluss zum nächsten Oberflächengewässer.
    Der Wetterdienst verzeichnete 2021 zwar Niederschläge, diese kam aber kaum im Boden an.
    Die Landesforsten Rheinland-Pfalz registrierten noch Ende Juni trotz eines Dauer-Tiefs über Deutschland 2021 ein Regendefizit von 270l/m2.
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    Die Bodendegradation durch industrielle Landwirtschaft mindert die Wasseraufnahmefähigkeit der Böden noch einmal drastisch.
    Annika Joeres und Kolleg:innen zeigen im Recherchenetzwerk correctiv, welche Schäden in Volkswirtschaft und Zivilgesellschaft allein durch die Konflikte um das Wasser verursacht werden. Wir können dabei schon froh sein, dass im letzten Jahrzehnt die Privatisierung der Wasserressourcen europaweit durch massive Bürgerproteste und andere zivilgesellschaftliche Gegenwehr verhindert werden konnte.
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    Die Sterblichkeit über 65-Jähriger aufgrund von Hitze hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren um 53,7 Prozent erhöht.
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    Damit liegt Deutschland weltweit an der Spitze, was natürlich auch der Altersstruktur geschuldet ist - welche wiederum die Klimapolitik bisher negativ beeinflusst hat.
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    Seit 2014 fasst der Lancet Countdown jährlich die wichtigsten Erkenntnisse zur Klima-Gesundheit zusammen. Der Bericht 2022, der den Titel "Gesundheit von Gnaden der Fossilbrennstoffe" trägt, gibt die Steigerung der Hitzesterblichkeit von 2004 bis 2021 global mit 68% an. Er visualisiert daneben viele weitere messbare Aspekte der Klimagesundheit, v.a. Nahrungssicherheit, und beleuchtet politische Ursachen wie Subventionen, Ernährungspolitik, nicht eingehaltene Hilfszusagen gegenüber dem globalen Süden und ökozide Unternehmensentscheidungen.
    Spiegel: [Verknüpfung]
    Der Deutsche Wetterdienst gibt die Erwärmung von 2020 gegenüber 1881 in Deutschland mit 1,5°C an - weil er durch die komplexe Kurve eine simple Ausgleichsgerade zieht.

    In der Klimaforschung ist jedoch die Betrachtung des 30-jährigen Mittels Standard - und dessen Wert liegt nach Stefan Rahmstorf vom PIK Potsdam um ganze 2°C höher als der von 1881.

    Der DWD ist allerdings beteiligt am Deutschen Klima-Konsortium, das die korrekt ermittelte Erwärmung in Deutschland von 2°C angibt.
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    Der Anstieg des Meeresspiegels verläuft schneller als die Prognosen des IPCC vorhergesagt haben.
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    Eine britische Studie rechnet mit 200.000 gefährdeten Immobilien bis 2050.
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    Die aktuelle Klima- und Biosphärenforschung prognostiziert für eine weitere Verschleppung drastischer Klimaschutzmaßnahmen für 2070 die Überhitzung des Lebensraums von 1-3 Milliarden Menschen, das ist 100.000 bis 300.000 mal die Zahl der Migranten im Auffanglager Moria.
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    Zum Ende des Jahrhunderts droht eine Plus-4-Grad-Welt, die nach Schätzungen des meistzitierten Forschers der Welt, Johan Rockström, vier bis acht Milliarden Menschen ernähren kann: "It’s difficult to see how we could accommodate eight billion people or maybe even half of that. There will be a rich minority of people who survive with modern lifestyles, no doubt, but it will be a turbulent, conflict-ridden world."
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    Diese Einschätzung teilen die 17 US-Geheimdienste, deren Denkfabrik NIC 2021 schon für 2040 eine dystopische Zukunftsprognose veröffentlicht hat für den Fall, dass nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
    Von den für 2100 projizierten 11 Milliarden Menschen müssen Hunderte Millionen bis etliche Milliarden sterben. Es ist peinlich, so etwas schreiben zu müssen, denn solche Binsenweisheiten versteht jeder Zweitklässler. Die meisten Politiker offenbar nicht.
    Frühere Schätzungen gingen auch schon einmal von Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen aus.
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    Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge UNDRR registriert für die letzten 20 Jahre eine Verdopplung klimabedingter Naturkatastrophen gegenüber den Vorjahren.
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    Egal, wie hoch die Zahlen letztlich werden: jeder einzelne Klimaflüchtling ist einer zuviel. Wieviel Auseinandersetzung, Kampf, Tod und Elend das bedeutet, scheint sich von den Verantwortlichen niemand auch nur ansatzweise vorstellen zu können oder zu wollen. Eine Fahrlässigkeit noch nie gekannten Ausmaßes.
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    Die Entwicklung folgt dem pessimistischsten Szenario des IPCC-Berichts von 2005.

    Wir nähern uns den prognostizierten Kipppunkten, die erstmals 2008 definiert wurden; möglicherweise sind auch schon einige erreicht.
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    2022 wurde der Stand der Forschung aktualisiert, 200 Studien zusammengefasst. Fünf der 16 Kipppunkte sind möglicherweise schon bei 1,5K Erwärmung erreicht.


    klimareporter: [Verknüpfung]
    Studie: [Verknüpfung]

    Die arktische Eisschmelze macht die Dynamik des Prozesses besonders deutlich.
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    Die IPCC-Prognose von 2013 kam der realen Entwicklung eines fatalen Kipppunkts bei Weitem nicht hinterher: 2019 wurde eine Auftaurate von sibirischem Permafrost beobachtet, die für 2090 [sic!] vorhergesagt wurde. Die Erwärmung über den Polen ist wesentlich höher als im globalen Durchschnitt, da die Temperaturen dort wesentlich stärker durch IR-Abstrahlung geprägt sind als in den anderen Breiten, wo die Solarstrahlung einen relativ stärkeren Einfluss hat. Der Treibhauseffekt beeinflusst nicht die solare Einstrahlung, aber die IR-Abstrahlung, daher die starke Erwärmung an den Polen. Mittlerweile entstehen in der Tundra riesige Methanblasen, die weitere große Treibhausgasmengen freisetzen. Zudem reflektieren dunkle Flächen weniger Sonnenlicht ins All als Eis (verminderte Albedo), was eine weitere Rückkopplung darstellt.
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    SRF-Doku bei Youtube: [Verknüpfung]
    Das UBA hatte schon 2006 gewarnt:
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    Die Anzeichen, dass der westantarktische Eisschild irreversibel zu schmelzen begonnen hat, mehren sich.
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    Die Wolkenbildung in oberen Luftschichten ist aufgrund erhöhter Temperaturen nachweislich vermindert - und damit auch die Albedo (Reflektionswirkung) der Erde.
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    Auch der Kipppunkt des Kohlenstoffspeichers im Amazonas-Regenwald ist näher als bisher gedacht. Die Entwaldung für hochbelastete landwirtschaftliche Monokulturen und Schlammwüsten zur Viehzucht ist soweit fortgeschritten, dass der Wasserkreislauf im Regenwald sich einer kritischen Schwelle nähert: er droht zur Savanne zu werden.
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    Bisher wurden 30% der CO2-Emissionen von Pflanzen zur zusätzlichen Photosynthese genutzt; doch mit zunehmender Temperatur wird sich dieser Effekt ins Gegenteil verkehren und die Vegetation wird damit von einer Senke zu einer Quelle.
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    2019 wurden die Meeresspiegel-Projektionen für 2050 dem neuesten Kenntnisstand angepasst. Die Karten sind absolut beunruhigend.
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    Wann der Golfstrom abbricht, und was das für Folgen hat, kann niemand genau sagen. Dass sie gravierend und negativ sein werden, und dass die Entwicklung immer schneller darauf hinausläuft, ist allerdings sicher.
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    Bisher hat das Meer 90% der anthropogenen Erwärmung absorbiert. Diese Fähigkeit geht verloren, wenn sich an der Oberfläche eine Warmwasserschicht ausbildet (ähnlich wie im sommerlichen Süßwassersee). Sie verhindert einen Transport der Wärme in tiefe Wasserschichten, weil die Konvektion nur noch innerhalb dieser Schicht stattfindet.
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    Die zu beobachtenden Auswirkungen sind dramatischer als in Land-Ökosystemen.
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    Gerät die Erwärmung komplett außer Kontrolle, fallen sogar Wolken als Reflektoren der Sonnenstrahlung weg: der Taupunkt wird vielerorts nicht mehr unterschritten.
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    BBB

    Als ginge es nicht um unzählige Menschenleben, und als hätten Experten vor dieser Entwicklung nicht längst eindrücklich und vernehmbar gewarnt, lässt man sich trotzdem immer wieder die erwarteten Klimaschäden gegenüber den Kosten für Klimaschutz aufrechnen. Allein nach dieser Kosten-/Nutzen-Rechnung gibt es kein Argument mehr gegen Klimaschutz.
    Doch selbst diese Zahlen beeindrucken die meisten Entscheider noch nicht genug. Carbontracker stellt fest: die letzte Hemmung der notwendigen Klimawende ist politisch begründet. Beim Weltökonomischen Forum WEF in Davos sind Klimaschutz-Versagen, Extremwetter und Biodiversitäts-Verlust bei den Langfrist-Risiken in allen Umfragen auf den Plätzen 1-3; Ungleichverteilung gilt seit Jahren zunehmend als Top-Risiko. Die Forderungskatalog Earth for all des Club of Rome 2022 ist sofortige Umverteilung, Frauenrechte, und dann - in der Konsequenz - durchgreifende, schnelle Agrar- und Energiewende.
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    Auch die pandemiebedingten Wiederaufbauhilfen werden längst nicht in dem Maße genutzt für ein build back better wie angekündigt; die fossilen Systeme erhielten weit höhere Unterstützung als erneuerbare; die neue Devise des WEF für die erhoffte Zeit nach der sich schon 2021 anbahnenden Energiekrise ist zwar build back broader, doch sind 2022 die Investitionen in fossile Brennstoffe wieder auf Rekordniveau, weil der Ukraine-Krieg astronomische Preise verursacht.
    Immerhin verschieben sich die Gewichte mittlerweile, wohl auch durch Druck der Finanzwirtschaft und der Industrie, die klare Rahmenbedingungen fordert: sie weiß immerhin, dass es nicht so weitergehen kann. In Merkel-Deutschland wurde komplett auf umstrittene Wasserstoffimporte gesetzt, und die anderen notwendigen Sektoren Erneuerbare und Effizienz vorsätzlich vernachlässigt und aktiv blockiert.
    [Verknüpfung]

    Die bisherigen Forschungen beschäftigten sich vor allem mit der Perspektive bis zum Ende des Jahrhunderts, und gingen von den vermeintlich seriösen, d.h. politisch beeinflussten und damit viel zu optimistischen Temperaturprognosen des IPCC aus. Neue Studien nehmen den worst case genauer in den Blick, z.B. "Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios" in PNAS vom who-is-who der Erdsystemforschung: Luke Kemp1, Chi Xu, Joanna Depledge, Kristie Ebi, Goodwin Gibbins, Timothy Kohler, Johan Rockström, Marten Scheffer, Hans Joachim Schellnhuber, Will Steffen, Timothy Lenton.
    Studie in PNAS: [Verknüpfung] Bericht im ZDF: [Verknüpfung]


    Die Menschheit führt Krieg gegen die Natur. Das ist selbstmörderisch. Die Natur schlägt immer zurück - und sie tut es bereits mit wachsender Kraft und Wut. [...] Die Wissenschaft ist kristallklar: Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau zu begrenzen, muss die Welt die Produktion fossiler Brennstoffe um ungefähr 6 Prozent pro Jahr zwischen heute und 2030 vermindern. Stattdessen bewegt sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung - sie plant einen jährlichen Anstieg um 2 Prozent.
    Antonio Guterres
    [Verknüpfung] BBB

    Das hielt die EU, auch und v.a. auf Betreiben der CDU-geführten Bundesregierung, nicht davon ab, auch 2021 die Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen mit dem faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro fortzusetzen, oder trotz innerer Konflikte weiter am Energiecharta-Vertrag festzuhalten. Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik wird blockiert, die Klimawende in Deutschland war am Tiefpunkt.
    Die Wahl des US-Präsidenten Biden war ein Wendepunkt, mit vereinten Kräften die Anthropozän-Krise und die Verteilungs-Krise kombiniert anzugehen, denn ein Mehr an Klimagerechtigkeit darf nicht ein Weniger an Verteilungsungerechtigkeit bedeuten. Doch bei all seinen gewaltigen Initiativen wartete Biden auf eine beherzte Antwort aus Europa unter Angela Merkel vergeblich.
    Sven Giegold: [Verknüpfung]
    Zeit: [Verknüpfung]
    Biden hat gute Gründe. Der National Intelligence Council, das Beratungsgremium aller US-Geheimdienste beim Präsidenten, warnt vor einer Welt voller Konflikte im Jahre 2040, wenn nicht sofort global mit Klimaschutz Ernst gemacht wird. Die Chancen stehen und fallen mit der Aktivierung der demokratischen Zivilgesellschaften für die Transformation, die nach mehrheitlicher Einschätzung von Wirtschafts-Experten Erfolg verspricht. Doch nach wie vor befördern konservative Politiker die Desinformiertheit ihrer Wähler und spalten damit die Gesellschaft - was die Geheimdienste als Schreckensszenario darstellen. Erfahrungen gibt es in den USA genug.
    Olaf Scholz setzt Merkels Kurs fort.

    Die neuesten drastischen Warnungen sind in Europas Zivilgesellschaften immer noch nicht angekommen. Dieselben Leute, die bisher Klimaskepsis und Geschichten von Kostenexplosion verbreitet haben, sind jetzt diejenigen, die vor den Nachteilen der Klimawende warnen, und sogar nicht davor zurückschrecken, Putins Gaspreispolitik mit grüner Inflation zu verbinden. Dieselben Leute, die jahrzehntelang mit ihrer Politik für eine historische Akkumulation von Reichtum gesorgt haben, und die in der wirtschaftlichen Globalisierung gegen jede Form von Energie- und Ernährungssouveränität der Menschen arbeiten, warnten zuletzt vor Härten für Benachteiligte im Klimaschutz. CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der die Kohle-Bestandsgarantie bis 2035 als Kohleausstieg feiert, als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen noch im Dezember 2020 eine 1000m-Abstandsregel für Windräder durchsetzte und eine geradezu repressive Politik gegen die Klimaschützer im Hambacher Forst an den Tag legte, stellt sich jetzt als Macher im Klimaschutz dar. Genauso widersprüchlich die klimapolitischen Beteuerungen von Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder, der gleichzeitig an der 10H-Regel festhält. 2022 zieht Sachsen mit einer 1000m-Regel nach.
    In der Ukraine-Krise kündigt der grüne Wirtschaftsminister Habeck an, die Abstandsregeln per Grundgesetz auszuhebeln - 2% der Landesfläche sollen in jedem Bundesland verfügbar gemacht werden.

    [Verknüpfung]
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    Sachsens CDU-Ministerpräsident Kretschmer, der auch wegen seiner Haltung zu Putin kritisiert wird, spricht in der Tagesschau von dem Bundesgesetz als "Bedrohung für Menschen im ländlichen Raum".
    [Verknüpfung]

    Wirtschaftsminister Altmaier hatte im Mai 2020 versprochen, die Weichen unumkehrbar für Klimaschutz zu stellen.
    [Spiegel 2020]
    Doch Anspruch und Wirklichkeit klafften mit dieser Ansage nur umso weiter auseinander.
    CDU-Kanzlerkandidat Laschet nutzte als NRW-Ministerpräsident mit Koalitionspartner FDP seinen ganzen Einfluss um zu verhindern, dass der Kohleausstieg vorzeitig möglich wird: sein 2021 für NRW geplantes Gesetz beschränkt den Onshore-Windkraft-Ausbau auf nahezu Null. Gleichzeitig löst er mit der Energieagentur NRW eine wichtige Organisation auf, die das Know-How der Energiewende mit großer Expertise entwickelte und verbreitete.
    Kanzlerin Merkel sprach in ihrem letzten Interview mit der Deutschen Welle Klartext. Ernüchtert stellt sie ihr klimapolitisches Versagen fest und erklärte, die Jugend müsse "Druck machen". Die Handlungsmöglichkeiten der Ampel-Koalition sind schon beschränkt, doch sind nicht alle Koalitionspartner zu einer sozial-ökologischen Transformation motiviert. Die FDP bremst, wo sie kann. Fridays for Future mobilisiert im Herbst 2022 mit der Forderung nach 100 Milliarden Sondervermögen für's Klima. Angesichts des gleich großen Sondervermögens der Bundeswehr, der 60 Milliarden Mehreinnahmen durch Inflation, gigantischer Übergewinne der Unternehmen und der Bedeutung der Zukunftsaufgaben ist die Forderung gerechtfertigt, befinden DIW-Forscher Marcel Fratzscher und der HTW-Energieforscher und Scientist for Future-Aktivist Volker Quaschning.
    [Verknüpfung]

    Die Studien, die die notwendigen Maßnahmen der Politik konkret beschreiben, wachsen immer schneller zu immer höheren Papierbergen. Mittlerweile kritisiert selbst der Bundesrechnungshof die Pläne der Bundesregierung: für Deutschland ergäben sich daraus unkalkulierbare finanzielle Risiken.
    [Verknüpfung]
    Das Bundesverfassungsgericht erklärte im April 2021 das Klimagesetz von 2019 für verfassungswidrig: es schränke die Freiheiten der kommenden Generationen zu sehr ein.

    Auf die Defizite seiner bisherigen Politik angesprochen, leistet Wirtschaftsminister Altmaier bei Anne Will (ARD) am 22.09.2019 seinen klimapolitischen Offenbarungseid: "Ja aber wissen Sie, ich hab' die Menschen gefragt, ob sie mitbekommen haben, was der Sachverständigenrat uns empfohlen hat, Herr Edenhofer und sein Potsdamer Institut, das ist in der Öffentlichkeit nicht verankert. Und die Politik hat auch nur begrenzte Möglichkeiten etwas zu kommunizieren, [...] aber ich hab' bisher noch nicht denjenigen gesehen, der uns erklärt hat, wie das am besten geht."
    Am 04.08.2020 wird er noch deutlicher: "Ich gebe allerdings zu, dass wir in den letzten Jahren auch Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben."
    [Spiegel 2020]
    Ein Jahr später, im Wahlkampf 2021, nach Verfassungsgericht-Urteil und einem Minus-Rekordjahr, was den Zubau der Erneuerbaren angeht, räumt er dann n-tv-Interview ein, dass wir uns "Energiewende-Bremsen" in Zukunft "nicht mehr leisten können".
    [Verknüpfung]
    Die CDU blockiert die Energiewende bis zum Ende der Großen Koalition. Seinen letzten Coup landet Peter Altmaier mit seiner Stromschätzung für 2030 kurz vor der Bundestagswahl im Herbst 2021, auf der die Ausbauziele für Erneuerbare Energien basieren. Nach Ansicht der Fachwelt sind die Schätzungen des von ihm beauftragten Gutachtens viel zu niedrig, und damit natürlich auch die Zubauraten.

    Je drängender die Reaktionen auf die Klimakrise anstehen, desto krasser wird die Desinformation.
    Bei der Frage, wie Altmaiers Beteuerungen zu verstehen sind, lohnt sich ein Blick in die Archive. So sei hier noch einmal an Altmaiers Eine-Billion-Euro-Kampagne erinnert. Auch muss man bedenken, dass Altmaier und seine Mitarbeiter enge Beziehungen zu Anti-Windkraft-Aktivisten pflegen, der Vorsitzende des AfD-nahen Vernunftkraft e.V. ist Nikolai Ziegler, der persönliche Referent seines zuständigen Staatssekretärs Thomas Bareiß. Beide sind bekennende Klimaskeptiker. Bareiß gehört mit Klimaskeptiker Joachim Pfeiffer zum sogenannten Bermuda-Dreieck der Energiewende. Eine Studie der Bundesanstalt für Geo- und Raumwissenschaften BGR, auf die sich zwischen 2009 und 2021 etliche Gutachten gegen Windräder berufen haben, rechnete den schädlichen Infraschall 3000-fach zu hoch. Die Behörde steht auch in vielen anderen Fragen in der Kritik von Umwelt-NGOs, hatte schon 2001 ein Klimaskeptiker-Buch veröffentlicht. Sie untersteht dem Wirtschaftsministerium, z.B. zum Zeitpunkt des Buchs Werner Müller (parteilos), oder zum Zeitpunkt der Infraschall-Fehlerdiskussion Peter Altmaier (CDU). Als Stefan Holzheu den Fehler aufdeckt, wird er über ein Jahr lang drangsaliert, bevor Altmaier sich schließlich entschuldigt.
    Ein allzu großes Rad dreht Altmaier aber nicht daraus, mit der Begründung: "Es ist glaube ich auch Sache der interessierten Öffentlichkeit, diese Informationen zu verbreiten und deutlich zu machen." Es nimmt deshalb nicht wunder, dass man immer noch mit dem Infraschall-Scheinargument konfrontiert wird.
    Vor all diesen Hintergründen versteht man dann auch seine süffisante Bemerkung bei Maybrit Illner am 24.01.2020 als triumphierende Selbstoffenbarung: "Wir sind eine Demokratie, wo uns gerade die Grünen gezeigt haben, dass es wichtig ist, mit den Menschen vor Ort zu reden, und sie haben Bürgerinitiativen zu allen möglichen Themen organisiert. Und damit müssen sie jetzt leben, dass sich Menschen bei Themen zu Wort melden, die ihnen vielleicht nicht ganz so genehm sind."
    Im Januar 2021 legt eine Studie der Europäische-Energiewende-Community dar, dass die Anti-Windkraft-Bewegung viel größer dargestellt wurde, als sie tatsächlich ist. Die Reaktion der Medien lässt bisher auf sich warten, allerdings kein Wunder bei der Sprengkraft des Themas. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf.
    Dass Umweltpolitik in der CDU auch sonst keine große Lobby hat, wird spätestens bei den klimaskeptischen Äußerungen der umweltpolitischen [sic!] Sprecherin Marie-Luise Dött deutlich.
    Altmaier erweist sich mit seinem Klimaskeptiker-Team auf jeden Fall nicht nur als der Gesetze-Macher der Energiekehrtwende, sondern auch als ihr oberster Stimmungs-Macher. Im Juli 2021 wirft er schließlich den Befürwortern von CO2-Abgaben eine spalterische Politik vor - dabei ist seine populistisch-verzerrte Angst-Kampagne der Energiewende-Kosten nichts Anderes als gesellschaftliche Spaltung.

    Nach der Abwahl seiner Partei aus der Bundesregierung versucht sich Altmaier auf die ganz joviale Art in Geschichtsklitterung. Den Scientists-for-Future-Aktivisten Özden Terli lädt er per Twitter zum Strategiegespräch bei einer Tasse Kaffee ein: "die #Klimaschmutzlobby soll nicht gewinnen".
    [Verknüpfung]
    Die neue Erzählung von der CDU als Energiewende-Partei wird dort fleißig reproduziert. Besonders bemerkenswert ist ein DLF-Interview des europapolitischen Sprechers der Union Gunter Krichbaum anlässlich eines EU-Gipfels zur Energiekrise am 20.10.2022:

    "Ich hatte 2002 im deutschen Bundestag angefangen und da war der Anteil der erneuerbaren Energien bzw. des erneuerbaren Stroms bei ungefähr vier, fünf Prozent. Mehr war es nicht. Heute sind wir bei über 50%. Und die letzten 16 Jahre haben eben dazu beigetragen, dass gerade hier im Bereich der erneuerbaren Energien konsequent ausgebaut wurde. Das ist nicht etwas, wo ich mit dem Finger schnipsen kann und das geschieht von heute auf morgen, in einer gewissen "Pan-Tau-Mentalität" und einem Zylinder, das wird so natürlich nicht funktionieren, und der Ausbau wird ja konsequent nach vorne getrieben. Das ist die Handschrift der Union gewesen und das waren erfolgreiche 16 Jahre."
    [Verknüpfung]

    Abgesehen davon, dass Pan Tau eine Melone hatte und keinen Zylinder: ich habe lange nicht mehr so herzhaft lachen müssen, wo die CDU doch jahrzehntelang stoisch die Nicht-Machbarkeitserzählung der Energiewende verbreitet hat. Allerdings finde ich auch, dass es nach 16 Jahren Energiekehrtwende der CDU, gar nicht so viel zu lachen gibt. Die deutsche Verhandlungsposition bei den UN-Klimakonferenzen wäre mit einer konsequenten Energiewendepolitik weit besser.

    Statt die Bevölkerung zu informieren, betrieben Merkel-geführte Regierungen also selbst Desinformation oder überließen dieses Feld fossilwirtschaftlichen Interessengruppen. Beispiele: Agrarindustrie, Autoindustrie, Luftfahrt, Verpackungsindustrie, Energieversorger, Industrieverbände, Fondsgesellschaften, ... .
    Natürlich wird auch das gigantische Greenwashing der Fossilkonzerne nicht kommentiert, geschweige denn politisch bekämpft oder gar juristisch verfolgt.
    Und um die junge Generation genauso ahnungs- oder zumindest ratlos zu halten wie ihre Eltern, sprach sich Bundesbildungsministerin Karliczek gegen ein Unterrichtsfach Klimaschutz aus - im Gegensatz zu Italien, wo die Klimakrise freilich deutlicher zu spüren ist. Das schnell wachsende Nord-Süd-Gefälle in der Klimakrise ist weiterer, gewaltiger Sprengstoff für die EU.
    In der Opposition zur Ampel-Regierung, die eine Umkehr im Klimaschutz als Agenda präsentiert, spielt die CDU jetzt mit den Ressentiments konservativer Bürger:innen gegen die Energiewende, die sie selbst vorher gesät hatte. Die Gaspreisexplosion in der Corona-Entspannungsphase rechnet Tilman Kuban im Januar 2022 schon der Ampel-Energiepolitik zu, obwohl diese noch gar keine spürbaren Preiseffekte entwickelt haben kann: tatsächlich sind die Preise durch mehrere Faktoren hochgetrieben worden, v.a. durch Putins Lieferpoltik als Druckmittel in der Ukraine-Nordstream-2-Frage.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden als effektives Gegenmittel zu politischer Propaganda öffentlich-rechtliche Medien von seiten der Staaten eingerichtet oder gestärkt, auch um mit investigativen Recherchen Missstände aufzudecken. Konservative Politiker:innen arbeiten seit Jahrzehnten daran, diesen Einfluss auf politische Fragen zu beschränken, und den Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen oder ethische Probleme zu simplen Meinungsfragen zu erklären.
    Die Desinformation in den zahllosen Talkshows und Interviews geht vom widerspruchslosen Hinnehmen von dreisten Lügen über das Wortabschneiden, wenn brisante Fakten auf den Tisch kommen, bis hin zum Einstreuen fossilpopulistischer Thesen wie z.B. bei Maybrit Illner oder Sandra Maischberger.
    Das Weglassen bestimmter missliebiger oder Überbetonen erwünschter Inhalte in den Nachrichten ist mittlerweile eklatant und Anlass für Programmbeschwerden, z.B. auch bei ARD und ZDF, hier sogar in Beiträgen des Umweltexperten Volker Angres.

    Damit bereiten Politiker:innen und willfährige, unfähige Medienprofis den Boden für Populismus. Allzu deutlich wird das gerade in der Corona-Krise, wo rechte Bewegungen aus diffusen Vorbehalten und Vorurteilen in der Bevölkerung Verschwörungstheorien entwickeln. Ergebnis ist die Destabilisierung der westlichen Demokratien, die eindeutig der Erhaltung des fossilen Imperiums dient.
    Solange das fossile Geschäftsmodell als Basis des Wohlstands in der westlichen Welt galt, blieb der politische Einfluss des fossilen Imperiums weitgehend verborgen. Die Klimakrise und der Preisverfall der Erneuerbaren Energien (dank des EEG) haben in Europa endlich - angestoßen durch eine klimaschutzbewegte Jugend - jedoch zu Ansätzen eines tiefgreifenden Umdenkens geführt. Die Pläne einer Transformation durch eine sozial-ökologische Politik starker Staaten erfährt in Europa immer mehr Zustimmung, denn immer größere Teile der akademischen (auch der ökonomischen) Elite widersprechen der jahrzehntelang vorherrschenden Ideologie, und äußern sich auch immer lauter.
    Ein stabiles, demokratisches Euopa ist deshalb mittlerweile zur größten Gefahr für das globale fossile Imperium geworden: von allen Industrieregionen der Welt hat es das größte Potential, sich aus der fatalen Abhängigkeit der fossilen Brennstoffe zu befreien.
    Doch jede tiefgreifende Änderung ruft Konservative auf den Plan, die vom Status Quo profitieren oder Angst vor Veränderung haben. Sie halten an der neoliberalen Ideologie fest: der Ablehnung jeglicher staatlichen Intervention. Sie bezeichnen die wissenschaftlichen Zukunftsmodelle als gesellschaftliche Spaltung - doch manche verbreiten teilweise hetzerische Narrative, am heftigsten die fundamentalchristlichen Gruppen von Katholiken in Europa und Evangelikalen in den USA (siehe auch hier).
    Die Verursacher der Krise schaffen es, dass die Enttäuschten diese Krise dem Staat anlasten. Sie verwandeln Nöte und Ängste von Massen in Misstrauen gegen den Staat. Tatsächlich leiden viele der Qualitäts-Medien an einer neoliberalen Fehlsichtigkeit. Doch anstatt diese Fehlsichtigkeit zu erkennen und durch eine Gemeinwohl-Brille auszugleichen, fallen viele auf die populistische Hetze gegen vermeintliche "Staatsmedien" herein und lassen sich in die Echokammern von autoritären Leugnern, Hetzern und Verschwörungstheoretikern treiben.
    Es gibt zahlreiche Hinweise, dass diese Spaltung betrieben und bezahlt wird von Öl- und anderen Milliardären aus USA, Europa und Russland. Sei es von innen (UKIP und Brexit, Trump und White Supremacy, Orban, PIS, AfD und rechte Querdenker) oder jetzt sogar militärisch von außen (Ukraine). Geradezu tragisch ist es, dass die Verschwörungstheorien gerade unter den Verlierern des fossilen Turbo-Kapitalismus die größte Resonanz finden. Beängstigend, dass es sichtbare Kontakte deutschsprachiger Konservativer zur amerikanischen Rechten, bzw. der SPD zur russischen Öl-Oligarchie gibt.
    Das Ende der Ölzeit führt zu dramatischen Verwerfungen: nach dem Sturm auf das US-Kapitol 2021 ist der russische Überfall auf die Ukraine ein neues, dramatisches Beispiel. Die europäische Ostpolitik hat sich darauf beschränkt, mit einer permanenten Abnahme russischer fossiler Brennstoffe für Stabilisierung der Beziehungen zu sorgen. Die deutsche Energiewende hätte eine eurasische werden können, Russland hätte eine mit europäischen Investitionen eine Transformation vom Erdgas- zum EE-Strom- und P2X-Gas-Lieferanten betreiben können. Doch gemeinsame Anstrengungen zur Dekarbonisierung waren auch von den USA nicht gewollt (die Präsidenten Bush Senior und Junior stammen aus einer Öl-Dynastie, Clinton war Neoliberaler). Mittlerweile warnt selbst ein Politologe wie Herfried Münkler vor einem Ausbremsen der Energiewende durch Russland - was nach Ansicht von Klimaschützern zweifellos seit Jahrzehnten zur Agenda der SPD-Ostpolitik gehörte.
    Das fossile Imperium ist global, und die großen Akteure haben die Märkte unter sich aufgeteilt. Deutschland treibt wie kaum ein anderes Land gegen diese Widerstände die Transformation voran - und das, obwohl es historisch zwischen den Stühlen der fossilen Großmächte steht.

    Putins Ukraine-Invasion besiegelt auch energiepolitisch eine Zeitenwende. Was heißt das?
    Die SPD beendet ihre Ostpolitik, die in der Alimentierung einer reformunfähigen russischen Wirtschaft bestand, die vom Export fossiler Brennstoffe getragen war. Am Ende diente dieser v.a. den Interessen der wenigen Glücksritter, die in den chaotischen Jahren nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Eigentumsrechte an den Ölquellen ergattert haben.
    Die FDP einigen sich mit den Grünen, der Vorsitzende Christian Lindner spricht über die Erneuerbaren von "Freiheitsenergie".
    Die Grünen, die schon viele ihrer Maximalforderungen dem Kompromiss der Machbarkeit geopfert haben, stimmen angesichts des russischen Terrors auch noch der Aufrüstung der Bundeswehr zu.
    Und die CDU, für die der Begriff Zeitenwende traditionsgemäß Abwehr provoziert? Tatsächlich ist eine Veränderung innerhalb der CDU zumindest von außen nicht erkennbar. Hier besteht die Zeitenwende darin, dass sie etwas Anderes sagt als ihr inoffizielles Parteiorgan, die FAZ. An meiner konservativen Schule war es Gesetz, dass man seriöse Informationen zuerst in der FAZ suchen müsse. Ihre Darstellungen sah ich seitdem in der Regel deckungsgleich mit denen von CDU oder FDP. Das ist vorbei, seitdem die langfristig denkenden Investoren den sinkenden Öltanker verlassen. Das Festhalten der CDU an den veralteten Vorstellungen ihrer Wählerschaft zeigt immer deutlicher die Anzeichen einer weltfremden, zunehmend quasireligiösen Ideologie. Ich spreche dabei von Fossilökonomismus. Die schrillsten Töne kamen im Kanzler-Wahlkampf 2021 von Armin Laschet, als er der Gegenseite Ideologie vorwarf - ein Musterbeispiel für Projektion.

    Die geflissentliche Ignoranz der Zivilgesellschaft legitimiert ein eklatantes politisches Versagen - und ist gleichzeitig wieder eine Folge dieser Politik. An die ständigen Extremwetter-Meldungen aus aller Welt inklusive Deutschland haben sich viele schulterzuckend gewöhnt.
    Greta Thunberg findet vor dem Austrian World Summit im Juli 2021 deutliche Worte. Sie greift 7 Minuten lang die Anwesenden, darunter viele Mächtige der Welt, heftig an, erklärt die unaufrichtige Show des Polit-Theaters (build back better) für beendet - doch anstelle von Totenstille erntet sie dafür wieder einmal frenetischen Applaus.


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    In der extremen gesellschaftlichen Spaltung in der Klimafrage zeigt sich ein skandalöses Versagen des politischen Systems, des Bildungssystems und der Medien. Fachwissenschaftler, die in der Öffentlichkeit die Sachlage erklären wollen, sehen sich einer erdrückenden Übermacht einer professionellen Desinformations-Industrie gegenüber, aus klassischen wie neuen Medien. Eine jahrzehntelange Relativierung von Tatsachen durch neoliberale Politiker, und ihre verfehlte Medien- und Bildungspolitik ist für diese Situation mit verantwortlich, man spricht vom postfaktischen Zeitalter.
    Mittlerweile schaffen es neolibertäre Hetzer wie der fundamentalchristliche Rechtsaußen-Manager Markus Krall mit Titeln wie "die bürgerliche Revolution" in die Spiegel-Bestseller-Liste, und in die bei konservativen Bildungsbürger:innen salonfähigen Blätter Tichys Einblick und Cicero, ja selbst in das liberalkonservative Massenblatt Focus.
    Kralls Firma Degussa [Sonne/Mond] Goldhandel gehörte dem in Deutschland bestens vernetzten Milliardär und Steuerflüchtling August von Finck, dessen gleichnamiger Vater Hitler mitfinanziert und sein Vermögen mit Arisierungsgewinnen vergrößert hatte. Den Namen Degussa hat sich die Firma erst 2010 gekauft, er ist historisch belastet mit jüdischem Zahngold und dem KZ-Giftgas Zyklon B.
    Ebendieser Biedermann Markus Krall hetzt auf Youtube offen gegen Klimaschützer als teuflische, völkermordende Klimasozialisten, denen er in bester Nazi-Tradition die Menschlichkeit abspricht, ja explizit das Ziel der Vernichtung der Menschheit [sic!] nachsagt. Das erzählt er, während Milliardäre wie Jeff Bezos oder Elon Musk unverhohlen in eine Rettung auf dem Mars investieren, oder sich sichere irdische Refugien kaufen, z.B. der neolibertäre Trumpist Peter Thiel schon Ländereien in Neuseeland gekauft hat.



    Angesichts der Auswüchse des Neolibertarismus in den USA, die bisher zum Beinahe-Umsturz am 6. Januar 2021 geführt haben, und weiter die Demokratie unterhöhlen, und der Ausbreitung des Autoritarismus in Europa, ist mir das Wegschauen der Zivilgesellschaft Brandstiftern wie Krall gegenüber unbegreiflich und erschreckend.



    Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.
    Thomas Mann (Der Zauberberg)

    Ein ideologisch extrem aufgeladenes Thema war für Jahrzehnte die Frage der Energiesicherheit nach der Energiewende. Hier lässt sich endlich an den Zahlenreihen der Bundesnetzagentur absehen, wie groß die Versorgungslücken durch kalte Dunkelflauten sein werden. Die Speicherkonzepte für diesen Fall liegen seit etwa 10 Jahren auf dem Tisch, die Technologien sind ausentwickelt, sie nutzt die vorhandenen großen Gasspeicher. Die Frage, warum die Umsetzung so lange blockiert wurde, stellen sich noch zu wenige Bürger:innen. Denn dann würden auch andere wichtige längst überfällige ökologische Fragen endlich bearbeitet.

    In keinem Industrieland hat Windkraft einen so schlechten Ruf wie in Deutschland - völlig zu Unrecht: Details hier.
    Dasselbe gilt für Elektroautos. Wenn die vielen unberechtigten Befürchtungen und Vorbehalte nicht wären, hätten Elektroautos und Wärmepumpen durch ihren enormen Betriebskostenvorteil mit Eigen-PV weit größere Marktchancen: Details hier und hier. Die Rohstoff- und Recycling-Probleme werden durch (lange verzögerte) Innovationen in der Elektrochemie gelöst, in die endlich die notwendigen Forschungsmittel fließen. Manche Patente wurden sogar von der Fossilindustrie gekauft, damit sie nicht zur Produktentwicklung genutzt werden können.
    Die großen Hoffnungen der Verbrenner-Industrie, deren Beschäftigten und vieler Verbrenner-Besitzer liegen auf alternativen Brennstoffen, oder auf zukünftigen Brennstoffzellen-Autos. Diese Hoffnungen haben jedoch überhaupt keine nachhaltige Grundlage - die Frage ist, warum sie derart vehement genährt werden. Details hier und hier.
    Immer lauter wird von Neoliberal-Konservativen behauptet, die technischen Alternativen seien sogar gefährlicher als die konventionellen Technologien. Sie verschweigen dabei die gigantischen Umweltbelastungen des bisherigen Wirtschaftens, ignorieren die Möglichkeiten der Lieferkettenkontrolle und des nahezu 100%igen Recyclings der wertvollen Rohstoffe. All dies wird seit Jahrzehnten vergeblich von Umwelt-NGOs mit Forderungen, Gutachten und konkreten Vorschlägen adressiert - diese wurden von deutschen Regierungen jedoch konsequent ignoriert.

    Wie uninformiert bzw. desinteressiert die Zivilgesellschaft an diesen Missständen ist, zeigt die groteske Verdrehung: CDU-Kanzler:innen haben in Koalition mit FDP und SPD Kreislaufwirtschaft und Lieferkettenkontrolle blockiert - und nun verdrehen Konservative diesen Mangel zu einem Argument gegen Erneuerbare Energien und Elektroautos.

    In Anerkennung der drohenden Klimakatastrophe müssten die Kritiker der Alternativen konsequenterweise eine breite Deindustrialisierung fordern - mit ihrem beharrlichen Festhalten am Status Quo betreiben sie allerdings eine faktische Leugnung der Klimakrise.
    So wie Neoliberal-Konservative die ökologische Krise ignorieren, ignorieren sie auch die soziale. So malen sie drastisch die sozialen Folgen einer fossilen Deindustrialisierung an die Wand - und verschweigen die grundlegenden Ursachen der Ungleichverteilung von Gütern und Arbeit. Gemeinwohlorientierung, Entschuldung, Währungsreform, Komplementärwährungen, Grundeinkommen, Enteignungen jeder Art (selbst von Patenten für Viren-Impfstoffe) - alles, was den Neoliberalismus in Frage stellt, ist für sie undenkbar.

    2006, ein Jahr nach Altmaiers Amtsantritt, hatte der Stern-Report sogar die Börsen und Regierungen der Welt mit seinem Blick auf die Klimakrise erschüttert, während die Zivilgesellschaft selbst in den USA heftig über Al Gores Doku "Eine unbequeme Wahrheit" diskutierte. Sir Nicholas Stern war Weltbank-Chefökonom, und bezeichnete damals die Entwicklung als "das größte Marktversagen der Geschichte". Er warnte eindringlich vor weiteren Verzögerungen im durchgreifenden Klimaschutz. Andere prominente Ökonomen unterstützten ihn mit deutlichen Worten, u.a. Nobel-Gedächtnispreis-Träger: Robert Solow nannte die umfassende Studie "ruhig, durchdacht und sorgfältig argumentierend", Amartya Sen meinte, die Welt wäre geradezu "dumm", ignorierte sie Sterns Botschaft. Schon 1977 hatte ein anderer späterer Preisträger, William Nordhaus, eine CO2-Steuer gefordert.
    2018 war das in der Öffentlichkeit alles vergessen, den jährlichen fruchtlosen UN-Klimakonferenzen zum Trotz. Eine erdrückende Mehrheit der Konservativen und Liberalen hatte so zunächst nur Begriffe wie "Hysterie" und "Religion" für eine Jugend-Protestbewegung übrig, die nichts anderes tat als auf den weitgehenden Konsens in Klima-, Bio-, Agrar- und Energiewissenschaften, sowie Ökonomen wie Stern zu verweisen, dessen Forderungen nach CO2-Steuern mittlerweile von 27 Nobel-Gedächtnispreisträgern für Wirtschaft unterstützt werden. Das WEF warnt seit 2011 eindringlich vor den Gefahren der Klimakrise und wirbt mittlerweile für eine sozial-ökologische Klimawende. Innerhalb weniger Wochen bekundeten 27.000 deutschsprachige Wissenschaftler:innen ihre Unterstützung für die Jugendproteste. Doch zunächst blieb es bei der verächtlichen Position der Politik.
    Erst nach einer breiten zivilgesellschaftlichen Resonanz, die sich dann auch in Wahlergebnissen niederschlug, änderte sich der Ton plötzlich. Außerhalb der extremen Rechten betont jetzt die überwiegende Mehrheit der Spitzenpolitiker, allen voran Merkel und Altmaier, den dringenden Handlungsbedarf in der Klimafrage. Sie loben die jugendlichen Aktivist:innen für die Bewegung, die sie in der Zivilgesellschaft ausgelöst haben, und äußern ihre Hoffnung auf eine Legitimation für mehr Klimaschutz, den sie in fatalem Missverständnis der Sachlage verknüpfen wollen mit der vorherrschenden Ideologie ewigen Wachstums.
    Dass die Klimakrise nicht nur international von einer Mehrheit als Bedrohung gesehen wird, sondern auch seit geraumer Zeit in Deutschland, zeigen viele Umfragen.
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    2019 konnte man an der Welt sehr deutlich sehen, wie der Wind sich auch in der medialen Darstellung dreht. Die konservative Zeitung aus dem Springer-Konzern druckte noch im September, dass die Klimakrise nicht das drängendste Problem der Deutschen sei:
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    Damit widersprach sie zunächst dem Mainstream der Presse, die ganz andere Umfrageergebnisse hatte.
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    Dann im Dezember kam die Wende:
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    Entgegen der Darstellung der wirtschaftsliberal-konservativen Politiker ist mittlerweile eine Mehrheit bereit, selbst Einschränkungen für Klimaschutz hinzunehmen.
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    Wie weit Menschen bereit sind, im Notfall mit ihrer Regierung zu gehen, zeigt die effektive neuseeländische Corona-Politik.
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    Der Wissens-Ressort-Chefredakteur der Zeit Bernd Ulrich resümiert das Corona-Jahr 2020 nicht ohne Optimismus als vielfache Zeitenwende.
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    Ich würde es z.T. so zusammenfassen: 'raus aus der Komfortzone, die globale Öl-Party ist vorbei. Gott sei Dank!
    Mehrere Gerichtsurteile deuten 2021 darauf hin, dass er recht hat.

    Merkels und Altmaiers rückwärtsgewandte Politik war nicht mehr als eine euphemistische Beschwichtigung für die Empörten, und Beruhigung für die Besorgten. Denn:

    Die 2021 geplante Reform des EEG konterkarierte komplett Hermann Scheers Idee von Energie-Souveränität, von der Bürger-Energiewende, und zementiert die Macht der Energieversorger-Konzerne. Dabei wäre die globale Energiewende ohne Scheers EEG-Revolution 2000 zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehbar. Im April 2020 sind Pläne der Netzbetreiber bekannt geworden, die Bürger-Energiewende weiter auszubremsen - zumindest die Stromspeicherung (als wichtiger Baustein) würde nach diesen Plänen unrentabel, wahrscheinlich auch die ganze Bürger-PV.
    Die Strategie: Bürger-Energiewende unterbinden, PV-Großanlagen und teure Offshore-Windkraft fördern, Methan und Wasserstoff importieren - d.h. Energie soll weiter zentral über Netze von den Energieversorgern verteilt werden, selbst wenn wir damit weiter von Energieimporten abhängig bleiben. Forschungsministerin Karliczek: "Wasserstoff ist das Öl von morgen." Bedenkt man die unzähligen, schmerzhaften außenpolitischen Kompromisse, die wir zur Förderung unserer Exportbranchen in Rücksicht auf unsere Energielieferanten gemacht haben und machen, eine düstere Perspektive. Dass im Handelskrieg mit China die europäische PV-Industrie der deutschen Automobilindustrie geopfert wurde, ist ein weiterer Skandal. Details zu den Perspektiven hier und hier. Die Diskussion um die Beziehungen zu Putins Autokratie-Regime könnten wir uns ersparen.
    Auch die neue PV-Technologie würde eine Renaissance der europäischen PV-Industrie einläuten. Aber es sind (bis Juni 2021) keine Anstrengungen der Politik zu erkennen, das zu unterstützen.
    Zudem ist die Behinderung der PV-Eigenversorgung auch wieder im Sinne der Automobilindustrie, denn die Betriebskosten eines Elektroautos betragen mit Eigen-PV nur noch einen Bruchteil der (ohnehin geringen) Kosten mit Netzstrom. Während also die nachhaltige Energiesouveränität der Bürger immer weiter blockiert wird, liest man in den "sozialen Medien" und Blogs immer wieder populistische Kommentare von "drohender Abzocke durch die Öko-Lobby". Tatsächlich bedroht die Bürger-Energiewende von unten die wirtschaftliche Machtposition der Atom- und Fossilwirtschaft, und diese sichert nun ihre Position durch Kontrolle der erneuerbaren Energien - unterstützt von Populisten. Denen von konservativen Politikern nur wenig entgegengesetzt wird, stützen sie doch die Interessen ihrer Klientel.
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    Die Energiewende ist - wie von den EEG-Machern wie Hermann Scheer vorhergesagt - profitabel geworden, auch weil die Erneuerbaren nach einer notwendigen Phase der Subventionierung die billigste Energieform geworden sind. Das neoliberale Ausbeutungssystem stößt an die Grenzen des Planeten, und die lange überfällige globale Finanzkrise steht durch die massiven Zahlungsausfälle in der Corona-Krise unmittelbar bevor. Deshalb treibt die globale Finanz- und Versicherungswirtschaft ihrerseits eine Klimawende des Profits mit Billionen von Dollar und Euro voran, was wieder die Abwertung fossiler Assets bedeutet. Das wird jedoch nicht immer im Sinne der Bürger:innen sein, und irgendwann werden die konservativen Regierungen zu Getriebenen der lange angesagten Disruption. Die abgehängten Volkswirtschaften, die dann noch von fossilen Brennstoffen abhängig sind, müssen mit Rezession und Strafzahlungen für Klimaschäden rechnen.

    Klimaskepsis ist mit der öffentlichen Anerkenntnis der Klimakrise nicht länger akzeptabel. Man sollte also meinen, dass die Glaubwürdigkeit von bisherigen Klimaskeptikern auf den Nullpunkt gesunken ist. Dass, wenn dieselben Leute jetzt mit neuen, genauso dreisten Behauptungen gegen Klimaschutz auftreten, die Gesellschaft sich abwendet. Stattdessen aber finden sie weiter massenhafte, unüberhörbare Resonanz, und die seriösen Klimaschützer müssen sich erneut geduldig und ernsthaft mit ihren Behauptungen auseinandersetzen - anstatt endlich an Lösungen weiterarbeiten zu können.
    In seinem Buch The new Climate War erklärt Klimaforscher Michael Mann die neuen Strategien der Klimaschutz-Gegner. Die mangelnde Reflexion der Öffentlichkeit über ihren fatalen Irrtum in der Klimafrage offenbart die massive sozialpsychologische Überforderung unserer Gesellschaft.

    Deutschland entkoppelt sich zunehmend von internationalen Trends. Selbst die USA haben der Klimakrise den Kampf angesagt. Wenn dort große Investoren die Carbon Bubble platzen lassen - und das ist absehbar - dann werden sie natürlich anderen Investoren ein weiteres Profitieren an der Fossilwirtschaft erschweren.
    In den USA ist die Disruption der Energie und Mobilität in vollem Gange, sie versuchen die Welle zu reiten. Deutschland dagegen droht ein Durchfüttern nicht überlebensfähiger Branchen bis ins Koma, ähnlich wie im Bergbau des ausgehenden 20. Jahrhunderts; dabei sind Japans Zombie-Firmen weltweit als abschreckende Beispiele bekannt. Wir könnten von der Disruptions-Welle überrollt werden.
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    Schaut man sich 2021 die Bilder und Rednerliste des Cleantech Business Club an, dann findet man neben gewichtigen Industrie- und Staatenvertretern viele bekannte Gesichter der deutschen Energiewende-Szene - aber kein einziges Mitglied der Merkel-Regierung.
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    Der Mit-Initiator von Climate Action Tracker Jörg Haas (Heinrich-Böll-Stiftung) sieht langsam Bewegung in einer längst überfälligen Entwicklung: das Platzen der Carbon Bubble steht bevor, der lang erwartete Herdentrieb der Finanzmärkte heraus aus der Fossilwirtschaft setzt endlich ein. Wie jede künstlich herausgezögerte Disruption, so wird auch sie exponentiell verlaufen. Der damalige Weltbank-Chefökonom Sir Nicholas Stern sprach bereits 2006 vom "größten Marktversagen der Geschichte".
    Wie sehr dieser Prozess verzögert wurde, und mit welchen Methoden, auch darum geht es in dieser Arbeit. Eines der deutlichsten Anzeichen sieht Haas darin, dass die Fossilindustrie mehr und mehr auf Marktverzerrungen durch Staatshilfen angewiesen ist.


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    Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber Du kannst lernen, auf ihnen zu reiten.
    Joseph Goldstein

    Auch wenn die ARD immer noch kein Klima vor Acht sendet: am Earth Day 2021 war die Klima-Disruption an der Börse Thema bei Börse vor Acht. Anders als viele andere Sendungen der Reihe ist diese Folge bei youtube leider nicht zu finden. Zitat Anja Kohl:

    "Am heutigen Tag der Erde vollziehen die USA eine weltwichtige Kehrtwende beim Klimaschutz. US-Präsident Trump leugnete den Klimawandel, US-Präsident Biden will die USA sogar zum Vorreiter beim Klimaschutz machen. Auf einem Online-Klimagipfel verkündete er heute Amerikas Ziel, die CO2-Emissionen bis 2030 um 55% zu senken. Biden verwies nicht nur auf die ökologischen Schäden des Klimawandels, sondern explizit auf die immer höher werdenden Kosten des Nichtstuns für Gesellschaft und Wirtschaft. Die Kalkulation geht noch weiter. „Wenn ich an Klimawandel denke, denke ich an Jobs“, hatte Biden im Wahlkampf gesagt. Der Umbau des Energiesektors und die Elektrifizierung des Verkehrs sollen Millionen neue Jobs schaffen. Anders als noch vor ein paar Jahren wird die Notwendigkeit des Klimaschutzes nicht mehr ideologisch verzerrt diskutiert, sondern pragmatisch, als notwendiger Wandel für das Wohlergehen der Menschen. Der weltgrößte Rückversicher Swiss Re rechnete heute schonungslos vor, was ein weiteres Nichtstun die Welt kosten würde. Der Rückversicherer sieht im Klimawandel langfristig die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft. Ohne Maßnahmen zur Verringerung des Treibhausgasausstoßes drohe Asien und China bis zum Jahr 2050 schlimmstenfalls ein Konjunktureinbruch von 24%. Europa würde bis zu 11% an Wirtschaftsleistung verlieren, die USA 10%, wegen der negativen Folgen durch die Erderwärmung. Bis zu 80 Millionen Jobs auf der Welt drohen dadurch bereits bis 2030 verloren zu gehen. Selbst wenn die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht würden, was aktuell illusorisch erscheint, würde das Weltwirtschaftswachstum 4% niedriger ausfallen als jetzt. Demnach ist es tatsächlich fünf nach 12. Denn schon jetzt können Wohlstandsverluste offensichtlich nicht mehr verhindert, sondern lediglich eingedämmt werden. Und dies auch nur, falls die Nationen tatsächlich tatkräftig handeln. Die Frage des Klimaschutzes ist auch bei den Akteuren an den Finanzmärkten längst keine Frage der Weltanschauung mehr, sondern der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik und deren Regulierungsanstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel haben hier tatsächlich für ein Umdenken gesorgt. Angefangen mit immer ehrgeizigeren CO2-Zielen und der Begrenzung des CO2-Ausstoßes, die wie ein Deckel wirken - was den Druck zur Veränderung bei den Firmen deutlich erhöht, bis hin zu einem Preis für schädliches CO2, der Investitionen in den Klimakiller unattraktiver macht. Wobei die Firmen klagen über zuviel Druck, zuviel Bürokratie. Vieles läuft längst nicht rund. Doch den Schalter hat es umgelegt. Auf 26 Billionen Dollar beziffert die Denkfabrik Carbon Tracker sogenannte „gestrandete Vermögenswerte“ von Unternehmen, die am Geschäft mit fossilen Rohstoffen hängen, die in naher Zukunft wertlos werden könnten. Das Umdenken, was uns unsere Erde wert ist, geht weiter. Wären die Weltmeere ein Staat, wären sie die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, mt Vermögenswerten von mindestens 24 Billionen $. [Einblendung: Weltmeere 24 Billionen $, Quelle: Carbon Tracker, WWF]. Allein weil annähernd drei Milliarden Menschen direkt von den Meeren abhängig sind, rechnen neben den Umweltschützern des WWF die Fondsmanager der DWS vor. Als Ökosystem sind die Weltmeere unbezahlbar. Letztlich ist die Logik bestechend einfach. Firmen müssen ihre Geschäftsmodelle gemäß den Klimaschutzzielen anpassen, da Investoren nun eher aussichtsreichen Vorreiter-Firmen den Vorzug geben, ihnen eher Kapital zur Verfügung stellen. Klimasündern mit Geschäftsmodellen von gestern entziehen sie ihr Kapital. Dies zeigt sich auch darin, dass nachhaltige Geldanlagen immer mehr Zuspruch erhalten. Allein in Deutschland investierten Geldgeber im ersten Halbjahr vergangenen Jahres in Nachhaltigkeitsfonds, sogenannter ESG-Fonds, 7,2 Milliarden Euro, ein Zuwachs um 160%. Weltweit sind mittlerweile 1000 Milliarden Dollar in nachhaltigen Anlagen angelegt [Einblendung: morningstar]. Deutlich weniger als in herkömmlichen Fonds - dennoch eine Summe, die nicht mehr zu ignorieren ist. Umso mehr, da der Mittelzufluss nicht abreisst, denn Nachhaltigkeit rechnet sich. Die Fonds brachten zuletzt im Schnitt sehr gut Rendite. Die EU verpflichtet Finanzberater neuerdings dazu, nachhaltige Alternativen den Kunden aufzuzeigen, wobei die bisherige Regulierung widersprüchlich, bürokratisch und bislang unvollständig ist. Die Fonds wiederum müssen den Klimaeffekt nachvollziehbar und überprüfbar machen. Bis der Wandel wirkt aber ist es noch ein langer Weg. Zwar hat sich die Mehrheit der 30 DAX-Firmen klare Klimaziele gesetzt, doch sieben Konzerne sind bislang auf Kurs. Allen voran die Allianz, SAP und die Telekom. 23 DAX-Konzerne verfehlen die Branchenziele, falls sie keine weiteren Maßnahmen ergreifen. Hierzu zählen der Zement-Hersteller Heidelberg Zement und der Energiekonzern RWE, der nun auf erneuerbare Energien setzt, was jedoch noch nicht richtig Gewinn einbringt. RWE jedoch könnte nun womöglich von den Klimaschutz- und Umbauplänen der US-Regierung profitieren. Die RWE-Aktie war heute der größte Gewinner im DAX mit einem Plus von 4%. Der DAX legte ebenfalls gut zu mit einem Plus von 0,8% auf 15321 Punkte. Den Wandel gibt es nicht zum Nulltarif - er wird kosten, Unternehmer und Verbraucher. Aber Geld hat die Macht, Dinge zu verändern."
    [Kohl 2021]

    Leider ist mit der Agrarwende kein Profit zu machen - und deshalb konnte Julia Klöckner EU-weit ihre Klientelpolitik für die Agrarindustrie für weitere 5 Jahre im GAP zementieren, allen Experten-Warnungen zum Trotz.

    In aller Kürze auf den Punkt gebracht: im Youtube-Kanal Klartext Klima greifen Klimaforscher Stefan Rahmstorf, Energiewissenschaftler Volker Quaschning und ZDF-Meteorologe Özden Terli die aktuellen Top-Themen der Klimapolitik auf, in Folge 5 mit Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemtsma.
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    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Zusammenfassung



    1. Die vielen Krisen der Biosphäre, v.a. durch Klimaerwärmung, Überdüngung und Humusabbau, Schadstoffimmission und Landnutzung, schreiten immer schneller in Richtung Katastrophe, so wie es die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten vorhersagt. Doch selbst heute noch dürfen Klima- und andere Ökologieskeptiker dreiste Beschönigung und Desinformation und Meinungsmanipulation betreiben, ohne dass Politik, Bildungseinrichtungen und Medien dem ernsthaft entgegetreten würden. Ja, die Politik beteiligt sich sogar aktiv daran.
      Die verwendeten Prognose-Modelle sind mittlerweile in der Lage, die Entwicklungen vieler Jahrzehnte zu rekonstruieren, werden aber von Hardlinern immer noch angezweifelt. Seit die Klimakrise gegenüber der Allgemeinheit nicht mehr glaubwürdig zu leugnen ist, schürt die Desinformations-Industrie regelrecht panische Ängste vor Klimaschutz, richtet sich gegen die wissenschaftlich bestens begründeten Alternativen zur Fossilwirtschaft, und präsentiert wenig bis unwirksame Scheinlösungen des Problems.
      Dass es immer wieder dieselben rechtskonservativ-neolibertären Kreise sind, deren Lügen eine nach der anderen von der Wirklichkeit widerlegt werden, ist ein Skandal - wird in der Öffentlichkeit aber kaum thematisiert. Sie können so oft Lügen und Unsinn verbreiten, wie sie wollen: sie finden jedesmal wieder Gehör.
      Erst in letzter Zeit beginnen einzelne Justiz-Verfahren wegen Irreführung der Öffentlichkeit - oft nicht einmal um Generationengerechtigkeit zu schaffen, sondern aus handfestem wirtschaftlichem Interesse. Aber auch Aktivist:innen beginnen, das ökozide System per Klagen ins Wanken zu bringen. Mehr und mehr Gesetze stellen Ökozid unter Strafe.
    2. Der allergrößte Teil der Menschheit lebt in einer prekären Abhängigkeit von Wasser, Nahrung, Wohnraum, Energie, ja viele sogar von Drogen, bedingt durch traditionelle patriarchale Aneignung.
    3. Die Profiteure steuern die Politik so, dass ihre monopolistischen Geschäftsmodelle nicht gefährdet werden. Diese basieren auf den exklusiven (privaten) Eigentumsrechten auf Ressourcen, Produktionsmittel, Patente und Informationen, die Profite am Konsum ermöglichen. Das Interesse des neoliberalen Staates ist nicht in erster Linie eine gemeinwohlverträgliche und faire Versorgung der Bürger:innen, sondern ein für die mächtigsten Interessen möglichst profitable Aktivität von Produktivkräften und Konsument:innen.
      Deshalb wurden bisher auch wirksame Lieferkettengesetze und Kreislaufwirtschaftsgesetze verhindert, weil sonst die Verhinderungsargumente für EMobilität, Erneuerbare Energien etc. wegfallen würden: Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstöße bei der Rohstoffgewinnung.
      Ein Beispiel für Projektion (Whataboutism) sonder Gleichen: der fossile Wohlstand vernichtet die natürlichen Ressourcen immer schneller, dennoch versuchen die Transformationsgegner zu erzählen, die Alternativen seien schlimmer als das ökozide Original. Es ist auch im Interesse der Verbrenner-Industrie, dass die Bundesregierung die Dekarbonisierung des Stromsektors blockiert. So kann man dem EAuto immer noch hohe CO2-Emissionen anlasten.
      2021, wo das erzwungene Ende der Ölverbrennung endlich doch im Rahmen des Möglichen erscheint, verkünden die Ölfirmen ihren Investoren unverblümt ihr neues Geschäftsmodell: mehr Verpackungen - was natürlich nur funktioniert, wenn weiterhin nicht recycelt, also der Müll verbrannt wird. Hauptsache, das Öl fließt weiter, wie seit weit über einem Jahrhundert.
      Die Ungleichverteilung hat Ausmaße angenommen, dass nicht nur die Unter- und links orientierte Mittelschicht, sondern auch eine wachsende Bewegung von Reichen eine Umverteilung fordert.
    4. Korrupte Politiker erlaubten es den großen Firmen der Fossil- und jetzt auch der Datenindustrie, ihre gemeinwohl- und demokratiegefährdenden Monopole aufzubauen, und bezeichnen das euphemistisch als "Wirtschaftsnähe". Die Gegenleistungen der Industrie gehen von Parteispenden über lukrative Anschlussbeschäftigung bis hin zur direkten Zahlung von Bestechungsgeldern und "Nebeneinkünften".
    5. "Soziale" Netzwerke werden als vermeintlicher Motor des Fortschritts mit niedrigen Steuersätzen und liberaler Gesetzgebung unterstützt, helfen aber durch teils lukrative, teils gezielte Verbreitung von Desinformation und nachweislichen Lügen rechtskonservativen Populisten, die liberalen Demokratien zu unterhöhlen. Diese leugnen schlicht die unbequeme Wahrheit, dass die fossilen Industriegesellschaften ihren eigenen Untergang immer schneller befördern, und stoßen damit in den rechtskonservativen Echokammern auf große Resonanz. Sie machen aus Meinungen und Gerüchten Behauptungen und für die meisten nur mühsam überprüfbare Verschwörungserzählungen, die die Gesellschaft spalten - und greifen gegenüber Klimaschützern gerne selbst zu diesem Vorwurf. Sie adressieren als Wähler vor allem die Benachteiligten und Verängstigten der Leistungsgesellschaft, während ihre Sponsoren, Ideengeber und Anführer praktisch ausnahmslos aus der wirtschaftsliberal-konservativen Elite stammen. Es gilt der Wahlspruch der frühen SPD: "nur die allerdümmsten Kälber wählen den Metzger selber".
      Aber auch Politiker der etablierten Parteien, die von Populisten gerne als "Establishment" bezeichnet werden, instrumentalisieren den Populismus und kooperieren mehr oder weniger offen mit Populisten. Politiker:innen der CDU/ CSU und ÖVP sind mit Trump-nahen Alt-Right-Politikern in den USA eng vernetzt.
    6. Artenschutz wird bei uns in oftmals kleinen Reservaten betrieben, die mangels Biotop-Vernetzung das Artensterben nicht aufhalten können. Sie sind kleine Inseln in einem riesigen Meer aus ökologisch mehr oder weniger toten Landwirtschafts-, Verkehrs- und Siedlungsflächen, aus denen Pestizide und andere ökotoxische Stoffe eingetragen werden, und die ihnen das Grundwasser entziehen. So werden auch die vermeintlichen Schutzgebiete zunehmend artenarm und unstabil, es bilden sich zeitweise riesige Populationen von Generalisten und damit Brutstätten von Zoonosen. Die nächste Pandemie könnte aber auch durch multiresistente Bakterien ausgelöst werden, weil Politiker die Interessen der Agrarindustrie weit höher bewerten als die medizinische Versorgungssicherheit: entgegen massiver Warnungen werden weiter Reserve-Antibiotika in der Tiermast massenhaft eingesetzt, was die Resistenzentwicklung bei Bakterien vorantreibt.
      Seit Jahrzehnten wird die industrielle Landwirtschaft hoch subventioniert, obwohl von Anfang an vom Bauernsterben die Rede war und die Wissenschaft seit den 60er Jahren vor dem Kollaps der Agrar-Ökosysteme warnte, unter anderem vor der Degradation des Bodens, die mit dem Klimaproblem in fataler wechselseitiger Beziehung steht: der Humusabbau verstärkt den Treibhauseffekt und verschlechtert die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens, und die Erwärmung lässt die Niederschlagsmengen immer konzentrierter in Unwettern auftreten, wodurch noch weniger Regen bis zum Grundwasser versickert.
      Viele Studien zeigen, dass nur eine ökologische Landwirtschaft mit eingeschränkter Fleischproduktion nachhaltig die Ernährung sicherstellen und auch 10 Milliarden Menschen ernähren kann. Durch Desinformation sind immer noch viele vom Gegenteil überzeugt.
    7. Die Müllkippen und Rauchwolken der 70er sind verschwunden; doch Biosphärenschutz hierzulande erschöpft sich in Emissions-Grenzwerten, die durch jahrzehntelange Immissionen zu einer kritischen Anreicherung von Dünger und unzähligen stabilen Problemstoffen geführt haben. Über die wahre Situation herrscht in weiten Teilen Desinformation.
    8. Die Umweltbewegung hatte ihren Höhepunkt in den 80er Jahren. Durch mangelnde Lieferketten-Kontrolle, vom Rohstoff bis zur Müllbeseitigung, und durch Desinformation wurde mit der Globalisierung eine Verlagerung der Ressourcen- und Menschen-Ausbeutung ins Ausland und ein Steuer- und Auflagen-Unterbietungs-Wettbewerb für Konzerne möglich, der die Handlungsfähigkeit der Staaten immer weiter einschränkt.
    9. So wurde in den Industrieländern ein Konsumniveau erreicht, das zwar keine wirklich bedeutende Steigerung von Wohlstand oder Glück bewirkt, allerdings das Überleben der Menschheit in Frage stellt. Dennoch wird durch Desinformation Angst vor Beschränkungen geschürt, und vor politischen Verwerfungen wegen dieser Beschränkungen.
    10. Erneuerbare Energien (EE) boomen weltweit und könnten den Bürgern eine günstige, CO2-freie Energieversorgung ermöglichen. In den ärmsten Entwicklungsländern basiert die Energieversorgung immer häufiger auf PV und Akkus. Entgegen einhelligen Empfehlungen und Forderungen der Wissenschaft hat deutsche Politik der letzten 10 Jahre dazu geführt, dass der Zubau der EE 2019 nahezu stillstand - mit Ausnahme von Offshore-Windparks, die ausnahmslos von großen Energieversorgern betrieben werden. Und mit Ausnahme der PV, die gerade vor dem Verschließen des PV-Deckels noch einen letzten Boom erlebte.
      Dass dabei Offshore-Windkraft nahezu doppelt so teuer sein darf wie ihre ungeliebte Schwester Onshore, ist ein wirklich bemerkenswertes Detail. Insgesamt führt die mangelnde Planungssicherheit zu einer Zurückhaltung bei Investitionen in nachhaltige Zukunftstechnologien und damit in eine zukunftsfähige Gesellschaft.
      Diese Politik wird von denselben Lobbygruppen bestimmt, die in großen Desinformations-Kampagnen den EE die hohen Strompreise zuschreiben.
    11. Gegen Elektroautos wurden in Deutschland jahrelang sehr erfolgreich Desinformations-Kampagnen betrieben - obwohl die Autos sehr zuverlässig funktionieren und die Betriebskosten mit Eigen-PV nur einen kleinen Bruchteil der von Verbrennern betragen. Auch das könnte ein Grund sein, warum man bei uns Eigen-PV ausgebremst hat.
    12. Brennstoffzellen-Autos und sogar ein Weiterbetrieb der Verbrenner mit alternativen P2L-Treibstoffen werden in Desinformations-Kampagnen als Lösung für Individualmobilität dargestellt. Dabei liegen die benötigten Mengen an EE im Vergleich zu Akku-Elektroautos um ein Vielfaches höher (Brennstoffzelle: 2-3fach, P2L 6-7fach). Stattdessen benötigt man P2L dringend für die saisonale Speicherung der EE in der Sektorenkopplung.
    13. Die Weichenstellungen gegen Onshore-Windräder werden von Wirtschaftsminister Altmaier gerechtfertigt durch die nationale Wasserstoff-Strategie, die eine Fortsetzung der deutschen Abhängigkeit von Energie-Importen bedeutet, und eine Fortsetzung der zentralen Versorgung durch Energiekonzerne zementiert. Begleitet wird diese Politik von Desinformation durch Windkraft-Gegner, zu denen Altmaier und seine Mitarbeiter enge Kontakte pflegen.
    14. Die Verantwortung wird in der Demokratie hin- und hergeschoben: zuständige Minister:innen wie Altmaier oder Klöckner beklagen mangelnde Unterstützung durch die Bevölkerung für Umweltgesetze, im Gegenzug weisen Konsumenten auf die Verantwortung der Obrigkeit, die sie selbst gewählt haben.
    15. Anstatt die wahren politischen Ursachen prekärer Lebensumstände wirksam zu adressieren, versprechen Fossilökonomisten dem Bürger Wohlstandssicherung durch billigen Strom, billige Mobilität und billige Nahrung. Dank Desinformation können sie behaupten, das sei nur durch Ausbremsen der Energiewende, industrielle Landwirtschaft und Festhalten am Verbrenner möglich. Dass der dadurch drohende Wohlstandsverlust der kommenden Generationen dramatisch sein wird, unterschlagen, verharmlosen oder leugnen sie einfach.
    16. Anstatt alle Bürger:innen und Unternehmen, die Einkünfte aus unserer Volkswirtschaft beziehen, an den öffentlichen Haushalten zu beteiligen, wird in hohem Maße Konsum und Lohnarbeit mit Steuern und Abgaben belastet. Großunternehmen betreiben vielfach Steuervermeidung oder -Betrug, der längst nicht immer verfolgt wird. So ist der Staat in hohem Maße abhängig von Mineralöl-, Strom-, Alkohol- und Tabaksteuer. Wenn Politiker ihr Klientel nicht mit höheren Steuern belasten wollen, müssen sie für entsprechend hohen Konsum sorgen.
      Die Abhängigkeit rheinischer Kommunen geht noch weiter: sie sind am Energieversorger RWE beteiligt, also direkt abhängig von dessen Einnahmen.
    17. Während Finanzminister Scholz den kommenden Generationen geringe Staatsschulden verspricht, sorgt deutsche Politik für eine immense, galoppierende Vernichtung von lebensnotwendigen Ressourcen: das ist Desinformation. In Wirklichkeit leben wir heute auf Kosten unserer Nachkommen.
    18. Die Profit-Interessen internationaler Konzerne werden zusätzlich durch Freihandelsabkommen, eine Energie-Charta und Schiedsgerichte vor der Regulation durch nationale Gesetze geschützt.
    19. Bei der Ausgestaltung dieser Freihandelsabkommen ordnet Deutschland Umwelt- und Menschenrechts-Interessen regelmäßig den wirtschaftlichen Interessen ihren Exportindustrien - v.a. Auto- und Chemieindustrie - unter: Opferung der europäischen PV-Branche, Import von US-Fracking-Gas, Import von Gensoja und Feedstock-Rindfleisch aus Ex-Regenwald-Flächen, Verzicht auf Umwelt- und Menschenrechts-Standards für die profitable Kooperation mit chinesischen Autozulieferern, weitgehender Verzicht auf die Besteuerung von US-Internetkonzernen, Verzicht auf Regulation von Daten-Monopolen, Verzicht auf ein Lieferkettengesetz, ... . Heimische Unternehmen, die weniger dem internationalen Wettbewerb unterliegen, werden ebenfalls marktverzerrend begünstigt, zum Beispiel bei der Ausgestaltung von Auflagen, die für Kleinunternehmen kaum zu bewältigen sind, oder Entschädigungen zum Kohleausstieg.
      Auch die nationale Wasserstoff-Strategie mit hohen Importen dient dem Außenhandel, denn eine Senkung der Außenhandelsüberschüsse mindert das Risiko einer Währungs-Aufwertung, was Exporte erschwert. Diese einseitige Begünstigung gilt nur für die Unternehmen des fossilen Systems, vornehmlich der Deutschland AG - während Hersteller von Anlagen für Erneuerbare Energie durch Röslers, Altmaiers und Gabriels Energie-Kehrtwende einfach in die Pleite getrieben wurden.
    20. Wenn sich durch Umwelt- oder Arbeitsschutzauflagen eine Produktion bei uns nicht rechnet, werden diese Belastungen seit der Kolonialisierung dorthin externalisiert, wo Menschen sich nicht dagegen wehren (können). Man spricht zu Recht von Postkolonialismus.
    21. Darüber hinaus behindert die (maßgeblich von Deutschland bestimmte) EU-Wirtschaftspolitik in Entwicklungsländern v.a. in Afrika eine nachhaltige Ernährungs- und Energiesouveränität. Agrar-Großkonzerne zerstören mit ihrer industriellen Landwirtschaft kleinbäuerliche Gesellschaften und fragile Ökosysteme zu zerstören, teils mit staatlicher Unterstützung. Dazu gehören schon lange Tierfutterkulturen, neuerdings aber auch ineffiziente Pflanzenkulturen, um Mineralölkonzernen eine Verbesserung der CO2-Bilanz zu ermöglichen. Den letzten Rest gibt die EU den Kleinbauern, indem sie via Freihandel mit ihren hochsubventionierten Überschussprodukten die Märkte zu Dumping-Preisen überschwemmt. Diese Politik wirkt den Bemühungen von lokalen Regierungen und NGOs diametral entgegen. Diese unterstützen die Kleinbauern darin, ihre Ökosysteme so zu stabilisieren, dass sie nachhaltig produktiv sind. Doch weil solche Projekte keine Profite an Börsen abwerfen und von den Industrieländern aus auch korrupte lokale Machthaber unterstützt werden, setzen sie sich mit ihren Bemühungen nicht flächendeckend durch. Die neueste ausbeutbare Ressource ist die Landesfläche, die man gegen Geldzahlung zur Kompensation seiner CO2-Emissionen beansprucht.
      Auch das ist Postkolonialismus.
    22. Dabei sagen Ökonomen seit Jahrzehnten ohnehin einen Zusammenbruch des lange schon maroden internationalen Geldsystems voraus. Die Subprime-Krise war ein deutliches Anzeichen. Mit der Corona-Krise könnte dieser Moment gekommen sein. Man rettet das von Ausbeutung angetriebene System mittels Verschuldung (die per Zinsen wieder den Reichen zugute kommt) bisher von Krise zu Krise, anstatt die Rettungsgelder zukunftsorientiert einzusetzen. Man ist fixiert auf Wachstum, ohne das sich das neoliberale Versprechen vom "Trickle-Down-Effekt" nicht einlösen lässt, ohne das vor allem aber die immensen Zinsen, Renditen und Mieten an die Investoren nicht gezahlt werden können. Die Geldmenge ist längst um ein Vielfaches höher als die Gegenwerte - d.h. die Währungen völlig überbewertet und eine Entwertung droht. Im Vergleich zu einer Klimakatastrophe ganz sicher ein um Welten geringeres Problem. Natürlich versucht die Geldelite eine Geldentwertung mit allen Mitteln zu verhindern, obwohl eine Entwertung die von immer mehr Ökonomen beklagte Schieflage der Besitzverhältnisse mildern würde. Ein Grundschulkind kann nachvollziehen, warum ewiges Wachstum auf einem begrenzten Planeten unmöglich ist. Dennoch erklärt die Politik ihr Vorgehen als alternativlos: Desinformation.
    23. Die Industriestaaten haben sich in eine fatale Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen begeben. Nicht nur, dass die gesamte Volkswirtschaft bei Ausbleiben des Ölstroms abbricht. Der Staatshaushalt finanziert sich zu einem nicht unbedeutenden Teil über die Fossilwirtschaft. Die Bürgerenergiewende nach Hermann Scheer bedroht nicht nur das Geschäftsmodell der Energieversorger, sondern würde auch eine andere Steuerpolitik erfordern.
      Nur wenige Versuche wurden unternommen, aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu entkommen. Beispiele findet man in Skandinavien und in der deutschen Energiewende der Nuller Jahre, die aber danach durch Altmaiers Restaurationspolitik wieder zum Stillstand kam.
    24. Indem immer weiter Subventionen in Fossil- und Agrarunternehmen gepumpt werden, ignoriert man die immer lauter werdenden Warnungen aus der Wirtschaft vor dem Platzen der Carbon Bubble, das ohne Vorsorge einen Großteil der Arbeitsplätze und Werte vernichten wird. Die mittel- und langfristig unschätzbaren Risiken des Status Quo sind den meisten Bürgern nicht klar; man wiegt sie in falscher Sicherheit: das ist Desinformation.
    25. Beim Weltökonomischen Forum WEF trifft sich jährlich die globale Finanz- und Politik-Elite in Davos. Die Corona-Finanzkrise ist so tiefgreifend, dass man deren Risiken gleichzeitig mit denen fossilen Finanzblase (Carbon-Bubble) und der längst überfälligen sozio-ökologischen Transformation endlich auf einen Schlag adressieren will: The Great Reset. Diese Veruche, die Folgen durch das Platzen der Carbon Bubble abzumildern, werden begleitet durch eine Hiobsbotschaft für die Fossilwirtschaft nach der anderen - ihre goldenen Zeiten sind definitiv vorbei. Eine Zukunfts-Orientierung deutscher Politik in diesem Umfeld ist allerdings nicht erkennbar: am Ende werden wir im globalen Spiel um fianzielle und reale Ressourcen wohl den einen oder anderen Schwarzen Peter haben.
    26. Der Strukturwandel in der Kohleverstromung kostet weniger als 10.000 Arbeitsplätze, was in der medialen Desinformation eine große Rolle spielt. Dabei sind in der Zukunftsbranche der EE bereits weit über 100.000 Arbeitsplätze und wichtige Schlüssel-Produktionsanlagen verloren gegangen, das Bauernsterben durch Industrialisierung der Landwitschaft ein Vielfaches davon.
    27. Der aufgeklärte, zukunftsorientierte Teil der Jugend ist verunsichert über die berufliche Zukunft, genauso wie viele junge potentielle Leistungsträger - Berufseinsteiger und grüne Start-Ups - keine Planungssicherheit haben: Desorientierung.

    Angela Merkel hat sich mit ihrer "Politik der ruhigen Hand" in vielen Bereichen große Verdienste erworben. Dabei hat sie auch nicht immer nur das Erbe ihrer Vorgänger verwaltet. Besonders in der Klimakrise fehlt ihr jedoch der Mut, sich gegen die Interessen der Investoren in die fossil-atomare Technik durchzusetzen. Sie beugt sich hier der Parteilinie der Besitzstandswahrung nach dem Prinzip "Maß und Mitte", das gerade besonders von ihrem designierten Nachfolger Armin Laschet propagiert wird. Bei ihrer Einladung zum "Dialog über Deutschlands Zukunft" mit Bürgern im Internet 2012 nimmt sie allen Diskussionsbeiträgen von Reformern von Anfang an den Wind aus den Segeln.


    Ich freue mich auf Ihre Anregungen und Ihre Vorschläge. Denn Deutschland soll so bleiben, wie es ist.
    Angela Merkel
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung] (Original: [Verknüpfung])

    Dabei hatte sie noch als junge Umweltministerin mit Experten 1997 für klimaschädliche Emissionen den "Preis des Überlebens" diskutiert und darüber ein Buch geschrieben. Kein Thema zieht sich durch Angela Merkels lange Karriere wie die Klimapolitik. Einen Überblick über deren zahlreichen Wendungen bietet der Tagesspiegel.
    [Verknüpfung]
    In der Begründung des Klimapakets 2019 schließlich kommt ihre ganze Mut- und Hilfslosigkeit erschreckend zum Ausdruck. Kurz danach erklärt sie das Ende ihrer Kanzlerschaft mit den nächsten Wahlen.


    Politik ist das, was möglich ist.
    Angela Merkel

    Das war ihr persönlicher Offenbarungseid. In der politischen Kakophonie der Corona-Krise wurde sichtbar, welche Konsequenzen das hat: die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Die Politiker schaffen es nicht einmal in einer akuten Pandemiekrise, im Sinne des Gemeinwohls die richtigen Schlüsse zu ziehen. Fatalerweise werden die Konsequenzen der heutigen Klimapolitik erst in Jahrzehnten erkennbar, und deshalb sind die herkömmlichen politischen Rezepte noch viel untauglicher.


    Es gilt nicht mehr der Satz: Denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Heute muß es heißen: Sie tun nicht, was sie wissen.
    Robert Jungk

    Und viele sagen auch nicht, was sie wissen. Denn Wissen ist Macht.


    Tell the truth!
    Extinction Rebellion

    Ich widerspreche deshalb Angela Merkel ganz entschieden mit Herbert Wehner.


    Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.
    Herbert Wehner




    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Inhalt

    Inhalt




    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Sind wir noch zu retten?



    Wir alle gefährden heute die Lebensvoraussetzungen der Menschen der Zukunft. Dabei ist die Ablehnung von Klimaschutz besonders ausgeprägt in den älteren Generationen. In unserer Gesellschaft sind die Möglichkeiten von Konsum und Mobilität über die Generationen hinweg immer weiter gewachsen. Der Fortschritt, der bisher die Zukunftschancen der kommenden Generation verbessert hat, wird als göttlicher Segen oder naturgegebenes Verdienst aufgefasst. Die Erkenntnis, dass er zum Fluch geworden ist, setzt sich jetzt viel zu spät durch, um die notwendigen Maßnahmen konfliktarm durchsetzen zu können. Der US-Päsidentschaftskandidat Al Gore nannte seine Filme zum Thema deshalb treffend 2006 "eine unbequeme Wahrheit" und die - leider notwendige - Aktualisierung 2017 "immer noch eine unbequeme Wahrheit".
    Ja, die Wahrheit setzt sich durch, wenn auch verspätet. Doch tut sie es auch viel zu langsam, und erst durch den massiven Druck der Jugendlichen. Sie erklären Biosphären- und Klimaschutz immer lauter zu einer Frage der Generationengerechtigkeit.
    Das umfassende Vernichtungspotential der fossilen Brennstoffe wird mit jedem Jahr erschreckender sichtbar.
    Klimaschutz wird seit den 50er Jahren von der Wissenschaft gefordert, von der Politik zuerst aufgeschoben und dann hartnäckig behindert. Je länger gezögert wurde, desto größer das Konfliktpotential zwischen den Generationen. Erst jetzt bricht er auf:
    Wollen wir die kurzfristige Bewahrung des fossilen Lebensstils für eine Minderheit - um den Preis globaler Megakatastrophen mit Chaos, explosivem Massenaussterben von Arten, unzähligen Flüchtlingen und Toten? Oder entschließen wir uns endlich für die langfristige Bewahrung unserer Lebensgrundlagen?

    So geht es im Klimaschutz nicht weiter. Was in diesem Bereich bisher politisch geleistet wurde, hat den Namen nicht verdient - bis auf wenige Ausnahmen. Frau Merkel selbst bezeichnet im Rückblick ihre Klimapolitik selbst als "Pillepalle". Spätestens seit den Schülerprotesten von Fridays for future ist die Wissenschaft endlich bei den meisten in den Horizont gerückt, wenn auch meist noch nicht in ihrer ganzen Tragweite. Und noch gar nicht bei der Mehrheit der Rechtskonservativen und Neolibertären, die sich immer noch als Klimaskeptiker und -Relativisten in der Zivilgesellschaft lautstark einmischen.

    Manche Klimaskeptiker verbreiten ihre Thesen bewusst und wider besseren Wissens - weil sie als Profis dafür bezahlt werden oder weil sie es politisch für opportun halten. Sie lügen also, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Innerlich überzeugte Klimaskeptiker dagegen halten daran fest, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: sie bezweifeln noch immer die Zuverlässigkeit von Berechnungen, mit denen die Entwicklung seit Jahrzehnten beeindruckend genau vorhergesagt, aber auch im Nachhinein nachgerechnet werden kann - deren Verlässlichkeit also von der Natur selbst nachgewiesen wurde. Und die mit heutigem Kenntnisstand und Technik immer verlässlicher geworden sind.
    Eine Erwärmung sehen viele Rechtskonservative mittlerweile schon als Bedrohung - allerdings nur für die Entwicklungsländer. Sie meinen, die Industrieländer könnten sich anpassen - und deshalb sei Klimaschutz nicht zwingend notwendig, vor allem, weil er sich gar nicht mehr verhindern lasse. Und das wohlgemerkt, nachdem sie jahr(zehnte)lang gegen die Klimaschutz-Bewegung aktiv waren.
    Hier zeigt sich ein ungeschminkter Sozialdarwinismus, der im krassen Widerspruch zu den wichtigsten moralischen Grundsätzen unserer freiheitlichen christlich-abendländischen Gesellschaft steht. Deren Werte von denselben Rechtskonservativen ständig beschworen werden. (Deren Werte sie durch kulturelle Offenheit bedroht sehen.) In all diesen Fragen stellen sie sich immer deutlicher gegen die Autoritäten der christlichen Kirchen, unter deren Mantel sie sonst gerne schlüpfen.
    [Verknüpfung]
    Immerhin kommen manche von ihnen ins Zweifeln, z.B. wenn sie den Widerspruch zwischen interner und externer Kommunikation beim Ölgiganten Exxon erkennen: im Jahr 1982 haben interne Forschungsergebnisse CO2-Konzentration und Temperatur von 2019 exakt vorhergesagt - die klimaskeptischen Medienkampagnen der Folgejahre sind bekannt:
    Siehe im pdf-Dokument S. 14: [Glaser 1982]
    [Probst 2017]
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    [CCCC 2019]

    Selbst 2019 haben Ölgesellschaften noch etliche Millionen in Lobbyarbeit gesteckt.

    [Verknüpfung]

    Kommt es dann bei Klimaskeptikern endlich zur Erkenntnis ihrer Lebenslüge (bzw. zum Bekenntnis ihres vermeintlichen Irrtums, bewusste Lügen werden sie selten zugeben), fällt allzu vielen von ihnen nichts Besseres ein als die Kapitulation vor dem Problem: nach ihrem Weltbild ist die Menschheit unfähig, das Problem zu lösen. Sie sehen sich angesichts der notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung vor einem unlösbaren Dilemma: wenn alle Optionen mit potentiellen Nachteilen behaftet sind, entscheiden sie sich für die Bewahrung der Verhältnisse, selbst wenn das den Untergang bedeutet. Leider fordern sie von ihren Zeitgenossen und der Politik das Gleiche, und treten umso vehementer gegen jede Veränderung ein.

    Aufgeben ist immerhin nicht jedes Konservativen Sache. Beispiele sind die republikanischen US-Politiker Bob Inglis, Newt Gingrich, John McCain und - besonders bemerkenswert - der Kommunikations-Stratege Frank Luntz. Der wurde beim Live-Erlebnis eines Waldbrands in Kalifornien vom Profi-Klimaskeptiker zum Klimaschützer. Doch das war, bevor Donald Trump die GOP zur Trump-Partei gleichschaltete. Die gesellschaftliche Spaltung durch quasireligiöse, fortschrittsgläubige konservative Fundamentalisten, die in den USA zur sichtbaren Bedrohung geworden ist, droht mit der AfD auch bei uns, gerade im Fahrwasser der Querdenker-Bewegung gegen Anti-Corona-Maßnahmen.
    Weitere Beispiele sind der Talkshow-Moderator Morton Downey jr., der angesichts einer Lungenkrebs-Diagnose die jungen Menschen, die er selbst von der Unschädlichkeit des Rauchens überzeugt hat, um Vergebung bittet, und PR-Profi Jerry Tailor, der nach Jahren der Klimaskepsis beim Cato-Institut durch einen beharrlichen Wissenschaftler motiviert wird, selbst einmal die Fakten zu checken.
    Die Mehrzahl der Konservativen bei uns ist Argumenten zugänglich. Ohne Einbeziehung dieser Konservativen ist ein zivilgesellschaftliches Umdenken pro Klimawende nicht zu schaffen. Auf sie kommt es jetzt an.
    [Wikipedia 2020 - Frank Luntz]
    [Yoder 2019]

    Dabei wird die Spaltung oftmals von Populisten herbeigeredet, also durch polarisierende Desinformation verschärft. Gerade das Wieder-In-Gang-Bringen eines respektvollen, konstruktiven Diskurses ist ein wichtiger Schlüssel für die Transformation.
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    Die gemeinnützige Organisation more in common leistet hier wichtige Analyse- und Aufklärungsarbeit und will den Diskurs in Gang bringen.
    [Verknüpfung]
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    Bestes Beispiel für die Möglichkeiten dieses Dialogs sind die Ergebnisse von Bürgerräten.
    Dem weniger interessierten Normalbürger, der schon vorher in anderen Politikfeldern seine erlernte Hilflosigkeit ("ich kann ja eh' nichts ausrichten") lange Jahre entwickelt und gepflegt hat, war diese bequeme Haltung bisher willkommene Rechtfertigung für Nichtstun.
    Jede Demokratie gerät durch diese Bequemlichkeit früher oder später in Gefahr - weil Umstände sich ändern und es immer Menschen gibt, die die Umstände auszunutzen wissen. D.h. ihre eigenen Interessen auf Kosten des Gemeinwohls durchsetzen. Solange sie den Passiven den falschen Eindruck von Sicherheit vermitteln, können sie die Demokratie immer weiter unterhöhlen.

    Dabei spielen subtile Kampagnen in (v.a. privaten) Medien, und in "sozialen" Netzwerken eine Rolle, deren teils extreme Wirkungen man nicht hoch genug einschätzen kann. Auch auf eine Aufarbeitung dieser Entwicklungen und einen Wandel der gesamten Medienkultur kommt es jetzt an.

    Kommt es zur Erkenntnis der Unsicherheit, droht durch die Passiven eine neue Gefahr: ihr Fatalismus. "Jetzt ist eh' nichts mehr zu ändern. Jetzt brauchen wir es auch nicht zu versuchen." Aber auch fanatische Klimaskeptiker, die bis zum Schluss keine Einsicht fanden, greifen oft zu dieser bequemen Konsequenz.


    Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
    Bertolt Brecht

    Dazu der PIK-Gründer und Mit-Initiator der Stiftung Generationengerechtigkeit:


    Was die Welt jetzt braucht, ist der Mut und die Hoffnung der Jugend. Lasst Euch nicht täuschen von denen, die Euch einreden wollen, dass die Erde nicht mehr zu retten sei. Denn das sind genau diejenigen, die nie ernsthaft versucht haben, sie zu retten.
    Hans-Joachim Schellnhuber
    [Verknüpfung]
    [Generationenstiftung 2019]

    Bei klimafakten.de ist Klimakommunikation schon länger ein Thema. Dort zitiert man den norwegischen Psychologen Per Espen Stoknes aus dessen Buch "What we think about when we try not to think about Global Warming". Angesichts einer entmutigenden Krise brauche es geerdete Hoffnung, "grounded hope", Zitat: "„Sie wurzelt in unserem Sein, in unserem Charakter und unserer Berufung, und nicht in einem erwarteten Ergebnis.“ Aufgeben sei keine Option, wenn man sich innerlich verpflichtet fühle, weiterzumachen. „Ich muss nicht daran glauben, dass alles gut enden wird, um zu handeln. Das Gehen und Tun sind ihr eigener Lohn.“"
    [Verknüpfung]

    Selbst in der Corona-Krise, wo die Forderung nach Generationengerechtigkeit in der Richtung "die Jungen für die Alten" unüberhörbar und zu Recht den Diskurs beherrscht, weigern sich konservative Medien beharrlich, in der Klimakrise den logischen Umkehrschluss zu ziehen. Ganz vorn dabei immer die konservative Springer-Zeitung Die Welt unter Chefredakteur Ulf Poschardt, der auch in Talkshows seine streitbaren Thesen mit Nachdruck vertritt. Mit seiner Wutrede über unsoziales Verhalten in der Corona-Krise liefert er eine Steilvolage.

    In Die Welt schreibt Chefredakteur Ulf Poschardt am 19.03. einen denkwürdigen Kommentar über unsoziales Verhalten in der Corona-Krise.
    Zitat:
    Bemerkenswerte Schriften würdigt man mit einem Versatzstück, und so ziehe ich hier meinen Vergleich zur Klima-Krise, frei nach Ulf Poschardt:
    "Das Unvermögen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
    (Immanuel Kant)
    [...] Unsere Gesellschaft tut oft aufgeklärt, ist es aber in weiten Teilen nicht. Die Unmündigen präsentieren sich aktuell in privaten Corona-Partys, gemeinsam abhängend im Englischen Garten, vor Eisdielen in Berliner Trendkiezen. Unsere Gesellschaft tut oft aufgeklärt, ist es aber in weiten Teilen nicht. Die Unmündigen fossilen Reaktionäre präsentieren sich aktuell in privaten Corona-Partys am Ballermann, gemeinsam abhängend im Englischen Garten, vor Eisdielen in Berliner Trendkiezen in der Flughafen-Lounge, auf Kreuzfahrt-Schiffen, beim Fashion- und beim Beauty-Event, beim Drängeln um die besten Schnäppchen beim Black Friday, beim Wettrennen an der Ampel, auf der Autobahn oder gar beim Streetracing.
    Es sind oft junge Menschen, die glauben, dass ihnen das Corona-Virus nichts anhaben kann. Es sind oft junge ältere Menschen, die glauben, dass ihnen das Corona-Virus die Klimakrise nichts anhaben kann.
    Im Supermarkt rücken aber auch Ältere den besorgten Vätern und Müttern auf die Pelle, Im Supermarkt öffentlichen Diskurs rücken aber auch Ältere jüngere Wutbürger den besorgten Vätern und Müttern Klima-Aktivisten auf die Pelle,
    drängeln am Bankautomaten, drängeln am Bankautomaten vertreten klimaskeptische Positionen,
    verweigern sich dem kategorischen Imperativ, einfach mal zu Hause zu bleiben, wenn es irgend geht. verweigern sich dem kategorischen Imperativ, einfach mal zu Hause zu bleiben CO2 zu sparen, wenn es irgend geht.
    Wer seiner tumben Idee von Freiheit in unsozialer Indifferenz die Schwächsten zu opfern bereit ist, hat weniger unser Mitleid als unsere Sanktionen verdient."
    [Verknüpfung]
    Wer seiner tumben Idee von Freiheit in unsozialer Indifferenz die Schwächsten zu opfern bereit ist, hat weniger unser Mitleid als unsere Sanktionen verdient. Noch haben wir die Gelegenheit, einen Konsens für wirksamen Klimaschutz zu erreichen, aber der Fortschritt der Klimakrise lässt diese Chance jeden Tag schwinden.

    An Poschardts Wutrede gegen Corona-Ignoranten ist an sich gar nichts auszusetzen - wenn er die Klimafrage ebenso konsequent im Sinne der Generationengerechtigkeit interpretieren würde. Er tut aber das Gegenteil: als Chefredakteur ließ er in derselben Ausgabe folgenden Kommentar des liberalen Grünen-Politikers Ralf Fücks abdrucken.
    Zitat:

    "Weshalb wir aus der Corona-Not keine ökologische Tugend machen sollten
    [...] Analogie zwischen Corona-Krise und Klimawandel ist unhaltbar
    [...] Angesichts der Pandemie sind wir bereit, uns selbst einzuschränken und massive staatliche Eingriffe in unseren Alltag hinzunehmen – weshalb nicht auch angesichts des Klimawandels?
    Solche Fantasien von einem ökologischen Notstandsregime sind nicht nur zutiefst autoritär. Die Analogie zwischen Corona-Krise und Klimawandel ist auch in der Sache unhaltbar. Eine Virenpandemie ist monokausal. Dagegen ist der Klimawandel eine hochkomplexe Angelegenheit. Er speist sich aus vielen Quellen: Energieproduktion und Verkehr, Landwirtschaft und Industrie, Wohnen und Städtebau. Zu glauben, er ließe sich durch einige grobe ordnungsrechtliche Eingriffe aufhalten, ist bestenfalls naiv."
    [Verknüpfung]

    Gewichtig wird Poschardts Wutrede durch ihren doppelten Verweis auf Kant. Dieses Gewicht könnte sich noch als argumentativer Mühlstein erweisen, denn er ist einer der prominenten Verfechter persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit.

    Poschardt reicht dieses Maß an Widersprüchlichkeit aber noch lange nicht. Neun Monate später drischt er verbal auf die "Klimaradikalen" ein, indem er sie mit den Querdenkern vergleicht: er spricht von "Populismus" und "überheblichem Moralismus". Als gäbe es keine Überheblichkeit in weiten Teilen der Geldaristokratie (deren Interessen er vertritt), die Regeln nach ihren Interessen zu bestimmen, und damit die Benachteiligten dieser Regeln vom Wohlstand auszuschließen.
    [Poschardt 2020]
    Wenn Neoliberale die wirtschaftliche Freiheit bedroht sehen, sprechen sie gern von falscher Moral. Sobald sie eine Moralkeule sehen, packen sie die Moralismuskeule aus. (Übrigens ist dieser Reflex selbst auch nichts Anderes als Ausdruck einer Moralvorstellung.)
    Manche Philosophen, v.a. in rechtskonservativen Kreisen, sprechen bei den moralischen Ansprüchen der Klimaschützer gar von Hypermoral(ismus), wie Alexander Grau im DLF (nach Norbert Gehlen, 1969).
    [Wikipedia 2019 - Moral und Hypermoral]
    DLF: [Grau 2017]
    Grau plädiert dafür, den Moralismus mürbe zu machen – durch Egoismus in Form von Sünden: "Deshalb hat der Sünder eine ganz, ganz wichtige Funktion in der Evolution der Moral: Einfach, weil er unkonventionell handelt, weil er für moralische Konflikte sorgt, werden moralische Normen immer neu ausjustiert und neu ausgehandelt."
    Der Theologe Karl-Josef Kuschel erwidert dazu: "Es ist nicht zu viel Moral. Im Gegenteil, gegenüber einem zynischen Weltbild, einem Un-Menschenbild, das sich um Moral nicht schert und meint, immer das Realitätsprinzip gegen die Ideale ins Spiel bringen zu müssen, bin ich froh, dass einige noch daran erinnern, was die Kernbotschaft des Christlichen ist."
    [Verknüpfung]
    Die Frage ist nur, inwiefern man bei der Forderung der Jugend nach einer Überlebenschance von Hypermoral sprechen kann. Es ist eine totale Ignoranz der Prinzipien humanistischer Ethik, wenn das Zerstören natürlicher Ressourcen ohne Not im Namen der persönlichen Freiheit akzeptiert, toleriert oder gar wie häufig sogar gefördert wird.
    [Stein 2019]
    Der US-Präsident Biden spricht am Earth Day 22.04.2021 von einer moralischen Verpflichtung zum Klimaschutz. Ich hätte gerne ein Statement dazu von Armin Laschet, Olaf Scholz und v.a. von Christian Lindner oder gar Jörg Meuthen gehört.
    [Verknüpfung]

    Als Rechtfertigung für ihre klimaschädliche Politik tragen Konservative ihr jahrzehntealtes Narrativ von der Unmöglichkeit dieses Unterfangens vor, einem Dilemma zwischen Müssen und Nicht-Können, Liberale ihr Lamento vom Verlust der Freiheit.
    Besonders der kategorische Imperativ wird hier noch öfter interpretiert werden. Er wird oft mit den folgenden Sinnsprüchen wiedergegeben (auch wenn man diese bei Kant nicht findet, und ihre Ursprünge wohl vor Kant liegen):


    Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des anderen anfängt.

    Oder noch treffender:


    Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Recht des anderen anfängt.

    Im Original schrieb Kant:


    Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann. [...]
    Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann.
    Immanuel Kant
    [Kant 1797]

    Womit wir bei der Verantwortung des Gesetzgebers wären. Das ist nicht mehr wie zu Kants Zeiten im Heiligen Römischen Reich der Adel, sondern von Bürger:innen gewählte Parlamente.
    Weil der Gesetzgeber diesen Grundsatz beim Klimagesetz 2019 verletzt hat, musste das Bundesverfassungsgericht ihn darauf hinweisen. Wenn man den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik bedenkt, ist es zwar nicht verwunderlich, aber dennoch höchst skandalös und ein Grund, über die Bedingungen der politischen Entscheidungsfindung nachzudenken. Wenigstens sind die Gerichte noch weitgehend unabhängig. In den USA, Ungarn und Polen ist das jedoch in Folge autoritärer Politik nicht mehr der Fall, und der Autoritarismus greift erschreckendschnell um sich.

    Ein Kennzeichen prägt autoritäre Herrschaft: Willkür. Hegel nutzt diesen Begriff zur negativen Definition "vernünftiger" Freiheit. Klaus Vieweg ("Hegel - der Philosoph der Freiheit") erklärt im Standard.


    Willkür heißt man zwar oft gleichfalls Freiheit; doch Willkür ist nur die unvernünftige Freiheit, das Wählen und Selbstbestimmen nicht aus der Vernunft des Willens.
    [Verknüpfung]

    Weitere philosophische Zitate zur Freiheit (anlässlich Corona) im Magazin Südostschweiz.
    [Verknüpfung]

    Hans Jonas erweitert Kants Gebot 1979 in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" in der zeitlichen Dimension und formuliert so den ökologischen Imperativ:


    Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.
    Hans Jonas

    [Wikipedia 2020 - Das Prinzip Verantwortung]

    Er folgt damit Dietrich Bonhoeffer, der es so ausdrückte:

    Das Handeln entspringt nicht dem Denken, sondern der Bereitschaft zur Verantwortung. Der letzte Test für eine moralische Gesellschaft ist die Art der Welt, die sie ihren Kindern hinterlässt.
    Dietrich Bonhoeffer

    Hans Jonas unterscheidet verschiedene Reichweiten unserer Verantwortung:

    Objekt der Verantwortungd.h. (bzw. Beispiel)Verantwortungsbegriff nach Reichweite
    ich nur mir selbst Egoismus
    mir und meinem direkten Umfeld Familie, Freunde, Verwandte schwacher Egoismus
    mir und meinem weiteren sozialen Umfeld meiner Region, meiner Nation, meinem Kontinent Regionalismus, Nationalismus, Eurozentrismus
    allen, auch mir allen Menschen der Erde Humanismus
    Menschheit allen, auch in der Zukunft lebenden Menschen idealer Humanismus
    [Verknüpfung]

    Hans Jonas' philosophische Idee vom (idealen) Humanismus wird von der Klimapsychologie aufgegriffen. Gerhard Reese entwirft transformative Entwicklungs-Strategien: von der individuellen zur kollektiven Verantwortung, von der individuellen zur Gruppen- und globalen Identität.
    Wenn wir wie bisher die Folgen unserers Handelns nur in unserem unmittelbaren individuellen Umfeld fokussieren, und die Wirksamkeit von umweltfreundlichem Verhalten nicht positiv erfahren, wird es nur schwer Akzeptanz für Klimaschutz-Maßnahmen geben. Er fordert ein System, das Anreize für positives Verhalten schafft.
    [Verknüpfung]
    Währenddessen müssen sich immer mehr klimabewegte Menschen um ihre mentale Gesundheit kümmern, um nicht auszubrennen oder an ihrer berechtigten Klimaangst ernsthaft Schaden zu nehmen.
    Der Bundesverband Deutscher Psychologen BDP positionierte sich 2021 zum Thema Klimapsychologie.
    Bericht: [Verknüpfung]
    Stellungnahme: [Verknüpfung]
    Filmtip: How to stay sane in a dying world. CC - Our changing Climate. Youtube 2022.

    [Verknüpfung]

    Die Transformations-Wissenschaftlerin Julia Steinberger von der Universität Lausanne berichtet von einem für sie lehrreichen Tag, an dem sie mit ihren Informationen über die Handlungsoptionen in der Krise zuerst bei Schüler:innen auf hochgradig reflektierten Unmut stieß, und dann mit ihren Student:innen die emotionalen Hintergründe der Schülerreaktionen diskutierte.


    Es gibt eine Verschiebung, denn als die Klimastreikbewegung begann, kämpfte sie gegen die kollektive Klimaleugnung. Niemand sprach über die Klimakrise. Jetzt ist die Klimakrise viel prominenter, aber da niemand handelt, scheint es eine bewusste kollektive Entscheidung zu geben, viele Menschen zum Tode zu verurteilen. [...]
    Infolgedessen wird Untätigkeit heute als bewusste, unvermeidliche Entscheidung wahrgenommen. Die Erwachsenen (und ihre Erwachsenen [gemeint sind Politiker]) wissen, dass sie die Jugend verletzen und schädigen, und sie tun es immer noch. Der Schmerz und die Verzweiflung sind immens. Kein Wunder, dass die Oberschüler murmelten, während ich ihnen über Emissionen, Erwärmungsgrade und Auswirkungen dozierte. Nichts davon spielt eine Rolle. Es ist, als würde man in eine viktorianische Schule kommen und die Schüler darauf hinweisen, dass Stöcke verwendet werden, um sie zu schlagen, und dass Schläge weh tun. Like, duh. Sie wissen es schon. Was sie wissen müssen, ist, wie man den Erwachsenen den Stock wegnimmt. Sie müssen wissen, wie sie zu einer Gegenmacht werden, die uns die Fähigkeit nehmen kann, ihnen Schaden zuzufügen.
    Julia Steinberger
    [Verknüpfung]

    Der Philosoph Timo Wesche bleibt beim Prinzip des Eigentums - und fordert in der Konsequenz ein "Eigentumsrecht der Natur an sich selbst", ein "Eigenrecht der Natur". Thomas Assheuer erklärt die Idee in der Zeit.
    [Verknüpfung]

    Die deutschen Parteien (mit Ausnahme der AfD) bekennen sich zwar seit Jahrzehnten zum Klimaschutz: Christdemokraten betonen in christlich-konservativer Tradition das Motiv von der "Bewahrung der Schöpfung" und erfanden in den 80er Jahren (als es noch eine Christliche Arbeitnehmerbewegung gab) den Begriff der "ökologisch-sozialen Marktwirtschaft", den vor der Jahrtausenwende dann die (oppositionellen) Sozialdemokraten übernahmen, die sich am Gemeinwohl nach Aristoteles orientierten.
    [Wikipedia 2021 - Ökosoziale Marktwirtschaft - Geschichte]
    Unter Rot-Grün konnte die SPD zumindest den ökologischen Aspekt mit EEG und Atomausstieg mit umsetzen. Der neoliberale Kanzler Schröder setzte dafür gegen die Widerstände der Grünen seine Sozialpolitik Agenda 2010 durch, die schließlich auch seine eigene Partei spaltete und Angela Merkel 16 Jahre Kanzlerschaft unter stabilem Wachstum ermöglichte - bis Corona kam. Merkel versuchte sich mit den Koalitionspartnern FDP und SPD an einem Stop des Atomausstiegs, was aber durch Fukushima verhindert wurde, und brachte mit den Wirtschaftsministern Gabriel (SPD), v.a. aber Rösler (FDP) und Altmaier (CDU) die Energiewende zum Beinahe-Stillstand.
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    Ihre Maßnahmen für Klimaschutz bis 2019 hat die Kanzlerin (wie die ihrer Vorgänger) selbst als unzureichend erkannt. Merkel sprach von "Pillepalle" im Klimaschutz.
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    Nach den epochalen Jugendprotesten für Klimaschutz im Sommer 2019 hat die GroKo im Herbst nach nur 20 Stunden Verhandlung ein erstes "Klimapaket" mit einer CO2-Steuer von 10€ pro Tonne vorgelegt - über das jedoch viele Fachleute entsetzt und die Klimaschutz-Aktiven empört sind.
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    Schon vor einer ganzen Generation wäre das nur ein sehr zaghafter Ansatz gewesen - Schweden stieg 1991 erfolgreich vom Start weg mit der dreifachen CO2-Steuer ein und ist heute beim mehr als zehnfachen Wert - die schwedische Wirtschaft ist nicht daran zugrunde gegangen. Der ursprüngliche Preis von 10€ pro Tonne, der zudem erst ab 2021 greift, wäre nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein gewesen, immerhin wurde er kurz danach auf 20 und dann 25€ korrigiert (was allerdings immer noch weit von den meisten Expertenempfehlungen entfernt ist).
    Das Kohle-"Ausstiegs"-Gesetz kommt bei den Experten auch nicht besser weg. Die Kostenvorteile der Erneuerbaren machen den Betrieb bis 2038 zum absehbaren Zuschussgeschäft, und dennoch wird die Abschaltung zur ordnungspolitischen Zwangsmaßnahme erklärt und deshalb gekrönt mit hohen Entschädigungen. Den 4,35 Milliarden Euro, die vom damaligen Finanzminister Olaf Scholz zugesagt wurden, liegt v.a. der Energiecharta-Vertrag zugrunde.
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    Der ECT wurde allerdings vom EuGH 2021 als rechtswidrig eingestuft. Damit sind auch andere europäische Entschädigungsvereinbarungen für Fossilinvestoren hinfällig.
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    Außerdem hat die CDU in Koalition mit FDP und SPD seit 2012 die Energiekehrtwende betrieben und 2020 vollendet: der Ausbau von Windenergie ist 2019 fast komplett zum Erliegen gekommen, der von PV stark zurückgegangen und droht mit dem Photovoltaik-Deckel ebenfalls - auf Null zu sinken. Die zur Sektorenkopplung mit P2G notwendigen Gaskraftwerke wurden zugunsten der CO2-intensiven Kohlekraftwerke abgeschaltet. Die Kohlekommission hat zwar einen Ausstieg bis 2038 beschlossen, doch Uniper bekam im Herbst 2019 noch ein neues Kohlekraftwerk genehmigt, die Gesetzesentwürfe sehen bisher keine Zwangsabschaltungen vor, und sowohl PV-Deckel als auch Abstandsregelung halten Investitoren von Sonnen- und Windkraft ab (Stand April 2020); derweil stellt CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem wichtigen November-Parteitag eine weitere Unterstützung der Verbrenner-Industrie in Aussicht (Stand November 2019).
    Merkels wichtigster Fachpolitiker Peter Altmaier gesteht nach einem Eigenlob seiner Politik im Januar dann nur wenige Monate später: "Ich gebe allerdings zu, dass wir in den letzten Jahren auch Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben. [...] In den nächsten Monaten müssen wir dafür sorgen, dass der Weg zur einer CO2-Neutralität unumkehrbar wird." Er spricht von "enormem Nachholbedarf". Nach Merkels "Pillepalle" 2019 möglicherweise eine weitere Beschwichtigung der Art, mit der die Umweltbewegung seit Jahrzehnten hingehalten wird.

    Die größte Finanzblase aller Zeiten, die Carbon Bubble, muss in Rekordtempo abgebaut werden, wenn sie nicht platzen soll. Nach Joe Bidens Wahlsieg in den USA ist diese Option wahrscheinlicher geworden. Umso schwerer ist zu verstehen, dass Deutschland sich mit Unterstützung für Biden noch auffällig zurückhält. Altmaiers Zusage an Trump zum Import von US-Fracking-Gas kam dagegen auffallend zügig, so wie die Planungen der Terminals in Rekordzeit voranschritten.
    Man darf deshalb dies- und jenseits des Atlantiks gespannt sein, welche Lobby gewinnt - die fossile Reaktion oder die immer progressiver auftretende Finanzwelt der sogenannten Green Economy, die mit Wachstum durch CO2-neutrale Innovationen das Klima retten will. Aber auch mit einer unkontrollierten Green Economy droht die nächste Katastrophe für die Biosphäre: wenn dieselben Leute, die uns in die Krise geführt haben, allein die Regeln bestimmen, wird möglicherweise die Welt weiter zugrunde gerichtet, jetzt eben mit Unmengen erneuerbarer Energie und hunderten Millionen neuer Elektroautos.
    Und dabei ist nicht einmal das Klimaziel sicher: Experten äußern Zweifel, dass die Net-Zero-Strategie ernst gemeint ist. Das Einrechnen zukünftiger Negativ-Emissionen in die CO2-Budgets ist nach ihrer Darstellung ein Märchen. Sie haben gewichtige Argumente, u.a. eine Helmholtz-Studie.


    Die derzeitige Net-Zero-Strategie wird die Erwärmung nicht auf 1,5 °C begrenzen. [... Sie] wird immer noch davon getrieben, möglichst alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher - und nicht davon, das Klima zu schützen.
    James Dyke, Robert Watson und Wolfgang Knorr
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    Deutschland muss Netto-Null-Emission bis 2035 anstreben, nicht für 2050 - sonst ist das 2°-Ziel nicht zu halten, geschweige denn 1,5°, so einer von Deutschlands Top-Klimaforschern Stefan Rahmstorf.
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    Es ist lange prognostiziert und mittlerweile absehbar, dass wir viel zu lange die Emissionen weiter betrieben haben. Jeder nur denkbare Energie-Überschuss muss nun in die Sequestrierung (Negativ-Emissionen) von CO2 gesteckt werden. Doch das ist noch längst nicht bei allen angekommen.

    In der CDU bestimmen Fossil-Lobbyisten seit Jahrzehnten die Politik. 2021 werden Korruptions-Skandale publik und manche Protagonisten wie Joachim Pfeiffer sind zum Rückzug aus der Bundespolitik gezwungen. Gleichzeitig gründet sich eine notariell bestätigte Parteigruppierung Klima-Union, die ihre Mitglieder teils sogar von den Grünen rekrutiert. In Baden-Württemberg begrüßt der CDU-Landesvorsitzende Strobl die neue grün-schwarze Koalition mit den Worten: "Beim Klimaschutz haben die Grünen bei uns offene Türen eingerannt".
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    Schaut man sich die Verlautbarungen der Klima-Union genauer an, wird deutlich, dass hier Konservative agieren, die an Änderungen nicht interessiert sind, und erst recht nicht gewillt, den Menschen die Wahrheit zu sagen: dass sie von ihrer bedingungslosen Anspruchshaltung gegenüber ihrer Mit-Welt endlich den gehörigen Abstand nehmen müssen. Stattdessen propagieren sie - wie Meadows es vorhergesagt hat - die Lösung der Probleme durch Innovation; Zitate aus einem Interview der NZZ mit einigen Klima-Unions-Gründer:innen.


    Die Union hat schon viele Programme mit auf den Weg gebracht. Die Energiewende ist vor allem auf Angela Merkel zurückzuführen. 2019 wurde das Klimaschutzgesetz verabschiedet. Wir sind an dem Thema dran, aber es ist wichtig, dass wir das ehrgeiziger verfolgen. Der Ansatz vieler Klimaaktivisten, auch jener von Fridays for Future, hat bei den Menschen Sorgen ausgelöst. Sie sagen, man dürfe jetzt nicht mehr fliegen und kein Fleisch mehr essen. Das ist nicht das, was wir wollen. Wir stehen für eine Klimapolitik, die dafür sorgt, dass man den Lebensstandard hält und weiterhin in den Urlaub fliegen kann. [...] Man kann den Klimaschutz verstanden haben, aber sich trotzdem noch ins Flugzeug setzen.
    Wiebke Winter
    [Verknüpfung]

    Der Versuch, Unionspolitiker für Klimaschutz zu gewinnen, ist natürlich aller Ehren wert und höchst anspruchsvoll. Aber dabei die Fakten derart zu verbiegen, um keine fossilökonomistischen Parteikolleg:innen zu verprellen, ist keine gute Basis für wirksame Klimapolitik. Wenn selbst Angela Merkel bei der bisherigen Klimapolitik - die ja maßgeblich von ihr gestaltet wurde - von "Pillepalle" spricht, dann ist diese Darstellung weniger der Versuch einer innerparteilichen Wende, als eher ein Versuch, sich an die etablierten Parteigrößen anzubiedern. Der Vorwurf, dass die Ambitionen des Klimagesetzes nicht ausreichen, wurde schon drei Wochen nach dem NZZ-Artikel höchstrichterlich bestätigt.

    Weil die Politik versagt hat und die Weichen nicht rechtzeitig zu stellen vermocht hat, wirft im Corona-Herbst 2020 eine überstürzte Kapitalflucht aus der Fossilwirtschaft ihre Schatten voraus. Man sagt "Geld ist ein scheues Reh" - im Frühjahr 2021 kommt es zu Ereignissen, die diesen Instinkt der Investoren als Fluchtursache nahelegt.
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    Die Orientierung an fachwissenschaftlicher Expertise muss endlich - wie bei Corona - auch in allen Nachhaltigkeitsfragen verstetigt werden. Und vor allem muss die dringende Notwendigkeit des Fossilausstiegs, die den Investoren klar ist, auch bei den Wähler:innen transparent gemacht werden.
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    In ihrem letzten Interview als Kanzlerin bei der Deutschen Welle gesteht Angela Merkel ein, dass die deutsche Klimapolitik nicht gerechtfertigt ist:


    Wir müssen sehr, sehr viel schneller werden, das zeigt jeder IPCC-Bericht. Und da sage ich den jungen Leuten, sie müssen Druck machen, und wir müssen schneller werden. Wir sind schneller geworden, aber nie war es so, dass [...] der Abstand zu den wissenschaftlichen Einschätzungen noch 'mal gewachsen ist, und das muss sich jetzt, in diesem Jahrzehnt, verändern.
    Angela Merkel
    [Verknüpfung] im Video ab 8'48''

    Denn allzu viele Konservative zweifelten Jahrzehnte (manche bis heute) an der Klimawissenschaft, zweifeln immer noch an der Konkurrenzfähigkeit postfossiler Wirtschaftsformen - beklagen aber gleichzeitig pauschal eine Wissenschaftsferne der Klimaschützer.
    Zitat:

    "Man kann es konsequent oder kurios finden, dass eine von einer Physikerin geführte Koalition Maßnahmen beschließt, die auf vielen noch nicht erfolgten wissenschaftlichen Innovationen beruhen."
    [Vitzthum 2019]

    Vizthum tut so, als könnte man nicht das vorhandene System sukzessive umbauen, als sollte plötzlich ein Schalter umgelegt werden. So, als wäre ein Netz aus Erneuerbaren Energien mit dem konventionellen System nicht kompatibel. So, als wären hochrentable Windräder, PV-Module oder Akkuspeicher nicht längst erfolgreich am Markt. So als wäre - auch in Deutschland - in den letzten Jahren mit der P2X-Technologie nicht endlich der Schlussstein der Energiewende-Technologie (fast ein Jahrhundert nach der Erfindung von SOC-Brennstoffzelle und Fischer-Tropsch-Synthese) zu Ende entwickelt worden. Alles, was an Instituten Rang und Namen hat, war an dem Mega-Forschungs-Projekt P2X beteiligt.
    [Leitner 2018]
    [BMWi 2019-3]

    Gegner der postfossilen Techniken stellen dagegen die plötzliche Rettung durch Innovationen in Aussicht, an deren Entwicklung man jedoch teilweise schon seit Jahrzehnten arbeitet, und von denen keiner sicher sagen kann, wann sie risikolos und v.a. konkurrenzfähig genutzt werden können.
    Ob dieser Optimismus als Utopismus bezeichnet werden kann, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht auch, ob es sich um politisch motivierten Zweck-Optimismus handelt.
    Innovation wäre angesichts der beschleunigten Klimakrise tatsächlich der letzte Strohhalm jenseits der Deindustrialisierung, an den wir uns klammern könnten - lägen die Alternativen nicht längst fertig entwickelt auf dem Tisch. Und das, obwohl sie von Liberalen und Konservativen lange genug behindert worden sind. Auf den internationalen Märkten haben sie ernstzunehmenden Erfolg. Es fällt jedoch auf, dass sich bei uns plötzlich viele Menschen empört zu Umwelt- und Menschenrechts-Themen äußern - aber bezeichnenderweise nur dann, wenn es um Elektroautos, Windräder und Solarzellen geht. Über unzählige andere anthropogene Probleme, die teilweise seit Jahrzehnten echte Katastrophen verursachen, konnten und können sie bis heute entspannt hinwegsehen. Mit einem ernsthaften Lieferkettengesetz ließen sich all diese Missstände beheben - aber für eine wirksame Lösung gibt es noch nicht genug politischen Druck.
    Bis 2020 war noch festzustellen, dass die Zivilgesellschaft in der Klimafrage mehrheitlich beruhigt war und weiterhin den Weg in die Katastrophe mitging. Den Umfragen nach der Kanzler-Kandidaten-Kür der CDU im Frühjahr 2021 zu urteilen ist das mittlerweile gar nicht mehr so sicher. Der dritte Dürresommer in Folge hatte Waldschäden verursacht, die nicht mehr zu übersehen waren. Und das Thema Waldsterben war auch der Auslöser der letzten großen deutschen Umweltbewegung der 80er Jahre. Vor den Wahlen herrscht in den Klimapolitik-Abteilungen der Parteien und PR-Agenturen hektische Betriebsamkeit.

    Die gute Nachicht: währenddessen treibt die restliche Welt die Energie- und Mobilitätswende in Forschung, Entwicklung und Praxis immer schneller voran, auch in Entwicklungsländern. Weil die Erneuerbaren billiger geworden sind als die fossilen Energieträger, und weil unkalkulierbare Entschädigungsforderungen zu erwarten sind, warnen immer mehr Ökonomen vor der Energie- und Mobilitäts-Disruption: Deutschland droht - mit Russland und den USA - den Anschluss zu verlieren; sogar die Ölscheichs setzen auf PV:
    [Mrasek 2019]









    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Mein Motiv als Lehrer von Naturwissenschaften



    Als Biologie- und Chemielehrer gehörte für mich das Klimathema von Anfang an zu den zentralen Zeitfragen im Fachunterricht. Motiviert durch jahrelange Auseinandersetzung mit klimaskeptischen Kollegen, die auch im Internet aktiv waren, habe ich 2007 an dieser Stelle bereits eine Seite eingestellt, die sich kritisch mit den längst widerlegten Thesen der Klimaskeptiker auseinandersetzt.
    [Thielen-Redlich 2019]
    Dort kann man viele klimaskeptische Thesen finden, die ich jeweils den Aussagen der Klimaforschung gegenübergestellt habe. Zu beiden Seiten habe ich Medien und Quellen zusammengestellt. Da ich jedoch in letzter Zeit wenig Aufwand für die Aktualisierung dieser Seite betreiben konnte, empfehle ich die Seite bei klimafakten.de, diese setzt sich ebenfalls mit Klimaskepsis kritisch auseinander. Zwar fehlen die Materialien der Klimaskeptiker, dafür sind die Fakten sehr gut verständlich auf den Punkt gebracht und mit durchgehend zuverlässigen Quellen belegt.
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    In aller Kürze erklärt Karsten Schwanke den Stand der Wissenschaft über die verschiedenen diskutierten Klima-Einflüsse mit Diagrammen:
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    Klimaskeptiker berufen sich auf den wissenschaftlichen Grundsatz der Skepsis: solange ernste Zweifel bestehen, gilt Wissen nicht als gesichert. Nur sind ihre Zweifel eben nicht im Entferntesten ernst zu nehmen, weil fachwissenschaftlich zigfach widerlegt, weshalb die Theorie der anthropogenen Erwärmung ja auch Lehrmeinung ist.
    Nun sind die klimawissenschaftlichen Fakten für das bestehende politisch-gesellschaftliche System politisch höchst unangenehm, und die nicht aufgeklärten (also im historischen Sinne reaktionären) Mitbürger können die wirklichen Sachargumente entweder nicht nachvollziehen; oder sie könnten es, aber wollen sich lieber nicht damit beschäftigen.
    Allein schon deshalb, weil sich ihre soziale Gruppenzugehörigkeit auch über eine offensive Klimaskepsis definiert - man spricht hier von Clandenken, das bei den Anhängern der US-Republikaner, der AfD oder der Werte-Union besonders ausgeprägt ist. Entsprechend selten findet man dort Menschen, die sich wirksam für Umwelt-, Minderheiten- und Klimaschutz einsetzen.
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    Das soll zwar nicht heißen, dass es nicht auch in Teilen der Umweltbewegung ein ideologisiertes Clandenken gegen Geldmacht und davon korrumpierte staatliche Institutionen gibt. Das soll aber auch nicht heißen, dass eine fundamentale Kritik am Geldsystem nicht angebracht ist - im Gegenteil, selbst ein Großteil der Ökonom:innen fordert einen ökonomischen Paradigmenwechsel. Jedoch führt die Ideologisierung extreme Linke in die Falle, nicht mehr dialogfähig zu sein.

    Im Clan der Klimaskeptiker jedenfalls nimmt man bis heute leichthin für sich in Anspruch, die Sicht auf den Klimawandel zu einer beliebigen Meinungsfrage herabsetzen zu können. Und dann schlagen sie die Aufklärung mit deren eigener Waffe:


    Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.
    wird verschiedenen Autoren zugeschrieben, u.a. René Descartes und Voltaire

    Die Freiheits-Ideologie der Corona-Skeptiker ist eine Blaupause für Verschwörungstheorien rund um den Klimaschutz, und meiner Überzeugung nach auch als solche von Denkfabriken so angelegt, was natürlich noch zu beweisen wäre.
    Ein bezeichnendes Vor-Corona-Beispiel aus Deutschland ist die Reaktion einer Reihe von Klimaskeptikern auf eine Literaturrecherche des UBA 2013. Sie gerierten sich schon damals als Opfer einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, Henryk Broder sprach von "Reichskulturkammer" und "DDR-Regime".
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    Der mittlerweile aus der SPD ausgeschlossene neurechte Politiker Thilo Sarrazin präsentiert sich während der Corona-Krise in einem Youtube-Video als Opfer einer vorgeblichen Meinungsdiktatur mit einer Guillotine im Hintergrund.
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    Solche Provokationen harmonieren mit Meinungsumfragen, z.B. einer vom konservativen Meinungsinstitut Allensbach, deren Ergebnis von der tendentiell rechtspopulistischen Zeitung Bild präsentiert wurde, Schlagzeile: "Wir lassen uns die Meinung nicht verbieten - immer mehr Deutsche haben Sorge offen zu sagen, was sie denken".
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    Auf einer Corona-Demonstration benutzte die 22-jährige Rednerin "Jana aus Kassel" das übliche Narrativ von der "Merkel-Diktatur" und verglich sich - inspiriert von der aufgehetzten Stimmung - mit Sophie Scholl, die für das Verbreiten ihrer Meinung im Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlen musste.
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    All diese Vergleiche sind ein Schlag ins Gesicht der Opfer von Totalitarismus. Den Mythos der Populisten, Opfer einer Meinungsdiktatur zu sein, beleuchtet Matthias Lore in die Zeit.
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    Eine Studie der Stiftung Neue Verantwortung ermittelt 2021 die Dimension des Mangels an Medienkompetenz und zeigt teilweise bedenkliche Tendenzen für die Zukunft.
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    Angesichts der mittlerweile enormen Bedeutung "sozialer" Medien, die sich über Jahrzehnte mit Billigung oder gar mit Zutun der Politik nahezu unkontrolliert zu einer überragenden Macht entwickelt haben, kann man diese Warnung nicht ernst genug nehmen.

    Populisten treten auf den Plan, wenn ihre Interessen durch demokratische Kontrolle ins Wanken geraten, oder wenn die demokratische Kontrolle versagt und sie die Chance sehen, ihre Machtstrukturen auszudehnen. Sie geben vor, die Interessen der vielen Benachteiligten zu vertreten - und gehören in Wirklichkeit zu denen, die diese Benachteiligung verursacht haben. Eine Benachteiligng, die die Rechtfertigung der Demokratie in Frage stellt. Populisten missbrauchen die in der Aufklärung erkämpfte Freiheit der Meinung für die bewusste Behauptung falscher Tatsachen, von denen Corona- und natürlich Klimaskepsis nur eine von vielen ist (Trumps Beraterin Kelly-Anne Conway spricht von "alternative facts"), und die mitunter schon von Staatsanwälten als Betrug aufgefasst werden. Alle anderslautenden Darstellungen werden von Populisten als "fake news" bezeichnet - bei der AfD lautet der Terminus wie in Nazi-Deutschland "Lügenpresse".
    Der größte überführte Lügner der politischen Geschichte Donald Trump gesteht 2021 in einem Interview mit Vanity Fair, Desinformation verbreitet zu haben - um "Optimismus" zu fördern.
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    Extreme Formen fehlkonstruierter Weltbilder findet man bei Anhängern sogenannter Verschwörungstheorien; die radikalisierten unter ihnen erweisen sich als Gefahr für die Demokratie, wie der Sturm auf das Kapitol oder den Reichstag zeigten.
    Damit sind viele Corona- und praktisch alle Klimaskeptiker in konsequenter Tradition der politischen Reaktion, die schon viele liberale Systeme durch die ihr eigene Achillesferse zerstört hat: durch Berufung auf die Freiheit. Liberale Gesellschaften haben es per definitionem besonders schwer, sich in Krisen gegen rechtskonservative, antiliberale Tendenzen zu verteidigen - wie man am Beispiel der Weimarer Republik, Russland, Ungarn, Polen, Türkei, Brasilien, USA und Brexit sehen kann.
    So wie die Aufklärung die Legitimation des Blutadels beendete, so brauchen wir eine neue Aufklärung, die die Legitimation des Geldadels dekonstruiert.


    So schön die Vorstellung einer Anhöhe des Denkens als heiliger Boden auch ist, auf dem sich alle in friedlicher Absicht zum Gesprächsaustausch treffen, um gestärkt und gereinigt aus der Begegnung hervorzugehen: Philosophie in unserem Jahrhundert ist Aufklärung ohne den Glauben an die Unschuld des Denkens.
    Bettina Stagneth
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    Haben die reaktionären Kräfte einmal die Oberhand, ist es vorbei mit Freiheit von Wissenschaft und Lehre, aber auch des Journalismus und der Kunst. Unter reaktionären Politikern wie Putin, Trump und Bolsonaro kann man sehen, was mit Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen passiert, deren Aussagen über Klimawandel, Minderheiten- und Artenschutz unerwünscht sind. Das geht von Zensur des Begriffs Klimawandel in der US-Umweltbehörde EPA unter Trump, über Drohungen aus dem rechten Mob an Andersdenkende, bis hin zu Morden an Umweltaktivist:innen, vornehmlich Indigenen, in Lateinamerika, Afrika und Südostasien.

    Eine Schlüsselrolle im Aufkommen der Rechtspopulisten spielen "soziale" Netzwerke, Plattformen und übergriffige Datenanalyse-Systeme libertärer US-Unternehmer wie Mark Zuckerberg oder Peter Thiel. Vor diesen neuesten Auswüchsen unregulierter Märkte wurde gewarnt - dennoch blieben sie von der Politik viel zu lange unbeachtet, bzw. wurden sogar unterstützt.
    Der Missbrauch des Internets ist als die große Beschleunigung eines Erosionsprozesses zu sehen, der mit dem Neoliberalismus schon in den 70er Jahren einsetzte. Die Bildung der Massen durch Medien und Schulen kommt im "schlanken Staat" eines Milton Friedman zu kurz: Benachteiligung des öffentlich-rechtlichen gegenüber dem Privatfernsehen, zunehmende Abhängigkeit der Printmedien von Anzeigenkunden und v.a. Zwei-Klassen-Bildungssysteme, die zunehmend der Bereitstellung unkritischer humaner Ressourcen für den Wirtschaftsbetrieb dienen, lassen die Urteilsfähigkeit zunehmend erodieren. Machtmissbrauch führt zu Ungerechtigkeiten, die von Populisten zunehmend demokratiefeindlich gedeutet werden und so verlieren die Wähler immer mehr das Vertrauen in den demokratischen Staat. Unabhängige und öffentlich-rechtliche Medien, die die Missstände aufklären, werden von Rechtskonservativen diskreditiert und nach Möglichkeit demontiert.
    Die Verursacher der Ungerechtigkeiten stehen oft genug hinter den rechten Populisten, die das Ende der Ungerechtigkeit versprechen. Sie versuchen, die Verlierer ihres Systems zu dessen Erhaltung zu instrumentalisieren.

    Sobald ein kritischer Anteil der Bevölkerung gewonnen ist, steigern Rechtsextreme ihre Erzählungen vom Tatsachenleugnen hin zu Verschwörungsmythen: für die Krisen werden alle möglichen Minderheiten und Progressive beschuldigt, nur nicht die herrschenden konservativen Kräfte des Industriekapitalismus, und zuallerletzt der eigene Clan.
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    Bei der QAnon-Verschwörungstheorie aus den USA, die neuerdings auch in Deutschland um sich greift, werden selbst mittelalterliche antisemitische Erzählungen von Kindsmord aufgegiffen, ähnlich wie von Seiten der russischen Propaganda in der Ukraine-Krise, die seit 2014 von gekreuzigten Kindern spricht.

    Ein Vergleich chauvinistisch-nationalistischer Auswüchse mit einer radikalen Anti-Klimaschutz-Haltung ist durchaus plausibel. Der Unternehmensberater und Gemeinwohl-Ökonom Gerd Hofielen erklärt klar und schlüssig, wie im Anthropozän die Abstiegsgefährdeten gegen die Transformation instrumentalisiert werden:

    "Die politischen Kräfteverhältnisse können vereinfacht als “Kampf der Kulturen” begriffen werden.
    Auf der einen Seite stehen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung, denen ein überwiegender Teil des Vermögens in Deutschland gehört und die vorwiegend ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgen, zulasten von Mensch, Gesellschaft und Natur. Zu denen gesellen sich die Bürger, die Globalisierungs-geschädigt sind, deren Lebensverhältnisse in den letzten Jahrzehnten stagniert haben. Sie sind ideologisch vereint im Bestreben, die tradierten, konservativen Machtverhältnisse beizubehalten und die Umweltzerstörung zu ignorieren. Die ersteren, weil sie davon profitieren, die letzteren, weil sie glauben und hoffen, durch eine Rückkehr zu alten Zeiten ihre Position wieder verbessern zu können. Vordergründig findet das einen politischen Ausdruck in rechts-populistsichen Bewegungen à la Trump und Le Pen, die vorgeben, gegen die ‘Eliten’ zu kämpfen, aber, so kann vermutet werden, mit Hilfe und zum Nutzen dieser alten Eliten regieren werden (Trump ist gegenwärtig dabei, diese These zu beweisen).
    Auf der anderen Seite stehen die Bürger, die die Umweltzerstörung erkennen und sie als bedrohliche Entwicklung einschätzen, die durch die ressourcen-verschwenderische Wirtschaftsweise entstanden ist. Deshalb sind diese Teile der Bürgergesellschaft bereit, die Wirtschaftweise zu verändern. Sie suchen nach neuen Wegen mit der Umweltbewegung und dem Paradigma der Nachhaltigkeit. Sie appellieren an die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen und der VerbraucherInnen."
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    Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek spricht von "fetischischer Leugnung" der ökologischen Krise und erkennt darin einen Zynismus.
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    Die Corona-Krise zeigt, wie schnell das fragile globale Wirtschaftssystem zu Massenelend führen kann. Spätestens am 6. Januar 2021 erweist sich beim Sturm auf das US-Kapitol, wie angreifbar die wirtschafts-liberalen Demokratien verfasst sind.
    Um der nationalistischen Reaktion vorzubeugen, wurde dem deutschen Grundgesetz ein Schutz eingebaut, der die Demokratie "wehrhaft" machen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung vor Zerstörung schützen soll. Damit sind wir gegenüber anderen Staaten noch privilegiert. Doch auch unsere Verfassung wurde und wird nur von Menschen gemacht und interpretiert.
    Es steht zu befürchten, dass wehrhafte Demokratien in der Klimakatastrophe gezwungen sein werden, gegen Wissenschaftsleugnung wie Corona- und Klimaskepsis ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wie heute gegen rechtsextreme Volksverhetzung. Die ersten Gesetze gegen Hassreden im Internet sind bereits in Kraft.

    Es gibt viele historische Beispiele von Gesellschaften, deren stures Festhalten an tradierten, aber überholten Strukturen zugrunde gingen - weil sie sich der Auseinandersetzung mit der Realität verweigerten, um die fragile gesellschaftliche Stabilität nicht zu gefährden. Vordenker wie Horaz und Kant sind bekannt für ihre Fähigkeit, das nötige gesellschaftliche Umdenken auszulösen:


    Sapere aude!
    Quintus Horatius Flaccus
    Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen
    Immanuel Kant

    Ein Kernproblem ist die mangelnde wissenschaftliche Kompetenz der Bevölkerung. Meine Vorstellung als Lehrer war zunächst, dass der naturwissenschaftliche Bildungsauftrag sich darauf beschränkt, in der Klima-Diskussion die wissenschaftlichen Fakten (im Widerspruch zu den Behauptungen der Klimaskeptiker) objektiv darzustellen, um so die Dringlichkeit des Klimaschutzes zu begründen.

    Bis heute hat die naturwissenschaftliche Bildung in diesem entscheidenden Punkt genauso versagt wie der Journalismus und die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung, die im Interese ihrer Klientel in weiten Teilen Desinformation nicht nur zulässt, sondern sogar selbst betreibt.
    Es wird immer deutlicher, dass Desinformation eine Quelle massiver existentieller Gefahr darstellt, man hat es an der Propaganda des Dritten Reichs, der Tea-Party-Bewegung in den USA und den Verschwörungstheoretikern bei uns bereits gesehen. Ich frage mich, warum wir in Deutschland immer noch nichts dagegen unternehmen. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass Desinformation immer noch für bestimmte Ziele als nützlich empfunden wird.

    Ähnlich wie man Reihen von CDU-Innenministern die jahrelange Bagatellisierung und Duldung von Rechtsextremismus vorwerfen kann, wobei man über das Motiv nur spekulieren kann. Eine denkbare Strategie wäre das Schaffen einer Drohkulisse, die dem gemäßigten Wähler die Notwendigkeit konservativer Politik vor Augen führen soll, sinngemäß - "seht her: wenn wir keine konservative Politik machen, kommen die Autoritären und fordern sie ein." Das lässt sich freilich nicht belegen.
    In der Frage nach der Windkraft-Politik wird jedenfalls dem Bundeswirtschaftsminister Altmaier die Unterstützung einer Anti-Windkraft-Bewegung vorgeworfen, die sich nach Recherchen von energiewende.eu größer darstellt, als sie ist. Bezeichnend, dass in Altmaiers Ministerium neben dem Klimaskeptiker Thomas Bareiß sogar der Vorsitzende der AfD-nahen Anti-Windkraft-Bewegung Vernunftkraft e.V., Nikolai Ziegler, beschäftigt war.
    Diese Strategie ist ein Spiel mit dem Feuer. Das zeigt sich gerade in den USA, wo die Energiewende möglicherweise dadurch verhindert wird, dass Joe Biden nicht genügend stabile Mehrheiten zustande bekommt - weil immer noch Klimaskeptiker in der Debatte mitmischen. Auch bei uns wäre in einer Eskalation der Corona-Krise nicht sicher, ob die Stimmung pro Regierungspolitik so stabil bleiben würde - angesichts grassierender Desinformation in den "sozialen" Medien. Bis heute wurde in Deutschland kaum etwas dagegen unternommen, im Gegenteil suchen Fachpolitikerinnen der CSU sogar öffentlich die Nähe zu FaceBook, eine wurde dort als EU-Cheflobbyistin engagiert. Nur das Europäische Parlament hat bisher mit dem Digital Services Act einen ernst zu nehmenden Versuch unternommen.
    Die NGO Avaaz begleitet das Vorhaben mit einer großen Kampagne und dokumentiert nach der erfolgreichen Gesetzgebung ihren eindrucksvollen Beitrag.
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    In Frankreich jedenfalls wird - gemäß EU-Richtlinien aus 2018 - nach einem Gesetz gegen Desinformation auch eine Behörde geschaffen, die solche Fälle behandelt.
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    In Finnland wird zumindest an der Grundschule flächendeckend die Resilienz der Kleinen gegen Desinformation aufgebaut.
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    Während bei uns mindestens einmal der Föderalismus und seine üblichen behördenrechtlichen Probleme dem im Wege stehen.
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    Ob es auch daran liegt, dass in Frankreich schon vor 200 Jahren die Trennung von Kirche und Staat vollzogen wurde, dass Politik in einem säkularen Staat einfach aufgeklärter ist? Oder dass in Nazi-Deutschland eine ganze Generation Intellektueller zum Schweigen gebracht wurde, durch Mord oder Vertreibung ins Exil?
    Mit inspiriert wurde das EU-Gesetz wohl von einem Gesetz des dänischen Folketing aus 2017, das die Einrichtung eines staatlichen Ausschusses gegen wissenschaftliche Unredlichkeit vorschreibt. Ein Vorgänger-Ausschuss hatte den Klimaskeptiker Lomborg 2001 öffentlich gerügt. Dänemark ist heute einer der wichtigsten Vorreiter im Klimaschutz; eine dänische EU-Kommissarin (Margrethe Vestager) war es auch, die die Regulation der "sozialen" Medien in der EU angestoßen hat.
    In Großbritannien versucht man dem Problem der Desinformation punktuell in einem ganz bestimmten Thema, und auch nur in den öffentlich-rechtlichen Medien zu begegnen: die BBC lässt Klimaskeptiker nicht mehr zu Wort kommen ohne den Hinweis, dass es sich um Desinformation handelt. Während in den USA seit Abschaffung der Fairness-Doktrin durch die Regierung Ronald Reagan jegliche journalistische Sorgfalt privaten Interessen geopfert werden darf - und auch wird.

    Neoliberale fordern in der Schule mehr "wirtschaftliche" Bildung, womit eigentlich betriebs-wirtschaftliche Bildung gemeint ist, und bekommen sie auch. In Nordrhein-Westfalen z.B. wurde von der CDU-FDP-Koalition das Fach "Politik", in dem es bei diesem Thema um die Fragen der Volkswirtschaft geht, durch das Fach "Wirtschaft" ersetzt. Es geht dort also weniger um die Ökonomie des Gemeinwohls als um die Ökonomie privater Interessen. Diese Schulpolitik steht im Einklang mit der Unterdrückung von Aufklärung in Fragen der Umweltkriminalität, einer eigenwilligen Interpretation und Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse und dem Schüren von Wissenschaftsfeindlichkeit in NRW.

    Wie weit die USA schon in der rechtskonservativen Gleichschaltung sind, zeigen die neuen, rechtskonservativ revidierten Lehrpläne und die sogenannten Anti-Wokeness-Gesetze für Banken. Damit wird auf Eintreten für Klimaschutz, Gender-Gerechtigkeit und gegen Waffenmissbrauch immer restriktiver reagiert. Mit derart reakionären Politikern, die eine fossile und soziale Restaurationspolitk betreiben und den faschistoiden Reaktionär Trump unterstützen, wollte sich Friedrich Merz im August 2022 über "konservative Werte" austauschen.


    Um Menschen, um tugendhafte Staatsbürger zu bilden, muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernünftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.
    Paul Henry Thiry d'Holbach

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    Ein hoher Anspruch. Wie sieht nun die Realität an deutschen Schulen aus?

    Mit Wettbewerben und anderen differenzierenden Angeboten werden naturwissenschaftliche Eliten herangezogen, die sich von Anfang an als Räder im neoliberalen Wachstumsmotor begreifen sollen. Beim wichtigsten dieser Wettbewerbe Jugend Forscht wird diese Elite von mächtigen Sponsoren aus der Wirtschaft nachhaltig auf den Machbarkeits-Mythos eingeschworen.
    Parallel dazu wird die naturwissenschaftlich-technische Breitenbildung umso stärker vernachlässigt. Der daraus resultierende massive Lehrermangel in den MINT-Fächern verstärkt sich selbst, und der Staat schaut dabei (wie im Wohnungssektor oder den Monopolen und Kartellen) zu, obwohl er im Sinne des Gemeinwohls massiv gegensteuern müsste. Zusätzlich werden neoliberale Tendenzen zur Privatisierung des Bildungswesens deutlich, die die Konsolidierung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft vorantreiben. Deren Auswirkungen kann man z.B. im angelsächsischen Raum oder auch in Frankreich beobachten: Armut wie Reichtum werden vererbt, also auch der Zugang zu Bildung. Nur diejenigen, deren Hochbegabung auffällt, können aufsteigen. Aber nicht etwa, um Chancengerechtigkeit zu schaffen, sondern weil Stipendiaten sich überdurchschnittlich oft als produktive Leistungsträger erwiesen haben.

    Schulen werden zunehmend als Dienstleistungsbetriebe verstanden, die bei entsprechendem Wohlverhalten einen Abschluss bescheinigen - Bildung ist dabei oft zweitrangig. Gerade männliche Absolventen wissen um ihren Geschlechtervorteil, und brüsten sich gerne damit, ihren schulischen Einsatz auf Effizienz hin optimiert zu haben. Die Generation Golf ist wohlhabend wie keine zuvor, und vielleicht auch keine danach - aber sie will keine anstrengenden Erklärungen, sondern in erster Linie das Leben genießen, denn sie ist von klein an auf Konsum konditioniert.


    In Deutschland ist es so: man kokettiert damit, dass man immer schlecht in Mathe war - und damit hat man 'nen Partybrüller.
    Christopher Schrader
    Verknüpfung

    Dazu kommt eine schleichende Degression der Fachinhalte, vor allem in Naturwissenschaften, zu Gunsten von soft skills und Kompetenzen, die der gesellschaftlichen Integration dienen sollen - worunter nicht selten v.a. die Verwertbarkeit von Arbeitskraft verstanden wird. Heißt praktisch, den Kindern helfen, die wachsenden Sozialisationsanforderungen in einer zunehmend spannungsgeladenen Gesellschaft zu erfüllen, auch weil überforderte Elternhäuser das immer weniger leisten können. Für ein gehirngerechtes, vernetztes Lernen ist schon die Organisation des Schulbetriebs nicht gerade ideal. Ganz zu schweigen von selbstbestimmtem, also intrinsisch motiviertem Lernen.

    In den Ostblockstaaten war der Unterricht zwar sehr traditionell, dafür wurde in der Schule erstaunlich viel Wert auf handwerkliche und naturwissenschaftliche Inhalte und Fertigkeiten gelegt, die dann auch oft erfolgreich vermittelt wurden. Im autoritären Russland Putins nützt dieses Mehr-Wissen an Grundlagen dem Klima allerdings auch nichts - die Medien sind gleichgeschaltet und werden nichts verbreiten, was den Interessen der Öl-Oligarchen widerspricht.

    Im Schulbereich ist ein immer größerer Einfluss privater Interessen zu beobachten - allein über private Finanzierung, wobei es ein weites Spektrum von der Vergabe von Drittmitteln bis zur vollständigen Privatisierung gibt.
    [Wikipedia 2022 - Schulmarketing]
    Beispiel: [Verknüpfung]
    Doch es braucht nicht einmal direkten finanziellen Einfluss von außen, damit alles so bleibt, wie es ist.
    Viele Kolleg:innen verstehen sich als Konservative, sind aber eigentlich Neo-Konservative und damit aus Clandenken heraus Fossilökonomisten. Für sie ist in erster Linie die Wahrung der Besitzverhältnisse Voraussetzung für stabile Verhältnisse. Echte Wertkonservative wie seinerzeit Herbert Gruhl (†1993), Klaus Töpfer oder Heiner Geißler (†2017), für die die Bewahrung der Schöpfung untrennbar mit ihrem Wertkonservatismus verbunden ist, sind nach 50 Jahren Neoliberalismus leider die seltene Ausnahme.
    Von den übrigen Kolleg:innen, von denen etliche die Problematik verstehen, verwechseln leider die meisten eine kritiklose Wiedergabe beider politischer Meinungen, also auch wissenschaftlicher Unwahrheiten, mit politischer Ausgewogenheit. Sie entziehen sich ihrer Verantwortung einzugreifen, und berufen sich auf ein vermeintliches politisches Neutralitätsgebot. Sie erhalten damit die angenehme Lüge am Leben, es sei alles in Ordnung, es bestünde kein Anlass zu politischem Engagement. Und wenn eine Lehrkraft doch einmal die Wissenschaftlichkeit verschiedener Akteure kritisch beleuchtet, dann reicht bei vielen Direktionen ein Anruf aufgebrachter Eltern, um hier wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
    Diese unkritische Obrigkeits-Hörigkeit bezeichnete Kant als "selbstverschuldete Unmündigkeit", davor warnten schon Gottfried Keller und Hildegard Hamm-Brücher, dem widerspricht selbst die scheidende CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Ihre bisherige Klimapolitik sei "Pillepalle" gewesen, räumt sie 2020 ein. Die Jugend müsse "Druck machen", sagt sie schließlich 2021 in ihrem letzten offiziellen Interview bei der Deutschen Welle.

    Anstatt den Bürger:innen selbst reinen Wein einzuschenken, lädt Merkel die Bürde des zivilgesellschaftlichen Antreibers den Kindern auf - was freilich ihren bescheidenen Ambitionen in Sachen politischer Machbarkeit entspricht. Die Forderungen linksgrüner Gutmenschen konnte sie geflissentlich ignorieren - die von Greta Thunberg aber nicht, weil die Zivilgesellschaft diese sich aus Gerechtigkeitsempfinden und Empathie zu eigen gemacht hat.

    Eine Bürde, die zu tragen schon schwer genug ist. Ohne entsprechende Bildung unvorstellbar - woher sollte Greta denn überhaupt von der ungelösten Anthropozän-Krise wissen, wenn nicht von ihren Eltern, dem Kindergarten, der Schule, den Medien?
    2015 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen UN 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNESCO (Nachhaltigkeitsziele, englisch Sustainable Development Goals oder auch Global Goals) formuliert. Laut Ziel Nummer 4 - BNE (Bildung für Nachhaltige Entwicklung, englisch ESD, Education for Sustainable Development) - soll die Jugend zur politischen Mitgestaltung ihrer Zukunft befähigt, ermächtigt und bestärkt werden. Ohne eine Transformation der Bildung werden Schulen und Lehrer:innen dem Bildungsauftrag der Zukunft nicht gerecht, sagt die UNESCO.
    2021 haben viele Unterzeichnerstaaten, auch Deutschland, mit der Berlin Declaration ein beeindruckendes Bekenntnis zur Umsetzung dieses Global Goals bis 2030 abgegeben: ESD for 2030. Noch ein gewichtiges Vermächtnis Angela Merkels für die Nachwelt - hier für den Bildungssektor.


    [Verknüpfung]

    Wir sind davon überzeugt, dass dringend gehandelt werden muss, um die miteinander verknüpften dramatischen Herausforderungen anzugehen, vor denen die Welt steht, insbesondere die Klimakrise, den massiven Rückgang der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung, Pandemien, extreme Armut und Ungleichheiten, gewaltsame Konflikte und andere Umwelt-, Gesellschafts- und Wirtschaftskrisen, die das Leben auf unserem Planeten gefährden. Wir sind der Auffassung, dass die Dringlichkeit dieser Probleme, die durch die Covid-19-Pandemie noch verstärkt werden, einen grundlegenden Wandel erforderlich macht, der uns hin zu einer nachhaltigen Entwicklung führt, die auf einer gerechteren, inklusiveren, achtsameren und friedlicheren Beziehung zueinander und zur Natur gründet.
    [...] Wir sind zuversichtlich, dass Bildung entscheidend zur positiven Veränderung von Denkweisen und Weltanschauungen beiträgt und alle Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zusammenführen und damit sicherstellen kann, dass die Entwicklungspfade nicht ausschließlich auf Wirtschaftswachstum zu Lasten des Planeten, sondern im Rahmen der Belastbarkeitsgrenzen der Erde auf das Wohl aller ausgerichtet sind.
    Wir sind zuversichtlich, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) als Nachhaltigkeitsziel 4.7 und als Wegbereiter aller 17 Nachhaltigkeitsziele die Grundlage für den erforderlichen Wandel bietet, indem sie jedem und jeder Wissen, Kompetenzen, Werte und Einstellungen vermittelt, die notwendig sind, um den Wandel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung mitzugestalten. BNE befähigt Bildungsteilnehmerinnen und - teilnehmer, kognitive und nichtkognitive Kompetenzen zu entwickeln wie zum Beispiel kritisches Denken und die Fähigkeit, zu kooperieren, Probleme zu lösen und mit Komplexität und Risiken umzugehen, Resilienz aufzubauen, systemisch und kreativ zu denken und ermöglicht so ihr verantwortungsbewusstes Handeln als Bürgerinnen und Bürger, die damit ihr Recht auf hochwertige Bildung entsprechend SDG 4- Agenda Bildung 2030 wahrnehmen können. Wir sind der Ansicht, dass BNE auf der Achtung der Natur sowie von Menschenrechten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Nichtdiskriminierung, Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit gründen und diese fördern muss. Außerdem sollte sie interkulturelles Verständnis, kulturelle Vielfalt, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Inklusion und das Konzept eines weltweit verantwortungsbewussten und aktiven bürgerschaftlichen Handelns fördern. [...]
    Unsere Verpflichtung
    [...] Im Rahmen unseres jeweiligen Mandats und Zuständigkeitsbereichs und unter Berücksichtigung unserer Bedürfnisse, Kapazitäten, verfügbaren Ressourcen und nationalen Prioritäten verpflichten wir uns,
    [...] sicherzustellen, dass BNE ein grundlegendes Element unserer Bildungssysteme auf allen Ebenen ist, mit Umwelt- und Klimamaßnahmen als ein Kernbestandteil des Lehrplans, und gleichzeitig eine ganzheitliche Sicht auf BNE zu wahren, die dem Zusammenhang zwischen allen Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung Rechnung trägt,
    [...] BNE mit gemeinsamem Schwerpunkt auf kognitiven Fertigkeiten, sozialem und emotionalem Lernen und Handlungskompetenzen für die individuelle und gesellschaftliche Dimension des Wandels umzusetzen und dabei beim Einzelnen eine Verhaltensänderung für nachhaltige Entwicklung, Chancengleichheit und Achtung der Menschenrechte sowie einen grundlegenden strukturellen und kulturellen Wandel auf Systemebene in Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern und auch die notwendigen politischen Maßnahmen für diesen Wandel voranzutreiben,
    [...] die Möglichkeiten von BNE für die Umgestaltung unserer Gesellschaften u. a. für einen besseren Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Datenaustausch zu nutzen, um Forschung, evidenzbasierte Politik, demokratische Entscheidungsfindung und die Anerkennung indigenen Wissens zu ermöglichen, eine nachhaltige und transformative Wirtschaft zu fördern, in der das Wohl der Menschen und des Planeten im Mittelpunkt steht, und um Resilienz zu fördern und besser auf künftige globale Krisen vorbereitet zu sein,
    [...] auch die entscheidende Rolle der Lehrkräfte bei der Förderung von BNE anzuerkennen und in die Kompetenzentwicklung von Lehrenden und anderem pädagogischen Personal auf allen Ebenen zu investieren sowie einen bereichsübergreifenden Ansatz bei der Transformation der Bildung sicherzustellen,
    [...] das Potenzial neuer, digitaler und „grüner“ Technologien zu nutzen, um sicherzustellen, dass Zugang, Entwicklung und Einsatz der Technologien verantwortungsbewusst, sicher, gerecht und inklusiv gestaltet sind und auf kritischem Denken und Nachhaltigkeitsprinzipien einschließlich einer angemessenen Nutzen-Risiko-Abwägung basieren sowie offene Bildungsmaterialien (Open Educational Resources), offene Wissenschaft (Open Science) und erschwingliche digitale Lernangebote (eLearning) für BNE fördern,
    [...] jungen Menschen die aktive Mitwirkung an einer nachhaltigen Entwicklung dadurch zu ermöglichen, dass Lernangebote und Möglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement geschaffen und sie mit Kompetenzen und Instrumenten ausgestattet werden, um durch Beteiligung an BNE zum individuellen und gesellschaftlichen Wandel beizutragen [...].
    Ausblick [...]
    Transformatives Lernen für Mensch und Erde ist überlebensnotwendig für uns und für künftige Generationen. Die Zeit zu lernen und für unseren Planeten zu handeln ist jetzt.
    UNESCO

    Berlin Declaration (deutsch): [Verknüpfung]

    Angesichts des bisherigen Versagens in der Nachhaltigkeitsbildung ein dickes Brett. Ein Neutralitätsgebot in politischer Bildung gibt es jedenfalls schon längst nicht mehr, es wurde bereits 1976 im Beutelsbacher Konsens durch das Kontroversitätsgebot ersetzt. Eine Meinungsäußerung der Lehrperson ist danach nur dann nicht erlaubt, wenn eine einseitig verzerrte Darstellung zu einer Überwältigung der Schüler:innen führt. Eine objektive Darstellung natur- oder auch psychologischer oder wirtschaftswssenschaftlicher Fakten ist davon jedoch nicht betroffen.
    [Wikipedia 2022 - Beutelsbacher Konsens]


    Sobald du in diese Richtung quasi etwas kommunizierst, dann wird dir vorgeworfen, dass du irgendwas für die Grünen machst. Das ist doch [...] komplettes [politisches] Versagen, wenn andere Parteien nicht damit in Zusammenhang gebracht werden. Es kann doch nicht sein, dass wir bei einem globalen Problem das Ganze einer Partei überlassen. Das müssen alle zusammen machen - Regierung wie Opposition müssen an einem Strang ziehen.
    Özden Terli
    Youtube: [Sci4F 2022-01]

    Auch im Hochschulbereich hat der Wertewandel im Neoliberalismus für eine Abkehr von der humanistischen, universitären Bildung gesorgt, hin zum Utilitarismus. Wenn Institute für biologische Taxonomie und Ökotoxikologie den Glauben an die Segnungen des Fortschritts untergraben, dann streicht man ihnen die Gelder - man lässt sie ausbluten und sterben.
    Staatliche Institute, die Innovationen, also wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse produzieren, dürfen stattdessen von privater Hand mit sogenannten "Drittmitteln" unterstützt werden - wofür die Sponsoren Patente bekommen, zwecks privater Wertschöpfung. Diese Variante der neoliberalen Idee von public private partnership steht im diametralen Gegensatz zur gemeinwohlorientierten Forschung eines entrepreneurial state.

    Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht, Direktor des Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg, zieht in seinem Standardwerk "Das Ende der Evolution" eine alarmierende Bilanz des Artensterbens. Im phoenix-Interview persönlich mit Michael Krons erklärt er die Krise aus einem grundfalschen Naturverständnis heraus, auf dessen Ursachen ich im nächsten Kapitel eingehe.


    Wenn ich jetzt in einer Sendung zugeben würde, dass ich noch nie in einer Kunsthalle war, wäre ich gesellschaftlich tot. Aber wenn ich etwas von Biologie nicht verstehe, dann ist das nicht so problematisch.
    Matthias Glaubrecht

    Glaubrecht weiter:

    "Das abendländische Denken ist [...] eigentlich davon dominiert, dass wir uns ja für Halbgötter wenigstens gehalten haben, und dass wir die Natur beherrschen können. [...] Wir sind [...] noch nicht da angekommen, wo wir sein sollten, uns wirklich als Teil der Natur zu verstehen, dass wir nur mit der Natur existieren können, und dass wir nicht gegen sie arbeiten können.
    Letztlich hat es etwas damit zu tun, dass wir diese Pandemie falsch eingeschätzt haben, dass wir lange gedacht haben, solche Krankheiten, solche Pandemien, „die gelten nicht für uns, das ist ein geschichtliches Kapitel, das mag in der Vergangenheit mal der Fall gewesen sein und heute haben wir Möglichkeiten, uns dagegen zu wehren.“ Und ich glaube wir erfahren jetzt, dass unsere Möglichkeiten da sehr beschränkt sind, bei allen Erfolgen. Und ich glaube, wir brauchen ein anderes, neues Verständnis des Miteinanders mit der Natur. Es wird aber sehr schwierig, weil es ist ein dicht besiedelter Planet inzwischen, den wir ja auch bis an die Grenzen ausbeuten, und deswegen bringen wir ihn in eine sehr schwierige Situation."
    Video: [Verknüpfung]

    Ähnliche kritische Gedanken wurden schon vor etwa einem halben Jahrhundert von prominenten Wissenschafts-Kommunikatoren formuliert, wie Hoimar von Ditfurth, Jacques-Yves Cousteau, Jane Goodall, David Attenborough, Bernhard Grzimek, Walter Sielmann, u.v.a..


    For most of history, man has had to fight nature to survive; in this century he is beginning to realize that, in order to survive, he must protect it.
    Jacques-Yves Cousteau
    [Verknüpfung]

    Als Evolutionsforscher greift Glaubrecht auch auf die vorgeschichtliche Menschheitsentwicklung zurück: Mit der Sesshaftwerdung musste der Mensch lernen, Besitz zu organisieren, und hat damit neue Probleme geschaffen. Hierin sieht Glaubrecht eine zukunftsentscheidende Entwicklungsfrage, ganz wie vor ihm z.B. der Philosoph Carl Amery.

    Nach den ersten öffentlichen Warnungen 1957 fanden die ersten klimapolitischen Diskussionen 1965 in den USA statt, und kein anderer als der Präsident selbst veröffentlichte die mahnenden Ergebnisse der Expertenkommission.
    Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, in denen die angekündigte Entwicklung ungebremst stattgefunden hat. Der Klimawandel hat sich langsam zu einer sichtbaren, massiven Krise ausgewachsen. Doch während selbst in der Finanzwelt die Alarmglocken schrillen, zeigt sich die Politik immer noch unwillig, die immer dringender nötigen Einschnitte in die Fossilwirtschaft vorzunehmen. Große Teile der Gesellschaft fürchten, abgehängt zu werden, und Profiteure des fossilen Systems schüren diese Angst. Dabei bedroht eine Klimakatastrophe die menschliche Zivilisation, was man von einer Wirtschaftskrise, die bei richtiger Weichenstellung schon mit einer Geldreform zu beheben ist, nicht behaupten kann.

    Wer zudem (wie ich selbst) erwartet hat, die Bestätigung der naturwissenschaftlichen Vorhersagen durch die Naturphänomene selbst würde die längst überfälligen politischen Folgen haben, sah sich bitter getäuscht. Man muss zwar kein Wissenschafts-Genie sein, um die Häufigkeit und Intensität von Unwetter-Katastrophen zu beobachten. Aber die professionellen Klimaschutz-Bremser schafften es bisher, die Eigenheiten der menschlichen Psyche für ihre Interessen erfolgreich zu missbrauchen.
    Der Klimaskepsis folgte nicht etwa das konstruktive Angebot zur gemeinsamen Bewältigung der Krise. Stattdessen kam der Klimarelativismus, und diesem folgte eine reflexhafte, völlig unreflektierte Pauschalkritik an allen Maßnahmen des Klimaschutzes, und diesem folgt bei vielen bereits absehbar die Kapitulation vor dem Problem. Nicht nur das: im Windschatten von Corona blüht bei den Anhängern der Verschwörungsmythen auch wieder die Klimaskepsis. Und nicht nur, dass wie beim mythologischen Drachen nach einer widerlegten These gefühlt sieben neue hervorgezaubert werden. Selbst Punkte, die man längst ausdiskutiert wähnte, werden wieder und wieder aus der Mottenkiste gezogen, z.B. die Hockey-Stick-Debatte. Denn die fossile Zivilgesellschaft ist extrem vergesslich, wenn es um Aufklärung ihrer eigenen Fehler geht. So fallen wir in der Aufarbeitung des Anthropozäns kurz nach der Erkenntnis deutlichster Anzeichen immer wieder zurück. Man kann geradezu von reaktantem Verhalten sprechen, das eigentlich typisch ist für Kinder in der Trotzphase oder pubertierende Jugendliche, und möchte seinen Zeitgenossen zurufen: "grow the fuck up!"
    Ein genialer Spruch auf Protestplakaten bringt die Misere auf den Punkt: "You know it's time for change when childen act like leaders and leaders act like children."

    Es ist deshalb höchste Zeit, sich mit den Hintergründen unseres multiplen gesellschaftlichen Versagens und den Argumenten der Kräfte auseinanderzusetzen, die die Politik des ungebremsten Weiter-So, in Richtung Klimakatastrophe und Massenaussterben, bestimmen und wirksamen Klimaschutz verhindern.


    Die Öffentlichkeit muss und kann dann hoffentlich auch akzeptieren, dass die Wissenschaft das beste Werkzeug ist, das die Menschheit überhaupt hat, um sich zukünftigen Gefahren zu stellen. Was wir brauchen, ist eine Diskussion darüber, welche Risiken wir wirklich eingehen wollen. Im besten Fall werden wir bemerken, dass es sich auch wunderbar leben lässt in einer Welt, die eben nicht den Pfad des größten Risikos geht und in der nicht das Prinzip Hoffnung herrscht, nach dem es schon nicht so schlimm kommen wird, weil die Wissenschaft es ja nicht so genau weiß.
    Jörg Phil Friedrich
    [Verknüpfung]

    Also mit einer Politik wie sie Hans Jonas forderte: nicht nach Ernst Blochs Ideologie vom Prinzip Hoffnung, sondern nach dem Prinzip Verantwortung.

    Leider drängt die Zeit extrem. Deshalb ist es mir lieber, dieses Manuskript als work in progress halbfertig zu veröffentlichen, als noch weiter damit zu warten. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass manche Sachverhalte noch in Stichworten formuliert sind, etliche Redundanzen, Überholtes und Rechtschreibfehler vorkommen, und längst nicht alle Internet-Ressourcen bibliographisch im Quellenverzeichnis aufgelistet sind, sondern viele nur im Seitentext mit dem einfachen Hinweis "Verknüpfung".





    Inhalt

    Seit über 150 Jahren ist wissenschaftlich belegt, dass CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe das Klima erwärmen können, seit 60 Jahren kennt man die voraussichtliche Entwicklung ungefähr und seit 40 Jahren ziemlich genau. Dennoch führten nahezu 100% aller politischen Entscheidungen im Bereich Wirtschafts- und Klimapolitik seitdem zu einem immer schneller steigenden Konsum fossiler Rohstoffe. Unübersehbar ist die Verseuchung der Welt mit Kunststoff-Produkten, die langsam in immer kleinere Partikel zerfallen, deren ökotoxische Wirkung noch nicht sehr weit erforscht ist. Doch selbst dieser sichtbare Missstand musste bis zur Krise heranwachsen, bis ein zaghaftes politisches Umdenken einsetzte.
    Umso schwerer tut sich die Menschheit mit dem farb- und geruchlosen Verbrennungsprodukt CO2.

    Die Nutzung der Fossilrohstoffe war von Anfang an so gut wie immer auf stetig wachsenden Konsum ohne grundlegende Vorsorge gegen Umweltschäden ausgelegt. Der erste Milliardär, John D. Rockefeller, strebte schon früh erfolgreich eine Monopolstellung an. seit Jahrzehnten gibt es immer wieder große Konflikte um Ölquellen und -Verbreitungswege, ganze Feldzüge des Zweiten Weltkriegs galten dem Öl, der ölreiche Nahe Osten ist ein Minen- und Trümmerfeld voller Hass und Gewalt.
    [Verknüpfung]
    Die konventionellen Quellen liefern seit ca. 2010 nicht mehr genug (peak conventional oil); immer schneller wird die Versorgungs-Lücke aus unkonventionellen Quellen gefüllt, deren Ausbeutung schon bei der Förderung immer größere Umweltschäden verursacht.

    All diese drängenden Probleme haben die Menschheit trotz enormer Fortschritte in Alternativtechniken nicht bewegen können, ihre technische Evolution entscheidend weiter im großen Maßstab voranzutreiben. Obwohl in den letzten Jahrhunderten viele gewaltige technische Revolutionen stattfanden, obwohl in den letzten Jahrzehnten unglaubliche, erfolgreiche Anstrengungen unternommen wurden, z.B. um zigfache Vernichtungs-Kapazitäten der Erde zu schaffen, gigantische Vernichtungskriege zu führen und die Infrastrukturen danach in kurzer Zeit und meist um Größenordnungen leistungsfähiger wiederaufzubauen, zum Mond zu fliegen, billionenschwere Verluste bei Finanzkrisen zu kompensieren oder eine irrsinnig verschwenderische Konsumindustrie, Massenmobilität und globale IT-Infrastruktur zu betreiben: ein entscheidender Großteil der Gesellschaft glaubt bislang trotzdem nicht an die Möglichkeit einer erfolgreichen Klimawende. Umweltschutz wurde und wird immer noch als Ideologie, Hysterie oder sogar Quasireligion abgetan.
    [Verknüpfung]

    Die Vorstellung von der Alternativlosigkeit der Fossilwirtschaft ist eine Grundprämisse der Politik, ich spreche von Fossilökonomismus. Jahrzehntelang war es für Klimaschützer nicht opportun, Ideologievorwürfe zu erheben. Wenn aber ein französischer Präsident, erst recht ein Liberaler, bei der Selbstreflektion in einer Rede an die Nation ein Verlassen "ideologischer Trampelpfade" fordert, dann stimme ich ihm gerne zu.
    [Verknüpfung]



    Wir brauchen eine langfristig angelegte Strategie, die uns ermöglicht, den CO2-Ausstoß geplant zu reduzieren und Vorsorge und Widerstandsfähigkeit zu stärken. Nur so sind wir für künftige Krisen gewappnet.
    Emmanuel Macron



    Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.
    Bertolt Brecht - Aus dem Leben des Galilei, Szene 4






    Inhalt

    Viele Motive des Fossilökonomismus lassen sich besser verstehen, wenn man sich mit der europäisch-christlichen Geistesgeschichte auseinandersetzt. Hier nur ein kleiner, bescheidener Crashkurs von einem geisteswissenschaftlichen Laien - der aber zumindest als Denkanstoß dienen soll.


    Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?
    Immanuel Kant






    Noch vor dem Beginn der Geschichtsschreibung zogen die Menschen als Jäger und Sammler in nomadischen Gruppen, in denen der Gemeinschaftsbesitz vorherrschte. Das Paarungsverhalten wurde wie im Tierreich durch die Weibchen bestimmt, indem sie der Brautwerbung nachgaben - d.h. das Weibchen erwies dem Erwählten die Gunst. Auch in einer umherziehenden Nomadengruppe gab es längerfristige Bindungen, wenn zwei entschieden, "miteinander" zu "gehen". So nennt man eine voreheliche Beziehung bis heute. Die Kinder einer Frau waren also nicht grundsätzlich die desselben Mannes. Das war auch kein Problem, denn man respektive frau ist prinzipiell trotz mancher Rivalitäten in der Gruppe untereinander freundlich, und so gilt auch heute noch "zur Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf."

    Selbst der zutiefst patriarchale Vordenker des Neoliberalismus Hayek dachte über das Leben vor dem Patriarchat nach und gestand diesen Menschen einen "Gemeinsinn" zu, ob angeboren oder durch Sozialisation erworben.

    Die erste Geschichtsschreibung ist eine Dokumentation von Besitz im alten Sumer. Die Besitzverhältnisse hatten sich von der Allmende der Nomaden hin zum Privateigentum der Siedler gewandelt. Das promiskuitive Paarungsverhalten unserer vor- und frühmenschlichen Vorfahren, der Nomaden, wandelte sich spätestens in diesem Zusammenhang zu patriarchalen Regeln, die Männer und Frauen einander mono- oder oder polygam zuordneten. Die archaischen Kultur-Gesellschaften waren in der Regel patriarchalisch aufgebaut. Ob das für alle zutrifft, und ob die ersten Kulturen noch matriarchalisch organisiert waren, darüber gibt es noch kontroverse Diskussionen. Leider gibt es über die ältesten Kulturen keine Schriftzeugnisse, sondern nur Reste von Bauten, Werkzeugen, Bestattungen, Wandmalereien und Plastiken.
    [Wikipedia 2022 - Muttergöttin]
    Audiobeitrag im BR: [Verknüpfung]
    Manuskript: [Verknüpfung]
    Eine feministische Archäologin zum Thema: [Verknüpfung]
    Und eine Gegenposition: [Verknüpfung]

    Dass dem Patriarchat auf keinen Fall der Status einer natürlichen Regel zukommen kann, zeigen die, teils archaischen, matrilinearen Gesellschaften.
    [Wikipedia 2021 - Matrilinearität - Verbreitung]
    Es gibt paläontologische Hinweise, dass diese Gesellschaftsform mit weiblicher Partnerwahl eher dem Verhalten von Urmenschen entspricht als die Dominanz aggressiver Alpha-Männchen, wie sie bei manchen Affenarten noch vorherrscht. Mitunter töten diese den Nachwuchs ihrer Konkurrenten. Doch so einfach lässt sich die "natürliche Partnerwahl" nicht darstellen - unter unseren nächsten rezenten Verwandten, den Menschenaffen sind alle Modelle vertreten:

  • von den aggressiv-dominierenden Alpha-Männchen der pflanzenfressenden Gorillas mit ausgeprägtem Geschlechtsdimorphismus inclusive Eckzähnen, die allein dem Konkurrenzkampf der Männchen dienen
  • über die patriarchal-polygam organisierten, aggressiven (Gemeinen) Schimpansen
  • und die solitär lebenden Orang-Utans
  • bis hin zu den friedlichen ausgeprägt promiskuitiv lebenden Bonobos (Zwergschimpansen) mit matriarchalen Gruppenstrukturen
  • [Wikipedia 2021 - Sexuelle Selektion - Paarungsstrategien und Paarungssysteme]
    [Wikipedia 2022 - Schimpansen]
    Die Eckzähne als Selektionsmerkmal von Alpha-Männchen bei Vormenschen wurden mit wachsendem Gehirn immer kleiner.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Charles Darwin interpretierte das Paarungsverhalten von Affen und Menschen und begründete damit eine Theorie der female choice, die das patriarchale Rollenverständnis wissenschaftlich zu begründen versuchte. Die Biologin Meike Stoverock kommt heute zu einer ganz neuen Interpretation, die freilich klar feministisch geprägt ist. In Anspielung auf das Narrativ vom "Ende des Abendlandes" spricht Christian Rabhansl in Deutschlandfunk Kultur vom "Ende der männlichen Zivilisation".
    [Verknüpfung]
    Das Problem der ungewollt zölibatären Männer (Incels) trete deshalb immer stärker hervor und müsse deshalb in zukunftigen Gesellschaften besondere Beachtung finden. Dass dieses Problem Sprengkraft für die liberale Gesellschaft besitzt, zeigt sich an den autoritären Tendenzen weltweit, vor allem bedeutsam in den schwindenden Öl-Imperien USA und Russland.
    [Verknüpfung]
    In der taz wird Stoverock so zitiert: "Zivilsation ist androzentrisch".
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    In Gesellschaften mit aufgeklärtem Selbstbild zeigt sich in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit, wie weit es mit der Aufgeklärtheit her ist.
    1997 stimmte Friedrich Merz zusammen mit etlichen Parteigenoss:innen wie Volker Kauder und Horst Seehofer gegen die Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe.
    [Verknüpfung]
    In den USA wird Gewalt gegen Frauen bis hin zum absoluten Abtreibungsverbot betrieben, das vom Obersten Gerichtshof in einem vielkritisierten Urteil 2022 bundesweit durchgesetzt wurde. Zur Rechtfertigung wird jede noch so absurde unwissenschaftliche Behauptung herangezogen. Was für Wähler:innen der Republikaner alles denkbar ist, zeigt die unglaubliche These des Senatskandidaten Todd Akin, die seit 2012 von Parteigenoss:innen immer weiter aufgegriffen, und immer noch heftig diskutiert wird (zu sehen an den Wikipedia-Artikeln): bei einer Vergewaltigung sei eine Schwangerschaft ausgeschlossen.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Pregnancy from rape]
    [Wikipedia 2022 - Rape and pregnancy statement controversies in the 2012 United States elections]

    Das problematische, patriarchale Rollenverständnis wird auch reproduziert über Mütter, die ihren wichtigsten Lebenssinn aus dem Bemuttern von Nachkommen, vorzüglich Jungen, ziehen. Väter, die sich emotional distanzieren oder ganz entziehen, machen die emotionale Ablösung junger Männer von der Mutter noch schwieriger, und lassen viele bei dem Versuch, in die Männerrolle zu wachsen, emotional verkümmern bis verrohen, erklärt die Psychologin Irmgard Hülsemann in die Zeit: "Dann merkt er, dass ihre Liebe zur Falle wird." Sie erklärt damit auch die Ausbildung von Schwulenhass, Misogynie und toxischer Männlichkeit.
    [Verknüpfung]

    In der patriarchalen Gesellschaft ist der Status stärker durch Eigentum definiert, als es noch in der Nomadengruppe der Fall war, wo soziale Kompetenz wichtiger war. Die Sesshaftwerdung, also Landbesitznahme, hat deshalb das Patriarchat etabliert - zumindest unter Konkurrenzbedingungen mit anderen Gruppen. Ein Gegenbeispiel ist allerdings die Indusgeselschaft, von der leider nur sehr eindrucksvolle Baudenkmäler geblieben sind, mit riesigen Ziegelbauten und einer höchst ausgeklügelten Kanalisation. Hinweise auf eine hierarchisch-patriarchale Kultur wie Paläste oder Tempel finden sich jedenfalls dort nicht.
    [Wikipedia 2022 - Indus-Kultur]
    Weitere Beispiele egalitärer Gesellschaften wie Çatalhöyük in Anatolien oder einer Regenwaldkultur, die vom Amazonas bis Peru reichte, bringen der Anthropologe David Graeber und der Prähistoriker David Wengrow in ihrem Buch 2021 "Anfänge".
    [Verknüpfung]
    "Macht Euch die Erde untertan", lautet das fatale Motto in der Bibel, dessen negative Nachwirkungen wir erst heute, nach 3000 Jahren, in der vollen Welt zu spüren bekommen, genau wie die der Unterordnung der Frauen. Die monotheistischen Gesellschaften sehen sich traditionell in der Rolle, im Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur bestehen zu müssen. Dieser Existenzkampf findet auch im Inneren dieser Gesellschaften statt. Agrarische Hochkulturen fördern in jeder Hinsicht hierarchische Gesellschaften, sei es zur Organisation der Vorratshaltung und gemeinsamen Verteidigung, sei es durch Arbeitsteilung und Geldsysteme. Viele prinzipielle Probleme unserer heutigen Kultur haben dort ihren Ursprung.
    Buchtip: Ian Morris. Beute, Ernte, Öl. DVA 2020

    Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht erklärt unser verhaltensbiologisches Erbe im phoenix-Interview, Zitat:

    "Tatsächlich haben wir eine Mentalität, die eher so aus dieser Nomadenzeit des Menschen stammt. Wir sind gewohnt, weiter zu ziehen. Unsere Intuition ist "wir nehmen uns, was da ist und wir plündern diese Resourcen so lange aus, wie es geht und dann ziehen wir weiter." Auch als Jäger sind wir den Wildtieren hinterher gezogen und damit sind wir groß geworden. Das hat einen Großteil [...] unserer Menschheitsgeschichte dominiert, und darum sind wir auch so stark darauf gepolt, auch auf Zucker und auf Fett und viele andere Dinge. Das ist unser biologisches Erbe.
    Und dann gibt es eben auch das, was wir anerzogen in der Familie, in der Schule lernen, was wir brauchen und was wir auch schon unter Beweis gestellt haben, dass die Menschen das haben: das nennen wir die Vernunft-Natur.
    Zum Beispiel wenn wir die Religion als solches verstehen. Die hat über viele hunderte, [...] tausende Jahre gelernt und auch einen Verhaltenscodex entwickelt im Alten Testament als Antwort auf die kolossalen Veränderungen nach der Sesshaftwerdung. Das war nämlich nicht so, dass das das Paradies plötzlich war. Es gab zwar mehr Nahrung, aber es gab plötzlich auch alle Krankheiten, die man sich denken kann. Denn das, was wir heute sehen, ist ja eine Zoonose, eine von Tieren auf den Menschen übergesprungene Krankheit. Und als wir diese Tiere domestiziert haben, vor allen Dingen die Rinder, denken Sie an Masern zum Beispiel. Masern ist ein [...] ursprünglich mit der Rinderpest verwandter Virus, der dann auf die Menschen übergesprungen ist, und der eine Pandemie ausgelöst, die dann teilweise ähnlich wie bei der Pest und bei den Pocken die Hälfte der damaligen Bevölkerung ausgelöscht hat. Also unmittelbar mit der Sesshaftwerdung und der Domestikation hat der Mensch eine ganz andere Umgebung plötzlich vorgefunden, plötzlich gab's Besitz. Wir haben uns deswegen die Frauen abspenstig gemacht, wir haben uns um den Besitz geprügelt, wir brauchten die Söhne, um unseren Besitz zu verteidigen. Der Mensch hat eine komplett andere Natur entwickelt. Und er hat mit Vorschriften darauf reagiert, die Zehn Gebote zum Beispiel. Und diese Vernunft-Natur, die das entwickelt hat, die hat der Mensch, und die brauchen wir jetzt. Wir haben nur nicht [Jahrhunderte] Zeit das zu entwickeln, sondern wir müssen uns auf der Erde über diese globale Verantwortung klar werden und diese nationalen Egoismen versuchen abzulegen."

    Die feministische Philosophin Eva von Redecker beschreibt die engen weltanschaulichen Verbindungen zwischen den heutigen autoritären Rechtskonservativen in den USA und Russland, die ja auch im Politischen bestehen. Deren Supermacht des 20. Jahrhunderts basierte v.a. auf der Verteilung von Öl.

    Redecker übernimmt vom Politologen der University of California Los Angeles UCLA Michael Ross den Begriff "Petro-Patriarchat". Ross hatte allerdings 2008 diesen Zusammenhang nur konservativ-illiberalen islamischen Staaten zugeschrieben; die Rückkehr des Patriarchats in den USA ist auch ein Warnzeichen für den Niedergang des Liberalismus.
    [Verknüpfung]

    Die Angst vor dem Verlust dieser Supermacht zeigt sich in Putins Ukraine-Krieg in Extremform als russischer Z-Faschismus, in den USA in der Tea-Party-Bewegung, die auch unter Biden über Trumps Besetzungspolitik des Supreme Court massive Restauration betreibt: Bundesstaaten können wieder Abtreibungsverbote beschließen, Waffenbesitzverbote werden außer Kraft gesetzt. Es steht zu befürchten, dass dort auch Rassismus wieder verstärkt höchstrichterlich legitimiert wird.
    Die Kultur der männlichen Aneignung definiert sich über die Aneignung von Frauen, was Redecker als "Phantombesitz" bezeichnet. Homophobie, zunehmende sexuelle Gewalt bis zum Femizid und die Incel-Bewegung sind besorgniserregende Anzeichen dieser Entwicklung.


    Die Grenze zum Faschismus ist in meinen Augen überschritten, wenn der Phantombesitz nicht nur verteidigt und hochgehalten wird, sondern liquidiert. Wenn also die, die sich wehren oder den männlichen Besitzanspruch stören, vernichtet werden sollen. So funktioniert der rechte Terror, der auch gerade Deutschland unsicher macht, so funktioniert der Diskurs des „Incel-Faschismus“, der angeblich von weiblicher Aufmerksamkeit unterversorgte Männer aktiv zu Vergewaltigungen ermutigt. Und das Z steht seinerseits dafür, dass die Ukrainer:innen nicht mehr nur unterworfen, sondern ausgelöscht werden sollten.
    Eva von Redecker
    [Verknüpfung]

    Sie erklärt in einem Aufwasch das Problem der (patriarchalen) Aneignung von Sachen, die auf externe Konsequenzen - also für Menschen an anderem Ort oder zu anderer Zeit - keine Rücksicht nimmt.


    Die Sachherrschaft, also das Recht auf Missbrauch und totale Verfügung im Kern des Eigentums, strukturiert die Art und Weise, wie wir uns im Kapitalismus – und auch im Staatskapitalismus des real existierenden Sozialismus – auf Kosten anderen Lebens versorgen. Es gab schon immer Gewaltexzesse im Zuge dieser Akkumulation. Neu ist, dass wir jetzt unweigerlich wissen, dass die Aufrechterhaltung unseres ganz normalen Alltags die Zerstörung der Lebensgrundlage in der Zukunft zum Preis hat. Angesichts dieses Wissens kommt Putins Petro-Patriarchat zumindest eine gewisse Stringenz zu. Es erklärt die Gewalt für alternativlos, und geht dann auch gleich von der extraktivistischen Ressourcennutzung zur faschistischen Bevölkerungspolitik über.
    Eva von Redecker
    [ebenda]

    Männliche Dominanz wird auch durch patriarchale Kultur reproduziert, wie z.B. bei traditionellen Initiationsriten an europäischen, amerikanischen und indischen Universitäten, wo die Eliten ausgebildet werden. Hier ein Beispiel aus Spanien, gegen das sich die Opfer, junge Frauen, endlich zur Wehr setzen. Sie sind ermutigt durch neue Gesetze der linken Sanchez-Regierung gegen Vergewaltigung - Konservative und Rechtspopulisten hatten dagegen gestimmt.
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    Toxische Geschlechts-Rollenbilder ziehen sich durch Männerseilschaften im Top-Management, bis in höchste elitäre Kreise.
    [Wikipedia 2022 - VW-Korruptionsaffäre]
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    Dass toxische Männlichkeit keine feministische Erfindung ist, zeigen die populären Extrembeispiele, z.B. Andrew Tate, der von Nigel Farage und Donald Trump unterstützt wird.
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    Der bayerische, links-intellektuelle Nachkriegs-Schriftsteller Carl Amery (alias Christian Anton Mayer) verstand sich selbst als katholischer Moralist und bezog sich dabei auf die französischen Philosophen der Aufklärung. Er verließ 1974 aus ökologischen Gründen die SPD und gehörte zu den Gründern der Grünen.
    [Wikipedia 2022 - Carl Amery]
    [Wikipedia 2022 - Französische Moralisten]
    In den 70er Jahren, nach den ersten Veröffentlichungen des Club of Rome, erklärt Amery die patriarchale, kirchliche Interpretation der Bibel zu einer bedeutenden Ursache der heutigen Umweltzerstörung.


    Jedem möglichen Zweifel über diese absolute und totale Überlegenheit steht Gottes Auftrag entgegen. Es ist der ausdrückliche Auftrag der totalen Herrschaft. Sonne und Mond sind Beleuchtungskörper, sonst nichts; Rohstoffe, Flora, Fauna sind ein Arsenal, über das er frei verfügt, sind Jagdterrain und Ernteacker.
    [...] Stellen wir uns vor, was Tieck, was Eichendorff, was Stifter vom Zustand unserer Wälder zu künden hätten. Was Jean Paul an und in unseren Wiesen vorfinden würde. Was Goethe, Platen, Heine über den Tod des Mittelmeers der Delfine und der Nereïden mitzuteilen hätten.
    Carl Amery
    [Ehrich 2022]

    Entsprechend kritisch stand er den restaurativen Kräften in der katholischen Kirche gegenüber, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil aktiv waren. Sie inspirierten ihn u.a. zu dem historischen Science-Fiction-Roman "Das Königsprojekt" über die Reformation und ihre Folgen.
    In der anstehenden ökologischen Transformation sieht er nicht weniger als eine "Reifeprüfung" der Menschheit, in deren Verlauf auch die Kirche eine entscheidende Rolle spielen könnte.


    Ja, ich seh‘ das Ganze als eine Art Reifeprüfung für die Spezies. Wenn er das schafft, sich selber nachhaltiger zu machen, als ihm eigentlich von seiner natürlichen Ausrüstung her gegeben ist, dann ist das eine Reifeprüfung von nicht geringen Graden, und das interessiert mich wirklich.
    Carl Amery
    [Ehrich 2022]

    Um noch ein Kant-Wort zu zitieren:


    Transformation ist der Aufbruch der Menschheit aus ihrer selbst verschuldeten Zukunftsunfähigkeit.

    Dass das Patriarchat nicht zukunftsfähig ist, zeigt sich erst jetzt, als nach den Voraussagen des Club of Rome die Grenzen des Wachstums erreicht sind, also in einem Zustand, den Ernst Ulrich von Weizsäcker als "volle Welt" bezeichnet.
    Dass die Transformation so schwer ist, liegt in den vermeintlichen Erfolgen begründet, den das Patriarchat in der "leeren Welt" verbuchen konnte, mit Wahlsprüchen und Redensarten wie "Bedenken second" oder "et hätt noch ëmmer joht jejange". Hinter diesen Sprüchen steckt das psychologische Phänomen, dass unser Risikoverhalten unterschiedlich ausfällt je nachdem, ob Gewinne oder Verluste zu erwarten sind.
    Nicht weniger problematisch ist die Art, wie Interessenkonflikte in einer patriarchalen Welt allzu oft gelöst werden: traditionell mit Konkurrenzkampf und Krieg. Denn in der "vollen Welt" sind die zerstörerischen Konsequenzen so weitreichend wie noch nie zuvor.

    Die aggressive Selbstabgrenzung von Gruppen anderer ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher Art bezeichnete der Sozialpsychologe und Religions-Philosoph Erich Fromm als Gruppennarzissmus, und nannte diesen eine wichtige Voraussetzung für Krieg. Narzisstische Gruppen erweckten nach innen den Anschein, realistische und vernünftige ethische Urteile, heute spricht man von Mindset, zu vermitteln. Als Beispiel hatte Fromm den nationalsozialistischen Faschismus vor Augen, heute kann man dies jedoch auch auf extrem-fundamentalistische religiöse und politische Gruppen - ob christlich, muslimisch, hindi oder jüdisch, ob links oder rechts - anwenden. Gerade religiöse und rassistische Fundamentalisten (Faschisten) leiden unter einer krankhaften Wahnvorstellung des Auserwählt-Seins, ob nun religiös oder durch vermeintlich evolutive Selektion.
    [Wikipedia 2021 - Gruppennarzissmus]
    Yuval Harari erklärt sehr anschaulich den Unterschied eines (gesunden) Nationalismus zum (toxischen) Faschismus. Der Historiker sieht die Idee einer Weltgemeinschaft ohne Nationen als Illusion - Staaten ohne Nationalbewusstsein würden von Stammeskriegen zerrissen. Von da her habe eine nationale Identität durchaus ihre Berechtigung, solange sie sich nicht als den anderen überlegen versteht. Als Metapher für die faschistische Verführung nimmt er ein geschöntes Spiegelbild - in der Psychopathologie würde man wie Fromm von Narzissmus sprechen.
    Es gibt Formen von Identitäten, die Vorstufen des Gruppennarzissmus darstellen, aber nicht offen aggressiv auffallen. Man spricht dabei heute von Clandenken, das man z.B. bei konservativen weißen, oft männlichen anti-feministischen Klimaskeptikern vorfindet, die oftmals auch mehr oder weniger homophob und rassistisch orientiert sind - eine Ansammlung von Stereotypen des modernen Patriarchats. Dass sie nicht auffallen, liegt an ihrer Verbreitung und Bedeutung in der Gesellschaft.
    Der haitianische Filmmacher Raoul Peck untersucht in einer Koproduktion von HBO und arte die Geschichte der verschiedenen Formen von europäischem Gruppennarzissmus. Am Ende beschreibt er den Nationalsozialismus als ein Verschmelzen der Ideologien von kolonialem Rassismus und Antisemitismus. Er zeigt, dass das Problem mitnichten verschwunden sein kann, wenn z.B. selbst amerikanische Präsidenten vor laufender Kamera über mexikanische Einwanderer oder japanische Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg von Tieren sprechen.
    Filmtip: Rottet die Bestien aus! Raoul Peck. arte 2022
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    Die abschreckende Erfahrung des Faschismus hat lange Zeit offenen deutschen Chauvinismus unterdrückt. Latent war er jedoch immer vorhanden, wird seit dem amerikanisch-israelischen Schulterschluss immer offener, und mit dem Wegsterben der letzten Zeitzeugen auch aggressiver ausgelebt, Motto: "man muss auch 'mal einen Schlussstrich ziehen". Mit dem Wiederaufleben rechtskonservativer Tendenzen werden auch immer öfter Rassismus und Sexismus offen demonstriert. Wer diese Tendenzen von Gruppennarzissmus aufdeckt, wird zunehmend mit dem Gegenvorwurf des Wokeismus, einer vermeintlich übertriebenen Sensibilität gegenüber Intoleranz, konfrontiert.
    Dieser Gegenvorwurf steht bei uns in der Tradition der Nachkriegszeit, wo nach oberflächlicher Entnazifizierung auch schon ein "Schlussstrich" gefordert wurde, oder mit dem Verabsolutieren des NS-Terrors, den man auf gar keinen Fall mit irgend einer anderen Erscheinungsform des Problems vergleichen dürfe. Mit diesem vermeintlich "absoluten Bösen" hat die faschistoide Nachwelt das Problem ganz praktisch in einem Giftmüll-Container entsorgt, hat es von sich weggeschoben.
    Dieses Containment treibt schillernde Blüten. Besonders perfide die Zurschausstellung der "Juden in der AfD". Als gäbe es keinen Faschismus ohne Antisemitismus, dient diese Gruppe als Deckmantel für faschistoiden Antiislamismus. Angesichts der Forderung des führenden AfD-Mitglieds und Geschichtslehrers Björn Höcke nach einer "180°-Wende in der deutschen Erinnerungskultur" ist diese jüdische Zusammenarbeit schwer nachzuvollziehen. Nicht weniger absurd Putins Darstellung der ukrainischen Führung als "Nazis" - Selensky ist Jude. Es ist allerdings nicht hilfreich für die Wahrnehmung der Ukraine als Demokratie, wenn Selensky sich zusammen mit Soldaten zeigt, die ihre Uniformen mit Abzeichen der SS versehen, wie der Wolfsangel und dem Totenkopf.
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    Jesus von Nazareth rief mit seiner Lehre jedoch gerade die Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede zwischen Schichten und Gechlechtern aus. Damit war er eine Bedrohung der Konservativen und wurde deshalb letztlich einer abschreckenden Hinrichtungsprozedur unterzogen. (Die Fragen ob er dabei starb, oder ob Maria von Magdala seine gleichberechtigte Partnerin war, sind wieder offen, seit in den letzten Jahren nach Jahrhunderten der Unterschlagung alternativer Schriften verschiedene Sichtweisen des Urchristentums wiederentdeckt werden.) Jedenfalls hat sein Einstehen für zukunftsweisende ethische Prinzipien seine Jünger und Jüngerinnen nachhaltig beeindruckt.

    Der römische Kaiser Konstantin der Große sah sich dreihundert Jahre nach Christus mit dem Zerfall seines patriarchalen Riesen-Reiches konfrontiert. Er entschied, den vielen regionalen Religionen das Christentum als Staatsreligion überzuordnen, weil es gleich mehrere Vorteile hatte:

    Im Konzil von Nicäa hat Konstantin den römischen Kanon gegen viele Widerstände als "katholisch", also allumfassend durchgesetzt. Die bis dato in vielen Gemeinden führenden Frauen wurden komplett aus dem Klerus ausgeschlossen, und ein geistiges Oberhaupt, der Papst, bestimmt seitdem mit den Kardinälen alle Richtlinien. Man kann das auch als religiöse Gleichschaltung bezeichnen. Seitdem wurden immer wieder Abweichler als Häretiker verfolgt, oftmals zur Abschreckung von der weltlichen Komplizenschaft brutal ermordet.
    Gleichzeitig sorgte Konstantin dafür, dass die regionalen Bräuche in die Riten der lokalen Kirchen integriert wurden, um eine weitestgehende Integration zu ermöglichen.
    Eine zentrale Doktrin ist seitdem ein Gebot, das die kanonische Überlieferung (die vier Evangelien) dem Religionsgründer Jesus nachsagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Will z.B. sagen, die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen.

    Erich Fromm erklärt in seinem epochalen Werk "Haben oder Sein" 1976 u.a. die Vision Jesu aus der Tradition der jüdischen Propheten. Danach sei - im Gegensatz zum Bibelwort - im Messianischen das Religiöse und Politische nicht zu trennen.
    Buchtip: Erich Fromm. Haben oder Sein. dtv. München 1976
    Filmtip: Gespräche über "Haben oder Sein". Südwestfunk. Mainz 1977

    Das Prinzip der Nichteinmischung wurde von der katholischen Kirche sehr einseitig interpretiert. Die Unterdrückten wurden jahrhundertelang mit der Aussicht auf Erlösung durch den Tod abgespeist: "euer Lohn im Himmel wird groß sein".
    Das Ideal des demütigen Untertanen kommt in einem alten Kirchenlied zum Ausdruck, das in der katholischen Kirche immer noch gesungen wird:
    "Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten."
    Das Prinzip politischer Zurückhaltung der Kirche galt jedoch nicht gegenüber den Machthabern. Die geistliche Autorität der Kirche mischte sich hier sehr wohl ein.
    Nämlich zuerst bei der Feststellung der Gottgefälligkeit, der Legitimation der Mächtigen: sie begründete das Gottesgnadentum.
    Und noch eine weitere Überlieferung der Worte Jesu ist für die Macht der katholischen Kirche bedeutsam: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben." Weil den Gläubigen die Vergebung der Sünden zur unbedingten Voraussetzung für das versprochene jenseitige Paradies erklärt wurde, war die Lossprechung (Absolution) durch einen Priester das wichtigste Mittel der politischen Einmischung. Das Schweigegelübde schützte die klerikalen Mitwisser vor dem Zwang zur juristischen Aufklärung. Wer sich uneinsichtig zeigte, dem drohte die ultimative Waffe der Kirche, der Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft (Exkommunikation).

    Vom Urchristentum blieb nur eine fragmentarische Überlieferung zurück, die stark für politische Zwecke zugeschnitten war. Gott sei Dank konnte dieses Bild durch Funde weiterer Quellen in jüngster Zeit ergänzt und korrigiert werden. Ob und wann eine durchgreifende Rückbesinnung auf urchristliche Werte noch einmal in der Kirche einsetzen wird, kann niemand sagen.
    Filmtip: BBC. Die Welt der Antike 6 - Der Aufstieg des Christentums
    Buchtip: Franz Alt. Die ungewöhnlichste Liebe aller Zeiten. Herder Verlag. Freiburg 2021

    Alle Mächtigen mussten sich also von der katholischen Kirche (a priori) legitimieren lassen, und ihre aus religiöser Sicht oft verbotenen Taten, die "Sünden", auch (a posteriori). Mit dieser Auslegung von Christentum konservierte der Katholizismus das heidnische Narrativ vom Herrscher als überlegenem, dominantem, und natürlich männlichen Helden. Hauptsache, man hielt sich an die heiligen Riten - und an die geschriebenen und ungeschriebenen Spielregeln des Klerus. Hauptsache devoter Respekt vor der Heiligkeit, alles andere war sekundär: Hauptsache heilig. Dass die Maßstäbe dieser Heiligkeit immer von einem Menschen (dem Papst) definiert wurden, diese Frage war im Katholizismus - besonders nach der Reformation - sakrosankt. Die dramatische Erosion der Macht in Folge der Aufklärung gipfelte letztlich im fragwürdigen Versuch von Papst Giovanni Mastai Ferretti (Pius IX), im Kulturkampf seine absolute Deutungshoheit zu konservieren - mit der dogmatischen Behauptung aus dem Ersten Vatikanischen Konzil, dass der Papst immer dann recht hat, wenn er "ex cathedra", von seinem Thron herab, spricht. Mastai Ferretti hat die Glaubwürdigkeit seines Amts damit in den Augen der Weltöffentlichkeit nachhaltig beschädigt.
    [Wikipedia 2021 - Kulturkampf]
    Konstantin der Große hatte im Christentum das antike Patriarchat konserviert, und 1700 Jahre theologischer Wissenschaft, Reformation und auch der Aufklärung konnten daran nicht rütteln. Nicht umsonst heißen die hohen Kleriker in der orthodoxen Kirche, die im oströmischen Reich entstand, Patriarchen. Man muss sich auch über Kirchenlieder nicht wundern, wo Jesus von Nazareth als "Herr der himmlischen Heerscharen", "mächtig im Kampf" etc. glorifiziert wird. Das ist das Gegenteil des historischen Jesus.







    Die staatsreligiösen Oberhäupter im christlichen Rom fanden schnell Interesse daran, ihren Einfluss auf die Gläubigen für politische Zwecke auszunutzen, angefangen beim antiken Mailänder Bischof Ambrosius, über den Investiturstreit und die Nahost-Politik im Mittelalter, oder die berüchtigten Intrigen der Renaissance-Päpste, bis hin zu Karol Woitylas Einfluss auf das kommunistische Polen.
    [Wikipedia 2021 - Ambrosius von Mailand]

    Jede Macht wird früher oder später in Frage gestellt. Wo immer sich der Protestantismus etabliert hatte, verlor Rom seinen Einfluss. Den vollständigen Machtverlust konnte Rom bis heute abwenden, um den Preis etlicher schrecklicher Konfessionskriege in Europa, u.a. des Dreißigjährigen. Die jahrhundertelangen Rivalitäten zwischen den Kolonialmächten Spanien und Frankreich mit England wurden vom Papst befeuert. (Das erzkatholische Bayern beansprucht heute noch Privilegien gegenüber dem überwiegend preußisch-protestantischen Rest Deutschlands: ungeklärte Fragen des Wahlmodus spalteten jüngst die konservativen "Schwesterparteien" CDU und CSU in der Kanzlerkandidaten-Frage 2021).
    Auch dem englischen König Henry VIII wurde die römische Einmischung in seine kriminellen Familienangelegenheiten zuviel, und er gründete eine eigene protestantische, die anglikanische Kirche.
    In Frankreich war man sich bei der gewaltsamen Abschaffung des Feudalismus der unheiligen Allianz von Kirche und Staat bewusst. Die Revolution schaffte konsequenterweise jegliche staatliche Unterstützung von Kirche ab, auch der protestantischen (die ohnehin hier kein Treiber war). Kemal Atatürk machte es mit dem Islam in der Türkei genauso. Eine Ursache der problematischen Entwicklung in der Türkei ist in der Restauration des Islamismus durch Recep Tayyip Erdoğan zu sehen, die vom Ölstaat Saudi-Arabien aus unterstützt wurde.

    Den Schritt zur Säkularisierung hat Deutschland jedoch bis heute nicht geschafft.

    Zum nationalen Einigungswerk des deutschen Kaisertums gehörte die Aussöhnung des protestantischen Herrscherhauses Hohenzollern mit den katholischen Bundesländern. Dessen Engagement bei der Vollendung des größten deutschen Gotteshauses ist dafür symbolisch. Der mächtige Kölner Dom war seit dem Mittelalter eine Bauruine. Wilhelm II erklärte seine Fertigstellung zum nationalen Großprojekt. Seitdem thront er förmlich auf der Domplatte über dem neuen prachtvollen Bahnhof. Alle Züge über die Hohenzollern-Rheinbrücke rollen heute noch an der Statue Wilhelms II vorbei. Die Treue zu Kaiser, Gott und Vaterland war keine Frage der Konfession mehr.

    Zwar hatten die Nazis sich säkular präsentiert, ja sogar scheinbar unchristliche, germanisch-heidnische Helden-Kulte hochstilisiert, und eine "neue politische Religion des Blutes" vertreten. Das täuscht jedoch darüber hinweg, dass sich auch religiös-konservative Gruppen im deutschen Reich mit der Zustimmung von Papst Pius XII (Reichskonkordat mit Hitler am 20. Juli 1933) bzw. der Fürsprache "Deutscher Christen" aus der Evangelischen Kirche von der vermeintlichen Gottgefälligkeit der nationalsozialistischen Staatsdoktrin überzeugen ließen.
    Die Tradition der vorchristlichen Kulte zeigt zunächst, dass der Katholizismus sie seit Konstantin als Zugeständnis für die von oben verordnete Christianisierung nicht nur geduldet, sondern sogar kultiviert hatte.
    Der heidnische, patriarchale Heldenmythos durfte im Faschismus auch in manchen Pfarreien wieder aufleben. Als "katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus" nennt der kirchenkritische Philosoph Flasch die Theologen Schmaus, Lortz und Piper. Der Antisemitismus hatte in der katholischen Kirche zwar große Tradition, und zumindest von Martin Luther ist Antisemitismus sicher überliefert.
    DLF: [Verknüpfung]

    Ein begeistertes Bekenntnis des katholischen Klerus zum Nationalsozialismus war jedoch nicht die Regel. Zuerst hatte die deutsche katholische Kirche ihren Mitgliedern die NSDAP-Mitgliedschaft verboten. Am 23.03.1933 stimmte die katholische Zentrumspartei Hitlers Ermächtigungsgesetz zu. Fünf Tage später nahm die katholische Kirche ihr Verbot zurück.


    Es ist leider nicht zu verneinen, dass das katholische Volk sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, dem neuen Regime mit Enthusiasmus zugewandt hat.
    Cesare Orsenigo, Apostolischer Nuntius in Berlin, am 22. März in einer Botschaft zum Papst nach Rom
    [Verknüpfung]

    Die Kirche versuchte von da an weitgehend, neutral zu bleiben, und hielt sich mit offener Agitation gegen die Nazi-Verbrechen weitgehend zurück. Um den deutschen Klerus zu schützen, vereinbarte Papst Achille Ambrogio Damiano Ratti (Pius XI.) mit Hitler 1933 eine Kooperationsvereinbarung, das sogenannte Reichskonkordat. Er und sein Nachfolger Eugenio Pacelli (Pius XII) wurden später vielfach wegen mangelnden Einsatzes gegen die Nazi-Verbrechen kritisiert. Pacellis Zurückhaltung ging wohl auch auf seine Erwägung zurück, dass die Nazis die Ausbreitung des Bolschewismus verhindern könnten. Die heftigen Vorwürfe der 60er Jahre wurden von Historikern teilweise relativiert, vor allem nach der Öffnung der Vatikanischen Archive 2020.
    [Wikipeia 202 - Pius XII. - Historische Debatte]
    Wie auch immer man es bewerten mag: die Kirche hatte ihre Not damit, in Nazi-Deutschland ihre Rolle als staatstragende Institution zu spielen, die sie seit Konstantin spielte, und in der sie auch Hitler gern vereinnahmen wollte. Zitat aus seiner Regierungserklärung vom 23.03.1933:


    Ebenso legt die Reichsregierung, die im Christentum die unerschütterlichen Fundamente der Moral und Sittlichkeit des Volkes sieht, größten Wert auf freundschaftliche Beziehungen zum Heiligen Stuhl und sucht sie auszugestalten.
    Adolf Hitler
    [Verknüpfung]

    Öffentliche Bekenntnisse von Pfarrern gegen den Nationalsozialismus waren nicht so selten und führten 2579 Vertreter des niederen Klerus in den Tod im Konzentrationslager Dachau, wo es einen eigenen Pfarrerblock gab. An den prominenten Münsteraner Bischof von Galen, der offen die Eutanasie kritisierte, trauten sich die Nazis nicht heran.
    [Wikipedia 2022 - Clemens August Graf von Galen - Reaktion des Regimes]
    katholisch.de: [Verknüpfung]
    katholisch.de: [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Pfarrerblock (KZ Dachau - Katholische Geistliche)]
    Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es in der Bischofskonferenz intern regimekritische Vertreter gab, z.B. Bischof Preysing von Berlin, die sich jedoch mangels Rückendeckung aus Rom nicht durchsetzen konnten. Vorsitzender der Bischofskonferenz war Fürstbischof Bertram von Breslau. Er wählte als Form des Protests nichtöffentliche und deshalb folgenlose Eingaben bei der Regierung, und beließ es dabei. Damit setzte er sich im Sinne des Reichskonkordats durch. Zitat aus einem Aufsatz des Rheinischen Landesverbandes: "Bertram blieb zu sehr seiner traditionellen Vorstellung von rechtmäßigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat verhaftet, um zu erkennen, dass gegenüber der NS-Regierung eine andere Vorgehensweise nötig gewesen wäre. [...] An den Meinungsverschiedenheiten zwischen Preysing und Bertram wäre die Konferenz 1940 beinahe auseinander gebrochen."
    [Verknüpfung]

    Für ihren Widerstand gegen die Nazi-Ideologie ist die evangelische "Bekennende Kirche" wesentlich bekannter, v.a. wegen des hingerichteten Widerständlers Dietrich Bonhoeffer. Sie richtete sich im sogenannten "Kirchenkampf" gegen den Großteil der evangelischen Kirche, die sich als "Deutsche Christen" der Gleichschaltung unterworfen hatten.

    Bonhoeffers Briefe aus dem Gefängnis wurden zu wichtigen Zeitzeugnissen und inspirieren seitdem viele Menschen, ob gläubig oder agnostisch, ob religiös oder areligiös.
    Er beschäftigte sich mit der problematischen Vorstellung vieler Menschen von der direkten Wirksamkeit Gottes in der Welt, die nach seiner Auffassung von der Aufklärung unberührt geblieben ist.

    In den Unterrichtsmaterialien der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft IBG werden wichtige Gedanken Bonhoeffers einsortiert und zusammengefasst.
    Der Ausschluss von Religion als Kriegsrechtfertigung ist einer der Ausgangspunkte des Völkerrechts, das zuerst während des 30-jährigen europäischen Religionskrieges formuliert wurde von Hugo Grotius. Er schrieb in "De Iure Bello Ac Pacis" 1625 in §11:
    "Et haec quidem quae iam diximus, locum aliquem haberent etiamsi daremus, quod sine summo scelere dari nequit, non esse Deum, aut non curari ab eo negotia humana."
    [Wikipedia 2022 - De Jure Belli Ac Pacis]
    Übersetzung mit translate.google.com: "Und tatsächlich hätten diese Dinge, die wir bereits gesagt haben, einen Platz, selbst wenn wir ihnen das geben würden, was nicht ohne das größte Verbrechen gegeben werden kann, dass es keinen Gott gibt oder dass die menschlichen Angelegenheiten nicht von ihm erledigt werden."
    Übersetzung der IBG: "Diese Zeilen würden auch dann ihre Gültigkeit behalten, wenn wir die große Sünde begehen würden, die Existenz Gottes oder seine Fürsorge für uns zu leugnen."

    Bonhoeffer greift diesen Gedanken 1944 auf, bereits inhaftiert. Wir müssten in der Welt leben "etsi Deus non daretur", als ob es Gott nicht gäbe, und untermauert damit Forderungen nach einem säkularen Staat. Als Theologe verwahrt er sich natürlich vor dem Vorwurf der Gottesferne oder gar der Gottesleugnung. Er tut das aber nicht aus politischen Gründen, so wie es der Staatsphilosoph Grotius es noch musste. Bonhoeffer begründet theologisch, dass erst mit einer aufgeklärten Gottesvorstellung eine größere Nähe zu Jesus möglich wird.

    Bonhoeffer zeichnet das Gottesbild seiner Zeit als eine mittelalterliche Heteronomie (Fremdbestimmtheit) des Individuums durch Klerikalismus, an dem die Aufklärung nicht viel geändert habe.
    Zitat aus den Materialien der IBG:

    "Wer sich also von einem Bild des allein auf die Rolle des Nothelfers beschränkten Gottes leiten lässt, der missachtet in Bonhoeffers Augen Gott, weil dieser zu einem Objekt der menschlichen Bedürfnisse abqualifiziert werde. Gott übernimmt in einem solchen Bild die Aufgabe des letzten Retters, der mit all seiner Macht in die Geschicke des Menschen und der Welt eingreifen kann und dies vor allem in Notsituationen auch tut. Ein solches Gottesbild steht fraglos auch hinter der Prägung „Gott mit uns“, die auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu finden ist. [...]
    Die Säkularisierung befreit den christlichen Glauben von der Wirkung religiöser Bedürfnisse des Menschen. Die Menschen bilden eine „mündig gewordene Welt“, die zwar „Gott-loser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt“ ist. [...]
    Säkularisierung bewirkt dann nicht per se den Glaubensverlust und die Entkirchlichung/ Entchristlichung, sondern vielmehr für ein um die Religion geläutertes Christentum, in dem nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, sondern Gott im Mittelpunkt steht. „Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.“ [...]
    Gott sei verdrängt worden aus der menschlichen Existenz, der Öffentlichkeit. Ihm sei der Platz im Privaten („Kammerdienergeheimnisse“) zugewiesen worden, dem „Jagdgebiet der modernen Seelsorger“. Damit werde der Blick auf die „Sünden der Schwäche“ gelenkt (Bonhoeffer nennt als Beispiele die Ehebrüche bei Napoleon und Goethe), anstatt die „starken Sünden“ beim Namen zu nennen: die Hybris, das Durchbrechen der Ordnung oder die Scheu vor der freien Verantwortung."

    Er bezieht sich damit auf Luther, der dazu aufrief, die "Freiheit eines Christenmenschen" anzuerkennen, und die Verantwortung, die damit verbunden ist.
    Dazu im Gegensatz steht die Beschäftigung der katholischen Kirche mit den Tätern unter Vernachlässigung der Opfer, die zu Luthers Zeiten für den Ablasshandel missbraucht wurde, anstatt für Gerechtigkeit zu sorgen. Dem zugrunde liegt das katholische Verständnis von Vergebung als göttlichem Gnadenakt, der durch den Klerus vermittelt wird. Diese Hinwendung zu den Tätern unter Vernachlässigung der Opfer wird ihr selbst heute noch im Missbrauchsskandal vorgeworfen.

    [Verknüpfung]

    Die IBG führt die Gedanken Bonhoeffers weiter aus:

    "Deshalb: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben. [...] Wenn man von Gott nicht-religiös sprechen will, dann muss man so von ihm sprechen, dass die Gottlosigkeit der Welt dadurch nicht irgendwie verdeckt, sondern vielmehr gerade aufgedeckt wird und gerade so ein überraschendes Licht auf die Welt fällt.“ [Das Für-andere-dasein Jesu ist die Transzendenzerfahrung! Aus der Freiheit von sich selbst, aus dem Für-andere-dasein bis zum Tod entspringt erst die Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart. [Diese Attribute Gottes werden traditionell jeglicher Gotteslehre vorangestellt.] Gott ist das Teilnehmen an diesem Sein Jesu. (Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung.) Unser Verhältnis zu Gott ist kein religiöses zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im Dasein-für-andere, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente.]"

    Das ist eine Interpretation des Jesus-Worts "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". Nach diesem Verständnis kann Kirche niemals irgendwelche weltliche Macht legitimieren.


    Imagine there's no heaven, it's easy if you try. No hell below us, above us only sky.
    Imagine all the people living for today.
    Imagine there's no countries, it isn't hard to do. Nothing to kill or die for, and no religion too.
    Imagine all the people living life in peace.
    You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one. I hope someday you'll join us, and the world will be as one.
    Imagine no possessions - I wonder if you can. No need for greed or hunger, a brotherhood of man.
    Imagine all the people sharing all the world.
    You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one. I hope someday you'll join us and the world will live as one
    John Lennon

    Ein Adressat von Bonhoeffers Briefen war sein Freund Eberhard Bethge, der sie 1951 unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" zu einem der wichtigsten Bücher der Aufarbeitung des Nazi-Terrors machte, und viele inspiriert hat.
    [Verknüpfung]
    Arbeitsblatt mit dem Brief vom 16.07.1944 als Ablichtung: [Verknüpfung]
    Der Brief als Textdatei: [Verknüpfung]
    Bonhoeffer-Gesellschaft: [Verknüpfung]
    In seinem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer zum Jahreswechsel 1944/45, kurz vor seiner Hinrichtung, bringt Bonhoeffer im Gedicht "Weihnachtsgruß" sein unerschütterliches Gottvertrauen und seine Liebe zur Menschheit zum Ausdruck. Es wurde in beiden Konfessionen zu einem der beliebtesten Kirchenlieder.


    Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
    Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
    Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.
    Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, Dann wolln wir des Vergangenen gedenken und dann gehört dir unser Leben ganz.
    Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht. Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
    Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
    Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
    Dietrich Bonhoeffer
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    [Wikipedia 2022 - Von guten Mächten]

    So sehr Bonhoeffer im Nachkriegs-Deutschland postum geehrt wurde - man zog aus seinen Ideen nicht die Konsequenz, Kirche und Staat endlich zu trennen. Dass diese Forderung aktuell blieb und immer noch global aktuell ist, zeigen nicht nur die vatikanische Unterstützung faschistischer Regimes in Spanien, Peru und Chile, sondern auch islamistische Staaten und Terroristen, sondern auch die Kreuzzugs-Rhetorik des US-Präsidenten George W. Bush jr vor dem zweiten Irak-Krieg und die enge Beziehung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill zum faschistischen Diktator Putin. Die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche war bis zum Ende des Zarenreichs so staatstragend wie nirgends sonst. Auch Putins Vernetzung mit rechtsnationalen europäischen Parteien erfolgte über fundamentalchristliche, katholische Kreise. Die ultrakonservativen Seilschaften zwischen Kirchenkreisen und Politikern sorgen in Deutschland bis heute für Irritationen, Konflikte und gesellschaftliche Spaltung.

    Nachkriegs-Deutschland berief sich nach dem moralischen Volks-Bankrott auf christliche Werte. Bei den Gründungsmitgliedern der CDU waren keine Nazis, einige waren als Gegner der NSDAP sogar zeitweise inhaftiert gewesen, auch ihr erster Bundeskanzler Konrad Adenauer. Doch nach wie vor blieb man dem konstantinischen Verständnis vom Christentum als Staatsreligion treu. Bis heute werden die großen Kirchen in Deutschland durch Steuern finanziert.

    Adenauer setzte sich gegen die frühe Strömung eines christlichen Sozialismus durch, aber vor allem um den Namen zu verhindern. "Mit dem Wort Sozialismus gewinnen wir fünf Menschen und zwanzig laufen weg."
    [Kleßmann 1992 S. 145]
    Im Neheim-Hüstener Programm, das von Adenauer mitbestimmt wurde, werden Gedanken formuliert, die sich deutlich vom rechten Materialismus distanzieren: "Die CDU will ein neues, ein anderes Deutschland aufbauen. Die Epoche in der die materialistische Weltanschauung in Deutschland die geistige Grundlage wurde, Staat, Wirtschaft und Kultur beherrschte, soll zu Ende sein. Auch der Nationalsozialismus wurzelte in dieser Weltanschauung, er führte die ihr entstammenden Grundsätze bis zur äußersten Konsequenz durch. [...] An die Stelle der materialistischen muss wieder die christliche Weltanschauung treten. [...]"
    [Kleßmann 1992 S. 426]
    [Wikipedia 2021 - Neheim-Hüstener Programm]
    Die FDP betonte bei ihrem Zusammenschluss aus verschieden orientierten liberalen Landesparteien auch ihre national orientierten Grundwerte und hatte demgemäß im Bundestag ihre Sitze rechts von der CDU.
    [Wikipedia 2021 - Freie Demokratische Partei - Liberale Parteien nach 1945]
    Politisch aktive Ex-Nazis sammelten sich zunächst auch in anderen kleinen Parteien wie DP und SRP. Als mit der Zeit Gras über die NS-Zeit wuchs, wechselten sie zu CDU/ CSU oder zur FDP.
    [Wikipedia 2021 - Christlich Demokratische Union Deutschlands - Geschichte]

    Ohne Kirche ist immer noch kein deutscher Staat zu machen. Bis heute wird die Kirchensteuer nicht angetastet, und bis heute wird damit die beredte Tatenlosigkeit der Kirche gegenüber strukturellen Ungerechtigkeiten erkauft, wie der grassierenden Reichtumsakkumulation oder der existentiell gefährlichen Externalisierung von Kosten in die Zukunft.






    Seit Konstantin hatte im Katholizismus das Gottesgnadentum den Adel legitimiert. Doch dieser Machtanspruch der Kirche wurde angesichts ungerechter Zustände immer wieder in Frage gestellt, bis es durch den Aufstieg des Bürgertums zum Bruch der mittelalterlichen Ordnung kam.

    Die ersten Widerstände reformatorischer Kleriker sind seit dem Mittelalter bekannt. Meister Eckharts Vorstellung von einem "Seelengrund", der eine innere Verbundenheit des Menschen zu Gott darstellt, war der katholischen Kirchenmacht ein Dorn im Auge. Denn sie beanspruchte den exklusiven Zugang des Menschen zu Gott, für sich. Eckhart wurde am Hof des Papstes in Avignon der Prozess gemacht, dessen Ende er nicht mehr erlebt hat. Girolamo Savonarola richtete sich direkt politisch gegen die katholisch legitimierten Oligarchen in Florenz und begründete seinen Widerstand mit der Ferne des Klerus zu den Ursprüngen des Christentums - und wurde dafür verbrannt. Jan Hus kritisierte nach dem englischen Vorbild John Wyclif die Macht des Klerus, und wurde dafür ebenfalls verbrannt - im Gegensatz zu Wyclif, der im seinerzeitigen England verschont wurde, was für seine Nachfolger aber schon nicht mehr galt.
    [Wikipedia 2022 - Seelengrund - Meister Eckhart]
    [Wikipedia 2022 - Girolamo Savonarola]
    [Wikipedia 2022 - John Wyclif]
    [Wikipedia 2022 - Jan Hus]

    In der Renaissance hatten sich viele Adelshäuser zur Finanzierung von Kriegen und Luxus in die Abhängigkeit bürgerlicher Geldgeber begeben. Deren Geldmacht brachte die Macht des Adels ins Wanken. Mit der Macht des Adels schwand auch die der Kleriker, die die Adelsmacht mittels Religion legitimierten.

    Unter dem berüchtigten Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI) kam es im Machtgefüge zum ersten Bruch: das Geburtsrecht des Adels wurde in Frage gestellt, und dieser zuerst schleichende Prozess wurde zu einer akzeptierten Norm, als er in einer epochalen Beschreibung Niccolò Machiavellis offen idealisiert wurde.
    Borgias offiziell bestätigter Sohn Cesare hatte sich über das Geburtsrecht des Adels hinweggesetzt, als er sich zum Fürsten ernannte. Vom damals normalen Nepotismus der Päpste ("Begünstigung von Neffen") konnte nicht mehr die Rede sein. Ein nach damaliger Norm "illegitimer" Sohn des Papstes erhob sich zum Adeligen - das war ein Vorgang, der in vielen Adelshäusern für Aufregung gesorgt haben dürfte. Der Staatsphilosoph Niccolo Machiavelli beschrieb in seinem Buch "Il Principe" ("der Fürst") diesen und weitere Fälle, in denen nichtadlige Männer zur Macht kamen, entgegen der "abendländischen" Tradition, bis hin zu Bürgern. Machiavelli löste sich von religiösen und moralischen Denkmustern seiner Zeit und idealisierte das reine Machtkalkül. Wichtigste Legitimation eines machiavellistischen Herrschers: Tüchtigkeit, Entscheidungsfreudigkeit, wenn nötig auch Grausamkeit. Alles gerechtfertigt im Sinne des Machterhalts: der Zweck heiligt die Mittel.
    Seine Schrift hätte Machiavelli wohl den Kopf gekostet, hätte sie nicht den Sohn des Papstes verherrlicht, denn sie brach mit der sakrosankten mittelalterlichen Ordnung. So ist es vielleicht der Anmaßung der Familie Borgia zu verdanken, dass es zu diesem Bruch gekommen ist.
    Doch Machiavelli war kein freier Mann. Er schrieb das Buch 1513, als er sich in Haft befand - möglicherweise auch, um die Machthaber, die papsttreue Familie Medici, zu besänftigen, gegen die er sich vorher aufgelehnt hatte. Deren Patriarchen "Magnifico Lorenzo di Piero di Medici" ist das Werk im Titel gewidmet. Die Medici waren die bedeutendsten Bankiers ihrer Zeit. Gleichzeitig mit "Il Principe" hat Machiavelli mit "Discorsi" ein Buch über die bürgerliche Freiheit in der Republik veröffentlicht. Ob sein Werk also später von skrupellosen Machtpolitikern und Ökonomen einseitig missdeutet wurde, ist deshalb bis heute umstritten.
    [Wikipedia 2021 - Der Fürst - Rezeption]
    Wie jedes zweideutige Werk gibt es bis heute Menschen, die es in ihrem Sinne einseitig interpretieren. Machiavelli machte das, war wir heute "Realpolitik" nennen, moralisch kompatibel. Ein Herrscher - egal ob per Geburt von Gottes Gnaden oder nicht - war demnach nicht mehr einer Kirche gegenüber rechenschaftspflichtig, die nach außen hin strenge moralische Maßstäbe predigte, z.B. mit dem Katechismus. Demütige Gottesfurcht und Respekt vor den Geboten der Kirche mochten Instrumente zur Unterdrückung des Volkes sein - aber nicht für die Machthaber. Stattdessen grassierten Machtgehabe und Prunksucht, ganz so wie es die obersten Vertreter der Kirche selbst vorlebten, die berühmt-berüchtigten Renaissance-Päpste. Ein wichtiger Mosaikstein der Geistesgeschichte, der die Aufklärung mit provozierte.

    Eine Revolte gegen Rom brauchte einen noch stärkeren Auslöser, und das war wieder ein Papst, der die Grenzen seiner Macht überschritt - dieses Mal bezeichnenderweise in Geldfragen. Der italienische Geldadel hatte das moderne Bankwesen in Europa eingeführt. Die ihrerzeit mächtigste Bankiersfamilie de Medici hatte es geschafft, einen eigenen Vertreter auf dem Papstthron zu installieren - Giovanni (Leo X). Zur Finanzierung seines gigantischen Prestige-Projekts, des neuen Petersdoms, ließ de Medici Zertifikate der Absolution (vorgeblicher göttlicher Vergebung) verkaufen (dt. "Ablassbriefe"). Ablasshändler wie Tetzel konnten riesige Summen für Rom eintreiben, und das in extremen Krisenzeiten von Seuchen, Kriegen und Nahrungsknappheit.
    Kein Wunder, dass sich die Konflikte rivalisierender deutscher Kleinstaaten an der Frage der Papsttreue umso heftiger entzündeten. Manchen Anti-Papisten kam der papstkritische Mönch Martin Luther mit seinen 95 Thesen gerade recht. Luthers Bibel-Übersetzung führte zur Alphabetisierung der nicht-klerikalen Welt, und Gutenbergs Druckerpresse ermöglichte die Verbreitung neuer Ideen. Wissenschaft, Forschung und Lehre wurden zu Antreibern des Fortschritts, und damit der zunehmenden bürgerlichen Vorherrschaft.
    [Wikipedia 2022 - Von der Freiheit eines Christenmenschen - Ursache und Zielrichtung]

    Katholiken sehen bis heute den Bedarf an Reformen und geben die Versuche nicht auf, diese endlich umzusetzen. Das zeigen Bewegungen wie die Befreiungstheologie, das KirchenVolksBegehren oder Maria 2.0, aber auch katholische Kirchenkritiker wie der Gegenspieler von Josef Ratzinger, der Theologe Hans Küng, der Verfassungsrichter Böckenförde oder der Nachkriegs-Schriftsteller und Grünen-Gründer Carl Amery, der die Rolle der katholischen Kirche vor und nach der Reformation reflektierte.
    In der intelligent konstruierten Science-Fiction-Erzählung "Das Königsprojekt" schickte Amery katholische Agenten auf Zeitreise, um Martin Luther in der Wartburg zu ermorden. Soviel sei verraten: die Sache ging ziemlich schief.
    Auch in seinem Essay "Die Kapitulation oder Der real existierende Katholizismus" arbeitete er sich schmerzhaft an seiner eigenen katholischen Konfession ab.

    Auch die neue Machtelite, das reiche Bürgertum, konnte sich in der katholischen Renaissance ihrer moralischen Verantwortung entziehen - per Ablasshandel. Im Gegenzug behielt die Kirche durch die Einnahmen ihren exklusiven Zugang zur neuen Macht, dem Geld.
    Dieser Versuch des Klerus, auch an der neuen, der Geldmacht des Bürgertums, einen Anteil zu bekommen, ging schief. Durch Luthers Aufklärung über den Ablass-Betrug verlor der Katholizismus mit der Absolutionslehre seine theologische Glaubwürdigkeit, und damit fiel auch das Gottesgnadentum, und schließlich übernahm im Protestantismus der Geldadel selbst die Macht. Dies erforderte eine neue Legitmiation.
    Im Protestantismus ersetzt deshalb die calvinistische Lehre von der göttlichen Vorsehung das Gottesgnadentum, und das Wohlstandsevangelium erklärt den wirtschaftlich-sozialen Erfolg zum alleinigen Gradmesser der Gottgefälligkeit. Wenn jemand Erfolg hat, zeigt das nach der calvinistischen Theologie, dass Gott auf seiner Seite ist. Sprichworte sagen "Gott ist mit dem Tüchtigen", "hilf dir selbst, dann hilft dir Gott", oder auch "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht". Eine komplette Verdrehung der christlichen Botschaft.
    Der Soziologe Max Weber beschäftigte sich intensiv mit dem Auftieg der protestantischen Bürgerschaft nach der Aufklärung. Sein Werk die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus zählt neben Wirtschaft und Gesellschaft zu seinen wichtigsten Beiträgen zur Soziologie und ist ein Standarderk der Religionssoziologie.
    [Wikipedia 2021 - Wikipedia 2021 - Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus]

    Konfession katholisch protestantisch urchristliche Praxis
    Herrschaftsinstrument Adel Geld keins
    religiöse Legitimation der Herrschaft Gottesgnadentum göttliche Vorsehung (Prädestination) Geschwisterlichkeit der gleichberechtigten "Kinder Gottes" - es gibt keine Herrschaft über andere ("selig die Sanftmütigen - denn sie werden das Land erben")
    Rechtfertigung eigennütziger Vorteilsnahme gegenüber den Mitmenschen nachträgliche Vergebung durch den Klerus als göttliche Statthalter (Ablass) gottgefälliger Wohlstand (Wohlstandsevangelium)
    [Wikipedia 2021 - Wohlstandsevangelium]
    Uneigennützigkeit - es gibt keinen persönlichen Besitz
    Narrativ "[...] curae nutu suo caelesti terrena omnia moderanda commisit." (dt. "ihm habe der „himmlische Wille alles Irdische zur Lenkung anvertraut") (überliefertes Selbstverständnis von Konstantin dem Großen) Gleichnis von den Talenten (Matthäus 25,14–30 und Lukas 19,12–27)
    [Verknüpfung]
    2. Brief von Paulus an die Korinther (Kapitel 8): "Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. [...] Nun aber vollendet auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollenden nach dem Maß dessen, was ihr habt. Denn wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er nicht hat."
    [Verknüpfung]
    "Der freie Markt ist gelenkt von der unsichtbaren Hand Gottes." - so wird der Philosoph Adam Smith falsch zitiert (während man diesen Markt zum eigenen Vorteil manipuliert - also unfrei macht).
    "There is no such thing as a free lunch." (Margret Thatcher)
    "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst."
    "Sorgt Euch nicht um Besitz - sehet die Lilien des Feldes, sehet die Vögel des Himmels. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch."
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    Extrembeispiele der Geschichte Kreuzzüge, Verbrennungen von Häretikern, Aufteilung der transatlantischen Kolonien durch Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI), ... Sklavenhaltung, Manchesterkapitalismus, angloamerikanischer Imperialismus in Ostasien, Kolonialpolitik, Völkermord an den Indigenen und Rassenfrage in den USA (KuKluxKlan, Tulsa-Massaker 1921), Verfolgung religiöser und anderer Minderheiten durch Deutsche Christen im Dritten Reich, ... Einstehen Jesu für seine Lehren bis zur letzten Konsequenz; Hl. Franziskus, Hl. Elisabeth, Albert Schweizer, Mutter Theresa, Desmond Tutu, Oscar Romero, ...
    prominente Beispiele von heute Einkommensverteilung in den USA, Zurschaustellen von Luxus, auch kombiniert mit Wohltätigkeit (beides zur Pflege des Heldenmythos), Donald Trump beruft sich auf die Bibel, blinder Fortschrittsglaube, White Supremacy in den USA, ... Linux, Gemeinfreie Lizensierung, OER, Open Access, wikipedia, Gemeinwohlökonomie, ...

    Der Katholizismus hat viel an Einfluss verloren - das Patriarchat jedoch hat die Aufklärung überstanden, indem es sie vereinnahmte. Eine neue Elite, die Freimaurer, betrieben in einer verschwörerisch-konzertierten Weise die Abschaffung der feudalen Strukturen und legitimierten das mit sogenannten Menschenrechten. Als historischer Meilenstein gilt die Erklärung der Menschenrechte in der Verfassung der USA - von denen allerdings Frauen und Nicht-Weiße ausgenommen waren.
    Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Kirche brachte mit ihrem Bauboom irrwitzig aufwändiger Prachtbauten die Freimaurer zusammen - in den Dombauhütten konzentrierte sie die größten Kreativen ihrer Zeit.
    Der Anspruch der USA, ein Hort der Freiheit zu sein, wird von Nationalisten immer noch geradezu religiös vertreten. Nach dem Fall des Kommunismus sind dort die reaktionären Tendenzen, Frauen- und Minderheitenrechte auf den Status der Gründerväter zurückzustutzen - also auf Null - immer erfolgreicher. Gerade hier finden sich auch die ausgeprägtesten Tendenzen, wissenschaftliche Erkenntnis nach nützlich (profitabel) und schädlich (im fossilökonomistischen Sinne fortschrittsfeindlich) einzuteilen. In Erinnerung an den Aufstand der Siedler gegen die britische Krone nennt sich diese Bewegung auch Tea Party.
    Filmtip: Tempel, Logen, Rituale. MDR 2008
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    Die USA haben von Anfang an das Selbstbild als Gottes erwähltes Volk zur Staatsdoktrin gemacht. Hier grassiert das Wohlstandsevangelium in extremer Form bis heute, vor allem bei den evangelikalen Freikirchen. Die Fellowship Foundation (bekannt als the Family und Prayer Breakfast Movement) hat enormen Einfluss auf die ultrakonservative US-Politik. In ihrem Gästehaus in Washington DC finden regelmäßig religiöse Events (National Prayer Breakfast) statt, die sich in einer Weise mit politischen Themen beschäftigen, die man in Europa niemals mit religiösen Motiven verbinden würde. Themen: "God and the oil industry", "God and the defense economy". Hier vernetzen sich einflussreiche Lobbyisten des militärisch-industriellen Komplexes, vor dem US-Präsident Eisenhower bei seiner Abschiedsrede eindrücklich gewarnt hatte.
    Filmtip: Macht und Machenschaften
    In der aktuellen Rassismus-Diskussion in den USA kommt wieder die tiefe Verankerung von Rassismus in bestimmten evangelikalen Kreisen der Südstaaten deutlich zum Ausdruck. Hier eine Zusammenstellung des katholischen Kölner Senders Domradio.
    [Verknüpfung]
    Im Magazin evangelisch.de kann man von Bestrebungen führender Baptisten lesen, diese Tradition endlich in Frage zu stellen.
    [Verknüpfung]

    Doch weder setzte sich die Reformation überall durch; noch blieb in der katholischen Kirche immer alles beim Alten. Nach Jahrhunderten erbitterter Konfessions-Machtkämpfe tobt in der katholischen Kirche eine Zerreißprobe zwischen Reformern und Reaktionären.

    Die Einbußen an weltlicher Macht ermöglichten erstaunliche Reformen in der katholischen Kirche. Im 19. Jahrhundert trieben gerade Teile der Kirchen mit Protagonisten wie Don Bosco, Kolping und von Ketteler den Staat in der Sozialen Frage zum Handeln an. Damals entstand die katholische Soziallehre.
    [Wikipedia 2022 - Katholische Soziallehre]
    Seitdem haben vier reformerisch denkende Kardinäle den Papstthron besetzt: 1878 Vincenzo Gioacchino Pecci (der "Arbeiterpapst" Leo XIII), 1958 Angelo Giuseppe Roncalli (Johannes XXIII, "der gute Papst"), der mit der Einberufung des 2. Vatikanischen Konzils die längst überfälligen Reformen angestoßen hat und damit die Befeiungstheologie-Bewegung auslöste; 1978 Albino Luciani (Johannes Paul I), der von Gott als Vater und "vor allem" als Mutter gesprochen hat (wie es in der Urkirche auch üblich war); und 2013 Jorge Mario Bergoglio (Franziskus), der sich im Sinne der Armen offensiv gegen die Verursacher der Anthropozän-Krise und der Armut richtet.

    Bergoglio steht in der Kirche nicht allein gegen die reaktionären Kräfte. Es gibt viele Theolog:innen, die sich im Sinne der Verteilungs- und Generationengerechtigkeit äußern, und deshalb aktuell die Klimagerechtigkeits-Bewegung unterstützen.
    Wie schwer Veränderungen in Genderfragen im Vatikan sind, beschreibt Marco Politi in der Zeit.
    [Verknüpfung]

    Der Rechtsphilosoph und Verfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde erkannte und kritisierte die stabilen Verbindungen von Staat und deutscher Kirche, die selbst den Krieg und die Demokratisierung in der Nachkriegszeit unbeschadet überdauert hatten. Er war aktiver Katholik und ab 1967 gleichzeitig Sozialdemokrat - zu einer Zeit, in der die katholische Kirche noch massiv ihren Einfluss auf Wahlentscheidungen für die CDU und gegen die SPD missbrauchte. Noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 forderte er 1957 von der katholischen Kirche in einem Aufsatz "Das Ethos der modernen Demokratie und die Kirche" die vorbehaltlose Anerkennung der Demokratie, und versuchte 1961 eine Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche im Dritten Reich mit dem Aufsatz "Der deutsche Katholizismus im Jahr 1933". Wie sehr er vom Ergebnis des Konzils begeistert war, zeigt ein Zitat aus Wikipedia: "Die schließlich verabschiedete Erklärung Dignitatis humanae (1965) bezeichnete [Böckenförde] mit einer Formulierung Josef Isensees als „kopernikanische Wende“ der kirchlichen Lehre, insofern das Konzil erstmals den Vorrang der Religionsfreiheit vor dem religiösen Wahrheitsanspruch anerkannt habe, – in Böckenfördes Worten: „Damit ist der prinzipielle Schritt vom Recht der Wahrheit zum Recht der Person getan.“"
    Mit Roman Schnur gründete er die interdsiziplinäre Zeitschrift "Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre, Öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte", in der neben Juristen auch Politologen, Historiker und Philosophen schrieben. Die bis dato wichtigste juristische Fachzeitschrift "Archiv des öffentlichen Rechts" war bezeichnend für die junge Bundesrepublik, in der "das Verständnis für die politische und rechtliche Bedeutung staatlicher Autorität geschwunden, der Staat zerredet worden" sei.
    Sein berühmtestes Zitat stammt aus dem Aufsatz "Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation" aus dem Jahre 1964, das Böckenförde-Diktum. Es beschäftigt sich auch mit der alten Kantschen Frage, wo die Grenzen der Freiheit in einem (hier demokratischen) Staat liegen.


    Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert.
    Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben
    und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.
    Ernst Wolfgang Böckenförde
    [Wikipedia 2022 - Böckenförde-Diktum]
    [Verknüpfung]

    Anlässlich der Moralismusvorwürfe u.a. in der Klimadebatte setzt Böckenförde 2009 in einem taz-Interview mit Christian Rath seine Aussage in ihren damaligen Kontext und erklärt, warum sie immer noch aktuell ist, Zitat:

    "[Rath:] Wie kann der Staat die öffentliche Moral stützen und fördern?
    [Böckenförde:] Dazu gehört nicht zuletzt der Erziehungsauftrag der Schule, auch wenn der heute leider nur noch schwach wahrgenommen wird. Außerdem kann der Staat selbst glaubwürdig moralische Ziele verfolgen, zum Beispiel soziale Gerechtigkeit, und so ein Klima schaffen, in dem Moral ernst genommen wird.
    [Rath:] Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie die ethische Kraft der Religion überbetonen.
    [Böckenförde:] Diese Kritik übersieht den Kontext, in dem ich 1964 diesen Satz formuliert habe. Ich versuchte damals vor allem den Katholiken die Entstehung des säkularisierten, das heißt weltlichen, also nicht mehr religiösen Staates zu erklären und ihre Skepsis ihm gegenüber abzubauen. Das war also noch vor 1965, als am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils die katholische Kirche erstmals die Religionsfreiheit voll anerkannte. In diese Skepsis hinein forderte ich die Katholiken auf, diesen Staat zu akzeptieren und sich in ihn einzubringen, unter anderem mit dem Argument, dass der Staat auf ihre ethische Prägekraft angewiesen ist.
    [Rath:] Sie wollten damals also nicht behaupten, dass allein die Kirche und die Religion den Ethos schaffen, der den Staat zusammenhält?
    [Böckenförde:] Nein, das lesen vielleicht manche Kirchenvertreter hinein, aber so war das nicht gemeint. Auch weltanschauliche, politische oder soziale Bewegungen können den Gemeinsinn der Bevölkerung und die Bereitschaft fördern, nicht stets rücksichtslos nur auf den eigenen Vorteil zu schauen, vielmehr gemeinschaftsorientiert und solidarisch zu handeln."
    [Verknüpfung]

    Der Staat steht also im Spannungsfeld zwischen Ausübung von Zwang und Gewährung von Freiheit. Gewährt er zuviele Freiheiten, dann droht Ungerechtigkeit, und will er diese durch Regulation verhindern, geht das auf Kosten der Freiheit.
    Dem entspricht auch seine (kontroverse) Stellungnahme zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1995 gegen eine Vermögenssteuer, die Heribert Prantl im DLF sinngemäß so wiedergibt: "Die Sicherung unbegrenzter Eigentumsakkumulation ist nicht Inhalt der Eigentumsgarantie. Der Gesetzgeber darf nicht zum Akkumulationsgehilfen werden. Die Ungleichheit darf ein gewisses Maß nicht überschreiten, sonst geht sie über in Unfreiheit. Das muss der Sozialstaat verhindern."
    2009 forderte er in seinem Aufsatz "Woran der Kapitalismus krankt", die katholische Soziallehre aus ihrem "Dornröschenschlaf" zu erwecken.
    [Wikipedia 2022 - Ernst-Wolfgang Böckenförde]
    Lesenswert ist auch der Nachruf vom Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl auf Böckenförde, der dessen Diktum als "E=M.c2" der Staatsrechtslehre bezeichnet.
    [Verknüpfung]

    Doch die restaurativen Kräfte waren in Rom immer sehr stark, und so diente sich die katholische Kirche schließlich den neuen patriarchalen Machthabern an: der rechtskonservativen Geldelite.
    Die politische Dimension des katholischen Konservatismus ist die Leugnung des Politischen im Messianischen, und das Beharren auf der Nichteinmischung der Kirche im Staat. Zwar bedeutet es zunächst nur de facto die Zementierung der politischen Verhältnisse, wird aber über das Schriftwort hinaus interpretiert als Begründung für den Kampf gegen alles Neue.
    Das begann mit Konstantins Nicäischem Konzil, also in Zeiten der Adelsherrschaft. Nach deren meist schleichend verlaufenen Ablösung hat man sich schließlich auch in der katholischen Kirche nolens-volens mit den neuen bürgerlichen Machthabern, dem Geldadel, arrangiert. Davon zeugen die Seilschaften in zahlreichen katholischen Burschenschaften ebenso wie rechtskonservative Denkfabriken, auch solche mit großer Nähe zum Vatikan. Sie wirken konspirativ im Hintergrund und unterlaufen mit ihrer intransparenten Einflussnahme z.B. bei Auftragsvergaben und Stellenbesetzungen die Prinzipien des Rechtsstaats, und das weltweit.
    Ein herausragendes Beispiel ist die Organisation Opus Dei, gegründet von José María Escriba Albás (später adelte er sich selbst mit dem Namen Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás) als fundamental-christliche Unterstützer-Organisation des faschstischen Franco-Regimes in Spanien. Zu den kontemplativen Praktiken der Mitglieder gehören Schlafen auf nacktem Boden und Selbstgeißelung. Von Spanien aus verbreitete sich Opus Dei in christlichen Staaten weltweit. Ihre Vertreter sind in höchsten Positionen von Wirtschaft, Kirche und Staat zu finden.
    Medienbeiträge über eine direkte Einflussnahme von Opus Dei beim Putsch in Chile durch General Pinochet wurden zwar teils erfolgreich durch Unterlassungsklagen unterbunden. Allerdings war 2002 im Hamburger Abendbatt zu lesen, dass Escriba das Gemetzel Augusto Pinochets in Chile während einer Konferenz im Jahr 1974 als "nötiges Blutvergießen" gerechtfertigt hat.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Opus Dei - Zur politischen Ausichtung]
    Die Nähe von Opus Dei zu autoritäten Diktatoren hielt Carol Wojtyła (Johannes Paul II) jedenfalls nicht davon ab, die Organisation 1982 zur päpstlichen Personalprälatur zu erheben und den Gründer Escriba 2002 heilig zu sprechen; sein Nachfolger Joseph Ratzinger (Benedikt XVI) ist Ehrendoktor der Opus-Dei-Universität und besetzte wichtige Posten im Vatikan mit Mitgliedern von Opus Dei. Sie unterstützten ihn bei der Restauration der katholischen Kirche nach den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils. Ratzinger hatte schon als Vorsitzender der Kongregation für den rechten katholischen und apostolischen Glauben (im Mittelalter bekannt als Heilige Inquisition) hartnäckig daran gearbeitet, die Reformen von Johannes XXIII rückgängig zu machen und alle neuen Ideen im Keim zu ersticken, z.B. die Befreiungstheologie. Er wird von deutschen rechtskonservativen Katholiken deshalb besonders verehrt.
    Sein Umgang mit dem kriminellen Orden der Legionäre Christi zeigt, dass es ihm weniger um Integrität der Kirche als um Aufrechterhaltung einer Fassade geht.
    [Verknüpfung]
    Teile von Opus Dei stehen kritisch zur katholischen Soziallehre und vertreten Positionen des Neoliberalismus, die in vielen Punkten verblüffend mit dem Wohlstandsevangelium übereinstimmen. Das ist auch konsequent, denn hohe Vertreter von Opus Dei besetzen Spitzenposten in Wirtschaft und Politik.
    Filmtip: Die Geheimnisse des Opus Dei - Glaube, Macht, Manipulation. ZDF 2021
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Opus Dei - Neoliberalismus und Kritik an der Katholischen Soziallehre]
    Ein wichtiger Vordenker bei Opus Dei ist Martin Rhonheimer, Universitätsprofessor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce (PUSC) in Rom, ist Mitglied der Hayek-Gesellschaft und Mitbegründer des neoliberalen Lord-Acton-Kreises.
    [Wikipedia 2021 - Martin Rhonheimer]
    Rhonheimer schreibt in der NZZ über sein Vorbild Lord Acton: "Die Freiheit, die er meine, sei die Sicherheit eines jeden, tun zu können, was er für richtig halte, ohne von irgendwelchen Autoritäten, der Mehrheit, von Sitten und Bräuchen oder durch die Meinung anderer daran gehindert zu werden. Staatliche Einschränkungen der Freiheit des Einzelnen, so Lord Acton, sind nur gerechtfertigt, wenn sie im Dienst der Ermöglichung der Freiheit aller stehen."
    Er berichtet dort auch über Ratzingers Sympathie für dessen "katholischen Liberalismus".
    [Verknüpfung]
    Der Lehrbeauftragte Daniel Saudek kritisiert Rhonheimers Neoliberalismus.
    [Verknüpfung]
    Rhonheimer gehört zum Kreis der Autoren in der rechtskonservativ-katholischen Zeitschrift Die neue Ordnung, die auch Schriften offen AfD-naher Autoren (wie Nathanael Liminskis Vater Jürgen) publiziert - was allerdings interne Kontroversen provozierte.
    [Wikipedia 2021 - Die Neue Ordnung]
    Rhonheimer zeigt sich auch in der Evolutionsfrage durchaus aufgeklärt. In seinem Lehrbuch "Homo sapiens - die Krone der Schöpfung" verteidigt er die biologische Lehrmeinung gegenüber Kreationisten. Der Mensch lasse sich - analog zur theologischen Auffassung als jüngste Schöpfung Gottes nach seinem Ebenbild - als Krone der Schöpfung via Evolution verstehen.
    [Verknüpfung]

    Eine rechtskonservative politische Einstellung zu vermuten liegt bei Nathanael Liminski, dem Chef der NRW-Staatskanzlei unter Ministerpräsident Armin Laschet, nahe. Liminski war zum Praktikum in den USA bei dem evangelikalen Mitglied der republikanischen Partei Mark Souder und wurde im deutschen Fernsehen bekannt als Gesicht der Bewegung Generation Benedikt. Dabei forderte er voreheliche Enthaltsamkeit (auch wenn sein erstes Kind dann vorehelich geboren wurde).
    Liminski zählt sich zum wertkonservativen Flügel der CDU, und hat schon für das heute AfD-nahe Organ Freie Welt Beiträge geschrieben, allerdings nur bis 2009, also lange bevor es die AfD gab. Auch für Roland Koch, der vor der AfD mit Ausländerfeindlichkeit auf Stimmenfang ging, hat er Reden geschrieben.
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    [Wikipedia 2021 - Nathanael Liminski]
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    In dieser Zeit bediente er rechtskonservative Ressentiments gegen "Genderismus" und attestierte Angela Merkel "ein tiefes Misstrauen gegenüber den Familien und damit gegenüber den Bürgern". Ihre damalige Familienministerin Ursula von der Leyen habe "als Erfüllungsgehilfe ihrer ideologischen Strategen im Familienministerium" dem traditionellen Modell "Vater, Mutter, Kind, verheiratet" den Kampf angesagt; Homosexualität habe "Krankheitscharakter".
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    Liminski meint, es sei in Deutschland "leichter, ein Kind abzutreiben, als einen Baum zu fällen"; 2010 beklagt er beim WDR-Talk Hart aber fair die "wachsende Deutschenfeindlichkeit".
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    Liminskis Vater Jürgen war Journalist, u.a. beim Deutschlandfunk und gehört zum Autorenkreis der rechtskonservativen Schriften Die Neue Ordnung und Freie Welt, und ist zudem Mitglied bei Opus Dei. Als achtes seiner zehn Kinder hatte Nathanael gegenüber dem Vater eine Sonderrolle, die dieser mit dem Begriff "Sekretär" beschreibt. Ob er sich jetzt politisch seinem Chef Armin Laschet, dem eine Nähe zu Merkel und den Grünen nachgesagt wird, annähert oder umgekehrt, kann man noch nicht sagen. Denn Liminski hält sich seit Antritt als Chef in Laschets Staatskanzlei mit öffentlichen Äußerungen vollständig zurück. Auch Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, sind mit ihren Einschätzungen diesbezüglich auffällig zurückhaltend. Immerhin ist überliefert, dass er von Merkels christlicher Motivation in der Flüchtlingskrise beeindruckt war.
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    Laschet selbst ist ebenso tief im rechtskatholischen rheinischen Milieu verankert. Er gehört durch die alteingesessene Aachener Familie seiner Frau zu katholischen Männerbünden, u.a. den Burschenschaften Ripuaria Bonn und Aenania München; einer der Protektoren war schon damals Josef Ratzinger. Nach Angaben des (ansonsten gut informierten) Grünen-Lokalpolitikers Volker König ist Laschet seit 1974 Ritter des besonders elitären Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, der direkt auf die mittelalterlichen Kreuzritter zurückgeht. Leider habe ich keine weitere Bestätigung gefunden, aber auch wer diese Quelle anzweifelt, dem sollten die katholischen Burschenschaften Beleg genug für seine Gesinnung sein.
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    Liminskis enger Freund ist der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Wie Laschet gehört auch dieser zum Netzwerk der katholischen Studentenverbindungen.
    Die politische Philosophie der Rechtskonservativen zeigt sich besonders deutlich in ihrem Verständnis vom Rechtsstaat. Eigentlich war dieser eine Errungenschaft des Liberalismus und diente den Bürgern zum Schutz vor missbräuchlichen Übergriffen durch den Staat. Unter CDU-Führung u.a. in NRW wird jetzt den Bürgern eine repressive Politik des Law and Order - also das genaue Gegenteil - mit gerade diesem Etikett verkauft.
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    Für Polizist:innen sollen die Prinzipien Bürgernähe, Deeskalation und Kommunikation nicht mehr im Vordergrund stehen - sie sollen laut Innenminister Reul "gewaltfähiger" werden.
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    Weitere Details zu Laschets Sicherheitspolitik zeigen dieselbe Tendenz.
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    Es lässt sich festhalten, dass Liminski, Laschet und viele andere rechtskonservative CDU- und auch AfD-Politiker - sich in Kreisen bewegt, die sich der Konservierung des römischen Patriarchats verschrieben haben.
    Seit Konstantin dem Großen mit dem Zusatz "katholisch" versehen. Und in meinen Augen nicht zu verwechseln mit den visionären Vorstellungen des christlichen Religionsstifters Jesus von Nazareth.
    Die folgenden Zitate von Armin Laschet zeigen sein religiös motiviertes Obrigkeitsdenken. Das erste stammt aus einem Spiegel-Interview.


    Der Glaube an Gott ist prägend für mein Verständnis der Welt, [...] wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will.
    Armin Laschet
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    In seiner Rede zum Wahlkampf-Auftakt formuliert er seinen Führungsanspruch, und insinuiert dabei - das liegt nach obigem Zitat klar auf der Hand - auch einen göttlichen Auftrag.


    Wir werden kämpfen, ich werde kämpfen, mit allem was ich kann, dass dieses Land nicht von Ideologen übernommen wird, dass wir die Chance haben, unsere Ideen von diesem modernen Deutschland durchzusetzen, dafür kämpfen wir. [...] Es ist fundamental, wer regiert. Wir wollen regieren. Nicht [...], weil wir Lust haben am Regieren, sondern weil wir regieren müssen, damit Deutschland einen guten Weg nimmt.
    Armin Laschet
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    Getreu dem Kampfruf der Kreuzritter, den die Masse dem Papst Odo de Chatillon (Urban II) 1095 nach seinem Aufruf zum Kreuzzug zugerufen haben soll.


    Deus lo vult!
    (mittellateinisch: Gott will es)
    Odo de Chatillon

    Zitat aus Wikipedia: "Der Ausdruck gibt Zeugnis für ein religiöses Sendungsbewusstsein, das zur Erreichung seiner Ziele auch Gewalt einzusetzen bereit war. Diese wurde entsprechend dem Modell des gerechten Krieges als auf Verteidigung bzw. Rückeroberung widerrechtlich angeeigneter Gebiete ausgerichtete militärische Gewalt für sittlich vertretbar, ja sogar für gottgewollt gehalten. Der Kreuzzug als Krieg der Papstkirche wurde – so die Intention des Ausdrucks – in der Stellvertreterschaft Gottes geführt. [...]
    Heute wird dieser Spruch von einigen rechten Gruppierungen vereinnahmt und findet sich gemeinsam mit dem Wappen des OESSH auch auf Plakaten bei Demonstrationen christlich-patriotischer Gruppen in Polen, z. B. beim Marsch zum Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit."
    [Wikipedia 2021 - Deus lo vult]

    Auflehnung gegen den göttlichen Willen ist in Laschets Augen Hybris.


    Die Religionen bieten eine Medizin gegen Ideologie an, die sich selbst überhöht und das Himmelreich auf Erden schaffen will.
    Armin Laschet
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    Abschließend versuche ich den Fanatismus religiös motivierter Fossilökonomisten einmal zu verdichten: "Gott will es, dass unser technologischer Fortschritt der Menschheit zum Segen Gottes wird. Auch wenn es Opfer kostet, aber unsere Vorherrschaft ist Gottes Wille."

    Bei Erkenntnis der Klima- und Biodiversitätskrise geraten religiös motivierte Fortschrittsgläubige in eine tiefe Sinnkrise. Einen Ausweg zeichnet der Literatursoziologe und Publizist Andreas Öhler in Christ und Welt.


    Doch so kalt erwischt, wie die Philosophen vermuteten, wurde die Kirche bei dieser Frage dann doch nicht. In der jüdisch-christlichen Tradition hat die Apokalypse ihren Platz. Sie ist der Katalysator, der den Menschen dazu zwingt, sich ethisch zu entscheiden. Die Naturgewalten stehen dort für die Strafe Gottes: Sodom und Gomorrha versanken als Städte der Sünde in den Flammen. Lot überlebt. In der Sintflut wird Noah mit seiner Arche zum irdischen Bewahrer der Schöpfung. All diese Miseren sollen dem Menschen als Warnung dienen, sich nicht über Gott zu erheben. [...] Die Brände in Griechenland und die Flutkatastrophe hierzulande werden keine Büßerbewegungen mittelalterlichen Stils auslösen, die zur Umkehr aufrufen. Doch das alte Sündendenken ist in verwandelter Form immer noch gegenwärtig, auch wenn die Gotteshäuser nur noch eine marginale Rolle spielen. Entfesselte Wasser und Feuer erinnern uns daran, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Diese Einsicht predigt nun kein Hohepriester mehr, sondern sie zählt zum kleinen Einmaleins des Umweltschutzes.
    Andreas Öhler
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    Leider wählen allzu viele die bequeme Alternative der Resignation. Der in seiner Sturheit unaufgeklärte Fortschrittsglaube war wie auch die daraus folgende Endzeitvorstellung freilich nicht immer eine Eigenheit der Katholiken, im Gegenteil. Wie es dazu kam, erkläre ich im nächsten Kapitel.







    Im 19. Jahrhundert kam die technologisch-kreative Wirkung des Geldes voll zur Geltung. Ohne Loslösung der Wissenschaften von der Theologie, und ohne bürgerliche Freiheiten wäre die Industrialisierung nicht denkbar gewesen. Die Freiheiten von Wissenschaft und Religion waren zentrale Grundsätze der staatlichen Verfassungen, die sich aus der Aufklärung ergaben. In Europa und den USA wurden etliche große Universitäten eingerichtet, die zahlreiche technische Innovationen hervorbrachten. Aus einer Mischung von Wohlstandsevangelium und heidnischem, patriarchalem Heldenmythos entstand die quasireligiöse Vorstellung einer Überlegenheit der weißen Weltbevölkerung, deren Fortschritt von Gott gewollt sei, und die die Unterdrückung der Menschen des Globalen Südens und der Frauen rechtfertige.
    Zur wissenschaftlichen Begründung wurde zuerst die biblische Vorstellung vom Menschen als Höhepunkt der göttlichen Schöpfung biologistisch formuliert. In direkter Konsequenz wurde in der Rassenkunde die weiße Bevölkerung als höherwertig erklärt und mit pseudowissenschaftlichen Thesen begründet. In letzter Konsequenz wurden schließlich entsprechende Thesen über die Höherwertigkeit des männlichen Geschlechts formuliert. Die Rassen- und Geschlechterlehre des 19. Jahrhunderts war pure patriarchale Ideologie.
    Eine erste Konzentration des Kapitals führte - wie Karl Marx es vorhergesagt hatte - vermehrt zu sozialen Unruhen, die jedoch mittels Sozialpolitik befriedet werden konnten. Doch dies konnte die rasante Konzentration des Geldes in den Händen einer großbürgerlichen Elite nicht bremsen, denn mit den Kolonien hatte man ein gigantisches Potential für weitere Ausbeutung, das bis heute immer weiter erschlossen wird.
    Nur waren die bürgerlichen Geldeliten damals noch stark ihren nationalen Ideologien und Interessen verpflichtet, was letztlich zu zwei Weltkriegen führte. Während die Kirchen sich im späten 19. Jahrhundert im Kulturkampf u.a. mit der sozialen Frage beschäftigten, entwickelte sich in eher kirchenfernen Kreisen eine neue Ideologie. Darwins Evolutionstheorie wurde schnell auf die Theorie menschlicher Gesellschaften übertragen. Die sogenannten Sozialdarwinisten sahen darin die Rechtfertigung für die rücksichtslose Durchsetzung des Bestangepassten - im Wettbewerb der Völker (wie heute dem des freien Markts). Ethische Fragen wurden zu gunsten einem vermeintlichen Daseinskampf (Evolution) der Ethnien ausgeklammert. Damit schufen sie eine von Theologie befreite, pseudowissenschaftliche Version von der Überlegenheit der europäischen Kultur, die jedoch geistesgeschichtlich auf dem katholischen Gottesgnadentum der Obrigkeit und dem daraus entwickelten protestantischen Wohlstandsevangelium basiert.

    Der Komiker Charlie Chaplin deutete 1940 in seinem Film "Der große Diktator" die Weltsicht des Sozialdarwinisten Anton Hinkel alias Adolf Hitler in einer verstörend-lächerlichen Spielball-Metapher.


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    Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs kam es in Deutschland zwar zu einer sozialdemokratisch geführten Regierung. Doch anstatt die neuen Machthaber zu unterstützen, waren die Siegermächte bei den Friedensverhandlungen revanchistisch motiviert. Zwar hatte man den renommierten britischen Reform-Ökonom John Maynard Keynes von der Cambridge-Universität als Verhandlungsführer der Briten gewonnen, doch dieser hatte sein Mandat unter Protest abgegeben, weil die Verhandlungen auf eine massive wirtschaftliche Unterdrückung Deutschlands hinausliefen - wovor Keynes eindrücklich gewarnt hatte. So kam es dann auch: angesichts der massiven Reparationsforderungen der Siegermächte hatte die deutsche Sozialdemokratie keinen Spielraum für Entwicklungs- und Sozialpolitik. Währenddessen schafften es konservative Kräfte, den desaströsen Kriegsverlauf und Friedensschluss den Sozialdemokraten anzulasten. Sie propagierten erfolgreich die Dolchstoß-Legende von der "im Felde unbesiegten" Wehrmacht, der die Sozialdemokraten mit ihrem Friedensschluss den "Dolchstoß in den Rücken" versetzt hätten - eine klassische Verschwörungserzählung.
    In diese Phase des europäischen Niedergangs fiel schließlich die US-Wirtschaftskrise. Deutschlands Sozialdemokratie, die ihr Versprechen von sozialer Gerechtigkeit nicht hatte einlösen können, wurde von konservativen Kräften abgelöst. Dies war auch eine Reaktion auf die bolschewistische Revolution in Russland - die noch vom deutschen Kaiser Wilhelm als Destabilisierungsversuch des Weltkriegs-Gegners, seines Cousins Zar Nikolaus II., angezettelt worden war.
    Die besitzstandswahrende Austeritäts- und Industriepolitik des Konservativen Brüning führte Deutschland endgültig in den Ruin und damit in den Faschismus. Denn als Sündenböcke wurden Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden angeprangert, unter dem Vorwurf einer Weltverschwörung gegen Deutschland. Tatsächlich finanzierte die von der konservativen Politik geschonte Rüstungsindustrie den Aufstieg Hitlers als Volkstribun, und dann über Kriegsanleihen (Mefo-Wechsel) direkt die Aufrüstung - weil sie sich satte Renditen aus dem Kriegsgewinn versprach. Es gab auch massive Unterstützung von US-amerikanischen Industriellen. Damit bewahrheitete sich wieder der alte Wahlspruch der SPD "nur die allerdümmsten Kälber wählen den Metzger selber."
    Filmtip: arte - Die Nazis, die Arbeit und das Geld
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    Filmtip: ZDF history - Hitler und das Geld
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    Währenddessen wurden die USA vom Reform-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der seinerseits Keynes als Berater engagiert hatte, aus der Krise geführt. Sein New Deal war geprägt von Staatsinterventionismus, und wurde von Konservativen als Kommunismus kritisiert. Doch konnte er die USA vor dem Faschismus bewahren.
    Dieser Erfolg brachte Keynes auch in die Expertengruppe, die die Nachkriegs-Wirtschaftsordnung von Bretton Woods entwarf, inklusive fester Wechselkurse, Weltbank und UN. Leider starb Keynes bereits 1946. Schon früh formierten sich konservative Kräfte, um den Wirtschafts-Liberalismus des 19. Jahrhunderts zu restaurieren. Keynes' Einfluss war jedoch so nachhaltig, dass diese Kreise erst in den 70er Jahren den Neoliberalismus durchsetzen konnten.
    In Kriegszeiten hatten die Wissenschaften vor allem dem nationalen Interesse gedient. Doch nicht nur intellektuelle Naturwissenschaftler wie Andrej Sacharov, Albert Einstein oder Clara Immerwahr kritisierten den Missbrauch wissenschaftlicher Erkennntnisse für machtpolitische Zwecke. Wenn selbst Dwight D. Eisenhower als republikanischer Präsident, der als General im Zweiten Weltkrieg die Bedeutung von Bewaffnung schätzen gelernt hat, in seiner Abschiedsrede vor dem militärisch-industriellen Komplex warnt, sollte das damals den Menschen zu denken geben - tat es aber nicht nachhaltig. Auch als der Erfinder der Wasserstoffbombe, Edward Teller, vor der globalen Erwärmung warnte, war das Echo bescheiden. Technischer Fortschritt, Konsum und Wachstum dienten laut der Propaganda der Public Relations dem nationalen Interesse und standen deshalb nicht zur Debatte.
    Erst Ende der Sechziger Jahre entstand in den USA parallel zur Friedens- und Bürgerrechts-eine große Umweltbewegung, die eine veritable Desinformations-Industrie auf den Plan rief, die die wissenschaftlichen Warnungen, besonders prominent die naturwissenschaftlichen des Club of Rome, aber auch sozialpsychologische wie die von Erich Fromm, komplett übertönte.
    Das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg führte zu mehreren Beinahe-Katastrophen. Die politische Entspannungsphase danach dauerte nicht lange. Das zweite Wettrüsten, das vom ersten neoliberalen US-Präsidenten, dem Republikaner Ronald Reagan, massiv angetrieben wurde, brachte die UdSSR an die Grenze der wirtschaftlichen Belastbarkeit, und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führte schließlich zu ihrem Zusammenbruch. Die damals große Gefahr der globalen nuklearen Vernichtung konnte auch dadurch abgewendet werden, dass die Führung unter dem Reformer Michail Gorbatschow klug genug war, nicht wie einstmals Hitler in einen Weltkrieg zu flüchten.
    Das Ende der UdSSR führte auch zur Erosion sozialdemokratischer Politik in Europa, denn jede noch so zaghafte Form von Sozialismus galt fortan als untaugliches Gesellschaftsmodell. Margaret Thatcher und Helmut Kohl führten in Europa Reagans den Neoliberalismus ein. Gewerkschaften verloren massiv an Einfluss. Die politisch- soziale Emanzipation der 68'er wurde geschickt trivialisiert zu einer Befreiung durch individuellen Konsum. Auch Demokraten und Sozialdemokraten wie Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder blieben konsequent bei der neoliberalen Agenda, denn all ihre linken Ideen wurden von wirtschaftlichen Machthabern blockiert - und deren Profite wuchsen in immer neue Dimensionen.
    Strengere Umwelt- und Sozialgesetze waren kein Problem, denn problematische Produktionen wurden nach China und anderswo ausgelagert. Nationale Rivalitäten waren ausgeräumt, es schlug die Stunde der großen Beschleunigung des Konsums durch Globalisierung, also weitgehender Aufhebung von Handelsschranken. Die Folge war ein ruinöser Wettbewerb um die geringsten Sozial- und Umwelt-Auflagen, die Bildung internationaler Megakonzerne und die Konzentration eines Großteils des Kapitals auf einen kleinen Kreis von Superreichen.

    Doch Staaten sorgen nicht nur in Kriegszeiten für Forschung und Entwicklung. Schon im Kalten Krieg ließen die Mondfahrtprogramme etliche Innovationen abfallen, unter anderem verbesserte Computertechnik, aber auch Weiterentwicklungen von Brennstoff- und Solarzellen.
    In Friedenszeiten wandelte sich die Sinngebung von Innovation in Forschung und Entwicklung endgültig weg vom Nationalinteresse hin zur profitablen Massenproduktion von Konsumgütern. Der Ort des Wettbewerbs war nicht mehr das Schlachtfeld, sondern der globale Markt. Deshalb setzte sich in der Wissenschaftspolitik die Vorstellung durch, dass privater Finanzierung der staatlichen gegenüber der Vorzug zu geben sei. Die "unsichtbare Hand", die über freie Märkte die effektivste Kapitalallokation ermögliche, würde auch mit den profitabelsten "Innovationen" den größten Fortschritt für die Menschheit hervorbringen, so die neoliberale Ideologie.

    Die aktuellen ideologischen Nebelgranaten der Wissenschaftsgläubigkeit sind die Hypes um Klimaanpassung durch grüne Gentechnik und künstliche Intelligenz.

    So ungerecht, wie er organisiert ist, bringt der Markt nur im Ausnahmefall die nachhaltigsten Produkte hervor, und längst nicht einmal die besten für die Verbraucher.

    Mächtige Markt-Akteure haben viele Möglicheiten, nachhaltige und gemeinwohlorientierte Fortschritte zu blockieren oder Forschungsresultate zu unterdrücken, um aus ihrem alten Geschäftsmodell weiter Profite zu generieren. Entweder entwickelt oder kauft sie Patente und lässt sie in der sprichwörtlichen "Schublade" verschwinden, oder sie verhindert die Forschung per politischer Macht (Lobbyismus, Korruption) oder Marktmacht (durch Quersubvention z.B.).
    Wenn Innovationen sich gegen die etablierte Konkurrenz nicht durchsetzen, spricht man nach Clayton Christensen vom Innovator's Dilemma. Wird die gemeinwohlorientierte Forschung unterdrückt, spricht man nach David J. Hess von undone science.
    Je länger jedoch die Konkurrenz eine Innovation unterdrückt, desto disruptiver wird die Umstellung verlaufen. Je länger eine Gefahr ignoriert wird, desto unwägbarer werden die Folgen der Gegenmaßnahmen.

    Ein Ausweg aus dem Innovator's Dilemma ist z.B. die Verstärkung der öffentlich finanzierten, gemeinwohlorientierten Forschung und Entwicklung, oder ein entrepreneurial state nach Mariana Mazzucato. In neoliberalen Staaten ist das Gegenteil der Fall, denn es widerspricht deren Ideologie.
    Buchtip: Mazzucato, M.. The Entrepreneurial State
    pdf-Datei in Open Access: [Mazzucato 2013]

    Gemeinwohlorientierte Forschung stellt ihre Ergebnisse der Allgemeinheit zur Verfügung - sie ermöglicht Fortschritt für die Allgemeinheit oder schützt sie vor Gefahren. Ohne staatlich finanzierte Forschung würden Umwelt-, Klima- und andere Katastrophen ohne Vorwarnung über uns hereinbrechen, und ohne dass wir wissenschaftliche Strategien dagegen entwickeln könnten.
    Gemeinwohlorientierte Forschung findet aber nur statt, solange die Ergebnisse den Mächtigen nicht zu unangenehm sind. Sonst streicht man eben die Mittel, wie z.B. in vielen Instituten der biologischen Taxonomie und der Ökotoxikologie. Eine weitere Art von undone science.
    [Ronzheimer 2018]
    Ich konnte als Student in den 90er Jahren den Abbau des Lehrstuhls für Botanik bei Prof. Patzke an der RWTH Aachen miterleben, der sich mit Pflanzengesellschaften befasste.
    [Wikipedia 2022 - Erwin Patzke]
    Man reduziert gezielt die Ausgaben für bestimmte Forschung und Lehre, und ermöglicht public private partnership, was im Bildungssektor Einwerbung von sogenannten "Drittmitteln" aus der Wirtschaft bedeutet. Natürlich schadet das der grundgesetzlich verankerten Unabhängigkeit von Forschung und Lehre.
    [Wikipedia 2022 - Drittmittel - Drittmittel von Unternehmen]
    Der Anteil an drittmittelfinanzierten Projekten an öffentlichen Hochschulen und Instituten ist entsprechend immer weiter gestiegen, immer mehr Patente werden daraus an private Firmen vergeben. Dabei wurden immer mehr dem Gemeinwohl zuwiderlaufende, fragwürdige Patente vergeben, so z.B. für Tiere und Pflanzen.
    [Verknüpfung]
    Transformative Akteure versuchen, diesem Trend etwas entgegen zu setzen. Die Right Livelihood Award Foundation verleiht seit Jahren den oft so bezeichneten "alternativen Nobelpreis", das Wuppertal Institut seit 2019 den Forschungspreis "Transformative Wissenschaft", usw., das Bundesumweltministerium u.a. den Bundes-Umweltpreis, usw..
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Right Livelihood Award]
    Unter dem Titel "Nachhaltige Wissenschaft" veröffentlichte der BUND 2012 eine kritische Analyse der Forschungs- und Bildungslandschaft. Laut Coautor Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut hat sie zu "einem Aufhorchen in der Politik und im BMBF geführt und mit der Gründung der zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende eine zentrale Fortsetzung gefunden". Von einer "gesellschaftsgetriebenen Wissenschaftspolitik", seien wir aber noch weit entfernt.
    [Verknüpfung]
    [Ronzheimer 2018]

    Der österreichische Ökonom und Kulturwissenschaftler Walter Ötsch spricht im Interview mit Florian Rötzer von einem neoliberalen Erosionsprozess in der Wissenschaft.


    [...] angesichts der kommenden Klimakatastrophe gibt es kein prinzipielles Erkenntnisdefizit. Das Problem liegt in der aktuellen ökonomisierten Gesellschaft, weil der Ort der Produktion eines gesicherten Wissens, der früher die Universitäten waren, durch den Neoliberalismus erodiert ist. Genau wie Sie sagen: Das gilt es wiederherzustellen, aber dafür muss der Strukturwandel durch die Ökonomisierung verstanden werden."
    Walter Ötsch

    Die Biodiversitäts-Krise blieb auch deswegen öfentlich unerkannt, weil Forschungsmittel für ökologische Forschung fehlten. Nachdem jahrzehntelang öffentliche Stellen in der Diagnose der Krise versagten, machten sich Vereine diese Aufgabe zu eigen. Doch dieses Versagen war der neuen FDP-Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger nicht genug. Im Sommer 2022 folgte sie den Sparvorgaben des FDP-Finanzministers und Parteivorsitzenden Christian Lindner und nahm weitere Kürzungen der ökologischen Forschung vor, und in der Sozialforschung gleich mit, u.a. über Rechtsextremismus in Deutschland. Abgesehen davon, dass diese Einsparung im Vergleich zum Beispiel zu fossilen Subventionen der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sind. Stattdessen soll "naturwissenschaftliche Forschung" gefördert werden.
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    Dem großen internationalen Projekt BioTip z.B., an dem die Stelle Forschung Nachhaltigkeit FONA beim BMBF beteiligt ist, wurde vom Ministerium mitgeteilt, es verfolge "neue Schwerpunktsetzungen hin zu Forschungsaktivitäten, die einen schnellen Impact erzeugen". Das habe sie so nicht gesagt, so Stark-Watzinger. Die Gelder sind trotzdem gestrichen, was nicht nur in der Wissenschaft große Aufregung verursacht.
    FONA über BioTip: [Verknüpfung]
    Tagesspiegel: [Verknüpfung]
    Diese Entscheidungen werfen die Frage auf, wo Frau Stark-Watzingers Grenzen "naturwissenschaftlicher Forschung" sind. Förderungswürdig ist für sie jedenfalls Forschung nach Innovation, also wirtschaftlich verwertbarem, privatisierbarem Wissen. Auf gemeinwohl-orientierte naturwissenschaftliche Forschung dagegen kann sie verzichten: "Was die Gesellschaft nicht weiß, macht sie nicht heiß."
    Die Bremse für Forschung über Klima, soziale Gerechtigkeit und Rechtsextremismus ist kein Wunder, gehört Stark-Watzinger als ehemalige Vorsitzende der Hessen-FDP doch zu den bedeutsamsten Adressbuch-Einträgen des AfD-Netzwerkers Tom Rohrböck.

    Auch im Schulbereich ist ein immer größerer Einfluss privater Interessen zu beobachten - zunächst ganz direkt durch Privatisierung und die Vergabe von Drittmitteln. Davon abgesehen gibt es in nahezu allen Schulen einen gravierenden indirekten Einfluss dadurch, dass private Interessen in einer neoliberalen politischen Landschaft gegenüber den Gemeinwohl-Interessen ein sehr hohes Gewicht haben. Viele Lehrkräfte sind selbst Fossilökonomisten, die sich in ihrer als deformation professionelle bezeichneten Berufskrankheit ungern kritisch mit eigenen Überzeugungen auseinandersetzen. Von den anderen jedoch folgen viele im vorauseilenden Gehorsam einem selbst auferlegten Neutralitätsgebot - das es nach dem Beutelsbacher Konsens seit 1976 [sic!] gar nicht mehr gibt.

    Zur Verbreitung des unbedingten Fortschrittsglaubens tragen natürlich auch die Medien maßgeblich bei. Deren Unabhängigkeit wurde genau wie im Bildungssektor durch finanzielle Rahmenbedingungen weitgehend zerstört: zahlungskräftige Werbekunden möchten neben ihrer Anzeige bzw. nach ihrer Werbesendung keinen kritischen Beitrag über sich lesen bzw. hören. Selbst in den meisten öffentlich-rechtlichen Medien wird Werbung geschaltet, außer in den Sendern des Deutschlandradios, der Deutschen Welle und den sogenannten Spartenkanälen - das ist auch da, wo Werbung keine große Reichweite erzielt. Aber selbst diese Qualitätsmedien sind vor einer false balance nicht gefeit: immer wieder verzagen sie angesichts der offensichtlichen Lüge, da dies der Unterdrückung einer politischen Meinung gleich käme. Und so, wie Klimaskeptiker jahrzehntelang ihre Saat des Zweifels vebreiten konnten, lässt man sie weiterhin als Klima- und Artenschutz-Bremser gleichberechtigt neben Experten auftreten.
    Die Journalistin Sarah Schurmann fordert ihre Kolleg:innen in einem viel beachteten Aufruf 2020 zum Umdenken auf.
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    2022 legt sie nach, denn der deutsche "Journalismus kommt nicht hinterher".
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    In den USA ist die NGO endclimatesilence aktiv.
    endclimatesilence:
    Im September 2022 unterstützen ganze 241 Journalist:innen die Charta des Netzwerks Klimajournalismus in Deutschland, eine ähnliche Initiative in Frankreich wurde über 500mal unterzeichnet.
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    Der neoliberale Weltbürger glaubt an den unbegrenzten Fortschritt der Menschheit durch Innovation, die v.a. durch Konsum nach den Regeln des vermeintlich freien Markts befördert wird. Den Wert eines Menschen definiert die neoliberale Gesellschaft über dessen Konsum; Fromm spricht sogar von einem Marktwert des Menschen, der sich z.B. in sexuellem Erfolg und sozialer Anerkennung auszahlt.
    Nicht das Genug-Haben zum Wohl-Sein ist das Ideal. Sondern Wohl-Haben, also Mehr-Haben-als-der-andere, wird zum Lebenszweck. Dass Haben in grotesker Weise zum Heldentum hochstilisiert wird, ist am besten sichtbar in der Werbung. Der Konkurrenzdruck, der damit aufgebaut wird, macht Menschen auf vielfältige Weise krank, ob durch Sucht, Selbstüberforderung, Minderwertigkeitsgefühle, Ausgrenzung etc..
    Durch die Sozialisation bleibt vom Geschlechts- und Selbsterhaltungstrieb mehr oder weniger viel übrig. Toxische Männlichkeit - und genauso auch Weiblichkeit - würde ich als das definieren, was über das ökosozial verträgliche Maß hinausgeht.
    [Wikipedia 2022 - Toxische Männlichkeit]

    Nach dem sozialdarwinistischen Terror der Faschisten und seinen fatalen Folgen galten in der europäischen Nachkriegszeit wieder soziale Tugenden wie Solidarität, Kooperation und Rücksichtnahme als gesellschaftsbildend (neudeutsch "systemrelevant"), und waren damit moralisch erwünscht. Seit den 70er Jahren, wo Ölkrisen und sozialdemokratische Politik in eine wirtschaftliche Stagnation führten, wurden sie allerdings hinderlich für's Geschäft. Der Neoliberalismus verklärte den Konsum zum Motor eines "Wohlstands für alle", und brachte damit die Wirtschaft wieder in Fahrt.
    Schon vor dem Neoliberalismus hatte der Konsum triebhaften, bis in die Sucht gesteigerte Züge angenommen. Dieser narzisstische Irrsinn ist undenkbar ohne einen Wettbewerb um die vermeintlich wertvollsten Insignien dieses "Wohlstands", die letztlich alle dem Fortpflanzungserfolg dienen. Ohne Gewinner und Verlierer gibt es keinen Wettbewerb - für den sozialen Frieden sorgt am Ende, dass auch die Konsumbedürfnisse der Verlierer befriedigt werden.
    Wenn der Wert eines Konsumprodukts nicht den Vorstellungen des Produzenten entspricht, lässt dieser sich durch angewandte Psychologie deutlich steigern - die Bewerbung von Marken ist ein zig-Milliardengeschäft.

    Wie sehr dagegen in einem egalitären System die Motivation leidet, konnte man im Niedergang des Ostblocks beobachten, was von neoliberalen Eliten auch immer wieder und auch zu Recht als abschreckendes Beispiel genutzt wurde.

    Bezeichnend für die neoliberale Gesellschaft ist das permanente Verschieben moralischer Freiheitsgrenzen. Welche Rolle moralische Maßstäbe dabei spielen, lässt sich an vielen Beispielen studieren.

    Ein zumindest kurzfristig sehr erfolgreicher Protagonist war der Big-Brother- Teilnehmer Christian ("Nominator") Möllmann mit seinem Titel "es ist geil, ein Arschloch zu sein".
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Christian Möllmann]

    Kais Harrabi diskutiert die problematische Rolle von Bekleidungsmarken in der Frage sozialer Zugehörigkeit und Klassengesellschaft.
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    Viele Menschen gehören nicht [in unsere Kleidung], und sie können nicht dazugehören. Sind wir ausgrenzend? Auf jeden Fall.
    Mike Jeffries (Chef der Bekleidungsmarke Abercrombie & Fitch)
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    Die folgenden Werbeanzeigen sind exemplarisch für die Narzissmus-Kultur der 2010er Jahre. Die Globalisierungsgewinne erreichen einen neuen Höhepunkt, die großen Märkte sind stabil, die Finanzkrise ist überwunden, die erste breitere Klimadebatte der Nuller Jahre wurde darüber wieder vergessen, und die moralische Vertretbarkeit der Lieferketten wird nicht in Frage gestellt.
    Unter den Folgen dieser fundamentalen Gesellschaftskrankheit des Neoliberalismus werden die nächsten Generationen furchtbar leiden.

    Mit dem Fortschrittsglauben hat sich nur eine neue Lesart des Wohlstandsevangeliums entwickelt: "das Leben wird von Generation zu Generation immer besser", und im Grunde lag und liegt dieser festen Überzeugung die Annahme zugrunde, dass Gott seine irdische Gunst nur den wahren Christen erweise, und zwar in Form von Wohlstand. In Konsequenz zum Selbstverständnis als "Krone der Schöpfung" und dem alttestamentarischen Auftrag "macht Euch die Erde untertan." Dabei wurde zwar immer mehr soziale Rücksichtnahme auf benachteiligte Menschen durchgesetzt - aber in Europa immer nur lokal, und die Ausbeutung wurde dafür zum Globalen Süden hin externalisiert. In den USA hat sich die systemischen Unterdrückung von Afroamerikanern, Latinos und Asiaten in bestimmten Aspekten bis heute erhalten.
    Die Gräuel des Faschismus hatten den zugrundeliegenden Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts weltweit in Verruf gebracht. Der abendländische Konservativismus wandte sich damit vom Materialismus ab und wieder einem friedvollen Christentum zu. Während linke Kräfte die institutionellen Religionsgemeinschaften als einen Grund des Übels wahrnahmen, entwickelte sich mit dem späteren Neoliberalismus in immer größeren Kreisen des konservativen Spektrums nach und nach eine zunehmende Religionsferne. Das Wohlstandsevangelium hat auch diese Entfremdung überlebt - zuerst nicht als materialistischer, aggressiver Sozialdarwinismus, sondern als psychisches Konstrukt. Auch unter Esoterikern und selbst Atheisten findet sich weit verbreitet die Gerechte-Welt-Theorie: der quasireligiöse Glaube an eine höhere Macht, deren "unsichtbare Hand" jedem zukommen lässt, was er verdient.
    [Wikipedia 2021 - Gerechte-Welt-Glaube]
    Wer Misserfolg hat, für den gilt: "selbst schuld". Wenn jemand anders dafür mitverantwortlich ist, kommt es nach diesem Konstrukt zur Täter-Opfer-Umkehr, zum victim blaming.
    [Wikipedia 2021 - Victim Blaming]
    Die Psychologen Melvin Lerner und Leo Montada haben anlässlich einer Konferenz an der Universität Trier 30 Jahre psychologischer Forschung zu diesem Thema zusammengetragen.
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    Skrupellose Egomanen wie die Filmfigur Gordon Gecko aus Wall Street sind für Finanzberater wie Robert Pagliarini zu Vorbildern geworden. Geckos Vorlage, Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte, sollte seinerzeit Abscheu hervorrufen.
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    Wenn versucht wird, Neoliberalismus mit derartigen Vorstellungen ethisch zu rechtfertigen, kann man schon von einer Quasireligion sprechen. Ein gutes Beispiel liefert die Präsidentin des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft Irina Kummert, die im DLF-Interview ethische Aspekte der Freigabe von Corona-Impfstoff-Lizenzen recht eigenwillig diskutiert.

    Der technische Fortschritt wurde bis 2020 kaum durch Ressourcenbegrenzung gebremst. Doch die Frist, die zuerst der Club of Rome und später andere bis zur Erschöpfung der planetaren Ressourcen berechnet haben, läuft gerade ab.
    Dass die Wissenschaften darüber so gut bescheid wissen, ist der Tatsache zu verdanken, dass neoliberale Politiker es bisher nicht geschafft haben, die Mittel staatlicher Umweltforschung komplett zu steichen. Zwar wurden z.B. Versuche unternommen, Klimaforschung zu verhindern, z.B. unter den US-Präsidenten Reagan und Trump, und das hat die Aufklärung über die Klimakrise in fataler Weise verzögert. Das Eintreffen der Prognosen wird für viele deshalb leider gerade erst erkennbar.

    Und leider längst nicht einmal für alle. Der Kölner Bischof Kardinal Woelki bezeichnet Klimaschutz als "Ersatzreligion". Diese Sichtweise teilt er mit einigen Politikern der CDU. (Deren prominente Vertreter mittlerweile auffallend oft in Skandalen von Korruption (Machtmissbrauch) verwickelt sind. Auch Woelki ist mit schweren Vorwürfen konfrontiert - nämlich zunächst der Vertuschung im Missbrauchsskandal.) Nach seiner fünfmonatigen Auszeit sieht er sich mit einem Finanzskandal konfrontiert: um mehr Einfluss auf die katholische Lehrerausbildung zu bekommen, übernahm er 2019 die Trägerschaft der "Hochschule für katholische Theologie" in Köln mit acht Professorenstellen, die vorher vom ultrakonservativen Orden der Steyler Missionare betrieben wurde. Angesichts der Irritationen über die Finanzierung, die von Rom nicht unterstützt wird, ist Woelkis Generalvikar Hofmann 2022 zurückgetreten.
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    Die Steyler Missionare waren mindestens in zwei der größten Korruptionsskandale der CDU verwickelt: 1981 die Flick-Affäre und 1999 die "Bimbes-" Affäre von Helmut Kohl.
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    Mit all dem stellt sich Woelki und die christlich-demokratische Union gegen den Papst, der 2015 mit seiner Enzyklika Laudato si' in (nach katholischer Lesart unfehlbarer Weise) die Verantwortung skrupelloser Menschen für die ökologische Krise beklagt hatte. Bergoglio hat das Problem zwar erkannt und benannt, kann sich jedoch nicht gegen die rechtskonservative Kurie durchsetzen.
    [Wikipedia 2021 - Laudato si']


    Diese Wirtschaft tötet.
    Jorge Mario Bergoglio (Papst Franziskus)

    In der Deutschen Bischofskonferenz konnten sich die reaktionären Kräfte um Kardinal Woelki - in seinem Bistum liegt die deutsche Prälatur von Opus Dei - bisher allerdings nicht durchsetzen. Viele andere Bistümer und kirchliche Organisationen stellten sich schon früh auf die Seite der Fridays-for-Future-Demonstranten.
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    Aber auch unabhängig von den Jugendprotesten positionieren sich hohe Kirchenvertreter eindeutig für nachhaltige Klimaschutz-Maßnahmen und sparen auch nicht an Kritik der bisherigen Politik - das kann nicht als "Weiter-So" interpretiert werden.
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    Die letzte Stufe des Fossilökonomismus wurde - nach vielen entmutigenden Erfahrungen fossiler Gegenwehr - 2007 vom Club-of-Rome-Protagonisten Dennis Meadows vorausgesagt: jetzt, wo die lange geleugnete drohende Katastrophe endlich anerkannt werden muss, kommt es in bestimmten konservativen Kreisen zum Fatalismus. So beklagt 2021 z.B. der Philosoph Wolfram Eilenberger eine "Hybris" der Klimabewegung, ihr fehle es zudem an "transzendentalem" Bezug.
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    Abgesehen davon, ob ich mich damals getraut hätte. Aber mit Wolfram Eilenberger hätte ich sicher keine französische Revolution, Abolition, Gewerkschaftsgründung etc. bestreiten wollen. Von Hybris zu sprechen, wenn Aktivisten überlegen, wie sie nach Jahrzehnten der Warnungen aus der Wissenschaft die nicht enden wollende Selbstvernichtungs-Orgie der weißen Patriarchen stoppen können, ist für mich eine totale Verdrehung. Im Gegenteil ist gerade die Ausbeutung von Mensch und Natur seit den Zeiten von Kolonialismus und Sklaverei Zeugnis einer Hybris allerhöchsten Grades. Sie hat ihre gesellschaftlichen Ursprünge in der religiösen Legitimation des vermeintlich christlichen Blutadels, und zwar seit Konstantin dem Großen. Dieser Schritt hat dem Christentum jegliche Transzendenz seiner Ursprünge vollständig ausgetrieben. Die Calvinisten haben den Blutadel nur durch den Geldadel ersetzt.

    Andere, vornehmlich radikale Rechtskonservative suchen die Flucht nach vorn. Besonders in den USA wird die Fortschrittsideologie von neolibertären Kreisen vertreten, oft verbunden mit fundamental-christlichen Motiven von Gottes erwähltem Volk. Hier können die Konservativen seit Jahrzehnten die Forderungen der Umweltbewegung als linke Ideologie abtun. Weil sie vom politischen Gegner kommen, können sie in ihren Augen nicht gerechtfertigt sein.
    "Gott ist mit den Tüchtigen", so könnte man es auch vom Ober-Klimaskeptiker Trump hören, der sich mit der Bibel während der Antirassismus-Demonstrationen beim Weißen Haus präsentiert, und sich im Wahlkampf von Evangelikalen als Messias feiern lässt - Wohlstandsevangelium extrem.
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    Während Trump auf der Bühne von prominenten Freikirchlern umringt ist, die mit verzückter Mine ihre segnende Hand zu ihm ausstrecken, dichtet Pastor Jentezen Franklin aus Gainesville aus dem Off in Variation von Trumps Wahlspruch MAGA: "God bless our President Donald Trump. [...] God is great in America again. In Jesus' name we pray, Amen."
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    Video: [Verknüpfung]
    Die Journalistin Annika Brockschmidt analysiert den politischen Einfluss der Evangelikalen und ihre fundamentalchristlichen, rassistischen Wurzeln. Der russisch-orthodoxe Diktator Wladimir Putin wurde in diesen Kreisen bis vor dem Ukraine-Krieg wegen seiner autoritäten, fundamentalchristlichen Politik geschätzt. Brockschmidt spricht zusammenfassend von einer "religiösen Rechten", mit großer Überschneidung zu Christian Stöckers "globalen Rechten".
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    Mit Panikmache vor dem kommunistischen Niedergang motivierte Donald Trump, der sich kurz zuvor mit der Bibel in der Hand an derselben Stelle den Anti-Rassismus-Demonstranten präsentierte, einen faschistischen Mob zum Sturm auf das Kapitol.

    Der Neolibertarismus ist längst über den Atlantik nach Europa geschwappt und steht in der Radikalität des Denkens dem US-Vorbild kaum nach - allerdings schon noch in der Breite der gesellschaftlichen Unterstützung. Die Alt-Right-Wählerschaft in den USA rekrutiert sich bereits aus der Mitte der amerikanischen Bürgerschicht und ist mehrheitsfähig, während die Wählerschaft der deutschen AfD bei Weitem nicht deckungsgleich mit der neolibertären Elite der rechten Brandstifter:innen ist.
    Eine zentrale Figur in Deutschland ist der rechtskonservative Milliardär August von Finck junior, der neben der CSU mehrere rechte Parteien finanzierte, zuletzt die AfD.
    Die Familie von Finck zählt zu den gewichtigsten Förderern und Profiteuren des Nationalsozialismus. August von Finck senior vergrößerte sein Vermögen durch die Arisierung jüdischen Vermögens (u.a. von Rothschild und Dreyfus), die im direkten Zusammenhang mit dem Völkermord an den Juden steht. Von Finck junior spielt 2010 bei der Namensänderung seines Goldhandels ganz bewusst mit der schweren historischen Belastung seiner Bank.
    Zitat Wikipedia: "Von Finck erwarb [2010] die Namensrechte für den Namen des Konzerns Degussa, um diesen für seinen Goldhandel zu nutzen (Degussa [Sonne/Mond] Goldhandel). Bei Degussa handelt es sich um einen historisch belasteten Namen, die Degussa lieferte über Tochterfirmen Zyklon B für die Gaskammern der Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. In den Schmelzöfen der Degussa wurde weiterhin das Zahngold eingeschmolzen, das den vergasten Juden herausgebrochen wurde." Zitat Ende. Außerdem wurden Gefangene aus Ghettos und KZ zur Zwangsarbeit genötigt. Die Goldbarren mit dem alten Degussa-Logo lässt die Namensnachfolgerin vom Partner-Metallkonzern Umicore prägen.
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    [Wikipedia 2020 - August von Finck junior]
    [Wikipedia 2022 - Degussa - Verkauf der Markenrechte für den Edelmetallhandel]
    [Wikipedia 2022 - Degussa Sonne/ Mond Goldhandel]
    [Konicz 2018]
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    Die Degussa Goldhandel war es auch, die im Auftrag der AfD DM-Münzen verkaufte. Zu den so generierten Einnahmen von 2 Millionen Euro musste der Staat wegen des Parteiengesetzes weitere 2 Millionen zuschießen, bis 2015 das Gesetz geändert wurde.
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    Von Finck starb 2021. Er hatte vier Kinder, die sein Erbe antreten, und durch vielfältige wirtschaftliche und politische Einflusnahme einen großen Wirkungskreis.
    Die Engagements des Partner-Konzerns Umicore sind ein Indikator für die ganz großen Geschäfte der Zukunft: ehemals Katalysator-Materialien, jetzt Brennstoffzellen, Silizium, Seltene Erden. Dieser Konzern bereitet sich wie alle anderen auf die Energiewende vor. Gleichzeitig wird die Verschwörungstheorie verbreitet, die Energiewende sei von sinistren Geldgebern gesteuert.
    [Wikipedia 2022 - Umicore]
    Sicher einer der engeren Vertrauten aus Von Fincks Wirkungskreis ist Dr. Markus Krall, Mitglied und Sprecher der Geschäftsführung bei Degussa Goldhandel. Krall ist als Autor mehrerer Wirtschafts-Sachbücher nicht nur in der Szene prominent, seine Bücher schafften es teilweise in die Spiegel-Bestsellerliste; er gehört zu den Autoren des rechtskonservativen Magazins Tichys Einblick.
    In einem offensichtlich gestellten Interview auf dem Youtube-Kanal Grosse Freiheit TV stellt Krall Klimaschutz in die Tradition von "nationalem und internationalem" Sozialismus - er spricht von "Klimasozialismus". Er zeichnet ein mittelaterlich-religiöses Fratzenbild von teuflischen Klimaschützern und spricht ihnen die Menschlichkeit ab. Weiter bedient er sich bei höchst umstrittenen antisemitischen Theorien. Es lohnt sich deshalb, näher hinzuschauen.

    Zuerst definiert Krall Sozialismus.

    "Der Sozialismus nährt sich von der Substanz, die der Kapitalismus und der Fleiß der Menschen schafft, installiert dann sein System der Ausbeutung und der Machtergreifung und der Umverteilung, nicht von [...] oben nach unten, sondern von allen an die herrschende Klasse des Funktionariats, wenn Sie so wollen, und führt dann die Gesellschaft schrittweise in den Untergang und die Barbarei. [...]
    Wenn [der Philosoph Richard Precht] über seine Liebe zu Verboten redet, dann weiß ich ganz genau, dass der neue Sozialismus das gleiche Antlitz hat wie der alte, und dass das kein menschliches ist, sondern die Fratze des Bösen. Der Sozialismus, um da einmal überhaupt kein Missverständnis aufkommen zu lassen, hat kein menschliches Gesicht; er kann sich eine Maske aufsetzen, das tut er auch regelmäßig, wenn er versucht an die Macht zu kommen. [...] In Wahrheit ist der Sozialismus ein menschenfeindliches, ideologisches Konstrukt, dessen Zielbild mit dem Wohl des Menschen überhaupt nichts zu tun hat. [...]
    Der Sozialismus hat in der Vergangenheit, in der Geschichte sich immer als Zerstörer von Wohlstand und Wohlfahrt des Volkes erwiesen, und der ist in aller Regelmäßigkeit im Völkermord gemündet [...], der nationale Sozialismus wie auch der internationale Sozialismus.

    Der nationale Sozialismus und der internationale Sozialismus unterscheiden sich vornehmlich in der Frage, wer beraubt und ermordet werden soll, und nicht, ob beraubt und ermordet werden soll. Beide Konzepte sind im Grunde Zwillingsbrüder, eigentlich siamesische Zwillinge, die viel mehr miteinander verwandt sind, als den meisten Menschen klar ist. [...] Wer also heute noch dem Sozialismus, die sich als völkermörderischste Ideologie aller Zeiten erwiesen hat, das Wort redet, weiß entweder nicht wovon er redet, dann ist er ein nützlicher Idiot - oder er weiß wovon er redet, dann ist er ein Verbrecher. [...] Die Nationalsozialisten haben im Grunde genommen genauso ein kollektivistisches System installiert, bei dem [...] das Individuum unterdrückt wurde wie die Sozialisten, oder die internationalen Sozialisten. Die haben genauso 'ne Planwirtschaft errichtet als Kriegswirtschaft wie die Kommunisten in Russland. Sie haben die Meinungsfreiheit genauso unterdrückt wie die Kommunisten, sie haben die Demokratie abgeschafft genauso wie die Kommunisten, sie haben Völkermord betrieben genauso wie die Kommunisten."

    Dann rechnet er vor, dass der Sozialismus mehr Tote verursacht hat als der Nationalsozialismus, und kommt zu dem Schluss:

    "Das sind beides im Grunde genommen sozialistische Phänomene gewesen, die den Krieg gebraucht haben, um ihren kollektivistischen Raubzug zu rechtfertigen."

    Nochmal zum Mitschreiben: der Geschäftsführer einer Firma, deren Kapital u.a. auf Arisierungsgewinnen basiert, die ihren international bekannten Markennamen von einer Firma gekauft hat, die mit Zwangsarbeit, Zyklon B und Zahngold Profite gemacht hat, die über den Goldhandel-Skandal an der Finanzierung der AfD beteiligt ist, sagt also: der Nationalsozialismus ist nur eine Form von Sozialismus, und Sozialismus ist böse und völkermörderisch. Keine Rede davon, dass Kapitalisten wie der Vater des Inhabers seiner Firma genau dieses völkermordende Nazi-System unterstützt hat. Keine Rede davon, dass die autoritären Kräfte, die unverblümt Drohungen gegen Politiker, Kultur- und Medienschaffende aussprechen, in der AfD immer lauter werden. Kurz: eine völlige Verdrehung der Tatsachen, eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.

    Viel naheliegender ist für mich eine umgekehrte Sichtweise: Eva von Redecker erklärt am Beispiel des Z-Faschismus im Ukraine-Krieg, dass der real existierende Sozialismus wie der westliche Kapitalismus auf patriarchaler Aneignung basierte, sie spricht von Staatskapitalismus.

    Krall betreibt damit in meinen Augen Volksverhetzung.

    Warum der Sozialismus nicht funktioniert, ist für Krall schnell erklärt:

    "Erstens kann er nicht funktionieren, weil der Sozialismus kein Konzept hat, um Ressourcen an die für Ziele notwendige Stelle zu rücken. [...] Im Kapitalismus ist die Freiheit und die Entscheidung des Einzelnen das, was die Allokation der Ressourcen an ihren Verwendungsort bestimmt, und im Sozialismus ist der Plan einer Zentralbehörde und weniger Menschen dann das, was die Allokation der Ressourcen bestimmt."

    Dass der kapitalistische Weltmarkt in seiner heutigen Form aus Gründen der Marktverzerrung voller Ungerechtigkeiten ist, wodurch sich gar kein Wettbewerb der besten Lösungen entwickeln kann, sagt er nicht. Ob die gegenwärtige ökologische Krise überhaupt existiert, lässt er bewusst offen. Er sagt natürlich auch nicht, dass Spitzenökonomen längst nachgewiesen haben, dass sie durch das größte Marktversagen der Menschheitsgeschichte verursacht worden ist.
    Als nächstes rechnet Krall mit der neuesten Form, dem "Klimasozialismus", ab, wie er die wissenschaftlich fundierten Zukunftsmodelle von Klimaschutz nennt. (Die er en passant als Spinnerei abtut: "Was natürlich aber sowieso nie passieren wird, weil kein anderes Land der Welt so dämlich ist wie die deutsche Politik zur Zeit, das wird einfach nicht passieren.") Dazu rechnet er zuerst die Umweltschäden durch den Ostblock-Sozialismus gegen die des Kapitalismus auf. Da der Sozialismus beim Schaffen von Wohlstand eindeutig versagt habe, sei er auch ungeeignet für die vermeintlichen Aufgaben von Klimaschutz.
    Und jetzt wird es religiös-fundamentalistisch: Krall malt für die Zukunft der Welternährung einen sprichwörtlichen klimasozialistischen Teufel an die Wand - im diametralen Widerspruch zur Lehrmeinung der Erdsystemforscher, und das ohne jeden Beleg:

    "Ohne Industrie und industrielle Landwirtschaft haben wir hier eine Landwirtschaft auf dem Planeten, die maximal zwei Milliarden Menschen ernähren kann. Wir sind aber acht Milliarden. Das heißt also, dieses Programm [der "Klimafuzzis"] verurteilt sechs Milliarden Menschen zum Hungertod. Und zwar ohne jede Frage. Das Programm, wie es jetzt da steht, ist in sich schon genozidal. [...] Die Message: Wir wollen jede Industrie auf den Prüfstand stellen, und alles was irgendwie mit dem Klima kollidiert, muss weg, und das Ergebnis wären sechs Milliarden Hungertote. [...] Der Klimasozialismus, der ist schon in seinen Anfängen, wo er noch gar nicht die Macht ergriffen hat, die mit Abstand genozidalste, übelste und teuflischste Variante aller Sozialismus-Formen der Geschichte, er sagt "naja, dann sind wir halt sechs Milliarden zuviel."

    Er verschweigt nicht nur, dass die globale Überbevölkerung von Rechtskonservativen als Hauptursache ökologischer Krisen angeführt wird. Er behauptet sogar, die Idee des schwedischen Ökonomieprofessors Magnus Söderlund (Stockholm School of Economics) von Kannibalismus als Klimalösung gehöre zum Gedankengut der Klimaschutzbewegung. Dabei könnten dessen Ideen auch aus rassistischem, rechtem Gedankengut entspringen - zumindest haben Nazis aus den Leichen von KZ-Opfern Seife hergestellt.
    Krall weiter:

    "Was zurückbleiben wird, ist eine in Verteilungskämpfen und Kriegen ausgezehrte und ausgemergelte Ökologie, in der die Menschheit nicht überleben kann. Und das ist letzten Endes auch immer schon das Ziel des Sozialismus gewesen. Ich habe letztes Jahr an diesem Ort hier ein Interview gegeben zu dem Vortrag, den ich letztes Jahr hier gehalten habe über Igor Schafarewitsch, der aus einer Vielzahl von Quellen gezeigt hat, dass der Genozid und die Vernichtung der Menschheit schon immer die eigentlichen Ziele des Sozialismus waren. Sozialismus hat mit Menschenfreundlichkeit nichts zu tun, er ist ein menschenfeindliches, ideologisches Konstrukt und eigentlich die Antithese des Menschlichen."

    Mit dem Mathematiker und Hobby-Historiker Schafarewitsch, der die russische Oktoberrevolution als eine Verschwörung kleiner antirussischer jüdischer Gruppen bezeichnet, zitiert er einen Antisemiten. Schafarewitschs Theorie zählt damit zum Narrativ der jüdisch-sozialistischen Weltverschwörung - ein Narrativ der Rechtsextremen.
    [Wikipedia 2021 - Igor Rostislawowitsch Schafarewitsch - Politisches Wirken]
    Zwischen Manchester-Fundamentalkapitalismus und Sowjet-Kommunismus gibt es ein breites Spektrum von Möglichkeiten einer ökosozialen Marktwirtschaft. Kralls Schwarz-Weiß-Malerei negiert jeglichen wissenschaftlich-technischen und sozialen Fortschritt, und negiert die enormen Effizienzpotentiale fleischreduzierter Ernährung. Neue Ideen und Technologien wurden jahrzehntelang durch monopolistische Industriepolitik und marktverzerrende Rahmensetzungen und Subventionen blockiert. Die fossilökonomistische Gleichsetzung von Industriealisierung mit Abgasentwicklung aus Schloten und Auspufftöpfen entstammt dem 19. Jahrhundert. Hier versucht ein Interessenvertreter der fossilen Profiteure den nachhaltigen Fortschritt zu verhindern, indem er arrivierten Wohlstandsbürger:innen Angst vor der Zukunft macht. Die Zukunftsängste der jungen Generation sind ihm gleich.
    Spätestens wenn Krall auf dem Höhepunkt des Interviews Klimaschützern die Menschlichkeit abspricht, überschreitet er die Grenze zur Volksverhetzung: Entmenschlichung ist eine hinreichend erforschte Methode faschistischer Extremisten, von den Nazis bis zur RAF, zur Ausschaltung des Gegners.
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    Nachdem Krall seine faschistoide Munition verschossen hat, widmet er sich im letzten Kapitel seiner Ausführungen der Bürokratie.

    "Bürokratie muss wachsen, weil sie sonst [...] den wachsenden Verteilungskampf, den sie selbst befeuert hat, nicht mehr befriedigen kann und die Unzufriedenheit die Herrschenden dann hinwegfegt. Deswegen wächst die Bürokratie an, bis sie alle Ressourcen usurpiert hat, und die Produktivität der Volkswirtschaft in den Sinkflug und damit in den Sturzflug übergeht [...] und die dann erstickt, den Wirt umbringt. Ja, das ist der Sozialismus."

    Damit trifft er natürlich einen populistischen Nerv - niemand würde ernsthaft bezweifeln, dass deutsche Bürokratie ein überbordendes Problem darstellt. Aber über die Wachstumszwänge durch die Verschuldungskrise einfach so hinwegzugehen, ist schon arg monokausal gedacht, und auch wieder im Widerspruch zur wissenschaftlichen Lehrmeinung.
    Zum Schluss kommt das neolibertäre Glaubensbekenntnis und ein Aufruf zur bürgerlichen Revolution.

    "Ich habe aber die Hoffnung, dass unsere Aufklärungsarbeit und die aus ihrer Schale ausbrechenden und aufbrechenden Libertären, dass wir genug sein werden und viele sein werden, die den Deutschen dann sagen: „Da gibt's eine andere Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht der leichte Weg, nicht der breite Weg, der zum Verderben führt, der schon in der Bibel beschrieben ist. Dieser Weg ist steil und steinig, aber er führt auf den Gipfel und nicht ins Tal. Und dieser Weg heißt Freiheit.“ Freiheit, Marktwirtschaft, Eigenverantwortung, Fleiß - die Tugenden der Marktwirtschaft. Und wenn wir es schaffen, diese Krise dafür zu nutzen, den Menschen das wieder zu verdeutlichen, und auf den Trümmern dieses gescheiterten Parteienstaates ein neues Gemeinwesen zu errichten, dann haben wir die absolut besten Zeiten vor uns, die wir uns überhaupt vorstellen können."
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    In seinem Buch "Freiheit oder Untergang" bedient Krall sich weiter bei christlich-fundamentalistischen Motiven, z.B. der Apokalypse des Johannes.
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    Der Antisemitismusforscher Michael Blume sieht bei Krall eine gefährliche Verbindung zwischen Rechtskonservativismus und christlichem Fundamentalismus, mit der auch Alt Right in den USA große Erfolge erzielt.
    Der Soziologe Andreas Kamper hat sich mit der Analyse dieser Tendenzen und die Verbindungen zur AfD verdient gemacht, denn das Thema wird bisher (Januar 2022) von den Medien totgeschwiegen. Nach Kemper vertritt Krall die Ideologie des Ludwig-von-Mises-Instituts, das 2012 gegründet wurde von Thorsten Polleit, dem Chefökonomen bei Degussa Goldhandel, und mit dem amerikanischen Alabama-Institut verbunden ist. Es beruft sich auf den Ökonomen Hans-Hermann Hoppe, einen Kritiker der Demokratie, der "Freiheit statt Demokratie" fordert. Diese Ideologie bezeichnet sich selbst als "Anarcho-Kapitalismus" oder "Paläo-Libertarismus". (Noam Chomski spricht von einer unzulässigen Aneignung des Libertarismus-Begriffs - dieser sei mit Kapitalismus unvereinbar. Thomas Piketty spricht von "Proprietarismus".)
    Nach Hoppe sei die derzeitige Demokratie eine Ochlokratie, eine "Herrschaft der Minderwertigen" (eine solche Sprache benutzt auch der AfD-Faschist Björn Höcke). In "die bürgerliche Revolution" sagt Krall eine links-islamistische Revolution voraus, der mit einer schnellen konservativen Konterrevolution begegnet werden müsse. Die Waffengesetze sollen dafür gelockert werden. Das Wahlrecht gelte danach nur noch für eine Elite mündiger Leistungsträger, die nicht auf staatliche Unterstützungsleistungen jeder Art (dazu zählt er auch die Subvention ihrer Arbeit) angewiesen sind.
    Tomasz Froelich, Assistent des (gemäßigten) AfD-Vorsitzenden Hans-Georg Meuthen, hat vor dem EU-Parlament zusammen mit Markus Krall referiert. Er bekam wie Markus Krall die Roland Baader-Auszeichnung, in der Jury saß Degussa-Chefökonom Thomas Polleit. Froelich verlangt u.a. die völlige Privatisierung des Bildungssektors und die Legalisierung von Kinderarbeit, Zitat: "Man kann sich ja auch Lesen selber beibringen an einer PlayStation."
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    [Wikipedia 2022 - Hans-Hermann Hoppe]
    Das erinnert an die Absprache mit dem Priester, den das Sprichwort dem König in den Mund legt:


    Halt' du sie dumm, ich halt' sie arm.
    Sprichwort
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    Das Bündnis eines Teils der Elite mit dem Mob ist eine Voraussetzung des Faschismus. Vor unseren Augen wird dieses Bündnis geschmiedet.
    Hannah Arendt
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    Was Krall so gefährlich macht: er hat in bürgerlichen Kreisen ein großes Publikum. Seine Bücher stehen auf der Spiegel-Bestsellerliste, er schreibt für die bei konservativen Bildungsbürger:innen salonfähigen Blätter Tichys Einblick und Cicero, ja selbst für das liberalkonservative Massenblatt Focus.
    Roland Tichy hat zu Krall offenbar einen sehr kurzen Draht; er ließ sich durch Krall auf einem Vortragsabend von Pro Mittelstand Hamminkeln kurzfristig vertreten, was im Publikum für Applaus, in der lokalen CDU aber auch für Proteste sorgte.
    [Verknüpfung]
    Krall bewegt sich in denselben Kreisen wie die CDU-Mitglieder Hans-Georg Maaßen und Max Otte, dem Vorsitzenden der Werte-Union, von der sich Parteioffizielle aber zunehmend distanzieren, während Maaßen noch in der letzten Bundestagswahl als Direktkandidat aufgestellt wurde. Auch die offizielle Distanzierung vieler CDU-Mitglieder beendet nicht den Einfluss dieser Gruppierung.
    [Wikipedia 2022 - Werte-Union]
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    Ein Treffpunkt bürgerlicher Rechtskonservativer ist das Neue Hambacher Fest, das seit Jahren von Max Otte organisiert wird. 2018 und 2019 lud er Krall als Redner ein, und lobt dessen Buch "die bürgerliche Revolution": "ein Reformprogramm für Deutschland – umfassend, durchdacht und auf den Punkt gebracht." Anlass für den die Stiftung Hambacher Fest 1832, dem entgegenzutreten.
    [Verknüpfung]
    Ulrich Riem hat sich für die Stiftung eingehend mit Krall beschäftigt und seine Argumente widerlegt. Seine Analyse ist alarmierend. Die Rollen von Otte und Krall in einem Interview mit Tichy bezeichnet er als "Biedermann" und "Brandstifter".
    Teil 1: [Verknüpfung]
    Teil 2: [Verknüpfung]
    Teil 3: [Verknüpfung]
    Otte hetzte bei der Diskussion um Hans-Georg Maaßens Verharmlosung der Menschenjagd in Chemnitz von "Meinungsterror" und bei der Coronapolitik von "Diktatur". Dies und Ottes Vorsitz der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung seit 2018 hat der CDU nicht für ein Parteiausschluss-Verfahren gereicht, wohl aber Ottes Kandidatur auf das Amt des Bundespräsidenten für die AfD 2021.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Max Otte]
    Otte ist Anglikaner und steht damit zumindest fundamentalchristlichen Einstellungen sehr nahe.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Krall und Otte gehören zu einer neokonservativen wirtschaftspolitischen Elite, und da ist ein Draht zur FDP natürlich auch nachvollziehbar. Die Hessen-FDP hatte 2021 einen Skandal um den vielfach in der rechten Politik-Szene vernetzten Politikberater und Medienunternehmer Tom Rohrböck, der Spitzen der Hessen-FDP mit der AfD zusammenbrachte. Darin war in erster Reihe die Vorsitzende Bettina Stark-Watzinger verwickelt. Die Partei grenzte sich gegen Rohrböck ab, belohnte jedoch Stark-Watzinger noch im gleichen Jahr mit dem Bundes-Bildungsministerium.
    Zeit: [Verknüpfung]
    Strg-F beim öffentlich-rechtlichen youtube-Kanal funk:[Verknüpfung]
    vice:[Verknüpfung]

    2018 hat Max Otte mit Prof. David Engels (Université Libre de Bruxelles) die Oswald Spengler Society gegründet. Spengler warnte 1922 in seinem Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes" vor der Rache der ehemaligen Sklaven und Ausgebeuteten, und ruft zur Entscheidungsschlacht für das westliche Abendland, zur "konservativen Revolution". Er begrüßte die Machtergreifung Adolf Hitlers mit den Worten: "Niemand konnte die nationale Umwälzung mehr herbeisehnen als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tag an gehaßt, als den Verrat des minderwertigen Teils unseres Volkes an dem starken, unverbrauchten, der 1914 aufgestanden war, weil er eine Zukunft haben konnte und haben wollte."
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Oswald Spengler]
    Auf der Internetseite der Oswald Spengler Society diskutiert Otte zum Thema Humanevolution die Parallelen zwischen Darwin und Spengler, und spannt den Bogen von der Soziobiologie zum Darwinismus. Dabei umkreist er den Begriff Sozialdarwinismus, ohne ihn explizit zu nennen. Sein Fazit: "In fact, where Charles Darwin is mentioned, a second name should appear whenever predecessors of modern sociobiology are discussed in the case of human societies: Oswald Spengler."
    [Verknüpfung]
    Darwin musste seine Theorie gerade gegen den christlichen Konservativismus durchsetzen, gegen Leute wie Spengler, Engels, Otte und Krall. Dass er heute von Fundamentalchristen vereinnahmt wird, ist eine unglaubliche Verdrehung, die bei Biologen bestenfalls Belustigung, in meinem Fall jedoch noch tiefere Abscheu provoziert.

    Einer von Kralls Coautoren und Videoblog-Partner, der umstrittene Börsen-Guru und Great-Reset-Verschwörungstheoretiker Florian Homm, zeigt ebenfalls Nähe zu christlichem Fundamentalismus. 2016 schrieb er das Buch "Die Botschaften der Barmherzigkeit der Jesusmutter Maria für die Welt".

    Wer noch mehr fundamentalchristliche Verbindungen zu extremen Verschwörungsnarrativen sucht, findet sie sogar in hohen Kreisen des Vatikans. Z.B. wird man bei Deutsche Wirtschafts-Nachrichten fündig, wo der Trump-nahe, emerititerte katholische Nuntius des Vatikan in den USA, Bischof Viganò einen ganzen Kübel von Verschwörungstheorien aus Great Reset, Deep State, Deep Church, Gates-Soros-Verschwörung, Globalismus, Pseudo-Pandemie, Tyrannei des Satans, Föten-Impfstoff etc. ausgießt, alles sorgsam ins Deutsche übersetzt: "Der Tiefe Staat und die Tiefe Kirche verfolgen die gleiche Agenda" und "Die Kräfte der Finsternis greifen nach der Macht."
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    Die Nähe zwischen Vertretern einer radikal-elitären Finanzbourgeoisie, Politiker:innen der Union, der AfD, katholischen Burschenschaften, konservativen Teilen des Klerus und fundamentalchristlichen Organisationen mit Verbindungen zum konservativen Kern im Vatikan ist nicht zu übersehen. Sie sind zutiefst religiös überzeugt von einem göttlichen Auftrag, die Welt zu beherrschen.


    Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. […] Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
    Jesus von Nazareth (nach Matthäus-Evangelium Kapitel 6, Verse 19-24)
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    In den USA wird das fundamentale Christentum eher von protestantischen Evangelikalen repräsentiert, doch gibt es enge Verbindungen über den Atlantik.

    Die Verschärfung der Klimakrise hat breite, bisher untätige Schichten für Gegenmaßnahmen bereit gemacht. Die Klimabewegung bringt die Zivilgesellschaft nun an einen sozialen Kipppunkt.
    Für den Großteil der Bevölkerung, der Klimaschutz bisher mit ablehnender Skepsis begegnete, ergeben sich jetzt mindestens vier Perspektiven.

    1. Ein Teil der Elite, auch der konservativen, erkennt die Chancen und lässt sich auf einen konstruktiv-sachlichen Dialog ein.
    2. Gemäßigte Rechtskonservative rücken endlich von ihrem unerschütterlichen Glauben an eine positive göttliche Vorsehung ab, den sie für ihre sture Ablehnung von Klimaschutz so militant vertreten haben, und stellen sich der Realität vom drohenden ökologischen Untergang. Sie entwickeln einen blinden Glauben an die Erlösung durch Innovation, der ebenfalls dem Wohlstandsevangelium entspringt.
    3. Besonders christlich-fundamentale Rechtskonservative erkennen zwar auch die drohende Katastrophe, ändern aber trotzdem nichts an ihrer Politik. Ihr Fatalismus entspringt der religiösen Vorstellung, die Menschheit hätte die Prüfung Gottes nicht bestanden, ihr Versagen löse ein Gottesgericht (das "Jüngste") aus: den Untergang der Menschheit. Ankämpfen gegen die göttliche Vorsehung sei reine Hybris, den Klimaschützern fehle die transzendentale Perspektive.
    4. Der autoritär-rechtskonservative Teil der Elite radikalisiert sich zum Rechts- oder Neo-Libertarismus: oft vom Wohlstandsevangelium religiös motiviert, negieren Neolibertäre nach wie vor die Klimakrise, und rüsten sich für einen Bürgerkrieg, der sich in den USA schon deutlich abzeichnet. Als Gottes Volk sehen sie sich erwählt, die göttlichen Segnungen des fossilen Fortschritts auch unter Opfern in die Welt zu bringen; die Extremisten unter ihnen sehen sich zur Gewalt gegen den teuflischen Gegner dieses Fortschritts aufgerufen, der die Menschheit vernichten will: den ökologisch motivierten Sozialismus. "Freiheit oder Untergang" lautet der neueste Titel von Markus Krall.
    Der Chefautor des ersten Berichts des Club of Rome Dennis Meadows sagte diese Entwicklungen schon 2007 voraus.

    Möglicherweise neigen Protestanten noch länger dazu, der Idee des Wohlstandsevangeliums anzuhängen als Katholiken, die in ihrer Gottergebenheit schneller in Fatalismus verfallen. Diese Erzählung vermischt sich bei manchen Rechtsaußen-Konservativen mit heroischen Endzeit-Vorstellungen heidnisch-germanischer Kulte.
    Eine transzendentale Inspiration durch Jesus, Buddha oder wen auch immer, könnte manchem aus der Klima-Lethargie helfen. Wer jetzt nicht fürs Klima aufsteht, unterstützt weiter das Selbstvernichtungsprogramm der Menschheit.







    Manchmal ist es überlebenswichtig, sich voller Selbstvertrauen in eine Auseinandersetzung zu stürzen. Dabei ist eine gewisse Portion Selbstüberschätzung oft hilfreich. Männer sind hormonbedingt überdurchschnittlich oft betroffen, auch von Narzissmus.
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    Doch Helden allein werden die Klimakrise nicht lösen. Warum z.B. die modernen Superhelden der Innovation, die Milliardäre, uns nicht retten, erklärt Christian Stöcker im Spiegel, Zitat:

    "Helden erobern, sie verteidigen eher selten und wenn, dann gegen einen äußeren, übermächtigen Feind, nicht gegen die eigene Unzulänglichkeit. Wenn Helden etwas retten, dann andere Menschen, Schätze oder Kunstwerke. Fällt Ihnen spontan eine berühmte Erzählung aus der Literaturgeschichte ein, in der die Heldin oder der Held ein Ökosystem vor der Vernichtung durch den Menschen bewahrt?
    Noah baut keine Dämme, sondern eine Arche. Der heroische Akt besteht in der Rettung einiger weniger, nicht in der Abwendung der Katastrophe für alle.
    Katastrophale Vernichtungsereignisse gehen in Mythos und Religion in der Regel von Göttern aus, die Menschen sind hilflos ausgeliefert. Wir dagegen haben hier drüben in der Realität eine Situation geschaffen, die in unseren Geschichten nicht vorkommt: Wir selbst sind die Verursacher der Katastrophe. Die vorbildhafte Erzählung, in der wir uns selbst überwinden, nicht um zu erobern, sondern um zu bewahren, fehlt. There is no glory in prevention."
    [Verknüpfung]

    Heldentum allein nützt uns also genauso wenig wie wissenschaftliche Aufklärung. Die Menschheit steckt in einer tiefen Sinnkrise, andere Narrative von Gemeinschaft und Solidarität sind gefragt. Bernd Ulrich und Petra Pinzler erklären das in der Zeit.
    [Verknüpfung]
    Das patriarchale Rollenmodell der Männer war immer wieder in Frage gestellt worden, zuletzt Ende des 20. Jahrhunderts, als die '68er auch die gesellschaftlichen Verhältnisse ins Wanken brachten. Dort gab es auch eine christliche Reformbewegung, die Jesus People.
    Auch in der katholischen Kirche gab es Bewegung. Im 2. Vatikanischen Konzil kam es zu einer Renaissance urchistlicher Ideen.
    Nach diesen großen und kleinen Revolutionen wurden die patriarchalen Verhältnisse wieder teilweise restauriert. Der Neoliberalismus ersetzte die Sozialdemokratie, und auch etliche Erfolge der Emanzipations-Bewegung stehen wieder zur Diskussion. Das Spiel mit alten Geschlechter-Klischées dient der Werbung, denn es heizt den Konsum enorm an. Die Reduktion der Menschen auf ihre biologischen Grundbedürfnisse, und das Schüren von Angst vor der Konkurrenz setzt enorme Potentiale frei. Beim Konsum geht es schon lange nicht mehr allein um Suffizienz (die Deckung der Grundbedürfnisse), sondern vor allem um Statussymbole.


    Genug, das ist das Beste was es gibt.
    André Gorz

    Es ist für mich deshalb kein Wunder, dass in der Klimabewegung überwiegend emanzipierte Frauen aktiv und erfolgreich sind.


    Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
    Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
    Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.
    Charles Reade






    (1) Vor Jahrzehnten gab es noch die Option eines allmählichen Umstiegs aus der Fossilwirtschaft. In den 70er Jahren förderte US-Präsident Carter die Erneuerbaren, was zu einem ersten Preissturz führte. Viele Wind-Rotoren wurden aus Dänemark importiert, das auch in Folge dessen bereits 2011 beachtliche 40,7% erneuerbaren Anteil an der Stromerzeugung erreichte.
    [Wikipedia 2019 - Energiewende nach Staaten]

    (2) Ein zweiter Preissturz kam durch das deutsche EEG im Jahre 2000, das einen zusätzlichen Windkraft- und PV-Boom zuerst in Deutschland und danach in China auslöste.

    EnerconSizes de.svg
    Von Jahobr - Eigenes Werk Diese Datei enthält Elemente, die von folgender Datei entnommen oder adaptiert wurden:  EnerconE-126vsCologneCathedral.svg (von Jahobr)., CC0, Link

    Price history of silicon PV cells since 1977 de.svg
    Von 1-1111 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

    US-Solarpionier Richard Swanson beschrieb die logarithmische Preiskurve der PV-Industrie 2006 erstmals, man sprach (analog zum Mooreschen Gesetz) von Swansons Gesetz. Die einzige größere Abweichung ergab sich 2006 durch eine Verknappung an Silizium. Danach setzte sich die Entwicklung umso schneller fort.
    Swansons-law de
    File:Swansons-law de.png. (2020, September 20). Wikimedia Commons, the free media repository. Retrieved 14:34, February 27, 2021 from https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Swansons-law_de.png&oldid=466297345.
    [Wikipedia (english) 2020 - Swanson's law]
    [Verknüpfung]

    Beides reichte aber bisher noch nicht, denn in beiden Fällen folgten massive Gegenmaßnahmen, die die Hegemonie der Fossilwirtschaft weiter zementierten: jahrzehntelang wurden die Alternativen schlechtgeredet, zum Teil sogar sabotiert oder ihre Patente in der sprichwörtlichen "Schublade" abgelegt, wie bei dem absichtlich gescheiterten Versuchswindrad GroWiAn, den vielfältigen Sabotage-Projekten gegen die Deutsche Bahn, dem 20 Jahre verzögerten Einsatz des Elsbett-Motors oder den Ovonic-NiMH-Akkus des Elektroautos EV1 von General Motors, das vor der Jahrtausendwende aufgrund kalifornischer Gesetze exklusiv per Leasing auf den Markt kam und dann nebst seinen Akkus nach Lockerung des Gesetzes wieder vom Markt verschwand - trotz massiver Proteste der Kunden.
    Erst im Jahr 2020 schaffen die Erneuerbaren Energien den endgültigen Durchbruch, aber nicht aus ethischen Gründen, sondern aus rein wirtschaftlichen: die Internationale Energieagentur IEA erklärt sie zur billigsten Energieform.

    (3) In vielen Ländern wurden CO2-Steuern eingeführt, die auch Lenkungswirkung erzielten - aber meist bei Weitem nicht genug. Immerhin liegt Vorreiter Schweden auch beim Anteil Erneuerbarer Energien in Europa weit vorn.


    [Franck 2019]

    Die weltweite fossilökonomistische Energiepolitik führte schließlich wie vorhergesagt zur Klimakrise unserer Tage, die in unseren südeuropäischen Nachbarländern bereits heftig spürbar ist und auch dort zu politischem Umdenken führt. In Italien ist Klimaschutz seit 2019 Schulfach, Frankreich und Spanien riefen in 2019 bzw. 2020 den Klimanotstand aus.

    Aller Gegenwehr aus Wirtschaft und Politik zum Trotz wurden die Energie-Alternativen dennoch konkurrenzfähig, teils sprichwörtlich im letzten Augenblick. Mittlerweile zeichnen sogar immer mehr Ökonomen einen schnellen, disruptiven Ausstieg als letzte, aber auch realistische Chance, die drohende Klima-Katastrophe abzuwenden.
    Die ökonomische Welt-Elite beim WEF nimmt die Corona-Krise als Gelegenheit, mit einer neuen Weltwirtschaftsordnung eine planvolle Umschichtung von Kapital vorzunehmen, die möglicherweise die vorhergesagte Disruption der Fossilwirtschaft auslösen wird - wie auch immer die Auswirkungen zu bewerten sind, falls das Projekt Erfolg hat. Falls es jedoch misslingt, ist nur die Frage, welche Krise zuerst katastrophale Auswirkungen hat: die Klima-, die Biodiversitäts- oder die Geldsystemkrise.






    Ideologien erkennt man v.a. an ihren inneren Widersprüchen. Der Fossilökonomismus ist voll davon.

    Die christlichen Parteien bekennen sich seit Jahrzehnten zur "Bewahrung der Schöpfung", zu der sie von ihren religiösen Autoritäten auch immer deutlicher aufgefordert werden, aber sie müssen selbst zugeben, dass sie diesem Anspruch nicht gerecht werden. Darauf wies die Umwelt-NGO Greenpeace in einer spektakulären Entführung hin.

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    Klimaaktivist:innen wie die der Bewegung Letzte Generation weisen auf die Abermillionen bis Milliarden von Toten in der Zukunft hin; aber Konservative versuchen mit allen Mitteln, von diesem größten Verbrechen abzulenken, indem sie den Aktivismus kriminalisieren. Sarah Bosetti erklärt diese Verdrehung, wie immer messerscharf.


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    Der FDP-Vorsitzende und Finanzminister Christian Lindner entlastet großzügig die Wirtschaft von den Kosten der Energiekrise im Ukraine-Krieg, ist aber nicht bereit zu einer Übergewinnsteuer. Mittel für die Klimawende, die den unteren Einkommensschichten und den kommenden Generationen zugute kämen, hält er zurück, wie z.B. die Verlängerung des 9€-Tickets. Den Sozialstaat will seine Haushaltsexpertin Raffelhüschen "auf ein gesundes Niveau zurückführen".

    In immer mehr europäischen Metropolen boomt der Radverkehr - zugunsten des Klimas, der Gesundheit der Verkehrsteilnehmer und nicht zuletzt des Steuerzahlers. In der Schweiz kam 2022 die rechtskonservative SVP auf die Idee, Radfahren per Vignette zu besteuern. Die FDP Coburg zieht wenige Tage später nach.
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    [Verknüpfung]

    Obwohl allein die Stromversorgung mit Erneuerbaren Energien bei seinen Wählern bis vor Kurzem noch als ferne Illusion galt (sie ist nach Studienlage lange vor 2050 wirtschaftlich möglich), und obwohl viele denken, ein vollständiger Ersatz fossiler Primärenergien würde unseren enormen Primärenergiebedarf weiter erhöhen (in Wirklichkeit wird er mehr als halbiert), und obwohl auch der Strombedarf für Elektroautos allgemein weit überschätzt wird, plant der scheidende Wirtschaftsminister Peter Altmaier den Strombedarf 2021 für 2030 viel zu niedrig, und versucht damit eine weiterhin viel zu kleine Zubaurate Erneuerbarer Energien zu rechtfertigen.

    Während die Auto- und Agrarindustrie in Europa am Parlament vorbei immer weiter die Import-Erlaubnis für genmanipuliertes, Glyphosat-resistentes Tierfutter über die EU-Kommission verlängert, erkämpft in Mexiko eine Bienenzüchterin das Verbot von Genmais und Glyphosat. Was die Autoindustrie mit Genmais zu tun hat? Der Import von Genmais aus den USA erfolgt im Deal gegen niedrige Autozölle, so haben es EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und Donald Trump 2018 abgemacht.

    Neoliberale propagieren einen sogenannten "freien" Markt, der aber in Wirklichkeit durch Manipulationen finanzstarker Investoren völlig verzerrt ist. So kommt es z.B., dass in Deutschland 2020 die Verbrennung von Kohle planwirtschaftlich bis 2035 (respektive 2038) angeordnet wird, obwohl die IEA nur zwei Monate später feststellt, dass erneuerbare Energien am günstigsten sind.

    Dass nur ein winziger Teil des Kassenbetrags beim Lebensmittel-Discounter an die Bauern geht, die deshalb zu einem guten Teil von gigantischen EU-Subventionen aus Steuermitteln alimentiert werden müssen, ist vielen Verbrauchern zwar klar - trotzdem hält sich das Gerücht, dass wir am Bio-Anbau verhungern oder bankrott gehen würden. Dabei würde schon ein erträglicher Fleischverzicht riesige Flächen freimachen und das Gülleproblem deutlich abmildern. Die industrielle Landwirtschaft hat Millionen Arbeitsplätze vernichtet, die durch eine Agrarwende z.T. wieder hergestellt würden.

    Pro Tag werden bei uns etwa 20ha neue Verkehrsflächen versiegelt - doch der Ausbau einer Handvoll Fernleitungen zieht sich wegen Anliegerprotesten über viele Jahre; ihre Bedeutung für die Energiewende wird zwar von vielen Fachleuten bezweifelt, doch die Bundesregierung begründet das Schneckentempo der Energiewende auch mit den Verzögerungen dieser Fernleitungen durch Anlieger-Proteste. Gleiches gilt für den Ausbau der Windkraft, der mit den Widerständen der Windkraft-Gegner begründet wird. Dabei sitzen diese Leute sogar in Peter Altmaiers Ministerium.

    Die Energiewende wird von CDU in Koalition mit FDP und SPD seit Jahrzehnten ausgebremst, der Bau von Stromtrassen dauert Jahrzehnte, man lässt Firmen mit zigtausenden Arbeitsplätze sterben und das Know-How verkaufen - doch der deutsche Anschluss an neue LNG-Terminals und der Bau von EAuto-Fabriken (VW und Tesla) geschehen plötzlich im Rekordtempo. Nicht nur die Genehmigungen des Baus, auch die der Subventions-Gelder werden in Rekordtempo erteilt.
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    Höchst klimaschädliche Projekte wie die Startbahn West, Datteln IV oder die Autobahn durch den Dannenröder Forst werden gegen Bürgerproteste durchgedrückt - der Ausbau des Schienennetzes erfolgt seit Jahrzehnten mit angezogener Handbremse. Der Betrieb vieler Strecken leidet an erodierenden Strukturen.

    In der Bevölkerung geht immer noch das Gerücht von den ruinösen erneuerbaren Energien - während tatsächlich nur 1/3 der Strom-Mehrkosten in die Einspeisevergütung fließen, und die EEG-Zulage in absehbarer Zeit fallen wird: die Erzeugungspreise für Sonnen- und Windkraft liegen nämlich mittlerweile unter denen für Atom- und selbst für Kohlestrom, und die teuersten Anlagen der Pioniere fallen ab 2020 zunehmend aus der Förderung. Ein weiterer Strompreistreiber ist die EEG-Umlage, die bei einem zeitweilig extrem niedrigen Börsenstrompreis besonders hoch ausfällt. Der wiederum müsste aber gar nicht so niedrig sein, wenn nicht unflexible Atom- und Kohlekraftwerke die Grundlast und damit ein zeitweiliges extremes Überangebot liefern würden: flexible Gaskraftwerke (die zudem später noch in der Sektorenkopplung aus P2G aus 100% erneuerbarer Energie befeuert werden können) sind viel besser geeignet, werden aber abgeschaltet - weil die Strombörse so organisiert ist. Die Industrie dagegen bekommt z.T. den günstigen Börsenpreis und wird so versteckt subventioniert.
    Währenddessen leisten wir uns jährliche, tendentiell eher steigende Importkosten für Fossilbrennstoffe von z.Zt. 50-70 Milliarden Euro (sie waren sogar schon höher). Durch Konflikte und Handelskriege ist der Preis hohen, schwer kalkulierbaren Schwankungen ausgesetzt. Die externen Kosten von Öl-Kriegen und v.a. Klimaschäden sowie Klimafolgen-Anpassungsmaßnahmen tauchen in dieser Rechnung noch gar nicht auf. China und Indien - zwei Milliardenvölker - konkurrieren irgendwann möglicherweise aus Wassermangel um die schwindenden Himalaya-Gletscher.


    [Quaschning 2014]

    Zusätzlich bringt unsere Volkswirtschaft noch eine massive Subventionierung konventioneller Energien von zig Milliarden Euro pro Jahr auf (eine Tatsache, die selbst von OECD und Internationalem Währungsfonds kritisiert wird). Man hält sie damit in der Abhängigkeit von Fossilbrennstoffen, die jährlich nochmals viele zig Milliarden aus unseren Kassen in die der Profiteure schwemmen. Über Jahrzehnte kommt man so auf Beträge von etlichen Billionen.
    Gleichzeitig paralysiert man den ahnungslosen Bürger mit einer Billionen-Rechnung der Energiewende. Externe Kosten wie Förderschäden, Ölkonflikte und Klimafolgen der Zukunft werden freilich nicht mit eingerechnet. Auch nicht die eingesparten Import- und Subventionskosten fossiler Brennstoffe nach der Energiewende.
    Man rechtfertigt so die Deckelung der Wind- und Solarenergie. Warnt vor marktverzerrender "Planwirtschaft" bei der Beförderung der Energiewende. Idealisiert die "Technologie-Offenheit", weil ja nur diese in einem liberalen Markt zwangsläufig die beste Innovation an den Markt bringt. Die man zu fördern zur obersten Priorität erklärt. Predigt einerseits den sakrosankten, freien Markt und betreibt andererseits fossile Planwirtschaft.
    1993 behaupteten die Energiekonzerne in Zeitungs-Anzeigen, dass die Erneuerbaren auch langfristig niemals mehr als 4% unserer Stromversorgung schaffen könnten. Die zwei - im Vergleich gesehen völlig unbedeutenden - Subventionsrunden für die Erneuerbaren (USA 1979 und D 2000) haben schon gereicht, um diese Behauptung Lügen zu strafen. Sie haben Optimierungsprozesse in Gang gesetzt, die endlich die Konkurenzfähigkeit der Erneuerbaren in greifbare Nähe rückten. China hat den Stab übernommen und rüstet die Welt nun immer günstiger mit Erneuerbaren aus, so dass selbst die Dritte Welt sich zunehmend gegen konventionelle Energien entscheidet.

    China beliefert die Welt mit riesigen Mengen an Konsumgütern, deren Produktion noch große Mengen CO2 freisetzt, weil ein Großteil des Stroms (wie bei uns) aus Kohlekraftwerken stammt. Wir importieren diese Produkte und machen gleichzeitig China für die Emissionen verantwortlich. Wir hätten China längst über Importzölle unter Druck setzen können, die Produktion weniger emissionsintensiv zu gestalten - aber wir taten es bisher nicht.
    Ein Exportschlager aus China, der die Energiewende möglich macht, ist Photovoltaik - deren Massenproduktion wurde zwar in Deutschland entwickelt und begonnen, mit vielen neuen Arbeitsplätzen, von denen aber dann 80.000 u.a. durch Abbau von Subventionen wieder verloren gingen. Die deutsche Windkraftbranche ist zwar noch international wettbewerbsfähig - stand aber in den letzten Jahren der Merkel-Regierung auf der Kippe, weil die Vergabe von Projekten nach damaliger Politik zu viele Unsicherheiten barg. Durch Peter Altmaiers (CDU) EEG-Reformen (seit 2012) und Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren und Sigmar Gabriels (SPD) Kohlereserve 2015 und Zubaudeckel 2017 sind allein seitdem 35.000 neue hochmoderne Arbeitsplätze verloren gegangen.

    Gaskraftwerke könnten die Atom- und Kohle-Grundlast durch ihre hohe Flexibiltät obsolet machen, und später sukzessive auf regeneratives Saison-Speichergas umgestellt werden. Man bräuchte sie praktisch nur noch im Winter, wo ihre Abwärme zum Heizen dienen könnte (Sektorenkopplung). Ihre hohen Kosten ließen sich damit und mit dem günstigen Sommerstrom ausgleichen, auch würde die EEG-Umlage sinken, weil der Börsen-Strompreis stabilisiert würde. Stattdessen stehen deutsche Gaskraftwerke still, und Top-Hersteller Siemens stampfte pünktlich zu den Klimaverhandlungen COP23 2017 in Bonn seine deutsche Produktion ein.

    Die erneuerbaren Energien bieten in Deutschland z.Zt. 400.000 Arbeitsplätze mit hohem Steigerungs-Potential - doch viel bekannter sind die 35.000 Baunkohle-Arbeitsplätze. Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass von diesen 35.000 Arbeitsplätzen 2030 (dem Jahr des von Umweltverbänden geforderten vorgezogenen Kohleausstiegs) nur noch 5.000 übrig sein werden.

    Weltweit boomt das Elektroauto - während hierzulande der Dieselbetrug erst einmal dazu geführt hat, dass massenhaft Benziner und danach Hybride verkauft wurden. Die Mobilitätskonzepte der Umweltverbände mit ihrer Priorisierung von Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln, die von kleinen Elektroautos lediglich ergänzt werden, werden vollständig ignoriert - man rechnet jetzt stattdessen mit einem 1:1-Ersatz der Verbrenner durch "alternative Antriebe", bei denen man dem Verbraucher "Technologie-Offenheit" verspricht, damit aber v.a. Unsicherheit bezüglich der besten Lösung und damit Kaufzurückhaltung auslöst. Die zögerliche Umsetzung der Erhöhung der Elektroauto-Kaufprämie auf 6000€ im Winter 2019/20 wirkt in dieselbe Richtung.
    [Rüsberg 2020]
    Die Unterstützung von Fahrrad- und öffentlichem Verkehr hierzulande lässt sich nach jahrzehntelanger Benachteiligung und Vernachlässigung bestenfalls als halbherzig bezeichnen, auch wenn Verkehrsminister Scheuer oft auf dem Fahrrad vor der Kamera herumfährt. Immerhin macht er damit auch Werbung für's Radfahren. Er sollte es dem Bürger aber nur mit dem Hinweis "auf eigene Gefahr" empfehlen, denn jedes Jahr sterben mehr Radfahrer auf deutschen Straßen.

    Dank des Kabarettisten Sebastian Pufpaff kann man sogar darüber lachen.
    Er erklärt den Sinn öffentlicher Verkehrsmittel 'mal ganz anschaulich (leider ist die Sendung nicht online verfügbar, ich fand sie ziemlich lustig...):

    [Pufpaff 2019]
    Die Deutschen und ihr Auto in der Krise:

    [Verknüpfung]

    Mit Technologie-Offenheit wird auch die Blockade der Erneuerbaren Energien gerechtfertigt. Altmaiers nationale Wasserstoff-Strategie setzt langfristig tatsächlich auf Import von Wasserstoff als Ersatz für Wind- und PV-Strom, den man eigentlich auch im Lande produzieren könnte, sogar mit einer Beteiligung der Bürger und Kommunen an den Gewinnen. Er tut dies Expertenberechnungen zum Trotz, die vor einem Wettbewerbsnachteil durch hohe Importkosten und vor einer Fortsetzung der Importabhängigkeit warnen.
    Das einzige, was nach dem Abwürgen von Onshore-Windkraft und PV noch effektiv gefördert wird, sind Kohlekraft und Windräder offshore, die ebenfalls ausnahmslos Konzernen gehören. Außerdem indirekt die Atomkraft, zu deren Entsorgung die Stromversorger nur einen Pauschalbeitrag leistet, der sehr wahrscheinlich durch den Steuerzahler noch einmal deutlich aufgestockt werden muss.

    Die CO2-Bilanz des Elektroautos wird mit Kohlestrom schlechtgerechnet (egal, ob die meisten privaten Elektroautofahrer mit erneuerbarem Strom laden), und die Angst vor einer Überlastung der Erzeugugskapazitäten und der Netze geht um - gleichzeitig wird aber die Energiewende blockiert. Stattdessen wird die Massenverfügbarkeit von grünem Wasserstoff und daraus gewonnenen P2X-Treibstoffen in nahe Aussicht gestellt - obwohl Wasserstoff weit mehr als die doppelte und P2X die mindestens siebenfache Strommenge benötigt, und obwohl das Erdgasnetz für reinen Wasserstoff gar nicht geeignet ist, die Investitionen für ein Wasserstoffleitungen also hoch sein werden, von den 700bar-Verdichtern an den Zapfpunkten (incl. Energieverlusten) ganz zu schweigen. DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert bezeichnet Wasserstoff als den "Champagner der Energiewende" - keine Basis für eine Massenversorgung.
    Der Strombedarf zur Versorgung unserer Verbrennerflotte würde unseren Gesamt-Strombedarf verdreifachen. Dieselben Lautsprecher haben jahrzehntelang propagiert, die Erneuerbaren wären nicht einmal langfristig in der Lage, auch nur einen relevanten Anteil des Stroms zu erzeugen. Nicht genug der Widersprüche: im selben Atemzug wird jetzt auch noch in Frage gestellt, ob denn für Elektroautos genug elektrische Energie verfügbar wäre, und ob das Stromnetz nicht zusammenbräche. Tatsächlich bräuchte man selbst bei einem 100%-Umstieg nur ein Drittel mehr Strom, und auch das Blackout-Szenario ist abwendbar.
    Aber auch die politische Bewertung der Reserven von Lithium-Salzen erfolgt ganz nach industrieller Windrichtung. Als es noch galt, die Verbrenner-Technik gegen die Forderungen der Klimaschützer zu konservieren, wurden diese massiv klein geredet. Jetzt, wo deutsche Autobauer gezwungen sind, sich auf dem Elektroauto-Weltmarkt zu positionieren, ist davon keine Rede mehr. Kein seriöser Klimaschützer hat jemals gefordert, alle Verbrenner-Antriebe 1:1 durch akkuelektrische zu ersetzen, erst recht nicht die der großen Spritschlucker. Ganz einfach deshalb, weil der überwiegende Teil der Autos für alle (außer für die Automobilindustrie) gewinnbringend ersetzbar ist. Schaut man sich die kommerziellen Elektroautos an, so dominierten zwar in der ersten Generation (2011-2016) noch kleinere Fahrzeuge. Seit dank gefallener Akkupreise (-85% von 2012 bis 2022) und staatlicher Förderung der Massenmarkt angesprochen werden kann, werden die Autos schnell groß, schwer und reichweitenstark - entgegen aller Forderungen der Klimaschützer. Die Behauptung mangelnder Lithium-Reserven ist jedenfalls kein Thema mehr.
    All diese Behauptungen ermöglichen es den Autoherstellern, weiter aus der abgeschriebenen Technik des 20. Jahrhunderts Profite zu generieren. Die Verzögerung beim Ausbau der Eigen-PV, mit der die Betriebskosten des Akku-Autos noch einmal drastisch sinken würden, trägt ebenfalls dazu bei - ein Synergie-Effekt für Autohersteller, Ölkonzerne und Energieversorger. Alles auf Kosten von Klima und Umwelt.

    Viele Verbraucher zeigen ihren Sinn für Humanität vor allem dann, wenn es um Lithium- und Kobaltsalze in Elektroautos geht, oder ihre Naturverbundenheit, wenn es um Vogelsterben durch Windräder geht. Nicht, dass diese Probleme keiner Lösung bedürften. Aber wer konsequent nach derartigen Maßstäben konsumiert, kann heute nur auf wenige einwandfreie Produkte zurückgreifen: die Bio- und Weltläden würden unter dem Ansturm zusammenbrechen. Ein Lieferkettengesetz würde diesen Missstand beenden, wurde aber jahrzehntelang vom Wirtschaftsflügel der CDU und von der FDP blockiert, und die erste Fassung von 2020 wird als nahezu wirkungslos kritisiert. Erst das EU-Parlament bringt 2022 ein wirksames Gesetzesvorhaben in Gang, das aber wieder von den Regierungen im Europarat abgeschwächt werden kann.

    Schülerstreiks und jüngste massive Anzeichen der Klimakrise haben zu einem breiten gesellschaftlichen Umdenken geführt. Doch Fossilökonomisten setzen immer noch Konsum-Verzicht gleich mit dem Verlust persönlicher Freiheit - obwohl mit dem Bestand der Zivilisation jedwede Voraussetzung von Freiheit auf dem Spiel steht. In ihrer misanthropischen Weltsicht sprechen sie den Menschen die Fähigkeit zu Empathie oder Solidarität ab, oder zumindest die Einsicht in die Notwendigkeit von Verzicht. Damit lenken sie die Menschen davon ab, über ihre eigene Verantwortung nachzudenken.

    An Stammtischen wird Angst vor dem abrupten Verlust des Lebensstandards geschürt - obwohl alle von Umweltverbänden geforderten Maßnahmen einen kontinuierlichen Umstieg ermöglichen. Man hält an Arbeitsplätzen in der Technik des letzten Jahrhunderts fest, obwohl die Welt (inclusive der Finanzwelt) auf ein Signal wartet, das den disruptiven Ausstieg einläutet. Bisher galt: wer zu früh aussteigt, hat verloren. Doch die Angst, zu spät zu sein, wird immer größer. Vieles deutet daraufhin, dass die Corona-Krise der Anlass ist.

    So ist z.B. schon abzusehen, dass man in einer dekarbonisierten Welt keine Verbrenner mehr braucht. Doch noch im Dezember 2018 verkündete der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Joachim Pfeiffer im DLF-Interview, "ohne Verbrenner würde das Klima sicher nicht gerettet", und auf ihrer wichtigen Rede zum Parteitag im November 2019 bekennt sich die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer zum Kampf für den Verbrenner-Standort Deutschland.

    Die Regierung trägt mit der "Schwarzen Null" die Haushaltsstabilität als Voraussetzung für die Zukunft wie eine Monstranz vor sich her. Dabei ist die aktuelle Austeritätspolitik nicht unumstritten. Was aber weit gravierender ist: die Erhaltung der natürlichen Ressourcen wird - schwarze Null hin oder her - zweitrangig behandelt, obwohl das Überleben der Menschheit bedroht ist. Das Versagen von Geldsystemen hat die Menschheit schon vielfach verkraftet, ein Bankrott der Natur ist einmalig - und endgültig.


    There is no planet b.
    Mike Berners-Lee

    Trotz der Ankündigung eines Kohleausstiegs sieht der Gesetzesentwurf nur einen freiwilligen Ausstieg bei Steinkohle-Kraftwerken vor, und im Herbst 2019 wurde mit Datteln IV für Uniper ein neues Kohlekraftwerk genehmigt. Dennoch sah sich Wirtschaftsminister Altmaier damals im Klimaschutz "auf Zielkurs" - während die eigenen Sachverständigen ein viel höheres Tempo anmahnen.
    [Bundesregierung 2019-1]
    [Löschel 2018]

    Die Fossilökonomisten instrumentalisieren die wirtschaftlich Benachteiligten: sie spielen deren Interessen gegen die der Kinder aus, obwohl die Ursachen der Benachteiligung ganz wo anders liegen. Den zahlreichen Elendstreibern haben sie in Zeiten des Neoliberalismus wenig entgegengesetzt, wenn sie ihnen nicht sogar Vorschub geleistet haben. Jetzt soll für Klimaschutz kein finanzieller Spielraum mehr sein - nach vielen Jahrzehnten, in denen die industriellen Volkswirtschaften allen Warnungen zum Trotz keine Vorsorge getroffen und damit in der Summe noch mehr profitiert haben. Klimaschutz wird zu einer weiteren Verteilungsfrage herabgesetzt, und Konservative wehren sich grundsätzlich gegen jede Umverteilung von oben nach unten.

    Mit Fridays for future wurde Klimaschutz 2019 - zumindest nach ihrem Bekunden - zu einer der wichtigsten Richtlinien der Bundesregierung. Es sollte bei den Regierungsparteien also eigentlich ein Konsens bestehen, diese Richtlinie auch vor der Bevölkerung überzeugend zu vertreten. Während in der SPD-Bundespolitik Klimaskeptiker zumindest nicht mehr laut in Erscheinung treten (Fritz Vahrenholts politische Karriere endete in der Landespolitik 1997, Wolfgang Clement ist aus der Partei ausgetreten), so gibt es zumindest in der CDU-Bundestagsfraktion noch echte Klimaskeptiker.

    Fossilökonomisten behaupten immer wieder, die Eindämmung der Überbevölkerung sei gegenüber dem Klimaschutz vorrangig. Zunächst steht diese Einschätzung im Gegensatz zu Demographen, die ein absehbares Ende des Bevölkerungswachstums prognostizieren.
    [Verknüpfung]
    Was unsere eigene Rolle angeht: in Industrieländern betragen die Pro-Kopf-Emissionen meist ein Zigfaches der Werte in den Ländern, in denen das Bevölkerungswachstum hoch ist. Dort sind die meisten Klimaopfer zu beklagen, und natürlich werden auch die Klimaschäden der Zukunft dort die meisten Opfer fordern.
    [Verknüpfung]
    Die Regierungen versuchen z.B. mit Rekord-Baumpflanzaktionen, den unverantwortlichen Emissionen der Industrieländer irgend etwas entgegen zu setzen. An den dortigen prekären Verhältnissen haben die europäischen Kolonialmächte eine historische Verantwortung - doch auch die postkolonialen Beziehungen haben dort viele negative Folgen. Eine neue ausbeutbare Ressource ist die Fläche, die für die Kompensation unserer Emissionen zur Verfügung steht, außerdem das Potential zur Gewinnung von Erneuerbarer Energie.

    Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Bevölkerungen der Entwicklungsländer, aber auch die der südlichen EU-Staaten die Betreiber und Nutzer der CO2-Schleudern im Norden und die Zerstörer ihrer Ökosysteme zu Recht für die zunehmenden Klima- und andere Ökosystemschäden verantwortlich machen werden. In vielen Ländern hat sich jetzt schon die Verschuldung durch Klimaschäden extrem verschärft. Eine Flutkatastophe wie in Mosambik oder Dürre wie in Äthiopien verursacht Kosten in der Größenordnung eines Haushaltsjahres. Verständlicherweise werden die Entschädigungsforderungen auf den Welt-Klimakonferenzen immer lauter.
    [Siebert 2020]

    Bei uns dagegen wird immer mehr Menschen klar, dass man ihnen jahrzehntelang nicht die Wahrheit gesagt hat - verständlich, dass sie über die Zukunftsaussichten zutiefst verunsichert sind. Gerade Jugendliche können nur schwer abschätzen, mit welcher Berufswahl sie Chancen am Arbeitsmarkt haben werden.

    Deshalb sollen hier Hintergründe beleuchtet werden: wie ist das Dilemma entstanden - und welche Optionen haben wir? Die Geschichte von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik greifen ineinander.





    Inhalt


    Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.
    Wilhelm von Humboldt

    Nach den Riesenmaßstaben der Klima-Erdgeschichte unterscheidet man paläoklimatische Erdzeitalter. Unser paläoklimatisches Zeitalter nennt man das Quartäre Känozoische Eiszeitalter - denn beide Polkappen sind nachweislich seit dem Ende der Warmzeit Pliozän vor 2,6 Mio Jahren durchgehend vereist, auch wenn der Vereisungsgrad seitdem fluktuiert. 800.000 Jahre alte Zeugnisse regelmäßiger Wechsel von Glazial- (ebenfalls Eiszeit, also i.e.S., oder Kaltzeit) und Interglazialzeiten (Zwischeneiszeiten, oft auch Warmzeiten genannt) sind in antarktischen Eisbohrkernen erkennbar.

    [Wikipedia 2019 - Känozoisches Eiszeitalter]

    Interglaziale beginnen mit einer sehr schnellen Erwärmung und enden mit einer sehr langsamen Abkühlung. (Die Zeitachse auf der Abbildung ist umgekehrt, ybp - years before present.)

    [Wikipedia 2019 - EPICA]

    Die vorangegangene Interglazialzeit war das sogenannte Eem vor 120.000 Jahren, damals war sogar der grönländische Eisschild instabil.

    Die Feuernutzung erlaubte dem Menschen die Migration aus Afrika nach Europa vor 70.000 Jahren, also in einer Glazialzeit. Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt viel später bei sogenannten optimalen Temperaturen mitten in der darauf folgenden, aktuellen Interglazialzeit, die bis vor 200 Jahren wieder langsam auf ihr Ende zu ging: in den fünf Jahrtausenden der Geschichtsschreibung kühlte die Erde ganz langsam in Richtung der nächsten Glazialzeit ab.
    Holocene Temperature Variations German.png
    CC BY-SA 3.0, Link

    Innerhalb der letzten 200 Jahre hat der Mensch diese Abwärtsentwicklung der Temperatur nolens-volens zunächst zum Stillstand gebracht - durch Verbrennung fossiler Brennstoffe. Sie dienten zunächst dem Erhalt der Wälder, die in den späteren Industrieländern durch Abholzung zur Gewinnung von Brennholz massiv bedroht waren - im Mittelmeerraum waren sie schon in der Antike dem Schiffbau zum Opfer gefallen. Schnell wurde der hohe Energiegehalt der Kohle zur Eisenverhüttung genutzt. Dampfmaschinen - die ersten Wärmekraftmaschinen - machten die Energie für Bewegung nutzbar. Die Entdeckung der Elektrodynamik ermöglichte Kohlekraftwerke und damit eine Versorgung von Industrie und Haushalten mit elektrischem Strom. Leistung und Effizienz von Wärmekraftmaschinen wurde durch den neuen flüssigen Brennstoff Öl im 20. Jahrhundert vervielfacht. Die Industrieproduktion, auch für zwei Weltkriege, explodierte, auch durch die chemische Industrie, die vor allem durch den Ölboom neue Massenprodukte erfand. Begleitet von einer exponentiell wachsenden Extraktion anderer Rohstoffe aus der Erdkruste, Deposition und Emission toxischer Abfälle, Versiegelung und Kultivierung von Landflächen zur Landwirtschaft (v.a. Viehzucht) mit Massenanwendung von Bioziden droht der Menschheit im 21. Jahrhundert der Ökozid.

    Dass die Profite aus der Zerstörung der Erde extrem ungleich verteilt wurden, konnte durch Massenkonsum, nach dem römischen Motto in seiner neuzeitlichen Abwandlung carnem et circenes, bisher überspielt werden. Das Narrativ vom fossil betriebenen Fortschritt für alle wurde fest in den Köpfen verankert. Hierdurch wird die Transformation auch zu einer schwierigen sozialen Frage.


    [Arte 2019]
    Filmtip: Die Erdzerstörer
    Eine der besten Dokus zum Anthropozän.

    Obwohl die Risiken des Ökozids durch eine globale Erwärmung (Revelle und Suess 1957) und die durch industrielle Landwirtschaft und Umweltgifte (Carson 1962) seit weit über einem halben Jahrhundert bekannt sind, und obwohl die konventionelle Industrie mittlerweile viele andere ökozide Potentiale immer sichtbarer entfaltet, intensiviert man sie immer weiter. Die Temperaturkurve schießt - wie die CO2-Konzentration der Atmosphäre - immer steiler nach oben. Wegen dieser massiven globalen Eingriffe, u.a. in das Paläoklima, spricht man vom Anthropozän.

    Von DeWikiMan, based upong fig. 1a) of Pages2K (2019), doi:10.1038/s41561-019-0400-0 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
    [Wikipedia 2019 - Klimageschichte]

    2017 brachte ein Vorreiter der politisch aktiven Klimaforscher, James Hansen, eine Aktualisierung seiner Forschungsergebnisse heraus - die seine Vorhersagen aus den 80er Jahren bestätigt. Seine Temperaturkurve des Holozän-Zeitalters lässt sehr gut die Größenordnung und Geschwindigkeit der sich anbahnenden Katastrophe erahnen.

    Hansens Artikel bei earth system dynamics: Young peoples' burden:
    [Verknüpfung]
    [Hansen 2017]
    Um die Dimensionen in der Klimageschichte einzuordnen: die Tiefsttemperaturen des letzten Glazials vor 22.000-16.000 Jahren lagen 5,4K tiefer als heute.
    [Wikipedia 2020 - Letzteiszeitliches Maximum - Temperaturen]
    Um die Relation der aktuellen Erwärmungsgeschwindigkeit zu der natürlichen Erwärmung von damals bis zum frühgeschichtlichen Optimum zu zeigen, habe ich hier die beiden Darstellungen kombiniert:

    Die antarktischen Proxy-Temperaturabweichungen aus den EPICA-Eisbohrkernen wurden hier (wie bei Hansen 2013) für eine grobe Schätzung der globalen Durchschnittstemperaturen halbiert.
    [Hansen 2017], kombiniert mit Daten aus [Jouzel 2007] gemäß [Fergus 2015] und [Hansen 2013]
    Eine ähnliche Darstellung aus einem Nature-Artikel hat neulich eine Klimaskeptiker-Debatte ausgelöst.

    Eine Comic-Geschichte der Menschheit ist hier mit einer Temperaturkurve kombiniert:
    [Munroe 2019]

    So hohe CO2-Konzentrationen wie jetzt gab es zuletzt vor dem aktuellen känozoischen Eiszeitalter, also vor über 2,6Mio Jahren, im Pliozän. Damals lag der Meeresspiegel 20m über NN, die Temperaturen lagen 2-4°C höher als 1800. Aktuelle Klimamodelle sagen für das Ende des Jahrhunderts 3-6K Erwärmung voraus.
    [Röhrlich 2019]
    Die hohe Zuverlässigkeit der Modelle zeigt sich darin, dass sie die Entwicklung der letzten Jahrhunderte zuverlässig rekonstruieren können, z.B. das Modell des Deutschen Klimarechenzentrums DKRZ:

    [Verknüpfung]
    Nach dem zweiten Weltkrieg baute Johann von Neumann die ersten Computer für militärische Wettervorhersagen. Die Berechnungen teilten den Raum der Atmosphäre in Planquader, so wie in den seinerzeit noch zweidimensionalen Rechnungen des Briten Lewis Richardson im Ersten Weltkrieg mit Planquadraten.
    Schon 1967 zeigten Syukuro Manabe (Nobelpreis 2021, zusammen mit Klaus Hasselmann) und Richard Wetherald (†2011), dass die IR-Strahlung im atmosphärischen Treibhaus gar nicht durch die IR-opake Dampf-Atmosphäre abgestrahlt wird, sondern erst in der Stratosphäre, die kaum Wasserdampf enthält. Dennoch wurde die Irrelevanz von CO2 gegenüber dem dominanten Wasserdampf als Klimagas noch bis vor Kurzem regelmäßig als Begründung für Klimaskepsis vorgebracht.
    1969 berechneten Manabe und Wetherald eine Klimasensitivität (Erwärmung duch Verdopplung der CO2-Konzentration) von 2,3°C. Damit sind sie nicht weit von den Werten heutiger Supercomputer.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Syukuro Manabe]
    [Wikipedia 2022 -Richard Wetherald]
    Eine hohe Zuverlässigkeit bewiesen auch schon die Modelle, die die von Exxon intern beauftragten Forscher in den frühen 80er-Jahren benutzt haben. Sie prognostizierten die Erwärmung bis heute sehr genau - doch Exxon behauptete in der Öffentlichkeit das Gegenteil.
    Bei unkontrollierter positiver Rückkopplung der Erwärmung durch Kipppunkt-Effekte sind noch weit größere Temperaturerhöhungen sehr wahrscheinlich.
    Wegen der Unwägbarkeiten der Kipppunkte sind zwar genaue Vorhersagen unmöglich, und Temperaturen von +14K haben tatsächlich zur Zeit der Dinosaurier geherrscht. Nur würden die Änderungen in unvergleichlich kurzer Zeit ablaufen, was die Wahrscheinlichkeit eines globalen Biosphären-Kollaps (inclusive Vernichtung der Menschheit) in Richtung 100% bringt. Wir sehen schon bei dem aktuellen Wert von 1K, dass Hitzestress und Migrations-Druck durch Verschiebung der Klimazonen unzählige Arten zum Aussterben bringt.
    Eine vergleichbar kurze, heftige Erwärmung fand vor 56 Millionen Jahren statt, das Paläozän-/ Eozän- Temperaturmaximum (PETM). Sie führte zu einem katastrophalen Massenaussterben.
    [wikipedia 2020 - Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum]
    Sie betrug 5-8K und wurde verursacht durch einen gigantischen Vulkanausbruch, der die atmosphärische CO2-Konzentration schlagartig erhöhte. Nach einer Studie unter Prof. Pogge von Strandmann an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wurde mit der Erwärmung auch eine dreifache physikalische Erosion, und eine um 50% erhöhte chemische Gesteinsverwitterung ausgelöst, was die CO2-Konzentration wieder senkte - das dauerte allerdings Zigtausende von Jahren. Das ist auch der Zeithorizont für die Erholung einer "Hothouse Earth".
    [Verknüpfung]
    Presserklärung JGU Mainz: [Verknüpfung]
    Studie: [Verknüpfung]
    Das Massenaussterben am Ende des Perm vor 250 Millionen Jahren hängt mit drastischen Veränderungen der Sauerstoff-Konzentrationen im Meer zusammen, wie wir sie - ausgelöst durch Erwärmung, Zirkulationsstörung und Überdüngung - bereits beobachten können, warnen Sean Newby und Jeremy Owens von der Florida State University.
    MDR: [Verknüpfung]
    Studie: [Verknüpfung]
    Warnungen wie diese werden von Fossilökonomisten als Hysterie bezeichnet - obwohl es sich um die Lehrmeinung einer Wissenschaft handelt, die mit ihren Modellen seit 40 Jahren die Entwicklung bis heute hinreichend genau vorhersagen konnte, und die ihre Methoden in der Zwischenzeit stark verbessern konnte, allein schon wegen Verbesserung der Rechenleistung um mehrere Größenordnungen.

    All palaeotemps G2.svg
    Von User:Glen Fergus, User:hg6996 - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:All_palaeotemps.png, CC BY-SA 3.0, Link
    [Wikipedia 2020 - Klimageschichte]
    Das anthropogene Massenaussterben wird mittlerweile von einem internationalen Forschergremium beobachtet und auch nach Klimaeffekten ausgewertet, dem IPBES.

    Seit 2020 wird in Wikipedia-Artikeln Klima-Themen eine interaktive, "klickbare" Imagemap("Bildkarte") genutzt, deren Verknüpfungen auf die entsprechenden Wikipedia-Artikel verweisen.

    Phanerozoikum Eiszeitalter#Ordovizisches Eiszeitalter Eiszeitalter#Permokarbones Eiszeitalter Perm-Trias-Ereignis Kreide-Paläogen-GrenzeKänozoisches EiszeitalterKreide-Paläogen-GrenzePaläozän/Eozän-TemperaturmaximumEocene Thermal Maximum 2Eem-WarmzeitLetzteiszeitliches MaximumAtlantikumJüngere DryaszeitGlobale ErwärmungWarmklimaEiszeitalterKambriumOrdoviziumSilurDevon (Geologie)KarbonPerm (Geologie)Trias (Geologie)Jura (Geologie)Kreide (Geologie)PaläogenNeogenQuartär (Geologie)PaläogenNeogenQuartär (Geologie)PaläozänEozänOligozänMiozänPliozänPleistozänHolozänChristopher ScoteseChristopher ScoteseJames E. HansenJames E. HansenJames E. HansenEPICAEPICAGreenland Ice Core ProjectDelta-O-18Repräsentativer Konzentrationspfad

    Klickbare rekonstruierte Temperaturkurve des Phanerozoikums (zum Teil etwas vereinfacht), erstellt auf der Basis verschiedener Proxy-Daten. Die Angaben für 2050 und 2100 beruhen auf dem 5. Sachstandsbericht des IPCC unter Annahme einer steigenden Kohlenstoffdioxidkonzentration nach dem RCP8.5-Szenario.
    CC-BY-SA-4.0: Own work, see below for work this is based on; Author of combined chart DeWikiMan, graph in lower panel and description below based on work by User:Glen Fergus, User:hg6996, curve in upper panel based on work by Christopher R. Scotese
    [Wikimedia 2022 - Datei: oberflächennahe Temperaturen im Phanerozoikum] mit ausführlicher Beschreibung und Nachweis der Quellen

    Der exponentiell wachsende schädliche Einfluss des Menschen beschränkt sich nicht nur auf das Klima.
    Der australische Klimaforscher Will Steffen prägte den Begriff "the great acceleration".

    Steffens Folien werden oft in Vorträgen eingesetzt, deshalb hier zwei Foliensammlungen aus slideshare.

    Great acceleration von Owen Gaffney 2011
    Great Acceleration 2015 von International Geosphere-Biosphere Programme 2015

    Ein deutsches Dossier zur Großen Beschleunigung bringt die Bundeszentrale für politische Bildung:
    [Verknüpfung]
    Über die Grafiken bekommt man eine schnelle Übersicht:
    [Verknüpfung]
    2012 startete der Paläontologe und Geobiologe (heute Präsident des Naturkundemuseums Berlin) Reinhold Leinfelder bei SciLogs (Blogger-Kanal von Spektrum der Wissenschaft) den Blog "Der Anthropozäniker - Unswelt statt Umwelt".
    [Verknüpfung]
    Die internationale Stiftung future earth publiziert seit 2016 die kostenlose Zeitschrift Anthropocene.
    [Verknüpfung]
    So wie mit dem IPCC seit Jahrzehnten ein UN-beauftragtes Forschergremium das Klima beobachtet, wird seit einigen Jahren auch die Biodiversitäts-Forschung von der UN organisiert: in Form des IPBES.
    Die Klimakrise verstärkt auch massiv die Biodiversitätskrise.
    Studie: [Verknüpfung]

    Will Steffen war es auch, der das Ausmaß der Dürren und die katastrophalen Folgen für die Nahrungsmittelversorgung der Öffentlichkeit präsentierte.
    Original-Video (24'20'' wichtigste Auswirkung: starke Einschränkung der Nutzpflanzenproduktion und Erdsystemforschung): [Verknüpfung]
    deutsche Synchronfassung: [Verknüpfung]
    Schon der IPCC-Report 2013 war dazu eindeutig (Bildteil e).


    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Der Erdsystemforscher Johan Rockström prägte 2009 mit den hochdekorierten Kollegen Will Steffen, Paul Crutzen, James Hansen, Katharine Richardson, Diana Liverman und PIK-Gründer Hans-Joachim Schellnhuber den Begriff der neun planetaren Grenzen, von denen laut PIK 2022 bereits sechs überschritten sind.


    [Verknüpfung]
    Studie in nature: [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Planetare Grenzen]

    Einen Weg zum guten Leben innerhalb dieser Grenzen und sozialer Möglichkeiten beschreibt Kate Raworth mit der Doughnut Economy als radikale Transformation der Industriegesellschaften.
    [Wikipedia 2022 - Donut-Ökonomie]
    Julia Steinberger von der Universität Lausanne referiert dazu: [Verknüpfung]

    Doughnut (economic model).jpg
    By DoughnutEconomics - Own work, CC BY-SA 4.0, Link

    Kohle, Öl und Gas haben zwar tatsächlich einer Minderheit der Menschheit für extrem kurze Zeit extremen Wohlstand gebracht, der von Kritikern sogar wieder als schädlich betrachtet wird. Doch der vermeintliche Segen der Fossilbrennstoffe verblasst angesichts der tödlichen Konsequenzen.
    Wir haben die Emissionen bis zuletzt immer weiter gesteigert, d.h. eine Null-Emission oder gar Netto-Sequestrierung (Austragung aus der Atmosphäre) ist bei der derzeitigen Entwicklung nicht absehbar.


    [Quaschning 2018]

    Wir erleben schon jetzt den Beginn des sechsten Massenaussterbens der Erdgeschichte.

    Zur globalen Erwärmung kommt die immer weiter zunehmende Einengung, Überdüngung und Vergiftung der Biosphäre, die katastrophale Ausmaße erreicht hat. Das zeigen direkt die Bestandserhebungen der flugfähigen Tiere am Anfang der Nahrungsketten, der Insekten und Vögel. Da das Artensterben qua Wissenschaftspolitik aus dem staatlichen Blick geraten ist, mussten Vereine die Zivilgesellschaft alarmieren. Das gelang erst, nachdem die Klimakrise in einer unübersehbaren Häufung von Extremwetter-Ereignissen der Zivilgesellschaft unangenehm deutlich wurde, mit der Krefelder Studie 2013 - 51 Jahre nach Rachel Carsons "Silent Spring". Etliche weitere Studien besätigten die schockierenden Zahlen: die Insekten-Biomasse ist dort, wo industrielle Landwirtschaft dominiert, in den letzten 40 Jahren um ca. 80% zurückgegangen. 2019 folgte der Alarm des Welt-Biodiversitätsrats IPBES, der nach Auswertung tausender Studien einen RÜckgang der Insekten-Arten um 25% angibt.
    In Deutschland fand 2020 eine weitere große Studie Beachtung, für die über 50 Jahre am Randecker Maar am Rand der Schwäbischen Alb akribisch Unmengen ziehender Insekten und Vögel bestimmt wurden - ebenfalls von einem Verein, dem Forschungsstation Randecker Maar e.V.. Der Rückgang der betroffenen Arten wurde 2019 von einem neu einberufenen UN-Beirat IPBES, der tausende Studien ausgewertet hat, mit ca. 25% angegeben. Diese Zahl wurde 2022 wieder bestätigt von einer Studie des Bundesamts für Naturschutz BfN, die Studien zu 6750 Insekten-Arten ausgewertet hat; 26,2% sind im Bestand gefährdet.
    [Wikipedia 2022 - Insektensterben]
    Der Alarm des IPBES wird besonders zudem wahrgenommen, denn er beweist eine Kausalität zwischen Artensterben und der Häufung von Pandemien, die schon seit Jahrzehnten vorhergesagt wird.

    Das Artensterben kommt wie seit den 60er-Jahren vorhergesagt, es ist menschengemacht, und auch die Zivilisation der Menschheit wird ihm zum Opfer fallen - wenn wir es nicht schaffen, das fossile Feuer innerhalb weniger Jahre, und zwar drastisch, zu reduzieren, und ungestörter Natur wieder großen Raum geben. Wir müssen sofort damit anfangen.

    Die gute Nachricht, die Fossilökonomisten übertönen wollen: wir können es, wir hätten viel früher mit dem Ausstieg anfangen können. Um zu verstehen, wer und was uns bisher davon abgehalten hat, müssen wir die Geschichte der fossilen Brennstoffe genauer betrachten.








    753 v. Chr.

    Gründung des römischen Reichs, das streng patriarchalisch organisiert ist und als Imperium Romanum zur Hegemonialmacht im ganzen erweiterten Mittelmeerraum aufsteigt. Es löst u.a. die Kultur der Etrusker in der Region Toskana ab. Nachdem man für die Etrusker lange ein Matriarchat diskutiert hat, spricht man heute eher von Matrifokalität.
    [Verknüpfung]


    7-4 v. Chr.

    Jesus von Nazareth wird geboren. Als Erwachsener zieht er predigend durch das heutige Israel und verkündet die Existenz einer liebenden Gottesmacht. Er fordert seine Mitmenschen zur bedingungslosen Nächstenliebe auf, über alle Unterschiede von Geschlecht, Ethnie, Hautfarbe und Beruf hinweg. Er mobilisiert eine große Anhängerschaft und wird auf Betreiben der römischen und der mit ihnen kollaborierenden jüdischen Machthaber gekreuzigt. Von den ersten schriftlichen Zeugnissen seines Wirkens wird nur ein Teil überliefert, vom Rest wird ein Teil viel später zufällig gefunden und z.T. von Archäologen erfasst. Seine Anhänger werden im römischen Reich lange verfolgt. Die urchristlichen Untergrund-Gemeinden werden häufig von Frauen geleitet, Gott wird - in jüdischer Tradition - als Mutter und Vater verstanden. Auch die Römer kennen weibliche und männliche Götter - wenn es auch einen höchsten männlichen Gott gibt.
    [Verknüpfung]


    325

    Konzil von Nicäa: der römische Kaiser Konstantin der Große erklärt das Christentum zur Staatsreligion. Im Vielvölkerstaat ist damit keine der etablierten Parteien bevorzugt - alle sind gleichermaßen benachteiligt. Der Klerus legitimiert von da an die Machtausübung des Kaisers (auch durch Waffengewalt) und arbeitet eng mit ihm zusammen: er entscheidet über die Zugehörigkeit zur Kirche und die Absolution von Sünden (die gemäß der katholischen Theologie zur Erlösung nach dem Tod unabdingbar sind). Gott wird zum Vater erklärt, und Frauen sind von da an in der katholischen Kirche von allen geistlichen Ämtern ausgeschlossen - bis heute. Die Aussicht auf eine Erlösung im Himmel dient als Beruhigung unterdrückter Massen. Auf ihrem Weg dorthin seien die "Wege des Herrn" für die Menschen "unergründlich" (Römerbrief Kapitel 11).
    [Verknüpfung]


    527

    Die von Konstantin begründete Symphonia (Gleichklang, Einheit) von Roms Staat und Kirche findet ihren Höhepunkt unter der Herrschaft des Kaisers Justinian, der in der späteren oströmischen Kirche als Heiliger verehrt wird.


    800

    Nach jahrhundertelangem Zerfall des weströmischen Reichs gewinnt der fränkische König Karl der Große seine jahrzehntelangen blutigen Kriege gegen die Sachsen und andere nicht-katholiche Ethnien, und lässt sich von Papst Leo III (den er gegen dessen Gegner geschützt hatte) in Rom zum ersten poströmischen Kaiser krönen, und zum patricius romanorum, und damit zum Schutzherrn über Rom. Damit wird die Hegemonie römisch-katholischer Macht auch ins nichtrömische Zentraleuropa ausgedehnt. Bis heute bezeichnen sich europäische König:innen als "Beschützer:in des Glaubens".
    In der Erklärung zur sächsischen Kapitulation legt Karl fest: "Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen."
    [Wikipedia 2021 - Christianisierung]
    Was mit der Lehre des Jesus von Nazareth vollkommen unvereinbar ist. Auch nach dem katholischen Kirchenrecht ist die Zwangstaufe verboten.

    Karls Reich kann nur kurz an das römische anknüpfen, auch wenn sich viele Nachfolger als "Kaiser des Heiligen Römischen Reichs" bezeichnen, von einer nachhaltigen Befriedung Europas kann keine Rede sein. Schon seine Söhne zerstreiten sich um das Erbe, und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, das von außen herbeigeführt wird, bleibt Europa im Dauerkrieg mit Unterbrechungen; 77 Jahre ist Frieden, doch 2022 geht es in der Ukraine wieder los.
    Die staufischen Nachfolger Karls überwerfen sich 1160 mit dem legitimen Papst Rolando Bandinelli (Alexander III) und installieren als Gegenpapst Guido von Crema (Paschalis III), der Karl 1165 trotz seines gravierenden Verstoßes gegen das Kirchenrecht heilig spricht.

    Trotz Kriegen mit den omayyadischen Moslems in Spanien betreibt Karl gegenüber dem wichtigsten islamischen Machthaber, dem abbasidischen Kalifen Harun-al-Raschid von Bagdad, Entspannungspolitik. Ein Grund dafür war der gemeinsame Feind, das oströmische Reich. Wie auch immer, durch diese Übereinkunft konnten christliche Pilger die Kultstätten in Israel unbehelligt besuchen.
    [Verknüpfung]


    867

    Im oströmischen Reich wird die Symphonia, die Einheit von Kirche und Staat weiter gefestigt, vor allem unter Basileios I, der in der Tradition Kaiser Justinians in seinem Gesetzbuch Epanagoge diese Einheit mit der von Körper und Geist vergleicht.
    [Wikipedia 2022 - Symphonia (Theologie) - Geschichte]

    Auf diese Einheit beruft sich 2022 der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill, der Putins Krieg gegen die Ukraine - im Widerspruch zu den übrigen orthodoxen Patriarchen - als Maßnahme gegen die gottlose Dekadenz des Westens begrüßt. Diese Sichtweise teilt er mit den rechtspopulistischen, oft fundamentalchristlichen und mitunter offen faschistischen Kräften, die Putin in nahezu allen europäischen Staaten und in Amerika über Jahre mit aufgebaut hat.
    [Verknüpfung]
    Nach Basileios benannt ist die fundamentalchristlich-nationalistische Stiftung St. Basilius der Große des Oligarchen Konstantin Walerjewitsch Malofejew. Sie hat im Oktober 2015 den Besuch des AfD-Vorsitzenden und Ex-CDU-Politikers Walter Gauland nach St. Petersburg organisiert, wo er Vernetzung mit Putins Partei Einiges Russland betrieb.
    [Verknüpfung]
    Verbindungen der russischen fundamentalchristlichen Fraktion bestanden auch zu Papst Carol Wojtyła (Johannes Paul II). Der hatte seinerzeit den erzkatholischen Europa-Abgeordneten Jean-Luc Schaffhauser als Mittelsmann nach Russland geschickt, der dort im Auftrag der Öl- bzw. Rüstungsunternehmen Total, Dassault und Thales tätig wurde, und seiner Partei Front National einen russischen Kredit über 9,4 Millionen Euro vermittelte.
    [Verknüpfung]


    1095

    Jerusalem ist seit etwa 100 Jahren von verschiedenen innermuslimischen Konflikten betroffen. Auch Juden und Christen fallen den Auseinandersetzungen zum Opfer. Deshalb ruft Papst Odo von Chatillon (Urban II.) in Clermont-Ferrand zur Eroberung der Pilgerstätten Jerusalems in einem sogenannten "Kreuzzug" auf. Laut dem Chronisten Fulcher von Chartres ruft die Masse "Deus lo vult" (dt. "Gott will es"). Odo verspricht den Kriegern, sogenannten Kreuzrittern, die Absolution. Auch wenn Kleriker vielfach die Gewaltausübung von Herrschern legitimierten und Krieger segneten - der direkte Aufruf eines Klerikers zur kriegerischen Gewalt ist dennoch äußerst ungewöhnlich.

    [Wikipedia 2021 - Deus lo vult]
    Die Kreuzritter organisieren sich in Laienorden, den sogenannten Ritterorden.

    Auch wenn die Tradition der Kreuzritter kirchenintern über die Jahrhunderte immer wieder Kritiker fand, setzte sie sich bis heute durch, u.a. als Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Dieser wurde 1868 als juristische Person des Vatikans anerkannt, und zwar vom antisemitischen Papst Giovanni Mastai Ferretti (Pius IX), der für seine umstrittenen Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariens und der Unfehlbarkeit traurige Berühmtheit erlangte. Seitdem wurde dieser Status des Ordens immer wieder bestätigt, zuletzt durch Papst Karol Wojtyła (Johannes Paul II) 1996.
    1933 wird die deutsche Statthalterei eingerichtet, wonach viele rechtskonservative Politiker beitraten.
    [Wikipedia 2021 - Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem]
    Die Kultur der Kreuzritter wird ansonsten bis heute tradiert vom Malteser- und dem Deutschen Orden.


    1228

    Giovanni di Pietro di Bernardone wird schon zwei Jahre nach seinem Tod als Heiliger Franz von Assisi heilig gesprochen. Der Sohn aus reichem Hause hat als Aussteiger nach dem Vorbild Jesu den ersten sogenannten Minderorden begründet. Der erste Papst, der diesen Namen annimmt, ist Jorge Mario Bergoglio im Jahre 2013.

    Stauferkaiser Friedrich II bricht widerwillig zum Kreuzzug auf, um sich von der Exkommunikation durch Papst Ugolino dei Conti di Segni (Gregor IX) zu rehabilitieren. Ein Jahr später schließt er mit dem ayyubidischen Sultan al-Kamil (einem Neffen Saladins) einen 10-jährigen Waffenstillstand, der Pilgern den freien Zugang zu den meisten Kultstätten ermöglicht. Das ist ihm auch dadurch möglich, weil er als multikulturell sozialisierter Sizilianer u.a. arabisch spricht.
    [Wikipedia 2021 - Friedrich II. (HRR)]


    1267

    Der Franziskaner Roger Bacon erwähnt die Verwendung von Schwarzpulver, eine leicht entzündliche, und unter Druck explosive Mischung von Kohle, Schwefel und Nitratsalz (damals Salpeter genannt). Der waffenfähige Sprengstoff wurde in China erstmals schon um 1044 erwähnt und hatte wohl über die Seidenstraße den Weg nach Europa gefunden, vielleicht sogar durch Bacons Ordensbruder Wilhelm von Rubruck.
    [Wikipedia 2021 - Schwarzpulver - Geschichte]
    [Wikipedia 2021 - Wilhelm von Rubruk]
    Weil die chinesischen Kaiser traditionell eine isolationistische Politik verfolgten, konnten sich über die Jahrhunderte europäische Machthaber weltweit mit ihren Schusswaffen durchsetzen.


    1492

    Christoph Kolumbus nimmt für den spanischen König in der Karibik die ersten "westindischen" Kolonien in Besitz. Damit begann etwa 500 Jahre nach der ersten dänischen Besiedlung durch Leif Eriksson eine jahrhundertelange brutale Unterdrückung, Vertreibung und Ermordung der Indigenen Amerikas, an der sich später auch Siedler aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich beteiligten. Als kostenlose Arbeitskräft wurden in Nordamerika afrikanische Zwangsarbeiter als sogenannte Sklaven unter brutalsten Bedingungen eingesetzt.


    1494

    Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI) teilt die Erde außerhalb Europas in eine spanische und eine portugiesische Hälfte. Die beiden Seemächte plündern alle Ecken und Enden der Welt, die sie mit ihren Segelschiffen erreichen können, im Namen ihrer Könige regelrecht aus. Da diese Königreiche auf Raubzüge angewiesen sind, entwickeln sie bis in die Moderne keine konkurrenzfähig produktiven Volkswirtschaften.
    [Wikipedia 2021 - Vertrag von Tordesillas]


    1517

    Der Mönch Martin Luther schlägt seine reformatorischen Thesen an die Wittenberger Schlosskirche, was zur Spaltung sowohl der Kirche als auch Europas in papsttreue Katholiken und reformierte Protestanten führt. Weltliche Herrscher, die die politischen Einmischungen Roms nicht tolerieren wollten, haben diese Entwicklung betrieben - sonst wäre Luther sicher wie seine Vorgänger als Abtrünniger ("Ketzer") hingerichtet worden.
    In der Folge kommt es zur Aufklärung und schließlich zum Verlust der religiösen Legitimation der Adelsherrschaft, letztlich auch in den katholischen Gebieten. Die neue herrschende Schicht, das Bürgertum, begründet ihre Macht auf Geldwirtschaft.
    Ruinöse Misswirtschaft des Adels und besonders die Entfaltungsmöglichkeiten in den britischen Kolonien von Nordamerika treiben die Demokratiebewegungen weltweit voran. Doch auch da, wo die Monarchie erhalten bleibt, geht die Macht nach und nach auf die Wirtschafts-Akteure über. Zu groß ist die Abhängigkeit der Staatsmacht von Gewerbe, Handel und Industrie, also der Wirtschaft - die die Adeligen von Anfang an nicht als ihre Sache verstehen. Eine wichtige Rolle bei der Geldkonzentration spielt die Ausbeutung von Sklaven in den Kolonien.


    1580

    Francis Drake kehrt nach einer Weltumsegelung (58 Jahre nach dem Portugiesen Magellan) zurück nach London. Die britische, protestantische Königin Elizabeth unterstützt diese und auch viele folgende Fahrten englischer Seeleute, die der Erkundung und Kolonisation dienen.
    Damit tritt Großbritannien in Konkurrenz mit Spanien und Portugal, der in verschiedenen Kriegen zugunsten Großbritanniens ausgeht. Seinen Höhepunkt hat das British Empire zur Zeit der Industrialisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die größte Ausdehnung 1922. Mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der Kolonien zerfällt das Imperium, auch weil die militärische Macht der USA besonders nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt eingesetzt wird, um die globalen Ölströme zu kontrollieren.


    1602

    Zwei Jahre nach dem englischem Vorbild bilden auch niederländische Kolonial-Handelshäuser ein Kartell, die Niederländische Ostindien-Kompanie, um die gegenseitige Konkurrenz zu vermeiden. Es wird in Asien die größte Konkurrenz der Engländer.
    [Wikipedia 2022 - Niederländische Ostindien-Kompanie]
    Andere Staaten, die noch nicht (oder nicht mehr erfolgreich) im Kolonialgeschäft sind, tun es ihnen nach.
    [Wikipedia 2022 - Niederländische Ostindien-Kompanie]

    Der mal festere, mal losere deutsche Kleinstaaten-Bund wird erst im 19. Jahrhundert zu einer unbedeutenden Kolonialmacht. Die Ambitionen des preußischen Königshauses, dieses Manko mit Industrialisierung und Aufrüstung zu kompensieren, führen Europa in die Weltkriege des 20. Jahrhunderts, und durch das Anzetteln der russischen Revolution auch zur Destabilisierung Russlands, die bis heute nachwirkt.
    Mit der Ablösung der Kolonialmächte Spanien 1898 (Spanisch-Amerikanischer Krieg) und England 1958 (Staatsstreich im britisch kontrollierten Ölfördergebiet Iran) wurde die liberale Industrienation USA zur imperialen Macht, die in beiden Weltkriegen dominierte und dadurch neben der Sowjetunion zur Supermacht wurde.


    1648

    Der Dreißigjährige ist der bis dato verheerendste europäische Krieg, und findet im Westfälischen Frieden ein Ende. Beeindruckt von den Schrecken dieses Religions-Kriegs fordert der Theologe und Staatsphilosoph Hugo Grotius die Loslösung von staatlicher und kirchlicher Macht, also die Säkularität der Staaten, und formuliert damit den ersten Grundsatz des Völkerrechts.

    1713, ein Jahr vor seinem Tod, ist der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz immer noch nachhaltig beeindruckt von den Verwüstungen des Krieges, und vermacht seinem Fürsten August dem Starken mit seinem Buch "Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht" das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft. Auf seiner Grand Tour in der Nachkriegszeit hatte er die Diskussionen um John Evelyns Buch "Sylva" in England und um das neue Waldgesetz von Louis XIV in Frankreich 1669 erlebt.
    [Hans Carl von Carlowitz]
    Fiktives Gespräch im Oekom Podcast: [Verknüpfung]


    Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse [lat. Dasein, im Sinne von Wesen] nicht bleiben mag.
    Hans Carl von Carlowitz

    1715

    Der Sonnenkönig Louis XIV, Vorbild aller absolutistischen Herrscher, stirbt. Der Höhepunkt des Feudalismus ist auch sein Wendepunkt, denn Louis hinterlässt einen bankrotten Staat. Der wird nun von einem Bürgertum, das seinerseits durch Kolonialismus Profite generiert, weiterfinanziert, das dadurch erheblich an Macht gewinnt. Dieses Bürgertum wird sich gegen Ende des Jahrhunderts des teuren Adels entledigen und gewaltsam die Macht an sich reißen.
    [Wikipedia 2022 - Ludwig XIV.]


    1776

    Eine Antwort auf die Preisfrage der Académie de Dijon des Jahres, "Quelle est l’origine de l’inégalité parmi les hommes, et est-elle autorisée par la loi naturelle? („Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und lässt sie sich vom Naturrecht herleiten?"), wird eingereicht von Jean-Jacques Rousseau, aus der sicheren Distanz in Amsterdam.


    Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.
    Jean-Jacques Rousseau

    Zitat Wikipedia: "In dessen Folge erklärt Rousseau die soziale Ungleichheit aus der Herausbildung der Arbeitsteilung und der dadurch ermöglichten Aneignung der Erträge der Arbeit vieler durch einige wenige, die anschließend autoritäre Staatswesen organisieren, um ihren Besitzstand zu schützen. Rousseau wurde mit dieser wahrhaft revolutionären Schrift einer der Begründer des europäischen Sozialismus."
    [Wikipedia 2022 - Jean-Jacques Rousseau]


    1740

    Der von einer hugenottischen Gouvernante aufgezogene Preußenkönig Friedrich der Große liebäugelt mit den Ideen der französischen Aufklärung, und formuliert in diesem Sinne: "ein jeder soll nach seiner Façon selig werden". Er tat dies wohl auch, weil er vorwiegend hugenottischen Kritikern des französischen Königs einen Unterschlupf geben konnte, z.B. 1762 Jean-Jacques Rousseau. In seiner Politik war er freilich absolutistisch.


    1776

    Die englischen Siedler wollen sich vom fernen König nicht mehr besteuern lassen. Die Unabhängigkeitserklärung der USA wird wegen ihrer Erklärung der Menschenrechte gefeiert - doch gilt sie nur für die Waffenträger, also weder für Frauen, noch für Indigene, Sklaven oder Freigelassene. Der Völkermord an Indigenen wird in der Neuen Welt genauso fortgesetzt wie die Sklaverei und die Unterdrückung der Frauen unter englischer Kolonialherrschaft. Die Indigenen müssen vor der Feuerkraft der europäischen Schusswaffen dahin weichen, wo kein Siedler hin will, oder sterben. Zur Bewirtschaftung dieses Kontinents sind der Ausbeutung von Indigenen des Globalen Südens keine Grenzen gesetzt, weil ihre Länder schon von Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI) als Eigentum zwischen Spaniern und Portugiesen aufgeteilt worden waren. Auch Frauen hatten nur so viel zu sagen, wie ihre Männer ihnen zugestanden.
    In seinem Protestsong über Apartheid "Maß aller Dinge" drückt es Herbert Grönemeyer so aus: "Jeder Mensch ist gleich, der Weiße ist gleicher."
    [Wikipedia 2021 - Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten]

    AAAAAAAA >Sozialdarwinismus


    1787

    Die amerikanische Verfassung gibt den neuen Siedlern das Versprechen von Life, Liberty and the pursuit of Happiness. Dieses Versprechen lässt sich leicht mit Gewalt einlösen, denn es geht aus von einem leeren Kontinent, bis zu dem der Arm der Kolonialmächte nicht stark genug herüberreicht. Es gilt bis heute als historischer Ausdruck des American Dream.
    [Wikipeia 2022 - Verfasssung der Vereinigten Staaten]


    1789

    Die franzöische Revolution, in der Adel und Klerus entmachtet werden, beginnt - doch Frauen erhalten, obwohl sie mitkämpfen, kein Wahlrecht. Eine besonders wirksame Maßnahme zur Unterdrückung restaurativer Kräfte ist die Säkularisierung der Kirche, also ihre Trennung von allen staatlichen Strukturen.








    1660

    Die europäischen Königshäuser erkennen im Zuge der Aufklärung die Bedeutung der Naturwissenschaften, zuerst in England. Das ist kein Wunder, denn England ist schon damals in Bergbau, Metallurgie, Schiffsbau und kolonialer Expansion führend. Die Wurzeln des Londoner Invisible College, einem erlesenen Club von Naturphilosophen, liegen im Freimaurerertum, einer aufklärerischen bürgerlichen Geheimbewegung. Das Königshaus wird allerdings schnell auf den Geheimclub aufmerksam: ein Jahr nach seiner Gründung wird er offiziell zur Royal Society.
    [Wikipedia 2021 - Royal Society]

    [Wikipedia 2021 - Invisible College]

    Das Vorbild der Engländer weckt den Ehrgeiz der Franzosen. Immerhin schwärt der britisch-französische Konflikt bereits seit 600 Jahren, als 1666 Jean-Baptiste Colbert - der weitsichtige Ökonom Ludwigs XIV - die Académie des sciences gründet. Die absolute Monarchie wirtschaftet dennoch immer weiter herunter, was letztlich zur Revolution führt.
    [Wikipedia 2021 - Académie des sciences]
    1700 schließlich gründet Preußenkönig Friedrich III. die Preußische Akademie der Wissenschaften.
    [Wikipedia 2021 - Preußische Akademie der Wissenschaften]


    1698

    Großbritannien: Thomas Savery baut - auf Basis der Dampfdruckpumpe des Franzosen Denis Papin - die erste kommerzielle kohlefeuerbetriebene Wasserpumpe. Sie hieß "the miner's friend", weil mit ihr Bergwerke entwässert werden konnten, setzte sich aber nicht durch. 1712 schaffte Thomas Newcomen 1712 weitere Verbesserungen der Maschine, die dann auch kommerziell Erfolg hatte. Die Kohleförderung in Großbritannien wurde damit massiv intensiviert. Doch erst 1769 patentierte James Watt seine legendäre Dampfmaschine, die einen besseren Wirkungsgrad, also geringeren Kohleverbrauch zeigte.


    1800

    Italien: Alessandro Volta begründet mit seinen Säulen aus in Reihe geschalteten Kupfersalz-Batterien die Elektrochemie - die Grundlage für Batterien und Akkumulatoren.
    Im gleichen Jahr nutzen William Nicholson und Anthony Carlisle die Voltasche Säule zur Elektrolyse von Wasser, also die elektrisch angetriebene Zersetzung zu Wasserstoff- und Sauerstoffgas.
    [Wikipedia 2022 - William Nicholson (chemist)]


    1821

    Vereinigtes Königreich: Michael Faraday baut einen einfachen Elektromotor mit Batterieantrieb. 1831 entwickelt er daraus den ersten Generator.
    [Wikipedia 2021 - Electric motor - Early motors]
    [Wikipedia 2021 - Homopolar generator]


    1827

    Der deutsche Apotheker Emanuel Merck wendet in seiner Darmstädter Fabrik ein Verfahren zur Extraktion von Morphinen (Opium-Alkaloiden) erstmals in industriellem Maßstab an. Das so gewonnene Schmerzmittel Morphium (Name abgeleitet von Morpheus, dem griechischen Gott der Träume) begründet den Erfolg des heute fünftgrößten Chemieunternehmens der Welt.
    [Wikipedia 2022 - Emanuel Merck]
    [Wikipedia 2022 - Morphin]

    Morphium wird in 10 Millionen Dosen im amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt, wodurch die Produktion massiv gesteigert wird. Es stellt sich heraus, dass es schnell abhängig macht.
    1836 wird Kokain, das Alkaloid aus den Blättern des Coca-Strauchs, als euphorisierendes, nicht abhängig machendes Mittel beschrieben. 1879 wird Kokain zur Bekämpfung der Morphiumsucht eingesetzt. Kokain macht zwar nicht physisch, aber dafür psychisch abhängig.
    1898 erfindet Bayer Heroin (Name zeitgemäß abgeleitet vom griechischen Wort für Held) und vermarktet es gegen Asthma und Husten bei Kindern.


    1834

    Jacob Perkins erfindet in England die dampfgetriebene Wärmepumpe. Der Kühleffekt wird erzeugt durch das Verdunsten von Ether in einem Verdampfer, dessen Dampf anschließend unter Kompression kondensiert und dabei wieder Wärme abgibt. Perkins' Wärmepumpe wird eingesetzt zum Kühlen. Der Schotte John Gorrie ersetzt Ether durch eine explosionssichere Flüssigkeit, und der Deutsche Carl von Linde setzt 1876 mit Ammoniak als Kältemittel einen frühen hohen Standard, der international auch großtechnisch zur Bierkühlung - also auch großtechnisch - eingesetzt wird. 1903 schaffen es Lindes beste Maschinen, Stickstoff zu kondensieren.
    [Wikipedia 2022 - Jacob Perkins]

    Seit der Elektrifizierung werden Wärmepumpen elektrisch angetrieben. Weil zu ihrem Betrieb kein Feuer notwendig ist, werden sie ab 1875 nicht nur zum Kühlen, sondern auch zum Heizen benutzt.
    Eine moderne Wärmepumpe gibt dabei etwa viermal so viel an Wärmeenergie ab, wie sie an elektrischer Antriebsenergie aufnimmt. Aus einer Kilowattstunde elektrischer werden etwa vier Kilowattstunden Wärme. Das ist kein Widerspruch zum Energieerhaltungssatz, denn die Wärme stammt aus der Umgebung, und die elektrische Energie dient nur zur Umkehrung der Dissipation. Lord Kelvin erklärte diese Fähigkeit von Wärmepumpen schon 1852, lange bevor sie für Heizzwecke genutzt wurde.
    Stammt der Strom aus einem Kohlekraftwerk, dann entsteht etwas etwa gleich viel CO2, als wenn man die Wärme des Feuers direkt zum Heizen nutzen würde. Je mehr erneuerbare Energie genutzt wird, desto weniger CO2 wird frei. Den kompletten Ersatz fossiler Heizungen durch Wärmepumpen und Fernwärme aus CO2-neutralen Kraftwerken bezeichnet man - in Kombination mit wirksamer Wärmedämmung - als Wärmewende.
    Als Alternative im Wärmesektor senkt die Wärmepumpe den Primärenergiebedarf auf einen Bruchteil ab. Da dieser Sektor in Deutschland einen Großteil des Primärenergiebedarfs verursacht, ist dies eine Schlüsseltechnologie der Wärme- und Energiewende. Politische Einflüsse der Ölproduzenten sorgen bis 2022 dafür, dass diese Effizienz-Revolution verhindert wird.
    [Wikipedia 2022 - Wärmepumpe]
    [Wikipedia 2022 - Carl von Linde]


    1838

    Schweiz: Christian F. Schönbein bringt Wasserstoff- und Sauerstoffgas an Platinelektroden zur Reaktion und verursacht damit einen elektrischen Strom: die erste Brennstoffzelle.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Brennstoffzelle]


    1839

    Mit dem Handel indischen Opiums gegen chinesisches Porzellan machen englische Händler gigantische Profite, und legen gleichzeitig das chinesische Kaisertum lahm. Als der chinesische Kaiser den Handel unterbindet, beginnt England den Ersten Opiumkrieg. Mit seinen modernen Waffen und durch Verbündung mit oppositionellen Gruppen, den Triaden, setzt England schließlich 1842 den freien Marktzugang für seine Opiumhändler durch. Die Triaden sind bis heute eine mafiöse Organisation.
    Es war eine Ironie der Geschichte, denn das Rezept für das Treibmittel der englischen Waffen stammte aus China, das aber in seiner traditionellen Isolationspolitik mittels großer Mauern im Norden die Waffenentwicklung vernachlässigt hatte. Europäer dagegen führten seit Menschengedenken Krieg, und hatten die Schusswaffen immer weiter verbessert.

    Wie der Kolonialhandel und die Sklaverei, so wurde auch der internationale Handel mit Drogen und Alkohol zu einem hochwirksamem Mittel imperialer Machtpolitik.
    Seit dem 19. Jahrhundert dienen Drogen bis heute den Imperien zur Ausübung von Macht in ihren Einflussgebieten. Dabei fördern sie dort mafiöse Strukturen. Intern dagegen sind sie mit zunehmenden Problemen immer mehr um Regulation bemüht. Das geschah anfangs mit dem Beginn der Sozialpolitik, aus der gleichen Motivation: der massenhaften Verelendung.
    In Schweden hat die Beschränkung des Alkoholkonsums im 20. Jahrhundert messbar positive Effekte ausgelöst, in den USA dagegen führte die überzogene Prohibition zu neuen Dimensionen der Kriminalität, und verhalf dem Präsidentschaftskandidaten Franklin D. Roosevelt zum Wahlerfolg, weil er ihre Abschaffung versprach. Ein Wahlerfolg, der immerhin mit dem New Deal die Überwindung der katastrophalen Austeritäts-Politik, und das Eingreifen der USA im Zweiten Weltkrieg ermöglichte.
    Fimtipp: Der große Rausch. Arte 2021.
    Folge 1 - Das Zeitalter der Imperien: [Verknüpfung]
    Folge 2 - Die Stunde der Drogenbarone: [Verknüpfung]
    Folge 3 - Der globale Drogenkrieg: [Verknüpfung]
    Mittlerweile werden oft kulturelle Fragen aus wirtschaftlichen Interessen zu Argumenten hochstilisiert, wie z.B. in der aktuellen deutschen Debatte um Einschränkung von Alkohol- und Legalisierung von Cannabis-Konsum.

    Frankreich: Alexandre Becquerel entdeckt als erster eine Form des photoelektrischen Effekts, auf dem Photovoltaik beruht.
    [Wikipedia 2021 - Becquerel-Effekt]

    Russland: Moritz von Jacobi baut einen 220W-Elektromotor mit Batterieantrieb, mit dem er immerhin ein Boot fahren lässt.
    [Wikipedia 2019 - Jacobi-Boot 1839]
    [LeifiPhysik 2019 - Jacobi-Motor]


    1848

    1832 hatten beim Hambacher Fest Intellektuelle Demokratie gefordert. Im März 1848 findet die deutsche Revolution mit dem Vorparlament in Frankfurt ihren Höhepunkt. Zu den Zukunftsvisionen der Freiheitskämpfer gehört die Überwindung der Kleinstaaterei, die als bedeutendes Wirtschaftshemmnis erkannt wurde. Im Juli 1849 wird sie mit der Einnahme von Rastatt nieder geschlagen.

    2019 veranstalten Rechtslibertäre und Nationalisten das Neue Hambacher Fest. Historiker und Politikwissenschaftler protestieren gegen diese Vereinnahmung.

    Eine Gruppe um die amerikanische Frauenrechtlerin Lucretia Mott initiiert in Seneca Falls bei New York die "Seneca Falls Convention". Die Sklavereigegnerin Elizabeth Cady Stanton entwirft hier die weltweit erste Frauenrechtserklärung "Declaration of Sentiments", auch bekannt als "Seneca Falls Declaration". Von da an finden dort bis 1881 jährliche Treffen statt, die eine zentrale Rolle in der amerikanischen Frauenrechtsbewegung spielen. Zu den ersten Unterzeichner:innen zählt die spätere (erst postum geehrte) Begründerin der Klimaforschung Eunice Newton Foote.
    [Wikipedia 2022 - Seneca Falls Convention]
    [Wikipedia 2022 - Declaration of Sentiments]

    Footes Tochter Mary trat später ebenfalls für Schwarzen- und Frauenrechte, und für Vegetarianismus ein. Sie war verheiratet mit dem Senator John B. Henderson, der mit anderen die Verfassungsänderung zur Abschaffung der Sklaverei einbrachte.
    [Wikipedia 2022 - Mary Foote Henderson]
    [Wikipedia 2022 - John B. Henderson]


    1854

    Suquamish-Häuptling Seattle hält vor dem Gouverneur des Washington Territory Isaac Stevens eine Protest-Rede; dabei warnt er die Siedler vor ihrem zerstörerischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.
    Bei den folgenden Zitaten handelt es sich um eine freie Wiedergabe des anwesenden Dichters Henry Smith aus seinen Notizen, inhaltlich später bestätigt durch weitere anwesende Stammesmitglieder.
    [Wikipedia 2020 - Chief Seattle's speech - The oldest version: 1887]
    Andere Autoren unterstellen Smith einen romantischen Blick und zweifeln an der Version. Die Debatte erinnert an den aktuellen Versuch, die Geschichte des Rassismus in den USA umzuschreiben.

    "[...] Ihr müßt eure Kinder lehren, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist. Damit sie das Land achten, erzählt ihnen, daß die Erde erfüllt ist von den Seelen unserer Vorfahren. Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehrten: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir - die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an. [...]
    Die Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem: das Tier, der Baum, der Mensch - sie alle teilen denselben Atem. Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mann, der seit vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen den Gestank. Aber wenn wir euch unser Land verkaufen, dürft ihr nicht vergessen, daß die Luft uns kostbar ist, daß die Luft ihren Geist teilt mit all' dem Leben, das sie erhält. [...]
    Der weiße Mann, vorübergehend im Besitz der Macht, glaubt, er sei schon Gott, dem die Erde gehört. Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen? [...]
    Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt: Unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, daß ihr ihn besitzt, so wie ihr unser Land zu besitzen trachtet, aber das könnt ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen - gleichermaßen der roten und der weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll. Und die Erde zu verletzen heißt ihren Schöpfer zu verachten. Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen, und eines nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. [...]
    Wenn wir euch unser Land verkaufen, liebt es, so wie wir es liebten, kümmert euch, so wie wir uns kümmerten, behaltet die Erinnerung an das Land so, wie es ist, wenn ihr es nehmt. Und mit all eurer Stärke, eurem Geist, eurem Herzen erhaltet es für eure Kinder und liebt es - so wie Gott uns alle liebt. Denn eines wissen wir - unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch - Brüder. Wir werden sehen."
    [Verknüpfung]


    1856

    Eunice Newton Foote (USA) entdeckt als erste, dass CO2 (das Produkt der Verbrennung fossiler Brennstoffe) ein Treibhausgas ist, und ihre Erkenntnisse werden in den USA unter dem Titel "Circumstances Affecting the Heat of Sun’s Rays" publiziert. Von allen Gasen, die Foote untersuchte, hatte es die stärkste Wirkung: "Thirdly. The highest effect of the sun's rays I have found to be in carbonic acid gas."
    [Hayhoe 2016 - Foote 1856]
    Nachdem sie sich bereits mit Paläoklimatologie beschäftigt hat, setzt sie die Temperaturen mit CO2 in Verbindung und sagt eine mögliche globale Erwärmung voraus.


    An atmosphere of that gas [CO2] would give to our earth a high temperature; and if as some suppose, at one period of its history the air had mixed with it a larger proportion than at present, an increased temperature must have necessarily resulted.
    Eunice Newton Foote
    [Wikipedia 2022 - Eunice Newton Foote]
    [Foote 1856]

    Lange galt der Ire John Tyndall als Entdecker des anthropogenen Treibhauseffekts, der diese Entdeckung 1861 ausdrücklich für sich beanspruchte. Erst der Geologe Raymond Sorenson entdeckte 2010 Hinweise auf einen Vortrag über Footes Ergebnisse am 23.08.1856 bei der American Association for the Advancement of Science AAAS 1856, und berichtete darüber 2011 in Search and Discovery der American Association of Petroleum Geologists AAPG.
    Sorenson in Search and Discovery: [Verknüpfung]
    Den Vortrag hielt der damals wohl bedeutendste Wissenschaftler der USA, der Physiker Joseph Henry, erster Sekretär und damit Kopf des Smithsonian Institute, mit dem Eunice Foote und ihr Mann Elisha in einem landesweiten Wetterdaten-Projekt zusammenarbeiteten; Eunice Foote durfte nur zuhören. Henry befand ihre Ergebnisse auch nicht als bedeutsam genug, um im Tagungsband der AAAS abgedruckt zu werden. Unter ihrem eigenen Namen konnte Eunice Foote ihre Beiträge nur in weniger bedeutenden Zeitschriften unterbringen, schlicht weil sie eine Frau war und damit als Laie galt. Inhaltlich waren die Ergebnisse offensichtlich interessant, doch die Nennung ihres Namens wurde teils umgangen. Das schottische Edinburgh New Philosophical Journal z.B. überschrieb die Meldung merkwürdig doppelt: "On the heat on the sun's rays. By Elisha Foote", darunter derselbe Titel, aber "by Mrs. Elisha Foote" (was nach damaliger patriarchaler Etikette die "Frau von Elisha Foote" bezeichnete). In Deutschland schließlich wurde einfach berichtet über "Herrn Foote" - ob man Eunice versehentlich als männlichen Vornamen ansah oder einfach nur pragmatischen Sexismus betrieb, lässt sich nicht mehr feststellen.
    Henrys und Footes Artikel waren jedenfalls zwei bis drei Jahre vor Tyndalls erschienen - auch in Europa. Scientific American würdigte Foote für ihre Forschung am 13.09.1856 in einem halbseitigen Artikel als eine der "Scientific Ladies". Auch die Tageszeitung New York Herald berichtete über den Vortrag. Das American Journal of Science druckte schließlich ihren Artikel, und direkt daneben einen weniger interessanten Artikel ihres Mannes Elisha. Nun wurde zwar Elishas Artikel vom britischen Philosophical Magazine übernommen, Eunices aber nicht. Einer der Herausgeber dort war John Tyndall. Vor diesem Hintergrund ist es schon merkwürdig, dass Tyndall bei seiner Entdecker-Behauptung bleiben konnte, und Footes Leistung erst 155 Jahre nach Henrys Vortrag wiederentdeckt wurde.
    Maura Shapiro hält in Physics Today für unwahrscheinlich, dass Tyndall damit durchgekommen wäre, wenn Footes Artikel ausreichend bekannt geworden wäre. Dem berühmten Lord Kelvin war sehr am Thema, und Tyndalls Erzrivalen Peter Guthrie Tait sehr an einem Plagiatsnachweis gelegen. Footes Forschung sei schlicht von der gesamten europäischen Wissenschaftsgemeinde übersehen worden. Sie zitiert den Tyndall-Biographen Roland Jackson: "It is possible that readers saw Foote’s name and skipped over her paper because of her gender. Perhaps European bias came into play as well. Much like the country itself, the scientific infrastructure in the US was relatively new, and many European scientists looked down on the work of American scientists." Dass Foote sich nicht wehrte, könnte am Bürgerkrieg gelegen haben, der 1861 ausbrach, und an dem sie als Abolitionistin besonderes Interesse hatte.
    Maura Shapiro in Physics Today: [Verknüpfung]
    Eine ausführliche Würdigung von Eunice Footes Arbeit geschah erst 2018 auf einem Symposium der University of California Santa Barbara UCSB - vielleicht auch, weil der Fall akribische Recherchen erforderte. Denn Tyndall ist ein britischer Nationalheld, das nationale Klimaforschungs-Institut trägt seinen Namen. Entsprechend musste wasserdicht argumentiert werden, und das tat v.a. John Perlin, der seit 2017 Tyndalls Entdecker-Anspruch ein "Verbrechen der Wissenschaft" nennt. Perlin ist Physiker wurde vom Nobelpreisträger Walter Kohn an die UCSB geholt. Er ist hochdekorierter Autor der Sachbücher "A Forest Journey", eines der Harvard's top 100 books, über die Geschichte der Waldnutzung, und "Let it shine", die Geschichte der Nutzung der Solarenergie.
    Perlin bezeichnet Foote als die "Rosa Parks der Wissenschaft", Zitat: "She was the first woman to have a paper read at a major scientific meeting. She was the first woman to have a paper published in the proceedings of a major scientific meeting. She was the only woman to be published in serious physics journals until Madame Curie."
    Von Tyndall dagegen zeichnet Perlin das Bild eines Serien-Plagiators, und nennt als weiteres Beispiel die Erfindung des Nebelhorns, das eigentlich auf den Kanadier Robert Foulis zurückgeht, von dem Joseph Henry Tyndall bei einem Besuch berichtet habe. Tyndall entwickelte das System zwar weiter, bezeichnete sich jedoch auch als der Erfinder. Perlin präsentiert einen Artikel der feministischen Zeitung The Revolution vom 14. April 1868, in dem sich ausgerechnet Eunice Foote über die vielen Erfindungen beschwert, die von Frauen gemacht und von Männern patentiert worden seien - ihr Mann war Chef des US-Patentamts.
    Bericht über Perlins Aufklärungsarbeit in Santa Barbara Independent: [Verknüpfung]
    Filmtip: Gute Einsicht in Perlins umfangreiche Folien mit Anmerkungen gibt es in seinem Vortrag bei einer Videokonferenz der Solar Family 2020 bei Youtube: [Verknüpfung]
    Perlins Vortrag bei einer Videokonferenz des New York Archives Magazine "Science knows no gender? Eunice Foote" 2020 bei Youtube: [Verknüpfung]
    Vortrag beim UCSB-Symposium 2018 bei Youtube: [Verknüpfung]
    Symposium der UCSB bei Youtube: [Verknüpfung]
    Über das Symposium der UCSB: [Verknüpfung]
    Katherine Wilkinson in Time zu Footes 200. Geburtstag: [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Eunice Newton Foote]

    Footes Tochter Augusta Foote Arnold schrieb 1901 mit "The Sea-Beach at Ebb-Tide" ein Buch über Küstenbiotope, das immer noch gedruckt wird und u.a. die Begründerin der Umweltbewegung Rachel Carson inspirierte.
    [Verknüpfung]
    Eunice Foote ist auch als Unterzeichnerin der "Seneca Falls Declaration" für Frauenrechte 1848 bekannt. Ihre Geschichte inspirierte 2019 klimabewegte Frauen zur "Women’s Connected Leadership Declaration on Climate Justice" für mehr Verantwortung für Frauen weltweit. Dies ist auch die dritte von fünf Maßnahmen im Programm "Earth for All" des Club of Rome.


    The climate movement cannot succeed without an urgent upsurge in women’s leadership across the Global South and the Global North. Women and girls are already boldly leading on climate justice, addressing the climate crisis in ways that heal, rather than deepen, systemic injustices. Yet, these voices are often under-represented and efforts inadequately supported.
    Now is the moment to recognize the wisdom and leadership of women and girls. Now is the moment to grow in number and build power. We invite all of our sisters to rise and to lead on climate justice, and for those with relative power and privilege to make space for and support others. To change everything, we need everyone.
    Women’s Connected Leadership Declaration on Climate Justice
    [Verknüpfung]







    1858

    USA: John D. Rockefeller baut eine Raffinerie, Basis für sein Ölmonopol Standard Oil, mit dem er der erste Milliardär der Geschichte wird. Dabei geht er oft manipulativ vor. 1872 z.B. versucht er illegale Absprachen mit der Bahngesellschaft zu ungunsten seiner Wettbewerber. Nach dem Publizisten Jack Mulcaire hat Rockefeller Kerosinlampen verbilligt abgegeben, um die Kunden an sein so genanntes "Standard-" Öl zu binden, u.a. 8 Millionen in China. Das Öl ist durch spezielle Destillation frei von leicht flüchtigen Erdölbestandteilen, also weniger explosionsgefährlich. Die Lampe ist einfacher gebaut als bessere Lampen, die einen Explosionsschutz besitzen. Nutzt man die kostenlose Lampe mit dem billigen Öl der Konkurrenz, kann es zur Explosion kommen.
    [SDI Research 2009 - Rockefeller-Prinzip 1901]
    [Mulcaire 2015]
    Die teilweise hochkriminellen Methoden seiner Monopolbildung sind dokumentiert, z.B. das Cleveland-Massaker und etliche Bestechungen. Sie inspirierten manches US-Gesetz, um dies im Sinne des Gemeinwohls zu unterbinden. Bis heute werden dennoch immer wieder Mittel und Wege gefunden, Monopole zu begründen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1859

    Edwin Drake bohrt in Titusville in Pennsylvania zum ersten Mal mit einer Dampfmaschine erfolgreich nach Öl und begründet damit den US-Ölboom. Heute sind 3,2 Millionen verwaiste Bohrlöcher erfasst; aus vielen davon strömt bis heute Methan aus.
    [Verknüpfung]

    Der Ire John Tyndall, Mitgled der alt-ehrwürdigen Royal Society, veröffentlicht erste Ergebnisse umfangreicher Messungen zur Treibhausgas-Wirkung atmosphärischer Gase inklusive CO2 und Wasserdampf, drei Jahre nach der Veröffentlichung von Eunice Foote, die unter mysteriösen Umständen bis 2011 von der Fachwelt zuerst unterdrückt und dann vergessen wurde - ein Plagiat ist denkbar.

    1861 fasst er seine Ergebnisse in Philosophical Transactions zusammen und beansprucht die Entdeckung des Treibhauseffekts von Wasserdampf und CO2: "The Bakerian Lecture. - On the absorption and radiation of heat by gases and vapours, and on the physical connexion of radiation, absorption, and conduction". Die Royal Society präsentiert den Artikel ohne jeden Hinweis auf die Kontroverse seit 2011 über das mögliche Plagiat - Tyndall ist Nationalheld und Namensgeber des nationalen Klimaforschungs-Zentrums.
    [Verknüpfung]


    1860

    Frankreich: Lenoir entwickelt einen Zweitakt-Verbrennunsgsmotor, 1863 fährt Lenoir mit seinem Hippomobile 18km am Stück.
    [Wikipedia 2019 - Automobil - Geschichte]
    1872 erfindet und patentiert der Österreicher Christian Reithmann den Viertakt-Motor, der später als Otto-Motor bekannt wird. Reithmann verzichtete später im Patentstreit in einem Vergleich mit dem Besitzer der Deutz-Werke Eugen Langen - aus wirtschaftlichen Gründen.
    [Verknüpfung]


    1871

    Das Königshaus Preußen ist nach dem Sieg gegen Frankreich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wilhelm I. von Preußen nutzt den Moment zur Unterwerfung der anderen deutschsprachigen Kleinstaaten, die er zu einer Nation vereinte, dem Deutschen Kaiserreich.

    Das Deutsche Reich schaffte jedoch nicht mehr den Anschluss an die europäischen Nachbarn, was die koloniale Ausbeutung der globalen Ressourcen betraf. Der Neid von Wilhelm II. auf seine europäische Königs-Verwandtschaft, und sein Dünkel einer zumindest kulturellen und wissenschaftlich-technischen Überlegenheit lösten den ersten Weltkrieg aus. Nach dessen opferreichen Verlust und der preußischen Abdankung nährte sich derselbe großdeutsche Größenwahn vom Hass auf die Siegermächte, und führte zum zweiten Weltkrieg.


    1875

    Jules Verne überspringt in seiner visionären Science Fiction das Ölzeitalter. Er schreibt in seinem Buch "Die geheimnisvolle Insel" begeistert über die Brennstoffzelle: "Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern."
    [Verne 1875]


    1877

    Otto-Viertaktmotor mit 3PS


    1881

    Gustave Trouvé präsentiert auf der Internationalen Strommesse in Paris ein Elektroauto.
    Trouve trike 1881a.jpg
    By G. Dupré ? - "Physique et Chimie populaires" Band 2, 1881-1883, Alexis Clerc (1841-1894), Public Domain, Link
    [Wikipedia 2019 - Geschichte des Elektroautos]


    1886

    Carl Benz baut den Patent-Motorwagen mit Otto-Motor, das erste in Serie gebaute Automobil.
    [Wikipedia 2019 - Benz Patent-Motorwagen]


    1890-1911

    USA: Nach J.P. Morgans Eisenbahn- und Andrew Carnegies Stahlimperium wird John D. Rockefellers Monopol Standard Oil vom Staat zerschlagen. Federführend dabei war der Präsident Theodore Roosevelt, der von den Monopol-Kapitalisten zunächst als Vizepräsident kaltgestellt worden, und nur aufgrund eines Attentats auf den industriefreundlichen Präsidenten McKinley ins Amt gekommen war.

    Die zeitgenössische Karikatur stellt Standard Oil als Kraken dar, der die USA im Würgegriff hält.
    [Hengsterman 2017]

    In Dänemark gehen die ersten elektrischen Windkraft-Anlagen in Betrieb, z.T. umgerüstete alte Windmühlen, versuchsweise auch zur Elektrolyse.
    [Verknüpfung]


    1896

    Der spätere Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius (ein weitläufiger Verwandter von Greta Thunberg) schätzt die Klimasensitivität von CO2 auf 5°C. Er verweist nicht auf die Gefahren der Entwicklung.
    [Arrhenius 1896]


    1902

    Sabatier und Senderens entwickeln ein Verfahren zur Synthese von Methan als Erdgas-Ersatz aus CO2 und H2 (Nobelpreis 1912).
    [Sabatier 1902]


    1903

    Theodore Roosevelt setzt als Präsident der USA fünf Jahre nach ihrem Sieg über die Kolonialmacht Spanien das Monopol auf den Panamakanal durch und begründet damit ihren Anspruch auf kontinentale Hegemonie. Um lokale Interessen auszuschalten, wird eigens der Staat Panama begründet.
    [Wikipedia 2022 - Spanisch-Amerikanischer Krieg]
    [Verknüpfung]


    1905

    Einstein beschreibt den photoelektrischen Effekt, auf dem die Energewende per Photovoltaik basiert. 1915 bekommt er dafür zu Recht seinen Nobelpreis (nicht, wie manche meinen, für die Relativitätstheorie).


    1908

    USA: Ford beginnt die Fließbandproduktion des Verbrenner-Autos Model T.


    1900-1910

    Elektrische Kutschen ersetzen zunehmend Pferdekutschen und beherrschen das Straßenbild in US-Großstädten; Ferdinand Porsche baut für Lohner (Wien) sein erstes Auto: ein Elektroauto mit Kontroller und Drehstrom-Radnabenmotoren - das Grundprinzip ist immer noch aktuell.
    Lohner Porsche.jpg
    Von Unbekannt - photo from 1902, Gemeinfrei, Link







    Inhalt




    1910

    Der elektrische Anlasser für den Verbrennungs-Motor bereitet dem Massen-Elektroauto ein (vorläufiges) Ende.


    1912

    Nach seinem Aufsatz über "Die Energiequellen der Zukunft", in der er den Übergang von der fossilen zur solaren Energieversorgung beschreibt, prägt der Nobelpreiträger für Chemie 1909 Wilhelm Ostwald in seinem Buch "Der energetische Imperativ" den Energieeffizienz-Gedanken: "Vergeude keine Energie - nutze sie!"
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1913

    Ägypten: In Maadi nimmt das erste solarthermische Kraftwerk in Parabolrinnen-Bauweise des US-Ingenieurs Frank Shuman seinen Betrieb auf. Mit 25PS aus einer Dampfturbine wird Wasser gepumpt. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs sagt der deutsche Reichstag Shuman 200.000RM zur Finanzierung einer größeren Anlage in Deutsch-Südost-Afrika zu. Deutschland war bei der Aufteilung ölreicher Kolonien leer ausgegangen.
    Der Kriegsausbruch 1914 bedeutet das Ende des Projekts.
    [Wikipedia 2020 - Frank Shuman]


    1916

    Der österreichische Arzt Sigmund Freud beginnt nach vielen Jahren wissenschaftlicher Überzeugungsarbeit unter Kollegen in Wien die Vorlesungsreihe "Elementare Einführung in die Psychoanalyse", die sein Werk weltweit berühmt machte. Freud geht aus von einem triebhaften, stark von Kindheitserfahrungen bestimmtem Unterbewussten, das von der Gesellschaft kontrolliert werden müsse.
    Exemplarisch für diese Sichtweise ist die Tatsache, dass er die Masturbation seiner Tochter Anna zum Anlass für psychoanalytische Sitzungen hielt. Die Verbrechen der Nationalsozialisten nahm er als Bestätigung seiner Theorie.

    Freuds Tochter Anna machte seine Theorien in den USA zu einem zivilgesellschaftlich bestimmenden Moment - möglicherweise begünstigt durch die puritanische Kultur. Anna Freud beförderte auch für den Austritt von Wilhelm Reich aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung IPV im Jahr 1934, der sich mit Freud über die Frage der Unterdrückung sexueller Bedürfnisse überworfen hatte.
    Reich formulierte eine Theorie der psychischen Panzerung, die sich in erhöhter Anspannung bestimmter Muskelgruppen äußert. Daraus entwickelte er körpertherapeutische Ansätze, die bis heute weiterentwickelt wurden - die Vegetotherapie. Er starb 1957 in den USA im Gefängnis, wo er wegen Scharlatanerie einsaß - er hatte behauptet, mit seinen Apparaten eine bis heute nicht anerkannte Form von Energie, Orgon, für medizinische Zwecke nutzen zu können. Seine Bücher zum Thema wurden verbrannt. Erst in den 60er Jahren wurde seine analytische und therapeutische Leistung wieder erkannt.
    [Wikipedia 2022 - Wilhelm Reich]
    [Wikipedia 2022 - Vegetotherapie]
    Freuds misanthropisches Menschenbild motivierte seinen Neffen Edward Bernays zur Manipulation der Massen durch Public Relations, die bis heute den konservativen Eliten zum Machterhalt dient.


    1917

    Sykes-Picot-Abkommen: Nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reichs kommt es zur Aufteilung des ölreichen Nahen Ostens zwischen England und Frankreich.

    Red-Line-Abkommen: erste Aufteilung von Ölförder-Gebieten zwischen Kolonialmächten

    1. Weltkrieg: Der englische Admiral Winston Churchill entscheidet sich für den besseren Schiffstreibstoff: Diesel statt Kohle. Das entscheidet den Seekrieg mit Deutschland.

    Flugbenzin ermöglicht den ersten Luftkrieg.


    1918

    Der britische hochdekorierte Mathematiker und Ökonom John Maynard Keynes steht der englischen Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen vor. Er warnt vor einer revanchistischen Politik gegenüber dem Kriegsverursacher Deutschland und tritt unter Protest von seinem Posten zurück. 1919 sagt er in seinem Buch The Economic Consequences of the Peace die sozialen Folgen voraus, die letztlich - finanziert von deutschem und auch amerikanischem Großkapital - zum Aufstieg des deutschen Faschismus führte.
    Keynes tritt gegen unbedingten Liberalismus und für staatliche Wirtschafts-Intervention ein.

    Auch unter dem Eindruck der Vorgänge in Deutschland bewegt er 1933 den US-Präsienten Roosevelt zum New Deal. Die Stabilisierung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Abkommen von Bretton Woods wird von ihm entscheidend mitbestimmt.
    [Wikipedia 2021 - John Maynard Keynes]


    1919


    Edward Bernays - Neffe des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud - wählt als Berufsbezeichnung Public Relations Counsel. Neben seinem Konkurrenten Ivy Lee gilt er als Erfinder der PR. Bekannt wird Bernays zuerst mit dem Narrativ von Zigaretten als Vehikel der weiblichen Emanzipation.
    [Wikipedia 2022 - Edward Bernays - Counsel on public relations]
    Derweil gründet Ivy Lee im selben Jahr als Berater von John D. Rockefeller das American Petroleum Institute API, das bis heute die Interessen der US-Ölindustrie vertritt.

    Lees API begründete und verbreitete die Ideologie des Fossilökonomismus, z.B. mit dem push (damalige PR-Sprache für Narrativ) "Oil for Progress", und das bis heute ein wichtiges PR-Organ der Ölindustrie darstellt.
    Lee war bis zu seinem Tod in den Diensten Rockefellers. 1914 koordinierte er die Desinformations-Kampagne nach dem Ludlow-Massaker, bei dem Streikende einer Kohlemine mit Frauen und Kindern brutal erschossen worden waren. Lee wandelt mit der Zeit Rockefellers Bild vom meistgehassten Mann der USA zum verehrten Philanthropen. Später arbeitet er auch für Rockefellers deutschen Kooperationspartner IG Farben und die Nazis.
    [Wikipedia 2022 - Ludlow-Massaker]
    [Verknüpfung]
    Amy Westervelt auf DeSmog Blog Podcast mit Naomi Oreskes und Bob Brulle (nur Text): [Verknüpfung]
    Audio: [Verknüpfung]

    Auch Bernays' Einfluss ging weit über die Werbung für Konsumprodukte hinaus. Er war geprägt vom misanthropischen Menschenbild seines Onkels Sigmund Freud. Bernays' Tochter attestiert ihrem Vater im Interview mit dem britischen Dokumentarfilmer Adam Curtis ein Selbstbild hoher geistiger Überlegenheit, vor allem gegenüber der Masse, die er für dumm hielt und zutiefst verachtete. Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und des Bolschewismus hielten neoliberale Kreise um den Ökonomen Walter Lippmann eine psychologische Steuerung der Massen durch eine ökonomische Elite für ein legitimes Werkzeug zur Erhaltung der Demokratie - und Bernays führte diesen Plan aus, er wurde zu einer zentralen Figur in der New Yorker High Society. Als Werbeprofi wusste er Bedürfnisse zu wecken und Ängste zu schüren. Das Narrativ, der Mensch sei als Homo oeconomicus unfähig zu Solidarität, und Konsum und Wachstum deshalb unabdingbare Voraussetzungen für sozialen Frieden, bestimmt bis heute die Politik, besonders nach dem Durchbruch des Neoliberalismus unter Ronald Reagan.
    Die Fähigkeit zu Empathie, Solidarität und Teilen lernt man in der Kindheit. Manche Menschen schaffen dieses Stadium der Sozialentwicklung nicht, und im Neoliberalismus wird der infantile Egoismus schließlich zur Tugend erhoben.
    Das Schüren der Angst vor einem Sozialkonflikt ist heute noch das wirkungsvollste Werkzeug der Klimaschutz-Bremser. Auch die Idee der PR-Agentur Ogily & Mather, mit dem Carbon Footprint die Verantwortung der Eliten für den Ökozid auf die Konsument:innen (respektive Bürger:innen) abzuwälzen, steht letztlich in Bernays' Tradition.
    Filmtip: Adam Curtis. The Century of the Self. BBC. Großbritannien 2002
    Zitat Curtis: "Diese Serie handelt davon, wie die Mächtigen Freuds Theorien dazu verwendet haben, die gefährliche Volksmenge im Zeitalter der Massendemokratie zu analysieren und zu kontrollieren."
    [Wikipedia 2022 - The Century of the Self]
    Teil 1: Happiness machines: [Verknüpfung]
    Teil 2: The Engineering Of Consent: [Verknüpfung]
    Teil 3: There is a Policeman Inside All Our Heads; He Must Be Destroyed: [Verknüpfung]
    Teil 4: Eight People Sipping Wine in Kettering: [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Adam Curtis]




    1922

    Der Vorstand des US-Autobauers General Motors Alfred P. Sloan setzt eine Arbeitsgruppe ein, die den Ersatz elektrischer Straßenbahnen durch Busse durch Lobbyarbeit und Korruption betreiben soll. Das Projekt führte später zu einem Skandal und z.T. zu gerichtlichen Verurteilungen.
    [Wikipedia 2019 - Sloan 1922]
    Pacific-Electric-Red-Cars-Awaiting-Destruction.jpg
    Von Los Angeles Times - http://digital2.library.ucla.edu/viewItem.do?ark=21198/zz0002tqg9, Gemeinfrei, Link


    1925

    D: Fischer und Tropsch entwickeln das Sabatier-Verfahren weiter zur Synthese flüssiger Kohlenwasserstoffe (Erdöl-Ersatz) aus Wassergas - einem CO- H2- Gemisch aus der Vergasung von Kohle mit Wasserdampf, weshalb das Verfahren auch landläufig als "Kohle-Verflüssigung" bezeichnet wurde.
    [Wikipedia 2019 - Fischer und Tropsch 1925]
    Es erlaubt bald dem Nazi- und später in noch viel größerem Umfang dem Apartheids-Regime den Ersatz von Rohöl. Die nazideutschen Anlagen werden nach dem Krieg von den Westmächten demontiert, im Osten werden die Leuna-Werke weiterbetrieben.
    [Wikipedia 2022 - BRABAG]
    Daraus wurde jetzt das P2X-Verfahren entwickelt.


    1928

    Schottland: As-Is- oder Achnacarry-Abkommen der sog. Seven Sisters

    Auf Achnacarry Castle (damals Eigentum von H. Deterding) kommt es zur Absprache von Henry Deterding (Shell), Walter C. Teagle (Standard Oil (Rockefeller)) und John Cadman (Anglo-Persian Oil Company, später British Petrol BP) über die Aufteilung des globalen Ölmarkts; das Kartell ist 1952 durch einen US-Senatsausschuss bekannt geworden, benannt als "Seven Sisters" durch Eni-Chef Enrico Mattei.
    [Wikipedia 2019 - Achnacarry-Abkommen 1928]
    [Bamberg 1994]
    [Haberman 2002]
    [Corsetti 2010]
    [Vassilou 2018]


    1929

    Der jahrelange Aktienboom in den USA findet am Schwarzen Donnerstag, dem 24.10., ein jähes Ende. Die Krise wurde ausgelöst von Kleinanlegern, denen gierige Banken massenhaft Kredite für den Aktienkauf gewährt hatte, selbst als der Markt schon lange überhitzt war. Deren Überschuldung löste eine Vertrauenskrise bei den Banken aus - eine jahrelange schwere Depression folgte, die erst durch Roosevelts Staatsintervention New Deal beendet wird.
    [Verknüpfung]
    Die folgende weltweite Wirtschaftskrise ist tiefgreifend. In Deutschland wird sie verschärft durch vorzeitige Rückforderung von Krediten aus den USA, die das durch Reparation belastete Land in die Hyperinflation stürzt. Eine verfehlte liberal-konservative Austeritätspolitik tut ihr Übriges dazu. Die verantwortlichen rechtskonservativen Kreise geben erfolgreich dem internationale Judentum die Schuld und stellen die Sozialisten als deren Helfer dar: der Weg führt in den nationalistischen Faschismus.


    1932

    Unterstützung der NSDAP durch die Fossil- und Rüstungsindustrie

    Die Großindustrie betreibt aktiv die Schwächung der parlamentarischen Demokratie in der Weimarer Republik; manche Industrielle wie Thyssen und Deterding (Shell) unterstützen Hitler finanziell schon vor der Machtergreifung. Deterding siedelt 1936 von den Niederlanden nach Deutschland über.
    [Wikipedia 2019 - Großindustrie und Aufstieg der NSDAP]
    [Wikipedia 2022 - Industrielleneingabe]

    In den Wirren vor der Machtergreifung konzentriert sich die Unterstützung durch Industrielle nicht nur auf Hitlers Partei NSDAP; danach unterstützt die Großindustrie allerdings die NSDAP massiv. Obwohl Deutschland wirtschaftlich vom verlorenen Ersten Weltkrieg, horrenden Reparationsforderungen und Wirtschaftskrise gezeichnet war, trieb der vormals gescheiterte Putschist Hitler wie lange angekündigt die Wiederaufrüstung Deutschlands voran. Sie wurde anschubfinanziert durch Kriegsanleihen, die die deutsche Großindustrie von Finanzminister Hjalmar Schacht erwarb, sogenannte Mefo-Wechsel. D.h. sie liehen dem Staat das Geld für einen Krieg, von dem sie sich Rückzahlung plus Rendite versprachen. Zwangsarbeit, eine besonders menschenverachtende Form der Externalisierung, verbilligte die Produktion massiv und erhöhte damit die Profite.
    Die Aufrüstung verschaffte deutschen Konzernen der chemischen, Schwer-, Waffen-, Automobil- und Flugzeugindustrie gigantische Wachstumsraten. Das chemische Industriekonglomerat IG Farben wurde nach dem Krieg zerschlagen, die größten Tochterkonzerne existieren noch heute. Die übrigen Hersteller ließ man größtenteils nach dem Krieg weiterexistieren, viele bis heute. Es fand keine Enteignung der Eigentümer statt.
    Hitlers Aufstieg wurde vom mächtigsten Mann der USA aus unterstützt: John D. Rockefellers Standard Oil kooperierte mit der amerikanischen Tochter German Dye Trust der deutschen IG Farben, und sie teilten sich einen hochbezahlten Berater: Ivy Lee, neben Edward Barneys als Erfinder der Public Relations (deutsch etwa "Öffentlichkeitsarbeit") bekannt.
    US-Botschafter William Dodd beschuldigt Lee später, 1933 auch Goebbels und Hitler beraten zu haben, als das Nazi-Regime in den USA sehr schlechte Presse bekam. Eine massive Aufstockung Lees Gehalts ist verbürgt; es kommt jedoch zu keiner Verurteilung, denn Lee stirbt während der Anhörungen an einem Hirntumor.
    Auch andere gewichtige US-Investoren kooperierten mit Hitler.
    [Wikipedia 2019 - Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft]


    1933

    Auch nach der Machtergreifung unterstützten Vertreter des deutschen Großkapitals Hitler, jetzt bei der Stabilisierung der neuen Diktatur. Am 20. Februar 1933 fand z.B. auf Einladung Hermann Görings ein Geheimtreffen statt.

    • Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, (Vorsitzender des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie)
    • Albert Vögler (erster Vorstandsvorsitzender der Vereinigte Stahlwerke AG)
    • Fritz Springorum (Hoesch AG)
    • Ernst Tengelmann (Vorstandsvorsitzender der Gelsenkirchener Bergwerks-AG)
    • August Rosterg (Generaldirektor der Wintershall AG)
    • Ernst Brandi (Vorsitzender des Bergbauvereins)
    • Karl Büren (Generaldirektor der Braunkohlen- und Brikett-Industrie AG, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände)
    • Günther Heubel (Generaldirektor der C. Th. Heye Braunkohlenwerke AG, Vorstandsmitglied der „Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“)
    • Georg von Schnitzler (Vorstandsmitglied der I.G. Farben)
    • Hugo Stinnes junior (Vorstandsmitglied des Reichsverband der Deutschen Industrie, Mitglied des Aufsichtsrats des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats)
    • Eduard Schulte (Generaldirektor Giesches Erben, Zink und Bergbaubetrieb, später Widerständler)
    • Fritz von Opel (Vorstandsmitglied der Adam Opel AG)
    • Ludwig von Winterfeld (Vorstandsmitglied der Siemens & Halske AG und Siemens-Schuckert-Werke AG)
    • Wolf-Dietrich von Witzleben (Leiter des Büros von Carl Friedrich von Siemens)
    • Wolfgang Reuter (Generaldirektor der Demag, Vorsitzender des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten, Präsidialmitglied des Reichsverbands der Deutschen Industrie)
    • Günther Quandt (Großindustrieller, aufgrund seiner Unterstützung des Regimes späterer Wehrwirtschaftsführer)
    • August Diehn (Vorstandsmitglied der Wintershall AG)
    • Hans von und zu Löwenstein (geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bergbauvereins)
    • Ludwig Grauert (Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller)
    • Friedrich Flick
    • Kurt Schmitt (Vorstandsmitglied der Allianz AG)
    • August von Finck (war in zahlreichen Aufsichtsräten und Fachgremien)
    • Erich Fickler (Generaldirektor der Harpener Bergbau AG, Aufsichtsratsvorsitzender Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats, Vorstandsmitglied des RDI, Mitglied diverser Aufsichtsräte)
    • Paul Stein (Vorsitzender und Generalbevollmächtigter der Gewerkschaft Zeche Auguste Victoria in Marl-Hüls und Verwaltungsratsmitglied der I.G. Farben)
    • Herbert Kauert (Vorstandsmitglied der Gelsenkirchener Bergwerks-AG)
    [Wikipedia 2022 - Geheimtreffen vom 20. Februar 1933]

    Während die Nazis mit diesem Geld Deutschland aus der Wirtschaftskrise holen, indem sie zum nächsten Weltkrieg rüsten, startet in den USA Theodore Roosevelt ein ziviles Aufauprogramm, den New Deal. Er orientiert sich - im Gegensatz zur Deregulationspolitik seines libertären Vorgängers Hoover - am Staatsinterventionismus des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Historiker unterschieden Roosevelts Maßnahmen nach der Nachhaltigkeit ihrer Wirkung: kurzfristig (relief), mittelfristig (recovery) und langfristig (reform).
    [Wikipedia 2020 - New Deal]
    Durch die Sozialreformen und die Regulierung des Bankensystems hat Roosevelt die Demokratie der USA bewahrt. Er war mit 12 Amtsjahren der amtsälteste Präsident der USA und starb im Amt kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs.
    [Verknüpfung]

    Der autoritäre saudi-arabische Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud, der den Staat ab 1902 mit Hilfe radikalislamischer Milizen erobert hatte, verkauft eine 60-jährige Ölbohrlizenz Ostarabiens für 175.000$ an die US-Ölfirma SoCal. Diese setzt bei Probebohrungen in den folgenden fünf Jahren etliche Millionen von US-$ buchstäblich in den Sand, so dass die Investoren kurz vor dem Abbruch des Projekts stehen. Am 04. März 1938 sprudelt aus der Probebohrung im Fischerort Dammam plötzlich eine riesige Menge Öl, 255.000l. Die Amerikaner nennen Saudi-Arabien seitdem den Hauptgewinn in der Weltgeschichte. Noch 2019 werden die saudischen Vorkommen mit einem Sechstel als die zweitgrößten der Welt geschätzt, mit einem Großteil in der Ostprovinz.
    [Wikipedia 2022 - Dammam]


    The United States certainly hit the jackpot by securing a monopoly oil concession in Saudi Arabia.
    Manfred Weissenbacher
    [Verknüpfung]
    Der britische Verlag Foyles schreibt über das 2009 erschienene Buch "Sources of Power: How Energy Forges Human History" des Autors Manfred Weissenbacher (Department of Politics, Philosophy and Management at Copenhagen Business School): "The standard of energy technology is the most determining factor for the fate of human societies. Those who command more energy dominate others and impose their interests or values onto them. Manfred Weissenbacher, the author of "Sources of Power" believes that his latest work will change the way world history is being viewed and taught. In this two-volume set, the main thesis holds that command of energy has been the most critical determinant in human societal and political history, and will thus also decide the future fate of societies and nations. Targeted to a general audience of readers, this is a concise and accessible merger of technological, economic and political history that ultimately leads to an analysis of the current global situation to provide a roadmap towards a prosperous and peaceful future for all. Those who liked (or disliked) Jared Diamond's "Guns, Germs, and Steel" will especially enjoy reading "Sources of Power" as it removes a major flaw of Diamond's thesis by integrating it into a larger energy theory of history that holds good beyond the 16th century, all the way to the present, and even beyond."
    🎞Filmtip: 1929 - der große Börsencrash
    Teil 1: Schwarzer Donnerstag
    [Verknüpfung]
    Teil 2: Der Kampf gegen die Krise
    [Verknüpfung]

    Die Regulierung des Bankensystems umfasste mit dem Glass-Steagall-Act auch die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, um Spekulationen mit Spareinlagen zu vermeiden. So wurde das Risiko von Bank Runs, bei denen sich Sparer massenhaft ihre Guthaben in Bargeld auszahlen lassen, vermindert.
    [Wikipedia 2020 - Glass-Steagall-Act]

    Die Aufhebung des Glass-Steagall-Act 1999 gilt als einer der wichtigsten Auslöser der Subprime-Krise 2008.
    In den 1960er Jahren greift Präsident Lyndon B. Johnson mit dem Programm Great Society Roosevelts Politik wieder auf. Es dauert ein halbes Jahrhundert des Neoliberalismus, bis Joe Biden nach dem Sturm eines von Wahlverlierer Donald Trump aufgehetzten rechtsextremen Mobs auf das Kapitol an Roosevelt anknüpft.


    1935

    Geschäfte der US-Fossilindustrie mit Nazi-Deutschland und Japan

    • D: US-Ölunternehmer Fred C. Koch baut 1935 in Hamburg die drittgrößte deutsche Raffinerie, u.a. für Flugbenzin, und äußerte sich bewundernd über den Faschismus. Seine Söhne gehören zu den reichsten Menschen der Welt und ihre vielfältige finanzielle Unterstützung klimaskeptischer Denkfabriken ist bekannt.
      [Wikipedia 2019 - Fred C. Koch]
    • Walter C. Teagle (Standard Oil) wird nach dem 2. Weltkrieg angeklagt wegen Geschäften mit Deutschland und Japan während der Kriegsblockade.
      [Wikipedia 2019 - Walter C. Teagle]
    • Prescott Bush (Geschäftsführer der Brown Brothers Harriman Bank) macht vor Kriegsausbruch viele Geschäfte mit Nazi-Deutschland. Gegen ihn werden nach dem Krieg Anklagen wegen Gewinnen aus Zwangsarbeit erhoben. An der Union Banking Corporation, die wegen Geschäften mit Nazi-Deutschland enteignet wird, hat er Anteile. U.a. mit der Entschädigung daraus baut er sein Ölgeschäft auf, das von seinem Sohn und Enkel (beide US-Präsidenten) fortgeführt wird. Er unterstützt US-Präsident Eisenhower und wird zu einem wichtigen Mentor von US-Präsident Nixon.
      [Wikipedia 2019 - Prescott Bush]
    • Henry Ford, dessen antisemitische Schriften selbst Hitler inspirierten, betrieb in Nazi-Deutschland kriegswichtige Fabriken, die pikanterweise von den USA von Bombardements verschont wurden.
      [Wikipedia 2020 - Henry Ford - Henry Ford und der Nationalsozialismus]

    USA: Beginn der Dust-Bowl-Katastrophe, einer großflächigen Winderosion im mittleren Westen der USA, die ihre Ursache in Bodendegradation durch jahrelange Humus-oxidierende Landwirtschaft hat.
    1939 erscheint der Roman "Früchte des Zorns" von John Steinbeck über die Katastrophe und die Migration der Bauern nach Kalifornien. Er wird zuerst von rechtskonservativen Politikern in Kalifornien verboten und öffentlich verbrannt; 1940 erhält Steinbeck für seinen epochalen Bestseller den Pulitzer-Preis.
    [wikipedia 2020 - Dust Bowl]


    1937

    Schweiz: Baur und Preis bauen eine Hochtemperatur-Brennstoffzelle mit Festkörper-Elektrolyt; sie eignet sich auch zur elektrolytischen Wasserstoffproduktion und wird zunächst in der Sowjetunion weiterentwickelt.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Brennstoffzellen]
    [Baur und Preis 1937]


    1938

    Guy Stewart Callendar veröffentlicht eine Abschätzung der Klimasensitivität von CO2 von 2K. 30 Jahre später präzisieren Computer mit den ersten Klimamodellen um eine Stelle auf 2,3K.
    Callendar erhofft für die Menschheit das Ausbleiben der nächsten Kaltzeit.
    [Wikipedia 2019 - Callendar 1938]


    1939-1945

    Zweiter Weltkrieg: Hitler versucht erfolglos, Ölquellen in Nordafrika (General Rommel in Tobrug) und Aserbaidschan (General Paulus in Stalingrad) zu erobern und betreibt parallel eine Produktion von Ersatz-Treibstoff aus Kohle ("Kohle-Verflüssigung" durch Fischer-Tropsch-Synthese bei diversen Unternehmen, die größte darunter BRABAG).

    1950 baut Südafrika große Kapazitäten der Fischer-Tropsch-Synthese. Die Firma Sasol gibt es heute noch.

    Die gigantische Kriegs-Infrastruktur der Alliierten zur Treibstoffversorgung wird nach dem Krieg weiter zivil genutzt.

    Die zerstörten Städte werden als Auto-Städte wiederaufgebaut - was heute in weiten Teilen als städtebauliche Fehlentscheidung angesehen wird.


    1944

    Auch unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, die den Zweiten Weltkrieg mitverursacht hat, und dem schwindenden Einfluss Großbritanniens wird ein Jahr vor Kriegsende ein festes Wechselkurssystem der Industrieländer vereinbart, das Bretton-Woods-System. Federführend waren die Ökonomen John Maynard Keynes (UK), der sich für eine internationale Währung und eine starke Rolle des Staats einsetzte, und Harry Dexter White, der den Dollar als Leitwährung durchsetzte. Bis 1971 konnte dieser gegen Gold eingetauscht werden - 70% der Goldreserven lagerten damals in den USA.
    [Wikipedia 2020 - Bretton-Woods-System]
    Während des Bretton-Woods-Systems gab es auffällig wenige Währungskrisen, es ließ sich jedoch wegen uneinheitlicher Wirtschafts- und Fiskalpolitik nicht durchhalten. Die heutigen Probleme des Euro sind ähnlich.
    BankingCrises.svg
    Von David MC Eddy; - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link


    1945

    Es ist kein Wunder, dass in Hamburg und damit in der Britischen Besatzungszone der erste deutsche Nachkriegssender vier Tage vor Kriegsende, also vorzeitig, auf Sendung ging: die britische BBC gilt als Vorbild aller öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsender. Aus Radio Hamburg entwickelte sich der Nordwestdeutsche Rundfunk, dessen Nachfolger NDR immer noch die Tagesschau für die ARD produziert, die als Arbeitsgemeinschaft der Regionalsender NWDR, HR, SWF, SDR, BR und RIAS entstand.
    Eine im Staatsvertrag festgelegte ausgewogene Berichterstattung muss sowohl die Sichtweisen konservativer als auch progressiver Kräfte abbilden. Nicht alle Berichte investigativer Journalisten haben der konservativen Regierung Adenauer (CDU) gefallen, und deshalb wurden im NWDR schon früh Mitarbeiter des Geheimdiensts BND eingeschleust, um eine allzu progressive Darstellung zu unterbinden. Ohne Erfolg: der deutsche Medienpreis der Öffentlich-Rechtlichen Sender ist nach einem Haupt-Ziel dieser Geheimdienst-Aktivitäten, dem SPD-Politiker Adolf Grimme, benannt.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Nordwestdeutscher Rundfunk]

    1963 ging dann mit dem ZDF ein regierungsnäheres Fernsehen auf Sendung. Lange sprach man von "Adenauer TV". Helmut Kohl ging - wie seine neoliberalen Vorbilder aus den USA und Italien - subtiler vor und schuf das Privatfernsehen. Aber auch später arbeiteten CDU-Politiker:innen an der Durchsetzung ihrer politischer Tendenzen und Demontage der investigativen Tätigkeiten in öffentlich-rechtlichen Medien.

    Ein wichtiger Mathematiker im Manhattan-Projekt, der hochbegabte Savant Johann von Neumann, beschreibt im militär-internen Aufsatz "First Draft of a Report on the EDVAC" einen "speicherprogrammierten Rechner", ein Konzept, das von seinen Mitarbeitern John Presper Eckert und John William Mauchly von der Moore School der University of Pennsylvania in Philadelphia für den ENIAC-Computer benutzt wurde. Von Neumann konstruierte danach für das US-Militär Computer, um Vorhersagen für Wetter und die Wirkung von Wettermanipulationen berechnen zu können.
    [Verknüpfung]
    Trotz des Patents von Eckert und Mauchly spricht man heute auch von der "Von-Neumann-Architektur", die bis heute das wichtigste Grundprinzip von Computern ist.
    [Wikipedia 2022 - John von Neumann]

    Die Wetterberechnungen wurden schon in den 60er Jahren für Klimamodelle benutzt, zuerst von Syukuro Manabe und Richard Wetherald in Princeton.


    1946

    Der jüdische Psychiater Viktor Frankl, dessen ganze Familie im Holocaust ermordet wurde, arbeitet seine Erlebnisse in einem Buch auf - und realisiert damit ein Vorhaben, das ihn im KZ am Leben erhalten hat.
    Seine Rede an einer Gedenkstätte ist hörenswert.
    [Verknüpfung]


    Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen. Und die ‚Rassentrennung‘ verläuft quer durch alle Nationen und innerhalb jeder einzelnen Nation quer durch alle Parteien.
    Viktor Frankl
    [Wikipedia 2021 - Viktor Frankl]

    Der britisch-jüdische Verleger Victor Gollancz, der Verwandte im Holocaust verloren hat, besucht das zerstörte Deutschland und wirbt danach in England für Aussöhnung.


    Ich war niemals mehr prodeutsch als ich profranzösisch, projüdisch, proarabisch oder sonstwas war. Ich hasse alles, was pro und anti ist. Ich bin nur eins: ich bin pro Menschheit.
    Victor Gollancz

    1947

    Vereinigtes Königreich: Shockley, Brattain und Bardeen bauen einen p-n-Gleichrichter (Diode) aus dotiertem Silizium als elektronisches Bauteil. Sie bemerken noch nicht seinen photoelektrischen Effekt.

    Schweiz: Ein Jahr nach dem Tod des englischen Ökonomen John Maynard Keynes gründet der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek auf dem Mont Pelerin bei Genf die Mont Pelerin Society. Die Teilnehmer waren sich einig, dass der Staatsinterventionismus, der vor allem von Keynes geprägt wurde ("Keynesianismus"), abgeschafft werden muss.
    Keynes hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Siegermächte vor der wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands durch die Versailler Friedensverträge gewarnt - sie ignorierten die Warnung und stürzten Deutschland in eine Wirtschaftskrise, die den Faschismus auslöste. Keynes hatte die USA mit Roosevelts New Deal aus der Wirtschaftskrise geführt und damit vor dem Faschismus bewahrt, hatte mit dem Abkommen von Bretton Woods die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit stabilisiert.
    Die Mont Pelerin Society plante von langer Hand eine globale wirtschaftliche Liberalisierung der Industriestaaten. Die davon ausgehende Denkrichtung bezeichnet man heute als Neoliberalismus, so wie es schon in einer Vorläufer-Konferenz der Mont Pelerin Society, dem Colloque Walter Lippmann, 1938 beschlossen worden ist. Lippmann hatte mit seinem Buch "The Good Society" die Diskussion ausgelöst.
    [Wikipedia 2022 - Colloque Walter Lippmann]
    Zum wichtigsten Protagonisten der Bewegung wurde Milton Friedman. Der Ökonom Paul Krugman (Nobel-Gedächtnispreis 2008) zieht 2007 für Friedmans Auseinandersetzung mit Keynes einen historischen Vergleich, der eine gewisse ironische Distanz gegenüber seinem Fach deutlich macht: Vergleiche man Keynes mit dem religiösen Reformator Luther, entspreche Friedman am ehesten dem Jesuiten Ignatius von Loyola als Vertreter der konservativen Gegenreformation.
    Dieser Vergleich ist allerdings berechtigt: allzu gerne verwenden Neoliberale den Begriff "Religion", wenn jemand ihre pseudo-naturwissenschaftliche Lehre von der "unsichtbaren Hand des Marktes" in Frage stellt. Mit diesem Whataboutism verschleiern sie, dass sich ihre eigene Wissenschaft genauso wenig mit naturwissenschaftlichen Grundsätzen begründen lässt. Zugrundeliegend sind vielmehr die ganz großen Werte- und Moralfragen, die sich auch nicht mit noch so ausgefeilten Berechnungen in Dollar und Euro klären lassen. Und hier hat der Neoliberalismus außer purem Sozialdarwinismus, der euphemistisch zu einem fragwürdigen Freiheitsbegriff verbrähmt wird, nicht viel zu bieten.
    [Verknüpfung]
    Kritiker sprechen bei derart ideologisierter Ökonomie von Marktreligion.
    [Verknüpfung]
    Alois Weber bringt es im Spiegel auf den Punkt: "Wer bestehen will, muss sich den Gesetzen des neuen Gottes unterwerfen; wer in den politischen Diskursen noch kompetent mitreden will, der muss sich als Gläubiger des Marktes erweisen, sonst gilt er als Spinner, Utopist oder irrelevanter Heide des alten Glaubens an die Steuerbarkeit, Regulierbarkeit und Gestaltbarkeit der Gesellschaft durch staatliche Vorgaben."
    [Verknüpfung]
    Die radikale Form ist der Neolibertarismus, dessen Vordenkerin Ayn Rand seit den dreißiger Jahren mit fiktionaler Literatur und Interviews die vielfachen Beschränkungen wirtschaftlicher Freiheit anprangerte.
    [Wikipedia 2021 - Ayn Rand]
    Dass sein Marktradikalismus religiöse Züge hatte, zeigte Hayek auch mit seiner Einstellung zu den Wissenschaften. Sie seien in ihrer Gesamtheit viel zu komplex, als dass ihre Erkenntnisse als Grundlage ökonomischer und politischer Entscheidungen taugten: Hayek kritisierte wissenschaftlich begündete Eingriffe in den Markt als "Anmaßung von Wissen". Stattdessen setzt Hayek auf die überlegene Intelligenz des Marktes, so Maja Beckers in der Zeit.
    [Beckers 2021]
    Der neolibertäre Aktivist Leonard Read, Gründer der Denkfabrik Foundation for Economic Education, goss diese Vorstellung Hayeks 1958 zu seinem exemplarischen Lehrstück "I, pencil", das immer wieder neu aufgelegt und schließlich animiert verfilmt wurde. Er lässt einen Bleistift erzählen, wie Gott ihn durch die unsichtbare Hand des Marktes erschafft, ohne dass irgend eine wissende oder regulierende Macht eingreifen würde. Read gehört zu den Calvinisten in der Österreicher Schule und verbindet das Narrativ der unsichtbaren Hand mit dem religiösen Motiv des Wohlstandsevangeliums.
    [Wikipedia 2021 - I, Pencil]
    Diese Wissenschaftsskepsis passt zu Hayeks politischen Vorstellungen. Konservative zeigen oft eine selektive Akzeptanz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse: was nicht passt, wird passend gemacht. Autoritäre Machthaber (rechte wie linke) schließlich unterdrücken unliebsame Wahrheiten, sie greifen zur Zensur.
    [Verknüpfung]
    Hayek und Friedman arbeiteten bei der Intercollegiate Society of Individualists zusammen (später Intercollegiate Studies Institute), eine amerikanische neolibertäre Studentenorganisation.
    [Wikipedia 2021 - Friedrich August von Hayek]
    [Verknüpfung]
    [Overtfeldt 2009]
    Thomas Piketty spricht bei autoritärem (Neo-) Libertarismus von Proprietarismus.

    Nachdem Keynes die Nachkriegs-Weltwirtschaft geordnet hatte und die gegenseitige atomare Bedrohung der Weltmächte einen Burgfrieden schuf, befeuerten die (für den Krieg mobilisierten) fossilen Brennstoffe ein nie da gewesenes Wirtschaftswachstum. Weil jeder wusste, dass die ultraliberale Wirtschaftspolitik ein Hauptauslöser war für die schrecklichen Krisen und Weltkriege, wirkte der Keynesianismus lange nach.
    Friedman ging erst 1970, 23 Jahre nach der Gründung der Mont Pelerin Society, mit seiner Trickle-Down-Doktrin an die Öffentlichkeit.
    Das Projekt wurde erst ab 1975 versuchsweise von Milton Friedmans Schülern unter dem international geächteten Diktator Augusto Pinochet, dem schwere Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden, in Chile umgesetzt. Hier zeigen sich die autoritären Potentiale des Neoliberalismus. Später wurde auch die AfD aus einer neoliberalen wirtschaftsnahen Partei zur Spitze der völkischen Bewegung, wie Björn Oellers erklärt.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    In den 80er Jahren startet er in den USA unter dem republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und danach weltweit. Seine größte Beschleunigung erfuhr er aber mit dem Ende des kalten Krieges: als der Sowjetkommunismus abgewirtschaftet hatte, führte das weltweit zu einer Schwächung von linker Politik und Staatsintervention. Selbst die Subprime-Krise 2008 führte nur zu einem kurzen Innehalten. Höhepunkt dieser Besinnung war das Eingeständnis des gefeierten neoliberal-neolibertären Notenbankchef Alan Greenspan, über 40 Jahre von einer falschen Ideologie geleitet worden zu sein.
    Ungeachtet dieses Offenbarungseids, einem Fanal in der Subprime-Krise, im Niedergang des Systems, radikalisiert sich seitdem der Neoliberalismus. Ausgehend von den Öl- und Tech-Milliardären in den USA, v.a. zu nennen die Koch-Brüder, Robert Mercer, Peter Thiel, Steve Bannon, Elon Musk, und letztlich auch Vladimir Putin entwickelt er sich zum Libertarismus. Der Soziologe Matthias Quent spricht von "Anarchie für Reiche". Die Erfolg von Brexit, Trump, Bolsonaro und anderen Rechtspopulisten ist fatal für das Klima - politisch wie physisch.


    1953

    Iran: Präsident Mossadegh verstaatlicht die bisher private englische Ölindustrie im Land und wird darauf hin von Geheimdiensten der USA und Israel gestürzt - zugunsten des Thronfolgers Schah Reza Pahlavi, der den USA ähnlichen Zugriff auf die Ölreserven ermöglicht wie vorher den Engländern. Damit beginnt die Ablösung Englands als imperiale Öl-Großmacht durch die USA.
    Pahlavi betreibt als Günstling der USA eine Öffnung nach Westen und hat deshalb mit Widerständen linker Gruppen einerseits und islamischer Traditionalisten andererseits zu kämpfen. Er schafft es nicht, eine demokratische Republik ohne massive Repression durch Geheimdienst und Folter aufzubauen.

    Das Nachkriegs-Deutschland ist an der Image-Pflege des Schah als westlich orientierter Demokrat engagiert beteiligt; beim Staatsbesuch 1967 wird die Frau des Schah Soraya vom Boulevard als Jetset-Popstar gefeiert. Diese außenpolitische Gefälligkeit an die USA ist ein Mit-Auslöser linker Studentenproteste in Deutschland.
    Das Schah-Regime findet sein Ende in der islamischen Revolution 1979.


    Filmtip: Das Geheimnis der sieben Schwestern (ORF 2013)
    [Verknüpfung]
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    1954

    USA: In den Bell Laboratories erkennt man per Zufall, dass Shockleys p-n-Gleichrichter einen deutlichen photoelektrischen Effekt aufweisen. Die Ingenieure konstruieren daraus die erste Silizium-Solarzelle.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Solarzelle - Shockley 1954]








    1957

    USA: Hans Suess und Roger Revelle zeigen 100 Jahre nach dem Nachweis der Treibhausgaswirkung von CO2, dass die bisherigen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen in großen Mengen im Meerwasser gelöst wurden. Die begrenzte Aufnahmekapazität werde jedoch in Zukunft zu einer verstärkten Erwärmung führen.

    Die Messungen von Paul Quay et al. 1992 zeigen den gleichen Effekt.
    [Quay 1992]
    Damit führen Revelle und Suess schon 1957 a priori die Behauptung der viel späteren Klimaskeptiker ad absurdum, die atmosphärische CO2-Konzentration werde - wie vor der Industrialisierung - über die Löslichkeit in Meerwasser durch die Global-Temperatur bestimmt, und nicht wie in der Klimakrise umgekehrt. Viele Klimaskeptiker waren sich nicht zu schade, fast in einem Atemzug zu behaupten, es gebe gar keine Erwärmung.
    Tatsächlich zeigt sich auch in der Paläoklimatologie beim Übergang aus Eis- zu Zwischeneiszeiten ein Erwärmungseffekt durch CO2 - allerdings jeweils erst 800 Jahre nach Beginn der Erwärmung, die durch die periodische Annäherung der Erdbahn an die Sonne ausgelöst wird. Diese Periodizität nennt man nach ihrem Entdecker Milankovich-Zyklen.
    [Rahmstorf 2004]

    Seit Callendars Veröffentlichung 1938 sind zwei Jahrzehnte massiven Wachstums der Fossilwirtschaft vergangen. Callendars Hoffnung auf ein Ausbleiben der nächsten Glazialzeit haben sich erfüllt, doch Revelle und Suess warnen nun eindringlich vor der Gefahr einer weitergehenden Erwärmung: "human beings are now carrying out a large scale geophysical experiment of a kind that could not have happened in the past nor be reproduced in the future."
    [Revelle und Suess 1957]
    Revelle informierte auch die Presse und zeichnete vor dem US-Kongress ein Bild von der Verletzlichkeit der Erde: "The Earth itself is a space ship", es sei gefährdet durch steigende Meeresspiegel und Desertifikation.
    Die Hammond Times beschreibt seine Forschungsergebnisse erstmals mit dem Begriff globale Erwärmung: "a large scale global warming, with radical climate changes may result".
    [Weart 2008]
    [Wikipedia 2019 - Revelle 1957]

    Der Exxon-Konzern wusste genau von den fatalen Wirkungen seiner Aktivitäten.
    M. Williams von Humble Oil (heute Exxon Mobil) ist Coautor der sogenannten Brannon-Studie, die Revelle und Suess prinzipiell bestätigt. Nur in den Vorhersagen, wie schnell sich die CO2-Konzentrationen ändern, gibt es geringe Unterschiede, die wissenschaftlich diskutiert wurden. Am Fakt der Erwärmung ließ sie keinen Zweifel.
    [Verknüpfung]
    [Wikiquote english - ExxonMobil climate change controversy]
    [Brannon 1957]


    1958

    Die winzige Raumsonde Vanguard 1 ist der erste Raumflugkörper mit Silizium-Solarzellen; diese tun über 6 Jahre lang ihren Dienst.
    [Wikipedia 2019 - Raumsonde Vanguard 1]
    Der UCSB-Physiker und Sachbuchautor John Perlin interviewte die Erfinder Dr. Mark Prince and Eugene Ralph.
    Youtube: [Verknüpfung]


    1959

    New York: der "Vater der Wasserstoffbombe" Edward Teller warnt bei der 100-Jahr Feier des American Petroleum Institute eindringlich vor den Gefahren einer Eisschmelze durch den Treibhauseffekt.
    [Franta 2018-1]


    1961

    Der scheidende US-Präsident (2.-Weltkriegs-General) Eisenhower warnt vor einer Vereinnahmung der demokratischen USA durch den militärisch-industriellen Komplex.


    [RawData 2016]
    [Gerste 2011]

    Den gleichen Begriff nennt 60 Jahre später das erste und bis dato auch letzte russische Staatsoberhaupt, das sich dort ernsthaft für Demokratie und Frieden eingesetzt hat, Michail Gorbatschow. Kurz vor dessen Tod konnte der Dokumentarfilmer Werner Herzog wertvolle Momente einfangen.
    Filmtip: Werner Herzog. Gorbatschow: eine Begegnung. Deutschland 2021
    Der Interessenkonflikt zwischen Kapital und Gemeinwohl wird in gleicher Weise von Bergbau- und Ölförderunternehmen befeuert - man spricht seit den 80er Jahren von der Holländischen Krankheit.


    1962

    USA: Die Biologin Rachel Carson veröffentlicht ihr Sachbuch "Silent Spring", das die Gefahr eines Zusammenbruchs von Vogelpopulationen durch Pestizide beschreibt und dessen Erscheinen als Beginn der globalen Umweltbewegung gilt.
    [Wikipedia 2019 - Rachel Carson]

    Die Umweltbewegung kämpfte als erstes jahrzehntelang mit ökotoxikologischen Gutachten und Protesten gegen die Pestizid-Industrie, was bisher zum Verbot vieler persistenter (sehr schlecht abbaubarer) Pestizide in vielen Staaten führte. Spuren dieser Pestizide sind ubiquitär, d.h. sie finden sich immer noch im Eis von Gletschern und Polarregionen, in Muttermilch etc..
    Carson und viele nach ihr mussten damals und müssen sich heute noch der Verschwörung mit feindlichen Mächten und Kommunisten bezichtigen lassen. Sie starb 1964 an Krebs und erlebte damit nicht mehr die Bewegung, die sie auslöste.

    Am 27.10. befindet sich ein russisches Atom-U-Boot auf Tauchfahrt vor feindlichem Beschuss vor Kuba, ohne Funkkontakt und mit der Order, bei Angriff unter Wasser die Atomwaffen gegen die USA abzufeuern. Die Hitze des Atomreaktors bei 100% Luftfeuchte erzeugt extremen Stress, der viele an Bord über die physische Belastungsgrenze bringt. Nur der hochrangige Offizier Wassili Archipow verhindert, dass der Kapitän in der unklaren Lage die Atomwaffen abfeuert und damit einen atomaren Vernichtungskrieg der Supermächte USA gegen Sowjetunion beginnt.
    [Verknüpfung]


    1963

    Diazepam wird unter dem Handelsnamen Valium von Hoffmann-La Roche als Massen-Anxiolyticum (Angstlöser) eingesetzt. Man spricht von "rosa Brille auf Rezept", die Rolling Stones von "Mother's little helper". Man weiß seit 1961, das es schnell abhängig macht.
    [Wikipedia 2022 - Diazepam]

    Seit 2015 wird das Medikament nicht mehr von Krankenkassen bezahlt. 2016 schätzte man die Anzahl der Diazepin-Abhängigen allein in Deutschland auf 1,5 Millionen geschätzt.
    [Verknüpfung]








    1965

    US-Präsident Lyndon B. Johnson greift in seiner Amtszeit mit seinem Programm Great Society die keynesianische Politik des New Deal von Franklin D. Roosevelt auf. Dabei setzt er die ersten Umweltgesetze Water Quality Act und Clean Air Act durch.
    [Wikipedia 2021 - Great Society]
    1965 setzt er eine Expertenkommission zum Thema Global Warming ein und veröffentlicht die Ergebnisse
    .
    Die Wissenschaftler stellen fest, dass es kein Recht auf Verschmutzung gibt ("no "right" to pollute").
    [Johnson 1965] (Volltextsuche "pollute")
    Es werden Emissions-Abgaben gefordert ("effluent charges").
    [Johnson 1965] (Volltextsuche "effluent")

    Der Präsident der Öl-Lobby-Organisation American Petroleum Institute API Frank Ikard sagt über den Klimawandel "time is running out".
    [Ikard 1965-1]
    Er zitiert aus dem Report der Johnson-Kommission: "...the pollution from internal combustion engines is so serious, and is growing so fast that an alternative nonpolluting means of powering automobiles, buses, and trucks is likely to become a national necessity."
    [Franta 2018-2]
    In:
    [Wikipedia 2019 - Frank Ikard]

    Die Rede im Wortlaut mit Kommentar und Markierungen:
    [ClimateFiles 2019]
    Die Rede als .pdf:
    [API 1965]


    1968

    Robinson Report: nach den Erkenntnissen des US-Präsidenten wollte Exxon eigene Experten mit der Frage befassen, welche Bedeutung man den Berichten über neue Erkenntnisse in der Klimaforschung beimessen muss. Sie bestätigten Revelles Warnungen.
    [Robinson 1968]


    1969

    Wetherald


    1970

    Vietnamkrieg

    USA: Erster bundesweiter Earth Day mit (laut Angaben) 20 Millionen Teilnehmern, vor allem Schüler, Studenten und Wissenschaftlern, unterstützt u.a. vom Vizepräsidentschafts-Kandidaten der demokratischen Partei, Senator Edmund Muskie.

    Der größte Fernsehsender CBS dokumentierte den Tag mit einer Sondersendung, mit vielen Berichten aus dem ganzen Land: "Earth Day - a Question of Survival". Die Sendung hatte einen prominenten Moderator, den Haupt-Nachrichtenprecher Walter Cronkite.

    Ähnliche Bilder kennen Zeitgenossen aus dem Deutschland dieser Zeit und dem China von heute unter dem Stichwort "Umweltverschmutzung". Die Bilder von den Kundgebungen lassen einem die genannte Teilnehmerzahl nicht mehr ganz so unglaublich erscheinen - und erinnern in manchen Punkten an Fridays for future.
    Die Wiedergabeliste bei youtube: [Verknüpfung]

    • Earth Day 1970 Part 1: Intro (CBS News with Walter Cronkite)
      2'48'': "Highschools were not closed but many announced absence would be excused."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 2: Gaylord Nelson's Speech (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 3: Washington D.C. (CBS News with Walter Cronkite)
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    • Earth Day 1970 Part 4: Albion, Michigan (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 5: Council Bluffs, Iowa (CBS News with Walter Cronkite)
      1'40'': "At the Abraham Lincoln Highschool in Council Bluffs, the atmosphere in the gymnasium where the Earth Day observance was being held, is hot and depressive. But that's because the students who have arranged this program - largely on their own initiative - want it that way. They don’t want You to leave here feeling comfortable."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 6: Boston, NYC, Chicago, LA (CBS News with Walter Cronkite)
      Die-In auf Boston Airport, Teach-In mit Biologen in LA, Recycling-Vorführung in Stanford
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 7: G.E. and Minneapolis (CBS News with Walter Cronkite)
      Konfrontation eines jugendlichen Demonstranten mit einem Sprecher des Energiekonzerns General Electric vor der Kamera
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    • Earth Day 1970 Part 8: Albuquerque (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 9: Interlude (CBS News Special Report with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 1of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      1'28'': Extremer Smog in "Filthydelphia"
      2'33'': Studenten bekommen Emissionsdaten der Industriebetriebe von der Kommune und sammeln bei diesen Betrieben 34.000$ für ihre Kampagnen-Arbeit; damit veranstalten sie eine Earth Week, um die Massen über das Thema zu informieren.
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 2of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      Auch Kirchen unterstützen die Kundgebungen.
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    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 3of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      1'00'': Senator Muskie: "We have to chose to say No, to give up some luxury, and these kinds of decisions will be the real measure of our commitment to our environment. It means chasing clean cars instead of fast cars, more parks instead of more highways, and more schools instead of more weapons and more wars."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 11: White House Reaction (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 12: Science (CBS News with Walter Cronkite)
      1'16'': Ansprache des Biologen Prof. Commoner: "It is You to face the frightful task of seeking humane knowledge in a world which has with cunning perversity changed the power that knowledge generates into an instrument of catastrophe. Knowledge is not enough. I think we have to take the knowledge to the people. Let us help them learn what they need to know and what they have to do to decide for themselves the future cores of our society. Let’s organize a national teach-out. Let us begin to learn the facts and teach 'em to everyone in the community. I think the environmental crisis is a grim and terrible challenge. But on this day, the earth’s new birthday, we accept this challenge. We declare that the proper use of science is not to conquer nature but to live in it. That to save ourself we must save our world that is our habitat. On this day we shall begin by our own acts to dedicate the wisdom of science and the power of technology to the welfare of man. We shall survive."
      [Verknüpfung]

    In seinem Schlusswort bekräftigt Cronkite die Klage der Jugend und kritisiert mit deutlichen Worten den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema. Außerdem beklagt er einerseits die mangelnde Beteiligung der Erwachsenen, andererseits warnt er vor oberflächlichem grünem Populismus. Er sagt Schäden voraus, die US-Bürger noch nie in Friedenszeiten erlebt haben, und fordert zu deren Vermeidung von allen Verzicht, denn es gehe ums Überleben.


    Earth Day 1970 Part 13: Conclusion (CBS News with Walter Cronkite)
    [Verknüpfung]
    Zitat:

    "Das Trara des Earth Dayist vorbei. Die Probleme bleiben. Nur die Zeit wird zeigen, ob diese Demonstrationen irgendetwas erreicht haben.
    Aber fassen wir einmal die Punkte zusammen, die heute an viele Menschen herangetragen wurden, die diese bisher übersehen haben.
    Zum Beispiel die Aufständischen, die all dies als einen Trick des Establishments sehen, um die Aufmerksamkeit von Belangen abzulenken, die ihnen wichtiger sind – wie Bürgerrechte, wie Vietnam.
    Sie übersehen, dass es in einer leblosen Welt weder Bürgerrechte noch Frieden gibt.
    Zum Beispiel die Politiker, die dies als eine sichere Kampagne betrachten.
    Sie übersehen, dass sie viel tiefer in das Leben der Menschen eingreifen müssen als jemals zuvor in unserer Geschichte. Zum ersten Mal könnten sie sogar gezwungen sein, sich gegen die Mutterschaft zu äußern.
    Zum Beispiel diejenigen in der Industrie, die die Krise als bloße hysterische Kreation von Gutmenschen betrachten.
    Sie haben jeglichen Realitätsbezug verloren, wenn sie die einstimmige Warnung der Wissenschaftler nicht gehört haben, dass halbherzige Maßnahmen und Business as usual uns unmöglich vor dem Absturz bewahren können.
    Zum Beispiel die stille Mehrheit. Die größte Enttäuschung heute war der Grad der Nicht-Teilnahme im Land und speziell die Abwesenheit von Erwachsenen. Die jungen Leute, die teilgenommen haben, waren in einer ausgelassenen Stimmung, die im starken Kontrast zur Botschaft der Apokalypse stand.
    Den Earth Day zu ignorieren – nun, das ist eine Sache. Die Krise unseres Planeten zu ignorieren ist eine ganz andere.
    Die Gleichgültigen übersehen, dass die Säuberung der Luft, der Erde und des Wassers in den wenigen Jahren, die uns laut der Wissenschaft bleiben, persönliche Beteiligung bedeutet und persönliche Opfer bedeuten könnte, wie sie in Zeiten des Friedens noch nie von Amerikanern gefordert wurden.
    Die Botschaft des heutigen Teach-in war, dass Amerika seinen Lebensstil revolutionieren muss. Das im Überfluss schwimmende Amerika wird, wie uns gesagt wurde, beinahe mit Sicherheit seine Lebensstandards herunterschrauben müssen. Es muss aufgeben, so viele Autos zu haben, so viele Kinder, so viele Dosen, so viele Bequemlichkeiten, so auffallend viel Konsum."


    Eines Tages, haben wir heute gehört, wird die Welt ein besserer Ort sein, falls sie zuhört und handelt. In der Zwischenzeit wird es, vielleicht für eine Generation oder zwei, erschreckend teuer für jeden von uns, das Chaos zu beseitigen, das ein jeder von uns verursacht hat. Doch die Kosten, die auf uns zukommen, wenn wir das nicht tun, sind viel erschreckender. Das ist der Kern der heutigen Botschaft.
    Walter Cronkite

    "Und die, die heute marschierten, und die, die schliefen, und die, die spotteten, sitzen im selben Boot. Was auf dem Spiel steht, worum es geht, ist das Überleben.
    Ich bin Walter Cronkite, gute Nacht."
    [Übersetzung von Anne-Ly Redlich]

    Cronkite veröffentlicht im selben Jahr das Buch "Eye on the world", in dem er ganz bestimmte große Industriebetriebe direkt anklagt. Auch das Thema Klimawandel spricht er deutlich an. Zitat:

    "Every year American power plants pour more than 800 million tons of carbon dioxide into the skies [...] Some scientists suspect that carbon dioxide can turn the planet into a kind of greenhouse, sealing in heat so that temperatures gradually rise until the polar icecaps melt and a new deluge covers the lands of the earth."
    [Verknüpfung]

    Zur zivilgesellschaftlichen Relevanz seiner epochalen umweltjournalistischen Arbeit:
    Cronkite ist nach wie vor einer der renommiertesten US-Nachrichtensprecher aller Zeiten. Er prägte Generationen von Amerikanern. Es war gesellschaftlich unmöglich, ihn der Verschwörung zu bezichtigen, wie man es Jahre zuvor mit der Biologin Rachel Carson getan hat.
    [Wikipedia 2020 - Walter Cronkite]
    Der Medienprofi Ben Zimmer berichtet 2010 von einer Umfrage in 1972, in der er zum "most trusted man" gewählt wurde.
    [Verknüpfung]
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    In der Folge der neuen Umweltbewegung in den USA kommt es zur Einrichtung der Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) und einer langen Reihe von Gesetzen zur Pestizidregulierung, Reinhaltung von Wasser und Luft, Artenschutz etc.: Clean Water Act, Clean Air Act, Endangered Species Act, ...
    Die Probleme der sichtbaren Umweltverschmutzung wurden nach und nach aus den Industrieländern in den Rest der Welt verbannt. Doch auch bei uns gibt es immer noch unsichtbare Produkte der Industrie, deren Gefährlichkeit z.T. schon viele Jahrzehnte lang angemahnt werden: Gase (wie CO2), lösliche Problemstoffe, Mikro- und Nanopartikel.
    [Howard 2017]
    [Verknüpfung]
    Fossilökonomisten ignorieren und leugnen all diese oft unsichtbaren Probleme, und auch die Tatsache, dass die vielen bahnbrechenden Gesetze, die damals auf den Weg gebracht wurden, Wirkung zeigten. Sie werden im Gegenteil nicht müde zu sticheln, dass der Weltuntergang ja damals schon einmal abgesagt werden musste, und zu behaupten, dass Aktivismus nichts bringe.
    [Verknüpfung]

    Viele Teilnehmer des ersten Earth Day wurden Aktivisten, doch die Mehrheit genießt heute ihren Ruhestand in vollen Zügen, d.h. in SUVs und Flugzeugen. Ihre Kinder ließen und lassen es so richtig krachen, und ein paar wenige ihrer Enkel stehen heute wieder auf den Straßen und demonstrieren für's Klima...

    Im gleichen Jahr am 13. September druckte die New York Times die Trickle-Down-Doktrin des Ökonomen Milton Friedman, zu der Zeit Vorsitzender der Mont Pelerin Society: "The Social Responsibility Of Business Is to Increase Its Profits". Damit verdreht er völlig die sozialpolitischen Grundlagen des Gesellschaftsvertrags. Friedman und seine Chicago Boys werden damit zu den wichtigsten öffentlichen Vertretern des beginnenden Neoliberalismus.
    [Verknüpfung]

    Diese Idee war nicht neu. "Sozial ist, wer Arbeit schafft" - dieser Satz wurde schon 1933 geprägt vom Vorsitzenden der rechtskonservativen DNVP (die Hitlers Machtübernahme ermöglichte), Alfred Hugenberg. Ein vermeintlich soziales Motiv der Nazi-Politik sollte ja auch mit dem Namen der Partei suggeriert werden. Mit der Ermordung von sogenannten "Arbeitsscheuen" in KZ wurde jedoch deutlich, was darunter zu verstehen ist.
    Später wurde Hugenbergs Spruch oft abgewandelt wiederholt, u.a. vom INSM, Angela Merkel und Guido Westerwelle.
    [Verknüpfung]

    Daraus entwickelte sich die Shareholder-Doktrin, die sich allein am kurzfristigen Interesse des Investors orientiert. Diese wird immer heftiger vom WEF kritisiert: es fordert mit dem Great Reset eine Umorientierung auf das Interesse des Unternehmers, des Stakeholders.
    [Verknüpfung]

    Der geniale Ingenieur Ludwig Elsbett meldet einen Viertakt-Dieselmotor mit Turboaufladung und Direkteinspritzung zum Patent an. Ein Mercedes 190 mit einer schon alten 1,5l-Dreizylindermaschine dieses Typs schafft 1993 bei einem ADAC-Wettbewerb einen Verbrauch von unter 4l/ 100km. Das Ergebnis wurde aber geheim gehalten. Denn der Motor fuhr (wie Diesels Ur-Maschine) auch noch mit reinem Pflanzenöl - im Gegensatz zu denen der Konkurrenz der Autoindustrie, die fossilen Dieselkraftstoff oder RME (Rapsölmethylester oder "Biodiesel") benötigten. Eine Gefährdung des quasi-monopolistischen Geschäftsmodells der zentralen Versorgung mit fossiler Energie.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger]
    Auf der Internet-Seite des Elsbett-Museums wird die Geschichte dargestellt.
    [Verknüpfung]

    Der VW-Konzern baut die davon abgeleiteten TDI-Motoren erst 1989 im Audi 80, massenhaft aber schließlich 1993 im VW Golf ein.

    Es ist eines der Bilder des 20. Jahrhunderts: der SPD-Kanzler Willy Brandt kniet vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto nieder. Er zeigt damit eine Geste der Versöhnung Deutschlands mit der Religionsgemeinschaft der Juden wie mit den Völkern Osteuropas. Auf der ganzen Welt wird der "Kniefall von Warschau" als historischer Akt wahrgenommen, der in Osteuropa zur Entspannung mit Deutschland und damit letztlich auch mit dem Westen führt.


    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Kniefall von Warschau]

    Im gleichen Jahr beginnt Russland damit, die Transgas-Pipeline, die sibirisches Erdgas seit 1967 in die Ukraine transportiert, bis nach Mitteleuropa zu verlängern.
    [Wikipedia 2022 - Transgas-Pipeline]

    Die gegenseitige Abhängigkeit von Russland und Westeuropa blieb durch russischen Lobbyismus bis in die obersten Ränge der SPD und anderer europäischer Regierungsparteien bis heute erhalten, und damit auch die Blockade der Energiewende.
    Nach dem bekanntesten Lobbyisten, dem Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder, ist diese Art der russischen Einflussnahme als "Schröderisierung" benannt.
    Einen tragischen Höhepunkt hat diese Abhängigkeit im Ukraine-Krieg 2022.


    1971

    USA: Entbindung des US-$ von der Goldreserve - und damit Aufweichung der Leitwährung der Nachkriegs-Weltwirtschaftsordnung von Bretton Woods. Seitdem hat sich die Geldmenge in dieser globalen Leitwährung immer schneller vermehrt (v.a. in den letzten 30 Jahren des Neoliberalismus), und das viel stärker als die Sachwerte; außerdem nahm die Konzentration des Geldes bei immer weniger Super-Reichen exponentiell ebenso zu wie die Summe der Schulden (bedingt durch das Prinzip der Giralgeldschöpfung ohne entsprechende Entschuldung). Die immer größer werdende Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatleuten führt zu immer größerer Kapitalkonzentration, Renditeerwartung und Wachstumszwang.
    Multinationale Konzerne entkoppeln ihre Kapitalinteressen zunehmend von nationalen Interessen. Politik wird zunehmend von privaten Investitions-Entscheidungen abhängig und verliert an Gestaltungsspielraum, u.a. für Steuererhebung, Sozialpolitik und natürlich nicht zuletzt Umweltschutz.
    [Wikipedia 2019 - Nixon-Schock]

    Interne Papiere der französischen Ölkonzerne Total und Elf Aquitaine belegen, dass die Klimaproblematik auch hier intern ernst genommen, offizell aber angezweifelt wurde.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1972

    Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums
    Eine Gruppe Wissenschaftler um den Mathematiker Dennis Meadows berechnet am MIT im Auftrag der OECD Prognosen der Belastbarkeit der globalen Ressourcen und fordert in ihrer Studie "Limits to Growth" eindringlich eine tiefgreifende Nachhaltigkeitswende des gesamten Wirtschaftssystems
    . Am 02. März wird die Studie vorgestellt, danach erscheint das Buch, das 30 Millionen mal verkauft wird.
    [Wikipedia 2022 - Die Grenzen des Wachstums]

    Bis heute versuchen Klimaschutz-Bremser, die Aussagen in "Limits to Growth" damit zu widerlegen, dass sie Abweichungen der Zeitangaben diskutieren - selbst nach 50 Jahren, und sogar im Spiegel.
    [Verknüpfung]
    Die größte Resonanz hatte damit 2001 der Ex-Greenpeace-Aktivist Björn Lomborg mit seinem Buch "The Skeptical Environmentalist", der damit sein Weltkarriere als Klimaskeptiker begründete.
    2004 bestätigte Toby Alan Gardner vom Stockholm Environment Institute in einer Studie die Zuverlässigkeit der Prognosen des Club of Rome in ihrer Tendenz, wenn auch mit leichten Abweichungen der Zeitangaben.
    2008 und 2014 folgte Graham Turner von der University of Melbourne. Die Entwicklung folge sogar dem Szenario business-as-usual. Im Guardian konnte er seine düstere Bilanz weiter publik machen, Zitat: "Expect the early stages of global collapse to start appearing soon".
    [Verknüpfung]
    Studie 2008: [Verknüpfung]
    Studie 2014: [Verknüpfung]
    Tim Jackson und Robin Webster von der University of Surrey bestätigen das 2016 für eine parlamentarische Kommission des britischen Parlaments: [Verknüpfung]
    Forscher des MIT waren jahrzehnte später ebenfalls beteiligt an den Simulations-Projekten von Climate Interactive: C-Roads 2009 und EN-Roads 2019.
    Zum 50. Geburtstag gibt es lesenswerte Denkschriften.
    [Verknüpfung]
    2021 veröffentlichte eine Ökonomin, die KPMG-Beiratsvorsitzende Gaya Herrington, ein Update: es wird bald zu spät sein, eine globale Katastrophe um das Jahr 2040 abzuwenden. Das deckt sich mit der Einschätzung der Denkfabrik National Intelligence Council NIC der US-Geheimdienste.
    [Wikipedia 2022 - Limits to Growth]

    In Stockholm findet kurz nach der Vorstellung der Club-of-Rome-Studie die Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen UNHCE statt, die den Beginn der internationalen Umweltpolitik markiert. Der sozialdemokatische schwedische Ministerpräsident Olof Palme fordert die Anerkennung von Ökozid als völkerrechtlichen Straftatbestand. Er greift die Idee des Yale-Ökologen Arthur Galston auf, der 1970 von den Zerstörungen durch das Entlaubungsmittel Agent Orange des US-Chemiegiganten Monsanto motiviert wurde.

    In der Stockholm-Deklaration sind in 26 Thesen die Vorhaben zusammengefasst, von denen die allermeisten bis heute nicht abschließend gelöst sind, die meisten nicht einmal ernsthaft angegangen wurden.
    [Wikipedia 2022 - United Nations Conference on the Human Environment - Stockholm Declaration]

    Olof Palme wird 1986 ermordet.
    1996 wird der Ökozid-Gesetzesentwurf abseits der Öffentlichkeit aus dem UN-Gesetzgebungsverfahren entfernt auf Betreiben der westlichen Ölförderländer USA (George Bush), Großbritanniens (John Major), Frankreichs (Jacques Chirac) und Niederlande (Wim Kok).
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Ecocide]
    Die nächste, und bis dato letzte alle Umweltthemen umfassende UN-Umweltkonferenz findet 20 Jahre später in Rio de Janeiro statt.

    USA: Das Pestizid DDT wird nach 10 Jahren heftiger zivilgesellschaftlicher Konflikte verboten, andere Industrieländer folgen. In vielen Entwicklungsländern wird es immer noch eingesetzt.
    [Verknüpfung]


    1973

    Munich Re, der größte Rückversicherer weltweit, beschreibt in seiner Publikation "Hochwasser, Überschwemmungen" das mögliche erhöhte Risiko durch die Wirkung von CO2.
    [Verknüpfung] (S. 2)

    Ölkrise: die Nahost-Förderstaaten bilden ein Kartell zur Preisabsprache (OPEC). Um ihre höheren Preisforderungen durchzusetzen, verknappen sie das Angebot drastisch.

    Weltweit gibt es Warteschlangen vor den Tankstellen; in Deutschland werden autofreie Sonntage verordnet, um dem Treibstoffbedarf der Wirtschaft Vorrang zu geben. Ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2018 ist untertitelt "autofrei - Spaß dabei". Die Fotos zeigen viele entspannte und kreative Menschen auf der Straße - zumindest dort sind keine Wutbürger zu sehen.
    [Verknüpfung]

    Am 11. September stürzt der chilenische Offizier Augusto Pinochet durch ein Bombardement und Invasion des Präsidentenpalasts die demokratisch gewählte, sozialistische Regierung von Salvador Allende. Chile war weniger von Bedeutung für US-Firmen, dafür aber drohte der Arzt Allende als beliebter Präsident erfolgreich einen sozialistischen Modellstaat mit Hilfe eines kybernetischen Modells (basierend u.a. auf künstlicher Intelligenz) aufzubauen. Nachdem die CIA (unter Präsident Nixon und Außenminister Kissinger) mit der Organisation eines Generalstreiks scheiterte und die Massen für den Präsidenten demonstrierten, beschlossen die USA die Organisation eines Miltärputsches. Allende kam während der Invasion ums Leben, sein Kabinett wurde bis auf einen Parlamentär hingerichtet.
    [Verknüpfung]
    Zu Allendes wichtigsten Beratern zählte der äußerst erfolgreiche englische Unternehmensberater Stafford Beer, der das Kybernetik-Projekt Cybersyn leitete. Nach dem Putsch wurde er zum Aussteiger.
    [Verknüpfung]
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    2021, 48 Jahre später, wird eine Indigene zur Staatspräsidentin gewählt: Elisa Loncón vom Volk der Mapuche.
    [Verknüpfung]
    2022 tritt mit Gabriel Boric ein Ministerpräsident an, der das Ende des chilenischen Neoliberalismus verspricht.


    Wenn Chile die Wiege des Neoliberalismus war, dann kann es auch das Grab sein. Aber eines, auf dem alle Blumen blühen.
    Gabriel Boric
    [Verknüpfung]

    Der Soziologe Richard Easterlin wertet in einer internationalen Glücks-Studie 30 Umfragen aus 19 Staaten von 1946 bis 1970 aus und kann zwar einen positiven Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt BIP und Glücksempfinden wahrnehmen, der aber ab einem bestimmten Wohlstandsniveau verschwindet - man spricht seitdem vom Easterlin-Paradox. Es wird bis heute heftig diskutiert.
    [Verknüpfung]
    Eigentlich galt diese Erkenntnis lange als simple Lebensweisheit, eine Vorstellung die den Menschen half, trotz vielfacher Benachteiligungen glücklich zu werden. In seinem Kinderbuch The Hobbit hatte J.R.R. Tolkien diese Erkenntnis ausgerechnet dem vor Gier kranken König der Zwerge (die ohnehin als gierig verschrien waren) als Abschiedsworte an seine Freunde in den Mund gelegt.


    If more of us valued food and cheer and song above hoarded gold, it would be a merrier world. But, sad or merry, I must leave it now. Farewell. - Thorin
    J.R.R. Tolkien, The Hobbit, or There and Back Again
    [Verknüpfung]

    2009 beginnt das Umweltministerium mit dem UBA mit der Ermittlung eines Nationalen Wohlstandsindex NWI, beginnend mit Daten von 1990. Während das BIP konstant steigt, sinkt das NWI seit der Jahrtausendwende.
    [Verknüpfung]


    1974

    Der bayerische, links-intellektuelle Nachkriegs-Schriftsteller Carl Amery (alias Christian Anton Mayer) ist befreundet mit Heinrich Böll und setzt sich seit den Berichten des Club of Rome kristisch mit der Umweltzerstörung auseinander. Bei der Wahl von Helmut Schmidt zum Bundeskanzler tritt er aus der SPD aus. Später, nach der Gründung der Grünen, wird er es so begründen: "Indem sich die regierten Sozialdemokraten unter dem starken Kanzler zu einer ökonomistischen Politik des Krisenmanagements entschlossen, schufen sie die Voraussetzungen für den Abfall der Grünen. Der Rest ist bekannt."


    1975

    Klimaskeptiker verbreiten in einer Phase globaler Abkühlung die Angst vor dem Anbruch einer neuen Glazialzeit, die jedoch in Wirklichkeit nach Kenntnis der Klimaforschung durch Aerosole (Global Dimming) verursacht ist. Die weitaus meisten Klimaforscher bleiben dagegen bei ihrer Vorhersage einer globalen Erwärmung. Das hinderte viele Medien nicht daran, die Erzählung von einer kommenden Eizeit reißerisch zu verbreiten.
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    Der Atmosphärenforscher Stephen Schneider vom NASA Goddard Institute for Space Studies setzt sich mit den Klimaskeptikern auseinander.
    [Verknüpfung]
    Er hatte bereits 1971 eine wissenschaftliche Arbeit zu dem Thema veröffentlicht und sich auch in der New York Times zu der Problematik geäußert, dass die Wirkung des Treibhauseffekts durch die Luftverschmutzung überlagert sei.
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    [Wikipedia 2019 - Global Dimming]
    Auch in den 90er Jahren wird das Phänomen weiter erforscht.
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    Die Chicago Boys, Schüler des neoliberalen Ökonoms Milton Friedman, verankern in Chile unter dem Diktator Augusto Pinochet, dem auch nach dem Putsch schwere Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden, den Neoliberalismus in der Verfassung. Chile galt seitdem Neoliberalisten als Modellstaat.

    In den 80er Jahren startet der Neoliberalismus unter Ronald Reagan in den USA und danach weltweit.

    1977 besucht eine deutsche Delegation um den bayerischen Ministerpräsidenten der CSU Franz-Josef Strauß Chile. Als der CDU-Linke und spätere Arbeitsminister Norbert Blüm Pinochet ins Gesicht sagt, "Herr Präsident, ich habe keinen Zweifel, dass in ihrem Land gefoltert wird", tobt die CSU. Sein Parteikollege Heiner Geisler meinte, "es muss Anklage erhoben werden".
    In der Strafkolonie Colonia Dignidad des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Paul Schäfer befand sich ein handsigniertes Bild von Franz-Josef-Strauß, von dessen Besuch später in verschiedenen Zeitungen berichtet wird.
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    Die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung hat das später zunächst bestätigt, dann aber wieder dementiert.
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    Aktuell beschäftigt sich noch das Recherchenetzwerk Correctiv damit.
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    47 Jahre nach dem Putsch setzt im Herbst 2020 eine chilenische Bürgerbewegung ein Referendum über eine Verfassungsänderung durch. Ziele der Protestbewegung: eine Stärkung des Staates für mehr soziale Gerechtigkeit.
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    79% der Stimmen entschieden: am 11. April 2021 soll die Convención Constituyente gewählt werden, berichtet die Hanns-Seidel-Stiftung.
    [Verknüpfung]

    Am 28.02. verhindert eine Demonstration von 28.000 Bürger:innen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz den Bau des Kernkraftwerks Whyl am Oberrhein. Der Demonstration gingen viele friedliche Protestkundgebungen voraus, die mit Polizeigewalt aufgelöst wurden, inclusive Abhören der Aktivist:innen und Vorwürfe des Kommunismus durch den CDU-Ministerpräsidenten und Ex-NSDAP-Mitglied Hans Filbinger - und das, obwohl etliche Parteigenoss:innen Filbingers mit protestierten.
    [Verknüpfung]

    Filbinger musste 1978 zurücktreten, weil seine NS-Vergangenheit als NSDAP-Mitglied und Marinerichter bekannt wurde - durch seine Unterlassungsklage gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth. Er kämpfte jahrelang für seine Rehabilitation und gründete 1979 das rechts-konservative Studienzentrum Weikersheim. Heute gilt dieses als Denkfabrik der Neuen Rechten.
    [Wikipedia 2021 - Hans Filbinger]


    1976

    Die Vorhersage der Anthropozän-Krise durch den Club of Rome ist vier Jahre alt und wird, auch befeuert durch die Ölkrise, weiter heftig diskutiert. Der Pionier der Sozialpsychologie Erich Fromm erklärt nun die kulturell-historischen Hintergründe der kommenden Krise aus sozialpsychologisch-philosophisch-theologischer Sicht. Sein Sachbuch "Haben oder Sein" stößt in der Zivilgesellschaft auf große Resonanz, vor allem seine Kritik an der westlichen, letztlich religiös motivierten Fixierung auf Statusgewinn durch Konsum, die man heute z.B. als Wohlstandsevangelium oder Gerechte-Welt-Theorie, bis hin zum Sozialdarwinismus, vorfindet. Die konsumistische Konkurrenzgesellschaft mache die Menschen unglücklich. Er stützt seine Thesen auf Jahrzehnte der Psychoanalyse in den USA, v.a. in New York. Letztlich kann er auch auf das Easterlin-Paradox referieren.
    [Wikipedia 2021 - Erich Fromm]
    Die aggressive Selbstabgrenzung von Gruppen ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher Art bezeichnete er als Gruppennarzissmus, und nannte diesen eine wichtige Voraussetzung für Krieg.

    Zitate aus dem SWF-Interview Erich Fromm - Gespräch zu Haben oder Sein (1977): 6'11'' Der politische Messias
    "Diese messianische Vorstellung, das war die erlösende und beeindruckende Vorstellung, und die ist es eigentlich bis heute geblieben. Nämlich, damals wie heute, die Vorstellung, in der [...] das Religiöse und das Politische gar nicht voneinander zu trennen sind."
    12'05'' Religiosität und Marxismus
    "Es ist wohl kaum ein bedeutender Philosoph so völlig entstellt worden wie Marx, sowohl von den Kommunisten wie aber auch von den Sozialdemokraten [...], die ihn so interpretierten, dass es ihm darauf ankommt, dass die Arbeiter ebenso glücklich leben wie die Bürger. [...] Marx war ein Gegner, ein Kritiker der bürgerlichen Werte. Marx sah, dass der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft ein Gefangener ist, nicht nur die Arbeiter, er meinte die Arbeiter seien die aller entfremdetsten und unglücklichsten. Heute ist es sogar so, dass man sehen kann, dass die Gesellschaft der Angestellten, der Manager, der Ingenieure noch entfremdeter ist sogar als die der gelernten Arbeiter [...]. Marx kam es darauf an, den Menschen wieder ins Zentrum zu stellen. Und noch am Ende des dritten Bands [von Das] Kapital sagt er, "die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck und das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte sind, als ein Selbstzweck - und nicht als ein Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.
    Und wenn Sie sich diese Formulierung einmal ansehen und einmal vergleichen, sagen wir einmal mit den Formulierungen von Maimonides, dem größten jüdischen Religionsphilosophen, was er sagt, wie er [...] die messianische Zeit [definiert], dann ist fast kein Unterschied. Das Pathos hinter Marx war ein religiöses Pathos, obwohl er die Religion kritisiert hat [...]. Er hat sie kritisiert nicht von einem bürgerlich-atheistischen Standpunkt, sondern wenn sie so wollen von einem religiös-atheistischen Standpunkt. [...]
    Marx' Meinung war, dass solange die reale Welt, die gesellschaftliche Welt, so weit entfernt ist von der Verwirklichung sagen wir 'mal der Prinzipien der Propheten oder der Evangelien, solange braucht man eine Religion als extra Institution, die sozusagen die Ideen wach hält, die aber in Wirklichkeit doch auch die Spaltung schafft: zwischen dem realen sozialen Leben und der religiösen Ideologie, dem religiösen Gefühl, was, sagen wir, am Sonntag befriedigt wird, in der Kirche.
    Worauf es Marx ankam, war die Verwirklichung der Religiosität im realen Leben. Dass die Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie die Prinzipien der Gerechtigkeit, der Liebe, der Wahrheit, der menschlichen inneren Produktivität und Lebendigkeit - oder wie ich es in diesem Buch ausgedrückt habe des Seins und nicht des Habens - dass diese Prinzipien in der Gesellschaft selbst durchgesetzt sind, im täglichen Leben. Dann allerdings braucht man keine Religion mehr als extra Institution, weil die Religiosität, die Normen, die Erlebnisse, die Daseinsart sich in der Praxis der Gesellschaft durchgesetzt hat. Dann sind eben die Gesetze menschliche, humane, die Lebensweise ist eine menschliche, humane. Und dann allerdings versucht man, das Prinzip des Seins, das Prinzip das gemeinsam ist dem Buddhismus wie dem prophetischen Judentum wie der Bergpredigt, alles das zu verwirklichen in der Gesellschaft, in deren Gesetze[n], Bräuche[n], Werte[n] - und das war das Ziel von Marx."
    18'09'' Krise des Kapitalismus
    "Ich glaube, dass heute schon sehr viele Menschen bereit sind, nach einem Weg zu suchen, der den Menschen befriedigt, der den Menschen respektiert. Und die fühlen, dass ein Leben, wo alles dem Erfolg, dem Geld, der Konkurrenz, der Ausbeutung dient, in Wirklichkeit ein Leben ist, das die Menschen unglücklich mach[t]."
    20'15'' Das heidnisch geprägte Christentum
    Christentum heißt: der Glaube an, die Bewunderung von Jesus als dem Heiland, dem Retter. Und das war ein Mann, der war arm, der wollte nichts haben, der wollte keine Macht, der wurde versucht zur Macht und gerade die hat er abgelehnt, der war ein Mann voller Liebe, der sein Leben hingegeben hat für die Menschen.
    Ja, nun, demgegenüber steht das heidnische Prinzip der alten Griechen, der alten Teutonen. Das sagt, worauf es ankommt ist Macht, Überlegenheit, und dass es schön ist zu sterben, wenn man weiß, dass man siegt.
    Nun, jetzt fragen wir einmal, wo ist denn der christliche Geist in Europa? Wen bewundern wir denn heute? Bewundern wir heute in Europa, oder ein paar hundert Jahre früher, [...] den Armen, den Aufopfernden, den Liebenden?
    21'30'' Der unglückliche Europäer
    Die meisten Menschen geben vor - für sich selbst auch - dass sie glücklich sind. Wenn man unglücklich ist, dann ist man, in Englisch würde man sagen, ein failure, ein Misserfolg. So muss man also eine Maske des Zufriedenseins, Glücklichseins tragen, denn sonst verliert man den Kredit auf dem Markt. Dann ist man ja kein normaler Mensch, kein tüchtiger Mensch. Aber sie müssen sich doch nur die Menschen ansehen [...], wie hinter der Maske eine Unruhe, Gereiztheit, Ärger, Depressionen, Schlaflosigkeit, Unglücklichsein - das was die Franzosen genannt haben die Malaise - liegt. Man hat ja schon vom Beginn des Jahrhunderts an von der Malaise du Siècle gesprochen. Das, was Freud genannt hat "das Unbehagen in der Kultur". Aber es ist gar nicht das Unbehagen in der Kultur, es ist das Unbehagen in der bürgerlichen Gesellschaft, die den Menschen zum Arbeitstier macht. Und alles, was wichtig ist: die Fähigkeit zu lieben, für andere da zu sein, zu denken. Nicht ein Instrument zu sein für die Wirtschaft, sondern der Zweck alles wirtschaftlichen Geschehens. Das macht eben die Menschen so, wie sie sind und ich glaube, es ist eine allgemeine Fiktion, die die Menschen miteinander teilen, dass der moderne Mensch glücklich sei.
    Aber diese Beobachtung, die habe nicht nur ich gemacht, die können sie bei einer ganzen Reihe von Leuten finden. Und man braucht nur selbst die Augen aufzumachen und sich nicht vom Schein trügen zu lassen. [...] Die Normalsten sind die Kränksten, und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt, aber es ist mir ganz ernst damit, nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur das Anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Glücklich der, der ein Symptom hat. [...] Aber sehr viele Menschen, d.h. die Normalen, sind so angepasst, die haben so ihr EIgenes verlassen, die sind so entfremdet, so Instrumente, so robothaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden. Ihr wirkliches Gefühl, ihre Liebe, ihr Hass, das ist schon so weit verdrängt, oder sogar so verkümmert, dass sie das Bild einer leichten chronischen Schizophrenie [... ab]geben.
    25'53'' Von der Bedeutung des Habens in der entmenschlichten Gesellschaft
    Unsere Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Prinzip, dass das Ziel des Lebens ist, die größere Produktion als Kompensation und auch als Notwendigkeit die größere Konsumption, und [...] der Fortschritt der Wirtschaft, der Fortschritt der Technik, das ist das, wofür wir leben - nicht der Mensch. Was dem Menschen nützt, das interessiert wenig, wenn man darüber denkt, was das Ziel ist, worauf wir hinauslaufen. Sogar nicht einmal, was den Menschen schadet, spielt eine Rolle. [...] Viel von unseren [...] Reklamen preist Dinge an, die ausgesprochen tödlich und schädlich sind [...]. Wenn's um den Profit geht, hat man kein Gewissen, Menschen zu schaden. [...] Im Mittelalter war es eben nicht so, [...] die Kultur diente dem Menschen, und die Wirtschaft war ein Zweck.
    Freud hat selbst eine der schärfsten Kritiken an der bürgerlichen Gesellschaft gegeben [...]. Nämlich die bürgerliche Gesellschaft ist eine neurotische Gesellschaft, weil sie beherrscht wird vom Prinzip des Habens, des Ansammelns, [...] des Geizes. [...] Wenn ich mir ansehe eine Gesellschaft von einem Stamm in Afrika oder noch von einem urwüchsigen Bauernleben, wo es das noch gibt, ja die sind doch menschlich viel höher entwickelt als wir.
    Der moderne Mensch glaubt [...], je weniger Maschinen man braucht, desto unentwickelter ist man, und deshalb sieht er herab auf die nicht Maschinen-Bauenden und Maschinen-Benutzenden, nicht mechanisierten Menschen als kindlich-unentwickelt. Und das fällt damit zusammen, dass nun die weiße Rasse die einzige ist bisher, die die Macht, die Maschinen entwickelt hat, [...] und so hat die weiße Rasse dann auf alle anderen Rassen herabgesehen als inferior. Angeblich und ideologisiert, weil sie die falsche Hautfarbe haben. In Wirklichkeit, weil sie keine Macht hatten, weil sie keine Maschinen-Menschen waren. Sie sehen's ja heute, die Japaner, die sind schon keine Farbigen mehr. [...] Warum? Die haben genau dieselbe Maschinerie wie wir. Und man kann schon sehen, die Chinesen werden irgendwann auch keine Gelben mehr sein.
    30'55'' Club of Rome - Grenzen des Wachstums
    Es gibt [...] bei einer ganzen Reihe von Forschern die Einsicht, dass wenn wir so weiter machen wie wir sind, das heißt alles konsumieren, die Natur zerstören, unseren Nachkommen nichts lassen, nichts als eine zerstörte und verarmte und vergiftete Welt, wenn die Menschen weiter nicht am Leben hängen, sondern am Profit und an der Macht, [...] dass aus rein ökonomischen Gründen in 20, 50, 60 Jahren [...] die Ressourcen so verarmt sind, dass es [...] dann zu Katastrophen kommen muss. [...] Die weiße Festung der Industriegesellschaft, die ist heute nicht mehr uneinnehmbar. [...]
    Die [östliche, sogenannte marxistische Gesellschaft] ist noch viel schlimmer, denn die hat noch nicht einmal die lebendigen Elemente, die fortschrittlichen Elemente, die der Kapitalismus hat. Sondern das ist nun der [...] Staatskapitalismus, der einem [...] konservativen Stadium [entspricht] zur Metternich-Zeit. [...]
    Das Phantastische ist ja, dass heute jeder Mensch, gewiss jeder Regierungsvertreter, die Daten zur Verfügung hat, die zeigen, dass wir ökologisch schwer bedroht sind. Dass wir, wenn das so weitergeht, Katastrophen kommen müssen. Dass wir in einem Maße verschwenden, wozu wir überhaupt kein Recht haben. Wir leben wie Bankrotteure, wir können die Folgen sehen - aber keiner zieht die Konsequenzen. Man macht so weiter, weil man nicht den Mut, die Initiative hat zu sehen: wo gibt es etwas Neues?
    35'15'' Aufstehen gegen die Verdrängung und die Resignation
    Wenn man mit dem Leben handelt, ist es anders als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur eine 2% Chance hat, dass es nicht verloren geht, wird nur ein Narr investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist, und nur eine 2%-Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin alle Mittel versuchen, um wegen dieser 2% sein Leben zu retten [...]. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. [...]
    Wir spenden einen großen Teil unserer Energie auf das Verdrängen der Wahrheit, und rennen vo[r] uns davon, rennen vo[r] unseren Einsichten davon und ersetzen die durch alle möglichen Rationalisierungen. Das sehen sie im Einzelfall bei den Individuen [...], und das sehen sie gesellschaftlich, wenn [...] die Menschen alle Daten haben, es auch im Grunde wissen, aber so erschreckt sind, sich so unfähig zeigen oder fühlen, dass sie lieber alles verdrängen.
    41'31'' Kein Faschismus ohne Verdrängung
    [Die kollektive Verdrängung als Ansatz eines neuen Faschismus] ist eine sehr große politische Gefahr. Ein großes Beispiel für politische Verdrängung ist doch die Hitler-Zeit.
    [Verknüpfung]

    VW bringt den Golf Diesel auf den Markt, der bis zum Jahr 2000 mit den 3l-Autos nach dem Peugeot 205D das sparsamste massentaugliche Serien-Auto bleiben wird (4-6l/ 100km); Kleinst-Diesel der 90er (Peugeot 106D, Citroen Saxo D) und selbst moderne Sparautos verbrauchen unwesentlich weniger.
    [Spritmonitor 2019 - Golf I Diesel]
    [Viehmann 2015]

    Erfindung des Natrium-Schwefel-Akkumulators, der wegen seiner Rohstoffzusammensetzung als stationärer Speicher riesige Kapazitäten ermöglicht

    Im September sendet Thames Television den Anti-Tabak-Dokumentarfilm Death in the West, und wird daraufhin vom Zigarettenhersteller Philipp Morris verklagt. Man weiß nur von einer einzigen verbliebenen Kopie dieses Films, die der Anti-Tabak-Aktivist Stanton Glantz 1982 seinen Studenten zeigte und vom kalifornischen Lokalsender Kron TV ausgestrahlt wurde. Sie steht auf dem Videoportal DailyMotion zur Verfügung.
    [Verknüpfung]
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    1994 werden Glantz interne Papiere eines Zigarettenherstellers zugespielt, die beweisen, dass dieser über die Gefahren sehr genau bescheid wusste, und die bis dahin beispiellose Schadenersatz-Zahlungen der Tabakindustrie zur Folge hatten.


    1977

    USA: Der Klimaforscher James Black informiert seine Vorgesetzten im Ölkonzern Exxon in einem internen Papier über seine Forschungsergebnisse zum anthropogenen Klimawandel, u.a. einer Prognose von +1,5-6°C für das Jahr 2050. Seine Prognosen erwiesen sich insofern als zutreffend.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - James Black (Klimatologe)]


    pdf (Seite 26): [Verknüpfung]
    pdf (Seite 26): [Verknüpfung]

    Seine Tochter Claudia erzählt 2016 die Geschichte ihres Vaters im Guardian. Er habe seinen Vorgesetzten damals ein Zeitfenster von 5-10 Jahren in Aussicht gestellt, innerhalb derer die Menschheit grundlegende Entscheidungen über den Ausstieg aus der Öl-Verbrennung treffen müsse. Stattdessen habe man sich für Geheimhaltung der Ergebnisse und Desinformation entschieden. Sie berichtet weiter, dass ihre Tochter Anna gerade auf der Exxon-Aktionärsversammlung sei, um - wie einst ihr Großvater - den CEO von seinen klimaskeptischen Ansichten und der alten Geschäftspolitik abzubringen.
    [Verknüpfung]
    Wir wissen heute: auch Blacks Enkelin Anna hat es nicht geschafft, Rex Tillerson zu überzeugen.
    Exxons extrem klimaschädliche politische und wirtschaftliche Aktivitäten stehen schon lange unter der kritischen Beobachtung der Zivilgesellschaften: #ExxonKnew.
    Blacks und weitere Klimaforschungs-Papiere bei Exxon bis 2014 diskutieren die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Geoffrey Supran 2017.
    [Supran 2017]

    USA: Ökonom William D. Nordhaus diskutiert die Ausgestaltung einer CO2-Steuer (Nobel-Gedächtnispreis 2018).
    [Nordhaus 1977]

    Amory Lovins veröffentlicht "Soft Energy Paths" und beschreibt darin eine postfossile Zukunft.
    [Hockenos 2012]


    1978

    Der bekannte deutsche Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth skizziert in seiner bei Wissenschaftsinteressierten sehr beliebten ZDF-Reihe "Querschnitt" die Gefahr einer Klimakatastrophe im deutschen Fernsehen. Damals gab es ganze drei Fernsehprogramme, das ZDF hatte entsprechend hohe Einschaltquoten.


    [Verknüpfung]

    1979

    Schweiz: Auf Einladung der WMO (Weltmeteorologischen Gesellschaft) treffen sich am 12.02. Klimaforscher und Staatsvertreter in Genf zur ersten internationalen Klimakonferenz, die aber noch den Namen Weltwetterkonferenz trägt. Vereinbart wurde eine Zusammenarbeit der Klimaforscher und die Einrichtung des Weltklimarats IPCC. In der Abschlusserklärung steht: "Die Nationen der Welt müssen alles dafür tun, einen menschengemachten Wandel des Klimas zu verhindern, der das Wohlbefinden der Menschheit gefährden könnte."
    [Verknüpfung] Die Tagesschau berichtet und interviewt den Hamburger Meteorologen Prof. Dr. Hermann Flohn, der die bisher beobachtbare Entwicklung vorhersagt und deutliche Worte der Warnung findet.


    [Verknüpfung]
    Seine Veröffentlichung aus 1981 in den Physikalischen Blättern (Open Access):
    [Verknüpfung]

    Südafrika: Johan Coetzer und Roy Galloway vom Council for Scientific and Industrial Research (CSIR) in Pretoria entwickeln mit Ron Dell und Roger Bones vom Atomic Energy Research Establishment in Harwell (UK) einen neuen Hochtemperatur-Akku, den Natrium-Nickelchlorid-Akku. Ein 40kWh-Prototyp wird in einen Suzuki-Minibus eingebaut.
    Antrieb für die Entwicklungsarbeit des CSIR dafür sind - wie bei der Umsetzung der Kohle-Produktion Sasol - die internationalen Sanktionen gegen Südafrikas wegen der rassistischen Apartheids-Politik, der die Ölkrisen der 70er Jahre verschärft. Es handelt sich also eher nicht um eine sensationelle Innovation durch einen glücklichen Zufallsfund (wie etwa die Solarzelle), sondern um eine Leistung, die auf beharrliche Forschungs- und Entwicklungsarbeit zurückzuführen ist.
    [Wikipedia 2022 - Zebra-Batterie]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Der Akku kommt ab den 90er Jahren in Autos zum Einsatz, wird aber nicht konsequent in Massen produziert.

    Der demokratische US-Präsident Jimmy Carter lässt - unter dem Eindruck der zwei vergangenen Ölkrisen - Solarthermie auf dem Weißen Haus und Photovoltaik in seiner Heimatstadt Plains (Georgia) installieren.
    [Reedy 2017]


    [Verknüpfung]

    Es kommt zum ersten bedeutenden Preisverfall für Photovoltaik.
    Mit diesem neuen Ansatz in der Energiepolitik betreibt Carter auch eine Abkehr vom US-Imperialismus, was auch seiner Außenpolitik eines "moralischen Internationalismus" und seiner Innenpolitik der Rassenintegration entspricht.

    In Kalifornien werden noch in Carters Amtszeit im Rahmen eines Förderprogramms 1000e dänische Windräder aufgestellt (à 55kW Leistung). Durch die Förderung wurde Massenproduktion möglich, was den Preis pro kWh halbierte.
    [Trappe 2012]
    [Danish Wind Industry Association 2003]
    [Verknüpfung]

    Dänemark ist 2022 führend im Anteil erneuerbarer Energie, v.a. durch Windkraft.

    Carter kann seine Idee vom Multilateralismus nur eine Amtsperiode lang durchhalten, v.a. weil die Krise im Nahen Osten eskaliert. Die islamische Revolution im Iran ist die Reaktion auf den über 100-jährigen anglo-amerikanischen Imperialismus. Sie endet für Carter mit einem blutigen Entführungsdrama in einem außenpolitischen Desaster.
    Die Konflikte zwischen liberalen Iranern, einer korrupten Adelselite und dem islamischen Klerus gehen zurück auf die Günstlingspolitik im 19. Jahrhundert zugunsten englischer Tabakhändler, und im 20. Jahrhundert zugunsten englischer Ölgesellschaften. Ausgerechnet hier hatte der amerikanische Öl-Imperialismus seinen Anfang genommen, als die USA 1953 mit der Wiedereinsetzung des Schah die englische Hegemonie ablösten. Die wiederholten Einmischungen Russlands machten aus der Nahost-Krise letztlich einen weiteren Stellvertreter-Konflikt zwischen Russland (egal ob kommunistisch oder nicht) und den USA, der bis heute anhält.
    Carter konnte diese viele Generationen schwelenden Konflikte unmöglich in einer Amtsperiode heilen. Er hatte seine Politik mit den Staatschefs von England, Frankreich und Deutschland abgestimmt, und sie alle hatten die Loyalität des fanatischen islamistischen Revolutionsführers Chomeini völlig falsch eingeschätzt. Doch das nutzte ihm innenpolitisch nichts, sein republikanischer Herausforderer Ronald Reagan überzeugt die Amerikaner mit seiner Forderung nach der Rückkehr zur imperialen Politik der Stärke. Mit der Kontrolle der Ölquellen im Nahen Osten werden die USA zum wichtigsten Ölhändler weltweit.
    [Verknüpfung]
    Iran gerät in den russischen Einflussbereich, und Afghanistan wird von russischen Truppen besetzt. Die Spätfolgen der imperialen Externalisierung halten bis heute an: Iran, eine Kulturnation, die weit älter ist als Europa, ist nachhaltig destabilisiert und im Dauer-Clinch mit dem Westen.

    Carter versucht wie vor ihm u.a. Erich Fromm, in der Zivilgesellschaft ein sozial-ökologisches Umdenken anzuregen, weg vom unreflektierten Konsumismus, hin zu einem bewussten Leben. Am 15.07.1979 findet er dazu vor über 65 Millionen Fernseh-Zuschauer:innen eindrückliche Worte, die im Neoliberalismus aktueller sind denn je.


    Human identity is no longer defined by what one does but by what one owns. We discovered that only things and consuming things does not satisfy our longing for meaning. We learned that piling up material goods cannot fill the emptiness of lives which have no confidence or purpose.
    (Die menschliche Identität wird nicht mehr durch das definiert, was man tut, sondern durch das, was man besitzt. Wir haben festgestellt, dass nur Dinge und der Konsum von Dingen unsere Sehnsucht nach Sinn nicht befriedigt. Wir haben gelernt, dass das Anhäufen materieller Güter die Leere eines Lebens ohne Selbstvertrauen oder Zweck nicht füllen kann.)
    Jimmy Carter
    Im Youtube-Video (mit einer kurzen Einleitung) bei 1:27:58 des auch sonst sehr empfehlenswerten Films "Die Erdzerstörer": [Arte 2019]

    Filmtip: Der Rock'n-Roll-Präsident


    1980

    Am 13. Januar findet in der Karlsruher Stadthalle die Gründungsversammlung der Grünen statt.

    UK: Nachdem Stanley Whittingham 1976 für Exxon mit dem Li-Metall-Akku zunächst an Sicherheitsproblemen scheiterte, entwickelt John B. Goodenough (Oxford) den ersten Li-Ionen-Akku mit Graphit-Anoden, einen Typ, der von Akira Yoshino 1991 für einen Sony-Camcorder perfektioniert wurde. Die drei teilten sich den Physik-Nobelpreis 2019.
    [Verknüpfung]


    1980er Jahre

    Große Regierungs-Kampagne der SPD-/ FDP-Koalition zum Energiesparen.
    Power Big Meet Västerås 2010 img 0039 01 (35986224086)
    [Wikipedia 2020 - Ich bin Energiesparer]

    D: Bürgerproteste führen zur Verabschiedung von Umweltgesetzen.

    • Waldsterben => Entschwefelung von Kohle und Kraftstoffen
    • Müll => Müllgesetze
    • Seensterben => Phosphatregulierung
    • Ozonloch (1997) => FCKW-Verbot

    [Jänicke 2008]








    1981

    USA: Der Republikaner Ronald Reagan wird Präsident. Er bricht mit der kurzen Phase des Multilateralismus unter seinem Vorgänger Jimmy Carter und setzt die imperialistische Politik der USA umso konsequenter fort. Genauso wirft Reagan mit seiner neoliberalen Agenda die Wirtschafts-Regulation des genialen John Maynard Keynes endgültig über den Haufen. Der neu erfundenen US-Umweltpolitik setzt er nach einem kraftvollen Auftakt ein jähes Ende. Um dem Wähler eine umweltgerechte Agenda zu suggerieren, setzt der Schauspieler seine Naturverbundenheit in Szene - heute würde man von Greenwashing sprechen.
    [Wikipedia 2021 - Environmental policy of the United States - The Reagan Administration (1981-1989)]
    Reagan setzt Anne Gorsuch (die Mutter des von Trump eingesetzten Obersten Richters Neil Gorsuch) als Chefin der Umweltbehörde EPA ein. Sie schränkt die Ressourcen und Kompetenzen der Behörde massiv ein. 1986 lässt er bei einer Dachreparatur Carters Solarmodule vom Weißen Haus entfernen. (2010 gelangen einige der Module in ein chinesisches Museum).
    [Biello 2010]
    Reagan kehrt auch Carters Außenpolitik komplett um und löst mit einem atomaren Rüstungswettlauf den wirtschaftlichen Zerfall der Sowjetunion aus, der in der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl einen Höhepunkt findet.
    [Verknüpfung]


    In this present crisis government is not the solution to our problem - government is the problem.
    Ronald Reagan

    Auf Betreiben der Mont Pelerin Society setzt sich global der Neoliberalismus durch, eine wirtschaftsgeschichtliche Epoche, in der sich der Staat zurückhält und die (globalisierte) Wirtschaft eher frei (liberal) gewähren lässt; besonders neoliberale Staatschefs:
    USA: Ronald Reagan (Republican Party), George Bush sr. (Republican Party), Bill Clinton (Democratic Party), George W. Bush (Republican Party), (Barack Obama (Democratic Party)), Donald Trump (Republican Party)
    UK: Margaret Thatcher (Conservative Party) (John Major (Conservative Party)), Tony Blair ("New" Labour), David Cameron, Theresa May, Boris Johnson (alle Conservative Party)
    D: Helmut Kohl (CDU), Gerhard Schröder (SPD), Angela Merkel (CDU)
    Bemerkenswert: Sowohl in Deutschland als auch in USA und Großbritannien schaffte es die neoliberale Lobby vor der Jahrtausendwende, die jeweils eher linksorientierten liberal-(sozial-) demokratischen Parteien zu unterwandern, teilweise auch zu spalten: in Deutschland (später mit Unterstützung aus Russland) die SPD unter Kanzler Schröder, in den USA die Demokraten unter Clinton, in Großbritannien die Labour-Partei unter Blair.
    Mit der Frage, ob man die russische Einflussnahme in den USA unter Trump und in Großbritannien seit Brexit noch als Neoliberalismus bezeichnen kann, will ich mich hier nicht beschäftigen. Letztlich versuchen hier jedenfalls einzelne besonders mächtige Investoren durch einen Rückfall von Staaten in den Isolationismus Vorteile für ihre fossilen Partikularinteressen zu erreichen:

  • America first
  • Spaltung der EU, die als Vorreiter der internationalen Klimaschutz-Politik auftritt
  • Energie-Politik der Visegrad-Staaten
  • Brexit und stärkere Anbindung Großbritanniens (einem Antreiber im europäischen Klimaschutz) an die USA
  • Schwächung des transatlantischen Bündnisses

  • Es könnte daran liegen, dass sich nach dem Paris-Abkommen auf der globalen politischen Bühne und auf den globalen Finanzmärkten immer deutlicher ein baldiges Platzen der Carbon Bubble ankündigt. Der globale Kapitalismus entledigt sich gerade seiner Rolle als Garant der Fossilwirtschaft, und die Fossil-Investoren wollen diesen Prozess natürlich aufhalten.

    Der Tag nach dem traditionellen amerikanischen Familienfest Thanksgiving gilt seit 1939 als die umsatzstärksten des Jahres, weil er von Franklin D. Roosevelt als Start der Weihnachtseinkäufe festgelegt wurde. Am 28. November 1981 spricht der Philadelphia Inquirer zum ersten Mal vom Freitag nach Thanksgiving als "Black Friday". Händlern bietet sich die Gelegenheit, ihre Jahresbilanz mit schwarzen Zahlen abzuschließen. Der Tag entwickelte sich zur Rabattschlacht, und der Online-Händler Amazon läutete 2015 einen weiteren solchen Tag im Juli ein. Sparen tut jedoch nur, wer kauft, was er wirklich sonst auch gekauft hätte. Wenn alle das täten, gäbe es keinen Anreiz der Händler für die Aktion.
    [Wikipedia 2022 - Black Friday (shopping)]
    Umwelt-NGOs rufen zum Boykott oder zumindest zum bewussten Konsum auf, hier Julian Philipp von WWF Deutschland.


    Der Black Friday ist kein Feiertag für unseren Planeten, sondern ein wirklich schwarzer Tag im Wettlauf gegen Klimakrise und Artensterben.
    Julian Philipp
    [Verknüpfung]
    1983

    D: die 90.000.000DM-Forschungs-Windkraftanlage GroWiAn wird von MAN fertiggestellt (und nach 5 Jahren wieder abgerissen).
    Dazu Ex-Forschungsminister Matthöfer (SPD): "Wir wissen, dass es nichts bringt. Aber wir machen es, um zu beweisen, dass es nicht geht." RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte gesteht im Februar 1982 freimütig der Welt, dass GroWiAn "ein pädagogisches Modell" sei, um Atomgegner zu bekehren. "Wir hatten keine Ahnung von Windenergie", gesteht der für Aerodynamik zuständige Ingenieur Erich Hau Jahre später dem Journalisten Jan Oelker.
    [Kriener 2012]


    1984

    Exxon-Mitarbeiter und Klimaforscher Henry Shaw präsentiert der Geschäftsleitung ein Dossier über den Klimawandel, das die Entwicklungen bis heute mit einer erstaunlichen Genauigkeit vorhersagt. Genau genug, um die Aussage "Exxon wusste bescheid" zu rechtfertigen. Die Ergebnisse bleiben - wie die seines Vorgängers Black 1977 - ein Betriebsgeheimnis.
    [Hall 2015]
    [Spiegel 2019-1]

    pdf (Seite 9): [Shaw 1984]
    [Verknüpfung]

    2015 wurden die Erkenntnisse aus den Archiven der Ölindustrie von Neela Banerjee, John Cushman, David Hasemyer und Lisa Song zusammengefasst im Buch "Exxon: The Road not Taken", das für den Pulitzer-Preis nominiert war.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1986

    Kernschmelze im Atomkraftwerk Tschernobyl
    [Wikipedia 2019 - Nuklearkatastrophe von Tschernobyl]

    Der von Saudi-Arabien (Verbündeter der USA) betriebene Ölpreis-Verfall treibt die von Ölexporten abhängige Sowjetunion endgültig in den Ruin.
    [Kellerhoff 2016]

    Der Spiegel warnt vor der "Klima-Katastrophe".
    [Spiegel 1986]


    1987

    D: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft warnen in einem gemeinsamen Papier eindringlich vor einem existenzbedrohenden anthropogenen Klimawandel und mahnen, die politische Untätigkeit zu beenden.
    [DPG-DMP 1987]
    USA: der Top-Klimatologe Wallace Broecker warnt vor der Möglichkeit, dass der Golfstrom abbricht, und dramatischen Folgen für Europa.
    [Verknüpfung]

    USA: Der erste neoliberale US-Präsident Ronald Reagan schafft die seit 1949 bestehende Fairness-Doktrin der Federal Communications Commission ab. Sie sollte die Ausgewogenheit der Darstellung in den Medien sicherstellen.
    Diese Abschaffung schadet der Versachlichung und leistet einer zunehmenden Verrohung im öffentlichen Diskurs entscheidenden Vorschub. Es kommt zur Gründung neuer Formate, die heute in den USA dominieren, wie Talkradio, z.B. mit dem berüchtigten Moderator Rush Limbaugh oder Rupert Murdochs Fox News, der US-Präsident Trump bis zu seiner gescheiterten Versuch der Wiederwahl hofierte. Bis heute versuchen Politiker der Demokratischen Partei und der parteilose Bernie Sanders vergeblich, die Fairness-Doktrin wieder einzuführen. Rechte Politiker versuchen auf der anderen Seite eine Zerstörung oder Beschränkung von unabhängigen öffentlich-rechtlichen Medien.
    [Wikipedia 2021 - Fairness-Doktrin]
    [Kuhn 2021]
    Nachahmer findet diese Medienpolitik bei Helmut Kohl, der mit seinem umstrittenen Intimus Leo Kirch in Deutschland das Privatfernsehen etabliert, oder der mafianahe italienische Unternehmer Silvio Berlusconi, der mit seinem Medienimperium Mediaset selbst zum Ministerpräsidenten aufsteigt.
    Rechtspoulistische Regierungen in Osteuropa wie in Ungarn (unter Viktor Orban) oder Polen (unter Jarosław Kaczyński) betreiben dazu eine Gleichschaltung der Medien. Autoritäre Tendenzen zeigen sich jedoch auch in Großbritannien und Deutschland, wo konservative und rechtspopulistische Parteien die öffentlich-rechtlichen Medien beschneiden oder gar abschaffen wollen.


    1988

    USA: Klimaforscher James Hansen bezeichnet vor dem US-Senat die globale Erwärmung mit 99% Wahrscheinlichkeit als anthropogen. Er stellte drei Szenarien vor, dessen mittleres durch die aktuelle Entwicklung bestätigt wird. Der Bericht wird weltweit in allen wichtigen freien Funk- und Printmedien verbreitet.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2019 - James E. Hansen]
    In einem Interview bestätigt der deutsche Klimaforscher Klaus Hasselmann, der Methoden für den mathematischen Nachweis dieser Behauptungen mitentwickelt hat, und präzisiert.


    In 30 bis 100 Jahren, je nachdem, wieviel fossiles Brennmaterial wir verbrauchen, wird auf uns eine ganz erhebliche Klimaänderung zukommen. Klimazonen werden sich verschieben, Niederschläge anders verteilen. Dann wird man nicht mehr von Zufallsergebnissen reden können. Man sollte sich bewusst werden, dass wir in eine Situation hineinkommen, wo es keine Umkehr mehr gibt. Wir müssen vor allem versuchen, mit Öl und Kohle sparsam umzugehen, denn das Kohlendioxid ist wesentlich an der Treibhauswirkung schuld.
    Klaus Hasselmann
    [Verknüpfung]

    Normalerweise werden wissenschaftliche Beratergremien nur mit Wissenschaftlern besetzt. Der republikanische, neoliberale US-Präsident Ronald Reagan drängt die bestehenden Gremien WMO und UNEP, das neue Klimawissenschafts-Beratergremium IPCC als Hybrid anzulegen: hier haben Staatsvertreter Mitspracherecht. Spencer Weart hat auch dieses Detail der Klimawissenschaft in seinem Online-Buch The Discovery of Global Warming dokumentiert.
    [Verknüpfung]
    Silke Beck nimmt das IPCC als Beispiel für "hybride Organisationen" für ihre Arbeit zum Thema.
    [Verknüpfung]
    Heute wissen wir, dass eine interne Studie bei Exxon schon 1984 die Temperaturentwicklung bis 2020 sehr gut vorhersagte, und dass die Berichte des IPCC weiterhin manipuliert werden.

    Die skandalöse Irrfahrt des mit Giftmüll beladenen Schiffs Khian Sea macht das Problem der Sondermüll-Beseitigung in Entwicklungsländern deutlich. Bis heute gibt es regelmäßig Meldungen über derartige Missstände, trotzdem wird immer noch nicht konsequent auf Kreislaufwirtschaft hin gearbeitet. Daran änderte auch das 1990 eingeführte Duale System nichts Wesentliches.
    [Verknüpfung]


    1989

    Der Chef der Wissenschafts- und Strategieentwicklung bei Exxon, Duane Levine, präsentiert dem Konzern die künftige Kommunikations-Leitlinie: die Unsicherheiten der Klima-Prognosen sind zu groß, um politische Maßnahmen rechtfertigen zu können.
    [Verknüpfung]
    Diese Darstellung publiziert Exxon-Klimaforscher Brian Flannery in der firmeninternen Zeitschrift Connections.
    [Verknüpfung]

    D: 10.11. Fall der Berliner Mauer, anschließend Anschluss der DDR an die BRD
    Den stärksten Auftrieb bekam der Neoliberalismus durch den Zusammenbruch des konkurrierenden kommunistischen Volkswirtschaftmodells im Ostblock. Ernst Ulrich von Weizsäcker meint dazu, dass die erhoffte Friedensdividende aus dem Ende des Kalten Kriegs bald aufgezehrt war, Zitat: "Und dann ist das Kapital frech geworden..."
    [Kollmer 2019]

    Die Abwicklung der nicht konkurrenzfähigen DDR-Schwerindustrie im Folgejahrzehnt vermindert die gesamtdeutschen CO2-Emissionen um ca. 11%. Deshalb drängt Deutschland in internationalen Verhandlungen immer darauf, als Referenzjahr für CO2-Emissionen 1990 zu nehmen - damals lief die ostdeutsche Produktion noch.
    [Ziesing 2005]


    1990

    Der weltweit bekannte Astrophysiker Carl Sagan spricht an der North Carolina State University. Er erklärt den Klimawandel und die Kipppunkte. Er beklagt 10 Jahre Blockade der Entwicklung von Alternativen zum Öl unter Präsident Reagan, die Carter begonnen hatte. Er äußert sich skeptisch zur Alternative der Kernspaltung und beklagt die Abholzung von Wäldern.


    [Verknüpfung]

    Anything else you’re interested in is not going to happen if you can’t breathe the air and drink the water.
    Don’t sit this one out. Do something.
    You are by accident of fate alive at an absolutely critical moment in the history of our planet.
    Carl Sagan

    Kalifornien, USA: Der neue Clean Air Act mit dem Zero Emission Vehicle Mandate sieht vor, dass bis 1998 mindestens zwei Prozent und bis 2003 zehn Prozent der neu zugelassenen Autos emissionsfrei sein sollen. Das Gesetz löst einige Entwicklungsaktivität bei den Autoherstellern aus, z.B. bei GM, Honda, Toyota und BMW. Im Laufe der nächsten Jahre kommen sogar einige Fahrzeuge mit einem neuen NiMH-Akkutyp auf den Markt. 2002 wird das Gesetz entschärft - und dann lässt man die Autos samt Akkupatent verschwinden.
    [Wikipedia 2019 - California Air Resources Board]

    D: Dagegen stoßen die Ergebnisse der Bundestags-Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" im Bundestag auf sehr wenig Interesse.
    [Kostede 1990]

    Die im damaligen Zeit-Artikel von Norbert Kostede dargestellten klimapolitischen Probleme sind bis heute weitgehend nicht gelöst.

    Das Unternehmen Duales System Deutschland soll in öffentlich-privater Partnerschaft (gemäß der für 1991 geplanten VerpackungsVO) eine umweltgerechte Entsorgung - sprich Recycling - von Verpackungsmüll gewährleisten. Mit dem "Grünen Punkt" werden Verpackungen gekennzeichnet, für die der Hersteller Gebühren an das DSD gezahlt hat, um die Entsorgung zu finanzieren.
    [Wikipedia 2019 - Duales System Deutschland]

    Dreißig Jahre später ist das Müllaufkommen hoch wie nie zuvor, und selbst es wird immer noch ein Großteil der Verpackungen "thermisch recycelt", was nur ein sehr gewagter Euphemismus für Verbrennung ist, also Beseitigung in der Atmosphäre und in Sondermüll-Aschen. Aber auch bei Beseitigung ins Ausland mit entsprechenden Bescheinigungen gilt der Müll als recycelt. Mangels Lieferketten-Kontrolle landet er oft genug im Meer oder auf wilden Mülldeponien, wo UV-Strahlung und Scherkräfte die Kunststoff-Produkte zerbröseln lassen. Selbst im ewigen Eis findet man Kunststoffpartikel. Dafür leisten wir uns zur Entlastung unseres Gewissens den Grünen Punkt des Dualen Systems.
    Ein Großteil der Kunststoffverpackungen ist nur unter unvertretbarem Aufwand werkstofflich zu recyceln, weil er schlicht überdesignt ist: er besteht aus vielen verschiedenen Schichten, ist mit Problemstoffen bedruckt, verklebt und imprägniert. Oftmals enthält er eine Schicht Aluminium, die man trotz eines enormen Produktionsaufwands praktisch gar nicht recycelt, sondern letztendlich nur zu stark ökotoxischen Aluminiumsalzen oxidieren lässt.
    Materialien ohne Grünen Punkt sind von der Sammlung ausgeschlossen, auch wenn sie sich gewinnbringend recyceln ließen.
    All das geschieht völlig legal, während Deutschland sich jahrzehntelang als Mülltrenn-Weltmeister feiert - also ein überaus erfolgreiches Projekt von Greenwashing.
    Letztlich dient das alles dem Absatz von Ölprodukten. Wenn 2021 die Ölindustrie unverblümt ihre Pläne verkündet, die Verluste im Brennstoffabsatz durch Wachstum in der Kunststoff-Produktion ausgleichen zu wollen, dann muss mit massivem Lobbying gerechnet werden.
    Die bewährten Pfandsysteme kämpfen daneben seit Jahren ums Überleben, obwohl Umweltverbände von Anfang an einen breiten Ausbau echter Pfandsysteme fordern.
    Im Ausland kann man sehen, dass man Kunststoffe auch recyclingfähig gestalten kann. Der Erfinder des erweiterten Recycling-Begriffs Cradle-to-Cradle, Prof. Michael Braungart ist medial höchst präsent, allein die Politik ändert an der bestehenden Praxis nichts Wesentliches: der Strom des Öls reißt auch in der Kunststoffproduktion noch immer nicht ab.
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    An dieser ernüchternden Tatsache ändert auch die beschönigende Darstellung aus dem Bundesumweltministerium nichts. Hier wird im Kapitel "Moderne Kreislaufwirtschaft" davon geschwärmt, wie man das Abfallaufkommen von der Wirtschaftsleistung entkoppelt hat. Das ist kein Kunststück, wenn Verbrennung und Verbringung ins Ausland als Recycling durchgehen.


    [Verknüpfung]


    1991

    Schweden beschließt eine CO2-Steuer (anfangs bei 30, mittlerweile bei 111€/t) - in D hat das bis 2020 niemand durchgesetzt.
    Die EU-Kommission diskutiert eine europäische kombinierte Energie- und CO2-Steuer mit 3US-$ je Barrel Öl ab 1993, mit einer jährlichen Progression von 1$. Der Wert läge heute umgerechnet bei ca. 100$ pro Tonne CO2.
    [Verknüpfung]
    Es kam 2005 ein CO2-Emissionshandel, der lange Zeit wegen deutschen Preis-Dumpings (Null Euro) weitgehend wirkungslos blieb.

    D: Die Grünen haben 8% bei der Bundestagswahl erreicht. Die etablierten Parteien werden nervös.

    Im Bundestag bereitet man sich auf die UN-Klimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro vor.
    [Bundestag 1991] (Volltextsuche "Lippold")

    Zu Zeiten einer CDU-FDP-Koalition beschließt eine Mehrheit von CDU/CSU, SPD und Grünen (gegen den Koaltionspartner FDP) in namentlicher Abstimmung das Stromeinspeisungsgesetz, das der Einspeisung von Erneuerbaren Energien Vorrang gibt. Einer der Väter des Gesetzes ist der CSU-Politiker Engelsberger, der als Sohn eines Wasserkraft-Einspeisers das Geschäftsgebahren der Stromversorger als unfair empfindet.
    [Berchem 2006]
    [BMWi 2019]

    BMW stellt - auch um dem kalifornischen Zero Emission Vehicle Mandate zu genügen - mit dem E1 ein alltagstaugliches Elektroauto mit Natrium-Nickelchlorid-Akku ("Zebra-Batterie") vor. Mercedes macht Testfahrten mit einem elektrischen Mercedes 190 mit demselben Akkutyp bis 100.000km.
    Das Patent liegt bei Daimler, der BMW-Akku wurde gefertigt von AEG. Der Akku kann bis zu 3000 Zyklen absolvieren und enthält keine kritischen Rohstoffe. Weil er mindestens auf ca. 270°C Bereitschaftstemperatur gehalten werden muss, lohnt allerdings nur ein regelmäßiger Einsatz, wie z.B. in Taxis oder Bussen, oder im Privatbereich bei Pendlern. Mit 18kWh ist der 200kg-Akku nach heutigen Verhältnissen recht klein, eine praxisgerechte Reichweite wäre für einen Kleinwagen ca. 100km. Er ist sehr zuverlässig und wird deshalb in französischen Post-Kombis, aber auch in E-Bussen in der Schweiz und Kalifornien eingesetzt, sogar in Militärfahrzeugen und bis heute in Großspeichern und als Notstromversorgung kritischer Infrastruktur wie Mobilfunkmasten.
    [Wikipedia 2019 - BMW E1]
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    Die Schweizer Firma MES-DEA, die das Patent 1998 kauft, baut den Akku für Ford im halbherzig vermarkteten Think-EV ein, und versucht selbst einige Kleinstwagen-Umrüstungen wie den Renault Twingo, Smart und Fiat Panda, die in der Schweiz und Italien verkauft werden. Da kein großes Kapital für die Massenproduktion eingesetzt wird, bleiben die Preise für die meisten Kunden uninteressant. 2010 wird MES-DES vom italienischen Batteriehersteller FIAMM als Tochter übernommen, die FIAMM SoNick SA.
    Weitere Hersteller dieses Typs sind General Electric mit 100kWh-Module für Großspeicher, die rund 1t wiegen dürften, und Rolls-Royce. Bis 2014 stellten Zebra-Akkus einen großen Anteil der weltweiten Akku-Großspeicher-Kapazität dar.
    Der Akkutyp hat seitdem starke Konkurrenz durch Li-Ionen-Akkus, die durch Massenfertigung für EAutos mittlerweile billig verfügbar sind, und die auch höhere Energie- und Leistungsdichten aufweisen. Die für diese Akkus notwendigen Rohstoffe sind allerdings für einen stationären Einsatz mittelfristig viel zu wertvoll. Bei höheren Stückzahlen und damit sinkenden Stückpreisen könnte deshalb der Akku wieder interessant werden. Das Schweizer Bundesamt für Energie BFE sieht auch noch Verbesserungsmöglichkeiten der Konstruktion, die sogar mobilen Einsatz ermöglichen könnten. 2011 wurde deshalb die Entwicklungsarbeit in Meiringen in der Schweiz wieder aufgenommen. Der Entwickler Cord-Henrich Dustmann freut sich, denn er ist damals seit 23 Jahren an der Entwicklung dieses Typs beteiligt. Er sagt: dieser Akku wurde vernachlässigt.
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    Die großen Autohersteller bringen diesen Akku nicht auf die Straße - auch nicht, als in Kalifornien strenge Gesetze EAutos fordern und Li-Ionen-Akkus als Traktionsbatterien oder Brennstoffzellen noch in weiter Ferne liegen. Wie der große NiMH-Akku von Ovonics, der es bis in ein Serienauto schafft, letztlich aber in der Schublade der BASF landet. Denn das Ende der Elektroautos wird mit Hochdruck in Washington vorangetrieben.
    Erst der Internet-Milliardär Elon Musk wagt es 2008 mit einem elektrischen Sportwagen als High-End-Bastelprojekt aus fast 7000 Laptop-Akkus zu zeigen, dass der Durchbruch der Elektroautos längst überfällig ist.

    Mit Heinz Dürr übernimmt der erste von drei Ex-Daimler-Managern den Vorstandsposten bei der Deutschen Bahn. Sein Projekt, die Privatisierung der Bahn im Jahr 1994, bringt nicht den angekündigten Modernisierungsschub, sondern macht das Bahnfahren noch unattraktiver, zwingt noch mehr Leute zum Autofahren. Denn die hohen Subventionen für den Verbrenner macht die Konkurrenz zu einem höchst ungleichen Rennen. In Großbritannien hatte man bereits ähnlich negative Erfahrungen gemacht - war das vielleicht gerade die Inspiration für die drei Ex-Daimler-Manager?
    [Wikipedia 2019 - Heinz Dürr]

    Gefolgt von Hartmut Mehdorn, der danach seine Karriere beim Bauprojekt des Berliner Flughafen BER fortsetzte.
    [Wikipedia 2019 - Hartmut Mehdorn]
    Gefolgt von Rüdiger Grube, der u.a. 2010 den klimapolitischen Appell gegen ein Abschalten von Kohle- und Atomkraftwerken unterzeichnet.
    [Wikipedia 2019 - Rüdiger Grube]
    [Wikipedia 2019 - Energiepolitischer Appell]
    Im März 2022 wirft der CDU-Politiker Ronald Pofalla, ehemals Kanzleramtsminister, überraschend das Handtuch als Vorstand der Konzernabteilung Infrastruktur - die Nachfolge ist ungeklärt.
    [Wikipedia - Ronald Pofalla]
    [Verknüpfung] [Verknüpfung]

    Die Sowjetunion zerfällt in unabhängige Staaten.

    Als am 08.04.1991 erstmals polnische Bürger ohne Visum nach Deutschland einreisen können, werden sie an der Grenze in Frankfurt/ Oder von Neonazis attackiert. Die lokale Neonazi-Szene radikalisierte sich im Laufe der Abwicklung der Transistor-Produktion, wie Christian Bangel in der Kurzdokumentation "Meine Baseballschlägerjahre" von Zeit und rbb zeigt, und wie es in vielen benachteiligten Regionen in der ehemaligen DDR geschah. Schwer vorstellbar, dass ein gesellschaftlicher Nährboden für diese Entwicklungen nicht schon zur DDR-Zeit bestand.
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    Die latente Unzufriedenheit eines autoritär geprägten Prekariats wurde in der Folgezeit von rechten Vordenkern aus Westdeutschland genutzt, um eine organisierte, hochgradig gewaltbereite Szene aufzubauen. Der AfD-Politiker und Geschichtslehrer Björn Höcke z.B. stammt wie der Neonazi Jörg Hähnel aus Hessen.
    Die Gewalt dieser rechten Szene - obwohl sie sich mehr gegen Personen richtete - wurde von Innenpolitik und Rechtsprechung jahrelang nachweislich relativiert mit dem Hinweis auf eine Balance zur linken Gewalt, die allerdings auch mehr gegen Sachwerte gerichtet war.
    BR-Podcast-Reihe: [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland]
    Stiftung Verharmlosung rechter Gewalt: [Verknüpfung]
    Der Bundes-Verfassungsschutz zählte 2020 weit über 20.000 Straftaten, darunter über 1.000 gegen Personen. Von 1989 bis 2020 zählt er 109 Todesopfer - aber das ist nur etwa halb so viel wie die NGO Amadeo Antonio Stiftung zählt.
    [Verknüpfung]
    Der rechtskonservative Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen (CDU) wurde aus Anlass eindeutig verharmlosender Äußerungen zu einer Neonazi-Hetzjagd in Chemnitz in den einstweiligen Ruhestand versetzt, nach etlichen Kontroversen um Fremdenfeindlichkeit und Begünstigung der rechten Szene. Das hinderte die CDU nicht, ihn als Direktkandidaten für die Bundestagswahl 2021 aufzustellen.
    [Wikipedia 2022 - Hans-Georg Maaßen]
    [Verknüpfung]


    1992

    Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung UNCDE wird die UN-Klimarahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change UNFCCC) beschlossen, und die Einrichtung des Sekretariats in Bonn.
    Euphorisiert vom (vorläufigen) Ende des Ost-West-Konflikts spekuliert man auf die "Friedensdividende", die der Menschheit endlich die Ressourcen und den Freiraum verschaffen soll, sich mit den Grenzen des Wachstums zu beschäftigen, sprich, eine nachhaltige Weltordnung zu schaffen.
    [Wikipedia 2019 - Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen]
    [Verknüpfung]

    Die 12-jährige Aktivistin Severn Suzuki aus Kanada spricht acht Minuten lang vor der Konferenz.


    [Verknüpfung]

    Auf der Konferenz wird auch die Biodiversitätskonvention beschlossen, in der sich die Unterzeichnerstaaten zum Artenschutz verpflichten. Nur Andorra, der Irak, Somalia und die Vereinigten Staaten haben das Abkommen bis 2020 nicht ratifiziert.
    [Wikipedia 2022 - Biodiversitätskonvention]

    Am letzten Tag der Konferenz wird auf einer Gegenveranstaltung von Klimaskeptikern in Heidelberg eine Unterschriftensammlung etwa 50 namhafter Wissenschaftler präsentiert, die vor einer Deindustrialisierung warnen. Einer der Initiatoren ist Fred Singer.
    [Verknüpfung]

    Bis heute gab es danach nur noch Aufmerksamkeit für die großen Klimakonferenzen, die anderen ökologischen Krisen wie Artensterben, Xenobiotica-Verseuchung oder gestörte Mineralstoffkreisläufe, werden in der Öffentlichkeit kaum beachtet. Eine alle Umweltthemen umfassende Konferenz fand seit Rio nicht mehr statt.
    2018 stellt Ernst Ulich von Weizsäcker fest: "Die Friedensdividenden sind in Steuersenkungen für die Reichen und die Wirtschaft gegangen".


    1993

    D: der Verband deutsche Stromwirtschaft behauptet: "[...] regenerative Energien, wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4% unseres Strombedarfs decken. [...]
    Badenwerk Karlsruhe, Bayernwerk München, EVS Stuttgart, Isar-Amperwerke München, Neckarwerke Esslingen, PreussenElektra Hannover, RWE Energie Essen, TWS Stuttgart, VEW Dortmund"
    [EVU 1993]

    Angela Merkel korrigiert 2005 diese Maximalprognose auf 20%; auch diese Falschbehauptung wird wenige Jahre später von der Realität eingeholt.

    D: Der Auricher Windturbinen-Hersteller Enercon stellt die getriebelose E-40 vor und setzt damit einen Meilenstein in Langlebigkeit und Effizienz.
    EnerconSizes de.svg
    Von Jahobr - Eigenes Werk Diese Datei enthält Elemente, die von folgender Datei entnommen oder adaptiert wurden:  EnerconE-126vsCologneCathedral.svg (von Jahobr)., CC0, Link


    1994

    Im Energiecharta-Vertrag ECT, der zwischen etwa 50 Industrieländern im Geheimen - also ohne demokratische Legitimation - geschlossen wird, ist der Schutz fossiler Investments vor staatlicher Regulation vereinbart. Er wird erst 2020 dem breiten Publikum bekannt, weil erste Strafzahlungen öffentlich diskutiert werden.

    Die Bundestags-Enquète-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" empfiehlt eine europaweite Energie-CO2-Steuer.
    [Verknüpfung] (pdf-Datei S. 488)

    Auf Initiative des US-Senators und späteren Klimaaktivisten Al Gore übergeben im Rahmen der Post-Cold-War-Phase die Geheimdienste der USA und der GUS-Staaten (ehemalige Sowjetunion) ihre Klimadaten für das Forschungsprojekt Medea (Measurements of Earth Data for Environmental Analysis).
    [Wikipedia 2020]
    [Verknüpfung]
    Filmtip: Die Klima-Spione
    [Verknüpfung]

    Nach Jahrzehnten von Desinformation, Unterlassungsklagen und Lobbyismus gegen Restriktionen der Tabakindustrie werden die Top-Manager der großen US-Tabakfirmen vor dem Kongress befragt. Unisono erklären sie nicht zu glauben, dass Nikotin süchtig mache.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Kurz darauf bekommt der Mediziner an der University of California San Francisco UCSF und Anti-Tabak-Aktivist Stanton Glantz per Post 4000 Kopien aus geheimen Akten des Tabakkonzerns Brown & Williamson, abgesendet von einem anonymen Informanten, von dem bis heute nur das Pseudonym Mr. Butts bekannt ist - einer Comic-Figur, die Jugendliche zum Rauchen verführt. Diese Akten beweisen, dass die Tabakindustrie sehr genau über die Gefahren des Rauchens bescheid wusste.
    [Verknüpfung]
    Glantz verarbeitet die Kopien u.a. 1996 in seinem Buch The Cigarette Papers. Außerdem entsteht eine Online-Datenbank der UCSF über interne, brisante Akten der Industrie, die mittlerweile viele Millionen Dokumente zu den Themen Tabak, Chemikalien, Arzneimittel, Nahrung und fossile Brennstoffe umfasst.
    [Verknüpfung]
    Die Gesetzgebung gegen das Rauchen hatte in den 60er Jahren begonnen und wurde seitdem immer wieder durch Desinformation und Lobbyismus konterkariert. Nach Veröffentlichung der Cigarette Papers wurden jedoch 1998 in 46 US-Bundesstaaten Schadenersatz-Vergleiche über mehr als 200 Milliarden US-$ mit der Krankenversicherung Medicaid geschlossen.
    [Wikipedia 2022 - Tobacco Master Settlement Agreement]
    Glantz setzt sich über sein Fachgebiet hinaus für wissenschaftliche Redlichkeit ein, er ist einer der Protagonisten der Agnotologie.


    1995

    COP1 (Conference of the Parties): erste Welt-Klimakonferenz in Berlin (Vorläufer von COP21 in Paris); Vorsitz: Umweltministerin Dr. Angela Merkel (CDU)

    Schon lange kennt man aus der Signaltechnik mathematische Methoden zur Unterscheidung eines schwachen Signals von Rauschen. Der Physiker Klaus Hasselmann veröffentlicht als Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie eine Arbeit, die diese Methoden auf Klimadaten anwendet.
    [Hasselmann 1979]
    [Verknüpfung]

    Anfang der 1990er Jahre schreibt er seine Arbeit so um, dass sie für Kollegen besser verständlich wird, wobei er die Metapher vom "Fingerabdruck des CO2 im meteorologischen Rauschen" verwendet. 2021 erhält Hasselmann mit Syukuro Manabe für seine Klimaberechnungen einen halben Nobelpreis, die andere Hälfte geht an den Statistiker Giorgio Parisi. Hasselmanns Mitarbeiter um Benjamin Santer berechneten 1995 mit dieser Methode eine 95%ige Wahrscheinlichkeit, dass die Klimaentwicklung der Neuzeit auf die CO2-Konzentration zurückgeht. Im Jahr seines Nobelpreises ergibt Hasselmanns Rechenmethode eine Korrelation von nahezu 100%. Santer und Hasselmann sind an den ersten IPCC-Berichten beteiligt.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Klaus Hasselmann]
    Über die Bedeutung der Proteste der Bewegung Fridays for Future und ihre Begründerin Greta Thunberg sagt Hasselmann gegenüber der konservtiven Zeitung Münchener Merkur: "Diese junge Frau hat es geschafft, die Bedeutung des Klimawandels mit all seinen Gefahren öffentlich bewusst zu machen. Das war irgendwie effizienter als es uns Wissenschaftlern möglich ist."
    [Verknüpfung]

    Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Biologe, Mitglied des Club of Rome, SPD) veröffentlicht mit Amory und Hunter Lovins das Buch Faktor Vier. Die These: unser Wohlstand lässt sich mit einem Viertel des Ressourcenverbrauchs aufrecht erhalten - dank enorm gestiegener Arbeitsproduktivität, und ungenutzter großer Potentiale für Ressourceneffizienz.
    [Wikipedia 2019 - Faktor Vier]
    Auf Gast-Vorträgen sagt er der Windenergiebranche baldige Kostenparität voraus, dass also in wenigen Jahren die Kosten pro kWh auf den Börsenpreis absinken werden. Auch die Kostenparität bei PV stellt er - bei entsprechender anfänglicher Subventionierung - in Aussicht. Die Höhe der notwendigen Subventionen vergleicht er mit den bisher gezahlten Subventionen für Atomkraftnutzung. Er nennt auch die Blockierer der Effizienz-Revolution: die Profiteure der Ressourcen-Verschwendung.
    [Verknüpfung]

    Um die Ressourceneffizienz zu erhöhen und gleichzeitig Lohnarbeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder attraktiver zu machen, setzt er 1999 unter Rot-Grün die Ökosteuer mit ins Werk, die aber danach nicht wie geplant weiterentwickelt wurde.
    2010 aktualisiert er sein Werk zur Ressourceneffizienz und korrigiert den Faktor für das Potential der Ressourcenproduktivität auf Fünf, 2018 folgt eine weitere Aktualisierung für den Club of Rome.
    [Verknüpfung]
    Buchtips: Ernst Ulrich von Weizsäcker et al.. Faktor Vier (1995), Faktor Fünf (2010), Wir sind dran (2018)

    Durch eine Erweiterung wurde der 1994 eröffnete Windpark Eifelwind Koxhausen der größte Binnenlandwindpark Europas. Die Betreibergesellschaft Eifelwind e.V. existiert heute noch unter dem Namen EifelEnergien e.V., die Original-Rotoren laufen weiter.
    [Wikipedia 2019 - Liste von Windkraftanlagen in Rheinland-Pfalz] (Volltextsuche "Koxhausen")
    [Verknüpfung]

    In Nigeria werden der Umweltaktivist, Schriftsteller, Verleger und Fernsehproduzent Ken Saro-Wiwa und acht Mitstreiter in einem fragwürdigen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet. Saro-Wiwa war gegen die Ölförderung von Shell im Niger-Delta aktiv, die große Umweltschäden und Elend verursachte, ohne dass die Bevölkerung dafür entschädigt wurde. Im Vorfeld des Prozesses kam es zu gravierenden Unregelmäßigkeiten, Zeugen, die erklärten, bestochen worden zu sein, Vernichtung von Beweismaterial etc. Während des Prozesses wurden Saro-Wiwa zwei der heute noch wichtigsten Umweltschutz-Auszeichnungen verliehen, der Right Livelihood Award (alternativer Nobelpreis) und der Goldman Environmental Prize. Die große internationale Aufmerksamkeit konnten dennoch die Verurteilungen und die Hinrichtungen nicht verhindern.
    Auf das Urteil folgten zahlreiche staatliche Sanktionen gegen Nigeria. Den Protesten schlossen sich unter anderem der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu, der deutsche PEN-Verband und der Börsenverein des deutschen Buchhandels an. Der deutsche Außenminister Kinkel (FDP) zeigte sich bestürzt.
    [Wikipedia 2021 - Ken Saro-Wiwa]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Ab 2004 wurden Klagen von Geschädigten der Ölförderung gegen Shell verhandelt, die z.T. schon erfolgreich waren. Auch Angehörige von Saro-Wiwa bereiteten eine Klage vor einem US-Bezirksgericht vor; Shell wich dem 2009 durch einen Vergleich aus.
    Nach wie vor werden jedes Jahr viele indigene Umweltaktivisten ermordet, 2019 war ein Rekordjahr mit über 200 Opfern. Saro-Wiwa war natürlich ein besonders eklatantes Beispiel, weil er von der Regierung hingerichtet wurde, deren Kontakte zu Shell aktenkundig sind.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1996

    Um dem kalifornischen Zero Emission Vehicle Mandate zu genügen, bringt General Motors (bekannt für das SUV-Modell "Hummer") das Elektroauto EV1 per Leasing auf den Markt und lässt von Ovonic einen leistungsfähigen NiMH-Akku entwickeln; gleichzeitig betreibt GM zusammen mit Ölkonzernen erfolgreich in der Lobby die Lockerung der Gesetze. 2002 werden diese Bemühungen zum Verschwinden dieser Autos von der Straße führen.
    Auch Honda und Toyota bauen Modelle mit diesem Akkutyp.
    [Wikipedia 2019 - General Motors EV1]
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Honda EV plus]
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Toyota RAV4 electric]

    2001 verkauft GM das Patent für den Ovonic-NiMH-Akku des EV1 an die Ölgesellschaft Texaco, die im selben Jahr von Chevron gekauft wird. Danach dürfen nur noch Akkus bis 10Ah in Lizenz gebaut werden, für vollektrische Autos ist das viel zu klein. Aber auch diese kleinen Zellen erweisen sich - wie die großen im EV1 - als legendär zuverlässig, z.B. die Panasonic-Zellen im Toyota Prius. 2012 geht das Patent (neben anderen Akkupatenten) an die BASF, die über ihre Tochter Wintershall auch in der Öl- und Gasbranche tätig ist.
    Bis heute gibt es Spekulationen über die Gründe, warum der Ovonic-Akku als große Traktionsbatterie - entwickelt lange vor den Li-Ionen-Traktionsbatterien und extrem zuverlässig - nicht zum Durchbruch kam.
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Patentrechtliche Beschränkungen von NiMH-Traktionsbatterien]
    [Wikipedia 2019 - General Motors EV1]
    Die Zukunftsaussichten wurden jedenfalls positiv bewertet.
    [Verknüpfung]
    Es gibt Belege dafür, dass Toyota die Akkus weiter genutzt hätte, wenn der neue Ovonic-Inhaber Chevron die Produktion nicht eingestellt hätte. Bei der Klage vor dem ICC (International Court of Arbitration) wurde Stillschweigen verordnet.
    [Wikipedia 2019 (englisch) - Toyota RAV4 - Chevron Patentrechtliche Beschränkungen]
    [USSEC 2004-1]
    [USSEC 2004-2]
    2002 fällt das kalifornische Zero Emission Vehicle Mandate, und GM verschrottet gegen massive Kundenproteste nach Ende der Leasing-Verträge bis auf ein einziges alle verleasten EV1 - eine Kaufoption gab es nicht. Honda verfährt mit seinem NiMH-Modell EV plus ähnlich.
    Nur Toyotas RAV4 EV überdauern das Ende des Zero Emission Vehicle Mandate. Dafür, dass sie nur in kleiner Stückzahl gebaut wurden und damit spezielle Reparaturen i.d.R. eher schwierig gewesen sein dürften, laufen die Autos erstaunlich lange.
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Toyota RAV4 electric]

    Filmtip: Warum das Elektroauto sterben musste (Who killed the electric car?) Sony Pictures. USA 2006)

    Die Deutsche Bahn bringt - Jahrzehnte nach dem erfolgreichen Vorbild Pendolino aus Italien (1969) - einen eigenen Triebwagenzug mit Neigetechnik auf die Strecke.
    Das finanzielle Desaster durch viele Fehlkonstruktionen in dieser Baureihe 611 von Adtranz (ein Konsortium von Daimler-Benz u.a.) führte dazu, dass viele kurvenreiche Strecken bis heute noch nicht mit Neigetechnik ausgestattet sind - was unzeitgemäß lange Fahrtzeiten zur Folge hat.
    [Wikipedia 2020 - DB-Baureihe 611]
    [Wikipedia 2020 - Pendolino]


    1997

    D: Die Schönauer Initiative "Eltern für eine atomfreie Zukunft" aus dem Tschernobyl-Jahr 1986 hat sich zu einem Verein gemausert, der nach vielen Widerständen schließlich genossenschaftlich die örtliche Stromversorgung übernimmt. Vor dem EEG wird neben Wasserkraft in Photovoltaik investiert. Die Elektrizitätswerke Schönau EWS sind nach wie vor einer der großen echten Ökostromanbieter und arbeiten ständig an neuen Ideen für Energiesouveränitat, auch in Entwicklungsländern.
    [Verknüpfung]

    D: Umweltministerin Dr. rer. nat. Angela Merkel diskutiert in ihrem Buch "Der Preis des Überlebens" mit Fachleuten Perspektiven der Umweltpolitik, auch CO2-Abgaben. In ihrer Partei ist sie bis heute eine derjenigen, die sich am ehesten dafür aussprechen - mit der politischen Durchsetzung jedoch bleibt sie bis heute hinter den Erwartungen der Fachleute, auch ihren eigenen, weit zurück.
    [Merkel 1997]
    [Heimbach 2019]
    [Strohm 1998]
    [Verknüpfung]


    Für eine 'ehrliche' Umweltpolitik kann kein Weg daran vorbeigehen, die Kosten des Verbrauchs denen anzulasten, die sie verursachen. Wer behauptet, wirksamer Umweltschutz sei zum Nulltarif zu haben, lügt sich entweder in die Tasche oder gaukelt den Menschen etwas vor.
    [...] im Umweltbereich werden aus meiner Sicht an vielen Stellen zu oft nur Sonntagsreden gehalten.
    [...] Nur zu oft, so scheint es, müssen erst Katastrophen geschehen, ehe konkrete und einschneidende Maßnahmen ergriffen werden.
    Dr. Angela Merkel

    Japan: COP3-Klimakonferenz in Kyoto: erstmals Festlegung von CO2-Reduktionszielen (5,2% bis 2012); Deutschland hat gerade große Teile seiner maroden Ost-Wirtschaft stillgelegt und damit allein schon die Ziele erreicht (im folgenden Video ab 0'00'').
    [Wikipedia 2019 - Kyoto-Protokoll]

    D: Der Verband der Automobilindustrie fordert einen Ausbau der Straßen und Verkehrsleitsysteme. Die Selbstverpflichtung zur CO2-Emissionsminderung von 25% bis 2005 sei kaum noch zu schaffen, weil Standzeiten in Staus für einen "immensen Benzinverbrauch" verantwortlich seien (im Video ab 2'09'').
    In der Folge hat die Bundesregierung weit mehr für den Straßenbau getan als für eine CO2-Emissionsreduzierung der Fahrzeuge.


    [Tagesschau 01.12.1997]
    [Gipper 2008]
    [Günnewig 2016]

    Die Ukraine, durch die wichtige russische Pipelines verlaufen, schließt mit der NATO einen Partnerschaftsvertrag; damit beginnt eine Krise der USA mit Russland, die sich bis heute immer weiter verschärft hat, und in der Ukraine-Invasion 2022 einen dramatischen Höhepunkt findet.
    [Wikipedia 2019 - Nato-Ukraine-Charta]


    1998

    Das American Petroleum Institute beginnt nach der Klimakonferenz in Kyoto eine breit angelegte Desinformations-Kampagne mit einem 6Mio-$-Etat. Sie soll eine Reihe von gekauften Wissenschaftlern etablieren und damit gezielt Lehrer und Studenten ansprechen. Die Union of Concerned Scientists berichtet 2015 in einem großen Dossier darüber.


    Victory Will Be Achieved When
  • Average citizens "understand" (recognize) uncertainties in climate science; recognition of uncertainties becomes part of the "conventional wisdom"
  • [...]
  • Those promoting the Kyoto treaty on the basis of extant science appear to be out of touch with reality
  • American Petroleum Institute
    [Mulvey 2015]

    Umweltministerin Merkel nimmt das Gutachten des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen SRU entgegen.

    (1) Das Wort "Klima" sucht man in der offiziellen Mitteilung vergebens:
    [BMU 1998]

    (2) In der Mediendarstellung (im Video ab 8'19'') ist die Rede von einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Industrie zu 25% Reduktion der Emissionen bis 2005 - eine vollkommen unverbindliche Aussage, die, wie sich später zeigt, mit der Realität nichts zu tun hat.


    [Tagesschau 02.04.1998]


    1999

    In Deutschland wird unter Rot-Grün ein Gesetz zur Verbesserung der Ressourceneffizienz und Entlastung der Wirtschaft von Lohnnebenkosten beschlossen: die sogenannte Ökosteuer. Wenn Arbeit billiger und Ressourcen teurer werden, so die Überlegung, wird es vermehrt zur Ausschöpfung von Effizienzpotentialen kommen, ohne die Gefahr von Massenentlassungen.
    [Wikipedia 2022 - Ökosteuer (Deutschland) - Ökosteuergesetze in Deutschland]


    Das Gesetz sieht eine deutliche Progression vor, die aber nicht durchgehalten wird. Erst 2021 beschließt Schwarz-Rot nach massiven Klimaprotesten mit der CO2-Steuer ein neues, zaghaftes Gesetz, dem aber noch der soziale Ausgleich fehlt.

    USA: Notenbankchef Alan Greenspan, ein bekennender Anhänger der neolibertären Vordenkerin Ayn Rand, leitet eine lang anhaltende Niedrigzinsphase ein, die auch auf den Aktienmärkten große Blasen produziert: die Internet, die Subprime und die größte aller Zeiten, die Carbon Bubble. Allein in seiner Amtszeit verdreifacht sich die Geldmenge. Die folgenden Notenbankchefs schafften es in den folgenden Krisen bis heute nicht, die Geldschwemme zu beenden. Millionen US-Amerikaner kaufen sich ein (oft minderwertiges) Haus und beleihen es mit immer höheren Hypotheken. Durch Spekulation steigen die Hauspreise und die Banken erlauben mehrere Erhöhungen bestehender Hypotheken, weil sie von den steigenden Kreditsummen profitieren wollen.
    Präsident Bill Clinton ist zwar Demokrat, betreibt jedoch neoliberale Politik: er dereguliert das Bankensystem. U.a. schafft er den Glass-Steagall-Act aus 1932/33 ab, der eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken vorschreibt. Damit löst er eine Fusionswelle und bis heute anhaltende Kapitalkonzentration aus.
    Der Nobel-Gedächtnispreisträger Paul Krugman erklärt die Konsequenzen.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2020 - Alan Greenspan]

    Bis zur Subprime-Krise ist Greenspan ein gefeierter Star der Wallstreet-Ökonomen. Nach der Krise räumt Greenspan 2009 in einer parlamentarischen Untersuchung seinen Fehler ein und gesteht ein, dass er in seiner Karriere einer falschen Ideologie aufgesessen sei.

    Russland: In der Amtszeit des Präsidenten Boris Jelzin sind die fossilen Ressourcen des Landes privatisiert worden; der Ursprung des Wortes (privare lat. - rauben) ist dabei oft wörtlich zu nehmen. Medien benutzen für die Beschreibung der russischen Zustände in der Retrospektive den Begriff "Wildwest", Putin soll ihn 2000 in einer Oligarchenrunde selbst gebraucht haben.
    Tagesschau über die Oligarchen: [Verknüpfung]
    Wirtschaftswoche: [Verknüpfung]
    Jelzin ist vom Alkoholismus gezeichnet und amtsmüde. Am 9. August ernennt er den KGB-Offizier Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten, und Wladislaw Surkow zum Stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung.

    Putin wird nach und nach die demokratischen Strukturen aushöhlen und zum Diktator werden, um Russland zu der Größe in Sowjet-Zeiten zurück zu bringen. Dabei unterstützt er die willfährigen fossilen Oligarchen. Entgegen seiner Beteuerungen gutbürgerlicher Besitzverhältnisse verfügt er selbst nachweislich über Vermögenswerte, die zig Milliarden umfassen.
    Auch mit der amerikanischen Fossil-Elite vernetzt er sich und baut in Europa und den USA ein mächtiges geheimes Netzwerk, zu denen auch der Ex-Präsident Trump gehört. Er betreibt im Westen erfolgreich eine Spaltung von innen: in den USA herrschen mitunter bürgerkriegsähnliche Zustände, die EU ist v.a. vom Brexit geschwächt. Kritiker und Konkurrenten werden regelrecht ausgeschaltet. Das Manager Magazin dokumentiert im August 2022 allein unter Oligarchen acht mysteriöse Todesfälle allein in diesem Jahr.
    [Wikipedia 2022 - Wladimir Wladimirowitsch Putin]
    [Verknüpfung]
    Die New York Times bezeichnet ihn im Ukraine-Krieg als Faschisten.
    [Verknüpfung]
    Wladislaw Surkow teilt Putins Abneigung gegen den "dekadenten" Westen und wird für ihn im Hintergrund verschiedene politische Gruppen orchestrieren (von links bis rechts), die einen Anschein von Demokratie erzeugen. Auch in den ex-sowjetischen Satellitenstaaten wie der Ukraine wird er hinter den Kulissen aktiv.
    [Wikipedia 2022 - Wladislaw Jurjewitsch Surkow]
    [Verknüpfung]
    In sowjetischer Tradition wird auf Umweltschutz nicht geachtet - in Westsibirien herrscht die größte und auch andauernde Ölpest der Welt, die sogar aus dem Weltraum gut zu sehen ist.
    [Wikipedia 2022 - Ölkatastrophe in Westsibirien]

    Ob 69.20156E 66.70185N.jpg
    Satellitenbild der Obmündung. Gemeinfrei, Link

    In Europa interessiert das alles kaum, man bekommt dafür billiges Öl und Gas. Putin gewinnt gleich zu Beginn seiner Amtszeit den deutschen SPD-Kanzler Gerhard Schröder als persönlichen Freund, der gleich nach seiner Abwahl Geschäftspartner wird und bis heute - trotz Ukraine-Krieg und Energiekrise - zu ihm hält. Auch seine Nachfolgerin Angela Merkel belässt es - wie bei China - im Interesse der deutschen Wirtschaftspartner bei knappen Protestnoten und höchstens zahnlosen EU-Sanktionen. Selbst im Ukraine-Krieg 2022 wirkt der frischgebackene SPD-Kanzler Scholz in den Sanktionsbemühungen der EU oft eher als Bremser - Deutschland möchte nach Möglichkeit lieber nicht auf das russische Gas verzichten, und lässt sich damit auf Putins Erpressungs-Spiele ein.


    2000

    D: es kommen tatsächlich zwei 3l-Autos auf den Markt: VW Lupo 3l und Audi A2 1.2TDI.
    Während der Lupo ein Kleinstwagen war, kam der A2 in die Kleinwagenklasse und schaffte dennoch 2,99l/ 100km - dank einer superleichten State-of-the-art Aluminiumkarosserie mit bester Raumausnutzung und einem hervorragenden Luftwiderstand dank Tropfenform.

    Der Audi A2 gilt bis heute als Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst und oft wurde die Wiederaufnahme der Produktion mit Elektroantrieb gefordert.
    Die erwünschte Wirkung der freiwilligen Selbstverpflichtung aus 1998 wird dennoch selbst 20 Jahre später weit verfehlt - der Durchschnittsverbrauch deutscher PKW liegt 2017 bei traurigen 7,5l/ 100km, zuletzt sogar wieder steigend, dank Dieselausstieg (Benziner stoßen bei gleicher Leistung mehr CO2 aus) und SUV-Boom.
    [UBA 2019]
    Zwischen 2000 und 2018 waren SUVs die zweitgrößte Ursache für eine Steigerung der CO2-Emissionen (Stand 2019). Deutsche Hersteller haben auch in den USA große Fertigungskapazitäten aufgebaut, um an diesem Boom teilzuhaben.
    [Verknüpfung]
    Als 2022 die Grünen beim Verkehrsministerium unter Volker Wissing (FDP) nach Zahlen über erhöhten Reparaturbedarf der Infrastruktur wegen der schwereren Fahrzeuge anfragt, gibt der sich ahnungslos und sieht kein grundsätzliches Problem. "Die Fachliteratur ist doch voll davon", sagt dazu Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel. Die Unfallforschung der Autoversicherer fordert schon verstärkte Leitplanken und Schutzwände, die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen empfiehlt weiter größere Parkplatz-Buchten, obwohl die energie- und klimapolitischen Erfordernisse dringend genau das Gegenteil nahelegen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    Die geringsten Mehrverbräuche der Kompaktklasse gegenüber dem sparsamsten Modell kann man bei ca. 1l, die der Mittelklasse (incl. größerer Familienkombis) bei ca. 2l höher ansetzen.

    Rot-Grün hat mit dem EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) die Energiewende eingeleitet: es bedeutet eine massive Förderung der Erneuerbaren Energien. V.a. zu nennen sind die Politiker Hermann Scheer und Dietmar Schütz (SPD), Michaele Hustedt und Hans-Josef Fell (Die Grünen)).
    Scheer bewirbt das Projekt der Bürgerenergiewende als Motor für die Energiewende - weg von fossil-atomarer Zentralversorgung durch Monopolisten hin zu erneuerbaren Energien in der Hand der Bürger. Die Energiesouveränität ist für ihn auch ein wichtiges Ziel von Sozialpolitik, das er in den Folgejahren auch in Entwicklungsländern verfolgt.
    Das Gesetzespaket beinhaltet einen Abschalt-Plan für AKW.
    [BMWi 2019-2]
    Das Gesetz wurde gegen die Widerstände des Wirtschaftsministers und Manager der Fossilwirtschaft Werner Müller (parteilos) durchgesetzt. Es verwundert mich nicht, dass die Grünen nach diesem Beschluss für Klimaschutz Schröders neoliberaler Agenda 2010 widerwillig zustimmten.
    [Verknüpfung]

    CDU und FDP betreiben nach dem Regierungswechsel 2005 unter Kanzlerin Angela Merkel eine Restaurationspolitik, die das alte Energiesystem konserviert. Scheer stirbt 2010, 12 Tage nach dem Ausstieg aus dem Atomausstieg, an einem Herzinfarkt.
    Nachdem er sich jahrelang mit der Energiekehrtwende von Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot herumärgern musste, fand Hans-Josef Fell 2020 zusammen mit Ex-Fraunhofer-ISE-Chef Eicke Weber und Ernst Ulrich von Weizsäcker in den Clean Business Tech Club, um dort mit Staaten- und Wirtschaftslenkern die solare Zukunft zu gestalten, begleitet von Claudia Kemfert, Franz Alt, Frank Farenski und vielen anderen Protagonisten der deutschen EE-Szene. Währenddessen knobelt die Bundesregierung aus, ob wir lieber russisches oder amerikanisches Methan importieren sollen.
    [Verknüpfung]


    2001

    New York: 911-Terroranschläge auf das World Trade Center; die USA beginnen bald danach unter dem Vorwand "weapons of mass destruction", den der damalige Außenminister Colin Powell im Nachhinein als Schandfleck seiner Karriere bezeichnet, einen Krieg gegen den Terror und nehmen dabei eines der bedeutendsten Ölförderländer ein: den Irak. Bis heute ist die Region nicht befriedet, das Öl strömt jedoch ungehindert weiter.
    [FAZ 2005]

    Die Whistleblowerin beim britischen Geheimdienst GCHQ, Katherine Gun, wurde verhaftet und angeklagt, im antikriegs-gestimmten Großbritannien hat man die Anklage aber schnell fallen gelassen.
    [Meier 2019]

    Im Hintergrund des Oberbefehlshabers Präsident George W. Bush (Sohn des Ölmillionärs und Ex-Präsidenten George, Enkel des NS-Cofinanziers Prescott) zogen Vizepräsident Richard Cheney (vormals Manager bei Bohrtechnik-Lieferant Halliburton) und Condoleeza Rice (vormals Managerin bei Chevron) die Fäden. Bis heute vermarkten US-Firmen das irakische Öl.

    Filmtip: Vice - der zweite Mann von Adam McKay (USA 2018)


    2002

    Ende des kalifornischen Zero Emission Vehicle Mandate durch US-Bundesgesetze der Regierung Bush Junior. Das bedeutet das endgültige Aus für Elektroautos mit dem Ovonic-NiMH-Akku. Andere Entwicklungen mit dem sehr zuverlässigen Natrium-Nickelchlorid-Akku in Europa werden genausowenig weiterverfolgt wie der Bau großer Traktionsakkus mit Li-Ionen-Technik, bis 2008 Elon Musk aus fast 7000 Zellen einen Fahrakku für den Tesla Roadster zusammenbauen lässt.
    [Verknüpfung]

    Klimaskeptiker Wolfgang Clement (SPD) wird Wirtschaftsminister unter Rot-Grün; wird 2006 Aufsichtsrat bei RWE und verlässt - auch auf Betreiben von Hermann Scheer - 2008 die Partei; wechselt zur neoliberalen Denkfabrik INSM.


    2003

    Hitzewelle in Europa mit über 70.000 Todesopfern
    [Wikipedia 2019 - Hitzewelle in Europa 2003]


    2004

    Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft DIW berechnet die Kosten der sich anbahnenden Klimakrise und erklärt, dass Klimaschutz sich rechnet.
    [Verknüpfung]
    Originalarbeit: [Verknüpfung]

    Sie wurde nicht müde, das Thema immer wieder öffentlich vorzubringen.
    [Verknüpfung]
    2021 legt sie Zahlen des DIW nach und versucht - nach Jahren des Protests gegen die Energiepolitik der Merkel-Regierungen - erneut, die Chancen der Energiewende zu beschreiben. Mittlerweile geht es allerdings darum, den internationalen Zug der Dekarbonisisierung nicht zu verpassen.
    [Verknüpfung]
    Joachim Weimann (Uni Magdeburg) kritisiert den Artikel und bekommt auch Antwort dazu.
    [Verknüpfung]


    2005

    D: Kanzlerin Merkel macht den Atom-Ausstieg mit der FDP rückgängig.

    Sie gibt eine Prognose ab, dass Erneuerbare Energien nicht über 20% Anteil an der Stromerzeugung haben können. Damit revidiert sie die 4%-Behauptung der Energieversorger aus 1993 und verbreitet eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung der Energieversorger, die wenige Jahre später genauso widerlegt ist.
    [Pieprzyk 2009] (Volltext-Suche "realistisch")

    Die EU entscheidet sich - auch nach massivem Druck aus Deutschland - gegen eine CO2-Steuer und für einen Handel mit CO2-Emissionszertifikaten, weil der freie Markt das effizientere Regulativ sei. Als erstes legt Deutschland den Preis nahezu all seiner Emissionen für sieben Jahre faktisch auf Null Euro.

    Der frisch abgewählte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wird Aufsichtsratsvorsitzender der Gaspipeline-Gesellschaft Nord Stream AG, einer 51%-Tochter des russischen Gaskonzerns Gazprom.
    [Wikipedia 2019 - Gerhard Schröder]

    Gazprom ist 2019 die Nr. 3 der Firmen mit dem höchsten seit 1965 kumulierten Ausstoß an Treibhausgasen.
    [Taylor 2019]


    2006

    In der sich erwärmenden Welt häufen sich in Mitteleuropa anhaltende, extreme Kälteeinbrüche, gepaart mit Starkniederschlägen. Der Extremwinter 2006 kostet in Europa laut Münchener Rückversicherung Munich Re 790 Menschen das Leben. Konservative Medien greifen das Thema dankbar auf, Zweifel an der Klimaforschung werden wieder lauter geäußert.
    [Witte 2012]
    Erst 2013 werden neue Extremwellen des Jetstreams, sogenannte Rossby-Wellen, als Ursache des Extemwetters beschrieben und als Folge des Klimawandels erklärt.

    UK: Ein Top-Ökonom erklärt (sinngemäß) die Ölparty für beendet. Der Weltbank-Chefökonom Sir Nicholas Stern veröffentlicht eine Schätzung über kommende Klimaschäden für den Fall, dass es beim Verzicht auf wirksamen Klimaschutz bleibt. Sie sorgt in Politik und Zivilgesellschaften für Furore und wird auch in der Ökonomie aufmerksam registriert.
    [Verknüpfung]
    Zitat:

    "Angesichts der Ergebnisse der formellen wirtschaftlichen Modelle schätzt das Review, dass die Gesamtkosten und -risiken des Klimawandels, wenn wir nicht handeln, gleichbedeutend mit dem Verlust von wenigstens 5% des globalen Bruttoinlandsprodukts jedes Jahr, jetzt und für immer, sein werden. Wenn man eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen berücksichtigt, dann könnten die Schadensschätzungen auf 20% oder mehr des Bruttoinlandsprodukts ansteigen. [...] Im Gegensatz dazu können die Kosten des Handelns – des Reduzierens der Treibhausgasemissionen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden – auf etwa 1% des globalen Bruttoinlandsprodukts pro Jahr begrenzt werden."
    [wikipedia 2020 - Stern Report]
    [Stern 2006]

    Stern zufolge sei der Klimawandel verursacht durch das größte Marktversagen, das die Völkergemeinschaft je in Kauf genommen hat. Deshhalb müsse die Politik rasch die richtigen Entscheidungen treffen: dem Ausstoß klimaschädlichen Kohlenstoffs weltweit einen Preis verpassen, ökologische Innovationen fördern und sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen, welche die effizientere Verwendung von Energie blockieren. Je früher reagiert werde, desto weniger kostspielig sei der Kampf gegen die Erderwärmung. Schon eine Verzögerung von nur ein oder zwei Jahrzehnten werde die Menschheit auf "gefährliches Terrain" bringen. Die Rettung sei möglich, so seine Botschaft – aber nicht mehr lange.
    Der Träger des Ökonomie-Nobel-Gedächtnispreises 1987, Robert M. Solow, nennt Sterns fast 600-seitige Expertise "ruhig, durchdacht und sorgfältig argumentierend". Der Preisträger 1998, Amartya Sen, meinte, die Welt wäre geradezu "dumm", ignorierte sie Sterns Botschaft.
    [Verknüpfung]
    Stern ist heute Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung.

    USA: Im selben Jahr erscheint der Film "An inconvenient truth" (deutscher Titel "Eine unbequeme Wahrheit") des Ex-Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei Al Gore. Er soll das Thema Klimaschutz populär machen und sorgt auch für eine heftige, globale Diskussion. Weil Klimaskeptiker in den USA sehr aktiv sind, melden sich Klimatologen zu Wort. Sie bestätigen Gore, dass der Stand der Wissenschaft weitgehend richtig dargestellt werde.
    [Wikipedia 2020 - Eine unbequeme Wahrheit - Rezeption]

    Russland verriegelt aus politischen Gründen am Neujahrstag die Gaspipeline in die Ukraine, weslhalb Europa auf seine (großen) Reserven zurückgreifen muss. Man denkt in Europa deshalb über alternative Gasleitungen und -Quellen nach.
    [Leidel 2006]


    2007

    Think City - die Weiterentwicklung eines von Ford entwickelten Konzepts aus der Zeit des GM EV1 - kommt mit Natrium-Nickelchlorid-Akku ("Zebra-Batterie") auf den Weltmarkt. Der Akku wird von MES-DEA Swiss produziert und kommt auch in anderen Fahrzeugen zum Einsatz: Renault Twingo, Smart, Fiat Panda (Vertrieb in Schweiz und Italien), in französischen Postautos, Bussen, aber auch in Miltärfahrzeugen und als Notstromversorgung von Funkmasten.
    [Wikipedia 2019 - Think City]

    Vor 21 Jahren lautete ein Spiegel-Titel "Die Klima-Katastrophe". In der Zwischenzeit sind die Emissionen immer schneller angewachsen, doch der Spiegel titelt jetzt "Die große Klima-Hysterie". Gezeigt wird eine vor Panik schwitzende Blondine im Marvel-Stil mit der Denkblase "Hilfe... die Erde schmilzt."
    [Verknüpfung]

    Die internationale Energieagentur IEA rät, weitere Ölquellen zu erschließen, weil eine neue Ölkrise drohe. Die IEA wurde 1974 von der OECD nach der Ölkrise gegründet, um weiteren Fehlentwicklungen an den Energiemärkten rechtzeitig vorzubeugen.
    [Verknüpfung]

    Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung WBGU warnt vor dem Kollaps fragiler Staaten nach Extremereignissen.

    2019 warnt das NIC vor einem unsicheren Jahr 2040. Zum Beginn der UN-Klimaverhandlungen 2022 spricht der Klimaforscher Stefan Rahmstorf von einem möglichen Ende der Zivilisation, und UN-Generalsekretär Antonio Guterres vom Überleben der Menschheit.


    2008

    Der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif sagt eine Pause der Erwärmung voraus, bedingt durch eine negative Phase (Wärmeaufnahme-Phase) der pazifischen dekadischen Oszillation. Er weist aber auch darauf hin, dass danach wieder eine positive Phase folgen muss, bei der wieder Wärme vom Pazifik abgegeben wird.
    [Latif 2008]

    Politiker der USA schwanken in ihrer Position bezüglich des Klimawandels; als Prominente konservative Klimaschutz-Befürworter zu nennen sind Bob Inglis, Newt Gingrich und John McCain.

    Das kalifornische Elektroauto-Startup-Unternehmen Tesla setzt - mangels größerer Zellen - 6831 kleine Lithium-Ionen-Zellen für Laptop-Akkus zu einer Traktionsbatterie für einen elektrisch angetriebenenen Umbau eines Lotus Elise zusammen - den Tesla Roadster. Der kleine Rennwagen kostet ca. 109.000$.
    [Wikipedia 2019 - Tesla Roadster]
    Im Elektroauto Think City dagegen ersetzt man den Zebra-Akku durch sehr robuste Li-Eisenphosphat-Akkus des Pioniers A123 - und geht (einmal wieder) in die Insolvenz. Auch wenn der Think das wesentlich nachhaltigere Konzept hatte als der dreimal so teure Tesla - es war nicht kommerziell verwertbar. Der Tesla Roadster verkaufte sich v.a. als eines der ersten Statussymbole für reiche Hipster. Doch der Roadster zeigt überdeutlich, dass das Zeitalter der Elektroautos überfällig ist. In Asien beginnt man mit der Massenfertigung großer Li-Ionen-Akkus.

    Firmenchef Elon Musk setzt dem Hype 2018 einen peinlichen Höhepunkt: er schießt einen Tesla Roadster in den Weltraum.

    Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) (die Energieberatungs-Agentur der OECD), warnt vor dem Öl-Fördermaximum: "Wir müssen das Öl verlassen, bevor es uns verlässt."
    [Birol 2008]
    [Schneider 2008]

    Die Insolvenz der amerikanischen Investment-Bank Lehman Brothers führt zur Subprime-Krise, einer globalen Finanzkrise, die die Reformbedürftigkeit des Finanzsystems schmerzlich offenbart. Sie verdrängt den Klimaschutz schlagartig von der Agenda der Finanzwelt, die durch den Stern-Report sensibilisiert war, doch auch in der gesamten Politik und Zivilgesellschaft.
    Vor allem öffentliche Finanzinstitute der USA und Deutschland gehören zu den letzten, die die faulen Lehman-Papiere halten und damit massive Schäden erleiden.
    [Verknüpfung]
    Ausgelöst wurde die Krise durch eine gigantische Immobilienblase in den USA, wo völlig überbewertete Immobilien sehr kreativ, sprich undurchsichtig zu komplexen Finanzprodukten verbrieft und letztlich (nach diversen Preismanipulationen) an nichtsahnende Abnehmer verkauft wurden. Unterstützt wurden die kriminellen Aktivitäten durch unseriös kundenfreundliche Gutachten (Top Ratings) der Big Four der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die sich alle einig waren: Ernst & Young, Deloitte, PWC und KPMG. Auf diese Gutachten verließen sich damals die betrogenen Investoren, die Big Four wurden jedoch nicht zur Verantwortung gezogen. Im Gegenteil, saßen sie nach der Krise weltweit wieder in den Lobbys und schrieben an Gesetzen mit. Ernst & Young z.B. war 2020 wieder am Wirecard-Skandal beteiligt.
    Das hindert CDU-Gesundheitsminister Spahn nicht, EY mit großen Beratungsaufträgen zu betrauen.
    [Verknüpfung]

    In den USA wurden danach unter Präsident Obama Gesetze zur Markt-Regulierung eingeführt, die aber unter Trump teils revidiert wurden. Die an der Bewertung der Subprime-Papiere beteiligten Rating-Agenturen sind mittlerweile wieder als Berater sehr gefragt.
    Eine ähnliche Blase ungleich größeren Ausmaßes ist die aktuelle Carbon Bubble, aus der sich mittel- und langfristige Spekulanten bereits zurückziehen, langsam beginnend 2016.

    Der gemäßigt neolibertäre Ex-Notenbankchef Alan Greenspan wurde von der US-Wirtschaft lange als Held gefeiert. Jetzt bezeichnet er gegenüber dem demokratischen Abgeordneten Henry Waxman in einer Anhörung des Repräsentantenhauses zur Subprime-Krise seine Zins-Politik als Fehler. Er sei über 40 Jahre lang einer falschen Ideologie von der Stabilität des freien Markts gefolgt.


    [Verknüpfung]



    2009

    Das Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltfragen gibt der Bundesregierung bis maximal 2020 Zeit, eine radikale Klimapolitik einzuleiten, um das verbleibende Emissionsbudget für CO2 einhalten zu können. Der Bericht warnt u.a. vor Failed States durch klimabedingte kriegerische Konflikte, wie sie kurze Zeit darauf durch die Dürren in Syrien eintraten.

    Autor: WBGU 2009, Lizenz CC-BY-NC-ND
    [WBGU 2009] S.16

    An den Budget-Empfehlungen hat sich seitdem nichts Gravierendes geändert. Die deutsche Politik hat bis 2019 nicht reagiert, auch nicht nach dem internationalen Abkommen von Paris, und 2019 nach den Europawahlen auch nur viel zu zaghaft.

    D: Schröder-Ex-Koalitionspartner und persönlicher Gegenspieler Joschka Fischer (Die Grünen) betreibt mit Unterstützung der US-Außenmimnisterin Madeleine Albright den Bau der Nabucco-Pipeline, die aserbaidschanisches Gas (in Konkurrenz zu russischem) nach Europa leiten soll.
    [Welt 2009]

    Im Vorfeld der COP-Konferenz in Kopenhagen gibt es erste deutliche Reduktions-Zusagen wichtiger Emittenten, u.a. den USA und China. Mit dem Simulations-Tool C-Roads des Sloan-Instituts am MIT lassen sich Vorhersagen für die Verhandlungen berechnen.


    [Verknüpfung]
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    Ein Konsortium von Mitsubishi und PSA-Citroën bringt das erste Großserien-Elektroauto, einen kleinen Viersitzer mit etwa 100km Reichweite im Realbetrieb (baugleich: Mitsubishi iMieV, Peugeot iOn, Citroën C-zero).

    Am 30. Oktober gründen große Finanz- und Energiekonzerne die Dii GmbH, die die schon alten Pläne zentraler, thermischer Solarstrom-Anlagen in Nordafrika für die Versorgung von Europa umsetzen sollen, genannt Desertec.
    [Wikipedia 2022 - Desertec]

    Innerhalb weniger Jahre stellt sich heraus, dass das Projekt um Jahrzehnte zu spät kommt: die Erzeugungskosten dezentraler Photovoltaik sind mittlerweile um Größenordnungen geringer. Da die Desertec-Projekte mit großem Kapital und staatlichen Subventionen ausgestattet sind, werden sie trotzdem umgesetzt, vor allem die Noor-Projekte bei Ouarzazate in Marokko. Die Übertragung nach Europa über die Meerenge von Gibraltar ist sehr günstig. Den enormen Wasserbedarf nachhaltig über eine kombinierte Entsalzung zu decken, würde die Kosten allerdings nochmals deutlich erhöhen. Das Projekt Noor 4 ist deshalb keine thermische Anlage mehr, sondern eine photovoltaische. 2014 wurde die Strategie der Dii GmbH grundlegend geändert, weg von eigenen thermischen Großprojekten hin zu Projektplanung.
    [Wikipedia 2022 - Kraftwerk Ouarzazate]


    2010

    Russland, Pakistan: Eine wochenlang stabile, extrem ausgeprägte Ausbuchtung der wellenförmig verlaufenden Jet Streams (Höhen-Strahlströme) über Zentralasien verursacht eine Kombination von Überflutungen in Pakistan und extremer Dürre in Russland, bei der selbst Moore großflächig zu brennen beginnen. Die Torfbrände erzeugen gigantische Rußwolken, die u.a. in Moskau eine signifikante Übersterblichkeit verursachen.
    [Wikipedia 2021 - Torfbrände in Russland 2010]

    2014 veröffentlicht ein Team um Dim Coumou vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung PIK ein Modell, das diese Störungen erklärt.
    [Rahmstorf 2014]
    [Viering 2014]
    Original: https://doi.org/10.1073/pnas.1412797111">[Coumou 2014]
    Solche Störungen führen zu zahlreichen Wetterextremen:

    • Hitzewellen in Kalifornien mit riesigen Waldbränden
    • ab 2018 häufige Hitzewellen in Europa mit vielen Waldbränden, extremer Dürre und großer Übersterblichkeit
    • Kältewelle im Februar 2021 in Texas: Katastrophenalarm mit zig Toten
    • kalter April 2021, kältester seit 1977, danach kalter gewitterreicher Mai und Juni mit zahlreichen Überflutungen durch Starkregen
    • historische Hitzewelle (heat dome) durch eine stabile Omega-Wetterlage über Nordwest-Amerika mit 49,5°C in Lytton/ Kanada fordert hunderte Todesopfer
    • anhaltende Starkregen über Japan lösen eine große Schlammlawine aus
    • Dürre mit Millionen Hungeropfern 2022 in Äthiopien, Madagaskar etc.
    • Hitzewelle mit 50°C in Indien
    • Starkregen mit Millionen Obdachlosen in Pakistan und Florida
    • (es ist müßig, die Liste fortzusetzen, alle paar Tage bis Wochen kommen neue Ereignisse hinzu)

    Am 02.10. beschließt der schwarz-gelb dominierte Bundestag unter Wirtschaftsminister Rösler (FDP) die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und macht damit den rot-grünen Atomausstieg, der v.a. auf den Protagonisten von Atomausstieg und EEG Hermann Scheer (SPD) zurückgeht, rückgängig. Die folgenden Jahre sind geprägt von einer Energiekehrtwende, die auch unter Schwarz-Rot weitergeht.


    [Zu Atomkraft:] Weil nicht passieren darf, was passieren kann, darf eine Technologie nicht eingesetzt werden.
    Hermann Scheer 2010

    Scheer formuliert hier eine Selbstverständlichkeit verantwortungsvoller Politik, die auch in der Klimafrage gelten müsste: das Vorsorgeprinzip.
    [Wikipedia 2021 - Vorsorgeprinzip]

    12 Tage später, am 14. Oktober, stirbt Scheer, kurz vor der Veröffentlichung seines Buchs "Der energethische Imperativ" mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt. Besonders sehenswert ist sein letzter Vortrag "Power to the People" bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom 30. September. Nicht nur mit dem Titel seines Buchs knüpft er an die knapp 100 Jahre alte Vision des Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald, das fossile Zeitalter könne nur ein Übergangsstadium sein - dessen Ende nur von seinen Profiteuren hinausgezögert würde.
    Wenngleich Scheer kein Philosoph war, so stellt er sich mit seinen ethischen Forderungen auch in die Tradition von Immanuel Kant und Hans Jonas.


    Knapp sind nicht die Erneuerbaren Energien, knapp ist die Zeit.
    Hermann Scheer

    Die taz schreibt "er war der herausragende Politiker seiner und unserer Zeit".
    [Verknüpfung]
    Peter Sloterdijk würdigt ihn in einem denkwürdigen Nachruf in der Zeit.
    [Verknüpfung]
    Zum 10. Todestag macht der Energiewende-Blogger Klaus Müller seinem ganzen Ärger über die Energiekehrtwende-Politik von Scheers Parteigenossen Luft.
    [Verknüpfung]
    Scheer war vom Time Magazine mit dem Titel "Hero for the Green Century" bezeichnet worden und Träger des Alternativen Nobelpreises.
    So visionär und wirkmächtig John Maynard Keynes im frühen 20. Jahrhundert, sehe ich Hermann Scheer in seiner Zeit. Beide Politiker verbindet, dass der Neoliberalismus, also die Abkehr von Keynes' Ideen, praktisch die Durchsetzung von Scheers Ideen um Jahrzehnte verzögert und damit die Zukunft der Welt auf's Spiel gesetzt hat.


    2011

    Das Weltwirtschaftsforum in Davos bewertet den Klimawandel als "eines der größten Risiken, mit sehr großen Auswirkungen und einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit".
    [Verknüpfung]

    Fukushima bringt in D den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft.

    Einweihung der deutsch-russischen Gas-Pipeline Nordstream, die die Ukraine umgeht.

    Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) novelliert die Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung für Pkw. Für die Einstufung eines Fahrzeugs ist jetzt nicht mehr der absolute Energieumsatz (der proportional zu den CO2-Emissionen ist), sondern auch die Fahrzeugmasse. Ein leichtes Auto kann demnach eine schlechtere Einstufung bekommen als ein schweres, auch wenn das wesentlich mehr verbraucht. Zitat aus der Wirtschaftswoche: "Beispiel: So landet ein 2.345 Kilo schwerer Audi Q7 3.0 TDI mit einem Kohlendioxidausstoß von 195 Gramm pro Kilometer ebenso wie ein 2,5 Tonnen schwerer Porsche Cayenne S Hybrid (193 g/km) in der zweitniedrigsten Klasse B, ein Kleinwagen wie der Toyota Aygo jedoch wird trotz wesentlich geringeren CO2-Ausstoßes in Klasse D eingestuft. [...] Eine kleine Rechnung macht die ganze Absurdität klar: Der in aller Welt beliebte deutsche Kampfpanzer Leopard 2, der pro gefahrenem Kilometer 1.500 Gramm CO2 ausstößt, würde dank seines Gewichts von 62 Tonnen in der Logik der neuen Effizienzklassen direkt neben einem VW Golf 1.4 landen."
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung]
    Das durchschnittliche Fahrzeuggewicht nahm in der Folge mit dem Boom von Mini-Vans und dann SUV rasant zu.
    Rösler zeichnet in seiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister (2011 bis 2013) für bemerkenswert viele hoch umstrittene Maßnahmen verantwortlich.
    [Wikipedia 2021 - Philip Rösler]

    Die neoliberale Denkfabrik INSM von Ex-Wirtschaftsminister und Klimaskeptiker Wolfgang Clement betreibt mit Strompreis-Angst eine massive Kampagne gegen Erneuerbare Energien und stilisiert damit die Energiewende zur sozialen Frage. Zum Gründungsmitglied des Fördervereins der INSM gehört Friedrich Merz (CDU).
    [Wikipedia 2019 - Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft]
    [Verknüpfung]


    [INSM 2011]

    Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick startet eine Kooperation mit VW. VW liefert den Kunden ein Blockheizkraftwerk, das elektrischen Strom - zum Selbstverbrauch oder zur Einspeisung - und Heizwärme liefert. Weil die BHKW zentral gesteuert werden, spricht Lichtblick von Schwarmenergie.
    Blockheizkraftwerke sind beliebte Projekte von Pionieren, die damit die winterliche Versorgungslücke ihrer PV schließen; schon lange bewährt z.B. das Modell Dachs von Senertec. Solche Anlagen werden zunächst mit fossilem Brennstoff betrieben, deren Brennwert für die Stromproduktion veredelt wird. Tüftler haben jedoch (wie im Kfz) auch Bio-Kraftstoffe erfolgreich genutzt; heute käme synthetisches, CO2-neutrales P2L in Frage.
    [Verknüpfung]
    Der Einspeisebetrieb hat den Vorteil, dass das Netz damit stabilisiert werden kann.
    2014 wird die Kooperation aufgekündigt. Lichtblick sieht die Konditionen von VW als inakzeptabel an.
    [Verknüpfung]


    2012

    Der Ex-RWE-Manager und Klimaskeptiker Fritz Vahrenholt (SPD) veröfentlicht sein Buch "Die kalte Sonne" und startet einen gleichnamigen Blog. Die Bild-Zeitung greift das Thema reißerisch auf in der Serie "Die CO2-Lüge". Die Titel:
    "Renommiertes Forscher-Team behauptet: Die Klima-Katastrophe ist Panik-Mache der Politik"
    [Verknüpfung]
    "Seit 12 Jahren ist die Erd- Erwärmung gestoppt!" [Verknüpfung]
    "Stoppt den Wahnwitz mit Solar- und Windkraft!"
    [Verknüpfung]
    Das PR-Projekt begleitet die Energie-Kehrtwende, die von der CDU-FDP-Koaltion unter den Parteivorsitzenden Angela Merkel (CDU-Kanzlerin) und Philipp Rösler (FDP-Wirtschaftsminister) eingeleitet wird.
    Eine Reihe von Extremwintern, v.a. 2006, wird in der konservativen Zivilgesellschaft dankbar als Beleg für Vahrenholts These aufgenommen. Der Spiegel listet auf.
    [Witte 2012]

    Der Kurs, die Energiewende zu bremsen, wird von den CDU-Regierungen auch mit der SPD beibehalten, bis zum Regierungswechsel zur Ampel-Koalition 2021, die einen Ausbau der Erneuerbaren Energie ankündigt. Wirtschaftsminister Habeck (Die Grünen) ist im Ukraine-Krieg 2022 jedoch nicht in der Lage, das Ruder herumzureißen. Der Finanzminister Christian Lindner (FDP) verweigert die Mittel und beharrt auf der Schwarzen Null.

    Währenddessen meint Exxon-Chef Rex Tillerson zu den von Trockenheit betroffenen Bauernopfern, Klimawandel sei ein "ingenieurstechnisches Problem", sie könnten sich ja neue Anbaugebiete suchen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
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    We have spent our entire existence adapting. We'll adapt [to climate change]. It's an engineering problem and there will be an engineering solution.
    Rex Tillerson

    Netzparität für Photovoltaik: die Erzeugungskosten für PV-Strom sinken unter den durchschnittlichen Preis für konventionellen Strom.
    [Wikipedia 2019 - Netzparität]

    Zusammen mit Umweltminister Röttgen (CDU) betreibt Wirtschaftsminister Rösler (FDP) eine drastische Abkühlung auf dem überhitzten PV-Markt. In breiten Teilen der Öffentlichkeit wurde dies wie eine notwendige Anpassungsmaßnahme wahrgenommen, v.a. direkt nach der großen Strompreis-Kampagne des INSM.
    [Verknüpfung]
    Der renommierte Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme IWES Jürgen Schmid in der FAZ kritisiert die deutsche Energiewende-Politik als "Chaos". Schmid erlebt nicht mehr, wie recht er hat. Er stirbt im selben Jahr.
    [Verknüpfung]

    Im Zusammenhang mit späteren Maßnahmen wie PV-Deckel, Ausschreibungsverfahren, EEG-Paradox etc. kann man dies jedoch als Auftakt zum Ende der deutschen PV-Industrie sehen. Gleichzeitig erlaubte man jahrelang die Importe subventionierter chinesischer PV-Technik. Der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hat später dazu gesagt, dass dies ein Deal mit China war, um die deutschen Automobilexporte nicht zu gefährden. Nicht nur die deutsche, sondern die ganze europäische PV-Industrie brach in wenigen Jahren zusammen.
    [Verknüpfung]

    BASF kauft Patente für Akku-Technik, u.a. für den Ovonic-Akku aus dem GM EV1 und den Lithium-Schwefel-Akku.
    [Stahl 2012]


    2013

    Der Entomologische Verein Krefeld belegt mit alarmierenden Zahlen die bisher unterschätzte Dramatik des Insektensterbens. Er meldet Bestandsrückgänge aller in Malaise-Fallen gefangenen Insekten-Arten um 75-80%. Andere deutsche Stationen melden ähnliche Zahlen.
    Die Krefelder Studie ist Auftakt einer größeren Zahl internationaler Studien, die einen Zusammenhang mit industrieller Landwirtschaft belegen.
    [Wikipedia 2022 - Krefelder Studie]

    Der (später von Trump kurzzeitig als US-Außenminister engagierte) Chef von Exxon Rex Tillerson teilt mit Putin die arktischen Ölreserven auf...
    [Busvine 2012]

    ...und erhält die russische Verdienstmedaille (Volltextsuche "friendship")
    [Kreml 2013]

    CDU-Umweltminister Peter Altmaier muss gegenüber FDP-Wirtschaftsminister Rösler bei der Preisbremse für Verbraucher-Strom Zugeständnisse machen. Entlastet wird vor allem die Industrie. Altmaier wäre an einer wirksamen Strompreisbremse gelegen gewesen.
    [Verknüpfung]
    Damit wird die deutsche Energiekehrtwende eingeleitet. 2019 kommt der Ausbau der Windkraft fast komplett zum Erliegen, PV sinkt bis da hin dramatisch - im Gegensatz zum Rest der Welt.
    [Spiegel 2013]
    [Verknüpfung]
    Auch die Verkehrswende wird von Altmaier behindert. Schärfere EU-Abgasregeln für PKW würden den Kostendruck auf den Verbrenner erhöhen und den neuen Elektroautos am Markt begünstigen. Das Einschreiten von Angela Merkel gegen die geplanten Verschärfungen lässt sich Familie Quandt (BMW) 690.000€ Parteispenden an die CDU kosten.
    [Verknüpfung]

    Das Kanzleramt lässt im Juni einen über fünf Jahre mit den anderen EU-Staaten ausgehandelten Kompromiss zu strengeren CO2-Grenzwerten für Autos überraschend platzen. Verantwortlicher Staatsminister ist dort Eckhard von Klaeden (CDU). Er bleibt bis Ende September, ab November wechselt er durch die sogenannte Drehtür zur Wirtschaft, seitdem ist er als Cheflobbyist bei Daimler-Benz beschäftigt.
    [Verknüpfung]
    Gegen ihn wurde wegen Anfangsverdachts auf Vorteilsnahme ermittelt; das Verfahren wurde eingestellt.
    [Verknüpfung]

    Die Konkurrenz-Pipeline zur russisch-deutschen Verbindung Nordstream - Nabucco - ist gescheitert.
    [Wikipedia 2019 - Nabucco-Pipeline]


    2014

    In der Ukraine wüten Proteste gegen die russlandfreundliche Regierung Janukowytsch, die mit einer Öffnung des Landes nach Westen enden.

    In einem Telefongespräch spricht US-Staatssekretätin Nuland von 5 Milliarden $, die die USA in politische Arbeit in der Ukraine investiert haben sollen.
    [Wikipedia 2019 - Euromaidan]
    [Bota 2015]
    Währenddessen arbeitet der Sohn des US-Vizepräsidenten und späteren Präsidenten Joe Biden, Hunter Biden, für eine ukrainische Gasgesellschaft.
    [Bidder 2015]

    PV: die hocheffiziente PERC-Rückseitenkontaktierung kommt zunehmend in den Massenmarkt und ermöglicht höhere Wirkungsgrade.
    [Aleo 2018]
    [Recgroup 2014]

    RWE-Dea, die Brennstoff-Sparte von RWE, wird an den russischen Oligarchen Michail Fridman per Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel (SPD) verkauft. Begleitet wird das Geschäft vom Protest des Grünen-Politikers Cem Özdemir, der Oligarch bekomme damit Zugriff auf "strategische Erdgas- und Ölvorräte", und den klausulierten Bedenken des Umweltministers Norbert Röttgen, das Geschäft passe "jetzt nicht in die Landschaft".
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - Michail Fridman]
    Wenig später, 2015, will Gazprom den größten Speicher in Rheden erwerben, obwohl russische Separatisten die Ostukraine mit massiver Unterstützung aus Moskau besetzt halten. An Warnungen mangelt es wieder nicht, z.B. vom damaligen Oppositionspolitiker Oliver Krischer (Grüne), der heute Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium ist; zusammen mit der späteren Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellt er dazu eine Kleine Anfrage im Bundestag.


    Gerade in der aktuellen Krise ist das ein ganz großes Problem. Man kann ja nur darüber staunen, dass wir über Sanktionen gegen Russland, gegen Putin sprechen, und gleichzeitig wird der größte Gasspeicher Deutschlands an Gazprom verkauft. [...] Ich will mir nicht ausmalen, wenn wir tatsächlich mal einen Krisenfall haben, wie dieser Speicher dann eingesetzt wird.
    Oliver Krischer

    Das Minsker Abkommen dient zumindest als Beschwichtigung, um das Geschäft zu rechtfertigen: Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) gibt seine Genehmigung. Das Minsker Abkommen ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben wurde. Seitdem kontrolliert Putin seitdem 20-25% der deutschen Reserven. Ende Januar 2022 ist Rheden nur zu ca. 4% gefüllt.
    [Verknüpfung]

    In der Energiekrise des Ukraine-Kriegs hält SPD-Kanzler Olaf Scholz am 11.10.2022 auf dem Maschinenbaugipfel des Verbands der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer VDMA in Berlin die Eröffnungsrede. Dort behauptet er, Putins Pläne einer Erpressung mit Gas schon "immer" gekannt zu haben. Diese Selbstoffenbarung ist für einen Hauptverantwortlichen eigentlich wenig schmeichelhaft und wird deshalb am 14. von Till Reiners in der ZDF heute-show gnadenlos auseinandergenommen.
    Scholz beim VDMA: [Verknüpfung]
    heute-show: [Verknüpfung]


    2015

    D: Durch die aktuelle Strommarkt-Regelung (Merit-Order-Prinzip) werden immer mehr hochmoderne Gaskraftwerke stillgelegt, weil Kohlekraftwerke mit ihrem Billigstrom die Netze verstopfen. CO2-Preisaufschläge würden das verhindern. Gaskraftwerke sind eine Schlüsseltechnologie in der flexiblen Lastregelung und vor allem in der Sektorenkopplung, und daher unverzichtbar in der Energiewende.
    Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hegt zuerst große Ambitionen für einen Kohleausstieg, knickt aber schnell vor dem Bundesverband deutsche Energiewirtschaft ein: die mittelfristige Abschaltung von fünf Kraftwerksblöcken lässt man sich dort versilbern - mit einer Prämie für das Bereithalten im Bedarfsfall, Vorlaufzeit ganze 10 [sic!] Tage. Mit den 1,6 Milliarden hätte man auch Gaskraftwerke finanzieren können, die wesentlich geeigneter - weil flexibler - eine Sicherheitsreserve bilden könnten.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Siemens verkündet die Schließung seiner Gasturbinen-Produktion in Deutschland.
    [Verknüpfung]
    Deutschland erhält neben Polen und Luxemburg eine klimapolitische Rüge der EU.
    [Verknüpfung]

    Im Mai warnt der Münsteraner MEET-Batterieexperte Prof. Martin Winter in der bei Verbrennerfahrern überaus bekannten Zeitung Auto, Motor und Sport: innerhalb von zwei Jahren schließe sich für Europa das Zeitfenster, um in der Batteriefertigung noch mithalten zu können. Gleichzeitig startet in konservativen und liberalen Medien eine jahrelange, massive Kampagne gegen das Elektroauto, für "Technologie-Offenheit", sprich Verbrenner (auch mit erneuerbaren Brennstoffen), und Brennstoffzellen-Autos.
    [Verknüpfung]


    2016

    Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) setzt der Windkraft in Deutschland einen Deckel auf.
    [Verknüpfung]
    Die halbherzigen Maßnahmen nach Gabriels Autogipfel - begleitet von der penetranten Desinformation gegen Elektroautos - bringen die Elektromobilität in Deutschland nicht so voran wie in Frankreich, Südkorea, USA oder China.
    [Verknüpfung]

    Die Dämmerung der fossilen Epoche setzt am 23.03. ein: der Rockefeller Family Fund divestiert nach über 150 Jahren im Ölgeschäft, 100 Jahre nach der ersten Dollar-Milliarde des Firmengründers.
    [Verknüpfung]
    Der Rockefeller Brothers Fund folgt im Advent 2020 - und zieht eine positive Kostenbilanz.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2022 - ExxonMobil climate change controversy - Relations with the Rockefeller family]

    Barack Obama schreibt vor der Amtsübergabe an Klimaskeptiker Trump:


    Der Trend hin zu sauberer Energieerzeugung ist unumkehrbar.
    Barack Obama
    [Löfken 2017]


    2017

    USA: Klimaskeptiker Donald Trump wird Präsident und setzt den Klimaskeptiker Scott Pruitt als Chef der EPA ein, der die Behörde schnell verkleinert und ihre Möglichkeiten drastisch beschneidet. Der Gebrauch des Wortes "Klimawandel" in Veröffentlichungen der Behörde wird zensiert.
    [Verknüpfung]

    Jahrzehntelang hatte die lebhafte Diskussion über Klimawandel in den USA allein auf wissenschaftlichen Prognosen basiert, und dennoch löste sie präsidentielle Expertenkommissionen, eine riesige Umweltbewegung, Transformations-Förderprogramme und teils strenge Umweltgesetze aus. Angesichts dessen und der 2016 unleugbaren Beweise der Klimakrise ist Trumps Wahl ein unheilvolles Zeichen einer Vertrauenskrise in der mächtigsten Demokratie der Welt. 2021 fand diese Krise mit dem Sturm auf das Kapitol ihren vorläufigen Höhepunkt, eine Beinahe-Katastrophe.

    Während in den USA die Klimawissenschaft mundtot gemacht wird, begründet ein Team um die Physiker Friederike Otto und Geert Jan van Oldenborgh an der Universität Oxford die moderne Attributionsforschung. Diese vergleicht die Wahrscheinlichkeiten, nach der ein Wetterereignis mit und ohne Klimawandel aufgetreten wäre, und nutzt dafür verschiedene mathematische Modelle, die z.T. auf der Vorarbeit von Klaus Hasselmann basieren.
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    Originalarbeit: [Verknüpfung]
    Der DWD erklärt das Forschungsgebiet...
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    ... und fasst die Ergebnisse der bisherigen Rechnungen zusammen.
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    2021 berechnen sie z.B. eine Verfünffachung der Wahrscheinlichkeit für die Flut im Ahrtal durch den Klimawandel.

    Russland: Ex-Kanzler Schröder (SPD) wird Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Ölkonzerns Rosneft.

    Eine Gruppe prominenter Schweden erklären öffentlich, dass sie in Zukunft Flüge nach Möglichkeit vermeiden wollen. Sie prägen den Begriff Flugscham.
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    [Wikipedia 2022 - Flugscham]


    2018


    Mitteleuropa: extrem anhaltende Hitzewelle
    Deutschland erlebt eine Rekord-Dürre.

    Sie ist der Auftakt einer Reihe von katastrophalen Dürrejahren 2019, 2020 und 2022 ist. Viele Niederschläge des Ausreißer-Jahres 2021 führen - weil sie in Form von Starkniederschlägen auftreten und der degradierte Boden diese Wassermassen nicht aufnehmen kann - zu Flutwellen in den Bächen und Flüssen, die das Wasser bestenfalls ungenutzt ins Meer transportieren, schlimmstenfalls hohe Schäden verursachen wie in der Eifel.

    Nach der Wahl von Trump hat Ex-Exxon-Chef Rex Tillerson seine Geschäftsbeziehung mit Putin schnell wieder aufgegeben, um 2017 Außenminister werden zu können. Sonst hätte man ihn eines Interessenkonflikts und Zusammenarbeit mit Russland bezichtigen können.
    [Bershidsky 2018]
    Ein Jahr später, am 12. März 2018 bezeichnet Tillerson Russland jedoch als "verantwortungslose Macht für Instabilität auf der Welt" und verurteilt einen Tag später den Giftanschlag auf Sergei Skripal als "wahrhaft ungeheure Tat" Russlands. Stunden später entlässt der Putin-treue Trump Tillerson samt Staatssekretär Steve Goldstein und nominiert den bisherigen CIA-Direktor Mike Pompeo als neuen Außenminister.
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    [Wikipedia 2022 - Rex Tillerson]

    Europa plant neue Terminals für Fracking-LNG aus den USA. Gegen den Baubeginn der zusätzlichen deutsch-russischen Pipeline Nordstream 2 machen die USA nicht nur Druck auf Deutschland, sondern auch auf beteiligte Firmen.
    [Spiegel 2019-2]
    [Bidder 2019]

    Juli: Als er eine Beschränkung der Kohleindustrie durchsetzen will, wird der australische Präsident Turnbull durch eine vernichtende Medienkampagne des Milliardärs Rupert Murdoch zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger ist der ultrakonservative Klimaseptiker Scott Morrison.

    August: Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg beginnt am 20.08. ihren Schulstreik fürs Klima, zwei schwedische Zeitungen berichten am ersten Tag. Eine Woche später die TAZ. Am 29.08. dreht die schwedische Klimaaktivistin Janine O' Keeffe mit ihr ein dreiteiliges Interview.
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    Ein Jahr später zählt ihre Bewegung Fridays for Future weltweit viele Millionen Unterstützer aller Altersgruppen.
    [Wikipedia 2019 - Greta Thunberg]


    2019

    Januar: Hitze in Australien
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    Die Kunststoffindustrie gründet die Allianz gegen Plastikmüll in der Umwelt, um dem Verbraucher zu signalisieren, dass weitere Regulation nicht nötig ist.
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    Noch 2018 beschwichtigte die Ölindustrie ihre Investoren, die Corona-bedingten Absatzausfälle mit Kunststoff-Produktion ausgleichen zu wollen.

    Mai: Die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services IPBES veranstaltet sieben Jahre nach ihrer Gründung in Paris eine Weltkonferenz zur Artenvielfalt. Dort wird das globale Ausmaß des Artensterbens, von den besten Wissenschaftlern des Fachs nach allen Regeln der Kunst dokumentiert: während die Zivilgesellschaften mehr oder weniger wegschauten, hat es katastrophale Ausmaße angenommen. Es ist Treiber für massive Schäden am Naturkapital und kann nur durch eine tiefgreifende Änderung der Landnutzung aufgehalten werden.
    [Wikipedia 2022 - IPBES] [Verknüpfung]
    IPBES 2020: [Verknüpfung]
    Studie als Pdf-Datei: [Verknüpfung]
    riffreporter: [Verknüpfung]
    SZ: [Verknüpfung]
    ZDF: [Verknüpfung]
    Zeit: [Verknüpfung]

    2022 zeigt eine Studie die zusätzlichen Risiken auf, die die hohe Geschwindigkeit der Temperaturänderung für die Biodiversität darstellt.
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    Um Biodiversitäts-Schäden zu verschleiern, war es Chemie-Unternehmen in der EU bisher erlaubt, die vorgelegten Studien zur Zulassung von Problemstoffen wie Pestiziden geheim zu halten. Das EU-Parlament hat diese skandalöse Praxis 2019 beendet.
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    D Sommer: lang anhaltende Gewitterneigung mit Extremniederschlägen wie in mehreren Jahren zuvor. Die großen Regenmengen sind allerdings nicht in der Lage, den Boden bis in die Tiefe zu durchfeuchten, denn ein Großteil fließt oberflächlich ab - die Wassermenge fällt in zu kurzer Zeit und kann nicht einsickern. In der Folge des anhaltenden Bodenwassermangels kommt es zum größten Waldsterben seit den 80er Jahren.

    Indien erlebt im Juni eine anhaltende Rekord-Hitzewelle mit bis zu 50°C
    [Fischer 2019]

    Der Rekord-Orkan Dorian geht mit 350km/h, 800mm/ m2 Regen und extrem geringer Wanderungsgeschwindigkeit (wegen der Rossby-Wellen) über die Bahamas-Inseln, die teils völlig verwüstet werden.

    Südspanien erlebt im September aufgrund des warmen Mittelmeers und der niedrigen Wanderungsgeschwindigkeit eines extremen Tiefdruckgebiets (Rossby-Wellen) einen Rekordniederschlag mit bis zu 400mm/ m2 in kurzer Zeit, Norditalien im Oktober mit 300mm/ m2, Südfrankreich im November mit 700mm/ m2.
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    Bei Cannes plant man demnach wegen der großen Häufigkeit der Extremniederschläge die Enteignung von Villenbesitzern, um durch Abriss der Häuser den Wasserabfluss zu verbessern.
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    Iran wird durch US-Sanktionen am Ölexport gehindert, was den Ölpreis steigen lässt - und wogegen Europa erfolglos Widerstand leistet. England und Iran liefern sich daraufhin einen regelrechten Freibeuter-Konflikt, indem der jeweils eine einen Tanker des anderen beschlagnahmt, was die Spannungen verschärft. Iran beginnt, die USA durch Ankündigung der Uran-Anreicherung und Ölschmuggel an Syrien offen zu provozieren.
    [Brüggmann 2019]

    September: Das Klimakabinett beschließt im Rekordtempo ein Klimapaket. U.a. 10€ CO2-Abgabe ab 2021, die nach massiven Protesten - auch zahlreicher Experten - zuerst auf 20, dann auf 25€ heraufgesetzt wurden. Die Fachleute sind entsetzt, die Klimaschützer empört.
    Auch auf EU-Ebene bremst die Bundesregierung im Klimaschutz. Das Finanzierungsverbot der Europäischen Investitionsbank EIB für fossile Projekte wird hinausgezögert, solange es geht.
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    Eine Studie des Berliner Energieberatungsunternehmens Arepo Consult prognostiziert im Auftrag der Grünen für das Festhalten am Verbrennungsmotor einen Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen, und außerdem eine Verteuerung der Stromkosten bei Verschleppung der Energiewende.
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    In der Ausgabe der Polit-Talkshow Anne Will vom 22.09. sieht sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einer Phalanx von Kritikern gegenüber. Er wird letztlich zum politischen Offenbarungseid gezwungen (sinngemäß): wenn die Bürger von der Energiewende nicht überzeugt sind, können Politiker sie auch nicht durchsetzen.
    Man muss aber dazu sagen: Altmaier hatte - ganz in der Parteitradition - die Energiewende von Anfang an als zu teuer, oft als Armuts-Risiko für die einkommensschwachen Haushalte, dargestellt ("die Oma aus Gelsenkirchen", die sich ihr "Stück Kuchen" nicht mehr leisten kann). Vor Altmaiers Zeiten hieß es in der CDU sogar noch, sie sei völlig unrealistisch.

    Anne Will 22.09.2019 (ARD): Das Klimaschutzpaket der Bundesregierung - großer Wurf oder große Enttäuschung? - auszugweise Mitschrift
    Gäste:
    Peter Altmaier: CDU (Bundeswirtschaftsminister)
    Annalena Baerbock (Bündnis 90/ Die Grünen (Vorsitzende))
    Otmar Edenhofer: TU Berlin, PIK Potsdam (Direktor und Chefökonom)
    Claudia Kemfert (DIW Berlin, Leiterin Abteilung Energie)
    Bernd Ulrich: Die Zeit (Chefredakteur Wissenschaft)

    18' Altmaier erklärt, dass Deutschland große Anstrengungen leistet, um P2X voranzubringen.
    Will fragt, warum der Meinungsumschwung nicht für effektive Maßnahmen genutzt wird.
    Altmaier stellt noch einmal wortreich sein Programm vor, das von allen Fachleuten als völlig unzureichend kritisiert wird. Und setzt dann an, über die einkommensschwachen Haushalte zu sprechen: "Das sind die, die wir mit einem harten Vorgehen am härtesten treffen würden, und deshalb..."
    20'40'' Ulrich (unterbricht): "Also ich finde das total gut, Herr Altmaier, dass die Parteien, die sonst am meisten die Marktwirtschaft anbeten und auch Ungleichheit ok finden, weil es einen Anreiz bietet, jetzt beim Klima die wahnsinnig interessante Entdeckung machen, dass die Armen sich Dinge nicht leisten können, die sich Reiche leisten können. [...] In jedem Bereich ist das so und es gibt viele Bereiche, wo man 'was ändern sollte. [...] Aber das, was sie jetzt wieder gesagt haben, das geht einfach nicht mehr. Natürlich ist das untere Einkommensdrittel in dieser Republik nicht für den Klimawandel verantwortlich, am wenigsten dafür verantwortlich. Und die können auch nicht die Kosten tragen. Aber was doch seit Jahren und Jahren in Deutschland läuft, ist doch:
    Im Namen der Armen billiges Fleisch - und alle essen dieses Fleisch.
    Im Namen der Armen müssen die Benzinpreise unten gehalten werden - und alle rasen damit [...].
    Im Namen der Armen Billigflüge - und alle fliegen billig.
    Sie müssen das durchbrechen, und das tun sie nicht.
    Sie berufen sich auf die Armen, um nichts zu tun.

    22' Edenhofer: "Also das ist doch wirklich 'ne Geisterdebatte. Wir haben mit den Vorschlägen, die wir gemacht haben, das Thema sozialer Ausgleich ins Zentrum gestellt. Wir haben gesagt, wir könnten durch die Abschaffung der Stromsteuer, durch die Finanzierung des EEG aus den Steuern gerade die einkommensschwachen Haushalte entscheidend entlasten. Wir haben 'ne Klimadividende diskutiert, die ganz schnell dann vom Tisch gefallen ist in ihrem Paket zum sozialen Ausgleich - das lässt in hohem Maße zu wünschen übrig. Sie subventionieren E-Autos, und das betrifft die obere Mittelschicht, und es gibt 'ne ganz geringfügige Entlastung bei [...] der EEG-Umlage. Aber jetzt zu sagen, da gibt es diejenigen, die stellen den Klimaschutz über alles und nehmen dafür die Spaltung der Gesellschaft in Kauf und scheren sich keinen Deut d'rum, wie es einkommensschwachen Haushalten geht, das stimmt einfach nicht, weil man kann eine CO2-Bepreisung sehr wohl so ausgestalten, dass einkommensschwache Haushalte und auch Haushalte auf dem Land entlastet werden. Und ich finde wirklich nicht akzeptabel, dass bei den Vorschlägen, die wir diskutieren können, aber dass so getan wird, als würde man den sozialen Ausgleich und den sozialen Zusammenhalt bei der Klimapolitik völlig vernachlässigen."
    [...]
    34' Edenhofer: "Wenn ein CO2-Preis so kommuniziert wird, dass die Leute das Gefühl haben, sie werden dadurch gegängelt und geschröpft, und man fragt die dann, habt Ihr Lust, gegängelt und geschröpft zu werden, und die sagen Nein, dann muss man sich eigentlich net wundern. Was man doch sagen muss und den Leuten klar machen müsste ist:
    Es gibt doch viele Menschen in unserem Land, die Klimaschutz wollen, die auch persönlich bereit sind ihre Emissionen zu reduzieren. Ein CO2-Preis leistet doch folgendes: Dass meine Anstrengungen, die ich unternehme, nicht durch andere zunichte gemacht werden, die dann noch mehr emittieren. Das ist nämlich der Weg in den Fatalismus. Und dieser Fatalismus, der muss jetzt endlich gestoppt werden. Und wenn man den CO2-Preis den Leuten so klarmacht, das wird alle Investitionsentscheidungen, alle Konsumentscheidungen verändern in Richtung auf Emissionsreduktion. Und dann gibt's für die, die besonders belastet sind, einen sozialen Ausgleich.
    Ich bin eigentlich der Überzeugung, dass man dafür eine Mehrheit bekommt. Wenn man den Klimaschutz aber von vorneherein unter Generalverdacht stellt, dass man gegängelt und geschröpft wird, dann braucht man sich net wundern, dass es dafür keine Mehrheiten gibt."
    35'16'' Altmaier wird zum politischen Offenbarungseid gezwungen:
    Will: "Herr Altmaier, haben Sie es also falsch kommuniziert, von Beginn an, und sind deshalb auf der Strecke plötzlich so mutlos geworden?"
    Altmaier: "Also, ich hab' ja vorhin schon gesagt, dass ich glaube, dass wir in den letzten Jahren noch Fehler gemacht haben, ja, dass wir früher hätten reagieren müssen, ja, vor allem miteinander, aber die Politik muss eben selber Rechenschaft ablegen, was sie tut. Und wir tun mehr als heute abend diskutiert wird. Wir haben zum Beispiel nicht nur die 3 Cent [Anmerkung: Kraftstoffpreis-Erhöhung durch die sog. CO2-Bepreisung], sondern..." Will [unterbricht]: "Sie haben gehört, was Herr Edenhofer gesagt hat..."
    Altmaier: "Ich weiß, ich weiß."
    Will: "Es wird so schlecht kommuniziert, dass die Menschen kein Vertrauen mehr in Sie haben. Das ist vielleicht der Grund."
    Altmaier: "Ja aber wissen Sie, ich hab' die Menschen gefragt, ob sie mitbekommen haben, was der Sachverständigenrat uns empfohlen hat, Herr Edenhofer und sein Potsdamer Institut, das ist in der Öffentlichkeit nicht verankert. Und die Politik hat auch nur begrenzte Möglichkeiten etwas zu kommunizieren, das hat Herr Macron bemerkt, das hängt damit zusammen, dass..."
    Will [unterbricht]: "Er hat's gar nicht kommuniziert. Er hat's doch nicht erklärt." Altmaier: "... dass eben nicht jeder Anne Will anschauen muss, wenn er nicht möchte. Auch nicht die Tagesschau oder die Heute-Sendung. So. Und dann müssen wir als Politiker - wir sind nicht allmächtig. Wir sind nicht allwissend. Wir müssen den Mut haben, bestimmte Dinge zu entscheiden, wir haben zum Beispiel gesagt, wir wollen die Kraftfahrzeugsteuer verändern [Baerbock entgleisen die Gesichtszüge], neben der CO2-Bepreisung kommt hinzu, dass CO2-arme Kraftfahrzeuge weniger zahlen, und CO2-produzierende Kraftfahrzeuge in hohem Stile mehr bezahlen müssen, so, und dann werden die Leute sich überlegen, wenn ich'n neues Auto kaufen muss, kauf' ich dann noch eines, das mehr als der Durchschnitt produziert, oder kaufe ich vielleicht ein anderes. Darüber muss geredet werden auch in den Schulen, darüber muss geredet werden im Deutschen Bundestag, von der Politik, ja, wenn wir mit der Kommunikation besser werden können, ja, aber ich hab' bisher noch nicht denjenigen gesehen, der uns erklärt hat, wie das am besten geht. Die Grünen haben es im letzten Wahlkampf nicht geschafft und im vorletzten Wahlkampf übrigens auch nicht. Das muss man der Ehrlichkeit halber sagen, so einfach ist es offenbar nicht."


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    Am 26.09. kann sich Altmaier bei Maybrit Illner dann eher zurücklehnen, weil hier auch Vertreter der Automobilindustrie zu Wort kommen.
    Illner ist sich einig mit Mario Gutmann, dem Vertreter der Belegschaft bei Bosch Bamberg, über die negative Umwelt-Bewertung des Elektroautos. Gutmann und VDMA-Vizepräsident Karl Haeusgen teilen einen Rundumschlag auf Energie- und Verkehrswende aus und interpretieren dabei auch noch einmal die Dieselkrise auf ihre Weise. All das tun sie unwidersprochen von der Moderatorin Maybrit Illner, obwohl Experten in vielen Punkten weit mehrheitlich ganz anderer Auffassung sind.

    Talkshow Maybrit Illner am 26.09.2020 (ZDF):
    Abschwung, Jobs und Klimarettung – riskieren wir unseren Wohlstand?
    Gäste:

    • Peter Altmaier (CDU, BMWi)
    • Robert Habeck (Bundesvorsitz Bündnis 90/ Die Grünen)
    • Nina Treu (Konzeptwerk Neue Ökonomie)
    • Karl Haeusgen (Vizepräsident VDMA)
    • Mario Gutmann (Betriebsrat Bosch Bamberg)

    Sinngemäße Wiedergabe mit Zitaten:

    26' Gutmann: "Wir sind nicht technologieoffen. Das ist eines der großen Probleme an diesem Standort Deutschland. [Applaus]
    Wenn wir technologieoffen wären, und keiner, auch ich nicht, weiß, was letztendlich zielführend ist im Antriebsstrang, das weiß keiner, aber sich auf eine Technologie zu stürzen, was das Thema Elektrifizierung heute ist, ja, aber die Brennstoffzelle außen vor lässt, das Thema E-Fuels (P2L) außen vor lässt, die Hybridisierung. Der Verbrenner, da bin ich mir sehr, sehr sicher, den wird's noch lange geben, weil der ist heute, wenn man's will, vom CO2 her ideal [Einblendung Haeusgen: lächelt und nickt, sagt "ja"; Zuschauer im Hintergrund mit kritischem Blick nickt bedeutungsvoll], ja, wir können vom CO2 her ideal an das Thema 'rangehen, wenn wir heute ein neues Auto nehmen, egal ob Sie Feinstaub, NOx oder CO2 nehmen, da brauchen wir heut' net d'rüber reden - es interessiert bloß keinen mehr.
    [Applaus]"
    Illner: "Wenn man sagt, Arbeitsplätze und Klimaschutz sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, dann sagen Sie, das ist richtig, das wollen Sie auch nicht, oder sagen Sie, das ist eine Phrase?"
    Gutmann: "Nein, nein, nein. Das ist das Dümmste, was man machen kann. Und das ist ja genau das, was polarisiert. Wenn wir heute hergehen und versuchen die Arbeitsplätze gegen das ganze Ökonomische und Ökologische auszuspielen, dann haben wir ein Problem. Und ich bin beim Herrn Habeck, wir müssen an dem Thema arbeiten, aber die ganze Hysterie, die hier aufgelegt wird, das was letztendlich daraus gemacht wird, das ist ein Riesen Problem. Wir brauchen Zeit."
    Illner: "[...] Auf wen sind Sie eigentlich wütender? Auf die Politik oder auf die großen Automobilkonzerne, die ihre Milliardendividenden nicht schon 'mal in Investitionen gepackt haben?"
    Gutmann: "[...] als Erstes auf die Politik, weil [...] wir haben zu lange geschlafen um an dem Thema zu arbeiten, wir waren zu lange satt von dem Thema her und das ist, wenn alles läuft, bewegt sich auch keiner [Einblendung Altmaier], aber das eine ist, dass wenn wir jetzt die Politik verantwortlich machen etwas zu tun - und ich bin nicht der Meinung, dass wir mit dem Thema, das als Paket jetzt geschnürt ist, das richtige Thema angehen, weil ich glaube nicht, dass die Elektrifizierung - ich red' jetzt von dem Litium-Ionen-Thema - zielführend ist.
    Und wenn man sich das anschaut, und jetzt auch wieder in Richtung Umwelt 'mal schaut, eine Lithium-Ionen-Batterie, aus was die heut' hergestellt wird..."
    Illner: "Das ist ja überhaupt nicht umweltfreundlich, aber auch da wird ja an Alternativen gearbeitet."
    Gutmann: "Ja, aber die haben wir heute nicht."
    [...]
    33' Habeck: Die Beschäftigten der Verbrennerindustrie baden jetzt schon - ohne Klimapolitik - die Vertrauenskrise der Verbraucher aus, die die Automobilwirtschaft ausgelöst hat. Für die Zukunft haben wir es mit einer strukturellen Veränderung der Weltwirtschaft zu tun.
    Zitat: "Dass eine Exportnation, die dann auch noch auf dem Export von fossil produzierenden Fabrikaten [...] [be]ruht, vielleicht ein echtes Problem hat, vielleicht nicht zukunftsfähig ist."
    34'45'' Roth warnt vor Protektionismus à la Trump.
    34'50'' Habeck: "Vor der Welle bleiben, sofern es noch geht, das heißt die Abkühlung der Konjunktur zu bekämpfen mit allen Mitteln, die wir haben. Das heißt zu investieren. Und zwar nicht mit 5 Mrd. jährlich, sondern tatsächlich jetzt die Notwendigkeit zu nutzen, CO2 einzusparen, Industrie zu unterstützen, Forschung und Entwicklung voranzubringen und die Versäumnisse der letzten 15, 20 Jahre aufzuholen. [...] Wir tun noch immer so, als ob wir die Schlausten, Klügsten und Besten der Welt sind, das sind wir nicht, wir sind weltökonomisch abgehängt."
    35'20' Altmaier will antworten, doch Haeusgen geht dazwischen: er nimmt die Politik (die sein Verband ja auch maßgeblich mitbestimmt hat) in Schutz und gibt der zivilgesellschaftlichen Dynamik die Schuld am Arbeitsplatzabbau in der Dieselbranche.
    37'45'' Altmaier erklärt Entscheidung für die deutsche Akku-Fabrik: man habe 20 Jahre lang den technologieoffenen Ansatz verfolgt, intensiv auch am Brennstoffzellen-Auto geforscht und noch kein konkurrenzfähiges Produkt zu Stande gebracht.
    39'40'' Roth stellt fest, wir seien technologisch abgehängt, und zwar v.a. in KI und E-Mobilität.
    61'20'' Haeusgen: "Es ist nicht eine Frage, wieviele Milliarden wir einsetzen, sondern ob wir sie effizient einsetzen, und wenn ich mir die bisherige Energiewende anschaue, dann sind bisher viele, viele, viele, viele [...] Milliarden sehr, sehr, sehr ineffizient eingesetzt worden und das ist das, was mir Angst macht. Sie haben dieses Batterieprojekt vorangetrieben und Sie haben Volkswagen gerufen in der E-Mobilität. Wer redet über die Brennstoffzelle, wer redet über das Projekt Power-to-X? Das sind Technologien, die vermutlich langfristig CO2-mäßig die bessere Bilanz haben als die batteriebetriebene Elektromobilität."
    [Illner 2019]

    Der UN-Menschenrechtsausschuss fügt dem Artikel 6 des UN-Zivilpaktes - dem Recht auf Leben - die "Allgemeine Bemerkung Nr. 36" hinzu; am Ende wird dort festgestellt:


    Der Menschenrechtsausschuss stellt klar, dass Umweltzerstörung, Klimawandel und ein Entwicklungsmodell, das nicht auf Nachhaltigkeit beruht, einige der dringendsten und schwerwiegendsten Bedrohungen für das Recht auf Leben gegenwärtiger und zukünftiger Generationen darstellen.
    Menschenrechtsauschuss der Vereinten Nationen
    [Verknüpfung]

    Oktober: Obwohl die Kohlekommission ein Ausstiegsgesetz angekündigt hat, erhält Uniper die Betriebsgenehmigung für ein neues Steinkohlekraftwerk in Datteln, NRW. Das BMWi sieht sich im Kohleausstieg dennoch "auf Zielkurs". Der Abstand zur Bebauung beträgt weniger als 500m. NRW ist nach Bayern das Bundesland mit den schärfsten Abstandsregeln für Windräder.
    [Bundesregierung 2019-1]
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    Schweden: Die Erfinder des Li-Ionen-Akkus bekommen den Nobelpreis für Physik. Doch in der konservativen Zeitung die Welt bestreitet man, dass ein Preis für eine derartig "problematische" Technik angemessen ist, und hält die Vergabe für politisch motiviert und somit fragwürdig.
    Zitat:

    "Würdig eines Nobelpreises?
    Das sind große Worte für eine Technologie, die bei Rohstoffgewinnung und Entsorgung noch große Probleme bereitet. Der Strom, mit dem Lithium-Ionen-Akkus aufgeladen werden, stammt hierzulande zu mehr als 50 Prozent aus Kraftwerken, die mit Kohle, Öl und Gas betrieben werden. Da kann man noch lange nicht von CO2-Neutralität reden. [...] Problematisch ist insbesondere die unterschwellige politische Botschaft dieses Nobelpreises, Elektromobilität sei gut. Vielleicht sind aber letztendlich Autos, die mit Wasserstoff oder synthetischem Benzin betrieben werden ökologisch besser? Da sind sich die Experten noch nicht einig."
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    November: Die Dürreereignisse im südlichen Afrika wurden in den letzten Jahrzehnten immer häufiger; zur Zeit ist es so extrem, dass die Victoriafälle bis auf ein Rinnsal ausgetrocknet und 45 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind.
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    Der Gesetzesentwurf von Wirtschaftsminister Altmaier zum Kohleausstieg setzt auf Freiwilligkeit bei der Abschaltung.
    Windturbinen-Hersteller Enercon steht auf einer Weltspitzen-Position, doch entlässt 3000 Mitarbeiter aus der deutschen Produktion. Trotz der massiven Kritik von Fachleuten ist Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) beim Ausschreibungsverfahren für EE geblieben - was den Ausbau der Windkraft praktisch auf Null gebracht hat. Keine Rede von Änderungen im Ausschreibungsverfahren, ganz zu schweigen von Info-Kampagnen für Klimaschutz mit Windkraft oder gar Arbeitsplatz-Rettungsprogrammen wie in fossilen Industriezweigen. Stattdessen wird die Abstandsregelung für Windräder verschärft auf mindestens 1000m, selbst von Bauerwartungsland (wo also noch gar keine Häuser stehen). Damit sinkt das Potential für Windräder onshore massiv.
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    54 Jahre nach der Empfehlung von US-Präsident Johnsons Expertenkommission, und nachdem viele internationale Top-Ökonomen (u.a. 27 Träger des Nobel-Gedächtnispreises) und Wirtschafts-Organisationen wie IWF und OECD sich dafür ausgesprochen haben, erwägt die CDU nach einem Sommer großer Fridays-for-future-Proteste endlich eine "Bepreisung" von CO2. Die GroKo beschließt für 2021 zunächst rekordverdächtig niedrige 10€ pro Tonne - ein Zehntel der Steuern in Schweden oder in der Schweiz), also nur einen Bruchteil der Expertenempfehlungen, die zwischen 50€ (IWF) und 180€ (UBA) liegen.

    Deutsche Nachtzug-Waggons gehen wieder in Betrieb, sogar grenzüberschreitend: allerdings nicht für die DB, sondern für die Österreichischen Bundesbahnen.
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    Frankreich nutzt seine Waggons lieber wieder selbst.
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    Die internationale Vereinigung der Fluggesellschaften IATA startet als Reaktion auf die Bewegungen Flugscham und Fridays for Future eine PR-Kampagne für das Fliegen. Fliegen sei völkerverständigend und immer effizienter geworden, und man würde die CO2-Emissionen teilweise kompensieren. Dass die Effizienzgewinne vom Wachstum der Branche weit überkompensiert wurden (Rebound-Effekt), und dass die Kompensationspotentiale begrenzt und ohnehin für eine Senkung anderer, unvermeidbarer oder vergangener Emissionen dringend benötigt werden, führt diese Aktion ad absurdum. Klassisches Greenwashing einer der klimaschädlichsten und vermeidbarsten Branchen.
    Mobilitätsforscher dagegen fordern als wirksamen Klimaschutz-Beitrag des Verkehrssektors eine schnelle, drastische Einschränkung des Flugverkehrs:

    • generell wo möglich Ersatz durch Videokonferenzen
    • Ersatz von Kurzstreckenfluglinien durch Schnell- und Nachtzüge
    • vollständiger Ersatz fossiler und pflanzenbasierter durch regenerative Treibstoffe (die allerdings nicht für die Individualmobilität verschwendet werden dürfen, weil es da Alternativen gibt)

    All diese Empfehlungen und auch die lauter werdenden Schüler-Klimaproteste halten die Bundesregierung nicht davon ab, die Kampagne der IATA werbewirksam auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig 2019 zu unterstützen. Das folgende Startbild des Videos im FAZ-Artikel zeigt Kanzlerin Merkel mit den Fachministern Altmaier und Scheuer und ist im Video mit großen, fetten Buchstaben unterlegt: "Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig".

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    Ein kritischer Kommentar aus der gleichen FAZ-Ausgabe ist überschrieben mit "Fliegen macht die Welt klein."
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    Er zitiert eine ältere Kampagne aus 2016, für die der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft einen Film produziert hat mit der Botschaft "Fliegen ist das neue Öko". Mit einer Mischung aus Nostalgie und Ironie spielt der Film mit den Stereotypen von "Ökos", die zwar noch ihren coolen Bulli haben, aber mit ihrer Attitüde und Sprache extrem aus der Zeit gefallen sind. Am Ende erkennen die Protagonisten dann den ökologischen Mehrwert des Fliegens, womit die Verdrehung perfekt ist.


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    Nur einen Monat später wird der internationale Flugverkehr aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen extrem heruntergefahren, die Lufthansa erhält 9 Milliarden Soforthilfen und Konkurrenten klagen wegen Ungleichbehandlung. Der Ferienflieger und Kreuzfahrtveranstalter TUI, Nachfolgerin des ehemaligen Rüstungskonzerns Preussag, bekommt 4,3 Milliarden. Anstatt die Chance für einen Umbau zu nutzen, wird die krisenanfällige fossile Struktur subventioniert.
    Verkehrsminister Scheuer prognostiziert für 2024 eine Rückkehr des Luftverkehrs auf das Niveau von 2019. Währenddessen kündigt Lufthansa eine Rückzahlung der Staatshilfen und Stellenabbau an.
    [Verknüpfung]
    Auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz 2021 kündigt Merkel "disruptive Vorgänge" in der Luftfahrt an - mit ganzen 2% P2L-Treibstoffen bis 2030. Disruption ist ein ökonomischer Fachbegriff, der das Verschwinden einer Technologie in kurzer Zeit bedeutet, bei Energie und Mobilität z.B. inerhalb von 10 Jahren. Entweder hat sie den Begriff Disruption nicht verstanden (was unwahrscheinlich ist), oder sie gebraucht ihn bewusst in grober Weise irreführend.
    [Verknüpfung] [Verknüpfung]
    Am 04.10.2021 wurde in Werlte überraschend von Umweltministerin Svenja Schulze persönlich eine Pilotanlage in Betrieb genommen, die auf die von Kanzlerin Merkel angekündigten Mengen hochskaliert werden soll, Betreiber ist das für CO2-Kompensation im Flugverkehr bekannte Unternehmen Atmosfair. Auch ein werbewirksamer Name wird an diesem Tag geprägt: E-Kerosin.
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    Die Kosten pro Liter liegen bei weit über 5€, und bei günstigem Strom kämen sie in absehbarer Zeit auch nicht weit unter 5€.
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    Dezember: 47 Jahre nach seinen epochalen Computer-Simulationen für den ersten Bericht des Club of Rome "The Limits to Growth" präsentiert das vielfach preisgekrönte Sloan-Institut am MIT EN-Roads, ein neues Simulations-Tool, das online jedermann zugänglich ist. Der Benutzer kann klimapolitische Weichenstellungen in 18 verschiedenen Einflussgrößen variieren und die MIT-Server berechnen in sofort die nach dem Stand der Wissenschaft zu erwartenden Einflüsse auf Atmosphäre und Temperatur.
    [Sterman 2019]

    Die COP25 werden von den klimaskeptischen Regierungschefs der USA und Australien blockiert. Kurz danach erlebt Australien schon zu Beginn der Brandsaison epochale Buschbrände mit bis zu 70m hohen Flammen.
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    Siemens beteiligt sich derweil an der Ausstattung einer neuen australischen Kohlemine.
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    Waldbrand-verhütende Leistungsschalter verkauft Siemens gleich mit dazu.
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    2020

    Wir schreiben 63 Jahre und +0,8°C nach Revelles eindringlicher Warnung vor der globalen Erwärmung.

    Januar: In Australien wurde das schon von Aborigines praktizierte Backburning (Abbrennen des Unterholzes), in den letzten Jahren vernachlässigt oder war witterungsbedingt unmöglich. Klimaskeptiker behaupten sogar, die australischen Grünen hätten sich dagegen ausgesprochen - eine komplette Verdrehung der Tatsachen. Dass die Buschfeuer in diesem Jahr alle Rekorde brechen, wird von ihnen v.a. auf diese Tatsache geschoben, und auf Brandstiftung. Sie ignorieren, dass die Temperaturen seit Jahren auf immer neue Rekordwerte steigen und der Regen Rekordminima erreicht. In diesem Jahr brennen sogar Regenwälder. Die giftigen Rauchschwaden ziehen bis Südamerika.
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    Während das Bureau of Meteorology zaghaft einen Zusammenhang zwischen den Feuern mit Temperaturerhöhung und Niederschlagsrückgang herstellt, tönt der fossilökonomistische Ministerpräsident Scott Morrison von der Rücksichtslosigkeit der Klimaschützer.
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    BlackRock-Chef Larry Fink kündigt den Rückzug seiner Vermögensverwaltung - der größten der Welt mit der vielbeachteten Analyse-Plattform Aladdin - aus fossilen Investments an. Der ehemalige Deutschland-Chef von BlackRock, Kanzleraspirant Friedrich Merz, ist mit seinen vorher heftigen Angriffen auf Fridays for Future bemerkenswert zurückhaltend.

    Bei Maybrit Illner beschönigt Altmaier zuerst die katastrophalen Auswirkungen seiner Energiepolitik auf die Energiewende. Er spricht von einem PV-Boom, der von Experten jedoch auf das absehbare Ende der Förderung (PV-Deckel) zurückgeführt wird. Dann verteidigt er diese Politik mit der Rücksichtnahme auf Bürgerbewegungen. Süffisant verweist er auf die traditionelle Bedeutung von Bürgerbewegungen für die Grünen, verschweigt dabei aber geflissentlich seine engen persönlichen Kontakte und die seiner Mitarbeiter zur Windgegner-Szene.
    34' Altmaier: "Dann sollten Sie doch wenigstens so ehrlich sein zu sagen, dass wir einen Boom haben beim Ausbau der Photovoltaik. Und wir haben beschlossen als Koaltion wir schaffen diesen Deckel ab. Wir haben einen Boom beim Ausbau der Windenergie auf hoher See. Der Anteil des Stroms wird jede Woche, jeden Monat größer. [...] Wir sind eine Demokratie, wo uns gerade die Grünen gezeigt haben, dass es wichtig ist, mit den Menschen vor Ort zu reden, und sie haben Bürgerinitiativen zu allen möglichen Themen organisiert. Und damit müssen sie jetzt leben, dass sich Menschen bei Themen zu Wort melden, die ihnen vielleicht nicht ganz so genehm sind."
    [Illner 2020] 34'

    Februar:
    Antarktis: ein Eisberg von 300km2 Fläche bricht bei 18,3°C ab.
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    Die Temperaturen in der Antarktis erreichen sogar 20,75°C.
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    März:
    Weil ein Ende des Ölstroms noch lange nicht absehbar ist, steigt die Konfliktgefahr der Großmächte um die arktischen Ölreserven weiter an:
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    April:
    Obwohl er zwei Jahre lang heftig kritisiert wurde: der Photovoltaik-Deckel bleibt bestehen, und jetzt zeigt er Wirkung: immer mehr Planungen für PV-Anlagen werden aufgegeben oder gar nicht erst in Angriff genommen. Auch die Windkraft-Abstandsregelung bleibt restriktiv: die deutsche Energiewende bleibt blockiert.
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    In den USA erreichen PV-Module mit mehreren unterschiedlich dotierten Silizium-Schichten einen Wirkungsgrad von beinahe 50%; wie ein halbes Jahrhundert zuvor, ist die Technik nur für die Raumfahrt wirtschaftlich.
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    Juni: Kurz vor dem drohenden Verschließen des PV-Deckels ringt sich die Große Koalition endlich durch, ihn abzuschaffen. Für viele PV-Installateure zu spät.
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    Der PV-Deckel wurde jedoch von Seiten der CDU als Druckmittel benutzt, um die Zustimmung der SPD für schärfere Windkraft-Abstandsregeln zu bekommen. Eine bundeseinheitliche 1000m-Regel konnte die SPD jedoch verhindern. Dafür kommt sie in NRW (wo Ministerpräsident Laschet (CDU) zuerst mit Wirtschaftsminister Pinkwart (FDP) sogar 1500m wollte) und eine 10H-Regel in Bayern.
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    Offshore dagegen wird Windkraft zugelassen - da, wo sich keine Bürgerenergiegenossenschaften finden, sondern nur große Energiekonzerne.
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    Die Warnungen von Energiefachleuten, dass die Anlagen weit weniger wirtschaftlich sind als onshore, interessiert niemanden, auch nicht in Großbritannien, wo sich der größte Offshore-Windpark als unrentabel heraustellt.
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    Das Rennen war lange offen. Im Focus sagte der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme IWES Jürgen Schmid voraus, dass Offshore irgendwann günstiger sein würde. Dieser Zeitpunkt scheint jedoch 10 Jahre nach seinem frühen Tod aber noch weit entfernt.
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    16 Unternehmen des deutschen Finanzsektors mit 5,5 Billionen Euro Kapital vereinbaren gemeinsame Ziele zur Erreichung der Pariser Klimaziele.
    [Finanzsektor 2020]
    Während also Big Money mehr und mehr aus Angst vor Stranded Assets aus den fossilen Investments flüchtet, wirft Europa und allen voran Deutschland diesen irgendwann "faulen" Anlagen weiter frisches Geld hinterher, statt es in Zukunft zu investieren.
    [Investigate Europe 2020]

    3. Juli: Bundestag und Bundesrat beschließen den Kohleausstieg "spätestens 2038", begleitet von großzügigen Entschädigungszahlungen für die Betreiber.
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    Fachleute betrachten in einem regierungsinternen Gutachten einen wesentlich früheren Ausstieg zum einen als möglich, aber vor allem als klimapoltisch dringend geboten.
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    Die NGOs in der Kohlekommission fühlen sich betrogen.
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    Kommunale Energieversorger sehen sich im Nachteil gegenüber den großen Konzernen.
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    Angesichts der Preisentwicklung der Erneuerbaren Energien kann man das Gesetz getrost als Bestandsgarantie für Altanlagen ansehen, die in absehbarer Zeit unrentabel sein werden. Die unflexible Kohle-Grundlast kostet den Kunden jetzt schon viel Geld.
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    Das Gesetz, das Fridays for Future Deutschland als "Kohleeinstiegsgesetz" bezeichnet, sieht 4,35 Milliarden Euro Entschädigung für die Braunkohle-Konzerne RWE und LEAG vor - obwohl die Anlagen schon bei CO2-Preisen ab 50€ unrentabel werden. Unter diesen Bedingungen besteht gar kein Entschädigungs-Anspruch.
    Ein regierungsinternes Gutachten, das diese Punkte klar darlegt, hält Altmaier zurück.
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    Die EU-Wettbewerbskommission unter Margrethe Vestager sieht die Entschädigung als staatliche Beihilfe, die sogar möglicherweise gegen die EU-Beihilfevorschriften verstößt und prüft den Fall (Stand März 2021).
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    Mit den Entschädigungen für die Braunkohle-Industrie werden Begehrlichkeiten geweckt bei der seit Jahrzehnten in Abwicklung befindliche Steinkohle-Industrie, die ihren Brennstoff längst nicht mehr aus Deutschland, sondern aus teils prekärer Ausbeutung bezieht.
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    Allein die hohen Subventionen könnten EU-Strafzahlungen nach sich ziehen, ganz zu schweigen vom durchaus denkbaren Schadenersatz für Klimafolgen.
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    Der spanische 50%-Ausstieg aus der Kohlekraft 2020 aus wirtschaftlichen Gründen und die Pläne für einen 100% Ausstieg bis 2030 lässt für die Rentabilität deutscher Kohlekraft in den nächsten 18 Jahren nichts Gutes erwarten. Insofern kann man den Begriff "Kohle-Ausstieg" schon als Euphemismus für "Kohle-Bestandsgarantie" ansehen.
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    Die Folgeschäden durch Grundwasserabsenkung und Einstrom belasteter Tiefenwässer werden ebenfalls in der öffentlichen Debatte oft übersehen.
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    Im Dezember wird bekannt, dass ein Gutachten zurückgehalten wurde, das einen geringeren Bedarf für das rheinische Revier, eine Schonung der Dörfer im Abbaugebiet und weit geringere Emissionen vorsah.
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    Auch die Tatsache, dass Braunkohlekraftwerks-Betreiber mit günstig eingekauften Verschmutzungsrechten handeln können, macht ihren Weiterbetrieb profitabel.
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    Der VDI bezeichnet PV als "Joker der Energiewende" und hält Preise von 1ct/ kWh für möglich. Ein forcierter Umstieg auf elektrische Fahrzeugantriebe werde zudem den Synergieeffekt bei der Kostensenkung der Stromspeicher weiter verstärken und damit die Potentiale von PV zusammen mit Windkraft deutlich erhöhen.
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    Nur einen Monat nach dem Kohleausstiegsgesetz, am 5. August, räumt Peter Altmaier öffentlich ein, 15 Jahre im Klimaschutz "viel Zeit verloren" und "Fehler gemacht" zu haben, und es einen "enormen Nachholbedarf" gebe. In den nächsten Monaten müsse daher dafür gesorgt werden, "dass der Weg zur einer CO2-Neutralität unumkehrbar wird." Wie er zu diesem Sinneswandel gekommen ist, sagt er nicht. Zu der Zielvorstellung der CO2-Neutralität im Jahre 2050, die von der Fachwelt als viel zu spät kritisiert wird, äußert er sich jedoch auch nicht.
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    Die Netzbetreiber planen, die Nutzung von Eigen-PV-Strom unrentabel zu machen. Währenddessen bleibt die Zwangsabschaltung von zunächst 18.000 Altanlagen der Bürgerenergiewende in 2021, in den Folgejahren von hunderttausenden, weiter im Raum. Wirtschaftsminister Altmaier bleiben ganze drei Monate, um das zu verhindern.
    [Hirsch 2020]
    Am 20. August wird Greta Thunberg, genau zwei Jahre nach ihrem erstem Schulstreik, mit drei weiteren Aktivistinnen von Fridays for Future von Angela Merkel empfangen und äußert deutliche Kritik. Merkel verspricht "mehr Mut im Klimaschutz", und das Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten in der derzeitigen Form nicht zu ratifizieren.
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    Seit 1928 ist Standard Oil of New Jersey, Schwergewicht des Rockefeller-Öl-Imperiums, im wichtigsten Börsenindex der Welt, dem Dow Jones, aufgelistet. Nun wird die Nachfolgerin Exxon Mobil nach 40% Kursverlust ausgelistet.
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    Am 19.08.2022 offenbart die prominente ARD-Talk-Moderatorin Sandra Maischberger in ihrer Sendung "Die Woche" im Gespräch mit Richard David Precht auf erschreckende Weise, dass sie Klimaskeptikerin ist. Precht erklärt ihr die möglichen katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, die bei gegenwärtiger Tendenz mit hoher Sicherheit prognostiziert sind - und sie erinnert an die Ängste vor dem Waldsterben, das ja dann doch nicht eingetreten sei. Prechts Einwand, dass es damals massive Gegenmaßnahmen gegeben habe, überhört sie, und suggeriert süffisant, dass die Möglichkeit eines spontanen Endes des Klimawandels genauso denkbar sei wie Prechts Darstellungen. Sie erklärt ihn für einen Radikalen mit "Lust auf Verbote", und er erklärt die Untätigkeit für radikal.
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    September: der neue Ceneri-Tunnel am Gotthard würde einen durchgehenden Hochgeschwindigkeits- und Güterzugverkehr von den Nordseehäfen nach Italien ermöglichen. Wenn Italien und vor allem Deutschland nur endlich die Lücken schließen würden. Geplant ist der deutsche Lückenschluss 2035. Die ist dann aber immer noch nicht komplett hochgeschwindigkeits-tauglich.
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    33 Jahre nach Wallace Broeckers Warnung vor dem Abbrechen des Golfstroms erklärt Stefan Rahmstorf die wissenschaftlichen Indizien, dass dieser Kipppunkt in absehbarer Zeit eintreten wird, den neuesten Schätzungen zufolge gegen Ende des Jahrhunderts.
    [Verknüpfung]

    Verkehrsminister Scheuer probiert beim Corona-Auto-Krisen-Gipfel einen zweiten Anlauf für Verkaufs-Prämien ("Recycling-Prämie") für "saubere Verbrenner" und plädiert für Technologieoffenheit, denn es werde ja kräftig an erneuerbaren Treibstoffen geforscht.
    [Verknüpfung]
    Wirtschaftsminister Altmaier unterstützt die Greenwashing-Kampagne tatkräftig mit einem Umwelt-Etikett für neue Verbrenner, mit dem z.B. das Umweltministerium und erst recht die Umwelt-NGOs gar nicht einverstanden sind.
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    Sein Staatssekretär Thomas Bareiss mischt in der Diskussion wieder munter mit, bekommt aber auch die richtige Antwort:

    Fachleute können darüber nur den Kopf schütteln. Bis vor Corona bedeutete Technologie-Offenheit beim Verbrenner immerhin die ferne Aussicht auf CO2-neutrale Kraftstoffe nach dem P2L-Verfahren - auch wenn diese Option von Fachleuten angesichts des 6-7fachen Strombedarfs gegenüber Elektroautos als völlig unrealistisch angesehen wird. Coronabedingte Verkaufsprämien und grüne Etiketten für neue Verbrenner, für die selbst mittelfristig keine Chance auf genug P2L-Treibstoffe bestehen, kann man getrost als Subvention und Greenwashing für Technik bezeichnen, deren Klimaschädlichkeit dem Stand des letzten Jahrhunderts entspricht: der CO2-Ausstoß pro Liter Kraftstoff ist unabhängig von der Schadstoffklasse des Fahrzeugs, denn diese bezieht sich auf die Emissionen von Stickoxiden, die gar nicht relevant für die Klimawirkung sind. D.h. ein 40 Jahre alter Golf 1,6D stößt bei 5l Verbrauch pro 100km dieselbe Menge CO2 aus wie ein aktuelles Modell - nur die Fahrleistungen sind bei diesem Verbrauch geringer. Ein Schüler der Mittelstufe sollte das aus dem Chemie-Unterricht nachvollziehen können, dann sollten es auch die Berater eines Spitzenpolitikers.
    [Hajek 2020]

    Oktober
    Fatih Birol, seit 2015 Vorsitzender der Internationalen Energieagentur IEA, stellt persönlich den jährlichen World Energy Outlook vor und bezeichnet 2020 die Erneuerbaren als die wirtschaftlichsten Energien, Photovoltaik als "König der Energiemärkte".
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    Das ist nicht weniger als eine Sensation, denn Fatih Birol stammt von der OPEC und hat die Weltwirtschaft jahrzehntelang pro Öl beraten; die IEA ist die Energie-Denkfabrik der OECD.

    In Staaten einschließlich China, Indien und Deutschland ist es jetzt billiger, ein neues, großes Solarkraftwerk zu errichten, als ein bereits existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiterzubetreiben.
    Bloomberg New Energy Finance (BloombergNEF)
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    Bis 2016 hatte die IEA die Potentiale der Erneuerbaren Energien regelmäßig kleingerechnet.
    Reality versus IEA predictions - annual photovoltaic additions 2002-2016.png
    By Auke Hoekstra, Maarten Steinbuch, Geert Verbong: Creating Agent-Based Energy Transition Management Models That Can Uncover Profitable Pathways to Climate Change Mitigation. Complexity 2017. - https://doi.org/10.1155/2017/1967645, CC BY-SA 4.0, [Verknüpfung]
    Ein Artikel in Bloomberg New Energy Finance BNEF kündigte schon 2016 die Wende an. Selbst billige Kohle könne die Energiewende nicht mehr aufhalten.
    [Verknüpfung]
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    Allerdings kam der Sinneswandel nicht von einem Tag auf den anderen, Birol warnte die Fossilindustrie 2008 vor diesem Tag.
    [Wikipedia 2020 - Die 4. Revolution - OPEC-Connection: Ein Erdöl-Experte berät Regierungen]

    Auf dem Höhepunkt der Debatte um die Proteste von Fridays for Future verspricht CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier wirksame Klimapolitik. Die folgende Grafik zeigt die verschiedenen diskutierten Pfade zur CO2-Neutralität neben den Prognosen, die sich aus der aktuellen Politik ergeben. Sie zeigt, dass die aktuelle Politik der Bundesregierung nach dem Stand der Wissenschaft nicht ansatzweise geeignet ist, die Zusagen des Pariser Klimaschutz-Abkommens von 2015 einzuhalten. Dabei gehen diese Rechnungen noch von einer paritätischen Aufteilung des verbliebenen CO2-Budgets aus.
    Wie klein die verbleibenden globalen Budgets sind, kann man der folgenden Grafik entnehmen:

    © Stefan Rahmstorf/Global Carbon Project; Figueres, C.: Three years to safeguard our climate. In: Nature 546, S. 593-595, 2017; Dt. Bearbeitung: Stefan Rahmstorf (Ausschnitt)
    Bei den historischen Emissionen allerdings liegt Deutschland in der Nationenwertung auf Platz 3, die Frage ist also, ob historische Emissionen nicht eigentlich auf das Restbudget angerechnet werden müssten. Angesichts der Tatsache, dass die Klimakrise seit Jahrzehnten Gegenstand internationaler Gespräche ist, kann niemand sagen, das Thema sei plötzlich vom Himmel gefallen. Mit Hilfe der gigantischen CO2-Emissionen haben wir auch einen Entwicklungsstand erreicht, der uns zusätzlich eine herausragende globale Verantwortung für Klimaschutz auferlegt.
    Die folgende Tabelle vergleicht zwei Neutralitätspfade mit der Klimapolitik der schwarz-roten Bundesregierung des Jahres 2020 näher im Detail.

    Wuppertal-Institut (fff) Oktober 2020

    Agora Energiewende Oktober 2020

    Bundesregierung September 2020

    Ziele

    CO2-neutral in allen Sektoren bis 2035, Ausnahme:
    keine Planung zum Agrarsektor, auch nicht zu dessen möglichen CO2-Senkenwirkungen

    95% weniger CO2-Emissionen (gegenüber 1990) in allen Sektoren bis 2050 bei mäßigem bis gutem Wirtschaftswachstum

    80-95% weniger CO2-Emissionen (gegenüber 1990) in allen Sektoren bis 2050; keine konkrete Planung außer im Energiesektor

    Etappenziele 2030

    •in allen Sektoren: 70% weniger CO2-Emissionen bis 2030
    •Stromsektor: deutlich über 70% Erneuerbare Energien (EE) bis 2030
    (also weit mehr als +20% gegenüber 2020)

    •in allen Sektoren: 65% weniger CO2-Emissionen bis 2030
    •Stromsektor: 70% EE bis 2030
    (also +20% gegenüber 2020)
    •Stromverbrauch wächst dabei bis 2030 um 9% (v.a. für Verkehrs- und Wärmesektor)

    •noch keine sektorenübergreifende Planung
    •Stromsektor: 65% EE bis 2030
    (also nur +15% gegenüber 2020)
    •bezogen auf Stromverbrauch von 2020 - bei Mehrverbrauch sinkt dieser Anteil wieder

    Ausbau EE

    •jährliches Zubauziel an EE: 25-30GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2035 um weit über 100% (2019: 214GW)
    •bei Verfehlen des Ziels wird ergänzt durch Wasserstoff-Importe

    •jährliches Zubauziel an EE: 15GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2050 um weit über 100% (2019: 214GW)
    •unzureichende Versorgung mit EE wird ergänzt durch Wasserstoff-Importe

    •jährliches Zubauziel an EE: 6-8GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2050 um weniger als 100% (2019: 214GW)
    •unzureichende Versorgung mit EE wird ergänzt durch massive Wasserstoff-Importe

    Nachteile

    •Festlegung auf aktuell beste Technik statt Technologieoffenheit
    •"aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich", denn der Zeitraum beträgt statt 30 nur 15 Jahre
    •Profite werden sinken, denn soziale Härten müssen ausgeglichen werden

    •Technologieoffenheit nur möglich durch zeitliche Streckung der Klimawende
    Wasserstoffimporte verlagern Wertschöpfung und Arbeit ins Ausland und machen abhängig

    Subventionen machen echte Technologieoffenheit unmöglich
    Wasserstoffimporte verlagern Wertschöpfung und Arbeit ins Ausland und machen abhängig
    •restliche CO2-Emissionen werden abgeschieden oder kompensiert
    Eigennutzung von PV wird außerhalb von Inselanlagen ggf. unmöglich

    Umsetzungschancen

    "...keine grundsätzlich unüberwindbaren technischen und ökonomischen Hürden, um das Ziel von null Emissionen bis 2035 zu erreichen" (Manfred Fischedick, WI)
    "Wuppertal weiß, dass es nicht umsetzbar ist" (Andreas Kuhlmann, DENA)

    "Klimaneutralität 2050 und ein neues deutsches Zwischenziel von minus 65 Prozent Treibhausgase bis 2030 sind machbar, brauchen aber eine komplett andere Gangart in der Klimapolitik." (Patrick Graichen, Agora Energiewende)

    •EE-Zubau wurde jahrelang gebremst und gedeckelt; dies und die Bestandsgarantie der Kohlekraft bis 2035 ist Planwirtschaft
    •die Kapitalflucht aus fossilen Assets, der Preisverfall der EE und die zunehmenden externen Kosten lassen eine noch disruptivere Rezession der Fossilwirtschaft erwarten

    Klimawirksamkeit

    Bei Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 besteht noch eine gewisse Chance (ca. 66%), das Pariser 1,5°-Ziel einzuhalten. (IPCC)

    Bei Erreichen der Klimaneutralität bis 2050 ist die Chance, selbst das 2°-Ziel einzuhalten, gering, denn die Gefahr des Überschreitens von Kipppunkten ist groß. (Stefan Rahmstorf im Spiegel)
    (Figueres, Schellnhuber, Whiteman, Rockström, Hobley und Rahmstorf 2017)

    Mit diesen Vorgaben wird das 2°-Ziel weit verfehlt, es kommt nach wissenschaftlicher Lehrmeinung sehr wahrscheinlich zur Klimakatastrophe. Außerdem werden wertvolle Potentiale der Abscheidung und Kompensation für neue Emissionen verschwendet, anstatt die atmosphärische CO2-Konzentration zu senken. V.a. kann niemand sagen, wie groß die Potentiale sind und in welchem Maße unsere Volkswirtschaften in der Lage sein werden, diese Potentiale auch wirksam und nachhaltig auszuschöpfen.
    [Verknüpfung]
    Lawrence 2019
    Lawrence 2018

    Klimagerechtigkeit

    Diese Rechnung geht von gleichen Emissionsrechten aller heute lebenden Menschen aus (Parität). Sie berücksichtigt weder die historischen Emissionen, noch die unterschiedlichen technischen und ökonomischen Möglichkeiten.

    Je später Deutschland klimaneutral wird, desto ungerechter. Mit Wasserstoff-Importen beschneidet D die Potentiale der Exportländer für Klimaschutz.

    Je später Deutschland klimaneutral wird, desto ungerechter. Mit Wasserstoff-Importen beschneidet D die Potentiale der Exportländer für Klimaschutz.
    Kompensationen zusätzlicher Emissionen im Ausland verschlechtern deren Bilanz.

    Kritik

    •Das IPCC vernachlässigt die Emissionen aus Zementherstellung und internationalem Schiffs- und Luftverkehr.
    •Die Agrarwende konnte aus Kostengründen nicht begutachtet werden - dabei ermöglicht sie den Schutz der überlebensnotwendigen Artenvielfalt und eine Senkung des atmosphärischen CO2-Gehalts.
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    •Rechnet man die historischen Emissionen mit ein, dann wäre es im globalen Vergleich gerechter, wenn Deutschland die Klimaneutralität schon 2026 erreichen würde
    [Verknüpfung]

    Auch wenn die Umsetzbarkeit heute realistischer erscheint, so ist es aus Sicht der kommenden Generation nicht mehr als ein Kompromiss, der in die richtige Richtung geht.
    Die Katastrophe lässt sich nur mit riskantem Geoengineering vermeiden, begleitet durch eine aufwändige nachträgliche Senkung der atmosphärischen CO2-Konzentration (Sequestrierung).
    Es bleibt nur zu hoffen, dass der disruptive Ausstieg aus der Fossilwirtschaft früh genug die nötige Beschleunigung bringt.

    •Während weltweit EE boomen, liegt ihr Zubau in D 2020 viel zu niedrig. Ob mit der vorgelegten EEG-Reform selbst die viel zu niedrig geplanten Zubauraten überhaupt erreicht werden, ist fraglich.
    Die Bürgerenergiewende - also die Beteiligung der Bürger an den Gewinnen der EE - wird verhindert.
    Die EU-Agrarwende wurde im Mai 2021 erneut verschoben, weil die Agrarlobby, deren Positionen von der deutschen Agrarministerin Klöckner vertreten werden, sich nicht mit dem EU-Parlament, das endlich die lange angekündigte Durchsetzung höherer Auflagen verlangt, einigen konnte.
    •Auch Verkehrs- und Wärmewende werden weiter gebremst.

    Kurzfassung

    Wir müssen alles daran setzen, 2035 soweit wie irgend möglich klimaneutral zu werden.
    Die Agrarwende muss mit gleicher Anstrengung umgesetzt werden, denn der Agrarsektor trägt weltweit ca. ein Viertel zu den Klimagas-Emissionen bei und das Artensterben ist ebenso bedrohlich wie die Klimakrise.

    2050 ist gut machbar - aber viel zu spät. Die Klimakrise wird sich verschärfen, möglicherweise bis zur Katastrophe. Diese gigantischen externen Kosten unseres bequemen Abwartens für Klimaschäden und deren Vorsorge, Geoengineering und Sequestrierung, Migration und Konflikte, sowie Schadenersatz und Sanktionen zahlen die kommenden Generationen.

    Selbst 2050 werden wir nach diesen Plänen nicht sicher klimaneutral. Es droht eine lange andauernde internationale Blockade bis zur Klimakatastrophe, mit allen bekannten und noch unbekannten Folgen.
    Diese Politik ist im Sinne von Art. 20 GG (Schutz der Lebensgrundlagen) unverantwortlich.

    Die Auftraggeber der WI-Studie von Fridays for Future Deutschland kommentieren die Ergebnisse in einem Video "Die Zerstörung der deutschen Klimapolitik".
    [Verknüpfung]
    Der Spiegel berichtete über die Studie.
    [Verknüpfung]
    Carla Reemtsma äußert sich in der Zeit.
    [Verknüpfung]

    Das Insekten- und Vogelsterben wurde lange unterschätzt, auch auf Grund mangelnder öffentlicher Forschungsgelder, und hat dramatische Ausmaße angenommen. Nach der Krefelder Studie wird dies 2013 durch eine weitere Langzeitstudie belegt. Der Förster Wulf Gatter war bis 2008 Leiter des ökologischen Lehrrevieres der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg und leitet die Forschungsstation Randecker Maar am Rand der Schwäbischen Alb, wo Vogelzüge und Insektenwanderungen besonders gut zu beobachten sind. Die Station wird seit 1970 von einem Verein betrieben und verzeichnete z.B. einen Rückgang der Schwebfliegen um ganze 97%.
    [Wikipedia 2022 - Forschungsstation Randecker Maar]
    FAZ: [Verknüpfung]
    Nürtinger Zeitung: [Verknüpfung]
    DLF: [Verknüpfung]
    als Audio: [Verknüpfung]




    2021

    Januar

    Nachdem Trump nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse mit seinen Manipulations-Versuchen an aufrechten Beamten gescheitert ist, versucht er am 06. Januar einen Mob in das Kapitol zu führen, um die Bestätigung des Wahlergebnisses durch seinen Vizepräsidenten Mike Pence zu verhindern. Auch dieser widersteht Trumps Forderungen, woraufhin der Mob skandiert "hang Mike Pence!", und das Kapitol erstürmt. Die Gewalt endet kurz vor den Türen des Repräsentantenhauses, wo verängstigte Politiker:innen von Personenschützer:innen mit gezogener Waffe durch Geheimgänge aus dem Haus begleitet werden müssen.
    Die US-Demokratie wurde gerettet von einer kleinen Menge von Polizist:innen, die dabei ihr Leben riskierten. Fünf starben, 140 wurden z.T. schwer verletzt, vier begingen in den Folgemonaten Suizid. Trump selbst hatte dafür gesorgt, dass die Nationalgarde im Hintergrund blieb und nicht eingriff.

    Viele Republikaner sind zuerst empört, laufen aber kurze Zeit später auf Trumps Druck hin in dessen Unterstützer-Lager zurück, u.a. der Vorsitzende des Justizausschusses Lindsey Graham, mit dem Friedrich Merz im August 2022 ein Treffen plante. Graham war als Vorsitzender des Justizausschusses und ist als bedeutender Senator einer der Hauptverantwortlichen bei der Verhinderung von Strafen gegen Trump.
    [Verknüpfung]

    Februar

    Das UN-Umweltprogramm UNEP schlägt Alarm: bereits ein Viertel aller Erkrankungen sind ökologisch bedingt, also auf Störung der planetaren Gesundheit zurückzuführen: Zoonosen, Hitze, Verschmutzung, v.a. der Luft.

    Der Autohersteller überschlagen sich im Corona-Winter 20/21 mit Ankündigungen der Decarbonisierung. Jaguar verkündet das Ende der Pr