Die vier großen quasireligiösen Ideologien unserer Zeit:

(1) dass man wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann ernst nehmen muss, wenn sie für die eigenen politischen Ziele nützlich sind; z.B. dass man Warnungen von Klimaforschern, Ökologen und Epidemiologen einfach ignorieren kann
(2) dass ein freies, würdiges oder gar erfülltes Leben ohne ständige Verfügbarkeit von Fleischbergen, exotischen Früchten, Flugreisen, SUV, High-End-Handy und Fast Fashion völlig undenkbar ist
(3) dass es völlig egal ist, wenn andere Menschen oder die Natur darunter leiden, denn der technische Fortschritt dient dem höheren Zweck der kulturellen Evolution
(4) und vor allem dass Menschen hoffnungslos egoistisch und nicht in der Lage sind, sich ethisch weiterzuentwickeln

Warum reden wir denn immer noch über Jesus von Nazareth und Maria von Magdala, Buddha, Konfuzius, Franziskus, Jan Hus, Martin Luther, Emmeline und Christabel Pankhurst, Alice Paul, Albert Schweizer, Mahatma Ghandi, Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Viktor Frankl, Victor Gollancz, Rosa Parks, Martin Luther King, Dag Hammarskjöld, Patrice Lumumba, Olof Palme, Jomo Kenyatta, Gustavo Gutiérrez, Leonardo Boff, Oscar Romero, Hans Küng, Mutter Theresa, Davide Lazzaretti, Steven Biko, Desmond Tutu, Nelson Mandela? Woher kamen denn Demokratie, Sklavenbefreiung, Sozialgesetze, Frauenwahlrecht, Kinderschutz, Emanzipation, Versöhnung, Völkerrecht, Minderheitenschutz, was ist mit den langen (wenn auch immer noch zu kurzen) Listen verbotener Chemikalien wie Pestiziden, Schwermetallen, halogenierten Kohlenwasserstoffen usw., mit Atomausstieg, Katalysator, Rauchverboten usw.? Warum nicht endlich auch Klima- und Artenschutz?
Und jetzt bitte nicht die Behauptung, nur Privilegierte können sich das leisten: die horrenden Wohnkosten und Lohnabzüge der 99% bei gigantischen Renditen der 1% Investoren offenbaren, dass hier diejenigen, die von diesem Wirtschafts-System am meisten benachteiligt sind, als Vorwand vorgeschoben und damit politisch instrumentalisiert werden.

Konservative Ideologien sind so bequem - wer daran glaubt, muss nichts ändern. Höchste Zeit, sie zu überwinden.
Ideen dazu findest Du u.a. hier:
  • Fridays for Future
  • Stop Ecocide Deutschland [Verknüpfung]
    (Supporter von Stop Ecocide International [Verknüpfung])
  • People's Declaration gegen politischen Datenmissbrauch [Verknüpfung]
  • Stop Mercosur [Verknüpfung]
  • Du suchst noch Argumente? Hier sind ein paar.






    Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen. Ich kann nicht glauben, dass diese Aufgabe unmöglich ist.
    Bertrand Russell (über die Gefahr des atomaren Vernichtungskrieges)





    Ihr seid doch nicht allein auf der Welt...
    und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Der folgenreichste (Selbst-) Betrug aller Zeiten

    Die Ölparty ist vorbei: das Festhalten an der Fossilwirtschaft schafft eine trügerische Komfortzone, die wir umgehend verlassen müssen - denn dieser Wohlstand ist nicht (im ökologischen Sinne) nachhaltig, und damit auch kein stabiler Wohlstand.
    Nachhaltig daran (im Wortsinn) ist nur die Vernichtung der Lebensgrundlagen von Menschen, die allerdings noch an einem anderen Ort oder zu einer späteren Zeit leben. Anstatt sich endlich an der humanistischen Idee von Gemeinwohl zu orientieren, wird in Deutschland hartnäckig weiter das sozialdarwinistisch-neoliberale Narrativ verbreitet, Wohlstand sei nur durch maximale individuelle Selbstverwirklichung in globaler Konkurrenz zu erreichen, ohne Rücksicht auf diese Anderen. Dass die Schäden, auf denen unsere Profite basieren, auf andere Länder bzw. auf zukünftige Generationen abgewälzt werden, sei gerechtfertigt durch den Fortschritt, der durch das Wirken eines freien Marktes die einzige Lösung der Krise biete. Dieselben Erzähler hatten zuerst den Klimawandel geleugnet, dann seine Krisenhaftigkeit.
    Dieser Erzählung widerspricht mittlerweile sogar das Weltökonomische Forum, bei dem sich jährlich die sozio-ökonomische Elite in Davos versammelt, und entwirft als Lösung der Corona-ausgelösten Krise den großen Reset der wirtschaftlichen Weltordnung, die in einem auch die ökologische und soziale Krise adressiert.
    Weder ist eine Freiheit des Markts wirklich gegeben (denn er ist im Gegenteil geprägt durch massive Verzerrungen zugunsten der westlichen Industrieländer und der Besitzenden), noch ist seine Theorie wissenschaftlich unumstritten: immer mehr Ökonomen sprechen beim Neoliberalismus von Marktreligion.
    Doch selbst die gigantischen Marktverzerrungen zugunsten fossiler Brennstoffe konnten nicht verhindern, dass Erneuerbare Energien - und damit auch die Elektromobilität - endlich konkurrenzlos geworden sind. Deshalb steht die Weltwirtschaft allein aus Kostengründen vor einer disruptiven Energie- und Mobilitätswende. Das Platzen der größten Finanzblase aller Zeiten, der Kohlenstoff-Blase, kündigt sich an. Doch während Big Money die Disruption vollzieht, behält Deutschland den Schwarzen Peter, weil es die Interessen von Fossil-Investoren schützt.
    Weil die Spuren der anthropogenen Zerstörung geologisch nachweisbar sein werden, sprechen viele Wissenschaftler jetzt schon von einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Wenn diese Entwicklung fortschreitet, erleben wir nicht nur eine Klimakatastrophe, sondern auch einen umfassenden globalen Biosphären-Kollaps: für etliche der 8-10 Milliarden Menschen ist die Erde dann kein Lebensraum mehr. Ob die verantwortlichen Entscheider:innen denken, dass sich die Menschen einfach in Luft auflösen? Das Ausblenden der sicher prognostizierten, unzähligen Todesopfer erfordert eine gewaltige Verdrängungsleitung.
    Die Ursachen ließen sich beheben, würde die Politik nur nicht alles den heute bestehenden Profitinteressen unterordnen: die Lösungen von allgemeiner Effizienzsteigerung, konsequenter Kreislaufwirtschaft und Bio-Landwirtschaft mit geminderter Fleischpoduktion liegen längst auf dem Tisch.
    Eine - im Rahmen der Möglichkeiten ernsthafte - deutsche Anstrengung ist jedoch in keinem Sektor erkennbar. Die deutsche Politik ignoriert die Zeichen der Zeit, überall dominieren die Profit-Interessen der Investoren. Doch wer jetzt nicht kooperiert, wird abgehängt, und sehr wahrscheinlich (allein schon im Interesse der schnell zunehmenden Zahl von Investoren, die aus fossilen Anlagen flüchten) für Klimaschäden zu Recht zur Verantwortung gezogen. Die Anerkennung des Ökozids als völkerrechtlicher Straftatbestand wird immer lauter diskutiert und ist nur noch eine Frage der Zeit.


    ZUM im Internet
    ZUM Internet

    Zentrale für
    Unterrichtsmedien
    im Internet

    Harald Thielen-Redlich
    Lehrer für Biologie und Chemie
    zuletzt bearbeitet: 25.08.2021




    Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
    Victor Hugo


    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Aktuell



    Die Zeit für planvolle Koordination im Klimaschutz läuft ab. Mit jedem Tag des Zögerns werden Zeitdruck, Anstrengungen und Opfer für die notwendigen Maßnahmen zum Einhalten des Pariser Abkommens von 2015 größer - und zwar nicht linear, sondern exponentiell.
    Die Entwicklung der CO2-Emissionen folgen den pessimistischsten Szenarien des IPCC. Zwei Generationen nach ersten Warnungen einzelner Klimaforscher in der Presse, eine Generation nach dem Beginn internationaler Verhandlungen wegen ernster Warnungen auf der Basis der klimawissenschaftlichen Lehrmeinung, eine halbe Generation nach klaren, deutlichen und weltweit verbreiteten Forderungen nach sofortigen Maßnahmen. Seitdem sind auch Wirtschaftswissenschaftler eindeutig: bei Nichthandeln werden die Schäden die Vermeidungskosten immer weiter und immer schneller übersteigen. Immer weniger Schäden werden sich vermeiden lassen. Aber immer lässt sich noch Schlimmeres verhindern. Die letzte große Welle für Klimabewusstsein war vor der Subprime-Krise 2006 - die Prognosen waren düster und werden bisher von der Wirklichkeit bestätigt.
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    Filmtip: Al Gore. An Inconvenient Truth (2006)
    Wie jedesmal vorher, wurde das Thema wieder verdrängt.


    Radikal ist doch eher, wenn man nichts tut, wenn man die Katastrophe einfach so hinnimmt.
    Axel Prahl
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    Das zivilgesellschaftliche Bewusstsein über die Klimakrise verläuft in immer kürzeren Wellen von Schock und Verdrängung. Immer häufiger flackern die Bilder von Feuersbrünsten, brachialen Flutwellen, Monsterstürmen, Tornados, Erdrutschen, Überschwemmungen, Hitzewellen über die Bildschirme. Berichte von vielen Toten, Vermissten, Verletzten, Zerstörung von Ökosystemen, Privatbesitz und Infrastruktur, Milliardenschäden. Jedesmal eine Welle von Sondersendungen, Zeitungsartikeln und Meinungsschlachten in den "sozialen" Medien. Und jedesmal verdrängt dann schnell ein anderes Thema das Problem von der Bildfläche. Die Menschen müssen zurück in ihr Hamsterrad, um dort zu funktionieren. Viele haben oder nehmen sich keine Zeit, um sich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Der Rest wird mit jedem Mal wütender und/ oder verzweifelter.
    Die Flut-Katastrophe im Sommer 2021 an den Eifel-Flüsschen Ahr und Erft stellt zwar einen neuen Rekord dar, doch selbst im größten Chaos beantworten die Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) wie Olaf Scholz (SPD) einmütig den Ruf nach einem Vorziehen des Kohleausstiegs mit "Nein", und auch ansonsten bleibt die CDU in ihrem Klima-Wahlprogramm bei unklaren Absichtserklärungen. Laschet verspricht in der Rede zum Wahlkampf-Auftakt, Deutschland nicht den Ideologen zu überlassen. Dabei stellt sich seine Politik immer deutlicher als Ideologie heraus: das System werde die Kimakrise bewältigen, so wie es ist. Nur die Genehmgungsverfahren müssten beschleunigt werden. Damit öffnet er der Beschleunigung des Ökozids Tür und Tor.
    Mit jedem neuen Schadens-Rekord wird diese Abwehrhaltung gegen Klimaschutz und Systemwandel schwerer zu rechtfertigen, aber sie wird dennoch von Medien unkommentiert verbreitet und von der Öffentlichkeit widerspruchslos hingenommen.

    Noch unmttelbar vor dem Unwetter, im nasskalten Gewitter-Frühjahr 2021, leugneten rechtskonservative und -libertäre Extremisten wieder einmal lautstark die Existenz der Klimakrise, und sie konnten sich das auch wieder trauen, weil die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Bildungsauftrag immer noch nicht nachkommen. Angesichts der gesellschaftlichen Spaltung in der Klimafrage zeigte sich das skandalöse Versagen der Medien. Es ist noch lange kein Allgemeinwissen, dass der in sogenannten Rossby-Wellen mäandernde (schlängelnde) Jetstream, der uns seit Menschengedenken das gemäßigte Wechsel-Klima beschert hat, seit ca. 10 Jahren starke Anomalien zeigt und immer wieder völlig zusammenbricht. Die Ausbuchtungen der Rossby-Wellen sind viel extremer ausgeprägt und wandern viel langsamer als früher; besonders wenn sie wochenlang stehen bleiben, kommt es zu Extremwetter. So hält je nach Lage der Welle der Zustrom von Polar- oder Tropenluft wochenlang an. Treffen diese bei uns zusammen, gibt es wochenlang Gewitter - egal ob Sommer oder Winter. Dieses Phänomen ist seit mindestens 7 Jahren in der Fachwissenschaft so gut verstanden und kommuniziert, dass auch interessierte Laien darüber bescheid wissen. Warum nicht auch Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller?
    Immerhin erklärt das ZDF die Sache schon einmal den Kindern in 1min und 19s; hier am Beispiel des damals aktuellen kalten Frühjahrs.
    [Verknüpfung] (empfehlenswertes Erklärvideo der Kindernachrichten-Sendung ZDF logo!)
    [Verknüpfung] (Video-Download aus der ZDF-Mediathek)
    [Verknüpfung] (Erklärvideo von Wetter Online)
    [Coumou 2014]
    Wenn Polarluft zu uns strömt, muss zum Ausgleich warme Luft polwärts strömen: am 20.05. war es in Nordsibirien mit über 30°C deutlich wärmer als am Mittelmeer.
    [Verknüpfung]
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    Die lang anhaltende Gewitterphase im Mai/ Juni 2021, erklärt Sven Plöger korrekt - leider ohne den Begriff Klimawandel zu benutzen (zur Ehrenrettung sei gesagt, dass er neben Karsten Schwanke und Özden Terli einer der Meteorologen ist, die sich in der Aufklärung verdient machen, im Gegensatz zu vielen, die dazu gar nichts sagen oder gar Donald Bäcker (ARD), der als reisender Klimaskeptiker Vorträge hält, i.d.R. vor älterem Publikum).
    [Verknüpfung] (Tagesthemen von 07.06.2021)

    Der Sendeplatz vor der Tagesschau bleibt dem Thema Klima verwehrt. Stattdessen gibt es dort höchstens "Wissen vor acht" und "Börse vor acht". Und so können Klimaskeptiker oder -Relativisten weiter in den Köpfen dafür sorgen, dass unangenehme Maßnahmen im Klimaschutz ausbleiben.


    Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.
    Thomas Mann (Der Zauberberg)

    Am 23.06.2021 warnte das IPCC in einer Vorab-Zusammenfassung seines nächsten Berichts vor der Klimakatastrophe, u.a. vielen Hitzetoten. Bei +1,5° globaler Erwärmung erleben demnach 14% der Menschheit alle 5 Jahre eine extreme Hitzewelle - schon bei +2° steigt der Anteil auf 37%. Der Anteil der Pflanzenarten, deren Verbreitung um mindestens 50% zurückgeht, steigt entsprechend von 8 auf 16%, und der Insekten von 6 auf 18%.
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    Nur eine Woche später kommt es, während in Madagaskar Hunderttausenden der Hungertod durch Dürre droht, in Japan eine riesige Schlammlawine abgeht und in Deutschland mal wieder die Keller volllaufen, im Nordwesten von Nordamerika zu einer historischen Hitzekatastrophe mit bis zu 49,5°C, bei der Hunderte Menschen sterben. Ursache: weil die Rossby-Welle, die hier heiße Luft anzieht, sich nur extrem langsam weiterbewegt, ist ein heat dome ("Hitzekuppel") entstanden.

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    Einen Monat nach dem IPCC-Bericht kommt es zur größten neuzeitlichen Flutkatastrophe in Deutschland. Die katastrophalen Statements der Politiker sind in einem größeren Kontext zu sehen, deshalb unten mehr zu Friedrich Merz und vor allem Armin Laschet. Den Abwärtstrend in den Umfragen der Grünen konnte das Ereignis nicht stoppen.

    Der IPCC-Bericht prognostiziert für 2100 bei Einhaltung der Klimaschutz-Zusagen (die noch lange nicht sicher sind) eine Plus-2,7-Grad-Welt - und weitere Erwärmung. Je näher wir dorthin kommen, desto wahrscheinlicher werden Kipppunkte irreversibel überschritten, und es kommt zur Katastrophe.
    [Verknüpfung] Außerdem gibt er das CO2-Budget an. Rechnet man mit konstanten Emissionen, so bleiben für 1,5° 8 Jahre und für 2° 26 Jahre. Danach müssten die Emissionen auf Null fallen. Da der Umstieg auf fossilfreie Technik aber nicht abrupt stattfinden kann, muss sofort mit einer dramatischen Absenkung begonnen werden.
    Die Carbon Clock des Mercator-Instituts zeigt den aktuellen Stand des Restbudgets.

    Die geflissentliche Ignoranz der Zivilgesellschaft legitimiert ein eklatantes politisches Versagen - und ist gleichzeitig wieder eine Folge dieser Politik. An die ständigen Extremwetter-Meldungen aus aller Welt inklusive Deutschland haben sich viele schulterzuckend gewöhnt.
    Greta Thunberg findet vor dem Austrian World Summit im Juli 2021 deutliche Worte. Sie greift 7 Minuten lang die Anwesenden, darunter viele Mächtige der Welt, heftig an, erklärt die unaufrichtige Show des Polit-Theaters (build back better) für beendet - doch anstelle von Totenstille erntet sie dafür wieder einmal frenetischen Applaus.

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    Die Klimakrise lässt sich nicht mehr als ein fernes, mögliches Szenario unter vielen abtun. Sie ist da und die Anzeichen, dass mehrere Kipppunkte erreicht sind, lassen uns keine Zeit, noch weiter den Klimaschutz zu verzögern.
    Die Anzeichen der Krise sind auch bei uns deutlich spürbar. In Mitteleuropa herrschte 2020 eine historische Dürre, die über drei Jahre ein enormes Regendefizit aufgebaut hat. Der Boden ist bis in tiefe Schichten ausgetrocknet.
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    Auch das geringere Niederschlags-Defizit von 20% im Herbst 2020 hat an der dramatischen Trockenheit tiefer Bodenschichten nichts geändert.
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    Das Bundesamt für Zivilen Bevölkerungsschutz ruft zum Wassersparen auf.
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    Das Phänomen der Trockengewitter führte z.B. in Kalifornien zu den verheerenden Waldbränden der letzten Jahre und wird von Meteorologen auch in Deutschland als potentielle Gefahr gesehen.
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    Die Verhärtung der oberen Bodenschicht führt dazu, dass Niederschläge zuerst eher abfließen. Auch muss in einem augetrockneten Boden zuerst eine Benetzung der Bodenpartikel stattfinden, der durch die Oberflächenspannung des Wassers erschwert ist. Deshalb nimmt ein Boden mit gewisser Restfeuchte Niederschläge wesentlich besser auf. Doch auch die saugfähigsten Böden sind nicht in der Lage, Starkregen schnell genug in die Tiefe zu leiten - dann kommt es zum oberirdischen Abfluss zum nächsten Oberflächengewässer. Der Wetterdienst verzeichnet dann zwar einen Niederschlag, der kommt aber gar nicht im Boden an.
    Die Landesforsten Rheinland-Pfalz registrieren noch Ende Juni trotz eines Dauer-Tiefs über Deutschland 2021 ein Regendefizit von 270l/m2.
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    Die Sterblichkeit über 65-Jähriger aufgrund von Hitze hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren um 53,7 Prozent erhöht.
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    Damit liegt Deutschland weltweit an der Spitze, was natürlich auch der Altersstruktur geschuldet ist - welche wiederum die Klimapolitik bisher negativ beeinflusst hat.
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    Der Deutsche Wetterdienst gibt die Erwärmung von 2020 gegenüber 1881 in Deutschland mit 1,5°C an - weil er durch die komplexe Kurve eine simple Ausgleichsgerade zieht.

    In der Klimaforschung ist jedoch die Betrachtung des 30-jährigen Mittels Standard - und dessen Wert liegt nach Stefan Rahmstorf vom PIK Potsdam um ganze 2°C höher als der von 1881.

    Der DWD ist allerdings beteiligt am Deutschen Klima-Konsortium, das die korrekt ermittelte Erwärmung in Deutschland von 2°C angibt.
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    Der Anstieg des Meeresspiegels verläuft schneller als die Prognosen des IPCC vorhergesagt haben.
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    Die aktuelle Klima- und Biosphärenforschung prognostiziert für eine weitere Verschleppung drastischer Klimaschutzmaßnahmen für 2070 die Überhitzung des Lebensraums von 1-3 Milliarden Menschen, das ist 100.000 bis 300.000 mal die Zahl der Migranten im Auffanglager Moria.
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    Zum Ende des Jahrhunderts droht eine Plus-4-Grad-Welt, die nach Schätzungen des meistzitierten Forschers der Welt, Johan Rockström, vier bis acht Milliarden Menschen ernähren kann: "It’s difficult to see how we could accommodate eight billion people or maybe even half of that. There will be a rich minority of people who survive with modern lifestyles, no doubt, but it will be a turbulent, conflict-ridden world."
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    Diese Einschätzung teilen die 17 US-Geheimdienste, deren Denkfabrik NIC 2021 schon für 2040 eine dystopische Zukunftsprognose veröffentlicht hat für den Fall, dass nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
    Von den für 2100 projizierten 11 Milliarden Menschen müssen Hunderte Millionen bis etliche Milliarden sterben. Es ist peinlich, so etwas schreiben zu müssen, denn solche Binsenweisheiten versteht jeder Zweitklässler. Die meisten Politiker offenbar nicht.
    Frühere Schätzungen gingen auch schon einmal von Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen aus.
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    Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge UNDRR registriert für die letzten 20 Jahre eine Verdopplung klimabedingter Naturkatastrophen gegenüber den Vorjahren.
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    Egal, wie hoch die Zahlen letztlich werden: jeder einzelne Klimaflüchtling ist einer zuviel. Wieviel Auseinandersetzung, Kampf, Tod und Elend das bedeutet, scheint sich von den Verantwortlichen niemand auch nur ansatzweise vorstellen zu können oder zu wollen. Eine Fahrlässigkeit noch nie gekannten Ausmaßes.
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    Die Entwicklung folgt dem pessimistischsten Szenario des IPCC-Berichts von 2005.
    Wir nähern uns den prognostizierten Kipppunkten; möglicherweise sind auch schon einige erreicht.
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    Die arktische Eisschmelze macht die Dynamik des Prozesses besonders deutlich.
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    Die aktuelle IPCC-Prognose von 2013 kommt der realen Entwicklung eines fatalen Kipppunkts bei Weitem nicht hinterher: 2019 wurde eine Auftaurate von sibirischem Permafrost beobachtet, die für 2090 [sic!] vorhergesagt wurde. Riesige Methanblasen setzen weitere große Treibhausgasmengen frei, dunkle Flächen reflektieren weniger Sonnenlicht ins All.
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    Das UBA hatte schon 2006 gewarnt:
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    Die Anzeichen, dass der westantarktische Eisschild irreversibel zu schmelzen begonnen hat, mehren sich.
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    Die Wolkenbildung in oberen Luftschichten ist aufgrund erhöhter Temperaturen nachweislich vermindert - und damit auch die Albedo (Reflektionswirkung) der Erde.
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    Auch der Kipppunkt des Kohlenstoffspeichers im Amazonas-Regenwald ist näher als bisher gedacht. Die Entwaldung für hochbelastete landwirtschaftliche Monokulturen und Schlammwüsten zur Viehzucht ist soweit fortgeschritten, dass der Wasserkreislauf im Regenwald sich einer kritischen Schwelle nähert.
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    Bisher wurden 30% der CO2-Emissionen von Pflanzen zur zusätzlichen Photosynthese genutzt; doch mit zunehmender Temperatur wird sich dieser Effekt ins Gegenteil verkehren und die Vegetation wird damit von einer Senke zu einer Quelle.
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    2019 wurden die Meeresspiegel-Projektionen für 2050 dem neuesten Kenntnisstand angepasst. Die Karten sind absolut beunruhigend.
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    Wann der Golfstrom abbricht, und was das für Folgen hat, kann niemand genau sagen. Dass die Entwicklung immer schneller darauf hinausläuft, ist allerdings sicher.
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    Bisher hat das Meer 90% der anthropogenen Erwärmung absorbiert. Diese Fähigkeit geht verloren, wenn sich an der Oberfläche eine Warmwasserschicht ausbildet (ähnlich wie im sommerlichen Süßwassersee). Sie verhindert einen Transport der Wärme in tiefe Wasserschichten, weil die Konvektion nur noch innerhalb dieser Schicht stattfindet. Eine solche Schichtung bildet sich gerade aus.
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    Die zu beobachtenden Auswirkungen sind dramatischer als in Land-Ökosystemen.
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    Gerät die Erwärmung komplett außer Kontrolle, fallen sogar Wolken als Reflektoren der Sonnenstrahlung weg: der Taupunkt wird vielerorts nicht mehr unterschritten.
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    Als ginge es nicht um unzählige Menschenleben, und als hätten Experten vor dieser Entwicklung nicht längst eindrücklich und vernehmbar gewarnt, lässt man sich trotzdem immer wieder die erwarteten Klimaschäden gegenüber den Kosten für Klimaschutz aufrechnen. Allein nach dieser Kosten-/Nutzen-Rechnung gibt es kein Argument mehr gegen Klimaschutz.
    Doch selbst diese Zahlen beeindrucken die meisten Entscheider noch nicht genug. Carbontracker stellt fest: die letzte Hemmung der notwendigen Klimawende ist politisch begründet. Beim weltökonomischen Forum in Davos sind Klimaschutz-Versagen, Extremwetter und Biodiversitäts-Verlust bei den Langfrist-Risiken in allen Umfragen auf den Plätzen 1-3.
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    Auch die Pandemiebedingten Wiederaufbauhilfen werden längst nicht in dem Maße genutzt wie im Sinne von build back better angekündigt; die fossilen Systeme erhalten weit höhere Unterstützung als erneuerbare. Immerhin verschieben sich die Gewichte mittlerweile, wohl auch durch Druck der Finanzwirtschaft und der Industrie, die klare Rahmenbedingungen fordert: sie weiß immerhin, dass es nicht so weitergehen kann. In Deutschland wird sehr viel in die umstrittene Wasserstoffwirtschaft gesteckt, und nichts in die notwendigen Sektoren Erneuerbare und Effizienz.
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    Die Menschheit führt Krieg gegen die Natur. Das ist selbstmörderisch. Die Natur schlägt immer zurück - und sie tut es bereits mit wachsender Kraft und Wut. [...] Die Wissenschaft ist kristallklar: Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau zu begrenzen, muss die Welt die Produktion fossiler Brennstoffe um ungefähr 6 Prozent pro Jahr zwischen heute und 2030 vermindern. Stattdessen bewegt sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung - sie plant einen jährlichen Anstieg um 2 Prozent.
    Antonio Guterres
    [Verknüpfung]

    Das hält die EU, auch und v.a. auf Betreiben der Bundesregierung, nicht davon ab, die Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen mit dem faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro fortzusetzen, oder trotz innerer Konflikte weiter am Energiecharta-Vertrag festzuhalten. Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik wird blockiert, die Klimawende in Deutschland ist am Tiefpunkt.
    Die Wahl des US-Präsidenten Biden könnte ein Wendepunkt sein, mit vereinten Kräften die Anthropozän-Krise und die Verteilungs-Krise kombiniert anzugehen, denn ein Mehr an Klimagerechtigkeit darf nicht ein Weniger an Verteilungsungerechtigkeit bedeuten. Doch bei all seinen gewaltigen Initiativen wartet Biden auf eine beherzte Antwort aus Europa bisher vergeblich.
    [Verknüpfung]
    Biden hat gute Gründe. Der National Intelligence Council, das Beratungsgremium aller US-Geheimdienste beim Präsidenten, warnt vor einer Welt voller Konflikte im Jahre 2040, wenn nicht sofort global mit Klimaschutz Ernst gemacht wird. Die Chancen stehen und fallen mit der Aktivierung der demokratischen Zivilgesellschaften für die Transformation, die nach mehrheitlicher Einschätzung von Wirtschafts-Experten Erfolg verspricht. Doch nach wie vor befördern konservative Politiker die Desinformiertheit ihrer Wähler und spalten damit die Gesellschaft - was die Geheimdienste als Schreckensszenario darstellen. Erfahrungen gibt es in den USA genug.

    Diese Warnung ist in Europa noch nicht angekommen. Dieselben Leute, die bisher Klimaskepsis und die Geschichten von Kostenexplosion verbreitet haben, sind jetzt diejenigen, die vor den Nachteilen der Klimawende warnen. Dieselben Leute, die jahrzehntelang mit ihrer Politik für eine historische Akkumulation von Reichtum gesorgt haben, und die in der wirtschaftlichen Globalisierung gegen jede Form von Energie- und Ernährungssouveränität der Menschen arbeiten, warnten zuletzt vor Härten für Benachteiligte im Klimaschutz. CDU-Kanzlerkandidat Laschet, der die Kohle-Bestandsgarantie bis 2035 als Kohleausstieg feiert, als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen noch im Dezember 2020 eine 1000m-Abstandsregel für Windräder durchsetzte und eine geradezu repressive Politik gegen die Klimaschützer im Hambacher Forst an den Tag legte, stellt sich jetzt als Macher im Klimaschutz dar.

    Wirtschaftsminister Altmaier versprach im Mai 2020, die Weichen unumkehrbar für Klimaschutz zu stellen.
    [Spiegel 2020]
    Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander.
    CDU-Kanzlerkandidat Laschet nutzt mit Koalitionspartner FDP seinen ganzen Einfluss um zu verhindern, dass der Kohleausstieg vorzeitig möglich wird: sein 2021 für NRW geplantes Gesetz beschränkt den Onshore-Windkraft-Ausbau auf nahezu Null. Gleichzeitig löst er mit der Energieagentur NRW eine wichtige Organisation auf, die das Know-How der Energiewende mit großer Expertise entwickelte und verbreitete.
    Die folgende Grafik zeigt die verschiedenen diskutierten Pfade zur CO2-Neutralität neben den Prognosen, die sich aus der aktuellen Politik ergeben. Sie zeigt, dass die aktuelle Politik der Bundesregierung nach dem Stand der Wissenschaft nicht ansatzweise geeignet ist, die Zusagen des Pariser Klimaschutz-Abkommens von 2015 einzuhalten. Dabei gehen diese Rechnungen noch von einer paritätischen Aufteilung des verbliebenen CO2-Budgets aus.
    Wie klein die verbleibenden globalen Budgets sind, kann man der folgenden Grafik entnehmen:

    © Stefan Rahmstorf/Global Carbon Project; Figueres, C.: Three years to safeguard our climate. In: Nature 546, S. 593-595, 2017; Dt. Bearbeitung: Stefan Rahmstorf (Ausschnitt)
    Bei den historischen Emissionen allerdings liegt Deutschland in der Nationenwertung auf Platz 3, die Frage ist also, ob historische Emissionen nicht eigentlich auf das Restbudget angerechnet werden müssten. Angesichts der Tatsache, dass die Klimakrise seit Jahrzehnten Gegenstand internationaler Gespräche ist, kann niemand sagen, das Thema sei plötzlich vom Himmel gefallen. Mit Hilfe der gigantischen CO2-Emissionen haben wir auch einen Entwicklungsstand erreicht, der uns zusätzlich eine herausragende globale Verantwortung für Klimaschutz auferlegt.
    Die folgende Tabelle vergleicht zwei Neutralitätspfade mit der Klimapolitik der Bundesregierung näher im Detail.

    Wuppertal-Institut (fff) Oktober 2020

    Agora Energiewende Oktober 2020

    Bundesregierung September 2020

    Ziele

    CO2-neutral in allen Sektoren bis 2035, Ausnahme:
    keine Planung zum Agrarsektor, auch nicht zu dessen möglichen CO2-Senkenwirkungen

    95% weniger CO2-Emissionen (gegenüber 1990) in allen Sektoren bis 2050 bei mäßigem bis gutem Wirtschaftswachstum

    80-95% weniger CO2-Emissionen (gegenüber 1990) in allen Sektoren bis 2050; keine konkrete Planung außer im Energiesektor

    Etappenziele 2030

    •in allen Sektoren: 70% weniger CO2-Emissionen bis 2030
    •Stromsektor: deutlich über 70% Erneuerbare Energien (EE) bis 2030
    (also weit mehr als +20% gegenüber 2020)

    •in allen Sektoren: 65% weniger CO2-Emissionen bis 2030
    •Stromsektor: 70% EE bis 2030
    (also +20% gegenüber 2020)
    •Stromverbrauch wächst dabei bis 2030 um 9% (v.a. für Verkehrs- und Wärmesektor)

    •noch keine sektorenübergreifende Planung
    •Stromsektor: 65% EE bis 2030
    (also nur +15% gegenüber 2020)
    •bezogen auf Stromverbrauch von 2020 - bei Mehrverbrauch sinkt dieser Anteil wieder

    Ausbau EE

    •jährliches Zubauziel an EE: 25-30GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2035 um weit über 100% (2019: 214GW)
    •bei Verfehlen des Ziels wird ergänzt durch Wasserstoff-Importe

    •jährliches Zubauziel an EE: 15GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2050 um weit über 100% (2019: 214GW)
    •unzureichende Versorgung mit EE wird ergänzt durch Wasserstoff-Importe

    •jährliches Zubauziel an EE: 6-8GW
    •dadurch wächst die Erzeugungskapazität bis 2050 um weniger als 100% (2019: 214GW)
    •unzureichende Versorgung mit EE wird ergänzt durch massive Wasserstoff-Importe

    Nachteile

    •Festlegung auf aktuell beste Technik statt Technologieoffenheit
    •"aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll […], grundsätzlich aber möglich", denn der Zeitraum beträgt statt 30 nur 15 Jahre
    •Profite werden sinken, denn soziale Härten müssen ausgeglichen werden

    •Technologieoffenheit nur möglich durch zeitliche Streckung der Klimawende
    Wasserstoffimporte verlagern Wertschöpfung und Arbeit ins Ausland und machen abhängig

    Subventionen machen echte Technologieoffenheit unmöglich
    Wasserstoffimporte verlagern Wertschöpfung und Arbeit ins Ausland und machen abhängig
    •restliche CO2-Emissionen werden abgeschieden oder kompensiert
    Eigennutzung von PV wird außerhalb von Inselanlagen ggf. unmöglich

    Umsetzungschancen

    "...keine grundsätzlich unüberwindbaren technischen und ökonomischen Hürden, um das Ziel von null Emissionen bis 2035 zu erreichen" (Manfred Fischedick, WI)
    "Wuppertal weiß, dass es nicht umsetzbar ist" (Andreas Kuhlmann, DENA)

    "Klimaneutralität 2050 und ein neues deutsches Zwischenziel von minus 65 Prozent Treibhausgase bis 2030 sind machbar, brauchen aber eine komplett andere Gangart in der Klimapolitik." (Patrick Graichen, Agora Energiewende)

    •EE-Zubau wurde jahrelang gebremst und gedeckelt; dies und die Bestandsgarantie der Kohlekraft bis 2035 ist Planwirtschaft
    •die Kapitalflucht aus fossilen Assets, der Preisverfall der EE und die zunehmenden externen Kosten lassen eine noch disruptivere Rezession der Fossilwirtschaft erwarten

    Klimawirksamkeit

    Bei Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 besteht noch eine gewisse Chance (ca. 66%), das Pariser 1,5°-Ziel einzuhalten. (IPCC)

    Bei Erreichen der Klimaneutralität bis 2050 ist die Chance, selbst das 2°-Ziel einzuhalten, gering, denn die Gefahr des Überschreitens von Kipppunkten ist groß. (Stefan Rahmstorf im Spiegel)
    (Figueres, Schellnhuber, Whiteman, Rockström, Hobley und Rahmstorf 2017)

    Mit diesen Vorgaben wird das 2°-Ziel weit verfehlt, es kommt nach wissenschaftlicher Lehrmeinung sehr wahrscheinlich zur Klimakatastrophe. Außerdem werden wertvolle Potentiale der Abscheidung und Kompensation für neue Emissionen verschwendet, anstatt die atmosphärische CO2-Konzentration zu senken. V.a. kann niemand sagen, wie groß die Potentiale sind und in welchem Maße unsere Volkswirtschaften in der Lage sein werden, diese Potentiale auch wirksam und nachhaltig auszuschöpfen.
    [Verknüpfung] Lawrence 2019
    Lawrence 2018

    Klimagerechtigkeit

    Diese Rechnung geht von gleichen Emissionsrechten aller heute lebenden Menschen aus (Parität). Sie berücksichtigt weder die historischen Emissionen, noch die unterschiedlichen technischen und ökonomischen Möglichkeiten.

    Je später Deutschland klimaneutral wird, desto ungerechter. Mit Wasserstoff-Importen beschneidet D die Potentiale der Exportländer für Klimaschutz.

    Je später Deutschland klimaneutral wird, desto ungerechter. Mit Wasserstoff-Importen beschneidet D die Potentiale der Exportländer für Klimaschutz.
    Kompensationen zusätzlicher Emissionen im Ausland verschlechtern deren Bilanz.

    Kritik

    •Das IPCC vernachlässigt die Emissionen aus Zementherstellung und internationalem Schiffs- und Luftverkehr.
    •Die Agrarwende konnte aus Kostengründen nicht begutachtet werden - dabei ermöglicht sie den Schutz der überlebensnotwendigen Artenvielfalt und eine Senkung des atmosphärischen CO2-Gehalts.
    [Verknüpfung]
    •Rechnet man die historischen Emissionen mit ein, dann wäre es im globalen Vergleich gerechter, wenn Deutschland die Klimaneutralität schon 2026 erreichen würde
    [Verknüpfung]

    Auch wenn die Umsetzbarkeit heute realistischer erscheint, so ist es aus Sicht der kommenden Generation nicht mehr als ein Kompromiss, der in die richtige Richtung geht.
    Die Katastrophe lässt sich nur mit riskantem Geoengineering vermeiden, begleitet durch eine aufwändige nachträgliche Senkung der atmosphärischen CO2-Konzentration (Sequestrierung).
    Es bleibt nur zu hoffen, dass der disruptive Ausstieg aus der Fossilwirtschaft früh genug die nötige Beschleunigung bringt.

    •Während weltweit EE boomen, liegt ihr Zubau in D 2020 viel zu niedrig. Ob mit der vorgelegten EEG-Reform selbst die viel zu niedrig geplanten Zubauraten überhaupt erreicht werden, ist fraglich.
    Die Bürgerenergiewende - also die Beteiligung der Bürger an den Gewinnen der EE - wird verhindert.
    Die EU-Agrarwende wurde im Mai 2021 erneut verschoben, weil die Agrarlobby, deren Positionen von der deutschen Agrarministerin Klöckner vertreten werden, sich nicht mit dem EU-Parlament, das endlich die lange angekündigte Durchsetzung höherer Auflagen verlangt, einigen konnte.
    •Auch Verkehrs- und Wärmewende werden weiter gebremst.

    Kurzfassung

    Wir müssen alles daran setzen, 2035 soweit wie irgend möglich klimaneutral zu werden.
    Die Agrarwende muss mit gleicher Anstrengung umgesetzt werden, denn der Agrarsektor trägt weltweit ca. ein Viertel zu den Klimagas-Emissionen bei und das Artensterben ist ebenso bedrohlich wie die Klimakrise.

    2050 ist gut machbar - aber viel zu spät. Die Klimakrise wird sich verschärfen, möglicherweise bis zur Katastrophe. Diese gigantischen externen Kosten unseres bequemen Abwartens für Klimaschäden und deren Vorsorge, Geoengineering und Sequestrierung, Migration und Konflikte, sowie Schadenersatz und Sanktionen zahlen die kommenden Generationen.

    Selbst 2050 werden wir nach diesen Plänen nicht sicher klimaneutral. Es droht eine lange andauernde internationale Blockade bis zur Klimakatastrophe, mit allen bekannten und noch unbekannten Folgen.
    Diese Politik ist im Sinne von Art. 20 GG (Schutz der Lebensgrundlagen) unverantwortlich.

    Die Auftraggeber der WI-Studie von Fridays for Future Deutschland kommentieren die Ergebnisse in einem Video "Die Zerstörung der deutschen Klimapolitik".
    [Verknüpfung]
    Der Spiegel berichtete über die Studie.
    [Verknüpfung]

    Die Studien, die die notwendigen Maßnahmen der Politik konkret beschreiben, wachsen immer schneller zu immer höheren Papierbergen. Mittlerweile kritisiert selbst der Bundesrechnungshof die Pläne der Bundesregierung: für Deutschland ergäben sich daraus unkalkulierbare finanzielle Risiken.
    [Verknüpfung]
    Das Bundesverfassungsgericht erklärte im April 2021 das Klimagesetz von 2019 für verfassungswidrig: es schränke die Freiheiten der kommenden Generationen zu sehr ein.

    Auf die Defizite seiner bisherigen Politik angesprochen, leistet Wirtschaftsminister Altmaier bei Anne Will (ARD) am 22.09.2019 seinen klimapolitischen Offenbarungseid: "Ja aber wissen Sie, ich hab' die Menschen gefragt, ob sie mitbekommen haben, was der Sachverständigenrat uns empfohlen hat, Herr Edenhofer und sein Potsdamer Institut, das ist in der Öffentlichkeit nicht verankert. Und die Politik hat auch nur begrenzte Möglichkeiten etwas zu kommunizieren, [...] aber ich hab' bisher noch nicht denjenigen gesehen, der uns erklärt hat, wie das am besten geht."
    Am 04.08.2020 wird er noch deutlicher: "Ich gebe allerdings zu, dass wir in den letzten Jahren auch Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben."
    [Spiegel 2020]
    Ein Jahr später, im Wahlkampf 2021, nach Verfassungsgericht-Urteil und einm Minus-Rekordjahr, was den Zubau der Erneuerbaren angeht, räumt er dann n-tv-Interview ein, dass wir uns "Klimaschutz-Bremsen" "nicht mehr leisten können".

    Bei der Frage, wie diese Beteuerungen Altmaiers zu verstehen sind, lohnt sich ein Blick in die Archive. So sei hier noch einmal an Altmaiers Eine-Billion-Euro-Kampagne erinnert. Auch muss man bedenken, dass Altmaier und seine Mitarbeiter enge Beziehungen zu Anti-Windkraft-Aktivisten pflegen, der Vorsitzende von Vernunftkraft e.V. ist Nikolai Ziegler, der persönliche Referent seines zuständigen Staatssekretärs Thomas Bareiß. Beide sind bekennende Klimaskeptiker. Bareiß gehört mit Klimaskeptiker Joachim Pfeiffer zum Bermuda-Dreieck der Energiewende. Eine Studie des BGR, auf die sich zwischen 2009 und 2021 etliche Gutachten gegen Windräder berufen haben, rechnete den schädlichen Infraschall 1000-fach zu hoch. Die Behörde ist Altmaier unterstellt. Als ein Ingenieur den Fehler aufdeckt, wird er über ein Jahr lang drangsaliert, bevor Altmaier sich letztlich entschuldigen muss.
    Ein allzu großes Rad dreht er aber nicht daraus, mit der Begründung: "Es ist glaube ich auch Sache der interessierten Öffentlichkeit, diese Informationen zu verbreiten und deutlich zu machen."
    Vor all diesen Hintergründen versteht man dann auch seine süffisante Bemerkung bei Maybrit Illner am 24.01.2020 als triumphierende Selbstoffenbarung: "Wir sind eine Demokratie, wo uns gerade die Grünen gezeigt haben, dass es wichtig ist, mit den Menschen vor Ort zu reden, und sie haben Bürgerinitiativen zu allen möglichen Themen organisiert. Und damit müssen sie jetzt leben, dass sich Menschen bei Themen zu Wort melden, die ihnen vielleicht nicht ganz so genehm sind."
    Im Januar 2021 legt eine Studie der Europäische-Energiewende-Community dar, dass die Anti-Windkraft-Bewegung viel größer dargestellt wurde, als sie tatsächlich ist. Die Reaktion der Medien lässt bisher auf sich warten, allerdings kein Wunder bei der Sprengkraft des Themas. Hier besteht dringender Aufklärungsbedarf.
    Dass Umweltpolitik in der CDU auch sonst keine große Lobby hat, wird spätestens bei den klimaskeptischen Äußerungen der umweltpolitischen [sic!] Sprecherin Marie-Luise Dött deutlich.
    Altmaier erweist sich mit seinem Klimaskeptiker-Team auf jeden Fall nicht nur als der Gesetze-Macher der Energiekehrtwende, sondern auch als ihr oberster Stimmungs-Macher. Im Juli 2021 wirft er schließlich den Befürwortern von CO2-Abgaben eine spalterische Politik vor - dabei ist seine populistisch-verzerrte Angst-Kampagne der Energiewende-Kosten nichts anderes als gesellschaftliche Spaltung.

    Statt die Bevölkerung zu informieren, betreibt die Regierung also selbst Desinformation oder überlässt dieses Feld fossilwirtschaftlichen Interessengruppen. Beispiele: Agrarindustrie, Autoindustrie, Luftfahrt, Verpackungsindustrie, Energieversorger, Industrieverbände, ... .
    Und damit die junge Generation genauso ahnungs- oder zumindest ratlos bleibt wie ihre Eltern, spricht sich Bundesbildungsministerin Karliczek gegen ein Unterrichtsfach Klimaschutz aus - im Gegensatz zu Italien, wo die Klimakrise freilich deutlicher zu spüren ist. Das schnell wachsende Nord-Süd-Gefälle der Klimakrise ist weiterer, gewaltiger Sprengstoff für die EU.
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden als effektives Gegenmittel zu politischer Propaganda öffentlich-rechtliche Medien von seiten der Staaten eingerichtet oder gestärkt, auch um mit investigativen Recherchen Missstände aufzudecken. Konservative Politiker*innen arbeiten seit Jahrzehnten daran, diesen Einfluss auf politische Fragen zu beschränken. Damit bereiten sie den Boden für Populismus.
    Grundlegende Ursache für die Lähmung sozial-ökologischer Politik ist jedoch letztlich die neoliberale Ablehnung jeglicher staatlicher Intervention - und dieser Ideologie widersprechen immer größere Teile der akademischen ökonomischen Welt.

    In keinem Industrieland hat Windkraft einen so schlechten Ruf wie in Deutschland - völlig zu Unrecht: Details hier.
    Dasselbe gilt für Elektroautos. Wenn die vielen unberechtigten Befürchtungen und kulturellen Vorbehalte nicht wären, hätten Elektroautos und Wärmepumpen durch ihren enormen Betriebskostenvorteil mit Eigen-PV weit größere Marktchancen: Details hier und hier. Die Rohstoff- und Recycling-Probleme werden durch (lange verzögerte) Innovationen in der Elektrochemie gelöst, in die endlich die notwendigen Forschungsmittel fließen. Manche Patente wurden sogar von der Fossilindustrie gekauft, damit sie nicht zur Produktentwicklung genutzt werden.
    Die großen Hoffnungen der Verbrenner-Industrie, deren Beschäftigten und vieler Verbrenner-Besitzer liegen auf alternativen Brennstoffen, oder auf zukünftigen Brennstoffzellen-Autos. Diese Hoffnungen haben jedoch überhaupt keine nachhaltige Grundlage - man fragt sich, warum sie derart vehement genährt werden. Details hier und hier.
    Immer lauter wird von Neoliberal-Konservativen behauptet, die technischen Alternativen seien sogar gefährlicher als die konventionellen Technologien. Sie verschweigen dabei die gigantischen Umweltbelastungen des bisherigen Wirtschaftens, ignorieren die Möglichkeiten der Lieferkettenkontrolle und des nahezu 100%igen Recyclings der wertvollen Rohstoffe. All dies wird seit Jahrzehnten vergeblich von Umwelt-NGOs mit Forderungen, Gutachten und konkreten Vorschlägen adressiert - diese wurden von deutschen Regierungen jedoch konsequent ignoriert.
    In Anerkennung der drohenden Klimakatastrophe müssten die Kritiker der Alternativen konsequenterweise eine breite Deindustrialisierung fordern - mit ihrem beharrlichen Festhalten am Status Quo betreiben sie allerdings eine faktische Leugnung der Klimakrise.
    So wie Neoliberal-Konservative die ökologische Krise ignorieren, ignorieren sie auch die soziale. So malen sie drastisch die sozialen Folgen einer fossilen Deindustrialisierung an die Wand - und verschweigen die grundlegenden Ursachen der Ungleichverteilung von Gütern und Arbeit. Gemeinwohlorientierung, Entschuldung, Währungsreform, Komplementärwährungen, Grundeinkommen, Enteignungen jeder Art (selbst von Patenten für Viren-Impfstoffe) - alles, was den Neoliberalismus in Frage stellt, ist für sie undenkbar.

    2006, ein Jahr nach Altmaiers Amtsantritt, hatte der Stern-Report sogar die Börsen und Regierungen der Welt mit seinem Blick auf die Klimakrise erschüttert, während die Zivilgesellschaft selbst in den USA heftig über Al Gores Doku "Eine unbequeme Wahrheit" diskutierte. Sir Nicholas Stern war Weltbank-Chefökonom, und bezeichnete damals die Entwicklung als "das größte Marktversagen der Geschichte". Er warnte eindringlich vor weiteren Verzögerungen im durchgreifenden Klimaschutz. Andere prominente Ökonomen unterstützten ihn mit deutlichen Worten, u.a. Nobel-Gedächtnispreis-Träger: Robert Solow nannte die umfassende Studie "ruhig, durchdacht und sorgfältig argumentierend", Amartya Sen meinte, die Welt wäre geradezu "dumm", ignorierte sie Sterns Botschaft. Schon 1977 hatte ein anderer späterer Preisträger, William Nordhaus, eine CO2-Steuer gefordert.
    2018 war das in der Öffentlichkeit alles vergessen, den jährlichen fruchtlosen UN-Klimakonferenzen zum Trotz. Eine erdrückende Mehrheit der Konservativen und Liberalen hatte so zunächst nur Begriffe wie "Hysterie" und "Religion" für eine Jugend-Protestbewegung übrig, die nichts anderes tat als auf den weitgehenden Konsens in Klima-, Bio-, Agrar- und Energiewissenschaften, sowie Ökonomen wie Stern zu verweisen, dessen Forderungen nach CO2-Steuern mittlerweile von 27 Nobel-Gedächtnispreisträgern für Wirtschaft unterstützt werden. Das WEF warnt seit 2011 eindringlich vor den Gefahren der Klimakrise und wirbt mittlerweile für eine sozial-ökologische Klimawende. Innerhalb weniger Wochen bekundeten 27.000 deutschsprachige WissenschaftlerInnen ihre Unterstützung für die Jugendproteste. Doch zunächst blieb es bei der verächtlichen Position der Politik.
    Erst nach einer breiten zivilgesellschaftlichen Resonanz, die sich dann auch in Wahlergebnissen niederschlug, änderte sich der Ton plötzlich. Außerhalb der extremen Rechten betont jetzt die überwiegende Mehrheit der Spitzenpolitiker, allen voran Merkel und Altmaier, den dringenden Handlungsbedarf in der Klimafrage. Sie loben die jugendlichen AktivistInnen für die Bewegung, die sie in der Zivilgesellschaft ausgelöst haben, und äußern ihre Hoffnung auf eine Legitimation für mehr Klimaschutz, den sie in fatalem Missverständnis der Sachlage verknüpfen wollen mit der vorherrschenden Ideologie ewigen Wachstums.
    Dass die Klimakrise nicht nur international von einer Mehrheit als Bedrohung gesehen wird, sondern auch seit geraumer Zeit in Deutschland, zeigen viele Umfragen.
    [Verknüpfung]
    2019 konnte man an der Welt sehr deutlich sehen, wie der Wind sich auch in der medialen Darstellung dreht. Die konservative Zeitung aus dem Springer-Konzern druckte noch im September, dass die Klimakrise nicht das drängendste Problem der Deutschen sei:
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    Damit widersprach sie zunächst dem Mainstream der Presse, die ganz andere Umfrageergebnisse hatte.
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    Dann im Dezember kam die Wende:
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    Entgegen der Darstellung der wirtschaftsliberal-konservativen Politiker ist mittlerweile eine Mehrheit bereit, selbst Einschränkungen für Klimaschutz hinzunehmen.
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    Wie weit Menschen bereit sind, im Notfall mit ihrer Regierung zu gehen, zeigt die effektive neuseeländische Corona-Politik.
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    Der Wissens-Ressort-Chefredakteur der Zeit Bernd Ulrich resümiert das Corona-Jahr 2020 nicht ohne Optimismus als vielfache Zeitenwende.
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    Ich würde es z.T. so zusammenfassen: 'raus aus der Komfortzone, die globale Öl-Party ist vorbei. Gott sei Dank!
    Mehrere Gerichtsurteile deuten 2021 darauf hin, dass er recht hat.

    Merkels und Altmaiers rückwärtsgewandte Politik ist nicht mehr als eine euphemistische Beschwichtigung für die Empörten, und Beruhigung für die Besorgten. Denn die CO2-Abgabe ist viel zu niedrig, der Kohleausstieg wird entgegen internationaler Trends planwirtschaftlich hinausgezögert, die Verkehrswende setzt v.a. auf die langsame Umstellung auf neue Antriebe statt auf Rad und ÖPNV, und auch die deutsche Agrarwende kommt gegen die Blockade der Agrarlobby nicht voran - mit 9% Bio-Anbaufläche hinkt Deutschland weit hinter Österreich (26%) zurück. Die Energiewende, die mittlerweile unausweichlich geworden ist, wird jetzt nicht mehr von den Bürgern betrieben - die werden ausgebootet - sondern von den großen Energieversorgern, natürlich nach deren Regeln. D.h. zuerst einmal: gebremst.
    Die geplante Reform des EEG konterkariert außerdem komplett Hermann Scheers Idee von Energie-Souveränität, von der Bürger-Energiewende, und zementiert die Macht der Energieversorger-Konzerne. Dabei wäre die globale Energiewende ohne Scheers EEG-Revolution 2000 zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehbar. Im April 2020 sind Pläne der Netzbetreiber bekannt geworden, die Bürger-Energiewende weiter auszubremsen - zumindest die Stromspeicherung (als wichtiger Baustein) würde nach diesen Plänen unrentabel, wahrscheinlich auch die ganze Bürger-PV. Details hier.
    Die Strategie: Bürger-Energiewende unterbinden, PV-Großanlagen und teure Offshore-Windkraft fördern, Methan und Wasserstoff importieren - d.h. Energie soll weiter zentral über Netze von den Energieversorgern verteilt werden, selbst wenn wir damit weiter von Energieimporten abhängig bleiben. Forschungsministerin Karliczek: "Wasserstoff ist das Öl von morgen." Bedenkt man die unzähligen, schmerzhaften außenpolitischen Kompromisse, die wir zur Förderung unserer Exportbranchen in Rücksicht auf unsere Energielieferanten gemacht haben und machen, eine düstere Perspektive. Dass im Handelskrieg mit China die europäische PV-Industrie der deutschen Automobilindustrie geopfert wurde, ist ein weiterer Skandal. Details zu den Perspektiven hier und hier. Die Diskussion um die Beziehungen zu Putins Autokratie-Regime könnten wir uns ersparen.
    Auch die neue PV-Technologie würde eine Renaissance der europäischen PV-Industrie einläuten. Aber es sind (bis Juni 2021) keine Anstrengungen der Politik zu erkennen, das zu unterstützen.
    Zudem ist die Behinderung der PV-Eigenversorgung auch wieder im Sinne der Automobilindustrie, denn die Betriebskosten eines Elektroautos betragen mit Eigen-PV nur noch einen Bruchteil der (ohnehin geringen) Kosten mit Netzstrom. Während also die nachhaltige Energiesouveränität der Bürger immer weiter blockiert wird, liest man in den "sozialen Medien" und Blogs immer wieder populistische Kommentare von "drohender Abzocke durch die Öko-Lobby". Tatsächlich bedroht die Bürger-Energiewende von unten die wirtschaftliche Machtposition der Atom- und Fossilwirtschaft, und diese sichert nun ihre Position durch Kontrolle der erneuerbaren Energien - unterstützt von Populisten. Denen von konservativen Politikern nur wenig entgegengesetzt wird, stützen sie doch die Interessen ihres Klientels.
    [Verknüpfung]

    Die Energiewende ist - wie von den EEG-Machern wie Hermann Scheer vorhergesagt - profitabel geworden, auch weil die Erneuerbaren nach einer notwendigen Phase der Subventionierung die billigste Energieform geworden sind. Das neoliberale Ausbeutungssystem stößt an die Grenzen des Planeten, und die lange überfällige globale Finanzkrise steht durch die massiven Zahlungsausfälle in der Corona-Krise unmittelbar bevor. Deshalb treibt die globale Finanz- und Versicherungswirtschaft ihrerseits eine Klimawende des Profits mit Billionen von Dollar und Euro voran, was wieder die Abwertung fossiler Assets bedeutet. Das wird jedoch nicht immer im Sinne der BürgerInnen sein, und irgendwann werden die konservativen Regierungen zu Getriebenen der lange angesagten Disruption. Die abgehängten Volkswirtschaften, die dann noch von fossilen Brennstoffen abhängig sind, müssen mit Rezession und Strafzahlungen für Klimaschäden rechnen.

    Klimaskepsis ist mit der öffentlichen Anerkenntnis der Klimakrise nicht länger akzeptabel. Man sollte also meinen, dass die Glaubwürdigkeit von bisherigen Klimaskeptikern auf den Nullpunkt gesunken ist. Dass, wenn dieselben Leute jetzt mit neuen, genauso dreisten Behauptungen gegen Klimaschutz auftreten, die Gesellschaft sich abwendet. Stattdessen aber finden sie weiter massenhafte, unüberhörbare Resonanz, und die seriösen Klimaschützer müssen sich erneut geduldig und ernsthaft mit ihren Behauptungen auseinandersetzen - anstatt endlich an Lösungen weiterarbeiten zu können.
    In seinem Buch The new Climate War erklärt Klimaforscher Michael Mann die neuen Strategien der Klimaschutz-Gegner. Die mangelnde Reflexion der Öffentlichkeit über ihren fatalen Irrtum in der Klimafrage offenbart die massive sozialpsychologische Überforderung unserer Gesellschaft.

    Deutschland entkoppelt sich zunehmend von internationalen Trends. Selbst die USA haben der Klimakrise den Kampf angesagt. Wenn dort große Investoren die Carbon Bubble platzen lassen - und das ist absehbar - dann werden sie natürlich anderen Investoren ein weiteres Profitieren an der Fossilwirtschaft erschweren.
    In den USA ist die Disruption der Energie und Mobilität in vollem Gange, sie versuchen die Welle zu reiten. Deutschland dagegen droht ein Durchfüttern nicht überlebensfähiger Branchen bis ins Koma, ähnlich wie im Bergbau des ausgehenden 20. Jahrhunderts; dabei sind Japans Zombie-Firmen weltweit als abschreckende Beispiele bekannt. Wir könnten von der Disruptions-Welle überrollt werden.
    [Verknüpfung]
    Schaut man sich 2021 die Bilder und Rednerliste des Cleantech Business Club an, dann findet man neben gewichtigen Industrie- und Staatenvertretern viele bekannte Gesichter der deutschen Energiewende-Szene - aber kein einziges Mitglied der Bundesregierung.
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    Der Mit-Initiator von Climate Action Tracker Jörg Haas (Heinrich-Böll-Stiftung) sieht langsam Bewegung in einer längst überfälligen Entwicklung: das Platzen der Carbon Bubble steht bevor, der lang erwartete Herdentrieb der Finanzmärkte heraus aus der Fossilwirtschaft setzt endlich ein. Wie jede künstlich herausgezögerte Disruption, so wird auch sie exponentiell verlaufen. Der damalige Weltbank-Chefökonom Sir Nicholas Stern sprach bereits 2006 vom "größten Marktversagen der Geschichte".
    Wie sehr dieser Prozess verzögert wurde, und mit welchen Methoden, auch darum geht es in dieser Arbeit. Eines der deutlichsten Anzeichen sieht Haas darin, dass die Fossilindustrie mehr und mehr auf Marktverzerrungen durch Staatshilfen angewiesen ist.


    [Verknüpfung]

    Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber Du kannst lernen, auf ihnen zu reiten.
    Joseph Goldstein

    Auch wenn die ARD immer noch kein Klima vor Acht sendet: am Earth Day 2021 war die Klima-Disruption an der Börse Thema bei Börse vor Acht.

    Leider ist mit der Agrarwende kein Profit zu machen - und deshalb kann Julia Klöckner EU-weit ihre Klientelpolitik für die Agrarindustrie durchsetzen, allen Experten-Warnungen zum Trotz.

    In aller Kürze auf den Punkt gebracht: im Youtube-Kanal Klartext Klima greifen Klimaforscher Stefan Rahmstorf, Energiewissenschaftler Volker Quaschning und ZDF-Meteorologe Özden Terli die aktuellen Top-Themen der Klimapolitik auf, in Folge 5 mit Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemtsma.
    [Verknüpfung]






    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Zusammenfassung



    1. Die vielen Krisen der Biosphäre, v.a. durch Klimaerwärmung, Überdüngung, Schadstoffimmission und Landnutzung, schreiten immer schneller in Richtung Katastrophe, so wie es die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten vorhersagt. Doch selbst heute noch dürfen Klima- und andere Ökologieskeptiker dreiste Beschönigung und Desinformation betreiben, ohne dass Politik, Bildungseinrichtungen und Medien dem ernsthaft entgegetreten würden. Ja, die Politik beteiligt sich sogar aktiv daran.
      Die verwendeten Prognose-Modelle sind mittlerweile in der Lage, die Entwicklungen vieler Jahrzehnte zu rekonstruieren, werden aber immer noch angezweifelt. Seit die Klimakrise gegenüber der Allgemeinheit nicht mehr glaubwürdig zu leugnen ist, richtet sich die Desinformations-Industrie gegen die Alternativen zur Fossilwirtschaft.
      Erst in letzter Zeit beginnen einzelne Justiz-Verfahren wegen Irreführung der Öffentlichkeit - oft nicht einmal um Generationengerechtigkeit zu schaffen, sondern aus handfestem wirtschaftlichem Interesse. Aber auch AktivistInnen beginnen, das ökozide System per Klagen ins Wanken zu bringen.
    2. Die Profiteure der fossilen Industrie steuern die Politik so, dass ihre Geschäftsmodelle nicht gefährdet werden. Deshalb darf auch kein wirksames Lieferkettengesetz und auch kein Kreislaufwirtschaftsgesetz kommen, weil sonst die Verhinderungsargumente für EMobilität und Erneuerbare Energien wegfallen würden: Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstöße bei der Rohstoffgewinnung.
      Ein Beispiel für Whataboutism sonder Gleichen: der fossile Wohlstand vernichtet die natürlichen Ressourcen immer schneller, dennoch versuchen die Transformationsgegner zu erzählen, die Alternativen seien schlimmer als das ökozide Original. Es ist auch im Interesse der Verbrenner-Industrie, dass die Bundesregierung die Dekarbonisierung des Stromsektors blockiert. So kann man dem EAuto immer noch hohe CO2-Emissionen anlasten.
      2021, wo das erzwungene Ende der Ölverbrennung doch im Rahmen des Möglichen erscheint, verkünden die Ölfirmen ihren Investoren ihr neues Geschäftsmodell: mehr Verpackungen - was natürlich nur funktioniert, wenn weiterhin nicht recycelt, also der Müll verbrannt wird. Hauptsache, das Öl fließt weiter.
    3. "Soziale" Netzwerke werden als Motor des Fortschritts mit niedrigen Steuersätzen und liberaler Gesetzgebung unterstützt, helfen aber durch teils gezielte Verbreitung von Desinformation und nachweislichen Lügen rechtskonservativen Populisten, die liberalen Demokratien zu unterhöhlen. Auf besondere Resonanz stoßen sie mit der Leugnung der unbequemen Wahrheit, dass die Industriegesellschaften ihren eigenen Untergang immer schneller befördern.
    4. Populistische Parteien bauen auf diese Desinformation auf. Sie machen aus Meinungen und Gerüchten Behauptungen und Verschwörungserzählungen, die die Gesellschaft spalten. Sie adressieren als Wähler vor allem die Benachteiligten und Verängstigten der Leistungsgesellschaft, während ihre Sponsoren, Ideengeber und Anführer praktisch ausnahmslos aus der wirtschaftsliberal-konservativen Elite stammen. Nur die allerdümmsten Kälber wählen den Metzger selber.
    5. Artenschutz wird bei uns in oftmals kleinen Reservaten betrieben, die mangels Biotop-Vernetzung das Artensterben nicht aufhalten können. Sie sind kleine Inseln in einem riesigen Meer aus ökologisch mehr oder weniger toten Landwirtschafts-, Verkehrs- und Siedlungsflächen. Die zurückbleibenden unstabilen, artenarmen ökologischen Wüsten sind mit ihren riesigen Populationen von Generalisten Brutstätten von Zoonosen.
      Seit Jahrzehnten wird die industrielle Landwirtschaft hoch subventioniert, obwohl von Anfang an vom Bauernsterben die Rede war und die Wissenschaft seit den 60er Jahren vor dem Kollaps der Agrar-Ökosysteme warnte, unter anderem einer fatalen Degradation des Bodens, die zudem das Klimaproblem massiv verschärft. Die nächste Pandemie könnte durch multiresistente Bakterien ausgelöst werden, weil Politiker die Interessen der Agrarindustrie weit höher bewerten als die medizinische Versorgungssicherheit: entgegen massiver Warnungen werden weiter Reserve-Antibiotika in der Tiermast massenhaft eingesetzt, was die Resistenzentwicklung bei Bakterien vorantreibt.
      Viele Studien zeigen, dass nur eine ökologische Landwirtschaft mit eingeschränkter Fleischproduktion nachhaltig die Ernährung sicherstellen und auch 10 Milliarden Menschen ernähren kann. Durch Desinformation sind immer noch viele vom Gegenteil überzeugt.
    6. Die Müllkippen und Rauchwolken der 70er sind verschwunden; doch Biosphärenschutz hierzulande erschöpft sich in Emissions-Grenzwerten, die durch jahrzehntelange Immissionen zu einer kritischen Anreicherung von Dünger und unzähligen stabilen Problemstoffen geführt haben. Über die wahre Situation herrscht in weiten Teilen Desinformation.
    7. Die Umweltbewegung hatte ihren Höhepunkt in den 80er Jahren. Durch mangelnde Lieferketten-Kontrolle, vom Rohstoff bis zur Müllbeseitigung, und durch Desinformation wurde mit der Globalisierung eine Verlagerung der Ressourcen- und Menschen-Ausbeutung ins Ausland und ein Steuer- und Auflagen-Unterbietungs-Wettbewerb für Konzerne möglich, der die Handlungsfähigkeit der Staaten immer weiter einschränkt.
    8. So wurde in den Industrieländern ein Konsumniveau erreicht, das zwar keine wirklich bedeutende Steigerung von Wohlstand oder Glück bewirkt, allerdings das Überleben der Menschheit in Frage stellt. Dennoch wird durch Desinformation Angst vor Beschränkungen geschürt, und vor politischen Verwerfungen wegen dieser Beschränkungen.
    9. Erneuerbare Energien (EE) boomen weltweit und könnten den Bürgern eine günstige, CO2-freie Energieversorgung ermöglichen. In den ärmsten Entwicklungsländern basiert die Energieversorgung immer häufiger auf PV und Akkus. Entgegen einhelligen Empfehlungen und Forderungen der Wissenschaft hat deutsche Politik der letzten 10 Jahre dazu geführt, dass der Zubau der EE 2019 nahezu stillstand - mit Ausnahme von Offshore-Windparks, die ausnahmslos von großen Energieversorgern betrieben werden. Und mit Ausnahme der PV, die gerade vor dem Verschließen des PV-Deckels noch einen letzten Boom erlebte.
      Dass dabei Offshore-Windkraft nahezu doppelt so teuer sein darf wie ihre ungeliebte Schwester Onshore, ist ein wirklich bemerkenswertes Detail.
      Diese Politik wird von denselben Lobbygruppen bestimmt, die in großen Desinformations-Kampagnen den EE die hohen Strompreise zuschreiben.
    10. Gegen Elektroautos wurden in Deutschland jahrelang sehr erfolgreich Desinformations-Kampagnen betrieben - obwohl die Autos sehr zuverlässig funktionieren und die Betriebskosten mit Eigen-PV nur einen kleinen Bruchteil der von Verbrennern betragen. Auch das könnte ein Grund sein, warum man bei uns Eigen-PV ausgebremst hat.
    11. Brennstoffzellen-Autos und sogar ein Weiterbetrieb der Verbrenner mit alternativen P2L-Treibstoffen werden in Desinformations-Kampagnen als Lösung für Individualmobilität dargestellt. Dabei liegen die benötigten Mengen an EE im Vergleich zu Akku-Elektroautos um ein Vielfaches höher (Brennstoffzelle: 2-3fach, P2L 6-7fach). Stattdessen benötigt man P2L dringend für die saisonale Speicherung der EE in der Sektorenkopplung.
    12. Die Weichenstellungen gegen Onshore-Windräder werden von Wirtschaftsminister Altmaier gerechtfertigt durch die nationale Wasserstoff-Strategie, die eine Fortsetzung der deutschen Abhängigkeit von Energie-Importen bedeutet, und eine Fortsetzung der zentralen Versorgung durch Energiekonzerne zementiert. Begleitet wird diese Politik von Desinformation durch Windkraft-Gegner, zu denen Altmaier und seine Mitarbeiter enge Kontakte pflegen.
    13. Die Verantwortung wird in der Demokratie hin- und hergeschoben: zuständige MinisterInnen wie Altmaier oder Klöckner beklagen mangelnde Unterstützung durch die Bevölkerung für Umweltgesetze, im Gegenzug weisen Konsumenten auf die Verantwortung der Obrigkeit, die sie selbst gewählt haben.
    14. Anstatt die wahren politischen Ursachen prekärer Lebensumstände wirksam zu adressieren, versprechen Fossilökonomisten dem Bürger Wohlstandssicherung durch billigen Strom, billige Mobilität und billige Nahrung. Dank Desinformation können sie behaupten, das sei nur durch Ausbremsen der Energiewende, industrielle Landwirtschaft und Festhalten am Verbrenner möglich. Dass der dadurch drohende Wohlstandsverlust der kommenden Generationen dramatisch sein wird, unterschlagen oder leugnen sie einfach.
    15. Anstatt alle BürgerInnen und Unternehmen, die Einkünfte aus unserer Volkswirtschaft beziehen, an den öffentlichen Haushalten zu beteiligen, wird in hohem Maße Konsum und Lohnarbeit mit Steuern und Abgaben belastet. Großunternehmen betreiben vielfach Steuervermeidung oder -Betrug, der längst nicht immer verfolgt wird. So ist der Staat in hohem Maße abhängig von Mineralöl-, Strom-, Alkohol- und Tabaksteuer. Wenn Politiker ihr Klientel nicht mit höheren Steuern belasten wollen, müssen sie für entsprechend hohen Konsum sorgen.
      Die Abhängigkeit rheinischer Kommunen geht noch weiter: sie sind am Energieversorger RWE beteiligt, also direkt abhängig von dessen Einnahmen.
    16. Während Finanzminister Scholz den kommenden Generationen geringe Staatsschulden verspricht, sorgt deutsche Politik für eine immense, galoppierende Vernichtung von lebensnotwendigen Ressourcen: das ist Desinformation. In Wirklichkeit leben wir heute auf Kosten unserer Nachkommen.
    17. Die Profit-Interessen internationaler Konzerne werden zusätzlich durch Freihandelsabkommen, eine Energie-Charta und Schiedsgerichte vor der Regulation durch nationale Gesetze geschützt.
    18. Bei der Ausgestaltung dieser Freihandelsabkommen ordnet Deutschland Umwelt- und Menschenrechts-Interessen regelmäßig den wirtschaftlichen Interessen ihren Exportindustrien unter: Opferung der europäischen PV-Branche, Import von US-Fracking-Gas, Import von Gensoja und Feedstock-Rindfleisch aus Ex-Regenwald-Flächen, Verzicht auf Umwelt- und Menschenrechts-Standards für die profitable Kooperation mit chinesischen Autozulieferern, weitgehender Verzicht auf die Besteuerung von US-Internetkonzernen, Verzicht auf ein Lieferkettengesetz, ... . Heimische Unternehmen, die weniger dem internationalen Wettbewerb unterliegen, werden ebenfalls marktverzerrend begünstigt, zum Beispiel bei der Ausgestaltung von Auflagen, die für Kleinunternehmen kaum zu bewältigen sind, oder Entschädigungen zum Kohleausstieg.
    19. Wenn sich durch Umwelt- oder Arbeitsschutzauflagen eine Produktion bei uns nicht rechnet, werden diese Belastungen seit der Kolonialisierung dorthin externalisiert, wo Menschen sich nicht dagegen wehren (können). Man spricht zu Recht von Postkolonialismus.
    20. Darüber hinaus behindert die (maßgeblich von Deutschland bestimmte) EU-Wirtschaftspolitik in Entwicklungsländern v.a. in Afrika eine nachhaltige Ernährungs- und Energiesouveränität. Agrar-Großkonzerne werden dabei unterstützt, mit ihrer industriellen Landwirtschaft kleinbäuerliche Gesellschaften und fragile Ökosysteme zu zerstören. Den letzten Rest gibt die EU den Kleinbauern, indem sie via Freihandel mit ihren hochsubventionierten Überschussprodukten die Märkte zu Dumping-Preisen überschwemmt. Diese Politik wirkt den Bemühungen von lokalen Regierungen und NGOs diametral entgegen. Diese unterstützen die Kleinbauern darin, ihre Ökosysteme so zu stabilisieren, dass sie nachhaltig produktiv sind. Doch weil solche Projekte keine Profite an Börsen abwerfen und von den Industrieländern aus auch korrupte lokale Machthaber unterstützt werden, setzen sie sich mit ihren Bemühungen nicht flächendeckend durch. Das neueste Ressource ist die Landesfläche, die man gegen Geldzahlung zur Kompensation seiner CO2-Emissionen beansprucht.
      Auch das ist Postkolonialismus.
    21. Dabei sagen Ökonomen seit Jahrzehnten ohnehin einen Zusammenbruch des lange schon maroden internationalen Geldsystems voraus. Die Subprime-Krise war ein deutliches Anzeichen. Mit der Corona-Krise könnte dieser Moment gekommen sein. Man rettet das von Ausbeutung angetriebene System mittels Verschuldung (die per Zinsen wieder den Reichen zugute kommt) bisher von Krise zu Krise, anstatt die Rettungsgelder zukunftsorientiert einzusetzen. Man ist fixiert auf Wachstum, ohne das sich das neoliberale Versprechen vom "Trickle-Down-Effekt" nicht einlösen lässt, ohne das vor allem aber die immensen Zinsen, Renditen und Mieten an die Investoren nicht gezahlt werden können. Die Geldmenge ist längst um ein Vielfaches höher als die Gegenwerte - d.h. die Währungen völlig überbewertet und eine Entwertung droht. Im Vergleich zu einer Klimakatastrophe ganz sicher ein um Welten geringeres Problem. Natürlich versucht die Geldelite eine Geldentwertung mit allen Mitteln zu verhindern, obwohl eine Entwertung die von immer mehr Ökonomen beklagte Schieflage der Besitzverhältnisse mildern würde. Ein Grundschulkind kann nachvollziehen, warum ewiges Wachstum auf einem begrenzten Planeten unmöglich ist. Dennoch erklärt die Politik ihr Vorgehen als alternativlos: Desinformation.
    22. Die Industriestaaten haben sich in eine fatale Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen begeben. Nicht nur, dass die gesamte Volkswirtschaft bei Ausbleiben des Ölstroms abbricht. Der Staatshaushalt finanziert sich zu einem nicht unbedeutenden Teil über die Fossilwirtschaft. Die Bürgerenergiewende nach Hermann Scheer bedroht nicht nur das Geschäftsmodell der Energieversorger, sondern würde auch eine andere Steuerpolitik erfordern.
      Nur wenige Versuche wurden unternommen, aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu entkommen. Beispiele findet man in Skandinavien und in der deutschen Energiewende der Nuller Jahre, die aber danach durch Altmaiers Restaurationspolitik wieder zum Stillstand kam.
    23. Indem immer weiter Subventionen in Fossil- und Agrarunternehmen gepumpt werden, ignoriert man die immer lauter werdenden Warnungen aus der Wirtschaft vor dem Platzen der Carbon Bubble, das ohne Vorsorge einen Großteil der Arbeitsplätze und Werte vernichten wird. Die mittel- und langfristig unschätzbaren Risiken des Status Quo sind den meisten Bürgern nicht klar; man wiegt sie in falscher Sicherheit: das ist Desinformation.
    24. Beim Weltökonomischen Forum WEF trifft sich jährlich die globale Finanz- und Politik-Elite in Davos. Die Corona-Finanzkrise ist so tiefgreifend, dass man deren Risiken gleichzeitig mit denen fossilen Finanzblase (Carbon-Bubble) und der längst überfälligen sozio-ökologischen Transformation endlich auf einen Schlag adressieren will: The Great Reset. Diese Veruche, die Folgen durch das Platzen der Carbon Bubble abzumildern, werden begleitet durch eine Hiobsbotschaft für die Fossilwirtschaft nach der anderen - ihre goldenen Zeiten sind definitiv vorbei. Eine Zukunfts-Orientierung deutscher Politik in diesem Umfeld ist allerdings nicht erkennbar: am Ende werden wir im globalen Spiel um fianzielle und reale Ressourcen wohl den einen oder anderen Schwarzen Peter haben.
    25. Der Strukturwandel in der Kohleverstromung kostet weniger als 10.000 Arbeitsplätze, was in der medialen Desinformation eine große Rolle spielt. Dabei sind in der Zukunftsbranche der EE bereits weit über 100.000 Arbeitsplätze und wichtige Schlüssel-Produktionsanlagen verloren gegangen, das Bauernsterben durch Industrialisierung der Landwitschaft ein Vielfaches davon.
    26. Der aufgeklärte, zukunftsorientierte Teil der Jugend ist verunsichert über die berufliche Zukunft, genauso wie viele junge potentielle Leistungsträger - Berufseinsteiger und grüne Start-Ups - keine Planungssicherheit haben: Desorientierung.

    Angela Merkel hat sich mit ihrer "Politik der ruhigen Hand" in vielen Bereichen große Verdienste erworben. Dabei hat sie auch nicht immer nur das Erbe ihrer Vorgänger verwaltet. Besonders in der Klimakrise fehlt ihr jedoch der Mut, sich gegen die Interessen der Investoren in die fossil-atomare Technik durchzusetzen. Sie beugt sich hier der Parteilinie der Besitzstandswahrung nach dem Prinzip "Maß und Mitte", das gerade besonders von ihrem designierten Nachfolger Armin Laschet propagiert wird. Beim Bürgerdialog 2015 nimmt sie allen Diskussionsbeiträgen von Reformern von Anfang an den Wind aus den Segeln.


    Ich freue mich auf Ihre Anregungen und Ihre Vorschläge. Denn Deutschland soll so bleiben, wie es ist.
    Angela Merkel

    Dabei hatte sie noch als junge Umweltministerin mit Experten 1997 für klimaschädliche Emissionen den "Preis des Überlebens" diskutiert und darüber ein Buch geschrieben. Kein Thema zieht sich durch Angela Merkels lange Karriere wie die Klimapolitik. Einen Überblick über deren zahlreichen Wendungen bietet der Tagesspiegel.
    [Verknüpfung]
    In der Begründung des Klimapakets 2019 schließlich kommt ihre ganze Mut- und Hilfslosigkeit erschreckend zum Ausdruck. Kurz danach erklärt sie das Ende ihrer Kanzlerschaft mit den nächsten Wahlen.


    Politik ist das, was möglich ist.
    Angela Merkel

    Das war ihr persönlicher Offenbarungseid. In der politischen Kakophonie der Corona-Krise wurde sichtbar, welche Konsequenzen das hat: die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Die Politiker schaffen es nicht einmal bei einer Pandemie, im Sinne des Gemeinwohls die richtigen Schlüsse zu ziehen. Fatalerweise werden die Konsequenzen der heutigen Klimapolitik erst in Jahrzehnten erkennbar, und deshalb sind die herkömmlichen politischen Rezepte noch viel untauglicher.


    Es gilt nicht mehr der Satz: Denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Heute muß es heißen: Sie tun nicht, was sie wissen.
    Robert Jungk

    Und viele sagen auch nicht, was sie wissen. Denn Wissen ist Macht.


    Tell the truth!
    Extinction Rebellion

    Ich widerspreche deshalb Angela Merkel ganz entschieden mit Herbert Wehner.


    Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.
    Herbert Wehner




    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Inhalt

    Inhalt




    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Sind wir noch zu retten?



    Wir alle gefährden heute die Lebensvoraussetzungen der Menschen der Zukunft. Dabei ist die Ablehnung von Klimaschutz besonders ausgeprägt in den älteren Generationen. In unserer Gesellschaft sind die Möglichkeiten von Konsum und Mobilität über die Generationen hinweg immer weiter gewachsen. Der Fortschritt, der bisher die Zukunftschancen der kommenden Generation verbessert hat, wird als göttlicher Segen oder naturgegebenes Verdienst aufgefasst. Die Erkenntnis, dass er zum Fluch geworden ist, setzt sich jetzt viel zu spät durch, um die notwendigen Maßnahmen konfliktarm durchsetzen zu können. Der US-Päsidentschaftskandidat Al Gore nannte seine Filme zum Thema deshalb treffend 2006 "eine unbequeme Wahrheit" und die - leider notwendige - Aktualisierung 2017 "immer noch eine unbequeme Wahrheit".
    Ja, die Wahrheit setzt sich durch, wenn auch verspätet. Doch tut sie es auch viel zu langsam, und erst durch den massiven Druck der Jugendlichen. Sie erklären Biosphären- und Klimaschutz immer lauter zu einer Frage der Generationengerechtigkeit.
    Das umfassende Vernichtungspotential der fossilen Brennstoffe wird mit jedem Jahr erschreckender sichtbar.
    Klimaschutz wird seit den 50er Jahren von der Wissenschaft gefordert, von der Politik zuerst aufgeschoben und dann hartnäckig behindert. Je länger gezögert wurde, desto größer das Konfliktpotential zwischen den Generationen. Erst jetzt bricht er auf:
    Wollen wir die kurzfristige Bewahrung des fossilen Lebensstils für eine Minderheit - um den Preis globaler Megakatastrophen mit Chaos, explosivem Massenaussterben von Arten, unzähligen Flüchtlingen und Toten? Oder entschließen wir uns endlich für die langfristige Bewahrung unserer Lebensgrundlagen?

    So geht es im Klimaschutz nicht weiter. Was in diesem Bereich bisher politisch geleistet wurde, hat den Namen nicht verdient - bis auf wenige Ausnahmen. Frau Merkel selbst bezeichnet im Rückblick ihre Klimapolitik selbst als "Pillepalle". Spätestens seit den Schülerprotesten von Fridays for future ist die Wissenschaft endlich bei den meisten in den Horizont gerückt, wenn auch meist noch nicht in ihrer ganzen Tragweite. Und noch gar nicht bei der Mehrheit der Rechtskonservativen und Libertären, die sich immer noch als Klimaskeptiker und -Relativisten in der Zivilgesellschaft lautstark einmischen.

    Manche Klimaskeptiker verbreiten ihre Thesen bewusst und wider besseren Wissens - weil sie als Profis dafür bezahlt werden oder weil sie es politisch für opportun halten. Sie lügen also, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Innerlich überzeugte Klimaskeptiker dagegen halten daran fest, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: sie bezweifeln noch immer die Zuverlässigkeit von Berechnungen, mit denen die Entwicklung seit Jahrzehnten beeindruckend genau vorhergesagt, aber auch im Nachhinein nachgerechnet werden kann - deren Verlässlichkeit also von der Natur selbst nachgewiesen wurde. Und die mit heutigem Kenntnisstand und Technik immer verlässlicher geworden sind.
    Eine Erwärmung sehen viele Rechtskonservative mittlerweile schon als Bedrohung - allerdings nur für die Entwicklungsländer. Sie meinen, die Industrieländer könnten sich anpassen - und deshalb sei Klimaschutz nicht zwingend notwendig, vor allem, weil er sich gar nicht mehr verhindern lasse. Und das wohlgemerkt, nachdem sie jahr(zehnte)lang gegen die Klimaschutz-Bewegung aktiv waren.
    Hier zeigt sich ein ungeschminkter Sozialdarwinismus, der im krassen Widerspruch zu den wichtigsten moralischen Grundsätzen unserer freiheitlichen christlich-abendländischen Gesellschaft steht. Deren Werte von denselben Rechtskonservativen ständig beschworen werden. (Deren Werte sie durch kulturelle Offenheit bedroht sehen.) In all diesen Fragen stellen sie sich immer deutlicher gegen die Autoritäten der christlichen Kirchen, unter deren Mantel sie sonst gerne schlüpfen.
    [Verknüpfung]
    Immerhin kommen manche von ihnen ins Zweifeln, z.B. wenn sie den Widerspruch zwischen interner und externer Kommunikation beim Ölgiganten Exxon erkennen: im Jahr 1982 haben interne Forschungsergebnisse CO2-Konzentration und Temperatur von 2019 exakt vorhergesagt - die klimaskeptischen Medienkampagnen der Folgejahre sind bekannt:
    Siehe im pdf-Dokument S. 14: [Glaser 1982]
    [Probst 2017]
    [Verknüpfung]
    [CCCC 2019]

    Selbst 2019 haben Ölgesellschaften noch etliche Millionen in Lobbyarbeit gesteckt.

    [Verknüpfung]

    Kommt es dann bei Klimaskeptikern endlich zur Erkenntnis ihrer Lebenslüge (bzw. zum Bekenntnis ihres vermeintlichen Irrtums, bewusste Lügen werden sie selten zugeben), fällt allzu vielen von ihnen nichts Besseres ein als die Kapitulation vor dem Problem: nach ihrem Weltbild ist die Menschheit unfähig, das Problem zu lösen. Sie sehen sich angesichts der notwendigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung vor einem unlösbaren Dilemma: wenn alle Optionen mit potentiellen Nachteilen behaftet sind, entscheiden sie sich für die Bewahrung der Verhältnisse, selbst wenn das den Untergang bedeutet. Leider fordern sie von ihren Zeitgenossen und der Politik das Gleiche, und treten umso vehementer gegen jede Veränderung ein.

    Aufgeben ist immerhin nicht jedes Konservativen Sache. Beispiele sind die republikanischen US-Politiker Bob Inglis, Newt Gingrich, John McCain und - besonders bemerkenswert - der Kommunikations-Stratege Frank Luntz. Der wurde beim Live-Erlebnis eines Waldbrands in Kalifornien vom Profi-Klimaskeptiker zum Klimaschützer. Doch das war, bevor Donald Trump die GOP zur Trump-Partei gleichschaltete. Die gesellschaftliche Spaltung durch quasireligiöse, fortschrittsgläubige konservative Fundamentalisten, die in den USA zur sichtbaren Bedrohung geworden ist, droht mit der AfD auch bei uns, gerade im Fahrwasser der Querdenker-Bewegung gegen Anti-Corona-Maßnahmen.
    Die Mehrzahl der Konservativen bei uns ist Argumenten zugänglich. Ohne Einbeziehung dieser Konservativen ist ein zivilgesellschaftliches Umdenken pro Klimawende nicht zu schaffen. Auf sie kommt es jetzt an.
    [Wikipedia 2020 - Frank Luntz]
    [Yoder 2019]

    Dabei wird die Spaltung oftmals von Populisten herbeigeredet, also durch polarisierende Desinformation verschärft. Gerade das Wieder-In-Gang-Bringen eines respektvollen, konstruktiven Diskurses ist ein wichtiger Schlüssel für die Transformation.
    [Verknüpfung]
    Die gemeinnützige Organisation more in common leistet hier wichtige Analyse- und Aufklärungsarbeit und will den Diskurs in Gang bringen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Bestes Beispiel für die Möglichkeiten dieses Dialogs sind die Ergebnisse von Bürgerräten.
    Dem weniger interessierten Normalbürger, der schon vorher in anderen Politikfeldern seine erlernte Hilflosigkeit ("ich kann ja eh' nichts ausrichten") lange Jahre entwickelt und gepflegt hat, war diese bequeme Haltung bisher willkommene Rechtfertigung für Nichtstun.
    Jede Demokratie gerät durch diese Bequemlichkeit früher oder später in Gefahr - weil Umstände sich ändern und es immer Menschen gibt, die die Umstände auszunutzen wissen. D.h. ihre eigenen Interessen auf Kosten des Gemeinwohls durchsetzen. Solange sie den Passiven den falschen Eindruck von Sicherheit vermitteln, können sie die Demokratie immer weiter unterhöhlen.

    Dabei spielen subtile Kampagnen in (v.a. privaten) Medien, und in "sozialen" Netzwerken eine Rolle, deren Wirkung man nicht hoch genug einschätzen kann. Auch auf eine Aufarbeitung dieser Entwicklungen und einen Wandel der gesamten Medienkultur kommt es jetzt an.

    Kommt es zur Erkenntnis der Unsicherheit, droht durch die Passiven eine neue Gefahr: ihr Fatalismus. "Jetzt ist eh' nichts mehr zu ändern. Jetzt brauchen wir es auch nicht zu versuchen." Aber auch fanatische Klimaskeptiker, die bis zum Schluss keine Einsicht fanden, greifen oft zu dieser bequemen Konsequenz.


    Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
    Bertolt Brecht

    Dazu der PIK-Gründer und Mit-Initiator der Stiftung Generationengerechtigkeit:


    Was die Welt jetzt braucht, ist der Mut und die Hoffnung der Jugend. Lasst Euch nicht täuschen von denen, die Euch einreden wollen, dass die Erde nicht mehr zu retten sei. Denn das sind genau diejenigen, die nie ernsthaft versucht haben, sie zu retten.
    Hans-Joachim Schellnhuber
    [Verknüpfung]
    [Generationenstiftung 2019]

    Selbst in der Corona-Krise, wo die Forderung nach Generationengerechtigkeit in der Richtung "die Jungen für die Alten" unüberhörbar und zu Recht den Diskurs beherrscht, weigern sich konservative Medien beharrlich, in der Klimakrise den logischen Umkehrschluss zu ziehen. Ganz vorn dabei immer die konservative Springer-Zeitung Die Welt unter Chefredakteur Ulf Poschardt, der auch in Talkshows seine streitbaren Thesen mit Nachdruck vertritt. Mit seiner Wutrede über unsoziales Verhalten in der Corona-Krise liefert er eine Steilvolage.

    In Die Welt schreibt Chefredakteur Ulf Poschardt am 19.03. einen denkwürdigen Kommentar über unsoziales Verhalten in der Corona-Krise.
    Zitat:
    Bemerkenswerte Schriften würdigt man mit einem Versatzstück, und so ziehe ich hier meinen Vergleich zur Klima-Krise, frei nach Ulf Poschardt:
    "Das Unvermögen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
    (Immanuel Kant)
    [...] Unsere Gesellschaft tut oft aufgeklärt, ist es aber in weiten Teilen nicht. Die Unmündigen präsentieren sich aktuell in privaten Corona-Partys, gemeinsam abhängend im Englischen Garten, vor Eisdielen in Berliner Trendkiezen. Unsere Gesellschaft tut oft aufgeklärt, ist es aber in weiten Teilen nicht. Die Unmündigen fossilen Reaktionäre präsentieren sich aktuell in privaten Corona-Partys am Ballermann, gemeinsam abhängend im Englischen Garten, vor Eisdielen in Berliner Trendkiezen in der Flughafen-Lounge, auf Kreuzfahrt-Schiffen, beim Fashion- und beim Beauty-Event, beim Drängeln um die besten Schnäppchen beim Black Friday, beim Wettrennen an der Ampel, auf der Autobahn oder gar beim Streetracing.
    Es sind oft junge Menschen, die glauben, dass ihnen das Corona-Virus nichts anhaben kann. Es sind oft junge ältere Menschen, die glauben, dass ihnen das Corona-Virus die Klimakrise nichts anhaben kann.
    Im Supermarkt rücken aber auch Ältere den besorgten Vätern und Müttern auf die Pelle, Im Supermarkt öffentlichen Diskurs rücken aber auch Ältere jüngere Wutbürger den besorgten Vätern und Müttern Klima-Aktivisten auf die Pelle,
    drängeln am Bankautomaten, drängeln am Bankautomaten vertreten klimaskeptische Positionen,
    verweigern sich dem kategorischen Imperativ, einfach mal zu Hause zu bleiben, wenn es irgend geht. verweigern sich dem kategorischen Imperativ, einfach mal zu Hause zu bleiben CO2 zu sparen, wenn es irgend geht.
    Wer seiner tumben Idee von Freiheit in unsozialer Indifferenz die Schwächsten zu opfern bereit ist, hat weniger unser Mitleid als unsere Sanktionen verdient."
    [Verknüpfung]
    Wer seiner tumben Idee von Freiheit in unsozialer Indifferenz die Schwächsten zu opfern bereit ist, hat weniger unser Mitleid als unsere Sanktionen verdient. Noch haben wir die Gelegenheit, einen Konsens für wirksamen Klimaschutz zu erreichen, aber der Fortschritt der Klimakrise lässt diese Chance jeden Tag schwinden.

    An Poschardts Wutrede gegen Corona-Ignoranten ist an sich gar nichts auszusetzen - wenn er die Klimafrage ebenso konsequent im Sinne der Generationengerechtigkeit interpretieren würde. Er tut aber das Gegenteil: als Chefredakteur ließ er in derselben Ausgabe folgenden Kommentar des liberalen Grünen-Politikers Ralf Fücks abdrucken.
    Zitat:

    "Weshalb wir aus der Corona-Not keine ökologische Tugend machen sollten
    [...] Analogie zwischen Corona-Krise und Klimawandel ist unhaltbar
    [...] Angesichts der Pandemie sind wir bereit, uns selbst einzuschränken und massive staatliche Eingriffe in unseren Alltag hinzunehmen – weshalb nicht auch angesichts des Klimawandels?
    Solche Fantasien von einem ökologischen Notstandsregime sind nicht nur zutiefst autoritär. Die Analogie zwischen Corona-Krise und Klimawandel ist auch in der Sache unhaltbar. Eine Virenpandemie ist monokausal. Dagegen ist der Klimawandel eine hochkomplexe Angelegenheit. Er speist sich aus vielen Quellen: Energieproduktion und Verkehr, Landwirtschaft und Industrie, Wohnen und Städtebau. Zu glauben, er ließe sich durch einige grobe ordnungsrechtliche Eingriffe aufhalten, ist bestenfalls naiv."
    [Verknüpfung]

    Gewichtig wird Poschardts Wutrede durch ihren doppelten Verweis auf Kant. Dieses Gewicht könnte sich noch als argumentativer Mühlstein erweisen, denn er ist einer der prominenten Verfechter persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit.

    Poschardt reicht dieses Maß an Widersprüchlichkeit aber noch lange nicht. Neun Monate später drischt er verbal auf die "Klimaradikalen" ein, indem er sie mit den Querdenkern vergleicht: er spricht von "Populismus" und "überheblichem Moralismus". Als gäbe es keine Überheblichkeit der Geldaristokratie (deren Interessen er vertritt), die Regeln nach ihren Interessen zu bestimmen, und damit die Benachteiligten dieser Regeln vom Wohlstand auszuschließen.
    [Poschardt 2020]
    Wenn Neoliberale die wirtschaftliche Freiheit bedroht sehen, sprechen sie gern von falscher Moral. Sobald sie eine Moralkeule sehen, packen sie die Moralismuskeule aus. (Übrigens ist dieser Reflex selbst auch nichts Anderes als Ausdruck einer Moralvorstellung.)
    Manche Philosophen, v.a. in rechtskonservativen Kreisen, sprechen bei den moralischen Ansprüchen der Klimaschützer gar von Hypermoral(ismus) (nach Norbert Gehlen, 1969).
    [Wikipedia 2019 - Moral und Hypermoral]
    [Grau 2017]
    Die Frage ist nur, inwiefern man bei der Forderung der Jugend nach einer Überlebenschance von Hypermoral sprechen kann. Es ist eine totale Ignoranz der Prinzipien humanistischer Ethik, wenn das Zerstören natürlicher Ressourcen ohne Not im Namen der persönlichen Freiheit akzeptiert, toleriert oder gar wie häufig sogar gefördert wird.
    [Stein 2019]
    Der US-Präsident Biden spricht am Earth Day 22.04.2021 von einer moralischen Verpflichtung zum Klimaschutz. Ich hätte gerne ein Statement dazu von Armin Laschet, Olaf Scholz und v.a. von Christian Lindner oder gar Jörg Meuthen gehört.
    [Verknüpfung]

    Als Rechtfertigung für ihre klimaschädliche Politik tragen Konservative ihr jahrzehntealtes Narrativ von der Unmöglichkeit dieses Unterfangens vor, einem Dilemma zwischen Müssen und Nicht-Können, Liberale ihr Lamento vom Verlust der Freiheit.
    Besonders der kategorische Imperativ wird hier noch öfter interpretiert werden. Er wird oft mit den folgenden Sinnsprüchen wiedergegeben (auch wenn man diese bei Kant nicht findet, und ihre Ursprünge wohl vor Kant liegen):


    Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des anderen anfängt.

    Oder noch treffender:


    Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Recht des anderen anfängt.

    Im Original schrieb Kant:


    Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann. [...]
    Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann.
    Immanuel Kant
    [Kant 1797]

    Womit wir bei der Verantwortung des Gesetzgebers wären. Das ist nicht mehr wie zu Kants Zeiten im Heiligen Römischen Reich der Adel, sondern vom Souverän (= uns BürgerInnen) gewählte Parlamente.
    Weil der Gesetzgeber diesen Grundsatz beim Klimagesetz 2019 verletzt hat, musste das Bundesverfassungsgericht ihn darauf hinweisen. Wenn man den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik bedenkt, ist es zwar nicht verwunderlich, aber dennoch höchst skandalös und ein Grund, über die Bedingungen der politischen Entscheidungsfindung nachzudenken. Wenigstens sind die Gerichte noch unabhängig. In den USA und Polen ist das in Folge rechtskonservativer Politik nicht mehr der Fall.

    Hans Jonas erweitert Kants Gebot 1979 in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" in der zeitlichen Dimension und formuliert so den ökologischen Imperativ:


    Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.
    Hans Jonas

    [Wikipedia 2020 - Das Prinzip Verantwortung]

    Jonas unterscheidet verschiedene Reichweiten unserer Verantwortung:

    Objekt der Verantwortungd.h. (bzw. Beispiel)Verantwortungsbegriff nach Reichweite
    ichnur mir selbstEgoismus
    mir und meinem direkten UmfeldFamilie, Freunde, Verwandteschwacher Egoismus
    mir und meinem weiteren sozialen Umfeldmeiner Region, meiner Nation, meinem KontinentRegionalismus, Nationalismus, Eurozentrismus
    allen, auch mirallen Menschen der ErdeHumanismus
    Menschheitallen, auch in der Zukunft lebenden Menschenidealer Humanismus
    [Verknüpfung]

    Hans Jonas' philosophische Idee vom (idealen) Humanismus wird von der Klimapsychologie aufgegriffen. Gerhard Reese entwirft transformative Entwicklungs-Strategien: von der individuellen zur kollektiven Verantwortung, von der individuellen zur Gruppen- und globalen Identität.
    Wenn wir wie bisher die Folgen unserers Handelns nur in unserem unmittelbaren individuellen Umfeld fokussieren, und die Wirksamkeit von umweltfreundlichem Verhalten nicht positiv erfahren, wird es nur schwer Akzeptanz für Klimaschutz-Maßnahmen geben. Er fordert ein System, das Anreize für positives Verhalten schafft.
    [Verknüpfung]

    Die deutschen Parteien (mit Ausnahme der AfD) bekennen sich zwar seit Jahrzehnten zum Klimaschutz: Christdemokraten betonen in christlich-konservativer Tradition das Motiv von der "Bewahrung der Schöpfung" und erfanden in den 80er Jahren (als es noch eine Christliche Arbeitnehmerbewegung gab) den Begriff der "ökologisch-sozialen Marktwirtschaft", den vor der Jahrtausenwende dann die (oppositionellen) Sozialdemokraten übernahmen, die sich am Gemeinwohl nach Aristoteles orientierten.
    [Wikipedia 2021 - Ökosoziale Marktwirtschaft - Geschichte]
    Unter Rot-Grün konnte die SPD zumindest den ökologischen Aspekt mit EEG und Atomausstieg mit umsetzen. Der neoliberale Kanzler Schröder setzte dafür seine Sozialpolitik Agenda 2010 durch, die die Sozialdemokratie spaltete und Angela Merkel 16 Jahre Kanzlerschaft unter stabilem Wachstum ermöglichte - bis Corona kam. Merkel versuchte sich mit den Koalitionspartnern FDP und SPD an einem Stop des Atomausstiegs, was aber durch Fukushima verhindert wurde, und brachte mit den Wirtschaftsministern Gabriel (SPD), v.a. aber Rösler (FDP) und Altmaier (CDU) die Energiewende zum Beinahe-Stillstand.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Ihre Maßnahmen für Klimaschutz bis 2019 hat die Kanzlerin (wie die ihrer Vorgänger) selbst als unzureichend erkannt. Merkel sprach von "Pillepalle" im Klimaschutz.
    [Verknüpfung]
    Nach den epochalen Jugendprotesten für Klimaschutz im Sommer 2019 hat die GroKo im Herbst nach nur 20 Stunden Verhandlung ein erstes "Klimapaket" mit einer CO2-Steuer von 10€ pro Tonne vorgelegt - über das jedoch viele Fachleute entsetzt und die Klimaschutz-Aktiven empört sind.
    [Verknüpfung]
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    Schon vor einer ganzen Generation wäre das nur ein sehr zaghafter Ansatz gewesen - Schweden stieg 1991 erfolgreich vom Start weg mit der dreifachen CO2-Steuer ein und ist heute beim mehr als zehnfachen Wert - die schwedische Wirtschaft ist nicht daran zugrunde gegangen. Der ursprüngliche Preis von 10€ pro Tonne, der zudem erst ab 2021 greift, wäre nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein gewesen, immerhin wurde er kurz danach auf 20 und dann 25€ korrigiert (was allerdings immer noch weit von den meisten Expertenempfehlungen entfernt ist).
    Das Kohle-"Ausstiegs"-Gesetz kommt bei den Experten auch nicht besser weg. Die Kostenvorteile der Erneuerbaren machen den Betrieb bis 2038 zum absehbaren Zuschussgeschäft, und dennoch wird die Abschaltung zur ordnungspolitischen Zwangsmaßnahme erklärt und deshalb gekrönt mit hohen Entschädigungen. Den 4,35 Milliarden Euro liegen v.a. der Energiecharta-Vertrag zugrunde, der vom EuGH 2021 als rechtswidrig eingestuft wurde. Damit sind auch andere europäische Entschädigungsvereinbarungen für Fossilinvestoren hinfällig.
    [Verknüpfung]

    Außerdem hat die CDU in Koalition mit FDP und SPD seit 2012 die Energiekehrtwende betrieben und 2020 vollendet: der Ausbau von Windenergie ist 2019 fast komplett zum Erliegen gekommen, der von PV stark zurückgegangen und droht mit dem Photovoltaik-Deckel ebenfalls - auf Null zu sinken. Die zur Sektorenkopplung mit P2G notwendigen Gaskraftwerke wurden zugunsten der CO2-intensiven Kohlekraftwerke abgeschaltet. Die Kohlekommission hat zwar einen Ausstieg bis 2038 beschlossen, doch Uniper bekam im Herbst 2019 noch ein neues Kohlekraftwerk genehmigt, die Gesetzesentwürfe sehen bisher keine Zwangsabschaltungen vor, und sowohl PV-Deckel als auch Abstandsregelung halten Investitoren von Sonnen- und Windkraft ab (Stand April 2020); derweil stellt CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem wichtigen November-Parteitag eine weitere Unterstützung der Verbrenner-Industrie in Aussicht (Stand November 2019).
    Merkels wichtigster Fachpolitiker Peter Altmaier gesteht nach einem Eigenlob seiner Politik im Januar dann nur wenige Monate später: "Ich gebe allerdings zu, dass wir in den letzten Jahren auch Fehler gemacht und zu spät gehandelt haben. [...] In den nächsten Monaten müssen wir dafür sorgen, dass der Weg zur einer CO2-Neutralität unumkehrbar wird." Er spricht von "enormem Nachholbedarf". Nach Merkels "Pillepalle" 2019 möglicherweise eine weitere Beschwichtigung der Art, mit der die Umweltbewegung seit Jahrzehnten hingehalten wird.

    Die größte Finanzblase aller Zeiten, die Carbon Bubble, muss in Rekordtempo abgebaut werden, wenn sie nicht platzen soll. Nach Joe Bidens Wahlsieg in den USA ist diese Option wahrscheinlicher geworden. Umso schwerer ist zu verstehen, dass Deutschland sich mit Unterstützung für Biden noch auffällig zurückhält. Altmaiers Zusage an Trump zum Import von US-Fracking-Gas kam dagegen auffallend zügig, so wie die Planungen der Terminals in Rekordzeit voranschritten.
    Man darf deshalb dies- und jenseits des Atlantiks gespannt sein, welche Lobby gewinnt - die fossile Reaktion oder die immer progressiver auftretende Finanzwelt der sogenannten Green Economy, die mit Wachstum durch CO2-neutrale Innovationen das Klima retten will. Aber auch mit einer unkontrollierten Green Economy droht die nächste Katastrophe für die Biosphäre: wenn dieselben Leute, die uns in die Krise geführt haben, allein die Regeln bestimmen, wird möglicherweise die Welt weiter zugrunde gerichtet, jetzt eben mit Unmengen erneuerbarer Energie und hunderten Millionen neuer Elektroautos.
    Und dabei ist nicht einmal das Klimaziel sicher: Experten äußern Zweifel, dass die Net-Zero-Strategie ernst gemeint ist. Das Einrechnen zukünftiger Negativ-Emissionen in die CO2-Budgets ist nach ihrer Darstellung ein Märchen. Sie haben gewichtige Argumente.


    Die derzeitige Net-Zero-Strategie wird die Erwärmung nicht auf 1,5 °C begrenzen. [... Sie] wird immer noch davon getrieben, möglichst alles so weiterlaufen zu lassen wie bisher - und nicht davon, das Klima zu schützen.
    James Dyke, Robert Watson und Wolfgang Knorr
    [Verknüpfung]

    Deutschland muss Netto-Null-Emission bis 2035 anstreben, nicht für 2050 - sonst ist das 2°-Ziel nicht zu halten, geschweige denn 1,5°, so einer von Deutschlands Top-Klimaforschern Stefan Rahmstorf.
    [Verknüpfung]
    Es ist lange prognostiziert und mittlerweile absehbar, dass wir viel zu lange die Emissionen weiter betrieben haben. Jeder nur denkbare Energie-Überschuss muss nun in die Sequestrierung (Negativ-Emissionen) von CO2 gesteckt werden. Doch das ist noch längst nicht bei allen angekommen.

    In der CDU bestimmen Fossil-Lobbyisten seit Jahrzehnten die Politik. 2021 werden Korruptions-Skandale publik und manche Protagonisten wie Joachim Pfeiffer sind zum Rückzug aus der Bundespolitik gezwungen. Gleichzeitig gründet sich eine notariell bestätigte Parteigruppierung Klima-Union, die ihre Mitglieder teils sogar von den Grünen rekrutiert. In Baden-Württemberg begrüßt der CDU-Landesvorsitzende Strobl die neue grün-schwarze Koalition mit den Worten: "Beim Klimaschutz haben die Grünen bei uns offene Türen eingerannt".
    [Verknüpfung]
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    Schaut man sich die Verlautbarungen der Klima-Union genauer an, wird deutlich, dass hier Konservative agieren, die an Änderungen nicht interessiert sind, und erst recht nicht gewillt, den Menschen die Wahrheit zu sagen: dass sie von ihrer bedingungslosen Anspruchshaltung gegenüber ihrer Mit-Welt endlich den gehörigen Abstand nehmen müssen. Stattdessen propagieren sie - wie Meadows es vorhergesagt hat - die Lösung der Probleme durch Innovation; Zitate aus einem Interview der NZZ mit einigen Klima-Unions-GründerInnen.


    Die Union hat schon viele Programme mit auf den Weg gebracht. Die Energiewende ist vor allem auf Angela Merkel zurückzuführen. 2019 wurde das Klimaschutzgesetz verabschiedet. Wir sind an dem Thema dran, aber es ist wichtig, dass wir das ehrgeiziger verfolgen. Der Ansatz vieler Klimaaktivisten, auch jener von Fridays for Future, hat bei den Menschen Sorgen ausgelöst. Sie sagen, man dürfe jetzt nicht mehr fliegen und kein Fleisch mehr essen. Das ist nicht das, was wir wollen. Wir stehen für eine Klimapolitik, die dafür sorgt, dass man den Lebensstandard hält und weiterhin in den Urlaub fliegen kann. [...] Man kann den Klimaschutz verstanden haben, aber sich trotzdem noch ins Flugzeug setzen.
    Wiebke Winter
    [Verknüpfung]

    Der Versuch, Unionspolitiker für Klimaschutz zu gewinnen, ist natürlich aller Ehren wert und höchst anspruchsvoll. Aber dabei die Fakten derart zu verbiegen, um keine fossilökonomistischen ParteikollegInnen zu verprellen, ist keine gute Basis für wirksame Klimapolitik. Wenn selbst Angela Merkel bei der bisherigen Klimapolitik - die ja maßgeblich von ihr gestaltet wurde - von "Pillepalle" spricht, dann ist diese Darstellung weniger der Versuch einer innerparteilichen Wende, als eher eine captatio benevolentiae, adressiert an die etablierten Parteigrößen. Der Vorwurf, dass die Ambitionen des Klimagesetzes nicht ausreichen, wurde schon drei Wochen nach dem NZZ-Artikel höchstrichterlich bestätigt.

    Weil die Politik versagt hat und die Weichen nicht rechtzeitig zu stellen vermocht hat, wirft im Corona-Herbst 2020 eine überstürzte Kapitalflucht aus der Fossilwirtschaft ihre Schatten voraus. Man sagt "Geld ist ein scheues Reh" - im Frühjahr 2021 kommt es zu Ereignissen, die diesen Instinkt der Investoren als Fluchtursache nahelegt.
    [Verknüpfung]

    Die Orientierung an fachwissenschaftlicher Expertise muss endlich - wie bei Corona - auch in allen Nachhaltigkeitsfragen verstetigt werden. Und vor allem muss die dringende Notwendigkeit des Fossilausstiegs, die den Investoren klar ist, auch bei den WählerInnen transparent gemacht werden.
    [Verknüpfung]

    Allzu viele Konservative zweifelten Jahrzehnte (manche bis heute) an der Klimawissenschaft, zweifeln immer noch an der Konkurrenzfähigkeit postfossiler Wirtschaftsformen - beklagen aber gleichzeitig pauschal eine Wissenschaftsferne der Klimaschützer.
    Zitat:

    "Man kann es konsequent oder kurios finden, dass eine von einer Physikerin geführte Koalition Maßnahmen beschließt, die auf vielen noch nicht erfolgten wissenschaftlichen Innovationen beruhen."
    [Vitzthum 2019]

    Vizthum tut so, als könnte man nicht das vorhandene System sukzessive umbauen, als sollte plötzlich ein Schalter umgelegt werden. So, als wäre ein Netz aus Erneuerbaren Energien mit dem konventionellen System nicht kompatibel. So, als wären hochrentable Windräder, PV-Module oder Akkuspeicher nicht längst erfolgreich am Markt. So als wäre - auch in Deutschland - in den letzten Jahren mit der P2X-Technologie nicht endlich der Schlussstein der Energiewende-Technologie (fast ein Jahrhundert nach der Erfindung von SOC-Brennstoffzelle und Fischer-Tropsch-Synthese) zu Ende entwickelt worden. Alles, was an Instituten Rang und Namen hat, war an dem Mega-Forschungs-Projekt P2X beteiligt.
    [Leitner 2018]
    [BMWi 2019-3]

    Gegner der postfossilen Techniken stellen dagegen die plötzliche Rettung durch Innovationen in Aussicht, an deren Entwicklung man jedoch teilweise schon seit Jahrzehnten arbeitet, und von denen keiner sicher sagen kann, wann sie risikolos und v.a. konkurrenzfähig genutzt werden können.
    Ob dieser Optimismus als Utopismus bezeichnet werden kann, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht auch, ob es sich um politisch motivierten Zweck-Optimismus handelt.
    Innovation wäre angesichts der beschleunigten Klimakrise tatsächlich der letzte Strohhalm jenseits der Deindustrialisierung, an den wir uns klammern könnten - lägen die Alternativen nicht längst fertig entwickelt auf dem Tisch. Und das, obwohl sie von Liberalen und Konservativen lange genug behindert worden sind. Auf den internationalen Märkten haben sie ernstzunehmenden Erfolg. Es fällt jedoch auf, dass sich bei uns plötzlich viele Menschen empört zu Umwelt- und Menschenrechts-Themen äußern - aber bezeichnenderweise nur dann, wenn es um Elektroautos, Windräder und Solarzellen geht. Über unzählige andere anthropogene Probleme, die teilweise seit Jahrzehnten echte Katastrophen verursachen, konnten und können sie bis heute entspannt hinwegsehen. Mit einem ernsthaften Lieferkettengesetz ließen sich all diese Missstände beheben - aber für eine wirksame Lösung gibt es noch nicht genug politischen Druck.
    Bis 2020 war noch festzustellen, dass die Zivilgesellschaft in der Klimafrage mehrheitlich beruhigt war und weiterhin den Weg in die Katastrophe mitging. Den Umfragen nach der Kanzler-Kandidaten-Kür der CDU im Frühjahr 2021 zu urteilen ist das mittlerweile gar nicht mehr so sicher. Der dritte Dürresommer in Folge hatte Waldschäden verursacht, die nicht mehr zu übersehen waren. Und das Thema Waldsterben war auch der Auslöser der letzten großen deutschen Umweltbewegung der 80er Jahre. Vor den Wahlen herrscht in den Klimapolitik-Abteilungen der Parteien und PR-Agenturen hektische Betriebsamkeit.

    Die gute Nachicht: währenddessen treibt die restliche Welt die Energie- und Mobilitätswende in Forschung, Entwicklung und Praxis immer schneller voran, auch in Entwicklungsländern. Weil die Erneuerbaren billiger geworden sind als die fossilen Energieträger, und weil unkalkulierbare Entschädigungsforderungen zu erwarten sind, warnen immer mehr Ökonomen vor der Energie- und Mobilitäts-Disruption: Deutschland droht - mit Russland und den USA - den Anschluss zu verlieren; sogar die Ölscheichs setzen auf PV:
    [Mrasek 2019]









    ... und tut nicht so, als gäb's kein Morgen!

    Mein Motiv als Lehrer von Naturwissenschaften



    Als Biologie- und Chemielehrer gehörte für mich das Klimathema von Anfang an zu den zentralen Zeitfragen im Fachunterricht. Motiviert durch jahrelange Auseinandersetzung mit klimaskeptischen Kollegen, die auch im Internet aktiv waren, habe ich 2007 an dieser Stelle bereits eine Seite eingestellt, die sich kritisch mit den längst widerlegten Thesen der Klimaskeptiker auseinandersetzt.
    [Thielen-Redlich 2019]
    Dort kann man viele klimaskeptische Thesen finden, die ich jeweils den Aussagen der Klimaforschung gegenübergestellt habe. Zu beiden Seiten habe ich Medien und Quellen zusammengestellt. Da ich jedoch in letzter Zeit wenig Aufwand für die Aktualisierung dieser Seite betreiben konnte, empfehle ich die Seite bei klimafakten.de, diese setzt sich ebenfalls mit Klimaskepsis kritisch auseinander. Zwar fehlen die Materialien der Klimaskeptiker, dafür sind die Fakten sehr gut verständlich auf den Punkt gebracht und mit durchgehend zuverlässigen Quellen belegt.
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    In aller Kürze erklärt Karsten Schwanke den Stand der Wissenschaft über die verschiedenen diskutierten Klima-Einflüsse mit Diagrammen:
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    Klimaskeptiker berufen sich auf den wissenschaftlichen Grundsatz der Skepsis: solange ernste Zweifel bestehen, gilt Wissen nicht als gesichert. Nur sind ihre Zweifel nicht ernst zu nehmen, weil fachwissenschaftlich zigfach widerlegt, weshalb die Theorie der anthropogenen Erwärmung ja auch Lehrmeinung ist.
    Nun sind die klimawissenschaftlichen Fakten für das bestehende politisch-gesellschaftliche System politisch höchst unangenehm, und die nicht aufgeklärten (also im historischen Sinne reaktionären) Mitbürger können die wirklichen Sachargumente entweder nicht nachvollziehen; oder sie könnten es, aber wollen sich lieber nicht damit beschäftigen.
    Allein schon deshalb, weil sich ihre soziale Gruppenzugehörigkeit auch über eine offensive Klimaskepsis definiert - man spricht hier von Clandenken, das bei den Anhängern der US-Republikaner, der AfD oder der Werte-Union besonders ausgeprägt ist. Entsprechend selten findet man dort Menschen, die sich wirksam für Umwelt-, Minderheiten- und Klimaschutz einsetzen.
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    Das soll zwar nicht heißen, dass es nicht auch in Teilen der Umweltbewegung ein ideologisiertes Clandenken gegen Geldmacht und davon korrumpierte staatliche Institutionen gibt. Das soll aber auch nicht heißen, dass eine fundamentale Kritik am Geldsystem nicht angebracht ist - im Gegenteil. Ein Großteil der Ökonomen fordert einen ökonomischen Paradigmenwechsel.

    Im Clan der Klimaskeptiker jedenfalls nimmt man bis heute leichthin für sich in Anspruch, die Sicht auf den Klimawandel zu einer beliebigen Meinungsfrage herabsetzen zu können. Und dann schlagen sie die Aufklärung mit deren eigener Waffe:


    Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, daß Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.
    wird verschiedenen Autoren zugeschrieben, u.a. René Descartes und Voltaire

    In gleicher Weise missbrauchen Populisten die in der Aufklärung erkämpfte Freiheit der Meinung für die bewusste Behauptung falscher Tatsachen, von denen Klimaskepsis nur eine von vielen ist (Trumps Beraterin Kelly-Anne Conway spricht von "alternative facts"), die mitunter schon von Staatsanwälten als Betrug aufgefasst wird. Alle anderslautenden Darstellungen werden von Populisten als "fake news" bezeichnet - bei der AfD lautet der Terminus wie in Nazi-Deutschland "Lügenpresse".
    Der größte überführte Lügner der politischen Geschichte Donald Trump erklärt 2021 in einem Interview mit Vanity Fair damit, für politische Zwecke Desinformation verbreitet zu haben - um Optimismus zu verbreiten.
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    Ein bezeichnendes Beispiel aus Deutschland ist die Reaktion einer Reihe von Klimaskeptikern auf eine Literaturrecherche des UBA 2013. Sie gerierten sich als Opfer einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, Henryk Broder sprach von Reichskulturkammer und DDR-Regime.
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    Der mittlerweile aus der SPD ausgeschlossene neurechte Politiker Thilo Sarrazin präsentiert sich während der Corona-Krise in einem Youtube-Video als Opfer einer vorgeblichen Meinungsdiktatur mit einer Guillotine im Hintergrund.
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    Den Mythos der Populisten, Opfer einer Meinungsdiktatur zu sein, beleuchtet Matthias Lore in die Zeit.
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    Damit sind viele Corona- und praktisch alle Klimaskeptiker in konsequenter Tradition der politischen Reaktion, die schon viele liberale Systeme durch die ihr eigene Achillesferse zerstört hat: durch Berufung auf die Freiheit. Liberale Gesellschaften haben es per definitionem besonders schwer, sich in Krisen gegen rechtskonservative, antiliberale Tendenzen zu verteidigen - wie man am Beispiel der Weimarer Republik, Russland, Ungarn, Polen, Türkei, Brasilien, USA und Brexit sehen kann.


    So schön die Vorstellung einer Anhöhe des Denkens als heiliger Boden auch ist, auf dem sich alle in friedlicher Absicht zum Gesprächsaustausch treffen, um gestärkt und gereinigt aus der Begegnung hervorzugehen: Philosophie in unserem Jahrhundert ist Aufklärung ohne den Glauben an die Unschuld des Denkens.
    Bettina Stagneth
    [Verknüpfung]

    Haben die reaktionären Kräfte einmal die Oberhand, ist es vorbei mit Freiheit von Wissenschaft und Lehre, aber auch der Kunst. Unter reaktionären Politikern wie Putin, Trump und Bolsonaro kann man sehen, was mit Wissenschaftlern und Aktivisten passiert, deren Aussagen über Klimawandel, Minderheiten- und Artenschutz unerwünscht sind. Das geht von Zensur des Begriffs Klimawandel in der US-Umweltbehörde EPA unter Trump, über Drohungen aus dem rechten Mob an Andersdenkende, bis hin zu Morden an UmweltaktivistInnen, vornehmlich Indigenen in Lateinamerika, Afrika und Südostasien.

    Das massive Aufkommen rechtskonservativer Regierungen durch Unterstützung "sozialer" Netzwerke des US-Unternehmers Mark Zuckerberg zeigt die Grenzen allzu großer Wirtschafts-Liberalität. Die Bildung der Massen durch Medien und Schulen kommt im "schlanken Staat" eines Milton Friedman zu kurz: Benachteiligung des öffentlich-rechtlichen gegenüber dem Privatfernsehen, Wildwuchs der digitalen Medien und Zwei-Klassen-Bildungssysteme, die zunehmend der Bereitstellung unkritischer humaner Ressourcen für den Wirtschaftsbetrieb dienen, lassen die Urteilsfähigkeit zunehmend erodieren. Machtmissbrauch führt zu Ungerechtigkeiten, die von Populisten zunehmend demokratiefeindlich gedeutet werden und so verlieren die Wähler immer mehr das Vertrauen in den demokratischen Staat. Unabhängige und öffentlich-rechtliche Medien, die die Missstände aufklären, werden von Rechtskonservativen diskreditiert.
    Die Verursacher der Ungerechtigkeiten stehen oft genug hinter den rechten Populisten, die das Ende der Ungerechtigkeit versprechen. Die NSDAP wurde finanziert von der Adolf-Hitler-Spende der Deutschen Wirtschaft, die Aufrüstung (praktisch die ganze deutsche Volkswirtschaft) finanziert über die Mefo-Wechsel, Kriegsanleihen der Industrie. Die AfD gründete sich als rechte wirtschaftsliberale Partei. Donald Trump ist finanziert von libertären US-Milliardären und russischen Oligarchen.
    Die frühen Sozialdemokraten prägten den Wahlspruch "Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber."
    [Verknüpfung]
    Darstellungen der Einflussnahme des Hauses Hohenzollern werden von den Nachfahren seit Jahren mit großem Aufwand gerichtlich angefochten. Es geht dabei um ihren Anspruch auf Entschädigungen, der für diejenigen Enteigneten nicht besteht, die dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus erheblichen Vorschub geleistet haben. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands sammeln die Klagen in einer Datenbank.
    [Verknüpfung]


    War against a foreign country only happens when the moneyed classes think they are going to profit from it.
    George Orwell
    [Wikiquote 2021 - George Orwell]

    Sobald ein kritischer Anteil der Bevölkerung gewonnen ist, steigern Rechtsextreme ihre Erzählungen vom Tatsachenleugnen hin zu Verschwörungsmythen: für die Krisen werden alle möglichen Minderheiten und Progressive beschuldigt, nur nicht die herrschenden konservativen Kräfte des Industriekapitalismus, und zuallerletzt der eigene Clan.
    [Verknüpfung]
    Bei der QAnon-Verschwörungstheorie aus den USA, die neuerdings auch in Deutschland um sich greift, werden selbst mittelalterliche antisemitische Erzählungen von Kindsmord aufgegiffen.
    Die Corona-Krise zeigt, wie schnell das fragile globale Wirtschaftssystem zu Massenelend führen kann. Spätestens am 6. Januar zeigt sich beim Sturm auf das Washingtoner Kapitol, wie angreifbar die wirtschafts-liberalen Demokratien verfasst sind.
    Um der nationalistischen Reaktion vorzubeugen, wurde dem deutschen Grundgesetz ein Schutz eingebaut, der die Demokratie "wehrhaft" machen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung vor Zerstörung schützen soll. Damit sind wir gegenüber anderen Staaten noch privilegiert. Doch auch unsere Verfassung wurde und wird nur von Menschen gemacht und interpretiert.
    Es steht zu befürchten, dass wehrhafte Demokratien in der Klimakatastrophe gezwungen sein werden, gegen Corona- und Klimaskepsis ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wie heute gegen rechtsextreme Volksverhetzung.

    Es gibt viele historische Beispiele von Gesellschaften, deren stures Festhalten an tradierten, aber überholten Strukturen zugrunde gingen - weil sie sich der Auseinandersetzung mit der Realität verweigerten, um die fragile gesellschaftliche Stabilität nicht zu gefährden. Vordenker wie Horaz und Kant sind bekannt für ihre Fähigkeit, das nötige gesellschaftliche Umdenken auszulösen:


    Sapere aude!
    Quintus Horatius Flaccus
    Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen
    Immanuel Kant

    Ein Kernproblem ist also die mangelnde wissenschaftliche Kompetenz der Bevölkerung. Meine Vorstellung war zunächst, dass der naturwissenschaftliche Bildungsauftrag sich darauf beschränkt, in der Klima-Diskussion die wissenschaftlichen Fakten (im Widerspruch zu den Behauptungen der Klimaskeptiker) objektiv darzustellen, um so die Dringlichkeit des Klimaschutzes zu begründen.


    Um Menschen, um tugendhafte Staatsbürger zu bilden, muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernünftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.
    Paul Henry Thiry d'Holbach

    [Verknüpfung]

    Bis heute hat die naturwissenschaftliche Bildung in diesem entscheidenden Punkt genauso versagt wie der Journalismus und die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung, die im Interese ihrer Klientel in weiten Teilen Desinformation nicht nur zulässt, sondern sogar selbst betreibt.
    Es wird immer deutlicher, dass Desinformation eine Quelle massiver existentieller Gefahr darstellt, man hat es an der Propaganda des Dritten Reichs, der Tea-Party-Bewegung in den USA und den Verschwörungstheoretikern bei uns bereits gesehen. Ich frage mich, warum wir in Deutschland immer noch nichts dagegen unternehmen. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass Desinformation immer noch für bestimmte Ziele als nützlich empfunden wird.

    Ähnlich wie man Reihen von CDU-Innenministern die jahrelange Bagatellisierung und Duldung von Rechtsextremismus vorwerfen kann, wobei man über das Motiv nur spekulieren kann. Denkbares Kalkül wäre das Schaffen einer Drohkulisse, die dem gemäßigten Wähler die Notwendigkeit konservativer Politik vor Augen führen soll, sinngemäß - "seht her: wenn wir keine konservative Politik machen, kommen die Autoritären und fordern sie ein." Das lässt sich freilich nicht belegen.
    In der Frage nach der Windkraft-Politik wird jedenfalls dem Bundeswirtschaftsminister Altmaier die Unterstützung einer Anti-Windkraft-Bewegung vorgeworfen, die sich nach Recherchen von energiewende.eu größer darstellt, als sie ist.
    Diese Strategie ist ein Spiel mit dem Feuer. Das zeigt sich gerade in den USA, wo die Energiewende möglicherweise dadurch verhindert wird, dass Joe Biden nicht genügend stabile Mehrheiten zustande bekommt - weil immer noch Klimaskeptiker in der Debatte mitmischen. Auch bei uns wäre in einer Eskalation der Corona-Krise nicht sicher, ob die Stimmung pro Regierungspolitik so stabil bleiben würde - angesichts grassierender Desinformation in den "sozialen" Medien. Bis heute wurde kaum etwas dagegen unternommen.

    In Frankreich jedenfalls wird - gemäß EU-Richtlinien aus 2018 - nach einem Gesetz gegen Desinformation auch eine Behörde geschaffen, die solche Fälle behandelt.
    [Verknüpfung]
    Während bei uns mindestens einmal der Föderalismus und seine üblichen behördenrechtlichen Probleme dem im Wege stehen.
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    Ob es auch daran liegt, dass in Frankreich schon vor 200 Jahren die Trennung von Kirche und Staat vollzogen wurde, dass Politik in einem säkularen Staat einfach aufgeklärter ist? Oder dass in Nazi-Deutschland eine ganze Generation Intellektueller zum Schweigen gebracht wurde, durch Mord oder Vertreibung ins Exil?

    Wer zudem (wie ich selbst) erwartet hat, die Bestätigung der naturwissenschaftlichen Vorhersagen durch die Naturphänomene selbst würde die längst überfälligen politischen Folgen haben, sah sich bitter getäuscht. Der Klimaskepsis folgte nicht etwa das konstruktive Angebot zur gemeinsamen Bewältigung der Krise. Stattdessen kam der Klimarelativismus, und diesem folgte die Pauschalkritik an allen Maßnahmen des Klimaschutzes, und diesem folgt bei einigen bereits absehbar die Kapitulation. Nicht nur das: im Windschatten von Corona blüht bei den Anhängern der Verschwörungsmythen auch wieder die Klimaskepsis: Punkte, die man längst ausdiskutiert wähnte, werden wieder und wieder vorgebracht, z.B. die Hockey-Stick-Debatte.

    Nach den ersten öffentlichen Warnungen 1957 fanden die ersten klimapolitischen Diskussionen 1965 in den USA statt, und kein anderer als der Präsident selbst veröffentlichte die mahnenden Ergebnisse der Expertenkommission.
    Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, in denen die angekündigte Entwicklung ungebremst stattgefunden hat. Der Klimawandel hat sich langsam zu einer sichtbaren, massiven Krise ausgewachsen. Doch während selbst in der Finanzwelt die Alarmglocken schrillen, zeigt sich die Politik immer noch nicht unfähig für die immer dringender nötigen Einschnitte in die Fossilwirtschaft. Große Teile der Gesellschaft fürchten, abgehängt zu werden, und Profiteure des fossilen Systems schüren diese Angst.

    Es ist deshalb höchste Zeit, sich mit den Hintergründen unserer gesellschaftlichen Entwicklung und den Argumenten der Kräfte auseinanderzusetzen, die die Politik des ungebremsten Weiter-So, in Richtung Klimakatastrophe und Massenaussterben, bestimmen und wirksamen Klimaschutz verhindern.


    Die Öffentlichkeit muss und kann dann hoffentlich auch akzeptieren, dass die Wissenschaft das beste Werkzeug ist, das die Menschheit überhaupt hat, um sich zukünftigen Gefahren zu stellen. Was wir brauchen, ist eine Diskussion darüber, welche Risiken wir wirklich eingehen wollen. Im besten Fall werden wir bemerken, dass es sich auch wunderbar leben lässt in einer Welt, die eben nicht den Pfad des größten Risikos geht und in der nicht das Prinzip Hoffnung herrscht, nach dem es schon nicht so schlimm kommen wird, weil die Wissenschaft es ja nicht so genau weiß.
    Jörg Phil Friedrich
    [Verknüpfung]

    Also mit einer Politik wie sie Hans Jonas forderte: nicht nach Ernst Blochs Ideologie vom Prinzip Hoffnung, sondern nach dem Prinzip Verantwortung.

    Leider drängt die Zeit extrem. Deshalb ist es mir lieber, dieses Manuskript jetzt endlich halbfertig zu veröffentlichen, als noch weiter damit zu warten. Ich bitte deshalb um Verständnis, dass manche Sachverhalte noch in Stichworten formuliert sind, Redundanzen und Rechtschreibfehler vorkommen, und längst nicht alle Internet-Ressourcen bibliographisch im Quellenverzeichnis aufgelistet sind, sondern viele nur im Seitentext mit dem einfachen Hinweis "Verknüpfung".





    Inhalt

    Seit über 150 Jahren ist wissenschaftlich belegt, dass CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe das Klima erwärmen können, seit 60 Jahren kennt man die voraussichtliche Entwicklung ungefähr und seit 40 Jahren ziemlich genau. Dennoch führten nahezu 100% aller politischen Entscheidungen im Bereich Wirtschafts- und Klimapolitik seitdem zu einem immer schneller steigenden Konsum fossiler Rohstoffe. Unübersehbar ist die Verseuchung der Welt mit Kunststoff-Produkten, die langsam in immer kleinere Partikel zerfallen, deren ökotoxische Wirkung noch nicht sehr weit erforscht ist. Doch selbst dieser sichtbare Missstand musste bis zur Krise heranwachsen, bis ein zaghaftes politisches Umdenken einsetzte.
    Umso schwerer tut sich die Menschheit mit dem farb- und geruchlosen Verbrennungsprodukt CO2.

    Die Nutzung der Fossilrohstoffe war von Anfang an so gut wie immer auf stetig wachsenden Konsum ohne grundlegende Vorsorge gegen Umweltschäden ausgelegt - in den seltensten Fällen auf Nachhaltigkeit. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder große Konflikte um Ölquellen und -Verbreitungswege, ganze Feldzüge des Zweiten Weltkriegs galten dem Öl, der ölreiche Nahe Osten ist ein Minen- und Trümmerfeld voller Hass und Gewalt. Die konventionellen Quellen liefern seit ca. 2010 nicht mehr genug (peak conventional oil); immer schneller wird die Versorgungs-Lücke aus unkonventionellen Quellen gefüllt, deren Ausbeutung schon bei der Förderung immer größere Umweltschäden verursacht.

    All diese drängenden Probleme haben die Menschheit trotz enormer Fortschritte in Alternativtechniken nicht bewegen können, ihre technische Evolution entscheidend weiter im großen Maßstab voranzutreiben. Obwohl in den letzten Jahrhunderten viele gewaltige technische Revolutionen stattfanden, obwohl in den letzten Jahrzehnten unglaubliche, erfolgreiche Anstrengungen unternommen wurden, z.B. um zigfache Vernichtungs-Kapazitäten der Erde zu schaffen, gigantische Vernichtungskriege zu führen und die Infrastrukturen danach in kurzer Zeit und meist um Größenordnungen leistungsfähiger wiederaufzubauen, zum Mond zu fliegen, billionenschwere Verluste bei Finanzkrisen zu kompensieren oder eine irrsinnig verschwenderische Konsumindustrie, Massenmobilität und globale IT-Infrastruktur zu schaffen: ein entscheidender Großteil der Gesellschaft glaubt bislang trotzdem nicht an die Möglichkeit einer erfolgreichen Klimawende. Umweltschutz wurde und wird immer noch als Ideologie, Hysterie oder gar Quasireligion abgetan.
    [Verknüpfung]

    Die Vorstellung von der Alternativlosigkeit der Fossilwirtschaft ist eine Grundprämisse der Politik, ich spreche von Fossilökonomismus. Jahrzehntelang war es für Klimaschützer nicht opportun, Ideologievorwürfe zu erheben. Wenn aber ein französischer Präsident, erst recht ein Liberaler, bei der Selbstreflektion in einer Rede an die Nation ein Verlassen "ideologischer Trampelpfade" fordert, dann tue ich das gerne auch.
    [Verknüpfung]

    Wir brauchen eine langfristig angelegte Strategie, die uns ermöglicht, den CO2-Ausstoß geplant zu reduzieren und Vorsorge und Widerstandsfähigkeit zu stärken. Nur so sind wir für künftige Krisen gewappnet.
    Emmanuel Macron


    Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität.
    Bertolt Brecht - Aus dem Leben des Galilei, Szene 4






    Inhalt

    Viele Motive des Fossilökonomismus lassen sich besser verstehen, wenn man sich mit der europäisch-christlichen Geistesgeschichte auseinandersetzt. Hier nur ein kleiner, bescheidener Crashkurs von einem geisteswissenschaftlichen Laien - der aber zumindest als Denkanstoß dienen soll. [Rückmeldung erwünscht!]


    Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?
    Immanuel Kant






    Noch vor dem Beginn der Geschichtsschreibung zogen die Menschen als Jäger und Sammler in nomadischen Gruppen, in denen der Gemeinschaftsbesitz vorherrschte. Selbst der neoliberale Vordenker Hayek gestand diesen Menschen einen Gemeinsinn zu, ob angeboren oder durch Sozialisation erworben. Die erste Geschichtsschreibung ist eine Dokumentation von Besitz im alten Sumer. Die Besitzverhältnisse hatten sich von der Allmende der Nomaden hin zum Privateigentum der Siedler gewandelt. Das promiskuitive Paarungsverhalten unserer vor- und frühmenschlichen Vorfahren wandelte sich spätestens in diesem Zusammenhang zu rigiden Regeln, die Männer und Frauen einander mono- oder oder polygam zuordneten. Die archaischen Kultur-Gesellschaften waren in der Regel patriarchalisch aufgebaut.

    Bis heute haben sich jedoch Ausnahmen von dieser Regel erhalten, die matrilinearen Gesellschaften.
    [Wikipedia 2021 - Matrilinearität - Verbreitung]

    In der patriarchalen Gesellschaft ist der Status stärker durch Eigentum definiert, als es noch in der Nomadengruppe der Fall war, wo soziale Kompetenz wichtiger war. Die Sesshaftwerdung, also Landbesitznahme, hat deshalb das Patriarchat etabliert. "Macht Euch die Erde untertan", lautet das fatale Motto in der Bibel, dessen negative Nachwirkungen wir erst heute, nach 3000 Jahren, zu spüren bekommen, genau wie die der Unterordnung der Frauen. Die monotheistischen Gesellschaften sehen sich traditionell in der Rolle, im Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur bestehen zu müssen. Dieser Existenzkampf findet auch im Inneren dieser Gesellschaften statt. Agrarische Hochkulturen fördern in jeder Hinsicht hierarchische Gesellschaften, sei es zur Organisation der Vorratshaltung und gemeinsamen Verteidigung, sei es durch Arbeitsteilung und Geldsysteme. Viele Prinzipien unserer heutigen Kultur haben dort ihren Ursprung.
    Die aggressive Selbstabgrenzung von Gruppen anderer ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher Art bezeichnete der Sozialpsychologe und Religions-Philosoph Erich Fromm als Gruppennarzissmus, und nannte diesen eine wichtige Voraussetzung für Krieg. Narzisstische Gruppen erweckten nach innen den Anschein, realistische und vernünftige ethische Urteile, heute spricht man von Mindset, zu vermitteln. Als Beispiel hatte Fromm den Faschismus vor Augen, heute kann man dies jedoch auch auf extrem-fundamentalistische religiöse und politische Gruppen anwenden - ob christlich, muslimisch, hindi oder jüdisch, ob links oder rechts - anwenden. Gerade religiöse und rassistische Fundamentalisten (Faschisten) leiden unter einer krankhaften Wahnvorstellung des Auserwählt-Seins, ob nun religiös oder durch vermeintlich evolutive Selektion.
    [Wikipedia 2021 - Gruppennarzissmus]
    Es gibt auch Vorstufen des Gruppennarzissmus, die nicht offen aggressiv auffallen. Man spricht dabei heute von Clandenken, das man z.B. bei konservativen weißen, oft männlichen anti-feministischen Klimaskeptikern vorfindet, die oftmals auch mehr oder weniger homophob und rassistisch orientiert sind - eine geballte Ansammlung von Stereotypen des modernen Patriarchats.
    Buchtip: Ian Morris. Beute, Ernte, Öl. DVA 2020







    Jesus von Nazareth rief mit seiner Lehre jedoch gerade die Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede zwischen Schichten und Gechlechtern aus. Damit war er eine Bedrohung der Konservativen und wurde deshalb letztlich einer abschreckenden Hinrichtungsprozedur unterzogen. (Die Frage ob er dabei starb, ist wieder offen, seit in den letzten Jahren nach Jahrhunderten der Unterschlagung alternativer Schriften die verschiedenen Sichtweisen des Urchristentums wiederentdeckt werden.) Jedenfalls hat sein Einstehen für zukunftsweisende ethische Prinzipien seine Jünger und Jüngerinnen nachhaltig beeindruckt.

    Der römische Kaiser Konstantin der Große sah sich dreihundert Jahre nach Christus mit dem Zerfall seines Riesen-Reiches konfrontiert. Er entschied, den vielen regionalen Religionen das Christentum als Staatsreligion überzuordnen, weil es gleich mehrere Vorteile hatte:

    Im Konzil von Nicäa hat Konstantin den römischen Kanon gegen viele Widerstände als "katholisch", also allumfassend durchgesetzt. Die bis dato in vielen Gemeinden führenden Frauen wurden komplett aus dem Klerus ausgeschlossen, und ein geistiges Oberhaupt, der Papst, bestimmt seitdem mit den Kardinälen alle Richtlinien. Man kann das auch als religiöse Gleichschaltung bezeichnen. Seitdem wurden immer wieder Abweichler als Häretiker verfolgt, oftmals zur Abschreckung brutal getötet.
    Gleichzeitig sorgte Konstantin dafür, dass die regionalen Bräuche in die Riten der lokalen Kirchen integriert wurden, um eine weitestgehende Integration zu ermöglichen.
    Eine zentrale Doktrin ist seitdem ein Gebot, das die kanonische Überlieferung (die vier Evangelien) dem Religionsgründer Jesus nachsagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Will z.B. sagen, die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen.

    Erich Fromm erklärt in seinem epochalen Werk "Haben oder Sein" 1976 u.a. die Vision Jesu aus der Tradition der jüdischen Propheten. Danach sei - im Gegensatz zum Bibelwort - im Messianischen das Religiöse und Politische nicht zu trennen.
    Buchtip: Erich Fromm. Haben oder Sein. dtv. München 1976
    Filmtip: Gespräche über "Haben oder Sein". Südwestfunk. Mainz 1977

    Das Prinzip der Nichteinmischung wurde von der katholischen Kirche sehr einseitig interpretiert. Die Unterdrückten wurden jahrhundertelang mit der Aussicht auf Erlösung durch den Tod abgespeist: "euer Lohn im Himmel wird groß sein".
    Das Ideal des demütigen Untertanen kommt in einem alten Kirchenlied zum Ausdruck:
    "Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten."
    Das Prinzip politischer Zurückhaltung der Kirche galt jedoch nicht gegenüber den Machthabern. Die geistliche Autorität der Kirche mischte sich hier sehr wohl ein.
    Nämlich zuerst bei der Feststellung der Gottgefälligkeit, der Legitimation der Mächtigen: sie begründete das Gottesgnadentum.
    Und noch eine weitere Überlieferung der Worte Jesu ist für die Macht der katholischen Kirche bedeutsam: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben." Weil den Gläubigen die Vergebung der Sünden zur unbedingten Voraussetzung für das versprochene jenseitige Paradies erklärt wurde, war die Lossprechung (Absolution) durch einen Priester das wichtigste Mittel der politischen Einmischung. Das Schweigegelübde schützte die klerikalen Mitwisser vor dem Zwang zur juristischen Aufklärung. Wer sich uneinsichtig zeigte, dem drohte die ultimative Waffe der Kirche, der Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft (Exkommunikation).

    Vom Urchristentum blieb nur eine fragmentarische Überlieferung zurück, die stark für politische Zwecke zugeschnitten war. Gott sei Dank konnte dieses Bild durch Funde weiterer Quellen in jüngster Zeit ergänzt und korrigiert werden. Ob und wann eine durchgreifende Rückbesinnung auf urchristliche Werte noch einmal in der Kirche einsetzen wird, kann niemand sagen.
    Filmtip: BBC. Die Welt der Antike 6 - Der Aufstieg des Christentums
    Buchtip: Franz Alt. Die ungewöhnlichste Liebe aller Zeiten. Herder Verlag. Freiburg 2021

    Alle Mächtigen mussten sich also von der katholischen Kirche (a priori) legitimieren lassen, und ihre aus religiöser Sicht oft verbotenen Taten, die "Sünden", auch (a posteriori). Mit dieser Auslegung von Christentum konservierte der Katholizismus das heidnische Narrativ vom Herrscher als überlegenem, dominantem, und natürlich männlichen Helden. Hauptsache, man hielt sich an die heiligen Riten - und an die geschriebenen und ungeschriebenen Spielregeln des Klerus. Hauptsache devoter Respekt vor der Heiligkeit, alles andere war sekundär: Hauptsache heilig. Dass die Maßstäbe dieser Heiligkeit immer von einem Menschen (dem Papst) definiert wurden, diese Frage war im Katholizismus - besonders nach der Reformation - sakrosankt. Die dramatische Erosion der Macht in Folge der Aufklärung gipfelte letztlich im fragwürdigen Versuch von Papst Giovanni Mastai Ferretti (Pius IX), im Kulturkampf seine absolute Deutungshoheit zu konservieren - mit der dogmatischen Behauptung aus dem Ersten Vatikanischen Konzil, dass der Papst immer dann recht hat, wenn er "ex cathedra", von seinem Thron herab, spricht. Mastai Ferretti hat die Glaubwürdigkeit seines Amts damit in den Augen der Weltöffentlichkeit nachhaltig beschädigt.
    [Wikipedia 2021 - Kulturkampf]
    Konstantin der Große hatte im Christentum das antike Patriarchat konserviert, und 1700 Jahre theologischer Wissenschaft, Reformation und auch der Aufklärung konnten daran nicht rütteln. Nicht umsonst heißen die hohen Kleriker in der orthodoxen Kirche, die im oströmischen Reich entstand, Patriarchen. Man muss sich auch über Kirchenlieder nicht wundern, wo Jesus von Nazareth als "Herr der himmlischen Heerscharen", "mächtig im Kampf" etc. glorifiziert wird. Das ist das Gegenteil des historischen Jesus.







    Die religiösen Oberhäupter fanden schnell Interesse daran, ihren Einfluss auf die Gläubigen für politische Zwecke auszunutzen, angefangen beim antiken Mailänder Bischof Ambrosius, über den Investiturstreit und die Nahost-Politik im Mittelalter, oder die berüchtigten Intrigen der Renaissance-Päpste, bis hin zu Karol Woitylas Einfluss auf das kommunistische Polen.
    [Wikipedia 2021 - Ambrosius von Mailand]
    Nur ein einziger Papst überschritt die Grenzen seiner Macht derart dreist, dass die katholische Kirche in der Konsequenz einen empfindlichen Machtverlust hinnehmen musste. Der italienische Geldadel (er hat das moderne Bankwesen in Europa eingeführt) hatte mit Giovanni de Medici (Leo X) einen Vertreter auf dem Papstthron installiert. Zur Finanzierung seines gigantischen Prestige-Projekts, des neuen Petersdoms, ließ er Zertifikate der Absolution (vorgeblicher göttlicher Vergebung) verkaufen (dt. "Ablassbriefe"). Ablasshändler wie Tetzel konnten riesige Summen für Rom eintreiben, und das in extremen Krisenzeiten von Seuchen, Kriegen und Nahrungsknappheit.
    Kein Wunder, dass sich die Konflikte rivalisierender deutscher Kleinstaaten an der Frage der Papsttreue umso heftiger entzündeten. Manchen Anti-Papisten kam der papstkritische Mönch Martin Luther mit seinen 95 Thesen gerade recht. Diese politische Unterstützung verhalf Luthers Bewegung zum Erfolg, andere Reformatoren dagegen waren hingerichtet worden (wie Girolamo Savonarola oder Jan Hus).
    Dass Katholiken bis heute nicht aufgeben, ihre Kirche zu reformieren, zeigen Bewegungen wie die Befreiungstheologie, das KirchenVolksBegehren oder Maria 2.0.
    Im Grunde stellen Reformbewegungen damals wie heute die kirchliche politische Machtausübung, und meist auch den katholischen Vertretungsanspruch Gottes in Frage. Danach sei jeder Mensch nur Gott gegenüber verantwortlich, und nicht einem irdischen Vertreter, Luther sprach von der "Freiheit eines Christenmenschen".
    Luthers Bibel-Übersetzung führte zur Alphabetisierung der nicht-klerikalen Welt, und Gutenbergs Druckerpresse ermöglichte die Verbreitung neuer Ideen. Wissenschaft, Forschung und Lehre wurden zu Antreibern des Fortschritts, und damit der zunehmenden bürgerlichen Vorherrschaft.
    Wo immer sich der Protestantismus etabliert hatte, verlor Rom seinen Einfluss. Den vollständigen Machtverlust konnte Rom bis heute abwenden, um den Preis etlicher schrecklicher Konfessionskriege in Europa, u.a. des Dreißigjährigen. (Das erzkatholische Bayern beansprucht heute noch Privilegien gegenüber dem überwiegend preußisch-protestantischen Rest Deutschlands: ungeklärte Fragen des Wahlmodus spalteten jüngst die konservativen "Schwesterparteien" CDU und CSU in der Kanzlerkandidaten-Frage 2021).
    Auch dem englischen König Henry VIII wurde die römische Einmischung in seine kriminellen Familienangelegenheiten zuviel, und er gründete eine eigene protestantische, die anglikanische Kirche.
    In Frankreich war man sich bei der gewaltsamen Abschaffung des Feudalismus der unheiligen Allianz von Kirche und Staat bewusst. Die Revolution schaffte konsequenterweise jegliche staatliche Unterstützung von Kirche ab, auch der protestantischen (die ohnehin hier kein Treiber war). Kemal Atatürk machte es mit dem Islam in der Türkei genauso.
    Das hat Deutschland bis heute nicht geschafft.

    Zwar hatten die Nazis sich säkular präsentiert, ja sogar scheinbar unchristliche, germanisch-heidnische Helden-Kulte hochstilisiert. Das täuscht jedoch darüber hinweg, dass sich auch religiös-konservative Gruppen im deutschen Reich mit der Zustimmung von Papst Pius XII (Reichskonkordat mit Hitler) bzw. der Fürsprache "Deutscher Christen" aus der Evangelischen Kirche von der vermeintlichen Gottgefälligkeit der nationalsozialistischen Staatsdoktrin überzeugen ließen. Die Tradition der heidnischen Kulte zeigt nur, wie der Katholizismus sie seit Konstantin als Zugeständnis für die von oben verordnete Christianisierung nicht nur geduldet, sondern sogar kultiviert hatte.
    Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es zur Zeit des Faschismus kirchenintern auch vereinzelte Gegenstimmen wie den Bischof Preysing von Berlin gab, die sich jedoch mangels Rückendeckung aus Rom nicht durchsetzen konnten. Vorsitzender der Bischofskonferenz war Fürstbischof Bertram von Breslau. Er wählte als Form des Protests nichtöffentliche und deshalb folgenlose Eingaben bei der Regierung, und beließ es dabei. Damit setzte er sich im Sinne des Reichskonkordats durch. Zitat aus einem Aufsatz des Rheinischen Landesverbandes: "Bertram blieb zu sehr seiner traditionellen Vorstellung von rechtmäßigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat verhaftet, um zu erkennen, dass gegenüber der NS-Regierung eine andere Vorgehensweise nötig gewesen wäre. [...] An den Meinungsverschiedenheiten zwischen Preysing und Bertram wäre die Konferenz 1940 beinahe auseinander gebrochen."
    [Verknüpfung]

    Der heidnische, patriarchale Heldenmythos durfte in der Kirche des Faschismus wieder aufleben, wenn auch in manchen Pfarreien nur in gemäßigter Form oder - in wenigen Pfarreien - gar nicht. Der Antisemitismus hatte in der katholischen Kirche große Tradition, und zumindest von Martin Luther ist Antisemitismus sicher überliefert.

    Das Nachkriegs-Deutschland dagegen konnte nach dem moralischen Volks-Bankrott die Berufung auf mehr ursprüngliche christliche Werte wieder gut gebrauchen. Bei den Gründungsmitgliedern der CDU waren keine Nazis, einige waren als Gegner der NSDAP sogar zeitweise inhaftiert gewesen, auch ihr erster Bundeskanzler Konrad Adenauer. Doch nach wie vor blieb man dem konstantinischen Verständnis vom Christentum als Staatsreligion treu. Bis heute werden die großen Kirchen in Deutschland durch Steuern finanziert.

    Adenauer setzte sich gegen die frühe Strömung eines christlichen Sozialismus durch, aber vor allem um den Namen zu verhindern. "Mit dem Wort Sozialismus gewinnen wir fünf Menschen und zwanzig laufen weg."
    [Kleßmann 1992 S. 145]
    Im Neheim-Hüstener Programm, das von Adenauer mitbestimmt wurde, werden Gedanken formuliert, die sich deutlich vom rechten Materialismus distanzieren: "Die CDU will ein neues, ein anderes Deutschland aufbauen. Die Epoche in der die materialistische Weltanschauung in Deutschland die geistige Grundlage wurde, Staat, Wirtschaft und Kultur beherrschte, soll zu Ende sein. Auch der Nationalsozialismus wurzelte in dieser Weltanschauung, er führte die ihr entstammenden Grundsätze bis zur äußersten Konsequenz durch. [...] An die Stelle der materialistischen muss wieder die christliche Weltanschauung treten. [...]"
    [Kleßmann 1992 S. 426]
    [Wikipedia 2021 - Neheim-Hüstener Programm]
    Die FDP betonte bei ihrem Zusammenschluss aus verschieden orientierten liberalen Landesparteien auch ihre national orientierten Grundwerte und hatte demgemäß im Bundestag ihre Sitze rechts von der CDU.
    [Wikipedia 2021 - Freie Demokratische Partei - Liberale Parteien nach 1945]
    Politisch aktive Ex-Nazis sammelten sich zunächst auch in anderen kleinen Parteien wie DP und SRP. Als mit der Zeit Gras über die NS-Zeit wuchs, wechselten sie zu CDU/ CSU oder zur FDP.
    [Wikipedia 2021 - Christlich Demokratische Union Deutschlands - Geschichte]







    Seit Konstantin hatte im Katholizismus das Gottesgnadentum den Adel legitimiert. Die geistige Ablösung vom Gottesgnadentum begann in der italienischen Renaissance, kurz vor Luthers 95 Thesen. Wie die Reformation, so entzündete sich auch dieser Prozess am Machtmissbrauch eines Papstes, namentlich von Rodrigo Borgia (Alexander VI), dessen offiziell bestätigter Sohn Cesare sich über das Geburtsrecht des Adels hinwegsetzte, als er zum Fürsten wurde. Hier konnte nicht einmal mehr vom bis dato bereits grassierenden Nepotismus der Päpste ("Begünstigung von Neffen") die Rede sein. Der Staatsphilosoph Niccolo Macchiavelli beschreibt diesen und weitere Fälle, in denen nichtadlige Männer zur Macht kamen, entgegen der "abendländischen" Tradition, bis hin zu Bürgern. Macchiavelli löst sich von religiösen und moralischen Denkmustern seiner Zeit und argumentiert für das reine Machtkalkül. Wichtigste Legitimation eines macchiavellistischen Herrschers: Tüchtigkeit, Entscheidungsfreudigkeit, wenn nötig auch Grausamkeit, die er im Sinne des Machterhalts rechtfertigt: der Zweck heiligt die Mittel.
    Macchiavelli schrieb das Buch 1513, als er sich in Haft befand - möglicherweise auch, um die Machthaber, die Medici, zu besänftigen. Die Medici waren die bedeutendsten Bankiers ihrer Zeit. Ob seine Darstellungen später von skrupellosen Machtpolitikern und Ökonomen einseitig missdeutet wurden, ist bis heute umstritten. Jedenfalls hat Macchiavelli mit Discorsi gleichzeitig ein Buch über die bürgerliche Freiheit in der Republik veröffentlicht.
    [Wikipedia 2021 - Der Fürst - Rezeption]
    Wie jedes zweideutige Werk gibt es bis heute Menschen, die es in ihrem Sinne einseitig interpretieren. Macchiavelli machte das, war wir heute "Realpolitik" nennen, moralisch kompatibel. Ein Herrscher - egal ob per Geburt von Gottes Gnaden oder nicht - war demnach nicht mehr einer Kirche gegenüber rechenschaftspflichtig, die nach außen hin strenge moralische Maßstäbe predigte, z.B. mit dem Katechismus. Demütige Gottesfurcht und Respekt vor den Geboten der Kirche mochten Instrumente zur Unterdrückung des Volkes sein - aber nicht für die Machthaber. Stattdessen grassierten Machtgehabe und Prunksucht, ganz so wie es die obersten Vertreter der Kirche selbst vorlebten, die berühmt-berüchtigten Renaissance-Päpste. Ein wichtiger Mosaikstein der Geistesgeschichte, der die Aufklärung mit provozierte.

    Auch die neue Machtelite, die reichen Bürger, konnten sich in der katholischen Renaissance ihrer moralischen Verantwortung entziehen - per Ablasshandel. Im Gegenzug behielt die Kirche durch die Einnahmen ihren exklusiven Zugang zur neuen Macht, dem Geld.
    Viele Adelshäuser begaben sich zur Finanzierung von Kriegen und Luxus in die Abhängigkeit bürgerlicher Geldgeber. Mit der Aufklärung über den Ablass-Betrug verlor mit der Absolutionslehre der Katholizismus seine theologische Glaubwürdigkeit, und damit fiel auch das Gottesgnadentum, und schließlich übernahm im Protestantismus der Geldadel selbst die Macht. Dies erforderte eine neue Legitmiation.
    Im Protestantismus ersetzt deshalb die calvinistische Lehre von der göttlichen Vorsehung das Gottesgnadentum, und das Wohlstandsevangelium erklärt den wirtschaftlich-sozialen Erfolg zum alleinigen Gradmesser der Gottgefälligkeit. Wenn jemand Erfolg hat, zeigt das nach der calvinistischen Theologie, dass Gott auf seiner Seite ist. Sprichworte sagen "Gott ist mit dem Tüchtigen", "hilf dir selbst, dann hilft dir Gott", oder auch "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht". Eine komplette Verdrehung der christlichen Botschaft.
    Der Soziologe Max Weber beschäftigte sich intensiv mit dem Auftieg der protestantischen Bürgerschaft nach der Aufklärung. Sein Werk die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus zählt neben Wirtschaft und Gesellschaft zu seinen wichtigsten Beiträgen zur Soziologie und ist ein Standarderk der Religionssoziologie.
    [Wikipedia 2021 - Wikipedia 2021 - Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus]

    Konfession katholisch protestantisch urchristliche Praxis
    Herrschaftsinstrument Adel Geld keins
    religiöse Legitimation der Herrschaft Gottesgnadentum göttliche Vorsehung (Prädestination) Geschwisterlichkeit der gleichberechtigten "Kinder Gottes" - es gibt keine Herrschaft über andere ("selig die Sanftmütigen - denn sie werden das Land erben")
    Rechtfertigung eigennütziger Vorteilsnahme gegenüber den Mitmenschen nachträgliche Vergebung durch den Klerus als göttliche Statthalter (Ablass) gottgefälliger Wohlstand (Wohlstandsevangelium)
    [Wikipedia 2021 - Wohlstandsevangelium]
    Uneigennützigkeit - es gibt keinen persönlichen Besitz
    Narrativ "[...] curae nutu suo caelesti terrena omnia moderanda commisit." (dt. "ihm habe der „himmlische Wille alles Irdische zur Lenkung anvertraut") (überliefertes Selbstverständnis von Konstantin dem Großen) Gleichnis von den Talenten (Matthäus 25,14–30 und Lukas 19,12–27)
    [Verknüpfung]
    2. Brief von Paulus an die Korinther (Kapitel 8): "Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. [...] Nun aber vollendet auch das Tun, damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollenden nach dem Maß dessen, was ihr habt. Denn wenn der gute Wille da ist, so ist jeder willkommen nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er nicht hat."
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    "Der freie Markt ist gelenkt von der unsichtbaren Hand Gottes." - so wird der Philosoph Adam Smith falsch zitiert (während man diesen Markt zum eigenen Vorteil manipuliert - also unfrei macht).
    "There is no such thing as a free lunch." (Margret Thatcher)
    "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst."
    "Sorgt Euch nicht um Besitz - sehet die Lilien des Feldes, sehet die Vögel des Himmels. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch."
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    Extrembeispiele der Geschichte Kreuzzüge, Verbrennungen von Häretikern, Aufteilung der transatlantischen Kolonien durch Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI), ... Sklavenhaltung, Manchesterkapitalismus, angloamerikanischer Imperialismus in Ostasien, Kolonialpolitik, soziale Frage in den USA, KuKluxKlan, Tulsa-Massaker 1921, Verfolgung religiöser und anderer Minderheiten durch Deutsche Christen im Dritten Reich, ... Einstehen Jesu für seine Lehren bis zur letzten Konsequenz; Hl. Franziskus, Hl. Elisabeth, Albert Schweizer, Mutter Theresa, Oscar Romero, ...
    prominente Beispiele von heute Einkommensverteilung in den USA, Zurschaustellen von Luxus, auch kombiniert mit Wohltätigkeit (beides zur Pflege des Heldenmythos), Donald Trump beruft sich auf die Bibel, blinder Fortschrittsglaube, White Supremacy in den USA, ... Linux, Gemeinfreie Lizensierung, OER, Open Access, wikipedia, Gemeinwohlökonomie, ...

    Die USA haben von Anfang an das Selbstbild als Gottes erwähltes Volk zur Staatsdoktrin gemacht. Hier grassiert das Wohlstandsevangelium in extremer Form bis heute, vor allem bei den evangelikalen Freikirchen. Die Fellowship Foundation (bekannt als the Family und Prayer Breakfast Movement) hat enormen Einfluss auf die ultrakonservative US-Politik. In ihrem Gästehaus in Washington DC finden regelmäßig religiöse Events (National Prayer Breakfast) statt, die sich in einer Weise mit politischen Themen beschäftigen, die man in Europa niemals mit religiösen Motiven verbinden würde. Themen: "God and the oil industry", "God and the defense economy". Hier vernetzen sich einflussreiche Lobbyisten des militärisch-industriellen Komplexes, vor dem US-Präsident Eisenhower bei seiner Abschiedsrede eindrücklich gewarnt hatte.
    Filmtip: Macht und Machenschaften
    In der aktuellen Rassismus-Diskussion in den USA kommt wieder die tiefe Verankerung von Rassismus in bestimmten evangelikalen Kreisen der Südstaaten deutlich zum Ausdruck. Hier eine Zusammenstellung des katholischen Kölner Senders Domradio.
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    Im Magazin evangelisch.de kann man von Bestrebungen führender Baptisten lesen, diese Tradition in Frage zu stellen.
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    Doch weder setzte sich die Reformation überall durch; noch blieb in der katholischen Kirche immer alles beim Alten. Nachdem ihr Amt viel an Bedeutung für die weltliche Macht eingebüßt hatte, haben in der katholischen Kirche drei reformerisch denkende Kardinäle den Papstthron besetzt: 1958 Angelo Giuseppe Roncalli (Johannes XXIII, "der gute Papst"), der mit der Einberufung des 2. Vatikanischen Konzils die längst überfälligen Reformen angestoßen hat; 1978 Albino Luciani (Johannes Paul I), der von Gott als Vater und "vor allem" als Mutter gesprochen hat (wie es in der Urkirche auch üblich war); und 2013 Jorge Mario Bergoglio (Franziskus), der sich im Sinne der Armen offensiv gegen die Verursacher der Anthropozän-Krise richtet.

    Die restaurativen Kräfte waren in Rom immer sehr stark. Bergoglios Vorgänger, der deutsche Papst Joseph Ratzinger (Benedikt XVI) hatte schon als Vorsitzender der Kongregation für den rechten katholischen und apostolischen Glauben (im Mittelalter bekannt als Heilige Inquisition) hartnäckig daran gearbeitet, die Reformen von Johannes XXIII rückgängig zu machen. Er wird von deutschen erzkonservativen Katholiken deshalb verehrt.

    Die politische Dimension des katholischen Konservatismus ist die Leugnung des Politischen im Messianischen, und das Beharren auf der Nichteinmischung der Kirche im Staat. Zwar bedeutet es zunächst nur de facto die Zementierung der politischen Verhältnisse, wird aber über das Schriftwort hinaus interpretiert als Begründung für den Kampf gegen alles Neue.
    Das begann mit Konstantins Nicäischem Konzil, also in Zeiten der Adelsherrschaft. Nach deren meist schleichend verlaufenen Ablösung hat man sich schließlich auch in der katholischen Kirche nolens-volens mit den neuen bürgerlichen Machthabern, dem Geldadel, arrangiert. Davon zeugen die Seilschaften in zahlreichen katholischen Burschenschaften ebenso wie rechtskonservative Denkfabriken, auch solche mit großer Nähe zum Vatikan. Sie wirken konspirativ im Hintergrund und unterlaufen mit ihrer intransparenten Einflussnahme z.B. bei Auftragsvergaben und Stellenbesetzungen die Prinzipien des Rechtsstaats, und das weltweit. Ein herausragendes Beispiel ist Opus Dei.
    Teile von Opus Dei stehen kritisch zur katholischen Soziallehre und vertreten Positionen des Neoliberalismus, die in vielen Punkten verblüffend mit dem Wohlstandsevangelium übereinstimmen.
    [Wikipedia 2021 - Opus Dei - Neoliberalismus und Kritik an der Katholischen Soziallehre]
    Martin Rhonheimer z.B., Universitätsprofessor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce (PUSC) in Rom, ist Mitglied der Hayek-Gesellschaft und Mitbegründer des neoliberalen Lord-Acton-Kreises.
    [Wikipedia 2021 - Martin Rhonheimer]
    Rhonheimer schreibt in der NZZ über sein Vorbild Lord Acton: "Die Freiheit, die er meine, sei die Sicherheit eines jeden, tun zu können, was er für richtig halte, ohne von irgendwelchen Autoritäten, der Mehrheit, von Sitten und Bräuchen oder durch die Meinung anderer daran gehindert zu werden. Staatliche Einschränkungen der Freiheit des Einzelnen, so Lord Acton, sind nur gerechtfertigt, wenn sie im Dienst der Ermöglichung der Freiheit aller stehen." Er berichtet dort auch über Ratzingers Sympathie für seinen "katholischen Liberalismus".
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    Der Lehrbeauftragte Daniel Saudek kritisiert Rhonheimers Neoliberalismus.
    [Verknüpfung]
    Rhonheimer gehört zum Kreis der Autoren in der rechtskonservativ-katholischen Zeitschrift Die neue Ordnung, die auch Schriften offen AfD-naher Autoren (wie Nathanael Liminskis Vater Jürgen) publiziert - was allerdings interne Kontroversen provozierte.
    [Wikipedia 2021 - Die Neue Ordnung]
    Rhonheimer zeigt sich auch in der Evolutionsfrage durchaus aufgeklärt. In seinem Lehrbuch "Homo sapiens - die Krone der Schöpfung" verteidigt er die biologische Lehrmeinung gegenüber Kreationisten. Der Mensch lasse sich - analog zur theologischen Auffassung als jüngste Schöpfung Gottes nach seinem Ebenbild - als Krone der Schöpfung via Evolution verstehen.
    [Verknüpfung]

    Eine rechtskonservative politische Einstellung zu vermuten liegt bei Nathanael Liminski, dem Chef der NRW-Staatskanzlei unter Ministerpräsident Armin Laschet, nahe. Liminski war zum Praktikum in den USA bei einem evangelikalen Mitglied der republikanischen Partei und wurde im deutschen Fernsehen bekannt als Gesicht der Bewegung Generation Benedikt. Dabei forderte er voreheliche Enthaltsamkeit (auch wenn sein erstes Kind dann vorehelich geboren wurde).
    Liminski zählt sich zum wertkonservativen Flügel der CDU, und hat schon für das heute AfD-nahe Organ Freie Welt Beiträge geschrieben, allerdings nur bis 2009, also lange bevor es die AfD gab. Auch für Roland Koch, der vor der AfD mit Ausländerfeindlichkeit auf Stimmenfang ging, hat er Reden geschrieben.
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    [Wikipedia 2021 - Nathanael Liminski - Schulbildung, Studium und beruflicher Werdegang]
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    In dieser Zeit bediente er rechtskonservative Ressentiments gegen "Genderismus" und attestierte Angela Merkel "ein tiefes Misstrauen gegenüber den Familien und damit gegenüber den Bürgern". Ihre damalige Familienministerin Ursula von der Leyen habe "als Erfüllungsgehilfe ihrer ideologischen Strategen im Familienministerium" dem traditionellen Modell "Vater, Mutter, Kind, verheiratet" den Kampf angesagt; Homosexualität habe "Krankheitscharakter".
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    Liminski meint, es sei in Deutschland "leichter, ein Kind abzutreiben, als einen Baum zu fällen"; 2010 beklagt er beim WDR-Talk Hart aber fair die "wachsende Deutschenfeindlichkeit".
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    Liminskis Vater Jürgen war Journalist, u.a. beim Deutschlandfunk und gehört zum Autorenkreis der rechtskonservativen Schriften Die Neue Ordnung und Freie Welt, und ist zudem Mitglied bei Opus Dei. Als achtes seiner zehn Kinder hatte Nathanael gegenüber dem Vater eine Sonderrolle, die dieser mit dem Begriff "Sekretär" beschreibt. Ob er sich jetzt politisch seinem Chef Armin Laschet, dem eine Nähe zu Merkel und den Grünen nachgesagt wird, annähert oder umgekehrt, kann man noch nicht sagen. Denn Liminski hält sich seit Antritt als Chef in Laschets Staatskanzlei mit öffentlichen Äußerungen vollständig zurück. Auch Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, sind mit ihren Einschätzungen diesbezüglich auffällig zurückhaltend. Immerhin ist überliefert, dass er von Merkels christlicher Motivation in der Flüchtlingskrise beeindruckt war.
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    Laschet selbst ist ebenso tief im rechtskatholischen rheinischen Milieu verankert. Er gehört durch die alteingesessene Aachener Familie seiner Frau zu katholischen Männerbünden, u.a. den Burschenschaften Ripuaria Bonn und Aenania München; einer der Protektoren war schon damals Josef Ratzinger. Nach Angaben des (ansonsten gut informierten) Grünen-Lokalpolitikers Volker König ist Laschet seit 1974 Ritter des besonders elitären Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, der direkt auf die mittelalterlichen Kreuzritter zurückgeht. Leider habe ich keine weitere Bestätigung gefunden, aber auch wer diese Quelle anzweifelt, dem sollten die katholischen Burschenschaften Beleg genug für seine Gesinnung sein.
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    Liminskis enger Freund ist der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Wie Laschet gehört auch dieser zum Netzwerk der katholischen Studentenverbindungen.
    Die politische Philosophie der Rechtskonservativen zeigt sich besonders deutlich in ihrem Verständnis vom Rechtsstaat. Eigentlich war dieser eine Errungenschaft des Liberalismus und diente den Bürgern zum Schutz vor missbräuchlichen Übergriffen durch den Staat. Unter CDU-Führung u.a. in NRW wird jetzt den Bürgern eine repressive Politik des Law and Order - also das genaue Gegenteil - mit gerade diesem Etikett verkauft.
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    Für Polizist*innen sollen die Prinzipien Bürgernähe, Deeskalation und Kommunikation nicht mehr im Vordergrund stehen - sie sollen laut Innenminister Reul "gewaltfähiger" werden.
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    Weitere Details zu Laschets Sicherheitspolitik zeigen dieselbe Tendenz.
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    Es lässt sich festhalten, dass Liminski, Laschet und viele andere rechtskonservative CDU- und auch AfD-Politiker - sich in Kreisen bewegt, die sich der Konservierung des römischen Patriarchats verschrieben haben.
    Seit Konstantin dem Großen mit dem Zusatz "katholisch" versehen. Und in meinen Augen nicht zu verwechseln mit den visionären Vorstellungen des christlichen Religionsstifters Jesus von Nazareth.
    Die folgenden Zitate von Armin Laschet zeigen sein religiös motiviertes Obrigkeitsdenken. Das erste stammt aus einem Spiegel-Interview.


    Der Glaube an Gott ist prägend für mein Verständnis der Welt, [...] wenn man daran glaubt, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, macht man auch Politik anders als zum Beispiel ein Kommunist, der bis zum Lebensende dringend mit allen Mitteln das Paradies auf Erden schaffen will.
    Armin Laschet
    [Verknüpfung]

    In seiner Rede zum Wahlkampf-Auftakt formuliert er seinen Führungsanspruch, und insinuiert dabei - das liegt nach obigem Zitat klar auf der Hand - auch einen göttlichen Auftrag.


    Wir werden kämpfen, ich werde kämpfen, mit allem was ich kann, dass dieses Land nicht von Ideologen übernommen wird, dass wir die Chance haben, unsere Ideen von diesem modernen Deutschland durchzusetzen, dafür kämpfen wir. [...] Es ist fundamental, wer regiert. Wir wollen regieren. Nicht [...], weil wir Lust haben am Regieren, sondern weil wir regieren müssen, damit Deutschland einen guten Weg nimmt.
    Armin Laschet
    [Verknüpfung]

    Getreu dem Kampfruf der Kreuzritter, den die Masse dem Papst Odo de Chatillon (Urban II) 1095 nach seinem Aufruf zum Kreuzzug zugerufen haben soll.


    Deus lo vult!
    (mittellateinisch: Gott will es)
    Odo de Chatillon

    Zitat aus Wikipedia: "Der Ausdruck gibt Zeugnis für ein religiöses Sendungsbewusstsein, das zur Erreichung seiner Ziele auch Gewalt einzusetzen bereit war. Diese wurde entsprechend dem Modell des gerechten Krieges als auf Verteidigung bzw. Rückeroberung widerrechtlich angeeigneter Gebiete ausgerichtete militärische Gewalt für sittlich vertretbar, ja sogar für gottgewollt gehalten. Der Kreuzzug als Krieg der Papstkirche wurde – so die Intention des Ausdrucks – in der Stellvertreterschaft Gottes geführt. [...]
    Heute wird dieser Spruch von einigen rechten Gruppierungen vereinnahmt und findet sich gemeinsam mit dem Wappen des OESSH auch auf Plakaten bei Demonstrationen christlich-patriotischer Gruppen in Polen, z. B. beim Marsch zum Jahrestag der polnischen Unabhängigkeit."
    [Wikipedia 2021 - Deus lo vult]

    Auflehnung gegen den göttlichen Willen ist in Laschets Augen Hybris.


    Die Religionen bieten eine Medizin gegen Ideologie an, die sich selbst überhöht und das Himmelreich auf Erden schaffen will.
    Armin Laschet
    [Verknüpfung]

    Abschließend versuche ich den Fanatismus religiös motivierter Fossilökonomisten einmal zu verdichten: "Gott will es, dass unser technologischer Fortschritt der Menschheit zum Segen Gottes wird. Auch wenn es Opfer kostet, aber unsere Vorherrschaft ist Gottes Wille."

    Bei Erkenntnis der Klima- und Biodiversitätskrise geraten religiös motivierte Fortschrittsgläubige in eine tiefe Sinnkrise. Einen Ausweg zeichnet der Literatursoziologe und Publizist Andreas Öhler in Christ und Welt.
    [Verknüpfung]
    Leider wählen allzu viele die bequeme Alternative der Resignation.

    Der Fortschrittsglaube war freilich nicht immer eine Eigenheit der Katholiken, im Gegenteil. Wie es dazu kam, erkläre ich im nächsten Kapitel.







    Im 19. Jahrhundert kam die technologisch-kreative Wirkung des Geldes voll zur Geltung. Ohne Loslösung der Wissenschaften von der Theologie, und ohne bürgerliche Freiheiten wäre die Industrialisierung nicht denkbar gewesen. Die Freiheiten von Wissenschaft und Religion waren zentrale Grundsätze der staatlichen Verfassungen, die sich aus der Aufklärung ergaben. In Europa und den USA wurden etliche große Universitäten eingerichtet, die zahlreiche technische Innovationen hervorbrachten. Aus einer Mischung von Wohlstandsevangelium und heidnischem, patriarchalem Heldenmythos entstand die quasireligiöse Vorstellung einer Überlegenheit der weißen Weltbevölkerung, deren Fortschritt von Gott gewollt sei, und die die Unterdrückung der Menschen des Globalen Südens rechtfertige.
    Eine erste Konzentration des Kapitals führte - wie Karl Marx es vorhergesagt hatte - vermehrt zu sozialen Unruhen, die jedoch mittels Sozialpolitik befriedet werden konnten. Doch dies konnte die rasante Konzentration des Geldes in den Händen einer großbürgerlichen Elite nicht bremsen, denn mit den Kolonien hatte man ein gigantisches Potential für weitere Ausbeutung, das bis heute immer weiter erschlossen wird.
    Nur waren die bürgerlichen Geldeliten damals noch stark ihren nationalen Ideologien und Interessen verpflichtet, was letztlich zu zwei Weltkriegen führte. Während die Kirchen sich im späten 19. Jahrhundert im Kulturkampf u.a. mit der sozialen Frage beschäftigten, entwickelte sich in eher kirchenfernen Kreisen eine neue Ideologie. Darwins Evolutionstheorie wurde schnell auf die Theorie menschlicher Gesellschaften übertragen. Die sogenannten Sozialdarwinisten sahen darin die Rechtfertigung für die rücksichtslose Durchsetzung des Bestangepassten - im Wettbewerb der Völker (wie heute dem des freien Markts). Ethische Fragen wurden zu gunsten einer vermeintlichen Evolution der Ethnien ausgeklammert. Damit schufen sie eine von Theologie befreite, pseudowissenschaftliche Version von der Überlegenheit der europäischen Kultur, die jedoch geistesgeschichtlich auf dem katholischen Gottesgnadentum der Obrigkeit und dem daraus entwickelten protestantischen Wohlstandsevangelium basiert.

    Der Komiker Charlie Chaplin machte sich 1940 in seinem Film "Der große Diktator" über die Weltsicht des Sozialdarwinisten Hitler lustig.

    Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs kam es in Deutschland zwar zu einer sozialdemokratisch geführten Regierung. Doch anstatt die neuen Machthaber zu unterstützen, waren die Siegermächte bei den Friedensverhandlungen revanchistisch motiviert. Zwar hatte man den renommierten britischen Reform-Ökonom John Maynard Keynes von der Cambridge-Universität als Verhandlungsführer der Briten gewonnen, doch dieser hatte sein Mandat dann jedoch unter Protest abgegeben, weil die Verhandlungen auf eine massive wirtschaftliche Unterdrückung Deutschlands hinausliefen - wovor Keynes eindrücklich gewarnt hatte. So kam es dann auch: angesichts der massiven Reparationsforderungen der Siegermächte hatte die deutsche Sozialdemokratie keinen Spielraum für Entwicklungs- und Sozialpolitik. Währenddessen schafften es konservative Kräfte, den desaströsen Kriegsverlauf und Friedensschluss den Sozialdemokraten anzulasten. Sie propagierten erfolgreich die Dolchstoß-Legende von der "im Felde unbesiegten" Wehrmacht, der die Sozialdemokraten mit ihrem Friedensschluss den "Dolchstoß in den Rücken" versetzt hätten.
    In diese Phase des europäischen Niedergangs fiel schließlich die US-Wirtschaftskrise. Deutschlands Sozialdemokratie, die ihr Versprechen von sozialer Gerechtigkeit nicht hatte einlösen können, wurde von konservativen Kräften abgelöst. Dies war auch eine Reaktion auf die bolschewistische Revolution in Russland - die noch vom deutschen Kaiser Wilhelm als Destabilisierungsversuch des Weltkriegs-Gegners angezettelt worden war.
    Die besitzstandswahrende Austeritäts- und Industriepolitik des Konservativen Brüning führte Deutschland endgültig in den Ruin und damit in den Faschismus. Denn als Sündenböcke wurden Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden angeprangert, unter dem Vorwurf einer Weltverschwörung gegen Deutschland. Tatsächlich finanzierte die von der konservativen Politik geschonte Rüstungsindustrie den Aufstieg Hitlers als Volkstribun, und dann über Kriegsanleihen (Mefo-Wechsel) direkt die Aufrüstung - weil sie sich satte Renditen aus dem Kriegsgewinn versprach.
    Filmtip: arte - Die Nazis, die Arbeit und das Geld
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    Filmtip: ZDF history - Hitler und das Geld
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    Währenddessen wurden die USA vom Reform-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der seinerseits Keynes als Berater engagiert hatte, aus der Krise geführt. Sein New Deal war geprägt von Staatsinterventionismus, und wurde von Konservativen als Kommunismus kritisiert. Doch konnte er die USA vor dem Faschismus bewahren.
    Dieser Erfolg brachte Keynes auch in die Expertengruppe, die die Nachkriegs-Wirtschaftsordnung von Bretton Woods entwarf, inklusive fester Wechselkurse, Weltbank und UN. Leider starb Keynes bereits 1947. Schon früh formierten sich konservative Kräfte, um den Wirtschafts-Liberalismus des 19. Jahrhunderts zu restaurieren. Keynes' Einfluss war jedoch so nachhaltig, dass diese Kreise erst in den 70er Jahren den Neoliberalismus durchsetzen konnten.
    In Kriegszeiten hatten die Wissenschaften vor allem dem nationalen Interesse gedient. Doch nicht nur intellektuelle Naturwissenschaftler wie Andrej Sacharov, Albert Einstein oder Clara Immerwahr kritisierten den Missbrauch wissenschaftlicher Erkennntnisse für machtpolitische Zwecke. Wenn selbst Dwight D. Eisenhower als republikanischer Präsident, der als General im Zweiten Weltkrieg die Bedeutung von Bewaffnung schätzen gelernt haben sollte, in seiner Abschiedsrede vor dem militärisch-industriellen Komplex warnt, sollte das damals den Menschen zu denken geben - tat es aber nicht. Auch als der Erfinder der Wasserstoffbombe, Edward Teller, vor der globalen Erwärmung warnte, war das Echo bescheiden. Technischer Fortschritt diente dem nationalen Interesse und stand deshalb nicht zur Debatte.
    Erst Ende der Sechziger Jahre entstand in den USA parallel zur Friedens- und Bürgerrechts-eine große Umweltbewegung, die eine veritable Desinformations-Industrie auf den Plan rief, die die wissenschaftlichen Warnungen, besonders prominent die naturwissenschaftlichen des Club of Rome, aber auch sozialpsychologische wie die von Erich Fromm, komplett übertönte.
    Das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg führte zu mehreren Beinahe-Katastrophen. Die politische Entspannungsphase danach dauerte nicht lange. Das zweite Wettrüsten, das vom ersten neoliberalen US-Präsidenten, dem Republikaner Ronald Reagan, massiv angetrieben wurde, brachte die UdSSR an die Grenze der wirtschaftlichen Belastbarkeit, und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führte schließlich zu ihrem Zusammenbruch. Die damals große Gefahr der globalen nuklearen Vernichtung konnte auch dadurch abgewendet werden, dass die Führung unter dem Reformer Michail Gorbatschow klug genug war, nicht wie einstmals Hitler in einen Weltkrieg zu flüchten.
    Das Ende der UdSSR führte auch zur Erosion sozialdemokratischer Politik in Europa. Margaret Thatcher und Helmut Kohl führten in Europa Reagans Neoliberalismus ein. Gewerkschaften verloren massiv an Einfluss. Auch Demokraten und Sozialdemokraten wie Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder blieben konsequent bei deren neoliberaler Agenda, denn der Sozialismus galt als widerlegte Ideologie, und die Profite wuchsen in immer neue Dimensionen. Strengere Umwelt- und Sozialgesetze waren kein Problem, denn problematische Produktionen wurden nach China und anderswo ausgelagert. Nationale Rivalitäten waren ausgeräumt, es schlug die Stunde der großen Beschleunigung des Konsums durch Globalisierung, also weitgehender Aufhebung von Handelsschranken. Die Folge war ein ruinöser Wettbewerb um die geringsten Sozial- und Umwelt-Auflagen, die Bildung internationaler Megakonzerne und die Konzentration eines Großteils des Kapitals auf einen kleinen Kreis von Superreichen.

    Doch Staaten sorgen nicht nur in Kriegszeiten für Forschung und Entwicklung. Schon im Kalten Krieg ließen die Mondfahrtprogramme etliche Innovationen abfallen, unter anderem verbesserte Computertechnik, aber auch Weiterentwicklungen von Brennstoff- und Solarzellen.
    In Friedenszeiten wandelte sich die Sinngebung von Innovation in Forschung und Entwicklung endgültig weg vom Nationalinteresse hin zur profitablen Massenproduktion von Konsumgütern. Der Ort des Wettbewerbs war nicht mehr das Schlachtfeld, sondern der globale Markt. Deshalb setzte sich in der Wissenschaftspolitik die Vorstellung durch, dass privater Finanzierung der staatlichen gegenüber der Vorzug zu geben sei. Die "unsichtbare Hand", die die freien Märkte steuere, würde auch mit den profitabelsten "Innovationen" den größten Fortschritt für die Menschheit hervorbringen, so die neoliberale Ideologie.
    Der Anteil von drittmittelfinanzierten Projekten ist entsprechend immer weiter gestiegen, immer mehr Patente wurden an private Firmen vergeben. Dabei wurden immer wieder fragwürdige Patente vergeben, so z.B. für Tiere und Pflanzen.
    Doch ohne staatlich finanzierte Forschung würden Umwelt- und andere Klimakatastrophen ohne Vorwarnung über uns hereinbrechen, und ohne dass wir etwas dagegen ausrichten könnten. Denn der Markt bringt nicht zwangsläufig die nachhaltigsten Produkte hervor, längst nicht einmal die besten.

    Der aufgeklärte Weltbürger glaubt heute an den unbegrenzten Fortschritt der Menschheit durch Innovation, die v.a. durch Konsum nach den Regeln des freien Markts befördert wird. Den Wert eines Menschen definiert die Gesellschaft über dessen Konsum; Fromm spricht sogar von einem Marktwert, der sich z.B. in sexuellem Erfolg und sozialer Anerkennung auszahlt.
    Nicht das Genug-Haben zum Wohl-Sein ist das Ideal. Sondern Wohl-Haben, also Mehr-Haben-als-der-andere, wird zum Lebenszweck. Dass Haben in grotesker Weise zum Heldentum hochstilisiert wird, ist am besten sichtbar in der Werbung. Der Konkurrenzdruck, der damit aufgebaut wird, macht Menschen auf vielfältige Weise krank, ob durch Sucht, Selbstüberforderung, Minderwertigkeitsgefühle, Ausgrenzung etc..

    Mit dem Fortschrittsglauben hat sich nur eine neue Lesart des Wohlstandsevangeliums entwickelt: "das Leben wird von Generation zu Generation immer besser", und im Grunde lag und liegt dieser festen Überzeugung die Annahme zugrunde, dass Gott seine irdische Gunst nur den wahren Christen erweise, und zwar in Form von Wohlstand. In Konsequenz zum Selbstverständnis als "Krone der Schöpfung" und dem alttestamentarischen Auftrag "macht Euch die Erde untertan." Dabei wurde zwar immer mehr soziale Rücksichtnahme auf benachteiligte Menschen durchgesetzt - aber in Europa immer nur lokal, und die Ausbeutung wurde dafür zum Globalen Süden hin externalisiert. In den USA hat sich die systemischen Unterdrückung von Afroamerikanern, Latinos und Asiaten in bestimmten Aspekten bis heute erhalten.
    Die Gräuel des Faschismus hatten den zugrundeliegenden Sozialdarwinismus des 19. Jahrhunderts weltweit in Verruf gebracht. Der abendländische Konservativismus wandte sich damit vom Materialismus ab und wieder einem friedvollen Christentum zu. Während linke Kräfte die institutionellen Religionsgemeinschaften als einen Grund des Übels wahrnahmen, entwickelte sich mit dem Neoliberalismus in immer größeren Kreisen des konservativen Spektrum nach und nach eine zunehmende Religionsferne. Das Wohlstandsevangelium hat auch diese Entfremdung überlebt - zuerst nicht als materialistischer, aggressiver Sozialdarwinismus, sondern als psychisches Konstrukt. Auch unter Esoterikern und selbst Atheisten findet sich weit verbreitet die Gerechte-Welt-Theorie: der quasireligiöse Glaube an eine höhere Macht, deren "unsichtbare Hand" jedem zukommen lässt, was er verdient.
    [Wikipedia 2021 - Gerechte-Welt-Glaube]
    Wer Misserfolg hat, für den gilt: "selbst schuld". Wenn jemand anders dafür mitverantwortlich ist, kommt es nach diesem Konstrukt zur Täter-Opfer-Umkehr, zum victim blaming.
    [Wikipedia 2021 - Victim Blaming]
    Die Psychologen Melvin Lerner und Leo Montada haben anlässlich einer Konferenz an der Universität Trier 30 Jahre psychologischer Forschung zu diesem Thema zusammengetragen.
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    Skrupellose Egomanen wie die Filmfigur Gordon Gecko aus Wall Street sind für Finanzberater wie Robert Pagliarini zu Vorbildern geworden. Geckos Vorlage, Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte, sollte seinerzeit Abscheu hervorrufen.
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    Wenn versucht wird, Neoliberalismus mit derartigen Vorstellungen ethisch zu rechtfertigen, kann man schon von einer Quasireligion sprechen. Ein gutes Beispiel liefert die Präsidentin des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft Irina Kummert, die im DLF-Interview ethische Aspekte der Freigabe von Corona-Impfstoff-Lizenzen recht eigenwillig diskutiert.

    Der technische Fortschritt wurde bis 2020 kaum durch Ressourcenbegrenzung gebremst. Doch die Frist, die zuerst der Club of Rome und später andere bis zur Erschöpfung der planetaren Ressourcen berechnet haben, läuft gerade ab.
    Dass die Wissenschaften darüber so gut bescheid wissen, ist der Tatsache zu verdanken, dass neoliberale Politiker es bisher nicht geschafft haben, die Mittel staatlicher Umweltforschung komplett zu steichen. Zwar wurden z.B. Versuche unternommen, Klimaforschung zu verhindern, z.B. unter den US-Präsidenten Reagan und Trump, und das hat die Aufklärung über die Klimakrise in fataler Weise verzögert. Das Eintreffen der Prognosen wird für die Mehrheit der Menschen deshalb leider gerade erst erkennbar.

    Und leider längst nicht einmal für alle. Der Kölner Bischof Kardinal Woelki behauptet, Klimaschutz sei eine Ersatzreligion. Diese Meinung teilt er mit einigen Politikern der CDU. (Deren prominente Vertreter sind mittlerweile im Korruptionsskandal (Machtmissbrauch) verwickelt sind. Auch Woelki ist mit schweren Vorwürfen konfrontiert - nämlich der Vertuschung im Missbrauchsskandal.)

    Mit all dem stellt sich Woelki und die christlich-demokratische Union gegen den Papst, der 2015 mit seiner Enzyklika Laudato si' in (nach katholischer Lesart unfehlbarer Weise) die Verantwortung skrupelloser Menschen für die ökologische Krise beklagt hatte.
    [Wikipedia 2021 - Laudato si'] Gott sei Dank hat sich Woelki in der Deutschen Bischofskonferenz nicht durchgesetzt. Andere Bistümer und kirchliche Organisationen stellen sich schon früh auf die Seite der Demonstranten.
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    Aber auch unabhängig von den Jugendprotesten positionieren sich hohe Kirchenvertreter eindeutig für nachhaltige Klimaschutz-Maßnahmen und sparen auch nicht an Kritik der bisherigen Politik - das kann nicht als "Weiter-So" interpretiert werden.
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    Weit radikaler wird die Fortschrittsideologie in den USA vertreten. Hier können die Konservativen seit Jahrzehnten die Forderungen der Umweltbewegung als linke Ideologie abtun. Weil sie vom politischen Gegner kommen, können sie in ihren Augen nicht gerechtfertigt sein. Mit Panikmache vor dem kommunistischen Niedergang motivierte Donald Trump, der sich kurz zuvor mit der Bibel in der Hand an derselben Stelle den Anti-Rassismus-Demonstranten präsentierte, einen faschistischen Mob zum Sturm auf das Kapitol - Wohlstandsevangelium extrem.

    In Europa, wo sich das Narrativ vom drohenden ökologischen Untergang verbreitet, weichen religiös motivierte Fossilökonomisten endlich von ihrem unerschütterlichen Dogma ab, das sie für ihre sture Ablehnung von Klimaschutz so militant vertreten haben. Doch sie ändern trotzdem nichts an ihrer Politik. Nach der Leugnung der wissenschaftlichen Warnungen kommt ggf. zuerst noch der blinde Glaube an Erlösung durch weitere Innovationen, doch irgendwann kommt dann das Eingeständnis des Versagens im Fatalismus.
    Der Chefautor des ersten Berichts des Club of Rome Dennis Meadows sagte diese Entwicklung 2007 voraus
    .
    Der Glaube an die Erlösung durch Innovation ist pures Wohlstandsevangelium, und der Fatalismus entspringt aus der religiösen Vorstellung, die Menschheit hätte die Prüfung Gottes nicht bestanden, ihr Fehlverhalten löse ein Gottesgericht (das "Jüngste") aus: den Untergang der Menschheit. Ankämpfen gegen die göttliche Vorsehung sei reine Hybris.

    So beklagt 2021 z.B. der Philosoph Wolfram Eilenberger eine "Hybris" der Klimabewegung, ihr fehle es zudem an "transzendentalem" Bezug.
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    Abgesehen davon, ob ich mich damals getraut hätte. Aber mit Wolfram Eilenberger hätte ich sicher keine französische Revolution, Abolition, Gewerkschaftsgründung etc. bestreiten wollen.
    Von Hybris zu sprechen, wenn Aktivisten überlegen, wie sie nach Jahrzehnten der Warnungen aus der Wissenschaft die nicht enden wollende Selbstvernichtungs-Orgie der weißen Patriarchen stoppen können, ist für mich einfach unglaublich. Denn die Ausbeutung von Mensch und Natur seit der Sklaverei zeugt von einer Hybris höchsten Grades. Sie hat ihre gesellschaftlichen Ursprünge in der Zementierung einer Legitimation des vermeintlich christlichen Patriarchats, und zwar seit Konstantin dem Großen. Dieser Schritt hat dem Urchristentum viel von seiner Transzendenz ausgetrieben. Die Calvinisten haben den Blutadel nur durch den Geldadel ersetzt. "Gott ist mit den Tüchtigen", so könnte man es auch vom Ober-Klimaskeptiker Trump hören, der sich mit der Bibel den Demonstranten beim Weißen Haus entgegenstellt, und sich von den Evangelikalen als Messias feiern lässt.
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    Papst Franziskus hat das Problem zwar erkannt und benannt, doch kann sich in der Kurie nicht durchsetzen. Eine transzendentale Inspiration durch Jesus, Buddha oder wen auch immer, könnte manchem aus der Klima-Lethargie helfen. Wer jetzt nicht fürs Klima aufsteht, unterstützt weiter das Selbstvernichtungsprogramm der Menschheit.

    Möglicherweise neigen Protestanten noch länger dazu, der Idee des Wohlstandsevangeliums anzuhängen als Katholiken, die in ihrer Gottergebenheit schneller in Fatalismus verfallen. Diese Erzählung vermischt sich bei manchen Rechtsaußen-Konservativen mit heroischen Endzeit-Vorstellungen heidnisch-germanischer Kulte.







    Manchmal ist es überlebenswichtig, sich voller Selbstvertrauen in eine Auseinandersetzung zu stürzen. Dabei ist eine gewisse Portion Selbstüberschätzung oft hilfreich. Männer sind hormonbedingt überdurchschnittlich oft betroffen, auch von Narzissmus.
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    Doch Helden allein werden die Klimakrise nicht lösen. Warum z.B. die modernen Superhelden der Innovation, die Milliardäre, uns nicht retten, erklärt Christian Stöcker im Spiegel, Zitat:

    "Helden erobern, sie verteidigen eher selten und wenn, dann gegen einen äußeren, übermächtigen Feind, nicht gegen die eigene Unzulänglichkeit. Wenn Helden etwas retten, dann andere Menschen, Schätze oder Kunstwerke. Fällt Ihnen spontan eine berühmte Erzählung aus der Literaturgeschichte ein, in der die Heldin oder der Held ein Ökosystem vor der Vernichtung durch den Menschen bewahrt?
    Noah baut keine Dämme, sondern eine Arche. Der heroische Akt besteht in der Rettung einiger weniger, nicht in der Abwendung der Katastrophe für alle.
    Katastrophale Vernichtungsereignisse gehen in Mythos und Religion in der Regel von Göttern aus, die Menschen sind hilflos ausgeliefert. Wir dagegen haben hier drüben in der Realität eine Situation geschaffen, die in unseren Geschichten nicht vorkommt: Wir selbst sind die Verursacher der Katastrophe. Die vorbildhafte Erzählung, in der wir uns selbst überwinden, nicht um zu erobern, sondern um zu bewahren, fehlt. There is no glory in prevention."
    [Verknüpfung]

    Heldentum allein nützt uns also genauso wenig wie wissenschaftliche Aufklärung. Die Menschheit steckt in einer tiefen Sinnkrise, andere Narrative von Gemeinschaft und Solidarität sind gefragt. Bernd Ulrich und Petra Pinzler erklären das in der Zeit.
    [Verknüpfung]
    Das patriarchale Rollenmodell der Männer war immer wieder in Frage gestellt worden, zuletzt Ende des 20. Jahrhunderts, als die '68er auch die gesellschaftlichen Verhältnisse ins Wanken brachten. Dort gab es auch eine christliche Reformbewegung, die Jesus People.
    Auch in der katholischen Kirche gab es Bewegung. Im 2. Vatikanischen Konzil kam es zu einer Renaissance urchistlicher Ideen.
    Nach diesen großen und kleinen Revolutionen wurden die patriarchalen Verhältnisse wieder teilweise restauriert. Der Neoliberalismus ersetzte die Sozialdemokratie, und auch etliche Erfolge der Emanzipations-Bewegung stehen wieder zur Diskussion. Das Spiel mit alten Geschlechter-Klischées dient der Werbung, denn es heizt den Konsum enorm an. Die Reduktion der Menschen auf ihre biologischen Grundbedürfnisse, und das Schüren von Angst vor der Konkurrenz setzt enorme Potentiale frei. Beim Konsum geht es schon lange nicht mehr allein um Suffizienz (die Deckung der Grundbedürfnisse), sondern vor allem um Statussymbole.
    Kein Wunder, dass in der Klimabewegung überwiegend emanzipierte Frauen aktiv sind.


    Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
    Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
    Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
    Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
    Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.
    Charles Reade






    (1) Vor Jahrzehnten gab es noch die Option eines allmählichen Umstiegs aus der Fossilwirtschaft. In den 70er Jahren förderte US-Präsident Carter die Erneuerbaren, was zu einem ersten Preissturz führte. Viele Wind-Rotoren wurden aus Dänemark importiert, das auch in Folge dessen bereits 2011 beachtliche 40,7% erneuerbaren Anteil an der Stromerzeugung erreichte.
    [Wikipedia 2019 - Energiewende nach Staaten]

    (2) Ein zweiter Preissturz kam durch das deutsche EEG im Jahre 2000, das einen zusätzlichen Windkraft- und PV-Boom zuerst in Deutschland und danach in China auslöste.

    EnerconSizes de.svg
    Von Jahobr - Eigenes Werk Diese Datei enthält Elemente, die von folgender Datei entnommen oder adaptiert wurden:  EnerconE-126vsCologneCathedral.svg (von Jahobr)., CC0, Link

    Price history of silicon PV cells since 1977 de.svg
    Von 1-1111 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

    US-Solarpionier Richard Swanson beschrieb die logarithmische Preiskurve der PV-Industrie 2006 erstmals, man sprach (analog zum Mooreschen Gesetz) von Swansons Gesetz. Die einzige größere Abweichung ergab sich 2006 durch eine Verknappung an Silizium. Danach setzte sich die Entwicklung umso schneller fort.
    Swansons-law de
    File:Swansons-law de.png. (2020, September 20). Wikimedia Commons, the free media repository. Retrieved 14:34, February 27, 2021 from https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=File:Swansons-law_de.png&oldid=466297345.
    [Wikipedia (english) 2020 - Swanson's law]
    [Verknüpfung]

    Beides reichte aber bisher noch nicht, denn in beiden Fällen folgten massive Gegenmaßnahmen, die die Hegemonie der Fossilwirtschaft weiter zementierten: jahrzehntelang wurden die Alternativen schlechtgeredet, zum Teil sogar sabotiert oder ihre Patente in der sprichwörtlichen "Schublade" abgelegt, wie bei dem absichtlich gescheiterten Versuchswindrad GroWiAn, den vielfältigen Sabotage-Projekten gegen die Deutsche Bahn oder den Ovonic-NiMH-Akkus des Elektroautos EV1 von General Motors, das vor der Jahrtausendwende aufgrund kalifornischer Gesetze exklusiv per Leasing auf den Markt kam und dann nebst seinen Akkus nach Lockerung des Gesetzes wieder vom Markt verschwand - trotz massiver Proteste der Kunden.
    Erst im Jahr 2020 schaffen die Erneuerbaren Energien den endgültigen Durchbruch, aber nicht aus ethischen Gründen, sondern aus rein wirtschaftlichen: die Internationale Energieagentur IEA erklärt sie zur billigsten Energieform.

    (3) In vielen Ländern wurden CO2-Steuern eingeführt, die auch Lenkungswirkung erzielten - aber meist bei Weitem nicht genug. Immerhin liegt Vorreiter Schweden auch beim Anteil Erneuerbarer Energien in Europa weit vorn.


    [Franck 2019]

    Die weltweite fossilökonomistische Energiepolitik führte schließlich wie vorhergesagt zur Klimakrise unserer Tage, die in unseren südeuropäischen Nachbarländern bereits heftig spürbar ist und auch dort zu politischem Umdenken führt. In Italien ist Klimaschutz seit 2019 Schulfach, Frankreich und Spanien riefen in 2019 bzw. 2020 den Klimanotstand aus.

    Aller Gegenwehr aus Wirtschaft und Politik zum Trotz wurden die Energie-Alternativen dennoch konkurrenzfähig, teils sprichwörtlich im letzten Augenblick. Mittlerweile zeichnen sogar immer mehr Ökonomen einen schnellen, disruptiven Ausstieg als letzte, aber auch realistische Chance, die drohende Klima-Katastrophe abzuwenden.
    Die ökonomische Welt-Elite beim WEF nimmt die Corona-Krise als Gelegenheit, mit einer neuen Weltwirtschaftsordnung eine planvolle Umschichtung von Kapital vorzunehmen, die möglicherweise die vorhergesagte Disruption der Fossilwirtschaft auslösen wird - wie auch immer die Auswirkungen zu bewerten sind, falls das Projekt Erfolg hat. Falls es jedoch misslingt, ist nur die Frage, welche Krise zuerst katastrophale Auswirkungen hat: die Klima-, die Biodiversitäts- oder die Geldsystemkrise.






    Ideologien erkennt man v.a. an ihren inneren Widersprüchen. Der Fossilökonomismus ist voll davon.

    Die christlichen Parteien bekennen sich seit Jahrzehnten zur "Bewahrung der Schöpfung", zu der sie von ihren religiösen Autoritäten auch immer deutlicher aufgefordert werden, aber sie müssen selbst zugeben, dass sie diesem Anspruch nicht gerecht werden. Darauf wies die Umwelt-NGO Greenpeace in einer spektakulären Entführung hin.

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    Während die Auto- und Agrarindustrie in Europa am Parlament vorbei immer weiter die Import-Erlaubnis für genmanipuliertes, Glyphosat-resistentes Tierfutter über die EU-Kommission verlängert, erkämpft in Mexiko eine Bienenzüchterin das Verbot von Genmais und Glyphosat. Was die Autoindustrie mit Genmais zu tun hat? Der Import von Genmais aus den USA erfolgt im Deal gegen niedrige Autozölle, so haben es EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und Donald Trump 2018 abgemacht.

    Neoliberale propagieren einen freien Markt, der aber in Wirklichkeit durch Manipulationen finanzstarker Investoren völlig verzerrt ist. So kommt es z.B., dass in Deutschland 2020 die Verbrennung von Kohle planwirtschaftlich bis 2035 (respektive 2038) angeordnet wird, obwohl die IEA nur zwei Monate später feststellt, dass erneuerbare Energien am günstigsten sind.

    Dass nur ein winziger Teil des Kassenbetrags beim Lebensmittel-Discounter an die Bauern geht, die zu einem guten Teil von gigantischen EU-Subventionen aus Steuermitteln alimentiert werden, ist dem Verbraucher zwar klar - trotzdem hält sich das Gerücht, dass wir am Bio-Anbau verhungern oder bankrott gehen würden. Dabei würde schon ein erträglicher Fleischverzicht riesige Flächen freimachen und das Gülleproblem deutlich abmildern. Die industrielle Landwirtschaft hat Millionen Arbeitsplätze vernichtet, die durch eine Agrarwende z.T. wieder hergestellt würden.

    Pro Tag werden bei uns etwa 20ha neue Verkehrsflächen versiegelt - doch der Ausbau einer Handvoll Fernleitungen zieht sich wegen Anliegerprotesten über viele Jahre; ihre Bedeutung für die Energiewende wird zwar von vielen Fachleuten bezweifelt, doch die Bundesregierung begründet das Schneckentempo der Energiewende auch mit den Verzögerungen dieser Fernleitungen durch Anlieger-Proteste. Gleiches gilt für den Ausbau der Windkraft, der mit den Widerständen der Windkraft-Gegner begründet wird. Dabei sitzen diese Leute sogar in Peter Altmaiers Ministerium.

    Die Energiewende wird von CDU in Koalition mit FDP und SPD seit Jahrzehnten ausgebremst, man lässt Firmen mit zigtausenden Arbeitsplätze sterben und das Know-How verkaufen - doch der deutsche Anschluss an neue LNG-Terminals und der Bau von EAuto-Fabriken (VW und Tesla) geschehen plötzlich im Rekordtempo. Nicht nur die Genehmigungen des Baus, auch die der Subventions-Gelder werden in Rekordtempo erteilt.
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    Höchst klimaschädliche Projekte wie die Startbahn West oder die Autobahn Dannenröder Forst werden gegen Bürgerproteste durchgedrückt - der Ausbau des Schienennetzes erfolgt seit Jahrzehnten mit angezogener Handbremse. Der Betrieb vieler Strecken leidet an erodierenden Strukturen.

    In der Bevölkerung geht immer noch das Gerücht von den ruinösen erneuerbaren Energien - während tatsächlich nur 1/3 der Strom-Mehrkosten in die Einspeisevergütung fließen, und die EEG-Zulage in absehbarer Zeit fallen wird: die Erzeugungspreise für Sonnen- und Windkraft liegen nämlich mittlerweile unter denen für Atom- und selbst für Kohlestrom, und die teuersten Anlagen der Pioniere fallen ab 2020 zunehmend aus der Förderung. Ein weiterer Strompreistreiber ist die EEG-Umlage, die bei einem zeitweilig extrem niedrigen Börsenstrompreis besonders hoch ausfällt. Der wiederum müsste aber gar nicht so niedrig sein, wenn nicht unflexible Atom- und Kohlekraftwerke die Grundlast und damit ein zeitweiliges extremes Überangebot liefern würden: flexible Gaskraftwerke (die zudem später noch in der Sektorenkopplung aus P2G aus 100% erneuerbarer Energie befeuert werden können) sind viel besser geeignet, werden aber abgeschaltet - weil die Strombörse so organisiert ist. Die Industrie dagegen bekommt z.T. den günstigen Börsenpreis und wird so versteckt subventioniert.
    Währenddessen leisten wir uns jährliche, tendentiell eher steigende Importkosten für Fossilbrennstoffe von z.Zt. 50-70 Milliarden Euro (sie waren sogar schon höher). Durch Konflikte und Handelskriege ist der Preis hohen, schwer kalkulierbaren Schwankungen ausgesetzt. Die externen Kosten von Öl-Kriegen und v.a. Klimaschäden sowie Klimafolgen-Anpassungsmaßnahmen tauchen in dieser Rechnung noch gar nicht auf. China und Indien - zwei Milliardenvölker - konkurrieren irgendwann möglicherweise aus Wassermangel um die schwindenden Himalaya-Gletscher.


    [Quaschning 2014]

    Zusätzlich bringt unsere Volkswirtschaft noch eine massive Subventionierung konventioneller Energien von zig Milliarden Euro pro Jahr auf (eine Tatsache, die selbst von OECD und Internationalem Währungsfonds kritisiert wird). Man hält sie damit in der Abhängigkeit von Fossilbrennstoffen, die jährlich nochmals viele zig Milliarden aus unseren Kassen in die der Profiteure schwemmen. Über Jahrzehnte kommt man so auf Beträge von etlichen Billionen.
    Gleichzeitig paralysiert man den ahnungslosen Bürger mit einer Billionen-Rechnung der Energiewende. Externe Kosten wie Förderschäden, Ölkonflikte und Klimafolgen der Zukunft werden freilich nicht mit eingerechnet. Auch nicht die eingesparten Import- und Subventionskosten fossiler Brennstoffe nach der Energiewende.
    Man rechtfertigt so die Deckelung der Wind- und Solarenergie. Warnt vor marktverzerrender "Planwirtschaft" bei der Beförderung der Energiewende. Idealisiert die "Technologie-Offenheit", weil ja nur diese in einem liberalen Markt zwangsläufig die beste Innovation an den Markt bringt. Die man zu fördern zur obersten Priorität erklärt. Predigt den sakrosankten Markt und betreibt fossile Planwirtschaft.
    In den 90ern behaupteten die Energiekonzerne in Zeitungs-Anzeigen, dass die Erneuerbaren auch langfristig niemals mehr als 4% unserer Stromversorgung schaffen könnten. Die zwei - im Vergleich gesehen völlig unbedeutenden - Subventionsrunden für die Erneuerbaren (USA 1979 und D 2000) haben schon gereicht, um diese Behauptung Lügen zu strafen. Sie haben Optimierungsprozesse in Gang gesetzt, die endlich die Konkurenzfähigkeit der Erneuerbaren in greifbare Nähe rückten. China hat den Stab übernommen und rüstet die Welt nun immer günstiger mit Erneuerbaren aus, so dass selbst die Dritte Welt sich zunehmend gegen konventionelle Energien entscheidet.

    China beliefert die Welt mit riesigen Mengen an Photovoltaik - deren Massenproduktion zwar in Deutschland entwickelt und begonnen wurde, mit vielen neuen Arbeitsplätzen, von denen aber dann 80.000 u.a. durch Abbau von Subventionen wieder verloren gingen. Die deutsche Windkraftbranche ist zwar noch international wettbewerbsfähig - steht aber bei uns auf der Kippe, weil die Vergabe von Projekten nach derzeitiger Politik zu viele Unsicherheiten birgt. Durch Peter Altmaiers (CDU) EEG-Reformen (seit 2012) und Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren und Sigmar Gabriels (SPD) Kohlereserve 2015 und Zubaudeckel 2017 sind allein seitdem 35.000 neue hochmoderne Arbeitsplätze verloren gegangen.

    Gaskraftwerke könnten die Atom- und Kohle-Grundlast durch ihre hohe Flexibiltät obsolet machen, und später sukzessive auf regeneratives Saison-Speichergas umgestellt werden. Man bräuchte sie praktisch nur noch im Winter, wo ihre Abwärme zum Heizen dienen könnte (Sektorenkopplung). Ihre hohen Kosten ließen sich damit und mit dem günstigen Sommerstrom ausgleichen, auch würde die EEG-Umlage sinken, weil der Börsen-Strompreis stabilisiert würde. Stattdessen stehen deutsche Gaskraftwerke still, und Top-Hersteller Siemens stampfte pünktlich zu den Klimaverhandlungen COP23 2017 in Bonn seine deutsche Produktion ein.

    Die erneuerbaren Energien bieten in Deutschland z.Zt. 400.000 Arbeitsplätze mit hohem Steigerungs-Potential - doch viel bekannter sind die 35.000 Baunkohle-Arbeitsplätze. Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass von diesen 35.000 Arbeitsplätzen 2030 (dem Jahr des von Umweltverbänden geforderten vorgezogenen Kohleausstiegs) nur noch 5.000 übrig sein werden.

    Weltweit boomt das Elektroauto - während hierzulande der Dieselbetrug erst einmal dazu geführt hat, dass massenhaft Benziner und danach Hybride verkauft wurden. Die Mobilitätskonzepte der Umweltverbände mit ihrer Priorisierung von Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln, die von kleinen Elektroautos lediglich ergänzt werden, werden vollständig ignoriert - man rechnet jetzt stattdessen mit einem 1:1-Ersatz der Verbrenner durch "alternative Antriebe", bei denen man dem Verbraucher "Technologie-Offenheit" verspricht, damit aber v.a. Unsicherheit bezüglich der besten Lösung und damit Kaufzurückhaltung auslöst. Die zögerliche Umsetzung der Erhöhung der Elektroauto-Kaufprämie auf 6000€ im Winter 2019/20 wirkt in dieselbe Richtung.
    [Rüsberg 2020]
    Die Unterstützung von Fahrrad- und öffentlichem Verkehr hierzulande lässt sich nach jahrzehntelanger Benachteiligung und Vernachlässigung bestenfalls als halbherzig bezeichnen, auch wenn Verkehrsminister Scheuer oft auf dem Fahrrad vor der Kamera herumfährt. Immerhin macht er damit auch Werbung für's Radfahren. Er sollte es dem Bürger aber nur mit dem Hinweis "auf eigene Gefahr" empfehlen, denn jedes Jahr sterben mehr Radfahrer auf deutschen Straßen.

    Mit Technologie-Offenheit wird auch die Blockade der Erneuerbaren Energien gerechtfertigt. Altmaiers nationale Wasserstoff-Strategie setzt langfristig tatsächlich auf Import von Wasserstoff als Ersatz für Wind- und PV-Strom, den man eigentlich auch im Lande produzieren könnte, sogar mit einer Beteiligung der Bürger und Kommunen an den Gewinnen. Er tut dies Expertenberechnungen zum Trotz, die vor einem Wettbewerbsnachteil durch hohe Importkosten und vor einer Fortsetzung der Importabhängigkeit warnen.
    Das einzige, was nach dem Abwürgen von Onshore-Windkraft und PV noch effektiv gefördert wird, sind Kohlekraft und Windräder offshore, die ebenfalls ausnahmslos Konzernen gehören. Außerdem indirekt die Atomkraft, zu deren Entsorgung die Stromversorger nur einen Pauschalbeitrag leistet, der sehr wahrscheinlich durch den Steuerzahler noch einmal deutlich aufgestockt werden muss.

    Die CO2-Bilanz des Elektroautos wird mit Kohlestrom schlechtgerechnet (egal, ob die meisten privaten Elektroautofahrer mit erneuerbarem Strom laden), und die Angst vor einer Überlastung der Erzeugugskapazitäten und der Netze geht um - gleichzeitig wird aber die Energiewende blockiert. Gleichzeitig werden Wasserstoff und P2L-Treibstoffe in nahe Aussicht gestellt - obwohl Wasserstoff weit mehr als die doppelte und P2L die mindestens siebenfache Strommenge benötigt, und obwohl das Erdgasnetz für reinen Wasserstoff gar nicht geeignet ist, die Investitionen für ein Wasserstoffleitungen also hoch sein werden, von den 700bar-Verdichtern an den Zapfpunkten (incl. Energieverlusten) ganz zu schweigen.

    Mit dem Etikett der Technologie-Offenheit versieht man auch die neue Erzählung von der massenhaften Verfügbarkeit alternativer Brennstoffe aus grünem Wasserstoff, nach dem Power-to-X-Verfahren. Was man dabei verschweigt: der Strombedarf zur Versorgung unserer Verbrennerflotte würde unseren Gesamt-Strombedarf verdreifachen. Dieselben Lautsprecher haben jahrzehntelang propagiert, die Erneuerbaren wären nicht einmal langfristig in der Lage, auch nur einen relevanten Anteil des Stroms zu erzeugen.
    Nicht genug der Widersprüche: im selben Atemzug wird jetzt auch noch in Frage gestellt, ob denn für Elektroautos genug elektrische Energie verfügbar wäre, und ob das Stromnetz nicht zusammenbräche. Tatsächlich bräuchte man selbst bei einem 100%-Umstieg nur ein Drittel mehr Strom, und auch das Blackout-Szenario ist abwendbar.
    Aber auch die politische Bewertung der Reserven von Lithium-Salzen erfolgt ganz nach industrieller Windrichtung. Als es noch galt, die Verbrenner-Technik gegen die Forderungen der Klimaschützer zu konservieren, wurden diese massiv klein geredet. Jetzt, wo deutsche Autobauer gezwungen sind, sich auf dem Elektroauto-Weltmarkt zu positionieren, ist davon keine Rede mehr. Kein seriöser Klimaschützer hat jemals gefordert, alle Verbrenner-Antriebe 1:1 durch akkuelektrische zu ersetzen, erst recht nicht die der großen Spritschlucker. Ganz einfach deshalb, weil der überwiegende Teil der Autos für alle (außer für die Automobilindustrie) gewinnbringend ersetzbar ist. Schaut man sich die kommerziellen Elektroautos an, so dominierten zwar in der ersten Generation (2011-2016) noch kleinere Fahrzeuge. Seit dank gefallener Akkupreise und staatlicher Förderung der Massenmarkt angesprochen werden kann, werden die Autos schnell groß, schwer und reichweitenstark - entgegen aller Forderungen der Klimaschützer. Die Behauptung mangelnder Lithium-Reserven ist jedenfalls kein Thema mehr.
    All diese Behauptungen ermöglichen es den Autoherstellern, weiter aus der abgeschriebenen Technik des 20. Jahrhunderts Profite zu generieren. Die Verzögerung beim Ausbau der Eigen-PV, mit der die Betriebskosten des Akku-Autos noch einmal drastisch sinken würden, trägt ebenfalls dazu bei - ein Synergie-Effekt für Autohersteller, Ölkonzerne und Energieversorger. Alles auf Kosten von Klima und Umwelt.

    Viele Verbraucher zeigen ihre kritische Seite vor allem dann, wenn es um Lithium- und Kobaltsalze in Elektroautos geht, oder ihre Naturverbundenheit, wenn es um Vogelsterben durch Windräder geht. Nicht, dass diese Probleme nicht einer Behandlung bedürften. Aber wer konsequent nach derartigen Maßstäben konsumiert, kann heute nur auf wenige einwandfreie Produkte zurückgreifen: die Bio- und Weltläden würden unter dem Ansturm zusammenbrechen. Ein Lieferkettengesetz würde diesen Missstand beenden, wurde aber jahrzehntelang vom Wirtschaftsflügel der CDU und der FDP blockiert, und die erste Fassung von 2020 wird als nahezu wirkungslos kritisiert.

    Die dringend notwendige energetische Sanierung von Immobilien wird oft v.a. genutzt, um die Miete drastisch zu erhöhen. Die Kosten werden über 11 Jahre auf die Miete umgelegt - die danach aber nicht wieder gesenkt werden muss (und deshalb auch allzu oft nicht gesenkt wird). Dass ein guter Teil der Mietsteigerung auf das Konto von Spekulationen von Investoren geht und die Sanierung dem Mieter eigentlich Kosten ersparen könnte, spricht sich erst in letzter Zeit herum.

    Schülerstreiks und jüngste massive Anzeichen der Klimakrise haben zu einem breiten gesellschaftlichen Umdenken geführt. Doch Fossilökonomisten setzen immer noch Konsum-Verzicht gleich mit dem Verlust persönlicher Freiheit - obwohl mit dem Bestand der Zivilisation jedwede Voraussetzung von Freiheit auf dem Spiel steht. In ihrer misanthropischen Weltsicht sprechen sie den Menschen die Fähigkeit zu Empathie oder Solidarität ab, oder zumindest die Einsicht in die Notwendigkeit von Verzicht. Damit lenken sie die Menschen davon ab, über ihre eigene Verantwortung nachzudenken.

    An Stammtischen wird Angst vor dem abrupten Verlust des Lebensstandards geschürt - obwohl alle von Umweltverbänden geforderten Maßnahmen einen kontinuierlichen Umstieg ermöglichen. Man hält an Arbeitsplätzen in der Technik des letzten Jahrhunderts fest, obwohl die Welt (inclusive der Finanzwelt) auf ein Signal wartet, das den disruptiven Ausstieg einläutet. Bisher galt: wer zu früh aussteigt, hat verloren. Doch die Angst, zu spät zu sein, wird immer größer. Vieles deutet daraufhin, dass die Corona-Krise der Anlass ist.

    So ist z.B. schon abzusehen, dass man in einer dekarbonisierten Welt keine Verbrenner mehr braucht. Doch noch im Dezember 2018 verkündete der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Joachim Pfeiffer im DLF-Interview, "ohne Verbrenner würde das Klima sicher nicht gerettet", und auf ihrer wichtigen Rede zum Parteitag im November 2019 bekennt sich die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer zum Kampf für den Verbrenner-Standort Deutschland.

    Die Regierung trägt mit der "Schwarzen Null" die Haushaltsstabilität als Voraussetzung für die Zukunft wie eine Monstranz vor sich her. Dabei ist die aktuelle Austeritätspolitik nicht unumstritten. Was aber weit gravierender ist: die Erhaltung der natürlichen Ressourcen wird - schwarze Null hin oder her - zweitrangig behandelt, obwohl das Überleben der Menschheit bedroht ist. Einen Bankrott von Geldsystemen hat die Menschheit schon mehrfach verkraftet, der Bankrott der Natur ist endgültig.

    Trotz der Ankündigung eines Kohleausstiegs sieht der Gesetzesentwurf nur einen freiwilligen Ausstieg bei Steinkohle-Kraftwerken vor, und im Herbst 2019 wurde mit Datteln IV für Uniper ein neues Kohlekraftwerk genehmigt. Dennoch sieht sich das Wirtschaftsministerium im Klimaschutz "auf Zielkurs" - während die eigenen Sachverständigen ein viel höheres Tempo anmahnen.
    [Bundesregierung 2019-1]
    [Löschel 2018]

    Die Fossilökonomisten instrumentalisieren die wirtschaftlich Benachteiligten: sie spielen deren Interessen gegen die der Kinder aus, obwohl die Ursachen der Benachteiligung ganz wo anders liegen. Den zahlreichen Elendstreibern haben sie in Zeiten des Neoliberalismus wenig entgegengesetzt, wenn sie ihnen nicht sogar Vorschub geleistet haben. Jetzt soll für Klimaschutz kein finanzieller Spielraum mehr sein - nach vielen Jahrzehnten, in denen die industriellen Volkswirtschaften allen Warnungen zum Trotz keine Vorsorge getroffen und damit in der Summe noch mehr profitiert haben. Klimaschutz wird zu einer weiteren Verteilungsfrage herabgesetzt, und Konservative wehren sich grundsätzlich gegen jede Umverteilung von oben nach unten.

    Mit Fridays for future wurde Klimaschutz 2019 - zumindest nach ihrem Bekunden - zu einer der wichtigsten Richtlinien der Bundesregierung. Es sollte bei den Regierungsparteien also eigentlich ein Konsens bestehen, diese Richtlinie auch vor der Bevölkerung überzeugend zu vertreten. Während in der SPD-Bundespolitik Klimaskeptiker zumindest nicht mehr laut in Erscheinung treten (Fritz Vahrenholts politische Karriere endete in der Landespolitik 1997, Wolfgang Clement ist aus der Partei ausgetreten), so gibt es zumindest in der CDU-Bundestagsfraktion noch echte Klimaskeptiker.

    Fossilökonomisten behaupten immer wieder, die Eindämmung der Überbevölkerung sei gegenüber dem Klimaschutz vorrangig. Zunächst steht diese Einschätzung im Gegensatz zu Demographen, die ein absehbares Ende des Bevölkerungswachstums prognostizieren.
    [Verknüpfung]
    Was unsere eigene Rolle angeht: in Industrieländern betragen die Pro-Kopf-Emissionen meist ein Zigfaches der Werte in den Ländern, in denen das Bevölkerungswachstum hoch ist. Dort sind die meisten Klimaopfer zu beklagen, und natürlich werden auch die Klimaschäden der Zukunft dort die meisten Opfer fordern.
    [Verknüpfung]
    Die Regierungen versuchen z.B. mit Rekord-Baumpflanzaktionen, den unverantwortlichen Emissionen der Industrieländer irgend etwas entgegen zu setzen. An den dortigen prekären Verhältnissen haben die europäischen Kolonialmächte eine historische Verantwortung - doch auch die postkolonialen Beziehungen haben dort viele negative Folgen. Eine neue ausbeutbare Ressource ist die Fläche, die für die Kompensation unserer Emissionen zur Verfügung steht, außerdem das Potential zur Gewinnung von Erneuerbarer Energie.

    Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Bevölkerungen der Entwicklungsländer, aber auch die der südlichen EU-Staaten die Betreiber und Nutzer der CO2-Schleudern im Norden und die Zerstörer ihrer Ökosysteme zu Recht für die zunehmenden Klima- und andere Ökosystemschäden verantwortlich machen werden. In vielen Ländern hat sich jetzt schon die Verschuldung durch Klimaschäden extrem verschärft. Eine Flutkatastophe wie in Mosambik oder Dürre wie in Äthiopien verursacht Kosten in der Größenordnung eines Haushaltsjahres. Verständlicherweise werden die Entschädigungsforderungen auf den Welt-Klimakonferenzen immer lauter.
    [Siebert 2020]

    Bei uns dagegen wird immer mehr Menschen klar, dass man ihnen jahrzehntelang nicht die Wahrheit gesagt hat - verständlich, dass sie über die Zukunftsaussichten zutiefst verunsichert sind. Gerade Jugendliche können nur schwer abschätzen, mit welcher Berufswahl sie Chancen am Arbeitsmarkt haben werden.

    Deshalb sollen hier Hintergründe beleuchtet werden: wie ist das Dilemma entstanden - und welche Optionen haben wir? Die Geschichte von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik greifen ineinander.





    Inhalt


    Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.
    Wilhelm von Humboldt

    Nach den Riesenmaßstaben der Klima-Erdgeschichte unterscheidet man paläoklimatische Erdzeitalter. Unser paläoklimatisches Zeitalter nennt man das Quartäre Känozoische Eiszeitalter - denn beide Polkappen sind nachweislich seit dem Ende der Warmzeit Pliozän vor 2,6 Mio Jahren durchgehend vereist, auch wenn der Vereisungsgrad seitdem fluktuiert. 800.000 Jahre alte Zeugnisse regelmäßiger Wechsel von Glazial- (ebenfalls Eiszeit, also i.e.S., oder Kaltzeit) und Interglazialzeiten (Zwischeneiszeiten, oft auch Warmzeiten genannt) sind in antarktischen Eisbohrkernen erkennbar.

    [Wikipedia 2019 - Känozoisches Eiszeitalter]

    Interglaziale beginnen mit einer sehr schnellen Erwärmung und enden mit einer sehr langsamen Abkühlung. (Die Zeitachse auf der Abbildung ist umgekehrt, ybp - years before present.)

    [Wikipedia 2019 - EPICA]

    Die vorangegangene Interglazialzeit war das sogenannte Eem vor 120.000 Jahren, damals war sogar der grönländische Eisschild instabil.

    Die Feuernutzung erlaubte dem Menschen die Migration aus Afrika nach Europa vor 70.000 Jahren, also in einer Glazialzeit. Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt viel später bei sogenannten optimalen Temperaturen mitten in der darauf folgenden, aktuellen Interglazialzeit, die bis vor 200 Jahren wieder langsam auf ihr Ende zu ging: in den fünf Jahrtausenden der Geschichtsschreibung kühlte die Erde ganz langsam in Richtung der nächsten Glazialzeit ab.
    Holocene Temperature Variations German.png
    CC BY-SA 3.0, Link

    Innerhalb der letzten 200 Jahre hat der Mensch diese Abwärtsentwicklung der Temperatur nolens-volens zunächst zum Stillstand gebracht - durch Verbrennung fossiler Brennstoffe. Sie dienten zunächst dem Erhalt der Wälder, die in den späteren Industrieländern durch Abholzung zur Gewinnung von Brennholz massiv bedroht waren - im Mittelmeerraum waren sie schon in der Antike dem Schiffbau zum Opfer gefallen. Schnell wurde der hohe Energiegehalt der Kohle zur Eisenverhüttung genutzt. Dampfmaschinen - die ersten Wärmekraftmaschinen - machten die Energie für Bewegung nutzbar. Die Entdeckung der Elektrodynamik ermöglichte Kohlekraftwerke und damit eine Versorgung von Industrie und Haushalten mit elektrischem Strom. Leistung und Effizienz von Wärmekraftmaschinen wurde durch den neuen flüssigen Brennstoff Öl im 20. Jahrhundert vervielfacht. Die Industrieproduktion, auch für zwei Weltkriege, explodierte, auch durch die chemische Industrie, die vor allem durch den Ölboom neue Massenprodukte erfand. Begleitet von einer exponentiell wachsenden Extraktion anderer Rohstoffe aus der Erdkruste, Deposition und Emission toxischer Abfälle, Versiegelung und Kultivierung von Landflächen zur Landwirtschaft (v.a. Viehzucht) mit Massenanwendung von Bioziden droht der Menschheit im 21. Jahrhundert der Ökozid.

    Filmtip: Die Erdzerstörer
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Obwohl die Risiken des Ökozids durch eine globale Erwärmung (Revelle und Suess 1957) und die durch industrielle Landwirtschaft und Umweltgifte (Carson 1962) seit weit über einem halben Jahrhundert bekannt sind, und obwohl die konventionelle Industrie mittlerweile viele andere ökozide Potentiale immer sichtbarer entfaltet, intensiviert man sie immer weiter. Die Temperaturkurve schießt - wie die CO2-Konzentration der Atmosphäre - immer steiler nach oben. Wegen dieser massiven globalen Eingriffe, u.a. in das Paläoklima, spricht man vom Anthropozän.

    Von DeWikiMan, based upong fig. 1a) of Pages2K (2019), doi:10.1038/s41561-019-0400-0 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
    [Wikipedia 2019 - Klimageschichte]

    2017 brachte der Protagonist der politisch aktiven Klimaforscher James Hansen eine Aktualisierung seiner Forschungsergebnisse heraus - die seine Vorhersagen aus den 80er Jahren bestätigt. Seine Temperaturkurve des Holozän-Zeitalters lässt sehr gut die Größenordnung und Geschwindigkeit der sich anbahnenden Katastrophe erahnen.

    Hansens Artikel bei earth system dynamics: Young peoples' burden:
    [Verknüpfung]
    [Hansen 2017]
    Um die Dimensionen in der Klimageschichte einzuordnen: die Tiefsttemperaturen des letzten Glazials vor 22.000-16.000 Jahren lagen 5,4K tiefer als heute.
    [Wikipedia 2020 - Letzteiszeitliches Maximum - Temperaturen]
    Um die Relation der aktuellen Erwärmungsgeschwindigkeit zu der natürlichen Erwärmung von damals bis zum frühgeschichtlichen Optimum zu zeigen, habe ich hier die beiden Darstellungen kombiniert:

    Die antarktischen Proxy-Temperaturabweichungen aus den EPICA-Eisbohrkernen wurden hier (wie bei Hansen 2013) für eine grobe Schätzung der globalen Durchschnittstemperaturen halbiert.
    [Hansen 2017], kombiniert mit Daten aus [Jouzel 2007] gemäß [Fergus 2015] und [Hansen 2013]
    Eine ähnliche Darstellung aus einem Nature-Artikel hat neulich eine Klimaskeptiker-Debatte ausgelöst.

    Eine Comic-Geschichte der Menschheit ist hier mit einer Temperaturkurve kombiniert:
    [Munroe 2019]

    So hohe CO2-Konzentrationen wie jetzt gab es zuletzt vor dem aktuellen känozoischen Eiszeitalter, also vor über 2,6Mio Jahren, im Pliozän. Damals lag der Meeresspiegel 20m über NN, die Temperaturen lagen 2-4°C höher als 1800. Aktuelle Klimamodelle sagen für das Ende des Jahrhunderts 3-6K Erwärmung voraus.
    [Röhrlich 2019]
    Die hohe Zuverlässigkeit der Modelle zeigt sich darin, dass sie die Entwicklung der letzten Jahrhunderte zuverlässig rekonstruieren können, z.B. das Modell des Deutschen Klimarechenzentrums DKRZ:

    [Verknüpfung]
    Eine hohe Zuverlässigkeit bewiesen auch schon die Modelle, die die von Exxon intern beauftragten Forscher in den frühen 80er-Jahren benutzt haben. Sie prognostizierten die Erwärmung bis heute sehr genau - doch Exxon behauptete in der Öffentlichkeit das Gegenteil.
    Bei unkontrollierter positiver Rückkopplung der Erwärmung durch Kipppunkt-Effekte sind noch weit größere Temperaturerhöhungen sehr wahrscheinlich.
    Wegen der Unwägbarkeiten der Kipppunkte sind zwar genaue Vorhersagen unmöglich, und Temperaturen von +14K haben tatsächlich zur Zeit der Dinosaurier geherrscht. Nur würden die Änderungen in unvergleichlich kurzer Zeit ablaufen, was die Wahrscheinlichkeit eines globalen Biosphären-Kollaps (inclusive Vernichtung der Menschheit) in Richtung 100% bringt. Wir sehen schon bei dem aktuellen Wert von 1K, dass Hitzestress und Migrations-Druck durch Verschiebung der Klimazonen unzählige Arten zum Aussterben bringt.
    Eine vergleichbar kurze, heftige Erwärmung fand vor 56 Millionen Jahren statt, das Paläozän-/ Eozän- Temperaturmaximum (PETM). Sie führte zu einem katastrophalen Massenaussterben.
    [wikipedia 2020 - Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum]
    Warnungen wie diese werden von Fossilökonomisten als Hysterie bezeichnet - obwohl es sich um die Lehrmeinung einer Wissenschaft handelt, die mit ihren Modellen seit 40 Jahren die Entwicklung bis heute hinreichend genau vorhersagen konnte, und die ihre Methoden in der Zwischenzeit stark verbessern konnte, allein schon wegen Verbesserung der Rechenleistung um um mehrere Größenordnungen.

    All palaeotemps G2.svg
    Von User:Glen Fergus, User:hg6996 - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:All_palaeotemps.png, CC BY-SA 3.0, Link
    [Wikipedia 2020 - Klimageschichte]

    Der exponentiell wachsende schädliche Einfluss des Menschen beschränkt sich nicht nur auf das Klima.
    Der australische Klimaforscher Will Steffen prägte den Begriff "the great acceleration".

    Steffens Folien werden oft in Vorträgen eingesetzt, deshalb hier zwei Foliensammlungen aus slideshare.

    Great acceleration von Owen Gaffney 2011
    Great Acceleration 2015 von International Geosphere-Biosphere Programme 2015

    Ein deutsches Dossier zur Großen Beschleunigung bringt die Bundeszentrale für politische Bildung:
    [Verknüpfung]
    Über die Grafiken bekommt man eine schnelle Übersicht:
    [Verknüpfung]
    2012 startete der Paläontologe und Geobiologe (heute Präsident des Naturkundemuseums Berlin) Reinhold Leinfelder bei SciLogs (Blogger-Kanal von Spektrum der Wissenschaft) den Blog "Der Anthropozäniker - Unswelt statt Umwelt".
    [Verknüpfung]
    Die internationale Stiftung future earth publiziert seit 2016 die kostenlose Zeitschrift Anthropocene.
    [Verknüpfung]
    So wie mit dem IPCC seit Jahrzehnten ein UN-beauftragtes Forschergremium das Klima beobachtet, wird seit einigen Jahren auch die Biodiversitäts-Forschung von der UN organisiert: in Form des IPBES.
    [Verknüpfung]

    Kohle, Öl und Gas haben zwar tatsächlich einer Minderheit der Menschheit für extrem kurze Zeit extrem großen Wohlstand gebracht. Doch der Segen der Fossilbrennstoffe verblasst angesichts der tödlichen Konsequenzen.
    Wir haben die Emissionen bis zuletzt immer weiter gesteigert, d.h. eine Null-Emission oder gar Netto-Sequestrierung (Austragung aus der Atmosphäre) ist bei der derzeitigen Entwicklung nicht absehbar.


    [Quaschning 2018]

    Wir erleben schon jetzt den Beginn des sechsten Massenaussterbens der Erdgeschichte, das menschengemacht ist, und dem auch die Zivilisation der Menschheit zum Opfer fallen wird - wenn wir es nicht schaffen, das fossile Feuer innerhalb weniger Jahre, und zwar drastisch, zu reduzieren. Wir müssen sofort damit anfangen.

    Die gute Nachricht, die Fossilökonomisten übertönen wollen: wir können es, wir hätten viel früher mit dem Ausstieg anfangen können. Um zu verstehen, wer und was uns bisher davon abgehalten hat, müssen wir die Geschichte der fossilen Brennstoffe genauer betrachten.








    753 v. Chr.

    Gründung des römischen Reichs, das streng patriarchalisch organisiert ist und als Imperium Romanum zur Hegemonialmacht im ganzen erweiterten Mittelmeerrraum aufsteigt.


    7-4 v. Chr.

    Jesus von Nazareth wird geboren. Als Erwachsener zieht er predigend durch das heutige Israel und verkündet die Existenz einer liebenden Gottesmacht. Er fordert seine Mitmenschen zur bedingungslosen Nächstenliebe auf, über alle Unterschiede von Geschlecht, Ethnie, Hautfarbe und Beruf hinweg. Er mobilisiert eine große Anhängerschaft und wird auf Betreiben der jüdischen und römischen Machthaber gekreuzigt. Von den ersten schriftlichen Zeugnissen seines Wirkens wird nur ein Teil überliefert, vom Rest wird ein Teil viel später zufällig gefunden und z.T. von Archäologen erfasst. Seine Anhänger werden im römischen Reich lange verfolgt. Die urchristlichen Untergrund-Gemeinden werden häufig von Frauen geleitet, Gott wird - in jüdischer Tradition - als Mutter und Vater verstanden. Auch die Römer kennen weibliche und männliche Götter - wenn es auch einen höchsten männlichen Gott gibt.
    [Verknüpfung]


    325

    Konzil von Nicäa: der römische Kaiser Konstantin der Große erklärt das Christentum zur Staatsreligion. Im Vielvölkerstaat ist damit keine der etablierten Parteien bevorzugt - alle sind gleichermaßen benachteiligt. Der Klerus legitimiert von da an die Machtausübung des Kaisers (auch durch Waffengewalt) und arbeitet eng mit ihm zusammen: er entscheidet über die Zugehörigkeit zur Kirche und die Absolution von Sünden (die gemäß der katholischen Theologie zur Erlösung nach dem Tod unabdingbar sind). Gott wird zum Vater erklärt, und Frauen sind von da an in der katholischen Kirche von allen geistlichen Ämtern ausgeschlossen - bis heute.


    800

    Nach jahrhundertelangem Zerfall des römischen Reichs gewinnt der fränkische König Karl der Große seine jahrzehntelangen blutigen Kriege gegen die Sachsen und andere nicht-katholiche Ethnien, und lässt sich von Papst Leo III (den er gegen dessen Gegner geschützt hatte) in Rom zum ersten poströmischen Kaiser krönen, und zum patricius romanorum, und damit zum Schutzherrn über Rom. Damit wird die Hegemonie römisch-katholischer Macht auch ins nichtrömische Zentraleuropa ausgedehnt. Bis heute bezeichnen sich Könige als "Beschützer des Glaubens".
    In der Erklärung zur sächsischen Kapitulation legt Karl fest: "Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen."
    [Wikipedia 2021 - Christianisierung]
    Was mit der Lehre des Jesus von Nazareth vollkommen unvereinbar ist. Auch nach dem katholischen Kirchenrecht ist die Zwangstaufe verboten.
    Karls Reich kann nur kurz an das römische anknüpfen, auch wenn sich viele Nachfolger als "Kaiser des Heiligen Römischen Reichs" bezeichnen. Schon seine Söhne zerstreiten sich um das Erbe, und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, das von außen herbeigeführt wird, bleibt Europa im Dauerkrieg mit Unterbrechungen.

    Die staufischen Nachfolger Karls überwerfen sich 1160 mit dem legitimen Papst Rolando Bandinelli (Alexander III) und installieren als Gegenpapst Guido von Crema (Paschalis III), der Karl 1165 trotz seines gravierenden Verstoßes gegen das Kirchenrecht heilig spricht.

    Trotz Kriegen mit den omayyadischen Moslems in Spanien betreibt Karl gegenüber dem wichtigsten islamischen Machthaber, dem abbasidischen Kalifen Harun-al-Raschid von Bagdad, Entspannungspolitik. Ein Grund dafür war der gemeinsame Feind, das oströmische Reich. Wie auch immer, durch diese Übereinkunft konnten christliche Pilger die Kultstätten in Israel unbehelligt besuchen.
    [Verknüpfung]


    1095

    Jerusalem ist seit etwa 100 Jahren von verschiedenen innermuslimischen Konflikten betroffen. Auch Juden und Christen fallen den Auseinandersetzungen zum Opfer. Deshalb ruft Papst Odo von Chatillon (Urban II.) in Clermont-Ferrand zur Eroberung der Pilgerstätten Jerusalems in einem sogenannten "Kreuzzug" auf. Laut dem Chronisten Fulcher von Chartres ruft die Masse "Deus lo vult" (dt. "Gott will es"). Odo verspricht den Kriegern, sogenannten Kreuzrittern, die Absolution. Auch wenn Kleriker vielfach die Gewaltausübung von Herrschern legitimierten und Krieger segneten - der direkte Aufruf eines Klerikers zur kriegerischen Gewalt ist dennoch äußerst ungewöhnlich.

    [Wikipedia 2021 - Deus lo vult]
    Die Kreuzritter organisieren sich in Laienorden, den sogenannten Ritterorden.

    Auch wenn die Tradition der Kreuzritter kirchenintern über die Jahrhunderte immer wieder Kritiker fand, setzte sie sich bis heute durch, u.a. als Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Dieser wurde 1868 als juristische Person des Vatikans anerkannt, und zwar vom antisemitischen Papst Giovanni Mastai Ferretti (Pius IX), der für seine umstrittenen Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariens und der Unfehlbarkeit traurige Berühmtheit erlangte. Seitdem wurde dieser Status des Ordens immer wieder bestätigt, zuletzt durch Papst Karol Wojtyła (Johannes Paul II) 1996.
    1933 wird die deutsche Statthalterei eingerichtet, wonach viele rechtskonservative Politiker beitraten.
    [Wikipedia 2021 - Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem]
    Die Kultur der Kreuzritter wird ansonsten bis heute tradiert vom Malteser- und dem Deutschen Orden.


    1228

    Giovanni di Pietro di Bernardone wird schon zwei Jahre nach seinem Tod als Heiliger Franz von Assisi heilig gesprochen. Der Sohn aus reichem Hause hat als Aussteiger nach dem Vorbild Jesu den ersten sogenannten Minderorden begründet. Der erste Papst, der diesen Namen annimmt, ist Jorge Mario Bergoglio im Jahre 2013.

    Stauferkaiser Friedrich II bricht widerwillig zum Kreuzzug auf, um sich von der Exkommunikation durch Papst Ugolino dei Conti di Segni (Gregor IX) zu rehabilitieren. Ein Jahr später schließt er mit dem ayyubidischen Sultan al-Kamil (einem Neffen Saladins) einen 10-jährigen Waffenstillstand, der Pilgern den freien Zugang zu den meisten Kultstätten ermöglicht. Das ist ihm auch dadurch möglich, weil er als multikulturell sozialisierter Sizilianer u.a. arabisch spricht.
    [Wikipedia 2021 - Friedrich II. (HRR)]


    1267

    Der Franziskaner Roger Bacon erwähnt die Verwendung von Schwarzpulver. Der waffenfähige Sprengstoff wurde um 1044 erstmals in China erwähnt und hatte wohl über die Seidenstraße den Weg nach Europa gefunden, vielleicht sogar durch seinen Ordensbruder Wilhelm von Rubruk.
    [Wikipedia 2021 - Schwarzpulver - Geschichte]
    [Wikipedia 2021 - Wilhelm von Rubruk]
    Weil die chinesischen Kaiser traditionell eine isolationistische Politik verfolgten, konnten sich über die Jahrhunderte europäische Machthaber weltweit mit ihren Schusswaffen durchsetzen.


    1494

    Papst Rodrigo Borgia (Alexander VI) teilt die Erde außerhalb Europas in eine spanische und eine portugiesische Hälfte.
    [Wikipedia 2021 - Vertrag von Tordesillas]


    1517

    Der Mönch Martin Luther schlägt seine reformatorischen Thesen an, die zur Spaltung sowohl der Kirche als auch Europas in papsttreue Katholiken und reformierte Protestanten führt. Weltliche Herrscher, die die politischen Einmischungen Roms nicht tolerieren wollten, haben diese Entwicklung betrieben - sonst wäre Luther sicher wie seine Vorgänger als Abtrünniger ("Ketzer") hingerichtet worden.
    In der Folge kommt es zur Aufklärung und schließlich zum Verlust der religiösen Legitimation der Adelsherrschaft, letztlich auch in den katholischen Gebieten. Die neue herrschende Schicht, das Bürgertum, begründet ihre Macht auf Geldwirtschaft. Ruinöse Misswirtschaft des Adels und besonders die Entfaltungsmöglichkeiten in den britischen Kolonien von Nordamerika treiben die Demokratiebewegungen weltweit voran. Doch auch da, wo die Monarchie erhalten bleibt, geht die Macht nach und nach auf die Wirtschafts-Akteure über. Zu groß ist die Abhängigkeit der Staatsmacht von Gewerbe, Handel und Industrie, also der Wirtschaft - die die Adeligen von Anfang an nicht als ihre Sache verstanden. Eine wichtige Rolle bei der Geldkonzentration spielte der Ausbeutung von Sklaven in den Kolonien.


    1776

    Unabhängigkeitserklärung der USA, Erklärung der Menschenrechte - die allerdings nicht für Frauen, Sklaven und Freigelassene galt [Wikipedia 2021 - Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten]


    1789

    Beginn der franzöischen Revolution, in der Adel und Klerus entmachtet wurden - doch Frauen erhielten, obwohl sie mitkämpften, kein Wahlrecht








    1660

    Die europäischen Königshäuser erkennen im Zuge der Aufklärung die Bedeutung der Naturwissenschaften, zuerst in England. Das ist kein Wunder, denn England ist schon damals in Bergbau, Metallurgie, Schiffsbau und kolonialer Expansion führend. Die Wurzeln des Londoner Invisible College, einem erlesenen Club von Naturphilosophen, liegen im Freimaurerertum, einer aufklärerischen bürgerlichen Geheimbewegung. Das Königshaus wird allerdings schnell auf den Geheimclub aufmerksam: ein Jahr nach seiner Gründung wird er offiziell zur Royal Society.
    [Wikipedia 2021 - Royal Society]

    [Wikipedia 2021 - Invisible College]

    Das Vorbild der Engländer weckt den Ehrgeiz der Franzosen. Immerhin schwärt der britisch-französische Konflikt bereits seit 600 Jahren, als 1666 Jean-Baptiste Colbert - der weitsichtige Ökonom Ludwigs XIV - die Académie des sciences gründet. Die absolute Monarchie wirtschaftet dennoch immer weiter herunter, was letztlich zur Revolution führt.
    [Wikipedia 2021 - Académie des sciences]
    1700 schließlich gründet Preußenkönig Friedrich III. die Preußische Akademie der Wissenschaften.
    [Wikipedia 2021 - Preußische Akademie der Wissenschaften]


    1698

    Großbritannien: Thomas Savery baut - auf Basis der Dampfdruckpumpe des Franzosen Denis Papin - die erste kommerzielle kohlefeuerbetriebene Wasserpumpe. Sie hieß "the miner's friend", weil mit ihr Bergwerke entwässert werden konnten, setzte sich aber nicht durch. 1712 schaffte Thomas Newcomen 1712 weitere Verbesserungen der Maschine, die dann auch kommerziell Erfolg hatte. Die Kohleförderung in Großbritannien wurde damit massiv intensiviert. Doch erst 1769 patentierte James Watt seine legendäre Dampfmaschine, die einen besseren Wirkungsgrad, also geringeren Kohleverbrauch zeigte.


    1800

    Italien: Alessandro Volta begründet mit seinen Versuchen mit Kupfersalz-Batterien die Elektrochemie - die Grundlage für Batterien und Akkumulatoren.


    1821

    Vereinigtes Königreich: Michael Faraday baut einen einfachen Elektromotor mit Batterieantrieb. 1831 entwickelt er daraus den ersten Generator.
    [Wikipedia 2021 - Electric motor - Early motors]
    [Wikipedia 2021 - Homopolar generator]


    1838

    Schweiz: Christian F. Schönbein bringt Wasserstoff- und Sauerstoffgas an Platinelektroden zur Reaktion und verursacht damit einen elektrischen Strom: die erste Brennstoffzelle.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Brennstoffzelle]


    1839
    Frankreich: Alexandre Becquerel entdeckt als erster eine Form des photoelektrischen Effekts, auf dem Photovoltaik beruht.
    [Wikipedia 2021 - Becquerel-Effekt]

    F:

    Russland: Moritz von Jacobi baut einen 220W-Elektromotor mit Batterieantrieb, mit dem er immerhin ein Boot fahren lässt.
    [Wikipedia 2019 - Jacobi-Boot 1839]
    [LeifiPhysik 2019 - Jacobi-Motor]


    1854

    Suquamish-Häuptling Seattle hält vor dem Gouverneur des Washington Territory Isaac Stevens eine Protest-Rede; dabei warnt er die Siedler vor ihrem zerstörerischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.
    Bei den folgenden Zitaten handelt es sich um eine freie Wiedergabe des anwesenden Dichters Henry Smith aus seinen Notizen, inhaltlich später bestätigt durch weitere anwesende Stammesmitglieder.
    [Wikipedia 2020 - Chief Seattle's speech - The oldest version: 1887]

    "[...] Ihr müßt eure Kinder lehren, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist. Damit sie das Land achten, erzählt ihnen, daß die Erde erfüllt ist von den Seelen unserer Vorfahren. Lehrt eure Kinder, was wir unsere Kinder lehrten: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn Menschen auf die Erde spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir - die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an. [...]
    Die Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen denselben Atem: das Tier, der Baum, der Mensch - sie alle teilen denselben Atem. Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken. Wie ein Mann, der seit vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen den Gestank. Aber wenn wir euch unser Land verkaufen, dürft ihr nicht vergessen, daß die Luft uns kostbar ist, daß die Luft ihren Geist teilt mit all' dem Leben, das sie erhält. [...]
    Der weiße Mann, vorübergehend im Besitz der Macht, glaubt, er sei schon Gott, dem die Erde gehört. Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen? [...]
    Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt: Unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, daß ihr ihn besitzt, so wie ihr unser Land zu besitzen trachtet, aber das könnt ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen - gleichermaßen der roten und der weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll. Und die Erde zu verletzen heißt ihren Schöpfer zu verachten. Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, euer Bett zu verseuchen, und eines nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. [...]
    Wenn wir euch unser Land verkaufen, liebt es, so wie wir es liebten, kümmert euch, so wie wir uns kümmerten, behaltet die Erinnerung an das Land so, wie es ist, wenn ihr es nehmt. Und mit all eurer Stärke, eurem Geist, eurem Herzen erhaltet es für eure Kinder und liebt es - so wie Gott uns alle liebt. Denn eines wissen wir - unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch - Brüder. Wir werden sehen."
    [Verknüpfung]


    1856

    Vereinigtes Königreich und USA: John Tyndall und Eunice Foot entdecken unabhängig voneinander, dass CO2 (das Produkt der Verbrennung fossiler Brennstoffe) ein Treibhausgas ist; von allen Gasen, die Foote untersuchte, hatte es die stärkste Wirkung: "Thirdly. The highest effect of the sun's rays I have found to be in carbonic acid gas."
    [Hayhoe 2016 - Foote 1856]
    [Foote 1856]








    1858

    USA: John D. Rockefeller baut eine Raffinerie, Basis für sein Ölmonopol Standard Oil, mit dem er der erste Milliardär der Geschichte wurde. Dabei geht er oft manipulativ vor. 1872 z.B. versucht er illegale Absprachen mit der Bahngesellschaft zu ungunsten seiner Wettbewerber. Er hat nach Jack Mulcaire Kerosinlampen verbilligt abgegeben, um die Kunden an sein so genanntes "Standard-" Öl zu binden, u.a. 8 Millionen in China. Das Öl ist durch spezielle Destillation frei von leicht flüchtigen Erdölbestandteilen, also weniger explosionsgefährlich. Die Lampe ist einfacher gebaut als herkömmliche Lampen, die einen Explosionsschutz besitzen. Nutzt man die kostenlose Lampe mit dem billigen Öl der Konkurrenz, kann es zur Explosion kommen.
    [SDI Research 2009 - Rockefeller-Prinzip 1901]
    [Mulcaire 2015 - Rockefeller in China 1901]


    1860

    Frankreich: Lenoir entwickelt einen Zweitakt-Verbrennunsgsmotor, 1863 fährt Lenoir mit seinem Hippomobile 18km am Stück.
    [Wikipedia 2019 - Automobil - Geschichte]
    1872 erfindet und patentiert der Österreicher Christian Reithmann den Viertakt-Motor, der später als Otto-Motor bekannt wird. Reithmann verzichtete später im Patentstreit in einem Vergleich mit dem Besitzer der Deutz-Werke Eugen Langen - aus wirtschaftlichen Gründen.
    [Verknüpfung]


    1875

    Jules Verne überspringt in seiner visionären Science Fiction das Ölzeitalter. Er schreibt in seinem Buch "Die geheimnisvolle Insel" begeistert über die Brennstoffzelle: "Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern."
    [Verne 1875]


    1877

    Otto-Viertaktmotor mit 3PS


    1881

    Gustave Trouvé präsentiert auf der Internationalen Strommesse in Paris ein Elektroauto.
    Trouve trike 1881a.jpg
    By G. Dupré ? - "Physique et Chimie populaires" Band 2, 1881-1883, Alexis Clerc (1841-1894), Public Domain, Link
    [Wikipedia 2019 - Geschichte des Elektroautos]


    1886

    Carl Benz baut den Patent-Motorwagen mit Otto-Motor, das erste in Serie gebaute Automobil.
    [Wikipedia 2019 - Benz Patent-Motorwagen]


    1890-1911

    USA: Rockefellers Monopol Standard Oil wird vom Staat zerschlagen.

    Die zeitgenössische Karikatur stellt Standard Oil als Kraken dar, der die USA im Würgegriff hält.
    [Hengsterman 2017]

    In Dänemark gehen die ersten elektrischen Windkraft-Anlagen in Betrieb, z.T. umgerüstete alte Windmühlen, versuchsweise auch zur Elektrolyse.
    [Verknüpfung]


    1896

    Der spätere Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius (ein weitläufiger Verwandter von Greta Thunberg) schätzt die Klimasensitivität von CO2 auf 5°C. Er verweist nicht auf die Gefahren der Entwicklung.
    [Arrhenius 1896]


    1902

    Sabatier und Senderens entwickeln ein Verfahren zur Synthese von Methan (Erdgas-Ersatz) aus CO2 und H2 (Nobelpreis 1912).
    [Sabatier 1902]


    1905

    Einstein beschreibt den photoelektrischen Effekt, auf dem die Energewende per Photovoltaik basiert. 1915 bekommt er dafür zu Recht seinen Nobelpreis (nicht, wie manche meinen, für die Relativitätstheorie).


    1908

    USA: Ford beginnt die Fließbandproduktion des Verbrenner-Autos Model T.


    1900-1910

    Elektrische Kutschen ersetzen zunehmend Pferdekutschen und beherrschen das Straßenbild in US-Großstädten; Ferdinand Porsche baut für Lohner (Wien) sein erstes Auto: ein Elektroauto mit Kontroller und Drehstrom-Radnabenmotoren - das Grundprinzip ist immer noch aktuell.
    Lohner Porsche.jpg
    Von Unbekannt - photo from 1902, Gemeinfrei, Link







    Inhalt




    1910

    Der elektrische Anlasser für den Verbrennungs-Motor bereitet dem Massen-Elektroauto ein (vorläufiges) Ende.


    1912

    Nach seinem Aufsatz über "Die Energiequellen der Zukunft", in der er den Übergang von der fossilen zur solaren Energieversorgung beschreibt, prägt der Nobelpreiträger für Chemie 1909 Wilhelm Ostwald in seinem Buch "Der energetische Imperativ" den Energieeffizienz-Gedanken: "Vergeude keine Energie - nutze sie!"
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1913

    Ägypten: In Maadi nimmt das erste solarthermische Kraftwerk in Parabolrinnen-Bauweise des US-Ingenieurs Frank Shuman seinen Betrieb auf. Mit 25PS aus einer Dampfturbine wird Wasser gepumpt. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs sagt der deutsche Reichstag Shuman 200.000RM zur Finanzierung einer größeren Anlage in Deutsch-Südost-Afrika zu. Deutschland war bei der Aufteilung ölreicher Kolonien leer ausgegangen.
    Der Kriegsausbruch 1914 bedeutet das Ende des Projekts.
    [Wikipedia 2020 - Frank Shuman]


    1917

    Sykes-Picot-Abkommen: Nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reichs kommt es zur Aufteilung des ölreichen Nahen Ostens zwischen England und Frankreich.

    Red-Line-Abkommen: erste Aufteilung von Ölförder-Gebieten zwischen Kolonialmächten

    1. Weltkrieg: Der englische Admiral Winston Churchill entscheidet sich für den besseren Schiffstreibstoff: Diesel statt Kohle. Das entscheidet den Seekrieg mit Deutschland.

    Flugbenzin ermöglicht den ersten Luftkrieg.


    1918

    Der britische hochdekorierte Mathematiker und Ökonom John Maynard Keynes steht der englischen Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen vor. Er warnt vor einer revanchistischen Politik gegenüber dem Kriegsverursacher Deutschland und tritt unter Protest von seinem Posten zurück. 1919 sagt er in seinem Buch The Economic Consequences of the Peace die sozialen Folgen voraus, die letztlich - finanziert von deutschem und auch amerikanischem Großkapital - zum Aufstieg des deutschen Faschismus führte.
    Keynes tritt gegen unbedingten Liberalismus und für staatliche Wirtschafts-Intervention ein.

    Auch unter dem Eindruck der Vorgänge in Deutschland bewegt er 1933 den US-Präsienten Roosevelt zum New Deal. Die Stabilisierung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Abkommen von Bretton Woods wird von ihm entscheidend mitbestimmt.
    [Wikipedia 2021 - John Maynard Keynes]


    1922

    Der Vorstand des US-Autobauers General Motors Alfred P. Sloan setzt eine Arbeitsgruppe ein, die den Ersatz elektrischer Straßenbahnen durch Busse durch Lobbyarbeit und Korruption betreiben soll. Das Projekt führte später zu einem Skandal und z.T. zu gerichtlichen Verurteilungen.
    [Wikipedia 2019 - Sloan 1922]
    Pacific-Electric-Red-Cars-Awaiting-Destruction.jpg
    Von Los Angeles Times - http://digital2.library.ucla.edu/viewItem.do?ark=21198/zz0002tqg9, Gemeinfrei, Link


    1925

    D: Fischer und Tropsch entwickeln das Sabatier-Verfahren weiter zur Synthese flüssiger Kohlenwasserstoffe (Erdöl-Ersatz) aus Wassergas - einem CO- H2- Gemisch aus der Vergasung von Kohle mit Wasserdampf, weshalb das Verfahren auch landläufig als "Kohle-Verflüssigung" bezeichnet wurde. Es erlaubt bald dem Nazi- und später in noch viel größerem Umfang dem Apartheids-Regime den Ersatz von Rohöl. Daraus wurde jetzt, teils an den historischen Altstandorten, das P2L-Verfahren entwickelt.
    [Wikipedia 2019 - Fischer und Tropsch 1925]


    1928

    Schottland: As-Is- oder Achnacarry-Abkommen der sog. Seven Sisters

    Auf Achnacarry Castle (damals Eigentum von H. Deterding) kommt es zur Absprache von Henry Deterding (Shell), Walter C. Teagle (Standard Oil (Rockefeller)) und John Cadman (Anglo-Persian Oil Company, später BP) über die Aufteilung des globalen Ölmarkts; das Kartell ist 1952 durch einen US-Senatsausschuss bekannt geworden, benannt als "Seven Sisters" durch Eni-Chef Enrico Mattei.
    [Wikipedia 2019 - Achnacarry-Abkommen 1928]
    [Bamberg 1994]
    [Haberman 2002]
    [Corsetti 2010]
    [Vassilou 2018]


    1932

    Unterstützung der NSDAP durch die Fossilindustrie

    Die Großindustrie betreibt aktiv die Schwächung der parlamentarischen Demokratie in der Weimarer Republik; manche Industrielle wie Thyssen und Deterding (Shell) unterstützen Hitler finanziell schon vor der Machtergreifung. Deterding siedelt 1936 von den Niederlanden nach Deutschland über.
    [Wikipedia 2019 - Großindustrie und Aufstieg der NSDAP]

    In den Wirren vor der Machtergreifung konzentriert sich die Unterstützung durch Industrielle nicht nur auf Hitlers Partei NSDAP; danach unterstützt die Großindustrie allerdings die NSDAP massiv. Obwohl Deutschland wirtschaftlich vom verlorenen Ersten Weltkrieg, horrenden Reparationsforderungen und Wirtschaftskrise gezeichnet war, trieb der vormals gescheiterte Putschist Hitler wie lange angekündigt die Wiederaufrüstung Deutschlands voran. Sie wurde anschubfinanziert durch Kriegsanleihen, die die deutsche Großindustrie von Finanzminister Hjalmar Schacht erwarb, sogenannte Mefo-Wechsel. D.h. sie liehen dem Staat das Geld für einen Krieg, von dem sie sich Rückzahlung plus Rendite versprachen. Zwangsarbeit, eine besonders menschenverachtende Form der Externalisierung, verbilligte die Produktion massiv und erhöhte damit die Profite.
    Die Aufrüstung verschaffte deutschen Konzernen der chemischen, Schwer-, Waffen-, Automobil- und Flugzeugindustrie gigantische Wachstumsraten. Das chemische Industriekonglomerat IG Farben wurde nach dem Krieg zerschlagen, die größten Tochterkonzerne existieren noch heute. Die übrigen Hersteller ließ man größtenteils nach dem Krieg weiterexistieren, viele bis heute. Es fand keine Enteignung der Eigentümer statt. Die Ford-Werke wurden wegen ihres US-Eigentümers sogar von Bombardements ausgespart, obwohl bekannt war, dass dort Rüstung betrieben wurde.
    [Wikipedia 2019 - Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft]


    1933

    Während die Nazis Deutschland aus der Wirtschaftskrise holen, indem sie zum nächsten Weltkrieg rüsten, startet in den USA Theodore Roosevelt ein ziviles Aufauprogramm, den New Deal. Er orientiert sich - im Gegensatz zur Deregulationspolitik seines libertären Vorgängers Hoover - am Staatsinterventionismus des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Historiker unterschieden Roosevelts Maßnahmen nach der Nachhaltigkeit ihrer Wirkung: kurzfristig (relief), mittelfristig (recovery) und langfristig (reform).
    [Wikipedia 2020 - New Deal]
    Durch die Sozialreformen und die Regulierung des Bankensystems hat Roosevelt die Demokratie der USA bewahrt. Er war mit 12 Amtsjahren der amtsälteste Präsident der USA und starb im Amt kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs.
    [Verknüpfung]

    🎞Filmtip: 1929 - der große Börsencrash
    Teil 1: Schwarzer Donnerstag
    [Verknüpfung]
    Teil 2: Der Kampf gegen die Krise
    [Verknüpfung]
    Die Regulierung des Bankensystems umfasste mit dem Glass-Steagall-Act auch die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, um Spekulationen mit Spareinlagen zu vermeiden. So wurde das Risiko von Bank Runs, bei denen sich Sparer massenhaft ihre Guthaben in Bargeld auszahlen lassen, vermindert.
    [Wikipedia 2020 - Glass-Steagall-Act]

    Die Aufhebung des Glass-Steagall-Act 1999 gilt als einer der wichtigsten Auslöser der Subprime-Krise 2008.
    In den 1960er Jahren greift Präsident Lyndon B. Johnson mit dem Programm Great Society Roosevelts Politik wieder auf. Es dauert ein halbes Jahrhundert des Neoliberalismus, bis Joe Biden nach dem Sturm eines von Wahlverlierer Donald Trump aufgehetzten rechtsextremen Mobs auf das Kapitol an Roosevelt anknüpft.


    1935

    USA: Beginn der Dust-Bowl-Katastrophe, einer großflächigen Winderosion im mittleren Westen der USA, die ihre Ursache in Bodendegradation durch jahrelange Humus-oxidierende Landwirtschaft hat.
    1939 erscheint der Roman "Früchte des Zorns" von John Steinbeck über die Katastrophe und die Migration der Bauern nach Kalifornien. Er wird zuerst von rechtskonservativen Politikern in Kalifornien verboten und öffentlich verbrannt; 1940 erhält Steinbeck für seinen epochalen Bestseller den Pulitzer-Preis.
    [wikipedia 2020 - Dust Bowl]

    Geschäfte der US-Fossilindustrie mit Nazi-Deutschland und Japan

    • D: US-Ölunternehmer Fred C. Koch baut 1935 in Hamburg die drittgrößte deutsche Raffinerie, u.a. für Flugbenzin, und äußerte sich bewundernd über den Faschismus. Seine Söhne gehören zu den reichsten Menschen der Welt und ihre vielfältige finanzielle Unterstützung klimaskeptischer Denkfabriken ist bekannt.
      [Wikipedia 2019 - Fred C. Koch]
    • Walter C. Teagle (Standard Oil) wird nach dem 2. Weltkrieg angeklagt wegen Geschäften mit Deutschland und Japan während der Kriegsblockade.
      [Wikipedia 2019 - Walter C. Teagle]
    • Prescott Bush (Geschäftsführer der Brown Brothers Harriman Bank) macht vor Kriegsausbruch viele Geschäfte mit Nazi-Deutschland. Gegen ihn werden nach dem Krieg Anklagen wegen Gewinnen aus Zwangsarbeit erhoben. An der Union Banking Corporation, die wegen Geschäften mit Nazi-Deutschland enteignet wird, hat er Anteile. U.a. mit der Entschädigung daraus baut er sein Ölgeschäft auf, das von seinem Sohn und Enkel (beide US-Präsidenten) fortgeführt wird. Er unterstützt US-Präsident Eisenhower und wird zu einem wichtigen Mentor von US-Präsident Nixon.
      [Wikipedia 2019 - Prescott Bush]
    • Henry Ford, dessen antisemitische Schriften selbst Hitler inspirierten, betrieb in Nazi-Deutschland kriegswichtige Fabriken, die pikanterweise von den USA von Bombardements verschont wurden.
      [Wikipedia 2020 - Henry Ford - Henry Ford und der Nationalsozialismus]

    1937

    Schweiz: Baur und Preis bauen eine Hochtemperatur-Brennstoffzelle mit Festkörper-Elektrolyt; sie eignet sich auch zur elektrolytischen Wasserstoffproduktion und wird zunächst in der Sowjetunion weiterentwickelt.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Brennstoffzellen]
    [Baur und Preis 1937]


    1938

    Guy Stewart Callendar veröffentlicht eine Abschätzung der Klimasensitivität von CO2 von 2K.
    Er erhofft für die Menschheit das Ausbleiben der nächsten Kaltzeit.
    [Wikipedia 2019 - Callendar 1938]


    1939-1945

    Zweiter Weltkrieg: Hitler versucht erfolglos, Ölquellen in Nordafrika (General Rommel in Tobrug) und Aserbaidschan (General Paulus in Stalingrad) zu erobern und betreibt parallel eine Produktion von Ersatz-Treibstoff aus Kohle ("Kohle-Verflüssigung" durch Fischer-Tropsch-Synthese, später (DDR) Buna-Werke, heute Sunfire).

    Die gigantische Kriegs-Infrastruktur der Alliierten zur Treibstoffversorgung wird nach dem Krieg weiter zivil genutzt.

    Die zerstörten Städte werden als Auto-Städte wiederaufgebaut - was heute in weiten Teilen als städtebauliche Fehlentscheidung angesehen wird.


    1944

    Auch unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, die den Zweiten Weltkrieg mitverursacht hat, und dem schwindenden Einfluss Großbritanniens wird ein Jahr vor Kriegsende ein festes Wechselkurssystem der Industrieländer vereinbart, das Bretton-Woods-System. Federführend waren die Ökonomen John Maynard Keynes (UK), der sich für eine internationale Währung und eine starke Rolle des Staats einsetzte, und Harry Dexter White, der den Dollar als Leitwährung durchsetzte. Bis 1971 konnte dieser gegen Gold eingetauscht werden - 70% der Goldreserven lagerten damals in den USA.
    [Wikipedia 2020 - Bretton-Woods-System]
    Während des Bretton-Woods-Systems gab es auffällig wenige Währungskrisen, es ließ sich jedoch wegen uneinheitlicher Wirtschafts- und Fiskalpolitik nicht durchhalten. Die heutigen Probleme des Euro sind ähnlich.
    BankingCrises.svg
    Von David MC Eddy; - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link


    1946

    Der jüdische Psychiater Viktor Frankl, dessen ganze Familie im Holocaust ermordet wurde, arbeitet seine Erlebnisse in einem Buch auf - und realisiert damit ein Vorhaben, das ihn im KZ am Leben erhalten hat.
    Seine Rede an einer Gedenkstätte ist hörenswert.
    [Verknüpfung]


    Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen. Und die ‚Rassentrennung‘ verläuft quer durch alle Nationen und innerhalb jeder einzelnen Nation quer durch alle Parteien.
    Viktor Frankl
    [Wikipedia 2021 - Viktor Frankl]

    Der britisch-jüdische Verleger Victor Gollancz, der Verwandte im Holocaust verloren hat, besucht das zerstörte Deutschland und wirbt danach in England für Aussöhnung.


    Ich war niemals mehr prodeutsch als ich profranzösisch, projüdisch, proarabisch oder sonstwas war. Ich hasse alles, was pro und anti ist. Ich bin nur eins: ich bin pro Menschheit.
    Victor Gollancz

    1947

    Vereinigtes Königreich: Shockley, Brattain und Bardeen bauen einen p-n-Gleichrichter (Diode) aus dotiertem Silizium als elektronisches Bauteil. Sie bemerken noch nicht seinen photoelektrischen Effekt.

    Schweiz: Ein Jahr nach dem Tod des englischen Ökonomen John Maynard Keynes gründet der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek auf dem Mont Pelerin bei Genf die Mont Pelerin Society. Die Teilnehmer waren sich einig, dass der Staatsinterventionismus, der vor allem von Keynes geprägt wurde ("Keynesianismus"), abgeschafft werden muss.
    Keynes hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Siegermächte vor der wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands durch die Versailler Friedensverträge gewarnt - sie ignorierten die Warnung und stürzten Deutschland in eine Wirtschaftskrise, die den Faschismus auslöste. Keynes hatte die USA mit Roosevelts New Deal aus der Wirtschaftskrise geführt und damit vor dem Faschismus bewahrt, hatte mit dem Abkommen von Bretton Woods die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit stabilisiert.
    Die Mont Pelerin Society plante von langer Hand eine globale wirtschaftliche Liberalisierung der Industriestaaten. Die davon ausgehende Denkrichtung bezeichnet man heute als Neoliberalismus.
    Zum wichtigsten Protagonisten der Bewegung wurde Milton Friedman. Der Ökonom Paul Krugman (Nobel-Gedächtnispreis 2008) zieht 2007 für Friedmans Auseinandersetzung mit Keynes einen historischen Vergleich, der eine gewisse ironische Distanz gegenüber seinem Fach deutlich macht: Vergleiche man Keynes mit dem religiösen Reformator Luther, entspreche Friedman am ehesten dem Jesuiten Ignatius von Loyola als Vertreter der konservativen Gegenreformation.
    Dieser Vergleich ist allerdings berechtigt: allzu gerne verwenden Neoliberale den Begriff "Religion", wenn jemand ihre pseudo-naturwissenschaftliche Lehre von der "unsichtbaren Hand des Marktes" in Frage stellt. Mit diesem Whataboutism verschleiern sie, dass sich ihre eigene Wissenschaft genauso wenig mit naturwissenschaftlichen Grundsätzen begründen lässt. Zugrundeliegend sind vielmehr die ganz großen Werte- und Moralfragen, die sich auch nicht mit noch so ausgefeilten Berechnungen in Dollar und Euro klären lassen. Und hier hat der Neoliberalismus außer purem Sozialdarwinismus, der euphemistisch zu einem verquasten Freiheitsbegriff verbrähmt wird, nicht viel zu bieten.
    [Verknüpfung]
    Kritiker sprechen bei derart ideologisierter Ökonomie von Marktreligion.
    [Verknüpfung]
    Alois Weber bringt es im Spiegel auf den Punkt: "Wer bestehen will, muss sich den Gesetzen des neuen Gottes unterwerfen; wer in den politischen Diskursen noch kompetent mitreden will, der muss sich als Gläubiger des Marktes erweisen, sonst gilt er als Spinner, Utopist oder irrelevanter Heide des alten Glaubens an die Steuerbarkeit, Regulierbarkeit und Gestaltbarkeit der Gesellschaft durch staatliche Vorgaben."
    [Verknüpfung]
    Die radikale Form ist der Libertarismus, dessen Vordenkerin Ayn Rand seit den dreißiger Jahren mit fiktionaler Literatur und Interviews die vielfachen Beschränkungen wirtschaftlicher Freiheit anprangerte.
    [Wikipedia 2021 - Ayn Rand]

    Politisch zeigte Hayek deutlich autoritäre Vorstellungen.
    [Verknüpfung]
    Björn Oellers erklärt mit diesen autoritären Ansätzen, wie die AfD aus einer neoliberalen wirtschaftsnahen Partei zu einer völkischen wurde.
    [Verknüpfung]
    Hayek und Friedman arbeiteten bei der Intercollegiate Society of Individualists zusammen (später Intercollegiate Studies Institute), eine amerikanische libertäre Studentenorganisation.
    [Wikipedia 2021 - Friedrich August von Hayek]
    [Verknüpfung]
    [Overtfeldt 2009]

    Der Keynesianismus wirkte lange nach. Friedman ging entsprechend erst 1970, 23 Jahre nach der Gründung der Mont Pelerin Society, mit seiner Trickle-Down-Doktrin an die Öffentlichkeit.
    Das Projekt wurde erst ab 1975 versuchsweise von Milton Friedmans Schülern unter dem international geächteten Diktator Augusto Pinochet, dem schwere Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden, in Chile umgesetzt. Hier zeigt sich wieder der autoritäre Charakter des Neoliberalismus. In den 80er Jahren startet er in den USA unter dem republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und danach weltweit. Seine größte Beschleunigung erfuhr er aber erst mit dem Ende des kalten Krieges. Selbst die Subprime-Krise 2008 führte nur zu einer kurzen Besinnung. Höhepunkt war das Eingeständnis des gefeierten neoliberal-libertären Notenbankchef Alan Greenspan, über 40 Jahre von einer falschen Ideologie geleitet worden zu sein.


    1953

    Iran: Präsident Mossadegh verstaatlicht die bisher private englische Ölindustrie im Land und wird darauf hin von Geheimdiensten der USA und Israel gestürzt - zugunsten des Thronfolgers Schah Reza Pahlavi, der den USA ähnlichen Zugriff auf die Ölreserven ermöglicht wie vorher den Engländern. Damit beginnt die Ablösung Englands als imperiale Öl-Großmacht durch die USA.
    Pahlavi betreibt als Günstling der USA eine Öffnung nach Westen und hat deshalb mit Widerständen linker Gruppen einerseits und islamischer Traditionalisten andererseits zu kämpfen. Er schafft es nicht, eine demokratische Republik ohne massive Repression durch Geheimdienst und Folter aufzubauen.

    Das Nachkriegs-Deutschland ist an der Image-Pflege des Schah als westlich orientierter Demokrat engagiert beteiligt; beim Staatsbesuch 1967 wird die Frau des Schah Soraya vom Boulevard als Jetset-Popstar gefeiert. Diese außenpolitische Gefälligkeit an die USA ist ein Mit-Auslöser linker Studentenproteste in Deutschland.
    Das Schah-Regime findet sein Ende in der islamischen Revolution 1979.

    Filmtip: Das Geheimnis der sieben Schwestern (ORF 2013)
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    1954

    USA: In den Bell Laboratories erkennt man per Zufall, dass Shockleys p-n-Gleichrichter einen deutlichen photoelektrischen Effekt aufweisen. Die Ingenieure konstruieren daraus die erste Silizium-Solarzelle.
    [Wikipedia 2019 - Geschichte der Solarzelle - Shockley 1954]








    1957

    USA: Hans Suess und Roger Revelle zeigen 100 Jahre nach dem Nachweis der Treibhausgaswirkung von CO2, dass die bisherigen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen in großen Mengen im Meerwasser gelöst wurden. Die begrenzte Aufnahmekapazität werde jedoch in Zukunft zu einer verstärkten Erwärmung führen.

    Die Messungen von Paul Quay et al. 1992 zeigen den gleichen Effekt.
    [Quay 1992]
    Damit führen Revelle und Suess schon 1957 a priori die Behauptung der viel späteren Klimaskeptiker ad absurdum, die atmosphärische CO2-Konzentration werde - wie vor der Industrialisierung - über die Löslichkeit in Meerwasser durch die Global-Temperatur bestimmt, und nicht wie in der Klimakrise umgekehrt. Viele Klimaskeptiker waren sich nicht zu schade, fast in einem Atemzug zu behaupten, es gebe gar keine Erwärmung.
    Tatsächlich zeigt sich auch in der Paläoklimatologie beim Übergang aus Eis- zu Zwischeneiszeiten ein Erwärmungseffekt durch CO2 - allerdings jeweils erst 800 Jahre nach Beginn der Erwärmung, die durch die periodische Annäherung der Erdbahn an die Sonne ausgelöst wird. Diese Periodizität nennt man nach ihrem Entdecker Milankovich-Zyklen.
    [Rahmstorf 2004]

    Seit Callendars Veröffentlichung 1938 sind zwei Jahrzehnte massiven Wachstums der Fossilwirtschaft vergangen. Callendars Hoffnung auf ein Ausbleiben der nächsten Glazialzeit haben sich erfüllt, doch Revelle und Suess warnen nun eindringlich vor der Gefahr einer weitergehenden Erwärmung: "human beings are now carrying out a large scale geophysical experiment of a kind that could not have happened in the past nor be reproduced in the future."
    [Revelle und Suess 1957]
    Revelle informierte auch die Presse und zeichnete vor dem US-Kongress ein Bild von der Verletzlichkeit der Erde: "The Earth itself is a space ship", es sei gefährdet durch steigende Meeresspiegel und Desertifikation.
    Die Hammond Times beschreibt seine Forschungsergebnisse erstmals mit dem Begriff globale Erwärmung: "a large scale global warming, with radical climate changes may result".
    [Weart 2008]
    [Wikipedia 2019 - Revelle 1957]

    Der Exxon-Konzern wusste genau von den fatalen Wirkungen seiner Aktivitäten.
    M. Williams von Humble Oil (heute Exxon Mobil) ist Coautor der sogenannten Brannon-Studie, die Revelle und Suess prinzipiell bestätigt. Nur in den Vorhersagen, wie schnell sich die CO2-Konzentrationen ändern, gibt es geringe Unterschiede, die wissenschaftlich diskutiert wurden. Am Fakt der Erwärmung ließ sie keinen Zweifel.
    [Verknüpfung]
    [Wikiquote english - ExxonMobil climate change controversy]
    [Brannon 1957]


    1958

    Die winzige Raumsonde Vanguard 1 ist der erste Raumflugkörper mit Silizium-Solarzellen; diese tun über 6 Jahre lang ihren Dienst.
    [Wikipedia 2019 - Raumsonde Vanguard 1]


    1959

    New York: der "Vater der Wasserstoffbombe" Edward Teller warnt bei der 100-Jahr Feier des American Petroleum Institute eindringlich vor den Gefahren einer Eisschmelze durch den Treibhauseffekt.
    [Franta 2018-1]


    1961

    Der scheidende US-Präsident (2.-Weltkriegs-General) Eisenhower warnt vor einer Vereinnahmung des Staats durch den militärisch-industriellen Komplex.


    [RawData 2016]
    [Gerste 2011]
    1962

    USA: Die Biologin Rachel Carson veröffentlicht ihr Sachbuch "Silent Spring", das die Gefahr eines Zusammenbruchs von Vogelpopulationen durch Pestizide beschreibt und dessen Erscheinen als Beginn der globalen Umweltbewegung gilt.
    [Wikipedia 2019 - Rachel Carson]

    Die Umweltbewegung kämpfte als erstes jahrzehntelang mit ökotoxikologischen Gutachten und Protesten gegen die Pestizid-Industrie, was bisher zum Verbot vieler persistenter (sehr schlecht abbaubarer) Pestizide in vielen Staaten führte. Spuren dieser Pestizide sind ubiquitär, d.h. sie finden sich immer noch im Eis von Gletschern und Polarregionen, in Muttermilch etc..
    [Verknüpfung]
    Carson und viele nach ihr mussten damals und müssen sich heute noch der Verschwörung mit feindlichen Mächten und Kommunisten bezichtigen lassen. Sie starb 1964 an Krebs und erlebte damit nicht mehr die Bewegung, die sie auslöste.








    1965

    US-Präsident Lyndon B. Johnson greift in seiner Amtszeit mit seinem Programm Great Society die keynesianische Politik des New Deal von Franklin D. Roosevelt auf. Dabei setzt er die ersten Umweltgesetze Water Quality Act und Clean Air Act durch.
    [Wikipedia 2021 - Great Society]
    1965 setzt er eine Expertenkommission zum Thema Global Warming ein und veröffentlicht die Ergebnisse
    .
    Die Wissenschaftler stellen fest, dass es kein Recht auf Verschmutzung gibt ("no "right" to pollute").
    [Johnson 1965] (Volltextsuche "pollute")
    Es werden Emissions-Abgaben gefordert ("effluent charges").
    [Johnson 1965] (Volltextsuche "effluent")

    Der Präsident der Öl-Lobby-Organisation API (American Petroleum Institute) Frank Ikard sagt über den Klimawandel "time is running out".
    [Ikard 1965-1]
    Er zitiert aus dem Report der Johnson-Kommission: "...the pollution from internal combustion engines is so serious, and is growing so fast that an alternative nonpolluting means of powering automobiles, buses, and trucks is likely to become a national necessity."
    [Franta 2018-2]
    In:
    [Wikipedia 2019 - Frank Ikard]

    Die Rede im Wortlaut mit Kommentar und Markierungen:
    [ClimateFiles 2019]
    Die Rede als .pdf:
    [API 1965]


    1968

    Robinson Report: nach den Erkenntnissen des US-Präsidenten wollte Exxon eigene Experten mit der Frage befassen, welche Bedeutung man den Berichten über neue Erkenntnisse in der Klimaforschung beimessen muss. Sie bestätigten Revelles Warnungen.
    [Robinson 1968]


    1970
    Vietnamkrieg

    USA: Erster bundesweiter Earth Day mit (laut Angaben) 20 Millionen Teilnehmern, vor allem Schüler, Studenten und Wissenschaftlern, unterstützt u.a. vom Vizepräsidentschafts-Kandidaten der demokratischen Partei, Senator Edmund Muskie.

    Der größte Fernsehsender CBS dokumentierte den Tag mit einer Sondersendung, mit vielen Berichten aus dem ganzen Land: "Earth Day - a Question of Survival". Die Sendung hatte einen prominenten Moderator, den Haupt-Nachrichtenprecher Walter Cronkite.

    Ähnliche Bilder kennen Zeitgenossen aus dem Deutschland dieser Zeit und dem China von heute unter dem Stichwort "Umweltverschmutzung". Die Bilder von den Kundgebungen lassen einem die genannte Teilnehmerzahl nicht mehr ganz so unglaublich erscheinen - und erinnern in manchen Punkten an Fridays for future.
    Die Wiedergabeliste bei youtube: [Verknüpfung]

    • Earth Day 1970 Part 1: Intro (CBS News with Walter Cronkite)
      2'48'': "Highschools were not closed but many announced absence would be excused."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 2: Gaylord Nelson's Speech (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 3: Washington D.C. (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 4: Albion, Michigan (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 5: Council Bluffs, Iowa (CBS News with Walter Cronkite)
      1'40'': "At the Abraham Lincoln Highschool in Council Bluffs, the atmosphere in the gymnasium where the Earth Day observance was being held, is hot and depressive. But that's because the students who have arranged this program - largely on their own initiative - want it that way. They don’t want You to leave here feeling comfortable."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 6: Boston, NYC, Chicago, LA (CBS News with Walter Cronkite)
      Die-In auf Boston Airport, Teach-In mit Biologen in LA, Recycling-Vorführung in Stanford
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 7: G.E. and Minneapolis (CBS News with Walter Cronkite)
      Konfrontation eines jugendlichen Demonstranten mit einem Sprecher des Energiekonzerns General Electric vor der Kamera
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 8: Albuquerque (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 9: Interlude (CBS News Special Report with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 1of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      1'28'': Extremer Smog in "Filthydelphia"
      2'33'': Studenten bekommen Emissionsdaten der Industriebetriebe von der Kommune und sammeln bei diesen Betrieben 34.000$ für ihre Kampagnen-Arbeit; damit veranstalten sie eine Earth Week, um die Massen über das Thema zu informieren.
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 2of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      Auch Kirchen unterstützen die Kundgebungen.
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 10: Earth Week 3of3 Philadelphia (CBS News with Walter Cronkite)
      1'00'': Senator Muskie: "We have to chose to say No, to give up some luxury, and these kinds of decisions will be the real measure of our commitment to our environment. It means chasing clean cars instead of fast cars, more parks instead of more highways, and more schools instead of more weapons and more wars."
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 11: White House Reaction (CBS News with Walter Cronkite)
      [Verknüpfung]
    • Earth Day 1970 Part 12: Science (CBS News with Walter Cronkite)
      1'16'': Ansprache des Biologen Prof. Commoner: "It is You to face the frightful task of seeking humane knowledge in a world which has with cunning perversity changed the power that knowledge generates into an instrument of catastrophe. Knowledge is not enough. I think we have to take the knowledge to the people. Let us help them learn what they need to know and what they have to do to decide for themselves the future cores of our society. Let’s organize a national teach-out. Let us begin to learn the facts and teach 'em to everyone in the community. I think the environmental crisis is a grim and terrible challenge. But on this day, the earth’s new birthday, we accept this challenge. We declare that the proper use of science is not to conquer nature but to live in it. That to save ourself we must save our world that is our habitat. On this day we shall begin by our own acts to dedicate the wisdom of science and the power of technology to the welfare of man. We shall survive."
      [Verknüpfung]

    In seinem Schlusswort bekräftigt Cronkite die Klage der Jugend und kritisiert mit deutlichen Worten den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema. Außerdem beklagt er einerseits die mangelnde Beteiligung der Erwachsenen, andererseits warnt er vor oberflächlichem grünem Populismus. Er sagt Schäden voraus, die US-Bürger noch nie in Friedenszeiten erlebt haben, und fordert zu deren Vermeidung von allen Verzicht, denn es gehe ums Überleben.

    Earth Day 1970 Part 13: Conclusion (CBS News with Walter Cronkite)
    [Verknüpfung]
    Zitat:

    "Das Trara des Earth Dayist vorbei. Die Probleme bleiben. Nur die Zeit wird zeigen, ob diese Demonstrationen irgendetwas erreicht haben.
    Aber fassen wir einmal die Punkte zusammen, die heute an viele Menschen herangetragen wurden, die diese bisher übersehen haben.
    Zum Beispiel die Aufständischen, die all dies als einen Trick des Establishments sehen, um die Aufmerksamkeit von Belangen abzulenken, die ihnen wichtiger sind – wie Bürgerrechte, wie Vietnam.
    Sie übersehen, dass es in einer leblosen Welt weder Bürgerrechte noch Frieden gibt.
    Zum Beispiel die Politiker, die dies als eine sichere Kampagne betrachten.
    Sie übersehen, dass sie viel tiefer in das Leben der Menschen eingreifen müssen als jemals zuvor in unserer Geschichte. Zum ersten Mal könnten sie sogar gezwungen sein, sich gegen die Mutterschaft zu äußern.
    Zum Beispiel diejenigen in der Industrie, die die Krise als bloße hysterische Kreation von Gutmenschen betrachten.
    Sie haben jeglichen Realitätsbezug verloren, wenn sie die einstimmige Warnung der Wissenschaftler nicht gehört haben, dass halbherzige Maßnahmen und Business as usual uns unmöglich vor dem Absturz bewahren können.
    Zum Beispiel die stille Mehrheit. Die größte Enttäuschung heute war der Grad der Nicht-Teilnahme im Land und speziell die Abwesenheit von Erwachsenen. Die jungen Leute, die teilgenommen haben, waren in einer ausgelassenen Stimmung, die im starken Kontrast zur Botschaft der Apokalypse stand.
    Den Earth Day zu ignorieren – nun, das ist eine Sache. Die Krise unseres Planeten zu ignorieren ist eine ganz andere.
    Die Gleichgültigen übersehen, dass die Säuberung der Luft, der Erde und des Wassers in den wenigen Jahren, die uns laut der Wissenschaft bleiben, persönliche Beteiligung bedeutet und persönliche Opfer bedeuten könnte, wie sie in Zeiten des Friedens noch nie von Amerikanern gefordert wurden.
    Die Botschaft des heutigen Teach-in war, dass Amerika seinen Lebensstil revolutionieren muss. Das im Überfluss schwimmende Amerika wird, wie uns gesagt wurde, beinahe mit Sicherheit seine Lebensstandards herunterschrauben müssen. Es muss aufgeben, so viele Autos zu haben, so viele Kinder, so viele Dosen, so viele Bequemlichkeiten, so auffallend viel Konsum."


    Eines Tages, haben wir heute gehört, wird die Welt ein besserer Ort sein, falls sie zuhört und handelt. In der Zwischenzeit wird es, vielleicht für eine Generation oder zwei, erschreckend teuer für jeden von uns, das Chaos zu beseitigen, das ein jeder von uns verursacht hat. Doch die Kosten, die auf uns zukommen, wenn wir das nicht tun, sind viel erschreckender. Das ist der Kern der heutigen Botschaft.
    Walter Cronkite

    "Und die, die heute marschierten, und die, die schliefen, und die, die spotteten, sitzen im selben Boot. Was auf dem Spiel steht, worum es geht, ist das Überleben.
    Ich bin Walter Cronkite, gute Nacht."
    [Übersetzung von Anne-Ly Redlich]

    Cronkite veröffentlicht im selben Jahr das Buch "Eye on the world", in dem er ganz bestimmte große Industriebetriebe direkt anklagt. Auch das Thema Klimawandel spricht er deutlich an. Zitat:

    "Every year American power plants pour more than 800 million tons of carbon dioxide into the skies [...] Some scientists suspect that carbon dioxide can turn the planet into a kind of greenhouse, sealing in heat so that temperatures gradually rise until the polar icecaps melt and a new deluge covers the lands of the earth."
    [Verknüpfung]

    Zur zivilgesellschaftlichen Relevanz seiner epochalen umweltjournalistischen Arbeit:
    Cronkite ist nach wie vor einer der renommiertesten US-Nachrichtensprecher aller Zeiten. Er prägte Generationen von Amerikanern. Es war gesellschaftlich unmöglich, ihn der Verschwörung zu bezichtigen, wie man es Jahre zuvor mit der Biologin Rachel Carson getan hat.
    [Wikipedia 2020 - Walter Cronkite]
    Der Medienprofi Ben Zimmer berichtet 2010 von einer Umfrage in 1972, in der er zum "most trusted man" gewählt wurde.
    [Verknüpfung]
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    In der Folge der neuen Umweltbewegung in den USA kommt es zur Einrichtung der Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) und einer langen Reihe von Gesetzen zur Pestizidregulierung, Reinhaltung von Wasser und Luft, Artenschutz etc.: Clean Water Act, Clean Air Act, Endangered Species Act, ...
    Die Probleme der sichtbaren Umweltverschmutzung wurden nach und nach aus den Industrieländern in den Rest der Welt verbannt. Doch auch bei uns gibt es immer noch unsichtbare Produkte der Industrie, deren Gefährlichkeit z.T. schon viele Jahrzehnte lang angemahnt werden: Gase (wie CO2), lösliche Problemstoffe, Mikro- und Nanopartikel.
    [Howard 2017]
    [Verknüpfung]
    Fossilökonomisten ignorieren und leugnen all diese oft unsichtbaren Probleme, und auch die Tatsache, dass die vielen bahnbrechenden Gesetze, die damals auf den Weg gebracht wurden, Wirkung zeigten. Sie werden im Gegenteil nicht müde zu sticheln, dass der Weltuntergang ja damals schon einmal abgesagt werden musste, und zu behaupten, dass Aktivismus nichts bringe.
    [Verknüpfung]

    Die Teilnehmer des ersten Earth Day genießen heute ihren Ruhestand in vollen Zügen, d.h. in SUVs und Flugzeugen. Ihre Kinder ließen und lassen es so richtig krachen, und ein paar ihrer Enkel stehen heute wieder auf der Straße und demonstrieren für's Klima...

    Im gleichen Jahr am 13. September druckte die New York Times die Trickle-Down-Doktrin des Ökonomen Milton Friedman, zu der Zeit Vorsitzender der Mont Pelerin Society: "The Social Responsibility Of Business Is to Increase Its Profits". Damit verdreht er völlig die sozialpolitischen Grundlagen des Gesellschaftsvertrags. Friedman und seine Chicago Boys werden damit zu den wichtigsten öffentlichen Vertretern des beginnenden Neoliberalismus.
    [Verknüpfung]

    Daraus entwickelte sich die Shareholder-Doktrin, die sich allein am kurzfristigen Interesse des Investors orientiert. Diese wird immer heftiger vom WEF kritisiert: es fordert mit dem Great Reset eine Umorientierung auf das Interesse des Unternehmers, des Stakeholders.
    [Verknüpfung]

    Der geniale Ingenieur Ludwig Elsbett meldet einen Viertakt-Dieselmotor mit Turboaufladung und Direkteinspritzung zum Patent an. Ein Mercedes 190 mit einer schon alten 1,5l-Dreizylindermaschine dieses Typs schafft 1993 bei einem ADAC-Wettbewerb einen Verbrauch von unter 4l/ 100km. Das Ergebnis wurde aber geheim gehalten. Denn der Motor fuhr (wie Diesels Ur-Maschine) auch noch mit reinem Pflanzenöl - im Gegensatz zu denen der Konkurrenz der Autoindustrie, die fossilen Dieselkraftstoff oder RME (Rapsölmethylester oder "Biodiesel") benötigten. Eine Gefährdung des quasi-monopolistischen Geschäftsmodells der zentralen Versorgung mit fossiler Energie.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger]
    [Verknüpfung]
    Auf der Internet-Seite des Elsbett-Museums wird die Geschichte dargestellt.
    [Verknüpfung]

    Der VW-Konzern baut die davon abgeleiteten TDI-Motoren erst 1989 im Audi 80, massenhaft aber schließlich 1993 im VW Golf ein.


    1971

    USA: Entbindung des US-$ von der Goldreserve - und damit Aufweichung der Leitwährung der Nachkriegs-Weltwirtschaftsordnung von Bretton Woods. Seitdem hat sich die Geldmenge in dieser globalen Leitwährung immer schneller vermehrt (v.a. in den letzten 30 Jahren des Neoliberalismus), und das viel stärker als die Sachwerte; außerdem nahm die Konzentration des Geldes bei immer weniger Super-Reichen exponentiell ebenso zu wie die Summe der Schulden (bedingt durch das Prinzip der Giralgeldschöpfung ohne entsprechende Entschuldung). Die immer größer werdende Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatleuten führt zu immer größerer Kapitalkonzentration, Renditeerwartung und Wachstumszwang.
    Multinationale Konzerne entkoppeln ihre Kapitalinteressen zunehmend von nationalen Interessen. Politik wird zunehmend von privaten Investitions-Entscheidungen abhängig und verliert an Gestaltungsspielraum, u.a. für Steuererhebung, Sozialpolitik und natürlich nicht zuletzt Umweltschutz.
    [Wikipedia 2019 - Nixon-Schock]


    1972

    Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums
    Eine Gruppe Wissenschaftler um den Mathematiker Dennis Meadows berechnet am MIT im Auftrag der OECD Prognosen der Belastbarkeit der globalen Ressourcen und fordert eindringlich eine Nachhaltigkeitswende
    .

    Forscher des MIT waren ebenfalls beteiligt an den Simulations-Projekten von ClimateInteractive: C-Roads 2009 und EN-Roads 2019.

    Der sozialdemokatische schwedische Ministerpräsident Olof Palme fordert vor den Vereinten Nationen die Anerkennung von Ökozid als völkerrechtlichen Straftatbestand. Er greift die Idee des Yale-Ökologen Arthur Galston auf, der 1970 von den Zerstörungen durch das Entlaubungsmittel Agent Orange des US-Chemiegiganten Monsanto motiviert wurde.

    Olof Palme wird 1986 ermordet.
    1996 wird der Ökozid-Gesetzesentwurf abseits der Öffentlichkeit aus dem UN-Gesetzgebungsverfahren entfernt auf Betreiben der westlichen Ölförderländer USA (George Bush), Großbritanniens (John Major), Frankreichs (Jacques Chirac) und Niederlande (Wim Kok).
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Ecocide]

    USA: Das Pestizid DDT wird nach 10 Jahren heftiger zivilgesellschaftlicher Konflikte verboten, andere Industrieländer folgen. In vielen Entwicklungsländern wird es immer noch eingesetzt.
    [Verknüpfung]


    1973

    Munich Re, der größte Rückversicherer weltweit, beschreibt im Kapitel "Hochwasser, Überschwemmungen" das mögliche erhöhte Risiko durch die Wirkung von CO2.
    [Verknüpfung] (S. 2)

    Ölkrise: die Nahost-Förderstaaten bilden ein Kartell zur Preisabsprache (OPEC). Um ihre höheren Preisforderungen durchzusetzen, verknappen sie das Angebot drastisch.

    Weltweit gibt es Warteschlangen vor den Tankstellen; in Deutschland werden autofreie Sonntage verordnet, um dem Treibstoffbedarf der Wirtschaft Vorrang zu geben. Ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2018 ist untertitelt "autofrei - Spaß dabei". Die Fotos zeigen viele entspannte und kreative Menschen auf der Straße - zumindest dort sind keine Wutbürger zu sehen.
    [Verknüpfung]

    Am 11. September stürzt der chilenische Offizier Augusto Pinochet durch ein Bombardement und Invasion des Präsidentenpalasts die demokratisch gewählte sozialistische Regierung von Salvador Allende. Chile war weniger von Bedeutung für US-Firmen, dafür aber drohte ein beliebter Präsident erfolgreich einen sozialistischen Modellstaat mit Hilfe eines kybernetischen Modells basierend auf künstlicher Intelligenz aufzubauen. Nachdem die CIA (unter Präsident Nixon und Außenminister Kissinger) mit der Organisation eines Generalstreiks scheiterte und die Massen für den Präsidenten demonstrierten, beschlossen die USA die Organisation eines Miltärputsches. Allende kam während der Invasion ums Leben, sein Kabinett wurde bis auf einen Parlamentär hingerichtet.
    [Verknüpfung]
    Zu Allendes wichtigsten Beratern zählte der äußerst erfolgreiche englische Unternehmensberater Stafford Beer, der das Kybernetik-Projekt Cybersyn leitete. Nach dem Putsch wurde er zum Aussteiger.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Erst 48 Jahre später wird eine Indigene zur Staatspräsidentin gewählt: Elisa Loncón vom Volk der Mapuche.
    [Verknüpfung]

    Der Soziologe Richard Easterlin wertet in einer internationalen Glücks-Studie 30 Umfragen aus 19 Staaten von 1946 bis 1970 aus und kann zwar einen positiven Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt BIP und Glücksempfinden wahrnehmen, der aber ab einem bestimmten Wohlstandsniveau verschwindet - man spricht seitdem vom Easterlin-Paradox. Es wird bis heute heftig diskutiert.
    [Verknüpfung]
    Eigentlich galt diese Erkenntnis lange als Lebensweisheit, eine Vorstellung die den Menschen half, trotz vielfacher Benachteiligungen glücklich zu werden. In seinem Kinderbuch The Hobbit legt J.R.R. Tolkien diese schlichte Weisheit ausgerechnet dem vor Gier kranken König der Zwerge (die ohnehin als gierig verschrien waren) als Abschiedsworte an seine Freunde in den Mund.


    If more of us valued food and cheer and song above hoarded gold, it would be a merrier world. But, sad or merry, I must leave it now. Farewell. - Thorin
    J.R.R. Tolkien, The Hobbit, or There and Back Again
    [Verknüpfung]

    2009 beginnt das Umweltministerium mit dem UBA mit der Ermittlung eines Nationalen Wohlstandsindex NWI, beginnend mit Daten von 1990. Während das BIP konstant steigt, sinkt das NWI seit der Jahrtausendwende.
    [Verknüpfung]


    1975

    Klimaskeptiker verbreiten in einer Phase globaler Abkühlung die Angst vor dem Anbruch einer neuen Glazialzeit, die jedoch in Wirklichkeit nach Kenntnis der Klimaforschung durch Aerosole (Global Dimming) verursacht ist. Die weitaus meisten Klimaforscher bleiben dagegen bei ihrer Vorhersage einer globalen Erwärmung. Das hinderte viele Medien nicht daran, die Erzählung von einer kommenden Eizeit reißerisch zu verbreiten.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2019 - Global Dimming]

    Die Chicago Boys, Schüler des neoliberalen Ökonoms Milton Friedman, verankern in Chile unter dem Diktator Augusto Pinochet, dem auch nach dem Putsch schwere Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden, den Neoliberalismus in der Verfassung. Chile galt seitdem Neoliberalisten als Modellstaat.

    In den 80er Jahren startet der Neoliberalismus unter in den USA und danach weltweit.

    1977 besucht eine deutsche Delegation um den bayerischen Ministerpräsidenten der CSU Franz-Josef Strauß Chile. Als der CDU-Linke und spätere Arbeitsminister Norbert Blüm Pinochet ins Gesicht sagt, "Herr Präsident, ich habe keinen Zweifel, dass in ihrem Land gefoltert wird", tobt die CSU. Sein Parteikollege Heiner Geisler meinte, "es muss Anklage erhoben werden".
    In der Strafkolonie Colonia Dignidad des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Paul Schäfer befand sich ein handsigniertes Bild von Franz-Josef-Strauß, von dessen Besuch später in verschiedenen Zeitungen berichtet wird.
    [Verknüpfung]
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    Die parteinahe Hanns-Seidel-Stiftung hat das später zunächst bestätigt, dann aber wieder dementiert.
    [Verknüpfung]
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    Aktuell beschäftigt sich noch das Recherchenetzwerk Correctiv damit.
    [Verknüpfung]

    47 Jahre nach dem Putsch setzt im Herbst 2020 eine chilenische Bürgerbewegung ein Referendum über eine Verfassungsänderung durch. Ziele der Protestbewegung: eine Stärkung des Staates für mehr soziale Gerechtigkeit.
    [Verknüpfung]
    79% der Stimmen entschieden: am 11. April 2021 soll die Convención Constituyente gewählt werden, berichtet die Hanns-Seidel-Stiftung.
    [Verknüpfung]

    Am 28.02. verhindert eine Demonstration von 28.000 BürgerInnen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz den Bau des Kernkraftwerks Whyl am Oberrhein. Der Demonstration gingen viele friedliche Protestkundgebungen voraus, die mit Polizeigewalt aufgelöst wurden, inclusive Abhören der AktivistInnen und Vorwürfe des Kommunismus durch den CDU-Ministerpräsidenten und Ex-NSDAP-Mitglied Hans Filbinger - und das, obwohl etliche ParteigenossInnen Filbingers mit protestierten.
    [Verknüpfung]

    Filbinger musste 1978 zurücktreten, weil seine NS-Vergangenheit als NSDAP-Mitglied und Marinerichter bekannt wurde - durch seine Unterlassungsklage gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth. Er kämpfte jahrelang für seine Rehabilitation und gründete 1979 das rechts-konservative Studienzentrum Weikersheim. Heute gilt dieses als Denkfabrik der Neuen Rechten.
    [Wikipedia 2021 - Hans Filbinger]


    1976

    Die Vorhersage der Anthropozän-Krise durch den Club of Rome ist vier Jahre alt und wird, auch befeuert durch die Ölkrise, weiter heftig diskutiert. Der Pionier der Sozialpsychologie Erich Fromm erklärt nun die kulturell-historischen Hintergründe der kommenden Krise aus sozialpsychologisch-philosophisch-theologischer Sicht. Sein Sachbuch "Haben oder Sein" stößt in der Zivilgesellschaft auf große Resonanz, vor allem seine Kritik an der westlichen, letztlich religiös motivierten Fixierung auf Statusgewinn durch Konsum, die man heute z.B. als Wohlstandsevangelium oder Gerechte-Welt-Theorie, bis hin zum Sozialdarwinismus, vorfindet. Die konsumistische Konkurrenzgesellschaft mache die Menschen unglücklich. Er stützt seine Thesen auf Jahrzehnte der Psychoanalyse in den USA, v.a. in New York. Letztlich kann er auch auf das Easterlin-Paradox referieren.
    [Wikipedia 2021 - Erich Fromm]
    Die aggressive Selbstabgrenzung von Gruppen ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher Art bezeichnete er als Gruppennarzissmus, und nannte diesen eine wichtige Voraussetzung für Krieg.

    Zitate aus dem SWF-Interview Erich Fromm - Gespräch zu Haben oder Sein (1977): 6'11'' Der politische Messias
    "Diese messianische Vorstellung, das war die erlösende und beeindruckende Vorstellung, und die ist es eigentlich bis heute geblieben. Nämlich, damals wie heute, die Vorstellung, in der [...] das Religiöse und das Politische gar nicht voneinander zu trennen sind."
    12'05'' Religiosität und Marxismus
    "Es ist wohl kaum ein bedeutender Philosoph so völlig entstellt worden wie Marx, sowohl von den Kommunisten wie aber auch von den Sozialdemokraten [...], die ihn so interpretierten, dass es ihm darauf ankommt, dass die Arbeiter ebenso glücklich leben wie die Bürger. [...] Marx war ein Gegner, ein Kritiker der bürgerlichen Werte. Marx sah, dass der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft ein Gefangener ist, nicht nur die Arbeiter, er meinte die Arbeiter seien die aller entfremdetsten und unglücklichsten. Heute ist es sogar so, dass man sehen kann, dass die Gesellschaft der Angestellten, der Manager, der Ingenieure noch entfremdeter ist sogar als die der gelernten Arbeiter [...]. Marx kam es darauf an, den Menschen wieder ins Zentrum zu stellen. Und noch am Ende des dritten Bands [von Das] Kapital sagt er, "die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck und das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte sind, als ein Selbstzweck - und nicht als ein Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.
    Und wenn Sie sich diese Formulierung einmal ansehen und einmal vergleichen, sagen wir einmal mit den Formulierungen von Maimonides, dem größten jüdischen Religionsphilosophen, was er sagt, wie er [...] die messianische Zeit [definiert], dann ist fast kein Unterschied. Das Pathos hinter Marx war ein religiöses Pathos, obwohl er die Religion kritisiert hat [...]. Er hat sie kritisiert nicht von einem bürgerlich-atheistischen Standpunkt, sondern wenn sie so wollen von einem religiös-atheistischen Standpunkt. [...]
    Marx' Meinung war, dass solange die reale Welt, die gesellschaftliche Welt, so weit entfernt ist von der Verwirklichung sagen wir 'mal der Prinzipien der Propheten oder der Evangelien, solange braucht man eine Religion als extra Institution, die sozusagen die Ideen wach hält, die aber in Wirklichkeit doch auch die Spaltung schafft: zwischen dem realen sozialen Leben und der religiösen Ideologie, dem religiösen Gefühl, was, sagen wir, am Sonntag befriedigt wird, in der Kirche.
    Worauf es Marx ankam, war die Verwirklichung der Religiosität im realen Leben. Dass die Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie die Prinzipien der Gerechtigkeit, der Liebe, der Wahrheit, der menschlichen inneren Produktivität und Lebendigkeit - oder wie ich es in diesem Buch ausgedrückt habe des Seins und nicht des Habens - dass diese Prinzipien in der Gesellschaft selbst durchgesetzt sind, im täglichen Leben. Dann allerdings braucht man keine Religion mehr als extra Institution, weil die Religiosität, die Normen, die Erlebnisse, die Daseinsart sich in der Praxis der Gesellschaft durchgesetzt hat. Dann sind eben die Gesetze menschliche, humane, die Lebensweise ist eine menschliche, humane. Und dann allerdings versucht man, das Prinzip des Seins, das Prinzip das gemeinsam ist dem Buddhismus wie dem prophetischen Judentum wie der Bergpredigt, alles das zu verwirklichen in der Gesellschaft, in deren Gesetze[n], Bräuche[n], Werte[n] - und das war das Ziel von Marx."
    18'09'' Krise des Kapitalismus
    "Ich glaube, dass heute schon sehr viele Menschen bereit sind, nach einem Weg zu suchen, der den Menschen befriedigt, der den Menschen respektiert. Und die fühlen, dass ein Leben, wo alles dem Erfolg, dem Geld, der Konkurrenz, der Ausbeutung dient, in Wirklichkeit ein Leben ist, das die Menschen unglücklich mach[t]."
    20'15'' Das heidnisch geprägte Christentum
    Christentum heißt: der Glaube an, die Bewunderung von Jesus als dem Heiland, dem Retter. Und das war ein Mann, der war arm, der wollte nichts haben, der wollte keine Macht, der wurde versucht zur Macht und gerade die hat er abgelehnt, der war ein Mann voller Liebe, der sein Leben hingegeben hat für die Menschen.
    Ja, nun, demgegenüber steht das heidnische Prinzip der alten Griechen, der alten Teutonen. Das sagt, worauf es ankommt ist Macht, Überlegenheit, und dass es schön ist zu sterben, wenn man weiß, dass man siegt.
    Nun, jetzt fragen wir einmal, wo ist denn der christliche Geist in Europa? Wen bewundern wir denn heute? Bewundern wir heute in Europa, oder ein paar hundert Jahre früher, [...] den Armen, den Aufopfernden, den Liebenden?
    21'30'' Der unglückliche Europäer
    Die meisten Menschen geben vor - für sich selbst auch - dass sie glücklich sind. Wenn man unglücklich ist, dann ist man, in Englisch würde man sagen, ein failure, ein Misserfolg. So muss man also eine Maske des Zufriedenseins, Glücklichseins tragen, denn sonst verliert man den Kredit auf dem Markt. Dann ist man ja kein normaler Mensch, kein tüchtiger Mensch. Aber sie müssen sich doch nur die Menschen ansehen [...], wie hinter der Maske eine Unruhe, Gereiztheit, Ärger, Depressionen, Schlaflosigkeit, Unglücklichsein - das was die Franzosen genannt haben die Malaise - liegt. Man hat ja schon vom Beginn des Jahrhunderts an von der Malaise du Siècle gesprochen. Das, was Freud genannt hat "das Unbehagen in der Kultur". Aber es ist gar nicht das Unbehagen in der Kultur, es ist das Unbehagen in der bürgerlichen Gesellschaft, die den Menschen zum Arbeitstier macht. Und alles, was wichtig ist: die Fähigkeit zu lieben, für andere da zu sein, zu denken. Nicht ein Instrument zu sein für die Wirtschaft, sondern der Zweck alles wirtschaftlichen Geschehens. Das macht eben die Menschen so, wie sie sind und ich glaube, es ist eine allgemeine Fiktion, die die Menschen miteinander teilen, dass der moderne Mensch glücklich sei.
    Aber diese Beobachtung, die habe nicht nur ich gemacht, die können sie bei einer ganzen Reihe von Leuten finden. Und man braucht nur selbst die Augen aufzumachen und sich nicht vom Schein trügen zu lassen. [...] Die Normalsten sind die Kränksten, und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt, aber es ist mir ganz ernst damit, nicht eine witzige Formel. Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur das Anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Glücklich der, der ein Symptom hat. [...] Aber sehr viele Menschen, d.h. die Normalen, sind so angepasst, die haben so ihr EIgenes verlassen, die sind so entfremdet, so Instrumente, so robothaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden. Ihr wirkliches Gefühl, ihre Liebe, ihr Hass, das ist schon so weit verdrängt, oder sogar so verkümmert, dass sie das Bild einer leichten chronischen Schizophrenie [... ab]geben.
    25'53'' Von der Bedeutung des Habens in der entmenschlichten Gesellschaft
    Unsere Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Prinzip, dass das Ziel des Lebens ist, die größere Produktion als Kompensation und auch als Notwendigkeit die größere Konsumption, und [...] der Fortschritt der Wirtschaft, der Fortschritt der Technik, das ist das, wofür wir leben - nicht der Mensch. Was dem Menschen nützt, das interessiert wenig, wenn man darüber denkt, was das Ziel ist, worauf wir hinauslaufen. Sogar nicht einmal, was den Menschen schadet, spielt eine Rolle. [...] Viel von unseren [...] Reklamen preist Dinge an, die ausgesprochen tödlich und schädlich sind [...]. Wenn's um den Profit geht, hat man kein Gewissen, Menschen zu schaden. [...] Im Mittelalter war es eben nicht so, [...] die Kultur diente dem Menschen, und die Wirtschaft war ein Zweck.
    Freud hat selbst eine der schärfsten Kritiken an der bürgerlichen Gesellschaft gegeben [...]. Nämlich die bürgerliche Gesellschaft ist eine neurotische Gesellschaft, weil sie beherrscht wird vom Prinzip des Habens, des Ansammelns, [...] des Geizes. [...] Wenn ich mir ansehe eine Gesellschaft von einem Stamm in Afrika oder noch von einem urwüchsigen Bauernleben, wo es das noch gibt, ja die sind doch menschlich viel höher entwickelt als wir.
    Der moderne Mensch glaubt [...], je weniger Maschinen man braucht, desto unentwickelter ist man, und deshalb sieht er herab auf die nicht Maschinen-Bauenden und Maschinen-Benutzenden, nicht mechanisierten Menschen als kindlich-unentwickelt. Und das fällt damit zusammen, dass nun die weiße Rasse die einzige ist bisher, die die Macht, die Maschinen entwickelt hat, [...] und so hat die weiße Rasse dann auf alle anderen Rassen herabgesehen als inferior. Angeblich und ideologisiert, weil sie die falsche Hautfarbe haben. In Wirklichkeit, weil sie keine Macht hatten, weil sie keine Maschinen-Menschen waren. Sie sehen's ja heute, die Japaner, die sind schon keine Farbigen mehr. [...] Warum? Die haben genau dieselbe Maschinerie wie wir. Und man kann schon sehen, die Chinesen werden irgendwann auch keine Gelben mehr sein.
    30'55'' Club of Rome - Grenzen des Wachstums
    Es gibt [...] bei einer ganzen Reihe von Forschern die Einsicht, dass wenn wir so weiter machen wie wir sind, das heißt alles konsumieren, die Natur zerstören, unseren Nachkommen nichts lassen, nichts als eine zerstörte und verarmte und vergiftete Welt, wenn die Menschen weiter nicht am Leben hängen, sondern am Profit und an der Macht, [...] dass aus rein ökonomischen Gründen in 20, 50, 60 Jahren [...] die Ressourcen so verarmt sind, dass es [...] dann zu Katastrophen kommen muss. [...] Die weiße Festung der Industriegesellschaft, die ist heute nicht mehr uneinnehmbar. [...]
    Die [östliche, sogenannte marxistische Gesellschaft] ist noch viel schlimmer, denn die hat noch nicht einmal die lebendigen Elemente, die fortschrittlichen Elemente, die der Kapitalismus hat. Sondern das ist nun der [...] Staatskapitalismus, der einem [...] konservativen Stadium [entspricht] zur Metternich-Zeit. [...]
    Das Phantastische ist ja, dass heute jeder Mensch, gewiss jeder Regierungsvertreter, die Daten zur Verfügung hat, die zeigen, dass wir ökologisch schwer bedroht snd. Dass wir, wenn das so weitergeht, Katastrophen kommen müssen. Dass wir in einem Maße verschwenden, wozu wir überhaupt kein Recht haben. Wir leben wie Bankrotteure, wir können die Folgen sehen - aber keiner zieht die Konsequenzen. Man macht so weiter, weil man nicht den Mut, die Initiative hat zu sehen: wo gibt es etwas Neues?
    35'15'' Aufstehen gegen die Verdrängung und die Resignation
    Wenn man mit dem Leben handelt, ist es anders als wenn man mit Geld handelt. Wenn man Geld investieren will und nur eine 2% Chance hat, dass es nicht verloren geht, wird nur ein Narr investieren. Wenn ein Mensch schwer krank ist, und nur eine 2%-Chance ist, dass sein Leben gerettet werden kann, wird die Medizin alle Mittel versuchen, um wegen dieser 2% sein Leben zu retten [...]. Und es geht bei den gesellschaftlichen Fragen um das Leben der Menschheit. [...]
    Wir spenden einen großen Teil unserer Energie auf das Verdrängen der Wahrheit, und rennen vo[r] uns davon, rennen vo[r] unseren Einsichten davon und ersetzen die durch alle möglichen Rationalisierungen. Das sehen sie im Einzelfall bei den Individuen [...], und das sehen sie gesellschaftlich, wenn [...] die Menschen alle Daten haben, es auch im Grunde wissen, aber so erschreckt sind, sich so unfähig zeigen oder fühlen, dass sie lieber alles verdrängen.
    41'31'' Kein Faschismus ohne Verdrängung
    [Die kollektive Verdrängung als Ansatz eines neuen Faschismus] ist eine sehr große politische Gefahr. Ein großes Beispiel für politische Verdrängung ist doch die Hitler-Zeit.
    [Verknüpfung]

    VW bringt den Golf Diesel auf den Markt, der bis zum Jahr 2000 mit den 3l-Autos nach dem Peugeot 205D das sparsamste massentaugliche Serien-Auto bleiben wird (4-6l/ 100km); Kleinst-Diesel der 90er (Peugeot 106D, Citroen Saxo D) und selbst moderne Sparautos verbrauchen unwesentlich weniger.
    [Spritmonitor 2019 - Golf I Diesel]
    [Viehmann 2015]

    Erfindung des Natrium-Schwefel-Akkumulators, der wegen seiner Rohstoffzusammensetzung als stationärer Speicher riesige Kapazitäten ermöglicht


    1977

    USA: Der Klimaforscher James Black informiert seine Vorgesetzten im Ölkonzern Exxon in einem internen Papier über seine Forschungsergebnisse zum anthropogenen Klimawandel, u.a. einer Prognose von +1,5-6°C für das Jahr 2050. Seine Prognosen erwiesen sich insofern als zutreffend.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - James Black (Klimatologe)]


    pdf (Seite 26): [Verknüpfung]

    Seine Tochter Claudia erzählt 2016 die Geschichte ihres Vaters im Guardian. Er habe seinen Vorgesetzten damals ein Zeitfenster von 5-10 Jahren in Aussicht gestellt, innerhalb derer die Menschheit grundlegende Entscheidungen über den Ausstieg aus der Öl-Verbrennung treffen müsse. Stattdessen habe man sich für Geheimhaltung der Ergebnisse und Desinformation entschieden. Sie berichtet weiter, dass ihre Tochter Anna gerade auf der Exxon-Aktionärsversammlung sei, um - wie einst ihr Großvater - den CEO von seinen klimaskeptischen Ansichten und der alten Geschäftspolitik abzubringen.
    [Verknüpfung]
    Wir wissen heute: auch Blacks Enkelin Anna hat es nicht geschafft, Rex Tillerson zu überzeugen.
    Blacks und weitere Klimaforschungs-Papiere bei Exxon bis 2014 diskutieren die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Geoffrey Supran 2017 in einem Artikel in der Zeitschrift Environmental Reseach Letters.
    [Verknüpfung]
    pdf: [Verknüpfung]

    USA: Ökonom William D. Nordhaus diskutiert die Ausgestaltung einer CO2-Steuer (Nobel-Gedächtnispreis 2018).
    [Nordhaus 1977]

    Amory Lovins veröffentlicht "Soft Energy Paths" und beschreibt darin eine postfossile Zukunft.
    [Hockenos 2012]


    1978

    Der bekannte deutsche Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth skizziert in seiner bei Wissenschaftsinteressierten sehr beliebten ZDF-Reihe "Querschnitt" die Gefahr einer Klimakatastrophe im deutschen Fernsehen. Damals gab es ganze drei Fernsehprogramme, das ZDF hatte entsprechend hohe Einschaltquoten.


    [Verknüpfung]

    1979

    Schweiz: Auf Einladung der WMO (Weltmeteorologischen Gesellschaft) treffen sich am 12.02. Klimaforscher und Staatsvertreter in Genf zur ersten internationalen Klimakonferenz. Vereinbart wurde eine Zusammenarbeit der Klimaforscher und die Einrichtung des Weltklimarats IPCC. In der Abschlusserklärung steht: "Die Nationen der Welt müssen alles dafür tun, einen menschengemachten Wandel des Klimas zu verhindern, der das Wohlbefinden der Menschheit gefährden könnte."
    [Verknüpfung] Die Tagesschau berichtet und interviewt den Hamburger Meteorologen Prof. Dr. Hermann Flohn, der die bisher beobachtbare Entwicklung vorhersagt und deutliche Worte der Warnung findet.

    [Verknüpfung]
    Seine Veröffentlichung aus 1981 in den Physikalischen Blättern (Open Access):
    [Verknüpfung]

    Der demokratische US-Präsident Jimmy Carter lässt Solarthermie auf dem Weißen Haus und Photovoltaik in seiner Heimatstadt Plains (Georgia) installieren.
    [Reedy 2017]

    [Verknüpfung]

    Es kommt zum ersten bedeutenden Preisverfall für Photovoltaik.
    Mit dieser Abkehr von der langjährigen US-Energiepolitik betreibt Carter auch eine Abkehr vom US-Imperialismus, was auch seiner Außenpolitik eines "moralischen Internationalismus" und seiner Innenpolitik der Rassenintegration entspricht.

    In Kalifornien werden noch in Carters Amtszeit im Rahmen eines Förderprogramms 1000e dänische Windräder aufgestellt (à 55kW Leistung). Durch die Förderung wurde Massenproduktion möglich, was den Preis pro kWh halbierte.
    [Trappe 2012]
    [Danish Wind Industry Association 2003]
    [Verknüpfung]

    Carter kann seine Idee vom Multilateralismus nur eine Amtsperiode lang durchhalten, v.a. weil die Krise im Nahen Osten eskaliert. Die islamische Revolution im Iran ist die Reaktion auf den über 100-jährigen anglo-amerikanischen Imperialismus. Sie endet für Carter mit einem Entführungsdrama in einem außenpolitischen Desaster.
    Die Konflikte zwischen liberalen Iranern, einer korrupten Adelselite und dem islamischen Klerus gehen zurück auf die Günstlingspolitik im 19. Jahrhundert zugunsten englischer Tabakhändler, und im 20. Jahrhundert zugunsten englischer Ölgesellschaften. Ausgerechnet hier hatte der amerikanische Öl-Imperialismus seinen Anfang genommen, als die USA 1953 mit der Wiedereinsetzung des Schah die englische Hegemonie ablösten. Die wiederholten Einmischungen Russlands machten aus der Nahost-Krise letztlich einen weiteren Stellvertreter-Konflikt zwischen Russland (egal ob kommunistisch oder nicht) und den USA, der bis heute anhält.
    Carter konnte diese viele Generationen schwelenden Konflikte unmöglich in einer Amtsperiode heilen. Er hatte seine Politik mit den Staatschefs von England, Frankreich und Deutschland abgestimmt, und sie alle hatten die Loyalität des fanatischen islamistischen Revolutionsführers Chomeini völlig falsch eingeschätzt. Doch das nutzte ihm innenpolitisch nichts, sein republikanischer Herausforderer Ronald Reagan überzeugt die Amerikaner mit seiner Forderung nach der Rückkehr zur imperialen Politik der Stärke.
    [Verknüpfung]
    Iran gerät in den russischen Einflussbereich, und Afghanistan wird von russischen Truppen besetzt. Die Spätfolgen der imperialen Externalisierung halten bis heute an: Iran, eine Kulturnation, die weit älter ist als Europa, ist nachhaltig destabilisiert und im Dauer-Clinch mit dem Westen.

    Filmtip: Der Rock'n-Roll-Präsident


    1980

    UK: Nachdem Stanley Whittingham 1976 für Exxon mit dem Li-Metall-Akku zunächst an Sicherheitsproblemen scheiterte, entwickelt John B. Goodenough (Oxford) den ersten Li-Ionen-Akku mit Graphit-Anoden, einen Typ, der von Akira Yoshino 1991 für einen Sony-Camcorder perfektioniert wurde. Die drei teilten sich den Physik-Nobelpreis 2019.
    [Verknüpfung]


    1980er Jahre

    Große Regierungs-Kampagne der SPD-/ FDP-Koalition zum Energiesparen.
    Power Big Meet Västerås 2010 img 0039 01 (35986224086)
    [Wikipedia 2020 - Ich bin Energiesparer]

    D: Bürgerproteste führen zur Verabschiedung von Umweltgesetzen.

    • Waldsterben => Entschwefelung von Kohle und Kraftstoffen
    • Müll => Müllgesetze
    • Seensterben => Phosphatregulierung
    • Ozonloch (1997) => FCKW-Verbot

    [Jänicke 2008]








    1981

    USA: Der Republikaner Ronald Reagan wird Präsident. Er bricht mit der kurzen Phase des Multilateralismus unter seinem Vorgänger Jimmy Carter und setzt die imperialistische Politik der USA umso konsequenter fort. Genauso wirft Reagan mit seiner neoliberalen Agenda die Wirtschafts-Regulation des genialen John Maynard Keynes endgültig über den Haufen. Der neu erfundenen US-Umweltpolitik setzt er nach einem kraftvollen Auftakt ein jähes Ende. Um dem Wähler eine umweltgerechte Agenda zu suggerieren, setzt der Schauspieler seine Naturverbundenheit in Szene - heute würde man von Greenwashing sprechen.
    [Wikipedia 2021 - Environmental policy of the United States - The Reagan Administration (1981-1989)]
    Reagan setzt Anne Gorsuch (die Mutter des von Trump eingesetzten Obersten Richters) als Chefin der Umweltbehörde EPA ein. Sie schränkt die Ressourcen und Kompetenzen der Behörde massiv ein. 1986 lässt er bei einer Dachreparatur Carters Solarmodule vom Weißen Haus entfernen. (2010 gelangen einige der Module in ein chinesisches Museum).
    [Biello 2010]
    Reagan kehrt auch Carters Außenpolitik komplett um und löst mit einem atomaren Rüstungswettlauf den wirtschaftlichen Zerfall der Sowjetunion aus, der in der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl einen Höhepunkt findet.
    [Verknüpfung]

    Auf Betreiben der Mont Pelerin Society setzt sich global der Neoliberalismus durch, eine wirtschaftsgeschichtliche Epoche, in der sich der Staat zurückhält und die (globalisierte) Wirtschaft eher frei (liberal) gewähren lässt; besonders neoliberale Staatschefs:
    USA: Ronald Reagan (Republican Party), George Bush sr. (Republican Party), Bill Clinton (Democratic Party), George W. Bush (Republican Party), (Barack Obama (Democratic Party)), Donald Trump (Republican Party)
    UK: Margaret Thatcher (Conservative Party) (John Major (Conservative Party)), Tony Blair ("New" Labour), David Cameron, Theresa May, Boris Johnson (alle Conservative Party)
    D: Helmut Kohl (CDU), Gerhard Schröder (SPD), Angela Merkel (CDU)
    Bemerkenswert: Sowohl in Deutschland als auch in USA und Großbritannien schaffte es die neoliberale Lobby vor der Jahrtausendwende, die jeweils eher linksorientierten liberal-(sozial-) demokratischen Parteien zu unterwandern, teilweise auch zu spalten: in Deutschland (später mit Unterstützung aus Russland) die SPD unter Kanzler Schröder, in den USA die Demokraten unter Clinton, in Großbritannien die Labour-Partei unter Blair.
    Mit der Frage, ob man die russische Einflussnahme in den USA unter Trump und in Großbritannien seit Brexit noch als Neoliberalismus bezeichnen kann, will ich mich hier nicht beschäftigen. Letztlich versuchen hier jedenfalls einzelne besonders mächtige Investoren durch einen Rückfall von Staaten in den Isolationismus Vorteile für ihre fossilen Partikularinteressen zu erreichen:

  • America first
  • Energie-Politik der Visegrad-Staaten
  • Schwächung der EU, die als Vorreiter der internationalen Klimaschutz-Politik auftritt
  • Schwächung des transatlantischen Bündnisses
  • stärke Anbindung Großbritanniens (einem Antreiber im europäischen Klimaschutz) an die USA

  • Es könnte daran liegen, dass sich nach dem Paris-Abkommen auf der globalen politischen Bühne und auf den globalen Finanzmärkten immer deutlicher ein baldiges Platzen der Carbon Bubble ankündigt. Der globale Kapitalismus entledigt sich gerade seiner Rolle als Garant der Fossilwirtschaft, und die Fossil-Investoren wollen diesen Prozess natürlich aufhalten.


    1983

    D: die 90.000.000DM-Forschungs-Windkraftanlage GroWiAn wird von MAN fertiggestellt (und nach 5 Jahren wieder abgerissen).
    Dazu Ex-Forschungsminister Matthöfer (SPD): "Wir wissen, dass es nichts bringt. Aber wir machen es, um zu beweisen, dass es nicht geht." RWE-Vorstandsmitglied Günther Klätte gesteht im Februar 1982 freimütig der Welt, dass GroWiAn "ein pädagogisches Modell" sei, um Atomgegner zu bekehren. "Wir hatten keine Ahnung von Windenergie", gesteht der für Aerodynamik zuständige Ingenieur Erich Hau Jahre später dem Journalisten Jan Oelker.
    [Kriener 2012]


    1984

    Exxon-Mitarbeiter und Klimaforscher Henry Shaw präsentiert der Geschäftsleitung ein Dossier über den Klimawandel, das die Entwicklungen bis heute mit einer erstaunlichen Genauigkeit vorhersagt. Genau genug, um die Aussage "Exxon wusste bescheid" zu rechtfertigen. Die Ergebnisse bleiben - wie die seines Vorgängers Black 1977 - ein Betriebsgeheimnis.
    [Verknüpfung]
    [Spiegel 2019-1]
    [Shaw 1984] (.pdf Seite 9)
    [Verknüpfung]


    1986

    Kernschmelze im Atomkraftwerk Tschernobyl
    [Wikipedia 2019 - Nuklearkatastrophe von Tschernobyl]

    Der von Saudi-Arabien (Verbündeter der USA) betriebene Ölpreis-Verfall treibt die von Ölexporten abhängige Sowjetunion endgültig in den Ruin.
    [Kellerhoff 2016]

    Der Spiegel warnt vor der "Klima-Katastrophe".
    [Spiegel 1986]


    1987

    D: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft warnen in einem gemeinsamen Papier eindringlich vor einem existenzbedrohenden anthropogenen Klimawandel und mahnen, die politische Untätigkeit zu beenden.
    [DPG-DMP 1987]
    USA: der Top-Klimatologe Wallace Broecker warnt vor der Möglichkeit, dass der Golfstrom abbricht, und dramatischen Folgen für Europa.
    [Verknüpfung]

    USA: Der erste neoliberale US-Präsident Ronald Reagan schafft die seit 1949 bestehende Fairness-Doktrin der Federal Communications Commission ab. Sie sollte die Ausgewogenheit der Darstellung in den Medien sicherstellen.
    Diese Abschaffung schadet der Versachlichung und leistet einer zunehmenden Verrohung im öffentlichen Diskurs entscheidenden Vorschub. Es kommt zur Gründung neuer Formate, die heute in den USA dominieren, wie Talkradio, z.B. mit dem berüchtigten Moderator Rush Limbaugh oder Rupert Murdochs Fox News, der US-Präsident Trump bis zu seiner gescheiterten Versuch der Wiederwahl hofierte. Bis heute versuchen Politiker der Demokratischen Partei und der parteilose Bernie Sanders vergeblich, die Fairness-Doktrin wieder einzuführen. Rechte Politiker versuchen auf der anderen Seite eine Zerstörung oder Beschränkung von unabhängigen öffentlich-rechtlichen Medien.
    [Wikipedia 2021 - Fairness-Doktrin]
    [Kuhn 2021]
    Nachahmer findet diese Medienpolitik bei Helmut Kohl, der seinem umstrittenen Intimus Leo Kirch in Deutschland das Privatfernsehen etabliert, oder der ebenso umstrittene italienische Unternehmer Silvio Berlusconi, der mit seinem Medienimperium Mediaset selbst zum Ministerpräsidenten aufsteigt.


    1988

    USA: Klimaforscher James Hansen bezeichnet vor dem US-Senat die globale Erwärmung mit 99% Wahrscheinlichkeit als anthropogen. Er stellte drei Szenarien vor, dessen mittleres durch die aktuelle Entwicklung bestätigt wird.
    [Wikipedia 2019 - James E. Hansen]

    Die skandalöse Irrfahrt des mit Giftmüll beladenen Schiffs Khian Sea macht das Problem der Sondermüll-Beseitigung in Entwicklungsländern deutlich. Bis heute gibt es regelmäßig Meldungen über derartige Missstände, trotzdem wird immer noch nicht konsequent auf Kreislaufwirtschaft hin gearbeitet. Daran änderte auch das 1990 eingeführte Duale System nichts Wesentliches.
    [Verknüpfung]


    1989

    D: 10.11. Fall der Berliner Mauer, anschließend Anschluss der DDR an die BRD
    Den stärksten Auftrieb bekam der Neoliberalismus durch den Zusammenbruch des konkurrierenden kommunistischen Volkswirtschaftmodells im Ostblock. Ernst Ulrich von Weizsäcker meint dazu, dass die erhoffte Friedensdividende aus dem Ende des Kalten Kriegs bald aufgezehrt war, Zitat: "Und dann ist das Kapital frech geworden..."
    [Kollmer 2019]

    Die Abwicklung der nicht konkurrenzfähigen DDR-Schwerindustrie im Folgejahrzehnt vermindert die gesamtdeutschen CO2-Emissionen um ca. 11%. Deshalb drängt Deutschland in internationalen Verhandlungen immer darauf, als Referenzjahr für CO2-Emissionen 1990 zu nehmen - damals lief die ostdeutsche Produktion noch.
    [Ziesing 2005]


    1990

    Der weltweit bekannte Astrophysiker Carl Sagan spricht an der North Carolina State University. Er erklärt den Klimawandel und die Kipppunkte. Er beklagt 10 Jahre Blockade der Entwicklung von Alternativen zum Öl unter Präsident Reagan, die Carter begonnen hatte. Er äußert sich skeptisch zur Alternative der Kernspaltung und beklagt die Abholzung von Wäldern.
    [Verknüpfung]

    Kalifornien, USA: Der neue Clean Air Act mit dem Zero Emission Mandate sieht vor, dass bis 1998 mindestens zwei Prozent und bis 2003 zehn Prozent der neu zugelassenen Autos emissionsfrei sein sollen. Das Gesetz löst einige Entwicklungsaktivität bei den Autoherstellern aus, z.B. bei GM, Honda, Toyota und BMW. Im Laufe der nächsten Jahre kommen sogar einige Fahrzeuge mit einem neuen NiMH-Akkutyp auf den Markt. 2002 wird das Gesetz entschärft - und dann lässt man die Autos samt Akkupatent verschwinden.
    [Wikipedia 2019 - California Air Resources Board]

    D: Dagegen stoßen die Ergebnisse der Bundestags-Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" im Bundestag auf sehr wenig Interesse.
    [Kostede 1990]

    Norbert Kostede stellt in seinem damaligen Zeit-Artikel klimapolitische Probleme dar, die bis heute nicht gelöst sind.

    Das Unternehmen Duales System Deutschland soll in öffentlich-privater Partnerschaft (gemäß der für 1991 geplanten VerpackungsVO) eine umweltgerechte Entsorgung - sprich Recycling - von Verpackungsmüll gewährleisten.
    [Wikipedia 2019 - Duales System Deutschland]

    Dreißig Jahre später ist das Müllaufkommen hoch wie nie zuvor, und selbst es wird immer noch ein Großteil der Verpackungen "thermisch recycelt", was nur ein sehr gewagter Euphemismus für Verbrennung ist, also Beseitigung in der Atmosphäre und in Sondermüll-Aschen. Aber auch bei Beseitigung ins Ausland mit entsprechenden Bescheinigungen gilt der Müll als recycelt. Mangels Lieferketten-Kontrolle landet er oft genug im Meer oder auf wilden Mülldeponien, wo UV-Strahlung und Scherkräfte die Kunststoff-Produkte zerbröseln lassen. Selbst im ewigen Eis findet man Kunststoffpartikel. Dafür leisten wir uns zur Entastung unseres Gewissens den Grünen Punkt des Dualen Systems.
    Ein Großteil der Kunststoffverpackungen ist nur unter unvertretbarem Aufwand werkstofflich zu recyceln, weil er schlicht überdesignt ist: er besteht aus vielen verschiedenen Schichten, ist mit Problemstoffen bedruckt, verklebt und imprägniert. Oftmals enthält er eine Schicht Aluminium, die man trotz eines enormen Produktionsaufwands praktisch gar nicht recycelt, sondern letztendlich nur zu stark ökotoxischen Aluminiumsalzen oxidieren lässt.
    All das geschieht völlig legal, während Deutschland sich jahrzehntelang als Mülltrenn-Weltmeister feiert - also ein überaus erfolgreiches Projekt von Greenwashing.
    Letztlich dient das alles dem Absatz von Ölprodukten. Wenn 2021 die Ölindustrie unverblümt ihre Pläne verkündet, die Verluste im Brennstoffabsatz durch Wachstum in der Kunststoff-Produktion ausgleichen zu wollen, dann muss mit massivem Lobbying gerechnet werden.
    Die bewährten Pfandsysteme kämpfen daneben seit Jahren ums Überleben, obwohl Umweltverbände von Anfang an einen breiten Ausbau echter Pfandsysteme fordern.
    Im Ausland kann man sehen, dass man Kunststoffe auch recyclingfähig gestalten kann. Der Erfinder des erweiterten Recycling-Begriffs Cradle-to-Cradle, Prof. Michael Braungart ist medial höchst präsent, allein die Politik ändert an der bestehenden Praxis nichts Wesentliches: der Strom des Öls reißt auch in der Kunststoffproduktion noch immer nicht ab.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    An dieser ernüchternden Tatsache ändert auch die beschönigende Darstellung aus dem Bundesumweltministerium nichts. Hier wird im Kapitel "Moderne Kreislaufwirtschaft" davon geschwärmt, wie man das Abfallaufkommen von der Wirtschaftsleistung entkoppelt hat. Das ist kein Kunststück, wenn Verbrennung und Verbringung ins Ausland als Recycling durchgehen.


    [Verknüpfung]


    1991

    Schweden beschließt eine CO2-Steuer (anfangs bei 30, mittlerweile bei 111€/t) - in D hat das bis 2020 niemand durchgesetzt.
    Die EU-Kommission diskutiert eine europäische kombinierte Energie- und CO2-Steuer mit 3US-$ je Barrel Öl ab 1993, mit einer jährlichen Progression von 1$. Der Wert läge heute umgerechnet bei ca. 100$ pro Tonne CO2.
    [Verknüpfung]
    Es kam 2005 ein CO2-Emissionshandel, der lange Zeit wegen deutschen Preis-Dumpings (Null Euro) weitgehend wirkungslos blieb.

    D: Die Grünen haben 8% bei der Bundestagswahl erreicht. Die etablierten Parteien werden nervös.

    Im Bundestag bereitet man sich auf die UN-Klimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro vor.
    [Bundestag 1991] (Volltextsuche "Lippold")

    Zu Zeiten einer CDU-FDP-Koalition beschließt eine Mehrheit von CDU/CSU, SPD und Grünen (gegen den Koaltionspartner FDP) in namentlicher Abstimmung das Stromeinspeisungsgesetz, das der Einspeisung von Erneuerbaren Energien Vorrang gibt. Einer der Väter des Gesetzes ist der CSU-Politiker Engelsberger, der als Sohn eines Wasserkraft-Einspeisers das Geschäftsgebahren der Stromversorger als unfair empfindet.
    [Berchem 2006]
    [BMWi 2019]

    BMW stellt - auch um dem kalifornischen Zero Emission Mandate zu genügen - mit dem E1 ein alltagstaugliches Elektroauto mit Natrium-Nickelchlorid-Akku vor.
    [Wikipedia 2019 - BMW E1]

    Mit Heinz Dürr übernimmt der erste von drei Ex-Daimler-Managern den Vorstandsposten bei der Deutschen Bahn. Sein Projekt, die Privatisierung der Bahn im Jahr 1994, bringt nicht den angekündigten Modernisierungsschub, sondern macht das Bahnfahren noch unattraktiver, zwingt noch mehr Leute zum Autofahren. Denn die hohen Subventionen für den Verbrenner macht die Konkurrenz zu einem höchst ungleichen Rennen. In Großbritannien hatte man bereits ähnlich negative Erfahrungen gemacht - war das vielleicht gerade die Inspiration für die drei Ex-Daimler-Manager?
    [Wikipedia 2019 - Heinz Dürr]

    Gefolgt von Hartmut Mehdorn, der danach seine Karriere beim Bauprojekt des Berliner Flughafen BER fortsetzte.
    [Wikipedia 2019 - Hartmut Mehdorn]
    Gefolgt von Rüdiger Grube, der u.a. 2010 den klimapolitischen Appell gegen ein Abschalten von Kohle- und Atomkraftwerken unterzeichnet.
    [Wikipedia 2019 - Rüdiger Grube]
    [Wikipedia 2019 - Energiepolitischer Appell]

    Die Sowjetunion zerfällt in unabhängige Staaten.


    1992

    Klimakonferenz in Rio de Janeiro: Klimarahmenkonvention, Einrichtung des Sekretariats in Bonn
    [Wikipedia 2019 - Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen]

    Die 12-jährige Aktivistin Severn Suzuki aus Kanada spricht 8min vor der Konferenz.


    [Verknüpfung]

    Am letzten Tag der Konferenz wird prompt auf einer Gegenveranstaltung der Klimaskeptiker in Heidelberg eine Unterschriftensammlung etwa 50 namhafter Wissenschaftler präsentiert, die vor einer Deindustrialisierung warnen. Einer der Initiatoren ist Fred Singer.
    [Verknüpfung]


    1993

    D: der Verband deutsche Stromwirtschaft behauptet: "[...] regenerative Energien, wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4% unseres Strombedarfs decken. [...]
    Badenwerk Karlsruhe, Bayernwerk München, EVS Stuttgart, Isar-Amperwerke München, Neckarwerke Esslingen, PreussenElektra Hannover, RWE Energie Essen, TWS Stuttgart, VEW Dortmund"
    [EVU 1993]

    Angela Merkel korrigiert 2005 diese Maximalprognose auf 20%; auch diese Falschbehauptung wird wenige Jahre später von der Realität eingeholt.

    D: Der Auricher Windturbinen-Hersteller Enercon stellt die getriebelose E-40 vor und setzt damit einen Meilenstein in Langlebigkeit und Effizienz.
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    Von Jahobr - Eigenes Werk Diese Datei enthält Elemente, die von folgender Datei entnommen oder adaptiert wurden:  EnerconE-126vsCologneCathedral.svg (von Jahobr)., CC0, Link


    1994

    Im Energiecharta-Vertrag ECT, der zwischen etwa 50 Industrieländern geschlossen wird, ist der Schutz fossiler Investments vor staatlicher Regulation vereinbart. Er wird erst 2020 dem breiten Publikum bekannt, weil erste Strafzahlungen öffentlich diskutiert werden.

    Die Bundestags-Enquète-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" empfiehlt eine europaweite Energie-CO2-Steuer.
    [Verknüpfung] (pdf-Datei S. 488)

    Auf Initiative des US-Senators und späteren Klimaaktivisten Al Gore übergeben im Rahmen der Post-Cold-War-Phase die Geheimdienste der USA und der GUS-Staaten (ehemalige Sowjetunion) ihre Klimadaten für das Forschungsprojekt Medea (Measurements of Earth Data for Environmental Analysis).
    [Wikipedia 2020]
    [Verknüpfung]
    Filmtip: Die Klima-Spione
    [Verknüpfung]


    1995

    COP1-Klimakonferenz (Conference of the Parties) in Berlin (Vorläufer von COP21 in Paris); Vorsitz: Umweltministerin Dr. Angela Merkel (CDU)

    Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Biologe, Mitglied des Club of Rome, SPD) veröffentlicht mit Amory und Hunter Lovins das Buch Faktor Vier. Die These: unser Wohlstand lässt sich mit einem Viertel des Ressourcenverbrauchs aufrecht erhalten.
    [Wikipedia 2019 - Faktor Vier]
    Auf Gast-Vorträgen sagt er der Windenergiebranche baldige Kostenparität voraus, dass also in wenigen Jahren die Kosten pro kWh auf den Börsenpreis absinken werden. Auch die Kostenparität bei PV stellt er - bei entsprechender anfänglicher Subventionierung - in Aussicht. Die Höhe der notwendigen Subventionen vergleicht er mit den bisher gezahlten Subventionen für Atomkraftnutzung.

    2010 aktualisiert er sein Werk und korrigiert den Faktor für das Potential der Ressourcenproduktivität auf Fünf.
    [Verknüpfung]

    Durch eine Erweiterung wurde der 1994 eröffnete Windpark Eifelwind Koxhausen der größte Binnenlandwindpark Europas. Die Betreibergesellschaft Eifelwind e.V. existiert heute noch unter dem Namen EifelEnergien e.V..
    [Wikipedia 2019 - Liste von Windkraftanlagen in Rheinland-Pfalz] (Volltextsuche "Koxhausen")
    [Verknüpfung]

    In Nigeria werden der Umweltaktivist, Schriftsteller, Verleger und Fernsehproduzent Ken Saro-Wiwa und acht Mitstreiter in einem fragwürdigen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet. Saro-Wiwa war gegen die Ölförderung von Shell im Niger-Delta aktiv, die große Umweltschäden und Elend verursachte, ohne dass die Bevölkerung dafür entschädigt wurde. Im Vorfeld des Prozesses kam es zu gravierenden Unregelmäßigkeiten, Zeugen, die erklärten, bestochen worden zu sein, Vernichtung von Beweismaterial etc. Während des Prozesses wurden Saro-Wiwa zwei der heute noch wichtigsten Umweltschutz-Auszeichnungen verliehen, der Right Livelihood Award (alternativer Nobelpreis) und der Goldman Environmental Prize. Die große internationale Aufmerksamkeit konnten dennoch die Verurteilungen und die Hinrichtungen nicht verhindern.
    Auf das Urteil folgten zahlreiche staatliche Sanktionen gegen Nigeria. Den Protesten schlossen sich unter anderem der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu, der deutsche PEN-Verband und der Börsenverein des deutschen Buchhandels an. Der deutsche Außenminister Kinkel (FDP) zeigte sich bestürzt.
    [Wikipedia 2021 - Ken Saro-Wiwa]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Ab 2004 wurden Klagen von Geschädigten der Ölförderung gegen Shell verhandelt, die z.T. schon erfolgreich waren. Auch Angehörige von Saro-Wiwa bereiteten eine Klage vor einem US-Bezirksgericht vor; Shell wich dem 2009 durch einen Vergleich aus.
    Nach wie vor werden jedes Jahr viele indigene Umweltaktivisten ermordet, 2019 war ein Rekordjahr mit über 200 Opfern. Saro-Wiwa war natürlich ein besonders eklatantes Beispiel, weil er von der Regierung hingerichtet wurde, deren Kontakte zu Shell aktenkundig sind.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    1996

    Um dem kalifornischen Zero Emission Mandate zu genügen, bringt General Motors (bekannt für das SUV-Modell "Hummer") das Elektroauto EV1 per Leasing auf den Markt und lässt von Ovonic einen leistungsfähigen NiMH-Akku entwickeln; gleichzeitig betreibt GM zusammen mit Ölkonzernen erfolgreich in der Lobby die Lockerung der Gesetze. 2001 werden diese Bemühungen zum Verschwinden dieser Autos von der Straße führen.
    Auch Honda und Toyota bauen Modelle mit diesem Akkutyp.
    [Wikipedia 2019 - General Motors EV1]
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Honda EV plus]
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Toyota RAV4 electric]

    2001 verkauft GM das Patent für den Ovonic-NiMH-Akku des EV1 an die Ölgesellschaft Texaco, die im selben Jahr von Chevron gekauft wird. Danach dürfen nur noch Akkus bis 10Ah in Lizenz gebaut werden, für vollektrische Autos ist das viel zu klein. Aber auch diese kleinen Zellen erweisen sich - wie die großen im EV1 - als legendär zuverlässig, z.B. die Panasonic-Zellen im Toyota Prius.
    Bis heute gibt es Spekulationen über die Gründe, warum der Ovonic-Akku als große Traktionsbatterie - entwickelt lange vor den Li-Ionen-Traktionsbatterien und extrem zuverlässig - nicht zum Durchbruch kam.
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Patentrechtliche Beschränkungen von NiMH-Traktionsbatterien]
    [Wikipedia 2019 - General Motors EV1]
    Die Zukunftsaussichten wurden jedenfalls positiv bewertet.
    [Verknüpfung]
    Es gibt Belege dafür, dass Toyota die Akkus weiter genutzt hätte, wenn der neue Ovonic-Inhaber Chevron die Produktion nicht eingestellt hätte. Bei der Klage vor dem ICC (International Court of Arbitration) wurde Stillschweigen verordnet.
    [Wikipedia 2019 (englisch) - Toyota RAV4 - Chevron Patentrechtliche Beschränkungen]
    [USSEC 2004-1]
    [USSEC 2004-2]
    2002 fällt das kalifornische Zero Emission Mandate, und GM verschrottet gegen massive Kundenproteste nach Ende der Leasing-Verträge bis auf ein einziges alle verleasten EV1 - eine Kaufoption gab es nicht. Honda verfährt mit seinem NiMH-Modell EV plus ähnlich.
    Nur Toyotas RAV4 EV überdauern das Ende des Zero Emission Mandate. Dafür, dass sie nur in kleiner Stückzahl gebaut wurden und damit spezielle Reparaturen i.d.R. eher schwierig gewesen sein dürften, laufen die Autos erstaunlich lange.
    [Wikipedia (englisch) 2019 - Toyota RAV4 electric]

    Filmtip: Warum das Elektroauto sterben musste (Who killed the electric car?) Sony Pictures. USA 2006)

    Die Deutsche Bahn bringt - Jahrzehnte nach dem erfolgreichen Vorbild Pendolino aus Italien (1969) - einen eigenen Triebwagenzug mit Neigetechnik auf die Strecke.
    Das finanzielle Desaster durch viele Fehlkonstruktionen in dieser Baureihe 611 von Adtranz (ein Konsortium von Daimler-Benz u.a.) führte dazu, dass viele kurvenreiche Strecken bis heute noch nicht mit Neigetechnik ausgestattet sind - was unzeitgemäß lange Fahrtzeiten zur Folge hat.
    [Wikipedia 2020 - DB-Baureihe 611]
    [Wikipedia 2020 - Pendolino]


    1997

    D: Die Schönauer Initiative "Eltern für eine atomfreie Zukunft" aus dem Tschernobyl-Jahr 1986 hat sich zu einem Verein gemausert, der nach vielen Widerständen schließlich genossenschaftlich die örtliche Stromversorgung übernimmt. Vor dem EEG wird neben Wasserkraft in Photovoltaik investiert. Die EWS (Elektrizitätswerke Schönau) sind nach wie vor einer der großen echten Ökostromanbieter und arbeiten ständig an neuen Ideen für Energiesouveränitat, auch in Entwicklungsländern.
    [Verknüpfung]

    D: Umweltministerin Dr. rer. nat. Angela Merkel diskutiert in ihrem Buch "Der Preis des Überlebens" mit Fachleuten Perspektiven der Umweltpolitik, auch CO2-Abgaben. In ihrer Partei ist sie bis heute eine derjenigen, die sich am ehesten dafür aussprechen - mit der politischen Durchsetzung jedoch bleibt sie bis heute hinter den Erwartungen der Fachleute weit zurück.
    [Merkel 1997]
    [Heimbach 2019]
    [Strohm 1998]

    Japan: COP3-Klimakonferenz in Kyoto: erstmals Festlegung von CO2-Reduktionszielen (5,2% bis 2012); Deutschland hat gerade große Teile seiner maroden Ost-Wirtschaft stillgelegt und damit allein schon die Ziele erreicht (im folgenden Video ab 0'00'').
    [Wikipedia 2019 - Kyoto-Protokoll]

    D: Der Verband der Automobilindustrie fordert einen Ausbau der Straßen und Verkehrsleitsysteme. Die Selbstverpflichtung zur CO2-Emissionsminderung von 25% bis 2005 sei kaum noch zu schaffen, weil Standzeiten in Staus für einen "immensen Benzinverbrauch" verantwortlich seien (im Video ab 2'09'').
    In der Folge hat die Bundesregierung weit mehr für den Straßenbau getan als für eine CO2-Emissionsreduzierung der Fahrzeuge.


    [Tagesschau 01.12.1997]
    [Gipper 2008]
    [Günnewig 2016]

    Die Ukraine, durch die wichtige russische Pipelines verlaufen, schließt mit der NATO einen Partnerschaftsvertrag; damit beginnt eine Krise der USA mit Russland, die sich bis heute immer weiter verschärft hat.
    [Wikipedia 2019 - Nato-Ukraine-Charta]


    1998

    Das American Petroleum Institute beginnt nach der Klimakonferenz in Kyoto eine breit angelegte Desinformations-Kampagne mit einem 6Mio-$-Etat. Sie soll eine Reihe von gekauften Wissenschaftlern etablieren und damit gezielt Lehrer und Studenten ansprechen. Die Union of Concerned Scientists berichtet 2015 in einem großen Dossier darüber.


    Victory Will Be Achieved When
  • Average citizens "understand" (recognize) uncertainties in climate science; recognition of uncertainties becomes part of the "conventional wisdom"
  • [...]
  • Those promoting the Kyoto treaty on the basis of extant science appear to be out of touch with reality
  • American Petroleum Institute
    [Verknüpfung]

    Umweltministerin Merkel nimmt das Gutachten des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen SRU entgegen.

    (1) Das Wort "Klima" sucht man in der offiziellen Mitteilung vergebens:
    [BMU 1998]

    (2) In der Mediendarstellung (im Video ab 8'19'') ist die Rede von einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Industrie zu 25% Reduktion der Emissionen bis 2005 - eine vollkommen unverbindliche Aussage, die, wie sich später zeigt, mit der Realität nichts zu tun hat.


    [Tagesschau 02.04.1998]


    1999

    USA: Notenbankchef Alan Greenspan, ein bekennender Anhänger der libertären Vordenkerin Ayn Rand, leitet eine lang anhaltende Niedrigzinsphase ein, die auch auf den Aktienmärkten große Blasen produziert: die Internet, die Subprime und die größte aller Zeiten, die Carbon Bubble. Allein in seiner Amtszeit verdreifacht sich die Geldmenge. Die folgenden Notenbankchefs schafften es in den folgenden Krisen bis heute nicht, die Geldschwemme zu beenden. Millionen US-Amerikaner kaufen sich ein (oft minderwertiges) Haus und beleihen es mit immer höheren Hypotheken. Durch Spekulation steigen die Hauspreise und die Banken erlauben mehrere Erhöhungen bestehender Hypotheken, weil sie von den steigenden Kreditsummen profitieren wollen.
    Präsident Bill Clinton ist zwar Demokrat, betreibt jedoch neoliberale Politik: er dereguliert das Bankensystem. U.a. schafft er den Glass-Steagall-Act aus 1932/33 ab, der eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken vorschreibt. Damit löst er eine Fusionswelle und bis heute anhaltende Kapitalkonzentration aus.
    [Wikipedia 2020 - Alan Greenspan]
    [Verknüpfung]

    Bis zur Subprime-Krise ist Grenspan ein gefeierter Star der Wallstreet-Ökonomen. Nach der Krise räumt Greenspan 2009 in einer parlamentarischen Untersuchung seinen Fehler ein und gesteht ein, dass er in seiner Karriere einer falschen Ideologie aufgesessen sei.


    2000

    D: es kommen tatsächlich zwei 3l-Autos auf den Markt: VW Lupo 3l und Audi A2 1.2TDI.
    Während der Lupo ein Kleinstwagen war, kam der A2 in die Kleinwagenklasse und schaffte dennoch 2,99l/ 100km - dank einer superleichten State-of-the-art Aluminiumkarosserie mit bester Raumausnutzung und einem hervorragenden Luftwiderstand dank Tropfenform.

    Der Audi A2 gilt bis heute als Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst und oft wurde die Wiederaufnahme der Produktion mit Elektroantrieb gefordert.
    Die erwünschte Wirkung der freiwilligen Selbstverpflichtung aus 1998 wird dennoch selbst 20 Jahre später weit verfehlt - der Durchschnittsverbrauch deutscher PKW liegt 2017 bei traurigen 7,5l/ 100km, zuletzt sogar wieder steigend, dank Dieselausstieg (Benziner stoßen bei gleicher Leistung mehr CO2 aus) und SUV-Boom.
    [UBA 2019]
    Zwischen 2000 und 2018 waren SUVs die zweitgrößte Ursache für eine Steigerung der CO2-Emissionen. Deutsche Hersteller haben auch in den USA große Fertigungskapazitäten aufgebaut, um an diesem Boom teilzuhaben.
    [Verknüpfung]


    Die geringsten Mehrverbräuche der Kompaktklasse gegenüber dem sparsamsten Modell kann man bei ca. 1l, die der Mittelklasse (incl. größerer Familienkombis) bei ca. 2l höher ansetzen.

    Rot-Grün hat mit dem EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) die Energiewende eingeleitet: es bedeutet eine massive Förderung der Erneuerbaren Energien. V.a. zu nennen sind die Politiker Hermann Scheer und Dietmar Schütz (SPD), Michaele Hustedt und Hans-Josef Fell (Die Grünen)).
    Scheer bewirbt das Projekt der Bürgerenergiewende als Motor für die Energiewende - weg von fossil-atomarer Zentralversorgung durch Monopolisten hin zu erneuerbaren Energien in der Hand der Bürger. Die Energiesouveränität ist für ihn auch ein wichtiges Ziel von Sozialpolitik, das er in den Folgejahren auch in Entwicklungsländern verfolgt.
    Das Gesetzespaket beinhaltet einen Abschalt-Plan für AKW.
    [BMWi 2019-2]

    CDU und FDP betreiben nach dem Regierungswechsel 2005 unter Kanzlerin Angela Merkel eine Restaurationspolitik, die das alte Energiesystem konserviert. Scheer stirbt 2010, 12 Tage nach dem Ausstieg aus dem Atomausstieg, an einem Herzinfarkt.
    Nachdem er sich jahrelang mit der Energiekehrtwende von Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot herumärgern musste, fand Hans-Josef Fell 2020 zusammen mit Ex-Fraunhofer-ISE-Chef Eicke Weber und Ernst Ulrich von Weizsäcker in den Clean Business Tech Club, um dort mit Staaten- und Wirtschaftslenkern die solare Zukunft zu gestalten, begleitet von Claudia Kemfert, Franz Alt, Frank Farenski und vielen anderen Protagonisten der deutschen EE-Szene. Währenddessen knobelt die Bundesregierung aus, ob wir lieber russisches oder amerikanisches Methan importieren sollen.
    [Verknüpfung]


    2001

    New York: 911-Terroranschläge auf das World Trade Center; die USA beginnen bald danach unter dem Vorwand "weapons of mass destruction", den der damalige Außenminister Colin Powell im Nachhinein als Schandfleck seiner Karriere bezeichnet, einen Krieg gegen den Terror und nehmen dabei eines der bedeutendsten Ölförderländer ein: den Irak. Bis heute ist die Region nicht befriedet, das Öl strömt jedoch ungehindert weiter.
    [FAZ 2005]

    Die Whistleblowerin beim britischen Geheimdienst GCHQ, Katherine Gun, wurde verhaftet und angeklagt, im antikriegs-gestimmten Großbritannien hat man die Anklage aber schnell fallen gelassen.
    [Meier 2019]

    Im Hintergrund des Oberbefehlshabers Präsident George W. Bush (Sohn des Ölmillionärs und Ex-Präsidenten George, Enkel des NS-Cofinanziers Prescott) zogen Vizepräsident Richard Cheney (vormals Manager bei Bohrtechnik-Lieferant Halliburton) und Condoleeza Rice (vormals Managerin bei Chevron) die Fäden. Bis heute vermarkten US-Firmen das irakische Öl.

    Filmtip: Vice (USA 2018)


    2002

    Ende des kalifornischen Zero Emission Mandate durch US-Bundesgesetze der Regierung Bush Junior. Endgültiges Aus für Elektroautos mit dem Ovonic-NiMH-Akku.

    Klimaskeptiker Wolfgang Clement (SPD) wird Wirtschaftsminister unter Rot-Grün; wird 2006 Aufsichtsrat bei RWE und verlässt - auch auf Betreiben von Hermann Scheer - 2008 die Partei; wechselt zur neoliberalen Denkfabrik INSM.


    2003

    Hitzewelle in Europa mit über 70.000 Todesopfern
    [Wikipedia 2019 - Hitzewelle in Europa 2003]


    2004

    Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft DIW berechnet die Kosten der sich anbahnenden Klimakrise und erklärt, dass Klimaschutz sich rechnet.
    [Verknüpfung]
    Originalarbeit: [Verknüpfung]

    Sie wurde nicht müde, das Thema immer wieder öffentlich vorzubringen.
    [Verknüpfung]
    2021 legt sie Zahlen des DIW nach und versucht - nach Jahren des Protests gegen die Energiepolitik der Merkel-Regierungen - erneut, die Chancen der Energiewende zu beschreiben. Mittlerweile geht es allerdings darum, den internationalen Zug der Dekarbonisisierung nicht zu verpassen.
    [Verknüpfung]
    Joachim Weimann (Uni Magdeburg) kritisiert den Artikel und bekommt auch Antwort dazu.
    [Verknüpfung]


    2005

    D: Kanzlerin Merkel macht den Atom-Ausstieg mit der FDP rückgängig.

    Sie gibt eine Prognose ab, dass Erneuerbare Energien nicht über 20% Anteil an der Stromerzeugung haben können. Damit revidiert sie die 4%-Behauptung der Energieversorger aus 1993 und verbreitet eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung der Energieversorger, die wenige Jahre später genauso widerlegt ist.
    [Pieprzyk 2009] (Volltext-Suche "realistisch")

    Die EU entscheidet sich - auch nach massivem Druck aus Deutschland - gegen eine CO2-Steuer und für einen Handel mit CO2-Emissionszertifikaten, weil der freie Markt das effizientere Regulativ sei. Als erstes legt Deutschland den Preis nahezu all seiner Emissionen für sieben Jahre faktisch auf Null Euro.

    Der frisch abgewählte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wird Aufsichtsratsvorsitzender der Gaspipeline-Gesellschaft Nord Stream AG, einer 51%-Tochter des russischen Gaskonzerns Gasprom.
    [Wikipedia 2019 - Gerhard Schröder]

    Gasprom ist 2019 die Nr. 3 der Firmen mit dem höchsten seit 1965 kumulierten Ausstoß an Treibhausgasen.
    [Taylor 2019]


    2006

    UK: Ein Top-Ökonom erklärt (sinngemäß) die Ölparty für beendet. Der Weltbank-Chefökonom Sir Nicholas Stern veröffentlicht eine Schätzung über kommende Klimaschäden für den Fall, dass es beim Verzicht auf wirksamen Klimaschutz bleibt. Sie sorgt in Politik und Zivilgesellschaften für Furore und wird auch in der Ökonomie aufmerksam registriert.
    [Verknüpfung]
    Zitat:

    "Angesichts der Ergebnisse der formellen wirtschaftlichen Modelle schätzt das Review, dass die Gesamtkosten und -risiken des Klimawandels, wenn wir nicht handeln, gleichbedeutend mit dem Verlust von wenigstens 5% des globalen Bruttoinlandsprodukts jedes Jahr, jetzt und für immer, sein werden. Wenn man eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen berücksichtigt, dann könnten die Schadensschätzungen auf 20% oder mehr des Bruttoinlandsprodukts ansteigen. [...] Im Gegensatz dazu können die Kosten des Handelns – des Reduzierens der Treibhausgasemissionen, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden – auf etwa 1% des globalen Bruttoinlandsprodukts pro Jahr begrenzt werden."
    [wikipedia 2020 - Stern Report]
    [Stern 2006]

    Stern zufolge sei der Klimawandel verursacht durch das größte Marktversagen, das die Völkergemeinschaft je in Kauf genommen hat. Deshhalb müsse die Politik rasch die richtigen Entscheidungen treffen: dem Ausstoß klimaschädlichen Kohlenstoffs weltweit einen Preis verpassen, ökologische Innovationen fördern und sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen, welche die effizientere Verwendung von Energie blockieren. Je früher reagiert werde, desto weniger kostspielig sei der Kampf gegen die Erderwärmung. Schon eine Verzögerung von nur ein oder zwei Jahrzehnten werde die Menschheit auf "gefährliches Terrain" bringen. Die Rettung sei möglich, so seine Botschaft – aber nicht mehr lange.
    Der Träger des Ökonomie-Nobel-Gedächtnispreises 1987, Robert M. Solow, nennt Sterns fast 600-seitige Expertise "ruhig, durchdacht und sorgfältig argumentierend". Der Preisträger 1998, Amartya Sen, meinte, die Welt wäre geradezu "dumm", ignorierte sie Sterns Botschaft.
    [Verknüpfung]
    Stern ist heute Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung.

    USA: Im selben Jahr erscheint der Film "An inconvenient truth" (deutscher Titel "Eine unbequeme Wahrheit") des Ex-Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei Al Gore. Er soll das Thema Klimaschutz populär machen und sorgt auch für eine heftige, globale Diskussion. Weil Klimaskeptiker in den USA sehr aktiv sind, melden sich Klimatologen zu Wort. Sie bestätigen Gore, dass der Stand der Wissenschaft weitgehend richtig dargestellt werde.
    [Wikipedia 2020 - Eine unbequeme Wahrheit - Rezeption]

    Russland verriegelt aus politischen Gründen am Neujahrstag die Gaspipeline in die Ukraine, weslhalb Europa auf seine (großen) Reserven zurückgreifen muss. Man denkt in Europa deshalb über alternative Gasleitungen und -Quellen nach.
    [Leidel 2006]


    2007

    Think City - die Weiterentwicklung eines von Ford entwickelten Konzepts aus der Zeit des GM EV1 - kommt mit Natrium-Nickelchlorid-Akku ("Zebra-Batterie") auf den Weltmarkt. Der Akku wird von MES-DEA Swiss (Tochter einer Ölgesellschaft) produziert und kommt auch in anderen Fahrzeugen zum Einsatz: Renault Twingo, Smart, Fiat Panda (Vertrieb in Schweiz und Italien), in französischen Postautos etc..
    [Wikipedia 2019 - Zebra-Batterie]
    [Wikipedia 2019 - Think City]

    Vor 21 Jahren lautete ein Spiegel-Titel "Die Klima-Katastrophe". In der Zwischenzeit sind die Emissionen immer schneller angewachsen, doch der Spiegel titelt jetzt "Die große Klima-Hysterie". Gezeigt wird eine vor Panik schwitzende Blondine im Marvel-Stil mit der Denkblase "Hilfe... die Erde schmilzt."
    [Verknüpfung]

    Die internationale Energieagentur IEA rät, weitere Ölquellen zu erschließen, weil eine neue Ölkrise drohe. Die IEA wurde 1974 von der OECD nach der Ölkrise gegründet, um weiteren Fehlentwicklungen an den Energiemärkten rechtzeitig vorzubeugen.
    [Verknüpfung]


    2008

    Der Hamburger Klimaforscher Mojib Latif sagt eine Pause der Erwärmung voraus, bedingt durch eine negative Phase (Wärmeaufnahme-Phase) der pazifischen dekadischen Oszillation. Er weist aber auch darauf hin, dass danach wieder eine positive Phase folgen muss, bei der wieder Wärme vom Pazifik abgegeben wird.
    [Latif 2008]

    Politiker der USA schwanken in ihrer Position bezüglich des Klimawandels; als Prominente konservative Klimaschutz-Befürworter zu nennen sind Bob Inglis, Newt Gingrich und John McCain.

    Das kalifornische Elektroauto-Startup-Unternehmen Tesla setzt - mangels größerer Zellen - 6831 kleine Lithium-Ionen-Zellen für Laptop-Akkus zu einer Traktionsbatterie für einen elektrisch angetriebenenen Umbau eines Lotus Elise zusammen - den Tesla Roadster. Der kleine Rennwagen kostet ca. 109.000$.
    [Wikipedia 2019 - Tesla Roadster]
    Im Elektroauto Think City dagegen ersetzt man den Zebra-Akku durch sehr robuste Li-Eisenphosphat-Akkus des Pioniers A123 - und geht (einmal wieder) in die Insolvenz. Auch wenn der Think das wesentlich nachhaltigere Konzept hatte als der dreimal so teure Tesla - es war nicht kommerziell verwertbar. Der Tesla Roadster verkaufte sich v.a. als eines der ersten Statussymbole für reiche Hipster.

    Firmenchef Elon Musk setzt dem Hype 2018 einen peinlichen Höhepunkt: er schießt einen Tesla Roadster in den Weltraum.

    Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) (die Energieberatungs-Agentur der OECD), warnt vor dem Öl-Fördermaximum: "Wir müssen das Öl verlassen, bevor es uns verlässt."
    [Birol 2008]
    [Schneider 2008]

    Die Insolvenz der amerikanischen Investment-Bank Lehman Brothers führt zur Subprime-Krise, einer globalen Finanzkrise, die die Reformbedürftigkeit des Finanzsystems schmerzlich offenbarte. Sie verdrängt den Klimaschutz schlagartig von der Agenda der Finanzwelt, die durch den Stern-Report sensibilisiert war, doch auch in der gesamten Politik und Zivilgesellschaft.
    Vor allem öffentliche Finanzinstitute der USA und Deutschland gehören zu den letzten, die die faulen Lehman-Papiere halten und damit massive Schäden erleiden.
    [Verknüpfung]
    Ausgelöst wurde die Krise durch eine gigantische Immobilienblase in den USA, wo völlig überbewertete Immobilien sehr kreativ, sprich undurchsichtig zu komplexen Finanzprodukten verbrieft und letztlich (nach diversen Preismanipulationen) an nichtsahnende Abnehmer verkauft wurden. Unterstützt wurden die kriminellen Aktivitäten durch unseriös kundenfreundliche Gutachten (Top Ratings) der Big Four der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die sich alle einig waren: Ernst & Young, Deloitte, PWC und KPMG. Auf diese Gutachten verließen sich damals die betrogenen Investoren, die Big Four wurden jedoch nicht zur Verantwortung gezogen. Im Gegenteil, saßen sie nach der Krise weltweit wieder in den Lobbys und schrieben an Gesetzen mit. Ernst & Young z.B. war 2020 wieder am Wirecard-Skandal beteiligt.
    Das hindert CDU-Gesundheitsminister Spahn nicht, EY mit großen Beratungsaufträgen zu betrauen.
    [Verknüpfung]

    In den USA wurden danach unter Präsident Obama Gesetze zur Markt-Regulierung eingeführt, die aber unter Trump teils revidiert wurden. Die an der Bewertung der Subprime-Papiere beteiligten Rating-Agenturen sind mittlerweile wieder als Berater sehr gefragt.
    Eine ähnliche Blase ungleich größeren Ausmaßes ist die aktuelle Carbon Bubble, aus der sich mittel- und langfristige Spekulanten bereits zurückziehen, langsam beginnend 2016.

    Der neoliberal-libertäre Ex-Notenbankchef Alan Greenspan wurde von der US-Wirtschaft lange als Held gefeiert. Jetzt bezeichnet er gegenüber dem demokratischen Abgeordneten Henry Waxman in einer Anhörung des Repräsentantenhauses zur Subprime-Krise seine Zins-Politik als Fehler. Er sei über 40 Jahre lang einer falschen Ideologie von der Stabilität des freien Markts gefolgt.


    [Verknüpfung]


    2009

    Das Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltfragen gibt der Bundesregierung bis maximal 2020 Zeit, eine radikale Klimapolitik einzuleiten, um das verbleibende Emissionsbudget für CO2 einhalten zu können. Der Bericht warnt u.a. vor Failed States durch klimabedingte kriegerische Konflikte, wie sie kurze Zeit darauf durch die Dürren in Syrien eintraten.

    Autor: WBGU 2009, Lizenz CC-BY-NC-ND
    [WBGU 2009] S.16

    An den Budget-Empfehlungen hat sich seitdem nichts Gravierendes geändert. Die deutsche Politik hat bis 2019 nicht reagiert, auch nicht nach dem internationalen Abkommen von Paris, und 2019 nach den Europawahlen auch nur viel zu zaghaft.

    D: Schröder-Ex-Koalitionspartner und persönlicher Gegenspieler Joschka Fischer (Die Grünen) betreibt mit Unterstützung der US-Außenmimnisterin Madeleine Albright den Bau der Nabucco-Pipeline, die aserbaidschanisches Gas (in Konkurrenz zu russischem) nach Europa leiten soll.
    [Welt 2009]

    Im Vorfeld der COP-Konferenz in Kopenhagen gibt es erste deutliche Reduktions-Zusagen wichtiger Emittenten, u.a. den USA und China. Mit dem Simulations-Tool C-Roads des Sloan-Instituts am MIT lassen sich Vorhersagen für die Verhandlungen berechnen.


    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Ein Konsortium von Mitsubishi und PSA-Citroën bringt das erste Großserien-Elektroauto, einen kleinen Viersitzer mit etwa 100km Reichweite im Realbetrieb (baugleich: Mitsubishi iMieV, Peugeot iOn, Citroën C-zero).


    2010

    Russland, Pakistan: Eine wochenlang stabile, extrem ausgeprägte Ausbuchtung der wellenförmig verlaufenden Jet Streams (Höhen-Strahlströme) über Zentralasien verursacht eine Kombination von Überflutungen in Pakistan und extremer Dürre in Russland, bei der selbst Moore großflächig zu brennen beginnen. Die Torfbrände erzeugen gigantische Rußwolken, die u.a. in Moskau eine signifikante Übersterblichkeit verursachen.
    [Wikipedia 2021 - Torfbrände in Russland 2010]

    2014 veröffentlichen PIK-Forscher ein Modell, das diese Störungen erklärt.
    [Viering 2014]
    https://doi.org/10.1073/pnas.1412797111">[Coumou 2014]
    Die wissenschaftliche Diskussion über die Ursachen veranlasste die Physikerin Friederike Otto zur Begründung der modernen Attributionsforschung. Sie nutzt verschiedene Modelle für einen Vergleich der Wahrscheinlichkeiten, mit der ein Wetterereignis mit und ohne Klimawandel aufgetreten wäre.
    [Verknüpfung]
    Solche Störungen führten in den Folgejahren zu zahlreichen Wetterextremen:

    • Hitzewellen in Kalifornien mit riesigen Waldbränden
    • Hitzewellen in Europa mit großer Übersterblichkeit
    • Kältewelle im Februar 2021 in Texas: Katastrophenalarm mit zig Toten
    • kalter April 2021, kältester seit 1977, danach kalter gewitterreicher Mai und Juni mit zahlreichen Überflutungen durch Starkregen
    • historische Hitzewelle (heat dome) durch eine stabile Omega-Wetterlage über Nordwest-Amerika mit 49,5°C in Lytton/ Kanada fordert hunderte Todesopfer
    • anhaltende Starkregen über Japan lösen eine große Schlammlawine aus

    Am 02.10. beschließt der schwarz-gelb dominierte Bundestag unter Wirtschaftsminister Rösler (FDP) die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und macht damit den rot-grünen Atomausstieg, der v.a. auf den Protagonisten von Atomausstieg und EEG Hermann Scheer (SPD) zurückgeht, rückgängig. Die folgenden Jahre sind geprägt von einer Energiekehrtwende, die auch unter Schwarz-Rot weitergeht.


    [Zu Atomkraft:] Weil nicht passieren darf, was passieren kann, darf eine Technologie nicht eingesetzt werden.
    Hermann Scheer 2010

    Scheer formuliert hier eine Selbstverständlichkeit verantwortungsvoller Politik, die auch in der Klimafrage gelten müsste: das Vorsorgeprinzip.
    [Wikipedia 2021 - Vorsorgeprinzip]

    12 Tage später, am 14. Oktober, stirbt Scheer, kurz vor der Veröffentlichung seines Buchs "Der energethische Imperativ" mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt. Sehenswert auch sein letzter Vortrag "Power to the People" bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom 30. September. Nicht nur mit dem Titel seines Buchs knüpft er an die knapp 100 Jahre alte Vision des Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald, das fossile Zeitalter könne nur ein Übergangsstadium sein.
    Wenngleich Scheer kein Philosoph war, so stellt er sich mit seinen ethischen Forderungen auch in die Tradition von Immanuel Kant und Hans Jonas.


    Knapp sind nicht die Erneuerbaren Energien, knapp ist die Zeit.
    Hermann Scheer

    Die taz schreibt "er war der herausragende Politiker seiner und unserer Zeit".
    [Verknüpfung]
    Peter Sloterdijk würdigt ihn in einem denkwürdigen Nachruf in der Zeit.
    [Verknüpfung]
    Zum 10. Todestag macht der Energiewende-Blogger Klaus Müller seinem ganzen Ärger über die Energiekehrtwende-Politik von Scheers Parteigenossen Luft.
    [Verknüpfung]
    Scheer war vom Time Magazine mit dem Titel "Hero for the Green Century" bezeichnet worden und Träger des Alternativen Nobelpreises.
    So visionär und wirkmächtig John Maynard Keynes im frühen 20. Jahrhundert, sehe ich Hermann Scheer in seiner Zeit. Beide Politiker verbindet, dass der Neoliberalismus, also die Abkehr von Keynes' Ideen, praktisch die Durchsetzung von Scheers Ideen um Jahrzehnte verzögert und damit die Zukunft der Welt auf's Spiel gesetzt hat.


    2011

    Das Weltwirtschaftsforum in Davos bewertet den Klimawandel als "eines der größten Risiken, mit sehr großen Auswirkungen und einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit".
    [Verknüpfung]

    Fukushima bringt in D den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft.

    Einweihung der deutsch-russischen Gas-Pipeline Nordstream, die die Ukraine umgeht.

    Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) novelliert die Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung für Pkw. Für die Einstufung eines Fahrzeugs ist jetzt nicht mehr der absolute Energieumsatz (der proportional zu den CO2-Emissionen ist), sondern auch die Fahrzeugmasse. Ein leichtes Auto kann demnach eine schlechtere Einstufung bekommen als ein schweres, auch wenn das wesentlich mehr verbraucht. Zitat aus der Wirtschaftswoche: "Beispiel: So landet ein 2.345 Kilo schwerer Audi Q7 3.0 TDI mit einem Kohlendioxidausstoß von 195 Gramm pro Kilometer ebenso wie ein 2,5 Tonnen schwerer Porsche Cayenne S Hybrid (193 g/km) in der zweitniedrigsten Klasse B, ein Kleinwagen wie der Toyota Aygo jedoch wird trotz wesentlich geringeren CO2-Ausstoßes in Klasse D eingestuft. [...] Eine kleine Rechnung macht die ganze Absurdität klar: Der in aller Welt beliebte deutsche Kampfpanzer Leopard 2, der pro gefahrenem Kilometer 1.500 Gramm CO2 ausstößt, würde dank seines Gewichts von 62 Tonnen in der Logik der neuen Effizienzklassen direkt neben einem VW Golf 1.4 landen."
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2021 - Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung]
    Das durchschnittliche Fahrzeuggewicht nahm in der Folge mit dem Boom von Mini-Vans und dann SUV rasant zu.
    Rösler zeichnet in seiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister (2011 bis 2013) für bemerkenswert viele hoch umstrittene Maßnahmen verantwortlich.
    [Wikipedia 2021 - Philip Rösler]

    Die neoliberale Denkfabrik INSM von Ex-Wirtschaftsminister und Klimaskeptiker Wolfgang Clement betreibt mit Strompreis-Angst eine massive Kampagne gegen Erneuerbare Energien und macht damit die Energiewende zur sozialen Frage. Zum Gründungsmitglied des Fördervereins der INSM gehört Friedrich Merz (CDU).
    [Wikipedia 2019 - Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft]
    [Verknüpfung]


    [INSM 2011]

    Der Ökostrom-Anbieter Lichtblick startet eine Kooperation mit VW. VW liefert den Kunden ein Blockheizkraftwerk, das elektrischen Strom - zum Selbstverbrauch oder zur Einspeisung - und Heizwärme liefert. Weil die BHKW zentral gesteuert werden, spricht Lichtblick von Schwarmenergie.
    Blockheizkraftwerke sind beliebte Projekte von Pionieren, die damit die winterliche Versorgungslücke ihrer PV schließen; schon lange bewährt z.B. das Modell Dachs von Senertec. Solche Anlagen werden zunächst mit fossilem Brennstoff betrieben, deren Brennwert für die Stromproduktion veredelt wird. Tüftler haben jedoch (wie im Kfz) auch Bio-Kraftstoffe erfolgreich genutzt; heute käme synthetisches, CO2-neutrales P2L in Frage.
    [Verknüpfung]
    Der Einspeisebetrieb hat den Vorteil, dass das Netz damit stabilisiert werden kann.
    2014 wird die Kooperation aufgekündigt. Lichtblick sieht die Konditionen von VW als inakzeptabel an.
    [Verknüpfung]


    2012

    Der Ex-RWE-Manager und Klimaskeptiker Fritz Vahrenholt (SPD) veröfentlicht sein Buch "Die kalte Sonne" und startet einen gleichnamigen Blog. Die Bild-Zeitung greift das Thema reißerisch auf in der Serie "Die CO2-Lüge". Die Titel:
    "Renommiertes Forscher-Team behauptet: Die Klima-Katastrophe ist Panik-Mache der Politik"
    [Verknüpfung]
    "Seit 12 Jahren ist die Erd- Erwärmung gestoppt!" [Verknüpfung]
    "Stoppt den Wahnwitz mit Solar- und Windkraft!"
    [Verknüpfung]

    Währenddessen meint Exxon-Chef Rex Tillerson zu den von Trockenheit betroffenen Bauernopfern, Klimawandel sei ein "ingenieurstechnisches Problem", sie könnten sich ja neue Anbaugebiete suchen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    We have spent our entire existence adapting. We'll adapt [to climate change]. It's an engineering problem and there will be an engineering solution.
    Rex Tillerson

    Netzparität für Photovoltaik: die Erzeugungskosten für PV-Strom sinken unter den durchschnittlichen Preis für konventionellen Strom.
    [Wikipedia 2019 - Netzparität]

    Zusammen mit Umweltminister Röttgen (CDU) betreibt Wirtschaftsminister Rösler (FDP) eine drastische Abkühlung auf dem überhitzten PV-Markt. In breiten Teilen der Öffentlichkeit wurde dies wie eine notwendige Anpassungsmaßnahme wahrgenommen, v.a. direkt nach der großen Strompreis-Kampagne des INSM.
    [Verknüpfung]

    Im Zusammenhang mit späteren Maßnahmen wie PV-Deckel, Ausschreibungsverfahren, EEG-Paradox etc. kann man dies jedoch als Auftakt zum Ende der deutschen PV-Industrie sehen. Gleichzeitig erlaubte man jahrelang die Importe subventionierter chinesischer PV-Technik. Der französische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg hat später dazu gesagt, dass dies ein Deal mit China war, um die deutschen Automobilexporte nicht zu gefährden. Nicht nur die deutsche, sondern die ganze europäische PV-Industrie brach in wenigen Jahren zusammen.
    [Verknüpfung]

    BASF kauft Patente für Akku-Technik, u.a. für den Ovonic-Akku aus dem GM EV1 und den Lithium-Schwefel-Akku.
    [Stahl 2012]


    2013

    Der (später von Trump kurzzeitig als US-Außenminister engagierte) Chef von Exxon Rex Tillerson teilt mit Putin die arktischen Ölreserven auf...
    [Busvine 2012]

    ...und erhält die russische Verdienstmedaille (Volltextsuche "friendship")
    [Kreml 2013]

    CDU-Umweltminister Peter Altmaier muss gegenüber FDP-Wirtschaftsminister Rösler bei der Preisbremse für Verbraucher-Strom Zugeständnisse machen. Entlastet wird vor allem die Industrie. Altmaier wäre an einer wirksamen Strompreisbremse gelegen gewesen.
    [Verknüpfung]
    Damit wird die deutsche Energiekehrtwende eingeleitet. 2019 kommt der Ausbau der Windkraft fast komplett zum Erliegen, PV sinkt bis da hin dramatisch - im Gegensatz zum Rest der Welt.
    [Spiegel 2013]
    [Verknüpfung]
    Auch die Verkehrswende wird von Altmaier behindert. Schärfere EU-Abgasregeln für PKW würden den Kostendruck auf den Verbrenner erhöhen und den neuen Elektroautos am Markt begünstigen. Das Einschreiten von Angela Merkel gegen die geplanten Verschärfungen lässt sich Familie Quandt (BMW) 690.000€ Parteispenden an die CDU kosten.
    [Verknüpfung]

    Das Kanzleramt lässt im Juni einen über fünf Jahre mit den anderen EU-Staaten ausgehandelten Kompromiss zu strengeren CO2-Grenzwerten für Autos überraschend platzen. Chef ist dort Eckhard von Klaeden (CDU). Er bleibt bis Ende September, ab November ist er als Cheflobbyist bei Daimler-Benz beschäftigt.
    [Verknüpfung]

    Die Konkurrenz-Pipeline zur russisch-deutschen Verbindung Nordstream - Nabucco - ist gescheitert.
    [Wikipedia 2019 - Nabucco-Pipeline]


    2014

    In der Ukraine wüten Proteste gegen die russlandfreundliche Regierung Janukowytsch, die mit einer Öffnung des Landes nach Westen enden.

    In einem Telefongespräch spricht US-Staatssekretätin Nuland von 5 Milliarden $, die die USA in politische Arbeit in der Ukraine investiert haben sollen.
    [Wikipedia 2019 - Euromaidan]
    [Bota 2015]
    währenddessen arbeitet der Sohn des US-Vizepräsidenten Joe Biden, Hunter Biden, für eine ukrainische Gasgesellschaft
    [Bidder 2015]

    PV: die hocheffiziente PERC-Rückseitenkontaktierung kommt zunehmend in den Massenmarkt und ermöglicht höhere Wirkungsgrade
    [Aleo 2018]
    [Recgroup 2014]


    2015

    D: Durch die aktuelle Strommarkt-Regelung (Merit-Order-Prinzip) werden immer mehr hochmoderne Gaskraftwerke stillgelegt, weil Kohlekraftwerke mit ihrem Billigstrom die Netze verstopfen. CO2-Preisaufschläge würden das verhindern. Gaskraftwerke sind eine Schlüsseltechnologie in der flexiblen Lastregelung und vor allem in der Sektorenkopplung, und daher unverzichtbar in der Energiewende.
    Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hegt zuerst große Ambitionen für einen Kohleausstieg, knickt aber schnell vor dem Bundesverband deutsche Energiewirtschaft ein: die mittelfristige Abschaltung von fünf Kraftwerksblöcken lässt man sich dort versilbern - mit einer Prämie für das Bereithalten im Bedarfsfall, Vorlaufzeit ganze 10 [sic!] Tage. Mit den 1,6 Milliarden hätte man auch Gaskraftwerke finanzieren können, die wesentlich geeigneter - weil flexibler - eine Sicherheitsreserve bilden könnten.
    [Verknüpfung]
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    Siemens verkündet die Schließung seiner Gasturbinen-Produktion in Deutschland.
    [Verknüpfung]
    Deutschland erhält neben Polen und Luxemburg eine klimapolitische Rüge der EU.
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    Im Mai warnt der Münsteraner MEET-Batterieexperte Prof. Martin Winter in der bei Verbrennerfahrern überaus bekannten Zeitung Auto, Motor und Sport: innerhalb von zwei Jahren schließe sich für Europa das Zeitfenster, um in der Batteriefertigung noch mithalten zu können. Gleichzeitig startet in konservativen und liberalen Medien eine jahrelange, massive Kampagne gegen das Elektroauto, für "Technologie-Offenheit", sprich Verbrenner (auch mit erneuerbaren Brennstoffen), und Brennstoffzellen-Autos.
    [Verknüpfung]


    2016

    Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) setzt der Windkraft in Deutschland einen Deckel auf.
    [Verknüpfung]
    Die halbherzigen Maßnahmen nach Gabriels Autogipfel - begleitet von der penetranten Desinformation gegen Elektroautos - bringen die Elektromobilität in Deutschland nicht so voran wie in Frankreich, Südkorea, USA oder China.
    [Verknüpfung]

    Die Dämmerung der fossilen Epoche setzt am 23.03. ein: der Rockefeller Family Fund divestiert nach über 150 Jahren im Ölgeschäft, 100 Jahre nach der ersten Dollar-Milliarde des Firmengründers.
    [Verknüpfung]
    Der Rockefeller Brothers Fund folgt im Advent 2020 - und zieht eine positive Kostenbilanz.
    [Verknüpfung]

    Barack Obama schreibt vor der Amtsübergabe an Klimaskeptiker Trump:


    Der Trend hin zu sauberer Energieerzeugung ist unumkehrbar.
    Barack Obama
    [Löfken 2017]


    2017

    USA: Klimaskeptiker Donald Trump wird Präsident und setzt den Klimaskeptiker Scott Pruitt als Chef der EPA ein, der die Behörde schnell verkleinert und ihre Möglichkeiten drastisch beschneidet. Der Gebrauch des Wortes "Klimawandel" in Veröffentlichungen der Behörde wird zensiert.
    [Verknüpfung]

    Jahrzehntelang hatte die lebhafte Diskussion über Klimawandel in den USA allein auf wissenschaftlichen Prognosen basiert, und dennoch löste sie präsidentielle Expertenkommissionen, eine riesige Umweltbewegung, Transformations-Förderprogramme und teils strenge Umweltgesetze aus. Angesichts dessen und der 2016 unleugbaren Beweise der Klimakrise ist Trumps Wahl ein unheilvolles Zeichen einer Vertrauenskrise in der mächtigsten Demokratie der Welt. 2021 fand diese Krise mit dem Sturm auf das Kapitol ihren vorläufigen Höhepunkt, eine Beinahe-Katastrophe.

    Russland: Ex-Kanzler Schröder (SPD) wird Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Ölkonzerns Rosneft.


    2018


    Mitteleuropa: extrem anhaltende Hitzewelle Deutschand erlebt eine Rekord-Dürre.

    Nach der Wahl von Trump gibt Tillerson die Geschäftsbeziehung mit Putin schnell wieder auf:
    [Bershidsky 2018]

    Europa plant neue Terminals für Fracking-LNG aus den USA. Gegen den Baubeginn der zusätzlichen deutsch-russischen Pipeline Nordstream 2 machen die USA nicht nur Druck auf Deutschland, sondern auch auf beteiligte Firmen.
    [Spiegel 2019-2]
    [Bidder 2019]

    Juli: Als er eine Beschränkung der Kohleindustrie durchsetzen will, wird der australische Präsident Turnbull durch eine vernichtende Medienkampagne des Milliardärs Rupert Murdoch zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger ist der ultrakonservative Klimaseptiker Scott Morrison.

    August: Die 15-jährige Schwedin Greta Thunberg beginnt am 20.08. ihren Schulstreik fürs Klima, zwei schwedische Zeitungen berichten am ersten Tag. Eine Woche später die TAZ. Am 29.08. dreht die schwedische Klimaaktivistin Janine O' Keeffe mit ihr ein dreiteiliges Interview.
    [Verknüpfung]
    Ein Jahr später zählt ihre Bewegung Fridays for Future weltweit viele Millionen Unterstützer aller Altersgruppen.
    [Wikipedia 2019 - Greta Thunberg]


    2019

    Januar: Hitze in Australien
    [Verknüpfung]

    D Sommer: lang anhaltende Gewitterneigung mit Extremniederschlägen wie in mehreren Jahren zuvor. Die großen Regenmengen sind allerdings nicht in der Lage, den Boden bis in die Tiefe zu durchfeuchten, denn ein Großteil fließt oberflächlich ab - die Wassermenge fällt in zu kurzer Zeit und kann nicht einsickern. In der Folge kommt es zum größten Waldsterben seit den 80er Jahren.

    Indien erlebt im Juni eine anhaltende Rekord-Hitzewelle mit bis zu 50°C
    [Fischer 2019]

    Der Rekord-Orkan Dorian geht mit 350km/h, 800mm/ m2 Regen und extrem geringer Wanderungsgeschwindigkeit (wegen der Rossby-Wellen) über die Bahamas-Inseln, die teils völlig verwüstet werden.

    Südspanien erlebt im September aufgrund des warmen Mittelmeers und der niedrigen Wanderungsgeschwindigkeit eines extremen Tiefdruckgebiets (Rossby-Wellen) einen Rekordniederschlag mit bis zu 400mm/ m2 in kurzer Zeit, Norditalien im Oktober mit 300mm/ m2, Südfrankreich im November mit 700mm/ m2.
    [Verknüpfung]

    Bei Cannes plant man demnach wegen der großen Häufigkeit der Extremniederschläge die Enteignung von Villenbesitzern, um durch Abriss der Häuser den Wasserabfluss zu verbessern.
    [Verknüpfung]

    Iran wird durch US-Sanktionen am Ölexport gehindert, was den Ölpreis steigen lässt - und wogegen Europa erfolglos Widerstand leistet. England und Iran liefern sich daraufhin einen regelrechten Freibeuter-Konflikt, indem der jeweils eine einen Tanker des anderen beschlagnahmt, was die Spannungen verschärft. Iran beginnt, die USA durch Ankündigung der Uran-Anreicherung und Ölschmuggel an Syrien offen zu provozieren.
    [Brüggmann 2019]

    September: Das Klimakabinett beschließt im Rekordtempo ein Klimapaket. U.a. 10€ CO2-Abgabe ab 2021, die nach massiven Protesten - auch zahlreicher Experten - zuerst auf 20, dann auf 25€ heraufgesetzt wurden. Die Fachleute sind entsetzt, die Klimaschützer empört.
    Auch auf EU-Ebene bremst die Bundesregierung im Klimaschutz. Das Finanzierungsverbot der Europäischen Investitionsbank EIB für fossile Projekte wird hinausgezögert, solange es geht.
    [Verknüpfung]

    In der Ausgabe der Polit-Talkshow Anne Will vom 22.09. sieht sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) einer Phalanx von Kritikern gegenüber. Er wird letztlich zum politischen Offenbarungseid gezwungen (sinngemäß): wenn die Bürger von der Energiewende nicht überzeugt sind, können Politiker sie auch nicht durchsetzen.
    Man muss aber dazu sagen: Altmaier hatte - ganz in der Parteitradition - die Energiewende von Anfang an als zu teuer, oft als Armuts-Risiko für die einkommensschwachen Haushalte, dargestellt ("die Oma aus Gelsenkirchen", die sich ihr "Stück Kuchen" nicht mehr leisten kann). Vor Altmaiers Zeiten hieß es in der CDU sogar noch, sie sei völlig unrealistisch.

    Anne Will 22.09.2019 (ARD): Das Klimaschutzpaket der Bundesregierung - großer Wurf oder große Enttäuschung? - auszugweise Mitschrift
    Gäste:
    Peter Altmaier: CDU (Bundeswirtschaftsminister)
    Annalena Baerbock (Bündnis 90/ Die Grünen (Vorsitzende))
    Otmar Edenhofer: TU Berlin, PIK Potsdam (Direktor und Chefökonom)
    Claudia Kemfert (DIW Berlin, Leiterin Abteilung Energie)
    Bernd Ulrich: Die Zeit (Chefredakteur Wissenschaft)

    18' Altmaier erklärt, dass Deutschland große Anstrengungen leistet, um P2X voranzubringen.
    Will fragt, warum der Meinungsumschwung nicht für effektive Maßnahmen genutzt wird.
    Altmaier stellt noch einmal wortreich sein Programm vor, das von allen Fachleuten als völlig unzureichend kritisiert wird. Und setzt dann an, über die einkommensschwachen Haushalte zu sprechen: "Das sind die, die wir mit einem harten Vorgehen am härtesten treffen würden, und deshalb..."
    20'40'' Ulrich (unterbricht): "Also ich finde das total gut, Herr Altmaier, dass die Parteien, die sonst am meisten die Marktwirtschaft anbeten und auch Ungleichheit ok finden, weil es einen Anreiz bietet, jetzt beim Klima die wahnsinnig interessante Entdeckung machen, dass die Armen sich Dinge nicht leisten können, die sich Reiche leisten können. [...] In jedem Bereich ist das so und es gibt viele Bereiche, wo man 'was ändern sollte. Aber das, was sie jetzt wieder gesagt haben, das geht einfach nicht mehr. Natürlich ist das untere Einkommensdrittel in dieser Republik nicht für den Klimawandel verantwortlich, am wenigsten dafür verantwortlich. Und die können auch nicht die Kosten tragen. Aber was doch seit Jahren und Jahren in Deutschland läuft, ist doch:
    Im Namen der Armen billiges Fleisch - und alle essen dieses Fleisch.
    Im Namen der Armen müssen die Benzinpreise unten gehalten werden - und alle rasen damit [...].
    Im Namen der Armen Billigflüge - und alle fliegen billig.
    Sie müssen das durchbrechen, und das tun sie nicht.
    Sie berufen sich auf die Armen, um nichts zu tun.

    22' Edenhofer: "Also das ist doch wirklich 'ne Geisterdebatte. Wir haben mit den Vorschlägen, die wir gemacht haben, das Thema sozialer Ausgleich ins Zentrum gestellt. Wir haben gesagt, wir könnten durch die Abschaffung der Stromsteuer, durch die Finanzierung des EEG aus den Steuern gerade die einkommensschwachen Haushalte entscheidend entlasten. Wir haben 'ne Klimadividende diskutiert, die ganz schnell dann vom Tisch gefallen ist in ihrem Paket zum sozialen Ausgleich - das lässt in hohem Maße zu wünschen übrig. Sie subventionieren E-Autos, und das betrifft die obere Mittelschicht, und es gibt 'ne ganz geringfügige Entlastung bei [...] der EEG-Umlage. Aber jetzt zu sagen, da gibt es diejenigen, die stellen den Klimaschutz über alles und nehmen dafür die Spaltung der Gesellschaft in Kauf und scheren sich keinen Deut d'rum, wie es einkommensschwachen Haushalten geht, das stimmt einfach nicht, weil man kann eine CO2-Bepreisung sehr wohl so ausgestalten, dass einkommensschwache Haushalte und auch Haushalte auf dem Land entlastet werden. Und ich finde wirklich nicht akzeptabel, dass bei den Vorschlägen, die wir diskutieren können, aber dass so getan wird, als würde man den sozialen Ausgleich und den sozialen Zusammenhalt bei der Klimapolitik völlig vernachlässigen."
    [...]
    34' Edenhofer: "Wenn ein CO2-Preis so kommuniziert wird, dass die Leute das Gefühl haben, sie werden dadurch gegängelt und geschröpft, und man fragt die dann, habt Ihr Lust, gegängelt und geschröpft zu werden, und die sagen Nein, dann muss man sich eigentlich net wundern. Was man doch sagen muss und den Leuten klar machen müsste ist:
    Es gibt doch viele Menschen in unserem Land, die Klimaschutz wollen, die auch persönlich bereit sind ihre Emissionen zu reduzieren. Ein CO2-Preis leistet doch folgendes: Dass meine Anstrengungen, die ich unternehme, nicht durch andere zunichte gemacht werden, die dann noch mehr emittieren. Das ist nämlich der Weg in den Fatalismus. Und dieser Fatalismus, der muss jetzt endlich gestoppt werden. Und wenn man den CO2-Preis den Leuten so klarmacht, das wird alle Investitionsentscheidungen, alle Konsumentscheidungen verändern in Richtung auf Emissionsreduktion. Und dann gibt's für die, die besonders belastet sind, einen sozialen Ausgleich.
    Ich bin eigentlich der Überzeugung, dass man dafür eine Mehrheit bekommt. Wenn man den Klimaschutz aber von vorneherein unter Generalverdacht stellt, dass man gegängelt und geschröpft wird, dann braucht man sich net wundern, dass es dafür keine Mehrheiten gibt."
    35'16'' Altmaier wird zum politischen Offenbarungseid gezwungen:
    Will: "Herr Altmaier, haben Sie es also falsch kommuniziert, von Beginn an, und sind deshalb auf der Strecke plötzlich so mutlos geworden?"
    Altmaier: "Also, ich hab' ja vorhin schon gesagt, dass ich glaube, dass wir in den letzten Jahren noch Fehler gemacht haben, ja, dass wir früher hätten reagieren müssen, ja, vor allem miteinander, aber die Politik muss eben selber Rechenschaft ablegen, was sie tut. Und wir tun mehr als heute abend diskutiert wird. Wir haben zum Beispiel nicht nur die 3 Cent [Anmerkung: Kraftstoffpreis-Erhöhung durch die sog. CO2-Bepreisung], sondern..." Will [unterbricht]: "Sie haben gehört, was Herr Edenhofer gesagt hat..."
    Altmaier: "Ich weiß, ich weiß."
    Will: "Es wird so schlecht kommuniziert, dass die Menschen kein Vertrauen mehr in Sie haben. Das ist vielleicht der Grund."
    Altmaier: "Ja aber wissen Sie, ich hab' die Menschen gefragt, ob sie mitbekommen haben, was der Sachverständigenrat uns empfohlen hat, Herr Edenhofer und sein Potsdamer Institut, das ist in der Öffentlichkeit nicht verankert. Und die Politik hat auch nur begrenzte Möglichkeiten etwas zu kommunizieren, das hat Herr Macron bemerkt, das hängt damit zusammen, dass..."
    Will [unterbricht]: "Er hat's gar nicht kommuniziert. Er hat's doch nicht erklärt." Altmaier: "... dass eben nicht jeder Anne Will anschauen muss, wenn er nicht möchte. Auch nicht die Tagesschau oder die Heute-Sendung. So. Und dann müssen wir als Politiker - wir sind nicht allmächtig. Wir sind nicht allwissend. Wir müssen den Mut haben, bestimmte Dinge zu entscheiden, wir haben zum Beispiel gesagt, wir wollen die Kraftfahrzeugsteuer verändern [Baerbock entgleisen die Gesichtszüge], neben der CO2-Bepreisung kommt hinzu, dass CO2-arme Kraftfahrzeuge weniger zahlen, und CO2-produzierende Kraftfahrzeuge in hohem Stile mehr bezahlen müssen, so, und dann werden die Leute sich überlegen, wenn ich'n neues Auto kaufen muss, kauf' ich dann noch eines, das mehr als der Durchschnitt produziert, oder kaufe ich vielleicht ein anderes. Darüber muss geredet werden auch in den Schulen, darüber muss geredet werden im Deutschen Bundestag, von der Politik, ja, wenn wir mit der Kommunikation besser werden können, ja, aber ich hab' bisher noch nicht denjenigen gesehen, der uns erklärt hat, wie das am besten geht. Die Grünen haben es im letzten Wahlkampf nicht geschafft und im vorletzten Wahlkampf übrigens auch nicht. Das muss man der Ehrlichkeit halber sagen, so einfach ist es offenbar nicht."


    [Verknüpfung]
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    Am 26.09. kann sich Altmaier bei Maybrit Illner dann eher zurücklehnen, weil hier auch Vertreter der Automobilindustrie zu Wort kommen.
    Illner ist sich einig mit Mario Gutmann, dem Vertreter der Belegschaft bei Bosch Bamberg, über die negative Umwelt-Bewertung des Elektroautos. Gutmann und VDMA-Vizepräsident Karl Haeusgen teilen einen Rundumschlag auf Energie- und Verkehrswende aus und interpretieren dabei auch noch einmal die Dieselkrise auf ihre Weise. All das tun sie unwidersprochen von der Moderatorin Maybrit Illner, obwohl Experten in vielen Punkten weit mehrheitlich ganz anderer Auffassung sind.

    Talkshow Maybrit Illner am 26.09.2020 (ZDF):
    Abschwung, Jobs und Klimarettung – riskieren wir unseren Wohlstand?
    Gäste:

    • Peter Altmaier (CDU, BMWi)
    • Robert Habeck (Bundesvorsitz Bündnis 90/ Die Grünen)
    • Nina Treu (Konzeptwerk Neue Ökonomie)
    • Karl Haeusgen (Vizepräsident VDMA)
    • Mario Gutmann (Betriebsrat Bosch Bamberg)

    Sinngemäße Wiedergabe mit Zitaten:

    26' Gutmann: "Wir sind nicht technologieoffen. Das ist eines der großen Probleme an diesem Standort Deutschland. [Applaus]
    Wenn wir technologieoffen wären, und keiner, auch ich nicht, weiß, was letztendlich zielführend ist im Antriebsstrang, das weiß keiner, aber sich auf eine Technologie zu stürzen, was das Thema Elektrifizierung heute ist, ja, aber die Brennstoffzelle außen vor lässt, das Thema E-Fuels (P2L) außen vor lässt, die Hybridisierung. Der Verbrenner, da bin ich mir sehr, sehr sicher, den wird's noch lange geben, weil der ist heute, wenn man's will, vom CO2 her ideal [Einblendung Haeusgen: lächelt und nickt, sagt "ja"; Zuschauer im Hintergrund mit kritischem Blick nickt bedeutungsvoll], ja, wir können vom CO2 her ideal an das Thema 'rangehen, wenn wir heute ein neues Auto nehmen, egal ob Sie Feinstaub, NOx oder CO2 nehmen, da brauchen wir heut' net d'rüber reden - es interessiert bloß keinen mehr.
    [Applaus]"
    Illner: "Wenn man sagt, Arbeitsplätze und Klimaschutz sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden, dann sagen Sie, das ist richtig, das wollen Sie auch nicht, oder sagen Sie, das ist eine Phrase?"
    Gutmann: "Nein, nein, nein. Das ist das Dümmste, was man machen kann. Und das ist ja genau das, was polarisiert. Wenn wir heute hergehen und versuchen die Arbeitsplätze gegen das ganze Ökonomische und Ökologische auszuspielen, dann haben wir ein Problem. Und ich bin beim Herrn Habeck, wir müssen an dem Thema arbeiten, aber die ganze Hysterie, die hier aufgelegt wird, das was letztendlich daraus gemacht wird, das ist ein Riesen Problem. Wir brauchen Zeit."
    Illner: "[...] Auf wen sind Sie eigentlich wütender? Auf die Politik oder auf die großen Automobilkonzerne, die ihre Milliardendividenden nicht schon 'mal in Investitionen gepackt haben?"
    Gutmann: "[...] als Erstes auf die Politik, weil [...] wir haben zu lange geschlafen um an dem Thema zu arbeiten, wir waren zu lange satt von dem Thema her und das ist, wenn alles läuft, bewegt sich auch keiner [Einblendung Altmaier], aber das eine ist, dass wenn wir jetzt die Politik verantwortlich machen etwas zu tun - und ich bin nicht der Meinung, dass wir mit dem Thema, das als Paket jetzt geschnürt ist, das richtige Thema angehen, weil ich glaube nicht, dass die Elektrifizierung - ich red' jetzt von dem Litium-Ionen-Thema - zielführend ist.
    Und wenn man sich das anschaut, und jetzt auch wieder in Richtung Umwelt 'mal schaut, eine Lithium-Ionen-Batterie, aus was die heut' hergestellt wird..."
    Illner: "Das ist ja überhaupt nicht umweltfreundlich, aber auch da wird ja an Alternativen gearbeitet."
    Gutmann: "Ja, aber die haben wir heute nicht."
    [...]
    33' Habeck: Die Beschäftigten der Verbrennerindustrie baden jetzt schon - ohne Klimapolitik - die Vertrauenskrise der Verbraucher aus, die die Automobilwirtschaft ausgelöst hat. Für die Zukunft haben wir es mit einer strukturellen Veränderung der Weltwirtschaft zu tun.
    Zitat: "Dass eine Exportnation, die dann auch noch auf dem Export von fossil produzierenden Fabrikaten [...] [be]ruht, vielleicht ein echtes Problem hat, vielleicht nicht zukunftsfähig ist."
    34'45'' Roth warnt vor Protektionismus à la Trump.
    34'50'' Habeck: "Vor der Welle bleiben, sofern es noch geht, das heißt die Abkühlung der Konjunktur zu bekämpfen mit allen Mitteln, die wir haben. Das heißt zu investieren. Und zwar nicht mit 5 Mrd. jährlich, sondern tatsächlich jetzt die Notwendigkeit zu nutzen, CO2 einzusparen, Industrie zu unterstützen, Forschung und Entwicklung voranzubringen und die Versäumnisse der letzten 15, 20 Jahre aufzuholen. [...] Wir tun noch immer so, als ob wir die Schlausten, Klügsten und Besten der Welt sind, das sind wir nicht, wir sind weltökonomisch abgehängt."
    35'20' Altmaier will antworten, doch Haeusgen geht dazwischen: er nimmt die Politik (die sein Verband ja auch maßgeblich mitbestimmt hat) in Schutz und gibt der zivilgesellschaftlichen Dynamik die Schuld am Arbeitsplatzabbau in der Dieselbranche.
    37'45'' Altmaier erklärt Entscheidung für die deutsche Akku-Fabrik: man habe 20 Jahre lang den technologieoffenen Ansatz verfolgt, intensiv auch am Brennstoffzellen-Auto geforscht und noch kein konkurrenzfähiges Produkt zu Stande gebracht.
    39'40'' Roth stellt fest, wir seien technologisch abgehängt, und zwar v.a. in KI und E-Mobilität.
    61'20'' Haeusgen: "Es ist nicht eine Frage, wieviele Milliarden wir einsetzen, sondern ob wir sie effizient einsetzen, und wenn ich mir die bisherige Energiewende anschaue, dann sind bisher viele, viele, viele, viele [...] Milliarden sehr, sehr, sehr ineffizient eingesetzt worden und das ist das, was mir Angst macht. Sie haben dieses Batterieprojekt vorangetrieben und Sie haben Volkswagen gerufen in der E-Mobilität. Wer redet über die Brennstoffzelle, wer redet über das Projekt Power-to-X? Das sind Technologien, die vermutlich langfristig CO2-mäßig die bessere Bilanz haben als die batteriebetriebene Elektromobilität."
    [Illner 2019]

    Oktober: Obwohl die Kohlekommission ein Ausstiegsgesetz angekündigt hat, erhält Uniper die Betriebsgenehmigung für ein neues Steinkohlekraftwerk in Datteln, NRW. Das BMWi sieht sich im Kohleausstieg dennoch "auf Zielkurs". Der Abstand zur Bebauung beträgt weniger als 500m. NRW ist nach Bayern das Bundesland mit den schärfsten Abstandsregeln für Windräder.
    [Bundesregierung 2019-1]
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    Schweden: Die Erfinder des Li-Ionen-Akkus bekommen den Nobelpreis für Physik. Doch in der konservativen Zeitung die Welt bestreitet man, dass ein Preis für eine derartig "problematische" Technik angemessen ist, und hält die Vergabe für politisch motiviert und somit fragwürdig.
    Zitat:

    "Würdig eines Nobelpreises?
    Das sind große Worte für eine Technologie, die bei Rohstoffgewinnung und Entsorgung noch große Probleme bereitet. Der Strom, mit dem Lithium-Ionen-Akkus aufgeladen werden, stammt hierzulande zu mehr als 50 Prozent aus Kraftwerken, die mit Kohle, Öl und Gas betrieben werden. Da kann man noch lange nicht von CO2-Neutralität reden. [...] Problematisch ist insbesondere die unterschwellige politische Botschaft dieses Nobelpreises, Elektromobilität sei gut. Vielleicht sind aber letztendlich Autos, die mit Wasserstoff oder synthetischem Benzin betrieben werden ökologisch besser? Da sind sich die Experten noch nicht einig."
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    November: Die Dürreereignisse im südlichen Afrika wurden in den letzten Jahrzehnten immer häufiger; zur Zeit ist es so extrem, dass die Victoriafälle bis auf ein Rinnsal ausgetrocknet und 45 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind.
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    Der Gesetzesentwurf von Wirtschaftsminister Altmaier zum Kohleausstieg setzt auf Freiwilligkeit bei der Abschaltung.
    Windturbinen-Hersteller Enercon steht auf einer Weltspitzen-Position, doch entlässt 3000 Mitarbeiter aus der deutschen Produktion. Trotz der massiven Kritik von Fachleuten ist Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) beim Ausschreibungsverfahren für EE geblieben - was den Ausbau der Windkraft praktisch auf Null gebracht hat. Keine Rede von Änderungen im Ausschreibungsverfahren, ganz zu schweigen von Info-Kampagnen für Klimaschutz mit Windkraft oder gar Arbeitsplatz-Rettungsprogrammen wie in fossilen Industriezweigen. Stattdessen wird die Abstandsregelung für Windräder verschärft auf mindestens 1000m, selbst von Bauerwartungsland (wo also noch gar keine Häuser stehen). Damit sinkt das Potential für Windräder onshore massiv.
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    54 Jahre nach der Empfehlung von US-Präsident Johnsons Expertenkommission, und nachdem viele internationale Top-Ökonomen (u.a. 27 Träger des Nobel-Gedächtnispreises) und Wirtschafts-Organisationen wie IWF und OECD sich dafür ausgesprochen haben, erwägt die CDU nach einem Sommer großer Fridays-for-future-Proteste endlich eine "Bepreisung" von CO2. Die GroKo beschließt für 2021 zunächst rekordverdächtig niedrige 10€ pro Tonne - ein Zehntel der Steuern in Schweden oder in der Schweiz), also nur einen Bruchteil der Expertenempfehlungen, die zwischen 50€ (IWF) und 180€ (UBA) liegen.

    Deutsche Nachtzug-Waggons gehen wieder in Betrieb, sogar grenzüberschreitend: allerdings nicht für die DB, sondern für die Österreichischen Bundesbahnen.
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    Frankreich nutzt seine Waggons lieber wieder selbst.
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    Die internationale Vereinigung der Fluggesellschaften IATA startet als Reaktion auf die Bewegungen Flugscham und Fridays for Future eine PR-Kampagne für das Fliegen. Fliegen sei völkerverständigend und immer effizienter geworden, und man würde die CO2-Emissionen teilweise kompensieren. Dass die Effizienzgewinne vom Wachstum der Branche weit überkompensiert wurden (Rebound-Effekt), und dass die Kompensationspotentiale begrenzt und ohnehin für eine Senkung anderer, unvermeidbarer oder vergangener Emissionen dringend benötigt werden, führt diese Aktion ad absurdum. Klassisches Greenwashing einer der klimaschädlichsten und vermeidbarsten Branchen.
    Mobilitätsforscher dagegen fordern als wirksamen Klimaschutz-Beitrag des Verkehrssektors eine schnelle, drastische Einschränkung des Flugverkehrs:

    • generell wo möglich Ersatz durch Videokonferenzen
    • Ersatz von Kurzstreckenfluglinien durch Schnell- und Nachtzüge
    • vollständiger Ersatz fossiler und pflanzenbasierter durch regenerative Treibstoffe (die allerdings nicht für die Individualmobilität verschwendet werden dürfen, weil es da Alternativen gibt)

    All diese Empfehlungen und auch die lauter werdenden Schüler-Klimaproteste halten die Bundesregierung nicht davon ab, die Kampagne der IATA werbewirksam auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz in Leipzig 2019 zu unterstützen. Das folgende Startbild des Videos im FAZ-Artikel zeigt Kanzlerin Merkel mit den Fachministern Altmaier und Scheuer und ist im Video mit großen, fetten Buchstaben unterlegt: "Umweltschonend, nachhaltig und wettbewerbsfähig".

    [Verknüpfung]
    Ein kritischer Kommentar aus der gleichen FAZ-Ausgabe ist überschrieben mit "Fliegen macht die Welt klein." Er zitiert eine ältere Kampagne aus 2016, für die der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft einen Film produziert hat mit der Botschaft "Fliegen ist das neue Öko", der nostalgisch-verächtlich mit den Stereotypen verkappter "Ökos" aus den 80ern spielt.
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    Nur einen Monat später wird der internationale Flugverkehr aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen extrem heruntergefahren, die Lufthansa erhält 9 Milliarden Soforthilfen und Konkurrenten klagen wegen Ungleichbehandlung. Anstatt die Chance für einen Umbau zu nutzen, wird die alte Struktur subventioniert.
    Verkehrsminister Scheuer prognostiziert für 2024 eine Rückkehr des Luftverkehrs auf das Niveau von 2019. Währenddessen kündigt Lufthansa eine Rückzahlung der Staatshilfen und Stellenabbau an.
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    Auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz 2021 kündigt Merkel "disruptive Vorgänge" in der Luftfahrt an - mit ganzen 2% P2L-Treibstoffen bis 2030. Disruption ist ein ökonomischer Fachbegriff, der das Verschwinden einer Technologie in kurzer Zeit bedeutet, bei Energie und Mobilität z.B. inerhalb von 10 Jahren. Entweder hat sie den Begriff Disruption nicht verstanden (was unwahrscheinlich ist), oder sie gebraucht ihn bewusst in grober Weise irreführend.
    [Verknüpfung] [Verknüpfung]
    Am 04.10.2021 wurde in Werlte überraschend von Umweltministerin Svenja Schulze persönlich eine Pilotanlage in Betrieb genommen, die auf die von Kanzlerin Merkel angekündigten Mengen hochskaliert werden soll, Betreiber ist das für CO2-Kompensation im Flugverkehr bekannte Unternehmen Atmosfair. Auch ein werbewirksamer Name wird an diesem Tag geprägt: E-Kerosin.
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    Die Kosten pro Liter liegen bei weit über 5€, und bei günstigem Strom kämen sie in absehbarer Zeit auch nicht weit unter 5€.
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    Dezember: 47 Jahre nach seinen epochalen Computer-Simulationen für den ersten Bericht des Club of Rome "The Limits to Growth" präsentiert das vielfach preisgekrönte Sloan-Institut am MIT EN-Roads, ein neues Simulations-Tool, das online jedermann zugänglich ist. Der Benutzer kann klimapolitische Weichenstellungen in 18 verschiedenen Einflussgrößen variieren und die MIT-Server berechnen in sofort die nach dem Stand der Wissenschaft zu erwartenden Einflüsse auf Atmosphäre und Temperatur.
    [Sterman 2019]

    Die COP25 werden von den klimaskeptischen Regierungschefs der USA und Australien blockiert. Kurz danach erlebt Australien schon zu Beginn der Brandsaison epochale Buschbrände mit bis zu 70m hohen Flammen.
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    Siemens beteiligt sich derweil an der Ausstattung einer neuen australischen Kohlemine.
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    Waldbrand-verhütende Leistungsschalter verkauft Siemens gleich mit dazu.
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    2020

    Wir schreiben 63 Jahre und +0,8°C nach Revelles eindringlicher Warnung vor der globalen Erwärmung.

    Januar: In Australien wurde das schon von Aborigines praktizierte Backburning (Abbrennen des Unterholzes), in den letzten Jahren vernachlässigt oder war witterungsbedingt unmöglich. Klimaskeptiker behaupten sogar, die australischen Grünen hätten sich dagegen ausgesprochen - eine komplette Verdrehung der Tatsachen. Dass die Buschfeuer in diesem Jahr alle Rekorde brechen, wird von ihnen v.a. auf diese Tatsache geschoben, und auf Brandstiftung. Sie ignorieren, dass die Temperaturen seit Jahren auf immer neue Rekordwerte steigen und der Regen Rekordminima erreicht. In diesem Jahr brennen sogar Regenwälder. Die giftigen Rauchschwaden ziehen bis Südamerika.
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    Während das Bureau of Meteorology zaghaft einen Zusammenhang zwischen den Feuern mit Temperaturerhöhung und Niederschlagsrückgang herstellt, tönt der fossilökonomistische Ministerpräsident Morrison von der Rücksichtslosigkeit der Klimaschützer.
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    BlackRock-Chef Larry Fink kündigt den Rückzug seiner Vermögensverwaltung - der größten der Welt mit der vielbeachteten Analyse-Plattform Aladdin - aus fossilen Investments an. Der ehemalige Deutschland-Chef von BlackRock, Kanzleraspirant Friedrich Merz, ist mit seinen vorher heftigen Angriffen auf Fridays for Future bemerkenswert zurückhaltend.

    Bei Maybrit Illner beschönigt Altmaier zuerst die katastrophalen Auswirkungen seiner Energiepolitik auf die Energiewende. Er spricht von einem PV-Boom, der von Experten jedoch auf das absehbare Ende der Förderung (PV-Deckel) zurückgeführt wird. Dann verteidigt er diese Politik mit der Rücksichtnahme auf Bürgerbewegungen. Süffisant verweist er auf die traditionelle Bedeutung von Bürgerbewegungen für die Grünen, verschweigt dabei aber geflissentlich seine engen persönlichen Kontakte und die seiner Mitarbeiter zur Windgegner-Szene.
    34' Altmaier: "Dann sollten Sie doch wenigstens so ehrlich sein zu sagen, dass wir einen Boom haben beim Ausbau der Photovoltaik. Und wir haben beschlossen als Koaltion wir schaffen diesen Deckel ab. Wir haben einen Boom beim Ausbau der Windenergie auf hoher See. Der Anteil des Stroms wird jede Woche, jeden Monat größer. [...] Wir sind eine Demokratie, wo uns gerade die Grünen gezeigt haben, dass es wichtig ist, mit den Menschen vor Ort zu reden, und sie haben Bürgerinitiativen zu allen möglichen Themen organisiert. Und damit müssen sie jetzt leben, dass sich Menschen bei Themen zu Wort melden, die ihnen vielleicht nicht ganz so genehm sind."
    [Illner 2020] 34'

    Februar:
    Antarktis: ein Eisberg von 300km2 Fläche bricht bei 18,3°C ab.
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    Die Temperaturen in der Antarktis erreichen sogar 20,75°C.
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    März:
    Weil ein Ende des Ölstroms noch lange nicht absehbar ist, steigt die Konfliktgefahr der Großmächte um die arktischen Ölreserven weiter an:
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    April:
    Obwohl er zwei Jahre lang heftig kritisiert wurde: der Photovoltaik-Deckel bleibt bestehen, und jetzt zeigt er Wirkung: immer mehr Planungen für PV-Anlagen werden aufgegeben oder gar nicht erst in Angriff genommen. Auch die Windkraft-Abstandsregelung bleibt restriktiv: die deutsche Energiewende bleibt blockiert.
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    Juni: Kurz vor dem drohenden Verschließen des PV-Deckels ringt sich die Große Koalition endlich durch, ihn abzuschaffen. Für viele PV-Installateure zu spät.
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    Der PV-Deckel wurde jedoch von Seiten der CDU als Druckmittel benutzt, um die Zustimmung der SPD für schärfere Windkraft-Abstandsregeln zu bekommen.
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    Offshore dagegen wird Windkraft zugelassen - da, wo sich keine Bürgerenergiegenossenschaften finden, sondern nur große Energiekonzerne.
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    16 Unternehmen des deutschen Finanzsektors mit 5,5 Billionen Euro Kapital vereinbaren gemeinsame Ziele zur Erreichung der Pariser Klimaziele.
    [Finanzsektor 2020]
    Während also Big Money mehr und mehr aus Angst vor Stranded Assets aus den fossilen Investments flüchtet, wirft Europa und allen voran Deutschland diesen irgendwann "faulen" Anlagen weiter frisches Geld hinterher, statt es in Zukunft zu investieren.
    [Investigate Europe 2020]

    3. Juli: Bundestag und Bundesrat beschließen den Kohleausstieg "spätestens 2038".
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    Fachleute betrachten einen wesentlich früheren Ausstieg zum einen als möglich, aber vor allem als klimapoltisch dringend geboten.
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    Die NGOs in der Kohlekommission fühlen sich betrogen.
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    Kommunale Energieversorger sehen sich im Nachteil gegenüber den großen Konzernen.
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    Angesichts der Preisentwicklung der Erneuerbaren Energien kann man das Gesetz getrost als Bestandsgarantie für Altanlagen ansehen, die in absehbarer Zeit unrentabel sein werden. Die unflexible Kohle-Grundlast kostet den Kunden jetzt schon viel Geld.
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    Das Gesetz, das Fridays for Future Deutschland als "Kohleeinstiegsgesetz" bezeichnet, sieht 4,35 Milliarden Euro Entschädigung für die Braunkohle-Konzerne RWE und LEAG vor, obwohl die rechtlichen Grundlagen dafür laut Regierungs-Gutachten nicht gegeben sind.
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    Unter diesen Bedingungen besteht gar kein Anspruch, sagte schon vorher ein Regierungsgutachten.
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    Die EU-Wettbewerbskommission unter Margrethe Vestager sieht die Entschädigung als staatliche Beihilfe, die möglicherweise gegen die EU-Beihilfevorschriften verstößt und prüft den Fall (Stand März 2021).
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    Mit den Entschädigungen für die Braunkohle-Industrie werden Begehrlichkeiten geweckt bei der seit Jahrzehnten in Abwicklung befindliche Steinkohle-Industrie, die ihren Brennstoff längst nicht mehr aus Deutschland, sondern aus teils prekärer Ausbeutung bezieht.
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    Allein die hohen Subventionen könnten EU-Strafzahlungen nach sich ziehen, ganz zu schweigen vom durchaus denkbaren Schadenersatz für Klimafolgen.
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    Der spanische 50%-Ausstieg aus der Kohlekraft 2020 aus wirtschaftlichen Gründen und die Pläne für einen 100% Ausstieg bis 2030 lässt für die Rentabilität deutscher Kohlekraft in den nächsten 18 Jahren nichts Gutes erwarten. Insofern kann man den Begriff "Kohle-Ausstieg" schon als Euphemismus für "Kohle-Bestandsgarantie" ansehen.
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    Die Folgeschäden durch Grundwasserabsenkung und Einstrom belasteter Tiefenwässer werden ebenfalls in der öffentlichen Debatte oft übersehen.
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    Im Dezember wird bekannt, dass ein Gutachten zurückgehalten wurde, das einen geringeren Bedarf für das rheinische Revier, eine Schonung der Dörfer im Abbaugebiet und weit geringere Emissionen vorsah.
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    Der VDI bezeichnet PV als "Joker der Energiewende" und hält Preise von 1ct/ kWh für möglich. Ein forcierter Umstieg auf elektrische Fahrzeugantriebe werde zudem den Synergieeffekt bei der Kostensenkung der Stromspeicher weiter verstärken und damit die Potentiale von PV zusammen mit Windkraft deutlich erhöhen.
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    Nur einen Monat nach dem Kohleausstiegsgesetz, am 5. August, räumt Peter Altmaier öffentlich ein, 15 Jahre im Klimaschutz "viel Zeit verloren" und "Fehler gemacht" zu haben, und es einen "enormen Nachholbedarf" gebe. In den nächsten Monaten müsse daher dafür gesorgt werden, "dass der Weg zur einer CO2-Neutralität unumkehrbar wird." Wie er zu diesem Sinneswandel gekommen ist, sagt er nicht. Zu der Zielvorstellung der CO2-Neutralität im Jahre 2050, die von der Fachwelt als viel zu spät kritisiert wird, äußert er sich jedoch auch nicht.
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    Die Netzbetreiber planen, die Nutzung von Eigen-PV-Strom unrentabel zu machen. Währenddessen bleibt die Zwangsabschaltung von zunächst 18.000 Altanlagen der Bürgerenergiewende in 2021, in den Folgejahren von hunderttausenden, weiter im Raum. Wirtschaftsminister Altmaier bleiben ganze drei Monate, um das zu verhindern.
    [Hirsch 2020]
    Am 20. August wird Greta Thunberg, genau zwei Jahre nach ihrem erstem Schulstreik, mit drei weiteren Aktivistinnen von Fridays for Future von Angela Merkel empfangen und äußert deutliche Kritik. Merkel verspricht "mehr Mut im Klimaschutz", und das Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten in der derzeitigen Form nicht zu ratifizieren.
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    Seit 1928 ist Standard Oil of New Jersey, Schwergewicht des Rockefeller-Öl-Imperiums, im wichtigsten Börsenindex der Welt, dem Dow Jones, aufgelistet. Nun wird die Nachfolgerin Exxon Mobil nach 40% Kursverlust ausgelistet.
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    September: der neue Ceneri-Tunnel am Gotthard würde einen durchgehenden Hochgeschwindigkeits- und Güterzugverkehr von den Nordseehäfen nach Italien ermöglichen. Wenn Italien und vor allem Deutschland nur endlich die Lücken schließen würden. Geplant ist der deutsche Lückenschluss 2035. Die ist dann aber immer noch nicht komplett hochgeschwindigkeits-tauglich.
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    33 Jahre nach Wallace Broeckers Warnung vor dem Abbrechen des Golfstroms erklärt Stefan Rahmstorf die wissenschaftlichen Indizien, dass dieser Kipppunkt in absehbarer Zeit eintreten wird, den neuesten Schätzungen zufolge gegen Ende des Jahrhunderts.
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    Verkehrsminister Scheuer probiert beim Corona-Auto-Krisen-Gipfel einen zweiten Anlauf für Verkaufs-Prämien ("Recycling-Prämie") für "saubere Verbrenner" und plädiert für Technologieoffenheit, denn es werde ja kräftig an erneuerbaren Treibstoffen geforscht.
    [Verknüpfung]
    Wirtschaftsminister Altmaier unterstützt die Greenwashing-Kampagne tatkräftig mit einem Umwelt-Etikett für neue Verbrenner, mit dem z.B. das Umweltministerium und erst recht die Umwelt-NGOs gar nicht einverstanden sind.
    [Verknüpfung]
    Sein Staatssekretär Thomas Bareiss mischt in der Diskussion wieder munter mit, bekommt aber auch die richtige Antwort:

    Fachleute können darüber nur den Kopf schütteln. Bis vor Corona bedeutete Technologie-Offenheit beim Verbrenner immerhin die ferne Aussicht auf CO2-neutrale Kraftstoffe nach dem P2L-Verfahren - auch wenn diese Option von Fachleuten angesichts des 6-7fachen Strombedarfs gegenüber Elektroautos als völlig unrealistisch angesehen wird. Coronabedingte Verkaufsprämien und grüne Etiketten für neue Verbrenner, für die selbst mittelfristig keine Chance auf genug P2L-Treibstoffe bestehen, kann man getrost als Subvention und Greenwashing für Technik bezeichnen, deren Klimaschädlichkeit dem Stand des letzten Jahrhunderts entspricht: der CO2-Ausstoß pro Liter Kraftstoff ist unabhängig von der Schadstoffklasse des Fahrzeugs, denn diese bezieht sich auf die Emissionen von Stickoxiden, die gar nicht relevant für die Klimawirkung sind. D.h. ein 40 Jahre alter Golf 1,6D stößt bei 5l Verbrauch pro 100km dieselbe Menge CO2 aus wie ein aktuelles Modell - nur die Fahrleistungen sind bei diesem Verbrauch geringer. Ein Schüler der Mittelstufe sollte das aus dem Chemie-Unterricht nachvollziehen können, dann sollten es auch die Berater eines Spitzenpolitikers.
    [Hajek 2020]

    Oktober
    Fatih Birol, seit 2015 Vorsitzende der Internationalen Energieagentur IEA, stellt persönlich den jährlichen World Energy Outlook vor und bezeichnet 2020 die Erneuerbaren als die wirtschaftlichsten Energien, Photovoltaik als "König der Energiemärkte".
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Das ist nicht weniger als eine Sensation, denn Fatih Birol stammt von der OPEC und hat die Weltwirtschaft jahrzehntelang pro Öl beraten; die IEA ist die Energie-Denkfabrik der OECD.

    Bis 2016 hatte die IEA die Potentiale der Erneuerbaren Energien regelmäßig kleingerechnet.
    Reality versus IEA predictions - annual photovoltaic additions 2002-2016.png
    By Auke Hoekstra, Maarten Steinbuch, Geert Verbong: Creating Agent-Based Energy Transition Management Models That Can Uncover Profitable Pathways to Climate Change Mitigation. Complexity 2017. - https://doi.org/10.1155/2017/1967645, CC BY-SA 4.0, [Verknüpfung]

    Allerdings kam der Sinneswandel nicht von einem Tag auf den anderen, Birol warnte die Fossilindustrie 2011 vor diesem Tag.
    [Wikipedia 2020 - Die 4. Revolution - OPEC-Connection: Ein Erdöl-Experte berät Regierungen]




    2021

    Februar

    Der Autohersteller überschlagen sich im Corona-Winter 20/21 mit Ankündigungen der Decarbonisierung. Jaguar verkündet das Ende der Produktion von Verbrenner-PKW für 2025, GM und Volvo für 2030, GM leichte Nutzfahrzeuge 2035, Ford für PKW am europäischen Markt ebenfalls 2030, Audi komplett 2035. Mercedes stellt eine Vorverlegung von 2039 um 5-9 Jahre in Aussicht.
    [Verknüpfung]
    Der US-Bundesstaat Texas wird von einer gigantischen Kaltluftblase getroffen, verursacht durch eine anomalen Rossby-Welle. Seit Jahren gelangen immer wieder extreme Kaltluftblasen weit in die Great Plains der USA, aber dieses Jahr ist ein neuer Rekord: die Infrstruktur, die nicht für Frost gebaut ist, bricht zusammen. Der Katastrophenfall wird ausgerufen. Man zählt 178 Tote und fast 200 Milliarden US-$ an Schäden.
    [Wikipedia 2021 - February 2021 North American Cold Wave]
    [Verknüpfung]
    Konservative versuchen das Desaster mit den Fehlern der Klimaschützer zu erklären: Windräder seien Schuld am Stromausfall und fossile Brennstoffe die einzige Lösung, so Gouverneur Greg Abbott in Fox News.
    [Verknüpfung]
    Der kanadische Observer dagegen erklärt den größeren Zusammenhang und stellt große Probleme der Welternährung in Aussicht.
    [Verknüpfung]
    Eine abgeschwächte Form des Phänomens verursacht den kältesten April seit 1977, was Klimaskeptiker wieder genüsslich für ihre Desinformation nutzen. Wenn die Rheinische Post zwar einen Klimaforscher zitiert, der diese Wetterlage nicht als Gegenbeweis für Klimawandel sieht, aber die Ursache nicht erklärt, leistet sie der Desinformation Vorschub, die in "sozialen" Medien grassiert.
    [Verknüpfung]

    Mit seinem Gesetzesvorhaben 2021 will der Ministerpräsident von NRW, CDU-Kanzlerkandidat Laschet, die Onshore-Windkraft-Potentiale seines Bundeslandes auf nahezu Null senken. Der Interessenverband LEE spricht von einem "Schlag ins Gesicht".
    [Verknüpfung]
    Gleichzeitig zerschlägt er mit der Energieagentur NRW eine wichtige Denkfabrik der Energiewende. Die Ersatz-Einrichtung in4climate umfasst nur ein Fünftel der Stellen - und das in einer Zeit, wo alle Welt von EE spricht. Chef wird ein Vertreter der Industrie: Ulf C. Reichardt von der IHK Köln, vormals beim Schwerindustrie-Konzern Thyssenkrupp.
    [Verknüpfung]
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    Die französische Forschungskooperation CEA Ines/ ENEL präsentieren eine neue PV-Technologie, die 25% und im Labor jetzt schon 29% Wirkungsgrad bringt: die Heterojunction-Technik.
    [Verknüpfung]
    Diese neue Generation macht die PV-Industrie in Europa wieder hoch profitabel, Eicke Weber, Ex-Chef des Fraunhofer ISE, empfiehlt staatliche Bürgschaften wie in den USA. Die Tandem-Technik werde in 5 Jahren eine weitere große Wirkungsgrad-Steigerung ermöglichen. Deutschland drohe den Anschluss zu verlieren, denn die Regierung verfolge eine einseitige Klientelpolitik der alten Industrie und versuche zu wenig, neuen Akteuren (green entrepreneurs) mittels Zukunfts-Anreizen per venture capital eine Chance zu geben.
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    April

    Der National Intelligence Council, das Beratungsgremium aller US-Geheimdienste beim Präsidenten, veröffentlicht alarmierende Prognosen für die nationale und internationale Sicherheit im Jahre 2040, wenn nicht sofort global mit Klimaschutz Ernst gemacht wird.
    [Verknüpfung]
    Er zeigt, dass es jetzt regelrecht brandgefährlich wird, wenn konservative PolitikerInnen weiter an ihrem Narrativ festhalten, genug für den Klimaschutz zu tun, und dass mehr wirkungslos oder gar schädlich wäre. Die faschistoide US-Politik der letzten Jahre, die im Sturm auf das US-Kapitol endete, sollte Warnung genug sein. Sollte Biden scheitern, droht Europa als letzter bedeutender demokratischer Motor im Klimaschutz zu verbleiben. Die europäische Zurückhaltung bei der Unterstützung Bidens ist deshalb grob fahrlässig.

    Die New York Times warnt in ihrer Besprechung des Berichts angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spaltung vor einem Scheitern des Klimaschutzes, Zitat (übersetzt): "Die Warnungen sind klar. Die eigentliche Frage ist, ob wir – die Regierung, die globalen Institutionen, unsere Gesellschaften – in einer Zeit, in der sich Staaten und Gesellschaften nach innen wenden und der politische Diskurs vergiftet worden ist, in der Lage sind, sie zu beachten."
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    Das Magazin Anthropocene geht auf die prognostizierten sozialen Risiken ein, die Klimaschutz gefährden; Zitat (übersetzt): "Unter den Trends, die die Geheimdienste beunruhigen: Fehlinformationen, Misstrauen, soziale Zersplitterung in widersprüchliche Identitätsgruppen, technologische Verlagerung von Arbeitsplätzen und Unterdrückung von Meinungsverschiedenheiten, von der Regierung unterstützte Konflikte sowie wirtschaftliche Ungleichheit und Verschuldung nehmen zu.
    Das Wachstum der globalen Mittelschicht, die Fortschritte bei der Bekämpfung von Armut und Krankheit sowie die Trends bei den Bildungsleistungen gehen zurück. Das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Rentnern, das Vertrauen in die Regierung, der Schutz von Minderheiten, das globale Demokratieniveau und die Presse- und Justizfreiheit sinken."
    [Verknüpfung]

    Am Earth Day, 22. April 2021, spricht Joe Biden von einer moralischen Verpflichtung zum Klimaschutz.
    Am 29. April, an Hermann Scheers 77. Geburtstag erklärt Biden dann seinen BürgerInnen nach den ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft seine Vision von einer Wiederherstellung des Mittelstands durch die Klimawende.
    Am selben Tag erklärt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Klimagesetz von 2019 nach Klage von KlimaschützerInnen in Teilen als verfassungswidrig. Es war damals als Klimapaket verkündet und von Klimaaktivisten als Klimapäckchen bezeichnet worden. Das Gericht stellt fest, das Gesetz verstoße gegen den Grundgesetz-Artikel 20a und bürde der nächsten Generation umso schwerere Pflichten auf, je weniger die jetzige zu schultern bereit sei - damit schränke es die Freiheiten der künftigen Generation zugunsten der jetzigen zu sehr ein; Zitat:

    "Das Grundgesetz verpflichtet unter bestimmten Voraussetzungen zur Sicherung grundrechtsgeschützter Freiheit über die Zeit und zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen. Subjektivrechtlich schützen die Grundrechte als intertemporale Freiheitssicherung vor einer einseitigen Verlagerung der durch Art. 20a GG aufgegebenen Treibhausgasminderungslast in die Zukunft. Auch der objektivrechtliche Schutzauftrag des Art. 20a GG schließt die Notwendigkeit ein, mit den natürlichen Lebensgrundlagen so sorgsam umzugehen und sie der Nachwelt in solchem Zustand zu hinterlassen, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit weiter bewahren könnten.
    Die Schonung künftiger Freiheit verlangt auch, den Übergang zu Klimaneutralität rechtzeitig einzuleiten. Konkret erfordert dies, dass frühzeitig transparente Maßgaben für die weitere Ausgestaltung der Treibhausgasreduktion formuliert werden, die für die erforderlichen Entwicklungs- und Umsetzungsprozesse Orientierung bieten und diesen ein hinreichendes Maß an Entwicklungsdruck und Planungssicherheit vermitteln. [...]
    Der Staat kann sich seiner Verantwortung nicht durch den Hinweis auf die Treibhausgasemissionen in anderen Staaten entziehen. [...]
    Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind."
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    In der Zeit wird bei dieser Gelegenheit noch einmal ausführlich über den Begriff der Freiheit reflektiert, der in letzter Zeit in diesem Zusammenhang so oft überstrapaziert worden ist.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Von allen Seiten (außer der AfD) gibt es Applaus - selbst von Seiten der Politiker, die für das verfassungswidrige Gesetz direkt oder indirekt verantwortlich sind.

    Scholz (SPD): "Lieber Kollege @peteraltmaier, nach meiner Erinnerung haben Sie und CDU/CSU genau das verhindert, was nun vom Bundesverfassungsgericht angemahnt wurde. Aber das können wir rasch korrigieren. Sind Sie dabei?"
    [Verknüpfung]
    Altmaier (CDU): "Ich kann mich gar nicht erinnern, dass die Kollegin Schulze überhaupt jemals in diesem Prozess auf mich persönlich zugekommen ist, weil die wesentlichen Weichenstellungen im Koalitionsausschuss unter Anwesenheit des Vizekanzlers und auch der SPD-Partei und Fraktionsführung verhandelt und beschlossen worden sind."
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    Das Hin- und Herschieben der Verantwortung erweckt nicht den Eindruck einer visionären, konsequenten und aufrechten Politik. Altmaier beschuldigt die Umweltministerin Schulze - als könnte diese auch nur einen Federstrich ohne Zustimmung der Klimaskeptiker in der CDU machen. Die umweltpolitische Sprecherin Marie-Luise Dött ist da deutlicher, nur wird sie kaum wahrgenommen: "Ich habe nicht den Eindruck, dass beim Klimaschutz was fehlt".
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    Es sei, so Dött, "für den heutigen Gesetzgeber beinahe unmöglich, bereits zehn Jahre im Voraus sektorscharfe Emissionsreduktionen und Klimaschutzmaßnahmen zu beschließen". So wie sie es vor 10 Jahren "sehr, sehr einleuchtend" fand, als US-Top-Klimaskeptiker Fred Singer bei einer Bundestags-Anhörung der Klimaforschung die Fähigkeit zu Klimaprognosen absprach. Aber 19 weitere Jahre Kohlekraft waren 2019 kein Problem für sie.
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    Disruption in der Politik - das ist gefährlich. Man hätte sie vermeiden können, indem man die Energiewende vorangetrieben, die PV-Industrie nicht der Auto-Exportpolitik geopfert und die Elektromobilität gefördert hätte. Langfristige Bindungen wie der Kohle-"Ausstieg", GAP, Nordstream 2 oder ECT berauben uns jetzt einfacher Handlungsoptionen für den unverzichtbaren Klimaschutz.

    125 Nobelpreis-Träger veröffentlichen auf dem Nobelpreisträger-Treffen eine Forderung nach sofortigen, durchgreifenden politischen Reformen für den Schutz von Klima und Biosphäre.
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    Mai

    Über Deutschland treffen (nicht zum ersten Mal in einem Klimakrisen-Frühjahr) wochenlang polare auf feuchtwarme Luftmassen und verursachen Starkregen, Hagel und Gewitter. Auch das veranlasst Klimaskeptiker wieder zu einem Versuch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

    Nach dem deutlichen Preissignal für PV im letzten Herbst fordert die IEA jetzt das Ende weiterer Investitionen in fossile Energien. Die Experten warnen jetzt offiziell vor stranded assets (gestrandeten Geldanlagen), und prognostizieren einen baldigen Rückgang der unkonventionellen Ölförderung. Diese werde durch einen Preisverfall unrentabel, und die konventionelle sei konkurrenzfähiger. Die globale Energiewende sorge für viele Millionen von Arbeitsplätzen.
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    Nach der Verurteilung zu Schadensersatz für Opfer der nigerianischen Ölförderung im Januar muss der Ölkonzern Shell ein weiteres Urteil eines niederländischen Gerichts hinnehmen. Er wird verurteilt, bis 2030 für eine 45%-Reduktion der CO2-Emissionen von 2019 zu sorgen - auch bei seinen Konsumenten.
    Am selben Tag werden bei Chevron Regeln zur Reduktion der CO2-Emissionen beschlossen, und in den Vorstand von Exxon werden gegen den Widerstand des Vorstandsvorsitzenden Darren Woods zwei Klimaschutz-Aktivisten gewählt, auf Betreiben des Vermögensverwalters BlackRock.
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    Juni

    Der EuGH verurteilt Deutschland wegen Gefährdung der Bevölkerung durch Stickoxide.
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    Der Dieselskandal hatte die deutschen Autohersteller in den USA zig Milliarden gekostet. In Deutschland löste er wenig mehr aus als einen Schutzreflex der Politik gegen negative Konsequenzen für die Industrie. Im Gegenteil, mit einer Abwrackprämie wurden viele Kunden motiviert, vom Diesel auf einen Benziner umzusteigen statt auf ein elektrisches Auto. Obwohl die Diskussion der Technologie bei Experten längst pro Akku-Auto abgeschlossen war, tat eine unnötige Technologieoffenheits-Debatte ihr Übriges dazu, die Kunden vom Elektroauto abzuhalten. Die Stickoxid-Belastung stieg weiter - bis zum pandemiebedingten Lockdown auch der Diesel-PKW in der Corona-Krise.

    Die von der Strompreis-Kampagne bekannte INSM betreibt die 10-Verbote-Religionskampagne, in der sie die üblichen Ängste vor Freiheitseinschränkungen schürt: Annalena Baerbock wird in einem jüdisch anmutenden Gewand mit 2 Steintafeln präsentiert, auf denen 10 denkbar stereotyp formulierte Verbote notiert sind - eine Anspielung auf die jüdischen 10 Gebote.
    Die INSM nutzt den Ärger über die erratische Corona-Verbotspolitik der Regierung und lenkt ihn geschickt um auf die Grünen. Dabei nutzt sie antisemitische Motive, die bei Verschwörungstheorien in der Corona-Krise oft zu hören waren, erklären u.a. der Politologe Michael Koß, der baden-württembergische Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume und die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch.
    Auch wenn manche Konservative dem INSM beispringen und Moses für alle drei monotheistischen Religionen vereinzunahmen versuchen, um so dem Vorwurf des Antisemitismus zu widersprechen: dieser Darstelung widersprechen katholische Medien und äußern sich kritisch.
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    Von überall außer rechts kommt heftige Kritik - nur aus der CDU kommt sie eher verhalten. Dort wird immer wieder mit zweierlei Maßen gemessen, wenn es um Antisemitismus geht.
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    Kurz darauf spricht auch CDU-Parteisekretär und Liminski-Freund Paul Ziemiak von Antisemitismus. Allerdings nicht im Zusammenhang mit dem INSM, sondern als Carolin Emcke (Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2016) auf dem Grünen-Parteitag vor der Verunglimpfung von Klimaschützern warnte, weil sie dabei einen Vergleich mit der von Minderheiten und politisch Andersdenkenden in Nazi-Deutschland gezogen hat.
    Ziemiak empört sich heftig auf Twitter: "Das ist eine unglaubliche + geschichtsvergessene Entgleisung auf dem Parteitag der @Die_Gruenen. Ich erwarte von @abaerbock dazu heute absolute Klarheit! Beim Thema Antisemitismus darf es keinen Raum für Interpretation geben. Da gibt es nur Klartext!"
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    Viele Konservative stimmen ein, z.B. Bild, die Welt oder Julia Klöckner.
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    Doch der einzige nennenswerte Experte, der Emcke öffentlich kritisiert, ist Elio Adler von der Jüdischen Werteinitiative, der sich in Bild äußert: "Berechtigte Klimaanliegen zu verteidigen, indem man die Opfer jahrhundertelanger Verfolgung und Mordtaten instrumentalisiert, ist völlig inakzeptabel".
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    Dass Emckes Zitate völlig aus dem Zusammenhang gerissen und die Vorwürfe konstruiert sind, wird z.B. im Spiegel erklärt.
    Der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir lenkt dennoch ein: "Unsere Demokratie wird von vielen Seiten bedroht. Das hat Carolin Emcke in ihrer Rede sehr deutlich gemacht. [...] An einer Stelle war das aber in der Rede unglücklich formuliert. Vergleiche mit dem Hass, dem Menschen jüdischen Glaubens ausgesetzt sind, sind nicht angemessen."
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    Özdemirs Einlassung wäre gar nicht nötig gewesen, denn Ziemiak hat schließlich nach massivem Gegenwind aus der jüdischen Gemeinschaft seine Vorwürfe zurückgezogen.
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    Offensichtlich war Ziemiak und Klöckner keine Konstruktion zu abenteuerlich, um den Antisemitismus-Vorwurf für eine Verunglimpfung des Gegners zu instrumentalisieren. Sie demonstrieren offensiv eine Empfindlichkeit für Antisemitismus, die ihnen anderswo jedoch schmerzlich fehlt: von allen bedeutenden Beobachtern wird das Ferment des INSM gegen die Grünen klar als antisemitisch bezeichnet, doch die CDU-Parteispitze lässt es unkommentiert gären. Es irritiert doch sehr, dass man dort bisher kein einziges Wort darüber verloren hat. Das überlässt man dem weitgehend unbekannten CDU-Bundestagsabgeordneten Matthias Hauer, der forderte, die INSM solle ihre Kritik "sachlich-fundiert darlegen und nicht so armselig-plump". (Hauer ist im Bundestag Mitglied im Finanzausschuss, sowie im Ausschuss Digitale Agenda; in anderen Ausschüssen ist er stellvertretendes Mitglied.)
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    [Wikipedia 2021 - Matthias Hauer]
    Das ist nicht das einzige Beispiel für verzerrte Maßstäbe des Generalsekretärs der CDU, die sich gern als Partei von "Maß und Mitte" versteht, für Antisemitismus. Zur Bundestags-Kandidatur von Hans-Georg Maaßen, der u.a. wegen seiner verharmlosenden Äußerungen zu rechtsradikalen Straftaten in Chemnitz in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde, und der immer wieder offen antisemitische Codes von Rechtsextremen verbreitet, sagte Ziemiak jüngst noch zu Bild: "Herr Maaßen ist keine wichtige Frage für Deutschland".
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    Ende Juni kommt es zur Verabschiedung der Gemeinsamen Agrarpolitik (eines 400 Milliarden Euro schweren 7-Jahres-Plans) CAP durch den Europarat, in der sich wieder die Agrarindustrie durchgesetzt hat. Der ursprüngliche Vorschlag des EU-Parlaments, in dem die Grünen "aus irgendeinem Grund" stark vertreten sind, hatte die jahrzehntelang angekündigten ökologischen Reformen auf den Weg gebracht. Doch bei den Beratungen der Mitgliedstaaten im Europarat über diese Vorlage hat sich die Agrarlobby wieder durchgesetzt, besonders auf Betreiben der deutschen Fachministerin Julia Klöckner (CDU).
    Die Verbände für Umweltschutz und ökologische Landwirtschaft protestieren unisono.
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    Der Protest wird untermauert durch das vernichtende Gutachten einer breit angelegten Expertenkommission, die die Bundesregierung selbst 2019 zu einer Einschätzung beauftragt hat, die Zukunftskommission Landwirtschaft. Uwe Jahn von SWR2 findet die Einstimmigkeit der Experten bemerkenswert.
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    Die Ergebnisse sollen als Richtschnur der Koalitionsverhandlungen nach den Bundestagswahlen im Herbst dienen, und stehen im diametralen Gegensatz zur CAP, das wie gesagt bis 2027 gilt. Noch kann das EU-Parlament ein Veto einlegen; doch dann beginnen die ohnehin schon um ein Jahr verlängerten Verhandlungen von vorn.
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    Juli

    In Eifel und Ardennen kommt es zur größten deutschen Flutkatastrophe der Neuzeit, in Deutschland werden über 180 Menschen getötet.
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    August

    Die Attributionsforscher der Arbeitsgruppe World Weather Attribution präsentieren am 24.08. den Abgleich der Flutkatastrophen-Daten mit ihren Klima-Simulationen (mit und ohne Klimawandel). Die Wahrscheinlichkeit für das Ereignis ist mit dem Klimawandel demnach signifikant gestiegen. Aus einem 2000-Jahre-Ereignis wurde ein 400-Jahre-Ereignis.
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    Bequeme Mythen gegen eine unbequeme Wahrheit

    Von Händlern des Zweifels und von Opfern ihres Glaubens

    Inhalt

    Wie konnte es nur so weit kommen?
    Die Bedeutung von CO2 als Treibhausgas wurde 1856 entdeckt, und die Prominenz eines der Entdecker Tyndall machte die Entdeckung in der Royal Society und damit in Fachkreisen auf der ganzen Welt bekannt.
    Der Chemiker und Nobelpreisträger Arrhenius schätzte 1896 recht gut das Erwärmungs-Potential ab.
    Die ersten Warnrufe vor gefährlichen Folgen kamen immerhin schon in den 50er Jahren, und das, obwohl gerade die Erwärmung stagnierte.
    Die Grundlagen für die erneuerbaren Energien sind seit Jahrzehnten bekannt.
    Die Geologie weiß, dass fossile Rohstoffe endlich sind.
    Die Ökonomie weiß, dass die Abhängigkeit von Fossilbrennstoffen ein hohes Risiko darstellt; und dass Geld sich nur solange selbst vermehrt, bis es in einer Krise entwertet wird.
    Historiker wissen, dass an Geldkrisen nur Menschen zu Schaden kommen, wenn die Politik zu lange die Interessen der Besitzenden vertritt; und dass Ressourcenkrisen Zivilisationen zu Fall bringen.

    Der Schweizer Solarthermie-Pionier Josef Jenni brachte es schon vor vielen Jahren auf den Punkt:
    "Sind wir nicht alle energiesüchtig?
    Ein Süchtiger...

    • braucht immer mehr Stoff.
    • verkennt die Probleme.
    • lebt nur für das Heute.
    • wird in der Not unberechenbar.
    • sucht mehr oder weniger zweifelhafte Ersatzstoffe.
    • nimmt auch die eigene Zerstörung in Kauf.
    • kann brutal ausgenutzt werden.
    • kann mit einem Kraftakt von seiner Sucht frei werden.

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    Die ökologischen Krisen werden begleitet von einer latenten Verteilungskrise. Während die Bewahrung der überlebensnotwendigen Ressourcen de facto als unnötiger Luxus dargestellt wird ("nice to have - geht aber gerade leider nicht"), wurden für die Abwendung der Geldentwertung nach der Subprime-Krise riesige Ressourcen mobilisiert - die das Problem zwar aufschieben, aber auch zusätzlich verschärfen. Die das Geld haben, sorgen nicht nur dafür, dass sie immer mehr davon bekommen - sie sorgen vor allem dafür, dass es seinen Wert behält. Deshalb muss auch während der Coronawelle die Wirtschaft weiterlaufen - sonst fallen Renditen aus, und dann Terminfinanzierungen, dann Banken.
    Wissenschaftsleugnung wird bezahlt von Investoren, und sie hat eine lange Tradition.

    Nachdem die Skeptiker des Krebsrisikos durch Tabak endlich widerlegt waren, haben diese ihre Skepsis gegen die Wissenschaft um FCKW und anthropogenes CO2 gerichtet. Die nächste Generation übernahm die Leugner-Staffel von den Klimaskeptikern und macht jetzt nahtlos mit Attacken gegen die Artenschützer weiter.
    Und immer wenn eine Erkenntnis um eine drohende Katastrophe sich durchgesetzt hat, werden neue Behauptungen aufgestellt, die die öffentliche Meinung gegen eine nachhaltige politische Lösung des Problems aufbringen soll - ein Ende des nicht-nachhaltigen Geschäftsmodells.
    Diesen PR-Agenten ging es von Anfang an nicht um Wissenschaft, sondern nur um professionelles Leugnen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, die finanziellen Interessen entgegenstanden - und die Öffentlichkeit erkennt es immer noch nicht. Der Liberalismus der westlichen Demokratien ist vor allem auf die Steigerung von Wirtschaftsmacht zugeschnitten. Sie erweisen sich deshalb noch als unfähig, diesen nachweislichen Lügnern und Verführern die Aufmerksamkeit zu verweigern, oder diese wenigstens hinterher zur Verantwortung zu ziehen.


    Eine Lüge kann ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn sie hingenommen wird.
    Michael Johanni

    Deshalb ist es den Fossilökonomisten so unglaublich leicht, Lügen, Halbwahrheiten und Mythen (von denen sie immerhin mitunter selbst überzeugt sind) über Biosphären- und Klimaschutz verbreiten zu können. Der Trumpismus in den USA zeigt uns, wohin die Vernachlässigung des öffentlichen Bildungs- und Mediensektors führt: in die Wahrhaftigkeitskrise, wo nur noch die Meinung der Lautesten zählt, der Nationalisten.
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    Man denke nur an Trumps Pressekonferenz in Kalifornien während der verheerenden Waldbrände 2020: "It’ll start to get cooler. You just watch. [...] I don’t think science knows."
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    In der Corona-Krise wurden die krassen Dimensionen dieses Problems in den USA offenbar: dort sind die Corona-Skeptiker nicht nur eine kleine Minderheit wie bei uns. Trumps unglaubliche Behauptungen über die Harmlosigkeit des Virus - deren mangelnden Wahrheitsgehalt er im Gespräch ausgerechnet mit der Investigativ-Ikone Bob Woodward selbst einräumte - oder über die Behandlungsoptionen - "Desinfektionsmittel intravenös" - haben das Wahlergebnis 2020 nicht bis in den tiefsten Keller sinken lassen - wie man es bei den horrenden Sterberaten eigentlich erwartet hätte.
    Woodwards Enthüllungen hatten Präsident Nixon zu Fall gebracht. Er hat mit seinem Buch Rage sicher dazu beigetragen, dass Trump die Wahl verloren hat. Am Ende des Buchs steht ein Satz, der für einen ausgewogenen Journalisten wie Woodward untypisch ist: "Der Präsident ist der falsche Mann für den Job." Dafür, dass Trumps unterirdische Qualitäten so schonungslos offengelegt wurden, war das Ergebnis erschreckend knapp.
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    Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.
    Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt.
    Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.
    Dietrich Bonhoeffer
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    Selbst deutlich erkennbare rassistisch-totalitäre Tendenzen nehmen Trump-Wähler in Kauf, ja sie integrieren sie als Teil ihres Clandenkens. Weltweit sind Populisten auf dem Vormarsch, die häufig einen fossilökonomistischen Hintergrund haben. Bei fortschreitender Verschiebung des Sagbaren kommt es zu Auswüchsen der Lüge, wie wir sie bei Trump in den USA gerade sehen konnten.
    Auf seine typisch amerikanisch-rustikale, aber bewegende Art ruft Arnold Schwarzenegger seine Landsleute auf, Trump für den Sturm aufs Kapitol zur Verantwortung zu ziehen. Der Parteifreund und Ex-Gouverneur von Kalifornien erklärt aus der Geschichte seine Österreicher Vorfahren, wie Faschismus entsteht und vergleicht damit die Entwicklung der letzten Jahre unter Trump. "Es begann mit Lügen."
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    Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert.
    Hannah Arendt

    Anlässlich der Joe Bidens Bilanz nach 100 Tagen Präsidentschaft urteilt die Washington Post über die Krise des Neoliberalismus, die unter Trump ihren vorläufigen Höhepunkt fand: "For a generation, the unfair distribution of rewards in the American economy has been our glaring weakness. It crushed the middle class and fueled the bizarro billionaire populist crusade of Donald Trump, who nearly wrecked our politics." ("Seit einer Generation ist die unfaire Verteilung der amerikanischen Wirtschaftskraft eine eklatante Schwäche. Sie hat die Mittelklasse zerschlagen und einen bizarren populistischen Kreuzzug der Milliardäre angeheizt, der in der Präsidentschaft Trumps gipfelte und das Land fast ruiniert hätte.").
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    Es ist kein Wunder, dass fast alle Konflikte im Ölzeitalter einen mehr oder weniger ausgeprägten Bezug zur Abhängigkeit vom Öl haben (i.w.S. also auch die Klimakrise), die Josef Jenni als Sucht bezeichnet.
    Es ist bekannt, dass Gewinnung und Verbrennung von Öl und Gas neben dem zunehmenden Treibhauseffekt noch weitere ökologische Krisen verursacht. Doch weil die Lenkung des Ölstroms das wichtigste Herrschaftsinstrument des 20. Jahrhunderts war, blieb es bis heute dabei.
    [Rohner 2016]
    Falls die menschliche Zivilisation all diese ökologischen Krisen überlebt, wird man versuchen, aus dieser fatalen Fehlentwicklung Lehren zu ziehen. Die Emanzipation vom Öl ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine Chance für Energiesouveränität und internationale Kooperation.

    Der Klimaforscher Michael Mann fasst die Klima-Desinformation in den USA zu D-Words zusammen; all diese Strategien findet man mehr oder weniger 1:1 in Deutschland:

    [Verknüpfung]

    Die allgemeinen Methoden der Wissenschaftsleugnung werden seit Jahrzehnten verfeinert; dazu betreibt der australische Kognitionspsychologe John Cook seit 2007 die Internet-Seite scepticalscience.com. Er entwickelte die Formel F-L-I-C-C (Fake Experts, Logical Fallacies, Impossible Expectations, Cherry Picking und Conspiracy Myths), deutsch: P-L-U-R-V (Pseudo-Experten, Logik-Fehler, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei sowie Verschwörungsmythen).


    [Verknüpfung]

    2020 wurden die Desinformations-Kampagnen gegen Klimaschutz in Cambridge wissenschaftlich untersucht:
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    Eine Besprechung der Studie:
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    Aus der Studie machte Céline Keller einen sehr gehaltvollen Comic, der vom Berliner Klimaforschungsinstituts MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) herausgegeben wurde:
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Die Zusammenfassung der Methoden auf einen Blick steht am Ende des Comics:

    CC-BY-NC-ND Céline Keller 2021

    Die wesentlichen Punkte der Studie wurden schon vorher in einem Poster von klimafakten.de ansprechend veranschaulicht.


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    Bei klimafakten.de gibt es auch ein interaktives Quiz zum Thema.
    [Verknüpfung]

    Viele der Desinformations-Methoden aus der Studie werden in diesem Kapitel über Mythen noch erläutert.

    Armin Laschet musste sich bisher nicht als Klimaskeptiker outen, er konnte fossile Politik machen, ohne sich vor einer klimasensiblen Wählerschaft rechtfertigen zu müssen. Bis zum Druck der Flutkatastrophe in der Nordeifel 2021, als er sich zuerst gegen, dann wieder für, dann wieder gegen mehr Klimaschutz aussprach. Wobei die Frage ist, wo man bei seiner Politik überhaupt Elemente finden kann, die mit dem Pariser Abkommen vereinbar wären.
    [Verknüpfung]
    Im Umgang mit der Corona-Krise wurde jedoch seine höchst problematische, ideologisch begründete Einstellung zur Wissenschaft deutlich: Wissenschaft ist für ihn Mittel zum Zweck.







    Noch einmal die Frage: Wie konnte es nur so weit kommen?

    Antwort: durch die Behauptungen der selbst ernannten Klimaskeptiker und Klimaschutz-Gegner - denen ein zu großer Teil der Öffentlichkeit allzu willfährig Glauben schenkte und teils immer noch schenkt, auch wenn die Wahrheit sich jetzt endlich herumspricht.
    [Probst 2017]


    Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
    Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!
    Bertolt Brecht - Das Leben des Galilei, Szene 9

    Manche (Laien) taten dies aus innerer Überzeugung, andere aber auch bewusst, wider besserer (z.T. sogar selbst erworbener) wissenschaftlicher Erkenntnisse: Exxon beschäftigte seit den 60er-Jahren Klimaforscher, deren Erkenntnisse zunächst veröffentlicht, irgendwann jedoch nur noch intern genutzt wurden. 1977 und 1984 z.B. gab es dort Prognosen der Erwärmung, die von der Realität heute bestätigt werden.
    Die Non-Profit-Presseorganisation insideclimatenews brachte die internen Papiere 2015 heraus.
    [Verknüpfung]
    Sie hat die ganze Geschichte der Rolle des Exxon-Konzerns in der Klimadebatte ausführlich dokumentiert.
    [Banerjee 2015]

    Es begann in den USA in den 80er Jahren. Die demokratische Abgeordnete Alexandria Occasio-Cortez befragt 2019 dazu in einem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses die damaligen Mitarbeiter von Exxon Dr. Ed Garvey und Dr. Martin Hoffert. Sie belasten ihren ehemaligen Arbeitgeber schwer, über die Gefahren der CO2-Emissionen aus erster Hand informiert worden zu sein, und dennoch am fossilen Geschäftsmodell festhielten.

    [Verknüpfung]

    Nicht nur Pulitzer-Preis-nominierte Internetportale und Gerichte beschäftigen sich mit Exxons Medienkampagnen, sondern auch Sozial- und Geschichtswissenschaftler.
    [Supran 2017] (Open Access)
    [Brulle 2019], Zusammenfassung bei:
    [Verknüpfung] (Volltextsuche: Brulle)

    Die professionellen Klimaskeptiker betrieben ihr Geschäft mit großer jahrzehntelanger Vorerfahrung. Veteranen wie Frederic Seitz oder Fred Singer lernten ihr Handwerk der Verbreitung wissenschaftlicher Falschbehauptungen über Rauchen, FCKW, Giftmüll und Sauren Regen.
    [Wikipedia 2019 - SEPP]
    [Wikipedia 2019 - Frederick Seitz]
    [Wikipedia 2019 - Fred Singer]
    Das ist nicht verwunderlich, denn es gab intensive Verbindungen zwischen Öl- und Tabakindustrie.
    Das Haupt-Instrument für wissenschaftsleugnende Kampagnen war und ist Statistik. Der Mathematiker Theodor Sterling rechnete als erster 1964 die Nachweise der Schädlichkeit von Tetraethylblei schlecht. Später beriet er die Tabakindustrie bei ihren Kampagnen gegen die Schädlichkeitsnachweise von Tabakrauch. Es ging darum, bei Politikern und ihren Wählern genügend Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu wecken.
    [Verknüpfung]

    Seitz gab für den Film "Merchants of Doubt" ein äußerst aufschlussreiches Interview; hier ein Auszug aus den deutschen Untertiteln:

    "Fred Seitz war einer der wichtigsten US-Physiker des 20. Jahrhunderts. Er war Präsident der U.S. National Academy of Sciences. Aber jetzt griff er plötzlich Wissenschaft und Wissenschaftler an. In Bereichen, in denen er kein Experte war. Warum sollte so ein Mann die Arbeit seiner Kollegen in Frage stellen?
    Es stellte sich heraus, dass Seitz für den Tabakkonzern R.J. Reynolds gearbeitet hatte [zu einem] Jahreshonorar von $65.000."
    Seitz: "Die Schuld am Rauchen liegt bei den Rauchern. Wenn sie Zigaretten kaufen, ist es ihre Schuld."
    Oreskes: "Aber Sie wissen, dass in den 1960ern der Tabakkonzern eindeutig sagte, dass es keine Verbindung gäbe."
    Seitz: "Wenn die Leute das glauben wollten, war das ihr Fehler."
    Oreskes: "Aber war es nicht politisch von Seiten der Tabak-Konzerne?
    Seitz: "Sie wollten den Umsatz aufrechterhalten."
    Oreskes: "War es unverantwortlich von den Tabakkonzernen?"
    Seitz [holt tief Luft und bläst sie aus:] "Es war unverantwortlich von den Rauchern."

    Im Film "Merchants of Doubt" sieht man auch, wie der Klimaskeptiker Marc Morano im Interview mit den Fähigkeiten prahlt, die er als Hausierer und Klatschspalten-Reporter beim ultrakonservativen Fernehshow-Moderator Rush Limbaugh erworben hat. Damit qualifizierte er sich 2006 als Kommunikationsstratege beim republikanischen Senator Inhofe, der sich gegen Al Gores Klimaschutz-Kampagne (populär durch den Film "eine unbequeme Wahrheit") in Stellung brachte, und seine konservative Partei nach Al Gores erfolgreicher Kampagne pro Klimaschutz wieder zur Klimaskeptiker-Partei machte.
    Die großzügigen Industriespenden an Inhofe und Mitstreiter sind belegt, auch aus Europa. In einer der Payrolls übertreffen Bayer und BASF sogar den Fossilgiganten Koch Industries.
    [Verknüpfung]


    (leider nur sehr kurze) Videoausschnitte aus dem Film "The Merchants of Doubt" mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers Merchants of Doubt, LLC, USA. Der Film ist erhältlich als DVD und als Stream bei Google Play Store, Maxdome, Rakuten TV, Apple iTunes Store und Amazon.

    Solche irritierend offenen Interviews der Täter machen den Film zu einem Zeitdokument, das die subversiven Strategien der Meinungsmanipulation und der aggressiven Einschüchterung von Klimaforschern aufdeckt.

    Das Buch zum Film war ein Sachbuch-Bestseller von Naomi Oreskes und Eric Conway aus dem Jahr 2010. Es wurde in deutscher Übersetzung von Wiley (vormals Verlag Chemie), einem renommierten akademischen Fachbuchverlag, veröffentlicht unter dem Titel "Die Macchiavellis der Wissenschaft".

    Vielleicht kann dieser Vortrag der Autorin und Erzählerin im Film Interesse wecken.

    Oreskes bekam 2016 zusammen mit Ex-Energieminister Steven Chu den Stephen Schneider Award; bei der Preisverleihung gaben die beiden ein bedenkenswertes Interview.
    [Verknüpfung] (incl. Transkript)

    Im ersten Moment schockiert es, nimmt aber dann nicht weiter Wunder, wenn man den Klimaskeptiker Morano in David Attenboroughs BBC-Dokumentation "Extinction - the Facts" bei einer Anhörung angesehener Biodiversitäts-Forscher im Repräsentantenhaus als Skeptiker wiedersieht. Morano wurde vom republikanischen Wahlkampfhelfer zum Hausierer zum Klatschspaltenreporter, von da zum Klima- und schließlich zum Artenschutz-Experten. Seine Qualifikation: er wird von der republikanischen Partei zum Klima- oder eben Artenschutz-Experten gekürt, und dann in den PR-Nahkampf und sogar in Anhörungen höchster politischer Gremien geschickt. Er setzt sich dort schamlos neben Kapazitäten ihres Fachs, die sich ihre wissenschaftlichen Lorbeeren in jahrzehntelanger Arbeit verdient haben, und die aus dem Kreis der Besten für diese extrem wichtige Aufgabe bestimmt wurden, und verlangt gleichberechtiges Gehör. Für mich ein Skandal sonder Gleichen.


    [Verknüpfung]

    Nicht im Interview, sondern in einem Gespräch mit Greenpeace-Aktivisten, die sich als Bewerber ausgaben, legen Ölmanager von Exxon ihre Kontakte, u.a zu Trump, und ihre Strategie des Lobbyismus offen.
    [Verknüpfung]

    Ein großer Zeit-Artikel aus 2012 beleuchtet sehr gut Moranos Machenschaften und seine Ausstrahlung nach Deutschland. Auch die bekannte Klimaskeptiker-Denkfabrik EIKE arbeitet eng mit Morano zusammen.
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    Die Einflussnahme auf den Wissenschaftsjournalismus war im angelsächsischen Raum derart offensichtlich, dass die BBC im September 2018 eine Richtlinie bekanntgab, "derzufolge es für eine ausgewogene Berichterstattung keine Stimmen brauche, die den menschengemachten Treibhauseffekt leugnen".
    [Verknüpfung]
    Ähnliche Richtlinien gibt es wohl auch auf dem europäischen Festland, und deshalb müssen Fossilökonomisten hierzulande in den Leitmedien etwas subtiler vorgehen.

    Die ARD-Serie Die Story beschäftigte sich mehrfach mit dem Thema.


    [Verknüpfung]

    Aktueller Buchtipp zu Fossilökonomisten - oder wie die Autorinnen sagen "Klimabremsern" - in Deutschland: Susanne Götze und Annika Joeres. Die Klimaschmutzlobby. Piper 2020

    Im Folgenden also einige aktuelle Beispiele von Klimaskeptikern in Medien und klassischen Internet-Seiten aus Europa, die das vielfältige Spektrum der Ansätze abbilden sollen. Auf die Rolle der "sozialen" Medien gehe ich im Kapitel Populismus ein.

    Beispiel 1: 2012 veröffentlicht Fritz Vahrenholt (SPD, Chemiker, Manager bei RWE) mit Sebastian Lüning (Geologe, Afrikaexperte beim Ölförderer RWE Dea) das Buch "die kalte Sonne":

    Die These: die schwache Sonne gibt uns Bedenkzeit. Wie weit Vahrenholts Vorhersage von der Realität abweicht, zeigte Stefan Rahmstorf 2016 in folgender Grafik:

    Comparison real temperature data vs.Vahrenholt andLünings 2012 prognosis.png
    Von Stefan Rahmstorf - http://scilogs.spektrum.de/klimalounge/rekordwaerme-auf-der-erde-trotz-kalter-sonne/, CC BY-SA 4.0, Link
    [Klimafakten 2019 - Sebastian Lüning]
    [KalteSonne 2019]

    Auf Bernd Herds Infografik sieht man den aktuellen Stand der Entwicklung mit laufend aktualisierten GISS- und SIDC-Daten:

    [Bernd Herd 2019 - Climate Widget]

    Die Bedeutung der verschiedenen Temperatur-Einflussgrößen kann man getrennt in der Bloomberg-Grafik betrachten.
    [Verknüpfung]

    Dabei hatte der Klimaforscher Mojib Latif bereits 2008 die Erwärmungspause anders begründet: die pazifische dekadische Oszillation (PDO) war damals einer negativen Phase (Wärmeaufnahme). Er sagte auch korrekt voraus, dass die Erwärmung danach wieder umso stärker verlaufen würde, weil die PDO wieder in eine positive Phase (Wärmeabgabe) übergehen müsse. Vahrenholts kalte Sonne war endgültig widerlegt, weil die Temperaturen stiegen, obwohl die Sonnenaktivität nicht zunahm.
    [Bojanowski 2013]
    [Latif 2008]

    Man darf die Klimaskeptiker Vahrenholt und Lüning an dieser Stelle fragen: was tun, wenn die Sonnenaktivität wieder zunimmt?
    Das hinderte den Bundestag nicht, die beiden als Sachverständige bei einer Anhörung zuzulassen - auf Antrag der AfD. Und es veranlasste die Medien nicht dazu, Vahrenholt zu endgültig zu demaskieren. So etwas geht nur, wenn eine Gesellschaft nicht aufgeklärt ist.
    [Verknüpfung]
    Zu dieser Desinformation tragen auch Leitmedien bei, die Vahrenholt Raum für ein unkritisches Interview geben, z.B. die bürgerliche Springer-Zeitung Die Welt in der vielsagenden Rubrik "die Welt bewegen":
    [Verknüpfung]
    Wesentlich aggressiver ging damals die Boulevard-Zeitung Bild, ebenfalls aus dem Springer-Verlag, an das Thema heran mit der Schlagzeile: "Die CO2-Lüge - Renommiertes Forscher-Team behauptet: Die Klima-Katastrophe ist Panik-Mache der Politik". Der Autor, Prof. Werner Weber, schrieb einen Gastbeitrag in Vahrenholts Buch "Die kalte Sonne".
    [Verknüpfung]

    Aber selbst nachdem seine Temperaturkurve mit Pauken und Trompeten widerlegt wurde, findet Vahrenholt weiter Stoff für seine Thesen. Noch 2018 pickte er Rosinen bei Klimaforscher Jochem Marotzke, der allerdings mit seinem Spiegel-Interview auch reichlich Stoff für klimaskeptische Phantasien gibt. Das Interview führte Olaf Stampf, auf den ich weiter unten eingehe.

    Beispiel 2: Ex-ZDF-Meteorologe Wolfgang Thüne behauptet 2018, Klima gebe es gar nicht, also auch keine Klimakatastrophe
    [Frieda-Online 2019 - Klimawandel und Gehirnwäsche]

    Auch HAARP-Wellen seien laut Thüne nicht in der Lage, das Klima zu ändern - davon sprechen aber auch keine Klimaforscher, sondern Verschwörungstheoretiker. Er gibt sich also seriös.

    Thüne vermischt viele Stimmungsthemen der Konservativen zu einer kruden Theorie über geheime Mächte, die sich gegen Freiheit und Demokratie verschworen haben sollen und die über die Medien eine zersetzende "Gehirnwäsche" verbreiten. Seine pseudo-wissenschaftlichen Thesen bringt er erst in seinem Video (aus 2008): über die Strahlungsbilanz der Erde, die eine geradezu groteske Interpretation von Satellitenbildern enthält:
    [Verknüpfung]

    Er verschweigt, dass bereits 1901 der schwedische Physiker Nils Ekholm erklärt hatte, dass die IR-Abstrahlung in den oberen Atmosphärenschichten erfolgt.
    [Weart 2019] (Volltextsuche: "Ekholm")

    Ein vergleichbar von der Sonne entfernter Himmelskörper ist der Mond - allerdings sieht man da, was ohne Treibhauseffekt passiert: zwischen Zenit und Nacht herrschen dort Temperaturunterschiede von 290K, und die Durchschnittstemperatur liegt bei -15°C. Die Erde wäre ohne Atmosphäre ein Eisball von -18°C Durchschnittstemperatur.
    [Verknüpfung]

    Die CO2-Messungen am Mauna Loa hält er für Unsinn: "Mit CO2 kann keine Station schlimmer kontaminiert sein als diese Station in etwa 3300 m Höhe auf einem Vulkan!" Um diese Aussage einschätzen zu können, muss man nur einen Blick auf die Aufzeichnungen dieser Station werfen: sie zeigt sogar den Jahresgang der CO2-Aufnahme durch Pflanzen, die sich auf der Nordhalbkugel wesentlich stärker auswirkt.
    [Verknüpfung]

    Beispiel 3: die Klimaskeptiker-Denkfabrik EIKE

    Für den Sommer 2018, der die Wahrnehmung in Deutschland veränderte, diskutiert der EIKE-Autor Stefan Kämpfe (laut Selbstauskunft Diplomagraringenieur, unabhängiger Natur- und Klimaforscher) verschiedene Ursachen: "anhaltende Gewitterneigung, trockene Polarluft ist sehr klar, [...] besondere Konstellationen der atlantischen Meeresströmung AMO [...] könnte, [...] Stratosphären-Strömung QBO [...] könnte" usw..

    Dann kommen Bilder über steigende Niederschlagsmengen und eine Korrelation "mehr CO2 - höhere Ernteerträge".
    [Verknüpfung]

    Dazu ist zu sagen: die einfachste Erklärung ist wissenschaftlich gesehen immer die beste - solange es keine Widersprüche gibt. Der Polarlufteinstrom, ggf. auch die QBO hängen mit klimabedingten Rossby-Wellen zusammen, die 2010 von der Klimaforschung erklärt werden konnten. Es handelt sich um ein Phänomen, das in den letzten Jahren klimawandelbedingt immer häufiger und immer ausgeprägter zu sehen ist, und das auch für anhaltende Extremniederschläge (v.a. an den Alpen), Spätfröste im Frühjahr (mit häufigen Ernteeinbußen), wochenlang anhaltende Gewitterneigung und warme Winterphasen verantwortlich ist. Davon ist bei EIKE natürlich nichts zu lesen. Die Erntemengen verschweigt er auch - er weiß, warum.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung] (Volltextsuche: "Strahlströme")


    EIKE legte 2016 einen "Klimazustandsbericht" vor: "Der UN-Klimakonferenz im November vorgelegt vom oben erwähnten Marc Morano, Climate Depot und dem Committee for a Constructive Tomorrow CFACT" (allein die Namensgebung verrät die Intention: man bedenke die Bedeutung des Begriffs "Depot")
    [Verknüpfung]

    CFACT ist eine US-Organisation der Öl- und Autoindustrie.
    [Verknüpfung]

    EIKE versucht derweil, die Verbindungen zu CFACT zu verschleiern.
    [Verknüpfung]
    Als Reaktion auf die Resonanz der Bewegung Fridays for future verstärkt die US-Klimaskeptikerszene zum COP25 in Madrid noch einmal ihre Bemühungen in Europa; neoliberale wie rechtskonservative Kräfte unterstützen mit INSM, dem Institut für unternehmerische Freiheit, der Hayek-Gesellschaft und EIKE die als Anti-Greta-Figur aufgebaute Bloggerin Naomi Seibt, die zur Wahl der AfD aufruft.
    [Verknüpfung]
    Verdeckte Journalisten von Correctiv und ZDF Frontal21 begeben sich in die vom Heartland Institute finanzierte Szene.
    [Verknüpfung]
    Details über das Heartland Institute, seine Beziehungen zu CFACT und damit EIKE und zu Spendern wie Exxon, Philipp Morris, Robert Mercer, Koch Industries etc.:
    [Verknüpfung]
    Die Verbindungen der amerikanischen und deutschen Szene der Klimaskeptiker und Klimaschutz-Blockierer findet man ausführlich bei energiewende.eu in einer großen, interaktiven Info-Grafik:
    [Verknüpfung]

    Der Commander-in-Chief der USA Donald Trump sagt, es gibt keinen Klimawandel, geschweige denn eine Krise, und verordnet der Umweltbehörde EPA eine Selbstzensur. Auch wenn seine Behörden davor warnen und seine Militärs sich dagegen rüsten:
    [Verknüpfung])
    [Verknüpfung])
    EIKE jedenfalls freut sich darüber, dass Trumps Tabu vom Klimawandel für die Umweltbehörde EPA jetzt auch im Verteidigungsministerium (Pentagon) umgesetzt wird:
    [Verknüpfung]

    Entsprechende Darstellungen findet man auch in Deutschland: während entscheidende Fachpolitiker der CDU von "Klimareligion" und "Weltrettungszirkus" reden, planen Katastrophenschutz-Behörden für die Klimakatastrophe.
    [Verknüpfung]

    Beispiel 4: Selbst in der Tageszeitung Die Welt, in der Klimaskeptiker doch mittlerweile seltener auftauchen, findet man immer wieder prominente Vertreter. Hier meint Björn Lomborg, "das Klimaproblem ist nicht das Ende der Welt". Allein das Foto spricht Bände, ich möchte es aber hier nicht einbinden, weil ich es zu abstoßend finde.
    [Verknüpfung]
    Lomborgs wissenschaftliche Reputation wird von seinem Kollegen Stefan Rahmstorf diskutiert.
    [Verknüpfung]

    Die Wissenschafts-Leugner wittern die Möglichkeiten der Pandemie, weshalb ihre Propaganda wieder aggressiver zu hören ist, und selbst vor absurden wie gefährlichen und zudem antisemitischen Verschwörungstheorien wie QAnon nicht zurückschreckt. Je weiter die gesellschaftliche Spaltung fortschreitet, desto besser sind ihre Chancen. Auch aus diesem Grund muss der Klimaschutz mit Hochdruck vorangetrieben werden, bevor die gesellschaftliche Spaltung ihn noch weiter behindert.
    Das Empörendste daran ist, dass die übelste reaktionäre Propagande von den skrupellosesten Profiteuren ausgeht und auf die Verlierer der Profitgier zielt. "Nur die allerdümmsten Kälber wählen den Metzger selber."
    Doch auch die Fossilökonomisten der CDU spielen mit den klimaskeptischen Narrativen der Rechtskonservativen, um ihre Politik voranzubringen.
    Die Corona-Krise macht wenigstens Hoffnung, dass die politischen Motive der Wissenschafts-Leugner erkannt, und diese damit endlich marginalisiert werden - diese Hoffnung äußert sogar der Gründer des WEF Klaus Schwab. Die Schnittmenge der Klimaskeptiker und Corona-Leugner ist allzu deutlich, so dass die Klimaskeptiker bei vielen Menschen, die nicht zu den Corona-Leugern gehören, weiter diskreditiert werden.






    Beispiel 5: Die Wochenzeitung Focus fiel früher regelmäßig in kalten Wintern mit reißerischen Titelthemen über einen möglichen gravierenden Einfluss der Sonnenaktivität auf. Letztlich war nur die Schlagzeile wirklich brisant, bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass meist beide Seiten dargestellt wurden. Überzeugten Fossilökonomisten bleibt bei dem für sie uninterressanten Thema Klima allerdings oftmals nur die Schlagzeile hängen. Mit ihren Schlagzeilen un Titelseiten gab der Focus jedes Mal Wasser auf die Mühlen der Klimaskeptiker an den Stammtischen.
    Auch jetzt wieder:
    Klimaskeptiker wittern eine Sensation der Klimaforschung, weil man Hinweise auf Regenwald in der Antarktis gefunden hat. Für Geologen eine Sensation, aber nicht für Klimaforscher (siehe oben).
    [Verknüpfung]

    Beispiel 6: Für ihn ist der Satz gemacht: "ich bin ja kein Klimaskeptiker, aber..."
    Hans von Storch - Climate Research, Hockey Stick und explizite Sprache
    Er ist im engen Sinne kein Leugner der anthropogenen Erwärmung, aber ein hoch kontroverser Klimaforscher mit umstrittenen (teils abgelehnten) wissenschaftlichen Arbeiten, zweifelhaften Entscheidungen, provokant-aggressivem Auftreten und - warum er hier so viel Platz einnimmt - zur Zeit sehr großer Medienwirkung.
    Dabei lässt er sich in der Überschrift eines Spiegel-Artikels mit einen Vergleich zitieren, wie man ihn von Klimaskeptikern kennt: "früher war ein Sturm einfach ein Sturm".
    Vor allem verharmlost er die möglichen Folgen, ohne sich zu den Folgen oder dem diskutierten Problem der Kipppunkte genauer zu äußern. Ein anderes Spiegel-Interview titelt "Die Welt wird deswegen nicht untergehen".
    Man kann ihn somit als Klimarelativisten bezeichnen.

    Er sucht die Medien, die ihn oft zitieren, um ihrem Auftrag journalistischer Ausgewogenheit genügen zu können. Dabei kommt ihm sicher zu Gute, dass er ein veritabler Klimaforscher ist, deshalb ist er selbst in Deutschland für die Medien präsentabel.
    In seinen Äußerungen findet man exemplarisch praktisch alle gängigen fossilökonomistischen Thesen, die im nächsten Kapitel besprochen werden. Leider werden nur äußerst selten kritische Fragen dazu gestellt oder Korrekturen angebracht.

    Im DLF-Interview 2020 kritisiert er (wissenschaftlich durchaus korrekt) eine pauschale Attribution aktueller Wetterextreme ("gab es damals in ganz erheblichem Maße").
    Dass allerdings ForscherInnen wie Friederike Otto die Attributionsforschung mittlerweile sehr differenziert betreiben und dabei auf mathematische Simulationen zurückgreifen, deren Vorgänger schon vor 40 Jahren unsere Situation recht gut vorhergesagt haben (und an denen er kurioserweise sogar mitgearbeitet hat), verschweigt der Mathematiker geflissentlich.
    [Wikipedia 2020 - Friederike Otto]
    Schließlich vergleicht er Forderungen nach klimapolitischen Konsequenzen mit antiken und mittelalterlichen Auffassungen von Wetterextremen als Gottesstrafen. Damit nährt er auf höchst fragwürdige Weise das Narrativ von der Klimareligion.
    [Verknüpfung]

    Auch für regelmäßige derbe persönliche Angriffe ("dumm Tüch" - dummes Zeug) ist er sich nicht zu schade, wie hier im Oktober 2019 im Spiegel, Titel: "Früher war ein Sturm einfach ein Sturm" (aktualisiert nach dem WEF-Forum in Davos, neuer Titel: "Das ist Wichtigtuerei von reichen Nordeuropäern")
    In seinen Verharmlosungs-Thesen versucht er, sich Hintertürchen zur Wissenschaftlichkeit offen zu lassen: "Vor dem Klimawandel selbst fürchte ich mich nicht. Steigender Meeresspiegel und höhere Temperaturen sind zu bewältigen, daran kann der Mensch sich anpassen, wenn genug Zeit ist und die Änderungen begrenzt bleiben". In diesem Konditionalsatz formuliert er eine theoretisch mögliche Voraussetzung - die aber praktisch nach den Kenntnissen der Wissenschaft nicht mehr gegeben ist, wenn nicht sofort drastische Klimaschutz-Maßnahmen erfolgen: We don't have time.
    Als Unterschrift eines Porträts findet sich in der Printausgabe das Zitat: "So schnell wird die Menschheit schon nicht untergehen." Dazu eine Grafik, die zusammen mit dem Text bemerkenswert falsch ist.



    Was der Autor mit dieser Grafik sagen möchte, ist bestenfalls schleierhaft. Soll es bedeuten, dass bei "moderatem Anstieg der CO2-Emissionen" das 2-Grad-Ziel erreicht werden kann?
    2-Grad-Ziel bedeutet "2 Grad über dem 30-jährigen Mittel um 1880." Der Nullpunkt der y-Achse ist äußerst dreist auf das Jahr 2000 verschoben. Die gezeigte Kurve steigt auf 2 Grad über dem Wert um das Jahr 2000, und das liegt noch einmal 0,7 Grad höher als der Referenzwert. Zudem ist ist bei derzeitiger Politik mit einem "moderaten Anstieg" nicht zu rechnen.
    Nach heutigem Stand der Wissenschaft käme selbst die gelbe Kurve nur bei einem bald einsetzenden, drastischem Absinken der Emissionen auf Null um das Jahr 2050 zu Stande, aber niemals bei einem weiteren Anstieg, und sei er noch so moderat.
    Die Grafik ist mit dieser Beschriftung also grob falsch und irreführend.
    Von Storch bringt dann stereotyp eine der üblichen Angst-Keulen der Fossilökonomisten, über die es im nächsten Kapitel gehen wird: "Sorge bereitet mir derzeit eher die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. Wenn immer mehr Aktionismus betrieben wird, kann das ein böses Ende nehmen und den sozialen Frieden gefährden. [...] Und was geschieht, wenn in Zukunft irgendwelche Fanatiker fordern, Kriege gegen solche Staaten zu führen, die sich weigern, ihre Kohlekraftwerke abzuschalten?" [Stampf 2019-2]
    Dabei bestreitet er nicht einmal die anthropogene Erwärmung und die Notwendigkeit von Klimaschutz - er spricht sich nur dezidiert gegen deutschen Avantgardismus und gegen Moralisierung aus. Die politischen Forderungen der Jugend und seiner KollegInnen hält er für Anmaßung und Panikmache - erklärt aber nicht, wie Politik und Zivilgesellschaft sonst zum Klimaschutz motiviert werden sollen.
    [Verknüpfung]
    In einem anderen Spiegel-Interview ist zu lesen:
    Zitat:

    "Interview mit Klimaforscher Hans von Storch: „Die Welt wird deswegen nicht untergehen“
    Die globale Erwärmung führt zu Alarmismus bei Forschern, sagt der Klimaexperte Hans von Storch. Hier erklärt er, warum er ohne schlechtes Gewissen mit dem Kreuzfahrtschiff ins Südchinesische Meer reist. [...] Storch, 69, zählt zu den weltweit führenden Klimaexperten. Am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und am Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung in Geesthacht war der Mathematiker an der Auswertung jener Computermodelle beteiligt, mit denen das Klima der Zukunft simuliert wird."

    Aus dem gleichen Artikel, der sich hinter einer Paywall verbirgt, wird von Storch im Blog von Fritz Vahrenholt zitiert:

    "[...] selbst heute steht noch nicht fest, wie hoch genau der Temperaturanstieg ausfallen wird. Die Unsicherheiten sind nach wie vor beträchtlich. [...] Damals [in den Achtziger Jahren] ahnte man allenfalls, was auf die Menschheit zukommen könnte, aber es gab einander widersprechende Hypothesen zur Klimaentwicklung. Vergessen Sie nicht: Noch in den Siebzigern warnten viele Geologen eher vor einer neuen Eiszeit. Wahr ist, dass wir den Treibhauseffekt in der Theorie schon seit mehr als 100 Jahren kennen, doch galt er lange Zeit als vernachlässigbar. Denn Kohlendioxid allein macht ja gar keine große Erwärmung. Erst durch die verstärkende Rückkopplung mit dem Wasserdampf kommt es zu einem deutlichen Temperaturanstieg."
    [Verknüpfung]
    Vahrenholt bezieht sich auf:
    [Stampf 2019-1]

    Zitat aus einem Focus-Interview:

    "[von Storch:] „Das sind naive, unreife Worthülsen [...]
    Die Klima-Aktivisten gehen nicht konstruktiv an die Sache heran, sondern stellen nur Forderungen zur Wirkung. Kinder benehmen sich so, das dürfen sie auch. Aber wenn man wirklich in die Politik eingreifen will, muss man auch Verantwortung übernehmen und darüber nachdenken, wie die Dinge gestaltet werden können in ihrer ganzen Komplexität.“
    FOCUS Online: „Viele der jungen Menschen machen sich große Sorgen um ihre Zukunft. Ist diese Angst aus Ihrer Sicht denn nicht angemessen?“
    Von Storch: „Doch. Allerdings glaube ich, dass auch ich damals Grund zur Sorge hatte, als ich so alt war. Es ist nichts Neues, dass die Zukunft sehr negative Perspektiven enthält. Früher hieß das zum Beispiel Atomkrieg.“
    Focus Online [...]: „Ist es [...] nicht angebracht, [dem Klimawandel] größere Aufmerksamkeit zu schenken – auch durch Bewegungen wie Fridays for Future?“
    Von Storch: „Das lohnt sich dann, wenn es tatsächlich dazu führt, dass neue Ideen entstehen und man realistisch an das Problem herangeht. Wenn es sich aber in der Forderung nach symbolischen Akten wie dem Verzicht auf Einwegkaffeebecher erschöpft, dann bringt es nichts. Wir müssen wegkommen von diesen schablonenartigen Ideen, von denen wir wissen, dass sie nicht wirklich wirksam sind. In gewissem Maße ist es so, dass diese einfache, auf die deutsche Gesellschaft begrenzte Betrachtungsweise, den Durchbruch verhindert. Wir brauchen Offenheit im Denken und nicht Denkverbote.“"

    Von Storch tut hier so, als würden die Klimaschutz-Aktivisten nicht unterscheiden zwischen wichtigen Flugreisen und vermeidbaren Flugzeug-Kurzreisen, und als dürfe man keine plakativen Beispiele für klimaschädliches Verhalten anprangern, ohne gleich das ganze Bild in all seiner Komplexität zu liefern.
    Und dann bringt er die schlagkräftigste Fossilökonomisten-These, ausgeschmückt mit den denkbarsten Stereotypen:

    "Ein Beispiel: Ist es der wichtigste Punkt, dass wir die Klimasteuer einführen oder brauchen wir eine Technologieoffensive? Bei der Steuer ist es so, dass Menschen, die gut betucht sind, sagen wir ein Radiologe mit Tesla, die Steuer vermeiden und sich gut fühlen können. Aber die Hebamme mit dem Diesel muss die Steuer zahlen, hat aber selber gar nicht viel Geld. Das kann doch nicht richtig sein."

    Wie gesagt, zu lesen im Focus, einem Blatt für liberale Leser, bei dem soziale Gerechtigkeit nicht gerade das Kernthema darstellt. Ein weiteres Beispiel für die Instrumentalisierung der wirstschaftlich Benachteiligten gegen Klimaschutz-Maßnahmen.
    [Verknüpfung]

    In der WDR-Talkshow Hart aber Fair fordert er einerseits Zurückhaltung der Klimaforscher in der Klimapolitik, und greift die Klimaschutz-Bewegung an.
    [Verknüpfung]

    Wer einen Überblick über seine Argumentation bekommen möchte, kann zu der Sendung im Merkur lesen:

    "Sehr viele seiner Kollegen hätten längst „die Schnauze voll von diesen dauernden Übertreibungen“, behauptet von Storch. Es werde in der Öffentlichkeit nur auf bestimmte Wissenschaftler gehört, „die das sagen, was man hören will“, echauffierte er sich weiter. [...] „Wie kriegen wir die Welt dazu, weniger zu verbrauchen? Da können wir nicht sagen: 'Guckt mal, wir Deutschen fliegen nicht mehr und essen kein Fleisch. Ist das nicht geil? Macht das doch auch mal'.“
    Für Menschen in China sei Klimawandel derzeit kein zentrales Problem. Deshalb brauche es attraktive technologische Innovationen: „Wir müssen ein Angebot machen. Wir müssen einen Weg aufzeigen, wie wir in Wohlstand leben, mit weniger CO2-Emissionen und wie sich das finanziell lohnt. [...] Sie sollten Ihre Kinder motivieren, zu Deutschlands größter Ressource beizutragen, nämlich Ingenieure zu werden. Damit haben sie die besten Voraussetzungen, um zu einer Stabilisierung des Klimas beizutragen, was man populistisch auch als 'Klima retten' bezeichnet. [...] Die Chinesen wollen auch so schöne Autos haben wie wir, die Inder auch“."
    [Verknüpfung]

    Die Zeitung Die Welt bespricht die Sendung erfreulich objektiv und stellt am Ende fest, Zitat:

    "Für [von Storch] ist klar: Ein globales Umdenken sei in Zukunft nur durch attraktive, technologische Innovation möglich. „Wir müssen ein Angebot machen. Wir müssen einen Weg aufzeigen, wie wir in Wohlstand leben, mit weniger CO2-Emissionen und wie sich das finanziell lohnt.“
    Wie das funktionieren kann, konnte freilich auch von Storch nicht final beantworten. So zeigt am Ende auch diese Debatte vor allem eines: Konsens besteht immerhin in der Problematik an sich. Beim Entwickeln von Lösungsansätzen dürfte künftig aber noch reichlich Gesprächsbedarf bestehen."

    Gegenüber dem Hamburger Abendblatt zeigte sich von Storch im Oktober 2019 in der Sprache ungewohnt gemäßigt (auch wenn die Überschrift Provokantes verspricht: "Thunbergs-Aussage ist lachhaft"); Zitat:

    "Durch die Klimaerwärmung könnte es theoretisch in den ohnehin heißen Tropen so heiß werden, dass man dort ohne technische Hilfen wie Klimaanlagen nicht mehr gut leben kann. Aber in allen anderen Regionen, etwa bei uns, kann davon keine Rede sein. In Phoenix/ Arizona leben übrigens Millionen Menschen. Das war früher unmöglich, heute gibt es Klimaanlagen." [...]
    "Das geht nur durch ökonomische Anreize und durch technologische Entwicklung. Es muss sich lohnen – weil zum Beispiel Solarenergie sehr günstig wird oder das Potenzial des Zertifikate-Handels deutlich wird. Wenn wir in Deutschland und Europa altruistisch etwas zur Bremsung des weltweiten Klimawandels beitragen wollen, dann könnten wir zum Beispiel einen Klima-Soli auf die Gehälter einführen. Mit dem Geld könnte ein Fonds zur Technologie-Entwicklung ausgestattet werden, der die Forschung massiv fördert und deren Ergebnisse der ganzen Welt zugute kommen. Wir in Deutschland könnten uns dann zum Beispiel um neue klimaneutrale Systeme zur Heizung und Kühlung von Häusern kümmern – mit Hilfe unseres reichlichen Windstroms aus der Nordsee. Andere könnten andere Aufgaben übernehmen."
    [Verknüpfung]

    Ich kann von Storch in einem Punkt recht geben: der Mensch verursacht eine globale Erwärmung. Ansonsten muss ich fast durchgehend und deutlich widersprechen.
    Von seinen KollegInnen fordert er politische Zurückhaltung, bringt aber selbst öffentlich eine fossilökonomistische These nach der anderen als politische Begründung für Nichtstun vor. Er hat als Konservativer eben den Vorteil, dass durch Nichtstun alles beim Alten bleibt. Damit sind seine Forderungen ebenso politisch wie die der Klimaschützer.
    Wie viele und vor allem welche seiner Kollegen wie er "die Schnauze voll haben", verrät er nicht. Mit seiner Behauptung widerspricht er dem Bild, das die öffentlichen Massenkundgebungen von zigtausenden WissenschaftlerInnen für Klimaschutz vermitteln. Diese verharren nicht mehr still im Elfenbeinturm, während die Erde zunehmend unbewohnbar wird.
    Ausgerechnet im Focus, der das Thema soziale Gerechtigkeit meist nicht im Fokus hat, beklagt er die sozialen Folgen von CO2-Abgaben. Als hätte die prekäre Lage vieler Bürger keine anderen Ursachen, und als berge die Abgabe nicht sogar die Möglichkeit von Umverteilung. Indem er diese wahren Ursachen verschweigt, redet er die gesellschaftliche Spaltung herbei.
    Er fürchtet, dass Klimaaktivisten Kriege gegen Verursacher-Staaten antreiben könnten. Dabei verschweigt er, dass wir selbst momentan noch zu diesen Staaten gehören. Und er blendet vollkommen die ungerechten Machtverhältnisse aus, die durch unser Festhalten an der Fossilwirtschaft jahrzehntelang herrschten, und die unzählige internationale Konflikte verursacht haben.
    Die Schwellenländer unter den großen Verursacher-Staaten haben zunächst ihre Emissionen gesteigert, weil die emissionsintensiven Produktionen aus den Industrieländern dorthin abgewandert sind - um durch Kostensenkung unseren Konsum weiter zu fördern. Doch ihnen Unwillen im Klimaschutz zu unterstellen, ist eine verzerrte Darstellung.
    Dass die externen Kosten der Klimakrise auf die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung bisher keinen nennenswerten Einfluss haben, sagt von Storch auch nicht. Und auch nicht, dass die Fossilwirtschaft massiv subventioniert wurde und wird. Solange Fossilwirtschaft nicht im Gegenteil massiv sanktioniert wird, ist der Wettbewerb nach rein ökonomischen Kriterien verzerrt.
    Fridays for future fordert eben keine "wirkungslosen Symbolhandlungen", sondern ganz konkret ein Ende der Subventionen und einen wirksamen CO2-Preis, um der vielfachen Marktverzerrung entgegenzuwirken, und um nachhaltigem Wirtschaften endlich zur Konkurrenzfähigkeit zu verhelfen - weg von der fossilen Planwirtschaft zur wirksamen Energiewende.
    Von Storch verschweigt auch, dass die Erneuerbaren Energien konkurrenzfähig geworden sind, sicher noch billiger werden und deshalb der Fossilwirtschaft, von der wir immer noch in höchstem Maße abhängig sind, eine Disruption droht.
    Auch dürfte von Storch die jahrzehntelangen Dauer-Appelle an die Jugendlichen aus Schule, Medien und Politik nicht überhört haben, sich verstärkt mit Umwelt-Themen zu beschäftigen, sie zu studieren und zu ihrem Beruf zu machen. Sie haben zwar bewirkt, dass das Thema bei den meisten unbequem im Hinterkopf blieb, aber den Fossilökonomismus der Mehrheit haben sie niemals ansatzweise ins Wanken bringen können.
    [Verknüpfung]
    Den Bundes-Umwelt-Wettbewerb gibt es seit 1990.
    [Eckard 2013]
    Von Storch spielt die kollektiven Zukunftsängste als Übertreibungen des Jugendalters herunter, in seiner Generation seien es die Ängste vor nuklearen Katastrophen gewesen. Er verschweigt aber, dass die Jugend damals die größten Demonstrationen aller Zeiten organisiert und ihren Teil zur nuklearen Abrüstung und auch zum (wenn auch noch nicht überall durchgreifenden) Abschied aus der Atomwirtschaft beigetragen hat. Fridays for future hält er dem entsprechend auch für unreifen Unsinn.
    Zur Einschätzung der Kollegen, auf die sich die Jugendproteste berufen, als Alarmisten siehe unten.
    Bei seinen Prognosen zeigt sich von Storch für einen Wissenschaftler erstaunlich variabel, aber immer mit Nachdruck:

    • Einmal behauptet er, die Temperaturprognosen seien mit großen Unsicherheiten behaftet, und suggeriert mit der Referenz an die falschen Eiszeit-Prognosen der 70er, dass sogar die Richtung nach oben falsch sein könnte. Dabei war die Lehrmeinung der Klimaforschung schon damals, dass die vagen Eiszeitvorhersagen mancher Geologen gar nicht stimmen. Der Presserummel war nur ein erster Hype der Klimaskeptiker. Die Klimaforschung dagegen hat weiter an ihren Modellen gearbeitet, um die kommende Erwärmung besser vorhersagen zu können. Ausgerechnet Exxon-Mitarbeiter haben mitten in der Abkühlung 1977 schon die ersten Modelle benutzt, die genau genug waren, die aktuelle Situation vorherzusagen. Die um ein Vielfaches verbesserten Modelle sagen heute immer noch: es wird sehr schnell wärmer, wenn wir nicht sofort mit Klimaschutz anfangen.
      Wie genau von Storch jetzt die Vorhersage braucht, um sich schließlich doch noch den Klimaschützern anschließen zu können, verrät er nicht.
    • Dann wieder behauptet von Storch zu wissen, dass das 2-Grad-Ziel nicht zu halten ist. Damit stützt er eine andere problematische Haltung vieler Fossilökonomisten, den Fatalismus. In seiner 3-Grad-Prognose geht er auf die Gefahr von Kipppunkten und die Warnungen der Ökosystemforschung nicht ein.

    Wenn von Storch wirklich auf wissenschaftliche Objektivität Wert legen würde, könnte er nicht an den Warnungen der Biologie vorbeigehen, die ein Zusammenbrechen vieler Ökosysteme prognostizieren. Wenn man in Arizona heutzutage Klimaanlagen zum Überleben braucht, ist das kein relevantes Beispiel, denn dort fand und findet keine gravierende Biomasse-Primärproduktion statt. Wenn aber große Teile der Erde sich in Wüsten verwandeln, dann verhindern auch noch so viele Klimaanlagen nicht, dass bei 10 Milliarden Menschen größerer Teil den Tod durch Hunger, Durst oder Hitze erleidet.
    Die zynische Bemerkung "so schnell wird die Menschheit schon nicht untergehen" ist vor diesem Hintergrund ohne weitere Erklärungen, wie wir Klimaopfer vermeiden wollen, ungeschminkter Sozialdarwinismus. Was diese Einstellung auf dem Weg bis zur Entscheidung dieser Frage alles an Opfern kosten würde, sagt er nicht.
    Von Storch fordert, dass die nächste Generation durch Entwicklung von Innovation sich des Themas annehmen soll. Ich frage mich, wie das gehen soll, ohne die bestehenden Machtverhältnisse zu ändern, die schon die letzten Generationen komplett in das System der fossilen Verwertung und Abhängigkeit integriert hat.
    Dass die Finanzierung dieser Forschung staatlich erfolgen soll: ausnahmsweise vernünftig. Dass dafür wieder einmal Arbeit verteuert werden soll, anstatt Ressourcenverbrauch: purer Fossilökonomismus.

    Hans von Storch fordert nichts weiter als Abwarten wie bisher und das Vertrauen darauf, dass der freie Markt schon rechtzeitig die Lösung hervorbringt. Er erwartet, dass innerhalb einer Generation die zündende Innovation kommt, die das Öl verdrängt, also trotz immer noch sprudelnder Ölquellen günstiger ist als die weltweit hochsubventionierte Biosphären-Vernichtung. Das ist alles andere als politische Zurückhaltung.

    An dieser Stelle ist ein Blick in seine Vita sehr aufschlussreich. Von Storch war nie bekennender Klimaskeptiker, hat aber mit zwei wichtigen wissenschaftlichen Beiträgen 2004 und 2005 heftige klimaskeptische Diskussionen ausgelöst. Ein dritter aus 2013 existiert nur als Manuskript, wurde aber (mindestens) von der Zeitschrift Nature abgelehnt.

    Von Storch war in Fachkreisen zum ersten Mal aufgefallen, als er bei der Veröffentlichung einer Reihe klimaskeptischer Artikel in "Climate Research" 2003 die redaktionelle Mitverantwortung hatte.
    [Verknüpfung]
    Der letzte und bemerkenswerteste dieser Reihe stammte von Willie Soon und Sallie Baliunas. Klimaskeptiker überschlugen sich geradezu, dass ihnen der Coup gelungen war.
    Der Artikel wurde wegen fachlicher Mängel geradezu verrissen. Das Renommé der Zeitschrift war ruiniert. Es entbrannte eine große Debatte, der von Storch und seine Kollegin schließlich durch Rücktritt als Chefredakteure aus dem Wege ging.
    [Wikipedia 2020 - Soon and Baliunas controversy]
    2011 berichtete der Guardian über Willie Soon, dass Greenpeace USA ihm die Annahme von 1.000.000$ von Exxon, dem API und Koch Industries nachweisen könne, was er gegenüber Reuters nicht bestritt. Wohl aber, dass diese Zahlungen seine Arbeit irgendwie beeinflusst hätten.
    [Verknüpfung]
    Ich frage mich, warum dieser Vorgang in der deutschen Medienlandschaft praktisch unterging.
    Soons Artikel, den von Storch redigierte, war übrigens einer der letzten, die in einer Fachzeitschrift die anthropogene Klimaerwärmung bestritt, und ist damit ein Fall für die Geschichtsbücher.

    Ein Jahr später mischte er sich selbst in die Hockey-Stick-Debatte ein. Klimaforscher Michael Mann hatte seine Temperaturkurve seit dem Mittelalter als Hockey Stick bezeichnet. Um diese Kurve wurde eine regelrechte Schlammschlacht geführt. Von Storchs Artikel folgten andere wie der von McIntyre und McKitrick 2005. Klimaskeptiker feierten schon die vermeintliche Widerlegung der Hockey-Stick-Kurve als völligen Zusammenbruch der Klimawandel-Argumentation.
    Einig waren sich von Storch und Mann in zwei Punkten:

    1. Vom Mittelalter bis zum Industriezeitalter gingen die Temperaturen langsam zurück (eigentlich sogar seit dem bronzezeitlichen Optimum, aber um diese Frage ging es merkwürdigerweise nicht). Dieser kontinuierliche Abschnitt des Graphen bildet den Griff des Schlägers.
    2. Ab dann steigen die Temperaturen schnell an.

    Es ging von Storch also nicht einmal um den bildlichen Vergleich mit einem Hockeyschläger.
    Es ging nur nur um die geringe Neigung des Hockeyschläger-Griffs. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung von Storchs mit Mann ging genauer um die Frage, ob im Jahre 1998 (dem Rekordjahr bis dato) die Temperaturen bereits höher waren als im Mittelalter oder nicht. Der Artikel in der renommierten allgemein-wissenschaftlichen Zeitschrift Science trug den Titel "Reconstructing Past Climate from Noisy Data", was unter Wissenschaftlern einen massiven Affront darstellt.
    [Verknüpfung]
    Im Spiegel äußert sich von Storch dann sehr abfällig über seinen Kollegen...
    [Verknüpfung]
    ... was von der Klimaskeptikerin Sonja Boehmer-Christiansen begeistert aufgegriffen wird.
    [Verknüpfung]

    Von Storchs Kritik wurde von der Lehrmeinung mehrfach widerlegt und letztlich nicht akzeptiert, weshalb der Hockeyschläger dann auch prominent auf den ersten Seiten des folgenden IPCC-Reports abgedruckt wurde.
    [Verknüpfung]

    Diese Nichtbeachtung der Mann-Kritiker in der wissenschaftlichen Gemeinde stilisierten Klimaskeptiker zu einem Skandal hoch. Von Storch sprach dazu sogar in einer Anhörung vor dem Repräsentantenhaus von "Türstehermethoden". Bei Bojanowski im Spiegel sprach er von wissenschaftlicher "Selbstzensur".
    [Bojanowski 2006]
    Bojanowskis Darstellung ging dem Klimaforscher Stefan Rahmstorf zu weit, er schrieb einen offenen Brief an dessen Vorgesetzten:
    [Verknüpfung]

    Ernsthaft von öffentlicher Bedeutung wäre die Hockeyschläger-Debatte gewesen, wenn die Temperaturkurve seit der Industrialisierung nicht steil angestiegen wäre. Wann jetzt genau die Global-Temperatur die des Jahres 1000 überschritten hat, ist nicht von großem Belang. Viel gravierender, aber unter Klimaforschern völlig unstrittig, war schon damals die gefährliche Steigung der Temperaturkurve - und auf dieses Glatteis begab sich von Storch selbst nicht. Auf Nachfrage im Spiegel-Interview leugnete er den Klimawandel dezidiert nicht.
    Genau das haben aber die Klimaskeptiker, auch auf Anlass seines Artikels hin, getan: der Anstiegstrend habe nichts mit dem anthropogenen CO2 zu tun, sondern sei eine natürliche Schwankung, deren Ursache man noch nicht kenne. Außerdem sei der Trend zu jenem Zeitpunkt gebrochen ("global warming hiatus"; hiatus - engl. Pause).
    In einer Senatsdebatte nannte der republikanische Senator James Inhofe u.a. von Storchs Artikel als wissenschaftlichen Beleg "des größten Betrugs, der jemals am amerikanischen Volk begangen wurde." Behauptungen wie "größter Skandal der Wissenschaftsgeschichte" u.ä. fanden durch Internet und "soziale" Medien millionenfache Resonanz, auch sehr stark in Deutschland. Michael Mann und andere US-Klimaforscher wurden von Anti-Klimaschutz-Aktivisten persönlich drangsaliert, angestachelt vom Klimaskeptiker Marc Morano, was dieser im Film Merchants of Doubt ohne jede Spur von Selbstkritik erklärt.

    Über offizielle Reaktionen Hans von Storchs auf diese politisch extrem weitreichende Instrumentalisierung seiner Arbeit konnte ich allerdings nichts weiter finden als eine dürre, kleine Randbemerkung in einer eher wenig beachteten Publikation der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen 2010: "In dieser Lage suchen sich die Vertreter gesellschaftlicher Interessen jene Wissensansprüche heraus, die gewisse Positionen am besten stützen. Man denke an den Stern-Report oder die regelmäßigen Aussendungen [sic!] von US-Senator Inhofe."
    Ich fand auch zehn Jahre später keinen Bericht über ein Dementi, geschweige denn über eine Unterlassungsklage. Das ist insofern bemerkenswert, als dass von Storch nicht müde wird, sich in reichweitenstarken Medien lautstark über seine politisch aktiven ForscherkollegInnen zu beschweren.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2020 - EA European Academy of Technology and Innovation Assessment]

    2013 - ein Jahr nach Vahrenholts kalter Sonne - wollte er wieder einen kontroversen Artikel veröffentlichen, der die Ursachen der damaligen Verzögerung der globalen Erwärmung diskutierte:

    1. die natürliche Klimavariabilität (Klimaschwankungen gab es immer...)
    2. bisher nicht berücksichtigte Einflüsse (dafür gibt es bei Klimaskeptiker Lomborg und Kollegen genügend Kandidaten)
    3. die Klimasensitivität (also das Ausmaß der Klimawirkung) von Treibhausgasen

    Zitat:

    "Of the possible causes of the inconsistency, the underestimation of internal natural climate variability on decadal time scales is a plausible candidate, but the influence of unaccounted external forcing factors or an overestimation of the model sensitivity to elevated greenhouse gas concentrations cannot be ruled out."

    Keine Rede von der geänderten Konvektion im Pazifik, die bis heute als Ursache der gebremsten Erwärmung zwischen 1998 und 2012 gilt. Dafür im nächsten Satz die Aussage, dass im zweiten und besonders im dritten Falle die Vorhersagen der Erwärmung beeinträchtigt wären:

    "The first cause would have little impact of the expectations of longer term anthropogenic climate change, but the second and particularly the third would."
    [Von Storch 2013] (abgelehntes Manuskript)

    Ich bin kein Klimaforscher, aber nach meinem Verständnis der Materie ist das eindeutig Klimaskepsis.
    Warum das Manuskript von Nature abgelehnt wurde, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, ebenso die Frage, ob nicht auch andere Redaktionen es zurückgewiesen haben.
    Klimaforscher Stefan Rahmstorf befasst sich mit diesem Manuskript in seinem Blog:
    [Verknüpfung]

    Die Datenauswahl der Klimaskeptiker mutete schon zu ihrer Zeit lächerlich an, viele Wissenschaftler und interessierte Laien machten sich darüber lustig. Eine Falschdarstellung durch Selektion passender und Ausschluss unpassender Informationen nennt man Cherry Picking, übersetzt Rosinenpickerei.
    Noch lächerlicher wird sie in der Retrospektive, als die Natur ihre Behauptung Lügen strafte. So wie es von seriösen Wissenschaftlern prognostiziert wurde, nahm die Kurve auch nach der Hockeyschläger-Debatte ihren steilen Trend wieder auf.
    Bei wikipedia ist die Desinformations-Methode des Cherry Picking in einer Animation sehr anschaulich dargestellt:
    Temperaturanstieg-vergleich-zwischen-ausschnitt-und-gesamtverlauf.gif
    Von Fjalnes - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
    Bedenkt man die Reichweite dieser und ähnlicher Meinungs-Manipulationen, ist es am Ende dann wieder nicht mehr zum Lachen. Damals haben die tonangebenden Akteure der Zivilgesellschaften nicht im Traum geahnt, welchen durchschlagenden Erfolg die Populisten mit ihren Diskussionen um die Corona- und Klimawissenschaft haben würden.

    Es ist aber letztlich leider nicht zum Lachen. Denn Klima-Aktivisten wurden damals aggressiv mit der Hockeyschläger-Debatte konfrontiert, sie wurde medial und politisch regelrecht ausgeschlachtet, und begleitet von aggressiven Kampagnen der Klimaskeptiker-Szene. Marc Moranos Plattform Climate Depot gab z.B. EMail-Adressen von US-KlimaforscherInnen heraus, die darauf hin mit wüsten Beschimpfungen und Morddrohungen überschüttet wurden.
    Und vor allem haben sie beigetragen, Klimaschutz bis heute zu verhindern, was eine politisch wirksame Durchsetzung mit jedem Tag schwieriger macht.
    [Verknüpfung]
    Von Storchs Hockeyschläger-Kritik wurde mehrfach widerlegt, sein Manuskript von 2013 zurückgewiesen. Er selbst hat derweil für die betroffenen KollegInnen nicht mehr übrig als die mitunter rüde Aufforderung, sich politisch zurückzuhalten.
    Die Causa von Storch liest sich im sehr empfehlenswerten Blog seines Kollegen Stefan Rahmstorf wie ein Krimi. Umso verstörender, wenn man nachvollzieht, dass er von der Realität berichtet.
    [Verknüpfung]

    Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen haben europäische Medien die Forderung der Klimaskeptiker nach journalistischer Ausgewogenheit letztlich als trojanisches Pferd der Fossilindustrie erkannt. Deshalb sind jetzt skeptische Klimaforscher gefragt, die sich noch nicht die Finger verbrannt haben.
    Bei Roger Pielke jr., dem Sohn seines klimaskeptischen Kollegen Roger Pielke sr., hat von Storch sich das Motto für seinen Blog Klimazwiebel (honest broker - der Wissenschaftler als "ehrlicher Makler" der Wahrheit gegenüber der Politik) abgeschaut, dem er sich jetzt vollkommen verschrieben hat. In Pielkes Blog wirbt er für das Ideal einer "nachhaltigen" Wissenschaft, die keine politischen Ziele verfolgt und nur der Wahrheit verpflichtet ist.
    Als Gegenbeispiel "nachhaltiger" Wissenschaft nennt von Storch die Prognosen vom Waldsterben. Hier verdreht er die Tatsachen völlig: die Massenproteste am Earth Day 1970 markieren den Beginn einer wirksamen Umweltpolitik in den USA, der weltweit Kreise zog. Einer der größten Erfolge war die Verminderung des sauren Regens durch Gesetze gegen die Emission von Stick- und v.a. Schwefeloxiden - wie sie von der Wissenschaft damals gefordert wurden. Diese Gesetze haben bis heute verhindert, dass das Waldsterben durch Sauren Regen eintrat. Im Nachhinein behauptet von Storch jetzt, die damaligen Warnungen der Wissenschaftler hätte die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft beschädigt, weil das Waldsterben ja nicht eingetreten sei. Er spricht von unseriösem Alarmismus.
    Analog die Sturmwarnungen von Klimaforschern nach Katrina 2005: danach habe es auch keine weiteren vergleichbaren Stürme gegeben.
    Zitat:

    "Research about the forest die back in Germany may serve as an example at the other end of the spectrum. The science of forest damages was in the 1980s heavily politicized, and used as support for a specific preconceived „good“ policy of environmental protection. The resulting overselling and dramatization broke down in the 1990s, and news about adverse developments in German forests is now a hard sell in Germany. An observer [...] wrote in 2004: „The damage for the scientists is enormous. Nobody believes them any longer.“
    Attributing hurricane Katrina to climate change made headlines, and depicting global warming as an uninterrupted continuous upward trend made the understanding of the concept of global warming easier. But, later, we have to pay a price. There were no more Hurricane-disasters like Katrina's since 2005, and warming is stagnating in the last years. [...] The public will understand that it has been manipulated, and that it had not honestly been advised by its publicly funded social institution „science“."

    Wie Pielke, so fordert auch von Storch eine stärkere Fokussierung der Klimawissenschaft auf lokale Phänomene.
    Zitat:

    "On the global and continental scale, the Intergovernmental Panel of Climate Change IPCC provides reasonable communication, even if the IPCC suffers from some limitations. Examples are a partial politicization, the fact that frequently dominant authors rely on their own work, or the failure of Working Group 2 to accept the assessment of Working Group 1 about the dynamics and change of climate when assessing the impacts of climate.
    On the regional and local scale, however, the IPCC is much less efficient, but different regional and local bodies provide services. An early excellent example was the Rossby-Center in Norrköping; the now founded CRES here in København is another good example. The Helmholtz-Association has set up a number of Regional Climate Offices in different parts of Germany[...]; also a national Climate Service Center is beginning its operation in that country."

    Natürlich werden bei uns die Klimaschäden moderater ausfallen als in den Tropen und vor allem in den Subtropen. Diese globalen Aspekte stehen in von Storch lokalem Ansatz freilich nicht im Fokus. Er kommt zu dem Schluss, dass aus Klimaforschung keine politische Forderung erwachsen kann:

    "[...] there is no immediate conclusion about the political implications to be drawn".
    [Verknüpfung]

    Pielke jr. ist Politikberater und leugnet z.B., dass die höheren Schäden bei Hurricans eine Folge des Klimawandels sind, sondern dass sie vielmehr auf andere menschliche Faktoren zurückgehen.

    Politisch fielen diese Diskussionen in die kritische Zeit der Umsetzung des Kyoto-Protokolls. Der Erfolg der German Energiewende - der Revolution der Energie in Bürgerhand - bedrohte das fossil-atomare Geschäftsmodell.
    Die Hockey-Stick- und Hiatus-Debatte brachten den Klimaschutz international zu einem katastrophalen Stillstand, der über das Paris-Abkommen 2015 hinaus bis heute anhält.

    Von Storch versucht jedoch jeden Verdacht zu vermeiden, ein Klimaskeptiker zu sein. Ohne wissenschaftliche Reputation verlöre er zuviel Gewicht.
    Weshalb nicht überrascht, dass er sich (wieder im Bojanowski-Interview) von der Klimaskepsis seiner angeheirateten Nichte Beatrix von Storch (AfD) im Spiegel-Interview mit Bojanowski deutlich distanziert. Aber er schafft es dennoch immer wieder zu verblüffen: den Kollegen, die die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung mit ihrem Alarmismus überstrapaziert hätten, gibt er dort eine Mitschuld am Erfolg der Klimaskeptiker.
    [Verknüpfung]
    Auch bei den klimaskeptischen Verschwörungstheorien um Climategate hat er sich zwar in der Fachpresse auf die Seite der Fachkollegen gestellt.
    [wikipedia 2020 - Hackerzwischenfall am Klimaforschungszentrum der University of East Anglia]
    [Verknüpfung]
    Dabei kann er sich allerdings nicht verkneifen, in der allgemeinen Presse, hier im Focus, den Hockeyschläger-Konflikt mit den IPCC-aktiven Kollegen um Michael Mann und Stefan Rahmstorf wieder hochzukochen.
    [Verknüpfung] In seinem Blog Klimazwiebel wirft er dem Klimaskeptiker Vahrenholt vor, seine Arbeit für Cherry Picking missbraucht zu haben (was Vahrenholt umgekehrt den Klimaforschern vorwirft) - eine vernichtende Kritik, allerdings auf Englisch. Durch Zufall bin ich über einen Zeit-Artikel überhaupt darauf gestoßen.
    Man beachte auch die URL: [Verknüpfung] (https://klimazwiebel.blogspot.com/2012/02/skeptic-lacking-skepticism-fritz.html)
    [Verknüpfung]

    Seine populärwissenschaftlichen Eskapaden und seine nie revidierten Beteiligungen an klimaskeptischen Veröffentlichungen markieren eine Wissenschaftlerkarriere, die Fachleute in Journalismus und Politik zu einer gesunden Portion Skepsis veranlassen sollte.
    Im Gegenteil wird von Storch jedoch regelrecht hofiert. Dabei fällt besonders der Spiegel auf. Chefredakteur im Ressort Wissenschaft damals: Axel Bojanowski, mein nächstes Beispiel für Klimaskeptiker.
    2019 wurde von Storch sogar wegen seiner Beiträge zur Klimamodellierung von der Grünen Hamburger Zweiten Bürgermeisterin und Wissenschafts-Senatorin Fegebank das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreicht. Erstklassig ist weniger die Auszeichnung, als vielmehr der klimapolitische Skandal.

    Beispiel 7: Klimarelativisimus bei der Wochenzeitung Der Spiegel rund um den langjährigen Ressortchef Axel Bojanowski
    Bojanowski beklagt eine einseitige Berichterstattung zum Klimathema in den Medien, und macht sich so zum Anwalt der Händler des Zweifels, wie Naomi Oreskes die Klimaskeptiker auch nennt.
    [Wikipedia 2020 - Axel Bojanowski]
    Er fiel mir immer wieder durch Beiträge auf, die reißerisch klimaskeptische Thesen transportierten. Wie im Focus, so findet man auch hier im Text mitunter seriöse Verweise auf die wissenschaftliche Kontroverse, um einer Minimalforderung nach Objektivität zu genügen. Dabei greift Bojanowski jedoch gerne, v.a. in der Schlagzeile, kontroverse Aussagen von Klimaforschern auf. Beim oberflächlichen Leser bleibt auch oft genug nur die Schlagzeile hängen.
    Er bedient wie Populisten oder jüngst der Kabarettist Dieter Nuhr gern das Selbstbild des aufrechten Kämpfers für die Wahrheit, der von einer ideologisierten Meinungsmehrheit unterdrückt wird. Mit dieser Darstellung als "Journalist im Klimakrieg" schaffte er es bis in die Bundeszentrale für politische Bildung, die ja auch um Ausgewogenheit der Darstellung bemüht sein muss.
    [Verknüpfung]
    Bojanowski war beim Spiegel Exklusiv-Berichterstatter des Klimaschutz-Reaktionärs Hans von Storch. Gerade in seinem letzten Jahr beim Spiegel, dem Jahr der Jugend-Klimaproteste 2019, häuften sich diese Beiträge.

    Man kann ihm wenigstens zugute halten, dass er in der "Hiatus-Debatte" um Vahrenholt 2013 seriös blieb. Sein Motiv ist nicht schwer nachzuvollziehen: von Storchs Fachartikel zum Thema wurde damals abgelehnt, und selbst von Storch hatte sich schon 2012 von Vahrenholt distanziert - Bojanowski hätte seine Reputation als Wissenschafts-Journalist riskiert.
    [Bojanowski 2013]
    In seiner ersten Ausgabe unter Chefredakteur Bojanowski machte Bild der Wissenschaft aber gleich wieder mit einem beliebten Klimaskeptiker-Thema auf, dem man trotz eines zweiten deutschen Dürresommers in Folge nicht einmal objektiv widersprechen kann: die Welt ergrünt.
    [Verknüpfung]
    Bojanowskis Vorgänger bei Bild der Wissenschaft, der Germanist Christoph Fasel, hatte vorher für die Bild-Zeitung, Eltern und Der Stern gearbeitet, bevor er Chefredakteur des Reader’s Digest wurde.
    Einen rührigen Nachfolger beim Spiegel hat Bojanowski ebenfalls: um von Storch und Kollegen kümmert sich jetzt Olaf Stampf.
    Bojanowskis Wirken bei BdW erwies sich nur als kurzes Intermezzo.
    Kürzlich brachte er (im Schatten der Corona-Verschwörungen) für Ulf Poschardt in der Tageszeitung Die Welt die längst vergessene Hockey-Stick-Debatte wieder auf den konservativen Frühstückstisch. Dabei bezeichnet er eine Temperatur-Grafik aus dem ZDF-Wetterbericht von Özden Terli vom 24.07.2020 als unwissenschaftliche Ente - diese Kurve habe ich an dieser Stelle bereits am 03.01.2020 selbst aus frei zugänglichen Daten zusammensetzen können, und sie war bereits 2016 in einem (kostenpflichtigen) Artikel in Nature und danach in der Washington Post zu sehen..
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Einer der Autoren der Studie, Stefan Rahmstorf, setzt sich bei Twitter mit Bojanowski auseinander, natürlich mit wissenschaftlichen Quellenangaben.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Der Blogger Klaus Müller von energiewende.eu legt am Beispiel dieser Ente offen, wie die Blase der Klimaskeptiker funktioniert. Ein peinliches Armutszeugnis, für den ehemaligen Leiter der Abteilung Wissenschaft beim Spiegel wie für seine Arbeitgeber.
    [Verknüpfung]





    Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Thomas Bareiß (CDU) betont in der aktuellen Umweltdiskussion lieber das Positive. Er muss sich auch oft genug mit Umweltverbänden auseinandersetzen.


    Unsere Flüsse und Seen sind [...] mit die saubersten weltweit. Die Luft in den Städten ist im Vergleich der letzte[n] 150 Jahre noch nie so rein gewesen wie heute. Wir [l]eisten uns [einen] hohen Schutz der Natur, Umwelt, Tiere, Artenvielfalt [und des] Klima[s]. Das [P]ositive kann man auch mal sagen.
    Thomas Bareiß

    Bareiß stellt Umweltschutz als Unkostenfaktor dar, und er entwirft ein Bild reiner Natur, kein Wort von ökologischer Krise. Was sagt die Wissenschaft dazu?

    Meine Professoren für Ökologie Kirchner und Patzke beklagten die Ignoranz von Menschen, die z.B. sagen: "In der Natur ist es doch überall grün." Tatsächlich herrschen bei uns - abgesehen von oft kleinen Reservaten - weitestgehend artenarme Biotope vor, die mit Schadstoffen aus Industrie, Landwirtschaft und Siedlungen mehr oder weniger belastet sind. Deren Emissionen sind zwar mitunter streng reguliert, aber für einen Erhalt artenreicher Ökosysteme bei Weitem nicht genug. Denn das Grenzwert-Prinzip wird wirkungslos, wenn die Immission in großen Volumenströmen und über lange Zeiträume geschieht; und wenn die Grenzwerte nicht das Zusammenwirken des realen Cocktails berücksichtigen, sondern nur jeden Schadstoff für sich. Und bei der Landnutzung durch Siedlungs- und industrielle Landwirtschaft spielten wertvolle Biotope lange eine untergeordnete Rolle, und oft bleibt es beim Ausweisen viel zu kleiner Ausgleichsflächen, wo eine Umsiedlung der gesamten Lebensgemeinschaft gar nicht funktionieren kann. Das größte Problem ist jedoch mittlerweile die Fragmentierung der Ökosysteme in viel zu kleine Flächen, die eine Wanderung bzw. Ausbreitung von Arten zu benachbarten Lebensräumen über die vielen Straßen, Siedlungs- und Agrarwüsten unmöglich macht. Hinzu kommt die verheerende Flut von Mineraldünger und Kot aus Tiermast mit Importfutter.
    Die sichtbaren Umweltverschmutzungen wie Rauchschwaden und Müllkippen sind zwar verschwunden - die vielfältigen Umweltbelastungen mit Gasen, wasser- und fettlöslichen Substanzen und Mikro- bis Nano-Partikeln sind unsichtbar. Alles, was die Illusion von ökologisch unbedenklichem Wasser und sauberer Luft trübt, wird geklärt oder gefiltert.
    Und für die Emissionen gibt es Strategien: nach der Verdünnung wurde die Abbaubarkeit von Problemstoffen entdeckt. Leider gibt man sich oft genug damit zufrieden, dass unter definierten Testbedingungen eine bestimmte Abbaurate eingehalten wird. Die Abbauprodukte dieses Prozesses werden nicht immer weiter betrachtet, selbst wenn sie potentiell gefährlich sind.

    Die EU-Kommission droht mit mehreren Klagen vor dem EuGH wegen deutschen Verstößen gegen EU-Regeln im Naturschutz.
    [Verknüpfung]

    Im Herbst 2020 setzt Agrarministerin Klöckner für sieben weitere Jahre eine Reform der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik durch (CAP 2020), die immer noch 75% der seit Jahrzehnten kritisierten reinen Flächenförderung erlaubt - mit Übergangsfristen bis 2022, bis dahin ändert sich also nichts.
    Mit dem "Insektenschutzgesetz" wurde ein Verbot von Gyphosat gefeiert - dabei läuft die Zulassung regulär aus und das Verfahren zur Verlängerung der Zulassung läuft wie eh und je weiter. Auch das EU-weite Neonicotinoid-Verbot aus 2018 ficht Klöckner nicht an; sie umgeht es z.B. mit einer deutschen Ausnahmeregelung zunächst für den Zuckerrübenanbau im Dezember 2020.
    [Verknüpfung]

    Während in der Landwirtschaft noch die Agrarindustrie-Lobby die Politik dominiert, bekommen immerhin in den Staatsforsten (Anteil 29%) zunehmend wissenschaftliche Erkenntnisse Vorzug vor dem Diktat des Profits. Von der Nutzholz-Monokultur-Plantage wandeln sich immer mehr Wälder hin zur artenreichen Naturverjüngung. Das dient auch ihrer Widerstandsfähigkeit im Klimawandel. Wald ist ein besonders deutlicher Anzeiger von Klimawandel, weil die Individuen der langlebigen Arten (sprich Bäume) im Alter ganz anderen Bedingungen ausgesetzt sind als in ihrer Aufwuchsphase.

    Die Aufregung bei uns ist groß, wenn wieder etwas sichtbar wird, das eigentlich unsichtbar bleiben soll. In einem Abwasser-Klärwerk funktionierte die Filterung grober Kunststoff-Partikel nicht.
    [Verknüpfung]
    Dabei sind die Partikel, die im Normalbetrieb den Rechen passieren, viel problematischer, weil sie ubiquitär werden - also Wind und Wasser in der ganzen Biosphäre verteilt werden. Kunststoff findet man (als Partikel) wirklich überall, genau wie DDT und andere Schadstoffe.
    [Verknüpfung]

    Es wäre sicher hochinteressant, einmal im Nachhinein die Verlautbarungen aus dem Verkehrs-, Wirtschafts- bzw. Landwirtschaftsministerium zu untersuchen, als die ersten Diskussionen zu folgenden Themen aufkamen:

    • Asbest
    • Lindan
    • Blei-Verbindungen wie Tetraethylblei
    • Chrom(VI)-Verbindungen
    • Quecksilbersalze in Abwässern
    • FCKW
    • Schwefel in fossilen Brennstoffen
    • PCB
    • etc., etc., etc..
    Interessant deshalb, weil diese Diskussionen abgeschlossen sind und die Substanzen strengen Gesetzen unterliegen.
    Die Diskussion der folgenden Themen dagegen ist noch offen:

    Die Umweltgesetzgebung, die in den 70er Jahren begonnen hat, führte zur Abwanderung vieler Industrien. Freihandelsabkommen haben diese Tendenz unterstützt, indem sie ökologisch begründete Schutzzölle verhindern und sogar per Schiedsgerichten Landesgesetze für Umwelt- und Arbeitsschutz aushebeln. Ein Teil der Biosphären-Vernichtung fand und findet deshalb einfach anderswo statt. Stattdessen hätte man internationale Vereinbarungen und Handelsbeschränkungen beschließen können, wie es z.B. bei FCKW und PCB geschehen ist. Die Gesetzgebung zu Lieferketten wurde jahrzehntelang verschleppt.
    Auch der Hausmüll, dessen Verschmutzungsproblem in den 70er Jahren noch zum wachsenden Umweltbewusstsein beitrug, verschwindet seit Jahren entweder in der Verbrennung (deren Aschen Sondermüll sind) oder im Ausland. Eine Pflicht zu Pfandsystemen oder wenigstens werkstoff-recyclingfähigen Verpackungen würde zwar die unternehmerische Freiheit gewissenloser Profite beschränken - die Regierung will diese Beschränkungen jedoch nicht vertreten, und deshalb mutet sie unserer Biosphäre immer noch solche völlig unnötigen Belastungen zu. Und der Kunde soll denken "wieder einmal ein bißchen Welt gerettet."

    Nach ihrer Selbstdarstellung der Bundesregierung müsste Deutschland auf einem guten Weg in die Nachhaltigkeit sein. Dazu hat sie eine eigene Informationsseite im Internet veröffentlicht: "Ziele nachhaltiger Entwicklung - Nachhaltig produzieren und konsumieren". Hier findet man so klangvolle Programme wie "Initiative Zu gut für die Tonne!", "Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN)", oder "Forum Nachhaltiger Kakao". Doch samt und sonders werden diese Programme von NGOs leider als mutlos, halbherzig und völlig unzureichend beurteilt.
    Besonders bemerkenswert an der Seite ist das Erste Kapitel. Hier wird im ersten Satz die Verantwortung des globalen Verbrauchers betont: "Die Verbraucherinnen und Verbraucher in Industrie- und Schwellenländern bestimmen durch ihr Einkaufsverhalten im Wesentlichen die Wertschöpfungs- und Lieferketten und damit die ökonomischen, sozialen und ökologischen Verhältnisse weltweit." Im Umkehrschluss bedeutet dies den Offenbarungseid der Ordnungspolitik. Laissez-faire, Hauptsache der Konsum wächst immer weiter, Zukunft: egal. Der Hinweis auf die Schwellenländer muss sein, damit man en passant darauf hingewiesen wird, welchen rein zahlenmäßigen Anteil der Deutsche an der globalen Ökokrise hat. Die Situation ist bei uns nicht gut, nur weil wir im Vergleich zu anderen Ländern besser dastehen. Zumal das die Länder sind, in die wir einen Großteil unserer Umweltverschmutzung in den letzten 40 Jahren aus Profit- und Akzeptanzgründen exportiert haben.
    Solche Ankündigungen und Aufforderungen zur Änderung des Verbraucherverhaltens höre ich seit meiner Kindheit in den 70er Jahren. In den 80ern schwappte die Umweltbewegung mit der Friedensbewegung nach Deutschland und zeigte erste Erfolge (Rauchgasentschwefelung, Katalysator, bleifreies Benzin, Recyclingpapier, Trend zur Mehrwegverpackung, Verbannung von Chlor und Phosphat, Plastiktütenbann, Energiesparen). Das änderte sich aber sehr bald mit der geistig-moralischen Wende zum Neoliberalismus mit der Betonung von Freiheit und Eigenverantwortung, begleitet von einer Entpolitisierung der Medien durch das Privatfernsehen. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung dachten viele, sie täten mit einem Benziner-SUV der neuesten Abgasnorm etwas für die Umwelt - dabei waren die CO2-Emissionen für die Abgasnormen völlig irrelevant.
    [Bundesregierung 2019-2]

    Für Umweltverbände ist Bareiß' Tweet blanker Hohn. Was wir uns tatsächlich leisten, ist die Vernichtung unserer eigenen Lebensgrundlagen, und zwar für ein Konsum- und Profit-Feuerwerk, dessen Ende für die Wissenschaft seit Jahrzehnten absehbar ist. Die Situation ist nicht gut, nur weil wir im Vergleich zu anderen Ländern besser dastehen. Zumal das die Länder sind, in die wir unsere Umweltverschmutzung in den letzten 40 Jahren aus Profit- und Akzeptanzgründen exportiert haben. "Unter Blinden ist der Einäugige König."
    Immerhin spricht sich herum, dass Verschmutzungen anderswo sich früher oder später auch bei uns auswirken, genauso wie die unsichtbaren Belastungen, die wir immer mehr auch selbst direkt verursachen.

    Ist doch alles grün? Ja, so etwas "kann man ja auch einmal sagen" heutzutage, aber nur, weil noch viel zu vielen der Unterschied zwischen Belastung und Verschmutzung unklar oder aber der Zustand ihrer eigenen Biosphäre vollkommen gleichgültig ist. Die Psychologie spricht von geflissentlicher Ignoranz.
    Grün ist eben nicht gleich grün: das Artenspektrum der allermeisten unserer Ökosysteme ist aus all den o.g. anthropogenen, politisch zu verantwortenden Gründen höchst eingeschränkt. Insgesamt reichen die wenigen Schutzgebiete bei Weitem nicht aus, das großflächige Artensterben zu verhindern, das paläologisch gesehen das wohl deutlichste Kennzeichen unserer Erdepoche ist: des Anthropozäns.

    Inhalt

    Die Zivilgesellschaft ist mit der Einordnung der Informationen immer noch völlig überfordert: die Krise wird verharmlost; gegen Klimaschutz wird polemisiert, werden Ängste geschürt.

    Viele Medien tun v.a. in den USA seit 30 Jahren so, als wäre Klimaskepsis keine politisch motivierte Lüge, sondern eine objektive Darstellung, die gleichberechtigt neben der Lehrmeinung der Klimawissenschaft steht. Sie konnten (oder wollten) nicht die Kompetenz der unterschiedlichen Seiten bewerten. Und so konnten Fossilökonmisten die wissenschaftliche Diskussion kurzerhand zu einer Meinungsfrage erklären. In den USA bezeichnet man unter Trump solche Aussagen heute als alternative Fakten, was in sich schon einen Widerspruch darstellt.
    [Verknüpfung]
    Der Klimapolitiker Al Gore hat seinen epochalen Film über die Klimakrise treffend "eine unbequeme Wahrheit" genannt.

    Nachdem Fossilökonomisten jahrzehntelang die ökologischen Prognosen der Wissenschaftler bestritten haben, können sie nun die sichtbaren Folgen nur noch schwer leugnen. Doch manche tun es nach wie vor.

    Der schwer zu erschütternde Ministerpräsident Australiens Morrison - er ist Pfingstkirchler - ließ sich angesichts massiver Proteste nach den epochalen Buschfeuern (von denen erstmalig auch Regenwälder betroffen waren) zu einem Eingeständnis des Klimawandels hinreißen.
    [Verknüpfung]

    Doch so, wie Fossilökonomisten in der Vergangenheit die Vorhersagen für heute bestritten, so bestreiten sie jetzt in der Klimakrise die Gültigkeit der (mittlerweile stark verbesserten) Modelle für die katastrophale Prognose der Zukunft. Es kann nicht sein, was nicht sein darf: es wird schon nicht so schlimm werden, "et hätt noch ëmmer joht jejange". Hauptsache: es geht uns jetzt gut, also warum sollten wir etwas ändern?
    [Verknüpfung]


    Si mundus vult decipi, decipiatur.
    Wenn die Welt betrogen werden will, soll sie betrogen werden.
    Scaevola
    [Wikipedia 2020 - Mundus vult decipi, ergo decipiatur]

    In deutschen Medien waren die Klimaskeptiker solange weniger präsent, wie konkrete, tiefgreifende Klimaschutz-Maßnahmen nur als Forderung einer Minderheit existierten. Zwar war das Thema Klimawandel auf dem Schirm der westlichen Zivilgesellschaften. Viele sahen den Widerspruch zwischen den Absichtsbekundungen und Beschlüssen ihrer Regierungen mit Unbehagen. Doch angesichts der erforderlichen Umbrüche sahen sich die gemäßigten Klimaschutz-Willigen überfordert. Sie beschränkten sich auf Minderung ihres persönlichen Fußabdrucks. Sie schufen damit zwar Modelle einer lebenswerten Zukunft, die sich jedoch nicht schnell genug gesellschaftlich etablieren konnten. So schritt die Klimakrise weiter fort.
    Der Mitautor der Club-of-Rome-Denkschrift "Die Grenzen des Wachstums" von 1972 Dennis Meadows gab in einem Zeit-Interview 2007 mit Fritz Vorholz die wandelnden Narrative seiner Kritiker so auf den Punkt (übersetzt):

    • "Siebziger Jahre: „Es gibt keine Grenzen.“
    • Achtziger Jahre: „Vielleicht gibt es welche, aber sie liegen in weiter Ferne.“
    • Neunziger Jahre: „Womöglich sind die Grenzen schon recht nah, aber Technik und Markt [sprich Innovationen] werden das Problem lösen.“
    • 2000: „Technik und Markt haben es leider nicht geschafft, aber mit mehr Wachstum werden wir es schaffen.“
    • Demnächst wird es heißen: „Ging leider nicht. Aber jetzt ist es zu spät, um etwas zu unternehmen.“"

    [Verknüpfung]

    Die Erklärung ist eine gigantische kollektive Verdrängung, wie sie bei jeder gravierenden Fehlentwicklung in hochorganisierten Gesellschaften früher oder später zwangsläufig auftritt. Nehme man die Kulturen des alten Rom, der Osterinsel, der Maya, der Nazca oder des Faschismus. Einem Historiker würden noch unzählige Beispiele einfallen.


    Facts do not cease to exist just because they are ignored.
    Aldous Huxley

    Über das schwierige Verhältnis einer Gesellschaft zur Wahrheit hat George Orwell sich ganz ähnlich geäußert. In der Krise kommt es zur geflissentlichen Ignoranz (siehe unten).


    If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear.
    The point is that we are all capable of believing things which we know to be untrue, and then, when we are finally proved wrong, impudently twisting the facts so as to show that we were right. Intellectually, it is possible to carry on this process for an indefinite time: the only check on it is that sooner or later a false belief bumps up against solid reality, usually on a battlefield.
    To see what is in front of one's nose needs a constant struggle.
    This business of making people conscious of what is happening outside their own small circle is one of the major problems of our time, and a new literary technique will have to be evolved to meet it.
    As time goes on and the horrors pile up, the mind seems to secrete a sort of self-protecting ignorance which needs a harder and harder shock to pierce it, just as the body will become immunised to a drug and require bigger and bigger doses.
    George Orwell
    [Wikiquote 2021 - George Orwell]

    Andere haben schon vor Orwell diesen Gedanken kürzer auf den Punkt gebracht:


    Jede keimende Wahrheit ist revolutionär gegen den entgegenstehenden herrschenden Irrthum, jede keimende Tugend revolutionär gegen das im Schwange gehende, ihr widersprechende Laster.
    Karl-Georg von Raumer
    When a society, when an institution, lives only by lies, truth is revolutionary.
    Jean Jaurès
    [Raumer 1855], in [Verknüpfung]
    [Jaurès 1898], in [Verknüpfung]

    In Anlehnung daran entstand folgendes Zitat, das fälschlicherweise Orwell nachgesagt wird, und das auch noch im rechtspopulistischen Kontext (damit bedienen sie wieder ihr Opfernarrativ von der Meinungsdiktatur). Es ist dennoch in der Klimafrage nicht weniger treffend:


    Je weiter eine Gesellschaft sich von der Wahrheit entfernt, desto mehr hasst sie diejenigen, die sie aussprechen.

    Genau - es sei denn, es sind die eigenen Kinder, die sie ausssprechen. Ganz wie in der Pointe in Hans-Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider", nur leider nicht im Entferntesten lustig. Die Erkenntnis der Krise, der drohenden Katastrophe war längst überfällig.
    [Verknüpfung]

    Doch auch drei Jahre Bedenkzeit dieses historischen Moments reicht einem Großteil der deutschen Konservativen nicht aus. Bernd Ulrich benennt das Wahlprogramm der CDU 2021 in seinem Kommentar "Mit der Union durchs Elfenland" schonungslos als "Fantasieprogramm" und spricht vom Verlust des Realitätsbezugs.
    [Ulrich 2021-2]
    Er erklärt in Jagoda Marinićs Podcast Freiheit deluxe die enorme Verdrängung mit der Vermeidung von Kränkung, die mit der Anerkenntnis des Problems verbunden wäre.


    Warum verdrängen wir das Thema? Wegen der Kränkungen, die darin enthalten sind. [...] Wir sehen uns ja als Mensch, das Vernunftwesen und die Krone der Schöpfung usw., und jetzt sind wir dabei [...] unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, Millionen und Abermillionen Tiere auszurotten. Wofür? Nicht für einen großen heroischen Kampf, im Ringen mit der Natur, nein. Dafür, dass wir mit irgendwelchen Autos durch die Gegend fahren, dass wir ständig Tiere essen wollen usw., für wirklich [...] relativ gesehen erbärmliche Bedürfnisse. Das ist so traurig, das ist so traurig für unser Menschenbild - und das alles lauert hinter diesem Klimathema. Diese ganzen Kränkungen, dieses Bild, das wir voneinander nicht haben wollen.
    Das geht aber nicht, wenn man's nur verdrängt. Man muss es wirklich ändern, man muss aus der Erbärmlichkeit 'raus. Wir müssen wieder in die Erhabenheit zurück, die der Mensch ja auch braucht, auf die er ja auch ein Recht hat in gewisser Weise.
    Bernd Ulrich

    [Marinić 2021]

    Es ist eine bittere Ironie, dass gerade Kinder eine Weltsicht der Erwachsenen kritisieren, die von Beobachtern oft als infantil gekennzeichnet wird.
    [Verknüpfung]
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    Eine infantile Haltung wird selbst von internen Regierungskreisen als politischer Leitfaden von Klimapolitik in schriftlichen Statements dokumentiert - wenn dort auch nicht dieser Begriff benutzt wird. Maja Göpel berichtet (in ihrer etwas provokativen Art) von einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats.
    Zitat:

    "2019 war ich im Auswärtigen Amt, Klima als Sicherheitsthema. Deutschland sitzt im globalen UN-Sicherheitsrat um zu diskutieren, was die Sicherheitsauswirkungen sind von Klimaveränderungen. Die Weltbank prognostiziert, wieviele Menschen vertrieben werden, weil ihre Bereiche unbewohnbar werden. Wenn so'n maledivischer Botschafter, wenn die ganzen Präsidenten da sitzen, die haben wirklich alle da auf dem Stuhl gesessen und ich bin fast hinten 'runtergeplumpst - ich war die Moderatorin - weil alle gesagt haben „wir hoffen auf die Kinder“. [Hier hätte sie mit Greta Thunberg sagen können: "How dare You?" - Anm. des Autors] Da sitzen Staatenlenkerinnen und Staatenlenker und hoffen auf die Kinder, dass die irgendwie dabei helfen, dass anscheinend eine moralische Revolution oder was immer das sein muss, sie dann legitimiert, demokratisch Veränderungen oder eben auch freiwillige Veränderungen der Gesellschaft durchzubekommen, dass sie nicht untergehen müssen. Und dann kommt so'n Mensch aus dem Auswärtigen Amt und liest „ja nö, also, hier muss alles Spaß machen, damit die Leute mit mir kommen, und hier kann man auf keinen Fall irgend jemand Veränderungen zumuten“."
    [Armbrüster 2020-1]
    [Armbrüster 2020-2] im Video ab 26'22''

    Es ist deshalb kein Wunder, dass gerade eine willensstarke Jugendliche mit Asperger-Syndrom die kognitive Dissonanz nicht ertragen, die enorme kollektive Verdrängungsleistung der unzähligen Passiven nicht mitstemmen konnte - also der nahezu kompletten restlichen Weltgemeinschaft. Greta Thunberg trat in Hungerstreik, um im Kleinen ihre Familie zu dekarbonisieren. In der Schule wirkte die staatliche Autorität auf sie ein. Diese Autorität legte ihr einerseits die Bedeutung der wissenschaftlichen Fakten nahe, andererseits erweckte sie den Eindruck, diese Fakten im politischen Handeln zu ignorieren. Für Greta war das ein - im Wortsinn - unerträglicher Widerspruch. Und diese Autorität setzte Greta ebenfalls durch Streik unter Druck, auch weil sie am Erfolg ihres Hungerstreiks in der Familie gelernt hat.


    Es sagt viel über die Welt aus, mein Kind, sagte der Vater zu dem Knaben,
    dass die Dummen glücklich sind und die Schlauen Depressionen haben.
    Marc-Uwe Kling

    Für ihre Ankündigung "I want You to panic" erntete sie viel Kritik. Dabei nahm sie nur vorweg, was auf die unzähligen Verdrängungs-High-Performer noch zukommt. Viele Fosilökonomisten, mit denen ich spreche, kommen irgendwann zur Einsicht. Ihre Reaktion ist dann aber meist Resignation: "es ist ja eh' nichts mehr zu machen." Ob das etwas mit ihrer Verdrängungsleistung zu tun hat?
    Natürlich haben sie von ihren Eltern gelernt, sich vor Frustrationen durch unlösbare Aufgaben zu schützen. Die Frage ist, ob sie auch genug Selbstbewusstsein erworben haben, sich bei großen Problemen nicht nach höheren Autoritäten umzuschauen, sondern selbst die Probleme in Angriff zu nehmen.

    Die Verdrängungsleistung wird von Psychologen als emotional wesentlich problematischer gesehen als die ehrliche Auseinandersetzung mit den Fakten. Psychologen bereiten sich schon jetzt auf massenhafte neurotische Angst-Störungen vor, verursacht durch die um sich greifende Einsicht, dass die aktuelle Politik die Klimakatastrophe befördert, ausgelöst durch eine klimaassoziierte Katastrophe. Je länger Politik und Zivilgesellschaft den Klimaschutz hinauszögern, desto größer wird diese Gefahr einer Massenhysterie.
    [Verknüpfung]
    Die Spaltung der Gesellschaft in der Klimafrage verschärft das Problem extrem, weil sie die Verdrängung der Fakten mit gesellschaftlichem Druck befördert.
    [Verknüpfung]
    Der Handlungsdruck in der Vorbereitung auf das Ende der Corona-Krise potenziert den Konflikt nochmals. Werden wir mit den Unsummen, die die Finanzkrise weiter anheizen, das komatöse alte System weiter am Leben erhalten, oder können wir sie - wie Roosevelt mit dem New Deal - für Zukunftsinvestitionen nutzen?
    [Verknüpfung]
    Doch Wut und Verzweiflung sind genausowenig hilfreich wie blindes Vertrauen in Obrigkeit, Markt und Innovation.
    [Verknüpfung]
    Die NGO Avaaz hat dazu eine vorbeugende Kampagne mit vier Prinzipien gestartet.
    1. „Untrigger“ - Nach Ausgeglichenheit streben
    2. Auf die innere Stimme hören
    3. Herzlich UND stark sein
    4. Schluss mit Gerüchten, suchen wir die Wahrheit
    [Verknüpfung]
    Mit ihrem "how dare you" appelliert Greta an die Verantwortlichen, nicht in der Jugendbewegung nach Hoffnung zu suchen, sondern selbst ihrer Verantwortung gerecht zu werden. In der Tradition anderer Menschenrechtsbewegungen ermutigt sie ihre Mitstreiter: "When we start to act hope is everywhere. So instead of looking for hope - look for action. Then the hope will come."
    [Verknüpfung]
    Sogar der Focus beschäftigt sich differenziert mit den heftigen Reaktionen auf Greta Thunberg.
    [Verknüpfung]
    Den Fatalismus, wie er z.B. vom Naturschützer Jonathan Franzen verbreitet und von Fossilökonmisten aufgegriffen wird, adressiert Stefan Rahmstorf im Spiegel:
    [Verknüpfung]

    Gretas Fähigkeit, ohne soziale Rücksichtnahme ihren Überzeugungen zu folgen, tun ihre Kritiker als soziale Dysfunktionalität ab - dabei hat sie eine Welle der Solidarität ausgelöst, die den Nebel der Verdrängung für viele endlich aufgelöst hat.

    Seitdem werden konkrete politische Maßnahmen diskutiert. Deshalb werden die Klimaskeptiker, -Relativisten und Fossilökonomisten wieder lauter. Ihre standhafte Weigerung, die Tragweite wissenschaftlicher Erkenntnisse anzuerkennen, nimmt Züge an, die Jan Grossarth in der Süddeutschen Zeitung als "anti-ökologische Hysterie" bezeichnet.
    [Grossarth 2019]

    Weil die Klimakatastrophe eine so lange Vorlaufzeit haben und die Gefahr nicht für alle nachvollziehbar wurde, konnten Konservative die vorbeugenden Gegenmaßnahmen viel zu lange blockieren. In letzter Zeit höre ich bei immer mehr Konservativen resignativen Fatalismus heraus, so wie Meadows es vorhergesagt hat. Auch das wird von konservativen Zeitungen befeuert, die von Klimaskeptikern zu Klimahysterikern werden.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Einer resilienten Gesellschaft, die fähig ist, sich konstruktiv auf die schwierige Situation einzustellen, wird durch Propaganda entgegengewirkt. Immer wiederkehrende Titelblätter wie dieses haben Abstumpfung und Fatalismus gefördert.

    [Bild-Zeitung 23.02.2007] In:
    [Verknüpfung]

    Alles in allem kann man feststellen, dass die desinformierte Zivilgesellschaft mit der Klimakrise sozialpsychologisch komplett überfordert ist. Viele Menschen schwanken zwischen vager Hoffnung auf Innovation und Verzweiflung. Urs Bruderer diskutiert im Schweizer Magazin Republik sehr treffend diese "große Überforderung" in den fossilökonomistischen Gesellschaften.
    [Verknüpfung]

    Der visionäre US-Präsident Franklin D. Roosevelt ging in der Weltwirtschaftskrise mit seinem New Deal große Risiken ein - und führte damit die größte Volkswirtschaft der Welt aus dieser Krise, die anderswo den zweiten Weltkrieg auslöste. Die Gefahr der Klimakrise ist mindestens vergleichbar, nicht umsonst wird deshalb für die Klimawende von Vielen ein Green New Deal entworfen.

    Jetzt, in der Corona-Krise kommen immer mehr Leute auf die Idee, dass solcher Mut am Ende einen Zusammenbruch und politisches Chaos doch noch abwenden könnte.

    Fossilökonomistische Politik dagegen legitimiert sich entsprechend vor allem durch eins: sie verdrängt oder verharmlost die wissenschaftlichen Zukunftsprognosen und versucht den Status quo (bzw. ante) auf Biegen und Brechen zu erhalten, indem sie die Ängste der Bürger vor allen möglichen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten befeuert.



    Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst – der namenlose, irrationale, unberechtigte Schrecken, der die notwendigen Anstrengungen verhindert, Rückzug in Vormarsch umzukehren. [...]
    Noch bietet uns die Natur die Gaben ihres Überflusses, den menschliche Anstrengungen vervielfacht haben. Vor unseren Türschwellen wohnt die Fülle, doch im unmittelbaren Anblick der Vorräte schaffen wir es nicht, sie uns nutzbar zu machen. Es liegt dies in erster Linie an der Verbohrtheit und Unfähigkeit derjenigen, die den Austausch der Menschheitsgüter zu regeln hatten.
    Es ist wahr, sie haben sich bemüht, aber ihre Bemühungen waren nach dem Muster einer überholten Tradition zugeschnitten. Angesichts des Mangels an Krediten fiel ihnen kein anderer Ausweg ein als der Vorschlag, weiteres Geld zu verleihen.
    Der Lockspeise des Profits beraubt, mit der sie unser Volk veranlasst hatten, ihrer trügerischen Führung zu folgen, haben sie ihre Zuflucht zu Ermahnungen genommen und weinerlich um erneutes Vertrauen gebeten. Sie kennen nur die Gesetze einer Generation von Egoisten. Sie besitzen keine visionäre Kraft, und wo diese fehlt, gehen die Menschen zugrunde.
    Die Geldwechsler sind von ihren Hochsitzen im Tempel der Zivilisation geflüchtet. Jetzt können wir diesen Tempel den uralten Wahrheiten wieder zurückgeben. Wie weit uns das gelingen wird, hängt von dem Ausmaß ab, in dem wir soziale Werte schaffen, die edler sind als bloßer geldlicher Gewinn.
    Das Glück liegt nicht im bloßen Geldbesitz; es liegt im Stolz auf die erreichte Leistung und in der Freude an der schöpferischen Arbeit.
    Die Freude und der moralische Antrieb der Arbeit dürfen nicht länger über der hektischen Jagd nach vergänglichen Gewinnen vergessen werden. Diese dunklen Tage werden trotz allem ihren hohen Preis wert sein, wenn sie uns lehren, dass es nicht unsere Bestimmung ist, auf Hilfe zu warten, sondern uns und unseren Mitmenschen selbst zu helfen und zu dienen. Die Erkenntnis, dass es ein Trugschluss ist, materielle Werte als Erfolgsmaßstab anzusehen, geht Hand in Hand mit der Abwertung des trügerischen Glaubens, dass öffentliche Ämter und hohe politische Stellungen nur nach dem Maßstab des Ehrgeizes und des persönlichen Vorteils zu bewerten sind. Auch muss ein Ende mit jenem Gebaren im Bank- und Geschäftswesen gemacht werden, das sich gläubigem Vertrauen gegenüber nur allzu oft als gewissenloser, selbstsüchtiger Betrug entpuppt hat. Kein Wunder, dass das Vertrauen verkümmert ist, denn es gedeiht nur auf dem Boden der Ehrenhaftigkeit, des Ehrgefühls, der Heilighaltung von Verpflichtungen, des zuverlässigen Schutzes, der selbstlosen Tat. Ohne diese kann es nicht leben.
    Zu dieser Erneuerung bedarf es jedoch nicht nur einer ethischen Wandlung. Unsere Nation verlangt Taten, und zwar sofortige Taten.
    Franklin Delano Roosevelt
    [Verknüpfung]

    Damals brach das Wirtschaftssystem unter den Folgen jahrzehntelanger Klientel- und Austeritätspolitik zusammen. Geldsysteme lassen sich neu organisieren, Güter umverteilen. Nur steht die menschliche Zivilisation heute vor dem unwiederbringlichen Verlust der irdischen Ressourcen - die man sich bislang in einer Art Gewohnheitsrecht als unerschöpflich vorstellte. Deshalb sollte man Roosevelts Vision, dass die Natur uns irgendwann ihre "Gaben des Überflusses" verweigern könnte, als frühe Mahnung begreifen.







    Da Klimaskeptiker und Fossilökonomisten in der bequemen Position sind, das bestehende erfolgreiche System zu verteidigen, ist es ihnen ein Leichtes, wissenschaftliche Warnungen vor maximal drastischen Folgen als irrational, als Hysterie oder Religion abzutun. Je extremer die politische Orientierung, desto weniger denken die Menschen in Alternativen, man spricht vom sogenannten Clandenken: wenn sich in einer Gemeinschaft eine gemeinsame Position durchgesetzt hat, müssen Abweichler mit Ausschluss rechnen. Eine solche Position ist der Fossilökonomismus. Wer als Konservativer oder Neoliberaler sich zu Klimaschutz bekennt, macht sich in seiner Gruppierung der falschen Orientierung verdächtig.
    Dieses Clandenken führt zu heftigen Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden, und fand z.B. Ausdruck in der US-amerikanischen "water-melon-" Kampagne (außen grün, innen rot), oder in der deutschen Erzählung von einer irrationalen "Klimareligion".

    Nach wie vor wird in der konservativen Springer-Zeitung Die Welt grundsätzlich gegen Klimaschutz argumentiert mit dem Niedergang der Wirtschaft. Die allzu einseitige Milchmädchen-Rechnung im Beitrag vom Wissenschaftlichen Beirat der Familienunternehmen vom Januar 2021 nimmt der Blog klima-luegendetektor genüsslich auseinander.
    [Verknüpfung]

    Nach wie vor kommen in der Welt Klimaskeptiker zu Wort; hier Maxeiner und Miersch, die Klimaaktivismus als Spielart einer alten, gefährlichen deutschen Krankheit, der "Ökohysterie" diagnostizieren; mehr dazu hier.
    [Verknüpfung]

    Die FAZ spricht von Klimaschutz als Ersatzreligion.
    [Verknüpfung]

    Cicero beklagt eine "mediale Panik", die eine Klimakatastrophe als "politische Dystopie" zeichnet.
    [Verknüpfung]

    Die Welt tut die Klimabewegung als kurzlebige Hysterie ab: "warten wir doch, bis der Klimahype abgeklungen ist"
    [Verknüpfung]

    Original:
    [Verknüpfung]

    Die drohende Klimakatastrophe wird von Klimarelativisten heruntergespielt:
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Wenn ihnen die Argumente ausgehen, greifen Fossilökonomisten in ihrer Auseinandersetzung mit der Jugendbewegung gerne zu Paternalismus, wie schon oben bei Hans von Storch zu lesen.
    Friedrich Merz (CDU) noch im Herbst 2019 über Greta Thunberg: "Ich hätte meine Tochter da nicht hingelassen".
    [Verknüpfung]

    Solche Bevormundungen gegenüber aufbegehrenden Jugendlichen sind Standard in patriarchalen Gesellschaften. Auf Demos der Klimaschutz-Schülerbewegung Fridays for Future konnte man die passende Antwort lesen.


    Fairy dust won't fix this
    Protestplakat bei Fridays for Future, Autor*in unbekannt

    Der Zeit-Redakteur Bernd Ulrich spricht von "Erwachsenwerden des Freiheitsbegriffs", der Youtuber Rezo kontert die Realitätsverweigerung der Konservativen schließlich unverblümt mit der Aufforderung: "grow the fuck up".
    [Verknüpfung]
    [Marinić 2021]

    War es das (wenn auch zu hinterfragende) Signal des BlackRock-Chefs Fink in Richtung Dekarbonisierung oder will Merz seine Chancen auf die Kanzlerschaft nicht riskieren? Jedenfalls erkannte er auf dem Parteitag im Dezember 2019 die Dringlichkeit von Klimaschutz endlich an. Doch anstatt Thunbergs couragierte Rolle in diesem Sinneswandel zu würdigen, kann er sich immer noch nicht verkneifen, auf ihre mangelnde Dankbarkeit der älteren Generation gegenüber anzuspielen - eine Gegenreaktion, die sich in seiner Wählerklientel oft beobachten lässt. Hier ein Zitat aus einem Bericht der Zeitung Merkur:

    "[Merz:] „Wenn Greta sagt, wir hätten ihr die Jugend geraubt... Nein, dann muss man sagen: Ihr hattet in dieser Generation die beste Jugend, die es jemals überhaupt in diesem Teil der Welt gegeben hat.“ [...] Doch wenn das auch für künftige Generationen so bleiben soll, so Merz, „dann müssen wir heute viel ändern“ [...]"
    [Verknüpfung]

    Politologe Albrecht von Lucke spricht von doppeltem Greenwashing, wenn Merz sich die zweifelhaften grünen Lorbeeren seines ehemaligen Arbeitgebers anheftet.


    Überflutungen wird es immer wieder geben, selbst wenn man sofort die kompletten Vorstellungen von Fridays für Future übernehmen würde.
    Friedrich Merz
    [Verknüpfung]

    Merz verschleiert mit seiner Wortwahl die Tatsache, dass es nicht "immer wieder" dazu kommen wird, sondern immer öfter. Und dass die Entwicklung des Problems sehr wohl davon abhängt, ob die Forderungen von Fridays for Future übernommen werden.


    Es ist schon atemberaubend, wie nihilistische Konservative in ein paar Tagen von „Klimawandel ist weit weg und woanders und deshalb müssen wir nichts tun“ zu „Klimawandel ist unaufhaltsam und längst passiert und deshalb können wir nichts tun“ gekommen sind.
    Georg Diez
    [Verknüpfung]

    Allen Klimaschutz-Beteuerungen der CDU-Offiziellen Merkel und Altmaier zum Trotz arbeiten im Hintergrund immer noch Klimaskeptiker und -Relativisten des rechten Parteiflügels mit voller Kraft dagegen.

    Die Schwaben Dr. Joachim Pfeiffer (energiepolitischer Sprecher) und Thomas Bareiß (Staatssekretär im BMWi) bilden mit dem Westfalen Carsten Linnemann (Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung) das "Bermuda-Dreieck der Energiewende". Diese delikate Verbindung wird beleuchtet in Autorinnen Klimaschmutzlobby, dem Standardwerk zur deutschen Anti-Klimaschutz-Lobby, von Annika Joeres und Susanne Goetze.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Pfeiffer betätigt sich besonders aktiv als fossilökonomistischer Lautsprecher der Partei.
    [Wikipedia 2020 - Joachim Pfeiffer - Energiepolitik und Klimaschutz]
    [Verknüpfung]


    Die Klimadebatte ist nur noch schwer erträglich. Für viele ist der vermeintliche Klimaschutz zu einer Art Ersatzreligion geworden.
    Joachim Pfeiffer (Mai 2019)
    [Verknüpfung]

    An dieser Vereinnahmung vermeintlich "echter" Religion formuliert Moraltheologe Prof. Michael Rosenberger von der Katholischen Privatuniversität Linz deutliche Kritik und zeigt, dass Pfeiffer - zusammen mit "extrem Rechten Parteien", die die gleiche Wortwahl benutzen - damit die Bemühungen einer dialogfähigen Kirche unterläuft.
    [Verknüpfung]
    Ganz abgesehen von der völlig gegensätzlichen Meinung des Papstes Franziskus und der deutschen Bischöfe zum Thema.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Im Laufe der Korruptionsaffäre gab Pfeiffer bekannt, dass er nicht mehr für den Bundestag antrete.
    Wer aus der Wirtschafts-Ideenschmiede der CDU weniger populistische Parolen und mehr fossilökonomistische Sachargumente im Originalton haben möchte, dem sei der CDU-Obmann des Wirtschaftsausschusses im Bundestag, Pfeiffers Stellvertreter Andreas Lämmel empfohlen. Als Vertreter von Pfeiffer stellt Lämmel sich deutlich häufiger den kritischen Fragen des Deutschlandfunk.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Auf Lämmels Homepage sucht man die Begriffe "erneuerbar" oder "Klima" vergebens (wie gesagt, ist er der Vertreter des wirtschafts- und energiepolitischen Sprechers der CDU-Bundestagsfraktion).
    [Verknüpfung] (Stand 05.06.2021)

    Carsten Linnemann nimmt 2020 in einem verbalen Rundumschlag den Diesel aus der Skandal-Erzählung und erklärt dem Bürger, wer dafür wirklich verantwortlich sei, dass der Verkehrssektor seitdem keinen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten konnte: die Deutsche Umwelthilfe DUH und das Umweltministerium BMU. Eine komplette Verdrehung der Tatsachen.
    [Verknüpfung]


    Das Bundesumweltministerium hat die Deutsche Umwelthilfe bei ihrem Kampf gegen den Diesel unterstützt und so aus einem Betrugsskandal einen angeblichen Dieselskandal gemacht. [...] Auch weil die klimaschonende Dieseltechnologie unter Generalverdacht gestellt wurde, steigen die CO2-Emissionen im Verkehrssektor an.
    Carsten Linnemann

    Dagegen spricht das Urteil des EuGH gegen Deutschland, es habe seine Bürger nicht vor den Gefahren der Stickoxid-Belastung geschützt. Linnemann agitiert hier in bedenklicher Weise gegen NGOs und wirft ihnen undifferenzierte Pauschalurteile vor - obwohl sie nur die Aufgabe des Staats übernommen haben: konkret den Ausstoß der einzelnen Modelle nachzumessen.
    [Verknüpfung]
    Merkwürdig, dass parallel zur Diesel-Abwrackprämie massiv gegen das Elektroauto Proaganda gemacht wurde. Selbst Leute, denen die damals noch geringe Reichweite für Zweitwagen gereicht hätte, entschieden sich aus anderen Gründen für den Benziner.

    Linnemanns enge Mitarbeiterin Stephanie von Ahlefeld wechselte an die Spitze der BMWi-Abteilung III (Energiepolitik – Strom und Netze), wo sie aktiv am Niedergang der Onshore-Windkraft mitgewirkt hat - so wie ihr ehemaliger Chef es 2015 gefordert hat.
    [Verknüpfung]

    Thomas Bareiß ist der für Energie zuständige parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium.

    In seinem Twitter-Feed findet man das Große 1x1 des Fossilökonomisten. Da er auch noch hier und hier zu Wort kommt, beschränke ich mich bei dieser kleinen Auswahl auf seine Auseinandersetzung mit der Klimaschutz-Bewegung:
    Bareiß geht gerne mit Fridays for future in Konfrontation.
    Er ist sich nach wie vor auch nicht zu schade für persönliche Angriffe.
    Je länger man diesen Feed durchliest, desto mehr versteht man von der Motivation der aktuellen Wirtschaftspolitik.
    [Verknüpfung]

    Nikolai Ziegler (CDU) ist als persönlicher Referent von Staatssekretär Bareiß ranghoher Mitarbeiter im Bundeswirtschaftsministerium - und zugleich 1. Vorsitzender der Windkraft-Gegner-Dachorganisation Vernunftkraft e.V..
    Im August 2019 sagt er über den Konsens der Klimaforschung: "Das mit der überwältigenden Mehrheit ist ja so eine Sache. Diese 97 Prozent, die da zitiert werden, da halte ich nichts davon.
    Erst mal wurden da im Wesentlichen Leute befragt, die irgendwie schon in dieser Klimawissenschaft drin sind. Und nicht alle Wissenschaftler. Da gibt es also auch Papiere von renommierten Leuten, die auch ganz viele Unterstützer haben, die das alles sehr kritisch sehen."
    Er macht gar kein Hehl daraus, dass die allermeisten Klimaskeptiker fachfremd sind. Von wissenschaftlichem Renommée kann man also gerade nicht sprechen, daran ändert auch eine noch so große Zahl von Unterstützern nichts.
    [Verknüpfung]
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    Thomas Bareiß ist auch Mitgründer des Berliner Kreises, einer informellen, aber einflussreichen Splitter-Gruppierung innerhalb der CDU. Der Kreis umfasst bei seiner Gründung 2012 - ein Jahr nach Fukushima, aber noch drei Jahre vor der Migrationskrise - auch die Rechtskonservativen Erika Steinbach und Alexander Gauland, der ein Jahr später eine eigene formelle "Wahlalternative 2013" für enttäuschte bürgerliche Wähler gründete und 2014 für die AfD kandidierte.
    Die Parteiführung unter dem Fraktionsvositzenden Kauder und Generalsekretär Gröhe agitierte offen gegen den Berliner Kreis und drohte mit Marginalisierung. Zitat aus einem Artikel in Die Welt:

    "Der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder erklärte, weltanschauliche Grüppchen gehörten nicht zur Tradition der Union, so etwas habe es stets nur bei der SPD gegeben. Hinter den Kulissen wurde auch angedeutet, wer ein führendes Amt behalten wolle oder in der Zukunft anstrebe, könne nicht beim Berliner Kreis mitmachen. Einflussreiche Abgeordnete, wie der Vorsitzende des Wirtschaftsflügels, Christian von Stetten, sagte daraufhin ab – und auch jüngere Konservative, wie der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, oder der Fraktionsvorsitzende in Thüringen, Mike Mohring, sagten sich daraufhin los."
    [Verknüpfung]

    Wolfgang Schäuble sprach in einer Präsidiumssitzung von "überschrittenen roten Linien".
    [Verknüpfung]
    Dass z.B. Bareiß es dennoch zum Staatssekretär an der Schaltstelle der Energiewende gebracht hat, ist ein deutliches Zeichen für den parteiinternen Machtverlust der Kanzlerin. Auch der zunächst verschreckte Philipp Lengsfeld stieß bald wieder zum Kreis. 2017 dann kritisierte der Kreis die Klimapolitik der Kanzlerin aufs Schärfste. Merkel hatte tags zuvor den Pariser Klimaschutzvertrag als „unumkehrbar“ bezeichnet und betont, es sei ein „lebenswichtiges Instrument für unseren Planeten, unsere Gesellschaften und unsere Volkswirtschaften“.
    Zitat einer Zusammenfassung in Wikipedia:

    "In einem Papier, das u. a. von Philipp Lengsfeld und Sylvia Pantel verfasst wurde, bestritt der Kreis eine „solitäre Rolle des Treibhauseffektes“, kritisierte den IPCC als „Weltrettungszirkus“ und forderte die Aufgabe des Zwei-Grad-Ziels, das auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 international vereinbart wurde. In der Erklärung wird kritisiert, dass die Folgen der globalen Erwärmung negativ dargestellt werden, hingegen sei „die mit dem Schmelzen des polaren Meereises verbundenen Chancen (eisfreie Nordpassage, neue Fischfangmöglichkeiten, Rohstoffabbau) vermutlich sogar größer als mögliche negative ökologische Effekte“. Es sei falsch, „aggressive politische Maßnahmen zur Senkung der Treibhausgase“ umzusetzen. Die Klimaforschung würde die Politik moralisch erpressen; dies müsse ein Ende haben. Beanstandet wird insbesondere die Förderung von Windenergie und Solarenergie. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sei nicht zu reformieren und solle abgeschafft werden. Auch die Förderung von Elektromobilität und Energetischer Sanierung werden in Frage gestellt, diese müssten überprüft werden. Anstelle von vorbeugendem Klimaschutz soll die Anpassung an die globale Erwärmung treten."
    [Wikipedia 2019 - Berliner Kreis in der Union - Erklärung zur Klimapolitik]
    [Pantel 2017]

    Wem das immer noch nicht radikal genug ist, der findet in der CSU-Splittergruppe "Konservativer Aufbruch" innerhalb der "Werte-Union" faustdicke Klimaskeptiker-Lügen, die seit Jahren vielfach widerlegt sind und sonst nur von der AfD vertreten werden; sie attackieren selbst die fossilökonomstische CDU/ CSU- Bundespolitik scharf und sagen gar (wie 2020 Trump beim Besuch der Waldbrände in Kalifornien) eine baldige globale Abkühlung voraus.
    [Deutschländer 2020]
    Sie nähert sich mehr und mehr der AfD an, zuletzt mit der Wahl von Max Otte zu ihrem Vorsitzenden.
    [Verknüpfung]

    Doch nicht nur marktliberale, konservative Wirtschaftspolitiker, selbst die umweltpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion CDU/CSU, Marie-Luise Dött, outete sich: sie habe sich bei ihren Wahlen in der Fraktion "gegen alle Gutmenschen durchsetzen" müssen, "um Schlimmeres zu verhindern" - immerhin hat sie seit 2005 bis heute immer eine Mehrheit gefunden.
    2010 gab sich Dött offen klimaskeptisch: die Thesen des einschlägig bekannten Klimaskeptikers Fred Singer bei einer Diskussionsrunde des Bundestages fand sie "sehr, sehr einleuchtend"
    - auch wenn sie diese Aussage später auf Druck von Kanzlerin Merkel relativierte.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    CSU-Agrarpolitiker Albert Deß verbreitet zwar seine klimaskeptischen Ansichten selten zur öffentlichen Profilierung - als sicherer CSU-Kandidat und Obmann der konservativen EVP-Fraktion im Landwirtschaftsausschuss des Europaparlaments ist er so mächtig, dass er das nicht mehr nötig hat. Deß schaffte es 2018, einen Bericht von Stuart Agnew, einem Politiker der britischen rechtskonservativen Brexit-Partei UKIP, in das wichtigste EU-Klimaschutzprogramm LIFE einzubringen. In diesem Gutachten zitierte Agnew den Klimaskeptiker Björn Lomborg, der behauptet, kosmische Strahlung sei die Ursache der globalen Erwärmung. Deß' Änderungsvorschläge wurden unterstützt von weiteren Konservativen und Liberalen wie Ulrike Müller von der bayerischen FWG. Immerhin konnten sie abgewiesen werden, der Bericht schaffte es jedoch in die Akten.
    [Wikipedia 2020 - Albert Deß]
    [Verknüpfung]
    In:
    [Verknüpfung]



    Auch die Forderungen nach der Agrarwende rufen bei Fossilökonomisten unsachliche Reaktionen hervor. Minister Friedrich (CSU) twitterte als Reaktion auf die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie über Feinstaub aus der Landwirtschaft: "Der Vernichtungsfeldzug der Ideologen frustriert vor allem viele junge Landwirte."
    [Grossarth 2019]
    Ob es sich bei den Vorwürfen tatsächlich um Ideologie handelt oder nicht, davon kann man sich hier als Naturwissenschaftler ein Bild machen, für die Fragen der Laien gibt es Suchmaschinen. Ich bin jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass die Studienergebnisse plausibel sind.
    [Verknüpfung]

    Mehr über den Lobbyismus der Fossilökonomisten weiter unten.







    Zum konservativen Narrativ gehört auch die Einschüchterung der Progressiven mit der Ansage, dass Aktivismus noch nie einen Fortschritt bewirkt habe. Diese Vorstellung liegt in der Natur des Konservativismus. Die Geschichte beweist jedoch immer wieder das Gegenteil.

    Die enormen Anstrengungen und Erfolge von AktivistInnen sind eben oft schnell vergessen, die Masse nimmt die angenehmen Folgen dann als selbstverständlich, naturgegeben hin. Tatsächlich müssen Demokratie und Menschenrechte jeden Tag gegen reaktionäre Kräfte verteidigt werden.


    Durch Ruhe und Ordnung kann die Demokratie ebenso gefährdet werden wie durch Unruhe und Unordnung.
    Hildegard Hamm-Brücher

    Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt.
    Gottfried Keller

    Aktivistinnen von Fridays for Future bekamen Angela Merkel im August 2020 die Zusage das Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten (u.a. das vom Faschisten Bolsonaro geführte Brasilien) in der jetzigen Form nicht zu unterzeichnen. Agrarministerin Julia Klöckner bestätigte diesen Schritt, betonte aber, dass es zum Schutz der deutschen Viehzüchter vor brasilianischem Billgigfleisch (das unter übelsten Bedingungen auf sogenannten Feedstocks produziert wird) zu schützen. Sicher aber spielen die Proteste in der zivilgesellschaftlichen Wahrnehmung und Wahlumfragen eine Rolle.
    Immer wieder hört man von Fossilökonomisten: "grüner Alarmismus war schon immer unbegründet". Doch ohne restriktive Gesetze der 70er und 80er Jahre sähe die "Umwelt" heute noch ganz anders aus, die CDU prahlt nicht zu Unrecht damit. Es ist nur die Frage, ob die damaligen Bürgerproteste und Umfrageergebnisse nicht auch eine Rolle dabei gespielt haben. Doch die Gesetzgebung beschränkte sich auf sichtbare Verschmutzung, bei unsichtbarer Belastung mussten immer zuerst die vorhersagbaren Schäden auch deutlich eingetreten sein, bevor Beschränkungen kamen. Der damalige Umweltminister Töpfer kritisiert jetzt die aktuelle Klimapolitik seiner eigenen Partei.
    [Verknüpfung]
    Die deutsche Regierungspolitik hat es allzu oft bei der Bekämpfung der sichtbaren "Umweltverschmutzung" belassen und sich dann auf den Erfolgen ausgeruht - die unsichtbaren Belastungen und die Verursachung von Schäden anderswo werden solange verdrängt, bis die Folgen unübersehbar werden.

    Die zuständige Fachministerin Svenja Schulze (SPD) verweigert im September 2019 bei der Frage eines Journalisten nach Deutschlands verbliebenem CO2-Budget die Auskunft. Unkenntnis oder Vermeidungsverhalten - es fragt sich, was schlimmer ist.


    Unter diesen ganzen Tonnen und so kann sich doch keiner 'was vorstellen.
    Svenja Schulze
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    Der Vorsitzende der Jungen Union Tilman Kuban ruft auf dem Deutschlandtag 2019 demonstrativ zur kollektiven Trotzreaktion gegen den konsumkritischen Zeitgeist auf, und schürt Angst vor der Verbotskultur: "Aber bei aller Bedeutung und bei allem Verständnis für das Thema Klima muss man ja heute fast beinahe Angst bekommen, wenn man im Sommer mit Freunden 'ne Flasche Bier aufmacht und 'n [...] Stück Fleisch auf den Grill legt. Ja, liebe Freunde, es soll noch Leute in diesem Land geben, die im Sommer den Grill anwerfen. [...] Und ja, es soll auch noch Leute geben, die im Sommer in den Sommerurlaub nach Malle fliegen, liebe Freundinnen und Freunde." Damit provoziert er einen stadiontauglichen Chor, den er nur lächelnd goutiert: "Aber scheiß' d'rauf - Malle ist nur einmal im Jahr."

    [Verknüpfung]

    Wer etwas Unmoralisches vorhat, sucht nach Komplizen. Kuban schwört seine Anhänger ein und spielt sich als Freiheitskämpfer auf. Um diesen Mythos geht es auch im nächsten Kapitel.


    Ich glaube an den Menschen, und das heißt, ich glaube an seine Vernunft! Ohne diesen Glauben würde ich nicht die Kraft haben, am Morgen aus meinem Bett aufzustehen.
    Bertolt Brecht - Aus dem Leben des Galilei, Szene 3






    Während die Menschheit eine potentielle (für manche jetzt schon sichtbare) Klima-Vernichtungs-Perspektive hat, ist für andere schon beim Thema Tempolimit, Kreuzfahrten oder Flugreisen jedwede Einschränkung der individuellen Freiheit unzumutbar.
    Dabei ist die Sachlage klar: ein Tempolimit senkt die Emissionen spürbar. Dazu braucht man eigentlich keine Studien, weil simple Physikkentnisse reichen. Aber gut.
    [Verknüpfung]
    Die Frage ist, welche Antworten unsere Gesellschaft auf solche krasse Spaltungen findet.

    Die kabarettistische ZDF-Serie Heute-Show zeigt, wie weit Verkehrsminister Andreas Scheuer in der Diskussion um das Tempolimit geht: bis ans argumentative Limit.


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    Hier noch eine Liste anderer Freiheiten, die wir unseren Kindern zumuten - für maximalen Luxus und Profit. Bei jedem dieser Punkte stellt sich mir die Frage, wo für den Bürger wirklich ernsthaft die Freiheit bedroht wäre, wenn man hier Einschränkungen machen würde?

    • Verschwendung ohne jede Notwendigkeit
    • ständige, sofortige Verfügbarkeit von Produkten, zu denen es gute Alternativen gibt
    • Verkauf und Bewerben von Produkten aus Produktion, die Menschen und Biosphäre ausbeutet
    • freies Design unnötiger Verpackungen
    • weite Transportwege, um die Kosten von Produktions- und Lieferketten bis in den Promillebereich zu minimieren, bei gleichzeitiger Subventionierung fossiler Brennstoffe
    • ...

    Kant sagt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Auch ohne Gesetze gibt es ethische Vorstellungen, und wenn sie sich in einer Gesellschaft durchsetzen, spricht man von Moral. Fossilökonomismus ist auch der Versuch, eine Etablierung der Klimagerechtigkeits-Ethik zu verhindern.

    Mancher klimaschädliche Zeitgenosse macht es sich da allerdings etwas einfacher und verweist auf die Verantwortung des Gesetzgebers, der ja klimaschädliches Verhalten sanktionieren könnte. Man hört jetzt oft Sätze wie: "Soll der Gesetzgeber es doch verbieten" - sagt's und steigt achselzuckend in den Flieger oder auf das Kreuzfahrtschiff. "Weil ich's kann." - Rechtfertigung des von jeglicher Klimamoral befreiten Opportunisten? Oder Ruf des unmündigen Bürgers nach Orientierung durch die Obrigkeit?
    Die Frage ist nämlich, ob dieser Bürger in der Wahlkabine die ethische Konsequenz zieht und eine Partei wählt, die von vorne herein verspricht, die Freiheit zur Zerstörung der Welt zu beschränken - oder eben nicht. Wenn die Politik Einschränkungen durchsetzen soll, muss sie den Rückhalt der Wähler spüren. Solange der zivilgesellschaftliche Klima-Verhaltenscodex lautet "tu' was Du willst", wird es immer die geben, die ihr eigenes Fehlverhalten mit dem der anderen rechtfertigen. Was in einer humanistischen Gesellschaft nicht legitim ist - in einer neoliberalen bis libertären allerdings schon. Da gilt in vielen Fragen: "alles egal, jeder so, wie er kann" - also das Recht des Stärkeren, Sozialdarwinismus.

    Die ferne Obrigkeit schiebt im Gegenzug gerne die Verantwortung auf den Bürger zurück. Im selben Atemzug bringt sie gleich noch das misanthropische Bild vom egoistischen Menschen zum Ausdruck, anstatt moralische Leitplanken zu setzen. In populistischer Weise spiegeln sie den vermeintlichen Willen des Wählers - und bekräftigen dadurch gleichzeitig seine Vorstellungswelt.


    Wir brauchen Einigkeit darüber, wieviel Recht auf Freiheit wir noch haben.
    Wir brauchen Einigkeit darüber, wieviel Freiheit noch recht ist.
    Christoph Sieber

    Die Philosophin Eva von Redecker zieht im Zeit-Interview bemerkenswerte Parallelen zwischen Wissenschaftsleugnung in der Klima- wie in der Coronakrise und denkt über falsch verstandene Freiheit nach.
    Zitat aus dem Zeit-Artikel:

    "Von Thadden: „Worüber denken Sie gerade nach, Eva von Redecker?“
    Von Redecker: „[...] Das Privileg des 21. Jahrhunderts wird es sein, nicht reisen, auswandern oder gar fliehen zu müssen. Sondern einen Ort zu haben, der bestehen bleibt, von dem man nicht wegmuss. Es stellt sich dramatisch die Frage: Wie können wir auf anständige Weise diese Orte teilen, wie sie erhalten und für die Welt öffnen? [...] Ich beobachte entsetzt, wie stark sich derzeit in verschiedenen Gruppen der Freiheitsbegriff verkettet mit einem Recht, zu zerstören und Leben zu gefährden. Man spürt offenbar seine Freiheit nur, wenn man sie wüst verwenden kann: Die Meinungsfreiheit ist erst zu spüren, indem man andere verletzen darf, die Konsumfreiheit, indem man in Benzinschleudern fahren kann, und die öffentliche Bewegungsfreiheit, indem man anderen ins Gesicht husten darf. Die liberale Freiheit der Wahl ist ja bereits ein recht enger Freiheitshorizont, aber hier verfinstert sich dieser noch autoritär. Solche Freiheit gebärdet sich als gefährliche Rücksichtslosigkeit, wenn wir die Schranke, die die anderen für uns sind, einfach durchbrechen wollen. In meinen Augen beruht diese Haltung darauf, dass wir den modernen Bürger nach dem Modell des Eigentümers konzipiert haben, der in seiner eigenen Domäne nach Belieben schalten und walten kann. Hinzu tritt eine schräge Euphorie, die derjenige verspürt, der mit dem Rest der Welt gleich auch die Realität aus seiner Domäne aussperrt. [...] Die protestierende Minderheit lebt in der Illusion, dass die Realität des Virus nicht existiert. In diesem Freiheitsverständnis zeigt sich ein Weltverlust in beängstigendem Maßstab. Es ist ein berauschendes Phantasma, die Probleme abzustreifen, in denen wir leben, anstatt sie handelnd zu lösen. [...] Hannah Arendt hat von der Banalität des Bösen gesprochen als einer Unfähigkeit, sich seiner Vorstellungskraft zu bedienen. Diese Banalität hat heute eine Entsprechung: Man sieht nicht und will nicht sehen, wie die Welt aussehen wird, wenn wir weiter der Freiheit nachgehen, Lebensgrundlagen zu zerstören. Gegenwärtig wird es ja, ob klimapolitisch oder im Blick auf die Pandemie, fast als ein Recht eingefordert, sich dumm und blind zu stellen gegenüber den Handlungsfolgen. Das erscheint mir als Freiheitsverlust. Es führt zu Handlungsunfähigkeit. Die Umweltbewegung aber, vom Bündnis Ende Gelände bis Fridays for Future, mahnt zur Realität und zur Zukunftsvorstellung. [...] Diese Pandemie zeigt schließlich auch eine Krise unseres Naturverhältnisses an. Sie macht mit Nachdruck deutlich, dass unsere gesellschaftlichen Dynamiken das Leben und Atmen aufs Spiel setzen. Insofern stärkt sie langfristig vielleicht auch die Umweltbewegung.“
    Von Thadden: „[...] Was unterscheidet den Protest der Corona-Skeptiker vom Protest der Klimaaktivisten?“
    Von Redecker: „Ich versuche gegenwärtig, die Formen und Akteure des Protests in Bezug auf den Begriff des Lebens zu verstehen. Dieser Bezug ist auf beiden Seiten grundverschieden. Die Besitzstandswahrenden nehmen das Sterben oder Aussterben vieler Lebewesen in Kauf, zugunsten des eigenen Lebens. Dafür hegen sie das Lebendige herrschaftsförmig zum eigenen Vorteil ein, ob es um die Grenzschließung gegenüber Flüchtenden geht, die Leugnung der Realität des Virus oder um ein nutzenorientiertes Naturverhältnis. Die andere Seite der Protestierenden versteht hingegen das planetare Leben als einen Zusammenhang wechselseitiger Abhängigkeit, ihnen geht es darum, das Gedeihen auch der gefährdeten Lebewesen zu fördern [...].“"
    [Von Thadden 2020]


    Es ist ein berauschendes Phantasma, die Probleme abzustreifen, in denen wir leben, anstatt sie handelnd zu lösen.
    Eva von Redecker

    Wo eine Wissenschaftlerin sich in Zurückhaltung üben muss, kann ein politischer Redakteur etwas deutlicher werden. Jan Roß von der Zeit spricht Klartext.
    Zitat:

    "Der Verlotterung begegnet man am krassesten in einer vulgärlibertären Mentalität, die sich als Antwort auf die Covid-Restriktionen herausgebildet hat. Dies ist die Ideologie der Maskenverweigerer oder von AfD-Politikern, die mitten in der Pandemie Präsenzparteitage abhalten und Corona-Schutzvorkehrungen unter Diktaturverdacht stellen: Ich denke gar nicht daran, mich einzuschränken oder mein Verhalten zu ändern; das ist eine autoritäre Zumutung. Freiheit bedeutet hier das Recht auf Ignoranz und Rücksichtslosigkeit, moralisch aufgehübscht als Widerstand gegen einen übergriffigen Bevormundungsstaat.
    Diese Art Vulgärfreiheitlichkeit ist übrigens nicht auf die Covid-Debatte beschränkt, man kennt sie auch als Abwehrgeste gegen das Ansinnen ökologischer Lernvorgänge: Da werden dann der Verzehr von Billigschnitzeln oder die Raserei auf der Autobahn zu Akten des Nonkonformismus, der Selbstbehauptung des Bürgers gegen obrigkeitliche Gängelei erklärt. Das alles lässt sich nur als intellektuelle und moralische Regression verstehen, als eine Art trotziges Heimweh nach der Dreijährigkeit. Wenn die Freiheit solche Freunde hat, braucht sie eigentlich keine Feinde mehr."
    [Verknüpfung]

    Will sagen, dass der kollektive Missbrauch der persönlichen Freiheiten auf Kosten Anderer dazu führen kann, dass die daraus resutierenden Krisen ohne Repression nicht mehr zu bewältigen sind.
    Weil sie so treffend sind, noch einmal die wichtigsten Sätze als hervorgehobenes Zitat:


    Man kennt [Vulgärlibertarismus] auch als Abwehrgeste gegen das Ansinnen ökologischer Lernvorgänge: Da werden dann der Verzehr von Billigschnitzeln oder die Raserei auf der Autobahn zu Akten des Nonkonformismus, der Selbstbehauptung des Bürgers gegen obrigkeitliche Gängelei erklärt. Das alles lässt sich nur als intellektuelle und moralische Regression verstehen, als eine Art trotziges Heimweh nach der Dreijährigkeit.
    Wenn die Freiheit solche Freunde hat, braucht sie eigentlich keine Feinde mehr.
    Jan Roß

    Ich möchte dem noch etwas hinzufügen.


    Die Bremser im Corona- und Klimaschutz spielen sich gerne als Kämpfer für die Freiheit auf.
    Wenn die Freiheit solche Freunde hat, braucht sie keine Feinde mehr.
    (nach Jan Roß)

    Das Absurdeste ist, dass gerade autoritäre Populisten am lautesten gegen Einschränkungen zum Schutz gegen Corona- und Klima-Krise schreien. Gerade sie verdrehen schnell die Begriffe, reden von "Klimadiktatur" und "Coronadiktatur". Doch sollte sich in irgend einer Krise herumsprechen, dass China damit wesentlich erfolgreicher zurechtkommt als Europa (so wie gerade mit der Corona-Pandemie), könnten Autoritäre auch bei uns die Macht übernehmen. Gemäß dem Wahlspruch der SPD um 1900: "Nur die allerdümmsten Kälber wählen den Metzger selber." In den USA konnte im Januar 2021 die faschistische Katastrophe um ein Haar abgewendet werden, zumindest für vier Jahre.

    Weniger dramatisch, doch umso leichter vermittelbar, drücken es die Prinzen in ihrem Lied zum Comeback 2021 aus.

    "Songtext zu „Dürfen darf man alles“

    Darf man Frauen überhaupt noch Komplimente machen?
    [...] Oder über nicht korrekte Witze lachen?
    [...] Darf man schneller reden, als es der Verstand erlaubt?
    [...] Oder Sachen sagen, die man selbst nicht glaubt?
    [...]
    „Was darf man denn eigentlich noch heutzutage?“
    Nachts liegst du wach und stellst dir diese Frage
    Die du ja kaum noch zu fragen wagst
    Doch deine Oma hat immer gesagt
    Dürfen darf man alles
    Müssen muss man nichts
    Können kann man vieles
    Doch was woll'n wir eigentlich?
    Keiner muss ein Schwein sein
    Denk nicht an dich allein'
    Wenn das der Fall ist, dann sag' ich:
    Dürfen darf man alles

    Darf man mal so eben in die Südsee jetten?
    [...] Fleisch, Thunfisch, Robben und Delfine essen?
    [...]
    Manche glauben, dass die Welt sich gegen sie verschwört
    Manche meinen, dass die Wahrheit doch nur ihn'n gehört
    Manche sagen, was sie denken, dann sagen sie danach
    Dass man heutzutage ja nichts mehr sagen darf

    Dürfen darf man alles
    Müssen muss man nichts
    Können kann man vieles
    Doch was woll'n wir eigentlich?
    Keiner muss ein Schwein sein
    Denk nicht an dich allein'
    Wenn das der Fall ist, dann sag' ich:
    Dürfen darf man alles
    "

    [Verknüpfung]

    Kants kategorischer Imperativ lässt sich so interpretieren: die Freiheit des einen hört da auf, wo die des anderen anfängt - das sind heute v.a. die Klimaopfer der Dritten Welt (nur weil die Opfer so weit weg sind, empfinden die meisten kein großes Mitleid); zu Kants Zeiten lebte man noch ziemlich nachhaltig, und die Zivilisation hatte noch große Räume zur Ausdehnung; und so würde das schon einmal bedeuten: je mehr Menschen da sind, desto begrenzter werden die Ressourcen für jeden einzelnen.
    Unsere extraktivistische (ausbeuterische) Lebensweise ist zutiefst nichtnachhaltig; man darf den kategorischen Imperativ nicht nur in räumlicher, sondern muss ihn endlich auch in zeitlicher Dimension denken, wie Hans Jonas es schon 1979 forderte. Im Respekt auf die Menschen der Zukunft muss man Kant hinzufügen: die Freiheit der einen Generation hört da auf, wo die der nächsten anfängt. Die Jugend hat ein Recht auf Zukunft - das müssen die Alten endlich anerkennen.

    Liberale flüstern den Konservativen ein, diese Forderung sei nicht gerechtfertigt, da sie dem Gewohnheitsrecht der Alten zuwiderlaufe, und insgeheim sichert man sich gegenseitig Komplizenschaft zu.
    Zwar fordern in der Corona-Krise v.a. alte Menschen von der Jugend zu Recht, Rücksicht zu nehmen auf die Risikogruppen, indem sie die Ausbreitung des Virus durch disziplinierte Isolation zu bremsen. Zuwiderhandeln wird moralisch streng bewertet. Doch in einem Atemzug versuchen Fossilökonomisten die moralischen Appelle der Jugend auf klimagerechtes Verhalten als Hypermoral abzutun.
    [Verknüpfung]


    Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?
    Viktor Frankl

    Es war ein großer Erfolg der Klimabewegung, dass das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil gegen das "Klimapaket" von 2019 genau diese Forderung an die Gesetzgeber unterstützt hat.







    Betrachtet man das Problem nicht mit der üblichen nationalen Brille, sondern global, dann sieht man gleich mittel- bis langfristige Probleme, über die allein man schon nicht hinweggehen kann.
    Die Verwerfungen, die unsere Eingriffe im Globalen Süden angestoßen haben, sind jetzt schon gravierend. Die Bedrohungen durch Klimawandel sind schon heute vielerorts existentiell. Doch sie sind nichts im Vergleich zu dem Chaos, das sich im Laufe einer Klimakatastrophe früher oder später einstellen wird. Steigende Meeresspiegel und verheerende Flutkatastrophen werden genauso wie Dürren und Zusammenbrüche von Ökosystemen einen nie gekannten Migrationsdruck und Aggression gegen die Verursacher auslösen. Und selbst wenn sich die Industrieländer eine Zeitlang anpassen können, ist dies keine Rechtfertigung für die Verweigerung von Klimaschutz. Es ist im Gegenteil eine sozialdarwinistische Herabsetzung der Menschen, die sich nicht (werden) anpassen können. Wie auch immer, das Überschreiten von Kipppunkten wird sehr wahrscheinlich das Überleben auch einer noch so kleinen Elite unmöglich machen. Wir spielen Russisch Roulette, und mit jeder Runde legen wir mehr scharfe Patronen ein.

    Aber auch mit dem kurzsichtigen Blick durch die nationale Brille zeigen sich zunächst Probleme durch die galoppierende Ungleichverteilung.
    Eine Standard-Erzählung zur Rechtfertigung von Ungleichheit lautet: "Das haben wir uns hart erarbeitet." Sie wird besonders laut von den wenigen Menschen vorgetragen, die ihren Besitz besonders zur Schau stellen - selbst dann, wenn sie reiche Erben sind. Was wiederum mit wachsender Ungleichheit auch zunehmend der Fall ist. Dabei wird die Externalisierung der Kosten, und auch der Mühen, immer bewusst ausgeklammert. Neben diesen gesellschaftlichen Altlasten wird zunehmend die existentielle Bedrohung durch die Klimakrise sichtbar. Dennoch schaffen Fossilökonomisten es noch immer, diesen Blick zu verklären und damit Klimaschutz zu verhindern.
    Zunächst adressieren sie die Allgemeinheit, indem sie so tun, als sei die Verfügbarkeit von Konsumgütern und Energie eine Selbstverständlichkeit, eine Art Menschenrecht der Industrieländer. Viele alte Senioren haben nicht den Eindruck, dass ihr persönliches Glück seit einem halben Jahrhundert in demselben Maße gewachsen sei wie der Konsum. Es ging den Menschen damals nicht wesentlich schlechter, aber bei einem Bruchteil des heutigen Konsums.
    Sicher hat Klimaschutz auch Verzichts-Elemente, doch wenn das Glück der Menschen derart von ihrem Konsum abhängt, ist es doch sehr fragwürdig. Die scheinbare Harmlosigkeit der Werbung hat in den Köpfen Bedürfnisse erzeugt, die schnell zu Gewohnheiten und suchtähnlichen Abhängigkeiten führten. Neil Postman brachte die Inhaltsleere der enthemmten Konsumgesellschaft mit seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" zum Ausdruck.
    Ja, es gibt auch Nachteile beim Klimaschutz. Sicher wird es für alle etwas weniger bequem werden, die Frage ist nur, ob wir das auch als Unglück empfinden müssen. Aber Fossilökonomisten konstruieren daraus eine soziale Frage und tun so, als gäbe es dabei nur Nachteile - dabei verschweigen sie geflissentlich den Vorteil, dass die Menschheit sehr wahrscheinlich keine andere Überlebenschance mehr hat.
    Und anstatt die Potentiale für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu betonen, betreiben Fossilökonomisten ihre Spaltung. Sie spielen regelrecht mit sozialem Sprengstoff, wenn sie die Frage nach Klimaschutz zu einer Frage der sozialen Gerechtigkeit stilisieren, und damit die prekäre Situation vieler Menschen bei uns instrumentalisieren. Diese unübersehbar vorgeschobene Argumentation sorgt immer wieder für heftige Kritik.
    [Pausch 2019]
    [Zacharakis 2021]

    Zeit-Ressort-Chefredakteur Bernd Ulrich bringt das Problem beim Polit-Talk Anne Will im September 2019 klar auf den Punkt:


    Im Namen der Armen billiges Fleisch - und alle essen dieses Fleisch.
    Im Namen der Armen müssen die Benzinpreise unten gehalten werden - und alle rasen damit [...].
    Im Namen der Armen Billigflüge - und alle fliegen billig.
    Sie müssen das durchbrechen, und das tun sie nicht.
    Sie berufen sich auf die Armen, um nichts zu tun.
    Bernd Ulrich

    Die (leider anonyme) Twitter-Teilnehmerin Dagmar (@nur_Dagmar) setzt noch einen d'rauf:



    Wenn es [...] einen Entschuldigungszettel fürs Nichtstun braucht, sind die Armen grad recht und billig, geht es aber um Bekämpfung d[er] Armut selbst, dann heißt es "unsere TEUREN Armen"[.]
    Anonym
    [Verknüpfung]

    Der Deutsche Meister der fossilen Desinformation Peter Altmaier weiß sehr wohl, dass er sich mit der Instrumentalisierung der Benachteiligten dem Vorwurf der gesellschaftlichen Spaltung aussetzt. Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er sich, und dreht den Spieß um. Wer CO2-Abgaben fordere, betreibe gesellschaftliche Spaltung. Als wäre die CDU die Partei der Mieter und Niedriglöhner, und als würde im Klimaschutz kein sozialer Ausgleich mit bedacht.
    [Verknüpfung]

    Die Liberalisierung der Märkte bezüglich Umwelt- und Menschenrechtsstandards wird in den Industrieländern von den ersten Lebensmittelfabriken an gefeiert als neuer Wohlstand für die Massen. Dabei wird dieser Wohlstand teuer bezahlt - nur nicht von der Industriegesellschaft des hier und jetzt. Die horrenden Kosten dieses scheinbaren "Wohlstands" werden nur externalisiert, d.h. abgewälzt auf andere Menschen. Davon leben die einen an anderem Ort, wo sie unter den menschenunwürdigen Bedingungen des globalen Lieferkettensystems schon heute leiden oder zugrunde gehen. Die anderen leben zu einer späteren Zeit, in der sie unter dem Ökozid leiden oder zugrunde gehen werden.
    Sehr anschaulich bringt das der Welterschöpfungstag zum Ausdruck, für den Jahr für Jahr ein früheres Datum berechnet wird.
    Erklärt man Zeitgenossen, wie allein die meisten Produkte in den Supermärkten das Anthropozän und Menschenrechtsverstöße vorantreiben, verfallen viele in Fatalismus: "ja, man kann dann ja gar nichts mehr kaufen." Was sie natürlich nicht tun, mangels Anerkennung der Alternativen. Es ist für sie einfacher, die Seriosität von Bio- und FairTrade-Zertifzierung anzuzweifeln.
    Dass die Externalisierung weniger ihrem Wohlstand als der Maximierung von Profiten Anderer dient, ist Vielen zwar klar. Aber die Unwägbarkeiten von Umstrukturierungen im Wirtschaftssystem machen ihnen Angst, die häufig von konservativen und wirtschaftsliberalen Kräften geschürt wird. Dabei ist zu beobachten, wie die Konservativen mit den Gefahren des Rechtsextremismus spielen. Einerseits werden Rechtsextreme verurteilt, andererseits lässt man sie gewähren, um dem Rest der Bevölkerung die vermeintlichen Gefahren vor Augen zu führen, die bei linker Politik drohen.
    [Verknüpfung]
    Dass bei der Externalisierung besonders häufig Kapital im Spiel ist, das in sogenannten Steuerparadiesen von Besteuerung verschont wird, sollte nicht verwundern.
    So zeigen Untersuchungen eine besonders hohe Finanzierungsrate besonders ökozider Investments aus Steuerparadiesen. Zwar leben die Investoren häufig in Ländern mit höheren Umweltstandards, doch diese versagen in der Durchsetzung internationaler Transparenzregeln - denn auf den Freihandel mit ihren Industriegütern wollen sie nicht verzichten.
    [Verknüpfung]
    In den USA sieht man, wie die extreme Externalisierung einen Staat irgendwann in die Krise führt, ähnlich wie im Alten Rom. Der Politologe Patrick Deneen analysiert in der Zeit die Krise des Liberalismus in den USA. Dort beschreibt er: "Viele Menschen glauben, dass wenn sie nur genügend Kaufkraft für billige Produkte haben, dies die fehlende ökonomische Absicherung ausgleicht." Eine moderne Form des römischen panem et circenses (Brot und Spiele): carnem et circenses, Fleisch und Spiele.
    [Verknüpfung]

    Buchtips:
    Stephan Lessenich. Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser 2016
    Patrick Deneen. Warum der Liberalismus gescheitert ist. Müry Salzmann 2019

    Zu der oben beklagten Verzerrung der sozialen Frage bei uns gibt es eine Entsprechung. Es geht um ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. "Wenn wir die Handys, Klamotten etc. nicht kaufen würden, gäbe es dort ja gar keine Arbeit." Bei Verdrängung der bekannten Skandal-Bilder aus den Sweat Shops kann man von einer vorgeschoben Begründung sprechen - doch das dürfte schon schwer fallen. Es ist wohl in vielen Fällen eher postkolonialer Zynismus. Prominentes Beispiel für diese Darstellung ist Irina Kummert, Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft.

    Die Lehre des Neoliberalismus aus dem Ende des Kommunismus wurde gründlich verinnerlicht: "Ohne ausreichenden Konkurrenzdruck des Arbeitsmarktes strengt sich die Mehrheit der Menschen nicht genug an." Wende-Kanzler Kohl spricht von einer "geistig-moralischen Wende" und der von der SPD abgefallene Koalitionspartner FDP drückt es in Verdrehung der Tatsachen positiv aus: "Leistung muss sich wieder lohnen". In Konsequenz dieser Erzählung wurden unter dem nächsten Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Arbeitnehmerrechte faktisch gestrichen, indem man eine Zwei-Klassen-Arbeitnehmerschaft zugelassen hat. Arbeitslosigkeit ist ein Teil des Systems.

    Viele Arbeitnehmer wissen heute vor lauter Konkurrenzdruck nicht, wie sie genug Zeit für die vielen prekären Minijobs aufbringen können, um überhaupt ein Auskommen zu haben. An Zeit für Selbstverwirklichung oder Kinderbetreuung und -Förderung ist nicht zu denken. Gleichzeitig wachsen die Profite der Geldaristokratie in den Himmel, und es gibt Millionen Arbeitsloser.

    Dabei könnte man einkommensschwachen Haushalten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, ohne durch die liberale Gesetzgebung den Unterbietungswettbewerb auf Kosten von Lebensqualität und Gesundheit von Beschäftigten und Kunden, und genauso von Nutztieren und natürlich vor allem der Biosphäre (= Überlebensressourcen der Zukunft) immer weiter zu befördern.
    Diese Haushalte müssen ja auch bei Miete und Heizkosten, oft genug schon beim Einkommen unterstützt werden. Höhere Löhne werden politisch nicht durchgesetzt, weil die Unternehmen dann nicht den gewünschten Profit generieren würden.
    Die Finanzierungslast des Staates wurde im Neoliberalismus immer mehr auf die Schultern des Lohnsektors und auf Verbrauchssteuern verlagert. So geht ein Großteil der Steuereinnahmen auf Mineralöl-, Mehrwert- und Stromsteuern zurück. Die Braunkohlekraftwerke dienen direkt der Finanzierung rheinischer Kommunen. Das Dilemma besteht darin, dass der Staat sich direkt aus Ressourcenvernichtung finanziert, also daran heute vital interessiert ist, morgen aber daran zugrunde gehen könnte.
    Eine Lösung dieses Problems wäre eine Entlastung des Lohnsektors auf Kosten der Unternehmensgewinne, die von immer mehr Ökonomen gefordert wird, nach dem Vorbild der Ökosteuer. Verbrauchssteuern müssten entsprechend verstärkt zur ökologischen Transformation der Gesellschaft, sprich Decarbonisierung eingesetzt werden, und weniger zur Steuerentlastung von Profiteuren.

    Weiter unten Einzelheiten zur Wirtschaftlichkeit bei den Themen Energieversorgung, Mobilität (hier und hier) sowie Ernährung.

    Was macht die Wohlstandsgesellschaft jedoch mit all dem Geld, das sie bei der Ernährung spart?
    Mit den Segnungen der Fossilökonomie wurde eine Art von Wohlstand für alle geschaffen, die einen nie dagewesenen Konsum ermöglicht. Einen Konsum von Produkten, die man eigentlich für ein erfülltes Leben nicht oder zumindest nicht in dieser Menge wirklich braucht. Von denen dennoch kulturbedingt viele denken, sie können ohne nicht leben.

    D.h. nicht zwingend, dass damit das Lebensglück gestiegen ist, meint Ökonom Richard Easterlin, man spricht seit 1974 vom Easterlin-Paradox.
    Justin Stevens und Betsey Wolvers versuchen seitdem, Easterlin zu widerlegen. Der Ökonom Mathias Binswanger diskutiert 2011 den Streit in der Zeit, sieht die Datenlage der Gegner aber recht dürftig.
    [Verknüpfung]

    Die Krise der Arbeit spannt sich auf zwischen Burn-Out und Bore-Out.
    Manche verausgaben sich bis zur Erschöpfung, um einen Überfluss zu erwirtschaften, den sie nie wirklich würdigen können. Viele stürzen sich in einen Hyperkonsum, der nichts mit Lebenskunst zu tun hat - also nicht wirklich Anlass gibt, glücklicher zu sein. Er bedingt dafür weitere, gigantische Zerstörung von Ressourcen. Auch wenn ihr Anteil an der Zerstörung der Ressourcen empörende Dimensionen hat, werden ihre politischen Vertreter nicht müde, das Klimaproblem der wachsenden Bevölkerung der Entwicklungsländer anzulasten.

    In der Einleitung seines Buchs "Tretmühlen des Glücks" bringt Binswanger dieses Dilemma, das indirekt aus dem Wachstumszwang entsteht, auf den Punkt.
    Zitat:

    "Aus ökonomischer Sicht geht es bei der Suche nach der Verwirklichung eines glücklichen Lebens um einen zweistufigen Prozess. Erstens müssen wir ein Einkommen erzielen, damit wir uns die Dinge überhaupt leisten können, die wir für ein glückliches Leben brauchen. In dieser Hinsicht sind wir in den Industrieländern im Allgemeinen Profis. Von klein auf lernen wir die Fähigkeiten, die es braucht, um in der Arbeitswelt Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen. Leider reicht das aber nicht aus, wie viele Menschen in ihrem späteren Leben schmerzlich erfahren müssen. Man muss auch in der Lage sein, das verdiente Einkommen so zu verwenden, dass es tatsächlich glücklich macht. Das ist die zweite und noch schwierigere Stufe bei der Verwirklichung eines glücklichen Lebens. Und in dieser Beziehung sind wir oft grauenhafte Amateure.
    So gut wir beim Geldverdienen sein mögen, so schlecht sind wir bei der Umsetzung des Einkommens in Glück oder Zufriedenheit. Die dafür erforderlichen Fähigkeiten, die sich mit dem französischen Begriff „Savoir-vivre“ oder dem deutschen Wort „Lebenskunst“ umschreiben lassen, werden uns in der Schule nicht beigebracht.
    Ein Mensch, der nur ans Geldverdienen und Karrieremachen denkt, handelt in Wirklichkeit unökonomisch, weil er damit sein Glück nicht maximiert. Er verhält sich ineffizient und zwar in dem Sinn, dass er seine ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht optimal nutzt. Die wesentlichen Ressourcen für den einzelnen Menschen sind Zeit und Geld. Das Ziel muss sein, den optimalen Mix von Zeit und Geld zu finden, der zu einem möglichst glücklichen Leben führt."
    [Verknüpfung]

    Eine besondere Blüte der modernen Management-Unkultur bezeichnet David Graeber mit dem Titel seines letzten Buchs als "Bullshit Jobs": viele Stellen in mittleren Management-Positionen würden nur besetzt, um den Vorgesetzten mehr Bedeutung zu verschaffen. Entsprechend berichten Betroffene von sinnentleerten Tätigkeiten.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Man sollte meinen, dass manch einer damit zufrieden sei. Das mag in Einzelfällen vorkommen, doch solche Leute suchen i.d.R. nicht nach hoher Qualifikation. Die Folgen gehen bis hin zum sogenannten Bore-Out.
    [Verknüpfung]

    Mechanisierung und Externalisierung haben letztlich zu einer Verschärfung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt geführt. Durch stetiges Wachstums des Konsums wurde diese Entwicklung zwar abgemildert. Aber das hat nicht nur seine Grenzen, sondern ist auch extrem fragwürdig, wenn es nicht vorrangig der Mehrung des Glückes dient.


    In der ökonomischen Theorie ist Wachstum ein Mittel und nicht ein Zweck. In der Realität ist dieses Mittel aber längst zum Zweck geworden, und kaum jemand spricht heute mehr von einem glücklichen Leben, wenn es um wirtschaftliche Fragestellungen geht.
    Mathias Binswanger
    [Verknüpfung]

    Doch gerade in dem Moment, wo die Ökonomie (viel zu spät) die Grenzen des Wachstums erkennt, kommt die Vierte Industrielle Revolution durch Künstliche Intelligenz.
    Die Krise der Arbeit in den Industrieländern wird hierdurch nochmals verschärft: es gibt künftig noch viel weniger Arbeit, da nach dem Weg-Mechanisieren unqualifizierter Handarbeit jetzt auch die qualifizierte Handarbeit von Robotern, und selbst qualifizierte Kopfarbeit von Rechen-Maschinen übernommen wird.

    So haben alle bei der Ölparty fröhlich mitgemacht und Bedenken erfolgreich beiseite geschoben. Party, als gäb's kein Morgen. Und jetzt will niemand die Party verderben.
    Wo früher Verzicht und Sparsamkeit als Tugend galt, wird in der postmodernen Zivilgesellschaft der zukunftsvergessene Konsum zur sinnstiftenden Bürgerpflicht und zum unverzichtbaren Gewohnheitsrecht verklärt.
    So war es jahrzehntelang - und so soll es nach dem Narrativ der Fossilökonomisten auch unbedingt bleiben.
    [Verknüpfung]
    Dazu mehr im nächsten Kapitel.






    Das neoliberale Narrativ ist misanthropisch: jeder sei - gemäß seiner "Natur" - sich selbst der Nächste, der Glaube an Solidarität sei naiv. Verzicht widerspreche der menschlichen Natur, meint die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU).
    Demokratie legitimiert sich im Neoliberalismus als Garant einer Freiheit, in der der Homo oeconomicus seinen Egoismus möglichst frei von Grenzen ausleben kann. Damit steht er in der zynischen philosophischen Tradition von Macchiavelli, Malthus und Hobbes.
    [Schröder 2019]
    Dass man sich damit wissenschaftlich abseits der Primaten-Biologie und der Anthropologie stellt, ist den Verfechtern dieser Darstellung egal. Auch dieser eklatante Konflikt mit dem wissenschaftlichen Kanon wird in das Reich der Meinungsfreiheit verdrängt. Selbst Babies, die noch nicht am Vorbild lernen konnten, zeigen Zuneigung zu kooperierenden Agenten, und Abneigung gegen destruktive.
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    [Uchatius 2020]
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    Menschen mit dieser Vorstellung sind natürlich soziale Bewegungen suspekt, oft bis hin zur Aversion. Die wird z.B. deutlich, wenn Konservative sich mit den Folgen der 68er-Revolution auseinandersetzen, wie 2007 der damalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Sie beklagen eine heuchlerische Simulation von Altruismus, den sie abfällig "Gutmenschentum" nennen. Ein Begriff, der mittlerweile zum Stammvokabular der AfD gehört. Wenn einem nichts mehr einfällt, um das eigene Fehlverhalten zu rechtfertigen, diskreditiert man die Kritiker.
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    Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie e.V. (BDI), überträgt das neoliberale Menschenbild auf die Gesellschaft und erklärt die Klimaproteste für aussichtslos: "Kein Staat strebt Klimaschutz an, wenn der Preis dafür der eigene Wohlstand ist."
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    Meinungsmacher, Politiker und Medien haben diese Narrative derart penetrant verbreitet, dass ein Großteil der Bevölkerung davon fest überzeugt ist.

    Der Groninger Prof. Tom Postmes spricht z.B. von erschreckenden 97% seiner Sozialpsychologie-Erstsemester. Andreas von Westfalen beleuchtet Postmes' vielfältige, sehr lesenswerte Erkenntnisse im DLF.
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    Die Konsequenz aus dem misanthropischen Menschenbild: Das Gemeinwohl muss im Neoliberalismus gegenüber der Freiheit des Einzelnen, also auch dem Profit, zurückstehen. Das Sprichwort "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht" bringt die ethische Basis des Neoliberalismus zum Ausdruck: einen ungeschminkten Sozialdarwinismus.

    In einer von derartigen Narrativen entsolidarisierten Gesellschaft wird das Individuum nur schwerlich ein Bewusstsein für kollektive Verantwortung entwickeln, oder zumindest persönliche Konsequenzen von sich weisen. Und so ist es im Umkehrschluss legitim, wenn fossilökonomistische Profiteure ihre ureigene Verantwortung der Krise bequem auf ihre Kunden abschieben, Politiker auf ihre Wähler. Diese wiederum machen es umgekehrt: so kommt es zur Verantwortungsdiffusion.

    Wie perfide die Ölindustrie die Diskussion um die Verantwortung der Klimakrise vom Zaun gebrochen hat, zeigt das Beispiel des Know Your Carbon Footprint, einer PR-Kampagne von Ogilvy & Mather, finanziert von BP: Je mehr man dem einzelnen Verbraucher seine Verantwortung klarmacht, desto geringer erscheint ihm die der Politik.
    Das wäre schon in Ordnung, wenn Klimaschutz allein in der Entscheidung der Verbraucher läge. Die vorherrschende fossilökomistische Politik hatte jedoch leider nicht nur das Gemeinwohl im Blick, sondern vor allem auch die Interessen der Lobby. Deshalb ist durchgreifender Klimaschutz nur durch politische Weichenstellungen möglich, die immer noch massiv behindert werden.
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    BP verkauft mit dem klimaschädlichen Produkt zur Beruhigung des grünen Gewissens gleich auch die CO2-Kompensation mit dazu - ein klassisches Beispiel für Greenwashing.
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    Der Carbon Footprint war ursprünglich die Idee des Klimaschützers Mathis Wackernagel, der u.a. das Global Footprint Network gegründet hatte.
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    Zum 3l-Auto hört man immer wieder (wie auch noch vor Kurzem beim Elektroauto) die These, die Kunden hätten diese rollende Verzichts-Erklärung "nicht gewollt". Allerdings gab es auch keine Verkaufsförderung wie wenige Jahre später bei der Abwrackprämie. Gar nicht zu denken an eine Beschränkung irgendwelcher Art für die vielen Spritschlucker, die den Verbrauchsduchschnitt 2017 auf 7,5l/ 100km hochtreiben.
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    [Sommer 2017]
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    Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner im Interview: "[...] obwohl Straßen sicherer geworden sind, Autos mit Abstandsregler eingeführt worden sind, gibt es immer noch Unfälle und Leute, die zu schnell fahren."
    Wer den durchschlagenden Erfolg einer (in Deutschland noch undenkbaren) rigiden Verkehrssicherheits-Politik sehen möchte, muss nur die Verhältnisse in Frankreich heute und vor dreißig Jahren vergleichen. Man braucht kein SUV, um auf der Straße bessere Überlebenschancen zu haben. Nur strenge Gesetze, die auch durchgesetzt werden.
    Im selben Interview: "Und der Mensch - der Verbraucher - ist 'n ambivalentes Wesen. D.h. sonntags sagen 'ich hätte gerne die eine Kuh, mit der geredet werden muss', die wird gestreichelt, und es ist alles wunderbar. So quasi 'ich möchte nur Fleisch von Tieren essen, die nie geschlachtet worden sind', aber dann in den Supermarkt gehen und Billigstfleisch kaufen. Es wird zum Beispiel Hähnchenfleisch - 100g - für 15Cent nicht nur verkauft, sondern auch gekauft. Und das ist unanständig."
    [Steingart 2019]

    Noch einmal Klöckner: "Die Verbraucher müssten auch ihr eigenes Verhalten hinterfragen: „Selbst ist man bereit, für ein Handy mehrere hundert Euro auszugeben, aber für Hähnchenfleisch nur 15 Cent pro 100 Gramm."
    [Verknüpfung]

    Vor zweifelhaften Auftritten vor der Kamera schreckt sie dabei nicht zurück. Für die Bild-Zeitung kocht sie mit Starkoch Lafer ein Vier-Personen-Sonntagsmenü für 25€ mit Fleisch der untersten Tierwohl-Haltungsklasse.
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    Vorher half sie dem verschrienen Konzern Nestlé, seine Strategie zur Zucker-Minderung in Szene zu setzen. Ein wahres Kunststück, wenn eine der Hauptzutaten Zucker ist.
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    Ministerin Klöckner tut so, als wären der Politik beim Ordnungsrecht, in der Verbraucheraufklärung oder in Subventionierungsfragen völlig die Hände gebunden. Stattdessen verzichtet sie oft genug auf Politik und akzeptiert "freiwillige Selbstverpflichtungen" der Industrie.

    In gleicher Weise schieben Armin Laschet und Peter Altmaier in der Corona-Krise die Verantwortung für die prekären Arbeitsbedingungen bei Amazon und den Niedergang des deutschen Einzelhandels auf den Konsumenten ab. So als gäbe es keine Gesetze, die Amazon in Deutschland massive Wettbewerbsvorteile bescheren.

    Große Teile der Gesellschaft können gar nicht auf umwelt- und menschenfreundlichere Angebote zugreifen, weil sie - auch aus politischen Gründen - für sie unerschwinglich sind. Einzige Möglichkeit zum Klimaschutz wäre für sie Verzicht, und damit auch Ausstieg aus vielfältiger gesellschaftlicher Teilhabe. Anstatt das Verteilungsproblem anzugehen, favorisiert und propagiert man die Bereitstellung billiger Produkte aus ausbeuterischer Produktion als einzige Lösung.

    Aber auch SPD-Kanzlerkandidat Scholz fischt in diesem Sumpf und erfindet für sein Spiegel-Interview zur Klimapolitik den Begriff "Verzichtsideologie".
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    Und dann gibt es noch die schamlosen Konsumismus-Prediger wie Jan Fleischhauer oder Dieter Nuhr, die in rüpelhafter Manier demonstrativ ihren egozentrischen Anspruch auf Konsum verteidigen, quasi als unverzichtbares Gewohnheitsrecht. Zivilgesellschaft und Politik haben diesen selbsternannten Verteidigern der persönlichen Freiheit viel zu lange viel zu wenig widersprochen.
    [Verknüpfung]
    Sie stellen die Verzichts-Forderungen der Klimaschützer als Überheblichkeit einer Elite dar, die sich den Klimaschutz leisten könne. Mit diesem Narrativ wird eine Politik gerechtfertigt, die vorgibt, Benachteiligte vor dem Absturz zu bewahren. In Wirklichkeit liefert sie scheinbare Legitimation für das fossilökonomistische System, das jahrzehntelang massiv soziale Ungerechtigkeit verursacht hat.
    Ein vorläufiger Tiefpunkt der Debatte ist Ulf Poschardts Versuch in Die Welt, eine Verbindung zwischen dem Coronaskeptiker-Populismus und den - wie er sie nennt - Klimaradikalen herzustellen: ihr überheblicher Moralismus.
    [Poschardt 2020]
    Was für Auswüchse diese Erzählung provoziert, kann man in den USA sehen: Coal Rolling ist ein Fahrzeug-Tuning, bei dem ein deutlicher Mehrverbrauch genutzt wird, um zusätzlich Rußpartikel und andere Schadstoffe zu erzeugen - als unübersehbares Zeichen eines persönlichen Freiheitsanspruchs. Die Frage ist, wer so etwas braucht und wo man die Grenze zur psychischen Pathologie zieht.
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    Das gesellschaftliche Spaltungspotential solcher populistischen Provokationen zeigte sich schon im Hass gegen Greta Thunberg. Weil die reale Klimapolitik sich jedoch nicht sofort auf den Alltag der Bevölkerung auswirkte, hielten sich die Proteste in engen Grenzen. In der Corona-Krise jedoch wurde es wesentlich besser deutlich. Die extremistischen Corona-Skeptiker sind zwar nicht die Mehrheit, aber von solchen Freiheits-Narrativen aufgestachelt.
    Nach vielfacher massiver Kritik gefällt sich Dieter Nuhr neuerdings in der Opferrolle des zensierten Künstlers, er spricht vom Versuch der "persönlichen Vernichtung". Immerhin ein Zeichen, dass ihm deutlich widersprochen wird. Allerdings provoziert er damit Solidarisierungs- und weitere Abgrenzungs-Tendenzen von Gleichgesinnten, seines Clans. Damit trifft er einen Nerv der Konsumgesellschaft. Und käut die Erzählung von Gesinnungsjournalismus und Systemmedien ("fake news") der Populisten wieder, die erstmals in der Flüchtlings- und Klimadebatte den Spruch geprägt haben: "das wird man ja wohl noch sagen dürfen". Nuhr und Fleischhauer sind auch Stichwortgeber rechts-libertärer Eliten. Die Herausforderung der aufgeklärten Zivilgesellschaft ist es, solchen Lautsprechern des Fossilökonomismus kein Podium zu geben, oder, wenn sie trotzdem weiter durchdringen, auch klar zu widersprechen.
    Im Phoenix-Interview stellt Alfred Schier Dieter Nuhr sehr kritische Fragen.
    [Verknüpfung]
    Mai-Thi Nguyen Kim klopft Nuhrs Behauptungen auf ihre Seriosität ab.
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    Umwelt- und Klimaschutz wird von Fossilökonomisten gerne als unpopulär, und deshalb politisch nicht durchsetzbar, dargestellt. Besonders eklatantes Beispiel ist die Tabuisierung bzw. Stigmatisierung der Begriffe "Verbot" oder "Steuer".

    Bezeichnend für neoliberale Regierungs-Politik ist der mangelnde Wille, an diesem Narrativ einer infantilen Spaßgesellschaft etwas zu ändern - weil Wirtschaftswachstum vor Gemeinwohl geht. Ein aktuelles Beispiel dafür habe ich oben gegeben.

    Auch für Krisen gibt es ein rechtskonservatives Narrativ, und von der finalen Katastrophe als unausweichlichem Dilemma: "Der Mensch ist schlecht, und in menschlichen Gesellschaften entwickeln sich deshalb immer wieder Krisen. Die wenigen Abweichler von der Norm sind von Natur aus Heuchler. Im Übrigen kann der Einzelne kann gegen die gemeinsam verursachten Missstände gar nichts ausrichten. Er sollte sich besser dem Schwarmverhalten anpassen und darauf setzen, dass die Mächtigen das Problem lösen. Irgendwann aber wird ein gravierendes Problem aus irgendeinem Grund nicht gelöst, und die Menschheit wird sich dann selbst zu Grunde richten. Das ist das evolutionäre Schicksal der Menschheit." Die Menschheitsgeschichte als kollektive selbsterfüllende Prophezeiung der Misanthropen, von geradezu epischem Ausmaß.

    In diesem zivilgesellschaftlichen Umfeld empfanden Klimaschützer sich jahrzehntelang als machtlose Minderheit. Auch von außen nahmen viele, selbst wohlmeinende Bürger in ihrer erlernten Hilflosigkeit, diese Bewegung wahr mit der resignierenden Einstellung: "die können auch nichts ändern."
    Mit den breiten Fridays-for-future-Protesten quer durch viele Schichten ändert sich da gerade etwas Grundlegendes, eine kritische Masse scheint zu kippen. Diese Entwicklung provoziert allerdings auch rechte populistische Gegenkräfte.

    Politiker, die in Leugnung von Fakten und politischen Notwendigkeiten vorgeben, die Interessen der breiten Masse zu vertreten, nennt man Populisten. So wie in einer überforderten Demokratie die Verantwortung diffundiert, so diffundiert in gleichem Maße die Wahrheit.
    Ralph Hertwig und Christoph Engel sprechen in der Zeitschrift Perspectives on Psychological Science von "deliberate ignorance", geflissentlicher Ignoranz, vom "Homo ignorans".
    [Verknüpfung]
    Der walisische Klimaaktivist beschäftigte sich 2014 in seinem hochgelobten Sachbuch "Don't Even Think About It: Why our brains are wired to ignore climate change and what to do about it" mit diesem Problem und diskutiert Lösungen.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2020 - George Marshall (environmentalist)]
    Eine lesenswerte Besprechung bei Klimafakten.de:
    [Verknüpfung]

    Schon lange vor Filterblasen gab es Organe für das Menschenbild des rechtskonservativen Populismus: bei uns v.a. die Bild-Zeitung (in Österreich die Kronen-Zeitung, in UK die Sun usw.).


    Anscheinend hat [...] [die Politik in der Corona-Krise] das Gespür für das Volk verloren und schaut ersatzweise schockstarr auf die Schlagzeilen einer überspannten, schlingernden Boulevardzeitung. Aber die kennt das Volk auch nicht besser, sie denkt nur schlechter darüber.
    Bernd Ulrich
    [Ulrich 2021-1]

    Die Brisanz der Corona-Krise machte die Brisanz dieser Haltung erst richtig deutlich. Das erschreckende Extrem-Beispiel für solchen Populismus ist die US-Präsidentschaft des bankrotten Millionärs-Erben Donald Trump, der trotz seines wirtschaftlichen Scheiterns gewählt wurde, und trotz (oder wegen?) 20.000 nachweislicher Lügen, allen voran die Leugnung der Corona-Risiken, die hunderttausende US-Bürgern das Leben gekostet hat, immer noch bei den Wählern und auch international eine riesige Anhängerschaft besitzt.

    Kein Grund zu verzweifeln: das zementierte Denken kann sich auch wieder ändern. Hier zeigt der niederländische Historiker Rutger Bregman Indizien für eine historische Zeitenwende zur globalen Kooperation. Er erklärt aber auch die bestehenden Probleme mit Kooperation im zu engen Kreis: Stammesverhalten und Clandenken.
    [Verknüpfung]
    Bregman sieht in der Corona-Krise ein Labor im Zeitraffer für kooperative Prozesse, die wir auch zur Bewältigung der Klimakrise nutzen können: "Wir brauchen ein neues Menschenbild".
    [Verknüpfung]
    Letztlich ist das Problem einer zu kleinen Welt nur zu lösen durch eine Ausweitung unseres Kreises derer, mit denen wir kooperieren. Das stellte der Philosoph Hans Jonas schon 1979 in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" dar.


    Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.
    Friedrich Hölderlin

    Dass sich hier ein zivilgesellschaftlicher Wandel vollzieht, zeigt eine Umfrage bei 400.000 Franzosen und Deutschen des Fernsehsenders arte im Herbst 2020.
    [Verknüpfung]

    Aufklärungskampagnen von Qualitätsmedien leisten einen wichtigen Beitrag, dass die lauten und wirksamen PR-Kampagnen der Fossilökonomisten für Egoismus und Chauvinismus ein Gegengewicht bekommen. Jeder einzelne muss erkennen: kein Individuum und kein Staat kann sich der Verantwortung entziehen, es kommt auf jeden einzelnen an. Neben dem protestierenden Aktivismus müssen wir sachliche Debatten führen. Schuld haben nicht nur die Akteure, sondern auch die teilnahmslosen Zuschauer: wer sich da nur aus Bequemlichkeit heraushält, macht sich mit schuldig. Natürlich gibt es auch Opfer, die nichts sagen, weil sie unter Druck stehen. Man sieht daran, wie zersetzend der Einfluss derart mächtiger Akteure auf die Zivilgesellschaft in einem Staat ist, der zu schwach ist, sie davor zu schützen.

    Doch alle Appelle an die Verantwortung des Einzelnen sind nicht ausreichend. Ohne die richtigen politischen Rahmenbedingungen wird es dem noch so willigen Einzelnen viel zu schwer gemacht, ein nachhaltiges Leben zu führen. Wie zum Beispiel der Ex-Präsident des Club of Rome Ernst Ulrich von Weizsäcker ausführt.
    [Kollmer 2019]

    Damit würde auch das gesellschaftsspaltende Moral-Problem entschärft, das rechtskonservative und libertäre Philosophen gerne als Hypermoral hochstilisieren:
    Fossilökonomisten wirken politisch gegen Nachhaltigkeit (und sei es nur an der Wahlurne) - gleichzeitig schüren sie aber massiv Neid auf die Leute, die sich einen nachhaltigen Lebensstil leisten können.
    Manche Mitmenschen, die demonstrativen Klimaschutz ihrer Mitmenschen als moralischen Druck empfinden, sind sehr emfänglich für diese Neiddebatten. Besonders dann, wenn sie zu Angst neigen, gegen vermeintlich neue gesellschaftliche Normen zu verstoßen.
    Dieser empfundene (oder befürchtete) Neid wiederum führt bei Klimaschutz-Sympathisanten dazu, dass sie weniger intensiv und weniger demonstrativ Klimaschutz praktizieren, als sie eigentlich könnten. Sie haben Angst, gegen alte moralische Normen zu verstoßen und versuchen, sich unauffälliger zu verhalten.

    Die Transformations-Wissenschaft beleuchtet diese gesellschaftlichen Mechanismen und entwickelt entsprechende Strategien.
    Buchtipp (Bestseller): Maja Göpel. Unsere Welt neu denken (Ullstein. Berlin 2020). Nicht umsonst ist auch Göpel Mitglied des Club of Rome.


    Niemand kann alles tun, aber jeder kann etwas tun.
    Rayan Alaoui






    Je schwerwiegender die Verantwortung, desto stärker ist die Motivation, sie auf andere abzuwälzen.
    Je größer die Schuld, desto stärker ist die Motivation, sie zu verdrängen.

    Menschen, die das gleiche Fehlverhalten zeigen, sind uns als Komplizen willkommen: "wir haben doch nichts falsch gemacht", "die anderen sind mindestens genauso schlimm", "ich habe mich bemüht, es besser zu machen"; ein misanthropisches Menschenbild erleichtert diese Selbstrechtfertigung.

    Je mehr Komplizen, also Mitschuldige wir haben, desto leichter fallen uns die Ausflüchte. Die Zeiten, als man die "da oben", also die Aristokratie oder die Firmeninhaber, verantwortlich machen oder an Gemeinschaftsaufgaben beteiligen konnte, sind vorbei. Zu sehr sind die Interessen (man kann auch sagen Schicksale) der Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander verwoben. Das fängt mit der Vernetzung zwischen Unternehmensleitungen mit politischen Parteien und Arbeitnehmervertretern an und hört mit Vorzugsaktien, Firmen-Sozialfonds und privater Altersvorsorge mit Aktienfonds nicht auf.
    Die Geldaristokratie wird nicht adressiert, denn diese schirmt sich höchst erfolgreich in Gated Communities von Medien und Gesellschaft ab, so wie sie ihr Geld oft in Steuerparadiesen versteckt.

    Die Überforderung der Zivilgesellschaft wird überdeutlich in der Verantwortungsdiffusion, d.h. dann, wenn sich Politik, Wirtschaft und Bürger gegenseitig die Verantwortung zuschieben:


    The greatest threat to our planet is the belief that someone else will save it.
    Robert Swan

    Diese Verschiebung der Verantwortung ist ein selbstverstärkender Prozess - solange er keine Konsequenzen hat: ein ethisch-moralischer Unterbietungswettbewerb setzt ein. Die Mahner werden zu Außenseitern, Hyper-Moralisten, Spielverderbern.
    Wenn die so ausgelösten Krisen jedoch exponentiell zu Schäden führen, funktioniert das Prinzip der Verantwortungs-Diffusion nicht mehr. Dann wird die Fragilität einer verantwortungsscheuen Gesellschaft deutlich. Bernd Ulrich analysiert in der Zeit die Gründe für die Ohnmacht der Kanzlerin Merkel in der Corona-Politik, Überschrift: "Regiert da wer?" Zitat:

    "Seit einem Jahr verhalten sich die 16 Ministerpräsidenten jede verdammte Woche so, als hätten sie am nächsten Sonntag Wahl. Wie die Kaninchen starren sie auf lautstarke Minderheiten, seien sie auch noch so verrückt ("Querdenker") oder marode (AfD). Anscheinend hat man das Gespür für das Volk verloren und schaut ersatzweise schockstarr auf die Schlagzeilen einer überspannten, schlingernden Boulevardzeitung. Aber die kennt das Volk auch nicht besser, sie denkt nur schlechter darüber. Es scheint ganz so, als habe die Politik die beiden wichtigsten Vorzüge der repräsentativen Demokratie aus dem Auge verloren: erstens, dass alle vier Jahre gewählt wird, und zweitens, dass vier Jahre lang nicht gewählt wird. Der Versuch, in schweren Zeiten möglichst zumutungsarme Politik zu betreiben, endet nun darin, dass alles als Zumutung empfunden wird, die Angst der Regierenden nährt den Zorn der Regierten und der Zorn dann wieder die Angst."
    [Ulrich 2021-1]

    Was für eine lehrbuchreife Projektion des eigenen Versagens, wenn Fossilökonomisten den Hedonismus einer Jugend beklagen, die von der Gesellschaft eine Perspektive auf Zukunft einfordert. Als wäre die Jugend nicht von eben dieser entfesselten Konsumgesellschaft zutiefst hedonistisch sozialisiert worden. Am aggressivsten verunglimpft werden die vielen AktivistInnen, die teils wirklich respektable Anstrengungen unternehmen, um möglichst klimafreundlich zu leben. Das zeigt, dass es weniger um eine Kritik von jugendlichem Hedonismus geht, als vielmehr um eine Ablehnung von Forderungen nach Klimaschutz.

    Kabarettist Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig führt uns drastisch vor Augen, wie wir später gegenüber unseren Nachkommen in Gewissensnöte kommen können. Wer jetzt Satire erwartet, wird nicht enttäuscht. Dennoch könnte Manchem das Lachen vergehen.


    [Barwasser 2013]







    Es ist durchaus akzeptiert, seinen Lebensstil klimafreundlicher zu gestalten. Doch für Geringverdiener ist effektiver Klimaschutz praktisch unmöglich, ohne gravierende Einschränkungen an der gesellschaftlichen Teilhabe in Kauf zu nehmen. Das liegt nicht etwa daran, dass Klimaschutz nicht bezahlbar wäre, sondern weil die politischen Rahmenbedingungen dem entgegenstehen. Entscheidende Fortschritte im Klimaschutz sind ohne gravierendes politisches Umlenken unmöglich, auch in der Sozialpolitik. Trotzdem schaffen es Politiker immer noch, die Verantwortung auf die BürgerInnen abzuwälzen.
    In der Konsequenz ist es einfacher, die abweichenden Klima-Aktivisten anzugreifen als die eigentlich Verantwortlichen in der Politik, die ja nach eigener Darstellung vermeintlich gegen Mehrheitsentscheidungen doch nichts ausrichten können (was freilich nur dann stimmt, wenn Politiker Populismus betreiben, also nicht die Wahrheit sagen).

    Alle sind schuld und niemand: ein Dilemma, was nun? Wer in diesem Klima der ratlosen Verantwortungsflucht politische Veränderungen verlangt, der sieht sich schnell beim geringsten klimaschädlichen Verhalten dem Vorwurf der Hypokrisie (Scheinheiligkeit) ausgesetzt. Diejenigen, die gegen Klimaschutz-Politik sind, werfen Aktivisten selbst dann klimaschädliches Verhalten vor, wenn sie im Sinne des Klimaschutzes, also letztlich des Gemeinwohls, protestieren, und dafür z.B. Mobiltelefone oder Verkehrsmittel nutzen.
    Die bekannte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen Kim bringt das Problem dieser "ad hominem"-Strategie wunderbar auf den Punkt.


    [Verknüpfung] 20'00''-23'48''

    Die klimapolitischen Forderungen von Fridays for future zum Beispiel sind von der Wissenschaft, u.a. wissenschaftlichen Beratern der Bundesregierung, gedeckt. Deshalb sind die Forderungen nach Klimaschutz auf jeden Fall berechtigt, egal wer sie vorträgt.

    Gegenseitige Schuldzuweisungen sind für Fortschritte im Klimaschutz kontraproduktiv. Ob man sich lieber dem möglichen Vorwurf der Hypokrisie aussetzt, oder gegen die Klimakrise den Mund aufmacht, ist eine gravierende persönliche moralische Entscheidung, in der die soziale Komponente besonders gravierend ist. Schnell sieht man sich in der Gefahr einer Außenseiter-Rolle.

    Dabei müssen Klimaschützer nicht einmal etwas dazu tun. Für Fossilökonomisten ist es ein Leichtes, einen Spaltkeil zwischen Konservative und die Klimabewegung zu setzen. Die Ängste der Konservativen vor der Zukunft ist für sie eine sichere Bank, wenn sie eine Schlammschlacht anfangen, wie z.B. die neoliberale Denkfabrik INSM mit ihrer 10-Verbote-Religionskampagne. Als Klimaschützer ist es schwer, einen solchen Konflikt nicht zu verlieren. Wer sachlich bleibt, wird leicht als überheblich wahrgenommen, als unsensibel gegenüber den Ängsten der Konservativen. Wer sich aber auf das Niveau der persönlichen Auseinandersetzung begibt, verschärft die Spaltung. Viele empfinden das persönliche Risiko der gesellschaftlichen Distanzierung viel größer als das Risiko, dass die Klimaschützer recht haben könnten.
    Das Clandenken ist eines der größten Beharrungsmomente für gesellschaftliche Fehlentwicklungen: warnende Stimmen werden geflissentlich ignoriert und sogar unterdrückt, solange es keine inneren Gründe für Wandel gibt.


    Es ist leichter die Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.
    Mark Twain

    Ein Zeichen des gesellschaftlichen Umbruchs ist die Tatsache, dass mittlerweile sogar Influencer sich zu Klimaschutz bekennen und sich auch aktiv mit den Hypokrisie-Vorwürfen auseinandersetzen.
    [Verknüpfung]







    Frühzeitliche Gesellschaften waren intern von Kooperation geprägt, aber nach außen von Konkurrenz. Gesellschaftliche Organisation und technische Entwicklung führten zur Bildung größerer Gesellschaften. Sobald diese sich über die rein physische Durchsetzung der Macht des Stärkeren hinaus zu politischen Systemen entwickelt hatten, wurden gesellschaftliche Kooperations-Modelle entwickelt: von der frühen Staats- über die Wirtschafts-Philosophie bis hin zur Sozialpsychologie von heute.

    Eines der neoliberalen Ideale ist der perfekte Markt, der mit Adam Smiths "unsichtbarer Hand" alles besser regeln kann als irgendwelche Gesetze und Pläne des Staats. Das Problem ist allerdings, dass die Bürger ("Marktakteure") auf begrenzte gemeinsame Ressourcen (Allmende) zurückgreifen müssen. Hier ist die Gemeinschaft gefordert einzugreifen, wenn sie gerechte Voraussetzungen für alle schaffen, oder wenigstens den gemeinsamen Ruin (nach William Forster Lloyd "tragedy of the commons") vermeiden will.
    [Wikipedia 2020 - Tragik der Allmende]
    Mai-Thi Nguyen Kim erklärt die Erkenntnisse aus der modernen Spieltheorie und benennt Problemfelder für gesellschaftliche Allmende-"Spielregeln":
    "1) Das soziale Dilemma
    Solange die Spielregeln so gemacht sind, dass die egoistische Entscheidung kurzfristig den größten Gewinn oder den geringsten Verlust bringt, wird die Tragödie des Gemeinguts eintreten - früher oder später.
    2) Anonymität [...]: Man hat keinen Einfluss auf das Verhalten der Anderen. [...]
    Zum Beispiel kann man die egoistische Entscheidung weniger belohnen oder sogar bestrafen."
    Darüber hinaus eröffnet die moderne Spieltheorie weitere Kooperations-Optionen: Gegenseitigkeit (Reziprozität) und soziales Ansehen (Reputation).


    [Verknüpfung]

    Um solche Kooperations-Mechanismen in einer neoliberalen Gesellschaft zu etablieren, die per definitionem Egoismus zelebriert und Altruismus als "Gutmenschentum" abqualifiziert, ist allerdings ein tiefgreifender Kulturwandel nötig, der mit den Grundannahmen des Neoliberalismus bricht.

    Anfangs konnte man einzelne Großkapitalisten für gesellschaftsschädliches Verhalten verantwortlich machen, wie im Extremfall die Zerschlagung des Rockefeller-Monopols zeigt. Mittlerweile wurde die Verantwortung für die vielfältigen Missstände über die gesamte Gesellschaft verteilt: die Kapitaleinlagen stammen heute nicht nur von Großkapitalisten, sondern auch von Kleinsparern und Pensionsfonds. Große Firmen haben so bedeutenden Anteil an der Wertschöpfung, dass ihr beständiges Wachstum zum Staatsziel geworden ist. Auch sind viele Milliardäre in der Gesellschaft weitgehend unbekannt, auch wenn sie umso größeren politischen Einfluss nehmen.
    Als demokratische Gesellschaften es endlich geschafft hatten, Spielregeln aufzustellen, sorgte im Neoliberalismus die Globalisierung dafür, dass internationale Firmen sich nur eingeschränkt daran halten mussten: die Globalisierung ermöglicht freien Kapitalfluss und Ressourcenzugriff in verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Gesetzgebungen, die sich jeweils vorteilhaft nutzen lassen. In einem Land Ressourcen und Arbeitskräfte ausbeuten, im zweiten die Produkte verkaufen und im dritten die Gewinne versteuern. So werden die Staaten gegeneinander ausgespielt.
    Ernst Ulrich von Weizsäcker erklärt die missbräuchlichen Deutungen der klassischen Wirtschaftsphilosophen durch die Neoliberalisten in einer Rede vor der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft.
    [von Weizsäcker 2018]

    Fossilökonomisten übertragen die neoliberale Sichtweise auf die Allmende der Atmosphäre und fordern einen Marktmechanismus für die Begrenzung von CO2-Emissionen: den Handel mit Emissionszertifikaten. Dass dabei planwirtschaftlich eine Obergrenze ("Cap") der Emissionen festgelegt wird, stört sie nicht weiter. Ihr Interesse daran hat andere Gründe als Klimaschutz.

    Im nächsten Kapitel geht es um das Allmende-Problem im internationalen Maßstab.







    Seit Jahren wird gegen die Energiewende argumentiert, dass unsere Wirtschaft durch Stromausfälle und an den Kosten der Energiewende zu Grunde gehe, während der Rest der Welt sich hemmungslos vermehre und weiter CO2 produziere.

    Anfangs hörte man die These nur hinter vorgehaltener Hand, doch wird sie auch gezielt als rechtspopulistische Behauptung öffentlich platziert, in letzter Zeit immer lauter: das Bevölkerungswachstum der Dritten Welt sei ein dringenderes Problem als die Klimakrise.
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    Dabei ist die maximale Wachstumsrate überschritten, die Geburtenraten sinken bereits deutlich; um 2064 rechnet man mit einem Maximum von ca. 10 Milliarden.
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    Fossilökonomisten übersehen auch geflissentlich, dass die individuelle CO2-Emission höchst unterschiedlich ist. Wobei zunächst die Bewohner der Industrieländer per se eine höhere Grundemission haben, weil die Infrastruktur dieser Länder weit höhere Werte verursacht. Dazu kommen je nach Lebensstil Zusatzemissionen, die den Wert auf ein Vielfaches des Durchschnitts (in Deutschland z.Zt. 9-10t/ a) steigen lassen.
    Nach einer Studie der NGO Oxfam verursachen

  • die reichsten 10% der Weltbevölkerung 52% der Emissionen,
  • und das reichste Prozent sogar mehr als doppelt so viel wie die ärmste Hälfte.

  • [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    die Studie als pdf: [Verknüpfung]

    Dazu noch eine andere wissenschaftliche Studie in Nature Communications.
    [Verknüpfung]

    Jahrhundertelange Eingriffe der Kolonialmächte bis hin zur Klimakrise haben die sozialen Strukturen in Afrika derart geschwächt, dass nachhaltige Wirtschaftsformen und damit resiliente kleinbäuerliche Ökosysteme oftmals verschwunden sind. Dem versuchen vorausschauende afrikanische Regierungen in Zusammenarbeit mit NGOs zu begegnen, zum Beispiel mit Baumpflanz-Aktionen, die auch gegen die globale Klimakrise wirken.
    Den grünen Gürtel in der Sahel-Zone mit den von Yacouba Sawadogo und Toni Rinaudo erfundenen Agroforst-Techniken organisieren Afrikaner dort mit Unterstützung von NGOs erfolgreich selbst.
    [Spiegel 2019-3]
    [Tagesschau 2019]
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    [Wikipedia 2020 - Green Belt Movement]
    Während Afrikaner bei der Aufforstung Ernst machen, erfindet man in Europa wieder Möglichkeiten, daraus Profit zu schlagen. Christian Lindner (FDP) meint im Sommer 2019, das 1,5-Grad-Ziel sei "am effektivsten" mit Aufforstung zu schaffen. Er verschweigt, dass ohne sofortige Energie-, Agrar-, Verkehrs- und Wärmewende die Effekte der Aufforstung niemals ausreichen werden. Klimaforscher Stefan Rahmstorf rückt in seinem Blog Lindners Aussagen zurecht.
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    Lindner befürwortet zudem die Aufforstung zum Zwecke der Kompensation - also unserer weiteren CO2-Emissionen. In kolonialer Tradition kaufen wir von den Entwicklungsländern günstig Negativemissionen, die ihnen damit in der Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen werden, ihre eigenen CO2-Budgets einzuhalten.
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    Aus ökologischer Sicht besteht zudem große Gefahr, dass eine Aufforstung im industriellen Stil weitere riesige Flächen mit artenarmen Monokulturen besetzt werden, was die Biodiversität auf dieser Fläche zerstört. Monokulturen sind nicht nur sehr anfällig für Schädlinge. Ihre Artenarmut ist eine Brutstätte von Zoonosen.
    In der Tundra oder auf Moorböden ist die CO2-Bilanz bei Aufforstung sogar positiv (es kommt also netto zu zusätzlichen Emissionen). Die Mykorrhiza wird von den Bäumen ernährt, um ihnen durch Zersetzung von Humus die wenigen Mineralstoffe zu liefern - dabei entsteht CO2.
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    Zwar würde die gestiegene atmosphärische CO2-Konzentration die Aufnahme von CO2 erleichtern. Wenn der Trocken- und Hitzestress diesen Effekt nicht überkompensieren würde. Mit steigenden Temperaturen wird die Aufforstung als Gegenmaßnahme immer weniger wirksam. Wir konstruieren uns damit einen zusätzlichen, künstlichen Kipppunkt.
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    Wer die Qualität von Lindners Profi-Prognosen mit der aktuell besten Simulation nachprüfen möchte, wird beim nobelpreisgekrönten Sloan-Institut des MIT fündig. Spoiler: Lindners Vorschlag ist insofern der Rede wert, als dass er sehr viel über dessen Professionalität im Klimaschutz aussagt.
    Auch das in den letzten Jahren oft propagierte BECCS, die Kombination von Aufforstung mit CCS, vervielfacht zwar das Sequestrierungs-Potential, taugt aber immer noch lange nicht als Lösung der Klimakrise.
    [Sterman 2019]
    Beim Schutz des Amazonas-Regenwalds dagegen steht die FDP nicht in der vordersten Reihe. Ansonsten fiel Lindner damals durch Abwehr aller Klimaschutz-Ansätze aus, die über die von Experten scharf kritisierten Vorschläge der Fossilökonomisten hinausgingen.
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    Doch auch wirtschaftspolitisch spielen wir Europäer eine destruktive Rolle: die EU rollt ihr altes Modell industrieller Landwirtschaft gegen die Interessen lokaler Kleinbauern auch in Afrika aus. Gegen unsere hochsubventionierten, mit billiger Fossilenergie massenhaft produzierten Produkte haben die lokalen Produkte preislich keine Chance.
    Weltweit treiben wir die Zerstörung der Tropenwälder massiv voran, weil Großgrundbesitzer Regenwald-Flächen roden für industrielle Landwirtschaft und damit unseren ungesunden Fleischkonsum (Feed Stocks und Tierfutter-Plantagen in Südamerika) bzw. unseren Rohstoff-Konsum (Palm- und Kokosöl-Plantagen in Ozeanien) bedienen, wieder befeuert durch Freihandelsabkommen der EU. Nutznießer sind die Chemie-Industrie, die (hier teils unerlaubte) Pestizide verkaufen und billiges Palmöl als Rohstoff bekommen können, die Verbrenner-Industrie und die europäische Viehzucht-Industrie.

    Kein Klimaschützer bestreitet, dass die Weltbevölkerung nicht weiter explodieren darf - allein das tut sie wohl auch nicht mehr. Die Projektionen der Wissenschaftler deuten auf ein baldiges Maximum von 11 Milliarden Menschen - die bei mäßigem Fleischkonsum sogar ernährt werden könnten. Gesetzt den Fall, dass die klimabedingten Verluste an Ackerflächen nicht zu groß werden.
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    Und selbst wenn die Wissenschaftler sich irren: restriktive Geburtenkontrolle aller Entwicklungsländer würde nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was die Industrie- und Schwellenländer emittieren; zuzüglich der Emissionen, die sie dort verursachen, wäre das Missverhältnis noch krasser.

    Auch müsste eine heimische Industrie gar nicht schutzlos der CO2-intensiv produzierten Billig-Konkurrenz ausgeliefert sein. Man hätte schon längst Importabgaben für CO2-intensive Produkte einführen können, am besten nach international vereinbarten Standards. Dass diese Regelsysteme noch im Entwurfsstadium stecken, ist dem mangelnden Willen der Beteiligten geschuldet.
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    Ein Beispiel, das von Denkfabriken bereits durchdacht wurde, ist das Border Adjustment.
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    Fossilökonomisten wie Hans-Werner Sinn werden nicht müde zu behaupten, dass das von uns gesparte Öl quasi per Naturgesetz anderswo verbrannt werden wird.
    [Verknüpfung]
    Sinn ignoriert dabei die Fakten, dass weltweit immer mehr Investoren und Versicherungen aus fossilen Investments und ihrer Absicherung aussteigen, und dass immer mehr Urteile zu Klima-Schadenersatz oder Klimaschutz-Verpflichtungen ergehen.
    Als Begründung für Gesetze taugt Sinns Behauptung jedenfalls nicht mehr - sie ist vom Bundesverfassungsgericht 2021 ausdrücklich als verfassungswidrig erklärt worden.

    Doch all diese Ablehnung von kollektiver deutscher Verantwortung (Verantwortungsdiffusion) ist nicht gerechtfertigt. Deutschland hat allein von den direkten Emissionen her einen viel höheren Anteil an den kumulativen Gesamt-Emissionen, als gemeinhin behauptet wird: wir stehen auf Platz 4, direkt nach den 3 Supermächten USA, China und Russland (Stand 2018).


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    Das Rennen um die ersten Plätze zeigt diese interaktive Grafik als Bar Chart Race (mit Technik von observablehq.com).


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    Jason Hickel von der Uni London bezieht 2020 in die Betrachtung der historischen Emissionen auch die durch Importe verursachten Mengen bis 2015 mit ein. Deutschland landet in dieser Studie sogar auf Platz 3, hinter den USA und Russland.
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    [Verknüpfung] (Open Access)
    pdf: [Verknüpfung]

    Aber auch bei den jährlichen CO2-Emissionen liegt Deutschlands reiner Eigen-Anteil immer noch weit höher als sein Anteil an der Weltbevölkerung: Platz 6 (2018).
    [Wikipedia 2020 - Liste der größten Kohlenstoffdioxidemittenten - nach Ländern]

    Auch hat Deutschland mit Hilfe dieser Emissionen einen Entwicklungsstand erreicht, der uns die Klimawende im Vergleich leichter macht als den allermeisten anderen.
    Darüber hinaus werden viele Emissionen in anderen Ländern (v.a. China) durch unseren Massenkonsum verursacht. Wobei Chinas Emissionen pro Kopf immer noch weit hinter Deutschland liegen.
    [Wikipedia 2019 - Liste der Länder nach CO2-Emission pro Kopf]
    Viele planwirtschaftliche Ziele hat China vorzeitig erreicht - in der disruptiven Energie- und Mobilitätswende sind die Prognosen ebenfalls optimistisch.
    [Verknüpfung]
    Man sollte also die Planung Chinas, 2060 CO2-neutral zu sein, nicht vorschnell abtun.
    [Verknüpfung]
    Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der CO2-intensiven Produktion für unseren Konsum dorthin exportiert wurde, lässt sich eine verzögerte CO2-Neutralität Chinas durchaus rechtfertigen. Doch je ehrgeiziger Europa seine Ziele nachschärft, desto mehr wird China sich in der Dynamik bestärkt sehen.

    Während wir also pro Kopf der Weltbevölkerung eine hohe Verantwortung am Problem tragen, sind die Schäden am höchsten bei denen, die kaum etwas dazu beigetragen haben. Klimagerechtigkeit bedeutet auch, dass sich die Klimaschutz-Anstrengungen nach den Möglichkeiten und nach der Verantwortung richten muss.
    [Verknüpfung]

    Fossilökonomisten werden jedoch nicht müde zu betonen, wieviel wir schon für den Klimaschutz geleistet haben und dass wir deshalb nun die Ambitionen zurücknehmen müssten. Das ist eine Verdrehung der Tatsachen.
    Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft 2020 war klimapolitisch eine große Enttäuschung. Finnland dagegen kündigt für seine Präsidentschaft ehrgeizige Ziele an. Zwar ist noch ein Drittel Anteil an Kernenergie geplant, doch spricht die Kostenexplosion in diesem Sektor für umso größere Anstrengungen in der Strom-Speichertechnologie. Sie werden umso attraktiver, je billiger die Quellen für Erneuerbaren Strom werden.
    [Kirchner 2019]

    Erneuerbarer Gesamtanteil: Schweden Spitze, Deutschland im unteren Drittel.
    Oft hört man dazu das Argument, dass Schweden ja seine Grundlast mit Atomkraft abdecke. Statt den Kraftwerkspark zu erhalten, werden in Schweden seit zwei Jahrzehnten nur noch alte AKW abgestellt - entgegen den ursprünglichen Planungen des Betreibers Vattenfall von 50 Jahren Laufzeit. Grund sind keine Gesetze, sondern einfache Marktmechanismen. Erneuerbare sind heute günstiger, selbst im nordischen Schweden.
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    Kalifornien und Österreich haben sich schon für eine Dekarbonisierung 2040 entschieden, Schweden (CO2-Steuer seit 1991) für 2045, Dänemark plant schon für 2030 eine ehrgeizige Emissionsreduktion von 70%.
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    Dänemark will sicher gehen, dass den Planungen auch Maßnahmen folgen. Dänische Regierungen können ab 2020 bei Verfehlen von Klimazielen zur Verantwortung gezogen werden.
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    Trotz 30 Jahren stetig steigender CO2-Steuer droht in Schweden keine rechtsnationale Revolution, und während Schweden sich weiter als Antreiber im Klimaschutz betätigt, verbreitet sich in der Zivilgesellschaft die Überzeugung: andere werden dem Beispiel folgen.
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    Das Online-Tool ClimateView ist ein Beispiel, wie die Kommunikation der Klimawende in Schweden funktioniert.
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    Auch begleitende Gesetzgebungen sind mittlerweile das Objekt von Studien.
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    Der schwedische Stahlkonzern SSAB kündigt für 2026 die erste wasserstoffbasierte Stahlproduktion nach dem sog. Hybrit-Verfahren an, während in Deutschland um milliardenschwere Subventionen gefeilscht wird.
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    In Deutschland dagegen wartete man bis 2021 mit der Ausführung der durchkonstruierten großen Pläne einmal mehr auf milliardenschwere Subventionen. Dabei ist noch nicht einmal sicher, dass der Wasserstoff komplett emissionsfrei - "grün" - erzeugt wird oder zumindest teilweise "blau" aus Reforming von fossliem Methan.
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    2021 finden sich endlich auch deutsche Firmen unter denen, die den Umstieg auf Wasserstoff ankündigen.
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    In den Niederlanden wird Klimaschutz 2020 notfalls vor Gericht vorangetrieben.
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    Großbritannien diskutiert 2020 nach dem Brexit über eine Agrarreform, die - entgegen mancher Erwartungen - eine Kehrtwende darstellen würde. Weg von der fatalen EU-Förderung überwiegend nach Fläche hin zu einer Förderung, die sich stärker nach öffentlichem Nutzen und Umweltverträglichkeit richtet.
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    Beim Ausbautempo der Windkraft überholt es Deutschland 2021 um Längen.
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    Wer noch mehr Eindrücke von Klimaschutz aus anderen Ländern sucht, wird hier fündig:
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    In Deutschland dagegen war die Energiewende seit Schwarz-Gelb 2009 bis vor Kurzem nur noch ein ungeliebtes Planwirtschafts-Projekt, das dringend marktwirtschaftlich reguliert werden musste; jedwede Beschränkung des fossilen Konsums (außer Wärmedämmung) wurde schnell als wachstumsfeindlich gebrandmarkt. Außer Stillegung der DDR-Industrie und EEG haben wir seit 1990 nur unzureichende Maßnahmen für eine Dekarbonisierung beschlossen: Deutschland liegt jetzt im letzten Drittel der EU-Staaten.

    Dennoch hört man bei uns immer wieder: "wir haben doch genug getan, jetzt sind die Anderen d'ran." In einer ersten Reaktion aus konservativ-liberalen Kreisen auf die Klimaproteste 2019 wurden gegen die Klimawende überwiegend Befürchtungen vor sozialen Verwerfungen geäußert - was nur eine gemäßigte Version des populistischen Narrativs vom Untergang der Industriegesellschaft darstellt. Wenn sie wirklich Klimaschutz legitimieren will, muss die Politik hier ganz anders agieren, nämlich ein positives Zukunftsbild entwerfen, wie es zum Beispiel in Skandinavien, Kalifornien oder Großbritannien geschieht.

    Die globale Entwicklung der Kohlekraft wird oft als Vorwand für den verzögerten deutschen Kohleausstieg genutzt. Tatsächlich jedoch geht der Neubau weltweit dramatisch zurück, während die Stillegungsrate zunimmt.


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    Im Dezember 2020 meldet Financial Times, dass viele asiatische Entwicklungs- und Schwellenländer ihre geplanten Investitionen in neue Kohlekraftwerke drastisch zusammenstreichen: Vietnam, Indonesien, Philippinen und Bangladesch -80%; Indien -87%. China hat sich zu dem Zeitpunkt noch nicht geäußert.

    Aus China kommen noch widersprüchliche Tendenzen: im Land geht der Zubau stark zurück (auch wegen vergangener Proteste gegen die Luftverschmutzung), doch dafür investiert China noch im Ausland in Kohlekraft.
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    Mehr über die globalen Erfolge der Erneuerbaren im nächsten Kapitel.

    Das Thema Verantwortungsdiffusion wird auch sehr ausführlich bei klimafakten.de behandelt.
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    Von welchem Land, wenn nicht von Deutschland, soll man denn erwarten können, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten und insgesamt bei diesem Thema voranzugehen? Wir geben gerade jedem anderen Land eine Entschuldigung, nichts gegen die Klimakrise zu machen. Wenn wir unsere Möglichkeiten nicht nutzen, die Welt besser zu machen – wer soll das bitte dann tun?
    Luisa Neubauer
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    Den gemäßigten Konservativen, die gerne die Sicherheit vergangener Tage konserviert sähen, wird erzählt, die drohende Klimakatastrophe würde andere treffen, und die Klimawende sei ein zu großes wirtschaftliches Risiko. Doch ist es ein noch viel größeres Risiko, die wirtschaftlichen Chancen der unvermeidlichen Klimawende zu verpassen: zum einen drohen wir den technologischen Anschluss und Arbeitsplätze (zunächst für den Export) zu verlieren
    Und es zeugt von enormer Naivität und irritierender Überheblichkeit zu glauben, wir würden für die von uns verursachten Schäden nicht aufkommen müssen.
    Wir sollten unsere jetzt noch vorhandenen Mittel für die Zukunft investieren. Die Welt hat bereits lange vor Paris und vor der deutlichen Verschärfung der klimabedingten Unwetter das EEG kopiert - warum sollte das jetzt anders sein? Postfossile Technik, u.a. die in Deutschland entwickelte P2X-Technik, wird sehr wahrscheinlich ein globaler Mega-Boom.

    In den Bereichen Onshore-Windkraft und PV ist Altmaiers Energiekehrtwende "geschafft". Zigtausende Arbeitsplätze sind verloren oder in Gefahr, und wir entfernen uns immer weiter von der Chance, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Das sind schlechte Nachrichten für unsere Volkswirtschaft und für die Welt.
    Altmaier begründet seine Entscheidungen mit dem Dreh- und Angelpunkt der ganzen Debatte: der zu widerlegenden Behauptung vom Armutsrisiko Erneuerbare Energie. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

    Ein kurzer Artikel zu diesem Thema erschien 2019 in Geo:
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    Inhalt

    Die Leugner des Klimawandels leugnen vermehrt die Sinnhaftigkeit der Alternativen - sie bevorzugen das Abwarten auf den Kollaps.

    Die Mehrheit der Konservativen hat jahrzehntelang die Forderungen der Umweltverbände nach postfossilen Alternativen abgewehrt. Zuerst mit der Begründung, das Faktum des Klimawandels sei zweifelhaft, und in Anbetracht dieser Unsicherheit sei das Risiko des Wohlstandsverlusts viel zu groß.

    Je sichtbarer diese (Lebens-)Lüge der Klimaskeptiker, und je konkurrenzfähiger die Alternativen wurden, desto mehr bestritten dieselben Akteure dann deren Umweltverträglichkeit.

    Also: diejenigen, die sich jahrzehntelang gegen Klima- und andere Umweltschutz-Maßnahmen gewehrt haben, versuchen jetzt die Forderungen der Umweltverbände zu verhindern - mit dem Argument, diese seien schädlicher für Gesellschaft und Umwelt als das fossile Original.

    Sie konnten mit der o.g. Angst-Kampagne leicht den Diskurs bestimmen. Jetzt kommt eine Neiddebatte dazu. Jahrzehntelang profitierten die Fossilinvestoren von unserem Konsum, was niemanden gestört hat. Jetzt plötzlich wittern viele die drohende Ausbeutung durch sinistre Investoren in Erneuerbare Energien.







    Fossilökonomistische Politiker aller Parteien muteten jahrzehntelang den Bürgern eine stetig beschleunigte Umverteilung von unten nach oben zu.
    Gleichzeitig verbreiten sie seit Jahren erfolgreich eine Angstkampagne vor den Kosten der Erneuerbaren Energien, und spielen damit die Interessen der unteren Einkommensschichten gegen die der kommenden Generationen aus (die sich nicht adäquat wehren können). Sie erzählen, dass man zum Stillen unseres Energiehungers das ganze Land mit PV zupflastern und mit Windrädern "verspargeln" müsse.
    Sie erzählen nicht, dass die Erneuerbaren mittlerweile richtig günstig geworden sind, und dass der Strom nicht nur wegen der Erneuerbaren so teuer geworden ist. Und dass gar nicht die heutige fossile Energiemenge komplett ersetzt werden muss.
    Vor allem verraten Fossilökonomisten nicht, dass die Energiewende genausogut in eine bezahlbare und nachhaltige Zukunft der Energiesouveränität führen könnte, so wie es der zu früh verstorbene Visionär Hermann Scheer (SPD) mit den anderen Erfindern des EEG entworfen hatte. Stattdessen schüren sie die Ängste vor Einkommensverlusten der Geringverdiener, und vor dadurch bedingten sozialen Unruhen.

    Den Einspeisevorrang für EE gibt es schon seit 1991. Allerdings verhinderten damals die hohen Kosten für PV-Strom, dass Einspeisung wirtschaftlich war. Nur Idealisten hatten PV-Anlagen, deren Strom sie immerhin besser selbst nutzten, weil die Netzbetreiber höchstens den Börsenstrompreis zahlen wollten. Windstromanlagen waren schon damals in windreichen Gebieten rentabel zu betreiben, Wasserkraftwerke sogar profitabel.

    Mit dem EEG im Jahr 2000 wurden den Einspeisern höhere Vergütungen gezahlt, als der Börsenstrompreis hergab. Diese Differenz ist die EEG-Umlage, die der Stromkunde aufbringen muss.
    D.h. zunächst (bis 2009): je mehr Erneuerbare, desto höher die EEG-Umlage.
    Mit zunehmenden EE-Strommengen wurde eine wirtschaftliche Preis-Kalkulation für die Netzbetreiber unmöglich. Der bis dato genutzte physikalische Wälzungsmechanismus wurde abgelöst durch einen finanziellen, den sogenannten Ausgleichsmechanismus.
    [Verknüpfung]

    Weil die Industrie über steigende Strompreise klagte, wurden gleichzeitig energieintensive Unternehmen von der EEG-Umlage weitgehend befreit. Und das, obwohl sie ohnehin beim Netzbetreiber zum günstigen Börsenpreis einkaufen können.
    Zuerst musste für die Umlagebefreiung ein Jahresbedarf von 10GWh vorgewiesen werden. Ab 2012 wurde diese Grenze auf 1/10 gesenkt, 1GWh.
    [Wikipedia 2020 - Erneuerbare-Energien-Gesetz - Sonderregelungen für stromintensive Unternehmen] Die Erzeuger mussten aber trotzdem ihre garantierte Einspeisevergütung bekommen, und deshalb stieg die EEG-Umlage für die Normalkunden stärker als die Vergütungen für die EE-Betreiber.
    D.h. von 2009 bis 2014: je mehr Unternehmen als stromintensiv gelten, desto höher die EEG-Umlage.

    Nur weil die externen Kosten der Klimaschäden nicht beim Kohlestrom eingepreist sind, ist er so billig. Und so führt der Merit-Order-Preismechanismus an der Börse zur Bevorzugung der Kohle. Beim nächsten Überangebot an Erneuerbarem Strom sinkt wieder der Strompreis, was wiederum die Differenzkosten im Ausgleichsmechanismus hochtreibt. Wo man ein Gaskraftwerk einfach herunterregeln könnte, verstopft das unflexible Grundlast-Kraftwerk jetzt das Netz.


    [Verknüpfung]
    Datenbasis:
    [Verknüpfung] (Auswahl: Datteln IV)
    [Verknüpfung] (Auswahl: "Day Ahead Auktion")

    Dieser Mechanismus führt also zu niedrigen, bis hin zu negativen Börsenpreisen (damit niedrigen Großverbraucherpreisen), aber höheren EEG-Umlagen. Dieser Umstand wird auch als EEG-Paradoxon bezeichnet.
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    Seit Jahren machen Fossilökonomisten den StromkundInnen völlig zu Unrecht Angst vor Stromausfällen bei "Dunkelflaute". Experten sehen dagegen keinen Grund für Panikmache.
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    Im Gegenteil sind in den letzten Jahren immer mehr Stromausfälle auf Schäden an Stromleitungen durch Extremwetter zurückzuführen. Die Behörden des Katastrophenschutz bereiten sich seit Jahren auf diese verschärfte Situation vor.
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    Eine wirksame CO2-Steuer hätte vielfachen Nutzen: bei "Dunkelflaute" kämen mehr CO2-sparende Gaskraftwerke zum Einsatz, die Preise würden nicht so schwanken, und damit würde die EEG-Umlage sinken. Nur der Großverbraucherpreis würde steigen.
    Neben den hohen klimaschädlichen CO2-Emissionen und den Verbraucherkosten gibt es aber noch ein anderes gravierendes infrastrukturelles Problem: immer mehr Gaskraftwerke werden stillgelegt, obwohl sie in der Zukunft dringend für die Sektorenkopplung benötigt werden. Darauf weisen Energiewissenschaftler seit Jahren hin.
    [Wikipedia 2020 - Ausgleichsmechanismusverordnung]
    Aber anstatt die Gaskraftwerke konkurrenzfähig zu machen (durch CO2-Steuer oder Subvention), wird ihre Rentabilität durch Auflagen der Abwärmenutzung in Nahwärmenetzen durch das Wirtschaftsministerium 2016 (Minister Sigmar Gabriel, SPD) noch zusätzlich erschwert, was der Bund der Energie- und Wasserversorger moniert.
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    Leider ist die Grafik schon älter. Die EE-Branche hat schon 2014 gewarnt, aber bis heute ist die Schere noch weiter auseinander gegangen.
    Damit nicht genug: seit 2015 werden auch noch Subventionen an stillstehende Kohlekraftwerke gezahlt, die als Kapazitätsreserve bereitgehalten werden. Das führt dazu, dass Kohlestrom billig bleibt und weiter die Netze für Gaskraftwerke verstopft.
    [Verknüpfung]

    Klaus Russell-Wells erklärt die Zusammenhänge sehr anschaulich in diesem Video:


    [Russell-Wells 2017]

    Die bisherigen deutschen Strompreissteigerungen bestanden deshalb 2014 nur zu 1/3 aus Einspeisevergütung - der Rest sind Netzentgelte, Steuern und versteckte Subventionen (für Industrien, denen man mit dem Geld Anreize für mehr Eigenversorgung mit Erneuerbaren geben könnte).
    Strompreis

    Zwei Studien beziffern, dass eine Stromerzeugung ohne EE zwischen 2011 und 2018 70 Milliarden € mehr gekostet hätte. Da der günstige Börsenstrompreis direkt an die Industrieverbraucher weitergegeben wurde, haben diese profitiert - während die Kleinverbraucher immer höhere Strompreise zahlten.
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    Die Informationspolitik der Regierung und Lobbygruppen vermitteln beim einkommensschwachen Stromkunden den Eindruck, die Erneuerbaren Energien seien Schuld an seiner prekären Lage.
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    Das ist echter Opportunismus, wenn auch ein später Sieg der Erneuerbaren: nachdem Industrieverbände jahrzehntelang die Energiewende mit ihren Kostenwarnungen gebremst haben, wollen sie nun selbst von den geringen Kosten der Erneuerbaren Energien profitieren.
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    Den dreckigen, teuren Kohlestrom sollen andere kaufen. Z.B. wurde die Bahn durch politische Entscheidung verpflichtet, den Strom aus dem neuen Kohlekraftwerk Datteln IV abzunehmen. Befürwortern des Individualverkehrs mit Verbrennungsmotoren liefert das einen willkommenen Vorwand gegen das Bahnfahren.
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    Wenn die aktuellen (2020) Pläne der Netzbetreiber gegen die Bürgerenergiewende Wirklichkeit werden und die Bürgerenergiewende nicht wieder aus dem künstlichen Koma geholt wird, ist dies wie die Einführung einer Fenstersteuer im Feudalismus.
    Energiesouveränität durch PV gefährdet die Wirtschaftlichkeit des Verbrennungsmotors im Vergleich zum Elektroauto. Also fördert Altmaier Offshore-Wind und Wasserstoff-Importe: alles zum Wohl der marktbeherrschenden Energieversorger und Autohersteller.

    Dazu brachte die ZDF-Kabarettsendung Die Anstalt am 01.10.2019 eine ganze Folge zur Erklärung des EEG-Paradoxons, die man sich unbedingt ansehen sollte. Leider gibt es die Sendung nicht mehr in der Mediathek, und bei youtube wurde eine Kopie für Deutschland vom ZDF gesperrt. Bei FaceBook wird man noch fündig. [Verknüpfung]

    Der Faktencheck dazu:
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    Der Energiewende-Blogger Klaus Müller hat dazu wichtige Aufklärungs-Vorarbeit geleistet:
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    Mittlerweile fallen mit jedem Jahr Altanlagen aus der Förderung, weil die Förderhöchstdauer von 20 Jahren überschritten ist: zuerst fallen die teuersten Anlagen weg. Mit jedem Jahr bleiben also Anlagen mit geringerer Einspeisevergütung übrig. Und auch die Altanlagen können sinnvoll weiter genutzt werden. Im Falle von Repowering laufen sie im Ausland weiter, oder ihr Betreiber betreibt Selbstvermarktung, am einfachsten in genossenschaftlichen Verbünden wie den Elektrizitätswerken Schönau.
    Erst kurz vor dem Stichtag 01.01.2021 kommt eine Regelung mit der EEG-Novelle im Dezember 2020.

    Eine weitere Behauptung bezieht sich auf den erforderlichen Zubau der Erneuerbaren Energien: der wird oft weit übertrieben. Ein Horrorbild eines komplett verspargelten Deutschlands wird gezeichnet.
    Diese Falschdarstellung unterscheidet zunächst nicht zwischen Primär- und Nutzenergie. Primärenergie wird in Erzeugungsanlagen eingesetzt, um dem Verbraucher Nutzenergie zu liefern; z.B. Primärenergie aus Kohle wird genutzt um elektrische Energie zu liefern, oder Primärenergie aus Öl wird genutzt um Antriebsenergie zu liefern.
    Aus dieser Unterschlagung von Fakten konstruiert man nun die Annahme, dass der gesamte aktuelle Primärenergiebedarf ersetzt werden muss. Doch die fossilbasierte Nutzenergie von heute erfordert oft den Einsatz der etwa dreifachen Primärenergie. Eine Wärmekraftmaschine verliert prinzipbedingt mindestens 2/3 der Energie als Wärme (Kühlturm beim Kraftwerk (auch Atom), Kühler beim Verbrennungsmotor), und durch die hohen Anteile dieser Sektoren schlagen die Verluste hoch zu Buche. Nur wer fossile Brennstoffe wirklich zum Heizen verfeuert, kann deren Primärenergie mit bis zu beinahe 100% nutzen.
    Die Energie- und Verkehrswende bringt jedoch hohe Effizienzgewinne mit sich. Die Verluste eines Elektroautos liegen bei maximal 25%, Wärmepumpen liefern sogar ein Vielfaches der eingesetzten elektrischen Energie als Wärme. Durch diese enormen Effizienzgewinne sinkt der Primärenergiebedarf auf etwa die Hälfte, und das, obwohl der Strombedarf sich fast verdoppelt.
    Klaus Müller erklärt das in seinem Blog energiewende-rocken.de mit einer anschaulichen Grafik.


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    Ausführlicher setzt sich der Blog Der Graslutscher damit auseinander.
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    Diese Falschdarstellung hilft den Fossilökonomisten, die Forderung nach der Energiewende als unrealistisch abzuwehren. Geht es dann nach allen Vorbehalten dann doch gezwungenermaßen an die realpolitische Umsetzung - wie bei Peter Altmaier, dann kann der Ausbaubedarf gar nicht klein genug sein. Altmaier plant für 2030 mit einem Stromsektor, der nur unwesentlich größer ist als der heutige. Sollen aber die fossilen Sektoren wie oben erklärt ersetzt werden, wird dieser sich zwar nicht vervierfachen, aber doch mehr als verdoppeln. Mit Reserven für die Saisonspeicherung kommen die aktuellen Expertenmeinungen auf eine mehr als doppelte Größe des Stromsektors. Genauso vernachlässigt Altmaier den Rückbau der Altanlagen, die nach seiner Politik unrentabel werden und - trotz Funktionsfähigkeit - wohl zum großen Teil abgebaut werden.
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    Energiewende kann für alle gelingen. Wenn alle wollen.

    Die subventionsgetriebene Nachfrage von PV und Windrädern hat zu einer Massenproduktion geführt, die uns jetzt die Vollendung der Energiewende möglich macht.


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    Der Verein deutscher Ingenieure VDI stellt PV-Kosten von 1ct pro kWh in Aussicht. Umso wichtiger werden höchste Anstrengungen für Forschung, Entwicklung und Ausbau von Speichersystemen. Die Subventionen für die fossilen Brennstoffe waren jahrzehntelang um Größenordnungen höher.

    Weitere Kostensenkungen ergeben sich durch am Fraunhofer ISE neuentwickelte Verfahren zur Abscheidung von Silizium aus der Gasphase und durch Epitaxie.
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    PV lohnt sich mittlerweile auch auf suboptimalen Dachflächen. Dazu kommt ein riesiges Potential an Parkplätzen und Agrarflächen, die in der sogenannten Agrar-Photovoltaik (auch: Agri-Photovoltaik oder Agro-Photovoltaik) durch Beschattung sogar bessere Erträge erzielen.
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    Auch auf extensiv genutzten Flächen mit artenreichen Weidewiesen ist Photovoltaik sinnvoll.
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    Denkbar ist auch eine Überdachung von Autobahnen mit PV, die durch Kombination mit Lärmschutz und Oberleitungen Synergieeffekte bietet.
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    Auch andere riesige Flächen lassen sich mit dieser Technik überspannen.
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    Eine Abschätzung des Flächenbedarfs für Erneuerbare in Deutschland zeigt: der Importbedarf ist wahrscheinlich gar nicht so hoch wie die Nationale Wasserstoffstrategie plant.
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    Statt großer Verbrenner bzw. riesiger Plugin-Hybride mit etlichen hundert PS könnte man die Dienstwagen-Subventionierung auf Elektroautos beschränken, die auf dem Firmenparkplatz solar geladen werden. Da PV-Strom mittlerweile für unter 10ct/ kWh produziert werden kann, würde das die ohnehin geringeren Betriebskosten der Elektroautos nochmals um drei Viertel absenken.
    GM (der Autohersteller, der noch 2001 den EV1 in der Wüste und sein Akkupatent in der Schublade verschwinden ließ) sieht es mittlerweile auch ohne steuerliche Bezuschussung als lukrativ an, seinen Mitarbeitern Ladesäulen am Arbeitsplatz anzubieten. Noch lukrativer wird es mit Strom aus Eigen-PV.
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    HGÜ-Leitungen ermöglichen die Nutzung ferner Wüstenflächen.

    Wem die politischen Verhältnisse in Nordafrika zu instabil sind, kann aber per P2X auch die Wüstenflächen in Australien für PV nutzen.
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    Eine aktuelle Darstellung der PV-Diskussion von Eicke Weber (Direktor des Fraunhofer ISE Freiburg) aus 2018: Deutschland hat den Anschluss verpasst und überlässt China die Ausrüstung der Welt mit PV.
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    Die Erneuerbaren boomen in den USA trotz Trump - weil damit Geld eingenommen und aus fossilen Investments umgeschichtet wird. Sie überholen Deutschland jetzt auch in der PV.
    Abbildung Vergleich mit Deutschland (Darstellung in einem neuen Browser-Tab):
    [Mäder 2019-1]
    Gefunden im Blog Klimasocial bei Riffreporter, einem Netzwerk renommierter Journalisten, das gesellschaftliche Trends oft frühzeitig erkennt und immer wieder neue, interessante Zusammenhänge herstellt (der Artikel stammt aus April 2019):
    Zitat:

    "Die Erneuerbaren Energien seien jetzt so günstig wie fossile Energien ohne Subventionen. „In fünf Jahren werden sie günstiger sein als bestehende fossile Kraftwerke.“ Investoren ziehen sich daher aus der Kohle- und Ölindustrie langsam zurück (KlimaSocial berichtete über diesen Trend). Auf der Berliner Tagung wird immer wieder vom „Kodak-Moment“ gesprochen, also dem Zeitpunkt, an dem eine abgehängte Branche bemerkt, dass sie längst überholt worden ist."
    [Mäder 2019-2]

    Die aktuell günstigste Schaffung neuer Stromerzeugungs-Kapazitäten wird von Bloomberg auf einer Weltkarte dargestellt. Bezeichnenderweise ist es in Deutschland Onshore-Wind - die Form, die bei uns am stärksten und auch am erfolgreichsten bekämpft wurde. Die winzigen schwarzen Flecken stammen von der Kohlekraft. Investitionen in neue Fossilkraftwerke (wie Datteln IV) bezeichnet Bloomberg als "Stranded Assets".


    [Verknüpfung]

    Im Bericht World Energy Outlook 2020 der IEA wird PV als "König der Energiemärkte", die Erneuerbaren Energien als die günstigste Energieform bezeichnet. Das ist ein historischer Moment, denn die IEA ist alles Andere als eine ökologische Denkfabrik.

    Carbon Tracker spricht von 2019 als Peak Oil; gemeint ist nicht nur Peak conventional oil, der von den meisten Experten Ende der Nuller Jahre (also um 2009) gesehen wird.
    [Wille 2020]
    Nicht genug, dass man immer mehr auf energieaufwändige und riskante unkonventionelle Fördermethoden ausweichen muss. Mittlerweile müssen Pipelines in auftauenden Permafrostgebieten unter hohem Energieaufwand eingefroren werden.
    [Verknüpfung]

    2021 schließlich warnt die IEA vor Investitionen in fossile Energien. Damit wird das Ende der Ölparty offiziell angesagt, sozusagen vom DJ höchstpersönlich.

    Ironie der Geschichte: Deutsche Industrieverbände und -Politiker warnten jahrzehntelang vor einem Bankrott der Volkswirtschaft durch die Energiewende und überzeugten damit viele Wähler - und wirkten damit gegen den Ausbau der Erneuerbaren. Entsprechend bremste sie die Energiewende auch politisch über ihre mächtige Lobby, moniert z.B. die Nürnberger Volkswirtschaftsprofessorin und "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm.
    [Verknüpfung]
    Jetzt, wo das Kostenargument ganz auf Seite der Erneuerbaren und die Bürgerenergiewende zum Stillstand gekommen ist, will die Industrie selbst den Kostenvorteil der Erneuerbaren nutzen und fordern den Staat zum Handeln auf.
    [Verknüpfung]

    Schwellenländer stehen bei Ökonomen nicht gerade im Verdacht, mit Rücksicht auf die natürlichen Ressourcen unwirtschaftlich zu arbeiten. Trotzdem hält sich immer noch das uralte Gerücht, die Produktion von PV-Anlagen würden mehr Energie beanspruchen als ihr Betrieb freisetzt.

    Die größten PV-Anlagen der Welt stehen 2020 in Indien und China. Sie ersetzen - zusammen mit großen Speichern (auch dezentral) und flexiblen Gaskraftwerken - ganze Kohlekraftwerke.
    [Verknüpfung]
    Chinas Plan, 2060 auf Null Emissionen zu kommen, ist gut erreichbar.

    Wer jetzt immer noch nicht vom Kostenvorteil der Erneuerbaren überzeugt ist, sollte sich in Entwicklungsländern umsehen. Beim Aufbau der Energieversorgung in ländlichen Gebieten greift man dort seit einigen Jahren auf Microgrids zurück, Mikro-Netze aus überwiegend Erneuerbaren Energien und Akkuspeichern. Die Behauptung, die immer noch wachsende Bevölkerung der Entwicklungsländer würde zukünftig komplett mit Kohlekraftwerken versorgt, stimmt also auch nicht. Die Förderung Erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern kann keine Kompensation für eine verzögerte deutsche Energiewende sein.
    Beispiel Myanmar 2017:
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    Beispiel Äquatorial-Guinea 2014:
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    Bezeichnenderweise werden Microgrids sogar als mögliche Lösung der häufigen und sehr kostspieligen Stromausfälle in den USA gehandelt:
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    Die Finanzierung erfolgt nicht nur durch gemeinnützige Organisationen, sondern auch privat.
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    Auch in Sachen emissionsfreier Mobilität gibt es extrem kostengünstige Möglichkeiten für Entwicklungsländer, z.B. den Elektro-Kleinlaster Acar.
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    Beispiel Costa Rica 2016:
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    Die Energiewende ist nur ein kleiner Mosaikstein in einer groß angelegten Nachhaltigkeits-Wende, von der sich die Insel mehr Resilienz und Lebensqualität verspricht.
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    Beispiel Bangladesh 2018:
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    Auch für den billigsten Strom - Windstrom - sind die Potentiale noch lange nicht ausgeschöpft, v.a. offshore.
    [Verknüpfung]
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    Die aktuellen Perspektiven des deutschen Markts für Erneuerbare Energien sind bei heise zusammengefasst.
    [Verknüpfung] [Verknüpfung]

    Das letzte Problem war bis vor Kurzem die Speicherung. Wir kennen jetzt den Weg zu 100% Erneuerbaren, und zwar lange vor 2050, ohne dass der Strom unbezahlbar werden muss. Auch hier sind uns andere voraus. Dazu mehr im nächsten Kapitel.







    Die mangelnde Stetigkeit der Erneuerbaren wird oft als "Zappelstrom" bezeichnet.

    Die von Fossilökonomisten schon vor Jahren vorhergesagten zahlreichen Stromausfälle durch Netzschwankungen sind bisher ausgeblieben. Viel häufiger haben in den letzten Jahren Wetterextreme, deren Klimabedingtheit jetzt statistisch beziffert werden kann, Stromleitungen beschädigt. 2019 waren nach einem Schneechaos in Südfrankreich 330.000 Menschen ohne Strom.
    [Verknüpfung]
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    Dafür melden melden Ingenieure jetzt das Gegenteil: EE machen die Netzfrequenz sogar stabiler. (für mich gerade kein Thema zum Nachlesen, aber vielleicht für Physiker): [Verknüpfung]
    Der Energieexperte des Energieversorgers ENBW Georgios Stamatelopoulos zeichnet zwar nicht ein derart positives Bild, stellt das Problem der Volatilität der Erneuerbaren jedoch als lösbar dar.
    [Verknüpfung]
    Lastschwankungen führen zu Preisschwankungen, und diese bieten sogar neue Geschäftsmodelle.
    [Verknüpfung]

    Das bleibende Mega-Problem ist aber natürlich nicht die Netzfrequenz, sondern die Energie und Leistung, die das Netz je nach Bedarf zur Verfügung stellen kann, also die Synchronisierung von Erzeugung und Bedarf. Das funktionert ohne Grundlast nur mit riesigen Speichern. Doch entgegen der verbreiteten Meinung gibt es heute wirtschaftliche, CO2-arme Übergangs-Lösungen, die zunehmend im Markt Verbreitung finden. Diese können nach und nach nahtlos auf 100% EE aufgestockt werden. Wie in den anderen Sektoren auch gilt, dass die neue die alte Technik sukzessive und unterbrechungsfrei ersetzen kann.

    Durch Speicher werden die Lastschwankungen im Netz gedämpft. Selbst wenn das bisherige Preissystem beibehalten wird, kommt es nicht nur zur Entlastung der Netze, sondern auch der Verbraucher: die Preisschwankungen (bis hin zu negativen Strompreisen) werden geringer und damit die enormen Ausgleichszahlungen für Einspeisung von Erneuerbaren bei Stromüberschuss.

    Ein Ende der Kostensenkung ist noch nicht in Sicht, 2020 werden für die nächsten Jahre Preise unter 100€ pro kWh angesagt.
    [Verknüpfung]

    Die Speicherung ist derart interessant geworden, dass hierfür sogar die für Elektroautos wertvollen Li-Ionen-Akkus benutzt werden. Dabei gibt es auch rohstoff-unkritische Alternativen, z.B. der 1976 erfundene Natrium-Schwefel-Akkumulator (2014 334MW Speicherleistung).

    Sogar Verbraucher könnten wirtschaftlich einen Akkuspeicher anschaffen, wenn sie (wie die Industrie) zum Börsenpreis Strom bei Überschuss günstig einkaufen und selbst verbrauchen (oder sogar bei Mangel wieder verkaufen) könnten - alles eine Frage der Marktregeln. Diese sogennanten Schwarm-Speicher ließen sich zusätzlich mit einer PV-Anlage nutzen. In Kombination mit EEG-Altanlagen, die aus der Förderung herausfallen und ab jetzt Direktvermarktung betreiben müssen, ist ein solches Netz ein neues Geschäftsmodell für Energiegenossenschaften wie die Elektrizitätswerke Schönau.
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    Regelungstechnisch sind Lastmanagement und Kostenoptimierung eine Herausforderung, auf die deutsche Elektrotechniker spezialisiert sind.
    Beispiele vom Ingenieurbüro bis zum Forschungsinstitut:
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    Sogar in Entwicklungsländern wurden schon passende intelligente Stromzähler (Smart Meter) entwickelt. Dort sind sie die dezentralen Regler ganzer Netze: aus Erneuerbaren Energien und Akkus, weil es am wirtschaftlichsten ist, siehe oben.
    Die Bundesregierung zeigt allerdings kein Interesse, derartige Lösungen zu unterstützen. Sie setzt auch mittelfristig weiter auf Grundlast, die viel stärker auf Energie-Importe angewiesen ist: die nationale Wasserstoff-Strategie.

    Dadurch, dass hier nicht die hohen Energiedichten wie beim Elektroauto gefordert sind, kann man auch auf Pump-, Wasserstoff-, Redox-Flow- (z.B. Jena-Batterie) oder Druckluftspeicher u.a. zurückgreifen; auch thermische Speicher sind denkbar.
    Beispiele:
    [Verknüpfung]
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    Bei uns setzt man in Zeiten des Fossilökonomismus noch auf Grundlast-Kraftwerke mit den Brennstoffen Kohle und Atom. Diese werden aber gar nicht mehr benötigt - schon fossiles Gas ist effizienter, stößt weit weniger CO2 pro kWh aus als Kohle, die Abwärme lässt sich besser nutzen. Der Kostennachteil beim Brennstoff ließe sich dadurch ausgleichen, dass die Kraftwerke besonders im Winter benötigt werden, wo auch die Heizwärme genutzt werden kann. Im Sommer steht viel günstigerer Strom aus Solarüberschüssen und Kurzzeitspeichern (Akkus, Pumpspeicher, Elektrolyse-Wasserstoff für Brennstoffzellen, Power-to-Heat) zur Verfügung.
    [Wikipedia 2019 - Gaskraftwerk]


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    Doch aus einem Grund ist das Gaskraftwerk eine echte Brückentechnologie: Erdgas lässt sich nach und nach durch P2G-Methan aus sommerlichen EE-Strom-Überschüssen ersetzen, das koppelt die Sektoren Wärme und Strom. Das sollte jedoch umso schneller geschehen, denn sowohl russisches Erdgas und amerikanisches Fracking-Gas sind mit hohen Methanverlusten in die Atmosphäre behaftet, wie sich mit dem europäischen Satellitenpaar Sentinel-2 nachweisen lässt. Die aktuellen Mega-Projekte - die Pipeline Nordstream 2 und die LNG-Terminals für US-Fracking-Gas - sind insofern eine unnötige Verlängerung dieser Brücke, die das Einhalten der Emissionsziele erschweren, wenn nicht unmöglich machen.
    [Verknüpfung]

    Das Zwischenprodukt der P2G-Produktion (Wasserstoff) dient bei der neuen 180kW-SOC-Brennstoffzelle von Sunfire als flexibler Kurzzeitspeicher, denn die Anlage kann im 10min-Takt zwischen Stromaufnahme (Elektrolyse) und -Abgabe (Brennstoffzellenbetrieb) umschalten. Diese Fortentwicklung geschah ganze 82 Jahre nach der Erfindung dieses Zelltyps 1937 durch Baur und Preis.
    [Verknüpfung]
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    Fachleute sehen sehr wohl eine Chance für Wasserstoff, aber nicht als Ersatz für Erneuerbare Energien. Aber nur für echten "grünen" aus Elektrolyse.
    "Grauer" Wasserstoff aus Dampfreformierung wird seit Jahrzehnten industriell in großem Maßstab genutzt und belastet das Klima erheblich. Sogar diese Variante steht immer wieder in der Diskussion, neben "blauem" Wasserstoff aus Dampfreformierung mit CCS-Abscheidung oder "türkisem" aus Pyrolyse von Erdgas mit Kohleabscheidung.
    [Verknüpfung]
    BASF feiert das Verfahren des türkisen Wasserstoffs als Neuheit:
    [Verknüpfung]
    Das Verfahren ist jedoch schon alt:
    [Verknüpfung]
    Aufgrund der Methanverluste bei Förderung und Transport ist die Technik jedoch bei Weitem nicht klimaneutral. Es ist auch noch offen, ob der abgeschiedene Kohlenstoff nicht wieder zu CO2 oxidiert, z.B. in der Metallverhüttung, und so das Klima wieder belastet. Betrieben werden die Anlagen von Wintershall/ DEA (BASF) und Gazprom.
    [Verknüpfung]
    Blauer Wasserstoff schneidet noch schlechter ab. Die Emissionen der Verbrennung von blauem Wasserstoff werden bei der Wirtschaftsberatung Standard & Poors (eine der "big 5") höher bewertet als die Verbrennung von Methan.
    [Verknüpfung]
    Eine Übersicht bei Wikipedia:
    [Wikipedia 2020 - Wasserstoffherstellung]

    Auch in der Wasserstoffwirtschaft setzen Fossilökonomisten - im Interesse der Energieversorger - auf Grundlast. Begründung: Elektrolyseure müssen auf Volllast betrieben werden, sonst rechnen sie sich nicht. Über den Gemeinwohl-Aspekt Klimaschutz und die Perspektive neuer Geschäftsfelder und Arbeitsplätze gehen sie (wie immer) hinweg - sie übersehen aber auch wirtschaftlich gesehen die Tatsache, dass der PV- und Windstrom so günstig zu haben ist, dass der Kostennachteil eines Teilllastbetriebs gar nicht so sehr ins Gewicht fällt; Fachleute rechnen 2020 mit einer Kostenspanne zwischen 8,2 (Volllast) und 14,5ct/ kWh (Teilllast).

    Die Auslastung der Elektrolyse lässt sich durch mehrere Maßnahmen verstetigen. Wenn Strom fehlt, nutzt man wenn möglich die schnellen Akkuspeichersysteme, die sowohl als Großanlagen bereits weltweit in großem Maßstab gebaut werden, als auch für private PV-Anlagenbesitzer attraktiv sind, als Puffer. Wenn der Wasserstoff-Gasspeicher voll ist, produziert man aus dem überschüssigen Wasserstoff mit der Fischer-Tropsch-Synthese und anderen Verfahren sekundäre Produkte wie Alkane oder Ammoniak.

    Auch der noch länger bekannte nächste Syntheseschritt zu P2G-Methan (Verfahren entwickelt 1905 von Sabatier und Senderens) ist mittlerweile endlich in der Großtechnik angekommen. Der Anlagen-Hersteller Sunfire spricht von 60% Wirkungsgrad.
    [Landgraf 2019]

    Mit der neuen Technik Co-Elektrolyse soll der Wirkungsgrad sogar auf 80% steigen.
    [Verknüpfung]

    Daneben gibt es noch eine andere Speichersubstanz auf Basis von CO2 und H2O, deren Synthesetechnik weniger aufwändig realisierbar ist, und die zudem bei Raumtemperatur flüssig ist: Methanol. Der Nobelpreisträger George Andrew Olah hat sie entwickelt.
    [Verknüpfung]
    Die eine oder andere Variante dieser Technik wird bereits für Inselanlagen genutzt.
    [Verknüpfung]

    Im Folgenden einige Videos, die die aktuellen Möglichkeiten der Sektorenkopplung zeigen:

    Agentur Energiewende:


    [AEE 2019]


    [Verknüpfung]

    Klaus Russell-Wells vom Videokanal joul:


    [Russell-Wells 2018]
    [Verknüpfung]

    ZDF planet e:


    [Verknüpfung]

    MDR Dok berichtet 2021 von Beispielen aus dem ostdeutschen Raum und erklärt die Sektorenkopplung und das zellulare Prinzip eines dezentralen Versorgungsnetzes, das die Produktion weniger großer und vieler Kleinanlagen (Zellen) mit deren eigenen und dem Netz-Konsum abstimmt. Zellulare Systeme können zu virtuellen Kraftwerken zusammengefasst werden.
    [Kolvenbach 2021]

    Visionen für diesen Ansatz bestehen seit vielen Jahren; die Pioniere der dezentralen Stromversorgung, die Elektrizitätswerke Schönau, verfolgen ihn schon lange.

    Mit PV-Strom aus der Wüste von 3,5ct/ kWh (Stand 2017, mittlerweile rechnet man mit weit weniger) wäre dieser Saisonspeicher-Stoff sogar günstig zu haben. Der Film zeigt nur ein Beispiel, das mittlerweile von Projekten in Ägypten, China und Indien bereits getoppt wurde.
    [Verknüpfung]
    [Wikipedia 2020 - Solarpark Benban]

    Fraunhofer spricht 2018 von 4-5ct in Deutschland bei voller Abnahme (und das ist bei Einsatz von Speichern ja möglich); in der Wüste dürften 3,5ct sogar ggf. unterboten werden.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Schon immer mussten die Menschen für den Winter im Sommer Überschüsse erwirtschaften - nur die unbeschränkte Dauerverfügbarkeit fossiler Brennstoffe hat uns auch in dieser Hinsicht von den natürlichen Lebensbedingungen entfremdet.

    Die Produktion von P2X ist kein unbezahlbarer Luxus, das weiß man schon seit Jahrzehnten. Während der Seeblockade versuchte Hitler-Deutschland die Not-Produktion von Treibstoff aus der Fischer-Tropsch-Synthese, eine Weiterentwicklung des Sabatier-Prozesses aus 1925. Während der Embargos gegen das Apartheids-Regime in den 90er Jahren wurde sogar ganz Südafrika mit solchen Treibstoffen versorgt. Das alte Verfahren basiert auf CO und H2 aus der Kohleverschwelung.
    Seine nachhaltige Variante von heute ist das P2G-Verfahren mit CO2 und H2 aus der Elektrolyse. Das Problem ist die Bereitstellung von CO2, was jedoch z.B. durch Auffangen von Abgasen aus der Biomasse-Verbrennung (incl. Biogas) oder Absorptionstechnik wirtschaftlich machbar ist.
    [Wikipedia 2020 - Sasol]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Audi warb schon vor Jahren mit einer großtechnischen P2G-Anlage in Werlte für den CO2-neutralen Betrieb seines Gas-Modells G-Tron. Sie ging 2013 in die Gas-Poduktion, allerdings zuerst mit Billig-Windstrom, der nur bei Sturmwetter zur Verfügung stand.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    In der Presse ist von einem Dienst zu lesen, der für 15Euro pro Monat die vom Kunden verbrauchte Menge fossilen Erdgases durch P2G-Methan zu ersetzen: "Mit den G-Tron-Modellen [der Reihen A3, A4 und A5] [...] wollen die Ingolstädter vor allem Kunden locken, denen der Klimaschutz am Herzen liegt. [...] Zusätzlich hilft Audi seinen Kunden mit E-Gas, eine bessere Klimabilanz zu erzielen. Den Strom aus eigenen Windkrafträdern wandelt der Ingolstädter Autobauer nämlich in einer Power-to-Gas-Anlage in klimaneutrales Methan, von Audi E-Gas genannt. An den Zapfsäulen tanken Kunden zwar überwiegend fossiles Methan, doch Audi sichert im Gegenzug die entsprechende CO2-Reduktion, indem die getankte Menge in Form von E-Gas ins Erdgasnetz einspeist wird. Bislang mussten E-Gas-Kunden 15 Euro pro Monat für diese Dienstleistung zahlen. Künftig können Käufer des A4 G-Tron diesen Service in den ersten drei Jahren kostenlos nutzen."
    [Verknüpfung]
    2019 wurden neue Planungen bekanntgegeben, die Anlage zu erweitern. Seitdem habe ich von dem Audi e-Gas nichts mehr gehört. Kein Wunder, dass es um das P2G-Methan für den g-tron als Wundertreibstoff ruhig geworden ist: der Liter E-Kerosin kostet weit über 5€. Sein Energiegehalt ist vergleichbar mit dem von einem Liter Diesel oder einem Kubikmeter Erdgas. Entsprechend teuer wäre es für Audi, dem Versprechen nachzukommen. 15€ pro Monat reichen also für 3 Kubikmeter P2G-Methan. Damit kommt man keine 100km weit.
    Dafür wurde am 04.10.2021 der Öffentlichkeit eine neue Pilotanlage in Werlte präsentiert. Sie soll weiter ausgebaut werden, um die per Gesetz verordnete "Disruption" (O-Ton Merkel) im Luftfahrtsektor zu schaffen: bis 2030 eine Beimischung von sage und schreibe 2% von P2L-Kerosin, sogenanntem E-Kerosin.[Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Die Konkurrenz schläft nicht, sie besteht aus mächtigen Marktteilnehmern und investiert riesige Summen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Shell baut nach der bisher größten 10MW-Anlage auf dem Gebiet der Rohöl-Raffinerie in Köln-Wesseling eine 100MW-Anlage, dazu zwei ebenso große in Hamburg und Bayern.
    [Verknüpfung]
    2025 soll in Rotterdam die Gigawatt Elektrolyse Fabriek entstehen, an deren Entwicklung Nouryon, Shell, Yara, OCI-Stickstoff, Gasunie, DOW Chemical, Ørsted, Frames, TNO, Utrecht University und das Imperial College London beteiligt sind. Nach Stand der Technik 2019 hätte die Anlage eine Milliarde Euro gekostet - wenn man dagegen die Baukosten eines Atomkraftwerks sieht, ist ein wirtschaftlicher Betrieb keine utopische Vorstellung. Dieser Kostenrahmen soll jedoch durch die Skalierung auf den Gigawatt-Bereich auf 350 Millionen Euro sinken.
    [Verknüpfung]
    Die Hansestadt Hamburg will mit ihrem Hafen da nicht zurückstehen, auch hier ist eine Gigawatt-Elektrolyse-Anlage geplant.
    [Verknüpfung]
    Im Hafen befinden sich große Hütten für Kupfer- Stahl- und und Aluminium, die mit dem Wasserstoff betrieben werden können.
    [Verknüpfung]
    BP und Ørsted planen für 2025 eine große Elektrolyse auch im Ölhafen von Lingen, die 20% des dort produzierten sogenannten Grauen Wasserstoffs durch Grünen ersetzen soll.
    [Verknüpfung]
    Die Region wirbt bereits mit der Marke H2-Region Emsland.
    [Verknüpfung]

    Es hat auch sein Gutes, dass P2X so stark von der Autolobby beworben wird, denn dadurch wird es bei vielen Autofahrern bekannt. P2X ist die Schlüsseltechnologie, ohne die die Energiewende in mittleren Breiten nicht gelingen kann: zwar verzichtbar für PKW, doch unverzichtbar für die Sektorenkopplung. Die v.a. sommerlichen Stromüberschüsse werden für die Gasproduktion genutzt (Saisonspeicher). Während beim Verbrennungsmotor die Abwärme das ganze Jahr über verschwendet wird, kann man sie in Blockheizkraftwerken, also Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) - zum Heizen nutzen. Weil P2X v.a. im Winter verstromt wird, ist der Heizwärmebedarf gleichzeitig besonders hoch, ein wichtiger Synergie-Effekt.
    Dass Sektorenkopplung so langsam zum Allgemeinwissen zählt, sieht man auch an einem Wikipedia-Artikel:
    [Wikipedia 2021 - Sektorenkopplung]

    Ein weiterer Synergie-Effekt der Sektorenkopplung liegt im erleichterten Recycling des CO2: bei Verbrennung in Blockheizkraftwerken lässt sich das CO2 für die nächste P2X-Produktion aus dem Abgas leicht auffangen (Volumenanteil geschätzt 10-20%, näher bei 20%), beim Verbrennungsmotor in Fahrzeugen nicht. Diese CO2-Emissionen lassen sich nur aus der Luft auffangen (Volumenanteil 0,04%) - das ist wesentlich aufwändiger.

    D.h. die Sektorenkopplung erlaubt eine wesentlich höhere Wertschöpfung mit P2X als der Verbrennermotor: im Sommer fahren ÖPV und Elektroautos mit günstigem Saisonstrom, dessen Kostenvorteil die Mehrkosten im Winter mehr als ausgleicht.

    Dazu eine einfache Rechnung für die Pfennigfuchser.
    Die Kosten von P2X werden z.Zt. auf 1-2€ pro Liter geschätzt, was bei Entfall der Steuer im Bereich des Bezahlbaren liegt. Agora Energiewende erklärt.
    [Verknüpfung]
    Dort gibt es einen Online-Rechner.
    [Verknüpfung]
    Vergleicht man die Kosten eines Verbrenners mit denen eines Elektroautos, das die meiste Zeit mit Eigen-PV (oder PV vom Parkplatz) zu einem Bruchteil der Kosten fährt, kann man sich im Winter sogar den fehlenden Strom aus Gaskraftwerken leisten, die zwar mit dem Saisonspeicher P2G-Methan in Kraft-Wärme-Kopplung relativ teuer arbeiten. Durch Ausnutzung der Abwärme zum Heizen fällt der Preis für den Winterstrom jedoch nicht mehr ganz so hoch aus.
    Unter'm Strich sollte es auf jeden Fall deutlich günstiger sein als mit dem Verbrenner, da die meiste Zeit direkt mit PV-Strom geladen werden kann.
    Richtig interessant wird es, wenn man den Saisonspeicher-Brennstoff in einem Mini-Blockheizkraftwerk (für die Bastler: Verbrennermotor + Generator) selbst produziert, dann lassen sich auch die Abwärmeverluste der KWK minimieren. Aus einem Liter P2L kann man konservativ bei 30% Wirkungsgrad mit rund 3kWh elektrischer Energie rechnen; die kosten z.Zt. (2020) auch allein schon 1,20€. Die restlichen 7kWh (entsprechen etwa 0,7l Heizöl) werden wie gesagt zum Heizen genutzt, was weitere Kosten einspart. Verheizt man das wertvolle P2L im Verbrenner, heizt man damit bloß ganzjährig die Umwelt.
    Die Argumente von Agora Energiewende zum Nachlesen:
    [Verknüpfung]







    Gerade rechte Populisten reüssieren gerade mit einer Verschwörungstheorie: von der deutschen Energiewende profitiere nur eine mächtige globale Finanzelite, diese instrumentalisiere die Jugend auf Kosten deutscher Interessen.
    Ihre großen Geldgeber gehören oftmals zu den 1% der Reichsten. Sie nähren Verschwörungstheorien, wie z.B. dass Greta Thunberg und ihre Klimaschutz-Bewegung durch globales Großkapital gesteuert sei. Sie verschweigen dabei, welche Unsummen die Profiteure des fossilen Systems aus den Volkswirtschaften gezogen haben, und welche Vorteile eine größere Energie- und Ernährungssouveränität für die Bürger hätte.
    Bürgerliche Parteien spielen im Klimaschutz immer wieder die Karte der Gefahr, die der Demokratie durch Populisten droht, sollte der Klimaschutz zu hohe Opfer fordern, wie z.B. Wirtschaftsminister Peter Altmaier in der Frage der Onshore-Windkraft. Wer sich wie Altmaier diese Leute direkt ins Ministerium holt, macht sich hier unglaubwürdig. Außerdem befeuern Fossilökonomisten aus denselben Parteien immer wieder den Anti-Klimaschutz-Populismus, indem sie durch Desinformation die Thesen der Populisten indirekt unterstützen.



    Twitter-Teilnehmer HalleVerkehrt auf die Frage nach seiner Lieblings-Verschwörungs-Theorie

    Ein Grundmotiv von Hermann Scheer, Hans-Josef Fell und anderen Vordenkern der Energiewende vor 20 Jahren war im Gegenteil die Idee der Energiesouveränität ("Energie in Bürgerhand"): auch einfache Bürger sollten Windräder, PV und Energiespeicher besitzen können. Die ersten, wichtigsten Jahre der Energiewende waren v.a. geprägt von Investitionen von Idealisten, die oft belächelt wurden. Auch die Anlagenhersteller waren oft klein, der Anteil von Großinvestoren gering. Bei Fossilinvestments war die Rendite vermeintlich höher und v.a. sicherer.


    Statt weniger Eigentümer haben wir auf einmal Hunderttausende oder gar Millionen Eigentümer. Das ist nur möglich mit Erneuerbaren Energien und zwar für alle. Die Energieversorgung bekommt eine Demokratisierung.
    Hermann Scheer
    [Verknüpfung]

    Mit zunehmendem Erfolg der Energiewende bewirkte fossilökonomistische Politik jedoch, dass immer mehr Projekte von großen Investoren realisiert wurden. Dann kam die Anti-EEG-Kampagne der INSM 2011: egal, wer eine Anlage für Erneuerbare Energien besaß - der Neid der Besitzlosen war ihnen sicher. Besonders naheliegend ist der Neid gegen Besitzer von Windkraftanlagen, weil sie Geräusche und unangenehme Schatten verursachen, und außerdem das Landschaftsbild deutlich verändern. Die Widerstände sind jedoch überall dort geringer, wo Anlieger an den Gewinnen beteiligt sind. Betreiber könnten dazu per Gesetz verpflichtet werden - eine Möglichkeit, die bisher nicht genutzt wird.

    Fossil-Profiteure dagegen können seit je her so reich sein wie sie wollen, von Neid ihnen gegenüber hört man nirgends - sie sind weit weg oder unsichtbar. Aber sie haben jahrzehntelang Klimaskeptiker und andere fossilökonomistische Propagandisten für die Verbreitung von Lügen bezahlt, und das ist nachgewiesen. Lügen, die den fossilen Konsumgesellschaften allzu bequem und deshalb - bezeichnend für deren soziokulturelle Überforderung - hochwillkommen waren.
    [Probst 2017]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Fridays for future bezieht sich auf dieselbe Wissenschaft wie die Klimaaktivisten der 90er, vor der Energiewende. Damals gab es keine Großinvestoren, die ein Interesse an Klimaschutz gehabt hätten.
    Die wissenschaftlichen Fakten waren damals nur für Fachleute eindeutig nachvollziehbar, heute sind sie für alle sichtbar. Mittlerweile hat es sich auch in Finanzkreisen herumgesprochen, dass die Energiewende ein wirtschaftlicher Erfolg zu werden verspricht - die Fossiltechnologie ist überholt.

    Immer wieder hört man die Verschwörungstheorie, die Jugendproteste seien von Finanzinvestoren gesteuert, von einem handfesten Nachweis ist mir nichts bekannt. Wäre es aber nicht sogar legitim, wenn Investoren Klimaschutz propagieren würden, ähnlich wie jetzt tatsächlich wieder Kernkraft oder "moderne" Verbrenner massiv beworben werden? Warum sollte das Profitieren von Klimawende-Investoren moralisch verwerflicher sein als das von Fossil-Investoren? Nur weil wir es nicht schaffen, vom Öl loszukommen? Fossilökonomisten schützen mit ihrer Politik nicht nur zukunftsuntaugliche Arbeitsplätze, sondern auch längst abgeschriebene Fossil-Investitionen. Hier liegt das echte moralische Problem. Bei der politischen Abwägung scheinen Klimagerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit bisher keinen großen Stellenwert zu haben.
    Mit der Klimawende darf die Jugend nicht nur auf eine Überlebenschance hoffen, sondern auch auf eine zukunftsfähige wirtschaftliche Entwicklung. Sie kann zuallerletzt etwas dafür, dass die demokratisch verfassten Zivilgesellschaften das Ende des Fossilzeitalters wegen Desinformation zu spät mitbekommen, und viele Bürger dadurch wegen ungerechter Gesetze und politischer Untätigkeit zu den Verlierern der Klimaschutz-Disruptionen werden könnten.
    Die EU hat bereits BlackRock als Berater in Nachhaltigkeitsfragen engagiert, eine Firma, die seit ihrem Bestehen aus der Fossilökonomie Profit geschlagen hat und sich jetzt als Vorreiter der Disruption geriert, um nicht dem Platzen der Carbon Bubble zum Opfer zu fallen.

    [Kern 2020]






    Beim Blick in manche Medien bekam man bis vor Kurzem den Eindruck, dass Windkraft und andere klimaschonende Alternativen v.a. eines bergen: massive Umweltprobleme. Viele Leser dieser Zeitungen machten daraus in ihrer fossilökonomistischen Denke: die alternative Technik verursacht mehr Probleme als die konventionelle. Kurioserweise fand man diese Sichtweise auch im Spiegel: SPD-Nähe bedeutet eben auch Nähe zur Kohlelobby und damit Nähe zu klimaskeptischen Positionen, siehe hier und hier.
    [Verknüpfung]

    Bei der Genehmigung von Windrädern wurden allerdings auch in den Boom-Jahren vor Peter Altmaier hohe Anforderungen an Naturschutz gestellt.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Ein Interview mit einem Verbandsjuristen gibt Einblick in die vielfältigen Hemmnisse bei Genehmigungen von Windrädern. Er fordert u.a. die Anerkennung der Radar-Erkennungstechnik für sensible Arten.
    [Verknüpfung]
    Warum die Technik in Frankreich und der Schweiz schon seit Jahren zugelassen ist und in Deutschland immer noch nicht, ist eine interessante Frage. Sie scheint dort zumindest zu funktionieren.
    [Verknüpfung] (Volltextsuche: "radar")

    Das Anhalten von Windrädern zum Vogelschutz passiert ohnehin ausschließlich am Tage, wo die Verluste durch die Photovoltaik-Leistungsspitze ausgeglichen werden können.


    [Verknüpfung]

    Die großen, lange etablierten Umweltverbände sehen zwar die Naturschutz-Thematik in der Windkraft-Debatte differenziert und verlangen strenge Vorgaben an sensiblen Standorten. Doch sehen sie viel größere Gefahren für die Biodivesrität durch andere Faktoren, also Biotopverlust und Xenobiotica, v.a. durch industrielle Landwirtschaft, und nicht zuletzt durch den Klimawandel.
    [Verknüpfung]

    Und so sprechen sie sich trotzdem dezidiert für einen naturschutzgerechten, aber massiven Ausbau der Windkraft aus.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Der Spiegel, in dem man lange Zeit erstaunlich klimaskeptische und windkraftkritische Artikel lesen konnte, hat im Februar 2020 den "obersten Vogelschützer" Deutschlands mit dem "größten Windkraftfan seiner Partei" Oliver Krischer (Die Grünen) beim Interview zusammengebracht.
    Zitat:

    "Krischer: „Mich ärgert, wie heuchlerisch man mancherorts die eigenen Interessen vertritt. Es gibt Anwohner, die ihre Liebe zum Rotmilan zufällig genau dann entdecken, wenn Windräder vor ihrer Haustür geplant sind. Vorher hätte man ihnen wahrscheinlich erzählen können, Rotmilane seien serbische Freiheitskämpfer, und sie hätten das “geglaubt.“
    SPIEGEL: „Herr Krüger, wie sehen Sie das?“
    Krüger: „Ich muss leider zustimmen. Der Artenschutz wird tatsächlich von allerlei Interessengruppen funktionalisiert.“
    SPIEGEL: „Leider? Ist es denn aus Ihrer Sicht nicht gut, wenn sich möglichst viele Bürger für den Artenschutz engagieren – egal aus welchen Gründen?“
    Krüger: „Nein, überhaupt nicht. Es geht darum, den Artenschutz möglichst eng mit der Energiewende zu verzahnen. Die Erderhitzung ist eine riesige Bedrohung für viele Arten auf diesem Planeten. Die Energiewende ist eines der wichtigsten Mittel dagegen.“"


    Ohne Energiewende können wir uns allen Artenschutz auch gleich sparen.
    Jörg-Andreas Krüger (Vorsitzender Naturschutzbund Deutschland)
    [Schultz 2020]

    Sie sehen mittlerweile eine regelrechte Kampagne von Windkraft-Gegnern, in der der Vogelschutz nur für andere politische Zwecke instrumentalisiert wird:
    [Verknüpfung]


    "Es gibt Anwohner, die ihre Liebe zum Rotmilan zufällig genau dann entdecken, wenn Windräder vor ihrer Haustür geplant sind. Vorher hätte man ihnen wahrscheinlich erzählen können, Rotmilane seien serbische Freiheitskämpfer, und sie hätten das geglaubt."
    Oliver Krischer
    [Schultz 2020]

    Ein Beispiel für eine solche Gruppierung selbsternannter "Umweltschützer" ist der VLAB, der erst 2015 gegründet wurde. Sie klagt ausschließlich gegen die "Auswüchse der Energiewende" - also nicht nur gegen Windräder, sondern auch gegen Freiflächen-Photovoltaik, Stromtrassen und - jetzt besonders prominent - gegen die Tesla-Gigafactory in einer artenarmen Kiefern-Monokultur nahe Berlin. Sie erkennen zwar offiziell das Problem des Klimawandels an, in den übrigen Problem-Themen der etablierten Umweltverbände sehen sie jedoch keinen Grund zur Klage, den Atomausstieg sehen sie als Fehler an.
    [Wikipedia 2020 - Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern]
    Peter Altmaier kann man durchaus als verdeckten Anti-Windkraft-Aktivisten bezeichnen. Dafür gibt es etliche Belege.
    Vertreter der Umweltverbände beschweren sich über die überproportionale Redezeit der Windkraft-Gegner bei Verhandlungen mit Wirtschaftsminister Altmaier.
    [Verknüpfung]
    Altmaier lässt sich 2017 sogar mit saarländischen Windkraft-Gegnern bei einer Einladung in seinem privaten Garten ablichten; das Foto ist auf der Internetseite von Gegenwind Saar veröffentlicht.

    [Verknüpfung]
    Die Dachorganisation der Windkraft-Gegner Vernunftkraft e.V. hat ausgezeichnete Kontakte bis ins Altmaiers Ministerium; ihr 1. Vorsitzender Nikolai Ziegler arbeitet dort und hat sogar bereits den zuständigen parlamentarischen Staatssekretär Thomas Bareiß (CDU) vertreten.
    [Verknüpfung]
    Die Erfahrung von Umweltverbänden zeigt, dass Prozesse gegen Windräder sehr kostspielig sind. Die Finanzierung der Anti-Windkraft-Bewegung liegt im Dunkeln, allerdings ist die Vernetzung wichtiger Protagonisten mit CDU und Industrie bekannt.
    [Verknüpfung]

    Ein einziges Auto produziert weit mehr Infraschall als ein großes Windrad - trotzdem wird der Windrad-Infraschall zu einer lebensbedrohlichen Gefahr stilisiert.
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    Es gibt sogar eine unter Windkraft-Gegnern vielbeachtete ZDF-Doku aus der Reihe planet e zum Thema.
    [Verknüpfung]
    Nicht weniger grotesk mutet es in diesem Zusammenhang an, dass Windräder an manchen Raststätten wegen der Einschränkung der Erholungsqualität nicht genehmigt werden.

    Das UBA sagt dazu: "Es ist wichtig festzuhalten, dass WEA nur eine unter einer Vielzahl von natürlichen und anthropogenen Infraschallquellen sind und einen Teil zur Gesamtbelastung beitragen, der den Ergebnissen der erwähnten Geräuschimmissionsmessungen nach vergleichbar klein ist. [...] Bisher gibt es keine konsistente Evidenz dafür, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Infraschallemissionen von WEA verursacht werden."
    [Verknüpfung]

    Das UBA referiert u.a. auf eine MIT-Studie, die feststellt: "Infrasound and low-frequency sound do not present unique health risks. [...] Annoyance seems more strongly related to individual characteristics than noise from turbines." Dort, wo eine Gewinnbeteiligung der Anwohner erfolgt, wird keine Belästigung empfunden.
    [McCunney 2014]
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    2020 wurde eine englisch-finnische Studie veröffentlicht: "No evidence of health effects of wind turbine infrasound was found."
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    Dr. Stefan Holzheu vom Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung deckt schließlich auf, dass die Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR aus dem Jahr 2009, die Grundlage für die ganze Infraschall-Kampagne der Windkraft-Gegner ist, einen Fehler enthält. Die Autoren haben sich um einen Faktor größer als 3000 verrechnet. Das BGR ist eine Fachbehörde, die direkt dem Bundeswirtschaftsministerium untersteht.
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    Als wäre das nicht schlimm genug, hatte das BGR Holzheu rechtliche Konsequenzen bei Veröffentlichung angedroht. Letztlich ist es Holzheus Hartnäckigkeit seit April 2020 zu verdanken, dass sich ein Jahr später nach etlichen Querelen weitere Fachleute hinzugezogen werden, und plötzlich geht alles ganz schnell. Professor Martin Hundhausen (Uni Erlangen): "Ich kann es mir nicht erklären. Ich habe da draufgeguckt, und innerhalb von zwei Stunden wusste ich, das ist falsch."
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    Der zuständige Fachminister Altmaier entschuldigt sich. Welche Darstellung in der Öffentlichkeit letztlich verfängt und "hängenbleibt", ist die spannende Frage.
    Ein allzu großes Rad dreht Altmaier jedenfalls nicht daraus, mit der Begründung: "Es ist glaube ich auch Sache der interessierten Öffentlichkeit, diese Informationen zu verbreiten und deutlich zu machen." Diese Aussage und weitere gut recherchierte Zusammenhänge zum Thema im Polit-Magazin Kontraste des MDR.
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    Video: [Verknüpfung]
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    An dieser Stelle lohnt noch ein kurzer Blick auf die BGR, die dem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier untersteht. Sie urteilt nicht nur häufig im Sinne von Naturausbeutung, sie verbreitete sogar über viele Jahre etliche klimaskeptische Thesen, was so gar nicht in ihr Fachgebiet fällt.
    [Wikipedia 2021 - Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe - Klimaskeptizismus]
    Holzheu stieß im Nachgang noch auf eine weitere Studie vom 01.07.2021, die bei MDR und ZDF verbreitet wurde. Sie setzte Herzmuskelzellen direkt Schalldruckwerten aus einem Lautsprecher aus, die von der Größenordnung noch weit über denen der BGR-Skandalstudie orientieren. Selbst das Ärzteblatt, das diesen Größenordnungsfehler nicht einmal diskutiert, fordert weitere Untersuchungen.
    [Verknüpfung]
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    Entsorgungsprobleme von Altanlagen werden in den Medien sogar verglichen mit denen von Atommüll; in Diskussionen hört man oft ähnliche Behauptungen.
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    Bei wissenschaftlicher Betrachtung entbehrt dieser Vergleich jeglicher Grundlage (kurioserweise stammt der referierte Artikel aus derselben Zeitung):

    • viele Altanlagen, die aus ökonomischen Gründen schon vor dem Ende ihrer Nutzbarkeit durch "Repowering" ersetzt werden, können im Ausland günstig weiterlaufen
    • der Werkstoff GFK macht zwar wegen seines Glasanteils bei der konventionellen Müllverbrennung Probleme durch Verglasung der Brennkammer, kann jedoch in der Zementherstellung als Ersatz fossiler Brennstoffe dienen; wenn in Zukunft die Polymer-Grundstoffe aus P2X kommen, ist diese Verbrennung CO2-neutral
    • GFK-Werkstoffe werden seit Jahrzehnten in großen Mengen verarbeitet, aber noch nie wurde ein GFK-Entsorgungsproblem öffentlich thematisiert; genauso wenig wie die um Größenordnungen höheren CO2-Emissionen bei der Kunststoffmüll-Verbrennung, die das duale System eigentlich vermeiden sollte.

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    Die Recycling-Strategie des Herstellers Vestas zeigt, dass Recycling funktioniert und auch für die Hersteller von wirtschaftlichem Interesse ist.
    [Verknüpfung]
    Das Verfahren basiert auf einer neuartigen chemischen Zersetzung des Epoxidharzes, eines nicht schmelzbaren Duroplasten, das im Rahmen des Projekts CETEC an der Universität Aarhus entwickelt wird. Vestas strebt damit ein vollständiges Recycling aller Komponenten bis 2040 an.
    [Verknüpfung]
    Ein anderes Entsorgungs-Projekt, das zumindest die Glasfasern recycelt, wird betrieben von Aker und der Universität Strathclyde.
    [Verknüpfung]

    Als letztes Argument gegen den massiven Ausbau der Onshore-Windkraft wird die mögliche Netzüberlastung angeführt. Doch lokale Speichertechniken und preisgesteuerte Nutzungsanreize (Smart-Grid) werden bald viele der geplanten Fernleitungen obsolet machen; zudem sind nicht alle von den Netzbetreibern geplanten Fernleitungen überhaupt unbedingt notwendig.
    [Verknüpfung]
    Vergleicht man die Anstrengungen, die in Deutschland zur Versorgung mit Breitband-Internet bis in den letzten Winkel unternommen werden, lässt die Diskussion um Stromtrassen - in Anbetracht ihrer Bedeutung für die Zukunft - jegliches Maß vermissen.

    Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Probleme, die Peter Altmaier immer wieder als Rechtfertigung des faktischen Ausbaustops von Onshore-Windkraft anführt, ließen sich durch drei einfache Maßnahmen beheben:

    • verpflichtende Nachteilsentschädigung oder wahlweise Gewinnbeteiligung der Anwohner
    • Zulassung und verpflichtende Nutzung von Radar-Systemen zur Vogel- und Fledermausschutz-Notabschaltung in sensiblen Naturräumen (wie z.B. in der Schweiz oder in Frankreich)
    • bedarfsgerechter Ausbau der Speicher- und Netzinfrastruktur

    Durch die vielfältigen Kampagnen gegen Windkraft gibt es allerdings keine allzu große Aufregung, wenn die Windenergiebranche in Deutschland leidet und 35.000 neue Arbeitsplätze wegfallen. Wesentlich präsenter in der öffentlichen Wahrnehmung sind die "armen Kohlekumpel", von denen zum Zeitpunkt des geplanten Kohleausstiegs nur noch wenige Tausend übrig sein werden.
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    Für deren Arbeit werden sehr wahrscheinlich bald hohe Emissions-Abgaben, ja möglicherwiese sogar Strafen fällig.
    Das wird ihre Arbeitgeber nicht davon abhalten, auf die Einhaltung ihrer Verträge mit dem Staat zu bestehen. Das Abschalten der lange abgeschriebenen Anlagen, die dann zu Stranded Assets werden, müssen wir ihnen mit zig Milliarden Euro vergolden. Milliarden, auf die wir anderswo werden verzichten müssen.
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    Mindestens ein Betreiber hatte ohnehin die Abschaltung für 2037 geplant.
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    Manche Vereinbarungen der Kohlekommission sind im Gesetzesentwurf noch nicht umgesetzt, manche der Vorgaben verletzen den mühsam gefundenen Kompromiss (Stand Januar 2020). Mit Datteln IV geht ein neuer Kohlekraftwerksblock (mit 800m Abstand zu dichter Bebauung) in Betrieb.
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    Die Scientists for Future finden zu ihrem Auftakt in der Bundespressekonferenz 2019 für die Entscheidungen und die Desinformation in Politik und Medien deutliche Worte.


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    Die UBA-Studie dazu bei:
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    2019 sagen Experten die Massenentlassungen in der deutschen Windkraftbranche voraus.


    [Verknüpfung] (gesamte Sendung über Klimawandel)
    [Verknüpfung] (Ausschnitt zur Windkraft mit Manuskript)

    2020 ist klar: 40.000 Arbeitsplätze gehen verloren, zeigt ZDF Frontal 21.
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    Manuskript:
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    Es gibt kaum einen Bereich der Wirtschaft, in dem so viel Volatilität durch erratische staatliche Eingriffe herrscht, wie Windkraft; von Planwirtschaft zu sprechen, wäre ein Euphemismus. Zutreffender wäre unbewusstem Dilettantismus oder bewusster Sabotage. Nachdem die global boomende Windkraft-Branche in Deutschland auf nahezu Null Zubau gedrückt worden ist, gibt es nach Erdrutsch-Gewinnen für die Grünen bei Umfragen jetzt plötzlich grünes Licht für 116GW Zubau. Aber diese Maßnahme könnte sich als Strohfeuer erweisen, denn schnell könnte der gerade überhastet beschlossene Kürzungsmechanismus für das Ausschreibungsvolumen greifen.
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    Sehr gute Aufarbeitung des Themas von ZDF zoom:
    17'58'' Peter Altmaier: "Wer 'n Acker hat und 'n Windrad hinstellen kann, findet's meist ganz knuffig, weil damit Pachteinnahmen verbunden sind. Und wer 'n Haus hat und auf den Acker schaut, fühlt sich meistens beeinträchtigt, und ist geneigt, in Bürgerinitiativen zu gehen."
    So, als könnte man nicht Betreiber zu Gewinn-Beteiligungen der Anwohner verpflichten. Überall, wo das praktiziert wird, gibt es keine Proteste.

    [Verknüpfung]
    Und an dieser Stelle geht's auch im Film weiter mit dem nächsten Kapitel dieser Arbeit.

    Vorher aber noch der Hinweis auf eine im Januar 2021 erschienene, zutiefst verstörende Studie zu diesem Thema vom Rechercheteam der Europäische-Energiewende-Community (energiewende.eu), die schon das EEG-Paradoxon für das Team von ZDF Die Anstalt aufbereitet hat. Nach dieser Studie wurde ein Großteil der Bewegung von Altmaiers PR-Team erfunden.
    Wenn das so ist, dann gibt Altmaier nur vor, auf den gesellschaftlichen Druck der jugendlichen Klimaschützer zu hoffen.

    Die Studie ist mit zahlreichen Dokumenten belegt. Die Frage ist, wie lange die Medien noch brauchen, um die Recherche zu bestätigen. Oder warum die Sache sonst nicht publik wird. Die Community hat 27.000 Abonnenten bei Facebook, davon etliche Fachleute. Von einer Unterlassungsklage gegen sie ist mir nichts bekannt.
    [Verknüpfung]
    Viele damit zusammenhängende Fakten hat das Team schon über Jahre in Blog-Beiträgen zusammengetragen, die hier in einer Übersicht aufgelistet sind.
    [Verknüpfung]
    Die Community hat gleichzeitig ein riesiges Netzwerk aufgedeckt, in dem sich die bekannten deutschen Klimaskeptiker und Klimabremser aus den verschiedenen Parteien finden.
    [Verknüpfung]







    "... und deshalb werden wir Gas importieren."


    Im o.g. Film erklärt der Wirtschaftsminister seine Agenda, die nationale Wasserstoff-Strategie:
    18'38'' Peter Altmaier: "70 Prozent unseres Primärenergiebedarfs werden importiert und wer sagt, wir sollen das in Zukunft ändern, der muss dann auch sagen, wo die Flächen herkommen sollen [...] und wie der Ausbau von statten gehen soll. Dort, wo wir heute Öl und Gas importieren, Kohle und Nuklearbrennstäbe, dort werden wir in Zukunft grünen Wasserstoff importieren."
    Der Wasserstoff muss auch gar nicht unbedingt grün sein, also durch Elektrolyse gewonnen werden. Der Mutterkonzern der Gasgesellschaft Wintershall, BASF, hat schon ein neues Verfahren, um aus fossilem Methan "türkisen" Wasserstoff zu entwickeln.
    Tatsächlich lässt sich die Methan-Energie klimaneutral nutzen, solange die Pyrolyse selbst klimaneutral erfolgt. Die Kohlenstoff-Atome werden so nicht in CO2-Molekülen ausgestoßen, sondern als Ruß (Schwarzpigment oder - bei den Mengen möglicherweise auch - Sondermüll) abgeschieden. Altmaiers Staatssekretär Bareiß jubelt.


    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    Weder die Wertschöpfungs- noch die Beschäftigungseffekte eines Wasserstoffimports können mit der Favorisierung einer Energiebereitstellung aus heimischen Erneuerbaren Energien mithalten, berechnet das Wuppertal-Institut 2020.

    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung] (Seite 112)
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    Anlässlich der Verkündung der Nationalen Wasserstoff-Strategie am Ende des Jahres 2020 lotet ein Artikel im Magazin Erneuerbare Energien die Potentiale und Grenzen der Wasserstoff-Technologie aus.
    [Verknüpfung]
    Es folgten weitere Studien über Wasserstoff-Wirtschaft, u.a seine Chancen, die Akku-Technik im PKW-Bereich zu verdrängen. Es stellte sich heraus, dass diese Debatte längst deutlich für den Akku entschieden war - dass also für das jahrelange Festhalten am Verbrenner bis zur Entscheidung der Marktakteure überhaupt kein Anlass bestand.

    D.h. Energieversorger brauchen sich so oder so nicht um ihre Zukunft zu sorgen, und der Staat kann dabei nach wie vor Steuern einnehmen, die man nicht von anderen einfordern muss. Die eigentlich gravierenden Nachteile der Importabhängigkeit sind für Altmaier zweitrangig. Kein Wunder, dass Wasserstoff auch "das neue Öl" genannt wird. Eine Bezeichnung, die mich sofort hellhörig werden lässt. Mehr dazu hier.







    Liest man in konservativen Zeitungen, bekommt man den Eindruck, von PV ginge eine ernsthafte Gefahr von Schwermetallverseuchung aus.
    [Verknüpfung]

    Dabei sollte man das Bild differenziert sehen: betroffen ist nur ein kleiner Teil der PV-Anlagen in Dünnschicht-Technik, und die Gefährdung wird weit übertrieben:
    [Verknüpfung]
    Eine regelrechte Gegendarstellung der PV-Branche sagt (natürlich) noch etwas anderes:
    [Verknüpfung]
    2015 bekam die Loser Chemie GmbH den Rohstoff-Effizienz-Preis des Bundesministeriums für Wirtschaft für ein Verfahren zum 100%igen Recycling für die problematischen Dünnschicht-Zellen.
    [Verknüpfung]

    Die Diskussion ist bei uns mittlerweile verstummt; sie könnte aber wieder von den USA aus befeuert werden, wo bekanntlich der Kreativität der Lügenproduktion keine Grenzen gesetzt sind. Nach den Ankündigungen einer Energiewende durch den Post-Trump-Präsidenten Joe Biden heißt es jetzt dort, PV sei krebserregend.
    [Verknüpfung]

    Dazu noch ein aktueller Artikel aus dem Spiegel, der u.a. die Fortschritte beim Recycling behandelt.
    [Verknüpfung]







    Der neoliberal-konservative Ökonom Hans-Werner-Sinn machte mit dem Festköper-Physiker Christoph Buchal im Frühjahr 2019 mit einer Studie Furore. Sie rechnet vor, dass Elektroautos mit dem deutschen Strommix gar keinen Vorteil bei den CO2-Emissionen bringen. Der deutsche Strommix sei zu CO2-lastig. Dabei gehörte Sinn immer zu denen, die vor den Kosten eines zu schnellen Ausbaus der Erneuerbaren Energien warnten. Er vergisst außerdem, dass viele Elektroauto-Fahrer aus Überzeugung den Strom aus Erneuerbaren Quellen beziehen, teilweise selbst produzieren. Mittlerweile ist Solarstrom mit Abstand die günstigste Art, ein Auto zu betreiben. Bei dem Emissions-Rucksack der Akku-Produktion übernimmt Sinn die veralteten Zahlen der sogenannten Schwedenstudie des IVL, und geht von einer Lebensdauer von 150.000km aus.
    [Verknüpfung]
    Sinns Studie wurde vielfach kritisiert, z.B. hier:
    [Verknüpfung]
    ...hier:
    [Verknüpfung]
    ...oder hier: [Verknüpfung]
    Die zitierte Schwedenstudie wurde Ende 2019 sogar von den Autoren selbst zurückgenommen. Die Produktion ist effizienter geworden, und die Lebensdauer kann man getrost mit 300.000km annehmen.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Im Phoenix-Interview mit Michael Krons im Sommer 2020 zitiert Sinn jetzt immerhin nicht mehr seine eigene Studie, sondern eine des Joanneum Research für Automobilclubs wie den ADAC aus Ende 2019 - die jedoch immer noch den deutschen Strommix zugrunde legt und auch noch von der veralteten Schwedenstudie zur Akkuproduktion ausgeht.
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Eine Neuberechnung mit den aktualisierten IVL-Werten zeigt, dass Sinns Kritik unberechtigt ist.
    [Verknüpfung]
    Wie zu erwarten war, wurden durch die Massenproduktion der Akkus Effizienzsteigerungen möglich, die den Vorsprung der Elektroautos in der CO2-Bilanz weiter vergrößerten. Jetzt belegt durch eine Studie der TU Eindhoven.
    [Verknüpfung]

    Weniger Echo fand der letzte Versuch des VDI, das Thema mit einer Studie noch einmal hochzukochen. Der ausführliche Artikel im Handelsblatt macht mit einem irreführend reißerischen Titel auf, stellt den Stand der Debatte jedoch letztlich gut dar.
    [Verknüpfung]

    Eine WDR-Doku ist exemplarisch für viele tendentielle Darstellungen in den Medien, die über Verzerrung bis zur Falschdarstellung reichen.
    [Verknüpfung]

    Zwischenzeitlich wurde die Sendung auf dem Youtube-Kanal umbenannt in "Wie das Elektroauto die Umwelt zerstört", auf Protest wurde wieder der ursprüngliche Titel verwendet.
    [Verknüpfung]

    Dazu Gegendarstellungen:

    zu den Emissionswerten hier:
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]

    zur Well-to-Wheel-Problematik des Verbrenners, auch die Schäden, die über die CO2-Problematik hinausgehen:
    [Verknüpfung]

    zu der Gesamtthematik und dem WDR-Film:
    [Verknüpfung]

    Natürlich ist das Elektroauto kein Allheilmittel unserer Mobilitäts-Probleme. Es kann nur eine Ergänzung sein für die Situationen, wo andere Alternativen fehlen. Das gefällt natürlich deutschen Industriepolitikern gar nicht, weil es ihrer Klientel schadet.
    Umweltverbände fordern ÖPNV und Fahrrad, und nur als Ergänzung kleine Elektroautos - das fordert sogar die WDR-Doku ganz am Ende des Films; bei vielen Zuschauern bleibt hängen, dass man mit dem Umstieg womöglich besser noch abwartet.

    Die vielfache Kritik hat dazu geführt, dass eine aktualisierte Version des Films ausgestrahlt wurde, die wesentlich ausgewogener ausfällt.
    [Verknüpfung]

    Im Herbst 2020 legte der deutsch-französische Sender arte mit der französischen Dokumentation "Umweltsünder E-Auto?" nach. Dort sprechen Experten von "Elektroauto-Religion", "ElectriGate", einer wagt die Prognose: die erhofften Emissionsminderungen würden ausbleiben. In einem Rundumschlag werden beim Thema Ressourceneinsatz gleich auch die Erneuerbaren Energien verteufelt.

    Angesichts der drohenden Klimakatastrophe erwartet man hier die Forderung nach Verzicht, einer breiten Deindustrialisierung. Das sind Forderungen, die ich teils auch durchaus unterstütze. Nur weiß ich, dass ihre Durchsetzung noch weit schwieriger wäre als eine Klimawende mit intensiver Nutzung Erneuerbarer Energien und Elektromobilität.
    [Verknüpfung]
    Aber vor allem werden diese radikalen Forderungen erst am Ende des Films erhoben. Das ist sein Problem.

    Manchem Zuschauer entsteht hier über weite Strecken der Eindruck, als stünden die Probleme der alternativen Technologien allein da, als würden Elektroautos und Erneuerbare Energien zwangsläufig in eine ökologische Katastrophe führen. U.a. setzt Lothar Mayer, Anti-Windkraft-Aktivist der AfD-nahen Initiative Vernunftkraft e.V., die Entsorgungsprobleme von Windrotoren gleich mit denen der Atomwirtschaft; mehrfach wird behauptet, Rotorblätter enthielten seltene Erden - dabei bestehen sie aus Balsaholz und glasfaserverstärktem Kunststoff.
    Vor allem die chinesische Politik wird als Problem dargestellt. Dabei wurde vorher jahrzehntelang die fossilbasierte Produktion nach China ausgelagert, gerade weil dort westliche Umweltstandards zugunsten der Profite westlicher Investoren unterlaufen werden konnten. Tatsache ist jedenfalls, dass China Ende 2020 die Dekarbonisierung für 2060 angekündigt hat - im Gegensatz zu anderen wichtigen Handelspartnern wie USA, Russland und Australien.
    Die aggressive chinesische Industriehandels-Politik wird von Ex-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg schließlich als direktes Argument gegen die Installation von Photovoltaik angeführt, Zitat:

    "Die Chinesen haben die europäische Solarindustrie vernichtet. Die Spanier haben ihre Solarindustrie verloren, ebenso die Franzosen, Deutschen und Italiener [...]. Wenn sie heute Solarmodule auf Ihrem Dach installieren, unterstützen sie China."

    An dieser Stelle wird der ansonsten leider sehr einseitige Film dennoch richtig sehenswert, denn Montebourg gibt einen der raren Einblicke in die Strategien der deutschen Industriehandelspolitik.


    Als ich Wirtschaftsminister war, habe ich mich mit den deutschen Ministern wegen der Schutzzölle auf chinesische Solarmodule gestritten. Die Deutschen wollten nicht. Warum? Weil sie selbst in China ihre Autos verkaufen. [...] Sie dachten sich: was soll's? Dann geben wir eben die Solarindustrie auf. Sind wir eigentlich bekloppt?
    Arnaud Montebourg (französischer Wirtschaftsminister 2002-2014)

    Man muss wohl einschränkend hinzufügen, dass es laut Solarworld-Chef Asbeck zum einen auch chinesische Industriespionage gegeben haben soll, was in diesem Falle die Situation verschärft hätte.
    [Verknüpfung]
    Zum anderen hat die EU zwischen 2013 und 2018 Schutzzölle eingeführt - das war für die heimische Solarbranche allerdings schon zu spät.
    [Verknüpfung]

    Die deutsche Version des Films hat den Untertitel "Die dunkle Seite der Energiewende".
    Auch wenn der Film am Ende einen richtigen Schluss zieht: seine einseitige Kritik der Alternativen wirkt wie Wasser auf die Mühlen der Fossilökonomisten.
    Bei SWR2 findet sich eine entsprechend kritische Rezension.
    [Verknüpfung]
    Der kritische Blog Der Graslutscher nimmt den Film gnadenlos auseinander.
    [Verknüpfung]
    Man findet ihn (deshalb?) leider nur noch privat (also mit speziellen Zugriffsrechten) im Internet. Schade, denn das Montebourg-Interview ist eines der wenigen Schlaglichter auf dieses ansonsten wenig beleuchtete Thema.
    [Verknüpfung] (ab 88').

    Erneuerbare Energien und Elektromobilität sind natürlich nur in eng begrenztem Maße ausreichend nachhaltig, und deshalb kann kein Zweifel daran bestehen, dass wir ohne sie zurück in die vorindustrielle Zeit müssten. Denn die konvenionellen Technologien müssen so bald wie möglich weichen, je früher, desto besser.
    Entsprechend müssen die Staaten dringend die Klimawende streng moderieren - was angesichts der beginnenden Kapitalflucht aus fossilen Investments in "Green Growth" extrem anspruchsvoll bis unmöglich erscheint. Die soziale Transformation muss deshalb schon jetzt stattfinden.
    Weil die Regierungen nicht "zu Potte kommen", entwirft die ökonomische Elite 2020 ihren eigenen Plan: The Great Reset.

    Besonders bemerkenswert: die meisten Gegner des Elektroautos fordern den Abschluss der Energiewende als Voraussetzung für die Mobilitätswende - obwohl die CO2-Bilanz schon mit dem derzeitigen Strommix besser ist als die des Verbrenners; zumal ein großer Teil der Privatnutzer mit grünem Strom die Bilanz nochmals um ein Vielfaches verbessert. Vielfach sind diese Kritiker auch dieselben Leute, die gleichzeitig die Energiewende schlechtreden oder sabotieren, weil sie sie in Wirklichkeit gar nicht wollen.

    Wie sehr die deutschen Automobilentwickler die Entwicklung zuerst verschleppt und dann verschlafen haben, zeigt sich immer deutlicher: man kann die Welt nicht zwingen, immer weiter deutsche Verbrenner zu fahren. Fossilökonomismus hat den Industriestandort Deutschland aus dem Boom in massive Schwierigkeiten gebracht.
    [Verknüpfung]

    Lithium-Akkus lassen sich mit regenerativer Energie herstellen (was aufgrund der Kosten in Zukunft die Regel wird, wie jetzt schon z.B. in Teslas Gigafactory oder für VWs ID3 bei LG Chem) und sind gekapselt - weshalb sie für Recycling prädestiniert sind. Entgegen anderslautender Gerüchte ist Lithium-Recycling bereits im Betrieb.
    [Verknüpfung]

    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]
    Die momentan noch eingeschränkten Recycling-Möglichkeiten sind weniger Problemen der Machbarkeit geschuldet. Nachdem China jahrelang ohne Recycling-Motivation immer nur neue Ressourcen für die Zellproduktion genutzt hat, steigen Länder mit höheren Umweltstandards in das Geschäft ein - und entwickeln das Recycling gleich mit, denn mit einem Rohstoff-Engpass oder zumindest höheren Preisen ist mittelfristig zu rechnen. Die schnelle Entwicklung neuer Technologien lässt auf einen großen Forschungs-Nachholbedarf schließen: das Thema wurde bisher schlicht vernachlässigt. Einen guten Überblick über das globale Wettrennen um das Lithium-Recycling bietet der Youtube-Kanal Justhaveathink:

    [Verknüpfung]
    Nur ein verschwindend geringer Teil der Konsumenten verzichtet wegen Li-Ionen-Akkus auf ein Smartphone, viele dagegen auf ein Elektroauto. Allerdings ist das Recycling von Li-Fahrakkus viel weiter fortgeschritten als das von Li-Klein-Akkus, die weitgehend nicht recycelt werden. Berichtet die Neue Zürcher Zeitung und bezeichnet die "Elektroauto-Batterien" als "Musterbeispiel für Kreislaufwirtschaft".
    [Verknüpfung]

    Die Standzeiten der Akkus sind schon so lang, dass die bei Verbrennern übliche Lebensdauer privater PKW oft deutlich überschritten wird. Wenn Akku-Pakete vorzeitig getauscht werden, muss meist nur eine defekte Zelle ersetzt werden; das Paket kann dann wieder ein vergleichbar gealtertes ersetzen. Im mobilen Einsatz gealterte Akkus mit Restkapazitäten von 75-80% können in einem second life noch wirtschaftlich als stationäre Speicher genutzt werden, bevor sie der Recycling-Wirtschaft zugeführt werden müssen.
    [Verknüpfung]
    Doch auch der Ursache der Alterung ist man auf der Spur. Wahrscheinlich werden auch hier Fortschritte die Standzeiten weiter verlängern.
    [Verknüpfung]

    Das EU-Parlament setzt sich für eine Kreislaufwirtschaft auch im Bereich der Li-Ionen-Akkus ein.
    [Verknüpfung]

    Immer wieder werden knappe Lithiumreserven beklagt - es gibt aber auch hier nicht nur Negativschlagzeilen.
    [Verknüpfung]
    Australien fährt seinen Lithium-Bergbau hoch... .
    [Verknüpfung]
    ... und hat Chile bereits den Spitzenplatz streitig gemacht.
    [Verknüpfung]
    Die Nutzung von Tiefenwasser für geothermische Energiegewinnung ermöglicht die Abtrennung von Litium-Salzen. In Deutschland sind größere Vorkommen entdeckt worden.
    [Verknüpfung]

    Schon 2010 konnte man beim Fraunhofer ISE lesen: "Die Schlussfolgerung ist, dass selbst unter extremen Annahmen in den nächsten vier Jahrzehnten nicht mit einer Knappheit der Lithium-Reserven zu rechnen ist."
    [Verknüpfung]
    An dieser Einschätzung hat sich bis 2020 nichts geändert.
    [Verknüpfung]

    Vor allem die Umweltschädlichkeit der Lithiumsalz-Förderung wird immer wieder als Ausschlusskriterium für Elektroautos vorgebracht. Die Berichte aus der Atacama-Wüste zeigen echte Probleme. Doch für eine ausgewogene Beurteilung muss man weitere wesentliche Punkte bedenken.

    • die Förderung begann 1996 als Beiprodukt einer gigantischen Kalisalz-Förderung für Dünger und Borax-Förderung für die Industrie
      [Wikipedia 2020 - Salar de Atacama]
    • bis vor Kurzem wurde das Lithiumsalz zu 100% für andere Produkte verwendet
    • es wird zunehmend entsalztes Meerwasser verwendet
      [Verknüpfung]
    • in der Atacama befindet sich seit einem Jahrhundert eine Kupfermine, die weit größere Schäden verursacht
      [Wikipedia 2020 - Chuquicamata]
      [Verknüpfung]
    • die Umweltverbände (die auch schon früher die Probleme der Lithiumsalz-Förderung kritisierten) fordern seit Jahrzehnten eine strenge Regulierung der Lieferketten, sprechen sich jedoch insgesamt deutlich für Elektromobilität - als Ergänzung zu öffentlichem und Rad-Verkehr - aus
    • einmal geförderte Rohstoffe der Elektromobilität lassen sich - im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen - recyceln
    • Lithiumsalze lassen sich perspektivisch aus Meersalz aufkonzentrieren, was kombiniert mit Meerwasserentsalzung praktiziert werden kann
    • auch anderswo gibt es Quellen für Lithiumsalze, z.B. Tiefenwasser
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    Noch ein Thema fossilökonomistischer Panikmache ist die Verfügbarkeit von Seltenen Erden. Tatsächlich besteht hier eine gewisse Abhängigkeit von der chinesischen Produktion, die aber hauptsächlich der inkonsequenten Kontrolle der Lieferketten geschuldet ist. Generell ist die chinesische Förderung die billigste, möglicherweise auch aus Gründen lockerer Umweltstandards und schlechter Arbeitsbedingungen. Deshalb gibt es nur dann am Weltmarkt Alternativen, wenn China wieder einmal im Handelsstreit das Angebot verknappt hat und es sich anderswo wieder lohnt, die Minen zu öffnen: ein sogenannter Schweinezyklus (Zitat Manager-Magazin).
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    Ich möchte hinzufügen: in einem Schweinesystem der Ausbeutung, wobei man den Schweinen sicher Unrecht tut. Nicht nur die chinesischen Unternehmer tragen die Verantwortung, sondern auch die deutschen Firmen, die mit ihnen Geschäfte machen.
    Panik vor dem Kollaps der Rohstoffversorgung für die Energiewende ist jedenfalls nicht angebracht. (Panik vor der Klimakatastrophe dagegen schon, bedenkt man die gegenwärtige Politik.)

    Selbst wenn wir irgendwann eine Knappheit an Lithium und/ oder Kobalt bekommen sollten (was mittelfristig noch nicht absehbar ist) - es gibt umweltfreundliche und günstige Alternativen; hier nur eine Auswahl der bisher zur Serienreife ausentwickelten Varianten:

    • Lithium-Eisenphosphat-(LiFePO4-)Akku: ohne Kobalt, seit Jahren sehr robust im Masseneinsatz;
      der zweitgrößte chinesische Akkuhersteller baut diese Akkus für Haus-PV-Speicher und verbesserte Modelle auch für Teslas chinesische Variante des Model 3
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    • Natrium-Eisenphosphat-Akku: Variante des LiFePO4-Akkus ohne Lithium, also rohstoff-unkritisch, leistungsstark und günstig; Produktionsstart Juli 2021
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    • Ovonics-NiMH-Akku, verwendet im Toyota Prius (legendär zuverlässig) und u.a. im GM EV1 - das Patent ist sprichwörtlich in der Schublade verschwunden
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    • Natrium-Nickelchlorid-Akku (bekannt als Zebra-Batterie oder SoNick-(Salz-)Batterie)
      • verwendet im BMW E-1, dem Think City, französischen Postautos, vielen Militäranwendungen und als Notstromlösung u.a. für Mobilfunkmasten; im Test auch in Kurzzeit-Großspeicher-Kraftwerken
      • produziert von MES-DEA Swiss (heute FZ SoNick), General Electric und Rolls-Royce
        [Wikipedia 2019 - Zebra-Batterie]
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    • Natrium-Schwefel-Akku
      [Wikipedia 2019 - Natrium-Schwefel-Akkumulator]
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      [European Patent Office 2019 - Natrium-Schwefel-Akkumulator]
    • Brennstoffzelle: diese Technik kann man betreiben mit Elektrolyse-Wasserstoff aus Erneuerbarem Strom (allerdings sinkt der Wirkungsgrad gegenüber dem Akku-Auto erheblich); als Range-Extender zu einem mittelgroßen Akku macht sie jedoch wesentlich mehr Sinn als der Verbrenner im Plug-In-Hybrid, denn sie wiegt genau so viel und ist weit effizienter.
      z.B. Renault Kangoo z.e. mit (bescheidenem) Range Extender
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    • Zink-Luft-Akku
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    Darüber hinaus gibt es etliche weitere erfolgversprechende Alternativen zum herkömmlichen Li-Ionen-Akku, die sich mehr oder weniger weit in Richtung Serienreife entwickeln:
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    Der Lithium-Schwefel-Akku funktioniert ohne Kobalt und verspricht eine sehr viel höhere Leistungsdichte (deshalb als "der heilige Gral" der Elektrochemie bezeichnet)
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    Im Jahr 2021 ist endlich - wenn auch viel zu spät - der Durchbruch der Elektromobilität geschafft. Die absehbaren Ausstiegs-Daten vieler Staaten und die exponentiell steigenden Verkaufsanteile von Elektroautos zeigen es unbestreitbar. Doch jetzt bringen genau die Hersteller, die die Antriebswende am längsten verschleppt und immer vor Rohstoffmangel und Energieaufwand gewarnt haben, große Boliden mit riesigen Akkus auf den Markt. Die unzähligen Fossilökonomisten, die die Verhinderungsargumente verbreitet haben, müssten diese Autos genauso boykottieren wie die Kleinwagen der Pioniere.
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    Über die benötigten zusätzlichen Strommengen für Elektro-Straßenfahrzeuge gibt es die wildesten Gerüchte, und man tut so, als würde diese Strommenge von einem Tag auf den anderen benötigt - dabei geht es bei vollständigem Ersatz nur um 15 (ohne) bis 30% (mit LKW) mehr.

    Der Mehrbedarf liegt damit gerade einmal in der Größenordnung der deutschen Stromexporte 2018. Vergleicht man die Wachstumsgeschwindigkeit anderer Produktionszweige, so verliert dieses Argument zudem gewaltig an Gewicht.
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    Der Energieversorger EOn informiert seine Kunden über den Mehrbedarf durch EAutos.
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    Seit sich die Diskussion um die Strommengen beruhigt, spricht man dem Stromnetz die benötigte Spitzenlast-Fähigkeit ab.
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    Doch nicht jeder Auto-Pendler, der von der Arbeit nach Hause kommt, muss in einer halben Stunde wieder ein volles Auto vor der Tür haben.

    Für eine sprichwörtliche "Schnarchladung" über Nacht reicht der Strom, den man sonst für den Elektroherd bräuchte, und auf das synchrone mittägliche Einschalten der Herde wurde unser Netz in einer Zeit ausgelegt, als man Frauen noch an den Herd gebunden hat. Mit Preisaufschlägen für Schnellladung könnte man den Spitzen-Bedarf senken. Auch Haushalts-Akkuspeicher würden das Problem verringern. Auch auf Langzeit-Parkplätzen sind Schnellladesäulen unsinnig.
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    Über die Möglichkeiten intelligenter Lastverteilung findet man mitunter auch Beiträge in den Medien.
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    Mit der - von der Konkurrenz getriebenen - Marktanpassung der deutschen Autoindustrie kommen endlich auch Lösungen in Deutschland in Sicht.
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    Drittens würde der Mehrbedarf an Strom ja nicht von heute auf morgen anfallen.

    Der Energieversorger EOn kann die Horrorvorstellungen von Netz-Zusammenbrüchen durch EAutos nicht bestätigen, im Gegenteil.
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    Viertens besteht auch noch die Möglichkeit, das Gewicht der allermeisten Fahrzeuge - und damit u.a. ihren Energieumsatz - auf einen Bruchteil zu senken. Zugegeben, dann müssten einige Blockaden in sehr vielen Köpfen aufgelöst werden.

    Stellvertretend für viele interessante Initiativen sei die TU Eindhoven genannt. Sie bringt jährlich ein neues Prototyp-Fahrzeug heraus, in dem immer neue Nachhaltigkeits-Ideen (auch im Werkstoffbereich) verwirklicht werden.

    Das Eindhovener Projekt 2019 wurde mit einem hohen Anteil von Recycling-Materialien gebaut.
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    Fünftens lässt sich das Ladestrom-Management entzerren durch streckenweisen Einsatz von Oberleitungen für LKW und Busse.
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    Es ist ja noch nicht einmal ein deutsches Verkaufsverbot für neue Verbrenner in Sicht, geschweige denn ein Betriebsverbot für Bestandsfahrzeuge. Einzig die strengen EU-Vorgaben für CO2-Emissionen üben einen gewissen Druck auf die Industrie aus.

    Abgesehen davon, dass sechstens die Umweltverbände und Fachleute Autos ja nur noch als sekundäre Ergänzung des priorisierten ÖP- und Fahrradverkehrs empfehlen. Eine CO2-Bepreisung würde Wertschöpfung wieder viel stärker lokalisieren, viele Güter-Transporte würden unrentabel. Damit würde insgesamt der Fuhrpark auf einen Bruchteil schrumpfen.

    Mit einem elektrischen Verkehrssektor würden wir aber 10-18% (ohne bzw. mit LKW) unserer gesamten CO2-Emissionen vermeiden.

    Besonders hartnäckig hält sich das Gerücht, Elektroautos funktionierten nicht.

    Bevor die neuen Elektroautos klaglos ihre ersten 200.000km absolviert haben, wurden wilde Gerüchte über eine kurze Lebensdauer der Akkus verbreitet. Mittlerweile gibt Lexus (eine Marke von Toyota) eine Garantie über 1.000.000 [sic!] Kilometer und 10 [sic!] Jahre, Tesla will auf 1.000.000 Meilen erhöhen.
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    Auch die Gerüchte über ihre Winter-Untauglichkeit sind längst widerlegt.
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    Trier probiert es einmal mit einem Elektrobus - und das Scheitern wird genüsslich in der Presse belächelt.
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    In China dagegen läuft's mit dem EBus. Die Deutschen haben "Made in China" lange genauso schlecht geredet wie es vor 100 Jahren die Engländer mit "Made in Germany" taten.
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    Der Elektrobus könnte - nach PV und Li-Ionen-Akkus - ein weiterer chinesischer Exportschlager werden.
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    Jahrelang konnten Fossilökonomisten Gerüchte verbreiteten über die mangelnde Haltbarkeit der Akkus, Komforteinbußen durch das Laden, zuwenig Leistung etc.. Am absurdesten aber ist das Kostenargument: ein Elektroauto ist zwar in der Anschaffung teurer - aber angesichts der Klimakrise ist doch fraglich, ob bei einem Neukauf nicht auch eine Nummer kleiner und etwas weniger luxuriös ausgestattet zumutbar ist. Im Betrieb mit gekauftem Ökostrom ergeben sich Verbrauchskosten von 5-7€ pro 100km (gegenüber 6-20€ bei Verbrennern). In einer Studie des Forums Ökologisch-soziale Marktwirtschaft ergibt sich so ein Kostenvorteil vieler Elektroautos (im Video ab 2'26''). Im Betrieb mit eigener Photovoltaik sinken die Verbrauchskosten mit 1,50-2€ pro 100km drastisch weiter auf einen Bruchteil. D.h. auch der Verkauf von PV-Strom auf Parkplätzen wird lukrativ.


    [Tagesschau 29.12.2019]
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    Umgekehrt ist es also auch im Interesse der Verbrenner-Hersteller, dass die Verbraucher-Strompreise hoch, und die Zubauraten an PV gebremst bleiben.

    Dass der elektrische Betrieb auch bei größeren Lieferwagen sehr wahrscheinlich heute schon die günstigste Variante ist, zeigt die Beschaffungspolitik bei Amazon.
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    Vor Fridays for Future waren Aufklärer wie der Energieforscher Volker Quaschning vom ITW Berlin auch schon aktiv; als Scientist for Future vergrößerte sich seine Reichweite jedoch enorm.
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    Regelrechte Angst lässt sich verbreiten mit der Tatsache, dass eine Feuerwehr mit herkömmlicher Ausstattung ein Elektroauto ausbrennen lassen muss - denn es lässt sich damit tatsächlich nicht löschen.
    Zunächst einmal werden die bei einem solchen Brand freiwerdenden Energiemengen von Laien oft enorm überschätzt.
    Würde man dieses Vorsorgedenken jedoch konsequent fortsetzen, dürften in Deutschland auch keine Chemie- oder Atomtransporte mehr stattfinden. Natürlich lassen sich Spezialzüge der Feuerwehren mit Möglichkeiten ausstatten, solche Brände zu löschen.
    Wie paranoid die Erzählung vom Feuerteufel Elektroauto verfängt, zeigt die groteske Geschichte aus Kulmbach, wo Elektroautos in Tiefgaragen wegen eines Fahrzeugbrands verboten sind. Grotesk deshalb, weil gar kein Elektroauto gebrannt hat, sondern ein Verbrenner. Ein Tiefgaragenbetreiber aus Leonberg hat sich direkt zur Nachahmung inspirieren lassen.
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    Allen deutschen Verhinderungsbestrebungen zum Trotz: mittlerweile kommt das Akku-Auto aus dem Ausland und nimmt Fahrt auf, und da mussten Fossilökonomisten sich neue Narrative über Elektroautos einfallen lassen. Mittlerweile treibt selbst Peter Altmaier aktiv die Entwicklung und Produktion in Europa voran - die Märkte zwingen ihn dazu. Da wirkt es schon eher wie ein letztes Aufgebot, wenn KIT-Motorenforscher Thomas Koch versucht, im Juni 2021 eine Streitschrift gegen BEV an die große Glocke zu hängen, ein Best-Of der Propaganda-Behauptungen gegen BEV. Mittlerweile gelten diese in der Öffentlichkeit zum Großteil als widerlegt, wenn man von der Beharrlichkeit der Rechtskonservativen absieht. An diese ist der Beitrag wohl gerichtet - wie seinerzeit die Köhler-Studie 2019, an der Koch als Co-Autor beteiligt war. Im Gegensatz damals fand er in den Mainstream-Medien kein anderes Echo außer Häme.
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    Inhalt

    Fossilökonomisten behaupten, mit einer gebremsten Dekarbonisierung erhalten wir die "Technologie-Offenheit", so dass der Markt die beste Alternative hervorbringt. Es ginge darum, die größte CO2-Reduktion pro Euro zu erreichen. Also nicht fördern, sondern erstmal abwarten. Das tat die deutsche Politik bis 2020.

    Hauptargument der Fossilökonomisten war: der freie Markt sei der beste Regulator. Deshalb sollten wir auch keine Technologie a priori einer anderen bevorzugen.
    Dabei tat man so, als hätte man noch niemals die Fossil-Technik mit zig Milliarden gefördert, alsp Planwirtschaft betrieben. Das Gegenteil ist der Fall. Man tat außerdem so, als seien die vorhandenen alternativen Technologien untauglich.
    Merkwürdig nur, dass das Umweltministerium schon 2016 einen Imagefilm produzieren ließ, der die Verkehrswende genau so konkret skizziert, wie sie sich jetzt endlich abzeichnet.
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    Im entscheidenden Bundesministerium für Wirtschaft und im Kanzleramt tat man jedoch bis Anfang 2020 so, als müsse der Markt diese Fragen immer noch beantworten.
    Tatsächlich werden sie immer mehr durch Auflagen be- und verhindert. Von einem breiten Abbau von Fossil-Subventionen ist in der GroKo erst gar keine Rede. Deutschland ist 2020 europäischer Spitzenreiter.
    [Investigate Europe 2020]







    "Wasserstoff ist viel besser!"


    Konservative Medien besprechen jetzt euphorisch die Potentiale der Wasserstoffwirtschaft, nicht nur für die individuelle Mobilität, sondern auch für als Möglichkeit des Energie-Imports. Richtig gelesen, Peter Altmaier setzt langfristig auf die Abhängigkeit von teuren Wasserstoff-Importen statt heimischer erneuerbarer Energie. Dabei sagen Experten einen massiven Wettbewerbsnachteil für Deutschland voraus, wenn wir auf die heimische Energieproduktion leichtfertig verzichten.
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    Gerade auf dem Automobilsektor liegt der Fokus der Deutschen, und hier hat die Debatte demgemäß begonnen.
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    Auch wenn Google genau weiß, dass man sich Null für Aktienkäufe interessiert, wird man ständig mit Werbung für Wasserstoff-Aktien bombardiert, in der die Pleite der Elektroauto-Branche vorhergesagt wird.
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    Im Entwurf einer "Nationalen Wasserstoffstrategie der Brennstoffzelle", veröffentlicht vom Forschungsministerin Karliczek (CDU), werden dieser "auch im Pkw-Bereich (...) gute Perspektiven" bescheinigt.
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    Hier schließt sich ein Kreis. Die Nationale Wasserstoffstrategie habe ich oben schon behandelt. Aber erst das Resumée der jüngeren fossilökonomistischen Politik ermöglicht Spekulationen über die Motivation dieser Strategie. Mehr dazu weiter unten.






    Aber die meisten Fachleute argumentieren gegen Brennstoffzellen im PKW...


    Der Wasserstoff-Hype im Kabinett wird von Vielen differenziert gesehen.
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    Die mittelfristigen Chancen der Brennstoffzelle im Pkw werden von vielen Experten zumindest als unsicher eingestuft, weil der Akku z.Zt. die günstigere und effizientere Technologie ist. In Japan gibt es zwar mehr Brennstoffzellen-Autos als bei uns, doch wird diese Technik dort massiv subventioniert und ist trotzdem noch viel teurer als Akku-Technik.

    Zumal der Wasserstoff dort nicht aus Elektrolyse mit erneuerbarem Strom gewonnen wird, sondern fossilbasiert, und auch da nicht durch Dampfreformierung mit Erdgas, sondern durch die noch CO2-intensivere Verschwelung australischer Kohle.)
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    Von einem Durchbruch des Brennstoffzellen-Autos kann selbst in Japan keine Rede sein. Das Toyota-Modell Mirai wurde bis September 2019 10.000mal verkauft. Ein Grund könnte der Preis sein: selbst das neue Modell kostet in Europa anfang 2021 weit über 60.000€ - ein stolzer Preis für ein Auto der Mittelklasse.
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    Wie man bei der Welt ein Jahr vorher auf eine Preisankündigung von 30.000€ gekommen ist, wüsste ich gern. Ich vermute, die Verbrenner-Fraktion sollte weiter davon abgehalten werden, die Vorteile des EAutos endlich anzuerkennen.
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    Die Vor- und Nachteile von Wasserstoff werden schon lange diskutiert. Nachteile gegenüber der Akkutechnik bei PKW sind u.a. die Investitionskosten für die Infrastruktur (wasserstoffdichte Leitungen, 700bar-Hochdruck-Tankstellen) und v.a. der weit schlechtere Wirkungsgrad der Energiespeicherung.
    Meist findet man Angaben von Faktor 2, die sich aber auf stationäre Speicherung beziehen.
    Die Hochdruckspeicherung in Autotanks verschlechtert die Energiebilanz von Brennstoffzellen-Autos nochmals deutlich.
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    Laut Florian Hacker (Öko-Institut Freiburg) auf knapp Faktor 3:
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    Laut Prof. Maximilian Fichtner (stellvertretender Direktor des Helmholtz-Instituts Ulm für Elektrochemische Energiespeicherung sowie Sprecher des Excellenzclusters Polis der Hochschulen Ulm und Karlsruhe) gar auf knapp Faktor 5:
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    Zitat Fichtner:

    "Bei der Herstellung aus Wasser und elektrischem Strom schafft man mit einem guten Elektrolyseur etwa 60 Prozent Wirkungsgrad. Das heißt 40 Prozent des knappen, teuren grünen Stroms sind schon mal bei der H2-Gewinnung weg. Danach muss der Wasserstoff für den Transport sehr stark komprimiert werden, wobei weitere 20 Prozent der Energie verloren gehen, die man ja zum Fahren nutzen möchte. An der Tankstelle verliert man noch einmal 30 bis 50 Prozent der Energie. Das taucht übrigens in den Studien zur Brennstoffzellentechnik oft gar nicht auf.
    Danach hat man nochmal 50 Prozent Verlust in der Brennstoffzelle. Am Ende bleiben circa 15 Prozent der eingesetzten Energie übrig, um die Räder anzutreiben. Beim E-Auto sind es über 70 Prozent. Deshalb muss man diese Methode eher sparsam einsetzen. Zum Beispiel dort, wo eine Batterie nicht die geforderte Energiemenge mitbringen kann, also etwa im Langstrecken-Lkw."

    Ulf Bossel vom KIT warnte schon 2006 regelrecht vor einer Verklärung von Wasserstoff als Wundermittel:
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    Gregor Hagedorn verschafft in einer Infografik einen Überblick über Sinn und Unsinn von Wasserstoff in verschiedenen Sektoren.

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    Mittlerweile findet man mitunter - wenn auch selten - in konservativen Zeitungen eine Relativierung des Wasserstoff-Hypes.

    "Alternative Antriebe: Elektroautos sind Wasserstoffautos überlegen
    Warum Wasserstoff gegen das Batterie-Auto chancenlos ist
    Veröffentlicht am 29.07.2019
    Es ist eine [...] Gretchenfrage der Autoindustrie: Wie hältst du’s mit dem Wasserstoff? Sollte man sich beim Wechsel der Antriebsart jetzt auf Batterieautos festlegen oder der sogenannten Brennstoffzelle eine Chance geben, bei der Wasserstoff als Energieträger verwendet wird. Der ehemalige Audi-Vorstand Dietmar Voggenreiter hat nun anhand verschiedener Studien untersucht, ob Wasserstoffautos mittel- und langfristig eine Chance haben, ob sie sich für die Käufer und die Industrie rechnen würden. Voggenreiter arbeitet inzwischen für die Unternehmensberatung Horváth & Partners, seine Untersuchung liegt WELT vor. Das Ergebnis ist eindeutig: „Keine nachhaltige Volkswirtschaft kann es sich erlauben, die doppelte Menge an regenerativer Energie zu verwenden, um mit Brennstoffzellen-Pkw anstatt mit Batteriefahrzeugen zu fahren“, sagt Voggenreiter."
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    Die einflussreichen Gründernachfahren von VW unterstützen die Entscheidung des Managements für Akkus und gegen Brennstoffzellen in PKW.
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    Ein neueres Statement stammt von einem anderen KIT-Experten, Prof. Doppelbauer, aus dem Dezember 2020. Er fordert eine Abkehr vom Primat der Technologie-Offenheit und stattdessen ein klares Bekenntnis der Politik zum batterieelektrischen Antrieb, die die Entwicklung sehr stark beschleunigen würde.
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    Das sciencemediacenter hat eine kommentierte Übersicht vieler Quellen zum Thema erstellt.
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    Während VW alles daran setzt, den Vorsprung der Konkurrenten bei batterieelektrischen Autos aufzuholen, engagiert sich der Zulieferer Bosch in der emissionsfreien Stromproduktion aus Wasserstoff, die ja zumindest im Schwerlast- und Langstreckenbereich (als Range Extender) durchaus Zukunftsperspektiven hat. Die konservative Zeitung Die Welt stilisiert das zu einem Widerspruch zwischen den Strategien von VW und Bosch, und ein Leser-Kommentar liefert dazu prompt ein beredtes Beispiel für die vorherrschende fossilökonomistische Desinformation:
    "[Alias-Name des Kommentators]
    Dieser Artikel tut richtig gut. Ich danke der Firma Bosch, dass sie als eine wichtige Industriestimme Deutschlands endlich mal gegen diese VW Richtung argumentiert. Deren Chef will uns Bürgern ja auch noch hohe CO2 Kosten zusätzlich aufdrücken. Er bittet die Regierung geradezu darum. Für uns Normalautofahrer, Benzin und Diesel steigen dann die Tankkosten nochmal und werden dann viele zum E Auto gucken lassen. Ich hoffe das diese Rechnung nicht aufgeht und die Firma Bosch eine Alternative auf den Markt bringt."
    [Verknüpfung]

    Die Brennstoffzellen-Befürworter verlieren argumentativ ständig an Boden. Der größte und für seine Kostenbewusstheit bekannte Versandhändler Amazon entscheidet sich mittlerweile für Akku-elektrische Lieferwagen. Diese Entwicklung war bereits absehbar, als Tesla seinen 2,5t-Boliden Model S auf den Markt brachte: die Preiskurve der Akkus zeigte damals steil nach unten.
    Eine Studie des VDE gibt sogar im Nahverkehrszug dem Akku den Vorzug vor der Brennstoffzelle.
    [Fockenbrock 2020]

    Doch selbst wenn sich diesen ganzen Expertenmeinungen zum Trotz am Ende doch noch herausstellen sollte, dass Wasserstoff auch im Mobilitätsbereich der überlegene Energieträger ist: die Wasserstoff-Infrastruktur zu entwickeln und bis dahin weiter Öl zu verbrennen, hätten wir dem Klima vor 30 Jahren noch eher zumuten können - heute aber ganz sicher nicht mehr. Und so wie die Brückentechnik Erdgas nach und nach mit P2G dekarbonisiert werden kann, so würde sich auch die Wasserstoff-Technik in einer elektrischen Infrastruktur mit Akkus nahtlos als Ergänzung einfügen lassen: die einzig nachhaltige Produktion von Wasserstoff ist die Elektrolyse mit EE-Strom, und seine effizienteste energetische Nutzung ist die Rückverstromung in der Brennstoffzelle.







    "Dann halt alternative Brennstoffe!"


    Als neuester Jungbrunnen der sprichwörtlich fossilen Verbrennertechnik werden neben Wasserstoff die synthetischen P2L-Treibstoffe aus erneuerbarem Strom beworben.
    [Verknüpfung]

    Der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher der CDU Joachim Pfeiffer, der mitunter von einer "Religion" um "vermeintlichen Klimaschutz" spricht, bringt es im DLF-Interview vom Dezember 2018 für alle "verständlich" auf den Punkt:


    Ohne Verbrennungsmotor wird weltweit das Klima sicher nicht gerettet.
    Joachim Pfeiffer (Dezember 2018)

    Weitere Details aus dem Interview: "Die Autoindustrie leistet einen Beitrag zum Klimaschutz. [...] Es hilft ja nichts, wenn [...] wir die letzten Prozent und Promille dort optimieren müssen und damit helfen wir dem Klima nicht weiter. [...] Mit links-grünem Alarmismus werden wir das Klima nicht retten - im Gegenteil. [...] Wir haben die weltweit besten Wirkungsgrade bei Heizkesseln und wenn wir die exportieren, dann können wir einen weltweiten Beitrag leisten."

    Solche "alternativen Fakten" gehen manchem skandalverletzen Dieselfahrer 'runter wie Öl (und erinnern an Carsten Linnemanns Kleinreden des Dieselskandals und die Kampagne "Clean Coal" von Donald Trump).
    [Heckmann 2018]

    Zuerst einmal wischen die Fossilökonomisten hier lässig die Diskussion um die Schadstoffemissionen beiseite: unverbrannte Kohlenwasserstoffe, Stickoxide (beide mit Treibhausgaswirkung), sowie krebsverdächtige Rußpartikel. Pfeiffer, Linnemann und Co. bewegen sich hier im Windschatten der Verschwörungsideen, die von der sogenannten Köhler-Studie ausgingen.
    Der Lungenarzt Dieter Köhler hatte die Lehrmeinung zur Giftigkeit von Stickoxiden massiv angezweifelt, die die Schadenersatzklagen gegen Diesel-Hersteller begründeten. Zwei der vier Coautoren waren Ingenieure der Verkehrstechnik, Thomas Koch vom KIT und Matthias Klingner vom Fraunhofer IVI. Die mediale Aufregung war so groß, dass sie sogar vom Klimathema ablenkte, und dabei die Aufregung über die "Schulschwänzer" bei Fridays for Future anheizte. Das Thema "Dieselfahrer" war damals eines der beliebtesten bei Autoaufklebern. Die Desinformation gegen Elektroautos war so erfolgreich, dass die Autohersteller dem ängstlichen Kunden weiterhin eine Antriebs-Modernisierung nach der anderen verkaufen - natürlich auf der Basis des Verbrenners: zuerst den sauberen Benziner, dann den Hybrid- und schließlich den Plugin-Hybrid.
    [Verknüpfung]

    Pfeiffers Parteivorsitzende Kramp-Karrenbauer bestätigt jedoch seine Auffassung auf ihrer vielbeachteten Parteitags-Rede im Herbst 2019.
    Zitat aus dem Parteitags-Protokoll:

    "Ja, ich freue mich, wenn Tesla hier in Deutschland eine Fabrik baut. Aber, ehrlich gesagt, freue ich mich sehr viel mehr darüber, wenn wir mit Wasserstoff, wenn wir mit synthetischen Kraftstoffen es in einer CO2-verträglichen Weise schaffen, dass der Verbrenner weiter in Deutschland bleibt und dass er in Wolfsburg, in München und in Stuttgart gebaut wird. Das ist unser Ziel, und dafür kämpfen wir, liebe Freundinnen und Freunde. (Anhaltender lebhafter Beifall)"
    [CDU 2019]

    2019 versprach FDP-Chef Christian Lindner die Rettung des Klimas mit "Innovation", wobei er sich beim Thema Automobil sich nur für "Technologieoffenheit" aussprach - keine vorschnelle Festlegung, also erst einmal alles beim Alten belassen. 2020 dann schwenkt er auf die Linie der CDU ein: weiter mit dem Verbrenner, jetzt mit alternativen Brennstoffen.
    [Verknüpfung]

    Die plötzliche Forderung der Mineralölwirtschaft nach Subventionen für alternative Kraftstoffe kommt überraschend, hatte sie doch bisher solche erfolgreich abwehren können.
    [Verknüpfung]
    Die Forderung wird begleitet von einer großen PR-Kampagne, deren Überschriften, Begriffe und Rahmungen so manches Klischee bedienen.
    [Verknüpfung]
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    Würde der Strom für EAutos nicht ausreichen,
    dann würde er für alternative Kraftstoffe sechsmal nicht ausreichen...


    Dass es vielen Verfechtern der Technologie-Offenheit nicht primär um Klimaschutz geht, sondern vor allem um eine Verhinderung des Elektroautos, sieht man an einem (leider in der Bevölkerung meist noch unbekannten) Faktum:
    für einen Ersatz der Verbrenner-Treibstoffe mit Wasserstoff in Brennstoffzellen (FCEV) bräuchte man das Doppelte bis Dreifache an Strom, und bei P2L bräuchte man mindestens die sechs- bis siebenfache Menge an Strom, die für einen Ersatz durch Akku-Elektro-Fahrzeuge (BEV) nötig wäre.
    Die Argumente sind schon seit über einem Jahr durchdiskutiert, und ein naturwissenschaftlich interessierter Laie kann sie leicht nachvollziehen. Trotzdem bringen Fossilökonomisten wie Andreas Scheuer oder Friedrich Merz diese Desinformation immer wieder neu auf den Stammtisch.
    [Hajek 2020]

    Vergleichen wir dazu zuerst 100km mit dem elektrischen Renault Zoe mit seinem Verbrenner-Pendant Renault Clio. 6l Benzin entsprechen ca. 60kWh chemischer Energie für Elektrolyse und Fischer-Tropsch-Synthese, die in Form elektrischer Energie bereitgestellt wird. Bei den anfallenden Umwandlungsverlusten von mindestens 40% werden für das Benzin des Clio 100kWh elektrischer Primärenergie benötigt und damit bestenfalls über sechsmal so viel wie die 15kWh Ladestrom des Zoe für 100 vollelektrische km.

    Diese vorsichtige Schätzung geht sogar noch von den optimistischen Entwicklerangaben des P2L-Verfahrens und den eher konservativen Strombedarfs-Schätzungen für BEV von Price Waterhouse Coopers aus - in der Realität könnte die Differenz also noch deutlich größer sein. In der Größenordnung stimmt es wohl allein wegen der großen Wirkungsgradunterschiede der Motoren.
    Ähnliche Mengen an P2X oder mehr werden wahrscheinlich dennoch benötigt, allerdings für die Sektorenkopplung, also die Speicherung der Sommersonne für den winterlichen Energiebedarf in allen Sektoren. Für die Verschwendung in Verbrennermotoren können wir es uns jedenfalls wohl eher nicht leisten.
    [Landgraf 2019]
    [Verknüpfung]
    [Schmidt 2018]
    [UBA 2018]
    Der hier berechnete Mehrverbrauch an Strom zur Produktion der P2L-Treibstoffe wird auch im Tagesschau-Beitrag vom 29.12.2019 (im Video ab 6'29''), einer PwC-Studie von 2017 und Herstellerangaben der Chemieanlagenbau Chemnitz bestätigt:


    [Tagesschau 29.12.2019]
    [Verknüpfung]
    [Verknüpfung]


    [Verknüpfung]

    2020 rechnet das IFEU-Institut im Auftrag des BMU nach und bestätigt diese Zahlen.


    [Verknüpfung]

    Der Energiewissenschaftler Prof. Dr. Volker Quaschning (HTW Berlin) klärt die Frage der Technologieoffenheit beim PKW knapp und anschaulich:
    [Verknüpfung]

    Die Wirtschaftsberatung Pricewaterhouse Coopers hat berechnet, wieviel zusätzliche elektrische Energie für eine 100%ige Umstellung der PKW auf alternative Antriebe benötigt würde. Dabei unterschieden sie drei Szenarien:
    (1) Elektroautos würden nur 1/3 mehr elektrischer Energie benötigen - soviel haben wir 2018 exportiert.
    (2) Brennstoffzellenautos benötigen in dieser Studie das Doppelte (wobei andere Autoren wesentlich mehr veranschlagen).
    (3) Der von CDU und FDP favorisierte Ersatz des Verbrenner-Treibstoffs benötigt ein Vielfaches dieser Menge. (Man sollte nicht vergessen, dass wir z.Zt. noch weit von 100% erneuerbarem Strom entfernt sind, und außerdem der Industrie- und Wärmesektor ebenfalls auf Strombasis dekarbonisiert werden muss.)

    Unser Strombedarf stiege mit BEV um 33%, mit P2L (nur für Verkehr) aber um 230%.
    [Verknüpfung]


    blau - Strombedarf 2017; dazu in rot die Zusatz-Strommengen der verschiedenen Antriebe im Vergleich:
    BEV - battery electric vehicle,
    FCEV - fuel cell electric vehicle (Brennstoffzellenauto),
    ICE - internal combustion engine (Verbrenner)
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