Kapitel 34: Neurogenetik

34.5.3.1 Neugier, Neurosen und Dopaminrezeptoren

Viele Erfolge der pharmakologischen Psychiatrie stützen sich auf eine immer bessere Kenntnis von Transmittersubstanzen, ihren Rezeptoren und deren Beeinflussung durch metabolische Inhibitoren oder Analoga. Es war deshalb klar, daß die Neurogenetik ihr Augenmerk zunächst auf diesen Aspekt der Funktion lenkte, zumal die genetische Analyse komplexer quantitativer Merkmale sehr aufwendig ist. Durch die Verfügbarkeit klonierter Sequenzen von Peptid-Neurotransmittern, metabolischen Enzymen und Rezeptoren war es möglich, nach putativen Polymorphismen in den codierenden Genen zu suchen und diese mit quantifizierbaren Persönlichkeitsmerkmalen zu korrelieren. In einigen Fällen wurden Wissenschaftler bei der Suche nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen fündig. Es wurde zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen der Charaktereigenschaft "Neugier" und einer charakteristischen Veränderung in einem Exon des Dopamin-D4-Rezeptors gefunden. Der Polymorphismus betrifft mehrere Wiederholungssequenzen eines 48-bp-Motivs. Individuen mit mehrerern Repeats hatten signifikant höhere ‘Neugierkoeffizienten’ als solche mit weniger Repeats. Darüber hinaus wurden auch das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und Hyperaktivität positiv mit der Frequenz des Motivs korreliert. Diese Untersuchungen wurden unabhängig voneinander in zwei Kulturkeisen bzw. ethnischen Gruppen durchgeführt und führten zu identischen Resultaten.

Die gleiche Arbeitsgruppe untersuchte auch die Korrelation zwischen einem Serotonin-Transporter-Allel und "Ängstlichkeit“, beziehungsweise Depression. Der Metabolismus und die Aufnahme von Serotonin ist ursächlich bei der Entstehung von depressiven Gemütszuständen und ist das Ziel für viele antidepressive Pharmazeutika. Bei einer molekularen Analyse des Serotonin-Transporter-Gens stellte es sich heraus, daß es eine polymorphe Region im Promotor des Gens gibt, welche die Transkriptionseffizienz beeinflußt. Dieser genetische Polymorphismus trägt zwischen 7% und 9% zur Gesamtvarianz ängstlichkeitsbestimmter Persönlichkeitsmerkmale bei, was auf 10 bis 15 Gene schließen läßt, die zur Variabiltät solcher Eigenschaften beitragen.

Das Verfahren der Korrelationsanalyse von bestimmten Verhaltensmerkmalen mit Allelen von Genen ist eine vielversprechende Methode. Die bei der Heritabilität von Charaktereigenschaften zu erwartenden kleinen Effekte einzelner Gene müssen statistisch erfassbar sein, bevor ein Modell der Persönlichkeitsentwicklung entworfen werden kann, das auch molekulare Erkenntnisse berücksichtigt.

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