"Ernst und Agnes Haeckel - Ein Briefwechsel"
252. Brief
Jena, 15. Februar 1914.
Meinen innigen Glückwunsch zum 80. Geburtstage,
den ich im Geiste mit Dir verleben werde, Du, umringt von Kindern und
Enkeln, ich, allein die Huldigungen für den großen Jubelgreis in Empfang
nehmend, komme mir vor wie auf einsamer Insel und höre die Brandung
in der Ferne anschlagen. Wie vorauszusehen war, kamen Briefe in
schwerer Menge, dann schon vielerlei Geschenke, herrliche Blumen,
Früchte, Torten, von der Freifrau von Heldburg ein enormer Strauß ganz
wundervoller Nelken und Mandarinen; auch aus Aachen langte gestern
ein einzückender Korb Maiblumen an, kurz, alles überbietet sich, dem
viel gehaßten und gefeierten Ernst Haeckel zu huldigen.
In allen Zeitungen wird Dein Lebenslauf besprochen
und breitgetreten bis in die intimsten Familienereignisse, nur von
Deiner zweiten Frau, der Tochter eines hervorragenden Gelehrten,die nun
bald 50 Jahre Dein kämpferisches Leben mit Dir teilt, ist keine Rede,
und sie gehört doch wahrhaftig zu Deinem Lebenslauf.
Durch Lisbeth erfuhr ich, daß Du behaglich am
Schreibtisch sitzt, munter und vergnügt bist und gut schläfst; das freut
mich sehr, denn es war hohe Zeit, daß Dein Nervensystem zur Ruhe kam.
Für mich waren die letzten Tage sehr anstrengend . . .
Heute herrscht, bis auf einen Stoß neuer Briefe, verhältnismäßig Ruhe;
morgen beginnt der Hauptspaß. Sollten noch sehr viele Blumensendungen
kommen, werde ich auf Lisbeths Wunsch davon nach Leipzig schicken.
Mit Gruß und Kuß auf baldiges Wiedersehen Deine Agnes.
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