J. M. R. Lenz  Der Hofmeister 

Privaterziehung oder öffentliche Schule?
Eine Diskussion im ausgehenden 18. Jahrhundert

Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich - wenn nicht anders angegeben - auf Ludwig Fertigs gehaltvolles Buch: Die Hofmeister - Ein Beitrag zur Geschichte des Lehrerstandes und der bürgerlichen Intelligenz, J.B.Metzler Stuttgart 1979

Pro und Contra Privaterziehung:

Friedrich Daniel Ernst SCHLEIERMACHER (1768-1834) an seinen Vater über seine Schwierigkeiten als Hofmeister mit dem Arbeitgeber(10.5.1793):

"Da ich es niemals zu gründlichen Erläuterungen über die streitigen Punkte bringen konnte, indem es beim Grafen und der Gräfin Grundsatz ist, Erörterungen zu vermeiden, so konnte ich natürlicher Weise nur lavieren. Der Graf hat es im Charakter in allen Geschäften oft von schnellen neuen Ideen über- rascht zu werden und diese dann gleich zur Ausführung bringen zu wollen. Die kamen ihm gewöhnlich, wenn er dem Unterricht einen Augenblick zusah, wurden dann gleich in Gegenwart der Kinder vorge- bracht und sollten ausgeführt werden. That ich dann einen festen, entscheidenden Widerspruch, so wwar ich zwar sicher Recht zu bekommen, aber auch ihn sehr verdrießlich zu machen, also that ich das nur, wo es mir unumgänglich nöthig schien, und suchte übrigens seine Einfälle so unschädlich als möglich zu modificiren und nach Gelegenheit der Umstände wieder "einschlafen zu lassen." (Zitiert nach L.Fertig: Bildungsgang und Lebensplan, Briefe über Erziehung von 1750-1900, Darmstadt 1991 S.156)

Friedrich Schleiermacher an seine Schwester Charlotte von Kathen 1814 über die VORTEILE DER SCHULBILDUNG:
"Es betrifft Deine Knaben. Ich kann die Ansicht, daß Du sie noch bis zum 17. Jahre bei Dir behalten willst, garnicht mit dir theilen ... Meine lebendige Überzeugung (aber) ist, daß ein Knabe von 14 Jahren nothwendig in eine größere Gemeinschaft mit vielen seines Alters leben und eines öffentlichen Unterrichts, der doch in weit größerem Styl ist als der häusliche, genießen muß. (..) Erstlich von Seiten des Wissens ist es ausgemacht, daß nie zu Hause dieselbe Ordnung und strenge Nothwendigkeit im Gange des Unterrichts sein kann, wie in der Schule, und darauf beruht lediglich der sichere Gang der Fortschritte und die unschätzbare Gewöhnung, etwas zu der Zeit auch zu können, wo man es muß. Dann kann auch der vortrefflichste Hofmeister nicht so viel leisten als in einer mäßig guten Schule geleistet wird, wo die Lehrgegenstände zweckmäßig unter mehrere Lehrer vertheilt sind, und einer dem andern in die Hände arbeitet. (...) Weniger wird es Dir vielleicht einleuchten, daß es sich von Seiten der Charakterbildung gerade so verhält. Man meint, die Knaben werden im häuslichen Leben mehr vor Verführung bewahrt und religiöser gehalten. Was das religiöse betrifft, so darf Dir nicht bange sein. Auch ohne viel ausdrücklich dazu zu thun, mußt Du den Grund dazu gelegt haben, und wirst auch in der Entfernung so wirken, und gewiß besser, wenn in der Entfernung die Knaben sich in einem sie fördernden und also Dir gründlich Freude machenden Lebensgange fühlen, als zu Hause, wenn sie dort deplaciert sind. Unschätzbar aber ist, daß auf der Schule das strenge Rechtsgefühl geweckt und der Knabe zur Selbständigkeit geleitet wird. Das ist es, was den Mann macht. Und gieb nur Acht, alle Männer, die zu lange im väterlichen Hause gewesen sind, sind auf irgend eine Art weichlich, unentschlossen, untüchtig, ohne rechten Sinn für die gemeine Sache."(a.a.O. S.167)


Carl MÜLLER: Schädlichkeit der Hauserziehung für Erzieher, Zögling und Staat, Stendal 1783

Unzureichende pädagogische Ausbildung: "Nun sollte der Hauslehrer auch die Erziehungskunst studiert haben, damit er den Kindern die erforderlichen Kenntnisse auf die beste, leichteste und vernünftigste Art beibringen könnte, damit er ihre Talente und Anlagen ... nicht verhunze und entstelle. Einige pflegen wohl vier Wochen vorher, ehe sie in Condition gehen, einmal nach Gelegenheit in Feders Emil zu lesen, in Basedow's Methodenbuche und dergleichen, aber da sind gewiß nur wenige; heißt das aber Pädagogik studiren?" (L.Fertig: Die Hofmeister S.206)

Rücksichten auf die Grillen der Herrschaften: "Bei der Erziehung selbst hat ein guter, rechtschaffner Mann, dems ein Ernst ist um die Wohlfahrt sei- ner Eleven, noch unendlich viele Leiden zu ertragen. Wäre er frei und ungebunden in seinem Amte, könnte er nach seinen Gedanken, nach seinem besten Wissen und Gewissen mit den Kindern fortarbei- ten ... Aber das ist gar nicht zu erwarten. Die Mutter hat diese und jene pädagogischen Projekte gele- sen; sie ist ja wohl leseselig und geniesüchtig, und gibt sich ein denkendes Ansehen ... sie teilt also das Projekt dem Hofmeister mit, er solls ausführen. Morgen gibt sie ihm einen anderen Plan, übermor- gen wieder einen neuen. Der Vater bestellt über Tische auch wohl seine Meinung, wie er dies oderje- nes am besten getrieben haben wolle. Nach Tisch bestellts die Mutter heimlich wieder ab. Weigern darf und kann er sich nicht, wenn er nicht leiden will." (a.a.o.S.209)

Die Nachteile der Privaterziehung für den Staat: "Nach dem Maaße die Hauserziehung zunimmt, nehmen aber auch die öffentlichen Schulanstalten ab, werden nach und nach schlecht, und gehen zu Grunde: denn wenn der vornehmere Theil der Nation, welcher solche Anstalten durch seyn Ansehen, seine Macht und Würde am meisten im Flore und im Wohlstand hält, sich schämt, seine Kinder dahin zu schicken: so verlieren dieselben gar sehr an ihrem Glanze, den sie doch billig in dem Staate haben sollten."

Wachsen und Gedeihen der öffentlichen Schule durch die Teilnahme der Vornehmen: "Jemehr vornehme Ältern ihre Kinder aber in die öffentlichen Erziehungsanstalten schicken, desto mehr werden ärmere Kinder in ihrer Gesellschaft gerieben und feiner; - auch werden die Lehrstellen annehmlicher und glänzender; die Lehrer werden sich in ihrem Amte viel mehr bestreben und anstrengen, und die Anstalten selbst werden sich im Ganzen, in ihrer Vortreflichkeit und Einrichtung ungemein erheben. ... Da es nun einmal in den Schulen so eingerichtet ist, daß die meisten Einkünfte der Lehrer, welche an sich schon so schlecht belohnt werden, von der Freigebigkeit und den Geschenken der Schüler ab- hangen: so werden die Schullehrer bei vielen, reichen Schülern endlich recht gut stehen. Im Gegentheil aber, wenn nur lauter arme Kinder die Schule beziehen, welche wenig oder nichts geben können ... so ist kein Muth und kein Sporn in der ganzen Schule."(S.215)


F.A.CROME, Über die Erziehung durch Hauslehrer (1788)

  • Über den Werth der Erziehung durch Hauslehrer: "Zuerst, denke ich, hat die Erziehung einen unstreitigen Wert in Rücksicht auf die beträchtliche Anzahl junger Männer, welche sie unterhält und beschäftiget. Die Candidaten des Predigtamt insbesondere haben fast kein anderes Mittel, die Zeit, welche zwischen den Universitätsjahren und der Beförderung in der Mitte liegt, auszufüllen. ... Wäre das ganze Erziehungswesen in den Händen des Staats, dann würden sich freiliche leicht andre Wege finden sie zu versorgen."(a.a.o.S.235)

    "Sieht man zweitens auf die Eltern, so ist es eben wenig zu leugnen, daß sie oft gegründete Ursache haben, die häusliche Erziehung der öffentlichen vorzuziehen. ... Wie viele sind jetzt im Stande eine größere Anzahl Kinder außer Hauses und zwar gerade da erziehen zu lassen, wo sie wegen des glücklichen Erfols am sichersten seyn könnten? Solche Örter sind entweder zu weit entfernt oder zu kostbar; oder die Eltern können es, wegen des jungen Alters der Kinder, noch nicht wagen, sie von sich zu lassen. ... Soll der auf dem Lande wohnende seine Kinder ... den Gefahren der Stadt aussetzen?"(236)

    "Drittens hat die Erziehung durch Hauslehrer auch in Ansehung der Kinder unstreitige Vorzüge. Das ist doch gewiß, daß bei ihr unzählige Versuchungen zum Bösen wegfallen, denen die Kinder auf den Schulen, zumal wenn sie diese sehr früh besuchen, leider! nur zu sehr ausgesetzt sind. Der Schulunterricht kann doch nur selten mit einer genaueren Aufsicht, mit recht würksamen Anstalten für die sittliche Bildung verbunden sein. Gewöhnlich sind die Schüler außer den Lehrstunden ganz sich selbst überlas- sen ... Wie viel mehr kann dagegen bei der häuslichen Erziehung für die sittliche Bildung der Kinder geschehen?" (237)

  • Über die Mängel und Nachtheile der Erziehung durch Hauslehrer: "... scheinen mir diese nur dann einzutreten, wenn man ... mehr von ihr erwartet, als sie, ihrer Natur nach, leisten kann. ... Meiner völligsten Überzeugung nach, ist diese Erziehungs- und Unterweisungsart nur für die früheren Jahre. Höchstens bis ins 15te Jahr..." (S.238) "Eintönigkeit und Ungeschliffenheit in den Sitten, Mangel an Bekanntschaft mit der Welt, Unfähigkeit sich in Fremde zu schicken und sich bei ihnen beliebt zu machen, Familienstolz, Verzärtelung, Unvermögen sich selbst zu regieren und ohne beständige Verwandten- und Hausgenossenhülfe fertig zu werden - das sind die gewöhnlichsten Fehler derer, welche zu spät das väterliche Haus verließen."(239)

    "Dazu kommt, daß in großen Familien oft so viele Kinder von verschiedenem Alter sind. Für diese alle soll der einzige Hauslehrer sorgen. Natürlich wird hier eins das andere hindern; die älteren aber werden gewöhnlich den Schaden haben, daß sie nicht genug beschäftiget werden. Sie gewöhnen sich alsdann leicht an Unthätigkeit und verderben durch ihre Thorheiten die jüngeren."(239)

    "Endlich bleibt eine von den Hauslehrern nie zu trennende Unvollkommenheit: das junge Alter und die darin gegründete Erfahrenheit und mangelhafte Ausbildung der Lehrer selbst... Das Hauslehrerwesen kann, seiner Beschaffenheit nach, nur eine Bestimmung für noch junge Männer sein. ... Übrigens kann man auch nicht einmal ohne Unbilligkeit von Einem Manne alle diejenigen Kenntnisse, welche zur völligen Ausbildung eines academischen Bürgers nöthig sind, verlangen. Fordert man doch selbst von den Schullehrern nicht, daß jeder in jeder Wissenschaft vortrefflich sey. Auf einer wohleingerichteten Schule sind gewiß ihrer mehrere, welche sich in die Wissenschaft theilen, damit jeder sein Fach vorzüglich bearbeite. ...

  • Abschließender Rat: "Man könnte es daher, wenn die Schulen das wären, was sie seyn sollten, den Eltern nicht genug empfehlen, die Kinder wenigstens nach dem 14ten Jahre der häuslichen Erziehung zu entnehmen und sie der Schule anzuvertrauen. ... Allein hier erwartet die Verbesserung des Erziehungswesens wiederum thätige Hülfe von Seiten des Staates. Der Staat muß für die Anlegung solcher Schulen sorgen, denen die Eltern ihre Kinder mit Sicherheit anvertrauen können, er muß dem verderblichen Luxus wehren, welcher jetzt, auch schon auf Schulen, so sehr sich verbreitet, daß es das Vermögen der meisten Privatpersonen übersteigt, ihre Kinder daselbst zu unterhalten."(240)
    "Ob nun aber die jetzigen Schulen von jener wünschenswerthen Beschaffenheit sind; dies habe ich hier nicht zu untersuchen."


    Peter VILLAUME, Professor an einem Berliner Gymnasium 1788:
    "Ich glaube also, daß
    1) der Staat nicht allein kann, sondern MUß für die Erziehung sorgen;
    2. daß er die Erlaubnis, Kinder zu unterweisen und zu erziehen, erteilen MUß, und zwar nur nach gehöriger Prüfung und mit beständiger Wachsamkeit über die Männer, welche er dazu bestellt hat;
    3) daß er für die Bildung solcher Männer sorgen MUß;
    4) daß er jedem Unbefugten die Erziehung der Kinder untersagen MUß, die eignen Kinder desselben VIELLEICHT ausgenommen ...
    5) daß er soviel als möglich nach bewährten Erfahrungen den Unterricht und die Erziehung bestimmen MUß, weil er den Eltern, den Kindern und den Bürgern für die Ruhe und Glückseligkeit derselben verantwortlich ist;
    6) daß er aber hierin in kein großes Detail sich einlassen kann, mithin, daß er dieses seinen Verordneten überlassen muß;
    7) daß er keine Methode auf ewig festsetzen darf;
    8) daß dadurch die Rechte der Eltern keineswegs gekränkt, sondern vielmehr ihre billigen Forderungen an den Staat erfüllt werden."
    (P.Villaume: Ob der Staat sich in Erziehung einmischen soll? zitiert nach Ulrich Herrmann: AUFKLÄRUNG UND ERZIEHUNG, Weinheim 1993 S.199f)


    Klaus Dautel, 1998

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