Essay - Versuche - Unterrichtsvorschläge

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    Erarbeitung von Essay-Stilistik an ausgewählten Textbeispielen

    Da die Texte großer Essayisten sich m.E. selten für effektiven Unterrichtseinsatz eignen, entweder weil sie zu altsprachlich sind oder zu lang oder zu unzeitgemäß, schlage ich zwei Vorgehensweisen vor:

    1. Einen von der Länge her überschaubaren Essay aus journalistischer Feder exemplarisch zu untersuchen.
      Ich halte hierfür folgenden Text von Hans Magnus Enzensberger mit dem Titel "Bin ich ein Deutscher?" für gut geeignet. Der Text ist zwar aus den 60er Jahren, aber in Zeiten von Globalisierung und den Widerständen dagegen überaus aktuell. Er muss allerdings gekürzt werden: Für unsere Zwecke reichen die ersten zwei Seiten und der Schluss vollständig. Die Argumentation ist provokativ und streitbar, um nüchterne Ausgewogenheit wenig bemüht, der Stil rhetorisch ausgesprochen aufgeladen, eine Fundgrube für sprachliche Gestaltung und Leserbeeinflussung.
      Der Artikel steht vollständig im Internet zur Verfügung und kann aus ZEIT-Online kostenlos (für Unterrichtszwecke!) geladen werden: www.zeit.de/1964/23/bin-ich-ein-deutscher oder als PDF. In gekürzter Form ist er abgedruckt in R. Lindenhahn/P. Merkel: Rund um Essays, Cornelsen 2012 S. 32/3.

    2. Die Alternative oder Ergänzung kann in der Verwendung und Untersuchung von (unbekannten!) Schülertexten bestehen, insbesondere der Einstiege in gängige Themen, zu denen sich jeder schon Gedanken gemacht hat, z.B. Freundschaft, Glück, Liebe.

Hinweise zu Vorgehensweise 1:

Zur Anregung sind hier die ersten Absätze zitiert:  

    Exemplarische Analyse eines essayistischen Textes:
    "Bin ich ein Deutscher?" (Hans Magnus Enzensberger, Die ZEIT 5.Juni 1964)

    Auffälligkeiten und Besonderheiten
    a) im Hinblick auf die Haltung des Sprechers
    b) im Hinblick auf die Argumentation,
    c) im Hinblick auf die sprachlichen Mittel

    Ergebnisse:
    zu a)
    Der Titel enthält eine irritierende Frage. Wie soll eine Antwort darauf lauten?
    Der Einstieg stellt eine provokativ zugespitzte Aussage dar und enthält ein persönliches Statement. Der Autor spricht von sich selbst, viele Sätze beginnen mit ich. Es wird eine Ratlosigkeit behauptet, die nicht ganz glaubwürdig erscheint.
    Der Autor stellt sich und seine Meinung demonstrativ den "Leuten" gegenüber.

    zu b)
    Nationalität sei eine von vielen "Rollenerwartungen"
    Dadurch Abwertung einer für viele "Leute" sehr bedeutsamen Idee.
    Diese Idee habe ihre Zeit und ihren Nutzen gehabt ("steinzeitliche Urhorde"), sei aber nun "obsolet" geworden.
    Sogar zu einer gefährlichen Fiktion.
    Gerade für jemanden, der "aus Deutschland kommt"(!), müsste das am augenfälligsten sein.
    Dennoch lebe sie als "Phantom" und Illusion weiter, die Behaglichkeit ausstrahle wie ein Möbelstück "von der Stange".

    zu c)
    Der Text ist gekennzeichnet durch die deutliche Ich-Perspektive, die sich in vielen Ich-Sätzen darstellt.
    Es werden Unbestimmtheitsformeln verwendet, die den Sprecher weniger angreifbar machen: "Ich weiß es nicht.", "Ich erkläre mir das so...", "das scheint mir ...", "Wenn ich den Geschichtsbüchern trauen darf ...".
    Frageketten ("Soll ich ...") erwecken den Eindruck von ernsthafter Selbstbefragung, dienen aber der Abgrenzung vom "Gegenüber".
    Überraschende Vergleiche wirken befremdlich oder humorvoll, jedenfalls abwertend.
    Der besonders durch die Fremdwörter anspruchsvolle Wortschatz setzt eine intellektuelle, in der Sache sympathisierende Leserschaft voraus bzw. möchte diese ansprechen.
    Der Schluss ist pointiert formuliert, nimmt Rückbezug auf den Anfang und bleibt in der Sache weiterhin offen.


Zusatz:
Die provokative Zuspitzung als Mittel der Leserbeeinflussung ist keineswegs eine moderne journalistische Strategie. Der Essay von Michel de Montaigne mit dem Titel "Über die Kindererziehung" fängt zum Beispiel so an.

Hinweise zu Vorgehensweise 2:

   

(cc) Klaus Dautel, 2016



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