Peter Stamm: Agnes Praxisbericht und Arbeitsvorschläge

Peter Stamm: Agnes (1998)

in der Kursstufe - ein Erfahrungsbericht mit Unterrichtsvorschlägen (2011)

Vorbemerkung: Der Roman ist ab dem Abitur 2014 in Baden-Württemberg Pflichtleküre, zusammen mit Max Frischs Homo Faber, die thematische Klammer heißt „Identität“. Bis es denn so weit ist, wollte ich einen ersten Versuch unter entspannteren Bedingungen vornehmen. Ich hatte mich über die Entscheidung für diesen Roman gefreut, da ich ihn sehr schätze. Zudem verdient er - im Gegensatz zu den bisherigen Pflichtlektüren - den Namen 'Gegenwartsliteratur' (1998), reizvoll ist auch die Tatsache, dass es sich dabei um das Debut-Werk eines noch recht jungen Autors handelt.
Ich habe mir dazu eine ganze Reihe von Unterrichtsideen zurechtgelegt (siehe Mat. 1-11) und den Zeitpunkt nach dem schriftlichen Abitur gewählt in der Erwartung, etwas befreiter von Prüfungs- und Leistungszwängen arbeiten zu können. Auch hegte ich die Hoffnung, mit dem Roman stärker lebensweltliche Bezüge herstellen zu können, also - mehr als mit den bisherigen Pflichtlektüren - das gemeinsame Lesen von Literatur zu einem persönlichen Erlebnis werden zu lassen. Mit gewissen Abstrichen hat das auch geklappt - wie ich meine (imho). Hier der Aufbau der Unterrichtseinheit in fünf Phasen:

Phase 1: Einstieg und Erwartungshaltung

Phase 2: Inhaltssicherung
Die Sicherung des Romaninhaltes und die Erarbeitung eines ersten Werkverständnisses erfolgte in zwei Schritten:

Phase 3: Vertiefungen am Text

Nach zwei Wochen Lesezeit und gemeinsamen Leserunden musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ein nicht geringer Teil des Kurses den Roman immer noch nicht zu Ende gelesen hatte. Darüber entspann sich ein Gespräch im Kurs: Natürlich wurden auch die vielen Klausuren und ein nicht näher bestimmter Zeitmangel als Begründung angeführt, aufschlussreich und weiterführender waren jedoch die folgenden Gründe:
• der sprachliche Stil ist so anders als das, was man aus der privaten Lektüre gewohnt war.
• interessante Ereignisse/ merkwürdige Begebenheiten werden übergangen, nicht ausgestaltet, auch Dialoge sind nur bruchstückhaft/minimalistisch wiedergegeben
• die beiden Protagonisten bleiben dem Leser fremd, zumindest ist da eine gewisse Distanz, sie werden nicht lebendig oder anschaulich, auch nicht unbedingt sympathisch. Dies gilt zuallererst für den Ich-Erzähler, was zu erwarten war, aber wohl auch für die weibliche Person Agnes.
Fazit: Ein gewisser Sog, der von der Handlung und den Figuren ausgeht, ist zwar zu verspüren, aber schwer zu benennen und reicht auch nicht ganz, um den Leser ganz in den Bann zu ziehen. Es bleibt ein Rest Befremden oder Fremdheit übrig.

Andererseits: Kursteilnehmer finden in diesem Roman auch Stellen und Ereignisse, die ihnen einer Überlegung oder eines Nachdenkens wert sind. Auch sind die Problemlagen und Verhaltensweisen der Protagonisten vielen Schülern nicht fremd oder gleichgültig; diese Problemstellungen müssen aber herausgefiltert und auch ein wenig übersetzt werden

Meine Schlussfolgerungen für die weitere Unterrichtsplanung:

Daraus lassen sich zunächst folgende Untersuchungsaufträge/Projekte ableiten (genauer in Mat.5):

  1. Symmetrie und Asymmetrie (Kap. 8): Sind wir alle anders oder im Kern ähnlich? Sind Mann und Frau, er und sie, inkompatibel? Charakterisieren Sie die Protagonisten Ich-Erzähler und Agnes, zunächst jeden für sich, mit Verweis auf entsprechende Textstellen.
  2. Die Schwierigkeit eine Entscheidung zu treffen: Individuelle Freiheit oder Bindung und Gemeinsamkeit, wie stellt sich diese Problematik im Roman dar (hier ist auch Kapitel 7 von Interesse).
  3. Glück und Unglück der Single-Existenz: Untersuchen Sie die Lebensumstände der beiden Protagonisten: Ausgangspunkt: Ich kannte kaum jemanden in der Stadt. Niemanden, um genau zu sein.“ S. 15 - Ich bin kein sehr sozialer Mensch“, sagte sie. S. 20.
  4. Agnes‘ Sinnsuche: Wozu sind wir auf der Welt? Was bleibt von uns? Gehen Sie dieser Fragestellung nach, wo taucht sie in welcher Gestalt auf und wie stellt sich der Ich-Erzähler dazu?
  5. Sollen wir den Anderen nach unserer Vorstellung formen? Können wir ohne ein selbst gefertigtes Bild des Anderen auskommen? Ausgangspunkt: „In meinem Kopf war unsere Beziehung viel weiter gediehen als in Wirklichkeit.“ S. 17, siehe auch S. 49 usw.
  6. Die Geschichte in der Geschichte: Welche Bedeutung hat sie einerseits für Agnes und andererseits für den Ich-Erzähler. Was bewirkt sie?

  7. Erarbeiten Sie zu Ihrem Thema einen mediengestützten Kurzvortrag!

Phase 4: Ausweitungen - Schreiben

Das essayistische Schreiben ist eine neue Anforderung im Baden-Württembergischen Zentralabitur ab 2014. Auf der Basis eines Dossiers (Sammlung von Texten zu einem Themenfeld) sollen die Schüler eine Auseinandersetzung mit dem Thema leisten, die dem Charakter und den Regeln (!?) eines Essays gerecht wird: Ergebnis-offen, sprachlich kreativ und versiert sowie trotz allem argumentativ strukturiert! (siehe dazu Mat.6 / Mat.7). Der Roman wirft einige Fragen auf, die besser essayistisch angegangen werden, wie z.B. diese (Mat.6):

Dafür muss natürlich auch Material zur Verfügung gestellt werden (das "Dossier"), z.B.

Phase 5: Abrundungen, Leistungsmessung, Feedback

Dieses Feld überlasse ich den geneigten Lesern und erfahrenen DeutschlehrerInnen. Für Anregungen bin ich immer dankbar.

Zusätze
Und hier noch weitere Unterrichtsideen zum freien Gebrauch:

Klaus Dautel, 2011


Diese Materialien stehen unter einer Creative Commons Lizenz:
Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland
.

Creative Commons Lizenzvertrag

Ohne ein bisschen Werbung geht es nicht. Ich bitte um Nachsicht, falls diese nicht immer ganz themengerecht sein sollte.
Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss