Nimm zwei ! Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen & Friedliche Zeiten
- Das Prinzip "Nimm Zwei" (N2) will erreichen,
- dass das Lesespektrum der Lerngruppe insgesamt erweitert wird,
- dass die Autorin und ihr Werk umfänglicher kennen gelernt wird
- dass die Leser/innen miteinander über ihre Lektüren kommunizieren
- dass eventuell die Motivation für die Lektüre des jeweils anderen Textes steigt oder sogar für weitere Texte der Autorin.
Nach einer Kurzvorstellung der beiden Erzählungen durch die Lehrkraft (K.D.) hat sich der Kurs Deutsch 12 dahingehend entschieden, dass die männlichen Teilnehmer "Friedliche Zeiten“ lesen, die weiblichen Teilnehmerinnen "Das Muschelessen“.
Angeboten hat sich dieses Verfahren bei den genannten Texten der Vanderbeke sowohl durch deren vergleichbare und überschaubare Länge (130 Seiten), als auch durch den komplementären Bezug der beiden Erzählungen aufeinander:
- In Birgit Vanderbekes Erzählungen ME und FZ erinnert sich ein erwachsenes, weibliches Ich an ein einschneidendes Ereignis in ihrer Kindheit. Dabei versucht sie gleichzeitig die Perspektive des Kindes und die des rückblickenden Erwachsenen einzunehmen. Es liegt also ein multiperspektivisches Erzählen vor, die Schilderungen legen die kindliche Echtzeit-Perspektive nahe, die Reflexionen und Kommentare die Erwachsenen-Perspektive.
Im Zentrum der Erzählungen steht ein Elternteil, das jeweils dominante Elternteil, an dem sich sowohl Ehegatten als auch die Kinder abarbeiten. Früher oder später wird diesem dominanten Elternteil der Tod gewünscht. Das Familiengefüge, der äußere Schein wird aufgedeckt.
Zugleich wird mit der Familiengeschichte deutsche Nachkriegsgeschichte präsentiert: Die 60er Jahre, die DDR, der Kalte Krieg und wie diese Ereignisse die Eltern geformt - und das heißt hier: zu Tyrannen (ME) und/oder Neurotikern (FZ) gemacht - haben. Inwieweit die Kinder dies unbeschadet überstehen ist fraglich: Im ME ist das Ende völlig offen und eher positiv besetzt (korrespondierend mit dem Ende der DDR und dem Mauerfall 1990), in den FZ bleiben - so ist stark zu vermuten - psychische Schäden zurück.
- Gemeinsam ist also beiden Erzählungen,
• die überschaubare "Kammerspielszenerie“ (zit. n. Richard Wagner: Ich hatte ein bisschen Kraft über. Zum Werk von B.V., Fischer 2001, S. 114)
• eine Familiengeschichte , die deutlich in der deutschen Nachkriegs- und Aufbauphase angesiedelt ist,
• die Perspektive eines Kindes bzw. einer Jugendlichen
• beide Familien stammen aus dem Osten Deutschlands (DDR), haben eine Fluchterfahrung zu verarbeiten und mit einem Flüchtlingskomplex zu kämpfen.
- Diametral entgegengesetzt ist die Personenkonstellation:
• Im "Muschelessen“ rechnet die Familie mit dem abwesenden Vater ab und entlarvt diesen innerhalb weniger Stunden als Familien-Tyrann, was zuvor niemand offen auszudrücken gewagt hatte.
• In den "Friedlichen Zeiten“ wird ein Familienkrieg beschrieben, der vor allem von der neurotischen, suizid gefährdeten Mutter ausgeht. Hier stehen sich auf der einen Seite der Vater und die Kinder und auf der anderen Seite die Mutter gegenüber.
• Im "Muschelessen“ ist der Vater der Despot, in den "Friedlichen Zeiten“ ist die Mutter das Monstrum.
- Beide Erzählungen wurden im Abstand von 6 Jahren geschrieben: 1990 und 1996. Während jedoch die Kritik das "Muschelessen“ durchweg positiv beurteilt, so gilt "Friedliche Zeiten“ als weniger gelungen, da diese Erzählung weniger konzentriert um eine Ereignis und um eine Situation kreist. Sie ist von Ton her bitterer und in der Szenerie bizarrer. Dadurch mag sie im einzelnen mehr Episoden liefern, die den Leser belustigen, die Gesamtstimmung aber ist eher depressiv und die Lage der Protagonisten - insbesondere der Kinder - scheint aussichtslos: Sie befinden sich in einer Beziehungsfalle, aus der sie sich nicht - wie im Muschelessen - befreien werden.
- LERNZIELE:
Die Behandlung der beiden Erzählungen konzentrierte sich also auf folgende Ziele:
1. Die Schüler sollen eine aktuelle und produktive Gegenwartsautorin (weiblich!) kennen lernen.
2. Die Schüler sollen moderne Schreib- und Sprechweisen kennen und akzeptieren, eventuell sogar weiterschreiben lernen.
3. Die Schüler sollen den Zusammenhang von deutscher Nachkriegsgeschichte und seelischer Befindlichkeit verstehen lernen.
4. Die Schüler sollen in vielfacher Weise über Gelesenes kommunizieren, indem sie sich gegenseitig ihre Lese-Eindrücke und Analyse-Ergebnisse mitteilen.
Auf gattungstheoretische Fragestellungen (Erzählung, Novelle, Roman) wurde weitgehend verzichtet. Dies bietet sich eher an, wenn die Lektüre sich auf "Das Muschelessen“ beschränkt.
Klaus Dautel, 2006

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Dautels ZUM-Materialien: Google-Fuss